Kitabı oku: «Der Vorfall»
Urs Triviall
Der Vorfall
oder Illusionen im Jenseits
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Anruf
Jenseitser
Abwegige Gedanken
Echte Wunder
Klipp und klar
Horch und Guck
Unvorstellbare Verhältnisse
Die Anruferin weiß zuviel
Kuhschnappel
Heiliger Bimbam
Wie im Fieber
Das Märchenbuch
Schon wieder ein Virus?
Demo in Leipzig
Die Besucherin
Influencer
Schaum auf der Welle
Brauchbare Erfindungen
Die neue Lage
Tumult im Jenseits
Die Flucht
Das Luder
Empfehlungen
Die Kinder
Bürgerinteressen
Raumschiff via Erde
Einmischung
Die soziale Inklusion
Prinzip Demokratie
Es wird ernst
Allgemeine Hysterie
Sightseeing
Mega-Einmischung
Schwätzen mit Petra
Die Golanhöhen
Politisches Erdbeben
Querschießer
Die Entscheider
Schlusswort
Impressum neobooks
Der Anruf
Eines schönen Tages hatte das Telefon geklingelt, etwas lauter als üblich, wie mir schien. Ich hatte mich gerade zu meinem Mittagsschlaf niedergelegt und war übel gelaunt, wie immer, wenn Anrufe zu ungünstiger Zeit stören. Aber natürlich hatte ich zum Telefon gegriffen und mich gemeldet. Und dann war ich zur zitternden Salzsäule erstarrt. Da hatte mir eine Frauen-Stimme gesagt:
„Hallo, Dad! Hier spricht Petra, deine Frau. Wie geht es dir?“
Ich war absolut sprachlos gewesen, hatte fast atemlos die Austaste gedrückt und das Telefon abgelegt. Was war das für eine bodenlose, für eine unverzeihliche Gemeinheit! Wer konnte so unverschämt sein und sich als meine Frau ausgeben? Sie war seit fünf Jahren tot. Sie konnte nicht am Telefon gewesen sein.
An Mittagsschlaf war an diesem Tag nicht mehr zu denken gewesen. Zwar hatte ich mich erneut niedergelegt, aber mich unruhig und aufgebracht immer wieder von der einen zur anderen Seite herumgewälzt. Schließlich hatten sich die Gedanken um eine bohrende Frage gedreht: Wer ist die Frau, die einem Neunzigjährigen dermaßen bösartig mitspielt?
Inzwischen ist einige Zeit verstrichen und es sind Dinge geschehen, die menschliches Fassungsvermögen überfordern und sich außerhalb jeglicher menschlicher Vorstellung bewegen. Vielleicht reicht meine Kraft noch, den Hergang des Übersinnlichen, aber letztlich wohl doch nur irdisch Bösartigen zu schildern. Mögen Leser wie Leserinnen mir verzeihen, wenn sie Unglaubliches zu lesen bekommen. Aber es hat sich zugetragen, so unfassbar es ist. Und wenn man für das Geschehen eine Erklärung zu finden sucht, dann gibt es aus meiner Sicht eigentlich keine. Nur Vermutungen, und zwar zwei, gefunden nach unruhigen Tagen und schlaflosen Nächten.
Nämlich: Bleibt man auf dem Boden dieser Erde, dann steht fest, dass sich jemand mit großer Ausdauer und sehr viel Phantasie einen bösartigen Scherz erlaubte. Begibt man sich jedoch willig in die Sphären des Überirdischen, von wo der Anruf ja gekommen sein müsste, dann beginnt man zu glauben, dass tatsächlich meine Frau aus dem Jenseits anrief.
Zu dieser freilich äußerst fragwürdigen Annahme kann man verblüffenderweise durchaus gelangen, wenn man der aktuellen Wissenschaft folgt. Nach deren Maßgaben ist das Weltall, in der sich unsere Erde bewegt, nicht nur unendlich groß, es fliegt obendrein mit unglaublicher Geschwindigkeit unentwegt auseinander. Es dehnt sich aus!
Also muss nebenan irgendwie noch allerhand Platz sein, leerer Raum also! Was zum Teufel ist dort? Just das Jenseits! Ohne Zweifel. Einschließlich der Möglichkeit, von dort aus mit moderner Technik hier anzurufen! Nichts ist unmöglich! Neuerdings.
Als damals der Anruf gekommen war, war meine Ruhe eines Rentners in gesegnetem Alter dahin. Die unfassbare Unsäglichkeit trieb mich zum Friedhof. Ich wusste, ich würde dort zwar keine Antwort finden, aber eben vielleicht so etwas wie seelischen Trost nach stillem Disput mit dem lieben Menschen, dessen sterbliche Überreste dort ruhen.
Ich trat an das mit einer braunen Marmorplatte abgedeckte Grab, empfand gequält meine absurde Situation und musste, noch ehe ich mit meiner Frau im Stillen hatte sprechen können, ungewollt an ein Ereignis denken, das der Gedenk-Zeremonie am Tage der Bestattung einen unerwartet irren Touch gegeben hatte. Dem extra engagierten Countertenor, der mit der Pianistin einige Zeit in der kalten Friedhofskapelle hatte warten müssen, misslangen nämlich so gut wie alle Töne. Der junge Mann, unglücklich über sein Missgeschick, krähte erbarmungswürdig. Und die Misstöne mischten sich gnadenlos in den tiefen Schmerz. Das Desaster schien mir damals gleichsam symbolisch für die absolute Widersprüchlichkeit unseres Daseins. Die innigste Einkehr war durch einen banalen Zufall tragikomisch gestört worden. Und ich wusste, meine Frau, eine Musikwissenschaftlerin, hätte sich höchstwahrscheinlich pietätlos amüsiert.
Die unerwartete Erinnerung an dies absurde Ereignis holte mich in meine wahnwitzige Gegenwart zurück. Ich stand still und kämpfte mit den Tränen. Dann sagte ich meiner Frau, was mir zur Zeit widerfuhr - dass sich eine Fremde anmaßte, sich als sie auszugeben. Stille umgab mich, Schweigen. Nicht einmal ein Vogel nahm mich wahr. Ich verließ den Friedhof.
Es begann eine trübe Zeit. Immer wieder verfiel ich in Grübeleien. Wenn ich an meine Vernunft appellierte und mich entschied, diesem elenden Anruf und der ebenso elenden Anruferin nicht so viel Aufmerksamkeit zu schenken, dann hatte ich Minuten, in denen der Alltag normal verlief. Zumal kein neuer Anruf gekommen war.
Also morgens möglichst lange schlafen, geruhsam frühstücken, Zeitung lesen, sich an den Computer setzen, zappen, scrollen, Nachrichten gucken, Fußball-Tabellen studieren, Tropico spielen, an den eigenen Homepages basteln. Mittags Spiegelei, Hefeklöße, Waldpilz-, Linsen- oder Spargelsuppe. Naja. Mittagsschlaf, danach Fische füttern und Teichfrosch gucken. Und so weiter. So eben dies und jenes bis in den späten Abend.
Doch der Appell an die Vernunft war offenbar nicht nachhaltig genug. Wohl auch, weil es geraume Zeit vor dem mysteriösen Anruf schon einmal einen seltsamen Anruf gegeben hatte, der sogar zum Besuch durch die Polizei geführt hatte.
Zu später Stunde hatte mich ein Herr mit sehr seriöser Stimme angerufen, sich als Polizeikommissar ausgegeben und mir mitgeteilt, dass sie soeben in meiner unmittelbaren Nachbarschaft ein Einbecher-Duo festgenommen hätten, bei dem sie einen beachtenswerten Zettel gefunden hätten. Auf dem Papier stünde, dass in meinem Haus einige Goldbarren und 200000 Euro in bar gelagert seien und die Bedingungen für einen Einbruch günstig wären. Etwas kopflos hatte ich damals dem Herrn Kommissar klar zu machen versucht, dass derlei Beute bei mir nicht zu holen sei, und er hatte mir versichert, dass sie mit genügend Kräften einsatzstark vor Ort seien und derzeit also keine Gefahr bestünde.
Nachdem ich damals aufgelegt hatte, schien mir der beunruhigende Vorgang sehr verdächtig und ich beschloss, die Polizei anzurufen. Von da wurde mir erst einmal mitgeteilt, dass die Polizei grundsätzlich keine Bürger anruft und mir zur Beruhigung würde man eine Streife vorbeischicken. Was denn auch geschah. Die Beamten nahmen meine Anzeige entgegen, amüsierten sich ein wenig über meine Unbedarftheit, klärten mich noch einmal auf und überließen mich meinem Schicksal. Dies befremdliche Ereignis war inzwischen in Vergessenheit geraten, mir jetzt aber wieder in den Sinn gekommen. Was dazu beitrug, dass ich immer wieder ins Grübeln kam.
Und dies andauernde Kopfzerbrechen führte einmal mehr zu ärgerlichen Ergebnissen. Ich warf mir vor, nicht so clever gewesen zu sein, auf dem Display des Telefons nach der Nummer der üblen Anruferin geschaut zu haben. Kopflos und überstürzt hatte ich aufgelegt. Nun muss ich gestehen, dass ich es mir nicht zur Gewohnheit gemacht habe, bei einem Anruf nach der Nummer zu schauen. So viel Anrufe bekomme ich ohnehin nicht mehr, dass das so unbedingt notwendig gewesen wäre. Zumal das ja auch nicht aussagekräftig sein soll. Irritierend ist es ohnehin. Einmal hatte ich einen Anruf abgelehnt, weil da stand „Nummer unterdrückt“. Solchen Leuten, die es nötig haben, ihre Nummer zu unterdrücken, gestatte ich keinen Anruf. Wenig später aber hatte sich herausgestellt, dass der Anrufer die Nachbarin gewesen war, die mir eine Belanglosigkeit hatte mitteilen wollen. Die Nachbarin?
Das war eine einsame Witwe in einem Alter, in dem man durchaus noch weibliche Ambitionen haben kann. Sie hatte wahrscheinlich zum Zeitvertreib oder warum auch immer die Neigung zu registrieren, wann ich morgens das Rollo hochziehe, wann ich einen Spaziergang mache, wann ich mit dem Auto losfahre oder wann ich mich im Garten aufhalte. Dann tauchte sie gern am Gartenzaun auf und suchte das Gespräch. Was insofern nützlich war, dass ich stets zwar meist belanglose Neuigkeiten aus der Nachbarschaft erfuhr, aber immerhin einigermaßen auf dem Laufenden war, was sich im Ort begab. Ein ergiebiges Thema waren die Wildschweine, die sich sehr gern gegebenüber im Wald aufhalten und dort hemmungslos wühlen. In merkliche Schwierigkeit war ich geraten, als ich mit ihr über meine Beschwerden beim Spaziergang durch den Wald gesprochen hatte. Mir fällt das nämlich zunehmend schwer und ich gehe deswegen auch nicht mehr gern allein. Ich habe zwar immer das Handy dabei, aber man kann nie wissen. Und prompt bot sie sich als hilfreiche Begleiterin an. Das war sehr nett und ich bedankte mich auch artig, aber in diese merkwürdigen Beziehungs-Abhängigkeiten, in die man durch solch einen Kontakt gerät, wollte ich mich keinesfalls begeben. In Betrachtung aller Umstände kam ich zu der Meinung, dass die Nachbarin nicht in Frage kam.
Schon war ich bei einem weiteren ärgerlichen Punkt. Ich konnte mich nicht mehr an die Stimme der Fremden erinnern! War es die Stimme meiner Frau gewesen? So kramte ich denn meine Video-Filme von unseren gemeinsamen Kreuzfahrten hervor, die in einer Ecke eines Schrankes ein kümmerliches Dasein fristeten, und legte eine DVD nach der anderen auf. Aber eine brauchbare Antwort fand ich nicht. Die Stimme meiner Frau hatte stets eine wohltuende Ruhe und Souveränität ausgestrahlt, war zart und klar, kam aus einem starken Lebenszentrum. Die Stimme der Anruferin hingegen schien zwar ähnlich gewesen, hatte aber auch etwas Raues, etwas Schnarrendes. Je mehr ich darüber grübelte, desto gewisser wurde ich, dass es nicht die Stimme meiner Frau gewesen sein konnte. Bis zu dem Tag, an dem ein zweiter Anruf geschah.
Geradezu verhängnisvoll war, dass ich mir trotz aller Grübelei keine Strategie festgelegt hatte für den Fall, dass wieder angerufen würde. Zumal ich das Ganze schließlich für einen einmaligen bösen Scherz hielt, der sich nicht wiederholen würde. Arglos also griff ich zum Telefon, meldete mich und hörte bestürzt:
„Hallo Dad, warum hast du denn aufgelegt? Wir müssen doch reden!“
Ich hatte keine andere Möglichkeit, als schnell auf die Austaste zu drücken. Dann setzte ich mich hin und starrte fassungslos zum Fenster hinaus. Was war da los? Das Unglaubliche, das Ungeheuerliche war, dass ich trotz aller Flüchtigkeit diesmal in den paar Sekunden die Stimme meiner Frau herausgehört zu haben glaubte. Das beunruhigte mich nun wirklich ernsthaft. Leider verfüge ich nicht über eine Technik, die es erlaubt, eingegangene Anrufe nach Belieben zu wiederholen. Weil mir das nicht möglich war, geriet ich wieder ins Kopfzerbrechen und war schließlich geneigt, meinem spontanen Empfinden zu mißtrauen.
Zumal ein anderer Punkt in meine Aufmerksamkeit gerückt war. Ich hatte nämlich diesmal immerhin in dem Moment des Einschaltens des Anrufes nach der Nummer auf dem Display geschaut. Wo gähnende Leere gewesen war! Wieso das denn? Wieviel Rafinesse war da unterwegs? Oder sollte ein Anruf aus dem Jenseits diese Besonderheit haben? Ich zwang mich zur Vernunft. Dieser hahnebüchene Irrsinn musste irdisch sein. Irgendein verrücktes Weib trieb da ein gemeines Spiel.
Ich musste an die Spam-Mails denken, die ich stets wegklickte, Woche für Woche. „Ich will heute Abend mit dir spielen!“ hieß es da verlockend, versehen meist mit dem Foto einer verführerisch aufgeputzten jungen Frau, die einen herausfordernd freundlich anschaute. Als ich einmal – neugierig wie ich nun einmal bin – solche Mail, auf der eine Daniella für sich warb, angeklickt hatte, landete ich auf einer Seite, auf der mich zwei locker gekleidete Mädchen anlachten, geheißen nun nicht mehr Daniella, sondern Jessica, 24, und Kath, 26. Diese beiden, wurde verkündet, wollten einfach nur Spaß haben, befänden sich ganz in meiner Nähe, nämlich kaum 10 km entfernt, und stünden alsbald für ein Spiel zu Verfügung. Ich brauchte nur auszuwählen. Also ein nächster Klick war fällig gewesen. Den ich mir freilich verkniffen habe. Wäre ich jünger, wer weiß, wie ich mich verhalten haben würde. An diese moderne Art von Annäherung musste ich jetzt denken.
Dann aber wurde mir urplötzlich heiß und kalt. Mir wurde bewusst, dass diese fremde Frau ja zweimal „Dad“ zu mir gesagt hatte. Das war nun wirklich echt beunruhigend. Denn mir fiel ein, dass mich meine Frau in unserer mit goldener Hochzeit gekrönten Ehe selten mit meinem Vornamen angeredet hatte, sondern manchmal Papa, meist aber Dad gesagt hatte. Woher wusste das diese fremde Frau? Es musste, es konnte nur eine Person sein, die uns einst oder längere Zeit sehr nahe gestanden hatte, die unseren sprachlichen Umgang miteinander kennen musste. Gab es solche Frau überhaupt. Je länger ich darüber nachdachte, desto gewisser wurde ich, dass es eine solche Frau nie gegeben hatte. Was aber hieß das? Die Anruferin könnte höchstwahrscheinlich tatsächlich meine Frau sein. Nein! Unmöglich! Alle - freilich bedenklich schwindende - Vernunft in mir bäumte sich auf.
Noch einmal ging ich die Liste der möglichen Kandidatinnen durch. Es konnte ja ohnehin eigentlich nur eine Person sein, die uns schon früher hin oder wieder als etwas egozentrisch, als etwas überkandidelt aufgefallen sein musste. Doch solche Person gab es nicht. Wie es überhaupt auch keine Liste gab. Mir wurde bewusst, dass wir unsere Ehe mit unseren zwei Kindern über all die Jahre ziemlich abgekapselt gelebt hatten. Nahe Bekannte in der Nachbarschaft, die meiner Frau in jungen Jahren geholfen hatten, in Berlin Fuß zu fassen, gab es nicht mehr. Sie waren verstorben. Auch ehemalige Kolleginnen meiner Frau gab es im Grunde nicht mehr. Wir hatten es kaum erfahren, wenn sie verstorben waren. Bei einer von ihnen, bei Vera, hatten wir immerhin unsere Anteilnahme bei der Beerdigung zeigen können. Vera wäre vielleicht eine Kandidatin gewesen. Obwohl, sie war im Grunde viel zu feinsinnig, um auf einen solch abwegigen Gedanken zu kommen, sich als meine tote Frau auszugeben.
Ich hatte alle Mühe, nicht den Kopf zu verlieren. Ich entschied zu versuchen, die makabre Angelegenheit möglichst aktiv anzugehen. Vor allem durfte nicht wieder passieren, dass ich den Anruf so schnell beendete, sollte er denn doch noch einmal geschehen. Im Gegenteil, ich musste versuchen, mit der dreisten Anruferin ins Gespräch zu kommen, vielleicht gar mit ein, zwei Fragen ein wenig zu erhellen, wer sich hinter dem Irrsinn verbergen könnte.
Jemanden ins Vertrauen zu ziehen, wäre zur Wahrung meines seelischen Gleichgewichts wahrscheinlich gut gewesen. Aber das versagte ich mir, und zwar grundsätzlich. Die Erfahrung mit den zwei freundlichen Polizisten genügte mir. Ich hatte damals sehr wohl gespürt, dass sie in mir den schon etwas dussligen alten Herrn gesehen hatten. Was wohl würden Polizisten von mir halten, wenn ich ihnen die aberwitzige Geschichte von der mysteriösen Anruferin auftischen würde? Ich dürfte ihnen nicht einmal verargen, wenn sie still und allsobald nach einem Irrenarzt rufen würden. Vielleicht ließe sich dies vermeiden, würde ich nur von der Hartnäckigkeit der Stalkerin sprechen, nicht aber davon, dass deren Anrufe möglicherweise aus dem Jenseits kamen. Mit dieser irren Annahme durfte ich niemandem kommen. Das verbot sich grundsätzlich; denn es konnte, es konnte nicht stimmen.
Jenseitser
Dann kam der dritte Anruf. Schriller als sonst schien mir die Klingel. Ich merkte auf. Für einen Moment zögerte ich. Einfach nicht rangehen, blitzte der Gedanke. Wer sollte sonst anrufen? Die Kinder konnten es nicht sein, sie pflegten es regelmäßg abends zu tun. Es konnte freilich auch solch ein Anruf sein, bei dem man am anderen Ende der Leitung ein Sprachgewirr vernimmt und dann eine Stimme in fremder, meist englischer Sprache auf einen einredet. Da pflege ich „thank you“ zu sagen und gleich wieder aufzulegen. Unterdessen tönte die Klingel. Ich griff zum Telefon.
„Ja?“ sagte ich.
„Ja, schön, du! Ich bin’s, Petra. Sei nicht zu überrascht.“
„Bin ich aber!“
„Musst du nicht! Das wird ganz normal! Wir können mit der Erde telefonieren.“
„Wer wir?“
„Wir Jenseitser.“
Mehr konnte ich nicht verkraften. Ich drückte die Austaste und legte das Telefon ab. Apathisch blieb ich sitzen, starrte ein Loch in die Gegend, spürte plötzlich, dass ich hemmungslos zitterte. Endlich fand ich meine Fassung ein wenig wieder, als ich zunehmend trotzig leise vor mich hin formulierte: „Das kann doch nicht wahr sein!“ Immer wieder murmelte ich: „Das kann doch nicht wahr sein!“
Langsam wurde mir wohler, ich zitterte nicht mehr. Wie kann man derartige Unverschämheit unterbinden? Gibt es überhaupt ein Mittel? Vielleicht musste ich denn doch die Polizei einschalten. Und schon haderte ich wieder mit den Vorbehalten. Man würde mir nicht glauben. Man konnte es ja auch wirklich nicht glauben. Zaudernd erhob ich mich, versuchte wieder in Gang zu kommen. Ablenkung! Ja, ich brauchte jetzt irgendeine beruhigende Ablenkung. Irgendeine vulminante Aktivität, die mich voll in Anspruch nimmt, die alles Ungemach dieses Daseins vergessen macht.
Eine Idee erwachte, die schon vor geraumer Zeit aufgekeimt war, von mir aber schnell verworfen worden war. Ich war zu alt dazu. Jetzt jedoch schien mir das Alter unwichtig. Ich fand, dass mir eine Begegnung mit einer nackten Frau gut tun könnte, mich absolut ablenken würde, selbst wenn es bei mir nur dazu reichen würde, nach ihren bloßen Brüsten zu fassen. Oder vielleicht sogar tief in ihr sich öffnendes Heiligtum. Wer weiß, vielleicht würde mich das dann sogar zu mehr fähig machen.
Ich setzte mich an den Computer, wählte Google und verharrte. Welchen Begriff musste man eingeben, um zum Ziel zu kommen? Es musste so etwas wie ein Dienst sein, der Speisen ins Haus bringt. Ein Dienst, bei dem man sich eine dienstbare Frau bestellt, die nach geraumer Zeit vor der Tür steht, ohne irgendwelche moralischen Skrupel ins Haus tritt, sich ein wenig umschaut und willig mit zur Couch kommt. Man legt ihr das Geld hin, und sie zieht sich aus. Man macht artig darauf aufmerksam, dass man selbst nur eingeschränkt dienstbar sein kann und erntet ein verständnisvolles Lächeln. Und dann räkelt sich auch schon eine nackte und hoffentlich attraktive junge Frau auf der Couch. So in etwa.
Aber vorher muss man herausbekommen, wie man sich solch Erlebnis ins Haus holen kann. Also Google! Welcher Begriff? „Hausbesuch?“, „Willige Frau?“, „Erotischer Service?“ Jetzt rächte sich, dass ich ob meines Alters nie in diese Richtung recherchiert hatte. Schon bei dem Gedanken an solch ein Unternehmen, der mir immerhin hin und wieder gekommen war, hatte ich stets sofort das Empfinden, dass mir meine Frau im Wege stehen würde. Es würde mir einfach nicht möglich sein, ein erotisches Interesse für eine andere, für eine völlig fremde Frau zu erzeugen. Jetzt unterdrückte ich das Empfinden, jetzt stand es mir im Wege. Also los! Welcher Begriff? Ich verharrte neuerlich über der Tastatur.
Da schrillte das Telefon. Ich zuckte zusammen. War das schon wieder die irre Anruferin? Ich griff zum Telefon, schaute. Das Display leer, keine Information. Also tatsächlich! Die Irre!
„Ja!“ sagte ich böse und laut.
„Dad, ich versteh das doch. Es ist ungeheuerlich, ich weiß. Aber du musst dich daran gewöhnen…“ sagte die Stimme behutsam und geduldig.
Bebend vor Wut ließ ich meiner Empörung freien Lauf.
„Sie unverschämte Person!“ brüllte ich ins Mikrofon, „halten Sie die Fresse und lassen sie mich in Ruhe!
Ich drückte die Taste und rutschte in mich zusammen. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich als Häufchen Unglück gesessen habe. Ich war zu keiner Bewegung fähig. Die Idee, die ich noch eben verfolgt hatte, war erloschen, war einfach weg. Eine Dirne wäre keine Antwort jetzt. Gab es überhaupt eine Antwort? Vermutlich nein. Ich war der Fremden absolut ausgeliefert. Nein, nicht absolut. Aber irgendwie eben doch.
Langsam, sehr langsam kehrte das Leben in mich zurück. Ich rang mich zu dem Entschluß durch, künftig den Anruf der Fremden zu ignorieren, sofort die Austaste zu drücken und zur jeweiligen Tagesordnung überzugehen. Das würde zwar Kraft kosten, müsste aber zu machen sein. Je mehr ich darüber nachdachte, desto ruhiger wurde ich.
Abwegige Gedanken
Die Fremde ließ mich in Ruhe. Seltsamerweise war das aber genau das, was mich unruhig machte. Hatte mein energisches Gebrüll wirklich dazu geführt, dass sie die Lust verloren hatte, mich zu behelligen? Ich will nicht sagen, dass mir plötzlich etwas fehlte. Aber irgendwie war eine Rechnung offen geblieben. Zumindest hätte ich gern gewusst, wieso eine fremde Frau auf die Idee gekommen war, sich als meine Frau auszugeben und mich auf so unverschämte Weise zu kontaktieren. Es hätte ihr ja klar sein müssen, dass sich mit dieser Art teuflischen Charmes keine Beziehung herstellen lässt. Man macht zwar absolut auf sich aufmerksam, erzeugt aber nur Ablehnung. So doof kann eigentlich keine Frau sein.
Doch was ist die Alternative? Schon wenn ich die Frage stellte, wurde mir mulmig. Denn es keimte da ein Gedanke, dessen Entstehen ich eigentlich hätte unterbinden müssen. Der Gedanke, dass sich da tatsächlich so etwas wie meine Frau am anderen Ende der außerirdischen Leitung befinden könnte. Ein grundsätzlich völlig abwegiger Gedanke! Zweifellos!
Jedoch ein Gedanke mit Entfaltungsvermögen. Weil nämlich zur Zeit auf dieser Erde mit Hilfe der modernen elektronischen Technik Dinge möglich werden, die früher einfach undenkbar waren. Neuerdings zum Beispiel plant man, eine elektronische Verbindung zum menschlichen Gehirn zu schaffen. Noch wird an Schweinen experimentiert. Das Instrument, das - wie es heißt - Informationen zwischen menschlichen Neuronen und einem Smartphone übertragen können wird, hat einen Durchmesser von 23 Millimetern. Es muß in den Kopf implantiert und mittels feinster Drähte mit Nervenzellen verbunden werden. Wenn es funktioniert – und daran arbeitet die elektronische Forschung beharrlich -, kann es neurologische Signale lesen und auch senden. Ein Minicomputer mit sensationeller Perspektive also. Er wird für die Behandlung von Schmerzen, Sehstörungen und Hörverlust eingesetzt werden können, auch bei Schlaflosigkeit, Gehirnschäden oder bei Verletzungen des Rückenmarks. Mit Hilfe dieser Technologie wird es wahrscheinlich sogar möglich werden, verletztes Nervengewebe zu überbrücken und damit zu erreichen, dass behinderte Menschen wieder zu laufen vermögen. Und weil der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind, träumen Wissenschaftler und Unternehmer bereits davon, mit Hilfe dieser Technologie ihre Gedanken auszutauschen, ohne sie aussprechen zu müssen. Auch hofft man, eines nicht allzu fernen Tages Gedanken unmittelbar auf Speicher zu übertragen oder auf Roboter, die man auf diese Weise steuert. Gruselig das alles.
Noch gruseliger ist die Vorstellung, dass künftig Autos autonom auf den Straßen verkehren. Auch hier sind Wissenschaft und Wirtschaft international im Wettbewerb. Damit alles seine Ordnung hat, wurde für das selbstfahrende Auto ein Levelsystem eingeführt. Beim ersten Level ist noch alles wie gehabt. Der Fahrer ist der Herr der Dinge und fährt sein Auto. Beim zweiten Level handelt es sich um sogenanntes teilautomatisiertes Fahren. Der Fahrer muss sein Fahrzeug zwar beherrschen, aber sein PKW kann manche Aufgaben zeitweilig selbst ausführen, zum Beispiel auf der Autobahn die Spur halten, bremsen und beschleunigen. Beim dritten Level, der Stufe der Hochautomatisierung, kann das Auto bestimmte Aufgaben für einen kurzen Zeitraum selbstständig und ohne Eingriff des Fahrers bewälti-gen. Der PKW überholt, ordnet sich wieder in die Spur ein, bremst, beschleunigt – je nachdem es die Verkehrssituation erfordert. Das wird wohl auf Autobahnen bald real werden. Der Fahrer kann dann zum Beispiel Zeitung lesen oder sich mit seinen Kindern auf dem Rücksitz beschäftigen. Das vierte Level, das vollautomatisierte Fahren, ist noch Zukunftsmusik. Der Fahrer wird die Führung seines Autos komplett abgeben können und zum Passagier werden. Das Fahrzeug bewältigt bestimmte Strecken, vornehmlich Autobahn und Parkhaus, völlig selbstständig. Das wohl Wichtigste bei diesem Level: Das System erkennt seine Grenzen, und zwar so rechtzeitig, dass es regelkonform einen sicheren Zustand erreichen kann. Beim fünften Level schließlich, beim autonomen Fahren, bewältigt die Technik im Auto alle Verkehrssituationen selbstständig. Himmel hilf, was da so alles auf uns zukommt.
Warum zum Teufel soll es nicht auch im Jenseits Fortschritte in der Forschung geben? Der Gedanke ist abwegig, ich weiß. Aber denkbar. Und ich dachte ihn damals. Und nachdem ich ihn gedacht hatte, war ich geneigt, die Anrufe der Fremden anders zu bewerten. Aber sie kamen nicht mehr. Die Irre schwieg. Und ich war es zufrieden.
Was indessen nicht verhinderte, dass ich hin und wieder dennoch darüber nachdachte. Und irgendwann schien es mir selbstverständlich, die Anruferin, sollte sie sich denn doch noch einmal melden, erst einmal ausreden zu lassen. Mit meiner verständlichen Empörung hatte ich bisher verhindert, mehr von dieser seltsamen Person zu erfahren. Offenbar hatte sie ein merkliches Mitteilungsbedürfnis. Warum sollte ich mir nicht einfach einmal anhören, was sie alles mitzuteilen hatte. Es war dies gewiss in der Summe ein erbärmliches Schauermärchen. Aber anhören könnte ich es mir schon. Aus Neugier. Warum auch immer. Jedenfalls nicht mehr brüsk ablehnen.
So begab es sich denn, dass ich auf einen Anruf der Fremden regelrecht wartete. Ich kam mir blöd vor, aber ich wartete. Ich fand mich saublöd, aber ich wartete. Ich hielt mich für superblöd, aber ich wartete. Mein Leben hatte einen anderen Zuschnitt bekommen.
Echte Wunder
Ich suchte Erbauung und Erholung in der Natur. Was ich auf Grund meines Alters schon aufgegeben hatte, setzte ich noch einmal auf die Tagesordnung. Ich mühte mich, meinen schönen Naturgarten wenigstens notdürftig zu betreuen. Was ob meiner körperlichen Hinfälligkeit ganz und gar nicht leicht fiel, auch täglich nur für kurze Zeit möglich war, mich dennoch erfreulich ablenkte.
Vor allem an meinem kleinen Fischteich wurde ich aktiv. Viel zu viel Fadenalgen hatten sich breit gemacht, sich obendrein innig mit der Wasserpest vermengt, deren Stengel bis zu 3 m lang werden können. Dadurch war der Raum für meine Fische arg eingeschränkt, vor allem für meine beiden Kois, die beide immerhin schon eine beachtliche Größe von mindestens einem halben Meter erreicht haben. Ich zerrte das Pflanzengemenge aus dem Teich, startete eine mühevolle Geduldsprobe, nämlich die Fadenalgen von der Wasserpest zu trennen und Letztere wieder in den Teich zurück zu geben. Die Fische dankten es mir, indem sie die frei werdenden Räume sofort inspizierten.
Auch die Seerose hatte eine Pflege nötig. Als ich eingriff, bat ich die Pflanze in gewissem Sinne um Vergebung, denn sie hatte nur getan, was ihr eigen war, nämlich sich auszubreiten. Eine in die Jahre gekommene Seerose beansprucht sehr viel Platz, weit mehr als ihr in meinem Teich zu Verfügung steht. Also entfernte ich viele Blätter, die unterm Wasser an langen Stielen hängen und als ein dichtes Gewirr den Fischen Platz wegnehmen.
Schließlich musste das höchst expansive Schilf reduziert werden. Was gar nicht so einfach ist. Die einzelnen Triebe sind im Teich fest im Wurzelwerk verankert, und sie herauszuziehen gelingt eigentlich nur, wenn sie im Frühjahr noch relativ lose sind. Sobald sie ihre normale Größe erreicht haben, kann man sie nur mit Gewalt herauszerren. Und dann hat man in der Regel auch allerhand Wurzel mit am Stengel. Ich war jedenfalls sehr schnell erschöpft und vertagte die Aktion.
Vielleicht hätte ich mir mehr Zeit nehmen sollen für geruhsame Schläfchen auf einer Liege im Grünen mit erbaulichem Blick auf Tannen, Fichten, Walnußbaum und Linde. Was wir vor Jahrzehnten gepflanzt haben, ist mittlerweile stattlich herangewachsen und ergibt eine zauberhafte Naturkulisse. Ich hätte sie viel mehr genießen sollen. Aber abgesehen davon, dass ich aus gesundheitlichen Gründen die Sonne meiden muss, hatte ich dazu im Moment ohnehin wenig Neigung. Mir fehlte einfach die innere Ruhe, die man braucht, um auf Müßiggang zu schalten. Die meiste Zeit verbrachte ich damit, meine Homepage auf HTML5 umzubauen und bei Google auf einen Spitzenplatz zu bringen.
Als ich mich eines Tages bei angenehmem Wetter denn doch einmal auf eine Liege legte, um an der frischen Luft ein wenig zu ruhen, fand ich keinen Schlaf; denn ob nun gewollt oder nicht kreisten meine Gedanken im Nu erneut um diese mysteriöse Fremde. Es konnte einfach nicht sein, dass irgendwer aus solch gigantischer Entfernung, also zumindest vom Rande des Weltalls, ausgerechnet bei mir anrief. Alle Vernunft in mir sträubte sich gegen eine solche Wahrscheinlichkeit.
Schon stand ich auf und eilte zum Computer. Wie war das noch mit den Entfernungen im Weltall? Geht es da nicht um Lichtjahre? Also um die Strecke, die das Licht in einem Jahr zurücklegt? Ich habe das wirklich nicht auf dem Schirm. Also Google gucken. Und siehe da: Es sind 9,46 Billionen Kilometer. Unvorstellbar! Solche Strecke ist einfach unmenschlich. Obzwar es der Mensch ist, der sie misst, mit welchen Mitteln auch immer.
Machte es angesichts solcher gigantischen Dimension überhaupt Sinn, der Sache noch weiter nachzugehen? Aber nun saß ich einmal am Computer. Wenn der Anruf, überlegte ich, im günstigsten Falle vom Rande des Weltalls käme, dannn würde das welche Entfernung bedeuten? Um eine befriedigende Anwort zu finden, müsste man wissen, wie groß das Weltall überhaupt ist. Also ging ich der Sache weiter nach. Bei Google antwortete ein Astrophysiker: "Wenn wir ein Maßband an das Universum legen könnten, dann würden wir heutzutage einen Radius von 46 Mrd. Lichtjahren messen." Das Universum ist mithin, laut Aussage dieses Wissenschaftlers, von einem Ende zum anderen über 90 Milliarden Lichtjahre groß. Und da es bekanntlich noch immer mit unglaublicher Geschwindkeit auseinanderfliegt, die Strecke also von Tag zu Tag größer wird, ist es im Grunde unerheblich, ob sich die Anruferin am Rande des Universums befindet oder irgendwo sonst im Jenseits.
Eines war mithin unumstößlich klar: Wo auch immer die Erde im Gemenge des Universums herumkurven mag, die Entfernungen für einen simplen Telefonanruf waren zweifelsfrei unüberwindbar. Die sonnenklare Schlußfolgerung verschaffte mir irgendwie Befriedigung.
Als ich schließlich wieder auf meiner Liege lag, konnte ich sehr entspannt dem amüsanten Gewimmel der Feldsperlinge zuschauen, die in einem kleinen Wasserbecken munter und fidel ein Bad nahmen. Achtungsvoll stellte ich fest, dass Vögel irgendwie auch Individien sind. Manche von ihnen bleiben am Rande des Beckens sitzen, nippen nur ein bisschen Wasser, andere stecken den Kopf hinein, wieder andere springen geradezu kopfüber hinein und planschen ausgiebig. Ein lustiges, ein munteres Völkchen. Ganz offensichtlich ganz und gar ohne jegliche Lebensprobleme.
Womit ich gedanklich denn auch schon wieder bei meinem Problem war. Mir fiel ein, dass heutzutage menschliche Geräte im Weltall unterwegs sind, die Daten über beträchtliche Entfernungen übertragen. Der Mensch ist einfach zur Tagesordnung übergegangen. Aber es ist im Grunde ein echtes Wunder, dass zum Beispiel mein Navi im Auto immer genau weiß, wo ich mich mit meinem PKW just aufhalte, welche Straße ich fahre, und dass es mir den unbekannten Weg weist, wenn ich ihm mitteile, wohin ich will. Dienstbare Satelliten, die um die Erde kreisen, machen es möglich. Dabei geht es hier freilich nur um Bruchteile der Entfernungen im Vergleich zu der Dimension, die mich umtreibt.
Anders ist das schon bei den Instrumenten, die ins Universum ge-schickt werden, um uns von fernen Himmelskörpern Daten zu übermitteln. Geradezu ein Demonstrationsbeispiel scheint mir die Sonde „Osiris Rex“, die den Asteroiden Bennu umkreist und sich für diesen Zweck rund 290 Millionen Kilometer von der Erde entfernt befindet, weshalb ihre Daten-Signale etwa 16 Minuten bis zur Erde brauchen. Was diese Sonde vermag, ist mehr als ein echtes Wunder. Sie nähert sich dem Asterioden bis auf wenige Meter, greift dann mit einem Arm nach dem Staub, der durch Druckluft aus der Sonde aufgewirbelt wird, geht dann in ihre Umlaufbahn zurück und beginnt, die ermittelten Daten der Erde mitzuteilen.
290 Millionen Kilometer ist schon eine gigantische Entfernung. 16 Minuten brauchen die Signale bis zur Erde. Wie lange würden Signale vom Rande des Weltalls bis zur Erde brauchen? Ich mochte nicht anfangen, dies auszurechnen. Die Recherche reichte mir, endgültig und unwiderruflich auszuschließen, dass die provokanten Anrufe aus dem Jenseits kommen. Bis zu dem Tag, an dem der nächste Anruf kam.
Klipp und klar
Als das Telefon eines Nachmittags schrillte, sondierte ich gerade am Computer die Tabelle der Bundesliga und griff nebenbei so einfach mal zum Hörer.
„Ja,“ sagte ich arglos.
„Dad, schön dich zu hören“, sagte die Stimme. Und ich war überrumpelt. Ich hatte geglaubt, für diesen Moment gerüstet zu sein, aber ich war es nicht. Ich war es nicht. Ich hatte keine Strategie, wie ich auf die neuerliche Ungeheuerlichkeit reagieren sollte. So ließ ich sie denn geschehen. Neugierig war ich ohnehin. Und warum nicht mit diesem verrückten Weib ein paar Worte wechseln. Immerhin fand ich zunächst zu einer brüsken Antwort.
„Sie sind nicht meine Frau!“ knurrte ich. „Sie können es nicht sein!“
„Das weiß ich nun wirklich besser.“
„Aha!“ sagte ich etwas verwirrt. „Und? Was soll das Ganze? Was wollen Sie von mir?“
„Wie geht es unseren Kindern?“ bekam ich zur Antwort.
„Ziehen Sie nicht auch noch meine Kinder in dieses absurde Theater“, rief ich empört.
„Dad, das ist bitter, dass Du mir misstraust. Ich verstehe es ja, es ist ungeheuerlich, aus irdischer Sicht wirklich ungeheuerlich. Aber erkennst Du nicht wenigstens meine Stimme?“
„Nein!“ sagte ich trotzig, obwohl ich unsicher war.
„Nein?“
„Nein!“ wiederholte ich.
„Ach, das wird an der Entfernung liegen“, reagierte die Stimme, „die Signale sind wohl so ein paar Tage unterwegs. Da verzerren sich wahr-scheinlich die Töne. Ich erkenne Deine Stimme gut. Du sprichst immer noch so ein bisschen sächsisch.“
Das traf mich ins Herz. Mein Leben lang war ich mein Sächsisch nicht ganz los geworden. Nun wurde es mir sogar aus dem Jenseits bescheinigt.
„Hören Sie auf mit dem Theater!“ brüllte ich, „geben Sie endlich zu, wer Sie sind! Bitte, wer auch immer Sie sind, ich lade Sie ein zu mir! Dann können wir Ihr Problem in Ruhe abklären.“ Ich hatte die Fassung verloren und ausgesprochen cholerisch etwas versprochen, was mir eigentlich nicht in den Sinn hätte kommen dürfen.
„Oh!“ reagierte die Stimme ungerührt. „Bei mir kommt gerade der Brecht vorbei. Er telefoniert auch. Hier ist die Telefonitis ausgebrochen. Entschuldige! Aber das geschieht nicht so oft, dass ein großer Dichter bei mir vorbeikommt. So viele gibt es ja nicht. Die sitzen meist zusammen und diskutieren. Die ganz Großen. Aischylos, Sophokles, Euripides, Shakespeare, Goethe, Schiller und die alle. Auch der Müller.“ Und unvermittelt: „Weißt Du, am besten Du beruhigst Dich erst einmal. Ich melde mich wieder.“
Stille! Absolute Stille. Nicht einmal ein Rauschen in der Leitung. Mir aber schwindelte. Was war da jetzt passiert? Hatte ich mir nicht in den letzten Tagen absolut klipp und klar gemacht, dass diese Anrufe nie und nimmer aus dem Jenseits kommen konnten? Und nun?
Ich legte mich auf die Couch und starrte an die Decke. All meine Sinne forderten mich auf, diese elende Story aus meinem Leben zu bannen, endlich bewusst und souverän darüber hinwegzugehen, mich nicht immer wieder beeindrucken zu lassen. Aber ich hatte soeben leibhaft und lebendig telefoniert! Oder? Hatte ich geträumt? Nein, ich hatte mit einer realen Stimme gesprochen, woher auch immer sie erklungen sein mochte. Ich hatte mein Telefon in der Hand gehabt und mich mit einer menschlichen Stimme unterhalten. Und dabei absurde Dinge erfahren. Brecht lief da also herum und telefonierte! Eine Telefonitis sei ausgebrochen! Hieß das, dass alle Jenseitser mit ihren Angehörigen hier auf der Erde telefonieren? Und dass hier nicht eine Zeitung davon erfährt? Nicht einmal die „Bild“-Zeitung?
Ich sprang auf. Ich fürchtete, verrückt geworden zu sein. Wie ein eingesperrtes wildes Tier tigerte ich in meinem Haus herum. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich fingerte im Flur wirr an den dort abgelegten Tageszeitungen herum, ich rannte in die Abstellkammer, um den Staubsauger zu holen und ließ davon ab, ich hantierte in der Küche kopflos mit dem für die Spülmaschine bereit gestellten Geschirr, ich landete vor meinen Büchern und kramte herum. „Die Pest in London“ von Daniel Defoe fiel mir in die Hand. Ich hatte das Buch zwar schon ewig im Regal stehen, aber noch nie gelesen. Ich hockte mich nieder und blätterte darin herum.
„Und nun,“ las ich, „war allerdings die Arbeit des Wegschaffens der Toten mit Wagen so widerlich und gefährlich geworden, daß darüber geklagt wurde, die Träger trügen keine Sorge, solche Häuser auszuräumen, deren Bewohner sämtlich tot waren, sondern manche Leichen lägen unbeerdigt, bis die Nachbarhäuser durch den Geruch belästigt und folglich angesteckt würden…“ Ich klappte das Buch zu. Der Satz traf zwar überraschend irgendwie meine Gemütslage, aber er hielt mich davon ab, nun wirklich zu lesen. Mein Elend reichte mir vollkommen.
Trostlos schaute ich mich um. Ich kam mir vor wie die Pflanzen, die am Fenster standen und in einem erbärmlichen Zustand waren. Ich hatte sie total vernachlässigt die letzte Zeit. Die Blätter hingen vertrocknet herab, die Blüten hatten sich nicht einmal geöffnet. Wenn ich mich mit diesen Gewächsen verglich, dann, schien mir, war eigentlich gar kein so großer Unterschied. Mein Zustand war ebenso erbarmungswürdig wie der dieser Geschöpfe. Doch wer erbarmte sich meiner? Ich musste selbst zurechtkommen, musste mich aufraffen und mich der widerlichen Situation stellen.
Da schrillte das Telefon. Die Irre schon wieder! Das kann doch nicht sein! Ich ging nicht hin, blieb hocken, griff erneut zu dem Buch, las die letzten Zeilen: „Ein furchtbar Pestjahr hat’s in London Anno fünfundsechzig gegeben; verschlang’s doch hunderttausend Seelen, ich aber, ich blieb am Leben.“ Ja, am Leben! Am Leben! Mochte es die Jenseitser nun geben oder nicht, sie alle, die großen Dichter wie die kleinen Leute, würden sie tatsächlich als Gespenster irgendwo in den ewigen Jagdgründen wandeln, waren nicht mehr am Leben! Welche Genugtuung. Ich erhob mich und beschloß, meine Pflanzen ordentlich zu gießen.
Ich hatte das Telefon vergessen, hatte gar nicht mehr wahrgenommen, wie lange es lärmte. Nicht allzu lange, wie mir jetzt schien. Mit verhalten aufkommendem Tatendrang füllte ich die kleine Gießkanne und begann, meine verkümmerten Pflanzen zu wässern. Und kam nicht weit; denn das Telefon meldete sich erneut. Ich hielt ein. Irgendwie war ich jetzt in einer Verfassung, die ich für stabil genug hielt, mich diesem irren Frauenzimmer noch einmal zu stellen. Irgendwann würde der Dame dann schon einmal die Lust vergehen, von mir immer wieder angeblafft zu werden.
Entschlossen trat ich zum Telefon. „Ja!!“ sagte ich.
„Hallo!“ rief da jemand fröhlich.
„Bitte!“ reagierte ich ungeduldig.
„Ich bin die Simone! Prima, dass es Dich noch gibt!“
Was war denn das nun wieder? Noch eine Frau? War mir je eine Simone begegnet? Ich konnte mich auf die Schnelle nicht erinnern. Sollte ich auflegen? Ich entschied, erst einmal nicht unhöflich zu sein. Schließlich musste das nicht schon wieder ein Anruf vom Endes des Universums sein.
„Was wünschen Sie?“ fragte ich ungnädig.
„Entschuldige!“ bekam ich zur Antwort. „Wir kennen uns von der Schauspielschule.“
„Ah, ja, jetzt erinnere ich mich! Simone , joi! Was verschafft mir die Ehre?“
Die Simone , das war eine ziemlich kapriziöse Frau, zwar nicht von umwerfendem Liebreiz, eher spröde und etwas arrogant, aber kommunikationsfreudig und mehr oder weniger offenkundig auf Männer fixiert. Auch mich hatte sie einmal im Visier gehabt, aber ich hatte tapfer widerstanden. Daran musste ich natürlich sofort denken. Steckte sie etwa hinter diesen absurden Anrufen? Versuchte sie es nun sozusagen mit offenem Visier? Nach so langer Zeit? Neue bohrende Fragen.
„Ich habe ein Anliegen,“ sagte sie. „Mag Dir komisch vorkommen, aber Du bist nun mal am ehesten Kronzeuge.“
Mir schwante neue Unannehmlichkeit. Ich brauchte Ruhe, nicht neue Aufregung. Aber vielleicht Abwechslung.
„Worum geht es denn?“ fragte ich.
„Eine alte Geschichte, nichts fürs Telefon. Ich recherchiere über den Direktor von damals, den Vickert. Und Du hast damals möglicherweise etwas erfahren.“
„Ich bin kein Freund von alten Geschichten!“
„Wer ist das schon!“
„Und es ist nichts fürs Telefon? Ein Staatsgeheimnis?“
„So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Ich bräuchte es für mein neues Buch. Da habe ich eine Episode, wo ich möglichst genau sein möchte.“
„Aha, nach schön. Was machen wir da?“
„Ich würde ganz gern mal bei Dir vorbeikommen. So eine Begegnung weckt Erinnerungen, die ich vielleicht auch gebrauchen könnte.“
Schon wieder keimte mein Verdacht auf. Ich rief mich alten Knochen zwar sofort zur Vernunft, doch der Verdacht blieb. Er war, bei Licht betrachtet, sogar sehr viel wahrscheinlicher als ein mit lebendigen Toten bevölkertes Jenseits.
„Ich kann Dir keinen besonderen Empfang bereiten, aber dann kommst Du eben mal vorbei. Bisschen Kaffee und Kuchen zum Nachmittag,“ sagte ich.
„Oh, der alte Süßholzraspler!“
„Ganz ohne Süßholz! Nur mit Zucker.“
„Kann ich ja bisschen Holz mitbringen.“
Damit war das Telefonat auf eine Spur gelangt, die mir ganz und gar nicht behagte und mein Misstrauen nährte. Aber ich wollte auch nicht mehr zurück, versprach ein Treffen ja doch mögliche Aufklärung der mysteriösen Anrufe. Würden sie nämlich danach nicht mehr stattfinden, würde das ziemlich zweifelsfrei bedeuten, dass diese Simone die Anruferin gewesen war und nun die Lust verloren hatte, mich zu behelligen.
„Ja, mach das!“ sagte ich herausfordernd. Weiß der Himmel, warum ich spontan auf einmal so entgegenkommend war.
Wir vereinbarten einen Termin.
Horch und Guck
Als der Termin heranrückte, war ich aufgeregter als mir lieb war. Vor allem, weil es seit Simones Anruf keinen mehr aus dem sogenannten Jenseits gegeben hatte. Da schien ein Zusammenhang zu bestehen. Jedenfalls drängte sich solch Gedanke auf. Denn das Argument, irgendetwas über den ehemaligen Direktor der Schauspielschule erfahren zu wollen, war äußerst befremdlich und schien mir sehr weit hergeholt.
Simone war nur kurze Zeit an der Schule beschäftigt gewesen. Wir vermuteten damals, dass sie von Horch und Guck eingesetzt wurde, weil die Schule den Oberen nicht genau genug auf der Parteilinie gewesen war. Das wiederum konnte mit dem Direktor zusammenhängen, dem man offenbar irgendwarum misstraute. Was wollte Simone erkunden? Hoffte sie, nach Jahrzehnten von mir gewissere Auskunft zu bekommen?
Am Tage des voraussichtlich schwierigen Treffens war ausgesprochen schönes Sommerwetter und ich deckte den Tisch auf der Terrasse. Beim Bäcker hatte ich Streusel- und Quarkkuchen geholt, auch zwei Stück Erdbeertorte. Den Kaffee hatte ich besonders stark gemacht. In Erwartung des Gastes setzte ich mich an den Tisch und genoss in Ruhe den Blick in meinen schönen Garten. Da schrillte das Telefon.
Das geschah nun wirklich absolut ungelegen. Ich eilte zum Apparat und sah das leere Display. Nein, just solchen Anruf konnte ich jetzt nicht gebrauchen. Und um alle Überraschung in den kommenden Minuten auszuschließen, zog ich vorsorglich den Stecker des Telefons aus der Buchse. Das Jenseits musste warten, schließlich war es eine ewige Einrichtung und hatte viel Zeit. Überrascht stellte ich fest, dass ich mit der leidigen Sache doch recht souverän umgegangen war, so als sei es selbstverständlich, von jenseits des Universums angerufen zu werden. Aber ich hatte keine Muse, über meine spontane Reaktion zu meditieren. Schon wieder schrillte eine Glocke. Diesmal die vom Gartentor.
Davor stand eine stattliche Frau. Ins Auge fiel sofort ein stramm gebündelter Dutt, der eine energische und vor allem selbstbewusste Persönlichkeit ahnen ließ. Und die Kleidung, ein schnittiger dunkelblauer Jeans-Anzug, verlieh dieser Persönlichkeit obendrein etwas Forsches, fast Militantes. Ich muss gestehen, dass mich Simones Erscheinung sofort beeindruckte. Das hing gewiss auch damit zusammen, dass ich seit Jahren kaum noch Kontakt mit irgendeiner fremden Frau gehabt hatte.
„Hallo!“ rief ich gewollt fröhlich und öffnete die Gartentür.
„Schön guten Tag, mein Lieber“, sagte Simone demonstrativ gut gelaunt und trat ein.
Ich konnte mir nicht versagen, mit einem Kompliment zu reagieren.
„Welch geheimnisvolle Überraschung!“
Ich wies den Weg zur Terrasse und ließ der höchst ungewöhnlichen Besucherin den Vortritt.
„Nichts Geheimnisvolles, ganz und gar nicht!“ erwiderte sie und ging lockeren Schrittes voran. Simone betrat die Terrasse, drehte sich um und begutachtete die Aussicht.
„Schön! Schön hast du es hier!“ Sie breitete die Arme aus und dehnte sich genießerich, so als habe sie lange in einem engen Auto gesessen. Dann zeigte sie mit ringgeschmücktem Finger: „Ein Teich?“
„So ein bißchen!“
„Schau ich mir später an, ich mag Fische. Sind doch welche drin?“
„Fische, Frösche, Kröten und allerlei Wasser-Getier.“
„Aha! Schön!“ Als habe sie mit dieser Bemerkung das Thema Teich abgehakt, wandte sie sich dem Tisch zu. Sie stutzte merklich, zeigte wieder mit dem Finger: „Nur für zwei?“
„Wie du siehst.“
„Du bist allein?“
„Ja.“
„Deine Frau..?
„Seit einigen Jahren…“ Obwohl die dunkle Sonnenbrille ihre Augen verbarg, sah ich deutlich, dass meine Besucherin überrascht war. Damit hatte sie offenbar nicht gerechnet. Traf das zu, erwog ich hastig, war meine Vermutung hinfällig, sie könnte die irre Anruferin sein. Andererseits konnte sie auch raffiniert spielen und so tun, als wüsste sie nicht Bescheid. Warum versteckte sie sich hinter einer so bombastischen Sonnenbrille? Meine Verunsicherung nahm zu.
„Das tut mir aber leid, wirklich sehr leid,“ sagte sie und schien unschlüssig, wie sie nun mit mir umgehen sollte. Offenbar entschied sie, einfach zur Tagesordnung überzugehen; denn sie nahm resolut Platz. „Muss ich mich erst einmal setzen.“
Und ich war unschlüssig, wie ich mit ihr umgehen sollte. Ich hatte mich auf den Besuch eingelassen, also musste ich das jetzt auch durchstehen. Auch ich nahm Platz.
„Es ist so entsetzlich unwiderruflich!“ sagte ich. Ich konnte nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.
„Hat sie lange gelitten?“
„Überhaupt nicht. Sie hat sich schlafen gelegt und ist nicht wieder aufgewacht.“
„Ein schöner Tod! Sagt man!“
„Sagt man.“
Plötzlich streckte sie ihre Arme aus, fasste nach meinen Händen und flüsterte offenbar um Trost bemüht: „Irgendwann ist jeder an der Reihe.“
„Ja,“ sagte ich ziemlich tonlos und bereute, mich auf diesen Besuch eingelassen zu haben. Er riss alte Wunden auf. Gewiss auch bei dem Problem, weshalb sie angeblich gekommen war. Ich beschloss zu versuchen, die Sache möglichst bald und schnell zu Ende zu bringen. So reizvoll solch ungewöhnlicher Besuch auch war, ich hatte kein Interesse daran, die Vergangenheit heraufzubeschwören; ich hatte Mühe genug, mit der Gegenwart fertig zu werden.
„Nun sag schon, was treibt dich hierher?“ fragte ich unvermittelt und goß ihr Kaffee ein. „Milch haben wir auch.“ Ich schob ihr die Büchse hin, im selben Moment überrascht über mich, dass ich es nicht für nötig befunden hatte, ein Milchkännchen zu füllen. Meine Reaktion war ungewollt etwas brüsk geraten, und meine Besucherin beirrt. Sie schob ihre Brille auf die Stirn und schaute mich an, stechendes Blickes, sekundenlang mit ihren dunklen Augen. Ihre Zunge spielte hinter den Lippen. Aber sie sprach nicht.
Seltsam irritierende Sekunden. Sie empfand wahrscheinlich erst in eben diesem Moment, wie ungewöhnlich ihr Besuch war. Auch dass sie mich zur Begrüßung geduzt hatte, war nicht unbedingt gewöhnlich. Gewiss, wir waren damals Kollege und Kollegin, hatten uns selbstverständlich geduzt. Aber seither war viel Zeit vergangen. Und jeder hatte seinen Pfad finden müssen. Unsere Wege waren weit auseinander gegangen. Sie hatte sehr schnell ihren Frieden gemacht mit den neuen Oberen, ich hingegen haderte herum. Noch immer. Und wahrscheinlich auch künftig.
Nach den Sekunden des Verharrens hatte sie sich offenkundig entschlossen, unmittelbar zum Kern ihres Anliegens überzugehen. Sie schob ihre Brille wieder auf die Nase, legte sich ein Stück Torte auf ihren Teller, nahm einen ersten Biss und sagte mit noch ziemlich vollem Mund:
„Also Folgendes: Ich habe ein Kapitel in meinem neuen Roman, in dem der Direktor der Schauspielschule vorkommt. Ich möchte möglichst dicht an der Wahrheit sein.“
„Worum geht es?“
„Um die Firma.“
„Ah, verstehe!“ Das populistische Mainstream-Thema dachte ich, schwieg aber und machte eine interessierte Miene. Wenn sie denn doch die mysteriöse Anruferin war, dann gab sie sich wahrhaftig viel Mühe, von ihrem eigentlichen Ansinnen abzulenken. Obwohl natürlich noch viel rätselhafter war, warum sie – so es zutraf - gegen mich solch infame Intrige inszenierte.
Sie benutzte mein „Verstehe!“ für eine kleine Kunstpause, trank genießerisch Kaffee und fuhr fort:
„Schlagzeilen lassen sich nicht mehr damit machen, heutzutage muss man rechts blinken. Aber mich interessiert es. Da gibt es nämlich, sagen wir mal, einen dunklen Punkt in seinem Leben. Er ist, das ergeben jedenfalls meine bisherigen Recherchen, für die Firma kurze Zeit in Frankfurt am Main tätig gewesen.“
„Nein!“
„Doch! War er manchmal tagelang weg von der Schule?“
„Gott, das ist so lange her, kann mich nicht erinnern.“ Das war nun wirklich starker Tobak!
„Gibt es wirklich keinerlei Hinweis, nicht einmal eine Vermutung? Es müsste doch aufgefallen sein. Man hätte gerätselt, warum er so oft krank ist. Zum Beispiel.“
„Du warst seine Assistentin. Du müsstest dich doch am ehesten daran erinnern können.“
„Es geht um die Zeit nach mir.“
„Ach so!“
Just wurde mir heiß und kalt. Ich erinnerte mich plötzlich, dass mich Vickert eines Tages in seinem Zimmer beiseite genommen und in ein Vertrauen gezogen hatte, das ich seither nie gebrochen habe. Sollte ich jetzt offen darüber sprechen?
„Du überlegst?“ riss mich Simone aus meinen Erinnerungen.
„Ja, da fällt mir eine Sache ein.“ Ich zögerte, dann sagte ich: „ Eine Sache, die ich bis jetzt eisern für mich behalten habe; denn er hat mir etwas anvertraut, was man damals nicht jedermann erzählt hätte.“
„Und?“ sagte sie aufmerkend und goss sich noch einmal Kaffee ein.
Ich zögerte noch immer, erwog, ob meine Aussage irgendwem noch heute Ärgernisse bereiten könnte. Das schloss ich aus, denn die Angelegenheit war aus gegenwärtiger Sicht belanglos. Nicht nur verjährt, sondern eigentlich völlig belanglos.
„Hm!“ räusperte ich mich und sagte: „Das ist alles so weit weg. Wir hatten irgendeine Besprechung, wenn ich mich richtig erinnere, standen an seinem Schreibtisch und verharrten, denn die Angelegenheit, um die es ging, hatten wir geklärt. Plötzlich zog er seinen Schreibtischkasten auf, griff nach einem kleinen Fotoalbum und sagte, das sei von der Sicherheit. Ich muss ein sehr verdutztes Gesicht gemacht haben; denn er ergänzte, sie wollten ihn zu einem Einsatz im Westen überreden. Ich konnte das auf keine Reihe kriegen. Er blätterte in dem Album, zeigte mir Fotos. Zu sehen waren Straßen und Häuser einer mir fremden Stadt, insbesondere ein Geschäft mit Schaufenstern. Angeblich, sagte er, sei er genau der Typ, den er in diesem Geschäft spielen sollte. Mir schien, dass seine Hände zitterten. Mir war sofort klar, dass ich hier so zurückhaltend wie möglich sein musste. Zum Glück bat er mich damals nicht um Rat. Er klappte das Album zu, legte es ab und sagte, und das hat sich mir wörtlich eingeprägt: ‚Die wollen mich weg haben hier.‘ Ich weiß nicht, was diese Befürchtung bei ihm verursachte. Es gab zwar oft Kritik an der Schule, das weißt du ja auch, aber dass man ihn durch besondere Beförderung von seinem Posten verjagen wollte, das, hm, das schien mir unwahrscheinlich.“
„Und, wie stand er dazu?“ fragte Simone knapp und zielgerichtet.
„Er meinte, er habe sich entschieden, er werde so etwas nicht machen. Er sei zwar Schauspieler, aber für die Bühne, nicht für einen Geheimdienst.“
„Das hat er dir gesagt, aber gespielt hat er trotzdem.“
„Meinst du?“
„Du lieferst mir ein wichtiges Detail in meinem Puzzle. Für mich steht damit fest, dass er tatsächlich von Fall zu Fall tätig war. Ich muss nur noch herauskriegen, worin diese Tätigkeit bestand. Hat er damals noch irgendwelche Angaben gemacht?“
„Nein, kann mich nicht erinnern.“
„Naja, du hast mir jedenfalls sehr geholfen. Ich bin auf der richtigen Fährte. Ich weiß zwar noch gar nicht, ob ich das alles so genau brauche, aber ich behaupte nun mal nicht gern etwas, was nicht stimmt. Bei aller Freiheit in der Literatur.“
Ich beschloss, ihre literarischen Absichten nicht noch weiter zu hinterfragen. Das wäre ganz und gar unersprießlich gewesen, hätte mir nur Zeit gekostet. Zumal ich das Gefühl nicht los wurde, dass Simone hier etwas wichtig machte, was im Grunde eine Banalität gewesen war. Ich konnte mich auch absolut nicht erinnern, dass sich Vickert damals öfter für einige Tage frei genommen hätte. So sagte ich denn gedehnt und gewissermaßen als Schlußwort: „Ja, die Wahrheit, ein kostbares Gut!“
Sie begriff sofort meinen Untertext, sagte pathetisch „Wir werden sie hüten!“ und erhob sich.
„Noch zum Teich?“ fragte ich, um einen zu abrupten Abschied zu verhindern.
„Erst einmal Dank für Speise und Trank. Auch für die Information. Hilft mir wirklich sehr. Den Teich schenken wir uns, ja?“
„Kein Problem.“
Sie verharrte noch einmal auf der Terrasse, schaute sich um und sagte: „Hast dich hier in eine richtige Idylle zurückgezogen. Schön!“ Dann ging sie los. An der Gartentür blieb sie stehen, drehte sich noch einmal zu mir um und fragte mich überraschend: „Hätt` ich fast vergessen: Darf ich dich zitieren?“
„Mich zitieren? Wieso?“
„Wenn deine Anmerkungen ein wichtiger Drehpunkt werden sollten.“
„Gott, wenn es sein muss. In meinem Alter kann es mir eigentlich schnuppe sein.“
„Nun kotteriere mal nicht mit deinem Alter“, meinte sie so gut gelaunt, wie sie gekommen war. „Lass es dir gut gehen! Servus!“, fügte sie an und stieg in ihr schmuckes Auto.
Ich schaute mit zwiespältigen Gefühlen hinterher. War die Story um Horch und Guck wirklich so wichtig? Oder war sie nur vorgeschoben, um an mich heranzukommen? Andererseits: Nahm ich mich etwa viel zu wichtig? Ich tröstete mich damit, dass ich zu solchen Überlegungen gewiss nie geraten wäre, hätte es diese Stalkerin nicht gegeben. Mithin: in punkto Simone war ich ganz und gar nicht weiter gekommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie die mysteriöse Anruferin war, hatte sich zwar verringert, aber die Vermutung war nicht ausgeräumt.
Unvorstellbare Verhältnisse
Ich beschloss, die Begegnung mit der ehemaligen Kollegin sozusagen zu den Akten zu legen, zwar zur Akte ‚Jenseits‘, aber ganz weit hinten, oder unten, jedenfalls nicht zu alsbaldiger neuerlicher Bearbeitung. Wirklich aktuell, vor allem bewegender war, was diese angebliche Petra im letzten Telefonat gesagt hatte. Sie hatte behauptet, dass Brecht vorbei gekommen sei. Das war eine Bemerkung, die mich nicht losließ.
Schon die Umstände waren seltsam. Sie hatte mit mir telefoniert, also mit der Erde, also über eine unvorstellbare Entfernung, und dann war ihr auf einmal ein vorbeikommender Dichter wichtiger gewesen. Das kränkte mich. Angeblich lag ihr viel an dieser neuerdings möglichen Kommunikation mit mir. Doch ihr Verhalten passte nicht dazu.
Nun gut, ich bin nicht bemerkenswert für die Weltgeschichte, aber Brecht schon. Und im Jenseits sind höchstwahrscheinlich für uns Menschen unvorstellbare Verhältnisse. Auf Erden kommt wahrhaftig nicht so ohne weiteres ein prominenter, gar berühmter Dichter vorbei. Dort drüben jedoch scheint es ganz selbstverständlich zu sein.
Woraus sich aufregende Fragen ergaben: Spielen Phantasie und Dichtkunst außerhalb des Universums so etwas wie eine führende Rolle? Schon beeindruckend, dass sich die wahrhaft Großen wie Aischylos oder Goethe angeblich mit allen anderen Dichtern gemeinsam an einen Tisch setzen. So jedenfalls lassen sich Petras Andeutungen auslegen. Möglicherweise sind sogar die Poeten anderer Erden dabei. Sie alle finden sich offenbar im Jenseits ein, wenn sie ihre jeweilige irdische Zeit hinter sich gebracht haben, und sie verlieren sich dort nicht, geben sich nicht auf, sondern bleiben aktiv. Bilden sie gar ein poetisches Gremium unterschiedlicher Zivilisationen? Vereint zu ihrer eigentlichen Mission? Und worin könnte die bestehen?
So fing ich an, abstruses Zeug zu phantasieren. Und zwar Zeug, das sich um immer wirrere Fragen rankte. Was war aus dem Jenseits mit mir zu besprechen? Wenn ich es recht bedachte: Eigentlich nichts. Ich war ein Auslaufmodell, reif für die Gegend, aus der angeblich meine Frau anrief. Worin also könnte irgendein Sinn dieser Anrufe bestehen?
Schließlich wucherte eine absurd egozentrische Vermutung in meinem Hirn. Sollte Petra etwa den Auftrag haben, und zwar ausdrücklich von den Dichtern, zu mir einen Kontakt zu knüpfen? Weil die Poeten darüber nachdachten, wie sie aus dem Jenseits noch einmal eingreifen könnten? Weil sie hofften, unverdrossen und stur wie sie nun einmal waren, doch noch irgendwie ihre irdischen Ideale zu verwirklichen? Wollten sie sozusagen mit himmlischer Macht dafür sorgen, dass Menschenliebe nicht nur allerorten gepredigt, sondern endlich und überall auf Erden gelebt wird? Seltsame Vorstellungen, seltsame Fragen! Gestellt sozusagen unmittelbar vor der Tür zum Irrenhaus. Leser und Leserinnen werden verstehen, dass ich erhebliche Mühe hatte, in den Alltag zurück zu finden.
Ich versuchte, meine Hirngespinste bewusst mit positiven Gedanken zu überwinden. Es musste ja nicht unbedingt um so erhabene Absichten gehen. Es wäre erhaben genug, wenn die Anrufe wirklich aus dem Jenseits kämen und ich mit meiner Frau ab und an einen ungewöhnlichen und heimlichen Plausch führen könnte. Sie erzählt mir von ihren jenseitigen Erlebnissen, ich berichte aus meinem vertrackten Alltag. Wäre doch eine famose Abendunterhaltung. Allemal bewegender und höchstwahrscheinlich informativer als alle Fernsehprogramme zusammen genommen. Das Fatale, es gab keinen Anruf mehr.
So hätte ich denn meine Ruhe finden sollen, wieder das Gleichmaß eines alten Menschen, der keine Zukunft mehr vor sich hat, sondern halt nur noch so etwas wie das Jenseits. Womit jedoch beschäftigte ich mich? Mit dem Diesseits, mit dem Universum. Im Hinblick auf meine Probleme zwischen Jenseits und Diesseits waren vertiefte Kenntnisse gewiss nicht von Schaden.
Bisher hatte ich mich hartnäckig gesträubt anzuerkennen, was die fürs Weltall zuständigen Wissenschaftler behaupten. Dass es nämlich mit einem sogenannten „Urknall“ seinen Anfang genommen habe. Ich hielt das für einen irren Glauben. Geradezu hanebüchen war es meines Erachtens, einen Ton zum Ausgangspunkt für so ungeheure, dem Menschen nicht vorstellbare materielle Prozesse zu machen! Noch wirrer aber schien mir die Behauptung, das Weltall dehne sich seither rasend und unaufhaltsam aus. Sollten wir nicht eher glauben, dass das Universum unendlich ist, also weder Anfang noch Ende hat, weil ewig sich wandelnd, und zwar nicht im Sinne einer sich ausbreitenden Dimension hin zu einem Ende irgendwann, sondern im Sinne unendlich anhaltender Veränderung?
Mein fester Glaube in Sachen „Urknall“ geriet nur unmerklich ins Wanken, nachdem ich mich noch einmal und etwas gründlicher mit den unvorstellbaren Verhältnissen beschäftigte. Angefangen haben sie angeblich – wie bereits gesagt – mit dem „Urknall“, dem sogenannten„Big Bang“. Das ist die Benennung für einen vermeintlich einst explodierenden extrem dichten Haufen von Materie, woraus nicht nur unser Sonnensystem entstand, sondern alle Galaxien mit ihren Abermilliarden von Sternen. Geschehen sei die Explosion vor 13,7 Milliarden Jahren! Zu diesem delikaten Ergebnis kommt man aus der Berechnung der Geschwindigkeit des Auseinanderstrebens der Sterne. Was meine Skepsis nährte. Wenn es sich um solch unfassbar gigantische Zeiträume handelt, scheint es mir nach wie vor absurd, von Anfang und Ende zu reden. Solch Gerede – finde ich - kann nur einem menschlichen Hirn entspringen, das keine Ewigkeit duldet, sondern halt Anfang und Ende braucht.
Daher basteln Wissenschaftler, nachdem sie sich den bombastischen Anfang konstruiert haben, mittlerweile an drei Theorien vom Ende des Universums! Ich musste bei der Beschäftigung mit diesen Auffassungen an den alten Kardinal in Brechts „Leben des Galilei“ denken, der felsenfest daran glaubt, dass die Erde der Mittelpunkt der Welt sei. Auch heute gehen alle Berechnungen über Anfang und Ende des Universums just von der Erde aus. Welche Vermessenheit angesichts der Dimensionen des Weltalls! Aber bitte. Der Mensch sieht sich im Mittelpunkt und benötigt Anfang und Ende.
Drei Theorien vom Ende also. Die erste, die vom „Big Crunch“, behaupte ich keck, wurde wahrscheinlich nur aufgestellt, um sie ob ihrer Unwahrscheinlichkeit gleich wieder verwerfen zu können. Wenn es einen Anfang gibt, so spekulierten Wissenschaftler, so muss es auch ein Ende geben, und dachten es sich als großen Kollaps, der eintrete, wenn das Universum seine maximale Ausdehnung erreicht habe. Der Kollaps, so vermutete man, könne darin bestehen, dass das Universum wieder zu einem einzigen extrem dichten Punkt zusammenstürzt. Die Wahrscheinlichkeit dieses Ablaufs, wird mittlerweile verkündet, liege bei nahezu null Prozent. Weil nämlich die Gesamtmasse der Materie im Universum nicht ausreiche, damit genügend Schwerkraft entsteht, um einen solchen Kollaps auszulösen. Nach Kenntnisnahme dieser Theorie, muss ich gestehen, sah ich mich in meiner Skepsis absolut bestätigt.
Was durch die zweite Theorie, „Big Freeze“ geheißen, noch verstärkt wurde. Wackerer Berechnung zufolge kommt es zum „Großen Einfrieren“ des Universums. Nach dieser Auffassung wird sich das Weltall, zwar allmählich verlangsamt, immer noch weiter ausdehnen, so dass künftige Astronomen keine anderen Galaxien mehr sehen können, weil sie sich mittlerweile zu weit auseinander befinden. Allerdings braucht es – so die Berechnung – noch mindestens 1000 Milliarden Jahre, bis das Weltall diesen Zustand des Erfrierens wegen zu großer Abstände der Galaxien erreicht hat. Mir wurde geradez schwindelig angesichts derartiger Phantastereien.
Die dritte Theorie ist noch abenteuerlicher. Sie orakelt über Vorgänge, die angeblich in 10 hoch 1100 Jahren stattfinden könnten, und nennt sie den „Big Rip“, also das „Große Zerreißen“. Bei dieser Theorie wird angenommen, dass der Ausdehnungsprozess des Universums auch auf die kleineren Strukturen übergeht, so daß zunächst Galaxien, Sterne und Planetensysteme zerrissen würden und als Folge dann auch die Moleküle und schließlich sogar jedes einzelne Atom. Das „Ausdehnen“ wird bei dieser Theorie einfach in „Zerreißen“ umbenannt. Es würden dann Jahrmilliarden vergangen sein, man muss sich eine Zahl von etwa 32000 Nullen vorstellen. Natürlich gestehen die Wissenschaftler, dass ein solches Szenario höchst unwahrscheinlich ist, aber sie denken halt schon einmal darüber nach.
Ich indessen war, nachdem ich mich kundiger gemacht hatte, noch weniger geneigt, der Sache mit der Ausdehnung des Weltalls Glauben zu schenken. Nichtsdestotrotz schien es mir nötig, die gigantischen Zeiträume und Entfernungen zu beachten, die hier ganz ohne Zweifel im Spiele waren. Und dass hieß halt klipp und klar, dass die mysteriösen Anrufe einfach nicht aus dem Jenseits kommen konnten. Bei allem Respekt vor den Leistungen moderner elektronischer Technik, aber das vermochte sie nicht zu leisten. Dessen war ich gewiss. Deshalb war ich entschlossener denn je, der Anruferin, so sie sich noch einmal melden würde, meine Meinung zu geigen und dann Schluß zu machen.
Wozu ich freilich keine Gelegenheit hatte, denn der Anruf blieb aus. Gut drei Wochen mochten vergangen sein, als ich anfing mich zu wundern, dass ich überhaupt keinen Anruf mehr bekam. Bis mir einfiel, dass ich das Telefon ja wegen Simone abgesteckt hatte.
Die Anruferin weiß zuviel
Das erste, was sie sagte, war „Dad, was ist denn los bei dir?“ Der Anruf kam prompt, nachdem ich meinen Telefonanschluß wieder hergestellt hatte. Und es fiel mir schwer, nun gleich abrupt dagegen zu halten, die Betrügerin zu beschimpfen und aufzulegen.
„Was soll los sein? Nichts ist los!“ antwortete ich und spürte, wie ich wider Willen zitterte. Diese Fragerin war entwaffnend raffiniert. Und überhaupt. Der ganze Widersinn der Anrufe, die irdisch sein mussten, kam wieder über mich. Ich war auf merkwürdige Weise entschlußlos. Schon kam die nächste Herausforderung.
„Ich habe hier kein richtiges Zeitgefühl, hier gibt es nämlich keine Uhren, aber ich habe es mehrmals versucht, also muss Zeit vergangen sein,“ sagte sie.
„Reden Sie nicht solchen Stuß!“ reagierte ich und fügte hinzu: „Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe! Ich bin ein alter Mann und kann solche Belästigung nicht gebrauchen.“
„Dad, ich verstehe dich ja,“ klang es sanft aus dem Lautsprecher, „aber ich bin so glücklich, dich zu hören, du kannst es dir nicht vorstellen!“
Die Frau am anderen Ende der Leitung wurde immer dreister. Welch unerhörte Aufdringlichkeit ganz ohne auch nur irgendeinen Sinn! Weshalb und wozu versuchte hier eine fremde Frau, sich als meine Frau auszugeben?
„Nun hören Sie mal gut zu,“ sagte ich aufgebracht, „jetzt geben Sie endlich zu, wer Sie sind! Oder ich sehe mich gezwungen, die Polizei einzuschalten.“ Meine Stimme bebte.
„Dad, so ein Quatsch!“ entgegnete die Stimme. „Mich kann keine Polizei erreichen.“
„Oh doch, das kann sie“, versuchte ich, der dreisten Person Angst einzujagen.“
Aber die war absolut unbeeindruckt. Im Gegenteil. Sie ging in die Offensive, mit Waffen, denen ich nichts entgegen setzen konnte.
„Kannst du dich noch an Zakopane erinnern?“ fragte sie.
„An Zakopane?“
„ Wie wir da am Berg am Stahlseil hingen und nicht weiter kamen?“
„Ja!“ sagte ich und zitterte heftiger als damals im Urlaub. Ich erinnerte mich sehr wohl. Wir hatten mit den Kindern auf den Berg hinauf gewollt, waren ahnungslos losgegangen und jämmerlich hängen geblieben. Der schmale Pfad endete und man musste sich an einem Stahlseil festhalten. Nur der Sohn hangelte sich unbeeindruckt weiter, wie junge Leute eben sind. Ich aber hing neben Frau und Tochter am Seil und hatte Angst wie nie zuvor in meinem Leben.
„Siehst du,“ sagte sie, „wir hatten damals Angst und sind umgekehrt.“
„Stimmt!“ meinte ich überwältigt und schwitzte aus allen Poren. Woher wusste diese Frau derartige Details aus meiner Ehe?
„Oder damals in Polen, erinnerst du dich, als wir auf die Schneekoppe wollten und in einen Wolkenbruch gerieten und jämmerlich durchnässten?“
„Ja!“ sagte ich und verlor allen Boden unter den Füßen. Auch das stimmte. Ich konnte nicht nein sagen.
„Oder wie wir damals auf unserer Kreuzfahrt am Nordkap versäumten, ein paar urige Trolle zu kaufen und dann ganz trauig waren, dass es im südlichen Norwegen nicht so urige Trolle gab?“
„Ja!“ sagte ich.
„Oder wie du Herzrasen hattest auf Teneriffa und wir dann nach dem Besuch bei einem deutschen Arzt, der dich kurierte, feststellten, dass mein Handy weg war?“
Mir wurde schwarz vor den Augen „Hören Sie auf!“ schrie ich mit letzter Kraft und drückte die Austaste. Ich konnte und wollte nicht wahrhaben, was ich soeben erlebt hatte. Ich brauchte Luft, ich brauchte Zeit, irgendwie zu mir zu kommen. Diese Person war meine Petra! Es konnte nicht anders sein. Woher sollte eine fremde Frau diese Details aus unserer Ehe wissen? Gut, es könnte sein, dass wir irgendwann bei einem Besuch oder einem Zusammentreffen mit Bekannten dies oder jenes erzählt hatten. Aber doch nicht so viele Einzelheiten aus unterschiedlicher Zeit.
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich damals wie gelähmt gesessen habe. Ich weiß nur noch, dass mein Herz wild klopfte und ich um meine künstliche Herzklappe fürchtete. Wie sollte das jetzt weiter gehen? Und es würde weiter gehen, dessen war ich gewiss. Diese Frau würde nicht locker lassen, schon weil es möglicherweise wirklich meine Frau war. Sie hatte im Leben nie locker gelassen, wenn es galt, eine komplizierte Arbeit zu leisten und zu Ende zu bringen. Langsam reifte eine Idee.
Sollte sie wieder anrufen, beschloss ich, müsste sie mir meine Fragen beantworten, und zwar zu Details aus unserer Ehe, die nun wirklich nur wir beide kannten. Zum Beispiel hatte unsere Hochzeit sozusagen eine besondere Note gehabt. Wir waren nämlich verspätet zum Standesamt gekommen, die Beamtin hatte ihren Dienst schon beendet, war aber noch im Haus. Als wir eintrafen, war sie im Begriff, ihr Büro zu verlassen. Wir baten sie um Verständnis. Der Bus war ausgefallen, und so schnell war eine Taxi nicht gekommen. Die Beamtin hatte Mitleid mit uns. Als sie uns hereingelassen und wir Platz genommen hatten, machten wir ihr das Angebot, sie könne sich bei uns kurz fassen. Wir sahen, wie sie bereute, sich auf uns eingelassen zu haben. Und prompt war das Zeremoniell auch schon zu Ende. Und in der Eile dann hatten wir versäumt, uns unsere Eheringe überzustreifen. Zu diesen Details wollte ich die Fremde befragen. Noch war sie für mich eine Fremde.
Und sie hatte angeblich keine Zeit, oder, andersherum, sie hatte zu viel Zeit. Weil nämlich im Jenseits gar keine Zeit gemessen wird. Es ist sozusagen immer Zeit. Merkwürdige Verhältnisse. Sie hatten zur Folge, dass kein Anruf mehr kam. Und ich unruhig wurde. Ich wollte Gewissheit, und fand keine Gelegenheit, sie mir zu verschaffen. Was machte diese Person in all der Zeit? Was konnte man überhaupt im Jenseits so anstellen? Ich ertappte mich erneut bei höchst abstrusen Fragen.
Nach all den wirren Abwägungen fand ich denn doch wieder zu einer gewissen inneren Ruhe. Mittlerweile erschien mir dieses Jenseits-Telefonat voller unfassbarer Mitteilungen wie ein sagenhaft aberwitziger Albtraum. Und mein gesunder Menschenverstand, von dem ich schon immer viel gehalten hatte, sagte mir von Tag zu Tag eindringlicher, dass es sich um eine abgründige irdische Schweinerei handeln musste. So stimmig und wahr die einzelnen Ehe-Erinnerungen auch waren, ich konnte nicht fassen, dass sie tatsächlich von meiner toten Frau ausgesprochen worden sein sollten. In meinem bescheidenen menschlichen Hirn war dafür kein Platz.
Die innere Ruhe, stellte ich alsbald fest, war trügerisch. Ich befand mich in einem Zustand, der eigentlich ärztliche Hilfe nötig gehabt hätte. Aber schon den Gedanken daran schloss ich sofort aus. Denn in der geistigen Verfasssung, in der ich war, war ich reif, wenn nicht gar überreif fürs Irrenhaus. Das musste ich unbedingt verhindern. Zu solcher Überlegung und zu solchem Entschluß war ich immerhin noch fähig.
Kuhschnappel
Die Zeit verstrich und mein Zustand besserte sich nicht. Wie ein Geschenk des Himmels empfand ich daher einen Anruf, der mich zunächst noch mehr in Unruhe versetzte. Das Telefon hatte geklingelt und ich hatte aufgeatmet. Endlich würde ich die Gelegenheit haben, Klarheit in Sachen Jenseits zu schaffen. Doch schon am Display hatte ich gesehen, dass am anderen Ende nicht diese Fremde war.
„Hallo“, sagte ich.
„Hallo, Herr Professor,“ tönte da eine angenehme Stimme.
„Ja?“ meinte ich vorsichtig, aber schon wieder mit abstrusen Gedanken im Kopf. Wer mochte das sein? Wieder eine Frau, das hatte ich gehört. Aber welche? Und mit welchen Hintergedanken?
„Ich bin Bärbel Runge, eine ehemalige Studentin von Ihnen.“
„Aha!“ sagte ich irritiert. Dachte da wirklich eine ehemalige Studentin an mich? Was wollte sie von mir?
„Es geht um Ihre Methode! Ich will über Vor- und Nachteile von Inszenierungspraktiken promovieren. Angefangen bei Ekhof bis zu Stanislawski und Brecht. Vielleicht auch aus jüngerer Geschichte, Langhoff, Stein oder Müller. Ich weiß noch nicht. Ihre Ansichten wären mir sehr wichtig.“
„Kompliment!“ musste ich da erst einmal feststellen, „da haben Sie sich ja eine heroische Aufgabe gestellt.“
„Danke!“ meinte sie und knüpfte an, „ja, ich bin nämlich zur Wissenschaft abgewandert, aber vom Schauspielen nicht losgekommen.“
„Wenn ich Ihnen helfen kann.“
„Das könnten Sie. Ich habe bisher gefunden, dass Ihre Auffassung, wie mir scheint, am brauchbarsten für ein originäres Theaterspiel ist.“
„Danke!“ sagte ich.
„Aber ich habe natürlich Fragen. Ob ich das eine oder andere richtig verstanden habe, ob ich nicht Dinge hinein interpretiere, die Ihrer Theorie widersprechen würden.“
„So schlimm wird es nicht sein,“ meinte ich. Die Praktiker kümmern sich ohnehin nicht darum, wollte ich hinzufügen, unterließ es aber, um ihr nicht Mut und Elan zu nehmen. Meine Erfahrung war, dass selbst an Schulen nicht nach einer allgemein gültigen, weil richtigen Methode ausgebildet wird, sondern an jeder Schule der jeweilige Guru herrscht, und zwar mit seinen mehr oder weniger gut funktionierenden subjektiven, wenn nicht gar subjektivistischen Ansichten und Praktiken.
„Ja, wäre schön!“ antwortete Frau Runge und fügte hinzu, „es wäre wunderbar und würde meiner Arbeit voran helfen, wenn ich mich einmal mit Ihnen unterhalten könnnte. Ich bitte darum.“
Einen Damenbesuch konnte ich im Moment wahrhaftig nicht gebrauchen. Andererseits wäre er wahrscheinlich eine wohltuende Abwechslung. Obendrein zu einem Thema, das mir natürlich nach wie vor am Herzen lag. Ich zögerte mit der Antwort.
„Sind Sie noch da?“ hörte ich.
„Ja“, sagte ich, „ich überlege nur gerade, wie ich Sie in meinem Terminplan unterbringen könnte.“ Das war zwar gelogen; denn ich hatte so gut wie keine Termine, verschaffte mir aber Gelegenheit, die ganze Sache flux noch einmal abzuwägen. Und ich kam zu dem Schluß, mich auf ein Gespräch einzulassen.
„Ich kann mich ganz nach Ihnen richten,“ reagierte sie, „ich wohne zwar in München, bin jetzt aber in Berlin. Und Sie wohnen ja wohl irgendwo am Rande im Speckgürtel.“
Das war nun freilich eine verdächtige Anmerkung. Die Frau hatte offenbar Erkundungen angestellt. Interessierte sie sich gar nicht für Theorie, sondern für Praxis, und zwar für persönliche Annäherung? Ich spürte zwar sofort, dass ich schon wieder einigermaßen irre spekulierte, aber der Verdacht war aufgekommen, und so schnell ließ er sich auch nicht wieder ausräumen. Schließlich war irgendwelche profane irdische Annäherung immer noch wahrscheinlicher als ein Flirt mit dem Jenseits.
„Machen Sie einen Vorschlag,“ forderte ich Sie auf, „am besten vielleicht an einem frühen Nachmittag.“
Nach einem kurzen Hin und Her einigten wir uns auf einen Termin. Ich grüßte noch einmal, versprach neugierige Erwartung und legte auf. Was hatte ich mir da eingebrockt? Eine Studentin Runge war mir nur sehr schwach in Erinnerung. Sie war durchweg unauffällig geblieben, hatte weder verquere noch produktive Diskussionen provoziert. Und als Schauspielerin würde sie, das war schon während des Studiums abzusehen, zum Fußvolk gehören, zu jenen nötigen Unentwegten, die Tag für Tag auf der Bühne rackern und nur selten wirklich Anerkennung erfahren.
Zwangsläufig verbrachte ich von Stund an wieder höchst unruhige Tage. Obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass die Münchnerin etwas mit der Anruferin zu tun haben könnte, äußerst gering war, litt ich unter der Ungewissheit. Die plötzlich und unerwartet noch einmal geradezu unheimlich eskalierte.
Ausgerechnet an dem Tag, an dem das Gespräch mit der ehemaligen Studentin stattfinden sollte, stieß ich beim morgendlichen Zeitungslesen auf eine Notiz, die mir von jetzt auf gleich allen Boden unter den Füßen wegzog. An diskreter Stelle wurde dort mit wenigen Zeilen berichtet, dass man eine Frau aus dem sächsischen Kuhschnappel ins Krankenhaus gebracht habe, weil sie immer wieder behauptet habe, von ihrem Mann aus dem Jenseits angerufen worden zu sein. Der Arzt habe schließlich keine andere Entscheidung treffen können, da die Frau hartnäckig bei ihrer Behauptung geblieben sei. Ganz offensichtlich hatte ein einfaches Gemüt die nervliche Belastung nicht aushalten können und hatte sich einer Nachbarin anvertraut. Und die wiederum hatten keine andere Wahl gehabt, als den Arzt zu rufen. Denn Anrufe aus dem Jenseits, die konnte es einfach nicht geben.
Für mich aber stand seit diesem Morgen fest, dass es tatsächlich Anrufe gab. Vermutlich sogar viel mehr, als bislang öffentlich benannt. Unter Umständen wurde von den Behörden sogar alles unternommen, um Informationen über die mysteriösen Vorgänge nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Denn die Obrigkeit hatten letztlich kein Mittel, die Verbreitung der Kunde zu verhindern, noch gar den Kontakt mit dem Jenseits zu unterbinden.
Nach dieser ungeheuerlichen Information schien mir mein weiterer Umgang mit der Anruferin auf einmal ziemlich klar. Es blieb mir nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Ich nahm mir vor, beim nächsten Telefonat zwar meine Fragen noch zu stellen, sozusagen in einem letzten Gefecht, ansonsten aber möglichst gesund und aufnahmefähig auf die zweifellos historische Herausforderung einzugehen.
Mich überkam überraschend eine erwartungsvolle Zufriedenheit. Zweifel daran, dass die Zeitungsmeldung ein Art Aprilscherz gewesen sein könnte oder eine Fake-News, kamen mir nicht. Im Gegenteil, ich fand es auf einmal positiv aufregend, offenbar zu den Auserwählten zu gehören, zu denen das Jenseits Kontakt aufnahm. Wahrscheinlich war von dort so etwas wie eine ideologische Offensive gestartet worden. Die Errrungenschaften modernster Technik machten es möglich.
Ich war mithin am Tage des Gespräches mit Frau Runge äußerst unkonzentriert. Eigentlich hätte ich ihr absagen müssen, denn ich hatte wirklich ganz andere Dinge im Kopf, musste und wollte meine Sicht aufs Jenseits und jene Frau, die meine Frau sein wollte, neu sortieren. So plante ich ein möglichst kurzes Gespräch mit Frau Runge; ging daher auch nicht zum Bäcker, sondern stellte demonstrativ nur zwei Gläser und eine Flasche Stilles Wasser auf den Tisch. Das Wetter war leidlich, die Temperatur im Rahmen – Gemütlichkeit würde nicht aufkommen. Und wenn, müsste ich dagegen steuern.
Frau Runge, stellte ich sofort fest, war eine schöne Frau! So auffallend attraktiv hatte ich sie gar nicht in Erinnerung. Als ich ihr mein Gartentor öffnete, überkam mich sofort eine stille Sehnsucht. Ich hatte mein Leben lang immer wieder überrascht registriert, dass mein Wahrnehmungssystem in Sachen Weiblichkeit von aufregender Sensibilität war. Es konnte mir widerfahren, dass ich auf der Straße eine Frau sah und sofort erotische Regungen hatte, ein Verlangen und Begehren, das lästig sein konnte, weil es stets Wünsche provozierte, die nicht erfüllbar waren. Mit dem Alter war dieser erotische Mechanismus gewissermaßen eingerostet, aber jetzt schien er wieder mobil zu sein und drängte erst einmal alle übrige Welt in den Hintergrund.
Die Besucherin hatte mein Aufmerken offenbar registriert. Ich sah heimliche Genugtuung und wachsende Zuversicht.
„Guten Tag, junge Frau,“ sagte ich.
„Ich grüße Sie und bedanke mich sehr!“ sagte sie ergeben und trat ein. Ich geleitete sie zur Terrasse. Vor mir her lief federnden Schrittes ein Weib in den besten Jahren. Ihr kurzes Kleid gab den Blick frei auf ihre energischen Waden, die mir partout etwas zu mächtig geraten schienen. Ich amüsierte mich über meine noch immer funktionierende Neigung, Vorzüge und Nachteile des anderen Geschlechts spontan zu analysieren und schöne Anblicke mehr oder weniger zu genießen. Schon waren wir auf der Terrasse angekommen und mein Gast nahm resolut Platz, packte hurtig ein Notebook vor sich hin und schaute mich erwartungsvoll an.
„Oh, gleich zur Sache!“ sagte ich respektvoll und durchaus zugleich darum bemüht, die Besuchszeit knapp zu halten. Der kurze kleine Trip in erotische Gefilde war ohnehin vorbei. Wie sie nun so saß, schien sie mir denn doch etwas zu korpulent geraten. In der Wissenschaft war sie ohne Zweifel besser aufgehoben als auf der Bühne.
„Ja,“ sagte sie gedehnt und fragte, „kann ich gleich zu meiner wichtigsten Frage kommen? Sie brennt mir auf der Zunge.“
„Aber bitte,“ entgegnete ich und setzte mich. „Vorher aber ein bisschen Wasser, falls die Frage etwas umfangreich sein sollte“, fügte ich augenzwinkernd hinzu und goss ihr Wasser ins Glas.
„Danke, sehr aufmerksam“, reagierte sie und nahm einen Schluck. Dann holte sie betont theatralisch Luft und fragte: „Kann es sein, dass Sie Ihre Methode eigentlich nicht zu Ende gedacht haben?“
Ich war überrascht, denn sie traf voll ins Schwarze.
„Ja!“ sagte ich ehrlich, wie ich nun einmal bin.
Bestätigt durch meine Antwort holte sie erneut tief Luft und fuhr fort. „Sie projizieren Hegels Negation der Negation auf die Schauspielkunst, bleiben aber bei der Hälfte stehen. Sie untersuchen die erste Negation, die von der Improvisation zur Fixation, wie sie diese Phase zu Recht nennen. Aber Sie untersuchen nicht die zweite Phase, die von der Fixation zur Improvisation auf höherer Ebene, die ja möglicherweise und überhaupt die wichtigste ist.“
„Stimmt!“ meinte ich beeindruckt. Sie hatte tatsächlich einen wunden Punkt getroffen. Ich hatte, als ich damals schrieb, Neuland betreten, nämlich eine bislang nicht übliche Sicht aufs Schauspielen als Arbeit. Diese Arbeit, stellte ich fest, hatte sich in der Geschichte des Bühnenspiels von der Improvisation, dem antiken Mimus, der ursprünglich ohne geschriebenen Text ablief, hin entwickelt zu fixiertem Spiel. Weil nämlich einst der aufgeschriebene, also nicht mehr spontan auf der Bühne erfundene Text mit lebendiger Handlung versehen werden musste. Die Untersuchung dieser höchst komplexen Problematik hatte meine ganze Aufmerksamkeit erfordert und ich war einfach nicht dazu gekommen, meine eigene Überlegung bis zu Ende zu denken. Also zu untersuchen, was geschieht, wenn der Schauspieler sein letztlich eingeübtes und festgelegtes Handeln Abend für Abend wiederholen muss. Er fängt dann bewusst oder auch unbewusst an, sich im Rahmen des Festgelegten frei zu bewegen, also auf höherer artifizieller Ebene zu improvisieren, und zwar nun Details und Feinheiten seines Bühnenhandelns solo oder mit Partnern. Frau Runge hatte da in der Tat meine Untersuchungen weiter gedacht. Und ich war gern bereit, ihr das zu bestätigen. Was ihr selbstverständlich sehr genehm war. Euphorisiert tippte sie sich irgendetwas in ihren Leptop. Ohne meine Zustimmung dankend zu kommentieren fuhr sie fort:
„Mein Problem ist jetzt, diese von uns gefundende Grundstruktur des Arbeitsprozesses in Bezug auf den Regisseur zu untersuchen. Die Frage ist: Analysiere ich erst einmal die Arbeitsweise jedes einzelnen Regisseurs und prüfe erst dann, ob sie übereinstimmt mit der von Ihnen gefundenen und von mir übernommenen Maxime, oder lege ich diese Maxime a priori wie eine Art Schablone darüber.“
„So ungefähr“, meinte ich.
„Und etwas eindeutiger?“ fragte sie.
„Fällt mir schwer. Wenn ich überlege, wie ich vorgehen würde, dann muss ich sagen, dass ich erst einmal versuchen würde, die Arbeisweise jedes einzelnen Regisseurs zu untersuchen. Und dann würde ich die Ergebnisse mit meinen Erkundungen vergleichen. Fatal wäre es, wenn sich kaum Übereinstimmung ergeben würde. Was ich freilich nicht annehme.“
„Ich neige auch zu diesem Herangehen,“ sagte sie.
In dem Moment schrillte das Telefon. Ich entschuldigte mich, ging ins Haus, nahm den Hörer und sah sofort am Display, dass es die Jenseitserin sein musste.
„Keine Zeit im Moment, rufen Sie später noch einmal an,“ rief ich ins Mikrophon und legte auf. Meine Besucherin hatte meine brüske Reaktion natürlich gehört und empfing mich mit großen Augen.
„Ich störe doch hoffentlich nicht?“ stellte sie fest.
„Keineswegs,“ antwortete ich karg und setzte mich wieder. Aber der Faden unseres Diskurses war gerissen.
„Ja,“ meinte sie nach kurzer Zwangspause, „eigentlich habe ich ja erfahren, was mir am Herzen lag und was ich erhofft hatte. Habe ich dann nur noch eine, zugegeben, unbescheidene Frage.“
„Bitte!“
„Könnte ich Ihnen mein Manuskript zu gegebener Zeit einmal vorlegen?“
Mit dieser Frage brachte sie mich in arge Verlegenheit. Ich hatte im Moment und wahrscheinlich auch in naher Zukunft überhaupt keine Lust, mich mit eine Dissertation zu beschäftigen. Andererseits war die Aussicht, dass sich eine junge Wissenschaftlerin ausgiebig und gewogen mit meinem wissenschaftlichen Werk befassen würde, äußerst angenehm. Ich konnte nicht nein sagen, wich dennoch erst einmal aus.
„Wenn es mich dann noch gibt,“ antwortete ich.
„Herr Professor, natürlich gibt es Sie dann noch!“
„Einverstanden,“ meinte ich.
„Dann bedanke ich mich sehr, sehr herzlich und verabschiede mich. Bleiben Sie gesund.“
Meine Besucherin erhob sich resolut, und ich unternahm nichts, was ihren Aufenthalt verlängert hätte. Nach kurzem Zeremoniell an der Gartentür bestieg sie ihr Auto und fuhr davon.
Und ich setzte mich ans Telefon und dachte an Kuhschnappel.
Heiliger Bimbam
Wie lange ich am Telefon gesessen habe, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass ich wieder einmal aberwitzige Spekulationen angestellt habe. Plötzlich hatte ich das Bedürfnis, mir diese seltsame Zeitungsmeldung noch einmal anzusehen. Hatte ich überhaupt gelesen, worüber ich so angestrengt nachdachte? Stand das tatsächlich schwarz auf weiß auf dem Papier? Und vor allem: War es wirklich nur eine kurze Notiz? Hätte es nicht eine Aufmachung auf der ersten Seite sein müssen? Schließlich war die Behauptung der Frau, bei der sie offenbar hartnäckig geblieben war, keine Kleinigkeit, eigentlich viel mehr als beispielsweise ein Unfall auf der Autobahn. Ich schlug die Zeitung noch einmal auf. Und es stand noch immer da, schwarz auf weiß, klein geschrieben ganz unten rechts in der Ecke:
„Ungewöhnliche Erkrankung. Eine Rentnerin aus dem sächsischen Kuhschnappel wurde ins Krankenhaus eingeliefert, weil sie immer wieder behauptete, von ihrem verstorbenen Mann aus dem Jenseits angerufen worden zu sein. Sie habe sich darüber sehr gefreut und mehrmals mit ihm gesprochen.“
Einmal mehr machte ich mir bewusst: Die Redaktion der Zeitung war über das Ereignis hinweg gegangen als sei es gewöhnlicher Alltag, hatte einen absolut grotesken, ja abnormen Vorgang zwar vorsorglich gemeldet, aber gleichzeitig zur Bedeutungslosigkeit bagatellisiert. Hatte sie eine Anweisung von oben? Oder hatte sie eigenständig so entschieden?
Auch nach Tagen stand kein weiterer Beitrag in der Zeitung. Echter Journalismus, fand ich, hätte längst für ein ausführliches Interview mit dieser Frau sorgen müssen. Das hätte die Zeitung von heute auf morgen weltbekannt gemacht. Aber sie scheuten offenbar das Risiko. Zu fatal wäre gewesen, wenn dann früher oder später unwiderlegbar herausgekommen wäre, dass diese Frau einfach gelogen hatte. Nur ich wusste, dass das nicht der Fall gewesen war. Sollte ich einen Leserbrief schreiben? Nein doch! Welch dummer Gedanke. Auf keinen Fall an die Öffentlichkeit gehen. Es war überhaupt nicht zu erwarten, irgendein Verständnis zu finden. Im Gegenteil, ich hätte mit einem freundlichen Irrenarzt rechnen können.
Ich schlief wieder einmal sehr unruhig. Und als das Telefon weit nach Mitternacht klingelte, war ich just hellwach. Ich griff zum Hörer und sah, da war keine Nummer auf dem Display. Die Jenseitserin!
„Ja, bitte!“ sagte ich.
„Entschuldige!“ bat die Stimme, „ich hätte längst wieder anrufen müssen. Aber hier geht alles drunter und drüber.“
„Und hier ist Mitternacht!“
„Ach du lieber Himmel! Entschuldige, entschuldige! Ich ruf später wieder an!“
„Moment!“ rief ich entschlossen. Die Gelegenheit schien mir günstig, endgültig Klarheit zu schaffen. „Hören Sie! Wie war das mit unserer Hochzeit? Welche Gäste hatten wir?“
„Was ist los?“
„Ich frage Sie, wie das mit unserer Hochzeit war. Welche Gäste hatten wir?“
„Aber Dad! Das weißt du doch genau!“
„Natürlich! Aber ich will es von Ihnen wissen!“
„Dad, wir hatten keine Gäste!“
„Keine?“
„Nein doch! Wir mussten schnell zurück zu unserem Sohn. Der lag in Windeln in seinem Körbchen, und die Wirtin war bereit gewesen, ab und zu nachzusehen.“
Heiliger Bimbam! Das waren mehrere stimmige Details in einem Satz. Ich gab mich geschlagen. „Schatz“, hauchte ich ins Telefon, „du scheinst es wirklich zu sein.“
„Ich bin es!“
„Dass es so etwas gibt!“ murmelte ich, noch immer ungläubig, aber mich den Fakten beugend.
„Pass auf,“ sagte sie, „schlaf du dich jetzt erst einmal aus. Nur noch so viel: Ich freue mich auf dich! Habe viel zu erzählen. Gute Nacht!“
Stille! Das Jenseits schwieg. Und ich fand natürlich keine Ruhe. Ich hatte mit gewehrt, ja, ich hatte das Unmögliche nicht für möglich halten wollen, und musste zugeben, die Beweise waren unwiderlegbar, dass da am anderen Ende der Leitung meine Frau sprach, in welchem Zustand auch immer. Es könnte ihr wacher Geist sein. Das wäre noch eine Erklärung. Aber wahrscheinlich war es nicht. Es konnte nach menschlichem Ermessen einfach nicht wahrscheinlich sein.
An Schlaf war nicht zu denken. Es waren quälende Stunden. Völlig unausgeschlafen registrierte ich den erwachenden Tag. Ich trat ans Fenster, blickte verschlafen hinaus und sah, wie doch tatsächlich in eben diesem Moment ein Graureiher auf der Wiese landete. Er verharrte einen Moment, dann stolzierte er gravitätisch zum Teich. Sollte ich ihn gewähren lassen? War das alles noch von irgendeiner Bedeutung? Waren irdische Angelegenheiten überhaupt von Belang? Jetzt, zu einer Zeit, in der ich Kontakt mit dem Jenseits aufgenommen hatte und mehr oder weniger bereit war, auch anzuerkennen, was ich da erlebte? Ich beschloss, Petra beim nächsten Mal sozusagen eine letzte klärende Frage zu stellen. Dann öffnete ich das Fenster und verscheuchte den Reiher.
Schon während des Frühstücks griff ich zur Zeitung. Irgendwann, fand ich, müsste sachlich und ausführlich über das supergroteske Phänomen „Rufe aus dem Jenseits“ berichtet werden. Aber die Redaktion hatte ganz andere Aufmerksamkeiten, ganz und gar nicht so grotesk wie mein Problem, aber grotesk genug für den gesunden Menschenverstand. Ausführlich wurde erörtert, ob es nicht endlich an der Zeit sei, das weibliche Geschlecht auch in der Sprache gleichberechtigt anzuerkennen. Die Tendenz war, und sogar die Herausgeber des Dudens hatten sich wohl schon angeschlossen, männliche Namen mit einem Sternchen am Ende zu versehen, um damit auszudrücken, dass auch Frauen damit gemeint seien. Welch Poblem! Sogar Parteien wälzten es hin und her. Ich kam nicht umhin zu konstatieren, dass die menschliche Gesellschaft ganz offensichtlich an einem Scheidepunkt angelangt scheint. Man macht neuerdings zur Sorge, was eigentlich eine nichtige Fragestellung ist, und vermag es so, den wahren Sorgen aus dem Wege zu gehen. Oh bitte, das Jenseits, ist es eine wahre Sorge? Noch ehe ich mir eine Antwort geben konnte, meldete es sich schon wieder.
„Ja!“, sagte ich.
„Stör ich?“ fragte sie.
„Nein, bin gerade fertig mit dem Frühstück.“
„Schön!“
„Habe nur noch eine Frage!“ sagte ich bestimmt.
„Dacht ich mir,“ meinte sie.
„Was machte unser Sohn, als wir nach unserer Hochzeit wieder bei ihm waren?“
„Du hast ihn trocken gelegt, und er hat dich in hohem Bogen angepinkelt.“
Was blieb mir nun? Ich zitterte nicht mehr! Petra hatte mich damals, und ich erinnerte mich gut, vergnügt an die Front geschickt. Und als ich meine Bewährungsprobe als Vater bestanden hatte, waren wir hurtig ins Bett gesprungen.
„Zufrieden?“ fragte sie jetzt.
„Ja,“ sagte ich und zitterte wieder.
„Und wie geht es dir?“
„Tja, du kennst ja meinen Zustand. Wird sich nicht mehr bessern. Ich schleppe mich so durch die Zeit.“
„Herz und Nieren.“
„Und Prostata.“
„Du lässt aber auch nichts aus.“
„Man gibt sich Mühe.“
„Weiß ich auch keinen Trost. Das Leben ist schon schön. Halt es fest, so lange du kannst.“
„Sehr schwierig ohne dich!“
„Musst du durch!“
„Ich muss dir noch den Kuss geben.“
„Welchen Kuss?“ fragte sie.
„Als du mich einen Tag vor deinem Tod im Krankenhaus besucht hast und zum Abschied sagtest ‚noch ein Kussel‘. Und ich dir den Kuss aus Sorge, ich könnte dich irgendwie anstecken, nur auf die Wange gegeben habe.“
„Ja, ich erinnere mich. Das war irgendwie symbolisch für unsere Beziehung. Immer herzlich, immer lieb, aber auch spröde und widersprüchlich.“
„Kannst du mir verzeihen?“
„Ja doch!“
Mir schossen Tränen in die Augen. „Danke!“ sagte ich gerührt und zwang mich, nicht sentimental zu werden. Das hätte ihr nicht behagt. In komplizierten Situationen in unserer Ehe, in der ich geneigt war, rührselig zu werden, hatte sie stets rational und sachlich reagiert und mich damit indirekt zurechtgewiesen. Sie mochte keine wehmütige Sentimentalität und konnte bezaubernd cool sein..
„Hör mal,“ fuhr sie jetzt fort. „Ehe wir über mich reden, sag mir bitte noch schnell, wie es unseren Kindern geht.“
„Sie sind gesund. Das ist mir das Wichtigste. Ansonsten läuft es im Moment ganz passabel. Martina ist zur Zeit in San Francisco und inszeniert „Alcina“ von „Händel“. Ihr Chef kommt am Schluß dazu, bastelt noch ein bisschen am Ergebnis herum und gibt es dann als seine Inszenierung aus. Und Martin ist mit seiner Puppentruppe für vier Wochen in Südkorea auf einem Festival in der Provinz. Sein Eumel ist da so etwas wie das Maskottchen des Festials. Es gefällt ihm sehr, sie haben Erfolg.“
„War er da nicht schon einmal?“
„Ja, er ist jetzt schon zum viertel Mal dort.“
„Verstehe das bitte, aber ich möchte sie nicht anrufen. Da sie meine Kinder sind, könnte ich das zwar, aber ich möchte sie nicht dieser psychischen Belastung aussetzen.“
„Das ist gut,“ sagte ich sofort.
„Fast alle hier telefonieren inzwischen mit ihren Verwandten. Und die, die keine mehr auf der Erde haben, sind traurig.“
„Ist ja irre!“
„Alles irre – aus menschlicher Sicht. Aber eigentlich ganz normal. Alle Toten landen im Jenseits und finden hier ihre geistige Existenz für die Ewigkeit.“
„Wie geht das denn?“
„Frag mich das nicht. Ich weiß es nicht. Aus allen Jahrhunderten geistern hier ehemalige Menschen herum. Eine illustre Gesellschaft. Geist und Seele sind in einer Hülle, die unserer irdischen Gestalt gleichkommt. Körperlose Wesen, sichtbar, aber nicht greifbar. Unser Dasein besteht aus Denken, und da jeder sein Wissen und seine Erfahrung mitbringt, kannst du dir vielleicht vorstellen, was hier los ist. Nicht trinken, essen, schlafen – nur denken.
„Mir schwirrt der Kopf.“
„Soll ich erst einmal aufhören.“
„Aus allen Jahrhunderten?“
„Ja. Aber die Jahrhunderte bleiben meist unter sich. Man hat sich gegenseitig wenig zu sagen. Die meisten Turbulenzen gibt es in den letzten drei Jahrhunderten. So mit Goethe geht es los. Meist lange Debatten über die Ohnmacht des Humanismus. Um Gott oder Götter geht es auch oft. Das letzte Jahrhundert ist ein absoluter Aufreger.“
„Was meinst du mit Aufreger?“
„Da gibt es am meisten zu debattieren, weil alles noch so frisch ist. Das ist ja so: Die große Mehrheit der Jenseitser will ihre Ruhe haben. Sie meinen, sollen die da auf der Erde mal machen, wir haben es hinter uns. Sie dösen vor sich hin und scheinen ewig zu schlafen, obwohl sie gar nicht pennen. Aber die großen Geister, so wie Shakespeare oder Marx zum Bei-spiel, die regen sich immer wieder auf über die sagenhaften Zustände auf der Erde und unternehmen alles, um noch einmal Einfluss zu gewinnen. Durch die Spitzentechnologie auf der Erde wird das nach Jahrtausenden auf einmal möglich. Aber sie selbst können nicht mehr telefonieren, denn sie haben keine Angehörigen mehr auf der Erde. Irgendwas mit den Genen scheint da eine Rolle zu spielen. Nun suchen sie nach Möglichkeiten, die Menschen dennoch zu erreichen und sie aus ihrer Lethargie aufzuscheuchen. Sie bauen auf die, die noch Verwandte auf der Erde haben, die etwas unternehmen könnten.“
„Das klingt ja nach Verschwörung!“
„Du sagst es!“
„Faszinierend! Und sag mal: Sind nicht überall auch Leute von anderen Erden dazwischen?“
„Selbstverständlich. Es gibt viele Erden.“
„Und was wollen deren Bewohner?“
„Keine Ahnung. Kümmert mich auch nicht. Der Zugriff auf die Erde ist schon spannend genug.“
„Zugriff?“
„Noch ist es nur Absicht.“
„Mann, Mann! Jetzt reicht es erst einmal. Schade, dass ich dich nicht anrufen kann.“
„Macht nichts! Lass es dir gut gehen. Ich melde mich wieder. Tschüss!“
Wie im Fieber
Jeder Leser und gewiss auch jede Leserin wird zugeben, dass ich mich lange gegen das Unfassbare gewehrt habe. Mir war etwas widerfahren, was noch nie einem Menschen widerfahren ist. Angeblich hatte ich einen heißen Draht ins Jenseits, an dessen Ende obendrein und groteskerweise meine verstobene Frau sein sollte. Das konnte nicht stimmen, das konnte es nicht geben. Und ich wehrte mich. Nun habe ich mich schließlich denn doch darauf eingelassen. Zwar hegte ich tief in meinem Innern noch immer erhebliche Zweifel, vermutete dies oder jenes, ohne dass ich mir einen Reim hätte darauf machen können, doch letztlich - wie es dem Menschen auf Erden halt beschieden ist - hatte ich mich in mein Schicksal gefügt. Und lebte fortan wie im Fieber.
Am meisten erregte mich die Vermutung, meine Frau könnte nicht nur aus eigenem Interesse anrufen, sondern von einer fremden Macht dazu angehalten werden. Wenn alle Menschen ins Jenseits kommen, dann ja auch alle irdischen Schurken. Und welche Möglichkeiten sich denen dort eröffnen, hat meine liebe Petra wahrscheinlich noch gar nicht mitbekommen. Sie sucht offenbar die Nähe der großen Geister. Einen Blick für Schurken hat sie nicht. Hitler würde sie natürlich erkennen, höchstwahrscheinlich auch andere Kriegsverbrecher, wie zum Beispiel USA-Präsident Lyndon B. Johnson, den Giftkrieger gegen Vietnm. Aber Terroristen wie zum Beispiel Bin Laden und diese Kaliber?
Das Problem ist, mutmaßte ich: Die Unredlichen, die Gauner, die notorischen Lügner und Kriegstreiber aller Zeiten gehören nicht zur Sorte dösender Jenseitser, sondern sinnen unentwegt auf erneuten Einfluss - im Jenseits wie auf der Erde. Könnte Petra unter deren Einfluss stehen, ohne es zu ahnen? Zugegeben, ich ging bei meinen Überlegungen von irdischen Verhältnissen und Erfahrungen aus. Das Jenseits ist höchstwahrscheinlich auch in dieser Hinsicht ganz anders gestrickt. Ich hoffte, dass der Zugriff auf die Erde, von dem Petra sprach, dem Wohl und Gedeihen der Menschen dienen werde. Wenn die Redlichen aus allen Jahrhunderten sich zusammenschließen würden, dann hätte das Gute vielleicht eine Chance. Trotz aller Entfernung.
Wie gesagt, ich lebte im Fieber, dürstete geradezu danach, von Petra Auskunft zu bekommen. Leider hatte sie es mit ihren Anrufen nicht so eilig. Tagelang saß ich in der Nähe des Telefons, doch es schwieg. Und auch in den Nächten fand ich wieder keine Ruhe. Meine Erregung eskalierte durch eine Meldung aus den USA. Da hieß es aus angeblich gut informierten Regierungskreisen, bei den neuerdings hier und da aufgetretenen befremdlichen Erkrankungen, bei denen Bürger behaupten, Kontakt mit dem Jenseits zu haben, handle es sich um ein Virus, das offenbar aus China eingeschleppt worden sei. Allerdings bestünde ganz und gar keine Gewissheit. Das stand ohne Kommentar in meiner Zeitung. Ich wusste sofort, dass die Amerikaner mit ihrer Beschuldigung in die Irre gingen. Und ich wusste zugleich, dass der Zugriff auf die Erde, von der meine Frau gesprochen hatte, offenkundig bereits in vollem Gange war.
Als Petra endlich wieder anrief und ich sie fragte, meinte sie, das seien alles zunächst rein private Anrufe. Es sei noch viel zu diskutieren und abzuklären. Man wolle sich so einig wie möglich sein. Und da alle mitreden, Kompetente und Inkompetente, sei es sehr schwer, Übereinstimmung zu finden. Am weitesten seien sie bei den Themen sozialer Fortschritt und Abrüstung, das Thema Demokratie oder Tyrannis sei sehr zäh, das Thema Religion schier unerschöpflich und wahrscheinlich unlösbar und das Thema Erderwärmung noch nicht einmal auf irgendeiner Tagesordnung.
Das waren unvermutet höchst interessante Auskünfte. Petra hatte mir ganz nebenbei eine Menge Stoff zum Nachdenken serviert. Ich hakte allerdings nicht nach, sondern ging erst einmal zu dem Thema über, das mich aktuell beunruhigte, nämlich die Möglichkeit, dass meine liebe Frau irgendwelchen jenseitigen Schurken sozusagen die Drecksarbeit machen könnte. Sie lachte ihr herzhaftes Lachen und sagte:
„Mein Lieber, deine irdische Sorge ist zwar verständlich, aber völlig überflüssig. Mit Hitler lasse ich mich nicht ein, so sehr der sich auch bemühen mag, geläutert daher zu kommen.“
„Es muss ja nun wirklich nicht gleich Hitler sein!“
„An wen denkst du?“
„Na, es gibt doch genug Schurken!“
„Nun sag schon!“
„Na, sagen wir mal Pinochet oder Pol Pot.“
„Ach, du lieber Himmel.“
„Entschuldige, entschuldige vielmals. Ich merke schon, bin auf der falschen Spur.“
„Mein lieber Mann, du bist außerhalb jeder Spur. Du musst wissen, dass solche Herren, wie du sie eben genannt hast, auch hier keinerlei Kredit haben. Sie geistern zwar auch herum, aber niemand lässt sich mit ihnen ein. Gerade mal Hitler hat es geschafft, von Roosevelt, Churchill und Stalin gehört zu werden. Aber Leute wie Pinochet oder Pol Pot müssen damit rechnen, dass ihnen eines Tages hier der Prozess gemacht wird. Die Hauptankläger der Nürnberger Prozesse sind sich da ziemlich einig. Es gibt aber auch Jenseitser, die der Auffassung sind, dass hier nicht nachgeholt werden kann, was auf der Erde versäumt wurde. Für sie ist das Jenseits der Ort der Versöhnung. Und das funktioniert bisher eigentlich ganz ordentlich. Du musst bedenken, dass die Erde im Weltall nur ein Fliegendreck ist und eigentlich uninteressant. Erst neuerdings, seit China, findet sie wieder Aufmerksamkeit. Aber darüber später einmal! Ich muss Schluß machen.“
„Moment, Moment!“ rief ich neugierig geworden, „mischen sich nicht auch Geister früherer Jahrhunderte ein?“
„Natürlich, mehr oder weniger. Im Grunde aber haben sie alle mit ihrer Zeit zu tun, mit ihren Vergehen und Verbrechen. Waren die Kreuzzüge eine Errungenschaft? War die Ausrottung der Indianer nötig? Waren die Kolonialkriege etwas Positives? Haben die Römer die germanische Zivilisation zerstört? Fragen über Fragen. Alle Diskutanten geben aus ihrer Sicht plausible Erklärungen und Rechtfertigungen ab, oft völlig konträr. Aber sie brüllen sich nicht nieder, sie hören sich andere Meinungen an und respektieren sie.“
„Also geht es - sozusagen Gott sei Dank - nicht nur um Verbrechen, sondern auch um Vernunft und Fortschritt.“
„Vom Menschen erfundene Kategorien! Wahrscheinlich zu kurz gegriffen.“
„Reden Marx und Engels auch mit?“
„Natürlich! Auch Hegel, Nietzsche und die alle. Mann, ich muss Schluß machen. Tschüss! Bis demnächst, mein Lieber.“
Aus. Stille. Ich fand es schon recht rätselhaft, dass Petra ihre Anrufe so abrupt abzubrechen pflegte. Ihre Gedanken gingen, wie mir schien, irgendwie kunterbunt durcheinander. Und ihre Seele war also auch noch existent. Je mehr ich darüber nachdachte, desto unwahrscheinlicher wurden mir die Anrufe wieder. Aber ich hatte wahrhaftig soeben mit einer menschlichen Stimme telefoniert, so haasträubend unfassbare Dinge sie mir auch gesagt haben mochte.
Die Sieger des Zweiten Weltkrieges hatten sich also mit Hitler versöhnt. So konnte man das auslegen. Weil seine Kriegsverbrechen im Jenseits belanglos waren. Weil ja die Erde ohnehin nur ein Fliegendreck ist. Warum dann aber dieses plötzliche Interesse? Wegen China? Immerhin ein Milliarden-Volk, und auf dem wirtschaftlichen Vormarsch an die Weltspitze. Überhaupt auf vielen Gebieten schon führend auf der Erde. Gerade hatte ich gelesen, dass in China 80 Prozent der Haushalte glasfaserverkabelt sind, in Deutschland gerade einmal 3,3 Prozent. So etwas beeindruckt offenbar auch im Jenseits. In China kommt solch Neuerung wahrscheinlich deshalb so schnell voran, weil sie vom Staat einfach durchgeführt und vor allem auch bezahlt wird.
Ich erinnerte mich, dass ich gar nicht begeistert war, als neulich ein Werber am Gartentor stand und stolz verkündete, mein Haus würde alsbald glasfaserverkabelt, ich müsste nur noch zustimmen. Im Moment sei es kostenlos für mich, danach würde es sehr teuer. Beim genaueren Beschäftigen mit dem Angebot stellte sich heraus, dass nach Verlegung des Kabels in mein Haus alle bislang existierenden und vor allem funktionienden Anschlüsse hinfällig wären und die gesamte Anlage neu eingerichtet werden müsste – selbstverständlich auf meine Kosten. Es fiel mir nicht schwer abzusagen. Indessen, ist solch Zögern gar die Ursache dafür, dass dies und jenes bei uns nicht so schnell vorankommt, wie es könnte?
Welch belanglose Frage im Grunde! Immerhin konnte sie mein anhaltendes Fieber ein wenig mindern. Doch just, als ich glaubte, mein seelisches Gleichgewicht einigermaßen wieder gewonnen zu haben, geriet ein wissenschaftlicher Artikel über den Kosmos in meine Hände, dessen Lektüre mich erneut total konsternierte.
Zunächst einmal wurde mir erneut bewusst, um welch gigantische Dimensionen es sich beim Weltall handelt, und zwar um Entfernungen, die - ich musste es mir wieder eingestehen - jeden Kontakt mit irgendwelchem Jenseits nach menschlichem Ermessen völlig ausschließen. Unsere Sonne - stand da zu lesen - ist nur einer von rund 200 Milliarden Sternen allein in der Milchstraße! Wobei diese 200 Milliarden Sterne in ihren Bewegungen innerhalb der Milchstraße von einer Kraft zusammengehalten werden, die noch immer völlig unbekannt ist! Man nennt sie im Unterschied zur aus Sternen und Planeten bestehenden „Normalen Materie“ die „Dunkle Materie“. Wobei der Anteil dieser beiden Materien an der Gesamtmaterie unterschiedlich ist. Die normale Materie, also die, die wir kennen, macht etwa ein Fünftel aus, und die dunkle Materie, die wir nicht kennen, vier Fünftel. Normale und dunkle Materie zusammen ergeben aber nur 31 Prozent des Kosmos! Die übrigen 61 Prozent kennen wir ebenfalls nicht! Sie sind das mysteriöse Phänomen, dass die Galaxien im Weltraum angeblich seit rund sechs Milliarden Jahren expandieren, und zwar beschleunigt, verursacht durch eine Energie, die wir – wie gesagt – nicht kennen und schlicht und einfach „Dunkle Energie“ nennen. Zählt man simpel zusammen, was wir vom Weltall bislang einigermaßen kennen, sind das just rund 6,5 Prozent!
Jedem normalen Menschenverstand schwirrt angesichts dieser Tatbestände der Kopf. Das Unfassbare des Diesseits, es ist der helle Wahnsinn. Denn die Milchstraße ist ja nur eine Galaxie! Es gibt aber – so jedenfalls die Schätzungen der aktuellen Wissenschaft - mindestens eine Billion, also tausend Milliarden. In einzelnen Himmelsregionen werden von den Astronomen sogar ganze Haufen von Galaxien beboachtet, in denen sich jeweils einige Tausend Galaxien befinden.
Ist da überhaupt noch Platz für ein Jenseits? Ich finde schon! Solange die Wissenschaft eine stetige Expansion des Weltalls behauptet, muss auch Platz dafür sein. Irgendwo am Rande meinetwegen. Oder sind vielleicht dunkle Materie und dunkle Energie zusammen genommen so etwas wie das durch Geister belebte Jenseits? Solange wir nicht genauer Bescheid wissen, sind Spekulationen erlaubt.
Und ich in meiner absolut mysteriösen Lebenssituation war äußerst anfällig für Spekulationen. Ich klammerte mich regelrecht daran. Wenn ich mich kritisch danach befragte, warum ich wider allen Wissens letztlich immer wieder auf die Anrufe eingegangen war, dann wurde mir bewusst: Es war die tief in meine Seele eingedrungene und anhaltende Verzweiflung über den Tod meiner Frau. Ich kam einfach nicht darüber hinweg. Und als Petra eines Nachts endlich wieder anrief, ich mit ihr sprechen konnte, atmete ich auf. Was sollte mir all das Wissen über das Weltall, wenn meine ganz persönliche Erfahrung dem widersprach!
„Ja!“ sagte ich erwartungsvoll. Und sie überfiel mich mit neuen Ungeheuerlichkeiten.
„Du“, rief sie, „stell dir vor, jetzt eben sind Jesus und Mohammed zusammengetroffen. Sie reden miteinander.“
Mir verschlug es die Sprache. Noch eben hatte ich geschlafen, nicht sehr tief, aber immerhin. Nun sollte ich mir plötzlich etwas vorstellen, das, wenn überhaupt, wirklich nur im Jenseits stattfinden konnte.
„Aha!“ sagte ich ziemlich hilflos.
„Mensch, Mann!“ rief sie, „das ist selbst für uns außergewöhnlich. Du musst wissen, der Jesus stammt ja von der Maxima. Das ist der größte Himmelskörper, den es gibt. Wohl so drei, vier Mal größer als die Erde. Offenbar Bedingungen wie auf der Erde, aber sozial und technisch viel weiter entwickelt. Wir haben schon lange telefonischen Kontakt. Ja, und der Jesus, der ist doch damals mit einem Raumschiff von der Maxima in der Wüste bei Bethlehem gelandet. Sie haben ihn abgesetzt, weil er auskundschaften sollte, wie es um die Erde steht.“
„Moment, Moment!“ rief ich. „Nicht alles auf einmal. Du überforderst mich! Hier ist Nacht, weißt du, eben habe ich noch geschlafen. Ich bin nur ein Mensch mit normaler Fassungsgabe.“
„Ach je!“ sagte sie, „dann ruf ich später wieder an. Ich muss sowieso verfolgen, wie das hier ausgeht mit den beiden. Tschüss!“
Stille. Aus. Resigniert stellte ich fest, dass ich für diese Anforderungen einfach nicht gerüstet war. Und überhaupt! Musste ich mir das antun? Sollte ich meine vielleicht letzten Tage und hoffentlich Monate auf diesem Planeten nicht geruhsamer verbringen? Wie auch immer, am Schlaf war nicht mehr zu denken.
Ich zog mir eine Jacke über und setzte mich an den Fernsehapparat. Ich wollte mich ablenken. Vielleicht mit Fußball oder mit einem Porno. Kaum hatte ich eingeschaltet und angefangen zu zappen, wurde der Bildschirm blau und per Text mitgeteilt, dass jetzt eine EPG-Aktualisierung stattfindet und die Systemdaten aktualisiert werden. Ich wartete verblüfft, doch die Aktualisierung zog sich hin und ich verlor die Geduld. Missmutig kroch ich wieder ins Bett. Der Versuch, mich irdisch abzulenken, war misslungen. Wohl oder übel kurvten die Gedanken nun um die Informationen, die ich soeben aus dem Jenseits erhalten hatte.
Ich grübelte. Wie war das angeblich? Jesus und Mohammed hatten sich getroffen. Gottes angeblicher Sohn mit einem, der viel später seinen eigenen Gott erfunden hatte, den Allah. Schon wieder stand ich auf und schlurfte an den Computer. Ich wollte mich kundiger machen. Aber ich schaltete nicht ein. Plötzlich hatte ich ein ganz anderes Bedürfnis. Ich ging zum Kühlschrank und entnahm die Flasche französischen Cognac, die ich dort deponiert hatte. Ich betrank mich, Schluck für Schluck, in vollem Bewußtsein. Ein superdämlicher Einfall, aber erlösend aus diesem schier unentrinnbaren Irrsinn. Schließlich torkelte ich zum Bett und ließ mich hineinfallen.
Gegen Mittag des nächsten Tages erwachte ich wieder. Mir brummte der Schädel. Und mir wurde klar, dass das so mit mir nicht weiter gehen konnte. Als ich aufstehen wollte, spürte ich, dass ich noch immer betrunken war. Ich ließ mich zurück ins Bett fallen. Ein verlorener, armseliger Mensch. Aber nun fand ich nicht wieder in den Schlaf. Mir knurrte der Magen. So raffte ich mich auf und schlich in die Küche, um ein Brötchen zu essen. Doch es schmeckte mir nicht. Mir war übel. Entschlußlos hockte ich auf meinem Stuhl, starrte zum Fenster hinaus und sah Post im Briefkasten. Gewiss wieder solch aufdringliche Werbung für ein Nahrungsergänzungsmittel oder eine fällige Rechnung.
Viel schlimmer! Ein Brief vom Finanzamt. Am liebsten hätte ich ihn gleich in die Papiertonne geworfen, wie ich es mit lästiger Werbung zu machen pflege. Aber amtliche Post verlangt Beachtung. Also nahm ich den Brief mit ins Haus und öffnete ihn. Was mich seit einigen Jahren immer wieder maßlos aufgeregt hatte, stand da erneut schwarz auf weiß: Man verlangte von mir eine Summe Geld zurück, die, grob hoch gerechnet, etwa eine Monatsrente ausmachte. Mir wurde übel, übler noch als vergangene Nacht, angesichts solch perfider staatlicher Wegelagerei. Die jährliche Aufbesserung der Rente, stets lauthals verkündet, wird stillschweigend per Einkommenssteuer ein Jahr später wieder zurückgeholt. Die Rentner finanzieren de facto zu einem gewissen Teil die Milliarden- und Millionengräber der Regierenden, den Irrsinn in Afghanistan, den Berliner Flughafen, den Stuttgarter Untergrundbahnhof, das Berliner Stadtschloß. Ich kochte vor Wut. Und ich sann über Protest nach.
Gibt es überhaupt eine Möglichkeit dagegen aufzubegehren? Für den einzelnen Bürger nicht. Er muß sich fügen. Pasta! Hin und wieder weist ein Journalist auf die rechtliche Unzulänglichkeit der Einkommenssteuer für Rentner hin. Aber auch er ist allein, bekommt wahrscheinlich sogar Ärger mit seiner Redaktion. Weit und breit keine Organisaion, keine Partei, die für die Rentner nachhaltig auf die Barrikade geht.
Und für einen Moment blitzte in mir der Gedanke auf, eine Partei zu gründen. Ganz und gar keine Spaßpartei, sondern eine Vereinigung von aufrechten Bürgern, die konsequent gegen das Unrecht in der Gesellschaft ankämpfen. Es würde nicht viel Mühe machen, weiteres Unrecht zu finden. Es liegt gleichsam auf der Straße, muss nur benannt und angeprangert werden. Und zwar nicht mit irgendeinem Artikel in der Zeitung oder in den sozialen Medien, sondern standhaft in den zuständigen Gremien. Würden sich genug Bürger finden, die mitmachen?
Als ich bei dieser Frage angelangt war, wurde ich endgültig wieder völlig nüchtern. Ich erinnerte mich an ein Erlebnis in jungen Jahren, das mir eine Lektion gewesen war. Die Jugendzeitung „Start“ hatte einen Leserbrief von mir veröffentlicht, in dem ich mich mit aktuellen Jugendproblemen auseinandersetzte. Ich weiß heute nicht mehr, worum es eigentlich ging. Aber ich bekam damals von einem jungen Mann aus Berlin einen Brief mit der Einladung, ihn zu besuchen und mit einer Gruppe junger Leute über Wege in die Zukunft zu diskutieren. Das war in der Aufbruchstimmung unmittelbar nach 1945 gar nicht ungewöhnlich und ich entschloß mich, nach Berlin zu fahren.
Der junge Mann, Lothar hieß er wohl, empfing mich im total zerstörten Lehrter Bahnhof. Wir stiegen die Treppe hoch zur S-Bahn und fuhren gen Westen und mir fiel auf, dass die Stadt, je weiter wir kamen, desto weniger zerstört war. In Zehlendorf schließlich befand ich mich in einem wohlerhaltenen sauberen Städtchen. Im Häuschen von Lothars Eltern gab es eine Dachkammer für mich, und dort versammelte sich am Nachmittag die Gruppe. Und damit kam damals die erste Ernüchterung.
Die Gruppe bestand gerade einmal aus vier Personen, nämlich aus Lothar, dessen Freundin und dessen Freund und aus meiner Wenigkeit. Ich hatte mit so zehn, zwanzig jungen Leuten gerechnet, die der Drang nach Erneuerung Deutschlands umtrieb. Nun also vier unternehmungslustige Köpfe. Ich war nicht minder gespannt auf das, was mich in der kleinen Runde erwarten würde. Nach kurzer herzlicher Begrüßung mit Neugier auf das neue Mitglied aus der Zone, wozu eine Flasche Wein geöffnet wurde, entspann sich eine muntere Debatte über Gott und die Welt. Dabei ging es uns weniger um Gott, sondern mehr um die Verbesserung der Welt, die es nach dem verheerenden Krieg bitter nötig hatte. Als wir nach den Mitteln fragten, mit denen ein allgemeiner deutscher Gesundungsprozess in Gang gebracht werden könnte, erschien uns die Wahrheit elementar geeignet - das jederzeitige standhafte Vertreten der Wahrheit, und zwar durch Mitglieder einer „Partei der Wahrheit“, die wir noch am Nachmittag zu gründen beschlossen. Zur eigentlichen Gründung kam es jedoch nicht, weil Lothar für uns Theaterkarten besorgt hatte und die Zeit drängte. Wir entschieden, die Gründung ohne Hast ganz seriös am nächsten Vormittag vorzunehmen.
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