Kitabı oku: «Tanner»
Wenn der suspendierte Kommissar Simon Tanner sich etwas in den Kopf gesetzt hat, kann er ganz schön hartnäckig sein. Außerdem liebt er Shakespeare und ist den Frauen ganz und gar verfallen. Als er von Marokko ins romantische Grenzland zur französischen Schweiz zieht, dann nicht der Landschaft wegen: Er folgt der Spur eines ungewöhnlichen Verbrechens, den grausamen Morden an kleinen Mädchen. Doch Tanners Ankunft in der Provinz bleibt nicht unbemerkt, und er gerät in Gefahr, da seine Nachforschungen vielen nicht gefallen. Selbst der zwergenhafte Butler Honoré, beschäftigt bei den Finidoris, einer der reichsten alteingesessenen Familien der Gegend, kann ihn schließlich nicht mehr schützen … Ein grandioser Erstling, spannend bis zur letzten Seite und von bestechender Sinnlichkeit!

Urs Schaub, geboren 1951, arbeitete lange als Schauspiel-Regisseur und war Schauspiel-Direktor in Darmstadt und Bern. Als Dozent arbeitete er an Theaterhochschulen in Zürich, Berlin und Salzburg. 2003 bis 2008 leitete er das Theater- und Musikhaus Kaserne in Basel, 2006 bis 2010 war er Kritiker im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens. «Tanner» ist der erste von vier Kriminalromanen mit dem charismatischen Ermittler Simon Tanner. Urs Schaub lebt in Basel.
Foto Yvonne Böhler
EINS
Das Dorf, das keine Kirche hat, liegt östlich vom See.
Wer es mit dem Auto erreichen will, fährt westwärts aus der Hauptstadt über eine spärlich befahrene Autobahn, verlässt sie dreizehn Minuten später, bei der dritten Ausfahrt nach dem Tunnel, umfährt das historische Städtchen am See, von dem es heißt, man könne getrost sterben, nachdem man es gesehen hat. Oder er fährt mitten durch das Städtchen, wenn er es nicht zu eilig hat, holpert über das Kopfsteinpflaster der Hauptgasse, setzt dann, falls er sich trotz allem für die Fortsetzung seines elenden Lebens entschieden hat, seine Fahrt auf der alten Welschlandroute fort, auf der einst Napoleon fuhr, bis zu dem kleinen Weiler, dessen Name auf das Korn zurückgeht, das hier im Mittelalter gemahlen wurde, biegt beim Schloss nach links, auf eine kleine, geteerte Nebenstraße, lässt die alte Mühle mit ihren Gehöften hinter sich, überquert eine Brücke, die über die Autobahn führt, erblickt unweit von dieser Stelle einen anmutigen Friedhof, fährt an diesem vorbei und befindet sich kurz danach mitten im Dorf, das keine Kirche hat.
Es wird auch nie eine haben. Keine Kirche.
Tanner fährt seinen alten Ford zu einem Bauernhof, der auch schon bessere Tage gesehen hat. Das wäre dann der erste gemeinsame Punkt.
Es ist sehr still.
Nachdem es wochenlang geregnet hat, erscheinen die Felder, die sonst Getreide, Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben tragen, wie leer gewaschen. Nur der Raps lässt stellenweise sein scharfes Gelb erahnen.
Die Bäume strecken ihre Äste zum Himmel und ihre honigglänzenden Knospen sehen aus wie klebrige, zusammengeballte Kinderhände, die sich in stummer Klage gegen die noch unsichere Bläue des Himmels recken. Ein Himmel, der sich, ohne die dicken Wolken, die ihn die letzten Wochen und Monate verhüllt haben, noch seiner ungewohnten Nacktheit schämt.
Oder seiner Schuld.
Tanner bleibt sitzen und raucht einmal mehr seine letzte Zigarette. In dem Zimmer, das er in dem Bauernhof gemietet hat, sollte er wohl besser nicht rauchen. Kein Fernseher und kein Nikotin.
Mal sehen, was mir schwerer fällt, sagt er zu der kleinen Katze, die sich auf der warmen Motorhaube seines roten Ford niedergelassen hat. Ohne das geringste Geräusch ist sie auf das Auto gesprungen und liegt mit halb geschlossenen Augen da, als sei sie mit dem Metall verschmolzen.
Ist denn niemand da?, fragt er die Katze.
Jetzt blickt sie ihm in die Augen. Oder durch ihn hindurch? Möglicherweise sieht sie ihn wegen der Spiegelung der Frontscheibe gar nicht. Jedenfalls wartet er vergebens auf eine Antwort.
Das Fell der Katze ist rot mit weißen Flecken. Auch das Gesicht ist zweifarbig.
Die Grenzlinie verläuft schräg, quer über den Nasenrücken.
Genau diese Katze würde sie sich wünschen. Für einen Augenblick gestattet er sich, das schöne Gesicht von ihr zu sehen. Ein ebenmäßiges Gesicht.
Hör auf, Idiot.
Jetzt reagiert die Katze, obwohl sie ihn kaum hat hören können. Sie streckt sich und springt vom Auto hinunter. Elegant tänzelt sie um die vielen Regenpfützen und erreicht mit trockenen Pfötchen die verschlossene Haustür. Er öffnet die Autotür, nimmt einen letzten Zug von seiner Philip Morris und schnippt sie gezielt in die nächste Pfütze. Mit leisem Zisch erlischt die Glut. Die Katze schaut vorwurfsvoll.
Er bleibt sitzen und atmet die kühle Frühlingsluft.
Die Natur befindet sich in einer Art Stillstand. Alles scheint bereit zur Verwandlung. Noch ist es nicht so weit. Wer gibt das Zeichen? Wann?
Wird es für ihn, Tanner, auch ein Zeichen geben? Und welche Art von Verwandlung wird es sein? Stillstand ist Tod.
Einmal mehr befindet er sich auf der Flucht. Wovor? Wenn er das wüsste!
Das Dröhnen eines Traktors zerreißt die Stille. Ein grünes Ungetüm mit gläserner Fahrerkabine fährt vorüber. Er grüßt mit erhobenem Zeigefinger, obwohl er hinter dem Glas der Fahrerkabine nichts sehen kann. Die mächtigen Räder des Traktors durchpflügen das Wasser auf der Straße. Einige Spritzer landen auf dem Seitenfenster seines Autos. Die Katze bringt sich ängstlich hinter dem Geländer einer hölzernen Treppe in Deckung. Die Treppe führt in den ersten Stock.
Je größer der Traktor, desto dümmer …!
Er erinnert sich an die Reise mit seinem Kind nach Chioggia, wo die Fischer sich mit der Größe der Schiffsmotoren zu übertrumpfen suchen. Wie die weißen Fischerkähne stolz in die Lagune stechen, hohe Bugwellen vor sich aufwühlend, und die schweren Schiffsmotoren brünstig röhren.
Hochzeitstänze von schneeweißen Täuberichen.
Das muss ein reicher Bauer sein.
Sie leckt ungerührt die linke Pfote mit ihrer rosa Zunge.
Wenn du noch keinen Namen hast, werde ich dich Rosalind nennen. Und zwar nach der Shakespeare’schen Rosalind, mein Schätzchen.
Das Dröhnen des starken Motors verliert sich in den schattigen Eingeweiden des Dorfes. Er steigt aus seinem Auto aus. In der neuen Stille hört man Geräusche aus dem Stall. Eine Kuh erhebt sich schwer von ihrem Strohlager. Eine Kette rasselt. Kurz darauf ein Kratzen hinter der Haustür.
Erst jetzt bemerkt Tanner den gefalteten Zettel an der Haustür.
Beschrieben mit einem grünen Filzstift. Eindeutig eine Frauenschrift.
Lieber Herr Tanner, wir wussten die genaue Uhrzeit nicht, wann Sie ankommen würden. Wir sind bald zurück. Ihr Zimmer im ersten Stock ist parat. Den Schlüssel finden Sie oberhalb der Treppe, unter dem kleinen Teppich. Wir hoffen, Sie finden sich zurecht.
Unterschrieben mit Vorname und dem ersten Buchstaben des Familiennamens.
Den Vornamen wusste er nicht. Den Familiennamen kennt er natürlich von seinem Freund, der ihm das Zimmer vermittelt hat. Mit Familienanschluss. Wie er am Telefon verschmitzt kicherte.
Die Katze schlängelt sich unterdessen in Form einer lebenden Brezel zwischen seinen Beinen durch. Sie schmiegt sich katzbuckelnd an sein linkes Bein, den Schwanz hoch in die Luft, und schaut ihm durchdringend in die Augen.
Mach endlich die Tür auf!
Ja, ja, mein ungestümes Mädchen, lass mich doch erst mal sehen, wo ich da gelandet bin.
Nach der langen Fahrt ist er froh, an der frischen Luft zu sein und nicht mehr auf das endlos sich abspulende Band der Autobahn starren zu müssen.
Das Bauernhaus ist ein lang gestrecktes Haus, bestehend aus Wohnhaus mit zwei Stockwerken, zwei Ställen, die eine Scheune mit großen Toren flankieren. Darüber wölbt sich ein gewaltiges Dach. In das zweite Stockwerk des Wohnteiles führt eine hölzerne Außentreppe, deren Stufen von vielen Generationen ausgetreten sind.
An das eigentliche Bauernhaus, das eine architektonische Einheit bildet, schließt sich ein großes Eternitdach an, getragen von schlanken Holzbalken auf Betonsockeln. Dieser Anbau dient dem Unterstellen von Wagen, einem Jauchedruckfass und einem alten Traktor. An die alte Hauswand schmiegt sich ein großer Stapel Holz. Links von der neuen Halle sind zwei Garagen. Die eine ist fürs Auto. Sie ist leer. Die zwei Türen stehen offen. Der Boden der Garage ist voller Ölflecken, die in der tief stehenden Aprilsonne dunkel leuchten. In der anderen Garage steht ein großer Traktor mit Hebegabel. Die Garage ist zu klein. Das Hinterteil der Maschine steht im Freien.
Tanner durchquert die Einstellhalle und gelangt hinter das Haus. Weite Wiesen, eingezäunte Weiden, dann Wald. Sanft ansteigend in die anschließenden Hügel, scheinbar endlos. Hinter dem Haus liegt kreisrund ein Jauchetank aus Beton, etwa in der Größe von Artus’ Tafelrunde. Daran lagern aber keine Ritter, sondern einige Stapel Bauholz, bedeckt mit altem Wellblech.
Daneben duckt sich verschämt ein lang gestreckter Schweinestall, mit zwei kleinen Futtersilos an seiner Stirnseite.
Eine träge Stille liegt über diesem Ort. Als ob jemand vergessen hätte, das abgelaufene Uhrwerk wieder aufzuziehen. Schlafen die Schweine oder sind die Ställe leer? Er wagt nicht, die Tür zu öffnen. Nach dem Geruch zu schließen, sind sie da, oder erst seit kurzem weg. Wenn sie heute Morgen in den Schlachthof kamen, sind sie bereits in essbare und nicht essbare Einzelteile zerlegt. Die essbaren Teile werden abgepackt. Der Rest ausgekocht, gemahlen oder weggeworfen.
Ich esse kein Fleisch mehr, sonst würde ich mich auf der Stelle schuldig fühlen, bemerkt er zur Katze, die ihm gefolgt ist. Es interessiert sie nicht.
Gemeinsam biegen sie um die Ecke des Wohnhauses und stoßen auf einen Gemüsegarten, noch ganz in winterlicher Kargheit. Die meisten Beete sind leer. Nur eines ist mit großblättrigem Gemüse bewachsen.
Ist das Kohl?, fragt er die Katze.
Sie springt mit einem Satz über den kleinen Zaun aus Maschendraht und riecht an den Blättern. Sie niest und schüttelt ihren Kopf so heftig, dass ihr kleiner Körper ebenfalls mitgeschüttelt wird und sie hinfällt. Verwirrt springt sie hoch. Ein richtiger Raubtiersatz wird das und sie guckt sich misstrauisch um, wer sie denn wohl umgestoßen habe.
Ja, zum Straucheln braucht's doch nichts als Füße, zitiert Tanner leise Dorfrichter Adam und ruft die Katze zu sich.
Dann halt nicht, meine Rosalind.
Er geht zum Auto, öffnet den Kofferraum und betrachtet seine Taschen, Kisten und Schachteln. Er hat sich geschworen, nur das mitzunehmen, was im Auto Platz hat. Keine weiteren Transporte. Der ganze Rest seiner Bücher, Möbel, Geschirr und so weiter lagert, schön verpackt, in einem Möbellager. Was braucht der Mensch?
Vor allem: Was braucht Simon Tanner?
Er verscheucht jegliche Anwandlung philosophischer Art und verbietet sich strikt jede Melancholie. Kurz bevor das selbst verordnete Denkverbot offiziell in Kraft tritt, entwischt ein einzelner, stoßgebetartiger Gedanke der inneren Inquisition.
Ach, ich wüsste auf jeden Fall, wen ich zum Leben brauche!
Die Katze guckt.
Habe ich etwas gesagt?
Er fragt mit scheinheiliger Miene seine neue Freundin.
Hey, Rosalind, habe ich was gesagt? Hast du irgendetwas gehört? Sie schaut ihn gelangweilt an.
Na also, wozu dann die Aufregung?
Er schließt den Kofferraum. Zuerst will er sich das Zimmer anschauen, in dem er die nächsten Monate leben wird.
Das Zimmer ist klein. Vier mal vier Meter. Ein schmales Bett mit weißer Bettwäsche. Ein Tisch. Ein Stuhl. Ein Schrank mit Schiebetüren. Die Wände sind weiß. Ebenso die gestrichene Holzdecke. Das einzige Fenster blickt auf den Gemüsegarten, auf die dahinter liegenden Obstbäume und auf einen benachbarten Bauernhof. Es riecht gut in dem Zimmer. Eine blaue Vase mit einem kleinen Bund Osterglocken steht auf dem Tisch.
Ruth M. lässt grüßen.
Über dem Kopfende des Bettes befindet sich das einzige Bild im Zimmer. Eine vergilbte Farbfotografie. Aus einer Illustrierten ausgeschnitten. Das Foto zeigt eine kleine Baumgruppe um ein winziges, merkwürdig spitzes Rundhäuschen mit einer Holztür, aber ohne Fenster. Das Bild hat einen schlichten Holzrahmen aus Birnholz. Seine Großmutter besaß mehrere solche Rahmen, die nach ihrem Tod alle verschwunden waren. Neben dem Bild klebt eine zerdrückte Mücke. Allerdings ohne Rahmen.
Er hört ein leises Kratzen an der Tür. Er ignoriert es und legt sich probeweise aufs Bett. Es ist etwas kurz für seine Länge, aber schön hart.
Beim Aufstehen spürt er wieder diesen Druck im Bauch. Es ist kein Schmerz. Die Vorahnung von einem Schmerz. Es fühlt sich an wie ein noch rundes Ding, das da nicht hingehört und das seine scharfen Krallen nicht ausgestreckt hat. Noch nicht.
Tanner, geh endlich mal zum Arzt.
Er öffnet das Fenster und atmet die frische Landluft ein. Gott sei Dank! Kein Geruch vom Schweinestall.
Aus der Ferne schwillt das Geräusch eines Autos an. Auf der Basslinie der Motorengeräusche hört man dumpfe Technoschläge. Mit überhöhter Geschwindigkeit braust ein schwarzer Golf GTI über die regennasse Straße. Bauernsöhne auf dem Weg in die Disco. Schließlich ist es Freitagabend.
Er schließt das Fenster und überlegt sich, wie er die Möbel des Zimmers umräumen soll. Es ist wie ein Zwang. Um sich eine fremde Umgebung schneller anzueignen. Leider stellt er fest, dass alles perfekt an seinem Ort ist, und er verzichtet vorläufig aufs Möbelrücken. Er holt seine Sachen aus dem Auto. Die Katze wartet schon auf ihn. Allerdings ist sie keine große Hilfe. Sie inspiziert lieber schnuppernd seine Schachteln und Taschen.
Er packt einige notwendige Dinge aus. Die Kleider kommen achtlos in den Schrank. Einige seiner Lieblingsbücher legt er auf den Tisch.
Einmal Shakespeare. Zweimal Shakespeare. Dreimal Shakespeare.
Dann seine geliebte Doppelausgabe der Odyssee/Ilias und ein schmales Bändchen von Pascal, das sie ihm geschenkt hat und von dem sie schwärmt. Seine gähnend leeren Notizbücher und seine beiden Nikons.
Er holt die kleine, geschnitzte Kuh aus der Schachtel. Er nimmt sie überallhin mit. Ein Geschenk von einem Freund, der unbegreiflicherweise tot ist. Zwischen seinen Hemden liegt, in Seidenpapier eingewickelt, sein einziges Originalbild. Das Mädchen von Leonor Fini. Seit dreißig Jahren begleitet ihn dieses Bild. Genauso lange sucht er das lebendige Ebenbild. Eigentlich hat er es schon gefunden. Ein sehr selbständiges Ebenbild.
Dabei kommt ihm in den Sinn, dass er ihr versprochen hat anzurufen, wenn er wohlbehalten angekommen ist.
Er greift nach seinem Handy.
Als sich der Anrufbeantworter einschaltet, trennt er sofort die Verbindung.
Nur jetzt nicht ihre Stimme hören. Tanner beschließt, einen Abendspaziergang zu machen.
Abendspaziergang? Das passt perfekt zu seinem neuen Leben als Zimmerherr.
Lesen, spazieren, lange Briefe schreiben. Kein Fernseher! Kein Nikotin! Das kann ja heiter werden.
Er schließt die Tür hinter sich und steigt die Holztreppe hinunter.
Rosalind begleitet ihn auf Schritt und Tritt.
Aus seinem Auto holt er sich ein letztes Käsebrot aus seinem Reiseproviant.
Er weiß nicht, ob er sich das Dorf anschauen oder lieber in Richtung des kleinen Friedhofs gehen soll, an dem er vorbeigekommen ist. Morgen das Dorf und jetzt den Friedhof. Eine Kirche, die er besichtigen könnte, gibt es ja nicht.
Unterdessen hat der Wind deutlich aufgefrischt, und Tanner schlägt den Kragen seiner Jacke hoch und vergräbt seine Hände tief in den Hosentaschen.
Nach ungefähr fünfhundert Metern steht er an dem Tor zu dem wohl kleinsten Friedhof, den er je gesehen hat. Der Friedhof ist nahezu quadratisch. Neun auf zehn Meter. Er ist von einer brusthohen Mauer umgeben. Dicht an der Mauer, das Tor flankierend, stehen zwei mächtige Bäume und einige Sträucher mit zartem Grün.
Ein Feldweg führt am Friedhof vorbei, windet sich weit in die brachen Felder und Wiesen, die oberhalb des Dorfes liegen. Die Felder werden in Richtung See von der Autobahn begrenzt, welche die Landschaft kategorisch durchschneidet. Jenseits dieser dick gezogenen Linie kann man die Häuser vom nächsten Dorf sehen und weit in der Ferne ahnt man den See.
Das Tor des Friedhofes ist verrostet und lässt sich nur mit einiger Anstrengung öffnen. Das laute Quietschen des Tores erschreckt ihn und schuldbewusst blickt er sich um. Er kann aber niemanden sehen. Gleichmäßig sind die Grabstätten verteilt. Alles ist sorgfältig gepflegt.
In der linken Ecke gibt es zwei Kindergräber. Beide Gräber sind noch nicht alt. Genau wie er es erwartet hatte. Die Erde scheint, vor allem bei dem einen Grab, wie vor wenigen Wochen frisch aufgeworfen. Die Blumen sind verwelkt. Bei dem anderen Grab liegt das Begräbnis schon etwas länger zurück, aber auch da fehlt noch der endgültige Grabstein.
Der Anblick von Kindergräbern macht ihn beklommen. Wie immer.
Ein Eindringling, der nicht das Recht hat, an diesen Gräbern zu stehen.
Bevor Tanner auf den provisorischen Holzkreuzen die Namen lesen kann, hört er ein Geräusch hinter den hohen Bäumen und Sträuchern, die außerhalb der Friedhofsmauern stehen. Aufgeschreckt stolpert er in Richtung Tor, fällt auf seine Knie, flucht leise vor sich hin und hört ein wildes Schnauben. Als er sich wieder aufrichtet, steht vor ihm ein mächtiges, rabenschwarzes Pferd.
Es steht unbeweglich da. Als ob es schon zu Lebzeiten in Bronze gegossen wäre. Aus seinen Nüstern bläst dampfender Atem. Das Pferd ist gesattelt und gezäumt, aber ohne Reiter. Die Zügel hängen lose herunter.
Wie heißt das Pferd von Alexander dem Großen?
Das Pferd ist überrascht, das heißt wohl eher konsterniert über den energischen Gestus, mit dem ihm die Frage gestellt wurde, so dass es weiter in seiner antik wirkenden Haltung verharrt. Da beiden die Antwort nicht einfällt, greift Tanner, mehr aus Verlegenheit denn aus tierpflegerischer Ambition, nach den Zügeln des Pferdes und überlegt sich eine nächste Frage, die er dem Pferd stellen könnte. Zum Beispiel, wie es komme, dass es allein, ohne Reiter, aber gesattelt, durch die Gegend irre und einsame Friedhofsbesucher erschrecke?
Das heißt, er wollte gerade diese nächste Frage stellen, als ein Geländewagen mit kreischenden Rädern angebraust kommt, jäh abbremst, zwei Männer aus dem Wagen springen und auf Tanner zustürmen.
Das Pferd erschrickt, und noch bevor Tanner reagieren kann, bäumt es sich auf und reißt ihn, der, ohne es wirklich zu wollen, die Zügel mit der Hand umklammert, in die Höhe. Sobald das Pferd wieder steht, ist der Jüngere der beiden Männer, ein Schwarzer, der seine rote Wollmütze bis tief auf die Augenbrauen hinabgezogen hat, bei Tanner und entreißt ihm die Zügel. Unsanft wäre eine schamlose Untertreibung.
Der ältere Mann stapft vorbei und schreit Tanner ständig etwas zu, was er aber nicht versteht. Eigentlich hört er ihn nicht einmal. Alles, was er wahrnimmt, ist ein sich ständig aufreißender Mund, wie in Großaufnahme.
Schnell hat der Schwarze das Pferd gebändigt.
Hinter den Bäumen hört man ein weinendes Kind. Die beiden Männer schreien sich etwas zu, was Tanner aber auch nicht versteht. Der Schwarze schwingt sich kraftvoll auf das Pferd und stiebt im wilden Galopp davon.
Jetzt kommt der andere Mann, der in der Zwischenzeit hinter der Baumgruppe verschwunden war, wieder hervor und zerrt an seiner Hand ein rotblondes Mädchen energisch hinter sich her. Sie weint und hat Blut an ihrer Stirn. Sie trägt Jeans, rote Lederstiefel und eine flaschengrüne Reiterjacke, wattiert und abgeschabt. In ihrer Hand hält sie einen schwarzen Reiterhelm. Das Mädchen ist nicht so jung, wie Tanner auf Grund des Weinens dachte. Er schätzt sie, jetzt, wo er sie sieht, auf siebzehn Jahre.
Hat sie sich verletzt?, fragt er einfallslos. Man sieht ja, dass das Mädchen blutet, und nicht zu knapp.
Der Mann antwortet ihm nicht und marschiert grimmig an ihm vorbei. Auf seiner Stirn leuchtet eine Narbe. Sie sieht aus wie ein Halbmond. Darüber trägt er wilde Haare von einem erstaunlich kräftigen Weiß.
Das Mädchen guckt Tanner im Vorübergehen an. Ihre Lippen zittern, als ob sie etwas sagen möchte.
Wieder reißt sie ihr Vater, oder Großvater, an der Hand. Während sie stolpert, lächelt sie leicht. Vielleicht hat sie auch nur, wegen des Stolperns, den Mund verzogen.
Der Mann bugsiert das Mädchen in den Fond des Geländewagens, umschreitet den Wagen, ohne Tanner eines weiteren Wortes oder Blickes zu würdigen, wendet und braust in Richtung der Autobahnbrücke.
Vor der Kurve leuchtet nur eines seiner Bremslichter auf. Dann ist er verschwunden. Eine Weile hört man noch den jaulenden Dieselmotor.
Dann fällt der erste Regentropfen.
Tanner betrachtet den Himmel. Ohne dass er es vorhin bemerkt hätte, hat die Windstärke zugenommen. Der Himmel ist mit dunklen Wolken bedeckt. Jetzt regnet es, und kurz darauf gießt es aus allen Kübeln.
Tanner schließt pflichtbewusst das Tor zum Friedhof und rennt zum Bauernhaus. Tropfnass erreicht er das Haus und stellt sich atemlos unter das Vordach. Die Garagentür steht immer noch offen. Seine Vermieter sind noch nicht zurückgekehrt. Er schaut durch die Glasscheibe der Haustür und zuckt zusammen.
Er blickt direkt in zwei dunkle Hundeaugen, die ihn unbeweglich anschauen. Der große Hund hat sich auf seine Hinterbeine gestellt, die Vorderpfoten gegen die Tür gestemmt und seine Augen fixieren ihn. Tanner schaut so lange, bis der Hund unsicher wird und sich wieder auf den Boden fallen lässt. Oder hat er seine Augenprüfung bestanden?
Bevor er die Außentreppe hinaufsteigt, zieht er seine nassen Schuhe aus. Die Katze erwartet ihn vor der oberen Tür und Tanner bringt es nicht übers Herz, sie wegzujagen. Also kommt sie mit in sein Zimmer. Sie lässt sich völlig selbstverständlich auf dem Bett nieder.
Weißt du, wie das Pferd von Alexander dem Großen heißt?
Ich habe es nämlich gerade gesehen und konnte es leider nicht korrekt ansprechen. Aha, du weißt es also auch nicht. Weißt du wenigstens, wie das rotblonde Mädchen heißt, das vom Pferd gefallen ist?
Statt einer Antwort streckt sich das kleine Tier und versenkt seine Krallen ins weiße Kopfkissen.
Erneut versucht er sie telefonisch zu erreichen. Diesmal lauscht er andächtig ihrer Stimme auf dem Anrufbeantworter. Nach dem Piepston unterbricht er die Verbindung.
Die zweite Tür seines Zimmers führt in einen Korridor, von dem noch zwei weitere Türen abgehen, und da befinden sich auch eine Toilette, eine Dusche und ein Lavabo. Er putzt seine Zähne und zieht sich aus. Sanft, aber entschieden schiebt er die Katze vom Kissen und legt sich ins Bett.
Ich taufe dich jetzt offiziell auf den Namen Rosalind. Any objections, mylady?
Er löscht das Licht. Zur Antwort leckt die Katze seine Nase und schnurrt ein Schlaflied mit unzähligen Strophen.
Draußen fällt der Regen und Tanner hört die Schweine. Also sind sie noch nicht geschlachtet. Er denkt an den Witz mit den beiden Hühnern von der Hühnerfarm. Sie wispern heimlich.
Hast du auch gehört? Wir dürfen irgendwohin in die Ferien!
So? Wohin denn?
Irgendwas mit Wien und einem Wald!
Tanner schließt die Augen und sieht das Pferd. Wie heißt du bloß?
Sieht die Augen auf dem Bild von Leonor Fini. Wo bist du?
Das blutende Gesicht des Mädchens. Tut's noch weh?
Die Augen des Hundes. Träumst du?
Die frischen Gräber. Seid ihr im Himmel?
Einen leuchtenden Halbmond. Warum so wütend?
Sein letzter Gedanke ist, dass es fahrlässig ist, seine Dienstwaffe einfach so im Auto zu lassen! Morgen. Morgen …
ZWEI
Halte mich! Nimm meine Hand! Bitte halte mich!
Er rudert wild mit den Armen und verstrickt sich dabei immer mehr in den grünen Schlingpflanzen. Er hört seine Stimme gar nicht, obwohl er doch laut schreit. Plötzlich sieht er einen Schatten auf sich zuschweben. Hilfe, ein Haifisch! Es ist aber bloß ein schwarzes, rundes Ding, das, von der Strömung getrieben, an ihm vorüberschwebt. Wie eine rabenschwarze Qualle.
Das ist dein Reiterhelm! Der geht ja kaputt im Wasser!
Das lose Kinnleder schlängelt sich wie ein Aal dem Helm hinterher. Der Helm verschwindet aus seinem Gesichtsfeld, und er schwimmt panisch hinterher.
Jetzt überholt ihn von schräg hinten ein schmaler, länglicher Fisch. Wie elegant!
Nein! Es ist eine Reitpeitsche aus geflochtenem Leder. Sie zieht wie ein Pfeil in Zeitlupe seine Bahn. An ihm vorbei in die Tiefe der Dunkelheit.
Ich kann ja das Wasser atmen. Hallo! Schaut mal her! Ich kann das Wasser atmen! Wie ein Fisch!
Obwohl er schwimmt, wird es immer dunkler, und er fällt in die Tiefe. Unter seinen Füßen öffnet sich eine Falltür. Grelles Licht blendet ihn unvermittelt.
Vor Schreck wacht Tanner auf. Durch das Fenster sticht ein flacher Sonnenstrahl und bildet über seinem Bett in leicht verschobener Form ein buntes Fenster ab. In zartrosa Farben. Rosenfing-rig. So wird dieses Licht in dem Buch genannt, das auf seinem Tisch liegt.
Er schüttelt ungläubig seinen Kopf. Er weiß nicht, wo er ist. Schweißgebadet, das Bett zerwühlt. Auf dem Tisch steht eine kleine Kuh, die ihn neugierig anschaut.
Ach so! Ich bin in meinem neuen Zimmer!
Er wundert sich, dass die Katze nicht mehr im Zimmer ist. Das Fenster ist geschlossen und beide Türen auch. Wahrscheinlich hat sich die Katze beim ersten Sonnenstrahl in ein jungfräuliches Mädchen verwandelt und ist einfach aus dem Zimmer geschlichen. Leise, um den fremden Mann nicht zu wecken.
So, Tanner, nun komm mal in die Wirklichkeit zurück, das ist ja lächerlich.
Er steht auf und öffnet das Fenster. Eine frische Morgenbrise bläst ihm ins verschlafene Gesicht und die Sonne blendet seine Augen. Er schließt sie.
Wen habe ich denn da gerufen in meiner Not?
Und wie wenn man in einem Bilderbuch blättert, kommen ihm einzelne Stationen seines Traumes in den Sinn. Er befand sich, ohne sich einer Vorgeschichte entsinnen zu können, auf einem Schlitten. Hinter ihm saß eine ihm unbekannte Frau und umschlang zärtlich, aber kraftvoll seinen Oberkörper. In ihrer Hand hielt sie eine Reitpeitsche. Auf welchem Belag sie Schlitten fuhren, wusste er nicht. Es war auf jeden Fall kein Schnee. Eher Eis. Aber entweder berührten die Kufen des Schlittens das Eis nicht, oder das Eis sah nur aus wie Eis und war in Wahrheit etwas ganz Weiches und Sanftes. Sie froren nicht und die Fahrt wurde immer schneller und schneller. Die Frau hinter ihm rief immer wieder denselben Satz. Wie ein Refrain.
Higher, higher to the sky!
Als Kind bekam Tanner beim Überschreiten einer gewissen Geschwindigkeit immer Angst. In seinem Traum hatte er keine Angst. Er fühlte sich glücklich und behütet. Es war ein Glücksgefühl, so stark, wie er es im wirklichen Leben nur ausnahmsweise erlebt hatte, und wenn, nur in homöopathisch verdünnter Dosis. Unvermittelt landeten sie im Wasser und die ihn so wohlig beschützenden Arme lösten sich. Dann kam die Panik.
Jetzt kommt ihm in den Sinn, dass er, kurz vor dem Traum, oder war es während des Traumes, einen aufheulenden Motor gehört hat. Und quietschende Reifen beim Bremsen oder bei einem rasanten Start. Kavalierstart nannte man das früher. Tanner hält sein Gesicht unter das kalte Wasser und beschließt, sich vorläufig nicht mehr zu rasieren. Auf dem Display seines Telefons sieht er, dass es eben acht Uhr ist. Eine Uhr trägt er schon lange nicht mehr. Obwohl er zwei besitzt. Er kleidet sich an und ist bereit, sich seinen Vermietern zu stellen. Sie hören sicher seine Schritte. Spätestens wenn er die Außentreppe hinuntersteigt.
Er öffnet die Haustür und blickt in einen dunklen, engen Korridor. Ein wenig Licht fällt durch eine Glastür, die sich ganz am Ende des Ganges, an der linken Längsseite, befindet. Vorne links ein Holzgestell mit Schuhen und Stiefeln, dann eine Waschmaschine, darüber eine Garderobe, die hoffnungslos überfüllt ist. Mit Mänteln, Jacken und Arbeitskleidung. Weiße Wandschränke schließen sich an, die den schmalen Gang noch enger werden lassen. Am Boden liegt ein großer, wolfsähnlicher Hund mit braunschmutzigem Fell und einem fast schwarzen Kopf. Beim Öffnen der Tür hebt er seinen Kopf und schaut Tanner ruhig an. Unbeweglich.
Guten Tag! Wir haben uns ja gestern schon durch die Scheibe der Haustür in die Augen gesehen.
Tanner spricht sehr leise.
Als ob er zufällig das richtige Passwort gefunden hätte, schnüffelt der Hund einen geradezu andächtigen Moment lang in seine Richtung und legt dann die große Schnauze wieder auf seine mächtigen Pfoten.
Er schließt daraus, dass er eintreten darf.
Du bist aber ein schöner Hund! Schöner Hund.
Aus der ersten Tür rechts hört er jetzt Küchengeräusche und die Stimme eines Nachrichtensprechers. Auch riecht er den unwiderstehlichen Duft von Gebratenem. Sofort meldet sich bei ihm ein bohrendes Hungergefühl. Er hat ja gestern nur noch ein Käsebrot gegessen. Tanner klopft. Die Geräusche brechen abrupt ab und einen Moment später verstummt auch der Nachrichtensprecher mitten in seinem Satz. Er öffnet entschlossen die Tür.
Das Erste, was er sieht, ist der Kochherd. Genauer gesagt, er blickt in eine Eisenbratpfanne, in der eine goldbraune Röschti brutzelt. An einem großen Esstisch, der links vor dem Fenster zum Gemüsegarten steht, sitzt ein Mann mit krausem, dunkelblondem Haar. Gerade wollte er eine Gabel voll Röschti in den Mund schieben. Eine Bewegung, die er aber wegen Tanners Eintreten eingefroren hat. Rechts am Spültrog, über dem sich ein zweites Fenster auf die Straße hinaus befindet, steht Ruth M. Dunkelblond und kräftig. Sie hält einen Strauß Osterglocken in ihrer Hand.
Guten Tag, ich bin Simon Tanner. Ihr neuer Zimmerherr.
Eigentlich wollte er nur seinen Namen sagen. Zimmerherr? Wie ein Findling steht das Wort in der Küche.
Da beide weiterhin bewegungslos verharren, ihn dabei aber freundlich anschauen, spricht er weiter.
Ich hoffe, dass es in Ordnung ist, dass ich in Ihrer Abwesenheit das Zimmer bezogen habe. Es gefällt mir sehr gut. Und vielen Dank für die Blumen.
Der Mann bewegt sich jetzt als Erster, legt seine Ladung Röschti ungegessen zurück auf den Teller, erhebt sich und streckt ihm seine Hand entgegen.
Guten Tag. Herzlich willkommen. Ich bin der Karl.
Tanner drückt seine Hand und erschrickt nicht über den kräftigen Händedruck. Den hat er angesichts der Statur erwartet. Tanner erschrickt über die Rauheit seiner Hand. Wie die Rinde einer Eiche.
Ohne sich gegen diesen Gedanken zur Wehr setzen zu können, fragt er sich, wie diese Hand sich wohl anfühlt für seine Frau, wenn er sie berührt beim Sex?
Um ihm nicht mehr in seine klaren Augen schauen zu müssen, wendet er sich der Frau zu, die sich ihrerseits abwendet, um die Blumen abzulegen und ihre nassen Hände abzutrocknen. Dann gibt sie ihm ihre Hand, die angenehm weich und vom kalten Wasser schön kühl ist.
Machen Sie sich darüber keine Gedanken, bitte!
Sie sagt es mit dunkler Stimme.
Wie bitte? Siedend heiß wird es Tanner. Kann sie Gedanken lesen?
Ja, ich meine, darüber brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen. Wegen dem Zimmer. Ich habe Ihnen ja geschrieben, Sie sollen sich wie zu Hause fühlen. Sie lacht.
Herzlich willkommen. Ich heiße Ruth. Mögen Sie Kartoffeln zum Frühstück? Nehmen Sie bitte hier Platz, wenn es Ihnen recht ist. Wollen Sie Tee oder Kaffee zum Frühstück? Wir essen immer um acht Uhr. Aber Sie können auch später essen, wenn es Ihnen lieber ist. Hatten Sie gestern eine gute Fahrt? Es ist übrigens erstaunlich, dass der Hund nicht gebellt hat, als Sie eben hereingekommen sind. Sie lacht immer noch.
Tanner beantwortet die Fragen ungefähr in der gestellten Reihenfolge und setzt sich Karl Marrer gegenüber, bekommt Kaffee eingeschenkt und einen Teller voller himmlisch duftender Röschti.
Ruth Marrer setzt sich nicht an den Tisch, sondern hantiert in seinem Rücken weiter mit ihren Blumen. Tanner weiß nicht, ob er essen soll, solange sie sich nicht auch hinsetzt.
Greifen Sie kräftig zu!
Freundlich ermunternd löst Karl das Dilemma und sie essen schweigend.
Tanner spürt in seinem Rücken eine unbestimmte Unruhe. Plötzlich weiß er, dass ein stummer Dialog über seinen Kopf hinweg stattfindet. Allerdings mehr von Ruth zu Karl. Er ist ja ungedeckt Tanners Beobachtung ausgesetzt. Wahrscheinlich signalisiert sie ihm ihren ersten Eindruck über ihn. Negativ oder positiv?
Wollen Sie nicht auch essen, Ruth?
Er will damit den stummen Dialog unterbrechen und testen, wie das klingt, wenn er einfach Ruth sagt. Mit den Vornamen haben sich ja beide vorgestellt, bei gleichzeitigem Sie.
Ich will nur noch die Blumen schneiden und in die Vase stellen, gibt sie lachend zurück.
Karl legt seine Gabel auf den leeren Teller und räuspert sich umständlich.
Es tut mir Leid, äh … Ihnen gleich etwas, äh … sagen zu müssen. Er macht eine verlegene Pause. Tanner schaut ihn fragend an. Er spürt, wie Ruth in seinem Rücken den Atem anhält.
Ihr roter Ford, also … wie soll ich es sagen, wissen Sie … also kurz gesagt … alle vier Pneus sind heute Nacht zerstochen worden. Es ist eine Sauerei!
Die Fortsetzung übernimmt Ruth.
Wissen Sie, so etwas ist hier noch nie passiert. Wir haben schon alle Nachbarn gefragt, ob sie etwas bemerkt haben. Aber niemand weiß etwas. So haben wir heute früh die Autowerkstatt im nächsten Dorf benachrichtigt. Die schicken im Laufe des Morgens einen Mechaniker vorbei, der das in Ordnung bringt. Ich hoffe, es ist Ihnen recht, dass wir so gehandelt haben.
Ruth blüht richtig auf. Nicht weil sie froh ist, dass die Pneus von seinem Auto zerstochen sind, sondern offensichtlich über die Tatsache, dass die Sauerei ausgesprochen ist.
Dies war also der Dialog hinter seinem Rücken. Sie wollte unbedingt, dass es sofort zur Sprache kommt, Karl wollte vielleicht warten, bis Tanner gefrühstückt hat.
Vielleicht hat er von den quietschenden Reifen heute Nacht doch nicht geträumt.
Hat hier im Dorf jemand einen schwarzen Golf GTI?
Tanner stellt die Frage so sachlich wie möglich.
Die beiden gucken ganz verdattert ob seiner konkreten Frage. Ruth überlässt es Karl, die nicht sehr überzeugende Antwort zu geben.
Nein, äh … nicht dass ich wüsste. Kennst du jemanden, Ruth?
Bevor sie antworten kann, knurrt der große Hund im Korridor. Draußen fährt ein Wagen vor.
Das ging aber schnell!
Tanner versteht nicht. Ruth merkt es.
Der Automechaniker!
Sie blickt durch das Fenster über der Spüle. Sie zögert.
Es sei nicht von der Autowerkstatt. Es sei der Portugies' vom Mondhof. Karl solle rausgehen und fragen, was er wolle.
Karl erhebt sich, verdreht dabei die Augen und fordert Tanner auf, doch ruhig weiterzuessen, bevor die Kartoffeln kalt werden.
Tanner überlegt, ob er bei der Gelegenheit auch aufstehen soll, um den Schaden am Auto zu begutachten. Aber erstens weiß er, wie vier zerstochene Reifen aussehen, es ist ihm vor drei Jahren in Marokko passiert, und zweitens kann er auch zuerst fertig essen und sich das Auto nachher in aller Ruhe anschauen.
Draußen bellt kurz der Hund. Danach ist wieder Ruhe.
Seltsam, dass weder Karl noch Ruth gefragt haben, warum er sich nach einem schwarzen Golf GTI erkundigt hat?
Und außerdem wäre es doch nahe liegend gewesen, auch die Polizei zu benachrichtigen, obwohl Tanner keine besondere Lust hat, gleich am ersten Tag mit der hiesigen Polizei in Berührung zu kommen. Na ja! Eins nach dem anderen!
Wie meinen Sie, fragt Ruth und dreht sich einen Moment vom Fenster weg.
So ein gutes Frühstück habe ich noch nie gegessen, daran könnte ich mich glatt gewöhnen.
Bevor Ruth auf sein Kompliment antworten kann, fährt draußen das Auto weg und sie hören, dass Karl zurückkommt.
Karl setzt sich schwer und schaut Tanner prüfend an.
Kennen Sie die Finidori vom Mondhof, Simon?
Ich kenne gar niemanden in dieser Gegend, außer unserem gemeinsamen Bekannten, der mir freundlicherweise das Zimmer vermittelt hat. Und der wohnt ja auch nicht mehr hier, antwortet er wahrheitsgetreu.
Obwohl? Er weiß, dass er diesem Namen schon mal irgendwo begegnet ist. Der Name ist ziemlich ungewöhnlich, aber Tanner kommt nicht dahinter, wo er ihn gehört hat. Das behält er aber für sich und schaut Karl fragend an.
Ja also, äh … es ist so, und ich verstehe es auch nicht, also kurz gesagt, die Madame Finidori fragt höflich an, ob Sie heute Nachmittag um fünf Uhr zum Tee zu ihr kommen könnten. Auf den Mondhof. Sie hat den Portugiesen geschickt mit der Einladung.
Die letzte Bemerkung ist mehr an Ruth adressiert denn an Tanner.
Die Alte Oder …? Ruth fragt mit auffallender Heftigkeit.
Karl zuckt mit den Schultern.
Ja also, äh … das müssen Sie halt selber entscheiden, äh … ob Sie da hingehen wollen, Simon. Sie entschuldigen mich. Die Arbeit ruft. Wegen dem Auto machen Sie sich keine Sorgen, das bringen wir in Ordnung. Der Thévoz ist mir sowieso noch was schuldig vom Holz dieses Winters. Aber es tut uns Leid wegen den Umständen.
Karl lächelt Tanner entschuldigend zu und geht nach draußen. Ruth lächelt auch.
Ich muss ins Städtchen einkaufen gehen, wenn Sie etwas brauchen, sagen Sie es bitte, es macht mir keine Umstände. Haben Sie genug gefrühstückt?
Tanner bedankt sich, ebenfalls lächelnd, und sagt, dass er nichts brauche.
Mittagessen ist um halb eins!
Von uns war noch nie jemand auf dem Mondhof eingeladen!
Bevor er sie fragen kann, wer denn die Finidori sind, verschwindet Ruth durch die Tür, die von der Küche in ein weiteres Zimmer führt, wahrscheinlich in das Wohnzimmer, oder wie es hier heißt, in die Stube. Wo das Telefon klingelt.
Einige Fragen hätte Tanner schon, vor allem auch wegen des vielsagenden Lächelns bei ihrer letzten Bemerkung.
Und er hätte Ruth auch noch beibringen müssen, dass er kein Fleisch isst. Und das auf einem Schweizer Bauernhof …
Er hört Ruth leise telefonieren, versteht aber kein Wort. Er trinkt seinen Kaffee aus und beschließt jetzt, seinen Morgenspaziergang in das Dorf zu machen. Abends der Friedhof, morgens das Dorf.
Er geht kurz in sein Zimmer, zieht einen Pullover an, denn es ist trotz des Sonnenscheins noch kühl. Er entscheidet sich für seine alte Nikon mit dem guten Objektiv. Er stopft noch ein kleines Wachstuchheft in seine Jackentasche.
Gerade als er die Treppe wieder runterkommt, schließt Karl die vordere Stalltür.
Heute Abend kriegen wir Zuwachs!
Tanner setzt eine verständnislose Miene auf und Karl lacht.
Meine schöne Laura kalbt heute Nacht. Sie kriegt ein Junges. Ich hoffe, ein Mädchen. Die Muni sind ja doch nur für den Metzger. Verstehen Sie mich, Simon?
Ja, Simon versteht. Auch Simon mag Mädchen lieber.
Viel Glück denn! Auf die Mädchen!
Karl steigt auf seinen Traktor und fährt mit elegantem Schwung davon.
Beim Stichwort Metzger hätte er doch ganz bequem das Thema Fleischessen anschneiden können. Nichts wäre einfacher gewesen! Ungenutzte Gelegenheit Nummer tausendunddrei, gratuliere Tanner!
Wo ist eigentlich meine neue Freundin? Immerhin haben wir unsere erste Nacht zusammen verbracht.
Und jetzt gehst du nicht ins Dorf, Tanner, sondern du guckst dir jetzt erst mal dein Auto an und anschließend gehst du noch mal beim Friedhof vorbei, denn da bist du gestern unterbrochen worden.
Er wollte ja gestern gerade die Namen und die Geburts- und Todesdaten der beiden Kinder überprüfen, als er durch ein gewisses einzelnes Pferd unterbrochen wurde.
Sein dunkelroter Ford sieht genauso aus, wie ein Auto aussieht, wenn alle vier Reifen zerstochen sind. Irgendwie beschissen. Keine Eleganz mehr. Bei jedem Reifen eine einzige, klare Einstichstelle.
Da hatte jemand ein sehr scharfes und ein sehr großes Messer zur Hand. Und vor allem weiß dieser Jemand damit umzugehen. Das waren keine übermütigen Nachtbuben, die, unbefriedigt von der Disco, unbedingt noch einen Spaß haben mussten. Die Einstiche unterscheiden sich jedoch in einem Punkt. Sie sind nicht alle vier gleich breit. Das heißt, dass der Täter das Messer nicht jedes Mal gleich tief in den Reifen gestoßen hat. Die meisten Messer verbreitern sich in der Regel zum Heft hin. Vielleicht hat beim dritten Stoß die Kraft, oder die Wut, nachgelassen. Beim vierten Einstich war er offensichtlich schon zufrieden, als die Luft rauszischte.
In den Mänteln der Reifen sind sehr stabile metallische und textile Gewebe eingearbeitet. Viermal hintereinander das Messer bis zum Heft in einen Pneu zu wuchten, das braucht schon sehr viel Kraft …
Der Täter hat rund um das Auto mögliche Fußspuren verwischt. Das ist ganz deutlich zu sehen. Auch das pflegen besoffene oder übermütige Nachtbuben nicht zu tun.
Unweit des Autos findet Tanner einen Fichtenzweig, der sicher gute Dienste geleistet hat. Neben dem linken Hinterrad entdeckt er eine nur zur Hälfte verwischte Spur. Man sieht noch deutlich die vordere Hälfte einer kräftigen Profilsohle. Die Profillinien verlaufen im Zickzack quer zur Schuhsohle. Da die Tat nachts begangen wurde, hat der Täter diese Spur übersehen.
Er muss irgendwie diesen Abdruck konservieren, um ihn später abgießen zu können. Denn bald kommt wahrscheinlich der Automechaniker, danach ist die Spur verloren.
Tanner geht in die Scheune und findet eine rostige Schaufel mit abgebrochenem Stiel, die achtlos in einer Ecke lehnt. Mit dieser flachen Schaufel kann er so viel Erde mit der Fußspur zusammen weggraben, dass der Abdruck der Schuhsohle unberührt bleibt. In der neuen Einstellhalle findet er beim Holzstoß an der alten Wand einen sicheren Platz.
Um diese Spur wird er sich später kümmern, falls es notwendig sein wird. Im Städtchen gibt es sicher ein Malergeschäft, wo man ein Kilo Gips kaufen kann. Aber deswegen wird er heute nicht auf das Angebot von Ruth zurückkommen, dass sie ihm etwas besorgen könne. Er möchte den Fund vorläufig für sich behalten.
Sonst findet er keine weiteren Anhaltspunkte. Keine abgebrochene Messerspitze. Vielleicht hat der Täter am Auto Fingerabdrücke hinterlassen, aber wie viele Menschen haben das Auto in letzter Zeit angefasst? Und Tanner hat vergessen, wann er das Auto das letzte Mal gewaschen hat.
Am Brunnen wäscht er sich die Hände und reibt den Dreck von den Hosen.
Er hat gehofft, dass Ruth aus dem Haus kommt. Sie wollte ja einkaufen gehen. Gerne hätte er sie über Madame Finidori ausgefragt, aber das Telefongespräch dauert wohl etwas länger.
Er nimmt seinen Fotoapparat und macht ein paar Aufnahmen von den Rädern. Dann wandert er erneut zum Friedhof.
Unterwegs wird er von einem langsam fahrenden Traktor überholt. Auf dem kleinen Anhänger sitzt eine Frau mit Kopftuch und düsterem Gesichtsausdruck. Sie sammelt während der langsamen Fahrt die orangefarbenen Wegmarkierungsstangen ein. Der Winter ist vorbei, auch wenn es noch kühl ist. Er grüßt beide, den Fahrer und die Frau, wird aber nur angestarrt. Sie tragen beide ein schwarzes Band am Oberarm. Diese Art, Trauer zu tragen, kennt er bislang nur aus südlichen Ländern.
Wieder steht Tanner vor dem rostigen Friedhofstor. Er öffnet es vorsichtig und heute gelingt es ihm ohne Quietschen.
Irgendetwas hat sich verändert.
Auch wenn er nicht begreift, was es ist, spürt er die Veränderung. Er geht ein paar Schritte weiter. Irgendetwas ist seit gestern verschoben, oder anders angeordnet. Er erinnert sich an die Bilderrätsel, die er als Kind so geliebt hat. Finde fünfundzwanzig Unterschiede!
Jetzt weiß er es. An der hinteren Mauer steht, halb versteckt hinter einem Buchsbaum, eine nagelneue Gießkanne aus leuchtend gelbem Kunststoff. Tanner ist sich sicher, dass die gestern noch nicht da war. Zwar steht auf jedem Friedhof, den er besucht, irgendwo eine gelbe Plastikgießkanne herum. Aber jetzt ist er sich ganz sicher, dass die gestern noch nicht da war. Das leuchtende Gelb bringt die ganze Komposition des Friedhofs durcheinander. Und auf dem frischeren Grab sind die verwelkten Blumen weggenommen und durch verschiedene grüne Pflanzen ersetzt worden. Und mit Wasser begossen.
Auf dem ersten Kreuz, am etwas älteren Grab, steht Vivian Steinegger. Geburts- und Todesdatum. Auch auf dem zweiten Kreuz steht der Name eines Mädchens. Anna Lisa Marrer. Geburts- und Todesdatum.
Ein sechsjähriges Mädchen und ein knapp fünfjähriges Mädchen.
Vivian ist vor zwei Jahren, Anna Lisa vor knapp einem Jahr ermordet worden.
Und eines heißt Marrer, wie seine Vermieter.
Aber das hätte ihm sein Freund doch erzählt, wenn seine Marrer erst kürzlich eine Tochter verloren hätten. Und dann noch unter diesen grauenvollen Umständen. Nein, das kann nicht sein!
Er wendet sich fröstelnd ab und betrachtet erneut die Gießkanne. Das Preisschild klebt noch zur Hälfte an dem Griff. Er hebt die Gießkanne hoch und sieht, dass der Besitzer auf den Boden mit grünem Filzstift, in großen Buchstaben geschrieben hat. Marrer.
Viele haben zu Hause einen grünen Filzstift. Dass der Begrüßungszettel gestern Abend auch mit einem grünen Filzstift geschrieben war, lässt er als Indiz, dass Anna Lisa doch die Tochter von seinen Marrers war, nicht gelten. Es kann nicht sein, sonst wären diese Leute doch in einem ganz anderen Zustand.
Da verlässt sich Tanner definitiv auf seine Menschenerfahrung. Er hat zu viele Mütter und Väter erlebt, die ihre Kinder zu Grabe getragen haben.
Fünf Pflanzen sind angepflanzt auf dem Grab. Ob das ein Zufall ist? Eine Pflanze für jedes Jahr, das Anna Lisa leben durfte.
Ein Kuckuck ruft.
Er muss direkt auf einem der Bäume neben dem Friedhof sitzen. Da die Bäume erst ganz winzige Blätter haben, müsste man doch den Vogel sehen. Aber in dem heillosen Durcheinander der Äste hoch über seinem Kopf kann er ihn nicht ausmachen. Tanner starrt in die Höhe, bis sein Nacken wehtut. Er hört ihn ganz nahe, kann ihn aber nicht sehen.
Das gibt's doch nicht. Wo bist du denn, du Vogel, du. Zeig dich!
Tanner geht aus dem Friedhof hinaus, die Baumkrone immer schön fixierend, bis er einmal ganz um den Baum herumgegangen ist. Er lässt seinen Kopf enttäuscht nach vorne fallen, denn der Nacken schmerzt.
Im Gras, direkt vor seiner Nase, liegt eine vom Regen nasse Reitpeitsche. In diesem Moment rauscht es über seinem Kopf. Ein wahrhaft metaphysisches Rauschen und er weiß, das ist der Kuckuck. Jetzt könnte er ihn sehen! Aber er kann seinen Blick nicht von der Reitpeitsche lösen, als ob sie verschwinden würde, wenn er wegschaut. Er geht in die Knie und betrachtet die Peitsche von allen Seiten, ohne sie anzufassen. Die Peitsche ist insgesamt etwa sechzig Zentimeter lang, hat einen schwarzen Griff mit einem Knauf und geht dann über in ein helles, geflochtenes Leder. Ziemlich neu und ziemlich teuer.
Er nimmt die Peitsche in die Hand. Da ist natürlich kein Preisschild dran. Aber auf dem Knauf ist ein Metallplättchen eingelassen und auf dem Metallplättchen befindet sich ein eingravierter Buchstabe.
Er steht auf und ruft in Richtung des weggeflogenen Kuckucks.
Danke! Ohne dich hätte ich diese Peitsche nie gefunden.
Ohne Zweifel gehört diese Peitsche dem Mädchen, das gestern vom Pferd gefallen ist. Wer so einen Helm trägt, hat auch so eine Peitsche.
Unweit der Stelle, wo die Peitsche lag, ist ein Fleck mit niedergetrampeltem Gras.
Hier ist das Mädchen vom Pferd gefallen, murmelt er leise und beginnt, die Stelle zu untersuchen. Es gibt einige Blätter mit braunen Flecken. Das könnte ihr Blut sein. Er riecht daran und reibt einige Flecken zwischen seinen Fingern.
Er ist sich nicht sicher. Aber dass die Halskette mit dem kleinen goldenen Medaillon, die er jetzt zwischen den Grasnarben findet, auch dem Mädchen gehört, da ist er sich sofort sicher. Auf der Rückseite des Medaillons ist zwar nicht der gleiche Buchstabe wie bei der Reitpeitsche eingraviert, aber trotzdem. Tanner versucht das Medaillon zu öffnen, aber es bleibt verschlossen. Er sucht in seiner Jackentasche, aber er hat kein Messer dabei.
Er sucht noch eine gute halbe Stunde das ganze Umfeld systematisch ab, kann aber nichts mehr finden. Nur viele Hufspuren von dem großen Pferd.
Vom Friedhof aus, der auf einer leichten Kuppe liegt, sieht man die Autobahn, die noch ziemlich neu sein muss. Je nachdem, wie der Wind dreht, kann man die Autos sicher bis hierher hören. Heute nicht. Geräuschlos ziehen die Autos und Lastwagen ihre Bahn. Über der Autobahn kreist gelassen ein großer Vogel.
Hinter der Autobahn steigt das Gelände wieder sanft an. Man sieht vier Bäume nebeneinander stehen. Gegen den hellen Horizont geben ihre noch blätterlosen Baumkronen eine scharfe Silhouette ab.
Unwillkürlich muss er an eine Kinderzeichnung denken.
Die Bäume sehen aus wie Vater, Mutter, ein Junge. Und ein Mädchen. Alle geben sich die Hand. Nur das Mädchen steht etwas abseits, und seine Baumkrone wächst, als wäre es erschreckt worden, von seinen Eltern weg.
Rechts von der Baumgruppe erkennt man die Dächer eines Bauernhofes und ein hohes Silo, über dem eine zerrissene Fahne flattert. Da man nur die Dächer sieht, spürt man das sanfte Abfallen der Landschaft zum See hin.
Auf der geteerten Straße, die an dem Friedhof vorbei ins Dorf führt, fährt ein heller Opel Kombi vorüber. Eine Hand winkt ihm aus dem offenen Fenster zu. Tanner winkt etwas unsicher zurück. Ob das Ruth ist, die vom Einkaufen zurückkommt? Bei der Fahrt ins Städtchen hat er sie nicht bemerkt. Vielleicht gibt's noch eine andere Straße?
Ob er ihnen beim Mittagessen von seiner gestrigen Begegnung erzählen soll? Sie wüssten bestimmt, wer das war. Denn immerhin möchte er ja die Peitsche und das Medaillon nicht einfach behalten.
Tanner, sagt er lachend zu sich selber, du willst doch einfach dieses Mädchen wiedersehen.
Sein besseres Ich sagt vor seinem inneren Hohen Tribunal tapfer etwas von Bürgerpflicht und wertvollen Gegenständen, die man doch nicht einfach behalten kann …
Ach, lass es, Tanner. Und damit basta!
Er schaut auf sein Telefon und sieht, dass er doch mehr Zeit mit seiner Untersuchung des Bodens zugebracht hat, als er dachte. Es geht schon gegen zwölf Uhr. Bald ist Mittagessenszeit. Er fotografiert den Friedhof und auch die frischen Gräber. Eigentlich weiß er nicht genau, warum.
Bloß indem ich die Gräber der Kinder fotografiere, finde ich den Mörder nicht!
Der Kuckuck ruft. Diesmal aus der Ferne.
In der Küche sitzt Karl schon am gedeckten Tisch und liest die Zeitung. Ruth steht am Kochherd und hantiert mit einem Stabmixer. Sein Gruß geht im Lärm der Küchenmaschine unter.
Karl nickt und bedeutet ihm, er solle nur reinkommen.
Da der Kochherd direkt bei der Eingangstür steht, muss er gezwungenermaßen sehr nahe an Ruth vorbei, und trotz der vielfältigen Gerüche aus den vielen Pfannen riecht Tanner ganz deutlich ihr Parfum. Vanille und Zitrone. Er könnte schwören, dass sie heute Morgen noch kein Parfum verwendet hatte.
Das Geräusch des Stabmixers bricht ab und jetzt hört man wieder den Nachrichtensprecher. Wie am Morgen.
Stört es Sie, wenn wir die Nachrichten hören? Uns Bauern interessiert ja vor allem das Wetter. Sie seufzt.
Wenn der Boden nicht bald trocken wird, bekommen wir Probleme.
Sie prüft mit einem schnellen Blick, ob er, der Städter, auch versteht. Ihre Zunge schnellt kurz über ihre lächelnden Lippen.
Sie haben mich vorhin im Auto nicht erkannt, als ich Ihnen zugewinkt habe, oder?
Karl blickt über den Zeitungsrand.
Wahrscheinlich bist du so schnell gefahren, dass man dich gar nicht sehen konnte.
Seine Augen blitzen heiter in Tanners Richtung und verschwinden wieder hinter die fett gedruckte Überschrift des Leitartikels.
BSE und MKS – APOCALYPSE COW?
Seine Augenbotschaft soll wohl heißen, jetzt geht's los. Achtung. Und tatsächlich dreht sich Ruth erst zu ihm, holt tief Luft und sagt dann doch nichts. Dann lächelt sie Tanner an.
Sie essen kein Fleisch, Simon.
Feststellung oder Frage?
Unser gemeinsamer Freund hat es uns verraten. Für uns ist das kein Problem. Wir essen sowieso viel Gemüse. Wenn es Sie nicht stört, dass wir Fleisch essen, gibt es also kein Problem. Heute allerdings habe ich, quasi zu Ihrer Begrüßung, nur Gemüse gekocht. Ich hoffe, es wird Ihnen schmecken.
Ohne seine Antwort abzuwarten, dreht sie das Radio lauter, denn jetzt kommt der Wetterbericht. Erleichtert setzt er sich an den Tisch. Karl blättert in der Zeitung. Der Wetterbericht ist, landwirtschaftlich gesehen, deprimierend. Regen, Regen und nochmals Regen. Dazu Bise. So nennt man hier den strengen Nordwind, der tagelang durch die Seelandschaft bläst. Und Schnee bis in die Niederungen. Ruth und Karl schweigen.
Ruth setzt sich ans Kopfende des Tisches, den Kochherd im Rücken. Sie schöpft eine goldgelbe Suppe in die Teller.
Wir haben letztes Jahr sehr viel Kürbis tiefgefroren. Guten Appetit!
Tanner denkt an rotblonde Haare! Das Medaillon hat er in seiner Jackentasche.
Drei Löffel senken sich synchron in das flüssige Gold.
Wie sich ihre Haare wohl anfühlen?
Drei Löffel verschwinden in drei Mündern.
Sanft! Ruth sagt es leise zu ihm.
Wie bitte? Seine Augen fragen. Vor dieser Frau musst du dich in Acht nehmen, Tanner!
Ich sagte sanft! Kürbis ist ein sanftes Gemüse. Hat meine Mutter immer gesagt. Finden Sie nicht auch, Simon?
Wie Recht Sie haben, Frau Ruth Marrer! Sie wissen ja gar nicht, wie Recht Sie haben!
Laut fragt er, ob ihre Mutter denn noch lebe?
Ja. Ruth antwortet schlicht.
Gemeinsam tauchen ihre Löffel in die köstliche Suppe.
Karl hält seinen Löffel schwebend über dem Teller. Und fällt damit aus dem gemeinsamen Takt.
Der Thévoz hat angerufen, dass er sich leider erst heute Nachmittag um Ihr Auto kümmern kann.
Macht nichts!
Insgeheim ist Tanner natürlich enttäuscht, dass sein Auto immer noch in diesem bedauernswert lächerlichen Zustand verbleiben muss.
Wieder tauchen die Löffel in die Suppe.
Diesmal bestreiten Karl und Tanner den Suppen-Pas-de-deux. Ruth steht auf.
Ich habe ja was vergessen. Es tut mir Leid.
Sie holt aus dem Kühlschrank ein Töpfchen und löffelt in jeden Teller eine Wolke Crème fraîche. Während sie sich über Tanners Teller beugt, riecht er wieder Vanille und Zitrone.
Die Suppe ist wirklich perfekt. Als leidenschaftlicher Koch schmeckt Tanner zufrieden die angebratene Buttermehlschwitze, die Schalotten, den geraffelten sauren Apfel und den Honig. Vielleicht hat sie den Balsamico am Schluss vergessen, aber das behält er für sich.
Die Suppe würde auch Königin Elisabeth von England schmecken! Beide lachen, schauen ihn aber fragend an.
Wissen Sie, das war der Lieblingsspruch meines verstorbenen Vaters, wenn meine Mutter gut gekocht hat. Kurz nach dem Staatsbesuch von Elisabeth in der Schweiz, das muss in den Fünfzigern gewesen sein, war sie für viele Leute der Inbegriff von hoher Lebenskultur. Fragen Sie mich nicht, warum. Für meinen Vater war es so.
Den Rest der Suppe löffeln sie schweigend. Jeder in seinem Rhythmus.
Danach gibt's Kartoffeln, flache Bohnen mit Kichererbsen, einen mit Gruyère überbackenen Blumenkohl, in Olivenöl gebratene Zucchini, in Butter und Ingwer gesottene Karotten. Die gekochten Kartoffeln werden auf dem Tisch von jedem selber geschält, der Länge nach geteilt und je nach Vorliebe legt man Butterstückchen drauf oder Frischkäse oder bestreut sie nur mit Salz und Pfeffer.
Das Schälen, Bebuttern, Gemüseschöpfen und Würzen nimmt alle ganz gefangen.
Zwischendurch klingelt das Telefon und Karl verschwindet für einen kurzen Moment in der guten Stube.
Als Ruth und Tanner alleine sind, sagt sie unvermittelt zwei Dinge.
Sie waren ja heute Morgen auf dem Friedhof und haben sicher die Gräber gesehen. Anna Lisa war nicht unsere Tochter. Es gibt hier im Dorf zwei Familien, die Marrer heißen, ohne dass wir miteinander verwandt sind.
Nachher beim Kaffee werde ich Ihnen sagen, wer die Finidori sind. Einverstanden?
Sonst sagt sie nichts über die toten Kinder.
Bevor Tanner antworten kann, ist Karl wieder zurück, und er mag diese kleine Heimlichkeit, die ihm Ruth angeboten hat. Also redet er nicht davon.
Er ist erleichtert, dass sein Gefühl gestimmt hat. Was die tote Anna Lisa betrifft.
Tanner mag es, schweigend zu essen.
Als sie fertig sind und er Ruth seinen leeren Teller reicht, sagt sie ihm auf eine Weise danke, dass es klar ist, wofür sie ihm dankt.
So! Ich muss in die landwirtschaftliche Genossenschaft, Setzkartoffeln holen. Trinkt heute den Kaffee ohne mich. Ich bin mit dem Haymoz verabredet und da muss ich pünktlich sein, sonst macht er mir einen höheren Preis.
Aha, sie wusste ganz sicher, dass ihr Mann nicht zum Kaffee bleibt, registriert Tanner.
Karl steht auf, gibt seiner Frau einen Kuss und verlässt die Küche. Man hört, wie er im Korridor seine Schuhe anzieht, irgendetwas zu dem Hund sagt und das Haus verlässt. Weder Ruth, die weiter den Tisch abräumt, noch Tanner, der einfach dasitzt, sagen ein Wort. Eine Fliege landet exakt vor ihm auf dem Tisch. Als draußen der Traktor wegfährt, fliegt auch die Fliege wieder weg. Er schaut ihr nach und begegnet den Augen von Ruth.
Wissen Sie, Simon, mein Mann regt sich furchtbar über die Finidori auf. Wenn es keinen triftigen Grund gibt, meiden wir das Thema. Warum mein Mann sich so aufregt, erklär ich Ihnen einmal später, wenn es Ihnen recht ist.
Es ist ihm recht.
Wer sind denn nun diese Finidori?
Ruth bringt Kaffee, Zucker und Milch auf den Tisch. Sie antwortet erst, als beide in ihren Tassen rühren.
Warum Madame Finidori Sie zum Tee einlädt, kann ich nicht wissen. Hier in dieser Gegend spricht sich natürlich alles sehr schnell rum.
Ruth rührt in ihrem Kaffee.
Die Familie Finidori ist eines der ältesten und reichsten Geschlechter hier. Vielleicht sogar im ganzen Land. So genau weiß ich das nicht. Sie besitzen seit langer Zeit den Mondhof. Das ist nicht einfach ein Bauernhof, das ist ein Gutsbetrieb mit zweihundert Hektar Land und hundertzwanzig Kühen im Stall. Früher gehörte ihnen auch das ganze Areal mit dem Schloss vorne an der Straße. Sie haben das Schloss sicher gesehen auf dem Weg hierher?
Tanner nickt, möchte sie aber nicht unterbrechen.
Die alte Finidori ist eine strenge Dame. Keiner weiß so genau, wie alt sie ist.
Ihr Sohn leitet den Betrieb. Nicht nur den Gutsbetrieb, sondern ihm gehört auch noch ein Betonwerk und ein Sägewerk im Welschland und er ist an verschiedenen weiteren Betrieben beteiligt. Unsereins weiß da nicht so Bescheid.
Ich habe den Eindruck, dass du sehr genau Bescheid weißt, Ruth M., denkt Tanner still für sich.
Auguste Finidori, so heißt der Sohn der Alten. Entschuldigung! Wir nennen sie einfach so. Er ist ein rücksichtsloser und jähzorniger Mann. Aber er ist ein sehr einflussreicher Mann, auch in der Politik. Er war bis vor kurzem Nationalrat.
Vielleicht kommt Tanner deswegen der Name so bekannt vor. Aber seine Jahre in Marokko haben sein Interesse für die inländische Politikszene nicht gefördert.
Der Sohn von Auguste heißt Armand. Er kümmerte sich bis vor kurzem um die Auslandsgeschäfte. Seit einiger Zeit ist er krank und lebt zu Hause auf dem Hof. Er hat irgendeine seltene Hautkrankheit oder Sonnenallergie. Man sieht ihn praktisch nie. Auguste führt mit einem guten Dutzend Angestellten den Hof und kümmert sich um all die anderen Geschäfte. Die Frau von Auguste, also die Mutter von Armand, ist an einem Schlaganfall gestorben, schon damals in Afrika.
Wie? In Afrika …?
Bei der Erwähnung von Afrika klingt tief in seinem Inneren eine Saite an, deren Ton ein ganz unbehagliches Gefühl auslöst, das er im Moment aber nicht einordnen kann.
Also!
Ruth holt tief Luft und rückt näher an den Tisch, das heißt auch näher zu Tanner. Was für ein Parfum …
Es tut mir Leid, Simon, aber jetzt wird's kompliziert und ich hoffe, ich kann es Ihnen richtig darlegen.
Sie rührt unschlüssig in ihrem Kaffee. Überlegt sie sich, was sie ihm sagen soll und was nicht?
Auguste und Charlotte, so hieß seine Frau, waren zusammen in Afrika. Was sie dort gemacht haben, weiß ich nicht. Aber es gibt halt Gerüchte. Dass er dort sehr viel Geld gemacht hat und nicht immer auf ganz christliche Art. Mehr weiß ich nicht.
Oder willst du es mir nicht sagen? Tanner ist versucht zu fragen, verbietet sich aber diese Bemerkung.
Der Sohn von ihnen, eben der Armand, ist dort auf die Welt gekommen. In der Zeit, als Auguste in Afrika war, hat sein Bruder Raoul den Betrieb hier geführt. Zusammen mit der Alten, die zwar damals schon Witwe war, aber natürlich noch um einiges jünger. Den Raoul haben wir gut gekannt, das heißt, vor allem mein Mann war richtig befreundet mit ihm.
Ruth schweigt. Tanner wartet.
Raoul war ein liebenswürdiger Mensch, mit vielen Interessen und viel zu zart für so einen großen Betrieb. Seine Frau war ein Engel.
Pause. Die Fliege dreht wieder eine Runde.
Nachdem Auguste aus Afrika zurückgekehrt war, führte er den Betrieb zusammen mit Raoul. Das konnte natürlich nicht gut gehen, denn sie waren einfach zu verschiedene Temperamente. Zwei Jahre nach der Rückkehr starb auch die Frau von Raoul.
Sie schweigt und rührt wieder in ihrer Tasse.
Sie hat noch keinen Schluck Kaffee getrunken. Dafür ist das jetzt sicher der bestgerührte Kaffee aller Zeiten.
Woran starb denn Raoul und wann, fragt er vorsichtig, denn Ruth spricht sehr zärtlich von Raoul.
Wieso gestorben? Die Frage erschreckt sie.
Tanner macht sie auf die Verwendung der Vergangenheitsform aufmerksam und sie lacht ein nicht ganz überzeugendes Lachen. Nein, nein! Raoul ist nicht gestorben. Er hat es hier einfach nicht mehr ausgehalten und ist nach Australien gegangen, oder besser gesagt, er ist geflüchtet.
Wieder Pause.
Seine Tochter hat er allerdings hier zurückgelassen!
Er hat eine Tochter?
Ja, er hat eine Tochter, und als er wegging, haben wir uns, so gut es ging, um sie gekümmert.
Ruth steht schnell auf, nimmt die Zuckerdose vom Tisch und geht zum Schrank. Hinter seinem Rücken, an der Spüle stehend, füllt sie offenbar die Zuckerdose auf. Als er vorhin drei Löffel Zucker nahm – seit Marokko trinkt er den Kaffee schwarz und sehr süß – war die Zuckerdose bestimmt noch voll.
Ach, der Karl kommt schon zurück. Ich muss ihm beim Abladen der Kartoffeln helfen, entschuldigen Sie mich!
Für einen Moment spürt Tanner zärtlich ihre Hand auf seiner Schulter. Wie sanfter Flügelschlag. Er will ihre Hand anfassen. Bevor er sich ganz zu ihr umdrehen kann, ist sie schon aus der Küche verschwunden. Die Fliege, die vorhin auf dem Tisch gelandet ist, klebt jetzt an einem Fliegenfänger fest. Ihre Beine zappeln noch.
Tanner trinkt seine Tasse aus, steht auf und verlässt die Küche.
Im Gang steht der Hund vor der Haustür. Wahrscheinlich wollte er mit Ruth zusammen hinausgehen. Sie hat ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen.
Das kenne ich. Sehnsüchtig vor einer verschlossenen Tür stehen, ja doch! Das kennt der Tanner.
Der Hund dreht seinen Kopf zu Tanner. Er öffnet die Tür und der Hund schießt hinaus. Auf dem Platz vor der Scheune steht der Traktor mit einem Anhänger voller Holzkisten. Karl kommt gerade aus der Scheune heraus.
Entschuldigung, Karl, der Hund ist mir durch die Haustür entwischt.
Ach, das macht doch nichts. Der kommt schon wieder … äh … ist meine Frau noch in der Küche?
Interessant, denkt Tanner und antwortet sehr vage, sie sei schon vor einer Weile aus der Küche gegangen. Er wisse aber nicht, wohin.
Bis später, Simon, ruft Karl ihm zu und springt wieder auf seinen Traktor.
Kann ich Ihnen helfen, die Kartoffeln abzuladen?
Man muss ganz schön schreien, um den Traktorenlärm zu übertönen.
Nein danke, Simon, die bleiben auf dem Wagen, schreit Karl zurück und fährt los.
Interessant, denkt Tanner ein zweites Mal und sagt es dann noch ein paar Mal laut vor sich hin. Bei jeder Treppenstufe sagt er es, bis er bei der oberen Tür angekommen ist.
In seinem Zimmer blickt er auf sein Telefon. Zwei Uhr. Und keine Nachricht. Er legt sich mit den Schuhen auf das Bett.
Ob sie Raoul geliebt hat und ob die Katze schon einen Namen hat, wollte er Ruth noch fragen, und wie ihr Parfum heißt … und noch vieles mehr. Er fällt in einen tiefen Schlaf.
DREI
Die Jungs vom Nebenhaus bearbeiten ihre kleinen Trommeln. Oder haben sie sich von meinem Geld eine neue, größere Trommel gekauft?
Boumm … boumm … toktok … boumm … toktok …! Bei aller Liebe für ihre Trommelkunst, wir haben doch verabredet, dass sie nachmittags, während der Siesta, nicht trommeln. Immerhin hat mich diese Vereinbarung einiges gekostet. Boumm … boumm … toktok …
Himmel, ich bin ja nicht in Marokko. Es ist Karl, der heftig an die Tür klopft.
Simon! Der Portugies' ist da mit dem Auto. Er holt Sie ab. Zum Tee. Hören Sie mich?
Karl klopft. Jetzt rüttelt er an der Tür.
Ich komme! Ich habe es gehört! Ich bin wach! Sagen Sie ihm, dass ich in fünf Minuten bereit bin.
Tanner hat irgendwo eine Krawatte. Er sucht und findet. Sie hat ihm die Krawatte geschenkt. Das scheint jetzt eine gute Gelegenheit zu sein, sie einzuweihen. So schnell es geht, versucht er, einen Knoten hinzukriegen. Er zieht seine Jacke an und rast die Treppenstufen hinunter.
Es regnet in Strömen. Auf dem Vorplatz steht ein dunkelgrüner Geländewagen mit laufendem Motor und mit brennendem Licht. Aus seinem Auspuff kräuseln sich feine Rauchringe. Und nur ein Schlusslicht brennt!
Schau, schau, sagt er leise. Das Auto kenne ich doch!
Karl ist anscheinend wieder ins Haus gegangen, oder in den Stall.
Aus den Augenwinkeln sieht Tanner, dass in der Küche Licht brennt.
Vanille und Zitrone, singt es leise in ihm.
Mit großen Schritten erreicht er die Autotür, die sich jetzt öffnet. Er springt in den Wagen und schlägt die Tür zu. Das Auto startet sofort und er wird in den Ledersitz gepresst. Erst einige Atemzüge später kann er sich den Fahrer anschauen. Ein ungefähr sechzigjähriger, sehr kräftiger Mann. Unrasiertes Gesicht. Kurzes, schwarzes Haar mit grauen und weißen Einsprengsel.
Salz und Pfeffer, denkt Tanner. Und sein Charakter? Gelassenheit und Stärke?
Guten Tag, ich heiße Tanner. Danke, dass Sie mich abholen. Ich hoffe, wir sind nicht zu spät. Und wenn, ist es natürlich meine Schuld.
In diesem Moment schlittern sie um die leicht abschüssige Kurve beim Friedhof.
Deswegen müssen Sie aber nicht unser Leben aufs Spiel setzen!
Trockenes Lachen, schneller Seitenblick zu ihm.
Keinä Problema. Ich 'eiße Manuel.
Seine Stimme klingt nach mindestens fünfzig Zigaretten am Tag. Sie erreichen die kleine Brücke bei der Autobahn. Kein einziges Auto ist zu sehen. Glänzender Asphalt. Ein schwarzer Strom.
Eine dunkle Gestalt wankt ihnen auf der Straße entgegen. Sie kämpft mit einem großen Schirm gegen Wind und Regen.
Der Keinä-Problema-Manuel drosselt das Tempo. Tanner hätte eigentlich das Gegenteil erwartet. Manuel hebt die Hand zum Gruß, als die Frau auf der Höhe des Autos ist. Es ist die Frau, die Tanner heute Morgen auf dem Weg zum Friedhof gesehen hat, als sie Wegmarkierungsstangen einsammelte. Manuel bekreuzigt sich doch tatsächlich.
Sähr arme Frau. Kind kaputt!
Eine Stimme wie eine grobe Holzfeile. Aber man hört echtes Mitgefühl, trotz der Wortwahl.
Anna Lisa, sagt Tanner mitfühlend.
Manuel guckt ihn groß an und überfährt derweil fast eine Katze, die über die Straße rennt. Knapp entkommt sie ihrem vorschnellen Ende.
No! No! Nein! Vivian! Nicht Anna Lisa. Vivian! Anna Lisa von anderä Frau, auch sähr armä Frau!
Mittlerweilen sind sie bei einer Gruppe Häuser angekommen. Rechts von der Straße, wo das Gelände leicht gegen einen Bach abfällt, der von bulligen Weiden mit abgesägten Zweigen gesäumt wird, befinden sich Stallungen.
Links eine stattliche Villa mit französischem Charme und einem großen Walmdach. Dicht neben der Villa lugt ein kleines Haus zwischen den Bäumen hervor, bei dem sämtliche Fensterläden geschlossen sind. Beide Häuser sind ziemlich alt. Tanner schätzt achtzehntes Jahrhundert. Die Villa ist von einem sorgfältig gepflegten Garten umgeben. Eine mit Efeu bewachsene Mauer umschließt auf drei Seiten das Haus. Weiter oben, wo das Gelände sanft ansteigt, ein großer Hof.
Ruth M. hat wirklich nicht übertrieben!
Mächtige Scheune. Modernes, nicht besonders schönes Wohnhaus, mit drei Stockwerken. Viel Geld, wenig Geschmack! Remisen. Stallungen. Große Futtersilos.
Die Silos sind, denkt Tanner, neben den Traktoren die Statussymbole der heutigen Bauern. Gleich riesigen Phalli stehen sie und künden weit sichtbar von der Potenz ihrer Besitzer. Wenn diese Gleichung stimmt, dann ist hier verschwenderisch viel Potenz vorhanden.
Der Wagen hält vor dem Eingang der Villa. Manuel bedeutet Tanner auszusteigen und steckt sich eine Zigarette zwischen die rissigen Lippen.
Wie Tanner ihn beneidet.
Hasta la vista. Gracias!
Tanner merkt zu spät, dass es die falsche Sprache ist.
Keinä problema, heisert Manuel und zündet sich seine Zigarette an.
Als Tanner aussteigt, kommt ihm ein unglaublich dicker Zwerg mit einem kolossalen Regenschirm entgegen. Er rollt ihm entgegen! Sein kugelrunder Kopf hat die Farbe und Zartheit eines frisch geborenen Babys. Alterslos. Damit Tanner unter seinen Schirm passt, muss der Zwerg sich auf die Zehenspitzen stellen und zusätzlich den Arm ausstrecken, und immer noch muss Tanner sich bücken, um mit seiner Länge unter den angebotenen Regenschutz zu passen.
Bonjour, hellöu, bien venue, willkömmin ijn där Vor'ölle. Isch 'offe, Ihro wärtä Dürschlaucht sind auf Ihro exécution säälisch préparé, flötet der Zwerg sein Willkommen.
Nach der Holzfeile ist jetzt die Reihe an der kugeligen Falsettflöte!
Madame 'add Ihrä Föltärwerkzöige déjà sur la tavola.
Das ganze Kauderwelsch begleitet der Zwerg mit ausdrucksstarker, theatralischer Mimik, als ob er nicht bloß den Tanner überzeugen wollte, sondern irgendwelche unsichtbaren Zuschauer in der letzten Reihe eines großen Theaters. Und das im strömenden Regen.
Dije Altä ijst 'eute ganss bäsöndärs fröindlisch, also, isch sagä nür: Attenzione. Dann ijst sie gäfäährlisch!
Beim letzten Satz zieht er Tanner an seinem Ärmel zu sich runter und flüstert ihm das gäfäährlisch ins Ohr. Sein Atem riecht nach Marzipan.
Isch bijn Honoré, gänannt la boule! Där Bötlär! Nijscht där Gärtnär! Där Bötlär! Und jätzt fölgän Sie mijrrr, wänn sie mijrrr fölgän konntän, ssönst müssän Sije die Fölgän selbär trag'n.
Isch bijn Dannär! Simön Dannär! Den Martini bittä gärührrrt und nischt geschüttält, sagt Tanner, nur um auch einmal etwas zu sagen.
Der Zwerg setzt sich mitsamt Schirm und Tanner in Bewegung. Das heißt, er kommt ins Rollen, der Tanner ins Stolpern und sagt leichthin über seine Kugelschulter einen verblüffend klaren Satz. Aber das weiß ich doch längst!
Unter dem Vordach aus Glas, das die drei Steinstufen vor der Haustür überdeckt, schüttelt der Zwerg mit einer gewaltigen Eruption den Schirm und schließt ihn mit einer Eleganz, die Tanner diesem Körper nie zugetraut hätte. Der Griff des geschlossenen Schirmes reicht ihm bis über seine Augenhöhe.
A l'attaque, Mistär Bönd! Miss Mönij Pänny 'add 'eute malheureusement fräi, isch bringä Sie sälbär zü M, sagt der kleine Kugelmann verschmitzt und sie betreten die geräumige Eingangshalle.
Alte Steinfliesen in Schwarz und Weiß bedecken den Boden. An den Wänden hängen Waffen aller Art. Morgensterne, Hellebarden, Lanzen, große Landknechtsschwerter. Mitten in der Halle steht am Boden eine Kanone. Ihr Lauf ist freundlicherweise genau auf die Eingangstür gerichtet, so dass jeder, der eintritt, gleich als Erstes in eine Kanonenmündung blickt.
Wer die Strecke zwischen Eingangstür und Kanone lebend hinter sich bringt, erreicht eine breite Steintreppe, die in das obere Stockwerk führt.
Links und rechts von der Treppe führen zwei symmetrisch angelegte Gänge in die Tiefe des Hauses. Mitten im Raum hängt ein antiker Eisenleuchter, direkt über der Kanone, an dem nur jede zweite Glühbirne brennt.
Reiche Leute sind sparsam, denkt Tanner und hört gleichzeitig, gedämpft aus der Tiefe des Hauses, dass jemand Klavier spielt.
Angesichts der pompösen Eingangshalle denkt er sofort an einen großen Konzertflügel in einem luftig hellen Salon, in dem ein romantisches Kaminfeuer knistert. Er sieht wertvolle Bücher bis unter die Decke, bequeme Sofas und Fauteuils, alten Cognac in bauchigen Gläsern, in denen sich das knisternde Kaminfeuer widerspiegelt, Damen mit tief ausgeschnittenen Dekoll …
Träumen Sie nicht, Tanner! Nehmen Sie die Wolldecke und folgen Sie mir!
Honoré, der Zwerg, hält ihm tatsächlich mit seinen kurzen Ärmchen eine Wolldecke hin. Er hat sich unterdessen seines schwarzen Umhangs oder Mantels, den er draußen trug, entledigt. Auch seines Kauderwelschs.
Er steht, mit einer maßgeschneiderten Butleruniform, oder so was Ähnlichem, vor Tanner. Allerdings ist zu befürchten, dass der Schneider, der hier am Werk war, schon längst das Zeitliche gesegnet hat. Tanner nimmt die Wolldecke, aus Schweizer Armeebeständen, und klemmt sie sich unter den Arm.
Honoré, genannt la boule, steuert auf den linken Gang zu, der nicht erleuchtet ist, und vage erkennt man weitere schimmernde Waffen an den Wänden. Die ostasiatischen Abteilung. Linker Hand des Ganges befinden sich drei Holztüren. Die Türgriffe aus Messing leuchten matt in der Dunkelheit.
Der Zwerg hält vor einem dunklen, schweren Vorhang inne, dreht sich um, legt seinen Miniaturfinger auf seine Lippen.
Pst!
Tanner kann ihn nur noch schemenhaft erkennen, so dunkel ist es. Der Zwerg nestelt links an der Wand irgendwas, und das Klavierstück, das Tanner kennt, aber leider nicht erkennt, bricht ab. Wahrscheinlich hat der Zwerg eine in der Wand eingelassene Klingel bedient.
Gerade will Tanner ihn fragen, ob er vor der exécution, wie der Zwerg es vorhin nannte, nicht noch schnell auf die Toilette gehen könnte, als der sich wieder umdreht und die Nummer mit dem Pst wiederholt.
Gottergeben schweigt Tanner und harrt der Dinge, die da kommen. Er hätte besser die Flucht ergriffen. Jetzt wäre es gerade noch möglich gewesen.
Unvermittelt teilt der Zwerg den Vorhang und zieht ihn am Ärmel in den Raum. Hat er auf zehn gezählt?
Hier ist es aber ziemlich kühl, ist Tanners erster Gedanke und er ersetzt sofort in dem Satz, reiche Leute sind sparsam, das Wort sparsam durch geizig.
Dann sieht er tatsächlich den Flügel. Das heißt, er sieht zwei Kerzenstummel, die links und rechts von den Notenblättern flackern. Am Flügel sitzt niemand. Der Zwerg ist verschwunden, als ob er sich in Luft aufgelöst hätte. Außer den beiden Kerzen gibt es keine Lichtquelle.
Seine Augen gewöhnen sich nur langsam an die Dunkelheit. Tanner steht in einem großen Salon. Schwere Vorhänge schließen das Tageslicht aus. Roter Samt? Stattliche Möbel stehen ohne erkennbare Ordnung herum. Die meisten sind mit Tüchern bedeckt. Tatsächlich gibt es einen Kamin, aber es brennt kein romantisches Feuer darin. Abgesehen von der Romantik, hätte der Raum gut einen wärmenden Beitrag an seinen Klimahaushalt vertragen. Tanner fröstelt und ihm dämmert die Bedeutung der Wolldecke.
Wollen Sie noch lange so rumstehen, oder haben Sie Hämorrhoiden?
Die Stimme kommt aus der Tanner diagonal gegenüberliegenden Ecke des Raumes und er macht ein paar Schritte in diese Richtung.
Die Stimme, die ihn angesprochen hat, war gar nicht so unangenehm. Befehlsgewohnt ja, aber nicht unangenehm. Als Eröffnung findet Tanner die Frage etwas ungewöhnlich. Aber bitte!
Danke für Ihre fürsorgliche Nachfrage. Sie kennen sich aus mit diesem Problem? Ich habe im Moment wohl eher ein Augenleiden, denn ich sehe Sie schlecht bis gar nicht. Im Übrigen heiße ich Simon Tanner und bin gestern auf dem Marrerhof, bei Ruth und Karl, eingezogen.
Stille. Dann ein geradezu herzerfrischendes Lachen. Aber worüber?
Gut! Sie können parieren und lassen sich so schnell nicht einschüchtern! Gut!
Schön wär's, denkt er.
Kommen Sie, setzen Sie sich endlich.
Sie schlägt mit ihrem Stock auf den Tisch.
Tanner geht näher und sieht jetzt eine hochgewachsene Frau an einem runden Tisch sitzen.
Eine dicke Samtdecke bedeckt den Tisch. Vermutlich Ochsenblutrot. Der Saum reicht bis auf den Boden.
Seine Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit.
Sie hat weißes Haar, das streng nach hinten geknotet ist. Die Haut spannt sich regelrecht über ihren Schädel und ihre hellwachen Augen blicken ihn neugierig an. Tanner ist sich sicher, dass sich früher die Männer scharenweise nach ihr umgedreht haben.
Die Samtdecke hat sie auf ihrer Tischseite bis weit über ihre Knie hochgezogen. Mit ihrer Linken hält sie den Zipfel der Decke in ihrer knochigen Hand.
Sie müssen entschuldigen, ich bin gleich fertig!
Mit mir?
Tanner verkneift sich diese Frage und sagt stattdessen, wohlwissend, dass nicht sie Klavier gespielt hat. Mit diesen Händen …
Sie haben sehr schön Klavier gespielt. Ich komme leider nicht drauf, was Sie gespielt haben.
Sie lacht wieder ihr lautes Lachen.
Das war jetzt unter Ihrem Niveau, Tanner! Sie wissen genau, dass nicht ich Klavier gespielt habe. Schauen Sie sich doch meine Hände an! Eigentlich wollten Sie fragen, wer gespielt hat? Stimmt's? Oder habe ich Recht?
Sie erhebt sich, stützt sich dabei auf ihren Stock, behält dabei aber weiterhin die Tischdecke in der Hand und ruft mit lauter Stimme.
Zwerg! Wo bleibst du? Wart nur! Hast du mich vergessen?
Tanner hört hinter sich ein Geräusch und schon schießt die uniformierte Kugel an ihm vorbei, nimmt den Stuhl weg, auf dem die Alte bis jetzt gesessen hat.
Isch bijn ja da. Nür käinä Aufrägüng, Madame!
La boule ijst niemand, där värgisst!
Schon gar nischt, wenn Madame gepisst.
Isch bringä jätzt zu Hinz und Künz,
Ihrän gold'nän, teurän Brünz.
Um Millimeter nur verpasst der niedersausende Stock den Rücken des Zwerges. In dem Stuhl, den Honoré an Tanner vorüberträgt, ist ein Gefäß eingelassen, in dem hörbar Madames Wasser plätschert.
Während die Alte ihren Rock glatt streicht, offensichtlich trägt sie keine Unterwäsche, oder Tanner versteht ihre Technik nicht, hört er draußen im Gang weitere Dichterworte des großen Honoré. Leider versteht er nur noch den Anfang der nächsten Zeile. Aliäs Läbän fließt in ruhigär Bahn,
Seulement Madame und ihr Galan …
Der Rest verliert sich leider in der Ferne. Tanners Sympathie für den kleinen Gnom wächst von Minute zu Minute.
Die Alte greift unter den Tisch und bringt eine Literflasche Kölnisch Wasser zum Vorschein. Mit einem: Wollen Sie auch, Tanner?, bietet sie ihm die Flasche an. Und mit einem: Danke, ich habe schon!, wehrt er entschieden das Angebot ab. Lieber wäre ihm jetzt eine Zigarette.
Und wo bleibt der angekündigte Tee, fragt er sich still.
Eine Wolke des wohl billigsten Kölnisch Wassers, das er je gerochen hat, umhüllt sie jetzt.
Gibt es für geizig noch eine Steigerungsform? Vielleicht schwergeizig? Analog zu schwerreich.
Sie stellt das Kölnisch Wasser wieder weg und knallt hintereinander zwei weitere Flaschen auf den Tisch.
Wollen Sie Malaga oder Orangensaft?, fragt sie und schaut ihn prüfend an.
Tanner kommt sich vor wie Bassanio in Belmont, der sich für die goldene, silberne oder bleierne Kassette entscheiden muss und dessen zukünftiges Glück – Liebe und Kapital – von der richtigen Wahl abhängt. Die silberne Kassette, das Kölnisch Wasser, hat er ja bereits abgelehnt.
Es bleibt die alles entscheidende Frage: Gold oder Blei?
Er entscheidet sich demütig für das Blei, wie der kluge Bassanio, der mit dieser Antwort alles gewann …
Trinken Sie keinen Alkohol? Wie fad!
Tanner bereut natürlich sofort seine Entscheidung, aber schon kommt Honoré mit zwei großen Wassergläsern angerollt und schenkt ihm zwei Fingerbreit Saft ein.
Gerührt und nicht geschüttelt, sagt er leise zu ihm und trollt sich wieder.
Die Alte schenkt sich selber ihr Glas randvoll mit Malaga ein und prostet ihm zu. Sie leert in einem Zug mindestens die Hälfte des Glases und greift noch einmal unter den Tisch.
Zum Vorschein kommt ein buschiger Kater, den sie sich auf ihren Schoß setzt. Der Kater glotzt Tanner an.
Ein Glück, dass seine neue Katzenfreundin Rosalind nicht hier ist! Dieses Monsterexemplar von Kater würde sie nicht mögen. Obwohl man sich in der Hinsicht ganz gewaltig täuschen kann!
Die Alte krault den Kater hinter den Ohren. Die Stelle müsste eigentlich längst wund sein, so wie sie krault. Dann spricht sie das erste Mal den Namen aus.
… Ah … wie meinen Sie, äh … das jetzt? Tanner ist verdattert.
Sie wollten doch vorhin ganz schlau herausfinden, wer Klavier gespielt hat. Stimmt's? Oder habe ich Recht?
Mit einem zweiten Schluck leert sie ihr Glas.
Wenn sie ihr Glas gleich nachfüllt, kann Honoré bald wieder den Spezialthron bringen, denkt Tanner, um sich abzulenken. Er macht in dem Moment nicht sein intelligentestes Gesicht. Er lockert die Krawatte und wiederholt einfältig noch einmal den Namen.
Rosalind? Ach so, Rosalind! … äh … sie hat Klavier gespielt? Und wer ist, äh … Rosalind, wenn ich fragen darf?
Jetzt fühlt er eine Wärme im Gesicht. Zum Glück ist es hier so dunkel. Tanner denkt an rotblonde Haare und an ein ovales Gesicht …
Rosalind ist meine Enkelin, sie hat Klavier gespielt. Ist das zu schwierig für Sie zu verstehen, Tanner?
Nein, nein, ich verstehe schon, beeilt er sich zu sagen.
Verstehen schon, aber ich kann es nicht so richtig fassen, denkt er und findet es irgendwie gemein, dass sein Gesicht nicht abkühlt. Deswegen habe ich Sie auch hergebeten, Tanner!
Pause. Der Kater gähnt.
Ich höre, dass Sie gestern das Pferd, das meine Enkelin abgeworfen hat, eingefangen haben. Dafür möchte ich mich bedanken.
Diesen Sidian, dieses Saubiest, einzufangen, dazu gehört was, das muss ich sagen. Das würde sich nicht jeder trauen. Es ist außerdem ein wertvolles Tier. Nicht auszudenken, was alles hätte passieren können, ohne Ihr mutiges Eingreifen. Stimmt's? Oder habe ich Recht?
Also, wissen Sie, es war …!
Schweigen Sie, Tanner! Ich bin noch nicht zu Ende!
Tanner schweigt und nippt an seinem Saft.
Meine Enkelin hatte keine Erlaubnis, mit diesem Pferd zu reiten, weil es noch nicht fertig eingeritten ist. Verstehen Sie etwas von Pferden? Nein! Das habe ich mir gedacht.
Er hat eigentlich weder Ja noch Nein gesagt, aber sie ist nicht zu bremsen.
Umso mehr Respekt. Und weiter habe ich gehört, dass mein Sohn nicht gerade höflich zu Ihnen gewesen ist.
Wieder versucht er dazwischenzugehen.
Nein, nein, lassen Sie, Tanner. Ich kenne meinen Sohn. Höflichkeit gibt's nicht in seinem Repertoire. Er hat sich gestern sicher saumäßig benommen. Stimmt's? Oder habe ich Recht? Würden Sie von mir eine Entschuldigung für sein Verhalten akzeptieren?
Er ist leider heute geschäftlich unterwegs, sonst würde er sich selber entschuldigen.
Jetzt sind Sie unter Ihrem Niveau, Madame. Der Mann, den ich gestern gesehen habe, der würde sich nie und nimmer entschuldigen. Er behält den Gedanken für sich.
Selbstverständlich, Madame, sagt Tanner stattdessen laut und deutlich. Und macht Anstalten aufzustehen.
Sitzen bleiben, Tanner! Die Audienz ist noch nicht beendet! Trinken Sie noch Saft! Zweeerrg …!
Bevor er abwehren kann, ist Honoré schon wieder mit der Flasehe zur Stelle. Während er ihm Saft einschenkt, er muss sich dafür auf seine Zehenspitzen stellen, sagt er ganz sanft, nahe an Tanners Ohr.
Sie ist die Sonne auf dem Mondhof.
Bevor er nachfragen kann, wer die Sonne ist, faucht die Alte den Zwerg an.
Verschwinde, imbécile! Und droht mit dem Stock.
Schweigend schauen sie sich in die Augen. Sie massiert dabei immer noch die schwarze Katze zwischen den Ohren. Tanner weicht ihrem Blick nicht aus.
Warum sind Sie eigentlich bei der Ruth eingezogen, Tanner?
Aha, das ist des Pudels Kern, denkt er und überlegt sich, welche Geschichte er zum Besten geben soll.
Ach, wissen Sie, ich bin ein sentimentaler Städter, der lange Zeit im Ausland gearbeitet hat, jetzt zurück in die Schweiz kommt, etwas Erspartes auf der hohen Kante hat. Bevor ich mich entscheide, was weiter mit meinem unbedeutenden Leben geschehen soll, will ich mir einen alten Traum erfüllen, nämlich einmal auf dem Land zu leben. Ein bisschen schreiben, spazieren, wilde Pferde einfangen und so weiter.
Tanner trägt dies alles mit dem sonnigsten Lächeln vor, zu dem er bei diesen Zimmertemperaturen fähig ist.
Sie schweigt etwas zu lange, als dass er denken könnte, sie würde ihm glauben. Obwohl er eigentlich die Wahrheit gesagt hat. Beinahe.
Gut, Tanner, ich danke Ihnen! Ich danke Ihnen!
Sie lehnt sich in ihrem Stuhl zurück und schließt die Augen. Ihre Hand auf dem großen Kopf der Katze bewegt sich nicht mehr. Auch der Kater hat seine Augen geschlossen.
Plötzlich spricht Honoré leise. Tanner hat ihn nicht kommen hören.
Pst! Kommen Sie. Madame will jetzt schlafen. Manuel fährt Sie zurück.
Er nimmt ihm die Wolldecke ab und sie gehen leise aus dem Salon.
Zurück im Korridor, der jetzt erleuchtet ist, sieht man tatsächlich japanische Schwerter an der Wand hängen.
Falls es nicht mehr regnet, möchte ich ganz gerne zu Fuß gehen. Es hat aufgehört. Es würde sogar ein bisschen die Abendsonne scheinen. Wenn sie nicht schon untergegangen wäre!
Das Wort Sonne betont Honoré ganz übertrieben und Tanner befürchtet schon, der Zwerg falle wieder in seine Falsett-Kauderwelsch-Nummer zurück. Der steckt ihm aber einen Zettel in die Hand und ein letztes Mal legt er den Finger auf seinen Mund.
Pst!
Und leise singt er zum Abschied. Aufwiederschön … aufwiederschön!
Er geleitet Tanner bis zur Tür und hebt zum Gruß seine kleine Hand.
Ach, und ich wollte doch die Alte fragen, wie das Pferd heißt, seufzt Tanner und schaut nach, was auf dem Zettel steht, den ihm Honoré zugesteckt hat.
Morgen, Friedhof, 17.00 Uhr. Bitte!
Unterschrift: R.
VIER
Die Küche ist hell erleuchtet. Das Licht sieht man schon von der Kurve aus, beim Friedhof, wo vorhin der Geländewagen ins Rutschen kam. Ein Leuchtfeuer in der dunklen Landschaft.
Vermutlich hat Tanner das Nachtessen verpasst. In der Hektik des Aufbruchs um fünf Uhr hat er auch sein Telefon vergessen. Er beschließt, trotzdem in die Küche zu gehen, denn irgendwie fühlt er sich zu einer Erklärung verpflichtet. Außerdem ist er bis auf die Knochen durchfroren und hat Hunger.
Ruth und Karl sitzen am Tisch mit einer verschlossenen Flasche Wein und drei Gläsern. Sie haben also auf ihn gewartet, denkt er zufrieden.
Es ist noch nicht so weit. Wir können leider die Flasche noch nicht öffnen.
Karl sagt das mit echtem Bedauern. Tanner macht ein verständnisloses Gesicht.
Meine schöne Laura kriegt doch heute ein Kalb. Ich hatte damit gerechnet, dass es vor dem Nachtessen kommt, dann hätten wir mit Ihnen auf das neugeborene Mädchen anstoßen können.
Beim Wort Mädchen zwinkert ihm Karl beziehungsvoll zu.
Ach so, ja, das habe ich ganz vergessen. Ich werde gleich in den Stall gehen und die Mutter fragen, ob ich Pate sein darf. Ich würde so gerne als Pate ein kleines, kuhäugiges Mädchen verwöhnen. Oder ist die Position schon vergeben?
Tanner ist froh, wieder in der warmen und freundlichen Küche bei unkomplizierten Menschen zu sein. Sie lachen herzlich.
Ruth fragt ihn, ob er hungrig sei, sie habe einen Rest Gemüsekuchen für ihn warm gestellt. Tanner könnte sie auf der Stelle küssen …
Sie hat sich in der Zwischenzeit umgezogen. Man muss zugeben, dass die schwarze Cordhose und das weiße Männerhemd ihr bedeutend besser stehen als der blaue Rock und der viel zu weite Pullover von heute Nachmittag. Ihre dichten, braunen Haare hat sie frech mit einem Kamm zur Seite gesteckt. Das Rot ihrer Lippen ist auch deutlich intensiver.
Was für eine Verwandlung …
Tanner nimmt dankend an und sie holt Teller und Besteck aus dem Schrank. Und? Für was haben Sie sich entschieden? Malaga oder Orangensaft?
Karl fragt das in die Stille der Küche. Alle drei lachen.
Tanner erzählt ihnen von Madame's wässrigem Geschäft und Honoré's Dicht- und Reimkunst. Diesmal lachen sie, bis die Tränen kommen, und reimen da weiter, wo Honoré aufgehört hatte …
Dann erzählt er ihnen von der gestrigen Begegnung am Friedhof und dass die Alte sich bei ihm bedanken wollte. Tanner sagt jetzt auch schon selbstverständlich die Alte.
Ob er denn sonst niemand gesehen habe, fragt Ruth und er antwortet wahrheitsgetreu mit Nein.
Ein zugesteckter Zettel ist ja noch kein Treffen …
Der Gemüsekuchen schmeckt ausgezeichnet. Ruth hat für den Kuchen den Rest von mittags geschickt verwertet. Das Gemüse hat sie mit einer Sauce aus Eiern, Sahne und Käse aufgefüllt und mit schwarzen Oliven bespickt. Mit Genuss nimmt Tanner den zarten Geschmack von Muskat und von trockenem Sherry wahr, mit dem sie die Füllung gewürzt hat. Und er würde seine Krawatte verwetten, die er schon auf dem Heimweg ausgezogen hatte, dass sie den Blätterteig selber gemacht hat. Mit ihren schönen Händen.
Wie sich ihre Haut wohl anfühlt?
Während er heißhungrig isst, meint Karl trocken, es sei auf jeden Fall besser, dass die einem etwas schuldig seien als umgekehrt.
Seinem Tonfall ist anzumerken, dass er aus schmerzvoller Erfahrung spricht.
Tanner hält es für ratsam, das Thema im Moment nicht zu vertiefen, und sagt leichthin, er hätte gesehen, dass sein Auto draußen immer noch alle viere von sich streckt. Der Garagist hätte wohl noch keine Zeit gehabt. Es sei aber egal.
Karl verdreht die Augen.
Auf den ist leider kein Verlass! Ich werde ihn Montag früh gleich nochmals anrufen und ihm Feuer unterm Hintern machen.
Sie können gerne unser Auto ausleihen, falls Sie morgen ein Auto brauchen, Simon. Das wäre kein Problem.
Karl nickt beipflichtend und Tanner bedankt sich artig, versichert ihnen aber, dass er morgen nicht wegfahren müsse. Morgen sei ja Sonntag.
So kann der Mensch sich irren …
Tanner ist mit dem Essen fertig. Karl erhebt sich.
Ich muss mich um die werdende Mutter kümmern. Wenn Sie mich begleiten, stelle ich Sie Laura als zukünftigen Paten ihrer Tochter vor.
Tanner blickt fragend zu Ruth. Sie antwortet sehr schnell. Ohne seinem Blick zu begegnen.
Gehen Sie nur mit, Simon. Ich wasche noch das Geschirr ab, dann gehe ich sowieso ins Bett. Ich lese gerade ein sehr spannendes Buch.
Bevor er antworten kann, nimmt Karl eine Flasche und zwei Gläser aus dem Schrank. Er hat das Gefühl, Karl möchte nicht, dass Ruth mit ihm weiter über den Besuch bei der Alten spricht. Er fügt sich in sein Schicksal, obwohl er nichts dagegen einzuwenden gehabt hätte, noch ein wenig mit Ruth über den Finidori Clan zu plaudern.
Auch hätte er gerne, quasi als Dessert, noch mal ihren Vanille- und Zitronenduft geschnuppert. Ohne sich die Hand zu reichen, verabschieden sie sich. Sie schaut ihn nur flüchtig an.
Draußen im Gang schubst der große Hund seine feuchte Nase in die Hand von Tanner. Er erschrickt zuerst, dann streichelt er ihn zwischen den Ohren.
Er mag Sie, Simon, meint Karl gut gelaunt.
Er heißt Sabatschka. Das ist russisch. Und heißt Hündchen. Meine Frau hatte damals einen russischen Film gesehen. Mit einem Hund, der so hieß. Ich habe den Film nicht gesehen.
Aber ich habe den Film gesehen, denkt sich Tanner. Sieh einer an.
Ruth schaut sich russische Filme an.
Als Ruth den Film gesehen hat, war der Hund noch ein winziger Wollknäuel. Jetzt ist er halt gewachsen, aber der Name ist ihm geblieben. Zum Glück weiß er nicht, was der Name bedeutet, sonst wäre er beleidigt, sagt Karl lachend und sie gehen gemeinsam aus dem Haus.
Sabatschka. Leise murmelt Tanner den Namen vor sich hin.
Draußen bläst der Wind. Die Brise hat wieder aufgefrischt. Im Stall brennt eine nackte Glühbirne. Tanner muss sich zuerst an den scharfen Geruch der Kühe gewöhnen. Zum Glück ist es herrlich warm. Ein Aufenthalt pro Tag im Kühlraum reicht ihm für einen gewöhnlichen Samstag. Viele große Augen schauen ihn an. Nur eine Kuh, ganz hinten im Stall, liegt abgewandt. Tanner vermutet, dass das die werdende Mutter ist. Sie hat andere Interessen,als die beiden Männer anzuglotzen.
Das dahinten sei seine Laura, bestätigt Karl in diesem Moment seine Vermutung. Die meisten Kühe stehen noch, nur Laura liegt im frischen Stroh. Alle kauen gleichgültig mit mahlenden Geräuschen vor sich hin.
Karl besitzt dreizehn schwarzweiße Kühe, mit schön geformten Hörnern. Jede Kuh hat in beiden Ohren gelbe Plastikmarken mit einem Code drauf.
Eine Kuh ohne Hörner ist für mich keine Kuh. Ich bin da altmodisch. Bei mir im Stall hat sich noch keine Kuh verletzt. Voller Stolz redet Karl über seine Kühe.
Das ist doch, äh … ja, wie wenn du einer Frau die Haare glatt abrasierst. Ihr ganzer Stolz ist hin. Jawohl. Setzen Sie sich, Simon, bitte.
So viele Worte auf einmal hat Tanner den ganzen Tag von Karl nicht gehört.
Der Stall öffnet sich hinten nach links in einen kleinen Nebenstall, in dem Strohballen bis unter die Holzdecke gestapelt sind und wo, in seinem rückwärtigen Teil, abgetrennt durch ein abgeschabtes Holzgitter, zwei kleine Kälber breitbeinig dastehen und die beiden Männer neugierig beäugen.
Karl wirft drei Strohballen geschickt zu einer kleinen, improvisierten Sitzgruppe zusammen, legt auf den mittleren Ballen ein kleines Brett, worauf er Flasche und Gläser stellt. Er wiederholt noch einmal seine Aufforderung und sie setzen sich.
Vor den Ballenstapeln steht ein zusammenklappbares Bett, mit einem weißen Kissen und einer Wolldecke. Karl bemerkt Tanners Blick.
Ja, ja, vielleicht muss ich heute im Stall übernachten. Es ist ihr erstes Kalb.
Es ist sehr still im Stall. Manchmal hört man das Stroh rascheln.
Dann und wann reibt eine Kuh ihren Kopf an einem Balken. Und das gleichmäßige Geräusch des Wiederkäuens.
Tanner hat das Gefühl, er sitze mitten in einem warmen Bauch.
Lauter Verdauungsgeräusche.
Meistens träume ich hier ganz besondere Träume!
Das Wort besondere dehnt Karl genüsslich und lachend schenkt er ein. Sie prosten sich zu, auch in Richtung Laura.
Auf eine glückliche Niederkunft und auf dass wir heute Nacht ganz besondere Träume haben!
Irgendeiner der gelangweilten Götter muss Tanner in diesem Moment ausnahmsweise zugehört haben …
Der selbst gebrannte Apfelschnaps rinnt warm durch die Kehle. Karl schenkt nach und schweigend trinken sie, beobachtet von den Kühen.
Wenn es dir recht ist, sagen wir uns du! Was meinst du, Simon? Tanner ist einverstanden und zum dritten Mal schenkt Karl ein. Lange spricht keiner. Der Schnaps und die Wärme im Stall machen Tanner ganz schläfrig. Karl stiert in sein Glas.
Du, äh … Simon. Ich wollte vorhin nicht länger über deinen Besuch auf dem Mondhof sprechen!
Pause. Trinken.
Ruth regt sich dabei immer fürchterlich auf!
Interessant, denkt Tanner einmal mehr. Hat nicht Ruth dasselbe über ihren Mann gesagt?
Du warst mit Raoul befreundet, oder?
Aha, dann hat dir Ruth also doch schon erzählt, stellt Karl fest und trinkt mit einem schweren Seufzer sein Glas leer.
Tanner behält sein Glas in der Hand. Karl würde es sofort wieder nachfüllen und er will einen klaren Kopf behalten.
Ja, Raoul und ich waren befreundet. Er war eigentlich kein Bauer. Vom äh … Typ her. Verstehst du, Simon.
Tanner nickt. Und wartet. Karl will erzählen, kommt aber nicht so richtig in Fahrt. Oder fehlen ihm die Worte?
Damals war ja Auguste in Afrika und es blieb ihm nichts anderes übrig. Der große Hof und so weiter.
Karl schenkt sich wieder ein.
Er hat Orgel gespielt in der Kirche. Medizin hat er zu studieren angefangen. Dann hat ihn die Alte zurück auf den Hof gezwungen. Er war ein Träumer und nicht geschaffen …
Karl setzt den Satz gestisch fort. Zeigt auf die Kühe. Meint den ganzen Hof und die harte Arbeit.
Karl beißt sich zwischen den Sätzen immer wieder auf die Zunge. Jetzt räuspert er sich. Gibt sich einen Ruck.
Als sein Bruder zurückkehrte, was alle überrascht hat, fingen die Probleme erst an. Die beiden Brüder haben sich äh … sofort zerstritten und Raoul wurde hm … niedergeschlagen. Also, äh … seelisch. Er war in ärztlicher Behandlung. Ruth und ich haben ihm damals geholfen, wo es ging. Er war natürlich oft hier und am Anfang hat er noch viel erzählt von seinen Problemen mit Auguste. Aber mit der Zeit wurde er immer schweigsamer.
Karl hat unterdessen sein Glas auf das Brett gestellt. Er spaltet jetzt Strohhalme. Offensichtlich hilft es ihm, sich zu konzentrieren.
Er kam zwar immer noch zu uns zum Essen. Oder auf ein Glas Wein. Hat aber oft kein einziges Wort gesprochen und ging wieder nach ein, zwei Stunden. Regelrecht unheimlich ist sein Schweigen gewesen!
Ist es die Wärme und Stille des Stalles oder der Schnaps, der ihm jetzt immer mehr die Zunge löste? Tanner nickt nur und wartet, bis Karl weitererzählt.
Als dann seine Frau Selbstmord begangen hat, hörten seine Besuche bei uns auf. Wir haben ihn zum letzten Mal an dem Grab gesehen. Wir haben ihn besuchen wollen oder haben telefoniert. Aber immer hieß es, er wolle niemanden sehen und er sei krank. Er war zu der Zeit auch öfters auf Reisen. Hieß es. Manchmal war er drei Wochen lang weg.
Karl zuckt mit der Achsel, schenkt sich ein und trinkt.
Die Tochter war damals gerade zehn Jahre alt. Das Mädchen war oft hier. Bei Ruth. Wir haben sie sehr gerne.
Karl hält inne, als ob er in der Ferne etwas hören würde. Eine Kuh hustet heiser.
Eines Tages kommt Auguste hier vorbei und teilt uns mit, dass sein Bruder über Nacht den Hof verlassen habe. Seine Tochter habe er zurückgelassen und ziemlich viel Geld sei auch verschwunden. Raoul war regelrecht wie vom Erdboden verschwunden und niemand wusste, wo er hingegangen sein könnte.
An dieser Stelle zögert Karl.
Die äh … Polizei vermutete damals, dass er vielleicht auch Selbstmord begangen haben könnte, wie seine Frau, denn es war ja allerorts bekannt. Das mit seiner Niedergeschlagenheit.
Jetzt blickt Karl Tanner direkt in die Augen.
Wir kannten Raoul besser. Das alles passte überhaupt nicht zu ihm.
Karl schweigt und starrt in sein leeres Glas.
Vor allem, dass er Rosalind einfach so zurückgelassen hatte, das konnte einfach nicht sein. Das war unbegreiflich. Ruth und ich haben damals keine Nacht mehr geschlafen.
Karl wischt sich irgendwas aus den Augen und stellt das Glas auf das Brett zurück.
Tanner möchte seine Hand auf Karls Arm legen, tut es dann aber doch nicht. Sagt auch nichts und denkt nur an das weinende Mädchen, das er gestern kurz gesehen hat. Und an die Musik, die er heute gehört hat.
Das Medaillon! Er hat immer noch nicht das Medaillon geöffnet, fällt Tanner jetzt ein.
Karl spricht weiter. Aber er hat sich noch nicht wieder gefangen. Die Polizei suchte die ganze Umgebung ab, hat aber keine Spur gefunden. Es war unbegreiflich, aber niemand hatte ihn gesehen! Karl schnäuzt sich.
Drei Wochen später taucht plötzlich ein Brief auf. Aus Australien. Raoul schreibt darin, dass er es nicht mehr ausgehalten habe und dass seine einzige Chance zum Überleben sei, ein vollständig neues Leben anzufangen.
Karl schließt die Augen und es ist offensichtlich, dass er den Brieftext auswendig kann. Zwischen den Sätzen atmet Karl schwer.
Weit weg von allem und weit weg von allen. Auch von seinem Kind. Er bitte alle um Verzeihung. Verständnis könne er keines erwarten. Er müsse sein ganzes bisheriges Leben aus seinem Herzen und aus seinem Körper reißen und er bitte alle, die ihn kennen, ihn zu vergessen. Punkt! Das war's!
Karl öffnet wieder die Augen.
Der Brief wurde nicht, äh … wie sagt man? Angezweifelt. Die haben die Schrift geprüft. Irgendwie.
Und jetzt lacht Karl. Aber es ist kein heiteres Lachen.
Auguste verzichtete großzügig auf eine Anklage wegen des Geldes. Ja, ja! Und der Einfluss der Familie in dieser Gegend war groß genug, so dass keine weiteren Fragen gestellt wurden. Das Kind war ja gut versorgt bei der Familie von Auguste und der Alten. Zumindest materiell. So! Das war's. Aus! Aus die Maus!
Ein letztes gequältes Lachen von Karl beendete seinen Bericht.
Tanner holt das Medaillon aus seiner Jackentasche und hält es Karl unter die Nase.
Woher hast du das?
Hastig greift Karl nach der Kette.
Die Kette gehört doch Rosalind. Nach dem Tod von Lilly hat Rosalind das Medaillon bekommen.
Deswegen ein anderer eingravierter Buchstabe als auf der Reitgerte.
Tanner gesteht ihm, dass er vorhin in der Küche nicht alles erzählt habe und dass er die Reitpeitsche und das Medaillon neben dem Friedhof gefunden habe.
Karl versucht das Medaillon zu öffnen, aber es gelingt ihm auch nicht. Er holt aus seiner Tasche ein Klappmesser und vorsichtig setzt er die Spitze an. Mit einem leisen Klick springt das Medaillon auf. Ein winziges, zusammengefaltetes Stück Papier fällt aus dem Medaillon. Tanner hebt es vom Boden auf.
Schau, Simon, das sind Lilly und Raoul.
Man sieht zwei blass gewordene Minifotografien. Tanner steht auf und geht in die Nähe der Glühbirne. Zwei schmale, ebenmäßige Gesichter blicken ihn sehr ernst an.
Die sehen ja aus wie Zwillinge, sagt Tanner überrascht.
Das stimmt. Karl lächelt, er ist ihm zum Licht gefolgt.
Manchmal haben sie sich einen Spaß draus gemacht, sich als Bruder und Schwester ausgegeben. Und es hat immer funktioniert.
Raoul sieht auf dem Foto tatsächlich aus wie ein russischer Intellektueller. Und sie könnte ohne weiteres beim Bolschoi-Ballett engagiert gewesen sein.
Weißt du, wie sie sich kennen gelernt haben? Sie gingen beide in das gleiche Gymnasium in der Hauptstadt. Zwar nicht in die gleiche Klasse, aber sie haben beide in der Theatergruppe der Schule mitgemacht und haben in einem Stück von, äh …
… von Shakespeare gespielt, und zwar: Wie es Euch gefällt, oder? Wieso weißt du das? Karl ist verdutzt.
Ich vermute es nur. Wegen dem Namen, den sie ihrer Tochter gegeben haben, antwortet Tanner.
Genau! Lilly hat die Rosalind gespielt und Raoul …
… den Jaques, ergänzt Tanner vorlaut. Karl nickt anerkennend.
Es ist mein Lieblingsstück von meinem Lieblingsautor, gesteht Tanner. Ich habe früher auch leidenschaftlich gerne Theater gespielt!
Karl habe nur dieses Stück gesehen, sonst kenne er leider nichts von diesem Dichter. Er sei damals bei der Première gewesen. Ein großer Erfolg für die beiden. Sie hätten später noch oft davon gesprochen.
Tanner gibt Karl das Medaillon zurück und entfaltet den kleinen Fetzen Papier, der vorher aus dem Medaillon gefallen war.
Darauf ist eine Briefmarke und noch schwach erkennbar ein Teil eines Poststempels. Die Briefmarke ist offensichtlich von einem Briefumschlag abgerissen worden.
Tanner hält die Briefmarke noch einmal unter das Licht und erkennt auf der blassbläulichen Briefmarke ein Muster mit merkwürdigen Zeichen.
Ich wette, dass das eine australische Briefmarke ist. Ich glaube, dass diese Zeichen aus der Bildwelt der Aborigines stammen, Karl! Verstehst du! Die Ureinwohner Australiens.
Er gibt das Papier Karl, der damit ganz nahe an das Licht geht.
Wenn du Recht hast, Simon, stammt diese Briefmarke von dem Brief, den Raoul damals geschickt hat. Warum sonst trägt das Kind so einen Fetzen Papier im Medaillon, zwischen den Fotos seiner verstorbenen Mutter und seines verschollenen Vaters?
Ich werde Rosalind einfach danach fragen, wenn ich sie morgen sehe!
Du siehst sie morgen? Karl ruft es ganz erstaunt.
Jetzt erzählt Tanner ihm in Gottes Namen den Rest seiner Geschichte und entschuldigt sich bei ihm, dass er ihm das nicht gleich gesagt hat.
Aber schließlich hätte er bis gerade eben keine Zusammenhänge gewusst.
Karl versteht, macht aber ein sorgenvolles Gesicht.
Versprichst du mir, dass das vorläufig unter uns bleibt?
Tanner nickt und jetzt wird Karl ganz ernst.
Schwöre bei dem Leben, das heute Nacht in diesem Stall auf die Welt kommt, dass das unter uns beiden bleibt. Ruth hat unter dieser Sache lange genug gelitten.
Tanner schwört es selbstverständlich auf der Stelle und steckt das Papier in das Medaillon, bevor er es wieder verschließt.
Laura, die werdende Mutter, rührt sich. Karl geht zu ihr. Spricht zärtlich einige beruhigende Worte und streicht mit seinen Händen über ihren dicken Bauch. Laura beruhigt sich sofort unter seiner Berührung.
Seine rauen Hände … ganz sanft.
Jetzt trinken wir noch ein Glas, dann gehst du am besten ins Bett und ich lege mich hier auf mein schmales Lager und warte, bis es Madame gefällt, endlich niederzukommen.
Karl hat wieder zu seinem Humor zurückgefunden. Er wünscht Tanner eine gute Nacht. Tanner ihm und seiner Laura eine gute Geburt und verlässt den Stall.
Draußen ist es jetzt empfindlich kalt. Der Himmel ist voller Sterne. Tanner glaubt einen schnell vorüberziehenden Satelliten zu sehen.
Gute Reise, sagt er leise in seine Richtung und schon ist er wieder verschwunden.
Vielleicht war es auch nur ein hoch fliegendes Flugzeug, das ans andere Ende der Welt fliegt. Vielleicht nach Australien.
Tanner schaut zu Boden und erinnert sich an den Plan, vielmehr an die leidenschaftliche Idee aus seiner Kindheit, ein Loch durch die Erde zu bohren, um den Kängurus guten Tag sagen zu können.
Er verschiebt einmal mehr die Ausführung dieses Plans und geht die Außentreppe zu seinem Zimmer hoch.
Er hat nicht erwartet, dass noch Licht in der Küche brennt, aber enttäuscht ist er trotzdem. Auch Rosalind wartet nicht auf ihn. Wahrscheinlich hat sie Besseres zu tun, als einem allein stehenden Zimmerherr ein vielstrophiges Schlaflied zu singen.
Auf dem Display seines Telefons, das er heute Nachmittag in seinem Zimmer vergessen hat, ist eine Kurznachricht angezeigt. Er ruft die Combox an und freut sich, von ihr zu hören.
Wenigstens haben mich noch nicht alle Frauen vergessen, stöhnt er selbstironisch in Richtung von Leonor Finis Mädchenporträt, das auf dem Tisch liegt.
Hallo! Hallo, mein liiiiiiieber Tanner. Wenn sie gut gelaunt ist, nennt sie ihn Tanner, und wenn sie etwas von ihm will, wird das i in lieber auf mindestens sieben i ausgedehnt. Also Vorsicht, Tanner!
Bist du gut angekommen in deiner neuen Bleibe? Sind die Leute nett? Aber das kannst du mir ja morgen erzählen. Stell dir vor, wir fliegen morgen ganz früh mit der Compagnie von Stuttgart weg und haben eine Zwischenlandung in der Weltstadt, mit ungefähr einer Stunde Aufenthalt. Und es wäre sehr liiiiiiieb, wenn wir uns da treffen könnten. Das ist ja nicht weit weg von dir, und mit deinem schnellen Ford. Also, ich freue mich auf morgen. Ankomme zehnuhrsieben in. Jetzt geht Entchen schlafen … quak … quak … gähn … Entchen mut früh aufstehen morgen … quak … quak.
Tanner setzt sich aufs Bett und drückt die Wiederholungstaste. Dann beginnt Tanner nachzurechnen.
Ungefähr zwei Stunden bis Zürich! Und das nennt sie nicht weit! Denn er kennt Karls Auto nicht, dann noch den ewig verstopften Weg von Zürich zum Flughafen. Also: Um sieben Uhr aufstehen und gleich wegfahren. Und vor allem: Keine himmlisch duftende Röschti um acht Uhr! Vielleicht gibt's am Sonntag keine. Dafür frischen nach Hefe duftenden Zopf …
Aber da gibt es sowieso kein Abwägen von irgendwas.
Der Tanner fährt und der Tanner freut sich auch noch. Also ruft er am besten den telefonischen Weckdienst an und bestellt ein freundliches Wecken um sieben Uhr in der Frühe. Brav, Tanner, brav!
Er zieht sich aus, duscht ausgiebig und geht bewaffnet mit Medaillon, Messer und einer Lupe ins Bett. Da ist es allerdings zu dunkel und er muss sich direkt unter die Zimmerlampe stellen.
Mithilfe der Lupe erkennt man ganz deutlich die Jahreszahl des Poststempels.
Der Rest ist praktisch bis zur Unleserlichkeit verblasst. Er glaubt vor der Jahreszahl noch eine Fünf zu erkennen. Es könnte auch eine Sieben sein. Unter den Zahlen sind gewellte Linien. Wie abstrakte Meereswellen. Und der Teil eines Wortes, so etwas wie ace …. ace?
Welches Wort könnte das sein? Vielleicht Peace? Grace?
Da ihm im Moment nichts einfällt, legt er alles beiseite, löscht das Licht und versucht zu schlafen! Das heißt, er versucht dieser Glühbirnenfabrik in seinem Schädel den Strom abzudrehen.
Genau in dem Moment, als es ihm gelingt, die letzte Lichtquelle in der Fabrik zu löschen, geht leise die Tür auf und Honoré la boule macht einmal mehr sein Pst und will ihn wahrscheinlich an seiner kleinen Hand ins Land der Alpträume entführen.
Bitte, Zwerg, lass mich schlafen, ich muss morgen früh in die weite Welt!
Tanner seufzt und dreht sich auf die Seite.
Er hört ein leises Rascheln, wie Seide. Sein Herz macht einen Riesensprung.
Ein Etwas hebt die Decke. Ein glühend heißer Körper drängt sich ganz eng an ihn.
Pst! Simon! Ich bin es, Ruth!
Ihre Hand fährt sanft über sein Gesicht. Sie sind beide stumm.
Die Heftigkeit der Spannung, die wie aus dem Nichts in das kleine Zimmer eingebrochen ist, lässt ihre Herzen, wie toll geworden, tanzen.
Finger ertasten seine Lippen. Begehren Einlass. Sein Mund öffnet sich.
Wer gab ihm den Befehl?
Er beißt in ihren Finger! Er riecht Vanille und Zitrone. Er spürt, wie ihre Brustwarzen an seinem Rücken hart werden. Ihre Beine umklammern seine Beine.
Rasieren Bäuerinnen ihre Beine?
Seine Zähne entlassen ihren Finger und ihre Hand streicht über seinen Hals … über seine Brust … seinen Bauch. Sie greift zielstrebig zwischen seine Beine. Nach dem zu lange nicht mehr Berührten. Sie hält ihn fest, als würde sie ihn nie wieder loslassen.
Wenn du ihn noch länger hältst, spritze ich!
Als ob er es laut gesagt hätte, lässt sie ihn los. Er bereut sofort.
Sie streichelt seine Eier. Noch schlimmer.
Er spürt ihren Mund an seinem Hals.
Und was ist mit Karl? Sein letzter klarer Gedanke.
Dann dreht er sich zu ihr. Tief seufzend.
Er greift nach ihren Brüsten. Reibt ihre Brustspitzen zwischen seinen Fingern. Zieht sie und drückt sie zwischen seinen Fingerkuppen. Dann nimmt er sie in seinen Mund. Eine nach der anderen. Und dann wieder die andere.
Er küsst sie, bis sie wieder weich sind und Ruth aus ihrem tiefsten Innen keucht. Ihre Münder finden sich. Dann finden sich auch die Zungen.
Sie legt seine Hand zwischen ihre Beine. Er überlässt sich ganz ihrer Führung. Doch sie erlaubt seiner zitternden Hand nur kurz, die pochende Hitze zu liebkosen. Ihr Pelz wie nasses Seegras. Dann schiebt sie sich drängend unter ihn. Spreizt ihre Beine. Ihre starken Hände greifen sich fordernd seinen Hintern. Er gleitet langsam in sie hinein. Sie dringt mit ihrem Finger tief in seinen Arsch und etwas lang Verschlossenes holt Anlauf.
Er spritzt. Spritzt und stößt ganz in sie hinein.
Sie bäumt sich auf und ihre Nägel pflügen seinen Rücken. Als wär's ein Acker.
Sie schreien stumm ihre Leben in den anderen Körper hinein und sie kommt wieder und es hört nicht auf.
Wir haben uns ja gar nicht bewegt!
Dann explodiert etwas in seinem Kopf. Oder ist es in seiner Brust?
Er stammelt Sabatschka und wieder Sabatschka, und noch einmal Sabatschka!
Bis sie ruhig werden und er weint. Oder weint sie?
Und noch immer sieht er sie nicht!
Er hält ihre Brüste mit beiden Händen fest, als würden sie ihn ab jetzt vor der Welt retten.
Er spürt ihr pochendes Herz. Oder ist es seins?
Sie streichelt seinen wunden Rücken und flüstert ganz leise, ganz schnell in sein Ohr.
Ich liebe meinen Mann, aber es musste sein! Ich weiß nicht, wieso. Ich konnte mich nicht wehren. Bitte verzeih mir!
Was soll ich denn um Himmels willen verzeihen?
Bitte, sei mir nicht böse, du hast mich gezogen, du Böser, du Lieber, du Fremder … wieso bist du gekommen … es wird nie wieder vorkommen.
Der Rest geht unter in ihrem Keuchen.
Sie löst sich von ihm und nimmt seinen Schwanz in den Mund. Eigentlich will er sagen, dass sie ein wenig warten soll.
Sie saugt und saugt …
Den Samen aus seinen Lenden, aus seinem Bauch, in ihren Mund.
Er will schreien.
Noch immer hält er ihre Brüste in seinen Händen. Er wiegt zwei nasse, schwere Vögel jetzt, zitternd.
Er sucht mit seinen Händen ihr weit geöffnetes Geschlecht.
Diesmal erlaubt Ruth die Berührung lange.
Und wieder suchen sich ihre Zungen.
Und wieder verschließt sieier ihm/ihr den Mund/Mund und es ist nur noch ein Atem. Eine Ewigkeit.
Nach tausendundeinem Augenblick hört es auf. Ganz langsam. Ganz sanft.
Sie steht auf und jetzt sieht er im Licht der Nacht ihren weißen, herrlichen Leib. Stumm steht sie so.
Und lange steht sie so. Dann macht sie ein letztes Mal ein stilles Pst.
Sie geht langsam in die Knie.
Sie nimmt ihr Hemd vom Boden.
Sie steht langsam auf.
Ihre Brüste wiegen sanft … ab und auf … auf und ab …
Bleib bei mir!
Sie geht nackt aus dem Zimmer. Lautlos.
Draußen auf dem Hof schreit Karl betrunken in die Stille der Nacht.
Es ist ein Mädchen. Ein Mädchen!
Tanner schließt seine Augen.
Kurz bevor er in einen fensterlosen, tiefen Raum fällt, hört er die Falsettstimme von Honoré.
Müde bin ich, geh zur Ruh. Danke, lieber Gott! Und mach die Türe zu …!
Fünf
Tanner trommelt ungeduldig auf das Steuerrad des weißen Opel Kombi, dem Auto von Karl und Ruth. Er steht seit einer Viertelstunde im Stau vor dem Tunnel, kurz vor der großen Stadt. Wahrscheinlich ein Unfall.
Mein Gott, ich komme zu spät! Wie ich das hasse! Sie hat nur eine Stunde Aufenthalt, Leute!
Keine Reaktion. Es ist bereits halb zehn.
Er lehnt sich zurück, schließt seine Augen und denkt an das zerwühlte Bett, in dem er heute früh um sieben von seinem Telefon geweckt worden ist. Er hat sich geduscht und frische Kleider angezogen. Auch die Krawatte. Schließlich hat seine Tänzerin sie ihm geschenkt.
Die Küche war leer. Weit und breit keine Ruth. Und das war gut so.
Tanner hat Karl in der Scheune bei der Arbeit gefunden und hat ihm erklärt, dass er überraschenderweise in die Weltstadt am See muss. Er hat ihm sofort den Schlüssel ausgehändigt, ohne weitere Fragen zu stellen. Sie haben auch sonst nichts gesprochen. Er hat ihm nur noch hinterhergerufen, er solle sich als Pate des frisch geborenen Kuhmädchens einen Namen mit L überlegen.
Wieso nicht Lilly?
Angesichts dieser Nacht wäre vielleicht Lilith angemessener, aber man sollte die beruflichen Zukunftsaussichten des kleinen Kalbes damit nicht belasten.
Wieso hat sich Lilly, die Frau von Raoul, wohl umgebracht? Vielleicht wird er mit Rosalind darüber reden können. Heute Abend um fünf Uhr. Was sie wohl von ihm will?
Plötzlich hupt es laut. Tanner öffnet die Augen. Die Autokolonne vor ihm ist bereits weitergefahren. Im Auto hinter ihm sitzt ein vor Zorn rot angelaufener Spießer, Marke Handelsvertreter. Tanner winkt fröhlich mit der Hand, dann legt er gemütlich den ersten Gang ein, streicht sich mit der rechten Hand durch seine strähnigen Haare und fährt betont langsam an.
Sei nicht kindisch, Tanner.
Er findet zum Glück auf Anhieb den Flughafenzubringer, stellt das Auto in eines der riesigen Parkhäuser und rennt durch die langen Gänge zur Ankunft Ausland. Auf den großen Schrifttafeln ist zu sehen, dass die Maschine zehn Minuten Verspätung hat.
Tanner erkundigt sich am Auskunftsschalter bei einer auf Hollywood geschminkten Blondine, wo er seine Transitpassagierin finden könnte.
Wo fliegt er denn anschließend hin, ihr Träääänsit, gurrt sie ihn an, als ob sie Kim Basinger in L.A. Confidential wäre.
Gute Frage! Weiß ich leider nicht, mimt er zerknirscht, ich weiß nur, dass mein Träääänsit aus Stuttgart kommt.
Okay, dann gehen Sie halt zum miiiiiting point in der Halle A, schmollt sie, weil er sie nachgeäfft hat und weil er offenbar immun ist gegen ihren implantierten Sexäppiiiiil in ihrer prallen Bluse.
Also trabt Tanner wieder durch lange Gänge und sucht den miiiiting point. An dem besagten Punkt stehen dicht gedrängt einige amerikanische Rucksäcke auf staksigen Beinen herum, die sich gerade fragen, warum sie ihr so schönes Amerika verlassen haben. Aber keine schlanke Tänzerin, weit und breit.
Gerade als er sich überlegt, ob er nicht doch Zigaretten kaufen soll, um für die Begegnung innerbetrieblich besser gerüstet zu sein, ruft's in seinem Rücken glockenhelle.
Hallo, Tannerli! Wer bin ich?
Zwei kühle, schmale Hände legen sich von hinten über seine Augen.
In dieser Stellung könnte er gut und gerne einige Jahre verbringen. Nichts mehr sehen müssen! Diesen schlanken Körper an seinem Rücken spüren und den schnellen Wortkaskaden ihres Mundes lauschen. Aber da nur wenig Zeit bleibt, dreht er sich um.
Na, wer wohl? Der Teufel in Engelsgestalt!
Ha, ha, sagt sie grantig.
Diese schnellen Brüche, die beherrscht sie.
Wollen wir einen Kaffee trinken, fragt er, ohne auf den Wechsel ihrer Laune einzugehen.
Hättest du das früher gekonnt, Tanner …
Wir könnten auch einfach hier auf einer Bank sitzen. Der Kaffee ist doch so schweineteuer in der Schweiz.
Für alle Spezialisten, sie ist Sternzeichen Jungfrau!
Nein, ich habe nur einen Witz gemacht. Komm, Simon, wir gehen an die Bar!
Und ohne seine Antwort abzuwarten, schleppt sie ihn lachend zur Bar.
Sie hat ihre neuen Stiefel an, von denen sie ihm letzthin am Telefon erzählt hat. Tagelange, qualvolle Entscheidungsnöte, dann endlich der erlösende Kauf. Dazu die schwarzen Hosen, die er so gerne an ihr mag, und ihre Wildlederjacke.
Sie setzen sich an die Bar. Sie bestellt eine heiße Schokolade, nicht ohne sich erst mit wissenschaftlicher Akribie zu vergewissern, dass die Schokolade ganz sicher mit Milch angerührt ist und nicht mit Wasser.
Wohin fliegt ihr eigentlich und warum so überraschend?
Wir springen für eine andere Compagnie an einem Festival in Sydney ein. Ich freue mich wahnsinnig darauf. Wir haben drei Aufführungen, bleiben aber ganze sieben Tage! Stell dir vor! Da kann ich auch meinen Onkel und meine Tante besuchen und da ist es sicher viel wärmer als hier. Ich wollte doch schon lange mal nach Australien. Und du? In der neuen Produktion tanze ich die Hauptrolle. Auf den Moment, da sie doch auch einmal Luft holen muss, wie alle Säugetiere an Land und im Wasser, lauert er.
Nach Australien! Das ist ja wunderschön, äh … ich freue mich für dich.
Das meint er auch wirklich.
Tanner weiß, wie gerne sie reist und wie mühevoll der Theateralltag in der schwäbischen Metropole für sie ist. Aber gleichzeitig kommt ihm, aus einem unbestimmten Gefühl heraus, eine Idee. Vielleicht, weil er das traurige Gesicht von Karl nicht vergessen kann, als der gestern vom Verschwinden seines Freundes Raoul erzählt hat.
Vielleicht, weil Tanner ein schlechtes Gewissen hat. Immerhin haben seine Frau und er gevögelt, während Karl im Stall Geburtshelfer spielte.
Hör mal, ich habe eine ganz wichtige Aufgabe für dich in Australien. Du musst dort drüben für mich etwas recherchieren.
Das Wort recherchieren wirft er als Köder aus, denn er weiß, wie gerne und wie begabt sie sich kniffligen Problemen widmet.
Aha, das klingt ja spannend, antwortet sie prompt und nimmt ihre heiße Schokolade in Angriff.
Dann erzähl doch mal, um was es geht, Simon.
Tanner erzählt ihr natürlich nur die für seine Absicht wichtigen Fakten aus der Geschichte von Karls Freund und dessen Verschwinden.
Er greift in seine Jacke und zeigt ihr die Briefmarke. Das Medaillon selbst behält er in seiner Hand.
Sie setzt diese ernste Miene auf und betrachtet eine Weile schweigend die Briefmarke.
Palace! Das Wort muss Palace heißen!.. .ace ist ein Teil des Wortes Palace. Das ist wahrscheinlich ein Hotel, das selber einen Hotel-stempel hat, eigens für die Post der Touristen, und es liegt sicher am Meer, wegen den stilisierten Wellen. Habe ich die Prüfung bestanden, Kommissar Tanner?
Er küsst sie auf beide Wangen. Wie ein Papa.
Was heißt bestanden! Du hast mir sehr geholfen.
Sie lacht.
Was? Darauf bist du selber gar nicht gekommen. Das war doch ganz einfach. Du lässt nach, Tannerli! Wie gut, dass du mich hast. Gib mir mal das Medaillon, bitte!
Sie nimmt es sich, bevor die Bitte ausgesprochen ist. Gottergeben wartet er auf die Frage, die da kommen wird wie das Amen in der Kirche.
Ist sie schön, diese Tochter von Raoul, diese Rosalind?
Volltreffer!
Und dann die kostbar einfühlsame Formulierung: Diese Rosalind!
Eifersüchtig?
Tanner fragt, weil ihm halt nichts Besseres in den Sinn kommt.
Aber ja. Und wie! Siehst du nicht, wie ich leide?
Sie kontert gewohnt cool und da ist es wieder, dieses glockenhelle Lachen …
Du änderst dich nie, Tanner. Und am Schluss bist du wieder der Dumme. Lass dir das gesagt sein. Von einer durch übermäßigen Schmerz vorzeitig weise gewordenen Jungfrau!
Meinen mylady jetzt das Tierzeichen Oder …?
Hör auf, Simon, du bist fad! Sag mir lieber, was ich tun soll, oder, wie du es etwas pompös nanntest: Was soll ich für dich recherchieren?
Da hast du deine psychologische Raffinesse, Tanner!
Sie leert ihre Tasse und holt sich den Rest der Schokolade mit dem Finger heraus.
Hat's dir die Sprache verschlagen? Oder was?
Nein, ich möchte nur untertänigst auch Schokolade von deinem Finger schlecken, flennt er in sich hinein.
Er reißt sich zusammen.
Also, wenn du eine Möglichkeit findest herauszukriegen, in welchem Hotel Raoul abgestiegen ist und … Moment mal! Hast du nicht mal erzählt, dass deine Tante irgendwie in einer Verwaltungsbehörde arbeitet. Vielleicht könnte sie herausfinden, wo Raoul Finidori jetzt lebt. Ob er überhaupt noch in Australien lebt und so. Natürlich war das Ganze ja vor etwa sieben Jahren, aber mit deiner Intelligenz, deinem Charme, deinem Aussehen …
Stop! Simon! Ich sage nur: Vorsicht! Verdirb nicht wieder ganz am Schluss unser Treffen!
Sie sagt das nicht unfreundlich. Ihm gefällt vor allem die Formulierung: Verdirb nicht wieder!
Jetzt schau nicht so traurig, Simon. Ach, was fang ich bloß mit dir an?
Sie guckt sich fragend in der Halle um, aber jeder der vorbeihastenden, Koffer schleppenden Zweibeiner ist genauso ratlos.
Hör mal!
Sie rückt näher und nimmt seine Hand. Er riecht ihr Parfum. Contradiction! Nomen est omen. Er muss es ja wissen, denn schließlich hat er es ihr geschenkt.
Ich muss jetzt zu meinem Flugzeug. Ich werde in Australien für dich tanzen und für dich recherchieren. Ist das ein Angebot? Ich danke dir, dass du den weiten Weg gemacht hast, um mich zu sehen. Und ich melde telefonisch, falls ich etwas rausfinde über deinen Raoul Finidori. Und pass auf dich auf.
Kuss links. Kuss rechts.
Er gibt ihr noch einen dritten Kuss, denn schließlich muss man immer schön die Landessitten achten.
Sie lässt sich vom Barhocker gleiten, dann dreht sie sich noch einmal zu ihm um.
Bist du verliebt?
Er schüttelt den Kopf.
Also, Ciao … duuu …!
Als sie schon einige Schritte gegangen ist, möchte er ihr am liebsten noch ein zärtliches quak hinterherschicken, wie sie es früher oft gemacht haben. Aber irgendwie hat es sich ausgequakt.
Und zu der Krawatte hat sie auch nichts gesagt, philosophiert er tiefsinnig vor sich hin.
Was wollen Sie noch? Ich habe Sie eben nicht richtig verstanden, bellt ihn der Kellner an.
Die Rechnung, faucht Tanner zurück.
Regel Nummer eins: Immer schön höflich bleiben!
Vor allem, wenn man seine Brieftasche zu Hause vergessen hat, wie Tanner just in diesem Moment bemerkt.
Nach einer Stunde zähen Verhandelns mit dem Kellner, mit dem Chef de Service und mit einer sauertöpfischen Geschäftsleiterin, unter Einmischung einer adretten Belgierin, die ihre Enkelkinder in der Weltstadt besucht hat, und eines besoffenen Primarlehrers aus der Hauptstadt, der auf dem Weg zu den kleinen Jungs in Nordafrika ist, wird er dann doch nicht standesrechtlich erschossen, wird auch nicht mit sofortiger Wirkung des Landes verwiesen, sondern man einigt sich auf eine Rechnung, zahlbar in zehn Tagen, zusätzlich einer Bearbeitungsgebühr.
Das macht dann zusammen zwanzig Fränkchli!
Die Schokolade und sein Bier kosten neun Franken!
Erschöpft sucht Tanner den Weg zurück zum Auto und macht sich auf eine zweite Verhandlungsrunde am Schalter des Parkhauses gefasst. Zum Letzten bereit, stürmt er grimmig zum Schalter, wo ihn ein junger, unrasierter Mann im Trainingsanzug lächelnd erwartet.
Ich habe mit voller Absicht meine Brieftasche zu Hause vergessen, damit ich mein Auto auf gar keinen Fall aus diesem Parkhaus herausbekomme, es gehört sowieso einem Freund und der möchte längst ein neues Auto. Hier ist mein Parkticket und jetzt verhaften Sie mich endlich.
Der Mann lächelt immer noch, greift unter seinen Tisch.
Jetzt holt er die Handschellen.
Er streckt ihm ein Formular unter die Nase und lacht.
Keinä Problema, gar keinä Problema. Du hier schraibe daine Namä und Strassä und du holän deinä coche.
Tanner unterschreibt verdattert den Wisch.
Es irrt der Mensch, solang er strebt! Tanner murmelt es vor sich hin, während er schreibt. Der junge Mann nimmt das Papier und lächelt verschmitzt.
Goethä? Odär?
Ja. Goethe. Und muchas gracias.
De nada. Choder …
Im Auto von Ruth und Karl riecht es nach Land und Stall. Tanner fühlt sich darin irgendwie zu Hause. Er fährt trotzdem nicht direkt auf die Autobahn, sondern gondelt unschlüssig Richtung Stadt. Er lässt sich, ohne ein Ziel zu haben, durch den Verkehr treiben. So im Sinne von: Ist die Spur nach links frei, fährt man nach links. Mit dieser Methode des geringsten Widerstandes landet er schließlich an einem Park am See und stellt das Auto auf einen Parkplatz.
Dem Parkautomaten beichtet er demütig seine missliche Lage und er bildet sich ein, dass der graue Automat leise keinä Problema flüstert. Wenn du wüsstest!
Tanner schlendert zum Ufer.
Kein Mensch ist zu sehen. Alle sind auf dem Weg nach Australien. Er versteht das sehr gut. Er möchte ja auch dorthin.
Das ist das nämliche Gefühl, das Tanner als Junge hatte: Die gesamte Menschheit aalt sich ausnahmslos im städtischen Gartenbad. Er alleine muss den mächtigen Haufen Abbruchholz, den sein Vater mittels seines Motorrads plus Anhänger, emsig wie eine motorisierte Ameise, in den Hinterhof ihres Hauses herankarrte, von Nägeln und anderen Eisenteilen befreien, zur Schonung der Säge, anschließend zersägen, von Hand, dann zerspalten und, sozusagen als Dessert, fein säuberlich im Keller nach genauen ästhetischen Vorschriften aufschichten.
Sein Vorgänger im Altertum hieß übrigens Herr Sisyphos.
Tanners Arbeit war tatsächlich keinen Deut sinnvoller. Als nämlich das Haus kurz darauf verkauft wurde, bauten die neuen Besitzer als Erstes sofort eine Zentralheizung ein und die ganze von ihm im Schweiße seines Angesichts und mit heißen Tränen der Ohnmacht aufgerichtete hölzerne Zikkurat wurde, ohne je seiner Bestimmung übergeben worden zu sein – er als Opfer und Priester in Personalunion – und ohne je in die Liste der Weltwunder aufgenommen zu werden, in der städtischen Kehrrichtverbrennung verbrannt.
Mein Gott, Tanner, anstatt knietief und voller Selbstmitleid in deiner Vergangenheit herumzuwaten, solltest du dir lieber mal überlegen, was du als Nächstes vorhast!
Er macht diese kleine, selbstkritische Anmerkung zu einer Möwe, die auf einem in den Seeboden gerammten Pfahl steht und ihm ängstlich zuhört. Erschreckt fliegt sie von dannen.
Apropos Möwe!
Tanner nestelt sein Telefon aus der Jacke und wählt die Nummer der Auskunft.
Während er auf die Verbindung wartet, setzt er sich auf eine Bank, gestiftet von der Ornithologischen Gesellschaft. Ein Penner hat seine halb volle Weinflasche unter der Bank vergessen. Vielleicht hat er gerade entdeckt, dass er im Lotto gewonnen hat. Warum sollte er sonst die Weinflasche stehen lassen?
Swisscom! Sie wünschen? Eine Frauenstimme plärrt in sein Ohr. Ich möchte bitte die Telefonnummer von einer Emma Goldfarb.
Mehr weiß ich leider nicht! Es knistert und rauscht im Hörer.
Tanner macht ein ebenso gespanntes Gesicht wie weiland Jodie Foster im Film Contact, wo sie vor den mächtigen Radioteleskopen auf irgendeinem südamerikanischen Hochland sitzt und sehnsüchtig auf eine Botschaft aus dem All wartet, denn gerade haben die Bösen ihre Forschungsgelder gestrichen …
Es gibt zwei Emma Goldfarb! Die eine ist Zahnärztin und bei der anderen steht gar nichts. Welche Nummer wollen Sie?
Er sollte zwar dringend wieder einmal zum Zahnarzt, aber nicht jetzt. Zudem ist heute Sonntag.
Können Sie mich gleich mit der verbinden, wo nichts steht?
Wieder Knistern und Rauschen.
Er sagt ein artiges Danke ins weite All und wartet.
Da ist Anna, wer bist du, meldet sich eine Mädchenstimme an seinem Ohr. Damals war Anna ja noch ganz klein.
Ich bin der Tanner. Bist du alleine zu Hause?
Das darf ich nie sagen am Telefon, wenn ich alleine zu Hause bin! Hat mir meine Mami gesagt!
Da hat deine Mami ganz Recht. Gehst du schon zur Schule, Anna? Was Intelligenteres fällt ihm auf Grund seines leeren Magens nicht ein.
Ja, ich gehe in die zweite Klasse. Wir sind die Bienen und die anderen sind die Mäuse. Ich fahre auch allein mit dem Tram in die Schule und zurück. Einmal war ein ganz lieber Tramchauffeur. Ich hatte nämlich kein Geld mehr. Und Mama hat vergessen, das neue Monatsabi zu kaufen. Ich hatte mir am Morgen ein Glassee gekauft.
Er wechselt das Ohr.
Also bin ich vorne zum Mann gegangen und habe ihm gesagt, ich hätte am Morgen aus Versehen ein Glassee gekauft anstatt ein Billiee. Und weißt du, was der Mann gesagt hat?
Ne, Anna! Keine Ahnung!
Wetten, sie durfte auch nicht auf den Schulausflug nach Australien …
Er hat gesagt … und alle haben gelacht in der Tram … wart mal … jetzt ist mir das Brot auf den Boden gefallen … raschel, raschel … Bist du noch da?
Er ist sicher, sie isst ein Nutella-Brot!
Der Mann hat gesagt: Kauf dir das nächste Mal aus Versehen ein Billiee und jetzt setz dich, ich muss losfahren.
Sie prustet lachend ins Telefon und Tanner wechselt erneut das Ohr.
Das ist aber ein ganz lieber Mann!
Und für einen Moment glauben beide an das Gute im Menschen. Anna, hat dir deine Mama eine Telefonnummer aufgeschrieben, wo man sie anrufen kann?
Und bitte, gib mir was von deinem Brot ab.
Ja, das hat sie.
Wieder beißt sie in ihr Brot.
Würdest du mir bitte die Nummer sagen?
Genüsslich kauend sagt sie die Nummer und zur Sicherheit bittet er sie, die Nummer zu wiederholen.
Vielen Dank, Anna, das war ein sehr schönes Gespräch. Vielleicht sehen wir uns mal. Aus Versehen! Ciao!
Sie prustet wieder los und bevor sie ihn bittet, ihr per Telefon die Hausaufgaben fürs Rechnen zu lösen, unterbricht er die Verbindung.
Staatsanwaltschaft Zürich. Goldfarb am Apparat!
Aha … Frau Staatsanwältin macht am Sonntag Überstunden! Das ist die fröhliche Stimme von Emma, die er nun seit mindestens vier Jahren nicht mehr gehört hat.
Sie ist eine dieser nicht ganz schlanken Frauen, in deren Armen man sofort vergisst, dass man unbedingt, immer schon, eine ganz schlanke Freundin wollte. Gleich wird ihre gute Laune ein jähes Ende finden …
Emma, du wirst es nicht glauben, hier ist der Tanner. Ich bin zurück aus Marokko und ich weiß, gleich wirst du sehr wütend sein. Und du wirst mit allem, was du mir sagen wirst, auf der ganzen Linie Recht haben, mehr als Recht, und ich bitte dich demütig um Vergebung, aber ich brauche dringend deine Hilfe!
Jetzt muss er Atem holen.
Das kann nicht sein! Bist du es wirklich, Simon?
Ein klitzekleines bisschen Freude glaubt er in ihrer Stimme zu hören, und schon packt ihn der Übermut.
Ne, ich bin bloß ein Namensvetter. Ich sitze auf einer Bank am See, die von der Ornithologischen Gesellschaft spendiert wurde. Ich bin hicks … ein Penner, hicks … meine Weinflasche ist nur noch halb voll und ups … ich bitte rülps … Entschuldigung! … um eine milde Gabe.
Jetzt ist erst mal Stille im Äther und Tanner befürchtet schon, sie habe aufgelegt.
Du bist ein Arschloch! Lass mich in Frieden! Ich möchte nichts mehr mit dir zu tun haben! Ist das klar?
Jetzt ist die Reihe an ihm zu schweigen.
Hast du etwa mit Anna telefoniert? Ja, natürlich! Woher hast du sonst die Nummer bekommen. Sie schnaubt wütend ins Telefon. Deine Anna fand mich, glaube ich, sehr nett. Wir hatten ein sehr schönes Telefongespräch. Auch hat sie mir ein kleines Geheimnis anvertraut.
Der Köder ist ausgeworfen.
So, so! Ein Geheimnis hat sie dir erzählt. Das war ja schon immer deine Stärke, den Frauen Geheimnisse aus der Nase zu ziehen.
Warum nennst du nicht auch noch andere Körperöffnungen, Emmalein? Gerade noch rechtzeitig kann er diese Bemerkung runterschlucken.
In Marokko hat's wohl nicht so funktioniert, gell, Tanner. Da hast du ja ein schönes Debakel veranstaltet, wie man hört.
Im Flug abgeschossen! Das konnte sie schon immer gut, deswegen ist sie ja Staatsanwältin geworden.
Okay, Emma, du hast gewonnen. Ich liege am Boden. Die Möwen hier am See zählen mich schon aus.
Wieder Schweigen.
Was hat dir Anna erzählt?
Also doch angebissen …
Das erzähle ich dir auf meiner ornithologischen Couch, wenn du dich aufs Pferd schwingst und hierher galoppierst. Bitte! Ich brauche dringend deine Hilfe. Und um was es geht, das kann ich dir nicht am Telefon sagen. Bitte! Heute ist ja Sonntag!
Schweigen.
Ich weiß wirklich nicht, warum ich das tue. Wo genau bist du denn?
Tanner gibt ihr die Koordinaten seiner Parkbank durch, legt sich der Länge nach hin und lässt sein Gesicht von der Frühlingssonne bescheinen.
Über sich sieht er am blauen Himmel die Kondensstreifen zweier hoch fliegender Flugzeuge. Die Flugzeuge selber sind kaum zu erkennen. Zwei Stecknadelköpfe, die aufeinander zurasen.
Ob die Piloten einander sehen? Ob die Prima Ballerina schon in der Luft ist? Zwei äußerlich verschiedenere Frauen, abgesehen vom Altersunterschied, als sie und Emma kann man sich kaum denken. Die Tänzerin mit ihrer durchtrainierten Schlankheit und die Rubensfrau, mit ihrer temperamentvollen Weichheit. Einen scharfen Verstand haben sie beide. Und überhaupt, so im Direktvergleich, haben beide viel Gemeinsames. Beide haben klare Prinzipien … ganz im Gegenteil zu dir, Tanner … und können diese, wenn es sein muss, vehement und lustvoll verteidigen. Beide stehen mit ihren Beinen auf dem Boden der Realität, die eine halt mit etwas schlankeren Beinen.
Debakel hat sie meine Arbeit in Marokko genannt! Die Wahrheit ist es ja, aber muss man das so direkt aussprechen, sagt er zum Himmel über sich.
Den Himmel von Marokko, den vermisst er. Die unglaubliche Weite. Die Farben. Die Gerüche im Basar. Die kühlen, farbigen Bodenfliesen in seinem Haus in Rabat.
Die Einladung der marokkanischen Regierung, beim Aufbau eines Büros für internationale polizeiliche Zusammenarbeit mitzuwirken, war damals zu verlockend für ihn gewesen. Er hatte von seiner Arbeit in der Abteilung für internationale Zusammenarbeit gegen Geldwäsche und Drogen die Nase voll.
Er war es leid, gegen die Übermacht der Großbanken, mit all ihren Verflechtungen des Großkapitals und der Politik, ständig den Kürzeren zu ziehen, zumal er sich mit seiner Sturheit in vielen Kreisen unbeliebt gemacht hatte. Deswegen hat er, ohne lange zu überlegen, die Chance ergriffen, um dem ganzen Mief zu entfliehen. Viele haben ihm sicher nicht nachgeweint.
Ob Emma geweint hat?
Entschuldigung! Die Bank ist nicht zum Liegen. Die Bank ist zum Sitzen und ich sitze jeden Nachmittag auf dieser Bank!
Eine kleine Mager süchtige mit rotem Kopftuch und in jeder Hand zwei prall gefüllte Einkaufstaschen steht vor ihm. Er erhebt sich und bietet ihr großzügig den Ostteil seiner Behausung an.
Danke, junger Mann, sagt sie streng und stellt seufzend ihre Taschen ab.
Aus der einen holt sie einen Lappen und wischt die Bank sauber. Und zwar da, wo Tanners Kopf lag, nicht die Füße. Dann entnimmt sie einer anderen Papiertasche ein geblümtes Kissen und legt es auf die Bank. Sie setzt sich ächzend auf das Kissen, streicht auf ihren Knien die nun leere Tragtasche glatt und faltet sie minutiös auf Briefumschlaggröße. Zwei der Taschen bleiben zu ihren Füßen und die dritte stellt sie, wahrscheinlich als Wiederaufbau der Mauer, exakt in die Mitte zwischen sich und Tanner.
Er kann es sich nicht verkneifen.
Man kann auch darauf liegen. Mit ihrem Kissen unter dem Kopf wäre es natürlich viel bequemer, Madame!
Als hätte er sie aufgefordert, sie solle doch einen Striptease auf der Bank machen, keift sie ihn an.
Wegen so Menschen wie Ihnen muss die Stadt für teures Steuergeld an den Bänken Spezialeinrichtungen machen, damit man nicht mehr liegen kann. Und die Flasche da unter der Bank, die lassen sie dann bitte schön nicht hier stehen, wenn Sie sie leer getrunken haben. Vorne am Parkplatz gibt es eine Tonne für Glasabfall.
Mit den Spezialeinrichtungen meint sie wohl die senkrecht angebrachten Bretterlehnen, mit denen die Bänke am Bahnhof der Weltstadt nachträglich ausgerüstet worden sind. Damit Penner wie Tanner, müde von der Qual ihres Lebens, sich nicht mehr hinlegen können. Eine, soweit er weiß, weltweit einzigartige Rettungsmaßnahme für die vom Aussterben bedrohte Sitzkultur. Um die Spießigkeit dieser Maßnahme zu kaschieren – die Wirkung ist natürlich das Gegenteil –, sind die extra angebrachten Zwischenlehnen aus hochpoliertem Mahagoni oder Teakholz.
Gnädige Frau, Sie wissen doch gewiss, dass Jesus, unser Heiland, gesagt hat: Was ihr dem Geringsten meiner Brüder tut, das tut ihr mir … oder so ähnlich!
Tanner sagt das mit der leidvollsten Miene, die er auf die Schnelle produzieren kann. Für einen Oscar hätte es sicher nicht gereicht, aber bei seiner Banknachbarin ist die Wirkung erstaunlich.
Junger Mann, Sie sollten nicht schon am Mittag von dem Teufelszeug da trinken. Hier! Nehmen Sie und gehen Sie was Anständiges essen.
Sie durchforstet eine ihrer Taschen, findet ein überdimensionales Portmonee, klaubt eine Zehnernote heraus und drückt sie ihm in die Hand.
Verlegen wehrt er ab und stammelt irgendwas, dass er ja nur Spaß gemacht habe.
Junger Mann, aber ich mache keinen Spaß. Sie nehmen jetzt das Geld und die Weinflasche, gießen den Wein in den See, bringen die Flasche in die Glastonne und gehen was Anständiges essen. Aber das Wegschütten des Weines will ich sehen!
Da er einsieht, dass jeder Widerstand zwecklos ist, tut er, wie ihm befohlen. Nicht ohne sich artig von der alten Frau zu verabschieden. Er hat allerdings vergessen zu fragen, wo man denn in dieser Stadt für zehn Franken etwas Anständiges zu essen kriegt!
Die jungen Leute von heute, hört man sie noch in seinem Rücken schimpfen. Von wegen jung …
Tanner schüttet den Wein in den See und schmeißt die Flasche in die Tonne beim Parkplatz.
In diesem Moment braust ein Austin Mini in die Einfahrt und er erkennt Emma sofort an ihrem exzellenten Rennfahrerstil. Er flitzt zu einem leeren Parkfeld, markiert den Parkplatzwächter und öffnet galant die Autotür.
Macht fünf Fränkchli die Stunde. Soll ihr fahrbarer Untersatz gewaschen werden, während sie ihr romantisches Stelldichein am See haben, Frau Oberstaatsanwältin?
Idiot! Und außerdem nur Staatsanwältin, schließlich bin ich ja nur eine Frau! Und wir sind immer noch in der Schweiz.
Tanner möchte sie zur Begrüßung umarmen, aber sie weicht geschickt aus.
Komm, wir gehen einen Kaffee trinken im Kasino.
Sie geht sofort los, ohne seine Antwort abzuwarten.
Ich lade dich ein, ruft er ihr hinterher und wedelt mit dem Zehner von der alten Frau in der Luft.
Als sie an einem Tisch am Fenster sitzen und ihren Kaffee vor sich stehen hat, beginnt Emma unangenehm genau zu formulieren.
Also, erstens habe sie ganz wenig Zeit. Zweitens habe sie keine Lust, gar keine, in alten Erinnerungen zu wühlen. Drittens solle er ihr einfach in knappen Worten sagen, bei was er ihre Hilfe braucht, und wenn sie ihm helfen könne, so helfe sie ihm. Und viertens: In dem Moment, wo er dieses Treffen zu irgendwas anderem missbrauche, würde sie sofort aufstehen und gehen. Ob er sie verstanden habe?
Jawohl, Euer Ehren, ich habe verstanden. Ich soll unter gar keinen Umständen sagen, dass ich mich freue, dich zu sehen, dass du unglaublich gut ausschaust, dass du abgenommen hast, außer da, wo es dir bei Höchststrafe verboten ist abzunehmen, und dass dir das ganz ausgezeichnet steht.
Bevor Emma protestieren kann, nimmt er ihre Hand und sagt nur einen Namen.
Finidori. Auguste Finidori.
Was soll mit ihm sein?
Sie sagt es mit hochgezogenen Augenbrauen. Dann antwortet sie aber.
Er war bis vor kurzem Nationalrat. Gehört dieser kuscheligen, rechten Familienpartei an und führt dort den Ganz-Rechts-Außen-Flügel an. Ich kenne ihn Gott sei Dank nicht persönlich und wüsste auch nicht, ob er schon irgendwann mit dem Gesetz in Berührung gekommen ist. Warum fragst du mich? Und was genau interessiert dich an ihm? Und wehe, du machst mir noch einmal ein Kompliment …!
Ich habe nichts Faktisches, ich habe nur so ein Gefühl …, versucht er auszuholen, aber sie unterbricht ihn sofort.
Ach, Tanner, du mit deinen Gefühlen! Wir wissen doch, wo dich das hinführt.
Gut! Du hast sicher Recht. Aber hör dir doch erst mal die Geschichte an! Bitte.
Er erzählt ihr in kurzen Zügen seine bisherigen Erlebnisse und Kenntnisse über den Finidori-Clan, über das Verschwinden von Raoul und jetzt formuliert er auch genau.
Ich möchte wissen, wo Auguste Finidori in Afrika war. Was er da getrieben hat und, das ist das Wichtigste: warum er zurückgekehrt ist. Falls es dafür einen bestimmten Anlass gab, möchte ich ihn gerne kennen. Und ein Blick in seine Finanzen könnte auch nicht schaden, verstehst du, Emmalein?
Also das volle Waschprogramm! Inklusive Vorwaschen und Schleudern! Weißt du, was du da von mir verlangst? Und was, wenn jemand dahinter kommt? Dass ich ohne offiziellen Auftrag recherchiere. Was sage ich dann? Der Tanner, wissen Sie, der in Marokko versagt hat, der wollte ein paar Sachen wissen! Über ein rechtes Politiker-Arschloch, das aber offiziell eine weiße Weste hat! Werd erwachsen, Tanner!
Emma hat sich regelrecht in Rage geredet. Ob sie sich wirklich so sehr nur über dieses Thema aufregt, bezweifelt er, denn er hat ihr früher auch mit der einen oder anderen delikaten Information ausgeholfen.
Du könntest sagen, der Tanner, den ich mal geliebt habe, braucht Hilfe. Derselbe Tanner, der mir geholfen hat, als mein Mann mich bedroht und verprügelt hat, der nächtelang Händchen gehalten hat in meiner Not! Das könntest du zum Beispiel sagen.
Bevor er die Sätze zu Ende ausgesprochen hat, weiß er, dass er zu weit gegangen ist.
Ich Idiot, ich Dreifachidiot!
Du Arschloch! Mein Gott! Ich bin hergekommen, fest entschlossen dir zu helfen, obwohl du es nicht verdient hast. Aber nicht auf diese Weise, Tanner, nicht auf diese Weise!
Sie verlässt wutschnaubend das Lokal.
Erst jetzt bemerkt Tanner die ganze Busladung japanischer Touristen, die ihn mit offenem Mund anstarren, was ja eigentlich gar nicht zu ihrer Kultur passt, aber bei Emmas Wut und ihrer im Gerichtssaal geübten Stimmkraft …
Er schmeißt seine Zehnernote neben ihre nicht getrunkenen Kaffees, geht an dem langen Tisch mit den japanischen Senioren vorbei, verbeugt sich kurz auf japanisch. Oder was er sich darunter so vorstellt.
Ich gehe jetzt Harakiri machen. Entschuldigen Sie die Störung.
In der Ausgangstür stößt er mit einem Angestellten zusammen, der einen Stapel Gemüsekisten ins Restaurant hineinträgt.
Pass doch auf, du blöder Penner, ruft er Tanner gehässig hinterher.
Auf dem Parkplatz sieht er gerade noch die Rückseite des davonbrausenden Mini …
Ein Blick auf sein Telefon sagt ihm, dass er zurückfahren sollte, denn zu seinem Rendezvous mit Rosalind um fünf Uhr möchte er auf keinen Fall zu spät kommen.
Zwischen Scheibenwischer und Frontscheibe des weißen Opel Kombi eingeklemmt, leuchtet ihm ein blauer Bußgeldzettel in einem durchsichtigen Plastikumschlag entgegen.
Bußgeldzettel im Regenmantel, so was gibt's auch nur in der Schweiz!
Da das ja nicht Tanners Auto ist, kann er den Zettel nicht einfach zerreißen, wie er es sonst täte.
SECHS
Tanner quält den weißen Kombi durch den trägen Sonntagsverkehr und appelliert inständig an Unbekannt, dass die Anzeige der Benzinuhr stimmt.
Wer immer für solche Anliegen zuständig ist …
Endlich erreicht er die Autobahnzufahrt.
Noch eine Verhandlung über seine zu Hause vergessenen Geldmittel würde der nächste Verhandlungspartner bei eventueller Weigerung nicht heil überstehen. Tanners Hungergefühl wandelt sich allmählich in Übelkeit und der Druck in seiner rechten Bauchhöhle meldet auch wieder Bedenkliches.
Der Messpegel seiner Laune erreicht einen neuen Tiefstand. Schlimmer hätte er die Sache mit Emma nicht vermasseln können. Mit ein wenig mehr Gedüld und Einfühlung hätte er sie erstens nicht schon wieder enttäuscht, und zweitens hätte sie bestimmt die Informationen beschaffen können, um die er sie angebettelt hat.
Außerdem hätte er wirklich gerne ihre Anna kennen gelernt. Und überhaupt, wer weiß … ?
Aber Emmalein ist sicher längst wieder mit einem braun gebrannten Staranwalt liiert, dem sie heute Nacht im Bett zwischen zwei Orgasmen Anekdoten über den lächerlichen Tanner erzählt. Er hört ihr Lachen bis in dieses nach Kuhscheiße stinkende Auto, ha, ha …!
Ob Emma diesen Geruch an ihm gerochen hat? Oder seine Tänzerin? Die hätte zwar sofort ihr Luxusnäschen verzogen.
Tanner, du verzettelst dich!
Er tritt aufs Gas. Mal schauen, was in dem Opel steckt! Schluss mit dem Rumgetrödel!
Außerdem rückt die Zeit unaufhaltsam in Richtung fünf Uhr.
Da Tanner ja heute ein Auto mit Schweizer Nummer fährt, sind die Blicke der Autofahrer, die gemächlich und stur auf der Überholspur Ferien machen und die er per Lichthupe nach rechts nötigt, nur im ganz einfachen Sinne tödlich gemeint. Was hatte er dagegen für eine Palette von Blicken und fantasievollster Gesten gesehen, als er am Freitag die gleiche Strecke mit seinem Auto fuhr, das immer noch eine marokkanische Nummer führt. Er hat zwar seit Marokko mehr als ein Vierteljahr bei Freunden in der neuen Hauptstadt des wieder vereinigten Landes gelebt, aber er konnte sich nicht überwinden, sich von seinem geliebten von Hand gemalten Nummernschild zu trennen. Dort war das auch egal.
Ah …! Vielleicht ist das der Grund für die zerstochenen Reifen!
Darüber hatte er tatsächlich noch keinen einzigen Moment nachgedacht, obwohl es doch eigentlich nahe liegt. Aber wir sind doch im Land der Freiheit und Demokratie …
Er wird in den nächsten Tagen sein Auto dringend brauchen, denn er muss in der Gegend rumfahren. Spuren sammeln. Deswegen ist er ja hergekommen.
Verzettle dich nicht, Tanner!
Er haut auf das Steuerrad.
Der Rentner, den er gerade in seinem auf Hochglanz polierten Renault überholt, fühlt sich von der Geste angesprochen und zeigt ihm den Vogel.
Auch gut! Lieber einen Vogel in der Birne als gähnende Leere!
Debakel hat Emma sein Marokkoabenteuer genannt. Gut. Das ist auch nicht übel!
Um ihr begreiflich zu machen, was in Marokko geschehen ist, müsste sie ihm ihr schönes Ohr und ihre Aufmerksamkeit schon etwas länger zur Verfügung stellen als eben vorhin im Restaurant am See. Nicht dass er sich selber kein Versagen ankreidete, aber das Ganze ist viel zu kompliziert, um es einfach mit dem Wort Debakel abzukanzeln. Und zu schmerzhaft. Er hat Menschen enttäuscht. Er hat sich enttäuscht. Er hat Fatima, der Tochter von Khadjia, ein Versprechen gegeben.
Ich werde es einlösen, und wenn es das Letzte ist, was ich tue!
Wieder schlägt er auf das Steuer, diesmal fühlt sich niemand direkt angesprochen. Falls es überhaupt jemand bemerkt hätte, würde er denken, Tanner erregt sich wegen des Staus, in dem er seit zwei Minuten steckt.
Die Sache in Marokko ging so lange gut, wie er brav seine verabredete Arbeit gemacht hat. Tanner hat mit einer Reihe anderer ausländischer Berater eine Koordinationsstelle für internationale Polizeizusammenarbeit aufgebaut, bezahlt mit harten Dollars von der UNO. Vom Auswählen der Räumlichkeiten, der Beschaffung der Büro-Einrichtungen, der Rekrutierung und Schulung von Personal bis zu der Installierung der ganzen komplizierten, elektronischen Ausstattung: alles haben sie gemacht. Und als die Abteilung zu funktionieren begann, brauchte man jemanden, der die ganze Geschichte noch eine Weile überwachte. Die anderen Kollegen wollten schleunigst nach Hause zu ihren Familien nach England, Italien, Frankreich. Tanner war der Einzige, der nicht weg wollte. Er hatte sich in das Land verliebt. In seine Düfte, seine Landschaft, sein Chaos. Und er hatte sie, seine Tänzerin, dort kennen gelernt, als sie bei ihren schwulen Bewunderern zu Besuch war.
Und er war verliebt in das Essen von Khadjia, seiner Köchin, in ihre tajine, das kochend heiß servierte Eintopfgericht. Oder in ihre unvergesslichen Pfannkuchen. Ihre hachischa. Eine Haschischkonfitüre, die stundenlang auf ihrem kleinen Gaskocher köchelte und deren Duft das ganze Haus erfüllte.
Mein Gott! Habe ich einen Hunger !
Das Wasser läuft ihm buchstäblich im Munde zusammen, wenn er sich all die Speisen vorstellt, die Khadjia Tag für Tag für ihn kochte. Er war die ganze Zeit, wo sie bei ihm war, nie in einem Restaurant essen. Sie hätte ihn auf der Stelle mit ihren dicken Armen erwürgt.
Khadjia war ganze vierzehn Jahre, als sie das erste Mal schwanger wurde. In Afrika keine Ausnahme. Allerdings haben sich auch dort die Zeiten geändert. Fatima, ihre erste Tochter, hat ihr erstes und einziges Kind Fawzia erst mit neunzehn Jahren geboren.
Fawzia war ein auffallend hellhäutiges Mädchen mit dunklen, sehr ernsthaften Augen und einem widerspenstigen Haarschopf, den ihre Mutter und Großmutter mit vereinten Kräften vergebens zu bändigen versuchten. Der Vater von Fawzia war kurz vor ihrer Geburt bei einem tragischen Unfall im marokkanischen Militär umgekommen. Fatima half ihrer Mutter oft in seinem kleinen Haushalt. Sie bügelte seine Hemden, putzte das kleine Haus und kümmerte sich liebevoll um all die vielen Pflanzen, die ohne sein Dazutun ins Haus kamen und es immer mehr in ein Gewächshaus verwandelten. In großen und kleinen Töpfen, auch in ausgedienten Waschzubern, wuchsen Rosen, Wicken, Bougainvilleen, Dahlien, Jasmin und viele andere Gewächse, deren Namen er sich nie merken konnte.
Wenn beide Frauen beschäftigt waren, und er hatte sie kaum einmal unbeschäftigt gesehen, saß die kleine Fawzia still am Boden bei ihm im Arbeitszimmer, malte oder spielte mit den einfachen Spielsachen, die er ihr nach und nach vom Bazar mitbrachte. Sie war damals sechs Jahre alt. Später zog ihre Mutter mit dem Kind in den Norden, nach Tetouan, wo sie Arbeit in einer Fabrik gefunden hat.
Tanner hat Fawzia erst wieder ein Jahr später gesehen.
Als kleinen Leichnam.
Man fand sie, nachdem sie vermisst wurde und die Polizei drei Wochen vergeblich nach ihr gesucht hatte, in einem Koffer in der Gepäckaufgabe.
All ihre Gliedmaßen waren fachmännisch vom Körper abgetrennt und nachträglich wieder angenäht worden. Ihre dunklen Augen fehlten.
Seither kochte Khadjia zwar noch für ihn, sprach aber kein einziges Wort mehr.
In den Zeitungen verschwieg man diese schrecklichen Manipulationen an dem kleinen Körper, um die Menschen nicht zu erschrecken. Es war das dritte Kind, das man so massakriert in einem Koffer gefunden hatte. Alles auffallend hellhäutige Mädchen.
Tanners Probleme in Marokko fingen erst an, als er sich in die Untersuchungen dieser Mordfälle einzumischen begann. Dies stand allerdings wirklich nicht in seinem Pflichtenheft.
Auf der Umfahrungsautobahn der Hauptstadt herrscht dichter Verkehr.
Kurz nach halb fünf Uhr, also früher als er befürchtet hat, erreicht er den kleinen See und das neu renovierte Schloss, das hinter noch unbelaubten Bäumen nur dürftig versteckt ist, biegt nach rechts in die Straße, die ins Dorf zu Ruth und Karl führt.
Er entscheidet sich angesichts der Uhrzeit, vor seinem Rendezvous nicht zum Hof zu fahren.
Kurz nach dem Schloss hält er den Wagen an und beschließt, hier zu warten. Vierhundert Meter vor ihm liegt das Gut und die Villa der Finidori.
Warum Rosalind ihn heimlich um ein Treffen bittet?
Und welche Rolle spielt Honoré in dieser Familie? Er wird bald mehr wissen!
Der Himmel hat auch hier aufgeklart, aber der Boden ist immer noch nass.
Er schließt seine Augen. Den Hunger spürt er nicht mehr. Dafür ist der Druck in seinem Bauch umso deutlicher geworden.
Wie soll er heute Abend Ruth begegnen? Er hat nicht die leiseste Ahnung. Um sich diesem Problem nicht weiter stellen zu müssen, öffnet er die Augen.
Gerade noch rechtzeitig.
Er sieht, wie vorne auf der Straße, etwa auf der Höhe der Villa, ein schwarzer Punkt die Straße überquert, ein paar Schritte in seine Richtung kommt und plötzlich einen kindlichen Hüpfer macht. Als ob er eine Pfütze überspringen würde.
Das ist doch Honoré, entschlüpft es überrascht seinen Lippen.
Er sieht zwar die Gestalt nur undeutlich, aber die Bewegung, die Art des Hüpfens und die rudernden Arme bei dem kleinen Hopser verraten eindeutig den Zwerg. Jetzt biegt er nach links in die kleine Straße ein, die zum Bach mit den Weiden hinunterführt beziehungsweise zu einem weiteren Hof mit Stallungen. Der hohe, viereckige Turm, der davor, mitten auf einer Wiese, steht, ist ihm gestern gar nicht aufgefallen. Wahrscheinlich, weil sein Blick bei der Herfahrt nur auf die Villa konzentriert war, die von hier aus gesehen, rechts von der Straße, liegt. Honoré geht jetzt in die Wiese, in Richtung des Turms. Einen Weg kann man, wegen der Perspektive, nicht ausmachen. Was will er denn in diesem alten Turm? Der alte Kornspeicher ist eine Art mittelalterliches Vorgängermodell zu den modernen Silos.
Der Zwerg ist mittlerweile hinter dem Turm verschwunden. Man kann nicht sehen, ob er in den Turm hineingegangen oder ob er hinter dem Turm einfach stehen geblieben ist.
Tanner startet den Motor. Auf der Höhe des Turms hält er kurz an. Die Wiese zwischen Bauernhof und Turm ist leer.
Ein schmaler Pfad verbindet tatsächlich die Straße mit dem Kornspeicher.
Auf dieser Seite des Turms befindet sich ein Eingang ohne sichtbare Tür. Entweder ist sie nach innen geöffnet oder es gibt keine. Von Honoré keine Spur.
Der kleine Hof gegenüber des Turms sieht unbewohnt aus. Entweder ist Honoré im Turm verschwunden. Oder in dem kleinen Bauernhaus. Dann hätte er allerdings mitten auf dem Weg zwischen Turm und Haus rechtsumkehrt machen müssen, und das ist eher unwahrscheinlich.
Diesen Turm schaue ich mir später an, beschließt Tanner. In diesem Moment braust vom Dorf her der grüne Geländewagen heran.
Auf der Höhe der Einfahrt zur Villa wird der Wagen energisch nach rechts gesteuert und mit kreischenden Rädern verschwindet der Wagen in der Einfahrt des Gutshofes.
Keinä Problema …, kichert Tanner vor sich hin.
Manuel hat allerdings nicht allein im Wagen gesessen. Da waren einige Personen im Auto, aber es ist einfach zu schnell gegangen, um mehr zu erkennen.
Beim Friedhof fährt Tanner den weißen Kombi auf den Feldweg und stellt ihn hinter die Baumgruppe, so dass man ihn weder vom Dorf noch von der Straße sehen kann.
Es ist drei Minuten vor fünf Uhr und man sieht niemanden.
Hoch oben in den Ästen singt der Kuckuck wieder seinen ewigen Text. Kuckuck … Kuckuck …! Oder heißt das vielleicht Guckguck … Guckguck?
Tanner steigt aus dem Auto und guckt! Sieht aber rein gar nichts! Guckguck … Guckguck!
Er blickt angestrengt auf den Weg, den Rosalind kommen müsste.
Und wenn sie nicht kommt?
Siedend heiß wird's ihm bei der Frage. Vielleicht hat sich der Zwerg einfach nur einen bösen Streich mit ihm ausgedacht. Ihn dabei so unangenehm genau einschätzend, dass es ihn fröstelt, und er denkt an die Falle, die man ihm in Marokko gestellt hat. Ein Kreislauf von sich ständig wiederholenden Ereignissen auf Grund der zwanghaften Verhaltensweisen von Tanner!
Tanner lächelt gequält vor sich hin.
Er öffnet nun zum dritten Mal innerhalb von zwei Tagen das rostige Friedhofstor. Ein unwissender Beobachter würde bestimmt denken, der spinnt doch.
An der linken Innenseite der Friedhofsmauer kauert Rosalind. Der Kuckuck fliegt davon.
Sie ist genau gleich gekleidet wie gestern, nur ohne Reiterhelm in der Hand. Auf ihrer Stirn klebt ein weißes Pflaster. Sie starrt auf den Boden, obwohl sie ihn ganz bestimmt hat eintreten hören. Steinerne Trauerengel, wie man sie auf italienischen Friedhöfen antreffen kann, blicken nicht trauriger auf den Boden.
Tanner setzt sich ihr gegenüber auf einen flachen Grabstein.
Sie schaut immer noch auf den Boden. In ihrer Hand hält sie ein zerknülltes Taschentuch. Er betrachtet ihr vom abendlichen Licht goldglänzendes Haar. Sie hat es achtlos irgendwo im Nacken zusammengebunden.
Entlang des Haaransatzes feine blonde Härchen, als ob da eine helle Grenzlinie gezogen wäre. Auf dem Teil der Stirn, den er sehen kann, denn sie hält ja den Kopf gesenkt, zarte Sommersprossen. Ihre Hände sind klein, aber kräftig.
Schweigend holt er aus seiner Jacke die Kette mit dem Medaillon. Auf seiner flachen Hand hält er es ihr direkt unter ihre Augen, denn er findet, dass sie jetzt lang genug auf den Boden gestarrt hat.
Was jetzt geschieht, kann man nur mit einem kleinen Naturereignis vergleichen. Zuerst betrachtet sie das Medaillon in seiner Hand. Eine kleine Ewigkeit lang.
Dann sieht Tanner ihre grünblauen, leicht mandelförmig geschnittenen Augen, ihre sehr gerade Nase und zwei blassrote, ungeschminkte Lippen.
Jetzt springt sie aus der Kauerstellung auf. Reißt ihre Arme in die Luft. Das Taschentuch fliegt hoch über ihren Kopf und sie schreit und juchzt. Tränen stürzen ihr aus den Augen. Kaum sind ihre Füße wieder auf dem Boden, federt sie noch höher in die Luft.
Wie hoch du springen kannst, ruft Tanner, überrumpelt von diesem Ausbruch, und muss unwillkürlich an seinen Traum von gestern Nachmittag denken.
Higher! Higher to the sky! Die Frau auf dem Schlitten hat das gerufen.
Beim nächsten Sprung hechtet sie an seinen Hals und küsst ihn mitten auf den Mund.
Tanner! Sie heißen doch Tanner, oder? Tanner … Tanner … ! Sie haben mein Leben gerettet. Sie haben mir mein Liebstes, was ich auf der Welt besitze, wiedergegeben!
Nachdem das alles aus ihr herausgesprudelt ist, küsst sie ihn noch einmal.
Als sie ihn angesprungen hatte, hat er reflexartig seinen rechten Unterarm unter ihren Hintern gelegt. Mit ihren Beinen umklammert sie ihn.
Und so sitzt sie fröhlich und bequem auf seinem Arm und strahlt ihn an.
Mit dem einen Arm umschlingt sie seinen Nacken und mit dem anderen gestikuliert sie wild herum.
Ich bin gestern Nachmittag schon hierher gekommen, um mein Medaillon zu suchen. Zwei Stunden habe ich gesucht, weil ich überzeugt war, dass die Kette beim Sturz gerissen ist. Ich bin auf meinen Knien herumgerutscht! Greifen Sie mal an meine Knie! Die Hose ist jetzt noch feucht.
Sie greift nach seiner Hand.
Bevor sie ihr Vorhaben in die Tat umsetzen kann, stellt er sie allerdings auf den Boden. Das heißt, er zieht seinen Arm unter ihrem Hintern einfach weg. Sie aber hält ihren Arm eng um seinen Nacken geschlungen, so dass ihr Körper zwar an ihm hinuntergleitet, wobei er mehr von ihrem Körper spürt, als ihm lieb ist, aber ihre Stiefel erreichen deswegen den Boden noch lange nicht, denn Rosalind ist ein ganzes Stück kleiner als er.
Unbeabsichtigt geben die beiden für einen Augenblick lang das perfekte Bild eines Liebespaares ab. Dazu bräuchte ein Beobachter keine Fantasie.
Tanner spürt das, als ob er gleichzeitig selber der Beobachter wäre.
Zudem stehen sie noch erhöht auf der Grabplatte, denn als sie ihn angesprungen hatte, musste er einen Schritt zurückweichen. Man hätte sie sofort in Öl malen können. Bildunterschrift: Der Alte und das Mädchen. Oder, falls der Maler auf ihre Kleider verzichten würde: Faun mit Jungfrau …
Tanner wird sich so genau an dieses Bild erinnern, weil ausgerechnet in diesem Augenblick ein Auto am Friedhof vorbeirast. Tanner und Rosalind drehen beide gleichzeitig ihre Köpfe, erschreckt durch das plötzlich Dröhnen des Motors.
Sie sehen, wie durch das Rückfenster des schwarzen Golf GTI's ein bleiches Gesicht sie böse anstarrt. Etwa hundert Meter weiter hält der Golf plötzlich an, steht eine Weile still, lässt dann seinen Motor aufheulen und braust weiter.
Das Stehenbleiben auf offener Straße wirkte wie eine Drohung.
Rosalind löst erst jetzt ihren Arm von seinem Nacken.
Die hassen mich wie die Pest!
Sie zieht mit einem energisch anmutigen Schwung ihre Jacke nach unten, die beim Heruntergleiten hochgerutscht ist.
Auf seine Frage, wer das denn sei, antwortet sie nur wortkarg.
Ach, das sind Bauernsöhne vom Nachbardorf.
Und warum hassen die dich, bohrt er weiter. Ich darf doch du sagen, oder?
Ja, selbstverständlich! Die hassen mich, weil die sowieso alles hassen. Und mich hassen sie, weil ich sie nicht rangelassen habe!
Sie setzt sich wütend auf den Grabstein.
Rangelassen?
Das Wort klingt aus ihrem Mund erschreckend desillusioniert.
Tanner setzt sich neben sie auf den kühlen Grabstein. Der Bewohner des Grabes möge ihnen die Störung seiner Ruhe verzeihen.
Haben sie es denn versucht?
Nicht wirklich! Dazu haben die viel zu viel Angst vor meinem Onkel. Wie alle hier! Es reicht, dass die genau wissen, wie sehr ich sie verachte und dass ich nichts mit ihnen zu tun haben möchte!
Umso mehr werden sie mich hassen, den Fremden, der sich heimlich auf dem Friedhof mit dem jungen Mädchen trifft, denkt er.
Und hat nicht Ruth gesagt, hier spricht sich alles schnell herum? Das kann heiter werden!
Die Wahrheit ist, dass Tanner nicht an sich, sondern an die Lage von Rosalind denkt! Gegen das Bild, das sie gerade zusammen abgegeben haben, kann auch eine zehnbändige Gegendarstellung nichts ausrichten. Zumindest nicht in bestimmten Köpfen.
Rosalind nimmt ganz selbstverständlich seine Hand in die ihre und lehnt ihren Kopf an seine Schulter. Das Bild, das sie jetzt abgeben, hieße wohl eher: Tochter bittet Vater um Erhöhung des Taschengeldes.
Es ist das Einzige, was ich von meinem Vater besitze. Das kleine Foto und die Briefmarke.
Sie geht also ganz selbstverständlich davon aus, dass Tanner das Medaillon geöffnet hat. Kluges Kind!
Ich habe schon auch noch andere Sachen von meinen Eltern, aber das Medaillon mit seinem Inhalt ist mein größter Schatz!
Tanner entzieht Rosalind seine Hand.
Ich habe übrigens auch deine Reitpeitsche gefunden, die ist aber in meinem Auto!
Rosalind schweigt und er hat plötzlich den Eindruck, dass sie weit weg ist.
Ich muss jetzt nach Hause, denn meine Großmutter legt Wert auf Pünktlichkeit beim Abendessen. Sie haben sie ja kennen gelernt! Und ob, denkt er, zum Essen gibt's wahrscheinlich extra dünn geschnittenes Brot und ein halbes Glas Wasser.
Willst du nicht mit zu Ruth und Karl in ihre warme Küche kommen? Die würden sich bestimmt freuen!
Er sagt das nicht naiv, denn er weiß, dass sie die Einladung nicht annehmen kann. Es sollte mehr ein Versuchsballon sein.
Lieb, dass Sie mich einladen, Tanner. Aber das geht nicht.
Sie sagt es weder traurig noch verbittert. Sie sagt es einfach. Punkt. Keine weitere Erklärung. Sie steht auf.
Vielen Dank für das Medaillon! Und bitte! Warten Sie hier noch einen Moment, bevor Sie auch gehen.
Sie geht zum Friedhof hinaus und verschwindet hinter den Büschen, ohne sich noch mal umzudrehen.
Als er nach einer Weile zum Auto geht, stiefelt ihre schmale Gestalt schon quer über die Felder, in Richtung Autobahn. Die Hände tief in ihren Hosentaschen, den Kopf gesenkt, ihre endlos langen Haare wie ein Schweif.
Er fährt zum Hof. Sein alter Ford ist unter dem Dach der neuen Einstellhalle auf Balken aufgebockt und es fehlen alle vier Räder. Und das am Sonntag?
Auf dem Dach sitzen drei Katzen. Das Auto sieht jetzt vollends aus, als sei es hier abgestellt worden, um es langsam verrotten zu lassen.
Tanner fährt den Opel in die Garage.
Sabatschka, das große Hündchen, ist draußen vor dem Haus und begrüßt ihn mit zwei müden Wedelbewegungen seines Schwanzes.
In der Küche das gleiche Bild wie am ersten Morgen. Karl sitzt am Tisch und blättert in einer Sonntagszeitung. Die heutige Schlagzeile: Massenkeulung von Schafen und Schweinen – Macht das Sinn? Ruth steht wieder an der Spüle, heute in abgewetzten Jeans und einem engen, schwarzen Pullover. Bevor sie sich ganz zu Tanner dreht, hat er gerade noch Gelegenheit, sie im Profil zu sehen. Sie schaut Tanner ganz fröhlich an.
Ich habe gehört, dass Karl und Sie sich duzen. Ich für mein Teil möchte beim Sie bleiben, dann kann ich besser mit Ihnen schimpfen, wenn Sie dauernd zu spät zum Nachtessen kommen. Gut! Jetzt kenn ich das Programm, denkt er und gibt sich ganz zerknirscht.
Ich bin in einen fürchterlichen Stau gekommen. Ich entschuldige mich demütig in aller Form bei Ihnen, Ruth!
Ihnen betont er so fett wie möglich.
Karl guckt ernst und gespannt. Er wusste ja von dem Rendezvous. Er kriegt von Tanner aber keine erkennbare Botschaft.
Ja! So ist sie … mein Ruthli! Daran gewöhnst du dich besser gleich, sonst wirst du hier nicht alt!
Sie lachen alle drei. Das Lachen klang gestern unbeschwerter.
Ja, so ist sie …
Während Tanner den Satz wiederholt, denkt er an die Nacht.
Sie auch? Oder wie soll er es verstehen, dass sie ganz schnell seinem Blick ausweicht?
Nachdem er bei der Gelegenheit gesteht, dass er den Tank ihres Autos leer gefahren habe und nicht tanken konnte, serviert Ruth das Abendessen. Einen ganz köstlichen Blätter- und Gemüsesalat, auch weich gekochte Kartoffelstücke sind drin, mit selbst gemachtem Mozzarella, Basilikumblättern und frischem Brot. Dazu ein Glas Wein, und damit stoßen sie auf das neugeborene Kalb an.
Und? Wie soll es heißen?
Seit heute Morgen hat Tanner sich diesem Problem nicht mehr gewidmet und auf der Heimfahrt, wo er weiß Gott genug Zeit gehabt hätte, hat er es vergessen.
Einen Moment, bitte. Ich muss mich eben noch endgültig entscheiden.
Karl stellt das Glas wieder hin und schaut ihn erwartungsvoll an. Lilly geht natürlich nicht. Lilith ist auch Blödsinn. Der Name seiner Tänzerin? Fängt auch mit L an. Quatsch mit Sauce! Seine Großmutter hieß Lina. Ob die sich droben im Himmel freuen würde, dass er ein Kalb nach ihr benennt. Wohl kaum.
Lisa! Was haltet ihr von Lisa?
Die kleine Anna Lisa würde sich sicher freuen, wenn man das Kalb nach einem Teil ihres Doppelnamens taufen würde.
Jawohl! Lisa find ich schön. Lisa! Laura und ihre Tochter Lisa, sagt Karl und nimmt das Glas wieder in die Hand.
Ruth, was meinst du dazu?
Ruth meint, dass die Männer das unter sich entscheiden sollten, wo sie sich doch so auf ein Mädchen gefreut hätten. Sie würde sich ihrer Stimme enthalten.
Nachdem sie sich erklärt hat, schaut Ruth Tanner mit ihren ernsten, dunklen Augen ins Gesicht. Karl erhebt sein Glas und sie stoßen auf Lisa an. Danach verlässt Ruth die Küche.
Und? Wie war's?
Rosalind hat sich riesig über das Medaillon gefreut, und sie hat mir erzählt, dass das ihr liebstes Andenken an ihre Eltern sei. Und dann ist sie wieder gegangen.
Das war alles?
Karl ist offensichtlich enttäuscht.
Was hast du denn erwartet, Karl?
Er schweigt einen Augenblick.
Moment mal! Warum wollte sie sich denn mit dir treffen? Sie muss doch einen Grund gehabt haben. Eine Absicht!
Karl ist ganz aufgeregt.
Er hat natürlich Recht. Vor dem Treffen war die Frage für Tanner genauso wichtig. Während des Treffens hat sich die Frage plötzlich nicht mehr gestellt. Vielleicht wäre sie nicht so schnell weggegangen, wenn der schwarze Golf nicht in dem Moment durchgefahren wäre. Vielleicht …
Vielleicht wollte sie etwas und dann hat sie sich's anders überlegt, meint Karl.
Tanners Gedanken entlang gedacht, stimmte das ja auch. Karl hat Recht. Auch wenn er über den wahrscheinlichen Drehpunkt der Situation nicht Bescheid weiß. Tanner will ihm von der Umarmung und vom Auftauchen der Bauernsöhne vom Nachbardorf nichts erzählen. Noch nicht. Es ist nur so ein Gefühl. Aber dieses Gefühl legt ihm Zurückhaltung auf.
Karl? Die Sendung über BSE hat gerade angefangen!
Ruth streckt ihren Kopf zur Tür rein. Während sie auf Karl wartet, der sofort aufsteht, senkt sie ihren Kopf und Tanner sieht nur noch ihre dunkelbraunen Locken.
Drin wühlen … wühlen.
Nur noch deinen Körper spüren.
Möcht mich ganz in dir verlüren!
Tönt's aufrührerisch aus seinem Inneren.
Ich sag es dir morgen, Karl, falls ich mich an den Artikel über die Viehzucht erinnere, lügt Tanner frisch fröhlich drauflos.
Und schon sitzt er allein in der Küche. Und schon hat er mit jedem von ihnen Geheimnisse. Mit Ruth ein großes und mit Karl ein kleines. Kaum zwei Tage ist er her.
Über dem Tisch üben ein paar Fliegen lautloses Formationsfliegen.
Ihr werdet auch bald am Fliegenfänger kleben, glaubt's mir, ich spreche aus jahrhundertealter Erfahrung.
Kaum gewarnt, verlässt eine Fliege die Gruppenübung, will eigene Wege gehen, äh … fliegen, und prompt bleibt sie an dem klebrigen Streifen hängen! Wer nicht hören will, muss fühlen!
Und plötzlich weiß er, was Rosalind von ihm wollte! Sie hat Angst! Sie selbst hat Angst vor ihrem Onkel. Nicht die Bauernlümmel! Sie ist es, die Angst hat.
Das Mädchen hat einfach die zufällige Begebenheit mit dem schwarzen Golf GTI benutzt, um das zu sagen, was sie auf andere Weise nicht hätte sagen können! Wie alle hier, hat sie noch hinzugefügt. Jetzt ist Tanner sich ganz sicher! Aber was genau macht ihr Angst?
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