Kitabı oku: «Reiterhof Dreililien Sammelband»

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Ursula Isbel

Reiterhof Dreililien Sammelband

Saga

Reiterhof Dreililien SammelbandCopyright © 2019, 2019 Ursula Isbel und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726219685

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

Reiterhof Dreililien Das Glück dieser Erde
1

Es war ein stürmischer Frühlingsabend, als Kirsty zum erstenmal zu uns kam, und dieser Abend veränderte unser Leben. Heute weiß ich das, doch damals wollte ich es nicht wahrhaben. Ich wehrte mich gegen sie, denn ich dachte, daß sie mir meinen Vater wegnehmen wollte. Und ich hatte doch nur noch ihn, seit Mutter gestorben war.

Und weil ich Angst vor ihr hatte, haßte ich sie. Ich haßte sie, ehe ich sie noch kennengelernt hatte. Der Haß begann, als Vater mir von ihr erzählte – vorsichtig, mit verhaltener Zärtlichkeit, als wollte er mir von einem Schatz berichten, den er gefunden hatte.

„Ich habe eine Frau kennengelernt, Elinor“, sagte er. „Sie ist anders als andere. Ich möchte, daß du sie kennenlernst – daß ihr euch kennenlernt. Du wirst sie gern haben; man muß Kirsty einfach gern haben.“

Ich spürte einen Stich im Herzen. Trotzig dachte ich: Muß man? Und in diesem Augenblick war ich sicher, daß ich sie nicht mögen würde.

Dann, eine Woche nach diesem Gespräch, kam Kirsty in unsere Wohnung. Vater hatte in einem Feinkostladen eingekauft, den Tisch feierlich mit Kerzen und unserem besten Geschirr gedeckt und so getan, als merkte er nicht, daß ich ihm nicht dabei half. Ich saß vor dem Fernseher, sah mir ein albernes Programm an und rauchte, obwohl ich das sonst eigentlich kaum tat.

Ich sah auch nicht auf, als es an der Tür klingelte. Mein Vater fuhr zusammen, warf mir einen hilflosen Blick zu – ich sah es aus den Augenwinkeln – und eilte in den Flur.

In meiner Kehle saß ein Kloß, der sich immer mehr auszudehnen schien. Als ich draußen Stimmen hörte, reichte er schon fast bis in den Magen.

Sie hatte eine helle, etwas brüchige Stimme, die jung und ziemlich atemlos klang. „Es stürmt so draußen“, hörte ich sie sagen, und mein Vater murmelte etwas, was ich nicht verstand. Dann trat einen Augenblick Stille ein. Was taten sie? Küßten sie sich? Ich erstarrte bei dem Gedanken.

Mein Vater kam wieder ins Wohnzimmer. Ich hörte an seinen Schritten, wie nervös er war. Noch immer sah ich nicht auf. Ich starrte auf den Bildschirm, ohne zu sehen, was gezeigt wurde.

„Elinor“, sagte Vater bittend, „ich möchte dir Kirsty vorstellen.“

Ich drehte den Kopf nur leicht zur Seite und nahm die Zigarette aus dem Mund. „Ja?“ erwiderte ich möglichst lässig.

Sie war klein – kleiner als ich – und zierlich. Ihre Haare waren goldbraun und nach hinten gekämmt. Erst später merkte ich, daß sie sie im Nacken zu einem dicken Zopf geflochten hatte.

Als sich unsere Blicke begegneten, sah ich, daß sie angespannt und unsicher war. Und ich dachte triumphierend: Sie hat Angst vor mir.

„Kirsty“, sagte mein Vater, „das ist Elinor.“

„Hallo, Elinor“, sagte Kirsty.

„Hallo“, murmelte ich.

Ich weiß, daß sie mir gefallen hätte, wenn wir uns unter anderen Umständen begegnet wären. Sie trug einen alten Bauernrock mit Rosen darauf, der ihr bis zu den Waden reichte, eine bestickte Bluse mit einer kleinen Schafwollweste, und sie sah durchaus nicht wie eine Durchschnittsfrau um die Dreißig aus. Doch da ich sie von Anfang an zu meiner erklärten Feindin gemacht hatte, nahm ich es ihr zusätzlich übel, daß sie so anziehend wirkte.

Mein Vater stellte den Fernseher ab und bot Kirsty Platz an. Ich blieb im Sessel sitzen, rauchte weiter und wäre am liebsten weggelaufen.

Während Vater den Tee aus der Küche holte, herrschte unbehagliches Schweigen. Der Wind heulte ums Haus, und die Stimmung war scheußlich. Ich hatte sie verdorben, das wußte ich. Doch ich konnte und wollte es nicht ändern.

„Setz dich doch zu uns“, sagte Vater, als er zurückkam.

Ich erwiderte: „Ich habe keinen Hunger.“

Das stimmte auch. Der Kloß, der mir in der Kehle, in der Brust und im Magen saß, hatte sich so ausgeweitet, daß ich sicher war, keinen Bissen hinunterzubringen.

Mein Vater stellte die Teekanne ab und trat vor mich hin. „Elinor“, sagte er. „Bitte!“

Da stand ich auf und setzte mich an den Tisch. Ich merkte selbst, daß meine Bewegungen plötzlich hölzern waren, fast wie die einer Marionette. Ich zerdrückte die Zigarette in einem Teller, zog eine neue Packung aus der Jackentasche und zündete mir wieder eine an.

„Mußt du rauchen?“ fragte Vater.

„Ja“, sagte ich, obwohl es mir überhaupt nicht schmeckte.

So begann dieser Abend, so begann meine Beziehung zu Kirsty. Ich aß fast nichts und sprach kein Wort, und mein Vater redete verzweifelt drauf los. Obwohl ich wütend und verletzt war, tat er mir doch auch leid. Seit drei Jahren lebten wir nun allein, und er hatte nichts als mich und seine Arbeit. Er war gerade vierzig; sicher brauchte er mehr als nur eine kameradschaftliche Tochter und eine leidlich gemütliche Wohnung. Aber ich war gerade fünfzehn, und ich brauchte ihn auch . . .

Liebe . . . Unwillkürlich sah ich Kirsty an. Sie lächelte gerade über etwas, das Vater gesagt hatte, und ich merkte, daß sie ein Grübchen im linken Mundwinkel hatte. Dann drang auch das Gespräch zwischen den beiden in mein Bewußtsein vor.

Vater sagte gerade: „Sie muß dir ziemlich ähnlich gewesen sein“, und Kirsty lachte wieder und antwortete: „Ja, das könnte stimmen. Ich erinnere mich oft an eine Szene, als ich sie einmal am Wochenende besuchte. Sie frühstückte gerade in der Küche, und zwischen der Butter und dem Marmeladentopf saß eines ihrer Perlhühner auf dem Tisch und fraß Kuchenbrösel.“

Mein Vater wollte sich ausschütten vor Lachen. Ich aber hatte an diesem Abend keinen Sinn für Humor. Außerdem wußte ich nicht, um wen es ging.

„Tante Karen ist vor einem Jahr gestorben und hat mir ihr Haus und das Grundstück vererbt“, sagte Kirsty, und ihre Stimme war nun wieder ernst. „Ich hatte nie damit gerechnet, daß sie so etwas tun würde. Ich dachte, sie würde alles dem Tierschutzverein vermachen.“

„Und was ist aus dem Haus geworden?“ fragte mein Vater. „Hast du es verkauft?“

Kirsty schüttelte den Kopf. „Nein, das könnte ich nicht. Ich fahre ab und zu hin. Manchmal denke ich, daß ich gern dort leben würde. Es ist sehr friedlich da, eigentlich so etwas wie ein kleines Paradies. Und ich vermute, daß Tante Karen insgeheim gehofft hat, ich würde nach ihrem Tod in ihr Haus ziehen.“

„Möchtest du denn nicht aufs Land?“ fragte Vater.

„Nicht allein“, sagte Kirsty. „Ich stelle es mir wunderbar vor, mit einer Familie dort zu leben. Manchmal, wenn hier in der Stadt alles so grau und schmutzig und laut ist, würde ich am liebsten meine Sachen packen und zu Tante Karens Haus fahren. Aber ich kenne mich zu gut; ich weiß, daß ich nicht längere Zeit so allein und abgeschieden leben könnte.“

„Ich bin auf dem Land aufgewachsen“, sagte mein Vater nachdenklich. „Und ich träume eigentlich schon lange davon, wieder auf dem Land zu leben. Stimmt’s, Elinor?“

Es stimmte, doch ich tat so, als hätte ich seine Frage nicht gehört. Sollte das heißen, daß er überlegte, ob wir mit in dieses Haus ziehen sollten, das Kirstys Tante gehört hatte – als Kirstys „Familie“?

Ich erschrak und dachte: So weit darf es nicht kommen. Daran darf er nicht einmal denken! Ich möchte in der Stadt bleiben. Hierher gehöre ich. Ich will mich nicht auf dem Land vergraben. Ich würde sterben vor Langeweile. Was soll ich unter Hühnern und Dorftrotteln? Keiner wird mich je dazu bringen, aufs Land zu ziehen . . .

Ich war so sicher, daß nichts und niemand mich dazu bewegen könnte, meine Meinung zu ändern. Zwei Wochen später aber, zu Beginn der Osterferien, fuhren wir doch aufs Land – zu Tante Karens Haus.

2

Vater hatte immer wieder versichert, es wäre ja nur für zwei Wochen, nur für einen kurzen Urlaub. „Du weißt doch, ich hatte das ganze letzte Jahr keine Ferien und habe ein bißchen Erholung dringend nötig“, sagte er.

Schließlich hatte ich nachgegeben. Doch ich nahm mir vor, mich während dieser Ferien von meiner schlechtesten Seite zu zeigen und sowohl Vater als auch Kirsty die Freude am Landleben gründlich zu verderben, damit sie gar nicht erst auf die Idee kamen, einen Dauerzustand daraus zu machen. Ich wollte mich so unmöglich benehmen, daß sie beide froh waren, wenn wir Tante Karens Haus den Rücken kehrten und in die Stadt zurückfuhren. Dann aber kam alles anders, als ich erwartet hatte.

In der Stadt regnete es, als wir losfuhren, und auf dem Land goß es wie aus Kübeln. Die meisten Bäume waren noch kahl, das Gras braun vom Winter. Mein Vater fuhr, und Kirsty saß neben ihm. Sie hatte ihren Hund mitgebracht. Er kauerte neben mir auf dem Rücksitz und tat so, als wäre ich nicht vorhanden.

Ich habe Hunde gern, doch dies war Kirstys Hund; und ich glaube, er spürte meine Abneigung gegen sie. Als wir Kirsty abholten, hatte er mich nur kurz angesehen und mich nicht einmal beschnuppert, während er meinen Vater mit einem gnädigen Schwanzwedeln begrüßte. Er war ein halbhoher Bastard mit wuscheligen, dunkelbraunen Locken, Schlappohren und dicken Pfoten. Um die Schnauze war er schon etwas grau. Kirsty nannte ihn „Herr Alois“.

Herr Alois saß also neben mir und seufzte von Zeit zu Zeit abgrundtief, die Nase auf den Pfoten. Ich versuchte nicht, ihn zu streicheln, weil mir klar war, daß er etwas dagegen hatte. Eigentlich wirkte er ziemlich kummervoll. Bei einer besonders scharfen Kurve drehte sich Kirsty um, streichelte den Hund und sagte: „Ihm wird beim Fahren so leicht schlecht.“

In der Ferne sah man schon die Berge. Wir verließen die Autobahn und bogen auf eine kleine Landstraße ab, die durch ein verschlafenes Nest führte. Natürlich war kein Mensch unterwegs. Alles wirkte wie ausgestorben. Vermutlich saßen die Bauern in ihren Häusern und schliefen auf ihren Ofenbänken oder machten komische Volksmusik, wie man sie manchmal im Radio hört.

Bei dem Gedanken, wie die Leute hier leben mußten, lief mir ein Schauder über den Rücken. Neben einem Haus am Straßenrand standen ein paar triefnasse Schafe und blökten. Herr Alois raffte sich trotz seiner Übelkeit auf und bellte durch die Scheibe, daß es mir in den Ohren gellte.

Wir fuhren über eine Brücke, an einer Mühle vorbei und durch ein Waldstück, wo das Wasser von den Abhängen auf die Straße sprudelte, so daß wir nur noch im Schrittempo fahren konnten. Dann ging es in Schlangenlinien bergauf. Rechts stand ein Wegkreuz ohne Christusfigur, links streckte ein verwitterter Baum seine dürren Äste gegen den Himmel, und mir kam es vor, als würde ich geradewegs in die Verbannung fahren.

Ausgerechnet da sagte mein Vater: „Schön ist es hier!“

Diesmal seufzte ich, doch keiner außer Herrn Alois schien es zu hören. Er spitzte die Ohren, rollte mit den Augen und schloß sie dann voller Überdruß. Vor uns tauchte eine Ortstafel im Regen auf. Jägerhäusl, Mariabrunn, Dreililien, stand darauf.

„Dreililien“, wiederholte Vater. „Ist es das?“

Kirsty nickte. „Ja. Hinter der Biegung geht’s scharf nach links.“

Wir fuhren einen Berg hinauf und wieder hinunter. Hinter Regenschleiern tauchte eine Kirche auf. Sie stand auf einer Anhöhe und sah aus wie eine Dorfkirche im Bilderbuch.

Wie groß der Ort war, der sich um die Kirche scharte, ließ sich im Regen nicht erkennen. Wir bogen auch kurz vor der Ortseinfahrt ab, fuhren über einen holprigen Weg an steil abfallenden Felsen und einem Wildbach vorbei, den die Regenfluten in ein reißendes Gewässer verwandelt hatten. Die Wolken hingen hier so tief, daß der Gipfel der Felswand darin verschwand.

Die Bäume bogen sich im Wind, und kahle Äste scharrten über das Wagendach. Doch mein Vater schien keine Angst um sein Auto zu haben. Er sagte nur mehrmals: „Das ist ja wildromantisch!“, was ich albern fand.

Der Weg führte abwärts und mündete in ein Tal, das wie ein keilförmiger Einschnitt zwischen Wäldern lag. Und inmitten dieser Talsenke stand ein dunkler Viereckshof, größer als alle Bauernhöfe, die ich je gesehen hatte. Eine Anzahl von kleinen Nebengebäuden war in der Talsenke verstreut.

„Ist er das?“ fragte mein Vater, und Kirsty erwiderte: „Ja, das ist Dreililien.“

Ich traute meinen Ohren kaum. Kirsty hatte doch immer vom „Häuschen“ ihrer Tante gesprochen. Ich hatte mir eine Art Hexenhaus wie im Märchen darunter vorgestellt. Doch sie hatte auch gesagt, daß Dreililien unser Ziel sei, und nun fuhren wir auf diesen riesigen Hof zu, der einer Festung glich.

Kirsty streckte die Hand aus und deutete nach links auf einen kleinen, dunklen Umriß am Rand des Tales. Es war ein Haus, das ich für eine Art Nebengebäude des Hofes gehalten hatte. Sie sagte mit einem zärtlichen Untertön in der Stimme: „Dort ist es.“

Ein Seitenweg zweigte von der Auffahrt zum Hof ab. Er war mit Birken und Haselnußsträuchern gesäumt und führte direkt zu Tante Karens Haus. Zwischen den schlanken weißen Stämmen sah man im Hintergrund immer wieder die Umrisse des Viereckshofes.

Ich fragte mich, wer dort wohnen mochte. Ein reiches altes Bauerngeschlecht vielleicht, das seit vielen Generationen hier lebte. Oder ein Millionär, der in diesem Tal wie ein König residierte und Pferde züchtete.

Pferde . . . Seltsam, daß ich plötzlich an Pferde denken mußte. Es kam wohl von den vielen Zäunen, die das Tal in Quadrate und Rechtecke teilten und mich an die Koppeln in einem Film über Pferde erinnerten.

Dann hielten wir vor Tante Karens Haus. Ich verließ den Wagen nur langsam und zögernd, während Kirsty schon zur Haustür lief, ohne zu warten, bis mein Vater den Schirm herausgekramt hatte. Sie breitete ihren Regenmantel wie ein Zelt über den Kopf, und Herr Alois folgte ihr kläffend.

Ich warf nur einen flüchtigen Blick auf das Haus. Es interessierte mich nicht besonders. Für mich sah es wie ein ganz gewöhnliches, gelbes Haus mit tiefgezogenem Dach aus. Das Rosenspalier um die Eingangstür war noch kahl, und die geschlossenen Fensterläden erzeugten einen Eindruck von Verlassenheit.

Ich versteckte mich unter meinem Schirm und ging hinter meinem Vater her. Es war kalt im Freien. Ein Schauder überlief mich. Kirsty schloß die Haustür auf.

3

Gegen Abend ging der Regen in Sturm über, und der Wind heulte ums Haus, rüttelte an den Fensterläden und verursachte eine Menge ekelhafter Geräusche, die mir unheimlich waren. Außerdem war es kalt im Haus, und das Bettzeug fühlte sich klamm an.

Bei flackerndem Kerzenschein zog ich mich aus und dachte mit grimmiger Genugtuung, daß diese Ferien ja schon gut anfingen: Der elektrische Strom funktionierte nicht, es waren keine Sicherungen im Haus, die Öfen in Küche und Wohnzimmer konnten nicht geheizt werden, da im Keller kein Heizmaterial mehr war; und ohne Feuer und Strom gab es auch keine warme Mahlzeit und keinen heißen Tee.

Kirsty hatte sich mehrmals entschuldigt, und mein Vater hatte immer wieder versichert, daß das alles eine interessante Abwechslung vom perfekten Stadtleben sei; ich aber hatte nicht versucht, meine mürrische Miene zu verbergen.

Jetzt lag ich im Mansardenzimmer zwischen schrägen Wänden, und es dauerte lang, bis ich einschlafen konnte. Nicht nur die Kälte und der Wind hielten mich wach; auch der Gedanke an Vater und Kirsty. Es war sinnlos, mir etwas vorzumachen. Die beiden liebten sich, und ich war nun nicht mehr der einzige Mensch in Vaters Leben. Kirsty war ihm wichtiger. Ich wußte auch, daß es mehr als nur eine flüchtige Verliebtheit war. Die beiden waren ein Paar. Ich konnte nur danebenstehen und zusehen.

Ich blies die Kerze aus und schloß die Augen, doch allerlei Bilder quälten mich. In diesem fremden Haus fühlte ich mich einsamer als je zuvor in meinem Leben. Ich sehnte mich nach meinem Zimmer in der Stadt, nach den Lichtreklamen der Straßen, dem täglichen Einerlei, über das ich so oft geklagt hatte.

Und ich dachte: Es wird nie wieder so sein wie früher.

Dann schlief ich ein, endlich. Als ich wieder erwachte, war es Morgen. Der Wind hatte sich gelegt, aber es regnete noch immer.

Barfuß tappte ich ans Fenster und sah hinaus. Der Himmel hing grau und schwer über dem Tal. Wenn ich mich nach links beugte, konnte ich den Viereckshof sehen, der auf den zweiten Blick noch ebenso mächtig wirkte wie am vergangenen Tag. Rauch stieg aus einem der Kamine.

Ich fror so, daß meine Zähne klapperten. Es mußte schon spät sein, denn als ich mich vom Fenster abwenden wollte, sah ich, wie das Auto meines Vaters den Weg entlang fuhr und vor dem Haus hielt. Zitternd beobachtete ich, wie Vater und Kirsty ausstiegen und einen großen Sack aus dem Gepäckraum zerrten, in dem vermutlich Kohlenvorräte waren.

Als ich eine halbe Stunde später in die Küche kam, brannte Feuer im Herd. Jetzt, wo der Raum warm war, wirkte er richtig gemütlich, obwohl man merkte, daß hier lange niemand gewohnt hatte. Die hellen Naturholzmöbel machten einen freundlichen Eindruck, hinter den Sprossenscheiben sah man den Wald, und dem alten Schaukelstuhl mit der Häkeldecke fehlte nur die strikkende Großmutter. Es gab Korbsessel, die knarzten, wenn man sich hineinsetzte, und Flickenteppiche auf dem Holzboden.

Mein Vater deckte den Tisch, während Kirsty Müsli vorbereitete. „Wir haben frische Milch mitgebracht“, sagte sie zu mir. „Hast du bei dem Sturm schlafen können?“

„Ich mag keine Milch“, erwiderte ich. „Und ich habe verdammt schlecht geschlafen.“

„Du mußt spazierengehen“, sagte mein Vater. „Diese Luft! Einfach herrlich!“ Er sah glücklich aus.

Herr Alois thronte auf der Eckbank und schielte mich unter seinen braunen Stirnlocken hervor an. Sein Fell war naß, und er hatte einen Milchschnurrbart.

Nach dem Frühstück ging ich wirklich spazieren – nicht, weil ich es besonders verlockend fand, allein durch den Regen zu stapfen, sondern ganz einfach, weil mir nichts Besseres einfiel. Ich hatte zwar eine Menge Bücher und meinen Kassettenrecorder mitgebracht, doch im Moment war mir weder nach Lesen noch nach Musik zumute.

Die vierzehn Tage lagen wie eine endlose Wüste vor mir. Ich fragte mich, wie ich sie je überstehen sollte. Vater und Kirsty waren natürlich in voller Aktion. Vater stürzte sich sofort mit Feuereifer darauf, einen losen Fensterladen zu reparieren, und Kirsty pusselte mit roten Backen im Haus herum. Später wollten die beiden in den Wald gehen und Holz holen. Ich kam mir ausgeschlossen und überflüssig vor.

In meinen roten Stiefeln und dem gelben Regenumhang sah ich wie eine Ente aus. Doch was machte das schon? Bestenfalls traf ich unterwegs eine Kuh oder ein paar Bauernjungen. Als ich versuchte, Herrn Alois zum Mitkommen zu bewegen, sah er mich düster an und stellte sich taub.

Da es mir im Wald zu naß und zu einsam war, schlug ich den Weg ein, der in die Auffahrt des Viereckshofes mündete. Es regnete jetzt nur noch leicht. Die Luft war mild und roch nach aufgebrochener Erde und Frühling. Widerstrebend gestand ich mir ein, daß das Tal schön war, still und seltsam unberührt wie eine Landschaft aus einer alten Sage.

Als ich an die Wegkreuzung kam, wählte ich den Pfad zur Linken, der zwischen Zäunen und Hecken entlang führte. Knorrige Eichen, Birken und Haselnußsträucher neigten sich über die Einfriedungen. Ich erreichte ein niedriges Gebäude aus rohen Holzstämmen, und da stand plötzlich ein Pferd hinter dem Zaun und sah mir mit großen Augen entgegen.

Ich blieb stehen. Ich mochte Pferde, doch sie waren mir auch ein bißchen unheimlich. Ich hatte bis jetzt noch nie nähere Bekanntschaft mit einem Pferd gemacht. Im Park hatte ich manchmal jemanden vorüberreiten sehen und leichten Neid verspürt. Jetzt stand zum erstenmal ein Pferd dicht vor mir, und ich war froh, daß uns ein Zaun trennte, denn es erschien mir sehr groß und gewaltig.

Das Pferd streckte die Nase über den Querbalken. Ich sah, daß es eine sternförmige Zeichnung auf der Stirn hatte. Es schnaubte und versuchte an meinem Ärmel zu zupfen.

Unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück und sagte mit nicht ganz fester Stimme: „Wenn du nach Zucker suchst, tut’s mir leid. Ich hab nichts dabei.“

Es sah mich an, als hätte es mich verstanden. Seine großen, haselnußbraunen Augen hatten einen feuchten Schimmer. Ich merkte plötzlich, daß sie sehr sanft blickten.

Diese Augen waren es, die meine Angst vertrieben. Ich trat nahe an den Zaun heran und streckte behutsam die Hand aus. Das Pferd beschnupperte mich ebenso behutsam. Wie weich seine Lippen und Nüstern waren!

Es war, als würde mich jemand streicheln. Ich schloß die Augen und genoß die Berührung, und das Gefühl von Kälte, das seit Tagen in meiner Brust saß und mir die Kehle zuschnürte, wich.

Ich war so versunken, daß ich zusammenzuckte, als ich eine Stimme hörte. Erschrocken öffnete ich die Augen, als hätte mich jemand bei einer Heimlichkeit ertappt.

Ein Junge stand auf der Koppel. Er mußte hinter dem Heuschober hervorgekommen sein, denn er lehnte dort an der Wand und sah mich an. Er schien auf Antwort zu warten.

Da ich nicht verstanden hatte, was er gesagt hatte, schwieg ich. Das Pferd wandte sich von mir ab und ging zu ihm, und er streichelte seinen Hals.

Nach einer verlegenen Pause sagte der fremde Junge: „Do you speak English?“

Ich mußte lachen. „Ja“, erwiderte ich. „Wenn’s sein muß, schon. Aber vielleicht sollten wir es doch lieber mit Deutsch versuchen.“

Er errötete bis an die Wurzeln seiner blonden Haare. Er war ziemlich groß, mochte aber etwas jünger sein als ich. Stockend sagte er: „Ach so . . . ich . . . ich dachte, du wärst vielleicht Irin oder Schottin, weil . . . wegen deiner roten Haare, und weil du mich vorher nicht verstanden hast.“

Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich geschmeichelt. „Ich hab dich nicht kommen hören“, erwiderte ich. „Ist das dein Pferd?“

„Nein“, sagte er. „Sie gehört meinem Vater.“

„Ist es eine Stute?“ fragte ich.

Er nickte. „Ja. Hazel heißt sie.“

„Hazel?“ Er nickte wieder, und wir schwiegen eine Weile. Dann deutete ich mit dem Kinn auf den Viereckshof und fragte: „Ist das euer Hof dort?“

„Ja“, sagte er.

„Er ist sehr groß“, murmelte ich respektvoll. „Der größte Hof, den ich je gesehen habe.“

Er hörte auf, die Stute zu streicheln, und kam langsam näher. Hazel folgte ihm wie ein Hund. „Bist du mit Kirsty hergekommen?“

„Hm. Kennst du sie?“

„Flüchtig. Ihre Tante kannte ich besser. Sie war in Ordnung. Seid ihr verwandt, du und Kirsty?“

Er stand jetzt vor mir am Zaun, und ich sah, daß er sehr blaue Augen und weißblonde Wimpern und Brauen hatte. Die Stute streckte den Kopf über seine rechte Schulter und blies mich an.

„Nein“, sagte ich kurz. „Wir sind nicht verwandt. Mein Vater ist . . . er ist mit ihr befreundet.“

Der blonde Junge sah mich an, als wüßte er, was das für mich bedeutete. Aber natürlich konnte er es nicht wissen. Ich bildete es mir wohl nur ein – vermutlich, weil ich mir so sehr wünschte, daß jemand mich verstand.

„Wird sie jetzt ganz hierherziehen?“ fragte er.

Ich schüttelte heftig den Kopf. „Nein. Wir sind nur zu den Osterferien hergekommen.“

„Lebst du in der Stadt?“ Wieder kam es mir vor, als könnte er erraten, wie es für mich war, diese zwei Wochen hier verbringen zu müssen, ohne einen Menschen, zu dem ich gehen konnte.

Ich sagte: „Ja, ich wohne in München. Ist es nicht furchtbar langweilig und öde, hier draußen leben zu müssen?“

Er sah mich erstaunt an. „Langweilig? Nein, im Gegenteil. Wir haben doch den Hof und die Pferde und jede Menge Arbeit und . . . Glaub mir, es ist wunderbar hier! Vielleicht ist der erste Eindruck nicht gerade überwältigend, wenn alles noch kahl ist und wenn’s noch dazu regnet, aber wart nur ab, wie schön unser Tal sein kann!“

Er sagte das so eindringlich, daß es mir richtig leid tat, so abwertend von seiner Heimat gesprochen zu haben. Weil ich nicht wußte, was ich sagen sollte, schwieg ich, und auch er sagte nichts mehr. Eine Weile standen wir verlegen voreinander, zwischen uns den Zaun, und mir wurde plötzlich bewußt, daß wir uns ja völlig fremd waren.

Da schwang er sich plötzlich über den Zaun, streckte die Hand aus und sagte: „Ich bin Matty.“

Meine Verlegenheit wich. Ich nahm seine Hand, lächelte und erwiderte: „Und ich Elinor. Du kannst aber auch Nora sagen.“

Wieder sah er mich an. Ich merkte, daß er einen seltsam forschenden Blick hatte, als wollte er ergründen, was hinter meiner Stirn vorging. „Wenn’s dir recht ist, sage ich lieber Nell zu dir“, gab er zurück. „Das paßt besser, finde ich.“

Nell – so hatte mich bisher noch niemand genannt. Doch die Abkürzung gefiel mir. Es klang weich und herb zugleich, gerade die richtige Mischung.

Plötzlich wurde ich so froh, ich fühlte mich richtig gut. Ich war nicht allein, die Welt war voller Menschen. Ich hatte Matty kennengelernt und einen neuen Namen bekommen. Es erschien mir wie ein gutes Vorzeichen, eine Art Neubeginn. Ob es Zufall war oder Schicksal, daß sich diese Hoffnung erfüllte, weiß ich bis heute nicht.

4

Matty begleitete mich noch ein Stück den Weg entlang, oder vielmehr begleitete ich ihn, denn es war die Auffahrt zum Hof. Dann ging ich allein weiter in Richtung zum Wald. Matty mußte arbeiten, aber wir hatten uns für den Nachmittag verabredet. Er wollte mir den Stall und die Pferde zeigen.

Ich war in so gelöster Stimmung, daß es mich nicht einmal besonders störte, als ich wieder in die Nähe von Tante Karens Haus kam und Vater und Kirsty sah, wie sie Arm in Arm in den Wald gingen. Vater zog ein komisches altes Leiterwägelchen hinter sich her, und Herr Alois lief geschäftig voraus.

Keiner bemerkte mich, denn ich kam aus einer anderen Richtung. Ich ging ins Haus. In der Küche lag ein Zettel auf dem Tisch: „Sind im Wald, Holz holen. Essen ist im Backrohr.“

Ich sah im Backofen nach. Da war frischer Apfelstrudel mit Rahmkruste in einer Backform. Er sah so gut aus und roch so verführerisch, daß ich Hunger bekam. Ich setzte mich auf die Eckbank, aß und sah dabei aus dem Fenster. Auf dem Ofen summte der Wassertopf, die Wanduhr tickte eintönig, und nun fand ich es friedlich und anheimelnd in dieser Bilderbuchküche mit der Vorfrühlingslandschaft hinter den Fensterscheiben und den bunten Teppichen auf dem abgetretenen Holzboden.

Nach dem Essen ging ich ins Mansardenzimmer und legte mich aufs Bett. In der noch kahlen Eiche vor dem Haus sang ein Vogel. Ich schloß die Augen und lauschte. Dann wurde ich müde und schlief ein.

Als ich wieder aufwachte, bellte Herr Alois im Garten. Ich sah auf die Uhr und merkte, daß es höchste Zeit war, mich auf den Weg zu machen, wenn ich Matty nicht warten lassen wollte.

Diesmal hatte ich keine Lust, wie eine Ente auszusehen. Ich zog meine geliebte Steppjacke aus bunten Stoffresten an und krempelte die Jeans über den Stiefeln hoch. Dann ging ich nach unten.

Im Flur begegnete ich meinem Vater. Er hatte nasse Haare und sah erhitzt und jung aus. „Wohin gehst du?“ fragte er. „Man bekommt dich ja den ganzen Tag kaum zu Gesicht.“

Die alte Abwehr stieg in mir auf. „Ich weiß nicht, wer da wen nicht zu Gesicht bekommt“, sagte ich spitz. „Ich gehe spazieren.“

Er sah verwundert aus, sagte aber nichts mehr, und ich verließ das Haus.

Herr Alois scharrte wild zwischen den Rosensträuchern. Als ich vorüberkam, hob er den Kopf und erwies mir die Ehre eines Schwanzwedelns. Es war das erste Freundschaftszeichen, und ich freute mich darüber. Richtig beschwingt ging ich den Pfad zwischen den Birken und Haselnußsträuchern entlang.

Matty wartete schon auf mich. Ich fand, daß er bedrückt aussah; so, als wäre seit unserer ersten Begegnung am Vormittag etwas geschehen, was ihm zu schaffen machte.

Er hatte einen großen, gefleckten Jagdhund bei sich, der auf dem rechten Auge einen schwarzen und auf dem linken einen weißen Fleck hatte. Er ließ sich ohne weiteres von mir streicheln, und ich sagte: „Er sieht aus, als trüge er eine Augenbinde! Ihr habt wohl viele Tiere auf eurem Hof?“

Die Frage schien eine unangenehme Gedankenverbindung in Matty auszulösen, denn ein Schatten ging über sein Gesicht, und er erwiderte nur kurz: „Ja, eine Menge.“

Langsam schlenderten wir in Richtung zum Dreililienhof. Ich fühlte mich eingeschüchtert durch Mattys düstere Miene, und auch er sagte einige Zeit kein Wort. Als das Schweigen unbehaglich wurde, murmelte ich: „Wenn du mich lieber doch nicht mit in euren Stall nehmen willst – ich meine, wenn es dir ein andermal besser paßt oder so –, dann brauchst du es mir nur zu sagen. Ich verstehe das schon.“

Matty sah rasch auf. Zwischen seinen sandfarbenen Augenbrauen stand eine steile Falte. „Das ist schon in Ordnung“, sagte er. „Es hat nichts mit dir zu tun, weißt du. Ich . . . hatte Schwierigkeiten mit meinem Vater.“

Ich dachte an meine eigenen Probleme und nickte. „Ich verstehe“, sagte ich wieder, obwohl ich ja nicht wußte, worum es in Mattys Fall ging. „Bist du der einzige Sohn?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich hab noch einen Bruder.“

Von nahem sah der Dreililienhof noch immer mächtig und eindrucksvoll aus, doch ich bemerkte Zeichen des Verfalls an den Mauern. Ein großer Torbogen verband die Gebäude der viereckigen Wohnanlage, breit genug, um vollbeladene Fuhrwerke durchzulassen. Vor langer Zeit mochten wohl auch Kutschen durch dieses Tor in den Innenhof von Dreililien gefahren sein.

Man sah noch Reste einstigen Reichtums, doch über allem lag ein Hauch von Vernachlässigung: Die Gläser der Laterne, die von der Decke des Torbogens hing, waren zerbrochen, eine Dachtraufe in Form eines wasserspeienden Drachen baumelte lose von der Dachkante, große Stücke des Pflasters der Einfahrt fehlten, und die schmiedeeisernen Fenstergitter rosteten.

Trotzdem strahlte dieser Ort eine eigenartige Schönheit aus, wie man sie nur bei verfallenen und vernachlässigten alten Bauten findet; eine schwermütige Stimmung, die anziehend wirkte.

Matty führte mich nicht durch den Torbogen in den Innenhof, sondern um die Außenseite des Hofes herum. Als wir den Mauervorsprung erreichten, schlug mir unverkennbarer Stallgeruch entgegen. Ich hörte Poltern, leises Gewieher und Schnauben.

Vor einer geschnitzten Doppeltür machte Matty halt und zog einen der Türflügel auf. Der gefleckte Jagdhund lief sofort eifrig voraus, und ich folgte ihm und Matty in den Stall.

Ich habe mich manchmal gefragt, weshalb ich solche Furcht empfand, als ich den Stall von Dreililien zum erstenmal betrat. Es waren wohl die vielen Pferde und die fremden Gerüche und Geräusche, die mich beunruhigten. Später lernte ich, daß Pferde sanft und gutmütig sind, wenn man sie gut behandelt und mit ihnen umzugehen versteht.

Damals aber war alles so neu für mich – das warme Halbdunkel des Stalles nach der Helligkeit des Frühlingsnachmittages, die vielen Pferde, die uns aufmerksam entgegensahen, das Scharren und Stampfen ihrer Hufe.

Als wir zur Stallgasse kamen, stieß eines der Pferde ein durchdringendes Wiehern aus. Ich zuckte zusammen, aber Matty lächelte mir beruhigend zu und sagte: „Das ist nur Hazel. Sie begrüßt mich immer so, wenn ich in den Stall komme.“

„Was macht ihr mit all den Pferden?“ fragte ich.

„Wir züchten sie“, sagte Matty. „Hast du nicht gewußt, daß Dreililien ein Gestüt ist?“

Ich schüttelte den Kopf. Er ging von einer Box zur anderen, streichelte die Pferde und erklärte dabei: „Das dort ist Isabell. Und das Marnie. Das ist unser Deckhengst Ask; er hat schon viele Preise gewonnen. Und die kleine Schimmelstute ist Emily. Bist du eigentlich schon mal geritten, Nell?“

„Nein“, sagte ich. „Bei uns in der Stadt sind Reitstunden ziemlich teuer. Aber du reitest sicher fantastisch, wo du doch praktisch mit Pferden aufgewachsen bist.“

„Reiten kann ich ganz gut“, gab er zu. „Aber ich bin nicht so ein leidenschaftlicher Reiter wie zum Beispiel mein Bruder. Ich mag Pferde unheimlich gern, weißt du, und deshalb widerstrebt es mir immer, ihnen meinen Willen aufzuzwingen – und das muß man nun mal beim Reiten. Mir ist es am liebsten, wenn sie draußen auf der Koppel sind und tun und lassen können, was ihnen gefällt. Wenn ich viel Geld hätte, würde ich meine Pferde ganz wild und frei leben lassen; so, wie es eigentlich ihre Natur ist.“

Er schwieg einen Augenblick und fügte dann hinzu: „Der Reitsport ist ja auch nur eine Art, wie wir Menschen Tiere benutzen, ohne zu überlegen, wie das überhaupt für sie sein mag.“

Ich sah Matty an. Seltsam, darüber hatte ich noch nie nachgedacht. Daß ausgerechnet er so etwas sagte, dessen Familie Pferde züchtete, um sie dann zu verkaufen, damit sie von anderen Menschen benutzt wurden – zum Vergnügen oder um Preise zu gewinnen, also um Geld zu machen!

Ich wollte gerade etwas dazu sagen, als eine Stimme aus dem Hintergrund fragte: „Wen versuchst du da schon wieder mit deinen Hirngespinsten aufzuwiegeln, Matty?“

Ein hochgewachsener Junge kam durch eine Zwischentür geschlendert. Der gefleckte Jagdhund lief ihm entgegen und umsprang ihn voller Freude.

Ich sah sofort, daß der Junge Mattys Bruder sein mußte. Er sah ihm ähnlich, war aber um einen Kopf größer und wohl auch einige Jahre älter. Er bewegte sich mit einer lässigen Anmut, die von Selbstbewußtsein zeugte und deshalb aufreizend auf mich wirkte, einer Anmut, die zugleich aber auch etwas Anziehendes hatte. Seine blonden Haare waren länger als die von Matty und wild gelockt. Seine Jeans, die in Gummistiefeln steckten, waren voller Pferdemist.

Das alles sah ich mit einem Blick, während Matty erwiderte: „Hirngespinste! Alles, was du nicht verstehst, tust du als Verrücktheit ab, wie?“

Sein Bruder lachte. „Sei nicht gleich eingeschnappt“, sagte er. Dabei sah er mich an. „Bist du mit Kirsty gekommen?“ fragte er.

„Sozusagen“, erwiderte ich.

„Das ist Nell“, erklärte Matty. „Ihr Vater ist mit Kirsty befreundet. Sie verbringen die Osterferien im Kavaliershäusl.“

Zum erstenmal hörte ich den Ausdruck Kavaliershäusl für Tante Karens Haus. „Und ich bin der Jörn“, sagte Mattys Bruder. Wir sahen uns prüfend an, gaben uns aber nicht die Hand.

„Warum nennt ihr das Haus Kavaliershäusl?“ fragte ich; nicht so sehr, weil es mich wirklich interessierte, sondern um meine Verlegenheit zu überspielen.

„Weil es mal zum Hof gehört hat“, erklärte Jörn. Er war überhaupt nicht verlegen. „Dreililien war früher mal so was wie ein Rittergut. Das heißt, einer unserer Vorfahren hat es vom Kaiser als Belohnung für treue Dienste während eines Krieges bekommen. Und in dem Haus, das Karen gehörte, lebte vor ewigen Zeiten ein verarmter Adeliger, der bei unserem Ur-Urgroßvater im Dienst stand. Seitdem heißt es Kavaliershäusl.“

„Seid ihr auch adelig?“ fragte ich. „Ich meine, wenn eure Familie ein Rittergut bekommen hat!“

Matty schüttelte den Kopf und erwiderte: „Nein. Unser Ur-Urgroßvater hat damals zwar auch einen Titel verliehen bekommen, aber der wurde nicht weitervererbt. Wir heißen schlicht und einfach Moberg.“ Er machte eine komische Verbeugung.

Jörn bückte sich, um den Jagdhund zu streicheln, der noch immer begeistert an ihm hochsprang.

„Ist ja schon gut, Diana“, sagte er. „Bist ein braves Mädchen.“

Ein Pferd wieherte schrill, ein anderes schlug mit den Hufen gegen die Boxwand, daß es nur so knallte. Matty sagte: „Sie möchten raus aus dem Stall. Morgen dürfen sie wieder auf die Koppel. Das Barometer ist gestiegen, und morgen soll’s einigermaßen warm werden – endlich. So ein verregnetes Frühjahr haben wir schon lange nicht mehr gehabt.“

„Zeit zum Stallausmisten“, sagte Jörn und warf mir einen spöttischen Seitenblick zu. „Bist du gekommen, um uns zu helfen, oder wie sehe ich das?“

Ich merkte, daß ich rot wurde. Bei der Stallarbeit mithelfen – warum eigentlich nicht? Aber dazu brauchte ich eine ältere Hose, und der weiße Pullover, den ich trug, war wohl auch nicht gerade das richtige Kleidungsstück für eine solche Gelegenheit.

Ehe ich eine passende Antwort finden konnte, mischte sich Matty ein. „Ich wollte Nell die Pferde zeigen“, sagte er. „Zum Arbeiten habe ich sie nicht eingeladen.“

Ich lachte. „Mir fällt durchaus keine Perle aus der Krone, wenn ich euch helfe“, erwiderte ich.

Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, daß Jörn mich erstaunt musterte. Offenbar hatte er mich nur aufziehen wollen und überhaupt nicht damit gerechnet, daß ich seinen Vorschlag ernst nehmen könnte. „Ich bin nur nicht ganz passend angezogen“, fügte ich hinzu. „Ist es euch recht, wenn ich morgen wiederkomme und mithelfe?“

Matty sah mich fast respektvoll an, und Jörn erwiderte nur: „Warum nicht, wenn du magst? Jede Hilfe wird dankend angenommen. Eine alte Latzhose kannst du von uns bekommen, wenn du keine Arbeitskleidung mitgebracht hast.“

„Hab ich wirklich nicht“, gab ich zu.

Ich hatte ja gedacht, daß dies ein langweiliger Urlaub werden würde, in dem nichts passierte; vierzehn Tage, die ich damit zubringen mußte, die Zeit totzuschlagen! Hier aber gab es offenbar jede Menge zu tun. Ich konnte mich nützlich machen, wie es so schön heißt.

Im Augenblick wußte ich allerdings nicht, ob ich aus Langeweile so bereitwillig meine Hilfe anbot, oder weil es mich reizte, diesem Jörn zu zeigen, daß er sich irrte, wenn er mich für ein zimperliches, verwöhntes Stadtmädchen hielt.

5

Abends erwähnte ich nichts davon, daß ich Jörn und Matty kennengelernt hatte und im Stall von Dreililien gewesen war, obwohl mein Vater mehrmals fragte, wie ich denn den Tag verbracht hätte. Kirsty stellte überhaupt keine Fragen. Sie verhielt sich zurückhaltend, war dabei aber doch freundlich zu mir. Mir wäre es lieber gewesen, sie hätte sich abscheulich benommen und mir damit einen weiteren Grund gegeben, sie nicht zu mögen.

Sie versuchte jedenfalls nicht, sich anzubiedern, und Vater war so glücklich, daß ihm nicht einmal mein mürrisches, abweisendes Verhalten etwas auszumachen schien. Er hatte selbst gekocht – ein indonesisches Gericht mit unaussprechlichem Namen, der Teufel mochte wissen, woher er die Gewürze hatte! – und strahlte, als er sah, daß es Kirsty schmeckte. Im Ofen prasselten die Holzscheite, die sie zusammen aus dem Wald geholt hatten, und hinter den Fenstern schwankten die kahlen Äste der Eiche im Abendwind. Herr Alois lag auf dem Teppich vor dem Ofen, die Schnauze auf den Vorderpfoten, und schnarchte leise.

Nach einer Weile holte Kirsty ihre Gitarre, die sie mitgebracht hatte. Sie setzte sich neben meinen Vater auf die Eckbank und begann eine Melodie zu spielen, die ich nicht kannte.

Vater ließ sie nicht aus den Augen; er sah sie an wie ein Wesen von einem anderen Stern. Da hatte ich genug. Ich stand auf, murmelte etwas und ging ins Mansardenzimmer hinauf.

In dem Räum mit den schrägen Wänden war es kalt. Die Fensterflügel standen noch weit offen. Ich lehnte mich mit den Armen aufs Fensterbrett und sah in die Dunkelheit. Ein paar Lichtpunkte zeigten an, wo Dreililien war. Ein Ast ächzte leise und klagend. Der Mond stand über dem Wald, und der Wind trüg den Geruch von Stall und Pferden zu mir herüber.

Ich dachte, daß ich hier, wo ich es am wenigsten erwartet hatte, zwei Menschen kennengelernt hatte, die mich interessierten und die ich gern zu Freunden gehabt hätte. Dafür habe ich meinen Vater verloren! ging es mir durch den Sinn, und ein bitteres Gefühl stieg in mir auf.

Ich mochte nicht länger am Fenster stehen. Schaudernd zog ich mich aus und kroch unter die Bettdecke. Eine Weile lag ich da und zitterte, doch nicht nur vor Kälte. Ich versuchte einzuschlafen, aber es ging nicht. Ich versuchte an etwas Angenehmes zu denken – daran, daß ich morgen mit Jörn und Matty im Stall arbeiten würde, daß ich hier vielleicht sogar anfangen konnte, reiten zu lernen; doch es nützte nichts. Ich war traurig, und nichts konnte mich darüber hinwegtäuschen, daß ich allein war, und daß mein Vater mit Kirsty dort unten in der Küche saß und vor Glück und Verliebtheit fast platzte.

Zwei Stunden später lag ich noch immer wach. Meine Füße waren wie Eisklötze. Ich dachte sehnsüchtig an meine Mutter, die mir heiße Milch und Honig gebracht hatte, wenn ich als Kind nicht einschlafen konnte.

In der Küche war noch ein Rest Milch vom Frühstück, Honig hatten wir von zu Hause mitgebracht. Ich stand auf, schlüpfte in den Morgenmantel, zündete die Kerze an und nahm sie mit ins Treppenhaus.

Ich nahm fest an, daß Vater und Kirsty längst zu Bett gegangen waren; als ich jedoch in die Nähe der Küche kam, drang Lichtschimmer durch die Türritzen, und ich hörte gedämpfte Stimmen.

Unwillkürlich blieb ich stehen. Ich hatte keine Lust, in die Küche zu gehen, wie ein Kind nach heißer Milch mit Honig zu verlangen und zuzugeben, daß ich nicht schlafen konnte. Schon wollte ich wieder umkehren, da hörte ich ganz deutlich die Stimme meines Vaters: „ . . . daß Elinor dir gegenüber so unfreundlich ist!“

Die erste Hälfte des Satzes hatte ich nicht verstanden, aber ich konnte mir denken, daß er sich für mich entschuldigte.

Ich hielt mitten in der Bewegung inne. Eigentlich wollte ich nicht lauschen; ich verachte neugierige Leute. Diesmal aber mußte ich einfach bleiben und wissen, was sie sagten. Irgend etwas zwang mich, ihre Unterhaltung mit anzuhören.

„Laß nur, ich verstehe sie“, erwiderte Kirstys helle, ein wenig brüchige Stimme.

Sie verstand mich . . . Wenn ich das schon hörte! Ich wollte ihr Verständnis nicht, es konnte mir gestohlen bleiben!

„Ich bin doch ein Eindringling für sie“, fuhr sie fort. „Sie denkt, daß ich dich ihr wegnehme. Und irgendwie ist es ja auch wirklich so.“ Sie stockte. „Es ist sehr schwer, zu teilen, wenn man nur einen Menschen auf der Welt hat, zu dem man gehört.“

Mein Vater erwiderte aufgebracht: „Aber ich kann doch ihretwegen nicht meine besten Jahre wie ein Einsiedler verbringen! In ein paar Jahren wird sie vielleicht schon aus dem Haus gehen und ihr eigenes Leben führen. Ich habe doch auch ein Recht auf ein bißchen Glück und Zärtlichkeit! Warum gönnt sie es mir nicht, daß ich glücklich bin? Sie müßte froh sein, daß ich eine Frau wie dich gefunden habe.“

Ich wagte kaum zu atmen. So also sah er die Sache; das war sein Standpunkt. Ein Teil von mir begriff, daß er recht hatte, aber die Bitterkeit und das Gefühl von Zurücksetzung blieben. Vater brauchte eine Frau, um glücklich zu sein. Er brauchte Kirsty.

Kirsty sagte sanft: „Natürlich hast du ein Recht darauf, Richard. Aber die Sache hat zwei Seiten, und für deine Tochter sieht alles ganz anders aus. Ich habe es doch selbst erlebt, wenn auch umgekehrt. Ich lebte bei meiner Mutter, und als sie Jahre nach ihrer Scheidung wieder eine Beziehung zu einem Mann aufnahm, fühlte ich mich zurüekgestoßen und vernachlässigt. Es war eine bittere Erfahrung, die mir jahrelang schwer zu schaffen gemacht hat. Deshalb verstehe ich Elinor so gut.“

Erst jetzt merkte ich, daß heißes Wachs auf meine Hand tropfte, weil ich die Kerze schief hielt. Leise drehte ich mich um und ging wieder die Treppe hinauf. Ich hatte genug gehört. Mein eigener Vater war gegen mich, und die Frau, die ich für meine Feindin hielt, verteidigte mich noch. So erschien es mir jedenfalls in dieser Nacht.

Kirstys Lebensgeschichte interessierte mich nicht weiter. Ich wollte ihr Verständnis und Mitgefühl nicht. Alles, was ich wollte, war, daß sie meinen Vater in Ruhe ließ, damit wir wieder leben konnten wie zuvor. Doch zugleich wußte ich auch, daß es nie wieder so werden konnte wie früher.

Gegen Mitternacht schlief ich dann doch ein, und als ich in der Morgendämmerung erwachte, sah alles nicht mehr ganz so schlimm aus. Zwar war ich Vater und Kirsty gegenüber keinen Deut versöhnlicher gestimmt, doch ich war fest entschlossen, in Zukunft meine eigenen Wege zu gehen.

Diesen Vorsatz führte ich auch sofort aus, indem ich früher als sonst aufstand, um ins Dorf zu gehen. Im Haus war alles still, und in der Küche waren noch die Vorhänge zugezogen. Ich schrieb auf einen Zettel Bin gegen Mittag zurück, legte ihn auf den Tisch, nahm meine Jacke vom Garderobenhaken und verließ das Haus.

Der Himmel war milchig blau mit einem Schleier von Dunst, doch aus den Wiesen stieg Feuchtigkeit auf, und ich fröstelte in der kalten Morgenluft. Meine Ballerinaschuhe mit den dünnen Sohlen waren nicht gerade die passende Fußbekleidung für einen ländlichen Spaziergang. Ich spürte jeden Stein auf der unbefestigten Straße, und als ich versuchte, im Gras zu gehen, war das dünne Leder im Nu durchnäßt.

Der Weg zum Dorf, der mir mit dem Auto so kurz erschienen war, zog sich endlos lange hin. Als ich nach mehr als einer Dreiviertelstunde den Hügel mit der Dorfkirche in der Ferne auftauchen sah, war ich erleichtert. Kühe starrten mich über einen Weidenzaun hinweg mit friedlicher Neugier an, und ein stattlicher Misthaufen war der erste Vorbote des Dorfes. Eine Schar Hühner kratzte gackernd darauf herum, ein alter Bauer arbeitete in einem Gemüsegarten hinter einem Holzhaus und musterte mich prüfend, und über die Dorfstraße kurvten Kinder mit ihren Fahrrädern.

Ich ging in den Lebensmittelladen, kaufte Milch, Semmeln, ein Stück Käse und zwei Äpfel und setzte mich auf eine Bank am Fuß des Kirchbergs. Dort frühstückte ich in der Morgensonne. Eine Katze saß nicht weit von mir auf einem Zaunpfosten, kniff die Augen zusammen und sonnte sich wie ich, und im Gras unter den Fliederbüschen blühten die ersten Veilchen.

Vom Kirchturm schlug es neun, als ich schließlich aufstand und durchs Dorf ging. Allzu viel gab es da nicht zu sehen – ein großes Haus mit grüngestrichenem Spalier, das offenbar die Schule war, der Pfarrhof am Kirchberg, neben der Dorfstraße ein Wirtshaus mit Kastanien, die gerade erst ausschlugen, den Lebensmittelladen, eine alte Schmiede und ein paar Dutzend Häuser mit Holzbalkons, dazu Gärten, eine Ferienpension, eine Tankstelle und daneben eine Bushaltestelle. Das war alles.

Kein Kino, keine Disco, kein Schallplattenladen und keine Boutique. Nichts. Ich dachte: Wie halten es die Leute hier nur aus?

Die Menschen, die mir begegneten, musterten mich neugierig. Vermutlich waren Fremde um diese Jahreszeit eine Seltenheit. Schließlich hatte ich mir das ganze Dorf angesehen, und es war gerade erst zehn. Ich hatte überhaupt keine Lust, schon wieder zurückzugehen, aber etwas anderes fiel mir nicht ein; und mit Matty und Jörn hatte ich mich erst für fünf Uhr nachmittags verabredet.

Langsam und lustlos schlenderte ich den Weg zurück, den ich gekommen war. Als ich das letzte Bauernhaus des Dorfes hinter mir gelassen hatte und auf die Straße abbog, die am Wildbach entlang nach Dreililien führte, sah ich in der Ferne zwischen den Bäumen einen Reiter kommen.

Es war Matty. Als er mich bemerkte, lenkte er sein Pferd auf mich zu und brachte es kurz vor mir zum Halten. Ich zwang mich, stehenzubleiben und nicht zurückzuweichen, obwohl das haselnußbraune Pferd einfach riesenhaft wirkte.

„Hallo!“ sagte Matty atemlos.

„Hallo“, erwiderte ich. „Reitest du spazieren?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich muß ins Dorf und dem Hufschmied Bescheid sagen, daß er heute vorbeikommen soll. Emily hat ein Hufeisen verloren.“

„Hat er denn kein Telefon?“ fragte ich erstaunt.

Matty sah mich ebenso erstaunt an. „Nein, warum denn? Ohne geht’s doch auch! Aber du kommst natürlich aus der Stadt, da denkt man wohl, ohne Telefon geht die Welt unter!“

„Quatsch“, sagte ich etwas gereizt. „Aber praktisch ist es, das wirst du wohl zugeben?“

Er sagte friedlich: „Ja, schon. Hör mal, Nell, ich bin in spätestens zehn Minuten wieder da. Wenn du auf mich wartest, können wir gemeinsam zurückreiten.“

„Reiten?“ wiederholte ich und sah zweifelnd auf das große Pferd. „Ich weiß nicht recht. Wahrscheinlich komme ich gar nicht erst rauf, und überhaupt . . .“

Matty lachte. „Hochstemmen kann ich dich schon“, sagte er. „Aber wir müssen ja nicht unbedingt reiten. Zwei Leute wären sowieso zu viel für Hazel. Sie hat nämlich etwas schwache Fesselgelenke.“

Hazel senkte den Kopf, als hätte sie verstanden, was Matty gesagt hatte, streckte die Nase vor und schnupperte an meinen Haaren. Ich blieb ganz still stehen und ließ es über mich ergehen, doch mein Herz klopfte schneller als sonst.

„Keine Angst“, sagte Matty. „Hazel hat noch keiner Seele was zuleide getan.“

Die Stute blies in mein Haar, und ich atmete den herben, aber angenehmen Pferdegeruch ein. Dann zog sie den Kopf zurück und sah mich mit ihren sanften braunen Augen aufmerksam an.

„Wir können ja zusammen zurückgehen“, schlug Matty vor. „Hazel ist froh, wenn sie niemanden auf ihrem Rücken herumschleppen muß, was, Hazel?“

Die Stute schnaubte leise und schüttelte ungeduldig den Kopf, um ein paar Fliegen zu verscheuchen. Ich trat unwillkürlich einen Schritt zurück und sagte: „Also, dann warte ich auf dich.“

„Prima.“ Matty lenkte Hazel zur Mitte der Straße, und sie trabte in Richtung zum Dorf davon. Während ich den beiden nachsah, dachte ich, daß Matty ein netter Kerl war, netter als alle Jungen in meiner Klasse; auch wenn er noch ziemlich jung war und nicht so gut aussah wie sein Bruder.

Nach etwa zehn Minuten war er wirklich wieder da, schwang sich aus dem Sattel und ließ Hazel auf der Wiese frei. Sie trottete mit schleifenden Zügeln neben uns her, graste ab und zu zufrieden und sah immer wieder zu uns herüber, als wollte sie sich vergewissern, ob Matty noch da war.

„Hazel ist so anhänglich“, erklärte Matty. „Ich habe sie selbst zugeritten. Sie war immer schon lammfromm und hat mich nie abgeworfen.“

„Werdet ihr sie eines Tages verkaufen?“ fragte ich.

Sein Gesicht wirkte plötzlich verschlossen. „Ich weiß nicht“, sagte er. „Das liegt bei meinem Vater. Die Pferde gehören ja alle ihm.“

Ich sah ihn von der Seite an. Eine Weile schwiegen wir. Dann fragte ich vorsichtig: „Verstehst du dich nicht gut mit deinem Vater?“

„Ach, er ist ziemlich schwierig. Aber ich kann’s ihm wohl nicht vorwerfen.“

Ich merkte, daß er im Augenblick nicht mehr darüber sagen wollte, und stellte keine weiteren Fragen. Dann dachte ich, daß ich wirklich einmal gern jemanden kennengelernt hätte, der keine Schwierigkeiten mit seinem Vater oder seiner Mutter oder mit beiden Eltern hatte. Abgesehen von Erwachsenen natürlich, aber selbst die schienen oft noch Probleme mit ihren Eltern zu haben. Ich hatte geglaubt, eine rühmliche Ausnahme zu sein, denn bisher hatte ich mich gut mit meinem Vater verstanden und war stolz darauf gewesen, daß wir so gute Freunde waren. Doch das war jetzt wohl ein für allemal vorbei . . .

„Zum Teufel!“ sagte ich unwillkürlich.

Matty nickte, als wüßte er, in welche Richtung meine Gedanken gingen. „Man müßte erwachsen und unabhängig sein“, sagte er bitter.

„Wenn man erwachsen ist, ist man deswegen noch lange nicht unabhängig“, erwiderte ich.

Matty lachte, aber besonders froh wirkte er nicht dabei. „Das klingt verdammt weise“, sagte er. „Aber du hast schon recht. Um unabhängig zu sein, braucht man Geld.“

Ich murmelte: „Ja, Geld – wenn ich jetzt Geld hätte, würde ich sofort verschwinden. Nach Amsterdam vielleicht, das ist eine wunderbare Stadt.“

„Oh, ich würde schon hierbleiben“, erwiderte Matty. „Ich würde meinem Vater das Gut und die Pferde abkaufen. Dann könnten sie frei leben und hätten es gut bei mir.“

„Haben sie es denn nicht gut bei deinem Vater?“

„Er behandelt sie nicht schlecht, das ist es nicht. Er hängt zwar auch an ihnen, aber ich glaube, er liebt sie nicht so wie Jörn und ich. Für ihn sind sie mehr eine Art Ware, weißt du, die man möglichst gewinnbringend verkauft. Etwas, das man abstoßen muß, wenn es sich nicht mehr rentiert.“

Der Weg führte nun wieder dicht am Wildbach vorbei, und wir warteten, während Hazel an eine seichte Uferstelle ging, sich vorsichtig einen Weg zwischen dem Geröll bahnte und von dem klaren Wasser trank. Es war ein schönes Bild, fast wie ein Gemälde – die haselnußbraune Stute am Bach, die Sonne auf dem Wasser und im Hintergrund die Felsen zwischen den Tannen.

„Rentiert es sich denn?“ fragte ich.

Matty schwieg eine Weile. Dann schüttelte er den Kopf und wandte sich wieder zum Gehen. Ich folgte ihm. Hinter uns erklang das leichte Getrappel von Hazels Hufen auf dem steinigen Pfad.

„Eben nicht“, sagte er nach einiger Zeit. „Es lohnt sich nicht. Deshalb überlegt Vater ja auch immer wieder, ob er die Pferde und vielleicht auch einen Teil unseres Grundstücks verkaufen soll. Er sagt, dann könnten wir bequem und sorgenfrei leben.“

Er schwieg wieder und senkte den Kopf. Die Sache war schlimm für ihn, das spürte ich. „Und deine Mutter? Was sagt sie dazu?“

„Meine Mutter? Die hat keine eigene Meinung“, erwiderte er. „Von ihr kann man keine Unterstützung erwarten. Ich glaube, sie hat Angst vor Vater.“

Matty vergrub die Hände in den Hosentaschen und ging rascher vorwärts. Ich müßte mich beeilen, um ihn einzuholen. Nach einigen Minuten sagte er fast schroff: „Aber was kümmert dich das? Du hast sicher andere Sorgen. Ich will dir nicht die Ohren volljammern.“

„Du jammerst mir nicht die Ohren voll“, sagte ich. „Manchmal tut’s einem gut, wenn man jemandem etwas erzählen kann, den man kaum kennt – einem Außenstehenden, meine ich. Und das bin ich ja auch – eine Außenstehende.“

Und voller Bitterkeit dachte ich, daß das wirklich stimmte. Ich war eine Außenstehende. Das war gegenwärtig genau meine Stellung in der Welt.

Matty nickte und sagte: „Vielleicht hast du recht. Aber dann kannst du mir doch eigentlich auch von dir erzählen. Für dich bin ich schließlich auch ein Außenstehender, wie du das nennst.“

„Ich weiß nicht“, erwiderte ich zögernd. „Immerhin kennst du Kirsty.“

„Und du meinst, deshalb wäre ich voreingenommen?“

„Vielleicht“, sagte ich.

„Kirsty ist in Ordnung“, sagte Matty. „Aber so gut kenne ich sie gar nicht, wie du vielleicht glaubst. Bei ihrer Tante Karen sind wir oft gewesen, als wir noch Kinder waren. Sie hat da ziemlich allein gelebt, aber es war ihr offenbar ganz recht so.“ Er sah mich von der Seite an. „Und Kirsty . . . kommst du nicht gut mit ihr aus?“

„Ich mag sie nicht“, sagte ich heftig.

Matty nickte wieder. „Sind deine Eltern geschieden?“

„Nein“, sagte ich kurz. „Meine Mutter ist vor ein paar Jahren gestorben.“

„Oh!“ Er fragte: „Und jetzt hat dein Vater Kirsty kennengelernt? Glaubst du, daß die beiden heiraten werden?“

„Vielleicht“, sagte ich. „Meinetwegen sollen sie es tun. Sie können machen, was sie wollen. Es kümmert mich nicht.“

Matty murmelte: „Das glaube ich dir nicht.“

Ich wurde plötzlich richtig wütend. „Es ist aber so!“ herrschte ich ihn an. „Was weißt du schon von mir? Ich brauche niemanden, ich komme ganz gut allein zurecht.“ Ich stockte, weil ich merkte, wie meine Stimme zitterte. Meine Kehle verengte sich und schmerzte von der Anstrengung, die Tränen zurückzuhalten. Ich wandte das Gesicht ab, damit Matty meine Augen nicht sah.

Er blieb stehen und sagte sanft: „Unsinn, das stimmt doch gar nicht! Keiner kommt allein zurecht. Warum gibst du nicht einfach zu, daß es dir weh tut? Du hast Angst, deinen Vater zu verlieren, stimmt’s? Du fürchtest, daß Kirsty ihn dir wegnehmen könnte.“

Ich kämpfte um meine Fassung, Matty war nett, aber ich kannte ihn kaum. Er durfte nicht sehen, wie elend und hilflos ich mich fühlte. Ich wollte um keinen Preis vor ihm weinen. Warum hatte ich mich nur auf dieses Gespräch eingelassen?

Verbissen ging ich weiter, die Augen blind vor Tränen, das Gesicht dem Wald zugekehrt. Ich schluckte und schluckte und hielt die Tränen mit aller Macht zurück. Dabei hörte ich Mattys Schritte dicht hinter mir, und dazwischen das gedämpfte Geklapper von Pferdehufen.

Plötzlich hielt ich es nicht länger aus. Ich setzte mich auf einen gefällten Baumstamm, der am Waldrand lag, und sagte mit erstickter Stimme: „Sei nicht böse, aber ich möchte jetzt allein sein. Bitte, geh ohne mich weiter!“

Matty zögerte eine Weile. „Gut“, sagte er dann, „wenn du das wirklich möchtest, reite ich eben nach Hause. Vielleicht reden wir ein andermal darüber. Aber du kommst doch heute noch zu uns in den Stall, wie wir’s ausgemacht haben?“

Ich sah ihn nicht an, nickte nur und fuhr mir mit dem Handrücken über die Nase. Da wandte er sich ab und rief nach Hazel.

Verschwommen sah ich aus den Augenwinkeln, wie die Stute angetrabt kam, und wie Matty sich in den Sattel schwang. Dann hörte ich die beiden davonreiten. Der Kies knirschte unter den Pferdehufen; laut zuerst, dann immer leiser, bis das Geräusch schließlich verklang.

Ich blieb allein zurück. Die Vögel sangen. Jetzt, wo ich hätte weinen können, weil niemand mich sah, konnte ich es nicht mehr. Meine Augen brannten, und ein dumpfes, quälendes Gefühl saß in meiner Brust. Ich war wieder allein, denn ich hatte Matty weggeschickt.

6

Es war Mittagszeit, als ich zum Kavaliershäusl kam. Vater und Kirsty hatten den Gartentisch unter der noch kahlen Eiche gedeckt und sagten kein Wort über meinen vormittäglichen Ausflug. Sie taten, als wäre alles in bester Ordnung; das heißt, mein Vater tat so. Er lachte und versuchte witzig zu sein, doch Kirsty machte ein ernstes Gesicht und ging nicht auf seine erzwungene Fröhlichkeit ein.

Ich sagte überhaupt nichts, saß nur am Tisch und löffelte lustlos einen Yoghurt. Da wurde auch mein Vater mit der Zeit stiller. Ich hatte den beiden die Laune verdorben, doch das schadete nichts. Wenn ich nicht froh war, brauchten sie es auch nicht zu sein.

Herr Alois saß auf der Türschwelle und kaute hingebungsvoll an einem Knochen, und in der Ferne grasten die Pferde des Dreililienhofes auf den Koppeln. Die Sonne sickerte durch die knorrigen Äste und Zweige, und es hätte alles sehr schön und friedlich sein können, wenn die Sache mit Kirsty nicht gewesen wäre.

Plötzlich horchte ich auf. Vater und Kirsty schienen sich gerade über Dreililien zu unterhalten. „ . . . hat wohl kaum noch einen Gewinn erzielt, seit er selbst nicht mehr arbeiten kann“, hörte ich Kirsty sagen.

„Ich glaube sowieso nicht, daß Pferdezucht ein besonders einträgliches Geschäft ist“, erwiderte Vater. „Wenn so ein Pferd krank wird oder stirbt, oder wenn gar eine Seuche ausbricht – das kann einen Pferdezüchter über Nacht ruinieren.“

Kirsty machte ein nachdenkliches Gesicht. „Die meisten Pferde sind wohl versichert“, sagte sie. „Aber Versicherungen kosten natürlich auch eine Menge Geld. Und nach dem Unfall mußte Waldo noch zusätzlich einen Stallknecht einstellen. Damals hat er auch zum erstenmal einen Teil seiner Stuten verkauft.“

Dieser Waldo war vermutlich Jörns und Mattys Vater; doch von welchem Unfall sprach sie? Matty hatte nichts davon erwähnt. Allerdings erinnerte ich mich an seine Bemerkung, man könne es seinem Vater nicht verübeln, daß er schwierig war.

Ich hätte Kirsty danach fragen können, aber ich tat es nicht. Sie und Vater sollten nicht wissen, daß ich Jörn und Matty bereits kannte. Das war meine Privatangelegenheit. Außerdem hatte ich keine Lust, mich auf eine Unterhaltung mit Kirsty einzulassen.

„Aber du hast doch gesagt, daß er zwei Söhne hat“, erwiderte mein Vater. „Sie werden ihm sicher helfen.“

„O ja, natürlich. Aber sie gehen schließlich noch zur Schule. Und ein paar Dutzend Pferde machen eine Unmenge Arbeit.“

Kirsty stand auf und ging ins Haus. Herr Alois nahm seinen Knochen zwischen die Zähne und folgte ihr. Mein Vater sah mich an und sagte: „Schön ist es hier, findest du nicht?“

„Das kommt ganz auf den Standpunkt an“, erwiderte ich.

Er machte ein unbehagliches Gesicht. „Oder auf die Einstellung“, sagte er. „Wenn du entschlossen bist, hier alles unmöglich zu finden, kann es dir allerdings nicht gefallen.“

Ich wandte den Blick von ihm ab. „Unmöglich? Nein, unmöglich finde ich es hier nicht. Ich hab nur einfach keine Lust, fünftes Rad am Wagen zu spielen.“

Mein Vater sagte leise, aber heftig: „Du spielst fünftes Rad am Wagen, ja! Wir drängen dich bestimmt nicht in diese Rolle, Kirsty und ich. Aber du sonderst dich ja dauernd ab und tust, als wäre Kirsty deine Todfeindin und ich ihr Verbündeter, nur weil du schlicht und einfach eifersüchtig auf sie bist! Wenn Mutter wüßte . . .“

Ich sprang auf. „Laß Mutter aus dem Spiel!“ sagte ich ebenso leise und noch heftiger. „Du machst es dir verdammt leicht, wenn du denkst, ich wäre nur eifersüchtig! Dann kann ich ebensogut sagen, daß du egoistisch bist! Hauptsache, du bist glücklich. Wie ich mich dabei fühle, ist dir ja ganz egal – wenn ich mich nur höflich und verträglich benehme!“

Zum zweitenmal an diesem Tag war ich den Tränen sehr nahe, und wieder wollte ich es um keinen Preis zeigen. Ich wandte mich ab und ging; nicht ins Haus, sondern durch den verwilderten Garten und über den Pfad zum Wald.

Dann wanderte ich lange durch den Wald und dachte über alles nach. Eine Stimme in meinem Innern klagte mich an, daß ich Vater Unrecht tat. Zugleich aber war ich auch überzeugt, daß mir Unrecht getan wurde, und daß Vater mich wegen einer fremden Frau verraten hatte.

Als ich zurückkam, waren Vater und Kirsty fort und hatten Herrn Alois mitgenommen. Diesmal hatten sie einen Zettel hinterlassen. Sind spazierengegangen, stand in Vaters Schrift auf einem Blatt Papier in der Küche. Essen ist im Kühlschrank.

Ich hatte keinen Hunger. Langsam ging ich ins Mansardenzimmer, zog das karierte Herrenhemd an, das ich im vergangenen Herbst auf dem Flohmarkt gekauft hatte, schlüpfte in meine alten Lieblingsjeans mit den Flicken auf den Knien, bürstete meine Haare und betrachtete mich gründlich im Spiegel, der über der weißen Waschkommode hing.

Ein mißmutiger Ausdruck lag um meinen Mund, der nicht gerade sehr kleidsam war. Ich gab mir Mühe, ein freundliches Gesicht zu machen, was mir bei meiner gegenwärtigen Stimmung gar nicht so leicht fiel. Dann flocht ich meine Haare zu einem Zopf, wie Kirsty ihn trug, und entdeckte, daß mir die neue Frisur gut stand. Mein herzförmiger Gesichtsschnitt und die dunklen, ziemlich geraden Brauen kamen so besser zur Geltung, und mein Hals wirkte länger und anmutiger, als wenn ich die Haare offen trug.

Die Pferde waren noch auf der Koppel und hoben aufmerksam die Köpfe, als ich den Pfad zwischen den Birken und Haselnußsträuchern entlang ging. Eine braune Stute kam unter einer Baumgruppe hervor zum Koppelzaun und schnaubte. Da sah ich, daß es Hazel war. Sie hatte mich wiedererkannt.

Ich blieb stehen und hätte sie am liebsten umarmt, so freute ich mich über ihre Begrüßung. Behutsam streckte ich die Hand aus, streichelte ihre Stirn und kraulte sie zwischen den Ohren.

Sie kniff vor Behagen die Augen zu und stieß stöhnende Geräusche aus. Ich sagte: „So ein braves, kluges Mädchen! Wo ist Matty?“

Bei dem Wort Matty spitzte Hazel die Ohren und öffnete die Augen. Schon näherten sich drei weitere Pferde und streckten die Köpfe über den Zaun, Da wurde mir die Sache doch ein bißchen unheimlich, und ich ging weiter.

Die Spätnachmittagssonne lag strahlend über dem Gutshof und ließ den alten Torbogen wie den Eingang zu einem verwunschenen Schloß aussehen. In den Fensterseheiben spiegelte sich das Licht. Eine Katze schlüpfte aus einer Mauernische hervor und verschwand in Richtung zum Waldrand. Auf den Koppeln blühten Schlüsselblumen, und die Birkengruppe mit der steinernen Bank hinter dem Stallgebäude leuchtete in zartem Grün.

Ich verstand plötzlich, weshalb Matty nicht von hier fort wollte. Dreililien war einfach nicht zu vergleichen mit einem gewöhnlichen Haus oder einer Mietswohnung in der Stadt. Wer in einem solchen Hof aufgewachsen war, mußte sich hier verwurzelt fühlen. Matty wußte, wohin er gehörte. Meine Familie und mein Zuhause bestanden nur aus meinem Vater; Matty aber hatte diesen Hof, der das ganze Tal umfaßte, hatte einen Bruder und Pferde, die er liebte. Er war reicher als ich, doch er hatte auch mehr zu verlieren.

7

Ich öffnete das Gatter zwischen den Koppelzäunen, die rechts und links den Weg säumten, und trat zögernd auf den Hofplatz vor dem Torbogen. In diesem Moment kam ich mir wie ein Eindringling vor; und als ein Mann hinter einem Mauervorsprung auftauchte, wäre ich am liebsten wieder umgekehrt.

Er sah mich nicht gleich. Er blickte über den Hofplatz zur Birkengruppe, wo die alte Steinbank stand. Der Mann bewegte sich langsam und ziemlich mühselig mit Hilfe von zwei Krücken, und sein Rücken war leicht gekrümmt, wie das oft bei Menschen der Fall ist, die sich beim Gehen auf etwas stützen müssen.

Dann knirschte der Kies unter meinen Schuhsohlen, und er hob rasch den Kopf. Ein wachsamer Ausdruck erschien auf seinem Gesicht.

Ich fühlte mich mehr denn je als Eindringling. Das Gesicht des Fremden war gebräunt, sein blondes Haar an den Schläfen grau, und seine Augen erinnerten mich an Matty.

Er sagte: „Was willst du?“

Es klang fast feindselig. Ich zwang mich, ein paar Schritte weiterzugehen und sagte ziemlich schüchtern: „Ich wollte zu Matty und Jörn. Ich habe versprochen, ihnen bei der Stallarbeit zu helfen.“

Er musterte mich prüfend, aber nicht mehr ganz so abweisend. „Aha. Und wer bist du, wenn ich fragen darf?“

„Ich wohne mit meinem Vater und Kirsty im Kavaliershäusl“, sagte ich. „Ich heiße Elinor – Nell.“

Er nickte. Ein gefleckter Hund kam durch das Hoftor gestürmt und rannte bellend auf mich zu. Es war Diana. Ich bückte mich und streichelte sie; da tauchte auch Jörn auf und sagte: „Du bist also doch gekommen. Ich dachte schon, du würdest kneifen.“

„Weshalb sollte ich kneifen?“ fragte ich.

Der Mann mit den Krücken sagte: „Ich glaube, wir müssen morgen den Tierarzt kommen lassen, Jörn. Marnie gefällt mir nicht recht. Wir dürfen kein Risiko eingehen. Und wirf mal einen Blick auf Pans Fessel. Die Schwellung könnte von einem Insekt sein, das mit irgend einem Schädlingsgift verseucht war, aber vielleicht ist’s auch etwas Ernsteres. Und Horkheimer kommt morgen vorbei, um sich die beiden Stuten anzusehen. Er wird wohl wieder versuchen, mich kräftig im Preis zu drükken, der alte Geier!“

„Dann verkaufst du ihm die Pferde eben nicht“, erwiderte Jörn heftig. „Er soll nur nicht glauben, daß wir das Geld brauchen, sonst kann man mit ihm überhaupt nicht mehr vernünftig verhandeln, Vater.“

„Wir brauchen’s aber“, erwiderte Herr Moberg bitter.

Jörn wollte etwas erwidern, warf dann aber einen Seitenblick auf mich und schwieg. Sein Vater hinkte mühsam mit seinen beiden Krücken durch den Torbogen, und Jörn sagte kurz zu mir: „Ich hole dir eine alte Latzhose. Du kannst inzwischen schon in den Stall gehen. Den Weg kennst du ja.“

Es klang nicht übermäßig freundlich. Er drehte sich um, ließ mich stehen und folgte seinem Vater. Diana lief eifrig voraus.

Langsam und zögernd ging ich an der mit Efeu überwachsenen Mauer entlang zum Stallgebäude. Das Stalltor stand ein Stück offen. Ich trat vorsichtig über die Schwelle und fragte: „Matty?“ Doch es kam keine Antwort.

Ich sah mich um. Die Boxen waren leer, und es war sehr still bis auf das Surren einiger Fliegen, die gegen die staubigen Fensterscheiben prallten. Spinnweben hingen zwischen den Stützpfeilern, und Strohhalme lagen in den Futtertrögen. In den Boxen war schmutzige Streu, und es roch streng und irgendwie sauer. Ein breiter Sonnenstreifen fiel durch die offene Tür über den gepflasterten Boden.

„Du kannst dir ein Paar von den Gummistiefeln aussuchen, die hinter der Tür stehen“, sagte eine Stimme.

Ich drehte mich um. Es war Matty.

„Danke“, sagte ich. Er lächelte sein gutmütiges Lächeln, das mir schon fast vertraut war, ging an mir vorbei in den Stall und nahm einen zerbeulten alten Hut von einem Haken. Den setzte er auf und erinnerte mich damit an Billy the Kid in einem Wildwestfilm, den ich einmal gesehen hatte.

Die kleinsten Gummistiefel, die ich fand, waren mir noch immer ein Stück zu groß, aber ich konnte damit gehen. Dann mußte ich sie allerdings noch einmal ausziehen, denn Jörn kam mit einer ziemlich schmutzigen Latzhose und gab sie mir. Ich verzog mich in eine Ecke, schlüpfte hinein, krempelte die Hosenbeine hoch und knüpfte die überlangen Träger im Nacken zusammen. Dann zog ich die Gummistiefel wieder an.

„Herrje, siehst du komisch aus!“ sagte Jörn, als ich wieder zum Vorschein kam.

Ich erwiderte: „Wenn man dich in eine Hose und in Stiefel stecken würde, die dir drei Nummern zu groß sind, wärst du auch nicht mehr ganz so berückend wie jetzt.“

Er lachte. „Beiß mich nur nicht gleich! Wenn es dich beruhigt, kann ich dir versichern, daß mir dieser Aufzug tausendmal besser gefällt, als wenn du hier im Discolook ankommen würdest.“

Er zog ein buntgewebtes Band aus der Tasche und band es sich um die Stirn, damit ihm die Haare nicht mehr ins Gesicht fallen konnten. „Und sag jetzt nicht, daß ich wie Björn Borg aussehe, weil ich das schon nicht mehr hören kann“, fügte er hinzu.

„Keine Angst. Ich finde nicht, daß du wie Björn Borg aussiehst“, erwiderte ich kühl. Dann ging ich zu Matty und fragte: „Was soll ich tun?“

Er zwinkerte mir zu und drückte mir eine Mistgabel in die Hand, die überraschend schwer war. „Erst müssen wir mal anfangen, die schmutzige Streu aus den Boxen zu räumen“, sagte er. „Wir tun alles immer gleich in die Mistkarre, die dort auf der Stallgasse steht. Wenn sie voll ist, wird sie hinausgefahren und die Ladung auf den Dunghaufen gekippt. Aber das machen Jörn und ich schon, es wäre vielleicht zu schwer für dich.“

Ich nickte und nahm mir vor, den beiden zu zeigen, daß so eine Ladung Mist durchaus nicht zu schwer für mich war. In mir begann langsam eine Art Groll gegen Jörn zu brodeln, der so selbstbewußt und herablassend war und mich offensichtlich nicht ernst nahm. Ich wünschte ihm von ganzem Herzen, daß er mitsamt seinen blonden Locken und seinem Stirnband in den Misthaufen fiel, und daß ich dabei zusehen durfte. Das hätte meine Laune erheblich gebessert.

Die Arbeit war anstrengender, als ich gedacht hatte. Schon nach zehn Minuten lief mir der Schweiß über die Stirn, und da hatte ich erst zwei Boxen ausgemistet, während Jörn und Matty jeweils das doppelte Pensum schafften. Jörn pfiff bei der Arbeit leise vor sich hin, und Matty erzählte mir eine lange Geschichte von einem preisgekrönten Araberhengst, der den Trick beherrscht hatte, Riegel an Boxtüren und Stalltoren zu öffnen, und immer wieder ausgebrochen war. Ich verstand allerdings nur die Hälfte, denn er ging während des Erzählens hierhin und dorthin, und manchmal übertönte das Scharren unserer Mistgabeln seine Stimme völlig.

„Macht ihr das immer allein – jeden Abend?“ fragte ich nach einer Weile, streckte meinen schmerzenden Rücken und wischte mir mit dem Handrücken den Schweiß vom Gesicht.

„Herrje, nein!“ erwiderte Jörn aus einer Box auf der anderen Seite der Stallgasse. „Wir haben einen Stallknecht und Sepp, einen Helfer, der viermal wöchentlich zu uns kommt. Es ist nur zur Zeit so vertrackt, weil der Schorsch krank ist.“

„Aber der Sepp kommt später und hilft uns mit den Pferden“, fügte Matty hinzu. „Er hat einen kleinen Bauernhof hier in der Nähe, von dem er aber nicht leben kann, und verdient sich bei uns etwas dazu.“

Ich ging mit einer Gabel voll Mist auf die Stallgasse. Die Schubkarre war schon wieder voll. Entschlossen faßte ich nach den beiden Griffen, hob sie hoch und begann zu schieben.

„Vorsicht!“ warnte Matty. „Das Ding ist verteufelt schwer und kippt leicht um.“

Jörn sagte gar nichts, er sah mir nur zu. Es war wirklich nicht einfach, den einrädrigen Karren gleichzeitig zu schieben und im Gleichgewicht zu halten. Dauernd war er in Gefahr, nach links oder rechts zu kippen.

Ich schob mit aller Kraft und paßte dabei höllisch auf. Die Schubkarre durfte einfach nicht kippen, ich wollte mich nicht blamieren. Es war, als müßte ich eine Bewährungsprobe bestehen. Mit Mühe und Not schaffte ich es, das wackelige Gefährt aus der Stalltür zu bugsieren. Durch die steinerne Türschwelle geriet die vollbeladene Karre allerdings ins Wanken und bekam Schlagseite. Ich versuchte verzweifelt, die Last nach links zu verlagern, aber es war schon zu spät. Mit heftigem Gepolter fiel das elende Ding um, und der Mist kippte auf den Weg.

Ich hätte mich am liebsten daneben gesetzt und geheult. Matty und Jörn, die das Gepolter gehört und richtig gedeutet hatten, tauchten in der Stalltür auf und sahen sich die Bescherung an.

„Zum Teufel!“ sagte ich halb entschuldigend, halb angriffslustig. „Verdammter Mist!“

„Das kann man wohl sagen“, bestätigte Matty gelassen.

Ich sah Jörn an und dachte: Wenn er jetzt eine spöttische Bemerkung macht oder mich auslacht, gehe ich und komme nie wieder!

Doch er tat nichts dergleichen. Stumm kam er, richtete die Schubkarre auf, nahm seine Mistgabel zur Hand und begann den Mist wieder aufzuladen.

Matty half ihm dabei. „Mit diesem elenden alten Ding ist das jedem von uns schon passiert, und nicht nur einmal“, sagte er tröstend.

„Es soll auch schon Leute gegeben haben, die’s geschafft haben, sich dabei in den Mist zu setzen“, fügte Jörn augenzwinkernd hinzu.

In diesem Moment verzieh ich ihm alles. Ich ging in den Stall zurück und holte meine Mistgabel, und gemeinsam beluden wir die Karre wieder.

„Willst du’s noch mal probieren?“ fragte Matty und fegte mit einem Reisigbesen die Überreste zusammen.

„Ja“, sagte ich mit finsterer Entschlossenheit.

Diesmal ging es besser. Ich schaffte es sogar, die Schubkarre über ein schwankendes Brett bergauf zu schieben, ohne dabei mit ihr in den Misthaufen zu fallen, und kippte die Ladung in ziemlicher Hast um.

Eine Stunde später war der Stall sauber. Als wir zur Koppel kamen, warteten die Pferde schon am Gatter.

8

Matty und Jörn öffneten das Gatter. Ich trat unwillkürlich ein paar Schritte zur Seite, denn die Pferde schienen so ungeduldig darauf zu warten, in den Stall zu kommen, daß ich fürchtete, sie könnten wie die wilde Jagd herausstürmen.

Es gab jedoch nur ein ziemliches Geschubse und Gedränge, während Matty und Jörn rechts und links vom Gatter Aufstellung nahmen und den Pferden gelegentlich etwas zuriefen. „Ganz ruhig, Marnie!“ – „Laß Isabell in Ruhe, Joschi!“ – „Dräng dich nicht schon wieder dazwischen, Ask!“

Die Pferde ähnelten einer Horde von Erstkläßlern, die nach Unterrichtsschluß aus der Schule stürmen. Etwa fünfzig Pferde zählte ich; es konnten aber auch ein paar mehr oder weniger sein. Als sie alle die Koppel verlassen hatten und zwischen den Zäunen zum Hof zurück trabten, schloß Matty das Gatter, und ich half ihm dabei.

Die Dämmerung senkte sich schon über das Tal mit den Wäldern und Wiesen. Ich warf einen Blick aufs Kavaliershäusl, das wie ein Spielzeughaus hinter der Eiche stand. Das Küchenfenster war erleuchtet, und es ging mir durch den Sinn, daß mein Vater sich fragen mochte, wo ich so lange war. Es wäre wohl fairer gewesen, ihm Bescheid zu sagen; doch ich war zu stolz und trotzig, um es zu tun. Ich dachte: Er soll sich nur Sorgen machen und sehen, wie es ist, wenn auch ich eigene Wege gehe!

In meine Gedanken hinein sagte Matty: „Da kommt ja der Sepp!“

Ich drehte mich um und sah einen Mann auf dem Fahrrad über die Auffahrt kommen. Er war noch ziemlich jung und hatte ein breites Gesicht mit struppigen, weizenblonden Haaren. Er nickte Matty zu, bedachte mich nur mit einem kurzen Blick und radelte an uns vorbei zum Hof, wo Jörn gerade mit den letzten Pferden um die Ecke zum Stall verschwand.

„Hast du wirklich noch Lust, beim Striegeln zu helfen?“ fragte Matty. „Du mußt doch hundemüde sein. Wenn man die Stallarbeit nicht gewöhnt ist, schafft sie einen ganz schön.“

„Ach, eine Zeitlang kann ich euch schon noch helfen. Ich hab noch nie ein Pferd gestriegelt. Ist das schwierig?“

„Wie man’s nimmt. Es kommt ziemlich auf die Pferde an“, erwiderte Matty, während wir zum Stall zurückgingen. „Manche sind nervös und angriffslustig, da muß man ständig aufpassen. Andere sind lammfromm und lassen alles mit sich machen, da ist’s ein Kinderspiel. Heute abend nehmen wir’s sowieso nicht mehr so genau. Wir sind ja nur zu viert, und es ist schon spät.“

Jörn und Sepp brachten die Pferde gerade in ihre Boxen, als wir wieder in den Stall kamen. Das heißt, die meisten Pferde gingen ganz von selbst hinein; nur die Türen mußten noch hinter ihnen geschlossen werden.

„Gefüttert und getränkt werden sie später“, erklärte mir Jörn. „Zuerst müssen sie mal sauber sein. Auf der Koppel ist der Boden noch ganz aufgeweicht, da sehen sie immer wie die Erdschweine aus.“

Ich ging mit Matty in Hazels Box und sah zu, wie er ihre Hufe mit einem Hufkratzer ausräumte. Die braune Stute war so gutmütig, daß sie freiwillig einen Hinterfuß nach dem andern hob.

„Wenn sie bloß alle so wären!“ sagte Matty. „Hier, willst du’s mal versuchen?“

Er reichte mir einen zweiten Hufkratzer, und ich bückte mich und sah mir die Unterseite von Hazels rechtem Vorderhuf an. Im Hohlraum steckten Erde und ein kleiner Stein, und ich begann langsam und mit großer Vorsicht alles herauszupulen.

Meine Hände zitterten vor Aufregung. Als ich aufsah, merkte ich, daß Hazel den Kopf gesenkt hatte und mich mit ihren sanften Augen aufmerksam beobachtete.

„Gut macht sie das, nicht, Mädchen?“ sagte Matty. „Lieber ein bißchen zu vorsichtig als zu grob. Prima, dann kannst du auch gleich noch den anderen Vorderhuf auskratzen, während ich anfange, ihr Fell sauberzumachen.“

Ich richtete mich auf, und Matty fügte hinzu: „Merk dir gleich mal eins, Nell: Geh nie hinten um ein Pferd herum! Bei Hazel wäre das nicht so schlimm, aber die meisten Pferde erschrecken, wenn sich unerwartet etwas hinter ihnen bewegt, und es passiert leicht, daß sie ausschlagen.“

Ich nickte stumm und zwängte mich zwischen Hazels Kopf und dem Futtertrog durch auf die andere Seite. Die Stute beschnupperte mich mit gespitzten Ohren. Und als ich mich bückte und ihren linken Vorderhuf berührte, hob sie ihn genauso willig wie vorher bei Matty.

Nachdem wir mit Hazel fertig waren, folgte ich Matty in die nächste Box zu Solveig, der Stute mit der hellblonden Mähne. Jörn und Sepp arbeiteten auf der anderen Seite der Stallgasse. Die Pferde prusteten und schnaubten; manchmal stampfte eines heftig mit den Hufen auf, und die frische Streu prasselte.

„Hier“, sagte Matty. „Du kannst das Bürsten übernehmen, wenn du magst. Dazu nimmst du die Kardätsche, und zwar in die Hand, die Solveigs Kopf am nächsten ist. Das ist in diesem Fall die rechte Hand, weil du links vom Pferdekopf stehst. Und bürste nicht gegen den Strich! Geh dabei vor und wieder zurück – so, ich zeig’s dir.“ Ich paßte genau auf, wie er es machte, und versuchte es dann selbst. „Aber sei vorsichtig, Solveig ist kitzlig hinter den Ohren!“ warnte Matty.

Anfangs stellte ich mich recht ungeschickt an, und die Stute zuckte nervös mit den Ohren, doch mit der Zeit ging es besser. Ich half Matty noch bei sechs anderen Pferden, und plötzlich war es stockdunkel hinter den Stallfenstern, und ich war so müde wie noch nie in meinem Leben. Meine Arme schmerzten höllisch, und ich hätte mich am liebsten längelang in eine leere Box ins Stroh gelegt und mich keinen Zentimeter mehr von der Stelle gerührt. Ich bewunderte Jörn und Matty, die noch ganz frisch wirkten und denen es nichts auszumachen schien, daß die Pferde jetzt auch noch gefüttert werden mußten.

„Ich muß nach Hause!“ sagte ich und lehnte mich gegen die Stallmauer.

„Herrje, du bist ja völlig fertig!“ Jörn sah mir ins Gesicht. „Wir hätten nicht zulassen sollen, daß sie so lange mithilft, Matty.“

„Unsinn“, sagte ich. „Ich bin schließlich kein kleines Kind und kann selbst auf mich aufpassen. Habt ihr eine Taschenlampe für mich?“

Matty wollte etwas erwidern, doch Jörn kam ihm zuvor. „Ich bringe dich zum Kavaliershäusl“, sagte er.

„Du?“ fragte ich erstaunt, fügte dann aber rasch hinzu:

„Nicht nötig. Ich hab dir doch gerade gesagt, ich bin kein kleines Kind. Ich fürchte mich nicht im Dunkeln.“

Das stimmte überhaupt nicht. Der Gedanke, allein zu Tante Karens Haus gehen zu müssen, war alles andere als angenehm, doch das hätte ich gerade Jörn gegenüber um keinen Preis zugegeben.

Jörn sagte kein Wort. Er verschwand in der Sattelkammer und kam mit einer großen Taschenlampe, meinen Jeans und zwei Strickjacken zurück. In eine der Jacken schlüpfte er selbst, die andere gab er mir zusammen mit den Jeans und sagte: „Die Stiefel und die Latzhose kannst du morgen zurückbringen – es sei denn, du magst uns mal wieder helfen.“ Und in Mattys Richtung fügte er hinzu: „Ich bin gleich wieder zurück. Der neue Sack mit den Mineralien ist noch im Schuppen.“

Matty nickte. Sein Blick ging zwischen Jörn und mir hin und her. Ich sagte: „Gute Nacht, Matty.“

„Nacht, Nell“, erwiderte er. „Und danke, daß du uns geholfen hast. Hoffentlich war’s nicht zuviel für dich.“

„Ich werd’s überstehen“, sagte ich. Dann folgte ich Jörn aus dem Stall, und Sepp nickte mir im Vorbeigehen zu.

Eine bleiche Mondsichel stand über dem Wald, und vereinzelt schimmerten Sterne zwischen den kahlen Bäumen. Es roch nach Frühling. Irgendwo schrie ein Käuzchen.

Jörn und ich gingen schweigend nebeneinander her, zwischen den Koppelzäunen entlang. In den Haselnußbüschen raschelte es. Ich zuckte unwillkürlich zusammen.

„Eine unserer Katzen ist auf Mäusefang“, sagte Jörn beruhigend und ließ den Strahl seiner Taschenlampe über den Boden gleiten. Da huschte eine gefleckte Katze über den Weg. Als sie zu uns aufsah, leuchteten ihre grünen Augen wie Glasmurmeln.

„Das sind ungewohnte Geräusche für einen, der aus der Stadt kommt, nicht?“

Ich nickte, obwohl er es nicht sehen konnte. „Am meisten verunsichert einen die Stille. In der Stadt gibt’s ständig irgendwelchen Lärm, sogar nachts“, erwiderte ich.

„Ich weiß“, sagte Jörn. „Vor mehr als einem Jahr war ich mal für ein paar Wochen in München.“ Er schwieg eine Weile und fügte dann hinzu: „Ich habe meistens im Park geschlafen – im Englischen Garten. Dort war es zwar still, aber irgendwo im Hintergrund hörte man ständig das Brausen des Verkehrslärms.“

„Du hast im Park geschlafen?“ wiederholte ich überrascht.

„Ja. Weil ich kaum Geld hatte. Ich bin damals von zu Hause ausgerissen, wie man so schön sagt.“

Ich blieb stehen und sah Jörn an, doch in der Dunkelheit war sein Gesicht nur als schwacher Umriß zu erkennen. Der Strahl seiner Taschenlampe beleuchtete ein Stück des Weges. „Du bist ausgerissen?“

Er lachte leicht. „Hättest du mir das nicht zugetraut? Ich hatte eine Zeitlang ziemliche Schwierigkeiten mit meinem Vater, weißt du. Aber in der Stadt war’s noch schlimmer. Ich war fast krank vor Heimweh. Das Geld ging mir auch bald aus. Also bin ich schließlich reumütig wieder heimgekommen.“

Ich sagte spontan: „Ich würde auch am liebsten verschwinden. Aber ich bin zu feige. Ich weiß nicht, wohin ich gehen könnte.“

„Es ist verdammt schwierig“, gab Jörn zu. „Man gerät so leicht in irgend etwas hinein, was man eigentlich gar nicht will. Ich glaube, es ist am besten, zu Hause zu bleiben und da zu versuchen, etwas zu ändern – und wenn das nicht geht, auszuhalten und sich selbständig zu machen, sobald man mündig ist.“

„Bist du denn nicht schon achtzehn?“

„Ja, seit einem Monat. Aber ich möchte erst mal die Schule zu Ende machen. Und jetzt komme ich mit meinem Vater auch wieder einigermaßen klar. Er hat etwas dazugelernt – viel nicht, aber ein bißchen –, und ich gebe mir Mühe, ihn besser zu verstehen.“

Wir hatten die Gartenpforte von Tante Karens Haus erreicht. Herr Alois begann zu bellen, und eines der Küchenfenster tat sich auf. Mein Vater rief: „Bist du das, Elinor?“ Seine Stimme klang ängstlich.

Ich hätte mich gern noch eine Weile mit Jörn unterhalten, obwohl ich so müde war. Doch er sah kurz zum Haus hinüber und sagte dann: „Morgen ist Volksfest in Amsdorf. Willst du mitkommen?“

Einen Augenblick lang war ich zu überrascht, um etwas zu erwidern. Die Haustür öffnete sich, und mein Vater erschien auf der Schwelle. Herr Alois kam kläffend herausgeschossen.

„Gern“, sagte ich rasch. „Ich komme gern mit!“

„Gut. Dann treffen wir uns morgen um zehn an der Wegkreuzung – dort, wo eure Auffahrt anfängt. Servus, und schlaf gut.“

„Gute Nacht“, sagte ich atemlos.

Herr Alois bellte wie verrückt, doch als Jörn sich bückte und ihn streichelte, wurde er still und wedelte sogar mit dem Schwanz. Mein Vater wartete noch in der Haustür. Erst als Jörn sich abwandte und verschwand, ging ich mit dem Hund durch den Garten.

Im Lichtschimmer aus der offenen Küchentür sah ich, daß mein Vater blaß war. Zorn und Angst standen ihm ins Gesicht geschrieben. „Warum hast du nicht Bescheid gesagt?“ fragte er.

Ich ging an ihm vorbei in den kleinen Flur. Kirsty saß im Schaukelstuhl in der Küche und strickte. Sie sah nicht auf.

„Weil ich keine Lust hatte“, sagte ich und fühlte dabei etwas wie Triumph.

Mein Vater starrte mich an. „Du hattest keine Lust“, wiederholte er. „Was, zum Teufel . . .“ Er stockte und fügte beherrschter hinzu: „Was ist denn nur los mit dir, Elinor? So etwas hat es doch sonst nie zwischen uns gegeben. Du weißt, daß ich dir immer viel Freiheit gelassen habe. Ich habe dir keine Vorschriften gemacht. Aber ich konnte mich auch auf dich verlassen. Wenn du abends ausgegangen bist, hast du mir vorher jedesmal Bescheid gesagt. Du mußt doch wissen, daß ich mir Sorgen mache.“

„Nein“, sagte ich. „Das weiß ich nicht.“

Er sah mich fassungslos an. „Also, ich mache mir keine Sorgen, wie. Es ist mir ganz egal, was dir passiert! Na gut, wir können in Zukunft auch anders miteinander umgehen. Ich bin dein Vater, und solange du minderjährig bist, hast du dich nach dem zu richten, was ich sage!“

In diesem Augenblick haßte ich ihn. Aus der Küche kamen Geräusche. Kirsty war aufgestanden. Sie räusperte sich leise; es klang wie eine Warnung. Dann sagte sie mit ihrer sanften, ein wenig brüchigen Stimme: „Ich habe den Linseneintopf für dich warmgestellt, Elinor. Du bist sicher hungrig.“

Ich ging in die Küche und ließ mich stumm am Tisch nieder. Vor Müdigkeit und hilfloser Wut hätte ich am liebsten losgeheult. Kirsty stellte einen Teller vor mich hin, und Vater kam mir nach, setzte sich auf die Eckbank und sah eine Weile schweigend vor sich hin. Dann sagte er: „Wie siehst du überhaupt aus? Woher hast du diese scheußliche alte Hose? Du riechst ja wie ein Misthaufen! Wo bist du gewesen? Und wer war dieser Junge, der dich begleitet hat?“

„Ein Freund“, murmelte ich.

Ich merkte, daß er nahe daran war, die Beherrschung zu verlieren. „Ein Freund!“ schrie er so laut, daß Herr Alois sich unter den Tisch verkroch. „Gib endlich anständig Antwort, wenn ich dich etwas frage!“

Ich sagte überhaupt nichts mehr. Kirsty füllte meinen Teller und legte einen Löffel daneben. Dann brachte sie mir noch ein Glas Milch.

„Sie ist müde“, sagte sie ruhig. „Stallarbeit ist anstrengend, wenn man nicht daran gewöhnt ist.“

Obwohl ich sie noch immer ablehnte, fühlte ich etwas wie Dankbarkeit. Ich trank die Milch und begann vom Linseneintopf zu essen. Es kostete mich richtige Anstrengung, den Löffel zum Mund zu führen und zu schlucken.

„Ich will wissen, wo du gewesen bist und wer dieser Junge war!“ beharrte mein Vater, doch es klang etwas weniger aufgeregt.

Ich sah auf meinen Teller und gab keine Antwort. Da stand er unvermittelt auf und verließ die Küche.

Kirsty setzte sich wieder in den Schaukelstuhl. Herr Alois kam unter dem Tisch hervor und ging zu ihr, und sie bückte sich und streichelte ihn.

Nach einer Weile sagte sie: „Die Jungen von Dreililien sind in Ordnung.“

Ich war zu müde, um mich zu wundern, woher sie es wußte. Wahrscheinlich hatte sie einfach zwei und zwei zusammengezählt. Dreililien war vermutlich der einzige Hof weit und breit, auf dem es noch Pferde gab; und der Stallgeruch, der mich umgab, war unverkennbar.

Ich nickte nur und schob den Teller zurück. Die Linsen mit Speck hatten wunderbar geschmeckt. Ich war schrecklich hungrig gewesen.

„Danke“, sagte ich zu meiner eigenen Überraschung.

„Schon gut“, erwiderte Kirsty. „Gute Nacht.“

Ich stand auf, ging aus der Küche, zog die Gummistiefel aus und stellte sie vor die Haustür. Dann schleppte ich mich über die Treppe ins Mansardenzimmer, schlüpfte aus der Latzhose, ließ sie auf dem Teppich liegen und kroch unter die Bettdecke, schmutzig wie ich war. Waschen konnte ich mich am nächsten Morgen. Jetzt wollte ich nichts als schlafen.

9

Am nächsten Tag kam ich kaum aus dem Bett. Ich war am ganzen Körper wie gerädert. Nur mit größter Selbstbeherrschung und zusammengebissenen Zähnen schaffte ich es, meine Beine über die Bettkante zu bugsieren, und als ich mich aufrichtete, stöhnte ich, so weh taten mir alle Glieder. Meine Arme waren wie Blei. Jede Bewegung kostete mich Überwindung. Wie eine alte Frau hinkte ich die Treppe hinunter.

Ein heißes Bad wäre wohl in dieser Lage das allerbeste gewesen, doch fließendes warmes Wasser gab es in Tante Karens Haus nicht. Immerhin wurde ich vom kalten Wasser etwas munterer.

Als ich schließlich in die Küche kam, hatte ich mich schon ein wenig mit meinem fürchterlichen Muskelkater abgefunden. Ich hätte mich auf das Volksfest freuen können, wenn die Sache mit meinem Vater nicht gewesen wäre.

Beim Frühstück sprach er kein Wort mit mir. Er unterhielt sich nur mit Kirsty und tat, als wäre ich Luft. Eine solche Mißstimmung hatte es nie zwischen uns gegeben, so lange ich denken konnte.

Ich aß nur ein Honigbrot und trank eine Tasse Kaffee. Dann stand ich auf und wusch mir noch die Haare, was gar nicht so einfach war, denn das Wasser mußte erst auf dem Küchenherd erhitzt werden. Zum Glück war das Wetter schön; so machte es nicht viel aus, daß meine Haare noch feucht waren, als ich kurz vor zehn aus dem Haus ging.

Vater und Kirsty saßen noch in der Küche. Ich verabschiedete mich nicht. Ich heftete nur einen Zettel an die Haustür, auf dem stand: „Bin zum Volksfest.“

An der Wegkreuzung stand ein alter, schon recht verrosteter VW-Käfer. Jörn saß hinter dem Steuer, und auf dem Rücksitz war Matty und kaute an einem Stück Brot.

„Hallo“, sagten sie gleichzeitig, als ich den Wagenschlag öffnete. „Bist du ins Wasser gefallen?“

„Ich hab mir die Haare gewaschen“, erwiderte ich nur. Nach Lustigkeiten war mir im Augenblick nicht zumute. „Ist das euer Auto?“

„Es gehört unserem Vater“, sagte Jörn. „Steig ein. Matty hat den Ehrenplatz auf dem Beifahrersitz für dich freigehalten.“

„Danke.“ Ich ließ mich vorsichtig nieder; sogar mein Hinterteil schmerzte. Im Wagen roch es nach Pferden. „Seit wann hast du den Führerschein?“

Jörn lachte und startete. „Keine Sorge, nicht erst seit gestern. Ich hab den Führerschein schon mit siebzehn gemacht. Damals hatte mein Vater den Autounfall, und weil Mutter zu ängstlich ist, um selbst zu fahren, bekam ich eine Sondererlaubnis. Außerdem müssen Matty und ich ja auch öfter zur Schule fahren. Der Schulbus fährt nämlich nicht bis hierher; er hält im Dorf.“

Matty sagte: „Jörn fährt gut. Er kann sogar mit dem Pferdeanhänger fahren. Du brauchst keine Angst zu haben.“

„Hab ich auch nicht.“

„Wie geht’s dir?“ fragte Jörn und sah mich von der Seite an. „Du strahlst ja nicht gerade vor Glück.“

„Ich hab Muskelkater“, sagte ich. „Heute morgen bin ich kaum aus dem Bett gekommen. Meine Beine waren im Streik.“

Die beiden lachten. „Das ist anfangs immer so“, behauptete Matty.

„Aha“, sagte ich. „Dann muß ich euch wohl täglich helfen, damit ich mich daran gewöhne?“

Jörn nickte. „Genauso ist’s. Es ist natürlich pure Selbstlosigkeit von uns, wenn wir dir das ermöglichen, nicht, Matty?“

Ich fühlte mich wieder besser. Das Bild meines Vaters, wie er am Frühstückstisch saß und mich keines Blickes würdigte, verblaßte. Die Wiesen waren voller Schlüsselblumen, und im Dorf kehrten die Bäuerinnen das Pflaster vor ihren Haustüren.

Eine Kirchturmuhr schlug elf, als wir Amsdorf erreichten. Jörn parkte den Käfer auf einer Wiese am Ortsrand. Wir stiegen aus. Der Geruch von Brathähnchen und gerösteten Mandeln hing in der Luft.

„Als Kind hab ich mir immer vorgestellt, daß es im Paradies genauso riechen müßte“, sagte Matty. „Hm, Steckerlfisch! Herrje, hab ich einen Hunger!“

„Ich auch“, sagte ich und merkte erstaunt, daß ein richtiges Loch in meinem Magen war. Ich hatte ja zum Frühstück kaum etwas gegessen.

Von weitem sah das Volksfest wie eine Seite in einem Bilderbuch aus: die Wiese hinter der Kirche, auf der ein großes Festzelt aufgebaut war, dazu ein Auto-Scooter-Verleih, ein altes Riesenrad, ein paar Buden, ein Karussell mit Holzpferden, eine Hendlbraterei und eine Stekkerlfischbude unter Bäumen. Wenn das Fest auch nicht besonders groß war, laut ging es jedenfalls zu. Eine Blaskapelle spielte aus Leibeskräften, Kinder kreischten, die alte Karussellorgel dudelte dazwischen, und bei den Auto-Scootern dröhnte Pop-Musik aus allen Lautsprechern.

„Habt ihr schon mal so einen Höllenlärm gehört?“ rief Matty erfreut. „Dort drüben gibt’s Currywurst!“

Wir gingen auf die Würstchenbude neben dem Festzelt zu, tranken Cola und aßen jeder eine Currywurst mit Pommes frites.

„Die Pommes schmecken nach vorgestern“, sagte ich, und der Verkäufer warf mir einen bösen Blick zu.

„Tun sie doch immer“, erwiderte Jörn. „Hast du an einem Würstchenstand schon jemals frische gekriegt? Ich nicht; höchstens, wenn gerade Hochbetrieb war. Dann sind die Dinger dafür meistens bleichsüchtig und weich.“

Ich sagte klagend: „Heutzutage ist nichts mehr, wie es früher mal war. Die Jugend ist verdorben, das Essen mies, und nicht mal das Wetter ist mehr das, was es vor hundert Jahren war.“

Matty seufzte tief. „Die Welt wird immer schlechter!“

Ein paar Bauern in Trachtenanzügen kamen vorbei, ihre Sprößlinge an der Hand. Auf ihren Hüten nickten Gamsbärte wie überdimensionale Rasierpinsel. Sie verschwanden im Festzelt. Eine Bierkutsche kam angefahren, von vier stattlichen Rössern gezogen, und zwei bärenstarke Männer luden Holzfässer ab.

Wir schlenderten zwischen den Buden dahin und kauften Zuckerwatte mit dem Ergebnis, daß wir alle drei klebrige, rosarote Schnurrbärte bekamen. Die Tür zum Kasperltheater stand halb offen, und wir sahen Kinder mit andächtigen Gesichtern auf den Bänken sitzen. Eine kreischende Stimme schrie: „Seid’s alle da?“ Und Matty kreischte zurück: „Naaa!“

Wir lachten so, daß ich einen Schluckauf bekam. Dann fuhren wir Auto-Scooter; erst ich mit Matty, während Jörn zusah, dann Jörn mit mir; Matty fuhr allein. Wir stießen immer wieder absichtlich zusammen, und ich zog mir blaue Flecke an den Knien zu, aber Spaß machte es trotzdem.

„Jetzt schieße ich für Nell so ein komisches Lebkuchenherz, auf dem Sei mir 3 steht“, verkündete Jörn und zog mich zu einer Schießbude, vor der die ganze Dorfjugend versammelt war.

Ich wartete, während er zahlte und das Gewehr anlegte. Merkwürdigerweise spürte ich etwas wie Stolz, weil Jörn ein Herz für mich schießen wollte. Natürlich sagte ich mir, daß das albern war, und daß er das gleiche wohl für jedes Mädchen getan hätte, das mit ihm zusammen auf ein Volksfest ging; aber ich freute mich trotzdem.

Matty sagte nichts. Er stand neben mir und beobachtete seinen Bruder, genau wie alle anderen Mädchen und Jungen. Jörn schoß dreimal, ohne zu treffen. An seinem Gesichtsausdruck merkte ich, daß es ihm peinlich war, und daß er sich in seinem Stolz verletzt fühlte. Er kniff die Lippen zusammen, und eine Falte erschien auf seiner Stirn, als jemand spöttisch hinter uns sagte: „Ja, treffen müßt’ man halt können!“

Jörn zahlte noch einmal und versuchte es wieder, aber es klappte nicht. Er erzielte keinen einzigen Treffer. Ich fühlte mich scheußlich; so, als wäre ich schuld an seiner Niederlage.

Er legte das Gewehr nieder und sagte: „Die Dinger sind ja alle verzogen!“

„Laß es mich mal versuchen“, erwiderte Matty.

Jörn sah ihn verwundert an, trat dann zur Seite und machte ihm Platz. Er war rot im Gesicht. Ich sagte: „Ach, laßt uns doch weitergehen. Ich möchte gern mal mit dem Riesenrad fahren, es sieht so schön altmodisch aus.“

Doch weder Jörn noch Matty hörten auf mich. Matty zielte sorgfältig, drückte ab und traf. Auch der zweite Schuß war ein Treffer. Sein Bruder stand hinter ihm und sagte kein Wort. Der dritte Schuß ging daneben, aber Matty holte noch einmal eine Mark aus der Tasche.

Er schafft es! dachte ich. Er bekommt das Herz! Und ich wußte nicht, ob ich mich darüber freuen sollte. Erst abends, als ich im Bett lag, fragte ich mich, weshalb ich Jörn Erfolg gewünscht hatte, Matty aber nicht.

Matty schoß wirklich ein Herz für mich; allerdings ein anderes als das, auf das sein Bruder gezielt hatte. Auf seinem stand: Ewig dein, und er nahm es stolz entgegen und hängte es mir um den Hals.

„Danke“, sagte ich unsicher. „Ich hab nicht gewußt, daß du so gut schießen kannst.“

Jörn sagte gar nichts. Schweigend ging er neben uns her zum Riesenrad. Er ist ein schlechter Verlierer! ging es mir durch den Sinn. Er kann’s offenbar nicht vertragen, wenn sein Bruder auf irgendeinem Gebiet besser ist als er.

Matty murmelte: „Ich glaube, du hast ein bißchen zu sehr nach rechts gezielt, Jörn. Ich hab genau aufgepaßt, als du geschossen hast. Du hättest das Gewehr mehr nach links halten müssen.“

„Möglich“, sagte Jörn kurz. „Ist mir auch egal.“

Ich glaubte nicht, daß es ihm egal war, und Matty offenbar ebensowenig. Er sah seinen Bruder von der Seite an und äußerte nichts mehr. Ich zerbrach mir den Kopf, um ein unverfängliches Gesprächsthema zu finden, das die gespannte Stimmung vertrieb, aber mir fiel nichts ein.

Als wir das Riesenrad erreichten und uns vor der Kasse anstellten, sagte Matty: „Als Kind hatte ich furchtbare Angst vor Riesenrädern. Ich glaube, ich war ungefähr vier, als Mutter mich zum erstenmal mit einem Riesenrad fahren ließ. Als die Gondel oben war, muß ich so fürchterlich gebrüllt haben, daß der Besitzer das Riesenrad meinetwegen vorzeitig anhielt und mich aussteigen lassen mußte. Er war nicht besonders begeistert, was, Jörn?“

Jörns Gesicht hellte sich etwas auf. Er lachte. „Er hat geflucht und gesagt, wenn mehr Kinder so wären wie du, würde er seinen Beruf aufgeben.“

Ich war erleichtert. „Ich hatte immer Angst vor dem Kettenkarussell“, sagte ich, als wir in die Gondel stiegen. „Und vor der Geisterbahn, das war das schlimmste. Mein Vater hat zwar immer wieder versichert, daß die Gerippe über dem Eingang nicht echt wären, aber ich hab’s ihm nicht geglaubt.“

Die alte Orgel begann zu spielen, und unsere Gondel hob sich ein wenig. So ging es Stück für Stück nach oben, bis wir auf dem höchsten Punkt anlangten und alle Gondeln besetzt waren. Wir hatten einen wunderbaren Ausblick über das Dorf, die Hügel, Wälder und Täler und die Berge in der Ferne. Matty deutete auf ein Waldstück im Süden, hinter dem Dreililien und das Kavaliershäusl lagen.

Dann begann Jörn mit der Gondel zu schaukeln. Ich fand es richtig unheimlich. Matty wurde blaß um die Nase.

„Hör auf damit!“ bat er.

Jörn grinste. „Du hast wohl Angst?“ sagte er und schaukelte noch heftiger. „Wenn du’s nicht aushältst, weißt du ja, was du tun mußt, damit du wieder aus dem Ding rauskommst.“

Mir war völlig klar, daß sich Jörn damit für die Niederlage bei der Schießbude rächte. Ich sah ihn an, wie er mir gegenüber saß, mit seinen blonden Locken, dem hageren, gebräunten Gesicht, die langen Beine lässig ausgestreckt, so daß seine Füße in den Turnschuhen über die Einstiegkante ragten. In diesem Augenblick hätte ich ihm am liebsten eine Ohrfeige verpaßt.

„Hör auf mit dem verdammten Blödsinn!“ sagte ich so scharf, daß ich selbst überrascht war. „Ich finde das kindisch und gemein, wenn du meine Meinung hören willst.“

Er hob den Kopf und starrte mich halb wütend, halb ungläubig an. „Kindisch und gemein, was?“ wiederholte er. „Ich will Ihre Meinung aber nicht hören, Fräulein Klugscheißer.“

Ich hatte mich bei ihm unbeliebt gemacht. Immerhin hörte er zu schaukeln auf. Matty bekam langsam wieder Farbe, und keiner von uns sagte mehr einen Ton. Das Riesenrad drehte noch mehrere Runden; zwischendurch blieb es immer wieder stehen, so daß jede Gondel einmal ganz oben schwebte. Dann brach die Orgel ihr Spiel mit einem zitternden Ton ab, und wir stiegen aus.

Langsam und lustlos schlenderten wir den Weg zwischen den Buden zurück. Ich vermied es, Jörn anzusehen, und er machte es ebenso. Dann ließ vor uns plötzlich ein kleiner Dorfjunge sein Eis fallen.

Wir blieben stehen und beobachteten, wie er sekundenlang fassungslos auf den Boden starrte, wo das Eis zwei rosaroten und grünen Eidottern gleich in einer Schmutzlache lag. Dann begann er kläglich zu heulen.

Da tat Jörn etwas Unerwartetes. Er kniete neben dem Kleinen nieder und sagte: „Mach dir nichts draus, ich kauf dir ein neues!“

Der Junge sah zu ihm auf, als wäre er Sankt Georg, der Drachentöter, persönlich. „Die Hälfte übernehme ich“, sagte ich, und dann gingen wir zusammen mit dem Kleinen zum Eisverkäufer und kauften ihm eine Riesenportion Himbeer- und Pistazieneis.

Glückselig trabte der Kleine davon. „Wenn er das alles ißt, kriegt er bestimmt Bauchweh“, sagte Jörn.

Ich war ihm plötzlich überhaupt nicht mehr böse. Wir gingen zum Glückshafen und kauften drei Lose, und Matty gewann einen abscheulichen Aschenbecher, der mit einer nackten Frau bemalt war.

„Herrgott“, sagte er. „Seht euch bloß mal an, wie fett sie ist!“ Und er steckte den Aschenbecher in seine Jackentasche.

„Den schenkst du dem Sepp zum Geburtstag, da freut er sich“, riet ihm Jörn.

Wir gingen in schöner Einträchtigkeit zu einem alten Automaten, auf dem stand: „Frau Sibylle sieht in Ihre Zukunft! Für fünfzig Pfennig wird der Schleier gelüftet, der über Ihrem Schicksal liegt!“

„Sitzt die da in dem Kasten?“ fragte Matty lachend.

„Nein“, sagte ich. „Es geht mit Fernsteuerung.“

„Das muß ich ausprobieren. Laßt uns mal den Schleier, der über unserer Zukunft liegt, lüften!“ Jörn zog ein Fünfzigpfennigstück aus der Tasche und warf es in den Apparat. Ratternd erschien ein kleiner brauner Umschlag im Ausgabeschlitz. Ich steckte ebenfalls Geld in den Kasten; nur Matty sagte ernsthaft, er wolle das nicht mitmachen, weil man solchen Quatsch nicht unterstützen dürfe.

Ein kleiner Zettel steckte in meinem Umschlag, auf dem stand: Lassen Sie sich nicht unterkriegen. Ihr Leben wird bald eine einschneidende Wendung nehmen. Machen Sie sich und anderen nicht das Leben schwer.

Ich starrte auf den Zettel nieder. Natürlich war das alles nur dummes Zeug und leeres Geschwätz, wie man es in den Horoskopen von Zeitschriften liest. Trotzdem . . . Machen Sie sich und anderen nicht das Leben schwer . . . Und war mit der einschneidenden Wendung vielleichteine Heirat zwischen Vater und Kirsty gemeint? Meine Stimmung verdüsterte sich wieder.

„Was steht auf deinem Zettel?“ hörte ich Jörn lachend fragen.

„Du machst so ein ernstes Gesicht, Nell!“

Ich zeigte ihm und Matty die Prophezeiung. „Ihr Leben wird eine einschneidende Wendung nehmen“, las Jörn laut vor. „Wer weiß, vielleicht erbst du ein großes Vermögen!“

Matty machte keine Bemerkung. Er gab mir den Zettel wieder.

„Hört mal, was mir prophezeit wird“, sagte Jörn: „Nehmen Sie Ihr Schicksal in die eigene Hand! Herzensangelegenheiten sind mit Vorsicht zu behandeln. Die Sterne stehen günstig, doch sollten Sie nichts überstürzen.“

„So ein Quatsch“, sagte Matty. „Herzensangelegenheiten! Da kommt einer aufs Volksfest und zieht ganz zufällig so einen Zettel heraus, und dann soll die Prophezeiung, die gerade vornedran im Kasten liegt und als nächstes herausfällt, ausgerechnet auf ihn zutreffen! Das ist doch alles purer Zufall.“

„Natürlich“, erwiderte ich leichthin und warf den Zettel weg. „Es ist ja auch nur Spaß. So was nimmt doch keiner ernst.“

Doch so ganz sicher war ich nicht. Ich bildete mir zwar ein, nicht abergläubisch zu sein. Trotzdem konnte ich nicht vergessen, was in meiner Prophezeiung gestanden hatte: daß mein Leben eine einschneidende Wendung nehmen würde.

10

Zu Beginn der Ferien hatte ich geglaubt, ich würde heilfroh sein, wenn wir wieder nach Hause fuhren; doch so war es nicht.

Zwar hatte ich mich mit meinem Vater auch am Ende der Ferien noch nicht ausgesöhnt, und Kirsty wünschte ich nach wie vor zum Teufel. Aber ich wußte auch, daß ich dieses freie Leben ohne Lärm und Trubel vermissen würde; die Frühlingsdüfte, die es in der Stadt nicht gibt, den Gesang der Vögel in der Morgendämmerung, vor allem aber Dreililien: Jörn und Matty und die Pferde.

Ich hatte mich schon richtig daran gewöhnt, täglich im Stall zu arbeiten, hatte gelernt, furchtlos mit den Pferden umzugehen, die schwere Schubkarre fast ebenso rasch und sicher wie Matty und Jörn zwischen Stall und Misthaufen hin- und herzufahren; hatte es mir angewöhnt, schon im Morgengrauen aufzustehen, um die Pferde füttern zu helfen und sie mit Matty auf die Koppel zu bringen. Ich hatte gelernt, auf ein Pferd zu steigen, was gar nicht so einfach war, und mich furchtlos auf den Koppeln zwischen den Stuten zu bewegen.

Jetzt aber sah es aus, als sollte ich diese neuen Kenntnisse, die mich so viel Schweiß und Mühe gekostet hatten, vielleicht nie wieder anwenden können.

Ich schlief schlecht in meiner letzten Nacht im Kavaliershäusl. Am Morgen stand ich schon um fünf Uhr auf, packte meinen Koffer und bereitete alles für die Abreise vor.

Herr Alois lag in der Küche und begrüßte mich mit schläfrigem Schwanzwedeln, als ich durch die Tür kam. Ich streichelte ihn ausgiebig, trank einen Schluck Milch, aß ein Käsebrot und ging dann aus dem Haus.

Viele Bäume hatten während der Osterzeit ausgeschlagen, und die Haselnußsträucher verstreuten gelben Blütenstaub. Am Wegrand blühten Buschwindröschen und Veilchen. Auch die Stare waren zurückgekommen. Ich sah sie auf der Suche nach Würmern durch die taunassen Wiesen staksen. In der Eiche vor Tante Karens Haus saß eine Amsel und flötete aus Leibeskräften.

Ich warf einen Blick auf die Gummistiefel an meinen Füßen, die mir nicht gehörten. Ich muß sie zurückgeben! dachte ich und wurde traurig dabei.

Matty stand in der Toreinfahrt und sah mir entgegen. „Ich hab gehofft, daß du noch mal kommen würdest“, sagte er.

„Ist doch klar“, erwiderte ich. „Wir fahren ja erst gegen neun.“

„Hier“, murmelte er. „Ich hab etwas für dich, Nell. Eine Art Abschiedsgeschenk.“

Abschied . . . Ich mochte das Wort nicht hören, Verlegen gab er mir ein kleines Päckchen, das ziemlich ungeschickt in blaues Papier gewickelt war. Ich nahm es; es war überraschend schwer. Als ich es auswickelte, fand ich ein altes Hufeisen darin.

„Das hab ich mal gefuhden“, erklärte Matty. „Nicht hier bei uns, sonst würde es ja kein Glück bringen. Man muß ein Hufeisen zufällig finden, wenn’s ein richtiger Talisman sein soll.“ Und er lächelte ein wenig schief.

„Ich dachte, du bist nicht abergläubisch“, sagte ich. „Aber vielen Dank, Matty. Vielleicht bringt’s mir wirklich Glück. Ich könnte es brauchen.“

Gemeinsam gingen wir zum Stall – zum letztenmal, dachte ich unwillkürlich. Und ich sah mir alles noch einmal genau an – den Torbogen mit der zerbrochenen Laterne, die drachenköpfigen Dachtraufen, die schmiedeeisernen Fenstergitter und die steinerne Bank unter der Birkengruppe. Es war, als müßte ich mir Dreililien genau einprägen, damit ich mir später jede Einzelheit ins Gedächtnis zurückrufen konnte.

Jörn war schon damit beschäftigt, den Pferden ihre Ration Hafer zu geben. Ich beobachtete auch ihn genau, wie er da in seiner alten Arbeitshose und dem verblichenen Flanellhemd stand, den Eimer am Arm. Sein blondes Haar mit dem Stirnband, die tiefliegenden Augen, der Mund, der wie immer bei der Arbeit fest zusammengepreßt war . . . Nein, ich wußte, daß ich Jörn nicht so schnell vergessen würde; vor allem ihn nicht.

Beim Klang unserer Schritte auf dem Stallpflaster drehte er sich um, und sein Mund wurde weicher. „Morgen, Nell“, sagte er und zog einen Zettel und einen abgenagten Bleistift aus der Brusttasche seiner Latzhose. „Hier, schreib uns deine Adresse auf. Vielleicht kommt einer von uns demnächst mal nach München, dann besuchen wir dich.“

„Ich schreibe dir“, sagte Matty.

Ich spürte, daß ich vor Freude rot wurde, und schämte mich nicht einmal deswegen. Ich drückte den Zettel gegen die Stallmauer und kritzelte meine Adresse darauf. „Aber du wirst doch wiederkommen?“ fragte Matty. „In den großen Ferien, wie?“

Ich gab Jörn den Zettel zurück. „Ich weiß nicht“, sagte ich leise. Einerseits wollte ich wiederkommen – sehr gern sogar. Doch die Sache hatte auch eine andere Seite. Wenn ich wiederkam, bedeutete das, daß die Beziehung zwischen meinem Vater und Kirsty von Dauer war. Und wie konnte ich mir so etwas wünschen?

Matty erwiderte nichts mehr. Er sah traurig aus. Ich hatte den beiden inzwischen von meinem Problem erzählt. Jörn sagte: „Du mußt ja nicht unbedingt im Kavaliershäusl wohnen. Vielleicht könntest du zu uns kommen – was meinst du, Matty? Zimmer haben wir mehr als genug, und wir sind froh um jeden, der uns mit den Pferden hilft.“

Matty nickte, doch ich dachte an Herrn Moberg, den Vater der beiden. Ich war ihm bis jetzt nur dreimal begegnet, und jedesmal war ich das Gefühl nicht losgeworden, daß er nicht gerade begeistert über meine Besuche war.

„Nein“, sagte ich. „Das ist nett von dir, aber ich möchte es lieber nicht. Euer Vater . . .“ Ich stockte, weil ich nicht wußte, wie ich es ihnen erklären sollte.

„Ach“, erwiderte Matty, „Vater ist Fremden gegenüber immer mißtrauisch. Wenn er mürrisch ist, hat das nichts mit dir persönlich zu tun, weißt du. Er hat seit dem Unfall Angst, man könnte ihn anstarren oder bemitleiden. Ich glaube, er verachtet sich selbst, weil er sich für einen Krüppel hält, und denkt, alle anderen müßten ihn ebenfalls verachten.“

Ich nickte. Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, daß Herr Moberg eine Abneigung gegen mich persönlich hatte; und der Gedanke, in seinem Haus als Gast zu sein und täglich mit ihm am Tisch sitzen zu müssen, war nicht gerade verlockend.

„Überleg dir’s“, sagte Jörn noch. Dann redeten wir nicht weiter über die Sache. Ich half, die Pferde zu füttern, und streichelte meine Lieblinge noch einmal ausgiebig – Hazel vor allem und Solveig.

Hinter den Stallfenstern wurde es hell. Die Sonne stieg über dem Wald auf, und wir öffneten die Stalltore weit und holten die Pferde aus ihren Boxen.

„Sie kommen heute auf die Südweide“, sagte Jörn. „Da ist das Gras schon ziemlich hoch und kräftig.“

Ich ging ein letztes Mal hinaus, hinter den Pferden her, die ungeduldig, mit wehenden Mähnen und Schweifen, über den alten Hofplatz trabten. Das klingende Klappern ihrer Hufe auf dem Pflaster war mir nun schon vertraut, genau wie das Quietschen des Gatters, Dianas Gebell und das Schnauben der Pferde, das Sausen des Frühlingswindes in den Birken und das Kreischen der Elstern, die irgendwo in den Tannen hinter dem Hof nisteten.

Wir ließen die Pferde auf der Südweide frei, schlossen das Gatter und sahen eine Weile zu, wie sie herumtollten und sich spielerisch balgten, glücklich über ihre Freiheit.

Ich stand zwischen Matty und Jörn, die Arme auf den Querbalken gestützt. Die bleiche Mondsichel hing noch zwischen den Bäumen, aus dem Kamin des Kavaliershäusls stieg Rauch auf, und die fernen Berge lagen in bläulichem Dunst.

Jörns gebräunter Arm mit dem hochgekrempelten Hemdärmel war dicht neben dem meinen. Ich dachte: Das ist der Abschied.

„Ich muß gehen“, sagte ich schwer.

Jörn erwiderte: „Du wirst wiederkommen, Nell.“

Was machte ihn so zuversichtlich? Vielleicht würde ich wiederkommen, ja; für ein paar Stunden, einen kurzen Besuch. Matty sagte nichts, er sah mich nur an, und ich dachte wieder: was für warmherzige Augen er doch hat!

„Ich lege die Latzhose und die Gummistiefel vor die Tür des Kavaliershäusls, wenn’s euch recht ist“, sagte ich nüchtern, um meine Traurigkeit zu verbergen.

„Nicht nötig“, erwiderte Matty. „Wir brauchen beides nicht. Aus der Hose ist Jörn längst rausgewachsen, und die Stiefel sind uns allen zu klein. Leg die Sachen in irgendeinen Schrank, dann hast du sie gleich, wenn du wieder hier bist.“

Von weitem sahen wir, wie sich die Tür des Kavaliershäusls öffnete. Mein Vater ging durch den Garten und lud etwas ins Auto. Dann tauchte Kirsty auf. Ich dachte plötzlich, daß vielleicht auch die beiden traurig waren, von hier fortzumüssen.

„Macht’s gut“, sagte ich. „Und danke für alles. Ich hoffe, ihr könnt möglichst viele von den Pferden behalten!“

Wir gaben uns die Hand, und ich ging; und das war gut so. Ich war nahe daran, loszuheulen, und das sollte keiner sehen. Ich drehte mich auch nicht mehr um. Doch als ich ans Ende der Koppel kam, wo keine Haselnußsträucher mehr wuchsen, stand Hazel am Zaun und sah mir entgegen, als hätte sie auf mich gewartet, weil sie ahnte, daß ich fortgehen mußte.

Ich blieb stehen, und während ich von ihr Abschied nahm, weinte ich ungehindert, die Stirn an ihrem Hals. Sie allein durfte es sehen.

11

Dann waren wir wieder zu Hause, und äußerlich ging alles seinen alten Gang. Die Schule begann wieder, Vater fuhr zur Arbeit, Kirsty kehrte mit Herrn Alois in ihre Wohnung zurück.

Das Wetter war unfreundlich, und in der Stadt merkte man kaum etwas vom Frühling. Ich sah plötzlich, wie schmutzig die Straßen und Bürgersteige waren, wie verkniffen die Gesichter der Leute. Der ständige Lärm störte mich, und ich haßte den Geruch von Abgasen, den ich früher kaum bemerkt hatte. Wenn ich mein Zimmerfenster öffnete, sah ich nur eine graue Hauswand und darüber ein Stück Himmel, ebenfalls grau; hier sang kaum einmal ein Vogel, es roch nicht nach aufgebrochener Erde, feuchtem Gras und Blumen; und schon gar nicht nach Pferden.

Das Zerwürfnis zwischen Vater und mir hielt an und gewann eine Art Eigenleben. Es war, als könnte keiner von uns mehr das Schweigen brechen, das uns trennte. Kirsty kam nicht mehr zu uns, doch Vater war abends oft fort, und die beiden führten lange Telefongespräche miteinander.

Ich fühlte mich sehr allein. Am Abend saß ich meist vor dem Fernseher, obwohl mich das Programm eigentlich nicht interessierte. Ein paarmal wurde ich von Jungen und Mädchen aus meiner Klasse zu einem Fest oder irgendeiner Unternehmung eingeladen, doch ich hatte einfach keine Lust, mitzumachen.

Eine Woche nach unserer Rückkehr kam ich zufällig an einer Buchhandlung vorbei und kaufte mir spontan ein Buch über Pferdehaltung. Abends las ich noch stundenlang darin und stieß immer wieder auf Stellen, die mich an etwas erinnerten, was Matty oder Jörn gesagt hatten, oder was ich selbst bei einem der Pferde von Dreililien beobachtet hatte. An diesem Abend ging es mir zum ersten Mal seit unserer Rückkehr in die Stadt wieder etwas besser. Es machte mir nicht einmal allzuviel aus, daß mein Vater in dieser Nacht nicht nach Hause kam.

Ein paar Tage später nahm ich nach Unterrichtsschluß den Bus nach Schwabing und fuhr zur Reitschule am Englischen Garten. Ich kannte die Reitschule flüchtig von Sonntagsspaziergängen mit meinem Vater. Manchmal waren wir am Bach stehengeblieben und hatten zugesehen, wie ein Pferd an der Longe geführt wurde oder wie Reitschüler auf dem freien Platz hinter den Ställen im Kreis ritten.

Schon als ich aus dem Bus stieg, streifte mich ein Hauch des vertrauten Stallgeruches. Zögernd ging ich die Zufahrt neben dem alten, etwas verwahrlosten Gebäude hinunter. Doch niemand schickte mich weg. Keiner kümmerte sich um mich, als ich an der Rückseite des Stalles entlang ging, wo vier Pferde ihre Köpfe neugierig über die Halbtüren streckten.

Sie standen in dunklen Ställen, und ich spürte Mitleid mit ihnen, als ich an die Pferde von Dreililien dachte, die so oft auf den Koppeln sein durften. Vorsichtig streichelte ich die Nase eines Schimmels; die anderen Pferde faßte ich nicht an. Sie sahen mich so wachsam und mißtrauisch an, daß ich mich damit begnügte, stehenzubleiben und leise mit ihnen zu reden.

Irgendwo rief jemand mit harter Kommandostimme, und kein Sonnenstrahl fiel durch die Zweige der Bäume am Bachufer. Ich wußte plötzlich nicht mehr, was ich eigentlich hier wollte.

Nach einer Viertelstunde ging ich zur Bushaltestelle zurück und fuhr nach Hause, Erst unterwegs dachte ich: Ich hätte jemanden fragen können, ob ich ab und zu im Stall arbeiten darf. Dann aber verwarf ich den Einfall wieder. Das, was ich vom Reitstall gesehen hatte, hatte mir nicht gefallen. Alles war so ganz anders als in Dreililien. Und ein Gefühl von Heimweh erfaßte mich, als ich die beiden Orte miteinander verglich.

Mein Vater kam schon gegen sechs Uhr nach Hause. Ich sah sofort, daß etwas geschehen sein mußte. Er ging nicht wie so oft während der letzten beiden Wochen in sein Zimmer, um sich umzuziehen und dann wieder zu verschwinden.

An diesem Abend kam er zu mir in die Küche, lehnte sich gegen die Fensterbank und sah eine Weile zu, wie ich Ravioli aus der Dose wärmte. Dann sagte er: „Elinor, ich muß etwas mit dir besprechen.“

Mein Herz sank. Ich glaubte zu wissen, was er mir zu sagen hatte. Automatisch rührte ich weiter im Topf und sah ihn nicht an.

„Kirsty und ich . . .“, begann er, während ich wie besessen rührte. „ . . . Kirsty und ich möchten zusammenziehen. Ich weiß, daß das nicht leicht für dich ist, Elinor.“ Er sprach jetzt ganz schnell, als müßte er etwas Unangenehmes möglichst rasch hinter sich bringen. „Aber ich kann es nicht ändern.“

„Heißt das, daß sie in unsere Wohnung ziehen wird?“ fragte ich. „Oder willst du, daß wir zu ihr ziehen? Ich werde jedenfalls nicht mitkommen, Vater.“

Ich wunderte mich selbst, wie ruhig ich sprechen konnte. Dabei war mir zumute, als fiele ich in ein tiefes, dunkles Loch.

„Nein“, sagte Vater. „Weder das eine noch das andere. Es ist . . . Wir möchten aufs Land ziehen, Kirsty und ich. In Tante Karens Haus. Wir waren so glücklich dort. Du weißt ja, daß ich mich in der Stadt nie sehr wohl gefühlt habe. Und Kirsty hat beschlossen, ihre Arbeit in der Keramikfabrik aufzugeben und sich eine eigene Töpferwerkstatt einzurichten. Sie hat schon ein paar Abnehmer, für die sie arbeiten kann. Und ich habe mit meinem Chef gesprochen. Er meint, ich könnte einen Teil unseres Rosenheimer Bezirks betreuen. Unsere Versicherung hat dort eine Niederlassung, weißt du. Beruflich würde sich der Umzug also bei uns beiden machen lassen.“

Er sprach schnell. Seine Worte überstürzten sich förmlich. Ich ließ den Kochlöffel los und drehte mich zu ihm um. Sein Gesicht war ängstlich und bittend, aber auch voller Hoffnung. Ich begriff, wie wichtig ihm das alles war. Er wollte sein Leben verändern, wollte mit Kirsty eine neue Existenz beginnen – doch wo blieb ich bei all diesen Plänen?

„Und ich?“ fragte ich fast tonlos.

Mein Vater holte tief Atem und kam auf mich zu. Er legte die Arme um meine Schultern. Ich machte mich ganz steif, und er merkte es auch, das sah ich an seinen Augen; doch er ließ mich nicht los. Die Ravioli im Topf begannen anzubrennen, aber keiner kümmerte sich darum.

„Und du, du wirst jetzt eine Entscheidung fällen müssen, Elinor“, sagte er leise. „Du mußt dich entscheiden, ob du mit uns kommen oder hierbleiben willst. Ich habe mich erkundigt. Es gibt hier ein sehr gutes Internat, wo du bis zum Abitur bleiben könntest. An den Wochenenden könntest du uns dann immer besuchen, wenn du möchtest.“

Ich machte mich von ihm los. „Das willst du also!“ sagte ich feindselig. Meine Augen brannten. „Du willst mich abschieben! Ich bin dir unbequem geworden, du kannst mich nicht mehr brauchen. Du willst mit Kirsty ein neues Leben anfangen, in dem ich keinen Platz habe. Jetzt möchtest du mich in ein Internat abschieben!“

Ich wandte mich ab; er sollte mein Gesicht nicht sehen. Doch er kam mir nach, hob mein Kinn mit der Hand hoch und sah mir in die Augen.

„Du weißt genau, daß das Unsinn ist!“ sagte er langsam. „Wir gehören doch zusammen, und ich möchte dich nicht verlieren! Aber Kirsty ist mir auch wichtig. Ich will nicht für den Rest meines Lebens Junggeselle bleiben, ich mag nicht allein leben müssen. Du wirst bald deine eigenen Wege gehen, Elinor, und was wird dann aus mir? Kirsty ist die richtige Frau für mich, ich habe sie lieb. Bitte versuch mich zu verstehen.“

Die Ravioli rauchten und stanken fürchterlich. Ich streckte die Hand aus und stellte die Herdplatte ab.

„Schon gut“, sagte ich.

Mein Vater schüttelte den Kopf. „Nein“, erwiderte er. „Ich habe das ernst gemeint, als ich vorher sagte, du müßtest dich entscheiden. Mir wäre es am liebsten, wenn du mit uns aufs Land ziehen würdest, weil ich die Hoffnung noch immer nicht aufgegeben habe, daß du dich eines Tages doch noch mit Kirsty verstehen wirst. Nein, sag jetzt nichts!“ Er stockte einen Augenblick und fuhr dann fort: „Es wäre sicher nicht einfach für dich, auf dem Land zu leben und in eine neue Schule zu gehen. Wenn du lieber hierbleiben willst, muß ich das akzeptieren. Aber abgesehen von den Schwierigkeiten, die wir dort wegen Kirsty miteinander hatten, hat es dir doch gar nicht so schlecht gefallen, nicht? Du warst oft mit den Söhnen von Dreililien zusammen; ich weiß das, obwohl du nie darüber gesprochen hast. Vielleicht würdest du dich dort auf die Dauer sogar wohler fühlen als hier in der Stadt.“

Er sah mich voller Eifer an. „Kirsty meint, du könntest mit den Söhnen von Mobergs im Auto zur Schule fahren – wenigstens im Winter, wenn du mit dem Fahrrad nicht bis zum Dorf durchkommst.“

Da war es wieder: Kirsty meint. Immer nur Kirsty. Es gellte mir richtig in den Ohren und schien alles andere zu übertönen, was er sagte.

„So, so, das meint Kirsty also“, murmelte ich spöttisch.

Mein Vater sah verletzt aus und sagte nichts mehr. Eine Weile schwiegen wir. Mein Kopf war ein einziges Knäuel wirrer Gedanken; ich konnte einfach nicht mehr klar überlegen. Von hier weggehen – aufs Land oder in ein Internat – alles würde anders werden . . .

Während ich mit hängenden Armen vor meinem Vater stand, glaubte ich plötzlich den Spruch auf dem Zettel aus dem Wahrsageautomaten wieder zu sehen: Ihr Leben wird bald eine einschneidende Wendung nehmen.

Da begann sich das Knäuel in meinem Kopf zu lösen, und mir wurde klar, daß es stimmte. Mein Leben würde sich verändern, so oder so; und ich mußte herausfinden, welchen Weg ich einschlagen wollte: allein in der Stadt, ohne meinen Vater, oder mit ihm und Kirsty im Tal von Dreililien. Das war die Entscheidung, die ich fällen mußte.

„Laß dir Zeit“, hörte ich Vater sanft sagen. „Du kannst dir Zeit lassen und es dir in aller Ruhe überlegen. Wenn du mit uns kommen willst, warten wir mit dem Umzug noch bis zum Sommer, damit du das Schuljahr hier beenden kannst.“ Er stockte und fügte hinzu: „Wenn nicht, ziehen wir schon im Mai um.“

Ich nickte stumm. Er ging zum Herd, sah auf den Topf mit den angebrannten Ravioli nieder und sagte mit gekünstelter Munterkeit: „Na, das Abendessen ist jedenfalls im Eimer. Wie wär’s, wenn wir zum Italiener an der Ecke gehen würden? Ich lade dich zu einem guten Essen und einem Glas Wein ein.“

„Nein, danke“, erwiderte ich. „Ich habe keinen Hunger. Du kannst zu Kirsty fahren – das ist dir doch sicher am liebsten. Ich möchte allein sein.“ Und ich ging in mein Zimmer.

Noch am gleichen Abend schrieb ich an Matty. Irgendwie hatte ich das Gefühl, daß ich nur ihm sagen konnte, was da über mich hereingebrochen war. Eigentlich wollte ich keinen Rat von ihm. Es war mir nur wichtig, einen Menschen zu haben, dem ich alles anvertrauen konnte.

Und während ich schrieb, legte sich auf geheimnisvolle Weise der Aufruhr meiner Gefühle, all die Angst, Empörung und Hilflosigkeit. Zwar zitterte meine Hand während des Schreibens, doch ich wurde mit jeder Seite ruhiger. Der Zwang, einem anderen Menschen zu erklären, wie ich mich fühlte und in welcher Lage ich mich befand, half mir selbst, alles klarer zu sehen.

Als ich den Brief beendet hatte, war es schon spät. Ich hatte sechs Seiten eng beschrieben; der Umschlag platzte fast aus den Nähten. Ich klebte Briefmarken darauf, zog meinen Mantel an, nahm den Schlüssel und ging aus der Wohnung. Vater war noch nicht zurück.

Im Treppenhaus roch es dumpf, und als ich die Haustür öffnete, hörte ich zwei Betrunkene vor der Pizzeria an der Ecke grölen, wo der Briefkasten war.

Ich wartete eine Weile im Hauseingang, bis sie verschwanden. Es war kühl, ein Auto jagte mit heulendem Motor über die Kreuzung. Die Straßenbeleuchtung flakkerte. Zwischen Licht und Dunkelheit sah ich eine Plastiktüte im Luftzug über den Asphalt streifen.

Für einen flüchtigen Moment meinte ich, zwischen dem Gestank von Abgasen, Küchendünsten und Benzin einen Hauch Frühlingsluft zu spüren. Ich glaube, das war der Augenblick, in dem ich mich entschied.

12

Es war Sommer, als wir wieder nach Dreililien kamen. Auf den Feldern reifte das Korn, Heureiter standen auf den Wiesen, und auf den Berghängen weideten die Kühe.

Mein Vater hatte einen Lastwagen für den Umzug gemietet. Bei der dritten und letzten Fuhre saß ich neben ihm im Führerhaus, sah aus dem Fenster und dachte ein wenig verwirrt, wie schnell doch alles gekommen war, und daß jetzt alles anders werden würde.

Schon waren die Dörfer von Touristen mit Shorts, Schirmmützen und Sonnenbrand übervölkert, doch nicht einmal sie konnten die schläfrige, friedliche Stimmung stören. In Mariabrunn läuteten die Mittagsglokken, als wir über die Hauptstraße fuhren. Durch die offenen Wagenfenster kam der Geruch von Heu, Kuhmist und Sommerblumen.

Was für ein gottverlassenes Nest! dachte ich unwillkürlich wieder. Vater aber atmete tief ein und sagte: „Herrgott, ist das ein Paradies!“

Ich erwiderte nichts. Meine alte Angst war zurückgekehrt. Ich kannte hier ja nur Matty und Jörn, sonst niemanden. Wenn die beiden nichts mehr von mir wissen wollten, war ich ganz allein in dieser abgeschiedenen Gegend. Vater zählte ja nicht mehr – er hatte Kirsty. Und wie würde es hier erst im Winter sein . . .

An der Wegkreuzung, wo sich die Auffahrt von Dreililien und der Pfad zum Kavaliershäusl gabelten, stand Matty und winkte.

Meine Ängste verflogen, und mir wurde warm ums Herz. Ich war plötzlich wieder sicher, daß ich mich auf Matty verlassen konnte. Auf Matty, ja – aber wie war es mit Jörn? Warum war er nicht gekommen?

Mein Vater hielt an, rief Matty einen Gruß zu, während ich ausstieg, und fuhr das letzte Stück allein weiter. Einen Moment lang standen Matty und ich stumm voreinander. Dann sagte er: „Du bist also doch gekommen. Ich dachte bis zuletzt, du würdest es dir vielleicht noch anders überlegen.“

Ich erwiderte ehrlich: „Als wir durchs Dorf gefahren sind, wäre ich am liebsten ausgestiegen und wieder nach Hause gelaufen.“ Dabei fiel mir ein, daß ich ja jetzt in der Stadt kein Zuhause mehr hatte.

Matty sah mich an. „Es wird schon eine Weile dauern, bis du dich richtig eingewöhnt hast“, sagte er. „Aber dann wirst du gar nicht mehr von hier fort wollen, ich schwör’s dir.“

Ich lächelte. „Gut“, sagte ich. „Schwöre.“

Er hob feierlich die Hand zum Schwur, und ich lachte mit ihm, obwohl mein Lachen ein bißchen zittrig klang.

„Du siehst blaß aus, Nell“, sagte er.

„Hm. Ich hatte bis Anfang letzter Woche eine teuflische Sommergrippe. Wahrscheinlich wollte ich mich einfach vor allem drücken und nur noch die Bettdecke über den Kopf ziehen.“

„Das kenne ich“, versicherte Matty. Langsam begannen wir den Weg zum Kavaliershäusl einzuschlagen. „Du, soll ich dir beim Einrichten helfen? Ich mache so was gern, und dein Vater ist sicher froh, wenn er die Möbel nicht allein ins Haus schleppen muß. Jörn wollte auch helfen, aber er mußte Vater zum Arzt fahren.“

Ich war richtig erleichtert. „Ach so“, erwiderte ich. „Er ist weggefahren! Ja, es wäre echt nett, wenn du mir helfen würdest. Ich möchte nicht, daß Kirsty bei meinen Sachen mit anpackt, weißt du.“

Matty nickte. „Verstehe schon. Du willst ihr nicht verpflichtet sein. Da hat sich also noch immer nichts geändert, wie?“

„Nein“, sagte ich. „Hat sich nicht.“

Wir erreichten den Koppelzaun. Weit drüben am Waldrand standen die Pferde im Schatten unter den Bäumen und dösten. Eines aber hob bei unserem Auftauchen den Kopf und sah herüber. Sein Fell leuchtete wie eine reife Kastanie.

„Hazel“, sagte ich leise und blieb am Zaun stehen. „Habt ihr inzwischen Pferde verkauft?“

Matty vergrub die Hände in den Hosentaschen und sah auf seine bloßen Füße in den Sandalen nieder. „Ein Dutzend genau“, erwiderte er. „Jetzt haben wir noch vierzig. Natürlich ist’s weniger Arbeit, aber . . .“

Er zögerte. „Ein paar waren dabei, die ich besonders gern hatte. Sie sind hier geboren und aufgewachsen. Jetzt werden sie wohl für Wettkämpfe ausgebildet – für Reitund Springturniere und so was.“

Er sah so traurig aus, daß ich ihn gern getröstet hätte. „Aber so schlimm ist das doch nicht“, sagte ich. „Da haben sie es sicher nicht schlecht. Sie werden gepflegt und gut behandelt . . .“

Matty lachte kurz und ziemlich bitter. „Gut behandelt!“ wiederholte er. „Nennst du das eine gute Behandlung, wenn sie die Tiere über immer höhere Hindernisse treiben, bis sie sich die Beine brechen und erschossen werden müssen? Sieh dir doch mal so ein Turnier im Fernsehen an, das ist kein Sport mehr, das ist Tierquälerei! Ein Pferd würde nie freiwillig über eines dieser Hindernisse springen, wie sie sie da zu Dutzenden aufbauen! Und die Leute sehen zu und finden’s spannend, und keiner denkt darüber nach, wie das für die Pferde ist. Sie müssen einfach mitmachen, sie sind uns ja ausgeliefert!“

Er stockte und sah mich fast anklagend an, so, als hätte ich das alles verschuldet; und ich schämte mich, weil auch ich nie darüber nachgedacht hatte.

Da ich nicht wußte, was ich sagen sollte, schwieg ich und wich Mattys Blick aus. Über die Koppel kam das braune Pferd vom Waldrand her. Sein Fell schimmerte in der Sonne. Es war wirklich Hazel.

Sie hatte den Kopf hoch erhoben und die Ohren gespitzt, und während sie sich näherte, sagte ich: „Ob sie mich wohl wiedererkennt?“

„Klar“, erwiderte Matty. „Pferde haben ein gutes Gedächtnis. Außerdem hat dich Hazel gleich von Anfang an gemocht.“

Mir war zumute, als hätte ich ein Geschenk bekommen. Hazel erreichte den Zaun, beschnupperte meine ausgestreckte Hand, hob dann den Kopf und kam mit den Nüstern ganz dicht an mein Gesicht heran. Sie blies mir ins Haar, wie sie es immer machte, und ich streichelte ihren Hals und legte meine Wange an ihre unsagbar weiche Nase.

Eine Weile blieb ich so stehen, ganz still, und dachte daran, wie ich beim Abschied geweint hatte, ohne zu ahnen, daß ich so bald schon zurückkehren würde, und zwar für immer. Für immer – wie endgültig das klang!

Hazel folgte uns noch ein Stück den Koppelzaun entlang, als wir schließlich unseren Weg zum Kavaliershäusl fortsetzten. Es stand klein wie ein Hexenhaus im Halbschatten unter der Eiche, der Kletterrosenstrauch um die Eingangstür blühte, und Kirsty hatte Geranien in die Fensterkästen gepflanzt.

Sie war schon seit zwei Wochen hier. Das Haus sah richtig bewohnt aus, ganz anders als im Frühling. Vor der Gartenpforte stand der Lastwagen. Mein Vater saß auf der Bank unter der Eiche und trank ein Bier.

Plötzlich kam Herr Alois aus dem Haus gestürmt und raste uns bellend wie ein Höllenhund entgegen. Als er mich erkannte, zögerte er, sprang ein paarmal an mir hoch und knurrte Matty pflichtgemäß ein bißchen an.

„Bist ein feiner Wachhund!“ sagte Matty besänftigend.

Herr Alois hörte zu knurren auf und beschnupperte ihn voller Interesse. Wahrscheinlich roch er, daß Matty auch einen Hund hatte. Wir gingen durch den Garten, in dem Wicken, Rosen, Klematissterne und Malven wild durcheinander blühten. In einem Beet hatte Kirsty Salat und Küchenkräuter angepflanzt, und der Sommerflieder an der Hausmauer war von Schmetterlingen und Hummeln umschwirrt.

„Es sieht fast wieder so aus wie früher, als Karen noch lebte“, sagte Matty nachdenklich. „Ich bin gern hergekommen. Es war immer so friedlich hier.“

Auch ich spürte die friedliche, heitere Stimmung. Doch als Kirsty aus dem Schuppen kam, in Shorts aus abgeschnittenen Jeans und einem verklecksten Herrenhemd, war ich sofort wieder voller Anspannung und Abwehr.

Sie begrüßte uns freundlich, versuchte aber nicht, mir die Hand zu geben. Matty erklärte, er wäre mitgekommen, um zu helfen. Jetzt tauchte auch mein Vater auf, die leere Bierflasche in der Hand. Er sagte, er wolle nur rasch seine Badehose anziehen und eine kalte Dusche unter dem Gartenschlauch nehmen, dann könnten wir mit der Arbeit beginnen. Und es klang, als gäbe es für ihn nichts Schöneres auf der Welt, als Möbel über eine steile Treppe durch ein enges Haus zu schleppen.

Wir schufteten zwei Stunden lang, bis wir meine Möbel, Bücherkisten, Kleiderkartons und die Matratzenliege in die Mansarde geschafft hatten. Dann kamen Vaters Sachen an die Reihe. Er sollte das Zimmer im ersten Stock neben dem von Kirsty bekommen; einen kleinen, aber hellen Raum mit Blick auf den Wald.

Wir bugsierten zuerst seinen großen, schweren Schreibtisch aus dem Lastwagen. Als wir damit zur Gartenpforte kamen, sagte Matty keuchend: „Das geht nicht. Das Ding ist zu breit, oder vielmehr ist die Pforte zu schmal; wie man’s nimmt.“

Mein Vater sah nicht gerade sehr glücklich aus, mußte aber zugeben, daß Matty recht hatte. Wir überlegten hin und her. Dann kam Kirsty dazu, sah sich die Sache an und sagte: „Hinter dem Haus ist der Zaun sowieso an einer Stelle ziemlich wackelig. Vielleicht kann man das morsche Stück herausnehmen und später ein paar neue Latten einsetzen. Dort bringt ihr den Schreibtisch sicher am besten durch.“

Vater und Matty gingen mit Kirsty ums Haus herum. Ich blieb allein beim Schreibtisch zurück, legte mich ins Gras am Wegrand, verschränkte die Hände hinter dem Nacken und sah in den Himmel. Da segelten weiße Wölkchen auf blauem Grund, wie sich das für einen bayerischen Himmel gehört, und Lerchen schwirrten zwitschernd über den Koppeln.

Das Licht war so grell und strahlend, daß ich die Augen schließen mußte. Es tat gut, nach all der Schlepperei ein bißchen auszuruhen. Hinter meinen geschlossenen Lidern tanzten Lichtpunkte, und ich hörte die Bienen und Hummeln im Garten summen.

Plötzlich mischte sich ein anderes Geräusch in die friedlichen Laute: Schritte knirschten auf dem Kies. Ich dachte, daß es Vater und Matty waren, die zurückkamen, um den Schreibtisch zu holen.

Als ich die Augen öffnete, sah ich ein Gesicht über mir, doch es war nicht das von Vater oder Matty. Es war Jörn. Seine Augen waren sehr blau, fast wie der Himmel, und ich sah, daß er ein Grübchen im Kinn hatte, das ich nie zuvor bemerkt hatte.

Ziemlich verwirrt richtete ich mich auf und strich mir das Haar aus der Stirn. Jetzt erst bemerkte ich, daß er ein wunderschönes indianisches Hemd aus Rehleder trug, das mit Perlen, Bändern und kleinen blauen Federn verziert war.

„Hallo, Bärentöter!“ sagte ich.

Er lachte mich an. „Hallo“, sagte er. „Bist du unter den Schreibtisch geraten?“

Ich schüttelte den Kopf, noch immer ziemlich verwirrt. „Ich warte bloß, bis Matty und Vater zurückkommen. Wir konnten das Ungetüm nämlich nicht durch die Gartenpforte bugsieren, weißt du, und jetzt wollen sie versuchen, ein Stück Zaun auszuhängen . . .“

Ich stockte, weil ich merkte, daß ich zu viel und zu rasch redete, und fügte ruhiger hinzu: „Herrje, hast du ein schönes Hemd!“

„Eigenbau“, sagte er.

„Was?“ Ich starrte ihn an. „Das hast du selbst gemacht?“

„Nein, ich nicht, so geschickt bin ich leider nicht. Aber eine Freundin hat’s gemacht, ein Mädchen aus meiner Schule.“

Es versetzte mir einen Stich, das zu hören. Jörn hatte also eine Freundin, die kunstvolle indianische Hemden für ihn nähte. Doch was hatte ich anderes erwartet? Bei seinem Aussehen liefen ihm die Mädchen sicher dutzendweise nach.

„Das Hemd ist eine Art Bezahlung dafür, daß ich ihr ab und zu Reitstunden gebe“, erklärte Jörn; und das machte die Sache aus irgendeinem Grund etwas besser für mich.

Ich sagte: „Ich hätte auch gern Reitstunden, aber mit solchen Sachen kann ich nicht aufwarten. Ich könnte nicht mal einen Pullover stricken.“

Jörn grinste. „Man kann alles lernen, wenn man will – nicht nur Reiten, sondern auch Stricken. Aber Matty wird dir bestimmt nur zu gern umsonst Reitunterricht geben.“

Matty . . . Das hieß wohl im Klartext, daß Jörn sich nicht mit mir herumplagen wollte, wenn ich ihm nichts dafür gab.

„Sicher“, sagte ich kühl. „Matty würde für seine Freunde eine ganze Menge tun, ohne etwas dafür zu erwarten.“

Er warf mir einen Seitenblick zu. Wieder spürte ich jene kriegerische Stimmung, die so leicht zwischen uns aufkam.

„Soll das eine Anspielung sein?“ fragte er. „Schon recht, ich gebe ja zu, daß ich nicht so selbstlos bin wie mein Bruder. Im übrigen kannst du von uns beiden jede Menge Reitstunden beanspruchen, falls du vorhast, wieder im Stall zu helfen.“

„Beanspruchen?“ wiederholte ich hitzig. „Vielen Dank, aber ich beanspruche gar nichts. Ich gehöre nämlich auch zu den Dummköpfen, die anderen helfen können, ohne gleich etwas dafür zu verlangen.“

Möglicherweise fühlte sich Jörn auch jetzt nur dazu verpflichtet, uns beim Einzug zu helfen, weil ich während der Osterferien im Stall von Dreililien gearbeitet hatte. Dieser Verdacht ging mir durch den Sinn, als Vater und Matty gleich darauf zurückkamen, und Jörn beim Schreibtisch mit anpackte, nachdem er sein kostbares indianisches Hemd ausgezogen hatte.

Ich dachte, der Tag wäre verdorben, doch so war es nicht. Es gab zu viel zu tun, um meiner Enttäuschung über Jörns Egoismus nachzuhängen. Nachmittags hatten wir den Lastwagen ausgeräumt und die Möbelstücke auf die verschiedenen Zimmer verteilt. Ich kochte Kaffee, und wir setzten uns unter die Eiche und aßen Johannisbeerkuchen. Herr Alois kauerte unter dem Tisch und fraß mit – ausnahmsweise, zur Feier des Einzugs, wie Kirsty sagte. Eigentlich durfte er keinen Kuchen bekommen, sonst wurde er zu fett.

Vater gönnte sich nur eine kurze Pause, ehe er wieder losfuhr. Er mußte den Lastwagen in die Stadt zurückbringen, da er ihn nur bis zum Abend gemietet hatte.

Wir blieben noch eine Weile sitzen, Matty, Jörn und ich, während Vater aufbrach und Kirsty sich in die Hängematte legte, die zwischen den Bäumen im Obstgarten hing. Jörn streckte sich im Halbschatten im Gras aus, seufzte tief und sagte: „Jetzt wäre ein Bad im Weiher recht. Kommt ihr mit?“

„Wir wollten doch zuerst noch Nells Zimmer einrichten“, erwiderte Matty.

Ich sagte rasch: „Unsinn, dabei braucht ihr mir nicht auch noch zu helfen. Ich mache das mit meinem Vater, wenn er zurückkommt.“

„Seid doch nicht so umständlich“, murmelte Jörn. Seine Augen waren geschlossen, und er kaute an einem Grashalm. „Die Sache ist ganz einfach: Wir reiten jetzt zum Weiher und baden. Später, wenn es nicht mehr so heiß ist, kommen wir zurück und richten Nells Bude ein. Was haltet ihr davon?“

„Schwimmen wäre jetzt göttlich“, gab ich zu. „Aber hast du vergessen, daß ich noch nicht reiten kann?“

„Ach was, das macht doch nichts“, sagte Jörn träge. Dabei öffnete er die Augen und sah mich von unten herauf an. „Wir setzen dich auf Hazel. Die ist so lammfromm, daß dir überhaupt nichts passieren kann. Sie wird einfach nur hinter Matty hertrotten, und für dich ist’s eine gute Vorübung.“

Ich warf Matty einen Blick zu. Er nickte und bestätigte: „Mit Hazel brauchst du keine Angst zu haben. Wir reiten ohne Sattel, und du hältst dich einfach an ihrer Mähne fest. Bis zum Weiher sind’s sowieso nur ungefähr zehn Minuten.“

„Aber wenn sie zu galoppieren anfängt?“ sagte ich schwach.

„Wenn wir im Schritt reiten, tut Hazel es ebenfalls“, beruhigte mich Matty.

Ich dachte an alles, was ich von scheuenden Pferden gelesen hatte, die über irgend etwas erschrocken waren und durchgingen. Wenn uns jetzt ein Hase über den Weg lief oder irgendwo im Wald ein Schuß erklang?

Die Vorstellung jagte mir einen kalten Schauder über den Rücken, aber ich sagte nichts mehr. Ich wollte vor den beiden nicht wie ein Feigling dastehen, besonders nicht vor Jörn. Es war ein Risiko, doch wenn ich jemals reiten lernen wollte, mußte ich es wohl eingehen.

13

Ich glaube nicht, daß ich diesen ersten Ausritt – oder vielleicht sollte man es besser Gehopse nennen – so schnell vergessen werde.

Anfangs kam ich mir wie auf einem hohen, schwankenden Turm vor. Der Erdboden schien erschreckend tief unter mir zu sein. Doch dieser Eindruck milderte sich mit der Zeit etwas. Ich wurde teuflisch durchgeschüttelt, klammerte mich so krampfhaft an Hazels Mähne fest, daß sie mehrmals ungeduldig den Kopf zurückwarf, und war jeden Augenblick darauf gefaßt, wie ein Mehlsack in die Tiefe zu plumpsen.

Matty sah sich ab und zu nach mir um und nickte ermutigend. Jörn ritt voraus und kümmerte sich nicht weiter um mich. Ich war froh darüber, denn mir war klar, daß ich eine ziemlich lächerliche Figur abgeben mußte, wie ich da verkrampft und ängstlich auf Hazels Rücken kauerte, als hätte mein letztes Stündlein geschlagen.

Dabei war die Stute wirklich brav und geduldig. Sie trottete mit langsamen, gleichmäßigen Schritten hinter Matty her, der auf Emily ritt, und peitschte nur manchmal ein bißchen mit dem Schweif, wenn die Fliegen gar zu lästig wurden. Diana, die gefleckte Jagdhündin, lief neben den Pferden her.

Ich fürchtete insgeheim, sie könnte Hazel vor die Hufe springen oder die Pferde sonst auf irgendeine Weise so erschrecken, daß sie losgaloppierten. Doch sie waren es offenbar gewöhnt, daß der Hund sie umsprang, und blieben ganz gelassen, als Diana vor Emily quer über die Wiese raste und kläffend hinter einer Krähe herjagte.

Ich fiel nicht vom Pferd und war heilfroh, als der Weiher endlich zwischen Ulmen und Krüppelweiden am Waldrand auftauchte. Der Boden war hier ziemlich sumpfig, und Hazels Hufe sanken tiefer ein. Jörn und Matty schwangen sich von ihren Pferden, kamen zu mir und halfen mir beim Absteigen. Dann ließen wir die Pferde frei, obwohl es hier keine Koppelzäune gab. Sie dachten sowieso nicht daran, wegzulaufen.

Diana stürmte sofort ins Wasser, und die Stuten gingen vorsichtig zu einer ausgetretenen Stelle am Ufer, stellten sich bis zu den Fesseln ins Wasser und tranken ausgiebig.

Ich sah ein wenig zweifelnd auf den Teich. Die Wasseroberfläche war zum größten Teil mit einer Schicht grüner Algen bedeckt, die ich nicht besonders appetitlich fand.

Jörn bemerkte meinen Blick und sagte: „An die Entengrütze gewöhnt man sich, aber hoffentlich hast du keinen weißen Bikini.“

„Er ist schwarz“, erwiderte ich und zog meine Shorts und das T-Shirt aus. Darunter trug ich schon meinen Bikini. „Nur stelle ich’s mir ziemlich ekelhaft vor, durch das Zeug da zu schwimmen.“

„Ach was, das ist doch etwas ganz Natürliches“, sagte Matty. „Jedenfalls immer noch besser als Abwässer in den Seen und Chlor in den Schwimmbädern.“

Diana plätscherte mitten in den Algen herum; ihr machte die Entengrütze natürlich nichts aus. Ich watete langsam hinter Matty und Jörn ins Wasser. Die Pferde blieben am Ufer zurück und sahen uns nach.

Erst als wir schon bis zu den Hüften im Wasser standen, fiel mir ein, daß ich nichts mitgenommen hatte, um meine Haare hochzustecken. Natürlich waren sie schon gleich nach den ersten Schwimmzügen voll von dem grünen Algenzeug. Jörn meinte, ich hätte verdammte Ähnlichkeit mit einer Wasserleiche, was ich natürlich nicht besonders schmeichelhaft fand.

Ich kniff die Lippen fest zusammen, um bloß keine Entengrütze in den Mund zu bekommen. Matty und Jörn kümmerten sich nicht weiter um die Algen. Sie jagten sich gegenseitig, prusteten wie Walrosse, scherzten mit Diana, tauchten unter und kamen jedesmal grün wie Wassermänner wieder an die Oberfläche.

Mit der Zeit vergaß ich meinen Ekel. Ich merkte, daß das Wasser warm und weich war, genoß die Sonne, die durch die Blätter der Ulmen sickerte, und schwamm in ruhigen, weit ausgreifenden Zügen. Als ich die Augen schloß, merkte ich richtig, wie ich mich entspannte. Meine Muskeln, die sich beim Reiten verkrampft hatten, lockerten sich im warmen Wasser. Ich hörte die Bäume leise im Luftzug rauschen und atmete den Duft von sonnenbeschienenen Tannen und Harz, von Heu und Pferden ein.

Mein erster Sommer auf dem Land! dachte ich träumerisch.

„So schlecht ist’s doch gar nicht, wie?“ sagte da eine Stimme, und ich öffnete die Augen. Jörn schwamm neben mir, mit grünen Haaren und grünem Gesicht.

„Ja“, murmelte ich. „Eines Tages werde ich die Entengrütze noch lieben. Ist dir schlecht?“

„Nein, warum?“

„Weil du so grün bist.“

Diana paddelte mit hoch erhobenem Kopf an uns vorbei und versuchte, nach einer Libelle zu schnappen. Die Pferde standen im seichten Wasser und benagten sich gegenseitig liebevoll die Hälse. Matty kam angeschwommen und sagte, er hätte einen großen Fisch gesehen, und Jörn behauptete, im Weiher gäbe es keine Fische. Daraufhin stritten sich die beiden einige Zeit nicht besonders ernsthaft herum und tauchten schließlich unter, um den „weißen Geisterfisch“ zu suchen, wie Jörn ihn spöttisch nannte.

Zurück ritten wir in den nassen Badeanzügen. Ich hatte insgeheim gehofft, daß es jetzt schon etwas besser gehen würde, aber da hatte ich mich getäuscht. Zuerst schaffte ich es trotz Mattys Unterstützung nur mit Mühe, auf Hazels Rücken zu kommen. Und unterwegs setzte uns ein Schwarm hartnäckiger Bremsen derart zu, daß die Pferde ganz nervös wurden.

Mir ging es am schlimmsten, weil ich es nicht wagte, Hazels Mähne auch nur einen Augenblick loszulassen. So mußte ich ertragen, daß die Biester sich auf mich setzten und mir kräftig Blut abzapften. Hazel warf ein paarmal so ungebärdig den Kopf zurück, daß ich aus dem Gleichgewicht kam und fast nach links oder rechts abrutschte, doch ich befolgte Mattys Rat, drückte die Schenkel fest an und hatte dadurch genügend Halt.

Als wir Dreililien erreichten, war ich erhitzt und zerstochen. Mein Hinterteil schmerzte. Während wir die Pferde auf die Koppel brachten, fragte ich mich ernsthaft, ob es wirklich so erstrebenswert ist, Reiten zu lernen, wie ich geglaubt hatte.

Matty lief rasch ins Haus, um Tigerbalsam für meine Stiche zu holen. Ich ging mit Jörn langsam zum Kavaliershäusl voraus.

„Es lohnt sich schon“, sagte er, als hätte er meine Gedanken erraten. „Auch wenn’s eine Menge Schweiß und Angst und Mühe kostet.“

„Angst?“ wiederholte ich. „Hattest du denn auch Angst, als du reiten gelernt hast?“

Er überlegte es sich und erwiderte dann: „Nein, eigentlich nicht. Aber das soll nicht heißen, daß ich besonders mutig wäre oder so. Ich hab’s einfach als kleiner Stöpsel gelernt, so, wie andere laufen lernen. Ich war noch nicht vier, da hat mein Vater mich schon aufs Pferd gesetzt, und ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, daß es erschreckend oder gefährlich sein könnte. Außerdem bin ich ja sozusagen mit Pferden aufgewachsen.“

Ich nickte. „Eigentlich“, sagte ich, „bist du zu beneiden. Ihr beide, meine ich, du und Matty.“

„Ja“, erwiderte Jörn. „Vielleicht schon. Und nicht nur wegen der Pferde. Ich glaube, viele Leute, die auf dem Land aufwachsen, haben’s besser als Stadtkinder. Was die Ausbildung betrifft natürlich nicht, damit ist es in der Stadt leichter. Viele Jugendliche aber wissen heute nicht recht, wohin sie gehören. Für Parkhäuser und Parkplätze hat man genügend Platz, aber nicht für richtige Spielplätze, freundliche Hinterhöfe und Jugendzentren; und wenn es solche Einrichtungen gibt, werden sie immer von Erwachsenen verwaltet und überwacht.“

Ich sah Jörn erstaunt von der Seite an. Es wunderte mich, daß er sich über solche Dinge Gedanken machte. Ich hatte ihm das nicht zugetraut. Doch eigentlich kannte ich ihn ja noch kaum.

„Ein Freund von mir hat mal eine Zeitlang als Sozialhelfer gearbeitet. Er sagt, daß viele Kinder in den schlimmsten Verhältnissen aufwachsen. Sie werden vernachlässigt, geschlagen und alleingelassen, und dann wundert man sich, wenn sie später straffällig werden, Autos klauen oder Einbrüche verüben. Und was tut man? Statt ihnen zu helfen, steckt man sie in Gefängnisse, wo sie dann noch den Rest kriegen und endgültig den Halt verlieren.“

„Aber das ist auf dem Land nicht viel anders als in der Stadt. Was könnte man denn tun?“ fragte ich.

Er zog die Augenbrauen zusammen und starrte finster vor sich hin.

Ich sagte unwillkürlich: „Ich . . . hätte nie gedacht, daß du dir über das alles Gedanken machst.“

„So, hättest du nicht?“ Er warf mir einen abschätzenden Seitenblick zu, und ich merkte, daß er noch etwas sagen wollte. Doch da kam uns Matty nachgerannt, atemlos und rot im Gesicht. Er drückte mir ein Döschen in die Hand.

„Hier, streich’s auf die Stiche“, sagte er. „Aber bring nichts von dem Zeug in die Augen, es brennt höllisch.“

Ich nickte geistesabwesend und umklammerte das Döschen, denn ich dachte noch über das nach, was Jörn gesagt hatte. Er sprach nicht weiter, sah nur auf den Boden und stieß einen Stein vor sich her.

Matty mahnte: „Du mußt den Tigerbalsam jetzt gleich benutzen, damit die Schwellungen nicht zu stark werden. Später nützt es nicht mehr soviel.“

„Ja“, sagte ich. „Danke, Matty.“

Ich hatte mindestens fünfundzwanzig Stiche, und es dauerte eine Weile, bis ich sie alle mit der rötlichen Salbe versorgt hatte. Als wir wieder zum Kavaliershäusl kamen, war mein Vater noch nicht da. Herr Alois kam uns von weitem entgegen, umkreiste Diana schweifwedelnd und zeigte sich von seiner liebenswürdigsten Seite. Er war richtig kokett, doch sie kümmerte sich kaum um ihn und knurrte ihn sogar an, als er ihr zu aufdringlich wurde.

Kirsty brachte uns eisgekühlte Limonade. Dann gingen wir in die Mansarde und schoben mein Bett, den Schrank, den Schreibtisch, die Bücherregale und die alte Kommode von meiner Großmutter so lange im Zimmer herum, bis alles so stand, wie ich es haben wollte.

„Sieht gar nicht schlecht aus“, sagte Matty zufrieden, als wir fertig waren. „Hier kannst du dich wohl fühlen, Nell.“

Ich erwiderte nichts und dachte im stillen, daß ich mich in diesem Haus wohl nie richtig wohl fühlen würde. Es gehörte ja Kirsty. Wie sollte ich das jemals vergessen können?

14

Es war Jörn und nicht Matty, der mir am nächsten Tag die erste richtige Reitstunde meines Lebens gab.

Matty saß im Stall und hielt Wache. Er nahm an, daß eine der Stuten in Kürze ihr Fohlen bekommen würde. „Mit der Zeit würde es stimmen“, sagte er, „und außerdem ist sie seit gestern abend so unruhig. Beim letzten Fohlen hatte sie ziemliche Schwierigkeiten. Besser, jemand ist bei ihr, ehe es richtig losgeht, dann können wir den Tierarzt rechtzeitig holen.“

Er saß auf einem dreibeinigen Hocker vor der Boxtür, ein Buch auf den Knien. Ich warf einen Blick über die Trennwand. Die Stute trampelte unruhig hin und her, schnaubte auch immer wieder aufgeregt. Ihre Augen waren unnatürlich geweitet. Sie hieß Isabell, das wußte ich. Matty hatte mir erklärt, daß ihr Name mit der Farbe ihres Felles zu tun hatte, das isabellfarben war: das Deckhaar fahlgelb, Stirnhaar, Schweif und Mähne hell.

„Sag mir Bescheid, wenn’s soweit ist“, bat ich. „Ich möchte zusehen, wenn das Fohlen kommt.“

Matty nickte, und ich ging mit Jörn über die Stallgasse. Außer Isabell stand nur noch Hazel in ihrer Box. Alle anderen Pferde hatten wir bereits auf die Koppel gebracht.

Sie wieherte vorwurfsvoll, als sie uns kommen sah, und Jörn sagte: „Es paßt ihr nicht, daß sie nicht mit den anderen rausdurfte. Schon gut, Mädchen, jetzt bringen wir Nell das Reiten bei.“

Ich hatte bereits ein paarmal zugesehen, wie Matty oder Jörn ein Pferd sattelten, doch diesmal mußte ich es selbst versuchen. Es war gar nicht so einfach, wie es ausgesehen hatte. Daß der Sattel genau mit dem Haarstrich aufgelegt werden muß, hatte ich nicht gewußt. Jörn achtete streng darauf, daß sich kein Mähnenhaar verklemmen konnte.

Zum Glück war Hazel freundlich und geduldig wie immer und nahm meine stümperhaften Versuche, ihr die Trense anzulegen, nicht übel. Sie öffnete sogar freiwillig das Maul und zuckte nur ein paarmal mit den Ohren, als würde sie von einem lästigen Insekt umschwirrt. Auch Jörn erwies sich als überraschend geduldig und erklärte mir jeden Handgriff genau.

„Wenn du das ein paarmal gemacht hast, beherrschst du’s im Schlaf“, sagte er tröstend, als ich niedergeschlagen meinte, ich wüßte nicht, ob ich mir das alles je merken könnte.

Dann führten wir Hazel aus dem Stall. Matty nickte mir noch zu und wünschte mir Hals- und Beinbruch, und in meinem Magen breitete sich ein sinkendes Gefühl aus, das ich schon von Prüfungen her kannte.

Ich glaube, ich hatte hauptsächlich Angst, mich vor Jörn zu blamieren, wenn ich mich dumm anstellte. Bei Matty hätte mir das bestimmt nichts ausgemacht, doch mit Jörn war es anders. Ich wollte um keinen Preis, daß er mich für begriffsstutzig oder tölpelhaft hielt.

„Wir gehen auf die Schwammerlwiese“, sagte Jörn, als wir auf den Hofplatz kamen. „Die nennen wir so, weil dort ab und zu Wiesenchampignons wachsen. Sie ist hinter dem Obstgarten. Und mach nicht so ein Gesicht, als müßtest du zum Zahnarzt, Nell!“

Ich lachte kläglich. „Mir ist schon ein bißchen mulmig“, gab ich zu. „Dabei bin ich doch gestern schon geritten. Aber ich glaube, ich hab kein Talent“, fügte ich düster hinzu.

Jörn schob den Balken des Gatters zurück, das die Schwammerlwiese verschloß, und Hazel ging von selbst voraus. „Talent?“ wiederholte er und sah mich an. Die Sommersprossen in seinem Gesicht waren während der letzten Monate zahlreicher geworden. Ich hatte sie im Frühling kaum bemerkt. Er sah lustiger damit aus.

„Wichtig ist, daß man Pferde mag und das richtige Gespür für sie hat, und das hast du schon“, sagte er dann. „Außerdem bist du schlank und recht geschmeidig, auch darauf kommt’s an. Ob du eine leichte Hand hast, muß sich erst noch herausstellen. Aber ich glaub schon, daß du gute Voraussetzungen fürs Reiten hast. Und jetzt reden wir nicht so lange drumherum. Versuchen wir’s einfach mal.“

Ich freute mich. Jörn hatte gesagt, ich hätte das richtige Gespür für Pferde; das war ein großes Kompliment aus seinem Mund. Es machte mir Mut, und ich kam überraschend leicht in den Sattel, weil ich plötzlich eine ganze Menge Schwung hatte.

So machte ich meine ersten Reitversuche auf der Schwammerlwiese von Dreililien, in Jörns alter Latzhose und zu großen Gummistiefeln und mit einer ausrangierten Reitkappe von Matty auf dem Kopf.

Hazel war bestimmt das beste Pferd, das sich ein Anfänger nur wünschen kann. Und Jörn war geduldiger, als ich es ihm je zugetraut hatte. Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, mich furchtbar ungeschickt anzustellen und wie ein Mehlsack im Sattel zu hängen. Ich war richtig erleichtert, als nach einiger Zeit plötzlich eine Gestalt auf einem Fahrrad zwischen den Obstbäumen auftauchte und sich dem Gatter näherte.

„Herrje, das ist die Carmen!“ sagte Jörn. „Zum Teufel, ich hab ganz vergessen, daß ich sie heute zum Reiten herbestellt habe!“

Carmen? Ich sah verstohlen zum Gatter. Doch da stand keine südliche Schönheit mit schwarzen Haaren und Glutaugen, sondern ein dickliches Mädchen mit rotblonden Zöpfen, brauner Reithose und karierter Bluse.

„Das macht nichts“, sagte ich hastig. „Wir können aufhören. Für heute ist’s sicher genug.“

Jörn grinste. „Du bist wohl froh, was? In Ordnung, für diesmal können wir Schluß machen. Du wohnst ja jetzt hier, und wir haben jede Menge Zeit.“

Das dicke Mädchen, das Carmen hieß, blieb am Gatter stehen und sah zu uns herüber. Jörn erklärte mir noch, wie ich korrekt vom Pferd steigen mußte. Ich gab mir alle Mühe, es vorschriftsmäßig und elegant zu machen, plumpste dann aber doch recht unrühmlich zu Boden.

Während ich mich wieder aufrappelte und mir den Schmutz vom Hosenboden wischte, sah ich Jörn scharf an und dachte: Wenn er jetzt lacht, hasse ich ihn. Aber er lachte nicht. Sein Gesicht war undurchdringlich, er nickte mir zu und ging zum Gatter voraus. Ich folgte ihm langsamer, Hazel am Zügel.

Carmen hatte die Ellbogen auf den Querbalken gestützt und sah uns ruhig entgegen. Sie erinnerte mich mit ihren Pausbacken und den runden braunen Augen an einen Engel aus einer bayerischen Barockkirche.

„Hallo, Carmen“, sagte Jörn. „Ich hatte ganz vergessen, daß du heute vormittag kommst. Das ist Nell. Sie wohnt jetzt im Kavaliershäusl.“

„Ich weiß.“ Carmen nickte mir zu und musterte mich neugierig. Ihr Blick war prüfend, aber nicht unfreundlich. „Matty hat mir schon von dir erzählt. War das deine erste Reitstunde?“

Ich sagte: „Ja, das war wohl weithin zu sehen. Das Absitzen allein ist eine Katastrophe für sich gewesen.“

Sie lachte gutmütig. „Ach was, so hat jeder mal angefangen. Warum soll’s uns beim Reitenlernen besser ergehen als beim Laufenlernen.“

Carmen sprach ziemlich breiten bayrischen Dialekt, aber irgendwie paßte es gut zu ihr. Sie wirkte offen und ungekünstelt, und ich mochte sie, obwohl ich vom ersten Augenblick an merkte, daß sie in Jörn verliebt war. Ich konnte es an der Art erkennen, wie sie ihn ansah.

Sie wandte sich an ihn und sagte: „Soll ich Joschi gleich von der Koppel holen und satteln?“ Sogar ihre Stimme veränderte sich, wenn sie mit Jörn redete.

Seine Stimme veränderte sich jedenfalls nicht, wenn er mit Carmen sprach; auch das merkte ich. Ich ging mit Hazel in den Stall zurück, wo Matty noch bei Isabell saß. Die Stute wieherte bei unserem Eintritt schrill, und Matty sah von seinem Buch auf und fragte verwundert: „Seid ihr schon fertig mit dem Unterricht?“

„Carmen ist gekommen. Jörn hatte sie herbestellt.“

„Ach so.“ Matty nickte. „Na ja, morgen werde ich hoffentlich Zeit haben, dir eine Reitstunde zu geben. Bis dahin müßte das Fohlen auf der Welt sein.“

Er half mir, Hazel abzusatteln. Dann führte ich sie auf die Koppel am Waldrand, wo die anderen Stuten friedlich im Schatten grasten.

Als ich wieder zur Schwammerlwiese kam, schwang sich Carmen gerade auf Joschis Rücken. Diesmal blieb ich am Gatter stehen und sah zu, wie sie ritt, während Jörn die Kommandos gab.

Für einen blutigen Anfänger wie mich sah es so aus, als hätte Carmen gar keinen Unterricht nötig. Ich fand, daß sie schon perfekt reiten konnte. Sie saß trotz ihrer plumpen Figur gut im Sattel und bewegte sich mit einer gewissen Anmut, und die Stute ließ sich willig von ihr lenken.

Jörn brauchte sich nicht sonderlich anzustrengen. Er stand an den einzigen Baum gelehnt, der am Rand der Schwammerlwiese wuchs, gab zeitweise ein paar lässige Anweisungen und rief einmal scharf: „Was machst du da mit den Zügeln, Carmen? Verdammt, ein Pferdemaul ist schließlich kein Lenkrad!“

Doch das war auch die einzige Kritik, die ich im Laufe dieser Stunde hörte; und ich beneidete Carmen richtig um ihr Können. Das sagte ich ihr auch, als sie schließlich abgestiegen war und Joschi von der Wiese führte.

„Das hat einfach perfekt ausgesehen“, sagte ich ehrlich. „Wozu brauchst du überhaupt noch Reitunterricht?“

Da merkte ich, daß Carmen errötete und Jörn verstohlen einen Seitenblick zuwarf. Sie erwiderte nichts, doch Jörn meinte nüchtern, sie hätte noch eine ganze Menge zu lernen; vor allem, daß ein Vollblüter kein Haflinger sei, was ich nicht so ganz verstand.

Ich ging nochmals mit in den Stall. Bei Isabell tat sich noch immer nichts. Matty saß geduldig auf seinem Hocker. Er unterhielt sich gerade mit Schorsch, dem Stallknecht, der sich auf eine Mistgabel stützte.

„Soll ich dir das Essen herausbringen?“ fragte Jörn seinen Bruder. Erst da wurde mir klar, daß ja schon Mittagszeit war, und daß Vater beim Frühstück angekündigt hatte, er wolle heute versuchen, Marillenknödel zu machen. Ich hatte ihm versprochen, pünktlich zum Essen zu kommen.

Ich blase ins Kuhhorn, wenn’s bei Isabell soweit ist“, sagte Matty. „Dann kannst du herüberkommen, Nell.“

Auch Carmen mußte wieder nach Hause. Wir gingen das Stück bis zur Wegkreuzung miteinander. Sie schob ihr Fahrrad neben sich her und erzählte, daß ihren Eltern der Bauernhof gehörte, der auf der Anhöhe über dem Dorf stand. Ich hatte den Hof schon von weitem gesehen – drei große Ziegelgebäude, hufeisenförmig angelegt, mit Kühen und Pferden, die ringsum auf dem Hügel weideten.

„Aber ihr habt doch selbst Pferde?“ sagte ich. „Wieso bringst du dann nicht dein eigenes Pferd zum Reitunterricht mit?“

„Ach, unsere sind Haflinger, und Haflinger benutzt man eigentlich zur Arbeit, sie sind keine richtigen Reitpferde“, erklärte sie lachend. „Aber zum Reitenlernen sind sie jedenfalls nicht schlecht. Sie lassen sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen und sind unheimlich gutmütig. Ich bin schon als kleines Mädchen immer auf unseren Haflingern geritten.“

Sie erzählte mir auch, daß sie die einzige Tochter auf dem Bergerhöf war. Ihre Eltern erwarteten natürlich von ihr, daß sie eines Tages einen Bauern heiratete und den Hof übernahm.

„Dabei möchte ich viel lieber Tierpflegerin werden“, sagte Carmen und seufzte.

„Na, wenn du Bäuerin bist, hast du doch auch mit Tieren zu tun!“ wandte ich ein.

Wir hatten die Weggabelung erreicht. Sie blieb stehen und sah mich an. „Freilich“, bestätigte sie. „Aber das ist doch etwas anderes. Als Bauer weißt du, daß deine Tiere dazu da sind, um dir Geld einzubringen. Du bist dir darüber klar, daß du sie schlachten oder verkaufen mußt. Da darf man eigentlich gar kein persönliches Verhältnis zu seinen Tieren haben, sonst ist’s viel zu schwer. Wenn ich eines Tages meine eigenen Kühe und Schafe und Schweine und Hühner habe, bringe ich’s bestimmt nicht übers Herz, sie in den Schlachthof zu schicken. Ich bin ja jetzt schon jedesmal ganz krank, wenn der Metzger eines von unseren Stierkälbchen holt.“

Ich begegnete ihrem Blick und begriff, wie ernst es ihr mit dem war, was sie da sagte. Wieder dachte ich, daß ich sie mochte. Wenn ich ihr irgendwo in der Stadt begegnet wäre, hätte ich sie vermutlich überhaupt nicht ernst genommen. Vielleicht hatte ich sie sogar lächerlich gefunden, ein plumpes, pausbäckiges Mädchen vom Land, mit dem ich nichts gemeinsam hatte. Doch ich hatte sie hier kennengelernt, unter anderen Umständen und in ihrer natürlichen Umgebung, und ich mochte sie auf Anhieb.

Spontan sagte ich: „Genauso würde es mir auch gehen. Aber dann müßten wir ja eigentlich auch Vegetarier werden, wenn wir das ernst nehmen würden, meinst du nicht?“

Sie lachte etwas kläglich. „Ich weiß. Ich hab’s auch schon oft genug versucht, aber es nützt nichts – wenn es ums Essen geht, werde ich immer schwach, da helfen die besten Vorsätze nicht. Aber das brauche ich wohl nicht zu sagen, man sieht es mir ja an.“

„Ach was“, sagte ich. „So wichtig ist das doch nicht mit der Figur. Es kommt schließlich darauf an, wie ein Mensch ist, und nicht, wieviel er wiegt.“ Und ich schämte mich plötzlich ein wenig, weil ich mich selbst schon dabei ertappt hatte, wie ich mich über dicke Mitschüler lustig gemacht hatte.

Carmen schwang sich auf ihr Fahrrad und erwiderte: „Das sagst du so einfach, weil du keine Probleme mit deiner Figur hast. Aber glaub mir, man wird nur zu oft ausgelacht, wenn man dick ist. Mit Jungen ist das besonders schlimm – die nehmen einen einfach nicht ernst. Wenn man Glück hat, wird man als guter Kumpel behandelt, mehr aber nicht.“ Sie stockte. „Na, jetzt muß ich aber losradeln, bei uns wird pünktlich gegessen. Vielleicht sehen wir uns am Donnerstag, da gibt mir der Jörn wieder Unterricht. Servus, Nell!“

„Tschüs, Carmen“, sagte ich. Sie fuhr los, und ich blieb einen Augenblick stehen und sah ihr nach. Dabei überlegte ich, ob sie wohl Jörn gemeint hatte, als sie sagte, daß Jungen sie nicht ernst nahmen oder als Kumpel behandelten.

Dann ging ich weiter und fragte mich, wie er mich eigentlich behandelte. Kumpelhaft nicht; wohl eher vorsichtig. So ganz ernst nahm er mich jedenfalls auch nicht. Er wußte wohl noch nicht so genau, woran er mit mir war; und ähnlich erging es mir mit ihm. Manchmal mochte ich ihn – sehr sogar. Rein äußerlich fand ich ihn anziehend. Doch dann benahm er sich wieder so aufreizend, daß ich ihn am liebsten verprügelt hätte. Manchmal verstand ich ihn ganz einfach nicht. Mit Matty war das etwas anderes. Matty war geradlinig und offen; bei ihm gab es keine Zweifel und kein Versteckspiel.

Beim Kavaliershäusl kam mir Herr Alois aus dem Garten entgegengelaufen, sprang an mir hoch und wedelte heftig mit dem Schwanz. Er mußte im Bach gebadet haben, denn sein dunkelbraunes Fell glänzte vor Nässe. Er sah wie das Krümelmonster im Fernsehen aus.

Ich bückte mich, streichelte ihn und dachte dabei: Ja, Matty kann man vertrauen. Aber in Jörn könnte ich mich verlieben.

15

Isabells Fohlen kam in der Nacht zur Welt, und ich nahm es Jörn und Matty übel, daß sie mich nicht aus dem Bett geholt hatten. Matty verteidigte sich und erklärte, sie hätten nicht das ganze Haus aufwecken wollen. Außerdem wäre sowieso alles drunter und drüber gegangen, weil Jörn um Mitternacht losfahren und den Tierarzt holen mußte, während er selbst mit seinem Vater und Schorsch Geburtshilfe geleistet hatte.

Es war keine leichte Geburt gewesen, doch das Fohlen war gekommen, noch ehe Jörn mit dem Tierarzt eintraf; und es war gesund. Als ich am Morgen in den Stall von Dreililien kam, stand es auf wackligen Beinen neben seiner Mutter in der Box. Es war ein Hengstfohlen.

Ich fand, daß es ziemlich schrumpelig aussah und einen zu großen Kopf und zu lange Beine hatte. Matty aber versicherte, es würde sich schon noch auswachsen, und das Fohlen sei ein wunderbarer kleiner Kerl, aus dem bestimmt ein prachtvoller Hengst würde.

„Sein Vater hat eine prima Stammtafel, und Isabell ist auch von erstklassiger Rasse“, sagte er. „Das Fohlen ist jetzt schon ein kleines Vermögen wert. Jörn meint, wir sollen es Odin nennen, nach seinem Vater.“

„Odin, der Göttervater“, sagte ich nachdenklich. „Ja, das klingt gut. Ich wollte, ich wäre dabei gewesen, als er geboren wurde!“

„Ach, das kannst du noch oft genug erleben“, versicherte Jörn. „Bei uns kommt alle paar Monate Nachwuchs.“

Das Fohlen sah uns über den Futtertrog hinweg vertrauensvoll an. Ich streckte die Hand aus, um es zu streicheln, aber Jörn warnte: „Faß es nicht an – heute noch nicht. Isabell ist jedesmal eine Zeitlang recht unberechenbar, nachdem sie abgefohlt hat.“

Ich sah die Stute an. Sie beobachtete uns aufmerksam, doch ihre Augen wirkten gutmütig. Sie leckte ihrem Fohlen die Nase. Dann begann Odin zu trinken.

Wir blieben vor der Box stehen und sahen zu. Mir wurde dabei ganz friedlich und feierlich zumute.

Als Odin satt war, öffneten wir die Boxtür, um die beiden auf die Koppel zu bringen. Isabell ging sehr langsam aus dem Stall und sah sich dabei immer wieder nach ihrem Fohlen um, das eifrig, aber auf ungeschickten Beinen hinter ihr her stakste.

Ich hinkte hinter Jörn und Matty und den Pferden drein. Vom Reitunterricht hatte ich einen ausgewachsenen Muskelkater. Ich ging steifbeinig wie ein alter Soldat.

Matty sah mich an und sagte: „Was du brauchst, ist ein Bad im Weiher. Das warme Wasser macht die Muskeln weicher und geschmeidiger. Reitunterricht gebe ich dir dann erst gegen Abend, wenn’s nicht mehr so heiß ist.“

Eigentlich war ich ganz froh über den Aufschub. Ich stand noch eine Weile am Koppelzaun und sah zu, wie das neugeborene Fohlen Bekanntschaft mit der Welt schloß, wie es die Nase in den Wind streckte, beim Rascheln der Bäume die Ohren spitzte, einem Schmetterling nachsah und sich schließlich, müde von all dem Neuen, neben seiner Mutter ins Gras legte. Dann erst ging ich zum Kavaliershäusl, um meinen Bikini und ein Badetuch zu holen.

Herr Alois lief mir diesmal nicht wie sonst entgegen; er war auch nicht im Haus. Ich nahm an, daß er bei meinem Vater und Kirsty war, die seit gestern angefangen hatten, den Schuppen zur Töpferwerkstatt auszubauen.

Das ist also Vaters Erholung im Urlaub, dachte ich bitter, während ich mit meinen Badesachen wieder in den Garten trat und vom Schuppen her lautes Hämmern hörte. Aber für Kirsty tat er ja alles, sie brauchte nur mit dem kleinen Finger zu winken . . .

Meine bitteren Gedanken verflogen, als ich Jörn und Matty mit den Pferden und Diana am Kreuzweg warten sah. Es roch nach frischem Heu. Schwalben kreisten zwitschernd über den Koppeln und schossen unvermittelt im Sturzflug auf die Wiesen nieder, um Fliegen zu fangen. Der Wald rauschte sacht im Sommerwind, und vom Dorf her kamen verwehte Glockenklänge.

Es war ein perfekter Ferientag; einer, wie er im Bilderbuch steht. Erst später wurde mir klar, daß diese unbeschwerten Stunden eine Art Ruhe vor dem Sturm waren. Doch das wußte ich an diesem Tag natürlich noch nicht. Ich freute mich über Jörns Bemerkung, ich hätte schon Farbe bekommen und würde sicher bald wie eine Indianerin aussehen. Und als ich merkte, daß ich schon nicht mehr ganz so hilflos und unbeholfen auf Hazels Rücken saß, war ich richtig glücklich.

Ein Frosch quakte eindringlich, als wir den Weiher am Waldrand erreichten, und ich sah, wie ein blaugrün schillernder Vogel mit langem Schnabel aus dem Wasser aufflog und zwischen den Tannen verschwand.

„Das war ein Eisvogel“, sagte Jörn. „Die sind sehr selten.“ Er hob mich vom Pferd, ohne daß ich ihn darum bat; und mir war, als würde er mich einen Moment länger als unbedingt nötig im Arm halten. Für den Bruchteil einer Sekunde war sein Gesicht dem meinen sehr nahe. Als er mich absetzte, waren meine Knie seltsam schwach. Doch ich versuchte mir einzureden, es käme vom Reiten.

Wir blieben mehrere Stunden am Weiher. Wenn wir nicht badeten, lagen wir am Ufer unter einer Ulme, während die Pferde grasten und ihre Fesseln im seichten Wasser kühlten.

Matty hatte einen Picknickkorb mit einer Thermosflasche voll Tee, ein paar harten Eiern und belegten Broten dabei; das war unser Mittagessen. Auch eine Mundharmonika hattte er mitgebracht. Er spielte darauf, als ich ihn darum bat, entschuldigte sich aber mehrmals für die „Katzenmusik“.

„Ich lerne es nämlich erst seit ein paar Monaten“, erklärte er. „So besonders berühmt spiele ich noch nicht, aber es macht Spaß.“

Er spielte ziemlich leise, und ich fand, daß es schön klang. Die Musik paßte so gut zum sonnenbeschienenen Weiher, den Pferden, den Sommerwiesen und dem Rauschen des Waldes. Jörn lag neben mir, die Hände im Nacken verschränkt, und sah in den Himmel. Ab und zu pfiff er leise zu der Melodie, die sein Bruder spielte.

Ich wäre am liebsten bis zum Abend geblieben, doch Jörn sagte, er hätte Sepp versprochen, mit ihm eine Box zu reparieren. Auch Matty meinte, es wäre langsam Zeit für meine Reitstunde, weil wir sonst mit der Stallarbeit ins Gedränge kämen. Also brachen wir auf.

Die Reitstunde verlief wieder nicht besonders ruhmreich. Beim Leichttraben stellte ich mich ausgesprochen dumm an. Mein einziger Trost war, daß außer Matty keiner zusah. Hazel wirkte nicht sehr glücklich bei meinen verzweifelten Versuchen, den richtigen Rhythmus zu finden. Als ich schließlich abstieg, war sie sicher ebenso erleichtert wie ich.

„Das lerne ich nie!‘‘ sagte ich düster zu Matty.

Er lachte. „Wetten, daß du’s lernst – Traben und Galoppieren und alles, was so zu einer Grundausbildung gehört?“

„Die Wette gilt“, sagte ich, immer noch düster. „Aber wann lösen wir sie ein?“

„Heute in einem Jahr.“ Matty zog ganz ernsthaft seinen Notizblock und einen Bleistift aus der Hosentasche. „Ich schreib es mir auf. Heute in einem Jahr stellen wir fest, wer gewonnen hat.“

Ich nickte. „Und worum wetten wir?“

„Ach so“, sagte er. „Hm, na ja. Keine Ahnung.“

„Derjenige, der verliert, muß dem anderen etwas schenken – etwas Schönes“, schlug ich vor.

„Gut, abgemacht.“ Matty folgte mir, als ich Hazel zum Absatteln in den Stall führte. Jörn und Sepp hämmerten in einer der Boxen herum, und ich hörte Sepp ein paarmal kräftig fluchen.

„Das verdammte Holz ist schon ganz morsch“, sagte Jörn, und Matty erwiderte sorgenvoll: „Die Boxen dort hinten sind die ältesten im Stall. Sie müßten erneuert werden, aber ich glaube nicht, daß wir uns das leisten können.“

Ich ging zum Abendessen nach Hause, versprach aber, später wiederzukommen und bei der Stallarbeit zu helfen. Als ich ins Kavalierhäusl kam, war mein Vater allein. Er ging unruhig in der Küche auf und ab und sagte, Kirsty wäre mit dem Fahrrad losgefahren, um Herrn Alois zu suchen.

„Sie macht sich Sorgen, weil er seit heute vormittag versehwunden ist“, sagte Vater. „Wahrscheinlich streunt er nur irgendwo herum. Aber Kirsty fürchtet, es könnte ihm etwas passiert sein, weil er vorher noch nie weggelaufen ist.“

Ich setzte mich in den Schaukelstuhl, sah auf meine schmutzigen Zehen nieder und erwiderte: „Wahrscheinlich ist auf einem der Höfe oder im Dorf eine Hündin läufig. Es wird schon nichts passiert sein.“

Vater nickte. „Deine Haare sind ja ganz grün“, sagte er geistesabwesend.

„Wir haben im Weiher gebadet. Soll ich uns ein paar Spiegeleier mit Speck braten?“

„Das wäre prima.“ Er seufzte, ließ sich auf der Eckbank nieder und sah zu, wie ich die Pfanne auf den Herd stellte, ein Stück Butter hineintat und Speck aus dem Kühlschrank holte. Dann sagte er: „Du fühlst dich doch jetzt ganz wohl hier, nicht?“

„Es geht“, erwiderte ich und merkte, wie abweisend meine Stimme klang. „Hast du heute im Schuppen gearbeitet?“

„Ja, zusammen mit Kirsty. Wir sind schon ein gutes Stück vorwärtsgekommen. Aber jetzt muß der Glaser ein größeres Fenster einsetzen. Sie braucht viel Licht zum Arbeiten.“

Ich dachte: Natürlich – Kirsty braucht . . . Laut sagte ich: „Ich brauche auch etwas – Reitstiefel, wenigstens aus Gummi. Mit diesen Ungetümen, die mir viel zu groß sind, kann ich nichts mehr anfangen. Außerdem gehören sie mir nicht.“

Ich machte mich darauf gefaßt, die Sache mit meinem Vater durchzufechten, falls er Einwände erheben sollte, doch er antwortete nur: „Natürlich. Wenn wir nächstesmal nach Rosenheim fahren, bekommst du sie.“

Ich sagte nichts mehr. Eigentlich wäre es mir fast lieber gewesen, er hätte nicht so bereitwillig ja gesagt, sondern mich in meinem Verdacht bestätigt, daß für Kirsty alles getan wurde, für mich aber nichts.

Wir aßen die Spiegeleier, und ich merkte dabei, daß Vater immer wieder aus dem Fenster sah. Doch Kirsty kam nicht zurück, und auch Herr Alois tauchte nicht auf.

Nach dem Essen zog ich mich für die Stallarbeit um und machte mich wieder auf den Weg nach Dreililien. Als ich zwei Stunden später müde und schmutzig durch die Gartenpforte zum Kavaliershäusl hinkte, lehnte Kirstys Fahrrad an der Hausmauer. Sie saß in der Küche, war blaß unter der Sonnenbräune und hatte ein Glas Milch vor sich stehen, das sie nicht anrührte.

Mein Vater versuchte sie zu trösten. „Er streunt nur herum, er kommt schon wieder!“ versicherte er. „Elinor meint auch, daß wohl irgendwo eine Hündin läufig ist. Rüden riechen so etwas meilenweit.“

Kirsty sagte gar nichts. Sie tat mir leid, wie sie so unglücklich auf der Bank kauerte. Ich wehrte die weiche Regung jedoch rasch ab, ging ins Badezimmer und stellte den Heißwasserboiler an, den Vater neu eingebaut hatte.

Ich duschte und wusch mir die Haare. Dann saß ich noch in meinem Zimmer und hörte Musik bei Kerzenlicht. Später schrieb ich mehrere Seiten in mein Tagebuch und stellte fest, daß Jörns Name immer häufiger darin auftauchte. Beim Schreiben gingen meine Gedanken mehrmals zu dem Augenblick am Weiher zurück, als er mich vom Pferd gehoben hatte.

Es war so schwer zu ergründen, was Jörn fühlte und dachte. In diesem Moment hatte ich geglaubt, daß er mich gern hätte und mich anziehend fand; jetzt aber zweifelte ich schon wieder daran.

Draußen wurde es dunkel, und ich hörte, wie Kirsty ums Haus ging und nach ihrem Hund rief. Ich trat ans Fenster und sah hinaus. Der Mond schien. Kirsty stand als dunkler Schatten an der Gartenpforte. Dann hörte ich; die Haustür gehen. Mein Vater kam durch den Vorgarten und trat neben sie.

Ich verließ meinen Platz am Fenster, legte mich aufs Bett, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und sah zur Zimmerdecke auf, über die der Widerschein der Kerzenflamme züngelte.

Dann schlief ich wohl ein, ohne es richtig zu merken, denn als ich wieder erwachte, war die Kerze erloschen, und es war stockdunkel im Zimmer.

Ich merkte, daß ich angekleidet auf dem Bett lag. Ein Geräusch hatte mich geweckt. Ich lauschte in die Finsternis und hörte Motorenlärm, der schon in der Ferne verklang.

Es war seltsam, daß ich hier vom Geräusch eines einzigen Wagens wach wurde, während ich den Verkehrslärm in der Stadt schon gar nicht mehr wahrgenommen hatte. Doch hier war es ungewöhnlich, wenn die nächtliche Stille von etwas anderem als einsamen Vogelrufen, dem Raunen des Windes in den Zweigen der Eiche oder dem Trommeln des Regens auf das Dach unterbrochen wurde, und meine Sinne hatten sich bereits darauf eingestellt.

Plötzlich fragte ich mich, wer da nachts mit dem Wagen durch dieses abgeschiedene Tal fahren mochte. Jörn vielleicht? Oder war es mein Vater?

Ich richtete mich auf und lauschte wieder. Jetzt war es ganz still, fast zu still. Im Dunkeln tappte ich ans Fenster und sah hinaus.

Ein schwacher Lichtschein erhellte den Garten, Licht aus den Küchenfenstern. Unruhe erfaßte mich. Ich tastete mich an der Wand entlang zum Bett, zündete eine neue Kerze an und ging dann die Treppe hinunter.

Einen Augenblick lang blieb ich vor der Küchentür stehen. Ich hörte keine Stimmen, doch ein anderes Geräusch wie von schweren, qualvollen Atemzügen.

Ich erschrak so, daß die Kerze in meiner Hand zu zittern begann. Sekundenlang zögerte ich. Dann klopfte ich leicht an die Tür und öffnete.

Kirsty kniete auf dem Fußboden. Ich sah nur ihren Hinterkopf, ihr offenes, goldbraunes Haar, ihren schmalen Rücken und ihre bloßen Füße. Dann wanderte mein Blick weiter. Sie beugte sich über etwas – ein braunes Bündel, das auf einer Decke neben ihr lag.

Von diesem braunen Bündel kamen die qualvollen Atemzüge. Es dauerte einen Augenblick, bis mir klar wurde, daß Kirstys Hund da auf der Decke lag, und daß er vielleicht sterben würde.

Mein Herz klopfte schwer. Ich schloß die Tür hinter mir, trat in die Küche und stellte die Kerze auf den Tisch. Erst jetzt wandte sich Kirsty zu mir um.

16

Ihr Gesicht war rot und geschwollen vom Weinen. Ich kniete neben ihr nieder und sah auf den Hund. Er lag in seltsam verkrümmter Stellung da. Seine Augen standen halb offen und waren schrecklich verdreht. Seine Flanken bebten unter den stoßweisen Atemzügen. Vor seinem Maul stand Schaum.

„Er stirbt“, sagte Kirsty verzweifelt. „Er stirbt, und ich kann nichts tun!“

„Soll ich den Tierarzt holen?“ fragte ich leise.

Kirsty sah mich an. Etwas wie Verwunderung zeigte sich in ihrem verquollenen Gesicht. „Du?“ sagte sie, als wäre ich die letzte, von der sie Hilfe erwartete. „Nein, dein Vater ist schon gefahren, um ihn zu holen.“

Sie sah wieder auf den Hund nieder. Er stieß ein dumpfes Röcheln aus. Seine Vorderpfoten zuckten krampfartig. „Aber ich glaube nicht, daß er noch rechtzeitig kommen wird“, fügte sie halblaut hinzu und wischte den Schaum vom Maul ihres Hundes sehr zärtlich und vorsichtig mit einem Taschentuch ab.

Ich sagte: „Aber was ist denn nur passiert? Ist er angefahren worden? Wer hat ihn gefunden?“

„Er muß Gift erwischt haben. Irgend ein Bauer hat wohl einen vergifteten Köder ausgelegt, und er hat ihn gefressen. Als ich vor einer halben Stunde wieder in den Garten ging, um nachzusehen, ob er zurückgekommen ist, lag er vor der Pforte. Er hat sich wohl mit letzter Kraft hierhergeschleppt.“

Gift! Wer konnte nur etwas so Grausames tun – Gift auslegen, um unschuldige Tiere zu töten? Ich hätte heulen mögen vor hilfloser Wut und Enttäuschung darüber, daß man nirgends in Frieden leben konnte.

„Vergifteten soll man Milch geben“, murmelte ich. „Das haben sie uns in der Schule beim Erste-Hilfe-Kurs gesagt.“

Kirsty seufzte. „Ich hab’s schon versucht“, erwiderte sie. „Aber er hat nichts geschluckt. Ich konnte sein Maul nicht richtig aufbringen. Es ist alles danebengelaufen.“

Ich sah mich um. Der blaue Milchtopf stand auf dem Tisch. „Versuchen wir’s noch mal“, sagte ich. „Zusammen. Vielleicht schaffen wir es.“

Wieder sah sie mich mit jenem ungläubigen Ausdruck an. „Aber er ist nicht bei Bewußtsein“, wandte sie ein. „Er wird die Milch nicht schlucken.“

Ich sagte: „Versuchen wir’s trotzdem.“

Sie nickte nur. Ich stand auf, holte einen kleinen Plastikbecher und füllte etwas von der Milch hinein. Dann kniete ich wieder neben Kirsty nieder. Sie umfaßte die Schnauze ihres Hundes mit beiden Händen und versuchte sanft, seine Kiefer zu öffnen. Er zuckte mit den Pfoten und drehte den Kopf ruckartig zur Seite.

Kirsty ließ die Hände sinken; ich sah, wie sie zitterte. „Es geht nicht“, sagte sie.

Stumm reichte ich ihr den Plastikbecher. Ich legte die linke Hand über Herrn Alois’ Schnauze und die rechte darunter, fuhr mit Daumen und Zeigefinger zwischen seine Zähne und öffnete sein Maul mit sanfter Gewalt. Diesmal wehrte er sich nicht.

„Jetzt“, sagte ich. „So müßte es gehen!“

Ich hob seine Schnauze ein wenig an, und Kirsty goß rasch Milch zwischen seine Lefzen. Ein paar Tropfen versickerten in seinem Fell, doch die meiste Milch floß ins Maul, und als ich auf seinen Hals sah, bemerkte ich eine krampfhafte Schluckbewegung.

„Er hat geschluckt!“ flüsterte ich triumphierend. „Weiter – je mehr Milch wir in ihn hineinbekommen, um so besser ist es!“

Der Becher war fast leer, als wir aufhören mußten, da ihm jetzt die Milch aus dem Maul lief. „Warten wir ein paar Minuten“, sagte ich. „Dann versuchen wir’s noch mal.“

Kirsty stellte den Becher beiseite. Ich stand auf und füllte ihn von neuem mit Milch. Der Hund stieß jetzt röchelnde Laute aus, die mich immer stärker ängstigten. Ich dachte: Wenn nur Vater endlich mit dem Tierarzt käme! Doch kein Motorengeräusch war zu hören, und ich ging wieder zu Kirsty zurück.

Sie streichelte ihren Hund. Ich sah von der Seite, daß ihr die Tränen übers Gesicht liefen. Sie tat mir leid; ja, ich merkte, daß ich plötzlich überhaupt keinen Haß mehr gegen sie empfand. Irgend etwas in mir begriff oder ahnte, daß sie lange allein gewesen sein mußte, weil sie so sehr an ihrem Hund hing, daß er vielleicht eine Art Familienersatz für sie gewesen war.

Ich hielt ihr den Becher hin. Da sagte sie mit erstickter Stimme: „Lassen wir es doch. Es nützt sowieso nichts. Wir quälen ihn nur unnötig.“

„Vielleicht ist’s aber doch eine Chance“, erwiderte ich hartnäckig. „Wenn der Tierarzt hier wäre, würde er ihm wahrscheinlich den Magen auspumpen. So etwas ist sicher auch eine Plage, aber wenn es hilft . . . Nur noch diesen Becher, Kirsty!“

Einen Augenblick zögerte sie noch. Dann nickte sie, und wir begannen von neuem mit der Prozedur: Ich öffnete mit sanfter Gewalt das Maul des Hundes, und Kirsty goß ihm die Milch zwischen die Lefzen.

Wunderbarerweise schluckte er wieder. Er verschluckte sich zwar ein paarmal und versuchte in seiner Betäubung immer wieder, den Kopf wegzudrehen, doch wir schafften es, ihm immerhin etwa die Hälfte der Milch einzuflößen.

Herr Alois atmete schwer wie nach einem langen, anstrengenden Lauf, als wir seinen Kopf endlich wieder auf die Decke legten. Ein paarmal hatte er die Augen weit geöffnet, doch seine Augäpfel waren noch immer grausig verdreht.

Kirsty legte die Hand auf seine Brust und flüsterte: „Sein Herz rast. Hoffentlich hält es durch!“

„Er ist doch ein Bastard“, sagte ich tröstend, obwohl ich selbst nur wenig Hoffnung hatte. „Bastarde sind zäh. Sicher schafft er es.“

Eine Weile kauerten wir stumm nebeneinander. Kirsty wandte den Blick nicht von ihrem Hund. Unvermittelt sagte sie: „Überall, wo man hinkommt, ist Haß und Zerstörung. Es gibt keinen Ort, an dem man davor sicher sein könnte – nicht einmal hier.“

Haß und Zerstörung . . . Ich fühlte mich plötzlich schuldig, weil ich ihr gegenüber die ganze Zeit so haßerfüllt gewesen war. Sie hatte sich nicht dagegen gewehrt, hatte mich sogar bei meinem Vater verteidigt und versucht, mich zu verstehen. Jetzt, wo mein Haß verflogen war, verstand ich mich selbst nicht mehr.

Ich sah Kirsty an und sagte leise: „Es tut mir leid, Kirsty.“

Ich weiß nicht, ob sie begriff, daß ich nicht nur die Sache mit Herrn Alois meinte, sondern so manches andere auch. Vielleicht wußte sie es. Sie sah mich an und nickte nur.

Mehr wurde nicht zwischen uns geklärt, auch später nicht. Kirsty war kein Mensch, bei dem man viele Worte machen mußte. Sie erwartete auch keine großartigen Entschuldigungsreden. In der Zeit danach, als ich ihr gegenüber keine Vorurteile mehr hatte, lernte ich, daß sie sich immer bemühte, andere zu verstehen.

In dieser Nacht kam ich jedoch nicht mehr dazu, mir mehr Gedanken über sie und mich zu machen, denn plötzlich bäumte sich der Hund auf, und sein Körper wurde von einem gewaltigen Würgen erschüttert. Zuerst erschrak ich zutiefst und dachte: Das ist der Todeskampf. Er stirbt!

Doch so war es nicht. Ehe ich noch recht begriff, was geschah, torkelte er wie ein Betrunkener von seiner Decke hoch. Dann knickten die Beine unter ihm zusammen, und im Liegen erbrach er sich.

Es war fürchterlich und qualvoll. Und doch waren wir auch froh, weil wir wußten, daß nur das ihn retten konnte, daß er alles Gift, das noch in seinem Magen war, ausspucken mußte, um weiterleben zu können.

Kirsty holte Haushaltspapier und einen Eimer und wischte alles auf. Sie ekelte sich nicht. Ich aber saß untätig dabei, roch den Gestank, hörte die Geräusche, die klangen, als würde das Innere des Hundes nach außen gedreht, und mir wurde so übel, daß ich dachte, ich müßte mich ebenfalls übergeben.

Nur zu gern wäre ich in mein Zimmer verschwunden. Trotzdem blieb ich, denn es wäre mir feige vorgekommen, jetzt zu gehen. Ich wollte Kirsty nicht allein lassen. Obwohl ich ihr in dieser Lage nicht mehr von Nutzen sein konnte, hatte ich doch das Gefühl, daß es ihr gut tat, nicht allein zu sein.

Nach einer Zeit, die mir endlos lange erschien, spuckte Herr Alois nur noch Galle. Er war völlig ausgepumpt und schwach, lag mit zitternden Gliedern auf der Seite und atmete nur noch ganz flach. Trotzdem hofften wir, daß er die Krise überstanden hatte – wenn sein Herz stark genug war.

Schließlich schlief er ein. Ich öffnete die Fenster weit, während Kirsty den Boden noch einmal mit einem nassen Tuch aufwischte.

Eine Weile blieb ich am Fenster stehen und atmete die frische Nachtluft in tiefen Zügen ein. Es duftete nach Heu und Pferden, und mir war, als hätte ich mindestens einen Marathonlauf oder eine große Prüfung hinter mich gebracht.

Während ich noch am Fenster stand, hörte ich Motorengeräusch aus der Ferne. Dann sah ich die Lichter von Scheinwerfern zwischen den Haselnußsträuchern aufleuchten.

Es war Vater mit dem Tierarzt.

17

Wie der Tierarzt sagte, hatten wir das Richtige getan. Er gab Herrn Alois noch eine Spritze, um sein geschwächtes Herz zu stärken, und meinte dann, jetzt könne man nur noch abwarten, ob die robuste Natur des Hundes den Sieg über das Gift davontrug. Er versprach, am Nachmittag noch einmal hereinzuschauen, und ließ sich von Vater wieder nach Hause fahren.

Da es nichts mehr zu tun gab, ging ich in mein Zimmer. Kirsty blieb bei ihrem Hund und hielt für den Rest der Nacht Wache. Ich war todmüde, aber hellwach, lag im Bett, hörte, wie mein Vater einige Zeit später zurückkam, sah, wie hinter den Fenstern die Dämmerung hereinbrach und hörte das erste Zwitschern der Schwalben im Morgengrauen.

Erst als es schon hell war, schlief ich ein und wurde von unruhigen Träumen geplagt. Ein Klopfen an der Tür weckte mich schließlich.

Ich schreckte hoch; da stand mein Vater im Türrahmen, ein Tablett in den Händen, und sagte: „Ich bringe dir dein Frühstück.“

Einen Augenblick lang sah ich ihn verwirrt an. Dann fiel mir plötzlich alles wieder ein, und ich fragte: „Wie geht es ihm? Ist er . . . lebt er noch?“

„Herrn Alois geht’s besser“, erwiderte Vater. „Er schläft die ganze Zeit, aber Kirsty meint, daß er das Schlimmste überstanden hat. Sie hofft, daß er sich gesund schläft.“

Zum erstenmal weckte es keine Wut oder Eifersucht in mir, ihren Namen aus seinem Mund zu hören. Ich richtete mich schlaftrunken auf, und er kam ans Bett und stellte das Tablett etwas ungeschickt auf meine Bettdecke.

„Hier“, sagte er. „Kaffee und frische Sahne und aufgebackene Semmeln mit Marmelade und Honig.“

Als ich das Frühstück sah, merkte ich erst, wie hungrig ich war. „Wie spät ist es?“ fragte ich und griff nach der Kaffeetasse.

„Zehn Uhr“, sagte Vater und blieb mit hängenden Armen vor meinem Bett stehen. „Aber bleib ruhig noch eine Weile liegen, das war eine anstrengende Nacht.“

Ich warf einen Blick zum Fenster. Draußen war es trüb – der erste trübe Tag seit unserem Einzug im Kavalierhäusl. Ein richtiger Tag zum Faulenzen; doch ich wollte zu Jörn und Matty, um ihnen alles zu erzählen und mit den Pferden zu helfen. Außerdem sollte ich ja jetzt täglich eine Reitstunde bekommen . . .

Ich biß in die Marmeladensemmel, und mein Vater ging zur Tür. Mit vollem Mund sagte ich: „Danke fürs Frühstück, Paps.“ So hatte ich ihn lange nicht mehr genannt.

Er drehte sich zu mir um, Sein Gesicht strahlte so, daß mir richtig warm ums Herz wurde. Ich konnte mir plötzlich vorstellen, wie er als kleiner Junge ausgesehen hatte. „Für das Frühstück?“ sagte er. „Das war doch weiter nichts. Aber dank dir, Elinor – du weißt schon, wofür.“

„Ist schon in Ordnung“, sagte ich.

Herr Alois schlief noch immer, als ich etwas später in die Küche kam, doch er atmete regelmäßiger, und sein Körper wirkte entspannt. Kirsty saß mit dem Strickzeug im Schaukelstuhl, lächelte mir entgegen und sagte: „Ich glaube, wir haben’s geschafft, Nell.“

Sie nannte mich nicht mehr Elinor wie mein Vater, sondern gebrauchte den Namen, den Matty für mich gefunden hatte. Ich merkte, daß ich sie plötzlich mit ganz neuen Augen betrachtete. Erst jetzt konnte ich sehen, daß ihr Gesicht weich war und ihre Augen sanft, und daß mir die Art, wie sie sich kleidete, gefiel – die braune Pluderhose und dazu die bestickte Trachtenjacke, die an den Ellbogen schon ein wenig durchgescheuert war.

Eine Art geheimes Einverständnis schien zwischen uns zu bestehen; so, als hätten die gemeinsamen Bemühungen um den todkranken Hund uns verbunden. Doch das alles war so ungreifbar, daß ich es nicht aussprechen konnte oder wollte. Ich konnte nur hoffen, daß Kirsty das gleiche empfand wie ich.

Ich räumte das Tablett ab und spülte meine Tasse und die Teller. Im Schuppen rumorte es; offenbar arbeitete Vater wieder an der Töpferwerkstatt. Das Geräusch ärgerte mich plötzlich nicht mehr, ebensowenig wie das Klappern von Kirstys Stricknadeln. Im Gegenteil, jetzt fand ich beides anheimelnd, und das Haus erschien mir freundlich und friedlich mit den tiefblauen Klematissternen vor dem Küchenfenster, den Malven, die im Garten blühten, und Kirstys Topfpflanzen auf dem Fenstersims.

Obwohl die Sonne nicht schien und das Tal im Schatten lag, war es doch schön im Freien. Eine kleine Gruppe von Pferden stand am Koppelzaun, als ich den Pfad entlang ging, der zur Wegkreuzung führte. Ich blieb stehen, verteilte die Karotten, die ich eingesteckt hatte, und sah Isabell und ihrem Fohlen eine Weile zu.

Auf dem Dreililienhof war es merkwürdig still, als ich zur Toreinfahrt kam. Weder Matty noch Jörn waren zu sehen. Im Stall war nur Schorsch und besserte einen Riß in einem Futtertrog aus.

Er sah so mürrisch drein und antwortete kaum auf meinen Gruß, daß ich ihn nicht fragen wollte, wo die beiden waren. Ich ging zur Südweide, wo die einjährigen Fohlen grasten, doch auch da waren Matty und Jörn nicht.

Ins Haus wagte ich mich noch immer nicht. Unschlüssig kehrte ich zur Toreinfahrt zurück. Eine Frau stand dort. Ich sah sie von weitem und wäre am liebsten umgekehrt, doch das wäre wohl zu unhöflich gewesen. Es war Jörns und Mattys Mutter, Frau Moberg. Ich hatte sie erst ein paarmal flüchtig gesehen; eine blasse, unscheinbare Frau mit tiefliegenden Augen und einem ständig besorgt wirkenden Gesichtsausdruck.

Als sie mich kommen sah, machte sie eine halbe Wendung mit der Schulter, als wollte sie ihrerseits vor mir weglaufen. Dann blieb sie aber doch stehen, sah mich an und sagte hastig: „Entschuldige . . . hast du einen der Jungen gesehen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ich suche sie selbst.“

Die Besorgnis in ihrem Gesicht verstärkte sich. Sie warf mir einen ratlosen Blick zu, und ich hätte sie gern gefragt, ob denn etwas passiert sei. Ehe ich mich noch entschließen konnte, nickte sie mir kurz zu, wandte sich ab und ging durchs Tor zum Wohnhaus.

Ich blieb stehen und sah ihr nach. War irgend etwas vorgefallen, oder wirkte sie vielleicht immer so, als befürchtete sie dauernd eine Katastrophe? Seltsam, zu denken, daß diese unsichere, unscheinbare Frau Jörns und Mattys Mutter war.

Während ich noch dastand und überlegte, knirschte plötzlich der Kies der Auffahrt. Gleich darauf hörte ich das Geräusch einer Fahrradklingel. Ich drehte mich um und erwartete, Matty zu sehen, aber es war Carmen.

Ich dachte, daß es wohl keinen unpassenderen Namen für sie geben konnte als den, den ihre Eltern ausgesucht hatten. Wie kamen bayerische Bauern nur dazu, ihrer Tochter einen spanischen Vornamen zu geben?

Sie hatte Sonnenbrand auf der Stirn, und die Haut auf ihrem Nasenrücken schälte sich, so daß darunter ein rosaroter Fleck schimmerte. Das fiel mir auf, als sie neben mir anhielt und vom Fahrrad stieg.

„Hallo“, sagte sie. „Was macht das Reiten?“

„Momentan gar nichts. Matty und Jörn scheinen verschwunden zu sein.“

„Die tauchen bestimmt gleich auf. Hast du mal im Haus nachgesehen?“

„Nein“, sagte ich. „Aber da sind sie wohl nicht, weil Frau Moberg mich gerade gefragt hat, ob ich sie gesehen hätte.“

„Hm“, murmelte Carmen. Sie schob ihr Fahrrad ein Stück weiter und lehnte es gegen die Stallmauer. Ich folgte ihr. Im Stall war noch immer niemand als Schorsch, doch Carmen ließ sich von seiner mürrischen Miene nicht einschüchtern und fragte, wo die Jungen wären.

Ohne sich nach uns umzusehen, erwiderte er brummend, er hätte keine Ahnung, und schließlich wäre er kein Kindermädchen.

„Dem ist was über die Leber gelaufen“, stellte Carmen nüchtern fest, als wir wieder aus dem Stall traten. „Jetzt hole ich jedenfalls mal die Joschi von der Weide und sattle sie. Vielleicht taucht Jörn inzwischen auf.“

„Hoffentlich“, sagte ich. „Ich weiß nicht, Carmen, aber . . . Du, ob vielleicht etwas passiert ist?“

„Passiert?“ Ihre runden Augen musterten mich erstaunt. „Wie kommst du denn darauf?“

„Ach, ich weiß nicht. Es kommt mir nur merkwürdig vor, daß keiner von den beiden da ist. Schließlich weiß Jörn, daß du heute Reitstunde hast. Außerdem heißt es doch immer, daß ein Unglück selten allein kommt.“ Und ich erzählte ihr, daß Kirstys Hund irgendwo Gift gefressen hatte und beinahe daran gestorben wäre.

Carmen hörte aufmerksam zu, blieb am Gatter stehen und sagte: „Verdammt, schon wieder so eine Schweinerei! Vor einem halben Jahr ist unsere Katze vergiftet worden, und die vom Wirt ebenfalls. Irgend jemand in der Gegend legt vergiftete Köder aus – aber frag mich bloß nicht, warum ein Mensch so was tut!“

„Wahrscheinlich ist es jemand, der Tiere haßt und Vergnügen dabei empfindet, sie umzubringen“, sagte ich. „Kirsty hat schon recht, wenn sie sagt, daß man nirgends vor Haß und Zerstörung sicher sein kann.“

Carmen nickte. „Vielleicht sind das Leute, die selber nie geliebt worden sind“, erwiderte sie nachdenklich. „Solche, die mit Brutalität und Härte aufgewachsen sind und sich jetzt an den Schwächsten und Hilflosesten dafür rächen – und das sind nun mal die Tiere.“

„Oder Kinder“, murmelte ich. „Es soll ja auch genügend Leute geben, die Kinder mißhandeln, meistens sogar ihre eigenen.“

Das Gespräch verstärkte meine düstere Stimmung. Plötzlich war ich äußerst niedergeschlagen und hatte das sichere Gefühl, daß etwas Schlimmes passiert war.

Wir führten Joschi in den Stall und sattelten sie gemeinsam. Als wir über den Pfad gingen, der zur Schwammerlwiese führte, saß da ganz unvermutet jemand am Wegrand zwischen den Büschen.

Joschi wich ein Stück zurück und schnaubte erschrokken, und auch ich erschrak. Dann aber sah ich, daß es Jörn war. Auch die Stute erkannte ihn und beruhigte sich wieder.

Er stand auf. Sein Gesicht war so verschlossen, daß ich nicht den Mut fand, ihm eine Frage zu stellen. Sogar Carmen wirkte eingeschüchtert. Sie sagte nur „Hallo“, und Jörn nickte uns stumm zu und ging voraus zur Wiese. Diana kam aus dem Gebüsch gekrochen und folgte ihm mit eingezogenem Schwanz.

Carmen und ich wechselten einen Blick. Sie zuckte mit den Achseln. Dann stieg sie aufs Pferd und ritt im Schritttempo zur Mitte der Wiese, während Jörn mit hängenden Schultern stehenblieb. Er hatte die Hände tief in den Hosentaschen vergraben und starrte in die Luft.

„Jörn“, sagte ich, „wo ist Matty?“

Einen Augenblick lang schien es, als wollte er mir nicht antworten. Dann erwiderte er, ohne mich anzusehen: „Keine Ahnung. Er hat sich wohl irgendwo verkrochen.“

Verkrochen? Ehe ich den Mut aufbrachte, weiter zu fragen, begann Jörn Kommandos zu geben. Carmen und Joschi müßten leichttraben, aussitzen, im Viereck reiten, halbe und ganze Wendungen machen, auf dem Zügel reiten, durch die Bahn wechseln, Volten machen, Schlangenlinien durch die Bahn reiten und sonst noch so allerhand. Es hagelte Befehle, und ich stand dabei und sah mit offenem Mund zu, beunruhigt und erschrocken.

Reiterin und Pferd schwitzten schon nach kürzer Zeit heftig und taten mir aufrichtig leid. Es war eine Reitstunde zum Abgewöhnen. Jörn schenkte den beiden nichts. Ich merkte, daß er seinen ganzen unausgesprochenen Ärger, seine Sorgen oder was es auch sein mochte, was ihn bedrückte, an Carmen und Joschi ausließ.

Was mich betraf, so tat er, als wäre ich Luft. Ich hielt es etwa eine Viertelstunde lang aus, dann mochte ich nicht mehr zusehen. Ich unternahm auch keinen Versuch mehr, mit Jörn zu reden. Im Augenblick hatte es ja doch keinen Sinn. Stumm verließ ich die Reitwiese, und er hielt mich nicht zurück.

Dann begann ich nach Matty zu suchen. Ich ging zur Koppel, die dem Kavaliershäusl am nächsten war, und sah am Waldrand und im alten Viehunterstand nach, doch da war er nicht. Dann suchte ich ihn in der Sattelkammer, auf dem Heuboden über dem Stall, in der Futterkammer, im Werkzeugschuppen, in der Remise, wo zwei altersschwache Kutschen standen, und im halb verfallenen Gartenhäuschen hinter den Birken.

Erst dann fiel mir die Aussichtsbank ein, die auf der Anhöhe hinter Dreililien stand. Von dieser Bank aus hatte man einen besonders schönen Blick über das ganze Tal und die Wiesen und Felder bis hin zum Dorf. Ich wußte, daß Matty dort abends manchmal nach der Stallarbeit saß und auf der Mundharmonika übte oder in sein Tagebuch schrieb.

Er saß auch diesmal dort, doch ohne Mundharmonika und Tagebuch. Er hatte die Arme um seine Knie geschlungen und den Kopf daraufgelegt. Ich sah nur seine Haare, die ziemlich zerrauft waren. Ob er mich kommen hörte, weiß ich nicht, denn er sah nicht auf; auch nicht, als ich mich neben ihn auf die Bank setzte.

Eine Weile schwieg ich und wartete auf ein Zeichen von ihm, doch er blieb unbeweglich in der gleichen Stellung sitzen.

Schließlich sagte ich leise: „Matty, was ist los?“

Jetzt erst hob er den Kopf, und ich sah, daß er geweint hatte. Sicher wußte er, daß Tränenspuren auf seinem Gesicht waren, aber er schien sich nicht dafür zu schämen. Wie ein kleiner Junge fuhr er sich mit dem Handrücken über die Nase, und seine Stimme zitterte ganz leicht, als er erwiderte: „Hat Jörn es dir nicht erzählt?“

Ich schüttelte den Kopf. „Er hat nichts gesagt.“

Matty strich seine Haare zurück, so daß sie noch wilder nach allen Seiten abstanden. „Es hat ja sowieso alles keinen Sinn“, sagte er.

Ich hatte das Gefühl, gleich aus der Haut fahren zu müssen. „Aber was ist denn, zum Teufel? Was ist los?“

„Die Pferde sollen verkauft werden, das ist los“, erwiderte er heftig. „Alle bis auf drei oder vier.“

Ich starrte ihn an. Einen Moment lang war ich unfähig, es zu begreifen. „Die Pferde? Verkauft?“ wiederholte ich einfältig. „Aber . . . hat das dein Vater gesagt?“

Matty nickte. In seinen Augen war ein so verzweifelter Ausdruck, daß ich am liebsten selbst losgeheult hätte. Ich sagte rasch: „Aber das meint er sicher nicht ernst. Ihr habt doch hier immer Pferde gehabt, ihr lebt ja von den Pferden . . .“

Matty sagte bitter: „Das ist es ja gerade – wir können nicht mehr von den Pferden leben. Sie bringen nicht genug ein. Und obendrein schaffen wir die viele Arbeit kaum noch. Wir bräuchten einen Pferdepfleger mehr, aber das können wir uns nicht leisten. Wenn mein Vater selbst mitarbeiten könnte wie früher, wäre die Sache anders. So aber . . .“ Er verstummte und starrte trostlos vor sich hin.

Eine Weile versanken wir in Schweigen. Ich hätte ihn so gern getröstet, aber mir fiel nichts ein, was ich ihm hätte sagen können. Es gab keinen Trost. Der Gedanke, mit ansehen zu müssen, wie fast alle Pferde von Dreililien abtransportiert wurden, einem ungewissen Schicksal entgegen, machte mich selbst fast krank. Wieviel schlimmer mußte es erst für Matty und Jörn sein, die doch mit den Pferden aufgewachsen waren und jedes einzelne liebten!

Nach einer Weile sagte ich leise: „Und wann . . . wann ist es soweit?“

„Bald“, erwiderte Matty tonlos. „Er sagt, er will die Pferde möglichst schnell verkaufen – sobald er einen Käufer findet, der ihm einen anständigen Preis bietet.“ Er ließ den Kopf hängen. „Ich weiß nicht, ob ich das aushalte, Nell. Ich glaube, ich muß von hier weg.“

Ich erschrak noch mehr. „Aber Matty!“ sagte ich. „Du bist doch so gern auf Dreililien. Das ist dein Zuhause, hierher gehörst du! Und überhaupt – wohin willst du denn gehen?“

„Ich weiß nicht. Aber ich kann nicht hierbleiben, wenn er die Pferde weggibt, das kann ich einfach nicht. Das mußt du doch verstehen, Nell!“

Ich sah ihn an. Die Welt war plötzlich dunkel und trostlos, und die Verzweiflung in Mattys Augen tat mir fast körperlich weh. Jetzt weinte er.

Ich rückte dichter an ihn heran und schlang ganz einfach die Arme um seinen Hals. Da legte er seinen Kopf an meine Schulter. Ich hörte, wie er schluchzte, spürte die Erschütterung mit meinem eigenen Körper und wurde seltsam ruhig dabei. Ich dachte: So muß es sein, so ist es richtig. Dafür hat man Freunde – daß man vor ihnen weinen kann und von ihnen in die Arme genommen und getröstet wird, wenn man elend und unglücklich ist.

Die Anspannung, die sich während der letzten Stunde in mir ausgebreitet hatte, wich, und mir wurde wieder warm. Ein Gefühl von Lebendigkeit stieg in mir auf, und etwas wie Hoffnung.

Es muß einen Ausweg geben, dachte ich. Wir dürfen es nicht so einfach hinnehmen wie ein unabänderliches Schicksal. Und während Mattys Schluchzen langsam verebbte, wuchs in mir die Überzeugung, daß wir gemeinsam eine Lösung finden konnten, wenn wir nur wollten.

18

„Eigentlich finde ich Nells Idee gar nicht so schlecht“, sagte Jörn langsam und musterte mich fast überrascht, als hätte er mir nicht zugetraut, daß auch ich einmal einen brauchbaren Einfall hatte.

Ich erwiderte ziemlich spöttisch: „Ja, ein blindes Huhn findet auch einmal ein Korn!“ Und wir wechselten einen Blick und wußten nicht recht, ob wir lachen oder uns streiten sollten.

„Seid bloß friedlich“, sagte Carmen besänftigend. „In die Haare kriegen könnt ihr euch ein andermal. Also, ich halte Nells Vorschlag auch für gut. Was meinst du, Matty?“

Matty machte ein zweifelndes Gesicht. „Mit einem Reitschulbetrieb hat noch keiner Reichtümer verdient“, sagte er.

„Wir wollen ja gar keine Reichtümer verdienen“, wandte Jörn ein. „Es geht doch nur darum, daß wir genug Geld zum Leben haben und wenigstens noch einen Pferdepfleger bezahlen können. Etwas anderes will Vater ja gar nicht.“

Wir saßen auf der Schwammerlwiese im Kreis beisammen wie ein indianischer Kriegsrat. Joschi wanderte noch mit Sattel und schleifenden Zügeln am Zaun entlang und fraß von dem fetten Gras. Carmen hatte sich nicht Zeit genommen, die Stute abzusatteln und auf die Koppel zurückzubringen, als Matty und ich erschienen waren, um meinen Vorschlag zu besprechen.

„Einen Pferdepfleger, ja“, sagte Matty. „Aber womit sollen wir einen Reitlehrer bezahlen? Könnt ihr mir das sagen?“

„Ihr könnt doch selbst Reitunterricht geben“, meinte Carmen. „Das tut ihr ja jetzt schon.“

„Und was ist mit der Schule?“ fragte Jörn. „Sollen wir die sausen lassen? Ich stehe kurz vor dem Abitur, und Matty hat’s gerade noch geschafft, versetzt zu werden. Wir tun jetzt schon zu wenig für die Schule.“

Einige Zeit herrschte betretenes Schweigen, Mein schöner Plan, die Pferde zu retten, indem auf Dreililien eine Reitschule eröffnet wurde, war bei näherem Hinsehen offenbar doch nicht so vollkommen, wie ich geglaubt hatte. Trotzdem war ich nicht bereit, ihn so rasch aufzugeben.

„Es muß ja nicht unbedingt ein perfekter Reitlehrer mit abgeschlossener Ausbildung sein, der ein dickes Gehalt verlangt“, sagte ich schließlich. „Es gibt doch sicher eine Menge Leute, die großartig reiten können und einen Job suchen . . .“

Noch während ich das sagte, kam mir eine neue Idee. Ich sprühte an diesem Tag förmlich vor Einfallsreichtum – das passiert mir eigentlich immer nur dann, wenn ich glaube, in einer ausweglosen Lage zu sein.

„Hört mal“, fuhr ich hastig fort, „in München gibt’s so eine Art alternative Stadtzeitung. Sie erscheint alle zwei Wochen und ist voller Kleinanzeigen. Da suchen ziemlich viele Leute nach einem Job – junge Leute hauptsächlich, die gerade arbeitslos sind oder keine Lust haben, irgendwo in einem Büro oder in einer Fabrik zu arbeiten. Wir könnten doch mal versuchen, da eine Anzeige aufzugeben! Vielleicht meldet sich jemand, der pferdenärrisch ist und obendrein gut reiten kann. Jemand, der froh ist, wenn er auf dem Land leben und mit Pferden arbeiten kann und eine kostenlose Unterkunft hat.“

Ich verstummte und holte Luft. Jörn und Matty sahen mich nachdenklich an. Carmen nickte heftig und sagte: „Genau! Jemand, der mit wenig Geld zufrieden ist, wenn er eine Arbeit findet, die ihm Spaß macht. So was gibt es doch sicher!“

„Vielleicht“, murmelte Matty, und zum erstenmal an diesem Tag erschien ein Hoffnungsschimmer auf seinem Gesicht. „Ich jedenfalls würde sofort zugreifen, wenn ich in der Stadt wäre und so eine Anzeige lesen würde!“

„Ich auch“, sagte Jörn. „Ist doch klar.“

Carmen strahlte so, daß sie richtig hübsch aussah. „Na also! Man braucht ja auch nicht jeden Tag Reitunterricht zu geben, sondern vielleicht dreimal wöchentlich, vor allem an Samstagen, da haben die Leute Zeit und würden bestimmt bis aus Rosenheim hierherkommen!“

„Ich finde, wir sollten nur Reitunterricht für Jugendliche anbieten“, sagte Jörn. „Erwachsene Reiter stellen oft eine Menge Ansprüche, was die Ausbildung betrifft.“

Ich stimmte eifrig zu. „Genau! Kinder und Jugendliche bis sechzehn oder siebzehn, würde ich sagen. Und im Sommer könntet ihr doch Reiterferien anbieten! Ein paar Wochen Ferien auf dem Land mit Verpflegung und Unterkunft und Reitunterricht, das wäre sicher sehr zugkräftig! Die Leute würden aus ganz Deutschland zusammenströmen, ich schwör’s euch!“

Matty sah nicht besonders begeistert aus. Wahrscheinlich behagte ihm die Vorstellung nicht, eine schnatternde Schar Halbwüchsiger wochenlang täglich im Haus und im Stall zu haben und sich mit ihnen herumplagen zu müssen. Doch er sagte kein Wort. Sicher wußte er auch, daß das viel besser war, als die Pferde weggeben zu müssen.

„Nicht schlecht“, sagte Jörn. „Aber wer soll für die Gäste kochen und die Zimmer saubermachen? Meine Mutter bestimmt nicht, die kommt schon mit unserem Haushalt nicht klar. Und unsere Putzfrau würde sicher sofort kündigen, wenn sie davon erfährt. Eine Köchin und ein Zimmermädchen können wir uns aber bestimmt nicht leisten.“

„Ach was, im Dorf läßt sich schon eine Frau finden, die im Sommer mal ein bißchen Geld dazuverdienen will. Das ist sicher nicht schwierig“, sagte Carmen zuversichtlich. „Ich finde Nells Idee einfach prima, und ihr habt hier schließlich alles, was dazugehört: Pferde, ein großes Haus und eine schöne Umgebung. Da gibt’s doch nicht viel zu überlegen!“

„Für uns vielleicht nicht“, sagte Jörn und seufzte. „Aber warten wir erst mal ab, was Vater zu allem sagt.“

„Wenn wir ihm alles so erklären, wie wir es jetzt besprochen haben, wird er sich die Sache vielleicht doch ernsthaft überlegen“, sagte Matty unerwartet. „Es macht ihm ja selbst auch zu schaffen, daß er die Pferde nicht halten kann. Er liebt sie wohl auf seine Art . . . er ist nur so bitter und mutlos geworden seit seinem Unfall.“

„Vielleicht können wir ihn überzeugen – vielleicht versucht er’s wirklich“, meinte Jörn, doch es klang nicht allzu hoffnungsvoll. „Am besten warten wir bis zum Abend damit. Er sitzt heute über seinen Geschäftsbüchern, da läßt man ihn besser in Ruhe, bis er fertig ist.“

Matty nickte. „Mir wär’s lieber, wir könnten mit ihm reden, aber du hast schon recht. Ich weiß bloß nicht, wie ich es bis zum Abend aushalten soll.“

Ich wußte es auch nicht. Vor Nervosität und Anspannung hatte keiner von uns rechte Lust, irgend etwas zu unternehmen. Carmen mußte nach Hause, um bei der Heuarbeit zu helfen, und wir versprachen, sie abends noch anzurufen und ihr zu erzählen, was Herr Moberg zu unserem Vorschlag gesagt hatte.

Die Mittagszeit war längst vorüber, als Carmen endlich losradelte. Jörn, Matty und ich gingen in den Stall, sattelten Joschi ab und brachten sie auf die Koppel zurück.

Erst später, als ich an die Gartenpforte des Kavaliershäusls kam, fiel mir ein, daß ich Matty und Jörn über all der Aufregung nichts von Herrn Alois erzählt hatte.

Die Haustür öffnete sich, und Kirsty erschien auf der Schwelle. Ihr Gesicht strahlte. Ich bemerkte eine Bewegung hinter ihr und sah, daß Herr Alois sich wieder aufgerappelt hatte. Er wirkte zwar etwas taumelig wie jemand, der nach langer Krankheit zum erstenmal wieder das Bett verläßt. Doch er stand immerhin auf seinen vier Pfoten und wedelte zu meiner Begrüßung sogar leicht mit dem Schwanz.

Ich ging in den Hausflur, kniete nieder und streichelte ihn. Seine Augen waren noch trüb, wie von einem Schleier überzogen, und seine Nase war warm, aber Kirsty sagte glücklich: „Der Tierarzt ist vor zwei Stunden hiergewesen, Nell. Herr Alois hat die Krise überstanden. Ohne dich hätte ich’s nicht geschafft, ihm die Milch einzuflößen – und das hat ihm das Leben gerettet.“

Ich legte meine Wange an den Kopf des Hundes und dachte: Bei ihm haben wir’s geschafft, er ist außer Gefahr. Aber wie ist es mit den Pferden – wird auch da alles gut werden? Und ich merkte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen.

Kirsty sah nicht, daß ich weinte. Ich ging ins Badezimmer und wusch meine Augen mit kaltem Wasser. Als ich in die Küche kam, stand sie am Herd und briet Kartoffelpuffer.

„Wir haben schon gegessen, aber du bist sicher hungrig“, sagte sie.

Ihr zuliebe aß ich zwei von den Kartoffelpuffern und dazu ein bißchen Apfelmus, obwohl ich eigentlich keinen Hunger hatte. Mein Magen war wie zugeschnürt. Vater tauchte auf, mit schmutzigem Gesicht und zerrissener Arbeitshose, die Hemdsärmel hochgekrempelt. Als er an meinem Stuhl vorüberkam, strich er mir übers Haar.

Das hatte er lange nicht mehr getan. Ich dachte, daß ich jetzt hätte glücklich sein können, wenn die Sache mit den Pferden nicht gewesen wäre.

Ich sagte nichts von allem zu Vater und Kirsty. Was mit Dreililien, Jörn, Matty und den Pferden zusammenhing, war noch immer ganz allein meine Angelegenheit; meine Privatsache, die ich mit niemandem teilen wollte.

Später nahm ich mein Tagebuch, zog mich damit auf die Bank unter der Eiche zurück und schrieb alles nieder, was mir in den Sinn kam – von Jörn und Matty und den Pferden, und wie wichtig es mir erschien, aber auch von Kirsty und unserem nächtlichen Kampf um das Leben ihres Hundes, von meiner veränderten Einstellung zu ihr und der Wendung, die mein Leben genommen hatte.

Erst da fiel mir der alberne Wahrsagerzettel vom Volksfest wieder ein. Was für ein seltsamer Zufall war es doch, daß sich die vorgedruckte Prophezeiung aus dem Automaten erfüllt hatte, und daß dieser Zettel ausgerechnet in meine Hände gefallen war und nicht in die von irgend jemand anderem.

„Vielleicht“, schrieb ich in mein Tagebuch, „gibt es doch so etwas wie ein Schicksal. Vielleicht war es eine schicksalhafte Fügung, daß Vater Kirsty kennengelernt hat, daß ich durch sie hierhergekommen bin. Es könnte sogar sein, daß ich dazu bestimmt bin, die Pferde durch meinen Einfall vor dem Verkauf zu retten . . .“

Noch während ich schrieb, zog vom Westen her plötzlich ein Gewitter auf. Ich beobachtete eine Weile regungslos, wie sich die blauschwarzen Wolken hinter den Tannenwipfeln türmten. Der Wind, der die Blätter vorher sacht bewegt hatte, verstärkte sich und strich rauschend durch das Laub der alten Eiche, brauste in den Obstbäumen und verblätterte die Seiten meines Tagebuches, die ich beschrieben hatte.

Ich nahm mein Schreibzeug, brachte es auf mein Zimmer und ging wieder ins Freie. Der Himmel war jetzt sehr dunkel und leuchtete an manchen Stellen bedrohlich schwefelgelb. Der Wind hatte noch an Stärke zugenommen. Die Wälder rauschten, und vom Dorf her klang verwehtes Glockengeläut herüber.

Auf der Koppel standen die Pferde dicht gedrängt vor dem Gatter. Ihre Mähnen und Schweife flatterten im Sturm. Noch während ich zwischen den Haselnußstauden stand und zu ihnen hinübersah, bemerkte ich, wie jemand vom Dreililienhof her zur Koppel gelaufen kam. Es war Matty. Ihm folgten Jörn und eine dritte Gestalt; vermutlich war es Sepp.

Unwillkürlich begann ich auch loszulaufen, zur Wegkreuzung und dann den Pfad zwischen den Koppeln entlang. Als ich das Gatter erreichte, hatten sie es schon geöffnet, und die Pferde stürmten auf den Pfad, so wild und gehetzt, als wäre der Teufel hinter ihnen her. Diana sprang wie ein Irrwisch zwischen ihnen herum.

Jörn sah mich und schrie: „Schnell, komm mit zur Südweide, wir müssen die Jährlinge holen! Das gibt einen höllischen Sturm. Vielleicht hagelt es auch, und wir haben zu wenig Unterstände!“

Matty und Sepp hatten alle Mühe, die Stuten davon abzuhalten, in panischer Flucht durchzugehen. In ihr schrilles Gewieher mischte sich das erste Donnergrollen. Ich sah Isabell, wie sie mit bebenden Nüstern und weit aufgerissenen Augen hinter den anderen Stuten her galoppierte, und Odin folgte ihr, so rasch er auf seinen dünnen, noch ungeschickten Beinen laufen konnte.

Noch während Jörn und ich die Jährlinge durch das Gatter und über den Seitenpfad trieben, brach das Unwetter los. Blitze zuckten wie in einem Gruselkrimi über den Himmel, und der Donner krachte so ohrenbetäubend, daß ich fürchtete, die Pferde könnten vor Schreck den Verstand verlieren und über alle Berge verschwinden.

Zum Glück hatten sie keinen anderen Gedanken als den, in ihren Stall zu kommen, und rasten auf dem vertrauten Weg voraus. Jörn und ich liefen keuchend hinterher.

Als wir die Toreinfahrt erreichten, brach der Regen los. Eine wahre Sturzflut prasselte über uns herein. Doch die Jährlinge waren schon vor dem Stalltor, und wir sahen durch die Regenschwaden, daß Matty sie hereinholte.

Es waren keine fünfzig Schritte mehr bis zum Stall. Trotzdem wurden wir bis auf die Haut naß, ehe wir unter das schützende Dach kamen. Im Stall herrschte noch immer Aufruhr. Ein Teil der Pferde drängte sich auf der Stallgasse, ungeduldig, in die Boxen zu kommen. Das Krachen des Donners und das Brausen der Regenfluten wurde von schrillem Gewieher und dem Trampeln und Scharren der Pferdehufe übertönt.

Hinter den Stallfenstern zuckten fast ununterbrochen Blitze auf. Dann trommelten plötzlich harte Geschosse wie Schrotkörner gegen das Glas – es hagelte, was das Zeug hielt. Wir hatten den Stall gerade noch rechtzeitig erreicht.

Im Wechsel zwischen Licht und Dunkelheit sah ich verängstigte Pferdeaugen schimmern. Ich führte Faun, einen der Jährlinge, zu seiner Box. Als ich mit ihm durch die Stallgasse kam, bemerkte ich im Licht eines aufzukkenden Blitzes eine gebeugte Gestalt auf Krücken gestützt zwischen den Säulen. Es war Herr Moberg.

Sein Blick streifte mich flüchtig. Dann hob er eine seiner Krücken und schrie: „Jörn, zu Ask, schnell! Er bricht sich sonst noch ein Bein!“

Der Hengst stand auf den Hinterbeinen in seiner Box und schlug mit den Vorderhufen gegen die Bretterwand, daß es nur so knallte. Er schien vor Schreck über das Unwetter ganz von Sinnen zu sein. Jörn rannte zu ihm, aber ich konnte nicht sehen, was er tat, um Ask zu beruhigen. Ich hatte plötzlich selbst alle Hände voll mit dem aufgeregten Faun zu tun, der nun auch die Nerven verlor und sich wie ein Wildpferd aufbäumte.

Glücklicherweise kam mir Matty zu Hilfe. Eine Viertelstunde später war es wieder ruhig im Stall. Die Pferde waren damit beschäftigt, ihr Abendheu zu fressen, die Blitze und das Donnergetöse hatten nachgelassen, und der Hagelschauer war vorüber. Dafür regnete es wieder in Strömen. Ich fröstelte in meinen nassen Kleidern. Das Wasser tropfte mir noch immer aus den Haaren ins Gesicht und in den Hemdkragen, und meine nackten Beine waren bis an die Knie voller Pferdemist.

Wie eine nasse Katze stand ich in der Stallgasse, während Herr Moberg mit Hilfe seiner Krücken zur Tür hinkte. Jörn warf mir einen bedeutungsvollen Blick zu und folgte ihm.

Nur Matty blieb noch einen Augenblick neben mir stehen und flüsterte: „Jetzt ist es soweit, Nell. Halt uns die Daumen! Willst du hier warten? Dann zieh aber das nasse Zeug aus. In der Sattelkammer liegen ein paar alte Sachen von mir, die kannst du nehmen.“

Mein Herz sank. Ich sagte gar nichts, nickte nur und sah ihm nach, wie er aus dem Stall ging. Jetzt, wo die Anspannung und die Aufregung wegen des Unwetters vorüber waren, fühlte ich mich seltsam leer.

Ich wartete, bis Sepp und Schorsch den Stall verließen. Dann ging ich in die Sattelkammer. Draußen war es nicht mehr ganz so finster wie vorher. Im Zwielicht zog ich meine nassen Sachen aus und schlüpfte in Mattys alte Shorts und sein kariertes Hemd, das er oft bei der Stallarbeit trug. Dann kauerte ich eine Weile auf der Bank zwischen den Satteldecken, die Hände im Schoß. Ich atmete den Duft von Leder und Sattelseife ein, sah auf die Kardätschen, Wasserbürsten, Schwämme und Hufreiniger in den Regalen, die gerahmten Urkunden, die Zaumzeuge, die alten Truhen und Stallkisten und die Sättel, die unter den Namensschildern der Pferde an den Wänden hingen.

Vielleicht, dachte ich, werden bald all diese Namensschilder verschwinden; alle bis auf drei oder vier. Und die seltsame Leere in meinem Innern wich einer Mischung aus angstvoller Spannung und Traurigkeit.

Ich mochte nicht länger im Halbdunkel sitzen. Jörn und Matty redeten wohl gerade in diesem Augenblick mit ihrem Vater. Vielleicht war die Entscheidung aber auch schon gefallen.

Voller Unruhe stand ich auf und ging in den Stall zurück. Die Pferde standen friedlich in ihren Boxen und dösten, während draußen der Regen plätscherte und rauschte. Isabell säugte ihr Fohlen, Faun knabberte am Hals eines anderen Jährlings, der in der benachbarten Box stand, und Hazel streckte den Kopf weit über die Halbtür zu mir herüber und schnaubte leise.

Ich blieb bei ihr stehen und sah sie an. Sie hatte so sanfte, milde Augen, und ich war fast sicher, daß sie meine Unruhe und Angst spürte. Es war wie damals im Frühling, als ich Abschied genommen hatte. Auch damals war sie zu mir gekommen – oder ich zu ihr, wer weiß das so genau? – wie zu einem Freund, der Trost braucht.

Ich legte die Arme um ihren Hals, und wir sahen uns an, lange. Dann hörte ich, wie sich die Stalltür öffnete. Ich dachte, es wäre Sepp oder Schorsch, doch als ich den Kopf hob, sah ich Matty durch die Tür kommen.

Es war nicht hell genug, um den Ausdruck auf seinem Gesicht zu erkennen. Sekundenlang sagte keiner von uns ein Wort. Dann kam er zu mir, triefend vor Nässe, und setzte sich auf den Rand eines Futtertroges.

Ich brauchte ihm keine Fragen zu stellen. Die Haltung seines Kopfes und seiner Schultern sagte mir genug. Jetzt sah ich auch seine Augen. Sie hatten nichts erreicht. Unser Plan war fehlgeschlagen.

Leise sagte er: „Ich hab’s nicht mehr ausgehalten. Jörn ist noch bei ihm. Er gibt nicht so schnell auf.“

„Aber was hat dein Vater gesagt?“ fragte ich verzweifelt. „Er muß doch begreifen, daß es eine Chance ist, die Pferde zu behalten!“

„Er hatte tausend Einwände, Ich glaube, er hat einfach Angst vor einem weiteren Fehlschlag. Jörn denkt wohl, er könnte ihn doch noch überreden.“ Und Matty wiederholte: „Er gibt nicht so schnell auf.“

Jörn . . . Jetzt hing alles von ihm ab. Er war älter als Matty; vielleicht hörte sein Vater auf ihn. Plötzlich ertappte ich mich dabei, daß ich Herrn Moberg richtig haßte – ihn und die Macht, die er über die Pferde hatte und damit auch über uns. Und doch war auch er nicht frei in seinen Entscheidungen. Er war abhängig von Gewinn und Verlust, mußte eine Familie ernähren, Angestellte bezahlen, seinen Hof erhalten.

Ich setzte mich neben Matty auf den Futtertrog. Stumm warteten wir. Die Pferde schnaubten leise, und die Schtwalben flogen wieder durch die halboffene Klappe eines Stallfensters aus und ein.

Dann scharrte etwas an der Tür. Matty hob den Kopf, lauschte und sagte: „Diana.“

Die Jagdhündin stand vor dem Stall. Das bedeutete, daß auch Jörn nicht weit sein konnte, denn sie hielt sich ja meistens in seiner Nähe auf. Ich sprang auf, lief zur Tür und öffnete sie; da sprang Diana kurz an mir hoch. Dann lief sie zu Matty.

Ich trat über die Schwelle in den Regen hinaus und hielt nach Jörn Ausschau. Vom Torbogen her erklangen Schritte. Ich wandte den Kopf nach rechts. Jörn bog um den Mauervorsprung.

Er sah mich im gleichen Augenblick wie ich ihn. Sein Gesicht verriet mir, was ich wissen wollte. Ich lief ihm entgegen, und er lief auf mich zu. Plötzlich hielten wir uns in den Armen; ich wußte selbst nicht, wie es geschah. Ich lachte und weinte gleichzeitig, und Jörn küßte mich mitten im strömenden Regen wild auf die Stirn, die Nasenspitze, die Wangen und den Mund.

„Wir haben’s geschafft!“ schrie er zwischen den Küssen. „Herrgott, wir haben’s geschafft, Nell!“

Und er hob mich hoch und schwenkte mich durch die Luft. Wir waren beide naß bis auf die Haut, und plötzlich tauchte auch Matty auf. Er rief laut: „Er hat ja gesagt, Jörn – wirklich? Hat er wirklich ja gesagt?“

Jörn stellte mich ab. Einen Augenblick lang sahen wir uns atemlos und ein wenig verlegen an. Dann erwiderte er keuchend: „Ja, er sagt, er will’s versuchen. Ein halbes Jahr lang will er versuchen, ob sich so eine Reitschule lohnt. Aber er hat Bedingungen gestellt – daß wir ihm helfen und jemanden finden, der Reitunterricht geben kann und nicht allzuviel dafür haben will. Er hat auch verlangt, daß wir Reitschüler bringen und ihm Arbeit abnehmen, so viel wir können. Das alles hab ich ihm versprochen.“

„Das macht nichts!“ sagte Matty. Der Regen lief über sein strahlendes Gesicht. „Das macht alles nichts, wir werden’s schon schaffen. Wenn wir nur die Pferde behalten können!“

Ich sagte gar nichts. Ich war ganz einfach glücklich.

Reiterhof Dreililien Die Tage der Rosen
1

Als wir die Stadt hinter uns gelassen hatten, sagte mein Vater plötzlich: „Du bereust es doch nicht, Elinor?“

Ich wußte, was er meinte. Bereute ich es, daß ich mit ihm von München aufs Land übersiedelt war, in Kirstys kleines Haus, weg von allem, was vorher mein Leben ausgemacht hatte?

Ich schüttelte den Kopf. „Nein“, erwiderte ich.

Ein heller Schein ging über sein Gesicht. Ihn brauchte ich nicht erst zu fragen, ob er den Umzug bereute. Für ihn war eine alte Sehnsucht in Erfüllung gegangen. Er hatte sich ja schon immer gewünscht, auf dem Land zu leben; und ich hatte ihn nie glücklicher gesehen als in diesen vergangenen Monaten. Freilich, es war nicht nur das Landleben. Es war auch Kirsty, die ihn glücklich machte – vor allem sie.

Dieser Gedanke, der mir noch vor kurzem so unerträglich gewesen war, tat nun nicht mehr weh. Ich hatte Kirsty gehaßt und als meine Feindin betrachtet. Nach dem Tod meiner Mutter hatte ich lange allein mit meinem Vater gelebt, bis Kirsty kam. Noch jetzt erinnere ich mich gut an meine Furcht, sie könnte mir meinen Vater wegnehmen, könnte diese für mich wichtigste Beziehung zerstören, so daß ich plötzlich ganz allein war. Und diese Furcht hatte mich böse und verzweifelt gemacht, hatte bewirkt, daß ich mich gegen Kirsty verhärtete.

Jetzt aber begriff ich, daß mein Vater mich noch immer liebte, daß er sowohl mich als auch Kirsty lieben konnte. Ich hatte in Kirsty sogar noch eine Freundin dazugewonnen, jemanden, auf den ich mich verlassen konnte, der mich verstand.

Auch zwei andere Freunde hatte ich durch diesen Umzug aufs Land gewonnen – ich konnte mir keine besseren wünschen . . .

Wir fuhren durch Rosenheim, kamen dann an der alten Mühle vorbei, waren endlich wieder auf dem offenen Land, wo die Kühe auf den Berghängen weideten und das Korn schon gelb wurde.

Sommerland, dachte ich und atmete unwillkürlich auf. Die Luft, die durch die geöffneten Wagenfenster strich, trug uns den Duft von Heu und Blumen zu, den ich so liebte.

Auch mein Vater holte tief Atem. „Jetzt sind wir bald wieder zu Hause“, sagte er.

Ja, es war ein Nachhausekommen, obwohl wir doch nur für einen Tag in München gewesen waren, um eine kranke Tante zu besuchen. Als wir am frühen Morgen von der Autobahn auf den Mittleren Ring gefahren waren, als ich die ersten Häuser von München sah, hatte ich nicht wie jetzt dieses Gefühl gehabt, heimzukommen, obwohl ich doch fünfzehn Jahre meines Lebens in dieser Stadt verbracht hatte.

Jetzt aber, als wir uns Mariabrunn näherten, dächte auch ich, daß ich hier zu Hause war; und die Kirche, die in der Ferne auf dem Hügel stand, kam mir vertrauter vor als das Münchner Mietshaus, in dem ich aufgewachsen war.

Wir fuhren nicht den etwas kürzeren Weg nach Dreililien, der schon vor dem Dorf an einem Wildbach vorbeiführt, sondern die besser ausgebaute Zufahrtsstraße über den Schmiedberg. In Mariabrunn läuteten die Abendglocken. Wir mußten anhalten und warten, bis ein Bauernjunge seine Kuhherde über die Straße trieb. Das Läuten der Kuhglocken mischte sich mit dem Abendgeläut.

„Wie in einem Heimatfilm“, sagte ich halb spöttisch, halb liebevoll.

Als die Straße wieder frei war, fuhren wir weiter, hinaus aus dem Dorf, den Höhenweg zwischen frisch gemähten Wiesen hinauf. Plötzlich bemerkte ich eine Bewegung am Waldrand. Ein Pferd kam zwischen den Bäumen hervor, einen Reiter auf dem Rücken.

„Sieh mal“, sagte mein Vater, „ist das nicht Matty?“

Ich erwiderte: „Ja, Matty auf Hazel.“

Im gleichen Augenblick sah uns auch der Junge auf dem Pferd. Er beschattete die Augen mit der Hand, winkte dann und ritt näher.

Mein Vater bremste. Rasch sagte ich: „Fahr nur voraus, ich steige aus. Ich glaube, Matty will mit mir reden.“

Er nickte, und ich öffnete den Wagenschlag. Reiter und Pferd waren jetzt schon halbwegs über die Wiese geritten. Mein Vater fuhr wieder los.

Mit ein paar Galoppsprüngen war Hazel am Straßenrand, hielt schnaubend an, senkte den Kopf und wieherte zur Begrüßung, wie es ihre Art war. Matty schwang sich aus dem Sattel.

Matty von Dreililien . . . Ich wußte nicht, wen ich lieber mochte, ihn oder seinen Bruder. Eigentlich hegte ich für die beiden ganz verschiedene Gefühle. Ich hatte jeden auf seine Art gern. Matty war fast wie ein Bruder für mich, während Jörn . . .

Ich streichelte Hazel. Matty sagte atemlos: „Du, heute ist endlich ein Brief gekommen!“

„Was?“ Ich ließ die Hand sinken. Hazel puffte mich energisch. Offenbar war sie der Meinung, daß ich sie nicht ausreichend begrüßt hatte. „Ein Brief? Hast du ihn hier? Zeig her!“

„Jörn hat ihn“, erwiderte Matty und strich sein blondes Haar zurück, das er seit einiger Zeit wachsen ließ. „Aber er klingt gut. Ich meine, er ist nett geschrieben, richtig sympathisch. Der Typ heißt Mikesch – komischer Name übrigens. Er behauptet, daß er mit Pferden aufgewachsen ist. Er hat Tiermedizin studiert, aber nur ein paar Semester. Dann mußte er das Studium abbrechen, und jetzt ist er arbeitslos und sucht nach einem Job, der ihm Spaß macht. Er schreibt, er braucht nicht viel Geld; Hauptsache, er hat Unterkunft und Verpflegung. Das Stadtleben stinkt ihm, schreibt er.“Matty holte Atem.

„Herrje“, sagte ich, „das klingt ja zu schön, um wahr zu sein! Alles genau richtig! Aber kann dieser Mikesch denn auch Reitunterricht geben?“

„Klar, hab ich das nicht gesagt? Er ist schon als ganz kleiner Junge geritten. Später hat er sogar bei einigen Jugendturnieren Preise gewonnen. Aber darauf ist er jetzt nicht mehr besonders stolz, schreibt er, weil . . .“

Wir begannen am Straßenrand entlang weiterzugehen, und Hazel folgte uns mit schleifenden Zügeln. Während Matty weiter von dem Brief erzählte, hörte ich mit halbem Ohr zu und dachte dabei, daß wir unserem Ziel nun vielleicht ein Stück näher waren. Einen Reitlehrer zu finden, war ein wichtiger Teil unseres Plans – und von diesem Plan hing eine ganze Menge ab. Nicht nur für mich, sondern vor allem für Matty und Jörn und für die Pferde ihres Vaters.

Matty und Jörn Moberg lebten mit ihren Eltern auf dem alten Gutshof Dreililien, gleich in unserer Nachbarschaft. Zum Hof gehörte ein Gestüt mit vielen Pferden. Zu Beginn dieses Sommers, nicht lange nach meinem Umzug aufs Land, war plötzlich die Katastrophe über uns hereingebrochen: Herr Moberg hatte Jörn und Matty eröffnet, daß er den größten Teil seiner Pferde verkaufen wollte, weil das Gestüt nicht mehr genug Geld einbrachte.

Die beiden waren verzweifelt gewesen, und ich mit ihnen, obwohl ich doch erst kurze Zeit hier lebte. Da war mir der Einfall gekommen, auf Dreililien eine Reitschule einzurichten und während der Ferien Jugendliche als zahlende Gäste aufzunehmen, die Reiten lernen wollten. Dafür waren auf Dreililien ja alle Voraussetzungen gegeben: gute Pferde, genug Platz im Gutshaus, eine herrliche Umgebung, Koppeln, Wiesen, Wälder, ein Weiher zum Baden . . .

Nach langem Hin und Her hatte Herr Moberg schließlich eingewilligt, den Versuch zu wagen; doch nur unter der Bedingung, daß wir selbst alle anfallenden Arbeiten übernahmen und einen Reitlehrer fanden, der nur ein geringes Gehalt forderte.

Jetzt war der erste Schritt getan: Wir hatten in einer alternativen Münchner Zeitung eine kleine Anzeige aufgegeben, und es sah ganz so aus, als hätten wir diesen Reitlehrer auf Anhieb gefunden.

„Du hörst ja nicht richtig zu“, sagte Matty vorwurfsvoll in meine Gedanken hinein.

„Doch, tu ich schon“, versicherte ich hastig. „Aber du, wenn dieser Mikesch jetzt vielleicht ein ganz komischer Kauz ist, einer, der nicht hierher paßt oder nicht gut zu den Pferden ist oder . . .“

Wir wechselten einen Blick. Mattys Gesicht wurde ernst. „Das hab ich mir auch schon überlegt“, sagte er. „Wir müssen ihn uns vorher natürlich gründlich ansehen, das ist klar. Jörn will Mikesch heute abend anrufen, wenn das Telefonieren nicht so teuer ist. Er lebt in einer Wohngemeinschaft in München. Wir machen gleich einen Termin mit ihm aus, wann er herkommen kann.“

„Hoffentlich klappt’s!“ sagte ich inbrünstig. „Wenn ja, könnten wir sofort an ein paar Reisebüros schreiben. Und Anzeigen in die Zeitung setzen, damit wir gleich für die Wochenenden Reitschüler bekommen.“

Matty starrte vor sich hin. „Manchmal kommen mir schon Zweifel, ob wir’s schaffen, Nell“, murmelte er. „Das ist nämlich alles gar nicht so einfach. Schon Erwachsene haben oft Schwierigkeiten, sich mit einer Reitschule über Wasser zu halten. Und wir haben doch überhaupt keine Erfahrung mit solchen Sachen!“

Die gleichen Bedenken waren mir auch schon gekommen, aber ich hätte es ihm gegenüber nicht zugegeben. „Du bist ein schwarzseherischer Miesepeter!“ sagte ich freundschaftlich. „Klar, daß Leute Schwierigkeiten kriegen, die eine Menge Miete bezahlen müssen und Angestellte haben, die hohe Gehälter fordern, und die noch dazu das ganze Futter für die Pferde teuer kaufen müssen. Das ist doch hier alles anders! Es wird bestimmt klappen, du wirst schon sehen!“

„Dein Wort in Gottes Ohr“, sagte Matty.

2

Die Rosen blühten vor dem Haus, das Kirsty von ihrer Tante geerbt hatte – Kavaliershäusl nannten es Jörn und Matty. Mein Vater hatte das gemütliche kleine Haus in diesem Sommer mit gelber Farbe gestrichen und das alte Spalier erneuert, an dem sich Kletterrosen emporrankten. Die Fensterrahmen waren grün, und die Geranien in den Holzkästen leuchteten in sattem Rot. Das Kavaliershäusl sah aus wie aus einem Bilderbuch geschnitten.

Kirsty arbeitete in ihrer Töpferwerkstatt. Ich hörte sie dort rumoren. Als ich die Gartenpforte öffnete, kam Herr Alois angestürmt, Kirstys wuscheliger brauner Hund.

Ich bückte mich und kraulte ihn hinter den Schlappohren, wie er es gern hatte, und er leckte mir die Hand. „Geht’s dir gut?“ fragte ich. „Ich hab dir etwas mitgebracht – einen neuen Vollgummiball, weil du deinen alten wieder mal verloren hast.“

Bei dem Wort „Ball“ begannen seine Augen, die schwarz wie Kohlestücke waren, zu funkeln. Er steckte die Nase in meinen Umhängekorb und wühlte so lange, bis er den Ball fand. Dann zog er stolz damit ab.

Mein Vater tauchte am Küchenfenster auf. „Kirsty muß noch einen wichtigen Auftrag für die Deutschen Werkstätten fertig machen“, sagte er, „einen Satz Bauernschüsseln. Sie werden morgen gebrannt. Nimm dir etwas zum Abendessen aus dem Kühlschrank; es ist noch Käse da. Du hilfst doch nachher wieder bei den Pferden?“

„Klar“, erwiderte ich. „Ich ziehe mich nur schnell um.“ Ich ging die Treppe hinauf in mein Mansardenzimmer. Vom Fenster aus sah ich die Eiche im Garten und die Koppeln und Dächer von Dreililien. Die Sonne versank gerade hinter dem Wald. Schon stand eine bleiche Mondsichel am Himmel.

Kirsty hatte einen Strauß Lavendel im Vorgarten geschnitten und ihn auf meine Kommode gestellt. Die blauen Blüten dufteten wie eine ganze Parfumflasche.

Ich zog meine alte Latzhose an und ein verblichenes Herrenhemd meines Vaters mit abgeschnittenen Ärmeln. Dann warf ich einen prüfenden Blick in den Spiegel.

Meine Haare waren vom Fahrtwind zerzaust; ich bürstete sie mit kräftigen Strichen und flocht sie im Nacken zu einem dicken Zopf. Jetzt war ich stolz darauf, rotes Haar zu haben. Als Kind aber hatte ich richtig unter meiner auffallenden Haarfarbe gelitten, denn ich war oft deswegen verspottet worden. Heute aber war das anders. Erst vor kurzem hatte Jörn zu mir gesagt: „Im Mittelalter hätten sie dich wahrscheinlich als Hexe verbrannt – heute könntest du Reklame für Haarshampoo machen.“

Herr Alois saß in der Küche und nagte an einem Knochen. Er wedelte nur flüchtig mit dem Schwanz, als ich hereinkam, und kaute hingebungsvoll weiter. Ich aß zwei Käsebrote, trank von der Milch, die wir täglich bei einem Bauern in Mariabrunn holten, ging vors Haus und holte meine Gummistiefel unter der Bank hervor.

Im Gras am Wegrand raschelte es. Über den Wiesen kreisten zwitschernd die Lerchen und Schwalben. In den Hecken begannen die Grillen zu zirpen, und der Wind trug verwehte Glockenklänge aus dem Dorf in unser Tal herüber.

Während ich den Pfad zwischen den Haselnußsträuchern entlangging, mußte ich flüchtig daran denken, daß der Sommer in zwei Wochen fast vorüber war, daß dann wieder die Schule begann, eine neue Schule für mich mit neuen Mitschülern und neuen Lehrern. Doch ich schob die unangenehme Vorstellung rasch beiseite. Noch war Sommer, noch hatte ich vierzehn Tage vor mir – vierzehn Tage Freiheit mit Badeausflügen an den Waldweiher, Heuarbeit, Reitunterricht, Lesestunden unter der Eiche oder in der Hängematte, Tage mit Jörn und Matty und den Pferden . . .

Ich kam an die Kreuzung, wo sich die Wege nach Dreililien, zum Kavaliershäusl und zum Dorf gabeln. Hier begannen die Koppeln. Die Zäune waren zum Teil schon recht morsch und verwittert, und wir hatten uns vorgenommen, sie wenigstens teilweise noch in diesem Jahr auszubessern, ehe der Winter kam.

Durch eine Lücke in der Hecke sah ich die Stuten, wie sie sich vor dem Gatter drängten, voran Isabell mit ihrem Hengstfohlen Odin, das erst vor wenigen Wochen zur Welt gekommen war.

Als ich die Hofeinfahrt erreichte, stand da Jörn, über die Jagdhündin Diana gebeugt. „Sie hat wieder mal einen ganzen Schwung Zecken aufgegabelt“, sagte er, ohne aufzusehen. „Gibst du mir das Öl, bitte?“

Ich gab ihm die Flasche, und er betupfte zwei Zecken damit. „So, jetzt bekommen sie keine Luft mehr und lassen los; anders kriegt man die Biester kaum heraus, sie bleiben sonst mit dem Kopf in der Haut stecken", erklärte er.

Ich sagte: „Hast du schon angerufen?“

Er richtete sich zu seiner vollen Länge auf. Wieder einmal dachte ich, daß Jörn keineswegs schön war. Und doch hatte er etwas an sich, das ihn ungemein anziehend machte. Waren es sein Blick oder seine Bewegungen, die Art, wie er die Augen verengte, wenn er lächelte, oder alles zusammen? Ich wußte es nicht; ich wußte nur, daß etwas Beunruhigendes an ihm war und daß ich mir manchmal wünschte, er wäre mehr wie Matty . . . doch wünschte ich mir das wirklich?

„Ich hab’s um sechs schon versucht“, sagte er. „Aber Mikesch war nicht da. Irgend so ein Typ aus der Wohngemeinschaft meinte, ich soll’s um acht noch mal versuchen.“

„Hm“, erwiderte ich. „Blöde Warterei.“

Diana benutzte den günstigen Augenblick, um sich wegzuschleichen. „War’s schön in München?“ fragte Jörn.

„Nein. Zu heiß, zu viele Menschen, zu viele Autos.“ Er sah mich prüfend von der Seite an. „Kein Heimweh?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nach der Stadt? Bestimmt nicht. Wie’s hier im Winter sein wird, weiß ich nicht, aber jetzt ist es auf dem Land jedenfalls tausendmal schöner.“

„Langweilen wirst du dich dann bestimmt auch nicht“, prophezeite er. „Im Winter haben wir hier alle Hände voll zu tun, genau wie im Sommer.“

Ich freute mich, daß er „wir“ gesagt hatte; geradeso, als würde ich schon dazugehören. Dabei war ich erst seit einem Monat hier. Bei Matty wäre es mir selbstverständlich vorgekommen, doch aus Jörns Mund war es fast so etwas wie eine Auszeichnung.

Matty näherte sich vom Stall. „Du mußt morgen mit dem Lieferwagen zur Baywa fahren und Hafer holen, Jörn“, sagte er. „Ich glaube, mit der Melasse und den Rüben reichen wir auch nicht mehr lange.“

Jörn seufzte. „Ausgerechnet morgen! Da wollte ich mich eigentlich mit einem Freund treffen, der bei den Grünen ist.“

Matty hob den Kopf und musterte seinen Bruder aufmerksam. „Willst du bei den Grünen mitmachen?“ fragte er.

„Vielleicht.“

Das war wieder typisch Jörn. Es gab bestimmte Dinge, die er für seine Privatsache hielt, und nach denen man ihn nicht fragen durfte, wenn er nicht freiwillig davon erzählte. Ich sagte also gar nichts und nahm mir vor, abzuwarten, bis er einmal von selbst darüber sprach.

Gemeinsam gingen wir zur Sommerweide. Die Stuten standen am Gatter – alle bis auf Marnie, die noch unter den Bäumen lag.

Matty sagte: „Ich glaube, es ist bald soweit mit ihr. Sie hat schon Harztropfen am Euter. Wenn das Fohlen heute nacht nicht kommt, müssen wir sie morgen im Stall lassen. Allzu schwierig wird’s wohl nicht werden. Sie hat ihre Fohlen bis jetzt immer leicht gekriegt.“

„Diesmal möchte ich aber dabei sem!“ verkündete ich, während wir das Gatter öffneten.

Jörn nickte. „Nichts dagegen einzuwenden – im Gegenteil, wenn du so wild darauf bist, eine Nacht im Stall zu verbringen . . .“

Vermutlich rechnete er damit, daß ich es mir anders überlegen würde, aber ich sagte nur: „Ich werd’s überleben, wenn ich mal nicht in meinem Bett schlafe.“

Matty ging auf die Koppel, um Marnie „gut zuzureden, damit sie aufstand“, wie er sagte. Er schaffte es auch, und ich bewunderte wieder einmal seine unnachahmliche Art, mit Tieren umzugehen. Während die anderen Stuten Jörn zum Hofplatz folgten, sah ich, wie Marnie sich schwerfällig aufrichtete und an Mattys Seite zum Gatter ging.

„Gutes Mädchen“, sagte er. „Bei der Hitze ist es nicht gerade ein Vergnügen, trächtig zu sein, was? Aber jetzt hast du’s bald überstanden.“

Ich streichelte ihre dicke Flanke. „Ob es wieder ein Hengstfohlen wird wie bei Isabell?“

„Hoffentlich nicht“, sagte Matty.

„Wieso? Was hast du gegen Hengstfohlen?“

„Nichts, außer, daß wir sie verkaufen müssen und daß man dann nicht weiß, was aus ihnen wird“, erwiderte Matty. „Ein Stutfohlen würde Vater vielleicht behalten.“

Pferde verkaufen – das war ein ewiges Problem für Matty, eines, das immer wieder auftauchte, da Dreililien ja ein Gestüt war, das vom Pferdeverkauf lebte. Er hing an jedem einzelnen Tier. Der Gedanke, daß eines der Pferde vielleicht ein trauriges Schicksal hatte und nicht in gute Hände kam, machte ihm stets von neuem zu schaffen.

Die trächtige Stute bewegte sich nur langsam. Als wir in den Stall kamen, waren Jörn und der Stallknecht Sepp schon an der Arbeit. Gemeinsam tränkten und fütterten wir die Pferde und striegelten sie, was zum Glück an einem so trockenen Tag wie diesem recht schnell ging, da die Pferde nicht besonders schmutzig waren.

Später gingen Matty und Sepp zur Koppel am Waldrand, wo ein kleiner Bach floß, und fütterten die Jährlinge. Dort durften die Jungpferde während der Sommermonate auch nachts bleiben.

Ich stand gerade in Hazels Box und kratzte ihre Hufe aus, als Jörn sagte: „Du, ich gehe mal telefonieren, es ist acht. Hoffentlich erwische ich diesen Mikesch jetzt.“

Ich nickte und arbeitete alleine weiter. Trotz der friedlichen Geräusche im Stall, die ich so gern hörte – das Kauen und Schnauben, das leichte Stampfen und Prusten – , war ich voller Unruhe. Ich ging zu Marnie und sah über die Boxwand. Ihre glänzenden Augen waren geweitet, sie schwitzte stark. Ihr Leib war prall, das Fell darüber gespannt wie die Haut eines Luftballons, der kurz vor dem Platzen ist. Die Adern zeichneten sich deutlich darunter ab.

Ich streichelte ihre weichen Nüstern, ihren Hals. Sie ließ den Kopf hängen und schnaubte leise. Plötzlich spürte ich eine Welle von Zärtlichkeit für sie, wie sie da so geduldig stand.

„Leg dich doch hin“, sagte ich. „Leg dich hin, dann ist’s leichter für dich.“

Marnie sah mich unverwandt an. Dann, als hätte sie mich verstanden, ließ sie sich langsam und schwerfällig in die Mulde aus frischer Streu nieder, die Matty wie ein Nest auf dem Boden ausgebreitet hatte.

Die Stalltür wurde lärmend aufgestoßen. Wir zuckten beide zusammen, Marnie und ich. Es war Sepp mit einer großen Heugabel in der einen Hand und einem Eimer in der anderen. Er brummte etwas vor sich hin. Dann tauchte Matty auf.

Er kam zu mir und sagte: „Na, habt ihr euch unterhalten – von Frau zu Frau?“

Ich lachte. „Gewissermaßen. Ich hab ihr geraten, sich hinzulegen, und sie fand den Vorschlag gut.“

Ein Schwalbenpaar flog durch eines der offenen Stallfenster aus und ein. Es hatte hier seine Jungen großgezogen, bis sie flügge waren und sich selbst versorgen konnten. Jetzt war das Nest verlassen, doch die Eltern kamen noch immer und fingen Fliegen, die es im Stall natürlich im Überfluß gab.

„So eine Schwalbe ist besser als das stärkste Insektenvernichtungsmittel“, murmelte Matty. „Außerdem sollen Schwalben beim Haus Glück bringen. Hoffentlich stimmt’s.“

Ich nickte und verriet nicht, wie unsicher und ängstlich ich im Augenblick war. Noch vor wenigen Wochen, als wir den Plan gefaßt hatten, auf Dreililien eine Reitschule einzurichten, war ich voller Zuversicht gewesen. Jetzt aber, nachdem die erste Begeisterung verflogen war, sah ich die Sache etwas nüchterner und fing an zu begreifen, welche Schwierigkeiten uns erwarteten. Wir würden sicher jede Menge Lehrgeld zahlen müssen – falls sich überhaupt alles so verwirklichen ließ, wie wir es uns vorgestellt hatten.

„Telefoniert Jörn?“ fragte Matty.

„Ja“, sagte ich. „Er ist schon einige Zeit weg. Das bedeutet wohl, daß er diesen Mikesch erreicht hat.“

Sepp sagte mürrisch aus dem Hintergrund: „Oana, der wo Mikesch hoaßt – was soll dös scho für oana sei?“

Ich verbiß mir das Lachen. „Auf den Namen kommt’s nicht an, Sepp“, erwiderte Matty friedfertig.

Sepp schüttelte den Kopf und verfiel wieder in sein übliches Schweigen. Ich hatte anfangs geglaubt, daß er mich nicht leiden könne, weil er mich kaum beachtete. Doch inzwischen wußte ich, daß das einfach seine Art war, und daß ich ihn so nehmen mußte, wie er war, ohne gleich alles auf mich zu beziehen.

Matty zwinkerte mir zu, und ich zwinkerte zurück. Vom Hof her hörten wir Dianas Gebell; da wußte ich, daß Jörn nicht weit sein konnte, denn die Jagdhündin liebte ihn abgöttisch und folgte ihm meist getreulich wie ein Schatten.

Gleich darauf kam Jörn auch wirklich mit Diana durch die Tür der Sattelkammer. Offenbar hatte er sich vorgenommen, uns auf die Folter zu spannen, denn er machte ein undurchdringliches Gesicht und pfiff leise vor sich hin.

„Was ist?“ fragte Matty ungeduldig.

„Alles klar. Er kommt morgen. Wir müssen ihn vormittags vom Bus abholen. Er hat kein Auto.“

„Morgen!“ Ich sah ihn an. „Und sonst? Was hat er sonst noch gesagt? Wie war seine Stimme?“

„Gesagt hat er nicht viel“, erwiderte Jörn aufreizend langsam. „Aber gegen seine Stimme ist nichts einzuwenden.“

Viel mehr war nicht aus ihm herauszubekommen, auch durch Matty nicht, der alles mögliche fragte. „Wir müssen abwarten, bis wir ihn uns angesehen und persönlich mit ihm gesprochen haben“, sagte Jörn. „Außerdem hängt die Entscheidung von Vater ab. Wenn die beiden sich nicht mögen, können wir’s sowieso vergessen.“

Ich wollte sagen, daß Herr Moberg sich da nicht einmischen sollte, wenn wir uns schon um alles kümmerten, schwieg dann aber. Immerhin gehörte Dreililien weder Jörn noch Matty, sondern ihrem Vater, der seit einem Autounfall schwer gehbehindert war und sich nur noch auf Krücken fortbewegen konnte. So mußte er fast alle anfallenden Arbeiten seinen Söhnen überlassen. Trotzdem war er aber noch immer der Herr im Haus, und was er sagte, mußte getan werden.

Ich sah Matty von der Seite an. Er machte ein trotziges Gesicht. Die beiden Brüder verstanden sich nicht allzu gut mit ihrem Vater. Ich wußte von Jörn, daß er sogar schon einmal wegen eines Streits von zu Hause ausgerückt war. Herr Moberg war ein schwieriger Mann – es war bestimmt nicht einfach, ihn zum Vater zu haben.

Stumm machten wir uns daran, das Putzzeug in die Sattelkammer zu bringen. Ich warf einen Blick durch das staubige, von Spinnweben verhangene Fenster auf den ziemlich vernachlässigten Innenhof von Dreililien, das krumme Pflaster, über das einst Kutschen geholpert sein mochten, den Torbogen, von dem der Verputz abblätterte, die Stuckverzierungen über den Fenstern, die bröckelnden Balkone und das steinerne Wappen mit den drei Lilien.

Das alles hatte einst bessere Zeiten gesehen. Dreililien war ein Rittergut gewesen, das ein Vorfahr der Mobergs für treue Kriegsdienste vom Kaiser geschenkt bekommen hatte. Heute merkte man, daß das Gut an allen Ecken und Enden Reparaturen nötig gehabt hätte, für die das Geld fehlte. Trotzdem lag ein ganz besonderer Reiz über den Gebäuden, dem Innenhof mit der Linde und dem Ziehbrunnen; ein Zauber, wie er alten Höfen und Schlössern oft anhaftet, die zwar nicht mehr so prunkvoll und gepflegt sind wie einst, ihre Schönheit aber nicht verloren haben.

Als Frau Moberg ihre Söhne zum Abendessen rief, machte auch ich mich auf den Heimweg. „Kommst du dann später wieder?“ fragte Jörn, und als ich nickte, fügte er hinzu: „Bring deinen Schlafsack mit, wenn du magst. Dann kannst du auf der Bank in der Sattelkammer schlafen. Ich wecke dich, wenn’s bei Marnie soweit ist.“

Diesmal wollte also er Nachtwache halten. Jörn und sein Bruder wechselten sich als „Geburtshelfer“ ab; zu Beginn der Ferien, als Isabell ihr Fohlen bekam, hatte Matty die ganze Nacht bei ihr im Stall gesessen.

Ich sagte: „Ich bringe keinen Schlafsack mit, weil ich wach bleiben will.“ Jörn wandte sich nicht um; er nickte nur.

Beim Nachhausekommen war ich wie immer schmutzig und verschwitzt. Vater und Kirsty saßen unter der Eiche am gedeckten Gartentisch. Zum Glück hatten sie schon ohne mich zu essen angefangen und waren auch nicht böse, daß ich zuerst ins Haus ging, um zu duschen.

Als ich wieder in den Garten kam, hatten sie zur Abwehr der Mücken Kerzen angezündet. Kirsty trug einen luftigen Kimono mit bunter, schon etwas verwaschener Blütenstickerei. Sie hatte ihr goldbraunes Haar wegen der Hitze aufgesteckt und lächelte mir über ihr Strickzeug hinweg zu. Herr Alois lag zu ihren Füßen im Gras.

Ich aß vom griechischen Salat und nahm ein paar kräftige Schlucke von der Radlermaß – eine Mischung aus Bier und Limonade, die erfrischend schmeckt und herrlich kalt war. Mein Vater hatte sich eine Pfeife angezündet. Irgendwo im Garten sang eine Drossel ihr Abendlied.

Ich sagte: „Ich übernachte heute im Stall. Marnie bekommt höchstwahrscheinlich ihr Fohlen. Jörn will Nachtwache halten.“

Mein Vater sah mich forschend an. „Das wird sicher aufregend“, meinte Kirsty. „Ich hab mal bei einer Fohlengeburt zugesehen. Da war ein Fuß im Darm verklemmt, und der Pferdepfleger mußte nachhelfen. Er hat furchtbar geschuftet, das Wasser lief ihm nur so übers Gesicht. Jörn wird vielleicht froh sein, daß du dabei bist, Nell. Du hast eine geschickte Hand mit Tieren.“

Sie nickte mir liebevoll zu. Ich wußte, daß sie an die Nacht dachte, in der wir gemeinsam um das Leben ihres Hundes gekämpft hatten. Zu Anfang des Sommers war Herr Alois eines Nachts mit einer schweren Vergiftung nach Hause gekommen. Während mein Vater den Tierarzt holte, hatten Kirsty und ich alles versucht, den Hund am Leben zu erhalten. Wir hatten ihm Milch eingeflößt, bis er sich erbrach und das Gift aus dem Körper brachte. Seitdem waren wir Freundinnen, Kirsty und ich.

„Hoffentlich gibt’s keine Schwierigkeiten“, sagte mein Vater besorgt. „Geh bitte nicht in die Box, Elinor. Man weiß nie, was eine Stute in so einer Situation tut. Vielleicht beißt sie um sich oder schlägt aus.“

„Marnie? Das glaube ich nicht.“ Ich griff wieder nach dem Bierglas, ließ dann aber die Hand sinken, weil mir einfiel, daß Bier müde macht. Und müde durfte ich nicht werden. Ich wollte mich nicht vor Jörn blamieren, indem ich einschlief wie ein übermüdetes Kind. „Erstens ist sie sehr gutmütig, und zweitens wird Jörn mich wahrscheinlich sowieso nicht in die Box lassen. Ich will ja bloß Zusehen. Vielleicht kann ich ihm auch mit ein paar Handgriffen helfen, wenn’s nötig ist.“

Mein Vater seufzte leicht. Sein Blick sagte deutlicher als Worte: Ich mache mir Sorgen, aber du tust ja doch, was du willst. Also kann ich es nicht ändern.

Ich stand auf, umarmte ihn und gab ihm einen Kuß. „Ich werd’s überleben, keine Angst. Außerdem bekommt ja Marnie ein Fohlen und nicht ich.“

Dann lächelte ich Kirsty zu, nahm meine Strickjacke und ging aus dem Garten, den mondbeschienenen Pfad zwischen den Haselnußsträuchern und Birken entlang nach Dreililien.

3

Um Marnie nicht zu stören, ließen wir uns im Hintergrund nieder, dicht an der Stallmauer. Von dort konnten wir ihre Box im Auge behalten, waren aber von Marnie nicht zu sehen.

„Es würde sie beunruhigen, wenn wir zu nahe bei ihr sitzen würden“, erklärte Jörn leise. „Viele Stuten mögen das nicht. Wenn sie sich beobachtet fühlen, kann’s passieren, daß sich die Geburt um Stunden verzögert, und das wäre nicht gut.“

Er hatte eine Klemmlampe mit ziemlich schwacher Glühbirne mitgebracht, die er an der Querlatte eines Pfostens befestigte. Sie verbreitete mildes, gedämpftes Licht. Die Stallbeleuchtung hatten wir nicht eingeschaltet.

Lange Zeit war es still im Stall bis auf das friedliche Atmen der Pferde, ein gelegentliches Prasseln von Streu, leichtes Scharren an den Boxwänden oder das mechanische Wischen eines Schweifes, denn das Licht hatte die Fliegen munter gemacht. Draußen in der Sommernacht zirpten die Grillen um die Wette.

Jörn saß neben mir auf einem dreibeinigen Hocker, den Kopf gegen die Mauer gelehnt. Er hatte die Augen geschlossen. Das buntgewebte Stirnband, das er wie so oft umgebunden hatte, um sein langes Haar aus der Stirn zu halten, ließ ihn trotz der blonden Haare wie einen schlafenden Indianer aussehen.

Ich War voller Anspannung – nicht nur wegen des Fohlens, das vielleicht in dieser Nacht zur Welt kommen sollte. Es war auch eine ganz neue Erfahrung, mit Jörn hier Wache zu halten, so ganz allein mit ihm zu sein in diesem alten Gewölbestall zwischen den Pferden. Noch vor wenigen Monaten hätte ich mir so etwas nie träumen lassen, als mein Leben noch aus Straßen und Verkehrslärm, Schule, Kino, Discos, flüchtigen Freundschaften und einer Mietswohnung in einem großen Haus bestand.

Der Mond stand hinter den Stallfenstern und beleuchtete die sternförmige Zeichnung auf Hazels Kopf. Ich hörte Jörn leise sagen: „Nell? Fragst du dich manchmal auch, was das alles für einen Sinn hat?“

„Was meinst du?“ Überrascht sah ich ihn an.

„Das alles.“ Er machte eine weit ausholende Handbewegung. „Daß wir uns abstrampeln . . . mit den Pferden, die Sache mit der Reitschule, tagtäglich all die Arbeit, die Prüfungen in der Schule; das Leben überhaupt . . .“ Er stockte. „Während in der Zwischenzeit ein paar Politiker über unsere Köpfe hinweg über Krieg oder Frieden entscheiden. Und während sie vielleicht gerade über unser Schicksal entscheiden, sitzen wir hier und warten auf ein Fohlen, machen Pläne, versuchen, unser Leben zu leben . . .“ Er starrte vor sich hin.

Ich sagte erschrocken: „Aber was Sollen wir denn anderes tun? Wir können doch nicht einfach wie hypnotisierte Kaninchen herumsitzen und warten, ob eine Katastrophe passiert. Wir müssen das Nächstliegende tun – uns um uns selbst kümmern, um Leute, die uns wichtig sind, um die Pferde, um Dreililien. So wahnsinnig und verantwortungslos werden die Politiker doch nicht sein, daß sie einen Atomkrieg heraufbeschwören, Jörn! Sie wissen doch; daß das das Ende wäre, daß sie so einen Krieg nicht nur auf Deutschland oder Europa beschränken könnten. Sie würden die ganze Erde verseuchen und sich damit selbst auch vernichten! Denk an Hiroshima, was diese vergleichsweise kleine Bombe bewirkt hat – das können sie doch nicht vergessen haben!“

Im gedämpften Schein der Lampe sah er mich eindringlich an. „Du darfst nicht mit ihrer Vernunft oder Menschlichkeit rechnen, Nell. Sicher müssen wir an das Nächstliegende denken, an die Menschen und Tiere, die uns etwas bedeuten, die uns brauchen, an unsere eigene Zukunft, unsere Umwelt – aber wir dürfen die Verantwortung für diese Welt nicht einfach abgeben wie Kinder an ihre Eltern, die denken: Sie werden’s schon richtig machen. Sie haben es doch jahrhundertelang nicht richtig gemacht.“

„Aber was können wir denn tun?“ Ich beugte mich vor und sah ihm in die Augen. Dabei merkte ich, daß er vor Erregung zitterte. Dieses Gespräch machte mir Angst. Irgendwo spürte ich, daß Jörn recht hatte, und doch wollte ich eigentlich lieber nichts von all dem wissen, wollte weiter in meiner heilen Welt leben, glücklich und unbeschwert sein hier auf dem Land mit ihm und Matty, meinem Vater und Kirsty, den Pferden und der Natur.

Jörn nahm meine Hand in die seine und sagte leidenschaftlich: „Was wir tun können? Wir müssen mitmachen, wenn die Leute demonstrieren und den Politikern klarmachen, was der größte Teil des Volkes, vor allem die Jugend, will – was wir wollen, Nell! Der Frieden ist etwas, worum es sich zu kämpfen lohnt; und er ist nicht selbstverständlich!“

Ich hatte mich Jörn noch nie zuvor so nahe gefühlt wie in diesem Augenblick. Noch immer hielt er meine Hand fest in der seinen. Mein Herz klopfte so heftig. Ich dachte: Er hat ja recht! Man muß etwas tun – nicht immer nur die anderen; jeder einzelne, auch ich!

„Im Oktober ist in München eine große Friedensdemo“, sagte er leise. „Kommst du mit, Nell?“

Es war wie ein Geschenk – daß er mich fragte und mich dabeihaben wollte bei einer Sache, die ihm wichtig war.

„Ja“, sagte ich. „Natürlich komme ich mit.“

Er ließ meine Hand los. Erst jetzt hörten wir die Geräusche aus Marnies Box.

Rasch sahen wir auf. Marnies Kopf tauchte über der Holzwand auf. Sie zitterte. Ich sah Schweiß auf ihren Nüstern glitzern.

Jörn erhob sich leise. Er bewegte sich sehr behutsam, ging in die Sattelkammer, holte Desinfektionsmittel und Bandagen. Einen Eimer voll Wasser hatte er schon vor Marnies Boxtür bereitgestellt.

Ich blieb sitzen, um die Stute nicht zu beunruhigen, und sah ihm zu. Jörn goß etwas von dem Desinfektionsmittel ins Wasser, nahm einen neuen Schwamm aus einer Zellophantüte und öffnete die Boxtür.

„Was machst du jetzt?“ flüsterte ich.

Er drehte sich um. „Ich muß ihr die Geschlechtsteile waschen“, erwiderte er leise und ohne Verlegenheit. „Sie müssen desinfiziert werden, weißt du. Dann wird am Schweifansatz eine Bandage angelegt, damit nach der Geburt kein Schmutz in die Gebärmutter kommt.“

Im milden Licht der kleinen Lampe beobachtete ich, wie er mit gezielten, ruhigen Handgriffen arbeitete. Die Stute hatte den Kopf nach hinten gedreht und sah ihm unverwandt zu, ließ jedoch alles mit sich geschehen, als wüßte sie, daß es zu ihrem Besten war. Sie zitterte noch immer, und ihre Ohren spielten unruhig.

Plötzlich trat Jörn zurück. Die Stute stieß einen seltsamen Laut aus, halb Schnauben, halb Wiehern. Sie ließ sich in die Streu nieder. Ein Gefühl sagte mir, daß es jetzt soweit war.

Jörn winkte mir zu. Auf Zehenspitzen schlich ich von der Seite her näher, so daß Marnie mich nicht sehen konnte. Zwischen ihren Hinterbeinen erschienen zwei dünne, ausgestreckte Fohlenbeine. Dann zeigte sich der Kopf.

Jörn kniete nieder. Neben dem Eimer lag ein Stück Seife in einer Schale; er nahm es und tauchte die Hand in den Wassereimer, seifte sie ein. Nun war der Pferdekopf ganz herausgetreten.

Atemlos sah ich zu, wie Jörn die Haut der mütterlichen Scham, die über das Fohlen gespannt war, mit der flachen Hand in Richtung Stute zurückschob. Dann zog er am linken Vorderbein des Fohlens, das noch nicht ganz so weit herausstand wie das rechte, bis beide Hufe auf gleicher Höhe waren.

„Bring mir den Apothekerkasten – schnell!“ zischte er mir zu.

Ich rannte in die Sattelkammer. Mit vor Aufregung zitternden Fingern öffnete ich den Wandschrank. Der Apothekerkasten war groß und schwer; ich schleppte ihn zu Marnies Box.

Da war das Fohlen schon aus dem Mutterleib, lag auf der Streu, nur noch durch die Nabelschnur mit der Stute verbunden – ein braunes Häufchen mit überlangen Beinen, verklebt und erschöpft. Doch es atmete schon, und Marnie leckte es liebevoll und gründlich ab.

„Es ist ein Stutfohlen“, sagte Jörn atemlos. „Zum Glück heil und gesund. Alles ist leicht und gutgegangen.“

Einige der anderen Stuten waren aufgewacht und sahen mit erhobenen Köpfen und gespitzten Ohren zu uns herüber. Hazel wieherte unterdrückt, Joschis Kopf tauchte über der Trennwand zur Nachbarbox auf.

Dann standen die beiden auf, Marnie rasch und ohne Schwierigkeiten, ihr Fohlen taumelig, unterstützt von der Nase der Mutter. Jörn beobachtete sie genauso gespannt wie ich. Er murmelte: „Da – jetzt ist die Nabelschnur durchgerissen. Prima, dann brauche ich sie nicht mehr zu durchtrennen. Wir haben zwar immer abgekochten Bindfaden im Apothekerkasten, um die Nabelschnur abzubinden, aber die Natur kann so was doch besser. Jetzt muß ich Jodtinktur haben, Nell. Sie ist in dem orangefarbenen Fläschchen.“

Ich bückte mich, fand das Fläschchen nach einigem Suchen, vergewisserte mich im trüben Licht, daß auch wirklich Jodtinktur auf dem Etikett stand, und wollte es Jörn geben. Er aber schüttelte den Kopf.

„Nein“, sagte er, „behalte es. Du mußt mir helfen. Ich spreize den Nabel des Fohlens auseinander, und du tropfst etwas von der Jodtinktur in die Nabelöffnung. Die Desinfektion des Nabels ist nämlich sehr wichtig.“

Er faßte das Fohlen mit sanftem, aber festem Griff und legte es auf den Rücken in die Streu. Marnie senkte den Kopf. Ihre Nüstern waren dicht neben Jörns Oberarm, als er den Nabel des Neugeborenen mit beiden Händen behutsam auseinanderzog.

Ängstlich kniete ich neben ihm nieder. Ich hatte so etwas noch nie in meinem Leben gemacht. Flüchtig fragte ich mich, was mein Vater gesagt hätte, wenn er mich hier in Marnies Box gesehen hätte. Doch dann konzentrierte ich mich voll darauf, einen kleinen Teil der Jodtinktur in die Nabelöffnung zu träufeln, bis Jörn sagte: „Das reicht. Alles in Ordnung. Ich brauche jetzt ein paar Tücher, um dem Kleinen den Schleim aus dem Maul und den Nüstern zu wischen, damit es richtig atmen kann. Im Korb neben dem Hocker sind saubere Papiertaschentücher. Bringst du sie mir?“

Ich nickte nur. Als ich mit den Taschentüchern kam, stand das Fohlen schon wieder auf den Beinen. Liebevoll und vorsichtig wischte ihm Jörn die Nase sauber. Dann rieben wir das Fohlen gemeinsam mit Strohwischen trocken.

Wir schwitzten beide heftig. Die Fliegen begannen immer lästiger zu werden, aber wir hatten keine Zeit, sie richtig abzuwehren.

„Mal sehen, ob das Fohlen das Euter von selbst findet“, sagte Jörn und fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Wenn nicht, müssen wir ihm dabei helfen. Sonst kann’s passieren, daß es Fohlenpech bekommt.“

„Fohlenpech?“ wiederholte ich erschrocken.

„Ja. Das ist so was Ähnliches wie Darmverschluß. Dann müßte man einen Einlauf mit lauwarmem Seifenwasser machen, und das ist kein Vergnügen.“

Gespannt beobachteten wir Marnie und ihr Kleines. Das Fohlen rührte mich zutiefst – es wirkte so hilflos und unschuldig. Und der Blick seiner übergroßen, glänzenden Augen war ungemein sanft und verwundert.

„Aber wie ist das denn in der Natur?“ fragte ich. „Da ist ja auch keiner da, um bei der Geburt zu helfen und dafür zu sorgen, daß das Fohlen weiß, wo es trinken soll. Es kann auch niemand einen Einlauf machen.“

Jörn lächelte. „Pferde, die schon seit Jahrhunderten von Menschen gezüchtet werden, sind keine Naturwesen mehr“, erklärte er dann. „Das ist wie bei uns Menschen – wir kommen ja auch nicht mehr ohne Geburtshilfe aus. Eigentlich ist eine Geburt die natürlichste Sache der Welt, aber für uns zivilisierte Leute und die Tiere, die wir halten, ist eine ziemlich schwierige Sache daraus geworden. Das, was du heute nacht erlebt hast, war eine sehr einfache Geburt. Es gibt Pferde – vor allem besonders hochgezüchtete – , bei denen das Abfohlen zur Knochenarbeit wird. Es ist oft ein harter, anstrengender Kampf, schon mehr eine Operation als ein natürlicher Vorgang, und leider kommt es dabei nicht selten vor, daß das Fohlen stirbt.“

Marnies Fohlen jedenfalls lebte und war gesund; und es hatte das Euter seiner Mutter selbst gefunden. Es trank. Andächtig sahen wir zu.

Eine leichte Geburt! dachte ich und sagte unwillkürlich: „Dabei fand ich schon, daß du wild geschuftet hast.“

Er sah mich von der Seite an und lächelte wieder. „Das ist nur, weil es deine erste Fohlengeburt war. Da kommt einem alles schwierig und aufregend vor, auch wenn’s nur die üblichen Handgriffe sind. Wenn du noch ein paarmal zuschaust und mithilfst, kannst du das notfalls bald auch allein.“

Jörn wirkte so zufrieden und gelöst wie nur selten. Ich merkte, daß er glücklich war. Wir waren beide glücklich in dieser Stunde.

„Das ist jedesmal ein gutes Gefühl“, sagte er leise. „Das Gefühl, etwas Wichtiges geschafft zu haben, verstehst du?“

Ich nickte. Unser Gespräch von vorher fiel mir wieder ein; ein seltsames Gespräch für eine Nachtwache im Pferdestall. Und doch, vielleicht gar nicht so seltsam, wenn man bedenkt, daß wir hier ja auf die Geburt eines neuen Lebewesens gewartet hatten.

Das Fohlen hatte zu trinken aufgehört. Unsicher stand es auf seinen dünnen Beinen da und sah sich um. Marnie leckte ihm zärtlich das Maul.

„Jetzt müssen wir nur noch aufpassen, daß das Kleine nicht die Boxwände ableckt“, murmelte Jörn. „So ein Neugeborenes ist noch nicht widerstandsfähig gegen Krankheitskeime.“

„Wie soll es denn heißen?“ fragte ich. „Weißt du schon einen Namen für Marnies Fohlen?“

Unsere Blicke trafen sich. „Ich glaube, wir werden es Nell nennen, weil du geholfen hast, es zur Welt zu bringen“, sagte Jörn dann. „Es ist ein schöner Name für ein Pferd, finde ich.“ Leise fügte er hinzu: „Und nicht nur für ein Pferd.“

4

Der Morgen graute hinter dem Wald, als ich nach Hause ging, müde und zufrieden. In der Küche des Kavaliershäusls stand ein kleiner Imbiß für mich bereit. Daneben lag ein Zettel mit der Frage: Hat’s geklappt? Es war Kirstys Schrift.

Ich lächelte vor mich hin. Herr Alois kam verschlafen aus seinem Korb und begrüßte mich gähnend. Ich aß eine Gurke aus unserem Garten, dazu etwas von dem Zwiebelbrot, das Kirsty gebacken hatte. Die Uhr tickte geschäftig.

Ich Saß im Schaukelstuhl, sah aus dem Fenster und wurde so müde dabei, daß ich mich nur mit Mühe aufraffen konnte, wieder aufzustehen und die Treppe hinauf in mein Zimmer zu gehen. Waschen mochte ich mich nicht mehr, obwohl ich völlig verschwitzt war und bestimmt wie ein Misthaufen roch.

Ich schlief ein, sobald mein Kopf das Kissen berührte, und träumte eine solche Menge wirres Zeug, daß mir im Schlaf schwindlig davon wurde. Und es kam mir vor, als wäre ich gerade erst eingeschlafen, als ich Gebell und heftiges Klopfen hörte. Dann sagte wie aus weiter Ferne eine Stimme: „Willst du sie nicht schlafen lassen?“ Und eine andere Stimme antwortete: „Lieber nicht. Sie würde es uns übelnehmen, wenn wir ihr nicht Bescheid sagen.“

Ich schreckte aus dem Schlaf hoch, öffnete mühsam die Augen und sah mich blinzelnd um. Im Zimmer war es sehr hell. Die Sonne schien auf den Teppich. Ein paar Rosen vom Spalier nickten zum Fenster herein. Auf der Türschwelle standen Matty und Kirsty und streckten die Köpfe ins Zimmer.

„Er sagt, du würdest wollen, daß wir dich aufwecken“, erklärte Kirsty entschuldigend. „Dabei hab ich ihm gesagt, daß . . .“

Ich unterbrach sie. „Ist etwas mit Nell?“ fragte ich erschrocken, stützte mich auf die Ellbogen und starrte die beiden an.

„Nell?“ wiederholten sie im Chor.

„Das Fohlen, das heute nacht zur Welt gekommen ist“, erklärte ich ungeduldig.

Matty schüttelte den Kopf. „Nein, das Fohlen ist in Ordnung. Aber Jörn ist nach Mariabrunn gefahren, um Mikesch vom Bus abzuholen. Er hat gesagt, ich soll dich aufwecken und dir Bescheid sagen, damit du kommen und ihn dir ansehen kannst. Er meint, das wäre dir wichtiger, als auszuschlafen.“

„Ist es auch“, sagte ich und wollte aus dem Bett steigen. Da merkte ich, daß ich nichts anhatte, und fügte rasch hinzu: „Wartest du unten auf mich? Ich komme gleich.“

Die beiden verschwanden und schlossen die Tür hinter sich. Ich schlüpfte in meinen Morgenmantel, raste ins Bad, seifte mich in Rekordgeschwindigkeit unter der Dusche ab, fuhr in meine kniekurz abgeschnittenen Jeans, kramte ein halbwegs sauberes T-Shirt hervor und war schon unten.

„Das ist aber schnell gegangen“, sagte Matty, der auf der Treppenstufe in der Sonne saß und Herrn Alois hinter den Ohren kraulte.

Ich nickte nur und holte mir rasch noch ein Stück Kuchen. Dann krochen wir hintereinander durch die Hecke und kürzten den Weg nach Dreililien über eine der Koppeln ab.

Die Pferde kamen aus dem Schatten der Bäume, als sie uns sahen, und folgten uns bis zum Gatter. Wir nahmen uns nicht die Mühe, es zu öffnen, sondern kletterten darüber. Ich steckte vorher noch den letzten Rest Kuchen in den Mund.

Als ich vom Gatterbalken sprang, tauchte Jörn mit dem alten VW-Käfer hinter der Wegbiegung auf und preschte über die Auffahrt, daß der Kies spritzte. Wir verrenkten uns die Hälse, um einen ersten Blick auf seinen Beifahrer zu werfen.

„Schwarze Haare hat er“, murmelte Matty.

„Mm“, sagte ich mit vollem Mund. Das war das einzige, was ich auf die Entfernung auch erkannt hatte.

Wir blieben stehen und warteten. Jörn fuhr näher heran, hielt an und streckte den Kopf aus dem Wagenfenster. „Ausgeschlafen? “ fragte er mich grinsend.

„Nein“, sagte ich und warf einen heimlichen Blick auf Mikesch. Was ich sah, verschlug mir den Atem. Einen Moment lang machte ich wohl ein ziemlich dummes Gesicht.

Ich hatte mir Mikesch jünger vorgestellt, so um die Zwanzig; aber er mochte mindestens schon achtundzwanzig sein. Doch das war es nicht. Es war sein Aussehen. Denn er war schön. Das mag ein komisches Wort in Verbindung mit einem Mann sein, aber genau dieser Ausdruck fiel mir ein, als ich ihn musterte – sein ebenmäßiges, gebräuntes Gesicht mit der schmalen Nase, die dunklen Locken, die bestimmt nicht das Werk eines teuren Herrenfriseurs waren, und die strahlend blauen Augen mit dem Kranz langer, dunkler Wimpern. Wenn er gewollt hätte, hätte er sein Geld bestimmt locker mit Reklamefotos oder als Dressman verdienen können, statt sich für ein Taschengeld irgendwo auf dem Land mit Pferden abzugeben.

Ich schielte zu Matty hinüber. Auch er starrte den Mann an, der da neben seinem Bruder im Auto saß. Jörn sah von einem zum anderen und grinste verstohlen.

Gerade als das Schweigen peinlich zu werden begann, sagte Mikesch: „Hallo, ich bin Mikesch. Und ihr beide seid Nell und Matty, nehme ich an.“

„Ja“, erwiderte ich hastig. „Hallo, Mikesch!“

Und Matty murmelte etwas Undeutliches.

„Wenn’s euch recht ist, würde ich jetzt gern aussteigen“, sagte Mikesch. Vermutlich war er es gewohnt, angestarrt zu werden. „Ich habe nämlich den ganzen Vormittag herumgesessen. Der Hintern tut mir schon weh.“

Er stieg aus, reckte sich und sah sich um. „Schön habt ihr’s hier“, sagte er einfach.

„Ich fahre den Käfer in die Remise“, sagte Jörn. „Ihr könnt Mikesch herumführen. Ich komme dann nach.“

Mikesch sah auf ihn hinunter. Er war mindestens einsneunzig. „Eine Remise habt ihr hier auch. Das klingt ja hochherrschaftlich.“

„Es klingt vielleicht so“, gab Jörn belustigt zu. „Aber in Wahrheit ist es bloß ein baufälliger alter Schuppen, in dem früher die Kutschen standen. So ist’s hier mit vielem: klingende Namen und nichts dahinter als Spinnweben und Verfall.“

Er ließ den Motor an und fuhr zur Hofeinfahrt weiter. Matty und ich blieben ziemlich verlegen zurück. Wir wußten nicht recht, wie wir mit unserem blendenden Gast umgehen sollten. Sollten wir ihn duzen oder Sie zu ihm sagen? Ich kämpfte mit einem Gefühl der Enttäuschung. Dieser Mikesch schien mir durchaus nicht der Typ zu sein, der nach Dreililien paßte – dazu war er einfach zu . . . zu schön. Immerhin beruhigte es mich ein wenig, daß er flickenbesetzte Jeans trug und ein altes Hemd, das am Kragen schon abgewetzt war.

„Ich glaube, ich muß euch erst mal erklären, daß ich nichts für mein Äußeres kann“, sagte Mikesch unvermittelt. „Ich bin kein Playboy und kein Schönling, auch wenn das die meisten Leute von mir denken, die mich zum erstenmal sehen.“

Ich bekam den Mund nicht mehr zu. Matty schluckte und erwiderte dann: „Willst du . . . wollen Sie wirklich als Pferdepfleger und Reitlehrer arbeiten?“

„Das du ist schon in Ordnung“, sagte Mikesch. „Und natürlich will ich als Pferdepfleger und Reitlehrer arbeiten, sonst wäre ich nicht hier. Ich habe eure Anzeige schon richtig gelesen und verstanden. Ihr wollt hier eine Reitschule eröffnen und braucht jemanden, der bei den Pferden mithilft und Kindern und Jugendlichen das Reiten beibringt. Jemanden, der mit einem kleinen Gehalt zufrieden ist und nichts dagegen hat, auf dem Land zu leben, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen.“

Wieder sah er sich um. Ich bemerkte den Glanz in seinen Augen, als sein Blick über die Koppeln mit den Pferden schweifte, hin zum Waldrand, über die vernachlässigten Gebäude von Dreililien und die Hecken, die die Pfade säumten. Da wußte ich plötzlich, daß es ein Fehler gewesen war, ihn nur nach seinem Äußeren zu beurteilen.

Spontan streckte ich die Hand aus und sagte: „Tut mir leid. Vorurteile sind dumm.“

Er nahm meine Hand und drückte sie fest. Ich sah Matty an. Auf seinem Gesicht lag noch immer ein zweifelnder Ausdruck.

Zehn Minuten später aber hatte auch er seine Vorurteile vergessen, nachdem wir erlebten, wie wenig Scheu die Pferde vor Mikesch zeigten, obwohl sie ihn noch nie zuvor gesehen hatten, und wie gut er mit ihnen umzugehen verstand. Aus all seinen Bewegungen, seinen Blicken sprach die Liebe zu ihnen, und es war klar, daß sie das spürten. Sogar Diana ließ sich gnädig von ihm streicheln.

Jörn nickte mir heimlich zu, als wir über den Hofplatz gingen. Wir wüßten, daß Mikesch der Richtige für uns war – und doch hing seine Anstellung nicht von uns ab.

Die Entscheidung lag allein bei Herrn Moberg, und er war wohl nicht so leicht zu überzeugen wie wir.

Während Matty ins Haus lief, um seinen Vater zu holen, erzählten wir Mikesch kurz von den Geldschwierigkeiten, in denen das Gestüt steckte, und von unserem Plan, die Pferde zu retten, indem wir eine Reitschule eröffneten.

Mikesch hörte schweigend zu. Nach einigem Überlegen sagte er: „Ich glaube, es gibt ziemlich viele Reitschulen, denen es nicht gerade rosig geht. Die Kosten für Miete, Futter, Tierarzt und Personal steigen ständig. Aber ihr habt hier ideale Voraussetzungen – genug Land, um einen Teil des Futters selbst zu erzeugen, einen großen Hof, der keine Miete kostet – von den Reparaturkosten abgesehen – ; und was die Arbeit angeht, so macht ihr ja offenbar eine Menge selbst. So könnte es schon gehen.“

Sein Blick schweifte über den Hofplatz, die efeubewachsenen Außenmauern der alten Gebäude, den brökkelnden Torbogen.

„Ein schöner Besitz“, sagte er.

Jörn seufzte. „Ja, aber es fehlt an allen Ecken und Enden. Überall wären Reparaturen nötig.“

„Besonders das mit den Reitferien ist keine schlechte Idee“, sagte Mikesch aufmunternd. „Und am Hof könnte man sicher manches selbst ausbessern.“

„Könnte man, ja“, erwiderte Jörn. „Aber wir kommen so schon kaum mit der Arbeit über die Runden, und die Schule . . .“

Er stockte. Das Haustor wurde geöffnet. Wir hörten das klackende Geräusch von Herrn Mobergs Krücken auf dem Pflaster des Innenhofes. Mein Herz schlug schneller.

„Mein Vater ist schwer gehbehindert, weißt du“, fügte Jörn rasch hinzu. „Er kann bei der Arbeit nicht mehr helfen, aber er kümmert sich um den Papierkram.“

„Ein Reitunfall?“ fragte Mikesch.

Jörn schüttelte den Kopf. „Nein, ein Autounfall.“

Ich merkte, daß meine Handflächen vor Angst und Aufregung naß waren. Ich wünschte so sehr, daß Mikesch den Job bekam, damit wir mit ihm zusammen endlich anfangen konnten, unsere Pläne zu verwirklichen. Plötzlich war ich so sicher, daß wir mit ihm gemeinsam mehr Chancen hatten, es zu schaffen, daß er genau richtig für uns war – nicht so jung und unerfahren wie wir, aber auch nicht zu alt, um unsere Hoffnungen und Wünsche zu verstehen und zu teilen.

Herrn Mobergs Blick war voller Mißtrauen, als wir ihm Mikesch vorstellten; doch das war ich inzwischen an ihm gewöhnt. Der mißtrauische Ausdruck schien auf seinem Gesicht richtig festgefroren zu sein. Allerdings trat er manchmal besonders stark hervor, zum Beispiel jetzt.

„Mikesch?“ wiederholte er unfreundlich. „Wie ist Ihr Nachname? Ich halte nichts von dieser amerikanischen Sitte, jeden zu duzen und sich gleich mit Vornamen anzureden.“

Mein Herz sank. Das fing ja gut an. „Guten Morgen“, erwiderte Mikesch ruhig. „Ich heiße Andergast.“

„Andergast?“ Herr Moberg musterte ihn prüfend. „Sind Sie irgendwie verwandt mit dem Rennstallbesitzer Arpad Andergast?“

Mikesch lächelte ein bißchen schief. „Ja“, sagte er.

„Das ist mein Vater.“

„Was?“ Herr Moberg starrte ihn an, und wir taten das gleiche. Mir sagte der Name Andergast zwar nichts, aber an Herrn Mobergs Miene war zu erkennen, daß Mikesehs Vater in Fachkreisen ein bekannter Mann sein mußte.

„Und warum arbeiten Sie dann nicht bei Ihrem Vater, wenn ich fragen darf?“

Mikesehs Gesichtsausdruck, der vorher so offen und freundlich gewesen war, wurde verschlossen. „Weil wir zu verschieden sind, mein Vater und ich“, war alles, was er sagte. „Ich bin schon vor zehn Jahren von zu Hause weggegangen. Außerdem behagt mir das Geschäft mit Pferderennen sowieso nicht.“

Herr Moberg sah aus, als wollte er noch einiges dazu sagen. Dann überlegte er es sich offenbar anders. Er nickte nur kurz und fragte barsch: „Sie wissen, daß ich Ihnen kein angemessenes Gehalt zahlen kann – genaugenommen sogar nur sehr wenig, kaum mehr als ein Taschengeld. Dreihundertfünfzig Mark monatlich kann ich Ihnen bieten, mehr nicht.“

Mikesch nickte. „Ja“, sagte er, „das ist mir bekannt. Und ich bin einverstanden, wenn ich außerdem bei Ihnen essen und wohnen kann.“

„Unterkunft und Verpflegung wären selbstverständlich frei“, stimmte Herr Moberg sofort zu.

Ich atmete auf. Das klang ja ganz danach, als würde er durchaus in Betracht ziehen, Mikesch bei sich anzustellen!

„Ihre Reitkünste brauchen Sie mir wohl nicht erst vorzuführen, junger Mann. Darauf können wir in Ihrem Fall verzichten“, sagte Herr Moberg. „Sie sind sicher mit Pferden aufgewachsen, genau wie meine Jungen.“

„Das bin ich“, stimmte Mikesch zu. „Reiten habe ich jedenfalls gelernt.“ Und er lächelte, aber es war kein fröhliches Lächeln.

„Wollen Sie sich unseren Stall ansehen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, hinkte Herr Moberg voraus, auf seine Krücken gestützt. Mikesch folgte ihm. Ich blieb mit Jörn und Matty zurück.

„Mein lieber Schwan!“ sagte Matty verdutzt, aber voller Erleichterung, als die beiden außer Hörweite waren. „Das scheint ja glatt hinzuhauen!“

Jörn hob die Augenbrauen. „Er ist wirklich der Sohn vom alten Andergast!“

„Habt ihr denn seinen Nachnamen nicht gewußt?“ fragte ich dazwischen.

Jörn schüttelte den Kopf. „Er hat den Brief nur mit seinem Vornamen unterschrieben“, erklärte er. „Eine Adresse stand nicht auf dem Umschlag. Wir wußten nur seine Telefonnummer und daß er Mikesch heißt.“

„Ist was mit seinem Vater?“ fragte Matty. „Mikesch war so komisch, als die Rede auf ihn kam.“

Jörn zuckte mit den Schultern. „Ich hab mal irgend jemanden sagen hören, daß Arpad Andergast ein alter Wüstling ist. Es gab auch mal vor ein paar Jahren einen Skandal um ihn, glaube ich, aber ich hab mich nicht weiter darum gekümmert und weiß nicht, worum es da ging,“

„Ein Wüstling?“ wiederholte ich halb belustigt, halb verständnislos. „Meinst du mit Frauen oder so?“

„Ja, wahrscheinlich mit Frauen oder so“, sagte Jörn und lachte.

„Wenn er nur halb so gut aussieht wie Mikesch, wär’s kein Wunder, wenn die Frauen ihm schockweise nachlaufen würden.“ Das war Mattys Meinung.

„Mikesch ist jedenfalls nicht so“, wandte ich ein, „obwohl er gut aussieht. Deshalb braucht man nicht gleich ein Wüstling zu sein.“

Jörn lachte wieder und sah mich prüfend an. „He, er hat wohl dein Herz schon im Sturm erobert, wie? Geht das bei dir so schnell, Nell?“

Ich sagte hitzig: „So ein verdammter Blödsinn! Ich finde ihn einfach nett, er ist genau richtig für Dreililien, und außerdem . . . Außerdem ist er gar nicht mein Typ.“

Damit hatte ich einen Fehler gemacht; ich wußte es, sobald ich es ausgesprochen hatte. Diese Antwort forderte geradezu eine Frage heraus, und sie kam auch prompt.

„Wer ist denn dann dein Typ?“ fragte Jörn mit einem verräterischen Zucken um die Mundwinkel.

Ich hatte keine Lust, es ihm zu sagen – gerade ihm nicht. Matty kam mir ungewollt zu Hilfe, indem er voller Ungeduld murmelte: „Hört doch mit dem Quatsch auf, hier geht’s um wichtigere Sachen. Sollen wir Vater und Mikesch in den Stall nachgehen?“

„Nein“, erwiderte Jörn. „Lassen wir die beiden mal allein, sonst meint Vater noch, er müßte sich vor uns als Gutsherr aufspielen. Sie werden ohne uns bestimmt schneller und besser einig.“

„Ich hab Marnie noch gar nicht gesehen“, sagte ich. „Und Nell. Wo sind die beiden? Habt ihr sie noch im Stall gelassen? Geht’s dem Fohlen gut?“

„Heute morgen waren sie beide ganz munter. Nell hatte normale Temperatur – 39 Grad. Nach dem Fiebermessen hab ich die beiden auf die kleine Koppel hinter dem Birkenwäldchen gebracht, da sind sie ungestört und haben Halbschatten.“

„Was, du hast Fieber gemessen?“ Ich musterte Jörn erschrocken. „Sah das Fohlen denn krank aus?“

Matty mischte sich ein. „Nein, keine Angst. Ein Fohlen steckt sich nur in den ersten Tagen nach der Geburt leicht an. Da ist’s am besten, morgens und abends die Temperatur zu überwachen. Wenn es Fieber bekommt, kann man rechtzeitig den Tierarzt holen.“

Vom Stall her hörten wir Stimmen. Herr Moberg tauchte wieder auf. Er sah bei weitem nicht so mürrisch aus wie sonst. Neben ihm ging Mikesch. Die beiden unterhielten sich über Fohlenlähme; sie waren ganz ins Gespräch vertieft.

Ich spürte, wie jemand meine Hand nahm und drückte. Es war Matty. Und ich wußte, was dieser heimliche Händedruck bedeutete, noch ehe ich Herrn Moberg zu Mikesch sagen hörte: „Dann wäre die Sache also abgemacht, Herr Andergast. Sie fangen schon nächste Woche bei uns an. Die ehemalige Fuhrknechtskammer über dem Stall können Sie sich gern ausbauen, wenn Sie Wert darauf legen, obwohl auch im Haus Platz genug für Sie wäre; und bei uns hätten Sie’s bequemer. Aber das überlasse ich Ihnen. Den Vertrag fertige ich bis nächste Woche aus. Das ist nur eine Formsache, aber es muß sein. Also dann – auf gute Zusammenarbeit.“

Die beiden schüttelten sich die Hände. Vom Dorf her kam das Geläut der Mittagsglocken. Herr Moberg hinkte durch den Torbogen davon, und Mikesch verabschiedete sich. Er sagte, er wolle gleich zu Fuß nach Mariabrunn gehen, dort im Gasthaus etwas essen und dann mit Bus und Bahn nach München zurückfahren.

„Sollen wir dir beim Umzug helfen?“ fragte Jörn. „Wir konnten dich mit unserem Lieferwagen in München abholen und deine Sachen mitnehmen.“

Mikesch lächelte. „Danke, aber das braucht ihr nicht. Ihr habt hier schon genug zu tun. Ein Freund wird mich mit seinem Auto herfahren, das reicht für meinen Kram. Die paar Sachen bringen wir schon unter.“

Er gab jedem von uns die Hand und ging. „Das wär’s“, sagte Matty. „Herrje, das ist schneller und besser gegangen, als ich gedacht habe!“

Ich konnte es noch gar nicht recht glauben. Mit einem Gefühl, als hätten wir einen Sieg errungen, lächelte ich Jörn zu, und er lächelte zurück.

„Manchmal muß man ja auch Glück haben!“ sagte er. „Soll ich dir heute nachmittag Reitunterricht geben, Nell?“

„Ja, gern“, sagte ich. „Aber erst um fünf, wenn’s nicht mehr so heiß ist. Jetzt gehe ich erst mal nach Hause, lege mich in die Hängematte und schlafe. Und vorher sehe ich mir Nell an.“

Jörn und Matty begleiteten mich über den Hofplatz, an der steinernen Bank vorbei und den Pfad zwischen den Birken entlang. Als wir uns umwandten, sahen wir, daß Mikesch inzwischen die Wegkreuzung erreicht hatte. Er war stehengeblieben, beschattete die Augen mit der Hand und sah über die Koppeln.

„Ich glaube, er wollte allein sein“, sagte Matty. „Ob er so was wie ein Einzelgänger ist?“

Jörn nickte nachdenklich. „Vielleicht. Ich denke, er hat es trotz seines guten Aussehens nicht immer leicht gehabt.“

Auf der kleinen Koppel stand Marnie unter einem Baum und säugte ihr Fohlen. Es war schon nicht mehr so wacklig auf den Beinen, und sein Fell wirkte glatter und glänzte im Licht, das durch das Laub sickerte.

Matty sagte: „Es hat eine Farbe wie eine reife Kastanie.“

Marnie hatte uns bemerkt. Sie spitzte die Ohren und sah zu uns herüber. Als sie sich bewegte, hörte das Fohlen zu trinken auf, hob den Kopf und sah sich mit großen, verwunderten Augen um.

Mir wurde warm ums Herz. Wie unschuldig es aussieht, dachte ich, wie vertrauensvoll und arglos! Es weiß nichts von all dem Bösen, all dem Unheil dieser Welt – noch nicht. Alles, was es sieht, ist neu und wunderbar.

„Ich wollte, es könnte so bleiben“, sagte Jörn wie ein Echo auf meine Gedanken. „So arglos und voller Erwartung. Aber jeder muß erwachsen werden und gute und schlechte Erfahrungen machen, auch ein Fohlen.“

5

Um ein Haar verschlief ich die Reitstunde. Es war so friedlich im Obstgarten. Ich lag in der Hängematte zwischen den Apfelbäumen, die schon grüne Früchte trugen; ein leichter Wind ging, und aus Kirstys Werkstatt kam das leise Geräusch der Töpferscheibe. Herr Alois lag unter mir im Gras, die Schnäuze auf den Vorderpfoten, und schnarchte.

Ich schlief ein und träumte, daß Jörn und Mikesch gemeinsam einen Kindergarten auf Dreililien leiteten, und daß Matty ein Kaffeekränzchen für die Mütter veranstaltete. Das fand ich so komisch, daß ich im Schlaf lachen mußte und von meinem eigenen Gekicher aufwachte.

Die Sonne stand schon hinter dem Hausdach. Der Obstgarten lag im Schatten. Da wußte ich, daß ich lange geschlafen haben mußte.

Ich kroch aus der Hängematte und ging zur Werkstatt, noch schwindlig vom Schlaf. Ein paar von Kirstys Krügen und Schüsseln standen auf Steinen und umgestülpten Kisten zwischen Gras und Blumen zum Trocknen. Der Geruch von nassem Ton hing in der Luft. Ich hörte Kirsty summen.

Durch die geöffnete Tür sah ich sie vor ihrem Arbeitstisch am Fenster stehen, in ihrer verklecksten Latzhose, ein Tuch um das goldbraune Haar gebunden. Sie hatte einen großen Henkeltopf vor sich stehen.

„Du, weißt du, wie spät es ist?“ fragte ich.

„Fünf vorbei, würde ich sagen. Hast du geschlafen?“

„Ja“, sagte ich eilig und war schon wieder aus der Tür. „Ich muß los. Um fünf hab ich Reitstunde!“

Sie rief mir etwas nach, was ich nicht verstand, doch ich nahm mir nicht die Zeit, umzukehren. Ich raste ins Haus, die Treppe hinauf und in mein Zimmer, zog Jeans an, holte dann die Reitstiefel aus Gummi unter der Hausbank hervor und kürzte zum zweitenmal an diesem Tag den Weg über die Koppeln ab.

Hazel sah mich schon von weitem. Sie kam zu mir, blies mir ins Haar, wie sie es immer machte, und wartete darauf, daß ich sie streichelte, aber ich sagte: „Jetzt nicht, mein Mädchen. Wir haben’s eilig. Komm mit in den Stall, du mußt mal wieder meine Reitversuche über dich ergehen lassen.“

Ich faßte sie an der Mähne. Willig ging sie neben mir her. Als wir das Gatter hinter uns geschlossen hatten und zur sogenannten Schwammerlwiese kamen, auf der wir für gewöhnlich die Reitstunden abhielten, stand Jörn schon am Zaun.

Matty war nicht bei ihm; dafür war Carmen da. Die beiden waren so ins Gespräch vertieft, daß sie mich und Hazel erst bemerkten, als wir vor ihnen standen.

Ich war ziemlich überrascht gewesen, als ich Carmen vor einigen Wochen kennenlernte und feststellte, daß sich hinter dem spanischen Vornamen keine rassige Schönheit verbarg, sondern ein etwas dickliches Bauernmädchen mit rotblonden Zöpfen, runden, braunen Augen und Pausbacken. Eine Schönheit war Carmen wirklich nicht, doch ich entdeckte sehr bald, daß sie andere Vorzüge hatte. Ich mochte Carmen; sie war liebenswert und feinfühlig, jemand, auf den man sich verlassen konnte. Und daß sie offenkundig bis über beide Ohren in Jörn verliebt war, verstand ich nur zu gut. Ich nahm es ihr auch nicht weiter übel. Das lag allerdings nicht daran, daß ich besonders großzügig und edel gewesen wäre. Ich wußte ganz einfach, daß Carmen für Jörn nicht mehr als ein guter Kumpel war.

„Hallo, Nell“, sagte sie und strahlte mich an. „Das klappt also mit dem Mikesch? Ich bin schon furchtbar gespannt auf ihn. Ist er wirklich so schön?“

Ich zwinkerte ihr zu. „Sehr. Aber ich glaube, er ist in Ordnung. Ab Montag kannst du ihn bewundern.“

„Wir werden uns wahrscheinlich bald vor liebeskranken Reitschülerinnen nicht mehr retten können, die bloß herkommen, um Mikesch anzuhimmeln“, sagte Jörn spöttisch. „Nell ist ja gleich vom ersten Augenblick auf ihn geflogen, und Carmen wird ihm bestimmt auch nicht lange widerstehen können!“

„Ich? Da täuschst du dich aber!“ sagte Carmen entschieden.

Ich lächelte verstohlen und sagte gar nichts. Mir war inzwischen eingefallen, daß es vielleicht gar nicht schaden konnte, Jörn in dem Glauben zu lassen, ich schwärmte für Mikesch. Er war sowieso manchmal etwas zu selbstherrlich und hielt sich vielleicht sogar für unwiderstehlich.

„Da siehst du’s!“ sagte Jörn zu Carmen. „Sie sagt nichts. Das ist so gut wie ein Eingeständnis.“

Ich kicherte und führte Hazel in den Stall, um sie zu Sätteln. Als ich nach zehn Minuten wieder auftauchte, war auch Matty da. „Versuchst du’s heute wieder mit dem kurzen Galopp?“ fragte er.

Ich hätte am liebsten den Kopf geschüttelt. Doch einmal mußte ich es ja lernen. Bis jetzt hatte es gar nicht geklappt, aber deshalb durfte ich wohl nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. „Ja“, sagte ich zögernd. „Obwohl . . . Ich weiß nicht, ob ich das jemals schaffen werde.“

Matty sah zu, wie ich mich in den Sattel schwang. Wenigstens das ging jetzt schon mühelos. Dann sagte er zu Jörn: „Laß mich das mal versuchen. Ich bring’s ihr schon bei.“

Jörn lachte nicht besonders freundlich und zuckte mit den Schultern. „Wenn du meinst, daß du es besser kannst . . .“, erwiderte er gedehnt.

Ich sah unbehaglich von einem zum anderen. Eigentlich war es mir lieber, wenn Matty mir Unterricht gab. Nicht, weil er ein besserer Lehrer als Jörn gewesen wäre. Der Grund dafür war ganz einfach, daß ich bei ihm unverkrampfter war und nicht dauernd befürchtete, Fehler zu machen und mich zu blamieren. Bei Jörn hatte ich immer das Gefühl, etwas beweisen zu müssen – daß ich mutig war oder besonders geschickt, schnell von Begriff, eben eine begabte Reitschülerin. Dabei war ich in Wirklichkeit höchst mittelmäßig begabt. Matty durfte das wissen, Jörn aber nicht.

Jörn wandte sich ab und schlenderte davon, die Hände in den Hosentaschen. Diana folgte ihm. Carmen kauerte auf dem obersten Balken des Zaunes und sagte trocken: „Er wird’s schon verschmerzen.“

Matty sagte gar nichts. Ich drehte eine gemütliche Runde mit Hazel über die Schwammerlwiese. Dann begann ich langsam mit dem kurzen Galopp. Ich gab mir wirklich Mühe, aber es ging nicht – und das lag bestimmt nicht an Hazel.

„Ich kriege nicht das richtige Sitzgefühl“, sagte ich nach einer Weile atemlos. „Ich hopse hoch und plumpse wieder in den Sattel, und davon kriege ich Seitenstechen. Es funktioniert einfach nicht.“

„Versuch dir vorzustellen, daß du in einem Schaukelstuhl sitzt“, sagte Matty ruhig. „Du mußt deinen Körper von den Knien aufwärts völlig entspannen. Und drück nicht gegen die Steigbügel! Dabei wirst du nur stärker hochgeworfen. Du brauchst nur die Knie anzuspannen und kannst alles andere locker lassen.“

Ich versuchte es. Minutenlang hatte ich das Gefühl, wirklich fest im Sattel zu sitzen. Dann wurde ich plötzlich wieder hochgeschleudert. Es war zum Verzweifeln.

„Wieder nichts!“ sagte ich mit Grabesstimme und stöhnte.

„Ich sag dir, was passiert ist“, mischte sich Carmen ein, die mich aufmerksam beobachtet hatte. „Du hast dich so sehr entspannt, daß du wie ein Mehlsack im Sattel gesessen hast. Wenn du’s so machst, verlierst du das Gleichgewicht. Und um das Gleichgewicht wiederzugewinnen, drückst du gegen die Steigbügel. Also kam der Gegenstoß; da bist du wie ein Gummiball in die Höhe geschnellt. Versuch’s noch mal – sitz aufrecht im Sattel, aber entspann dich.“

Ich richtete mich kerzengrade auf und fühlte mich dabei wie ein Zinnsoldat. „Nein!“ rief Matty. „Nicht so, Nell. Schultern hängen lassen!“

Jetzt merkte ich es selbst. Meine Schultern waren richtig hochgezogen, so, als hätte ich vor etwas Angst. Sobald ich sie locker ließ, brauchte ich mich nicht mehr so an die Zügel zu klammern.

„Und jetzt paß dich Hazels Bewegungen an – mit den Hüften, ja, so! Es ist eine rollende Bewegung!“

Plötzlich hatte ich das Gefühl, etwas bequemer im Sattel zu sitzen. „Aber nicht vergessen, die Knie durchzudrücken“, mahnte Matty. „So, das ist gut – probier’s noch mal!“

Der Schweiß lief mir über die Stirn. Hazel, das liebe, gutmütige Tier, ließ meine ungeschickten Versuche immer wieder mit einer Engelsgeduld über sich ergehen. Ohne ein Zeichen des Unwillens setzte sie den kurzen Galopp fort, rund um die Schwammerlwiese, ein ums andere Mal; und nach einer halben Stunde merkte ich endlich, endlich, daß ich es begriffen hatte.

Von da an ging es zusehends besser. Immer öfter hatte ich das Gefühl, richtig im Sattel zu sitzen und mit Hazels Bewegungen mitzugehen.

„Gut“, sagte Matty schließlich zufrieden. „Das reicht für heute. Ihr seid beide ganz verschwitzt. Wir satteln Hazel jetzt ab und reiben sie trocken. Dann bringen wir sie in den Schatten. Hat Jörn dir für heute eine Reitstunde versprochen, Carmen?“

Ich schwang mich aus dem Sattel, lobte Hazel ausgiebig und führte sie durch die Gatteröffnung. Dabei hörte ich, wie Carmen sagte: „Nein, heute nicht. Ich wollte euch eigentlich im Stall helfen. Wir sind für diese Woche mit der Heuarbeit fertig, da hab ich ein bißchen Zeit.“

Ich fand es nett von ihr, daß sie in ihrer knappen Freizeit bereit war, auch noch auf Dreililien zu arbeiten.

„Prima“, sagte Matty erfreut. „Wenn wir zu fünft sind, schaffen wir’s schneller und können hinterher noch zum Baden an den Weiher reiten.“

Ich fuhr mir mit dem Handrücken über die Stirn. „Baden!“ wiederholte ich verzückt und schlug nach einer blutrünstigen Bremse. „Das ist wirklich ein göttlicher Einfall!“

Einer jedoch schien die Idee nicht göttlich zu finden, und das war Jörn. Er half zwar bei der Stallarbeit, sagte dann aber kurz, er käme nicht mit zum Baden, weil er etwas anderes vorhätte.

Vielleicht war er noch sauer wegen der Reitstunde, wer weiß. Vielleicht wollte er aber auch einfach einmal seine eigenen Wege gehen. Man kannte sich da bei Jörn nie so genau aus. Als Matty, Carmen und ich mit den Pferden aus dem Hof ritten, sahen wir ihn mit dem roten VW-Käfer hinter der Wegkreuzung verschwinden.

Die Enttäuschung war Carmen deutlich anzusehen. Sie konnte sich nicht so leicht verstellen. Ich versuchte mir einzureden, daß es mir nichts ausmachte, wenn Jörn einmal nicht dabei war. Doch als ich ehrlich darüber nachdachte, mußte ich mir eingestehen, daß es nicht stimmte. Der Weiher am Waldrand wirkte so verwunschen wie immer, Matty spielte auf seiner Mundharmonika, Hazel watete prustend wie ein Walroß im seichten Wasser und brachte uns zum Lachen, die Lerchen kreisten singend über den Wiesen, das Heu duftete betäubend, und das Moorwasser war kühl und erfrischend nach diesem heißen Sommertag. Und doch fehlte mir etwas. Ich vermißte Jörn.

6

Das war am Donnerstag; und am Montag sollte Mikesch kommen. Die wenigen Tage vergingen schnell, denn sie waren angefüllt mit Arbeit und Abwechslung. Ich verbrachte viel Zeit bei der kleinen Koppel, saß auf dem Gatterbalken und beobachtete Nell, wie sie diesen winzigen Teil der Welt entdeckte, das Gras, die Blumen und Schmetterlinge, die Sonne und den Schatten der Bäume; wie sie auf ihren noch ungelenken Beinen herumsprang, mit Marnie spielte und zwischendurch auch zu mir kam, mich vertrauensvoll beäugte und beschnupperte. Sie kannte mich ja. Ich war vom ersten Augenblick ihres Lebens an dagewesen, gehörte zu ihrer kleinen Welt, war jemand, der weiche Hände hatte und eine zärtliche Stimme.

Am Freitag und Samstag gingen schwere Gewitter nieder. Wir mußten eine Unmenge Heu einbringen und wurden zweimal naß bis auf die Haut. Die Bremsen und Mücken waren teuflisch lästig. Während wir schufteten und schwitzten, während das Heu uns stach und juckte und Blitze in der Ferne zuckten, verfolgten die Mücken uns unbarmherzig und stachen, wo sie uns nur erwischten.

Ich war noch nie so braun gewesen wie in diesem Sommer. Als ich mich am Sonntag morgen im Spiegel betrachtete, fand ich, daß ich mehr denn je wie eine rothaarige Zigeunerin aussah. Der Ring, den mein Vater mir zur Konfirmation geschenkt hatte, hinterließ einen hellen Streifen an meinem Finger, als ich ihn beim Waschen abstreifte.

Ich duschte ausgiebig mit kaltem Wasser. Selbst in Tante Karens altem Haus, dessen Mauern sonst immer Kälte ausströmten, herrschte an diesem ersten Tag im September drückende Schwüle, obwohl der Hochsommer doch schon vorbei war.

Vater hatte den Frühstückstisch unter der Eiche gedeckt; da war es jetzt kühler als in der Küche. Es gab Zwetschgenkuchen mit Sahne, den man hierzulande Datschi nennt. Herr Alois lag japsend im Gras, und auch Kirsty schien unter der Hitze zu leiden. Trotz ihrer Sonnenbräune sah sie erschöpft aus.

Nur meinem Vater schien das schwüle Wetter nichts auszumachen. Während des Frühstücks redete er unaufhörlich, erzählte von seinen Plänen, das Dachgeschoß weiter auszubauen. Auch eine Art Wintergarten wollte er anbauen, eine verglaste Terrasse, wo man im Winter zwischen Grünpflanzen sitzen konnte.

Schließlich sagte ich: „Herrje, bist du aber munter bei der Hitze! Das ist ja kaum auszuhalten!“

Seltsamerweise wurde er rot und vestummte. Kirsty lächelte. Sie fragte mich, wie es Marnies Fohlen gehe. „Ich würde es mir gern mal ansehen“, sagte sie. „Kann ich nach dem Frühstück mitkommen?“

„Klar“, erwiderte ich. „Also, es ist das schönste Fohlen, das du dir vorstellen kannst!“ Und ich merkte, daß fast etwas wie Mutterstolz in meiner Stimme schwang.

Mein Vater sah sich tatendurstig um. „Ich muß gleich ein paar von den Bohnenstangen neu befestigen“, sagte er. „Seit dem Gewitter stehen sie ganz schief.“

Gemeinsam trugen wir das Geschirr in die Küche. Vater spülte und ich trocknete ab, während Kirsty noch einmal in ihre Werkstatt ging, um nach dem Brennofen zu schauen.

Weder Matty noch Jörn waren zu sehen, als wir zwischen den Birken zur kleinen Koppel gingen. Wir hatten Herrn Alois zu Hause gelassen, weil er manchmal die Angewohnheit hatte, in wildes Gebell auszubrechen, wenn er plötzlich ein Pferd in seiner Nähe entdeckte.

„Ich hoffe, euer Plan mit der Reitschule klappt“, sagte Kirsty, nachdem wir eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen waren. „Ich glaube, es ist sehr wichtig für dich.“

„Ja“, erwiderte ich, „das ist es. Wir sind ja erst seit kurzer Zeit hier, aber ich . . . ich möchte, daß alles so bleibt, wie es ist – nicht nur wegen Matty und Jörn. Dreililien und die Pferde, das gehört für mich einfach zusammen.“

Sie nickte. Ich glaube, sie verstand mich. Kirsty verstand eine ganze Menge.

Als wir zur Koppel kamen, standen Nell und Marnie am Zaun und sahen uns entgegen. „Da ist sie“, sagte ich stolz. „Ist sie nicht wunderschön?“

Kirsty lächelte. Eine Zeitlang stand sie still da und sah zu, wie ich Nell mit der einen Hand streichelte und Marnie mit der anderen. Dann streckte auch sie die Hand aus und strich dem Fohlen mit den Fingerspitzen sanft über den Nasenrücken.

„Ein kleines Wunderwerk“, sagte sie.

Wir standen ziemlich lange nebeneinander am Zaun. Ich dachte, daß auch Kirsty eine Hand für Tiere hatte, denn Marnie und ihr Fohlen waren sofort voller Zutrauen. Wahrscheinlich mochten sie Kirstys ruhige, sanfte Art.

Leise sagte sie: „Es bedeutet eine Menge Verantwortung. Sie sind so hilflos und verwundbar.“

Ich verstand nicht recht, was sie meinte – Pferde allgemein, das Fohlen, oder noch etwas anderes? Ich sah sie von der Seite an. Sie strich sich das blonde Haar aus der Stirn. Ihr Gesicht glänzte vor Schweiß.

Plötzlich wandte sie mir den Blick zu und murmelte: „Nell, ich möchte dir nicht weh tun. Ich habe solche Angst, daß ich dir weh tun könnte mit dem, was ich dir jetzt sagen muß.“

Erschrocken erwiderte ich ihren Blick. Was wollte sie mir sagen? Was war passiert? Wollte sie sich vielleicht von meinem Vater trennen, mußten wir in die Stadt zurück, wieder fort von hier? Nein, das konnte nicht sein . . .

Ich sah Marnie und ihrem Fohlen nach, wie sie zu den Bäumen gingen, und merkte, daß ich zu zittern begann.

„Heißt das, daß wir nicht hierbleiben können?“ fragte ich. Mein Mund fühlte sich ganz trocken an.

Ihre Stimme war überrascht, als sie erwiderte: „Nicht hierbleiben? Ach so, jetzt weiß ich, was du meinst.“ Sie lachte leise. „Nein, das ist es nicht. Im Gegenteil. Ich bekomme ein Kind, Nell. Dein Vater und ich bekommen ein Kind.“

Ich schluckte, starrte sie an und wiederholte: „Ein Kind? Aber . . .“

Dann stockte ich. Beinahe hätte ich gesagt: Aber in eurem Alter! Denn mein Vater war über vierzig, und Kirsty Mitte dreißig.

Erst jetzt merkte ich, wie ängstlich mich Kirsty beobachtete. Sie fürchtete wohl, daß alles wieder so werden könnte wie früher, daß ich mich wieder zurückgesetzt fühlen könnte, daß meine alte Eifersucht erneut aufflammen könnte.

Im Augenblick war ich zu überrascht, zu überwältigt, um etwas dazu zu sagen. Ein Kind . . . das würde alles ändern, unser ganzes Leben. Es hatte sich ja schon so vieles verändert während der letzten Monate. Im Moment hatte ich eigentlich genug von Überraschungen und Umstellungen.

Dann aber fiel mir ein, wie sehnlich ich mir als Kind einen Bruder oder eine Schwester gewünscht hafteeinen Gefährten, mit dem ich alles teilen konnte. Dieser Wunsch war nie in Erfüllung gegangen. Was sollte ich mit einem Geschwister, das sechzehn Jahre jünger war als ich? Und doch . . .

Kirsty sagte bittend: „Du wirst weiterhin genauso wichtig für uns sein wie bisher, Nell, glaub mir. Und ich verspreche dir, daß du nie Kindermädchen spielen mußt. Du wirst nicht auf das Baby aufpassen müssen – du sollst weiter all die Freiheit haben, die du bisher hattest.“

Plötzlich tat sie mir leid. Sie fürchtete, daß ich sie wieder hassen könnte, sie und auch das Baby. Wußte sie nicht, daß ich diesen Haß längst überwunden hatte?

Ich nahm sie in die Arme und hielt sie fest, lange Zeit. Wir sprachen kein Wort. Und als sie den Kopf wieder hob, sah ich, daß sie geweint hatte.

„Wenn ich mich schon über ein Fohlen so freue, wie sollte ich mich dann nicht über ein Baby freuen“, sagte ich. „Wann kriegst du es?“

„Ende Februar“, erwiderte sie und holte tief Atem. „Ach, Nell, ich hatte solche Angst“, gestand sie dann. „Ich konnte mich gar nicht recht freuen, weil ich immer dachte, es könnte alles zwischen uns wieder zerstören. Es ist ja so schon schwierig genug. Wir sind keine jungen Eltern mehr, dein Vater und ich.“

Sie schwieg eine Weile und fügte dann hinzu: „Es ist nicht nur das, Nell. Ich war bisher daran gewöhnt, frei zu sein. Ich hatte meinen Hund und ab und zu einen Freund, und sonst war ich ganz ungebunden. Jetzt habe ich plötzlich eine Familie.. .“ Sie lächelte leicht. „Und bald sogar auch ein Baby. Das wird eine große Umstellung sein. Ich werde einige Zeit nicht mehr viel arbeiten können – und meine Arbeit ist mir wichtig, weißt du.“

„Ich weiß“, erwiderte ich. „Aber das Kind wird dir bald wichtiger werden. Mach dir keine Sorgen. Es wird bestimmt alles wie von selbst laufen. Hier auf dem Land ist es ja auch viel einfacher, ein Kind aufzuziehen als in der Stadt. Man muß nicht dauernd aufpassen, braucht es nicht ständig in der Wohnung zu haben oder auf Spielplätze zu bringen.“ Flüchtig dachte ich an meine eigene Kindheit in einer verkehrsreichen Großstadtstraße. „Du mußt nicht ständig Angst haben, wenn es auf der Straße ist und Radfahren lernt oder auf dem Bürgersteig spielt. Es kann im Garten herumkriechen und mit den Blumen und Tieren spielen.“

Kirsty schwankte zwischen Lachen und Weinen. „Ich dachte, ich müßte dich trösten, und jetzt machst du mir Mut. Ja, du hast recht – hier sind die besten Voraussetzungen für ein Kind, die man sich nur wünschen kann.“

„Vater freut sich, nicht?“ fragte ich. „Er hat keine Bedenken.“

„Er ist glücklich, ja. Er sagt, er wollte immer gern noch ein zweites Kind, aber deine Mutter . . . Sie war wohl nicht sehr gesund.“

Ich nickte nur; darüber mochte ich nicht sprechen. Irgendwie wäre es mir wie Verrat an meiner toten Mutter vorgekommen.

Ich sah Kirsty nach, wie sie in der Sonnenglut wieder den Pfad zum Kavaliershäusl zurückging. Seltsam, dachte ich, daß Erwachsene eigentlich genauso ängstlich und hilflos sind wie wir, wenn ihr Leben nicht mehr in den alten Bahnen verläuft, wenn sie mit Problemen zu kämpfen haben, sich umstellen müssen.

Nell kam wieder zum Zaun. Ich streichelte sie geistesabwesend und schrak richtig zusammen, als Mattys Stimme hinter mir erklang. „Sie denkt wohl, daß sie zwei Mütter hat – Marnie und dich.“

„Ja“, erwiderte ich. Und es ging mir durch den Sinn, daß es schwer für mich werden würde, wenn Nell eines Tages verkauft wurde; denn alle Stuten konnten wir nicht behalten, nicht einmal, wenn die Reitschule ein Erfolg wurde.

Matty sah mich forschend an. „Was ist los, Nell? Ist dir die Hitze aufs Gemüt geschlagen?“

Das war typisch Matty. Er merkte immer gleich, wenn etwas nicht stimmte. Im Augenblick hatte ich jedoch keine Lust, über das Baby zu reden; ich mochte nicht einmal daran denken. So fragte ich statt einer Antwort: „Wo ist Jörn?“

„Er sitzt auf der Bank und brütet über der Anzeige – du weißt schon, wegen der Reitschule. Ich wollte dich holen, damit du uns hilfst. Vielleicht hast du einen Geistesblitz.“

„Bei dem Wetter?“ sagte ich zweifelnd. Trotzdem war ich froh über die Ablenkung. „Aber gut, versuchen wir’s.“

Jörn saß auf der steinernen Bank im Schatten unter den Birken, ein altes Schulheft auf den Knien und Kugelschreiberflecke an den Fingern. Seine Haare standen wirr nach allen Seiten. Er sah richtig verzweifelt aus.

„Wie kann man sich einen zündenden Text ausdenken, wenn man gleichzeitig mit jedem Buchstaben sparen muß?“ sagte er düster. „Eine Anzeige, wie wir sie haben müßten, kostet ein Vermögen.“

„Zeig mal“, sagte ich. Er gab mir das Heft, und ich sah mir an, was er aufgesetzt hatte. Das Gekritzel war kaum zu entziffern.

Auf zum Gestüt Dreililien! stand da. Dem Paradies für pferdenärrisches Volk von 6 bis 17 in traumhafter Lage. Reitstunden und Reiterferien für Anfänger und Fortgeschrittene zu günstigen Preisen. Ruft zu Häuf an oder schreibt uns. Gestüt Dreililien bei Mariabrunn, Post . . .

Ich ließ das Heft sinken. „Das ist allerdings ein langer Text“, sagte ich. „Vor allem, wenn wir die Anzeige außer in die Pferdezeitschriften auch noch in andere Zeitungen setzen. Geht’s nicht kürzer?“

„Kürzer?“ wiederholte Jörn ärgerlich. „Wie denn?“

Ich sagte besänftigend: „Na ja, ungefähr so: Reitstunden und Reiterferien für Leute von 6 bis 17 im Reiterparadies Dreililien Nähe Rosenheim. Herrliche Umgebung, günstige Preise. Und dann noch Telefonnummer und Adresse.“

„Hm“, erwiderte Jörn. „Das reicht natürlich auch. Aber da geht eine Menge an Wirkung verloren.“

„Wirkung kann man sich leisten, wenn man Geld hat“, sagte ich philosophisch.

Matty lachte. „Also ich finde, daß junge Leute, die reiten lernen möchten und für Pferde schwärmen, nicht erst groß angemacht werden müssen“, sagte er dann. „Da braucht man sich wahrscheinlich gar nicht so zu verkünsteln. Hauptsache, die Anzeige ist nicht so winzig, daß sie übersehen wird. Ein zündender Text wäre natürlich schon gut. Aber wichtiger ist’s, zu erwähnen, daß die Reitstunden nicht teuer sind. Denn reiche Eltern und ein üppiges Taschengeld haben nur die wenigsten in unserem Alter.“

Jörn und ich nickten. Was Matty sagte, klang vernünftig.

„Ich würde Vorschlägen, daß wir die Anzeige morgen noch mal mit Mikesch besprechen, ehe wir den Text an die Zeitungen losschicken“, sagte ich. „Vielleicht hat er noch eine Idee dazu.“

Jörn nahm sein Heft wieder an sich. „Gut. Schreiben wir mal alle Vorschläge auf. Wie war dein Text, Nell?“

Ich hatte ihn schon beinahe wieder vergessen, aber gemeinsam brachten wir ihn zusammen. Dann kam Frau Moberg im Sonntagskleid, ein Gebetbuch in der Hand, und sagte ängstlich, sie würde jetzt zur Kirche gehen, und ob wir nicht mitkommen wollten?

Ich wunderte mich inzwischen nicht mehr über ihre verschüchterte Art. Sie war eine schmächtige Frau, die immer so aussah, als würde sie jeden Augenblick eine Katastrophe erwarten. Eigentlich konnte man sich nur schwer vorstellen, daß Jörn und Matty ihre Söhne waren.

Die beiden sagten, nein, sie hätten keine Zeit, mitzukommen. Ich murmelte etwas Undeutliches. Ich habe es noch nie leiden mögen, wenn Leute mich auffordern, in die Kirche zu gehen. Mein Vater hatte das nie getan. Er war der Meinung, daß jeder selbst wissen muß, wie er es mit der Religion hält, auch seine eigene Tochter.

Kaum war Frau Moberg verschwunden, da tauchte Carmen mit dem Fahrrad auf. Sie hörte sich unseren Anzeigentext an und fand ihn gut. „Ihr habt’s doch gar nicht nötig, viel Wind zu machen“, meinte sie. „Bei den Pferden und der paradiesischen Lage!“

Jörn hatte ihr wieder eine Reitstunde versprochen. Dafür strickte sie ihm einen gemusterten Pulli aus bunter Schafwolle. Solche Tauschgeschäfte waren bei den beiden durchaus üblich. Carmen hatte Jörn schon eine wunderschöne indianische Weste aus Rehleder genäht, die mit Fransen, Perlen und Federn verziert war. Zum Ausgleich dafür hatte sie von ihm Reitunterricht bekommen. Dabei hatte sie meiner Meinung nach eigentlich gar keinen Unterricht mehr nötig. Ich fand, daß sie einfach vollkommen ritt, und ich wunderte mich immer wieder, wie geschmeidig sie trotz ihres Übergewichts im Sattel saß. Sie wirkte überhaupt nicht schwerfällig oder ungelenk.

Matty und ich lehnten am Zaun und sahen zu, wie Carmen auf Joschi über die Schwammerlwiese ritt. Jörn gab die Kommandos. Ein Lob horte man nur selten von ihm, dafür aber öfter die Mahnung, Carmen solle nicht vergessen, daß ein Vollblüter kein Haflinger wäre, etwas, was sie schon häufig von ihm zu hören bekommen hatte. Für einen geübten Reiter war es wohl leicht zu erkennen, daß Carmen noch nicht allzu lange auf so edlen Pferden ritt, wie sie auf Dreililien gezüchtet wurden. Früher hatte sie ihre Reitversuche immer auf den Arbeitspferden ihres Vaters gemacht, der einen Bauernhof bei Mariabrunn hatte.

„Wenn ich’s bloß schon so gut könnte wie Carmen!“ sagte ich nach einer Weile seufzend.

Matty lachte. „Du willst schon fertig sein, ehe du richtig angefangen hast. Lernen macht doch auch Spaß, Nell.“

Ich fand, daß sich der Spaß in Grenzen hielt, aber das sagte ich nicht. Eigentlich empfand ich meine Reitversuche meist als recht mühselig. Wenn Hazel nicht so ein grundgutmütiges Tier gewesen wäre, hätte ich dabei wohl auch gehörige Angst ausgestanden.

Dann schweiften meine Gedanken wieder zu dem Gespräch mit Kirsty zurück. Und ich fragte mich, wie es werden würde – mit Kindergeschrei im Haus und Windeln in der Badewanne, wenn alle nur noch um das Baby herumtanzten und keiner mehr Zeit für etwas anderes hatte. Doch bis zum Februar war noch lange hin. Jetzt wollte ich erst einmal den Rest der Ferien genießen, jeden einzelnen Tag. Noch war Sommer.

7

Nie waren mir die großen Ferien so schnell vergangen wie in diesem Jahr. Vielleicht lag es daran, daß ich keinen Sommer derart bewußt erlebt hatte. Hier war jeder Tag so angefüllt mit Arbeit und Abwechslung wie früher kaum eine ganze Woche.

Mikesch kam, und bald hatten wir das Gefühl, als sei er immer schon dagewesen. Er fand sofort bei allen Anerkennung, nicht nur, weil er so gut mit den Pferden umzugehen wußte, sondern auch, weil er so geschickt und schnell arbeitete. Sogar Sepp vergaß bald seine anfänglichen Vorurteile gegen einen, „der wo Mikesch hoaßt“. Schon nach Mikeschs erster Woche auf Dreililien hörte Jörn, wie Sepp im Dorf zu einem Bauern sagte:

„Des ist oana, dem wo koana was vormacha ko. Der kennt sich aus mit die Rösser.“

Ja, Mikesch kannte sich mit Pferden aus, und nicht nur damit. Er telefonierte mit Reisebüros wegen unserer Reiterferien, half uns, die Anzeigen aufzugeben, kümmerte sich um die Versicherung, verarztete Solveigs Hufgeschwür und machte die erste Wurmkur mit Marnies Fohlen. Nebenbei begann er die ehemalige Fuhrknechtskammer über dem Stall auszubauen, legte die alten Querbalken frei, zimmerte neue Fensterrahmen und besserte den morschen Fußboden aus.

„Mikesch kann einfach alles!“ sagte Matty respektvoll.

Zu Hause hatte sich die erste Aufregung über das Baby gelegt. Das heißt, aufgeregt war eigentlich nur mein Vater. Er wuselte wild herum, ließ Handwerker kommen und machte Pläne für den Dachausbau, obwohl Kirsty meinte, ein Kinderzimmer wäre vorerst gar nicht so wichtig, da man ein Baby sowieso nicht allein lassen könne.

Ich merkte, daß es ihr gesundheitlich nicht besonders gut ging, doch sie beklagte sich nicht. Morgens war sie oft grün im Gesicht und mochte nichts essen. Sie arbeitete auch nicht mehr so viel wie früher, sondern saß jetzt häufig unter der Eiche auf der Bank oder im schattigen Obstgarten.

Am letzten Ferientag kamen die ersten Anrufe von Jugendlichen und Eltern, die sich für Reitstunden interessierten. Die ersten Reiterferien hätten wir für Allerheiligen geplant; doch vorher sollte es an den Wochenenden auf Dreililien schon regelmäßig Reitunterricht geben.

Wir bewachten abwechselnd das Telefon; Jörn und Matty vormittags, nachmittags Mikesch und ich. Ich war ziemlich nervös, als ich meinen ersten Anruf entgegennahm. Eine besorgte Mutter wollte wissen, ob wir denn auch absolut gutmütige, zuverlässige Pferde hätten. Zu einer Antwort kam ich aber nicht, denn sie überschüttete mich weiter mit einem Wortschwall, schilderte mir ausführlich die Kinderkrankheiten ihrer Tochter (die inzwischen schon dreizehn war), ihre Schwierigkeiten, Freunde zu finden, und ihre „übertriebene“ Begeisterung für Pferde.

Als sie endlich auflegte, war ich ganz erschöpft. Immerhin hatte ich mir die Adresse notiert, schrieb auch gleich einen Umschlag und steckte das „Werbematerial“ hinein, das wir vorbereitet hatten: einen fotokopierten Zettel mit den Tageszeiten, an denen wir samstags und sonntags Reitunterricht abhalten wollten, dem Preis für eine Reitstunde und den Busverbindungen von Rosenheim nach Mariabrunn am Wochenende. Außerdem hatten wir noch eine Skizze angefertigt, die zeigte, wie man Dreililien von Rosenheim aus mit dem Auto am besten erreichen konnte. Mein Vater hatte das Fotokopieren für uns besorgt.

Am Abend lagen bereits einundzwanzig Adressen von reitinteressierten Leuten auf dem Schreibtisch. Es handelte sich dabei hauptsächlich um Mädchen zwischen neun und vierzehn Jahren aus dem oberbayerischen Raum. Zwei Jungen waren auch dabei; außerdem hätte ein Arzt angerufen, der mit seiner Familie in einem Dorf nicht weit von Mariabrunn wohnte und seine Zwillingstöchter zum Reiten anmelden wollte.

Wir waren aufgeregt wie Kinder am Weihnachtsabend, Mikesch eingeschlossen. „Also, das müssen wir feiern!“ sagte er. „Paßt auf, wir fahren jetzt noch schnell zum Wirt nach Mariabrunn und holen ein paar Flaschen Wein, sagen Carmen Bescheid und machen ein Fest am Waldsee!“

Er und Jörn stiegen in den Käfer, während Matty im Haus verschwand, um noch eine halbe Stunde lang das Telefon zu bewachen. Ich hatte versprochen, eine Riesenschüssel voll Salat und belegte Brote vorzubereiten.

Die Freude über unseren Erfolg und die Aussicht auf das Fest machten mich so beschwingt, daß ich auf dem Weg zum Kavaliershäusl, wo mich keiner sah, übermütig tanzte und sang. Kirsty saß auf der Türschwelle unter dem Rosenbogen, als ich kam. Ich setzte mich neben sie und genoß die Abendsonne. Im Garten blühten die Sonnenblumen, die Dahlien hatten Knospen angesetzt.

„Wenn die Dahlien aufblühen, wird es Herbst“, sagte Kirsty ein bißchen wehmütig. „Mir ist noch nie ein Sommer so schnell vergangen wie dieser.“

„Mir auch nicht“, stimmte ich zu.

Sie straffte die Schultern. „Aber die Rosen blühen noch“, sagte sie, griff nach einer der weißrosa Blüten, bog sie zu sich herunter und roch daran. „Noch sind die Tage der Rosen – kennst du das Gedicht? Nein, natürlich nicht. Es ist altmodisch und ein bißchen rührselig. Meine Großmutter hat es in mein Poesiealbum geschrieben. Damals verstand ich die Bedeutung noch nicht. Als Kind nimmt man den Wechsel der Jahreszeiten als selbstverständlich hin. Man ist weder traurig, wenn der Winter kommt, noch, wenn der Sommer geht. Aber je älter man wird, um so kürzer scheinen die Jahre zu sein.“

Ich nahm ihre Hand und fragte: „Du bist doch nicht traurig, Kirsty? Möchtest du wieder so leben wie früher?“

Sie schüttelte den Kopf. „O nein. Nur manchmal fühle ich mich ein bißchen abgeschieden hier draußen. Ich wollte, meine beste Freundin wäre noch in München, dann könnte ich sie ab und zu sehen. Aber sie hat vor einem Jahr nach Schottland geheiratet.“

Ich bekam plötzlich ein schlechtes Gewissen. Es war irgendwie so selbstverständlich, daß Kirsty fast den ganzen Tag allein im Haus und in der Werkstatt arbeitete, daß sie da war, wenn ich zum Essen kam, und Verständnis hatte, wenn ich hinterher gleich wieder verschwand. Sie schien stets so beschäftigt zu sein, immer voller Ideen und Tatendrang. Doch vielleicht war das jetzt anders geworden, seit sie das Kind erwartete. Mein Vater kam ja während der Woche erst abends nach Hause. Kirsty hatte tagsüber so selten jemanden, mit dem sie sprechen konnte.

„Wollt ihr heute abend mit uns am Weiher feiern, du und Vater?“ fragte ich impulsiv. „Wir machen ein Fest, weißt du – Jörn, Matty, Mikesch, Carmen und ich. Es gibt Wein, und ich bereite Salat und belegte Brote vor. Kommt doch mit. Die Abwechslung wird dir guttun!“

Sie sah mich überrascht an. „Sagst du das jetzt nur, weil du denkst, ich fühle mich vernachlässigt? Ihr jungen Leute seid doch sicher lieber unter euch. Du brauchst meinetwegen keine Gewissensbisse zu haben, Nell.“

„Unsinn! So jung ist Mikesch gar nicht mehr“, erwiderte ich eifrig. „Und mit dem Alter hat das sowieso nichts zu tun. Ich fänd’s gut, wenn ihr mal mit dabei wärt. Stell dir vor, wir haben heute einundzwanzig Anrufe von Leuten bekommen, die entweder selbst reiten möchten oder ihre Kinder bei uns anmelden wollen! Die Anzeigen haben wirklich eingeschlagen.“

„Prima, das ist ein guter Start!“ sagte Kirsty, und der bedrückte Ausdruck auf ihrem Gesicht verschwand.

„Du, wir müßten noch Schweinswürstchen in der Tiefkühltruhe haben. Da könnten wir doch den alten Grill von Tante Karen mitnehmen und Würstchen grillen.“

Sie hatte „wir“ gesagt“, also wollte sie mitkommen. Ich wußte, daß Matty und Jörn nichts dagegen haben würden, denn sie verstanden sich gut mit meinem Vater und Kirsty. Nur bei Mikesch war ich etwas unsicher, denn er kannte die beiden ja noch nicht.

Gemeinsam bereiteten wir den Salat vor, strichen Brote, packten Essig, Öl, Salz und Gewürze ein und legten die Würstchen in die Kühltasche. Dann kam mein Vater nach Hause. Ich war richtig verwundert, wie sehr er sich freute, daß ich ihn und Kirsty mit dabei haben wollte. Er strahlte über das ganze Gesicht, holte gleich Sekt aus der Speisekammer – „zum Anstoßen“, wie er sagte – und zog seine neuen Jeans und ein kariertes Hemd an, das ihm besonders gut stand.

Ich war richtig stolz auf die beiden. Sie waren ein hübsches Paar. Kirsty trug modische Hosen und ein ärmelloses Oberteil aus naturgefärbtem Seidengarn, das sie selbst entworfen und gehäkelt hatte. Man merkte gar nicht, daß sie schon nicht mehr ganz schlank um die Taille war. Ihr langes, blondes Haar faßte sie im Nacken zusammen und steckte es seitlich mit Glitzerkämmen fest. So strahlend hatte sie schon lange nicht mehr ausgesehen.

Ich selbst überlegte lange, was ich anziehen sollte. Dann nahm ich den alten schwarzen Bauernrock mit den gestickten Blütenkränzen, den ich auf dem Trödelmarkt in München gekauft hatte, und dazu ein enges weißes Leibchen mit dünnen Trägern aus Spitze. Kirsty hatte es mir geschenkt, weil es ihr nicht mehr paßte. Es war ein Erbstück von ihrer Großmutter, die das Leibchen einst als Unterwäsche getragen hatte.

Mit dem Grill, zwei Körben voller Flaschen und Eßwaren, mehreren Sitzkissen unter dem Arm und Herrn Alois im Schlepptau zogen wir los. Über den Wäldern brach schon die Abenddämmerung herein.

Der rote VW-Käfer stand mit offenen Türen in der Hofeinfahrt von Dreililien. Carmen und Jörn unterhielten sich vor dem Stall, und Mikesch streckte den Kopf aus dem Fenster der Fuhrknechtkammer und rief: „Ich nehme den Kassettenrekorder mit!“

Matty kam mit Kerzen und Räucherstäbchen gegen die Mücken. Auch seine Mundharmonika hatte er dabei. Keiner schien sich darüber zu wundern, daß ich meinen Vater und Kirsty mitgebracht hatte; alle schienen es durchaus in Ordnung zu finden.

Ich bemerkte sofort, daß Kirsty Mikesch gefiel. Er bestand darauf, ihren Picknickkorb zu tragen, und ging den ganzen Weg neben ihr her. Zum Glück bekam mein Vater nichts davon mit, denn er unterhielt sich mit Carmen. Ich ging zwischen Jörn und Matty, und Herr Alois lief mit eifrig wedelndem Schwanz neben Diana her.

„Ein treuer Verehret“, sagte Jörn und zwinkerte mir zu.

Ich mußte lachen, denn ich wußte genau, daß er nicht nur Herrn Alois damit meinte, der die viel größere Jagdhündin schon lange heiß liebte und sich immer wie ein Casanova aufführte, sobald er sie sah.

Es wurde schon dunkel, als wir den Waldsee erreichten. Still und glänzend wie ein Auge lag er in der Mulde. Wir breiteten am Ufer Strohmatten und Kissen aus. Matty schleppte Steine herbei, klebte Kerzen darauf und zündete Räucherstäbchen an.

Im Kerzenschein packten wir das Essen aus. Mikesch kümmerte sich um den Grill, Jörn sah die mitgebrachten Kassetten durch. Ich machte zusammen mit Kirsty den Salat an, und mein Vater verteilte die Pappbecher und Papierteller.

Der Mond stand über dem Wald und überstrahlte die Wiesen und den Weiher mit bleichem Schein. Dagegen flackerten die Kerzenflammen wie Irrlichter im Luftzug.

„Herrgott, wie das hier duftet! “ sagte Mikesch andächtig. „Solche Gerüche gibt’s in der Stadt nicht, wie, Nell?“

„Nein“, sagte ich. „Das nicht und vieles andere ebensowenig. Dafür gibt’s andere Dinge, die auch nicht schlecht sind.“

Wir ließen uns auf den Strohmatten und Sitzkissen nieder. Mein Vater goß jedem einen Becher voll Sekt ein. Dann stießen wir miteinander an.

„Auf die Reitschule!“ sagte Jörn feierlich.

„Auf die Pferde und darauf, daß wir sie behalten können!“ fügte Matty hinzu.

Ich trank einen großen Schluck, denn ich war schrecklich durstig. Die Würstchen begannen auf dem Grillrost zu brutzeln. Jörn streckte sich neben mir im Gras aus; er hatte eine Kassette eingelegt.

Dann war die stille Abendluft plötzlich von Musik erfüllt, die schönste, die ich je gehört hatte. Sie klang ein wenig wie irische Volksmusik. Ich glaubte, das Meer rauschen zu hören, wie es gegen den Strand schlug, und dazwischen den fernen, süßen Klang einer Harfe.

„Wunderschön, nicht?“ sagte Jörn.

Ich nickte. „Was ist das?“ fragte ich leise.

„Eine Melodie von Alan Stivell“, erwiderte Mikesch.

„Stivell ist Bretone. Die Musik die er macht, ist eine Mischung aus irischer und bretonischer Folklore. Hier hat er eine alte Sage von der Stadt Ys vertont, die angeblich zur Strafe für die Sünden ihrer Bewohner vor langer Zeit vom Meer verschlungen wurde.“

Wir lauschten wie verzaubert. Keine Musik hätte besser zu dieser Spätsommernacht passen können, zum mondbeschienenen Weiher, den flackernden Kerzenlichtern, dem Duft der Wiesen und Wälder. Wir waren so entrückt, daß wir die Würstchen anbrennen ließen.

„Hier stinkt’s“, sagte Carmen plötzlich.

Mikesch sprang auf. „Das sind die Schweinswürstl! Zum Teufel, hoffentlich sind sie nicht schon ganz verkohlt!“

Sie waren noch eßbar, wenigstens die Hälfte davon. Wir teilen sie redlich untereinander. Ich fühlte mich herrlich leicht und sorglos vom Sekt, den ich so rasch auf den nüchternen Magen getrunken hatte; „abgehoben“, nannte Jörn diesen Zustand. Er selbst war auch ein bißchen „abgehoben“, sah lächelnd in die Kerzenflammen, summte vor sich hin, griff mit einem Mal über die Strohmatte und nahm wie selbstverständlich meine Hand.

Ich hatte plötzlich das seltsame Gefühl, daß mein Arm bis zur Schulter hinauf ganz warm und zugleich schwach wurde. Doch ich tat so, als wäre gar nichts los, antwortete lachend auf eine Frage, die Mikesch mir gestellt hatte, und warf dabei einen verstohlenen Blick auf Carmen. Glücklicherweise beobachtete sie uns nicht. Sie lag neben Matty auf dem Bauch, zupfte an einem Grashalm und erzählte ihm etwas. Ich war erleichtert. Wenn sie gesehen hätte, wie Jörn meine Hand nahm, hätte sie das bestimmt traurig gemacht, und das wollte ich nicht.

Eine ganze Weile ließ er meine Hand nicht los. Wir sahen uns nicht an, sprachen kein Wort. Jörn lag auf dem Rücken und sah zum Himmel auf, und ich erlebte ein ganz ähnliches Gefühl wie vorher bei der Musik von Alan Stivell.

Plötzlich richtete sich Jörn auf. „Wollen wir baden?“ fragte er.

Er sagte es laut, doch mir war, als hätte er nur mich gefragt. Ich nickte schweigend, stand auf und zog das Leibchen und den Rock aus. Meinen Bikini trug ich darunter. kirsty und mein Vater meinten, ihr Magen wäre im Augenblick zu voll, um ins Wasser zu gehen, und Carmen hatte keinen Badeanzug mitgebracht. So blieben nur Jörn, Matty, Mikesch und ich übrig.

Das Wasser war unbeschreiblich schön – weich und warm und gleichzeitig doch erfrischend. Die letzten Seerosenblüten glänzten wie Paradiesblumen. Es roch nach Moor und Schlingpflanzen. Sogar die Entengrütze sah im Mondlicht schön aus.

„Wenn jetzt eine Nixe aus dem Wasser gestiegen käme, würde mich das überhaupt nicht wundern“, sagte Mikesch.

Lachend erwiderte Matty etwas, doch ich schwieg. Ich mochte jetzt nicht reden, und Jörn ging es offenbar ebenso. Ich hörte nur das leise Plätschern des Wassers, wenn er die Arme und Beine bewegte, und sah den dunklen Umriß seines Kopfes neben mir. Wie auf ein geheimes Zeichen hin schwammen wir beide von Matty und Mikesch weg, auf die überhängenden Weiden am anderen Ufer des Weihers zu.

Hinter uns erklang Kirstys helles Lachen. Irgendwo am Waldrand stöberten Diana und Herr Alois einen Fasan auf, der mit erschrockenem Schimpfen aufflatterte. Mein Vater rief die Hunde zurück. Matty bat Mikesch, ihm Delphinschwimmen beizubringen.

Das alles hörte ich wie aus Weiter Ferne. Für kurze Zeit waren Jörn und ich in einer eigenen Welt, wie durch eine unsichtbare Schranke von den anderen getrennt.

Jörn erreichte die tiefhängenden Weidenruten als erster. Er hob den Arm, griff nach den Zweigen, hielt sich fest und wartete, bis ich kam.

Dann schaukelten wir nebeneinander im Wasser. Ein leichter Wind ging. Mein Fuß streifte Jörns Bein.

Wir schwangen hin und her, drehten uns mit der Bewegung des Wassers und der Weidenzweige – voneinander weg, nebeneinander her, zueinander, wie es sich gerade ergab. Und als wir so zueinandergetrieben wurden, berührten sich unsere Hüften und Oberkörper wie von selbst. Jörns erhobene Arme streiften die meinen.

Ich spürte seinen Atem auf meinem Gesicht – oder war es der Nachtwind?

Und es war wie zufällig und selbstverständlich, daß sich auch unsere Lippen berührten. Wir küßten uns, kurz und leicht nur. Dann wurden wir von der sanften Strömung, dem Rhythmus des Wassers und des Windes wieder auseinandergetrieben.

Während der ganzen Zeit sprachen wir kein Wort. Wir haben auch später nie darüber geredet. Plötzlich kamen Matty und Mikesch angeschwommen, und der Zauber war gebrochen.

Wir gingen bald darauf aus dem Wasser und entdeckten, daß wir keine Handtücher mitgenommen hatten. Rasch schlüpften wir in unsere Kleider, denn unsere nasse Haut lockte die Mücken herbei. Dann zündete Matty die letzten Räucherstäbchen an und begann leise auf seiner Mundharmonika zu spielen.

Die Kerzen waren abgebrannt. Wir hatten nur noch das Licht des Mondes, der Sterne und die letzte verlöschende Glut des Grillfeuers.

Mikesch setzte sich zu meinem Vater und Kirsty und unterhielt sich mit ihnen. Carmen, Jörn und ich kauerten um Matty herum. Wir summten und pfiffen leise mit, denn er spielte eine Melodie, die wir alle kannten: Swanee River.

Jörn kauerte wieder neben mir, doch er nahm meine Hand nicht mehr. Ich fand das auch richtig so, weil Carmen uns gegenübersaß. Im Augenblick war ich wunschlos glücklich und träumte vor mich hin. Diese Nacht war einfach vollkommen; sie hätte nicht schöner sein können. Später dachte ich oft, daß sie eigentlich der Abschluß dieses reichen Sommers war.

8

Irgendwie fiel es mir in diesem Jahr besonders schwer, wieder mit der Schule anzufangen. Nicht nur, weil ich mich so an das freie Leben auf dem Land gewöhnt hatte, und weil es so vieles andere zu tun gab, was mir wichtiger erschien als stundenlang in einem geschlossenen Raum zu sitzen und trockenes Wissen zu pauken. Was ich mir während der letzten Wochen nie so richtig eingestanden hatte, spürte ich jetzt um so deutlicher: Ich hatte Angst vor der neuen Schule.

Am ersten Schultag radelten wir frühmorgens nach Mariabrunn und fuhren von dort aus mit dem Schulbus in die Kleinstadt. Noch verunsicherten mich die vielen fremden Gesichter nicht, denn ich hatte ja Jörn und Matty dabei. Dann kam auch noch Carmen in letzter Minute angerannt und setzte sich keuchend neben uns.

Später aber, in der großen Aula, wurde mir fast übel von dem typischen Schulgeruch, mit dem sich für mich alles verband, was mit der Schule zu tun hat. Der Rektor, ein vertrocknetes Männchen, hielt eine Ansprache, die keinen interessierte. Dann mußte ich ins Sekretariat, um herauszufinden, welcher Klasse ich zugeteilt worden war. Als ich vor der Tür stand, wäre ich am liebsten wieder umgekehrt und durch die langen Korridore zum Ausgang gelaufen, um nach Hause zu fahren.

Doch dann war alles nicht so schlimm, denn ich kam in die gleiche Klasse wie Carmen. Und schon eine Stunde später waren wir wieder frei – für diesen Tag wenigstens – und trafen uns mit Matty und Jörn vor dem Schultor.

„Puh, dieser alte Mief!“ sagte Matty. „Der macht mich ganz krank. Gehen wir noch ein Eis essen?“

Wir steuerten eine Eisdiele in der Nähe an, in der sich fast die ganze Schule zu treffen schien. An einem größeren Tisch war noch etwas Platz; wir holten Stühle und zwängten uns dazwischen. Hier saßen hauptsächlich Mitschüler von Jörn, der jetzt in die Abiturklasse gekommen war.

Keiner kümmerte sich um mich, und mir war das nur recht. Ich war durchaus nicht wild darauf, als neue Schülerin aufzufallen.

Weil wir nicht auf den Schulbus warten wollten, nahmen wir den öffentlichen Bus vom Bahnhof. Eine Stunde später waren wir wieder zu Hause.

Ich atmete auf, als hätte mir jemand eine Gnadenfrist gewährt. Der Duft von frischem Heu, die alten Bauern auf den Hausbänken, die Koppel mit den Pferden, die Wiesen und Waldstücke – das alles erschien mir schöner und friedlicher als je zuvor, das ganze Tal eine Art Zuflucht, ein kleines Paradies.

Mikesch besserte gerade einen Zaun aus, als wir angeradelt kamen. „Heute vormittag haben wieder zwei Leute wegen Reitstunden angerufen“, sagte er. „Ich glaube, wir können am Wochenende anfangen. Wie war’s in der Schule?“

Er grinste verständnisvoll, als er unsere wenig begeisterten Mienen sah. „Nach den Ferien ist’s immer besonders schlimm“, sagte er. „Aber man gewöhnt sich wieder daran, falls das ein Trost ist. Ich bin mit achtzehn von zu Hause abgehauen, ein paar Monate vor dem Abitur.“

„Hast du es bereut – ich meine, daß du die Schule nicht beendet hast?“ fragte Jörn.

Mikesch schüttelte den Kopf. „Keinen Tag“, erwiderte er. „Aber das gilt nur für mich. Jeder muß für sich selbst entscheiden, worauf es ihm ankommt. Habt ihr Zeit, mir beim Zaun zu helfen? Später muß dann auch noch Heu eingebracht werden.“

„Klar“, erwiderte Matty, und Jörn sagte: „Wir ziehen uns nur schnell um.“

Als ich nach Hause kam, lag Kirsty auf dem Küchensofa. Sie war sehr blaß.

„Ich glaube, ich hab letzte Nacht den Alkohol nicht vertragen“, sagte sie. „Wenn man ein Kind erwartet, sollte man wohl ein bißchen vorsichtiger sein.“

Ich erwiderte: „Ich mach dir rasch einen Melissentee.“ „Danke, Nell. War’s schlimm in der neuen Schule?“

Sie hatte also schon vermutet, daß es nicht leicht für mich sein würde. „Es ging“, sagte ich, während ich Teewasser aufsetzte. „Ich bin in die gleiche Klasse wie Carmen gekommen, weißt du.“

„Na, das ist ja ein Lichtblick.“ Kirsty seufzte leise. „Du, ich müßte heute zur Untersuchung nach Frasdorf. Eigentlich wollte ich ja mit dem Rad hinfahren, aber ich bin nicht sicher, ob ich das schaffe. Glaubst du, daß Jörn mich hinfahren könnte? Es dauert bestimmt nicht lange.“

„Klar macht er das. Daß du radelst, kommt gar nicht in Frage. Ich helfe Matty und Mikesch dafür bei der Arbeit. Wann bist du bestellt?“

„Für drei.“

Ich hob den Kopf und sah sie an. „Ist das vielleicht die Fruchtwasseruntersuchung, von der du mir erzählt hast?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, die ist erst in ein paar Wochen fällig. Dein Vater hat mich schon bei einem Facharzt in München angemeldet. Davor graut mir.“

„Ist es gefährlich?“ fragte ich erschrocken.

„Nein, das wohl nicht. Aber ich habe gehört, daß die Untersuchung bei örtlicher Betäubung gemacht wird, und . . . Ach, weißt du, mir wäre es halt am liebsten, alles könnte ganz natürlich verlaufen, ohne ständige Untersuchungen und hochmoderne Geräte und Vorsorge und wer weiß was sonst noch alles. Eben, wie die Frauen früher ihre Kinder bekommen haben.“

„Früher sind die Frauen sehr oft im Kindbett gestorben“, sagte ich, „und die Kinder sind meistens nur ein paar Jahre alt geworden – eben weil die ärztliche Versorgung so schlecht war. Das haben wir mal in der Schule gelernt.“

Ich stellte den Melissentee vor sie hin. Sie trank ihn in kleinen Schlucken. „Da hast du auch wieder recht“, sagte sie nach einer Weile. „Aber ich meine nicht unbedingt unsere Großmütter und Urgroßmütter mit den langen Kleidern und den geschnürten Taillen, die um die Jahrhundertwende gelebt haben. Bei den Eingeborenenfrauen zum Beispiel soll das Kinderkriegen meist ganz einfach zugehen – sie setzen sich ins Farnkraut, halten sich links und rechts an einem Ast fest, haben ein paar Frauen zur Hilfe dabei, und das Kind kommt viel schneller und einfacher als bei uns. Das hab ich im Fernsehen gesehen.“

„Ja“, sagte ich und mußte lachen. „Ich auch. Versuch’s doch mal! Und da gibt es Stämme, die haben ihre eigene Geburtenregelung. Wenn eine Frau ein Mädchen bekommt, und der Stamm hat gerade zu viele Mädchen, setzen sie das Baby nach der Geburt einfach aus. Findest du das gut?“

Kirsty lachte ebenfalls. „Na ja, das weniger“, gab sie zu. „Aber wahrscheinlich müssen sie’s tun, um überleben zu können.“

Ich vertauschte meine Leinenhosen gegen die abgeschnittenen Jeans und die Bluse gegen ein T-Shirt, nahm mir ein Butterbrot und trank ein Glas Milch.

„Was wünschst du dir eigentlich?“ fragte ich. „Ein Mädchen oder einen Jungen?“

„Ach, ich nehme es, wie es kommt“, sagte Kirsty.

„Aber du, ich glaube, es wird ein Mädchen.“

Ich starrte sie an. „Woher weißt du das?“ fragte ich mit vollem Mund.

„Ach, ich hab das so im Gefühl. Was meinst du, wie sollen wir es nennen?“

„Kathrinchen“, sagte ich wie aus der Pistole geschossen und war selbst ganz verwundert.

„Kathrinchen“, wiederholte Kirsty. „Katharina. Ja, der Name gefällt mir. Mal sehen, was dein Vater dazu sagt.“ Sie legte sich zurück und schloß die Augen.

„Schlaf ein bißchen“, sagte ich. „Ich gehe jetzt. Um halb drei schicke ich dir Jörn.“

Als ich nach Dreililien kam, war der Tierarzt da. Ich sah seinen Wagen auf dem Hofplatz stehen und erschrak. Irgend etwas mußte geschehen sein. Mittags hatte Mikesch jedenfalls nichts davon erwähnt, daß eines der Pferde krank war.

In der Stalltür kam mir Matty entgegen. Er machte ein finsteres Gesicht wie meistens, wenn ihn etwas bedrückte.

„Was ist los?“ fragte ich. „Warum ist der Tierarzt da?“

Er sah an mir vorbei. „Wegen Hazel“, murmelte er.

„Es ist etwas mit ihren Vorderhufen. Ich hab’s vor einer halben Stunde bemerkt.“

„Hazel?“ wiederholte ich fassungslos. Ausgerechnet Hazel, von allen Pferden! „Aber . . . Es ist doch nichts Schlimmes, oder? Vielleicht ist sie gestolpert und hat sich irgendwo gestoßen oder so.“

Matty preßte die Lippen aufeinander und gab keine Antwort. Da wußte ich, daß es durchaus nicht so harmlos war, wie ich gern geglaubt hätte.

Leise ging ich in den Stall. Hinter Marnies leerer Box blieb ich stehen. Ich wollte nicht bemerkt werden – weder vom Tierarzt noch von Herrn Moberg, die auf der Stallgasse standen und sich unterhielten. Mikesch und Jörn waren auch dabei. Ich konnte nur Jörns blonde Locken über dem Stirnband und Mikeschs Hinterkopf sehen.

Der Tierarzt sprach leise; ich verstand nur einen Teil von dem, was er sagte. Mehrmals fiel ein Wort, das wie „Rehe“ klang. Er sprach von Huflederhaut, Bewegungsstörung und stark pulsierender Hauptmittelfußarterie. Herr Moberg fluchte halblaut.

Geräuschlos verließ ich den Stall. Ich mochte nicht mehr zuhören, konnte Hazels hängenden Kopf nicht länger sehen. Warum muß man immer gleich dafür bestraft werden, wenn man glücklich gewesen ist? dachte ich bitter. Hazel darf nichts passieren! Lieber Gott, mach, daß Hazel wieder gesund wird!

Matty saß auf den bemoosten Stufen, die zum einstigen Gutspark führten, Hier war alles verwildert und zugewachsen. Nur die geborstene Steinsäule, die einst wohl zu einem Brunnen gehört hatte, ragte aus dem Gestrüpp.

Leise setzte ich ich mich neben ihn. „Matty“, sagteich, „der Tierarzt hat gesagt, Hazel hätte so was wie Rehe. Was ist das? Ist es sehr schlimm?“

Eine Weile erwiderte er gar nichts. Ich dachte schon, er würde überhaupt nicht antworten, da sagte er: „Das ist eine schwere Entzündung der Huflederhaut, die ganz plötzlich auftritt. Ich hatte schon Angst, daß es bei Hazel so was sein könnte, weil sie sich nicht mehr richtig bewegen wollte. Als ich ihre Vorderhufe anfaßte, waren sie auch ziemlich heiß, und der Druck tat ihr weh.“ Er stockte. „Zwei von unseren Pferden haben schon mal den Verschlag gehabt. Verschlag und Hufrehe, das ist das gleiche. Sie sind beide nicht wieder gesund geworden; das heißt, sie haben Rehhufe bekommen und waren damit praktisch wertlos. Man konnte sie nicht mehr verkaufen, und für die Zucht waren sie auch nicht mehr geeignet.“

Ich hatte Angst, die nächste Frage zu stellen; doch wissen mußte ich es. „Und? Was hat dein Vater mit ihnen gemacht?“

Matty wandte das Gesicht ab. Dann sagte er mit rauher Stimme: „Sie mußten in die Abdeckerei.“

In die Abdeckerei! Mir wurde ganz kalt. Von allen schlimmen Vorstellungen war das die schlimmste. Ich hatte einmal einen Bericht über Schlachtpferde gesehen, die ins Ausland verschifft wurden. Auf dem Schiff brach man ihnen die Beine, um sie leichter transportieren zu können. Sie bekamen auch weder Wasser noch Futter auf dieser Reise in den Tod. Der Filmbericht hatte mich so erschreckt, daß ich nächtelang davon geträumt hatte.

Ich stand auf und merkte, daß ich am ganzen Körper zitterte. „Hazel darf nicht zum Abdecker!“ sagte ich heftig. „Das kommt überhaupt nicht in Frage! Lieber . . . lieber verstecke ich sie im Wald oder bringe sie zum Tierarzt, damit sie eingeschläfert wird und ein leichtes, anständiges Ende hat! Das wäre doch eine . . . eine verdammte Gemeinheit wäre das, so ein liebes, braves Pferd wie Hazel, das immer alles getan hat, was man von ihm verlangte, zum Abdecker zu schicken, nur weil es kein Geld mehr einbringt . . .“

Ich schwieg, weil auch meine Stimme zu zittern begann. Das Schluchzen saß mir in der Kehle und ließ sich nicht mehr zurückdrängen.

Matty ließ mich weinen, ohne sich von der Stelle zu rühren. Schließlich sagte er: „Was meinst du, mit wie vielen Pferden es mir schon so ergangen ist wie dir jetzt mit Hazel? Das ist eben die Riesenungerechtigkeit, verstehst du? Man macht Geld mit ihnen, nutzt sie aus, gebraucht sie, bis sie alt oder krank sind und keinen Gewinn mehr bringen. Und dann bekommen sie meistens nicht mal das Gnadenbrot. Sie werden umgebracht und zu Pferdewurst verarbeitet.“

Er sagte das sehr hart. Einen Augenblick lang haßte ich ihn fast dafür. Dann aber begriff ich, daß er so hart war, weil er sich hilflos fühlte, daß das seine Art war, wie er sich mit den grausamen Tatsachen des Lebens auseinandersetzte, und daß er mir begreiflich machen wollte, daß auch ich auf die Dauer nicht in einem Wolkenkuckucksheim leben konnte. Das Geschäft mit Pferden war nicht nur romantisch und idyllisch, wenn es sich lohnen sollte; das mußte auch ich begreifen lernen.

Ich fuhr mir mit dem Handrücken über die Augen und schniefte heftig. Ohne aufzusehen, reichte mir Matty ein zerknittertes Papiertaschentuch.

Nein, dachte ich, trotz allem – ich wollte mich diesen grausamen Tatsachen nicht fügen, vor allem nicht, wenn es um Hazel ging. „Sie wird wieder gesund!“ sagte ich kämpferisch. „Sie muß wieder gesund werden. Und wenn nicht – wenn sie’s nicht schafft, müssen wir eine andere Lösung finden. Hazel hat das Gnadenbrot wahrhaftig verdient. Mir wird schon etwas einfallen, ich schwör’s dir.“

Matty sagte gar nichts. Wahrscheinlich dachte er, daß ich gerade den gleichen Kampf begann, den er selbst schon so oft gekämpft und verloren hatte. Sein Vater war bestimmt kein Mann, der sich von „Gefühlsduseleien“ in seinen Entscheidungen beeinflussen ließ.

Ich ging über den Hof zurück und betrat die Sattelkammer durch die Hintertür. Mikesch stand vor dem Regal und wühlte in der Stallapotheke.

Ich trat neben ihn. „Matty sagt, daß Hazel vielleicht so was wie Rehhuf bekommt und . . . unbrauchbar wird“, sagte ich leise.

Mikesch sah auf mich nieder. „Warten wir’s ab. Man kann den Verschlag auch ausheilen, wenn man rechtzeitig mit der Behandlung einsetzt. Matty ist ein alter Schwarzseher. Der Tierarzt läßt Hazel jetzt zur Ader, und ich packe ihre Vorderhufe in feuchten Lehm ein. Sie darf einige Zeit kein Wasser bekommen. Mit Diätfutter und Stallruhe läßt sich manches wieder hinkriegen.“

Mir war wieder etwas leichter ums Herz. Ich folgte Mikesch bis zur Tür, die in den Stall führte, und streckte den Kopf um die Mauerecke. Herr Moberg und Jörn standen vor Hazels Box. Der Tierarzt war nicht zu sehen.

Plötzlich hörte ich Hazel angstvoll wiehern. Das war mehr, als ich im Augenblick ertragen konnte. Ich machte kehrt und rannte auf den Hofplatz.

Dort fiel mir plötzlich Kirsty ein. Ich hatte ja versprochen, ihr Jörn zu schicken, damit er sie zum Arzt nach Frasdorf fuhr. Doch daran war natürlich heute nicht zu denken; er hatte jetzt genug um die Ohren.

Ich ging zum Kavaliershäusl zurück und erklärte Kirsty kurz, was passiert war. Sie nickte nur. Dann griff sie zum Telefonhörer und ließ sich einen neuen Untersuchungstermin geben.

Ich setzte mich an den Küchentisch und sah aus dem Fenster. Über dem Tal begannen sich schon die Schwalben zu sammeln. Der Herbst stand vor der Tür.

Kirsty legte den Arm um meine Schultern und sagte:

„Das mit Hazel ist schlimm. Aber versuch, dich deswegen nicht verrückt zu machen, Nell. Wenn sie wirklich nicht wieder gesund wird, werden wir schon eine Lösung finden.“

Daß sie „wir“ gesagt hatte, tröstete mich. Ich wußte, daß ich auf ihre Hilfe zählen konnte, wenn es zum Schlimmsten kam. Allerdings hatte ich im Moment keine Ahnung, wie diese Hilfe aussehen sollte, und ob es überhaupt in meiner oder ihrer Macht stand, etwas für Hazel zu tun. Doch darüber mochte ich vorerst nicht weiter nachdenken.

Kirsty ging in ihr Zimmer, um sich aufs Bett zu legen. Ich überlegte, ob ich wieder nach Dreililien Zurückgehen sollte. Dabei merkte ich, daß ich jetzt lieber einige Zeit allein sein wollte.

Ich holte mein Tagebuch aus der Mansarde und setzte mich damit auf die Bank unter der Eiche. Herr Alois folgte mir. Seufzend ließ er sich neben meinen Füßen nieder.

Lange saß ich mit dem aufgeschlagenen Buch da, den Kugelschreiber in der Hand. Doch ich schrieb nicht. Ich hing meinen Gedanken nach, hörte das Summen der Bienen und Hummeln aus dem Vorgarten, atmete den Duft der Kletterrosen ein, den mir der Wind zutrug, und dachte daran, wie sehr sich mein Leben während des letzten halben Jahres verändert hatte. Noch bis zum Frühling hatte es außer meinem Vater und natürlich mir selbst kaum etwas gegeben, das mir besonders wichtig gewesen wäre. Jetzt aber gab es plötzlich eine ganze Menge Menschen und Tiere in meinem Leben, die mir etwas bedeuteten

Daß das so etwas wie ein Geschenk war, ein ganz besonderer Reichtum, wußte ich. Der Preis, den ich dafür zahlen mußte, waren der Schmerz und die Angst, wenn einem von diesen Menschen oder Tieren etwas zustieß. Das wurde mir erst jetzt durch Hazels Krankheit klar.

Als ich das begriff, wehrte ich mich nicht länger gegen meine Empfindungen. Der Klumpen in meiner Kehle löste sich. Ich begann aufzuschreiben, was geschehen war und was ich dazu fühlte, schrieb es mir in gewisser Weise von der Seele.

Nachdem ich in kurzer Zeit mehr als sechs Seiten gefüllt hatte, ging es mir besser. Es war inzwischen vier Uhr nachmittags. Auf Zehenspitzen schlich ich ins Haus und öffnete die Tür zu Kirstys Zimmer. Sie schlief noch.

Mit einem Mal hatte ich richtigen Heißhunger. Ich ging zum Kühlschrank und aß ein ganzes Stück Käse ohne Brot, dazu Oliven und hinterher eine halbe Wassermelone.

Noch immer mochte ich nicht nach Dreililien gehen. Ich spürte ein deutliches Widerstreben, wenn ich an den Stall mit der kranken Hazel dachte, an Mattys finsteres Gesicht, an Jörn, der wahrscheinlich seine unnahbare, undurchdringliche Miene aufgesetzt hatte, wie immer, wenn ihn etwas mehr traf, als er zugeben wollte.

Vielleicht war es feige von mir, aber ich mochte an diesem Nachmittag von all dem nichts mehr sehen und hören. Ich legte einen Zettel für Kirsty auf den Küchentisch, ging leise aus dem Haus, holte mein altes Fahrrad aus dem Schuppen und radelte nach Mariabrunn, zu Carmen.

9

Hazel ertrug die langen Tage im Stall mit ihrer üblichen Geduld. Jeden Tag ließen wir ihr abwechslungsweise zur Gesellschaft eine andere Stute mit im Stall stehen, damit sie sich nicht so einsam fühlte; denn Mikesch meinte, man müßte verhindern, daß Hazel sich ausgeschlossen vorkam. Das hätte ihre Widerstandskräfte gegen die Krankheit schwächen können.

Ich ging sehr oft in den Stall, um Hazel zu besuchen, auch wenn es mir jedesmal weh tat, ihren hängenden Kopf und ihre geduldigen Augen zu sehen. Sie hatte Schmerzen in den Vorderhufen, das merkte man deutlich. Oft legte sie sich in die Streu; ich beobachtete auch, daß sie die Vorderbeine weit nach vorn setzte und das Gewicht auf die Hinterhand verlagerte. Sie bewegte sich auffallend wenig, da ihr jede Bewegung Schmerzen zu bereiten schien.

Der Tierarzt kam regelmäßig. Neue Lehmverbände wurden angelegt, die Diät fortgesetzt. Doch weder aus Doktor Hofbauer noch aus Mikesch war herauszubekommen, ob sich eine Besserung abzeichnete; und Jörn und Matty taten, als wüßten sie genausowenig wie ich.

„Vorerst kann man noch gar nichts sagen“, behauptete Mikesch ständig, wenn ich ihn fragte. „Das kann lange dauern. Wir müssen Geduld haben.“

Geduld – allein schon das Wort habe ich immer gehaßt. Doch mir und allen anderen blieb wirklich nichts anderes übrig, als abzuwarten.

Inzwischen ging das Leben weiter und bestand nun wieder zu einem großen Teil aus Schule. Glücklicherweise stellte ich fest, daß wir auf dem Münchner Gymnasium während der letzten Klasse im Stoff schon etwas weiter vorangekommen waren, so daß ich einen kleinen Vorsprung hatte. Das erleichterte mir das Eingewöhnen. Und Carmen saß neben mir; das half mir am allermeisten.

Am Wochenende kamen dann die ersten Reitschüler. Ohne Hazels Krankheit wäre das bestimmt ein großartiges Ereignis für uns gewesen. So aber erlebten wir es mit gemischten Gefühlen. Die erste Begeisterung war verflogen.

Matty sprach am Samstag morgen genau das aus, was auch ich empfand. „Ich glaube, es wird gar nicht so einfach sein, plötzlich fremde Leute auf Dreililien zu haben und die Pferde mit anderen teilen zu müssen. Stellt euch mal vor – Eltern, die vielleicht überall herumschnüffeln, und junges Gemüse, das dauernd im Pferdestall und auf den Koppeln herumkriecht – pfui Geier!“

„Ja“, sagte ich langsam. „Aber es ist immer noch das kleinere Übel. Du weißt, daß es die einzige Lösung war.“

Er nickte. „Klar. Das war auch kein Angriff gegen deine Idee mit der Reitschule, Nell. Ich wollte nur sagen, wie mir zumute ist.“

„Ich verstehe dich schon“, murmelte ich.

Jörn sagte gar nichts. Seit der Sache mit Hazel hatte er sich wieder einmal in sein Schneckenhaus zurückgezogen, redete nur das Allernötigste und machte ein verschlossenes, unnahbares Gesicht.

Ich nahm dieses Verhalten schweigend hin; was blieb mir anderes übrig? Trotzdem verletzte es mich, daß Jörn offenbar so wenig Vertrauen zu mir hatte, daß er mich wie eine Fremde behandelte und so tat, als hätte es den Abend am Weiher nie gegeben, als wären wir nicht Freunde.

Vielleicht hätte ich mit ihm reden sollen, ihm klarmachen, daß er mir gegenüber offen sein konnte. Doch da ich eine Abfuhr fürchtete, versuchte ich es nicht. Es war wohl nicht nur Hazels Krankheit, ihr ungewisses Schicksal, das Jörn zu schaffen machte, sondern auch die Umstellung auf Dreililien. Pläne zu machen, ist eine Sache, sie dann aber auch verwirklicht zu sehen, eine andere.

Es war noch früh am Morgen, und wir waren damit beschäftigt, die „Reithalle“ für den Anfängerunterricht vorzubereiten. Reithalle war eigentlich ein viel zu vornehmes Wort für den großen, ebenerdigen Raum im linken Seitengebäude von Dreililien, in dem früher wohl ein Teil der Fuhrwerke untergebracht gewesen war, als man auf Dreililien noch richtige Landwirtschaft betrieben hatte. In Jörns und Mattys Kindheit war der Raum als Lagerhalle für Futterkartoffeln benutzt worden. Seitdem hieß er „In den Kartoffeln“.

Das mit den Kartoffeln war unser Pech, denn der Raum war dementsprechend schmutzig, voller Erdkrümel, Staub, Spinnweben und uralter, verschrumpelter Kartoffeln.

Wir bürsteten und fegten wie besessen, wirbelten eine Staubwolke auf, die jeder Wüstenstraße Ehre gemacht hätte, und niesten abwechslungsweise wild. Von Zeit zu Zeit spritzte Matty mit dem Gartenschlauch, damit wir nicht ganz im Staub erstickten.

Nachdem wir fast zwei Stunden geschuftet hatten, tauchte Herr Moberg im Türrahmen auf und beobachtete uns kritisch. Ich hätte am liebsten Besen und Schaufel fallen lassen und mich aus dem Staub gemacht. Dann aber fiel mir ein, daß ich schließlich für Jörn und Matty und die Pferde arbeitete. Also versuchte ich ihn zu übersehen, und fegte verbissen weiter.

„Ihr seid ja reichlich spät dran mit eurer Säuberungsaktion“, sagte Herr Moberg nach einer Weile.

Jörn richtete sich auf. „Sicher“, gab er kühl zu. „Wir haben ja auch sonst gar nichts zu tun. Nichts als Schule und Pferde und Stallarbeit; das ist wirklich alles nur ein Klacks!“

Sein Vater murmelte etwas und hinkte davon. Matty verdrehte die Augen und fuhr sich mit dem Arm übers Gesicht. Er war schon ganz schwarz um die Nase.

„Ich glaube, jetzt können wir’s so lassen“, sagte er. „Wo sind die Säcke mit dem Sägemehl, Jörn?“

„Draußen auf dem Heuwagen. Ich helfe dir abladen.“

Als wir den Boden mit Sägemehl bestreut hatten, sah die Halle aus wie die Wüste Gobi bei Sandsturm. Die Luft war voll von weißem Staub. Ich hatte Sägemehl zwischen den Zähnen, in der Nase, den Haaren und in den Ohren. Das Zeug juckte fürchterlich auf der bloßen Haut, weil ich von der Arbeit ganz verschwitzt war.

Wir flüchteten ins Freie. „Du hast ja ganz graue Haare!“ sagte Jörn zu mir und grinste zum erstenmal seit Tagen.

„Und du siehst aus wie ein Bäckerjunge, der in den Mehltrog gefallen ist.“

Wir kicherten.

„Jetzt nichts als unter die Dusche!“ sagte Matty. „Später können wir dann weitermachen.“

Ich lief zum Kavaliershäusl, duschte, wusch mir die Haare und zog frische Shorts und ein ärmelloses T-Shirt an. Als ich wieder nach Dreililien kam, hatte sich der Staub „In den Kartoffeln“ gelegt. Zusammen mit Matty putzte ich die vielen Fenster eilig, aber nicht allzu gründlich. Inzwischen kletterte Jörn auf der Trittleiter herum und kehrte mit einem langen Reisigbesen die dicksten Spinnweben von den Wänden.

Das Ergebnis war wirklich sehr zufriedenstellend. Der alte Lagerraum, der zuerst wie ein schmutziges Kellerloch gewirkt hatte, war plötzlich hell und freundlich. Durch die geöffneten Fenster kam würziger Stallgeruch und der Duft des Waldes. Sonnenstreifen brachten das frische Sägemehl zum Glitzern. Es fühlte sich wunderbar weich unter meinen nackten Füßen an. Unsere Arbeit konnte sich sehen lassen.

„Wir hängen noch ein paar alte Pferdebilder an die Wände“, beschloß Matty. „Das macht sich gut.“

Er verschwand, um auf dem Dachboden nach den Bildern zu stöbern. Inzwischen war es fast elf Uhr. Mikesch tauchte mit einem Aktenordner unter dem Arm auf.

„Hier heften wir die Unterlagen für die Reitschule ab“, sagte er. „Hoffentlich bringen die Leute gleich ihre ausgefüllten Anmeldeformulare mit. Seid ihr mit der Reithalle schon fertig?“

Jörn nieste statt einer Antwort. „Schon ist gut nach vier Stunden Schufterei“, sagte ich. „Sieh’s dir doch mal an.“

Mikesch lachte. „O Verzeihung, da bin ich dir wohl auf sämtliche Hühneraugen getreten!“

„Ich habe keine Hühneraugen“, sagte ich würdevoll. „Schon eher eine Staublunge.“

Um ein Uhr mittags saßen wir gestiefelt und gespornt auf dem Rand des alten Ziehbrunnens im Innenhof und warteten auf die ersten Reitschüler. Jörn trug eine beigefarbene Reithose, während er sonst eigentlich immer nur in Jeans ritt. „Man muß Eindruck machen“, erklärte er. Sogar die indianische Weste aus Rehleder, die Carmen ihm gemacht hatte, trug er zur Feier des Tages; dazu ein passendes Stirnband mit Perlstickerei.

Carmen war auch gekommen. Sie hatte sich an den Schläfen zwei kleine Zöpfe geflochten und ihre Wimpern schwarz getuscht, was ihr Gesicht erstaunlich veränderte, weil sie von Natur eigentlich sandfarbene Wimpern und Augenbrauen hatte.

Matty hatte seine blonden Haare ungewöhnlich sorgfältig zurückgebürstet und mit Wasser angefeuchtet, damit sie nicht wie sonst nach allen Seiten abstanden. Auch er trug eine Reithose und sauber polierte Reitstiefel. Ich hatte ihn noch nie so gepflegt gesehen.

Da ich keine Reithose besaß, trug ich meine besten Jeans und eine karierte Bluse, die mit einem Volant verziert war und einen kleinen Stehkragen hatte. Ich fand, daß sie mir gut stand. Als ich damit aufgetaucht war, hatte Mikesch anerkennend gepfiffen und gesagt:

„Nell sieht wie ein Mädchen aus einem Wildwestfilm aus. Fehlen bloß noch die Cowboystiefel.“

Mikesch selbst war natürlich der absolute Glanzpunkt. Er erinnerte mich an eine Reklamefigur für sportliches Rasierwasser, wie er da saß, braungebrannt, mit den strahlend blauen Augen und schwarzen Locken und der lässigen Kleidung. Dabei war ich sicher, daß er sich gar keine Mühe gegeben hatte, besonders gut auszusehen.

Als das erste Auto über die Auffahrt kam, verkrümelte ich mich mit Matty und Carmen in die Sattelkammer. Dort beobachteten wir vom Fenster aus, wie ein Ehepaar und ein etwa dreizehnjähriges Mädchen ausstiegen und sich erwartungsvoll umsahen.

„Das ist sicher der Rechtsanwalt“, stellte Matty fest. „Wetten, daß es die Mayreders sind!“

Ich nickte. „Ja. Sabine mit der besorgten Mutter. Jetzt wird Frau Mayreder gleich mit einem Wortschwall über Mikesch und Jörn herfallen.“

Sabine im brandneuen Reitdreß hielt sich im Hintergrund, während ihre Eltern mit Mikesch redeten. Herr Moberg ließ sich überhaupt nicht sehen. Er schien entschlossen zu sein, wirklich alles uns zu überlassen, was mit der Reitschule zusammenhing.

Ehe Frau Mayreder richtig loslegen konnte, kam wieder ein Wagen. Diesmal war es ein sportlich-eleganter Landrover, in dem ein bebrillter Mann und zwei kleine Mädchen saßen.

„Die Zwillinge“, sagte Carmen. „Zum Glück sind sie sich nicht so ähnlich, daß man dauernd Schwierigkeiten hätte, sie auseinanderzuhalten.“

„Die zwei sehen nett aus“, murmelte ich.

Matty sagte: „Mir wird schon ganz mulmig.“

Während Jörn und Mikesch mit den neuen Reitschülern und ihren Eltern über den Hof zum Stall gingen, kam jemand mit wildem Geknatter auf einem Moped angefahren.

„Das wird Christian aus Rosenheim sein“, sagte Matty.

„Wenigstens einer, der ohne seine Eltern kommt!“

„Schau erst mal, ob er seine Großmutter nicht auf dem Rücksitz mitgebracht hat“, erwiderte Carmen kichernd.

„Er sieht lustig aus“, sagte ich und beobachtete, wie er seinen Motorradhelm absetzte. „Ein bißchen wie Rod Stewart mit seiner spitzen Nase und dem schmalen Gesicht.“

Roddy, wie ich den Jungen aus Rosenheim insgeheim nannte, wirkte ziemlich schüchtern. Er blieb bei seinem Moped stehen, sah sich unschlüssig um und schien nicht zu wissen, was er jetzt tun sollte.

„Los“, sagte Carmen, „gehen wir zu ihm.“ Und sie öffnete die Hintertür der Sattelkammer, die auf den; Innenhof führte.

Roddy versuchte lässig zu wirken, als wir zu dritt auf ihn zukamen, doch er konnte mich nicht täuschen. Ich mochte ihn gerade wegen seines schüchternen Gesichtsausdrucks.

„Hallo“, sagte Matty und streckte die Hand aus. „Ich bin Matty. Und das sind Carmen und Nell.“

„Hallo“, sagte auch Roddy und wurde rot. „Ich heiße Chris.“ Er war noch etwas im Stimmbruch. „Seid ihr auch Reitschüler, oder wohnt ihr hier?“

Ich gab ihm die Hand. „Ich wohne gleich nebenan und lerne erst seit kurzem Reiten. Besonders berühmt sind meine Reitkünste jedenfalls noch nicht.“

Etwas wie Erleichterung zeigte sich auf Roddys Gesicht. Ich fuhr fort: „Aber Carmen reitet sehr gut. Sie wohnt in Mariabrunn, ihr Vater hat dort einen Bauernhof. Nur Matty ist von Dreililien. Er ist sozusagen mit Pferden aufgewachsen.“

Roddy nickte. „Gehört die Reitschule deinem Vater?“ fragte er Matty.

„Ja, aber eigentlich ist Dreililien ein Gestüt. Weil sich die Pferdezucht allein nicht mehr lohnt, sind wir drei und mein Bruder Jörn auf die Idee gekommen, es zusätzlich mit der Reitschule zu versuchen“, erklärte Matty ehrlich.

„Sonst hätten wir unsere Pferde verkaufen müssen, “

„Ach so, ich verstehe.“ Jetzt wirkte Roddy schon nicht mehr so gehemmt. „Da kann man bloß hoffen, daß es klappt. Habt ihr viele Reitschüler?

„Heute sollen mit dir sechs kommen“, erwiderte Matty. „Lauter Anfänger. Für morgen haben sich sieben Leute angemeldet; die haben alle schon mal Reitstunden gehabt. Mit der Zeit kommen wohl noch ein paar dazu. Und außerdem wollen wir hier Reiterferien abhalten.“

Als wir in den Stall kamen, erzählte Mikesch Herrn und Frau Mayreder und dem Vater der Zwillinge gerade etwas über Pferdezucht. Sie hörten beeindruckt zu. Jörn wär verschwunden. Er überließ es ganz Mikesch, einen guten Eindruck zu machen und sich um alles zu kümmern; und Mikesch verstand das wirklich großartig.

Ich zwinkerte Matty verstohlen zu. Matty zwinkerte zurück. Offenbar dachte er wie ich, daß Mikesch genau der Richtige für diesen Job war. Wir hätten das nie so gut geschafft. Schon allein wegen unseres Alters wären wir von den Eltern wohl kaum ernst genommen worden.

Außer Hazel standen sechs Stuten in ihren Boxen – Joschi, Solveig, Rapunzel, Eileen, die Schimmelstute Emily und Julka. Matty und Jörn hatten sie für den Reitunterricht ausgesucht, weil sie am gutmütigsten und geduldigsten waren.

Die Zwillinge hatten sich vor Joschis Box aufgebaut und streichelten sie begeistert. Sabine Mayreder stand bei Hazel.

Ich sah sie und bekam sofort Angst, daß sie die kranke Stute beunruhigen könnte. Rasch ging ich hin. Sabine hatte Hazel jedoch nicht angefaßt. Sie lehnte an der Stallmauer gegenüber der Box und beobachtete Hazel.

Hazel ließ den Kopf hängen und beachtete das fremde Mädchen nicht. Erst als ich kam, sah sie auf und spitzte die Ohren.

Ich.strich ihr sacht über den Nasenrücken und die Stirn. „Bist meine Gute“, murmelte ich.

Eine Stimme sagte leise hinter mir: „Sie ist krank, nicht? Was hat sie?“

Erstaunt sah ich mich um. Sabine Mayreder mit dem Mausgesicht, den scheuen Augen und graublonden Haaren, das unscheinbare, ängstliche Mutterkind, hatte sofort erkannt, daß Hazel etwas fehlte!

Ebenso leise erwiderte ich: „Sie hat Hufrehe. Das ist eine Entzündung der Huflederhaut an den Vorderhufen.“

„Ich weiß“, sagte sie mit ihrer dünnen Stimme. „Ich hab in meinem Pferdebuch etwas darüber gelesen. Es ist unheilbar, nicht?“

10

Die scheue, mausgraue Sabine Mayreder hatte nur ausgesprochen, was ich die ganzen Tage über längst geahnt hatte. Ich hatte es nur nicht wahrhaben wollen; doch es traf mich deshalb nicht weniger.

Plötzlich war mir der Reitschulbetrieb gleichgültig. Ich wäre am liebsten verschwunden, hätte mich irgendwo verkrochen, doch ich tat es nicht. Ich fühlte mich verpflichtet, zu bleiben. Schließlich war das mit der Reitschule meine Idee gewesen. Da konnte ich nicht einfach weglaufen und so tun, als ginge mich alles nichts an.

So blieb ich, wartete, bis auch noch die beiden anderen Reitschülerinnen kamen, die für diesen Tag angemeldet waren – zwei elfjährige Freundinnen aus Frasdorf, die mit den Fahrrädern auftauchten –, und half dann, die Pferde zu satteln und zu zäumen.

Zum Glück konnte ich diese Handgriffe nun schon fast automatisch, so daß keiner merkte, daß ich mit den Gedanken nicht bei der Sache war. Mikesch hatte vorgeschlagen, daß die Reitschüler gleich von Anfang an das Satteln und Zäumen lernen sollten, damit sie diese Arbeit später vor den Reitstunden selbst übernehmen konnten. So erklärte er langsam die verschiedenen Handgriffe und sattelte und zäumte Julka und Emily zusammen mit den Zwillingen, während ich Martina half, einem der Frasdorfer Mädchen. Ihre Freundin Lisa war zusammen mit Matty in Solveigs Box, Carmen half Roddy mit Rapunzel und Jörn Sabine Mayreder mit Eileen.

Die Mayreders und der Vater der Zwillinge standen auf der Stallgasse und sahen zu. Gelegentlich stieß Frau Mayreder hysterische Warnschreie aus. Sie fürchtete wohl, ihre Tochter könnte von Eileen zertrampelt oder zerfleischt werden.

Um sie abzulenken, machte Mikesch ein paar Witze, über die besonders die Zwillinge ausgiebig lachten. Neben mir kicherte Martina vor sich hin. Mir aber war nicht zum Lachen zumute. Während ich den Ausbindezügel aus der Sättelkammer holte, kam ich an Hazels Box vorbei, sah ihre traurigen Augen und hätte mich am liebsten in eine Ecke gesetzt und losgeheult.

Später marschierte die ganze Gruppe aus dem Stall, über den Hof und durch die Tür „In die Kartoffeln“.

Unsere Reithalle konnte sich wirklich sehen lassen, aber auch das tröstete mich nicht. Ich hielt mich abseits, während Mikesch, Jörn, Matty und Carmen sich mit den Reitschülern und den Pferden in der Halle verteilten, um das Aufsitzen zu üben.

Frau Mayreder schwebte wieder in tausend Ängsten. Sie redete auf ihren Mann ein, der erschöpft aussah. Dabei stellte sich Sabine ganz geschickt an. Am leichtesten kamen die Zwillinge in den Sattel. Sie waren gelenkig wie kleine Affen. Roddy wirkte ein bißchen hölzern, und die stämmigen Freundinnen aus Frasdorf, Martina und Lisa, krabbelten und plumpsten herum wie junge Maikäfer.

Plötzlich hielt ich es nicht länger aus und schlich mich davon. Ich ging zur kleinen Koppel, denn ich dachte, es würde mich aufmuntern, Marnie und Nell zu sehen.

Eine Weile beobachtete ich die beiden, wie sie am Waldrand standen und träge mit den Schweifen schlugen. Bald würde Nell zu den anderen Fohlen kommen, um mit ihnen zu spielen, ihre Kräfte mit ihnen zu messen und sich von der Mutter zu lösen. Marnie aber würde vielleicht schon im nächsten Sommer wieder mit einem neuen Fohlen auf der kleinen Koppel stehen. Die beiden kamen ans Gatter. Während ich sie streichelte, schweiften meine Gedanken zu dem Tag zurück, an dem ich Bekanntschaft mit Hazel gemacht hatte – damals in den Osterferien, als ich so widerstrebend mit Vater und Kirsty hierhergekommen war. Hazel war sozusagen meine erste Pferdeliebe gewesen, das erste Pferd, das ich richtig anzufassen gewagt hatte, dem ich Vertrauen geschenkt hatte und das dieses Vertrauen erwiderte. Ja, Hazel vertraute mir. Ich durfte sie nicht im Stich lassen.

Ich überlegte, daß Herr Moberg vielleicht längst über ihr Schicksal entschieden hatte. Er als Pferdezüchter mußte wissen, was es bedeutet, wenn eines seiner Tiere die Hufrehe hatte. Für ihn war Hazel ja nur ein Pferd wie jedes andere, eine Geldanlage, die sich lohnen mußte. Er würde wohl kaum bereit sein, Hazel das Gnadenbrot zu geben; und weder Matty noch Jörn hatten die Macht, ihn umzustimmen.

Ich durfte nicht abwarten, bis Hazel eines Tages abtransportiert war, wenn wir aus der Schule zurückkamen. Ich mußte etwas unternehmen, und zwar schnell.

In meiner Kommodenschublade lag zwischen der Wäsche ein Umschlag mit dreihundertzehn Mark. Die hatte ich für ein neues Fahrrad gespart. Doch was bedeutete mir ein Fahrrad gegen ein Pferd wie Hazel? Ich konnte weiter mit dem alten Rad fahren, auch wenn die Vorderbremse nicht mehr richtig funktionierte, auch wenn es keine Gangschaltung hatte.

Ich gab Nell einen Klaps auf den Hals und wandte mich entschlossen ab. Ich mußte mit Herrn Moberg sprechen, jetzt sofort. Das war so ziemlich das Unangenehmste, was ich mir vorstellen konnte. Ich fürchtete seine mürrische, abweisende Art. Vielleicht wußte er nicht einmal, wer ich war. Er hatte bisher immer durch mich hindurchgesehen, als wäre ich Luft für ihn.

Trotzdem mußte ich um Hazels willen diese Unannehmlichkeit auf mich nehmen. Ich ging den Pfad entlang auf den Hofplatz und durch den alten Torbogen.

Von der Reithalle her erklangen Stimmen. Ein Pferd wieherte. Diana heulte irgendwo im Haus; Jörn hatte sie für die Dauer des Reitunterrichts eingeschlossen. Eine der Katzen saß auf dem Brunnenrand und putzte sich.

Langsam ging ich über das abgetretene Pflaster. Jeder Schritt kostete mich Überwindung. Die Tür des Wohnhauses stand offen. Ich trat über die Schwelle; drinnen war es kühl und dämmerig. Von irgendwoher hörte ich Geschirrklappern.

Minutenlang blieb ich in der Halle stehen und wußte nicht, wohin ich mich wenden sollte. Dann klappte irgendwo eine Tür. Ich ging in die Richtung, aus der das Geräusch kam, und sah eine Gestalt am Ende eines langen Korridors.

„Hallo!“ sagte ich halblaut. „Könnte ich Herrn Moberg sprechen, bitte?“

Es war Frau Moberg. Sie hastete auf mich zu, sah mich verwirrt an und erwiderte: „Ach, du willst meinen Mann sprechen? Hm. Ja, ich glaube . . . Ich denke, er ist in seinem Arbeitszimmer. Warte, ich bringe dich hin.“

Ich folgte ihr den Flur entlang. Überall hingen Gemälde mit Jagdszenen und Pferdeköpfen und dazwischen Porträts von würdigen Herren. Ein verschossener Samtvorhang bewegte sich leicht im Luftzug.

Frau Moberg klopfte an eine Tür, erhielt aber keine Antwort. Erst als sie dreimal geklopft hatte, rief eine barsche Stimme: „Was ist denn los?“

Sie warf mir einen erschrockenen Blick zu, öffnete die Tür und sagte atemlos: „Entschuldige, da ist das junge Mädchen . . . die Freundin von Matty und Jörn. Sie möchte dich sprechen.“

Ich trat ins Zimmer, und sie schloß die Tür hinter mir. Meine Knie waren seltsam weich, meine Hände zitterten. Ich war wütend über meine eigene Ängstlichkeit; schließlich hatte ich nichts ausgefressen, und Herr Moberg war nichts als ein mürrischer kleiner Tyrann, der seine Verzweiflung über sein Gebrechen an anderen Menschen ausließ.

Er saß am Schreibtisch. Eine Weile ließ er mich wie eine Bittstellerin im Zimmer stehen, ehe er den Kopf nach mir umwandte. Dann sagte er unfreundlich: „Was willst du? Wenn’s Schwierigkeiten mit dem Reitschulbetrieb gibt, dann ist das nicht meine Sache. Es war eure Idee. Seht jetzt auch zu, wie ihr damit zurechtkommt.“

Meine Schüchternheit verwandelte sich in Angriffslust. Ich zeigte es jedoch nicht. Statt dessen versuchte ich, ein höfliches Gesicht zu machen und erwiderte: „Es geht nicht um die Reitschule, Herr Moberg. Ich wollte wegen Hazel mit Ihnen reden.“

„Hazel? Die Stute mit der Hufrehe?“ Er stieß sich vom Schreibtisch ab, so daß sein Drehstuhl eine halbe Wendung machte, und musterte mich. „Was hast du damit zu tun?“

Ich biß die Zähne zusammen. „Ich habe Hazel sehr gern“, sagte ich dann mit erzwungener Ruhe. „Sie ist . . . Hazel ist ein wunderbares Pferd. Sie ist klug und treu und gutmütig und . . .“

Ich stockte, denn Herr Moberg machte eine ungeduldige Handbewegung. Es war wohl sinnlos, von diesem Mann Verständnis für Gefühle zu erwarten.

„Wollen Sie Hazel behalten, auch wenn sie nicht wieder gesund wird?“ fragte ich geradeheraus.

Er sah mich erstaunt an. Ich erwartete schon, daß er mich fragen würde, was zum Teufel mich das angehe, docb er tat es nicht. Statt dessen schwieg er einen Augenblick.

„Sie wird nicht wieder gesund“, erwiderte er dann. „Ich habe gestern mit dem Tierarzt gesprochen. Die Hufe sind schon geschädigt. Vielleicht könnte man später mit einem Spezialbeschlag etwas bessern, aber die Stute könnte im besten Fall nur noch auf weichem Grund sehr vorsichtig geritten werden. Mit so etwas können wir uns hier nicht belasten. Für die Zucht kann ich sie auch nicht mehr brauchen, und ein Verkauf ist unter diesen Umständen wohl ausgeschlossen.“ Er runzelte die Stirn. „Ich bin Pferdezüchter und kein Betreiber eines Tierasyls, junge Dame. Ich habe weder das Geld noch die Zeit für Rührseligkeiten.“

Ich steckte die Hände in die Hosentaschen, als könnte ich dadurch mehr Halt finden. „Dann werden Sie Hazel also zum Abdecker bringen?“ fragte ich; und obwohl ich gerade vor ihm keine Schwäche zeigen wollte, zitterte meine Stimme.

Sein Blick wich dem meinen aus. Er sagte: „Der Tierarzt meint, wir sollten noch ein paar Tage abwarten. Aber es wird wohl darauf hinauslaufen, daß wir sie in die Tierkörperbeseitigungsanstalt bringen müssen, ja. Warum sollte ich es beschönigen?“

Ich trat einen Schritt vor. „Wenn ich Ihnen die gleiche Summe für Hazel zahlen würde, die Sie dort bekommen, würden Sie sie dann mir verkaufen?“

„Dir?“ Erst jetzt hatte ich das Gefühl, daß er mich richtig wahrnahm. „Du wohnst mit deinem Vater und Karens Nichte im Kavaliershäusl, nicht?“

„Ja“, sagte ich.

Herr Moberg seufzte. „Es geht doch nicht um den Verkaufspreis; der fällt in diesem Fall kaum ins Gewicht. So ein Pferd kostet eine Menge Unterhalt. Allein schon der Stallplatz hat seinen Preis. Dann das Futter, die Pflege. Tierarzt, Hufschmied – “

Ich unterbrach ihn. „Aber ich könnte Hazel zu mir nehmen! Und für das Futter würde mein Taschengeld reichen. Lassen Sie das nur meine Sorge sein!“

Ich wußte zwar nicht, was mein Vater und Kirsty dazu sagen würden, wenn ich plötzlich mit einem Pferd vor der Tür stand und es im Holzstall unterbringen wollte. Aber das war mir im Augenblick egal.

Herr Moberg nickte. Plötzlich und ganz überraschend erschien ein Lächeln auf seinem Gesicht.

„Du hilfst ja schon den ganzen Sommer bei uns im Stall“, sagte er. „Ich habe das schon bemerkt. Wenn du Hazel kaufen willst und für ihr Futter bezahlst, kann sie als Gegenleistung für deine Arbeit bei uns im Stall bleiben; und das Gras auf unseren Koppeln kann man ihr wohl auch noch vergönnen.“

Ungläubig starrte ich ihn an. Sollte das heißen, daß er einverstanden war? Sollte das bedeuten, daß er Hazel an mich verkaufen wollte, daß sie mir gehören würde, daß niemand sie von hier wegbringen durfte ohne mein Einverständnis?

„Wieviel wollen Sie für Hazel haben?“ fragte ich. Diesmal zitterte meine Stimme hörbar.

„Dreihundert Mark“, erwiderte er ruhig.

Ich nickte. „Ich bringe Ihnen das Geld heute abend.“ Dann ging ich aus Herrn Mobergs Arbeitszimmer und schloß die Tür hinter mir. Meine Knie waren wie Pudding. Mir war zumute, als hätte ich eine Schlacht geschlagen.

11

Niemand begegnete mir, als ich das Haus verließ und zum Stall ging. Hazel stand einsam in ihrer Box.

Ich ging zu ihr und umarmte sie. Sie legte die Nase auf meine Schulter und blies mir ins Haar.

Lange standen wir so. Dann sagte ich leise: „Alles wird wieder gut, mein Mädchen. Du brauchst keine Angst zu haben. Wenn die Entzündung verheilt ist, kommst du wieder zu den anderen Pferden auf die Weide. Du brauchst dich nicht mit den Reitschülern herumzuplagen. Jetzt gehörst du mir. Ich werde dafür sorgen, daß es dir gutgeht. Nichts kann dir passieren. Keiner wird dir etwas tun. Jetzt wird alles wieder gut.“

Mit gespitzten Ohren hörte sie mir zu. Sicher verstand sie mich nicht; zumindest wußte sie nicht, was meine Worte bedeuteten. Doch vielleicht beruhigte sie der Klang meiner Stimme, mein Tonfall. Oder sie spürte ganz einfach, wie glücklich und erleichtert ich war. Tiere wissen so etwas, da bin ich ganz sicher.

Ich drückte mein Gesicht an ihre weichen Nüstern und schloß die Augen. Ich hatte etwas getan, was mich große Überwindung kostete, und es hatte sich gelohnt.

Noch während ich da stand, hörte ich Hufgetrappel und Stimmen vom Innenhof her. Die erste Reitstunde war vorüber.

Rasch richtete ich mich auf. Im Augenblick hatte ich überhaupt keine Lust, fremden Menschen zu begegnen und mich neugierigen Blicken auszusetzen. Ich ging in die Sattelkammer und setzte mich auf die Bank zwischen die Pferdedecken.

Die Stalltür wurde geöffnet. Eine Stute wieherte schrill. Ich hörte Jörn sagen: „Vorsicht hinter Julka! Abstand halten!“

Dann erklang Frau Mayreders besorgte Stimme: „Die armen Kinder sind so erschöpft. Sie werden sie doch jetzt nicht auch noch absatteln lassen?“

„Keine Sorge“, sagte Mikesch. „Abgesattelt wird heute nicht mehr, das besorgen wir schon selbst. Wir bringen die Pferde nur in ihre Boxen, Für heute war’s genug, würde ich sagen.“

Die Zwillinge protestierten. Eine Boxtür knarrte, und die Stimmen gingen im Hufgeklapper, im Stampfen und Schnauben der Pferde unter.

Nach einiger Zeit wurde es wieder still im Stall. Die Tür schloß sich. Dann entfernten sich die Stimmen.

Plötzlich erschien Jörn auf der Türschwelle zur Sattelkammer. Er musterte mich und sagte: „Hier sitzt du also. Warum bist du so plötzlich verschwunden? Hast du’s nicht mehr ausgehalten?“

Ich schüttelte stumm den Kopf. „Was ist los?“ fragte er. „Hast du geweint?“

„Nein“, sagte ich. „Mir ist bloß etwas ins Auge geflogen.“

Er lächelte. Dann setzte er sich neben mich, schob sein Stirnband zurecht und sagte: „Hör auf zu lügen. Mir kannst du nichts vormachen. Seit wann bist du so verschlossen?“

„Verschlossen?“ wiederholte ich und musterte ihn anklagend. „Das mußt ausgerechnet du sagen! Seit einer Woche läufst du herum wie ein einsamer Wolf, sagst nicht, was dir nicht paßt, machst ein Gesicht, als hätten wir dir wer weiß was getan . . . Ich dachte, wir wären Freunde.“

„Natürlich sind wir das.“ Unsere Blicke begegneten sich. „Wenn ich nicht sage, was mit mir los ist, dann ist das nicht gegen dich gerichtet. Ich hab’s mir eben nur angewöhnt, vieles für mich zu behalten, weißt du. Bei meinen Eltern hab ich gelernt, daß es sinnlos ist, sich gegen gewisse Dinge aufzulehnen oder Verständnis bei ihnen zu suchen. Deshalb mußte ich alles mit mir selbst abmachen. Und jetzt kann ich mich oft gar nicht mehr anders verhalten, selbst wenn ich möchte. Es ist, als wäre alles in mir wie zugeschnürt.“

„Aber du hattest doch Matty! Warum hast du nicht mit ihm geredet, wenn sonst keiner da war?“

Er erwiderte: „Zwischen Matty und mir war’s nicht immer so wie jetzt. Wir haben früher nicht viel miteinander anfangen können. Das war wohl wegen des Altersunterschieds so.“

Ich nickte. Wir schwiegen einige Zeit und lauschten auf die Motorengeräusche, die sich langsam über die Auffahrt entfernten.

„Sie sind weg“, sagte ich dann. „Es ist gut gelaufen, nicht? Aber . . . weißt du, es tut mir richtig weh, wenn du mich wie eine Fremde behandelst, so, als könntest du mir nicht vertrauen. Wenn’s wegen Hazel war, hätte es uns beiden gutgetan, miteinander zu reden.“

„Sicher“, erwiderte Jörn. „Das ist mir schon klar, Nell. Aber es war auch wegen der Reitschule. Ich hatte wohl Angst vor all dem Neuen. Plötzlich war ich nicht mehr sicher, ob wir es schaffen können. Die viele Arbeit, die Verantwortung, dazu noch die Schule – ich dachte, es wächst mir alles über den Kopf. Ich muß mich doch jetzt vor dem Abitur richtig hineinknien, sonst geht alles in die Binsen. Es ist so wichtig für mich, daß ich bald mit meiner Ausbildung fertig bin, daß ich selbständig werde. Und das mit Hazel . . . das ist auch für dich schlimm, ich hätte daran denken müssen.“

„Es war schlimm“, verbesserte ich. „Aber jetzt ist alles in Ordnung. Ich habe mit deinem Vater gesprochen.“

Er starrte mich ungläubig an. „Du hast mit meinem Vater gesprochen? Soll das ein Witz sein? Vater würde sich nie beeinflussen lassen, schon gar nicht . . .“ Er stockte.

Ich mußte lachen. „Schon gar nicht von mir, meinst du. Nein, das sicher nicht. Aber trotzdem kann man mit ihm reden. Man darf ihm nur nicht mit Gefühlen kommen.“

„Du hast’s erfaßt“, sagte Jörn.

„Jedenfalls, ich hab Hazel gekauft.“

Seine Miene war so verdutzt, daß ich wieder lachen mußte. Ich wurde plötzlich richtig übermütig. „Ja“, wiederholte ich voller Stolz. „Ich hab sie gekauft. Ich zahle deinem Vater dreihundert Mark für sie. Das ist wohl die Summe, die er von der Abdeckerei bekommen würde.“

„Dann wollte er sie also wirklich dorthin bringen lassen? Ich hab’s befürchtet. Aber wieso . . .“

Wieder unterbrach ich ihn. „Das hab ich auch. Und deshalb bin ich zu ihm gegangen. Ich habe Geld gespart, weißt du. Für . . . na ja, das ist jetzt nicht wichtig. Jedenfalls habe ich das Geld, und heute abend bringe ich es ihm. Damit ist das Geschäft abgeschlossen.“

Jörn sagte: „Herrgott! Ich werd verrückt, Nell! – Aber die Kosten für das Futter, die Hufpflege, den Tierarzt – das ergibt monatlich eine ganz schöne Summe. Hast du dir das überlegt?“

„Eigentlich nicht“, gab ich zu. „Weißt du, ich hab gar nicht viel nachgedacht. Ich wollte nur einfach, daß Hazel nicht . . . daß sie hierbleiben kann. Das mit den laufenden Unkosten wird schon irgendwie gehen. Ich bekomme ja Taschengeld, und mein Vater läßt mich bestimmt nicht hängen, wenn’s Schwierigkeiten gibt.“

Jörn nickte langsam. „Und wie steht’s mit dem Stallplatz?“ fragte er. „Was hat mein Vater dazu gesagt?“

„Er hat gesagt, daß Hazel bei euch im Stall bleiben kann, wenn ich weiter wie bisher bei der Arbeit helfe“, erwiderte ich triumphierend.

„Ich will verdammt sein! Das hat er gesagt? Mir scheint, du hast bei meinem Vater einen Stein im Brett, Nell.“

„Ich?“ Jetzt starrte ich ihn an. „Blödsinn! Er kann mich nicht leiden.“

„Wenn er dich nicht leiden könnte, hätte er sich ganz anders verhalten, das kannst du mir glauben.“ Jörn sah mich unverwandt an. „Das ist schön, daß du das für Hazel getan hast“, sagte er dann. „Ich find’s gut, daß du etwas unternommen hast, ganz auf eigene Faust. Sie hat es wirklich verdient.“

Ich nickte nur. Es tat gut, seinen Blick zu spüren, der so voller Achtung und Freundschaft war. Sanft fügte er hinzu: „Aber es ist dir doch klar, daß Hazel nie wieder ein vollwertiges Reitpferd sein wird? Daß du nur Unter bestimmten Bedingungen mit ihr reiten kannst? Ein Pferd mit Hufrehe braucht einen Spezialbeschlag und darf nur vorsichtig und auf weichem Untergrund geritten werden.“

„Das weiß ich alles. Es ist aber nicht wichtig. Ich habe sie ja nicht gekauft, um ein eigenes Pferd zu haben. Wenn ich reiten möchte, kann ich das doch sicher auch mit einem von euren Pferden. Ich habe Hazel gekauft, damit sie weiterleben kann und es gut hat. Sie gehört für mich zu Dreililien, verstehst du?“

„Ich verstehe“, sagte Jörn. „Natürlich. Das war eine dumme Frage.“

Wir lächelten uns an. Plötzlich war wieder alles, wie es sein sollte – so, als hätte es die letzte Woche nie gegeben. Aber nein, es gab diese letzte Woche mit all ihren Schwierigkeiten; und vielleicht hatte sie uns einander sogar ein Stück nähergebracht.

Auf dem Hof erhob sich plötzlich lautes Gekläff, Dann wurde die Hintertür aufgerissen. Diana kam hereingestürmt. Sie sprang an Jörn hoch, als hätte sie ihn mindestens ein Jahr lang nicht mehr gesehen. In der Türöffnung stand Matty. Hinter ihm tauchte Carmen auf.

Matty sagte: „Hier seid ihr! Habt ihr Geheimnisse?“ Es klang vorwurfsvoll.

Carmens Blick ging zwischen mir und Jörn hin und her. Rasch erwiderte ich: „Geheimnisse? Blödsinn. Jörn kam nur gerade zufällig herein, als ich allein hier saß. Und da hab ich ihm erzählt, daß ich Hazel gekauft habe.“

„Du hast Hazel gekauft?“ fragten Matty und Carmen im Chor.

Da mußte ich die ganze Geschichte noch einmal erzählen, und später, als wir die Pferde zusammen mit Mikesch absattelten, auch noch ein drittes Mal. Die Reitschule rückte angesichts der „Rettungsaktion Hazel“ in den Hintergrund.

Am Nachmittag ritten wir dann gemeinsam ins Dorf, setzten uns in den schattigen Wirtsgarten und unterhielten uns bei Bier und Schweinswürstchen mit Sauerkraut über die ersten Erfahrungen mit den Reitschülern.

Mikesch meinte, es hätte überraschend gut geklappt. „Wenn nur die Eltern in Zukunft wegblciben würden“, sagte er. „Die können einem wirklich auf die Nerven gehen.“

„Besonders Frau Mayreder“, warf Carmen ein.

„Sabine tut mir leid“, äußerte Matty. „Kein Wunder, daß sie so verschüchtert und mausgrau ist. Ihre Mutter sitzt bestimmt wie eine Glucke auf ihr drauf und nimmt ihr die Luft weg.“

Mikesch lachte, wurde aber gleich wieder ernst. „Mancher hat’s eben besonders schwer, sich freizuschaufeln. Ich kenne Leute, die eine ganze Menge Kraft gebraucht haben, um auf die eigenen Beine zu kommen; leider schafft’s nicht jeder. Es gibt Eltern, die bringen es fertig, einen so zu behindern, daß man sich kaum noch aufrappeln kann.“

Das klang bitter. Ich hatte das Gefühl, daß Mikesch nicht nur von Sabine Mayreder sprach. Als ich ihn ansah, bemerkte ich einen Zug um seinen Mund, der mir bisher nie aufgefallen war. Und ich dachte, wie wenig wir doch eigentlich bisher von ihm wußten.

An diesem Abend ging ich während der Stallarbeit noch häufiger als sonst zu Hazel. Als die Pferde getränkt und gefüttert waren, lief ich nach Hause, um das Geld aus der Kommode zu holen. Auch einen Eimer voll Fallobst nahm ich für Hazel mit. Ich dachte, sie würde vielleicht rascher gesund werden, wenn sie von jetzt an möglichst viele Vitamine bekam.

Dann brachte ich Herrn Moberg das Geld und bekam von ihm Hazels Papiere ausgehändigt. Damit war der Kauf besiegelt. Hazel gehörte mir.

Vater und Kirsty waren schon mittags nach München gefahren, weil ein Bekannter von Kirsty, der ebenfalls Töpfer war, eine Ausstellung am Englischen Garten eröffnete. Sie waren noch nicht nach Hause gekommen, als ich um halb zehn Uhr schmutzig und erschöpft über die Schwelle stolperte.

Ich aß noch etwas, duschte zum zweitenmal an diesem Tag und ging ins Bett. Seltsamerweise konnte ich trotz meiner Müdigkeit nicht einschlaferi. Von der Säuberungsaktion „In den Kartoffeln“ taten mir alle Glieder weh, und ich war voller Unruhe. Zu vieles war an diesem Samstag geschehen. Unversehens hatte ich ein eigenes Pferd, obwohl ich an diese Möglichkeit bisher nie gedacht hatte. jetzt, von einem Tag auf den anderen, gehörte mir Hazel – das beste, liebste Pferd, das man sich vorstellen kann. Daß sie nicht gesund und leistungsfähig war wie andere Pferde, daß sie praktisch keinen Marktwert mehr hatte, zählte für mich nicht.

Ich mußte an eine Bemerkung denken, die Kirsty vor kurzem gemacht hatte: „Es gibt Zeiten im Leben, da geschieht gar nichts, und dann wieder Wochen und Monate, in denen passiert praktisch alles auf einmal.“

Sie hatte dabei wohl vor allem an sich selbst gedacht, an ihre Verbindung mit meinem Vater, an den Umzug, das Baby. Doch was sie gesagt hatte, traf auch auf mich zu. Nach dem Tod meiner Mutter war mein Leben lange Zeit in geregelten Bahnen verlaufen, und nichts hatte sich ereignet. Dann aber war Kirsty gekommen und hatte eine große Veränderung hervorgerufen.

Ich hörte den Kies knirschen, als Vater und Kirsty mit dem Auto zurückkehrten. Herr Alois raschelte im Laub des Gartens. Im Mondlicht flatterte ein Nachtfalter gegen mein Fenster.

Dann wurde es wieder still ums Haus. Ich hätte einschlafen können, aber jetzt plagte mich eine Mücke, die hartnäckig um mein Gesicht summte.

Ich raffte mich auf, schloß das Fenster und machte Licht. Dann ging ich auf Mückenjagd, aber das Biest hatte sich verkrochen. Es kam erst wieder zum Vorschein, als ich die Suche aufgegeben hatte und ins Bett zurückgekehrt war. Da ließ ich Mücke Mücke sein, zog mir das Bettuch über den Kopf und dachte an Jörn.

12

Innerhalb einer Woche verheilte Hazels Huflederhautentzündung. Vielleicht taten die Vitamine vom Fallobst ihre Wirkung, wer weiß; vielleicht waren es aber auch die „positiven Gefühle“, wie Mikesch das nannte. Damit meinte er wohl, daß Hazel unsere Freude und Erleichterung spürte. Denn unwillkürlich änderte sich unser Verhalten ihr gegenüber, jetzt, wo ihr Schicksal nicht länger ungewiß war.

Vom Tierarzt kam die Rechnung; Herr Moberg veranlaßte, daß sie an meine Adresse geschickt wurde. Ich zahlte sie mit meinem letzten Taschengeld und einem Fünfzigmarkschein, den mir mein Vater eines Morgens Stillschweigend neben den Frühstücksteller legte. Ich hatte es wohl Kirstys Fürsprache zu verdanken, daß er meinen überstürzten Pferdekauf ohne viele Einwände hinnahm.

„Den Tierarzt könnte mein Vater schon noch selbst bezahlen“, meinte Jörn ärgerlich. „Das hätte er schließlich sowieso tun müssen, auch wenn du Hazel nicht gekauft hättest.“

Ich erwiderte ruhig: „Laß nur. Es ist schon in Ordnung. Mir ist’s lieber so.“ Und das stimmte auch. Hazel war mein Pferd. Ich wollte Herrn Moberg nichts schuldig bleiben.

Am folgenden Sonntag durfte Hazel endlich wieder auf die Weide. Fast eine Stunde lang führten Matty und ich sie am Halfter herum und paßten auf, daß sie nach der langen Stallruhe keine zu wilden Sprünge machte.

Zum Glück trat sie recht vorsichtig auf. Sie hatte die ausgestandenen Schmerzen wohl noch nicht vergessen.

„Ein vernünftigeres Pferd wird’s nicht so leicht geben“, sagte Mikesch nachdenklich, als wir am späten Vormittag am Gatter der Südweide standen und zusahen, wie Hazel mit hoch erhobenem Kopf zwischen den anderen Stuten herumstolzierte und sich „zeigte“. Ja, es war tatsächlich so, als würde sie den anderen Pferden vorführen wollen, daß sie jetzt wieder da war und ihren Platz behauptete. Ich glaubte förmlich zu spüren, wie sie den Sonnenschein und den leichten Wind genoß, der schon die ersten herbstlichen Gerüche mit sich trug.

Matty schnupperte in die Luft. „Der Sommer ist bald vorbei“, sagte er ein bißchen wehmütig. „Man riecht’s schon. Zwischen den Grashalmen hängen die Fäden vom Altweibersommer.“

„Nicht Altweibersommer“, verbesserte Mikesch. „Wir haben das zu Hause immer Indianersommer genannt. Das klingt besser.“

Jörn lachte. „ Wie es auch klingt, es bedeutet jedenfalls das gleiche. Aber der Herbst ist auch schön. Ich mag ihn. Jetzt ist sowieso keine Zeit für Traurigkeit. Die Sonntagsschüler trudeln in einer halben Stunde ein.“

Sonntagsschüler nannten wir die Reitschüler, die sich für sonntags zum Unterricht angemeldet hatten. Sie kamen heute zum zweitenmal nach Dreililien. Jeder von ihnen hatte früher bereits Reitunterricht gehabt, was Mikesch nicht besonders gut fand.

„Anfänger sind mir lieber“, sagte er. „Ein paar von den Sonntagsschülern haben sich allerhand dummes Zeug angewöhnt, das ihnen schwer wieder auszutreiben ist. Außerdem denken sie, sie können schon reiten; und das ist leider ein gewaltiger Irrtum.“

Ich seufzte. „Die meisten können’s jedenfalls besser als ich. Aber das will wohl nicht viel heißen.“

Matty sagte: „Nell denkt immer gleich, die anderen wären besser als sie, auch wenn es gar nicht stimmt. Auf alle Fälle kann keiner von ihnen so gut mit Pferden umgehen.“

Ich legte den Arm um seine Schultern. „Danke. Du bist ein prima Kerl, Matty“, sagte ich.

Er schnaubte empört. „Blödsinn! Ich sag das nicht, weil ich dein Selbstbewußtsein aufpolieren will, sondern Weil es die Wahrheit ist. Nicht, Jörn?“

„Absolut“, bestätigte Jörn grinsend.

Ich murmelte mißtrauisch: „Wenn ihr mich auf den Arm nehmen wollt . . .“

„Sehr gern, danke!“ Ehe ich richtig begriff, was los war, hatte mich Jörn schon um die Taille gefaßt. Er hob mich hoch und schwenkte mich herum.

„He!“ schrie ich. „So war das nicht gemeint! Loslassen!“

Einen Moment lang war sein lachendes Gesicht dicht vor dem meinen. Ich war sicher, daß er mich gleich küssen würde, einfach so vor Matty und Mikesch, aber er tat es nicht. Er stellte mich so unvermittelt ab, daß ich beinahe den Halt verlor, und sagte mit gespieltem Keuchen: „So leicht ist sie gar nicht auf den Arm zu nehmen. Du bist ein verdammt schweres Mädchen, Nell.“

„Ich wiege hundert Pfund!“ erwiderte ich entrüstet.

Matty war sofort zu meiner Verteidigung bereit. „Nell und schwer?“ sagte er. „Die ist doch ein Fliegengewicht!“ Und er wollte mich zum Beweis ebenfalls hochheben.

Diesmal aber protestierte ich. „Hört auf damit“, sagte ich. „Ich glaube, die ersten Sonntagsschüler kommen.“

Ein brauner Mini-Cooper kam über die Auffahrt geprescht und hielt haarscharf vor dem Torbogen. Der Wagenschlag öffnete sich. Ein schlankes blondes Mädchen mit maßgeschneiderter Reithose und eleganter Seidenbluse stieg aus. Ihre Reitstiefel glänzten. Das war Anja, die Tochter eines Rosenheimer Metzgermeisters.

Anja sah uns und schlenderte ohne jede Scheu auf uns zu. Unsicherheit schien sie nicht zu kennen, und sie war wirklich hübsch.

„Hallo“, sagte Anja. „Ich bin ein bißchen zu früh, nicht?“

Mikesch erwiderte freundlich: „Das macht nichts. Du kannst uns vor der Stunde noch helfen, Eileen und Julka zu striegeln. Die beiden haben sich heute schon im Schlamm am Bachufer gewälzt und sehen wie Erdschweine aus.“

Anja schluckte einen Augenblick und nickte dann. Ich war überzeugt, daß sie diese Zumutung bei jedem anderen empört zurückgewiesen hätte, doch mit Mikesch war das etwas anderes. Ich hatte schon letzten Sonntag beobachtet, wie sie ihm verstohlene Blicke zuwarf.

Ich sah Jörn und Matty von der Seite an und stellte fest, daß sie sich genau wie ich das Lachen verbeißen mußten. Nur Mikesch machte ein todernstes Gesicht. Er wandte sich ab und ging zum Stall voraus, und wir folgten ihm.

Zwanzig Minuten später waren Anjas teerosenfarbene Bluse und ihre maßgeschneiderte Reithose voll schwarzbrauner Flecken. Ihre kunstvoll abgetönten Lidschatten waren ineinandergelaufen, und die Wimperntusche bildete dunkle Ringe unter ihren Augen. Durch die Makeup-Schicht zogen sich Schweißspuren, Sie tat mir leid.

„Wenn du dich waschen willst, zeige ich dir, wo der Brunnen ist“, sagte ich, während die anderen Reitschüler auftauchten.

Sie machte ein Gesicht, als wüßte sie nicht, ob sie sich über mich ärgern oder mir dankbar sein sollte. Wortlos folgte sie mir in den Innenhof, wo an der Stallmauer ein Wasserhahn über einem großen Steintrog angebracht war. Der alte Ziehbrunnen wurde schon seit langem nicht mehr benutzt.

Anja wusch sich gründlich und sah plötzlich ganz normal und viel jünger aus. Dann streckte Jörn den Kopf aus dem Stallfenster und winkte uns zu. Die Reitstunde begann.

Die Sonntagsschüler sattelten ihre Pferde ohne unsere Hilfe. Dann führte Mikesch die Abteilung zur Schwammerlwiese. Marnie und Nell standen am Zaun der kleinen Koppel und sahen neugierig herüber.

Ich blieb einige Zeit zwischen Jörn und Matty am Gatter stehen, um zuzusehen. Anja, fand ich, saß schon recht gut im Sattel, wenn sie auch immer wieder den Fehler machte, Solveig zu hart am Zügel zu nehmen. Dagegen hopsten Mücke und Charly, zwei Schwestern aus einem Dorf nicht weit von Mariabrunn, ziemlich hilflos herum. Ich wußte nicht, was ich von den beiden halten sollte. Sie kicherten meistens albern, wenn man mit ihnen redete, waren ein paar Jahre jünger als ich und erinnerten mich mit ihren verschmitzten Gesichtern ein bißchen an Max und Moritz von Wilhelm Busch.

Gut gefiel mir Alex, der Neffe von Doktor Hofbauer, unserem Tierarzt. Alex war ein schweigsamer, siebzehnjähriger Junge, dem man anmerkte, daß er Pferde liebte. Ich hatte am vergangenen Sonntag nach dem Reitunterrieht bemerkt, daß er noch lange an der kleinen Koppel stand und Marnie und Nell ganz versunken beobachtete, ehe er mit seinem Fahrrad nach Hause fuhr.

Wenn sich die Gelegenheit ergibt, rede ich einmal mit ihm, dachte ich, während ich zusah, wie er mit konzentriertem Gesichtsausdruck Leichttraben übte. Seine schulterlangen Haare hatte er zum Reiten im Nacken zusammengebunden, so daß er mit seinem schmalen Gesicht wie ein Höfling aus der Zeit Mozarts aussah. Irgendwie kam er mir wie ein Außenseiter vor. Ich fand, daß er nicht recht zu den anderen Reitschülern paßte.

Außer Alex, Anja, Mücke und Charlie nahmen noch drei Mädchen am Reitunterricht teil, die eine Privatschule im Chiemgau besuchten. Ihre Eltern hatten offenbar vereinbart, die Mädchen sonntags abwechslungsweise nach Dreililiern zu bringen. Diesmal hatte sie ein Vater im Auto hergebracht, während letzten Sonntag eine Frau mit dabei gewesen war. Zum Glück fuhr Herr Thorsten sofort wieder ins Dorf, nachdem er die drei Mädchen abgeliefert hatte. Heute standen also keine ängstlichen Eltern dabei und sahen den Reitversuchen ihrer Sprößlinge zu.

„Der Mikesch hat wirklich eine Engelsgeduld“, sagte Matty neben mir. „Jetzt kapieren die Mädchen noch immer nicht, wie man ein Pferd richtig an die Zügel stellt. Gut, daß du den Unterricht nicht abhalten mußt, Jörn. Du hättest sicher schon einen Tobsuchtsanfall bekommen!“

„Hätte ich nicht“, widersprach Jörn. „Mit Wut und Geschrei erreicht man gar nichts. Man macht bloß Reiter und Pferde scheu. Die drei brauchen eben etwas länger als die anderen, bis sie es lernen. Aber Mikesch schafft das schon.“

Ich sagte: „Anja reitet gut, finde ich.“

„Sie hat auch schon ein halbes Jahr lang Einzelunterricht gehabt“, erwiderte Matty. „Das hat ihr Vater Mikesch am Telefon gesagt. Aber mit der Zügelführung hapert’s noch gewaltig. Außerdem hat sie nicht die richtige Einstellung zum Reiten. Wer es bloß lernt, weil er sich damit interessant machen will, sollte es lieber bleiben lassen.“

Jörn stieß ein Schnauben aus. „Ich nehme an, sie möchte sich später mal ein eigenes Reitpferd kaufen und an Turnieren teilnehmen, weil sie das schick findet. Aber eigentlich geht es uns ja nichts an, weshalb die Leute nach Dreililien kommen. Wir müssen froh sein, wenn sie ihr Geld hierlassen.“

Seine Stimme hatte einen bitteren Unterton. Ich sah ihn von der Seite an. Er schien meinen Blick zu spüren und erwiderte ihn.

„Immer das verdammte Geld!“ murmelte ich. „Es bestimmt unser ganzes Leben. Dauernd muß man sich danach richten. Wenn man boß mal so viel Geld hätte, daß man frei wäre und nicht immer Rücksicht darauf nehmen müßte!“

„Glaubst du vielleicht, daß reiche Leute frei sind?“ fragte Jörn. „Da irrst du dich aber gewaltig, Nell. Die lassen sich von anderen Sachen einengen – zum Beispiel von der Angst, daß man ihnen ihr Geld wieder wegnehmen könnte, oder von dem Trieb, immer mehr anzuhäufen. Oder sie langweilen sich und wissen nicht, was sie mit sich und ihrem Reichtum anfangen sollen. Am besten wär’s, jeder hätte so viel, wie er zum Leben braucht. So lange es Reiche gibt, die im Überfluß leben, und Arme, die ständig um ihre Existenz kämpfen müssen, kann die Welt ja nicht in Ordnung sein.“

„Wenn ich Geld hätte, wüßte ich jedenfalls, was ich damit anfangen würde, das steht mal fest“, sagte Matty. „He, zum Teufel, was macht diese komische Charly da? Wenn sie nicht aufpaßt, wird sie abgeworfen, ehe sie bis drei zählen kann!“

Er hatte kaum ausgesprochen, da war es schon passiert. Charly hatte wieder einmal den Clown gespielt und irgendwelche Faxen gemacht. Das war Rapunzel zuviel geworden. Die Stute war plötzlich quer durch die Bahn galoppiert und hatte ihre Reiterin wie eine lästige Fliege abgeschüttelt.

Charly flog ausgesprochen unelegant durch die Luft und landete mit einem Plumps auf dem Hosenboden. Zum Glück war das Gras auf der Schwammerlwiese ziemlich dicht. Sie hatte sich nicht verletzt und kam mit dem Schrecken davon. Einen Augenblick lang saß sie unbeweglich wie ein Gartenzwerg da und machte ein dummes Gesicht.

Ich wandte mich ab, preßte die Hände vor den Mund und lachte, daß es mich nur so schüttelte. Der Anblick der „versteinerten“ Charly war das Komischste, was ich seit langem gesehen hatte.

Als ich mich wieder etwas beruhigt hatte, sah ich, wie Jörn grinste. „Der passiert so leicht nichts“, sagte er. „Die ist gut gepolstert.“

Rapunzel schnaubte entrüstet. Sie hatte in einer Ecke der Schwammerlwiese haltgemacht. Die anderen Pferde waren von selbst stehengeblieben, und ihre Reiter sahen mit einer Mischung aus Schrecken und Belustigung zu, wie die verdutzte Charly sich wieder aufrappelte und ihren Hosenboden abklopfte.

„Dazu brauche ich wohl keinen Kommentar abzugeben!“ rief Mikesch. „Ich nehme an, du weißt selbst, was du falsch gemacht hast. Ihr sitzt hier auf Pferden aus Fleisch und Blut, nicht auf hölzernen Schaukelpferden!“

„Sehr richtig“, sagte Jörn. „Aber wenn man ein paarmal abgeworfen worden ist, lernt man das von selbst. Übrigens, Nell, bei dir sind auch wieder Reitstunden fällig. Hazels Krankheit hat in letzter Zeit alles durcheinandergebracht. Wie wär’s heute nachmittag, wenn die Sonntagsschüler weg sind?“

Ich nickte. Im Grund war mir nicht besonders wohl bei dem Gedanken, auf einem anderen Pferd als Hazel zu reiten. Mit Hazel hatte ich mich immer sicher gefühlt; ich wußte, daß ich mich auf sie verlassen konnte.

Doch ich sagte nichts. Schließlich konnte ich nicht mein Leben lang nur ein bestimmtes Pferd reiten.

13

Es folgte eine Woche mit Regen und Wind, Vorboten des herannahenden Herbstes. Wir kamen aus den Gummistiefeln und den Regenumhängen kaum noch heraus. Die Pferde standen trübselig auf den Koppeln und mußten jeden Abend trockengerieben werden. Im Obstgarten fielen Äpfel und Birnen in erschreckenden Massen von den triefenden, schwer herabhängenden Ästen.

Ich half Kirsty, Apfelgelee und Birnenkompott einzumachen. Da ich merkte, daß ihr das Bücken schon schwerfiel, sammelte ich allein das Obst ein. Wir schälten pfundweise Äpfel und hängten die Scheiben an Schnüren zum Trocknen aus. Das ganze Haus duftete wie ein Obstgarten.

Die Sonnenblumen im Vorgarten ließen die Köpfe hängen. Ich ging mit Matty und Carmen in den Wald zum Pilzesuchen. Wir kamen tropfnaß, aber mit Körben voller Steinpilze und Braunkappen zurück. Es waren so viele Pilze, daß wir sie gar nicht alle essen konnten. Der Rest wurde aufgeschnitten und getrocknet.

Nell war jetzt schon mit den anderen Fohlen zusammen auf der Weide und tollte herum. Den Fohlen schien das schlechte Wetter nichts auszumachen. Ab und zu drehten sie richtig durch – sie rasten plötzlich wie auf ein geheimes Zeichen alle mit hoch erhobenen Schweifen quer über die Koppel, wie Kinder, die einen Wettlauf machen, oder sie gingen aufeinander los, pufften sich gegenseitig mit den Köpfen, schlugen mit den Hinterbeinen aus und spielten „Fangermandl“, wie Carmen das nannte.

Ich machte trotz des Regens oft am Gatter halt und sah ihnen zu, wenn ich vorüber kam. Dabei ging es mir hauptsächlich darum, festzustellen, was Nell machte. Einmal kam Matty auf Pilar angeritten, schwang sich aus dem Sattel und stellte sich neben mich.

„Hast du Angst, daß Nell sich nicht gegen die anderen behaupten kann?“ fragte er.

Ich sagte: „Ein bißchen schon. Sie ist doch das jüngste Fohlen und noch nicht so besonders stark.“

„Paß bloß auf, daß du nicht wie Frau Mayreder wirst“, erwiderte Matty lachend. „Nell setzt sich schon durch. Und es gibt auch eine Art Rangordnung unter den Pferden, weißt du. Die älteren tun den jüngeren nichts, wenn die ihre Vorrangstellung achten. Das, was manchmal so wild und gefährlich aussieht, ist in Wirklichkeit nur harmloses Spiel und eine Art natürliches Training. Ein Fohlen muß seine Kräfte mit anderen messen können, um stark und ausdauernd zu werden.“

„Ich verstehe“, sagte ich. Aber ich konnte trotzdem nicht verhindern, daß ich jedesmal wieder ängstlich nach Nell Ausschau hielt, die da unter all den ungebärdigen Füllen herumhüpfte wie ein kleiner, argloser Kobold.

Ausgerechnet am Samstag vor dem dritten Anfängerunterricht brütete Mikesch eine handfeste Grippe aus. Er hatte am Tag vorher bei strömendem Regen stundenlang Zäune ausgebessert und hinterher noch im Stall geholfen, obwohl er ganz durchnäßt gewesen war.

Als ich am Samstag morgen nach Dreililien kam, war Mikesch nirgends zu sehen. Matty und Jörn standen „In den Kartoffeln“ und sahen nicht besonders glücklich aus.

„Jörn muß heute den Unterricht übernehmen“, sagte Matty. „Mikesch hat Kopfschmerzen und Fieber und eine Halsentzündung dazu.“

„Habt ihr den Arzt angerufen?“ fragte ich.

„Das wollte er nicht“, erklärte Jörn. „Er sagt, er kommt schon von allein wieder in Ordnung und hat keine Lust, sich mit Tabletten vollstopfen zu lassen.“

Ich fragte: „Habt ihr ihm Frühstück gebracht?“

Matty schüttelte den Kopf. „Er wollte nichts essen.“ „Und jetzt liegt er einfach so in seinem Zimmer, und keiner kümmert sich um ihn“, sagte ich. „Das geht doch nicht. Ich sehe mal nach ihm. Aber vorher laufe ich schnell ins Kavaliershäusl und rede mit Kirsty. Sie hat für jede Krankheit irgendein Hausmittel.“

„Gut, mach das“, erwiderte Jörn erleichtert. „Wir versuchen, mit dem Reitunterricht allein über die Runden zu kommen.“

Natürlich wüßte Kirsty Rat. „Wenn Mikesch Fieber hat, darf man ihn nicht einfach sich selbst überlassen“, sagte sie und mischte mir eine Tüte voll Lindenblütenund Holundertee. „Hier, das ist gut gegen das Fieber. Sieh zu, daß er während des Tages mehrere Tassen davon trinkt. Wenn’s trotzdem nicht besser wird, mußt du ihm Wadenwickel machen. Aber vorerst versuchst du es mal mit dem Tee.“

Dann gab sie mir noch ein Glas Honig, eine Flasche Obstessig und Salbeitee. „Und das ist gegen die Halsschmerzen“, erklärte sie. „Es wirkt auch vorbeugend gegen Husten und Schnupfen. Am besten, du kochst ihm ungefähr jede Stunde eine Tasse Salbeitee, gibst einen Eßlöffel voll Obstessig dazu und süßt den Tee mit Honig.“

Ich packte alles in einen Korb und stapfte wie ein Kräuterweib durch den Regen nach Dreililien zurück. Roddy stand schon unter dem Torbogen, obwohl bis zum Reitunterricht noch fast zwei Stunden Zeit waren. Er hatte Handwerkszeug mitgebracht und sagte, er sei eigens früher gekommen, um Julkas Boxtür auszubessern.

„Ich repariere gern Sachen“, erklärte er mir. „Am liebsten würde ich eine Schreinerlehre machen, aber mein Vater will unbedingt, daß ich weiter auf die Handelsschule gehe und später mal sein Textilgeschäft übernehme.“ Er seufzte.

Ich ging über die steile alte Holztreppe zur Fuhrknechtskammer und klopfte an die Tür. Eine Weile erfolgte gar nichts. Erst als ich noch einmal lauter klopfte, gab Mikesch Antwort.

Er lag auf einer großen Matratze auf dem Boden und hatte die Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen. Ich merkte, daß er fror. Wie er da lag, sah er sehr jung und irgendwie verletzlich aus.

Ich sagte: „Kirsty hat mir Kräutertee für dich mitgegeben – gegen das Fieber und die Hlalsschmerzen. Hast du Schüttelfrost?“

„Gewissermaßen“, gab er zu, grinste kläglich und klapperte mit den Zähnen. „Das ist wirklich nett von dir und Kirsty, aber ihr braucht euch nicht um mich zu kümmern. Ich komme schon von selbst wieder auf die Beine.“

„Blödsinn“, erwiderte ich kurz. „Du würdest uns umgekehrt auch nicht allein liegen lassen, wenn wir krank wären, oder? Kalt ist es hier!“

Ich sah mich um. Wie sehr hatte sich hier alles verändert! Ich kannte die Fuhrknechtskammer nur flüchtig aus der Zeit, ehe Mikesch nach Dreililien gekommen war. Damals wurden dort Futtersäcke gelagert. Inzwischen hatte Mikesch das Dachinnere mit Holz verkleidet und die alten Tragebalken so mit Brettern verbunden, daß er sie als Regale benutzen konnte. Bücher, ein paar Fotos und Geschirr standen darauf. An Stelle eines Tisches gab es einen dicken, durchgesägten Baumstamm, und ein paar große Kissen dienten als Sitzgelegenheit. Von der Decke baumelten getrocknete Blumensträuße und Zwiebelzöpfe. An der Wand hing ein Plakat mit einer Friedenstaube.

Mitten im Raum stand ein alter, eiserner Ofen, der aus dem Speicher von Dreililien stammte. Davor lag Feuerholz in einer Kiste. Ich stellte meinen Korb auf den Boden, hängte meinen Regenumhang an einen Haken und ging zum Ofen, um Feuer zu machen.

„Was tust du da?“ fragte Mikesch heiser und folgte mir über die Bettdecke hinweg mit den Blicken.

„Einheizen natürlich“, sagte ich. „Wo ist Zeitungspapier?“

„Dort in der Ecke liegt ein Stapel alter Zeitungen.“ Er begann wieder mit den Zähnen zu klappern.

Noch vor einem halben Jahr hätte ich bestimmt kein Feuer zustande gebracht. Da wir aber im Kavaliershäusl selbst Ofenheizung hatten, kannte ich mich inzwischen aus. Ich spaltete Holz mit dem Beil, steckte zusammengeknülltes Papier in den Ofen und schichtete die Späne kreuz und quer darüber. Dann legte ich ein paar dickere Holzscheite darauf, öffnete die Luftklappe und zündete das Papier an.

Fünf Minuten später knisterte und knackte es gemütlich, Mikeschs Stimme kam halb erstickt unter der Decke hervor. „Wenn die Leute sich bloß um ihren eigenen Kram kümmern würden!“ brummte er.

Das sollte abweisend klingen, doch er konnte mich nicht täuschen. „Schon recht“, sagte ich friedlich. „Wo kann man hier Wasser kochen?“

„Hinter dem Vorhang.“

Erst jetzt bemerkte ich, daß eine Ecke des Raumes durch einen alten Samtvorhang abgeteilt war. Dahinter stand ein Hocker und darauf ein Elektrokoeher mit nur einer Platte.

Ich schaltete sie ein und setzte Wasser im Pfeifkessel auf. Dann holte ich eine Teekanne und zwei Tassen vom Regal, fand daneben auch Löffel und ein geflochtenes Teesieb, legte Holz nach und begann Tee zu kochen.

Mikesch sagte gar nichts mehr. Er hatte die Augen geschlossen und fror so, daß die Bettdecke zitterte. Nach einer Weile dachte ich, er wäre eingeschlafen. Der Teekessel begann zu pfeifen, und ich goß die Kräuter auf.

Als ich die Tassen ans Bett brachte, lag Mikesch mit offenen Augen da und sah mich an. An seinem Blick merkte ich, daß er durchaus nicht so böse über meine Anwesenheit war, wie er tat.

Er trank sowohl den Holundertee als auch Kirstys Spezialmischung gegen das Fieber ohne Widerspruch. Im Zimmer wurde es langsam warm, doch Mikesch schien noch immer zu frieren, denn er sagte: „Nell, auf der Kiste dort liegt mein Schaffellmantel. Würdest du den noch übers Bett breiten?“

Ich holte den alten, schweren Mantel, den er vermutlich auf irgendeinem Flohmarkt gekauft hatte, und legte ihn zusätzlich über die Bettdecke. Mikesch seufzte, sagte „danke“ und schloß wieder die Augen.

Ich legte mehr Feuerholz nach. Aus dem Hof kam Motorenlärm und das Geräusch von Stimmen. Die Pferde wieherten im Stall. Als ich ans Fenster trat, versammelten sich die Reitschüler gerade um Jörn. Zu seinem Glück war Frau Mayreder diesmal nicht mitgekommen.

Nun war Mikesch wirklich eingeschlafen. Er zitterte noch immer, doch nicht mehr so stark wie vorher. Ich kauerte mich eine Weile auf eines der Sitzkissen und wartete, ob Mikesch wieder aufwachen und etwas brauchen würde. Doch er schlief sehr fest. Bald schien er nicht mehr zu frieren; im Gegenteil, er wurde ziemlich rot im Gesicht.

Ich schob ein Brikett in den Ofen, schlich zur Tür und schlüpfte in meinen Regenumhang. Als ich auf den Hof kam, wären Jörn und die Reitschüler verschwunden. Auch von Matty war nichts zu sehen. Es hatte zu regnen aufgehört, doch im Westen türmte sich schon wieder eine blauschwarze Wolkenwand auf.

Kirsty hatte Hühnersuppe gekocht. „Davon kannst du Mikesch nach dem Essen etwas mitnehmen“, sagte sie. „Vielleicht bekommt er nachmittags Hunger. Jedenfalls wird’s ihm guttun, etwas in den Magen zu bekommen, was leicht und doch kräftig ist.“

Ich nickte dankbar. Wieder einmal dachte ich, wie gut es doch war, daß man sich auf Kirsty verlassen konnte, daß sie solche Dinge unaufgefordert und ganz selbstverständlich tat, ohne große Worte zu machen.

„Prima“, sagte ich. „Er hat furchtbar gefroren, als ich kam, aber ich hab eingeheizt und ihm Tee gemacht. Jetzt ist er feuerrot im Gesicht.“

„Er wird wohl ziemlich hohes Fieber haben. Gib ihm nur jede Stunde seinen Tee; und abends machst du ihm am besten noch einen Wadenwickel. Ich erkläre dir dann, wie das geht. Wenn er ordentlich schwitzt, hat er die Grippe in ein paar Tagen überstanden.“

Nach dem Essen nahm ich eine Thermosflasche voll Hühnerbrühe mit nach Dreililien. Die Reitschüler waren inzwischen wieder nach Hause gefahren. Nur Roddy war noch geblieben, um weiter an Julkas Box zu arbeiten.

Jörn wirkte richtig geschafft. Er sah verschwitzt aus und erklärte, eine Reitstunde mit Anfängern abzuhalten wäre schlimmer, als einen Sack Flöhe zu hüten.

„Bei Mikesch sieht das immer wie ein Kinderspiel aus“, sagte er. „Wie geht’s ihm übrigens?“

„Kirsty meint, daß er hohes Fieber hat. Aber ich glaube, er wird nicht wollen, daß ich seine Temperatur messe. Ich bleibe nachmittags noch bei ihm und flöße ihm Tee ein. Außerdem hab ich Hühnerbrühe für ihn mitgebracht.“ Und ich hob die Thermosflasche.

„Wir kommen später auch mal und schauen nach ihm“, sagte Matty. „Oder meinst du, daß ihm das nicht recht ist?“

Ich erwiderte zweifelnd: „Ich weiß nicht. Ich glaube, er kann’s nicht leiden, wenn man viel Wirbel um ihn macht. Aber probieren könnt ihr’s ja mal.“

Unvermittelt begann es wieder zu regnen. „Wenn das so weitergeht, gibt’s eine Überschwemmung“, sagte Matty. „Die Pferde werden bald Schwimmhäute kriegen.“

Ich lachte und fragte: „Kümmert ihr euch heute um Hazel? Ich weiß nicht, wie lange das mit Mikesch dauert. Kirsty meint, ich soll ihm abends noch Wadenwickel gegen das Fieber machen.“

„Nell als Krankenschwester!“ murmelte Jörn.

Das klang spöttisch. Ich sah ihn von der Seite an. Er bemerkte meinen Blick, lachte leicht und fügte wie beiläufig hinzu: „Was meinst du, ob sie sich auch um uns so kümmern würde, Matty?“

Das hätte er nicht sagen sollen. Ich merkte, wie es in mir zu brodeln begann, holte tief Luft und sagte: „Von allen niederträchtigen, gemeinen Bemerkungen . . .“

Da fiel Matty mir ins Wort. „So ein dummes Geschwätz!“ sagte er ruhig. „Du weißt ganz genau, daß Nell sich um uns ebenso kümmern würde wie um Mikesch. Bloß ist Mikesch eben allein und hat keinen Menschen, und wir haben unsere Mutter. Das ist der Unterschied.“

Ich warf ihm einen dankbaren Blick zu. Jörn zuckte mit den Schultern, murmelte etwas Unverständliches, versenkte die Hände in den Hosentaschen und verschwand im Stall.

Wir sahen ihm nach. Ich umklammerte die Thermosflasche mit der Hühnerbrühe. Gekränkt sagte ich: „Was zum Teufel hat er denn plötzlich?“

„Ach, er ist eifersüchtig, sonst gar nichts“, erwiderte Matty gelassen. „Wenn einer so aussieht wie Mikesch, meinen fast alle, jede Frau würde auf ihn fliegen. Obwohl Jörn natürlich im Grund genau weiß, daß das zwischen dir und Mikesch etwas ganz anderes ist.“

Ich sagte gar nichts mehr. Stumm ging ich durch den Regen zum Stallgebäude und die Treppe zur Fuhrknechtskammer hinauf. Mein Ärger war verflogen. Statt dessen war ich verwirrt. Was hatte Matty da behauptet? Daß Jörn eifersüchtig sei . . .

Das war doch Unsinn, oder etwa nicht? Wenn es stimmte – war Jörn dann eifersüchtig auf Mikesch, weil er glaubte, ich wäre in ihn verliebt? Oder ärgerte er sich ganz einfach nur allgemein, weil Mikesch wegen seines Aussehens so gut bei den Mädchen ankam?

Mir war plötzlich ganz warm trotz des kalten Wetters. Leise öffnete ich die Tür zu Mikeschs Zimmer, stellte vorsichtig meine Sachen ab, schlüpfte aus dem Unhang und den Gummistiefeln und ging auf Zehenspitzen ans Bett.

Mikesch schlief noch immer. Sein Gesicht glühte förmlich, doch es war wohl gut, wenn er die Krankheit richtig herausschwitzte. Allerdings war es jetzt fast etwas zu warm im Zimmer. Ich schlich ans Fenster und öffnete es einen Spalt.

Gerade ging Jörn mit Diana über den Hofplatz. Er pfiff leise vor sich hin, als wäre überhaupt nichts vorgefallen.

Hinter mir hörte ich das Bettzeug rascheln. Mikesch war aufgewacht. Er sagte mit belegter Stimme: „Nell, ich hab solchen Durst!“

Ich wandte mich um. „Du bekommst gleich einen Teller Hühnerbrühe. Die hat mir Kirsty für dich mitgegeben. Und dann mach ich dir wieder frischen Tee.“

„Verdammt heiß ist’s hier drinnen“, sagte er matt. „Das macht nichts. Du mußt schwitzen. Ich hab das Fenster sowieso gerade ein bißchen aufgemacht.“

Er löffelte nur die Hälfte der Brühe, trank etwas Tee und schlief dann wieder ein. Ich blieb neben seinem Bett sitzen. Gegen vier Uhr wurde leise an die Tür geklopft. Matty und Jörn streckten die Köpfe ins Zimmer.

Ich legte den Zeigefinger an die Lippen und deutete aufs Bett. Da nickten sie, zogen sich wieder zurück und schlossen lautlos die Tür.

Schon früh brach die Abenddämmerung herein. Es war, als hätten die Regentage den Herbst besonders rasch herbeigeholt. Plötzlich waren die Tage kürzer geworden, und das graue Licht des Nachmittags verdichtete sich überraschend schnell zur Dämmerung.

Mikesch bewegte sich unruhig im Bett. Er stöhnte, murmelte etwas vor sich hin, drehte den Kopf auf den Kissen. Die schwarzen Locken klebten an seiner Stirn. Sein Mund war leicht geöffnet. Er erinnerte mich plötzlich an die Marmorbüste eines griechischen Jünglings, die ich einmal im Museum gesehen hatte.

Ich beugte mich über ihn. Da schlug er die Augen auf und sah mich an. Einen Moment lang schien er mich nicht zu erkennen. Offenbar hatte er geträumt und fand sich nur langsam wieder in der Wirklichkeit zurecht.

Ich sagte: „Warte, ich schüttle deine Kopfkissen auf. Und dann bringe ich dir wieder Tee. Hast du schlecht geträumt?“

„Ja. Dauernd verfolgen mich diese ekelhaften Fieberphantasien. Hab ich im Schlaf geredet?“

„Nein“, erwiderte ich. „Du hast zwar mal etwas gemurmelt, aber ich hab’s nicht verstanden.“

Er nickte und schien erleichtert zu sein. „Du, Nell, ich muß mal – die viele Flüssigkeit, weißt du“, sagte er dann ohne Verlegenheit. „Aber es ist wohl besser, ich gehe mit diesem Fieber nicht über den Hof zur Toilette. Wenn du kurz mal verschwindest, benutze ich den Plastikeimer.“

„In Ordnung. Wo ist er?“ fragte ich. „Ich bringe ihn dir ans Bett, du bist sicher wacklig auf den Beinen. Hinterher leere ich ihn auch gleich aus.“ Seit ich täglich Pferdemist schaufelte, war ich in solchen Dingen nicht mehr zimperlich.

Es machte mir wirklich nichts aus, den Eimer über den Hof zu tragen und in die Toilette zu leeren. Ich war nur froh, daß ich Jörn nicht begegnete. Er hätte wahrscheinlich wieder eine dumme Bemerkung gemacht.

Mikesch saß mit fiebrig glänzenden Augen im Bett, als ich zurückkam. Er bat mich um eine Kopfschmerztablette und wollte wissen, wie der Reitunterricht gelaufen wäre.

„Ganz gut“, sagte ich. „Aber Jörn meint, daß es leichter ist, einen Sack Flöhe zu hüten.“

„Ach, man gewöhnt sich daran“, erwiderte Mikesch und sah zum Fenster. „Es wird jetzt schon früh dunkel draußen, nicht? Vielleicht könntest du eine Kerze anzünden, Nell. Oder mußt du nach Hause?“

Das klang ganz anders als am Vormittag, wo er mich am liebsten wieder weggeschickt hätte.

„Nein“, sagte ich. „Ich muß nicht gehen. Wo hast du Kerzen?“

„Dort hinten im Regal.“ Er legte sich wieder zurück. „Herrgott, ich komme mir vor wie eine Glühbirne, die gleich platzen wird“, murmelte er.

Ich holte eine Kerze, die mit Wachs auf ein Holzbrettchen geklebt war, zündete sie an, stellte sie auf den Boden zwischen das Bett und das Sitzkissen und ließ mich nieder. Mikesch wälzte sich unruhig auf der Matratze.

Während ich ihn im Schein der Kerze ansah, dachte ich plötzlich, wie einsam er trotz seines guten Aussehens eigentlich war, und daß er offenbar keinen Menschen hatte, der sich so recht um ihn kümmerte.

Schon wollte ich nach seinen Eltern fragen. Da fiel mir ein, was er zu Herrn Moberg über seinen Vater gesagt hatte. So fragte ich nur: „Hast du Freunde in München, Mikesch?“

„Freunde?“ wiederholte er. „Ach, weißt du, ich kenne da ziemlich viele Leute, aber ob sie gerade richtige Freunde sind . . . Frank, der mit in unserer Wohngemeinschaft war, ist ein prima Kerl. Aber er lebt mit einer Frau zusammen, und die ist ihm so wichtig, daß kaum noch Platz für andere bleibt.“

Er verstummte und sah nachdenklich vor sich hin.

„Und früher?“ fragte ich vorsichtig. „Ich meine, hast du keine Freunde aus deiner Jugendzeit?“

Er lachte heiser. „Das klingt, als wäre ich ein Tattergreis. In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, hatte ich Freunde. Auch ein Mädchen, das ich sehr gern mochte, aber . . . Na ja, ich bin dann von dort weggegangen, und die Freundschaft hat die Trennung nicht überstanden. Wir waren ja auch noch sehr jung.“

Mikesch schwieg. Wieder dachte ich, wie wenig wir doch von ihm wußten. Dabei hätte ich gern eine Menge über ihn erfahren, nicht aus Neugier, sondern weil er zu uns gehörte. Doch ich wollte ihn nicht ausfragen. Unwillkürlich sagte ich: „Fühlst du dich nicht einsam?“

Er überlegte. Dann sagte er ruhig: „Manchmal schon. Hier bei euch auf dem Land allerdings nicht mehr so sehr. In München war es schlimmer, trotz all der Leute. Und im Grund bin ich auch ganz gern allein, ab und zu wenigstens.“

Eine Regenbö schlug gegen die Fensterscheibe, und der Wind drückte einen Fensterflügel auf. Ich ging hin und schloß den Riegel. Das Feuer war fast erloschen. Ich legte trockene Tannenzapfen und Holz nach und öffnete die Luftklappe, bis es wieder zu knistern begann. Dann machte ich frischen Tee.

Während Mikesch in langsamen Schlucken trank, fragte ich: „Dieses Mädchen aus deinem Dorf – war das die einzige, in die du verliebt gewesen bist?“

Er gab mir die Tasse zurück und lächelte. „Nein, ganz so romantisch ist das nicht“, sagte er. „Ich war seither mit ziemlich vielen Mädchen befreundet. Aber die erste Liebe bleibt einem wohl am stärksten in Erinnerung, findest du nicht?“

Ich wußte es nicht. Ich mußte an Jörn denken. Natürlich war ich schon ein paarmal verliebt gewesen, oder hatte es mir zumindest eingebildet. Diesmal aber schien es etwas anderes zu sein – kein Gefühl, das rasch aufflammt und ebenso rasch wieder verfliegt.

Statt einer Antwort fragte ich: „Wie hat sie ausgesehen, dieses Mädchen?“

„Blond und zierlich. Ein bißchen wie Kirsty.“

„Aha.“ Jetzt verstand ich, weshalb man gleich vom ersten Augenblick an gemerkt hatte, daß Kirsty ihm gefiel. Mikesch fügte hinzu: „Eines hat sie jedenfalls von allen anderen Mädchen unterschieden – sie war nicht in mein Äußeres verliebt, sondern in mich.“

„Kann man das denn überhaupt trennen?“

„Natürlich mag man an einem Menschen alles, wenn man ihn liebt – sein Wesen und sein Äußeres, da hast du schon recht. Wenn ich mich sage, meine ich natürlich beides. Aber es gibt Männer und Frauen, die nur aufs Äußere sehen und sich in eine gute Figur oder ein hübsches Gesicht verlieben. Und daraus kann kaum eine gute Beziehung werden, das ist klar.“

Ich nickte. Jetzt, da ich mir eingestehen konnte, daß ich in Jörn verliebt war, fragte ich mich, ob mich nur sein Äußeres anzog. Sicher war es wichtig für mich, denn es war ja ein Stück von ihm. Doch ich mochte auch sein Wesen, seine ruhige, verantwortungsbewußte Art; ich mochte an ihm, daß er nicht nur sich selbst sah, sondern auch für Dinge einstand, die ihm wichtig waren. Vielleicht mochte ich sogar seine schwierigen Seiten, denn auch die gehörten zu ihm.

„Woran denkst du?“ fragte Mikesch.

Ich hob den Kopf und sah ihn an. „An Jörn“, sagte ich, denn ich wollte nicht lügen.

Mikesch nickte, als hätte er es bereits gewußt. „Jörn ist in Ordnung“, sagte er, „auch, wenn er manchmal schwierig ist. Aber das sind die meisten feinfühligen Menschen.“

Spontan sagte ich: „Du bist auch in Ordnung, Mikesch. Ich bin froh, daß du zu uns gekommen bist.

Nicht nur, weil du mit allem so gut Bescheid weißt und weil wir’s ohne dich wahrscheinlich gar nicht schaffen würden. Nicht nur deshalb . . .“

Ich stockte verlegen und schwieg.

Er sah mich an und lächelte. „Danke, Nell“, erwiderte er einfach.

14

„Am Sonntag ist die Friedensdemonstration, von der ich dir erzählt habe, als Nell geboren wurde“, sagte Jörn an einem Oktoberabend während der Stallarbeit zu mir. „Kommst du mit, oder hast du es dir inzwischen anders überlegt?“

Ich war gerade damit beschäftigt, Hazels Fell zu bürsten. Seit sie mir gehörte, versorgte ich sie immer selbst, und die Bindung zwischen uns war dadurch stärker geworden. Wenn ich jetzt in den Stall kam, wieherte sie jedesmal laut, und auf der Koppel knuffte sie die anderen Stuten zur Seite, um als erste bei mir zu sein.

Ich hob den Kopf und erwiderte über die Stallgasse hinweg: „Natürlich komme ich mit. Da gibt’s nichts zu überlegen.“

„Mikesch will auch mitkommen“, sagte Jörn. „Zum Glück hat Matty versprochen, hierzubleiben. Jemand muß sich schließlich um die Pferde kümmern.“

Am nächsten Tag fragten wir Carmen, ob sie mit uns zur Demonstration fahren wollte. Sie stimmte sofort begeistert zu, erschien aber am Nachmittag auf Dreililien und erklärte mit finsterem Gesicht, ihre Eltern hätten ihr verboten, an der Demo teilzunehmen.

„Sie denken, daß alle Demonstranten Chaoten wären, die sich mit der Polizei prügeln und Schaufenster einwerfen“, sagte sie. „Ich habe versucht, ihnen zu erklären, daß das nur ein paar Außenseiter sind, und daß die meisten Leute einfach nur friedlich dahinmarschieren und zeigen wollen, daß sie Angst vor einem Krieg haben – aber es war nichts zu machen. Wenn sie sich so verständnislos benehmen, zwingen sie mich eben dazu, daß ich ihnen nächstesmal etwas vorlüge und einfach mitmache.“

Auch bei mir zu Hause gab es fast Streit wegen der Demonstration. Nicht, daß mein Vater mir verboten hätte, mitzumachen. Er meinte, das sei ganz allein meine Sache. Schwierig wurde es erst, als Kirsty verkündete, sie wolle ebenfalls an der Friedensdemonstration teilnehmen.

„Himmel, so ein Unsinn!“ sagte mein Vater und starrte sie über den Tisch hinweg an. „Doch nicht in deinem Zustand! Was willst du überhaupt unter all dem jungen Gemüse?“

Kirsty legte ihre Gabel weg. Zum erstenmal, seit ich sie kannte, war sie richtig wütend.

„Du bist also auch einer von denen, die sich vor der Verantwortung drücken!“ sagte sie scharf. „Einer von denen, die meinen, daß es die da oben schon richtig machen werden, auch wenn sie Neutronenbomben entwickeln und Raketen vor unserer Nase stationieren wollen. Die jungen Leute sollen sich darum kümmern, wie? Sie sollen mit all dem Schmutz und den Problemen leben und fertig werden, die wir ihnen hinterlassen, was? Haben wir nicht auch ein Interesse daran, daß dieser Rüstungswahnsinn endlich ein Ende hat, sind wir nicht verpflichtet, dagegen vorzugehen und zu zeigen, daß wir nicht alles mit uns geschehen lassen? Wir haben schließlich auch noch fast ein halbes Leben vor uns!“

Sie holte tief Luft. „In meinem Zustand, sagst du! Gerade in meinem Zustand muß ich mich für die Abrüstung einsetzen, damit das Kind, das ich erwarte, eine Chance hat, in Frieden aufzuwachsen – damit es überhaupt eine Überlebenschance hat! Wenn du nicht mitgehen willst, gut, ich kann dich nicht dazu zwingen. Aber ich tue, was ich für richtig halte. Daran wirst du mich nicht hindern.“

Mein Vater machte ein so erschrockenes und verdutztes Gesicht, daß ich lachen mußte. Auch er hatte seine Kirsty offenbar nie so aufrührerisch erlebt. Er schluckte und aß schweigend weiter.

Auch später wurde nicht mehr über die Sache gesprochen. Doch am Sonntag morgen um halb sieben Uhr stand Kirsty fertig angezogen in der Küche, hatte einen dicken Pullover bereitgelegt und füllte gerade Kaffee in die Thermosflasche.

„Ich fürchte, es wird ziemlich kühl heute“, sagte sie.

„Da können wir unterwegs etwas Warmes vertragen. Hilfst du mir, belegte Brote vorzubereiten?“

Punkt sieben kam Jörn wie vereinbart mit seinem Käfer vors Haus getuckert. Mein Vater hatte sich die ganze Zeit über nicht gezeigt. „Er liegt im Bett und schmollt“, erklärte mir Kirsty augenzwinkernd.

Mikesch war inzwischen längst wieder gesund und munter. Er saß auf dem Rücksitz und zeigte ganz unverhohlen, wie sehr er sich freute, daß Kirsty mitkam.

Kurz nach neun Uhr waren wir in München und parkten das Auto in der Nähe des Königsplatzes, wo die Demo beginnen sollte. Eine riesige Menschenmenge hatte sich dort versammelt. Ich hatte noch nie in meinem Leben so viele Menschen auf einmal gesehen.

„Hunderttausend werden’s bestimmt sein“, sagte Jörn zufrieden. „Hier auf dem Königsplatz soll übrigens auch die Schlußkundgebung stattfinden – so um zwei Uhr herum. Dafür haben sie gerade den richtigen Platz ausgesucht, finde ich. Es gibt kaum einen besseren Ort, um zum Frieden aufzurufen als hier, wo Hitler seine großen Aufmärsche veranstaltet hat.“

Er hatte ein Spruchband mitgebracht, auf dem stand: Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin. Und Mikesch hatte aus einem alten Bettlaken eine Fahne gebastelt. Darauf hatte er mit blauem Filzstift eine Friedenstaube gemalt und darunter geschrieben: „Frieden schaffen ohne Waffen!“

Es hatten sich vor allem jüngere Leute versammelt, Schüler und Studenten. Wir paßten gut zu ihnen, fand ich – Jörn mit seinem Stirnband und der Rehlederjacke, Mikesch in seinem alten Lodenumhang und ich mit meinem Lieblingspulli, der immer länger und weiter wurde und mir inzwischen fast bis zu den Knien reichte.

Am besten aber gefiel mir Kirsty in ihrem langen Kleid, unter dem sich schon ihr rundlicher Bauch abzeichnete, mit ihrem dicken goldbraunen Zopf und dem bunten Schultertuch aus Wolle. Sie sah fröhlich und erwartungsvoll aus wie ein junges Mädchen und stritt sich in aller Freundschaft mit Mikesch herum, der unbedingt ihren Korb tragen wollte.

„Das bißchen Proviant kann ich schon noch tragen“, sagte sie. „Ich bin schließlich nicht krank, sondern nur schwanger.“

Gegen halb elf marschierten wir los. Die Menschenmenge war jetzt unübersehbar geworden. Vor uns fuhr ein Lieferwagen mit einem Lautsprecher, aus dem Musik erklang. Eine holländische Gruppe sang Wir wollen wie das Wasser sein, das weiche Wasser bricht den Stein.

Viele sangen mit. Jetzt merkte ich, daß auch viele ältere Leute unter den Demonstranten wären, unter ihnen ein weißhaariger Mann, der sich auf einen Stock stützte, eine Gruppe von Frauen und Männern, die Spruchbänder trugen, ältere Paare, auch Soldaten der Bundeswehr in Uniform.

Ich ging neben Jörn. Hinter uns kamen Kirsty und Mikesch. Doch als ich mich nach einer Weile umsah, waren sie in der Menschenmenge verschwunden.

Dann erklang die Stimme von Joan Baez aus dem Lautsprecher. Sie sang We shall overcome. Die Leute sangen mit. Plötzlich merkte ich, wie ich mitsang; wir sangen beide, Jörn und ich. Er hatte meine Hand genommen, und wir gingen im gleichen Takt. Ich hörte seine dunkle, ein wenig brüchige Stimme dicht neben mir.

All die Stimmen und Gesichter um mich her und Jörn an meiner Seite, das war ein Gefühl, als würde ich von einer großen, warmen Welle getragen.

Es war einer jener Augenblicke im Leben, die so sehen sind, ein Augenblick, in dem ich daran glaubte, daß wir alle Probleme überwinden könnten – unsere eigenen, eigentlich kleinen, Schwierigkeiten mit Dreililien, mit der Schule, aber auch die große Bedrohung unserer Erde durch die Supermächte mit ihren Waffen, durch Umweltverschmutzung und Ausbeutung der Natur. Und ich merkte an Jörns Blick, an dem Drück seiner Hand, daß er die gleiche Zuversicht empfand wie ich.

Er sagte: „Wir dürfen nicht auf geben, Nell, niemals. Wir müssen an unsere Macht glauben, etwas zu verändern. Gemeinsam können wir es schaffen.“

Später dann, nach der Abschlußkundgebung, wurde auf dem Königsplatz noch getanzt. Eine irische Gruppe spielte Volksmusik. Die Leute faßten sich an den Händen und bildeten große Kreise. Jörn und ich hüpften und sprangen und tanzten mit herum, bis wir außer Atem waren. Alle lachten, jubelten und schrien. Irgendwo in unserer Nähe sah ich in dem übermütigen Wirbel auch Kirstys und Mikeschs Gesichter.

Dann löste sich ein Kreis nach dem anderen auf. Paarweise tanzten wir weiter, wild und ausgelassen wie auf einer Bauernhochzeit. Jörn hatte beide Arme um mich gelegt. Wir drehten uns und wirbelten mit geschlossenen Augen herum wie Kinder. Ich umschlang Jörns Hals. Er hob mich hoch und stellte mich wieder auf den Boden, lachend und atemlos. Minutenlang schwankten wir wie betrunken, hielten uns aneinander fest, küßten uns – einmal, zweimal, immer wieder. Es war wie ein Spiel, fast eine Art Taumel, aus dem wir ganz plötzlich zur gleichen Zeit erwachten.

Inmitten der tanzenden, singenden Menge standen wir voreinander, hielten uns umfaßt und sahen uns mit seltsamem Ernst in die Augen. Und als wir uns wieder küßten, war es anders als vorher – sanft, wie ein Versprechen.

Reiterhof Dreililien Der Frühling des Lebens
1

Es war Herbst – der fünfzehnte meines Lebens, mein erster Herbst auf Dreililien, fern von der Großstadt. In unserem Tal zwischen den Wäldern verfärbten sich die Buchen, das Laub der Birken wurde gelb und trocken und raschelte im Wind. Noch war das Gras grün und saftig, und die Pferde weideten auf den Koppeln und genossen die milde Wärme der Oktobersonne.

Ich saß auf dem Querbalken eines Koppelzaunes. Um mich her taumelten Blätter durch die Luft, sanken lautlos ins Gras. Eins blieb auf meinem Knie liegen, ein zweites auf meiner Schulter. Die Luft roch herb nach nassem, schon faulendem Laub, nach Moos und Baumschwämmen, vor allem aber nach Pferden. Und ich dachte flüchtig, wie gut diese Gerüche doch zusammenpaßten.

Für mich war der Geruch nach Pferden auf alle Zeit untrennbar mit der Erinnerung an den vergangenen Frühling verbunden, an die Zeit, als ich zum erstenmal widerstrebend hierhergekommen war – ein Großstadtmädchen, voller Vorurteile dem Landleben gegenüber. So viele Empfindungen barg dieser Geruch für mich, gute und schlimme. Auch die Erinnerung an das Gefühl von Haß und Verzweiflung, weil ich meinen Vater plötzlich nicht mehr für mich allein hatte. Im letzten Frühling hatte er, lange nach dem Tod meiner Mutter, wieder eine Frau gefunden, die er liebte. So vieles war damals geschehen. Und was mir am wichtigsten von allem erschien, war meine Begegnung mit Matty und Jörn Moberg von Dreililien gewesen.

Das Gestüt Dreililien, dieses Tal mit seinen Koppeln und Wäldern, mein ganzes neues Leben auf dem Land – dies alles würde für mich immer mit dem Geruch von Pferden verbunden sein.

Ich schloß die Augen und dachte eine Weile an gar nichts. Seit ich hier lebte, hatte ich gelernt, jede freie Minute gründlich auszukosten und jede Gelegenheit zum Faulenzen zu genießen. Eigentlich gab es immer Arbeit im Stall und im Freien, und seit dem Ende des Sommers auch wieder in der Schule. Es kam selten genug vor, daß ich einmal untätig herumsaß.

Fast wäre ich eingeschlafen, wenn mich nicht plötzlich jemand so in den Rücken gepufft hätte, daß ich um ein Haar vom Zaun gefallen wäre. Ich klammerte mich gerade noch rechtzeitig am Balken fest. Da tauchte dicht neben mir ein großer brauner Kopf auf, und eine feuchte Nase beschnupperte mein Gesicht.

Es war Hazel, mein Pferd. Ich wandte mich um, schlang die Arme um ihren Hals und vergrub mein Gesicht in ihrer Mähne.

Hazel war ein wichtiger Teil dieses neuen Lebens geworden. Manchmal kam es mir vor, als wäre die Freundschaft, die uns verband, von ganz besonderer Art, anders als die übliche Beziehung zwischen einem Reiter und einem Pferd. Denn Hazel war nicht mein Reitpferd, und ich war auch nie darauf versessen gewesen, ein eigenes Pferd zu haben. Ich hatte es Herrn Moberg abgekauft, dem Besitzer des Gestüts Dreililien, weil sie sonst zum Abdekker gebracht worden wäre – das war die schlichte und nicht besonders romantische Wahrheit.

Im Sommer hatte Hazel plötzlich Hufrehe bekommen, und es war wohl jedem außer mir sofort klargewesen, daß das ihr Todesurteil bedeutete; denn ein Pferd mit Hufrehe kann kein vollwertiges Reit- oder Zuchtpferd mehr werden. Als ich das endlich begriffen hatte, gab es für mich nichts mehr zu überlegen. Ich hatte Hazel um einen Spottpreis gekauft, und seitdem gehörte sie mir. Daß sie nur noch sehr vorsichtig geritten werden konnte, störte mich nicht weiter. Hauptsache, sie hatte es gut und konnte weiter auf Dreililien bleiben. Als Entgelt für ihren Stallplatz und das Futter half ich bei der Arbeit. Das war ein Abkommen zwischen mir und Herrn Moberg, das wir beide fair fanden.

Hazel blies mir zärtlich ins Haar, wie sie es immer machte. Eine Weile schmusten wir so miteinander. Plötzlich aber zuckte sie zurück, wandte den Kopf und schnaubte. Als ich mich umsah, merkte ich, daß Jörn Moberg den Weg vom Dorf her geritten kam. Er nahm die Abkürzung über eine der Wiesen im Galopp, und sein halblanges Haar flatterte im Wind.

„Sieht er nicht wie ein blonder Indianer aus, Hazel?“ flüsterte ich.

Mit gespitzten Ohren beobachtete die Stute Pferd und Reiter. Ich hob den Arm und winkte, aber Jörn sah mich nicht.

Noch während ich ihm mit den Blicken folgte, wie er durch die Hofeinfahrt ritt, sah ich plötzlich, wie Emily, die Schimmelstute, leicht scheute. Jörn zügelte sie und sah sich um. Von der Wegkreuzung her näherte sich ein schwarzer Mercedes mit Pferdeanhänger.

Der Wagen machte vor dem alten Torbogen des Dreililienhofes halt. Ein dicker Mann stieg schwerfällig aus. Da schwang sich Jörn vom Pferd, ging auf ihn zu und führte Emily am Zügel neben sich her.

Die friedliche Stimmung war zerstört. Ich wandte mich ab und biß mir auf die Lippen. Der dicke Mann mit dem Mercedes war Friedrich Horkheimer. Ich hatte ihn schon ein paarmal von weitem gesehen. Er war Herrn Mobergs bester Kunde, ein Pferdehändler, der regelmäßig kam, um Pferde aus der Zucht von Dreililien zu kaufen.

Wieder stieß Hazel ein Schnauben aus. Ich streichelte geitesabwesend ihren Hals. „Das Geschäft mit Pferden ist hart, Nell“, hatten Jörn und sein Bruder Matty oft zu mir gesagt. „Für Gefühle ist da wenig Platz. Pferde haben ihren Marktwert, genau wie jede andere Ware; sie müssen Gewinn bringen und werden an den Meistbietenden verkauft. Nur wer Geld im Überfluß hat, kann aus Liebhaberei Pferde züchten und sie auch behalten – und wer hat das schon?“

Ja, ich hatte inzwischen begriffen, daß auch Dreililien kein absolutes Paradies war, in dem man seine Tage unbeeinflußt von den harten Tatsachen des Lebens verbringen konnte. Ich hatte es begriffen, aber im tiefsten Herzen hatte ich es noch lange nicht eingesehen. Immer, wenn ein Pferd verkauft wurde, wenn seine Box im Stall plötzlich leer war, tat es mir weh; und ich wußte, daß es Matty und Jörn ebenso ging.

Wenn er nur Nell nicht verkauft! dachte ich plötzlich. Sie ist doch noch so klein und hilflos – ich möchte, daß sie hierbleiben kann, daß sie nicht in fremde Hände kommt . . .

Während Hazel langsam wieder zu den anderen Stuten zurückkehrte, erinnerte ich mich an die Sommernacht, als Nell zur Welt gekommen war, Marnies Fohlen. Sie war das erste Fohlen, bei dem ich Geburtshilfe geleistet hatte. Zusammen mit Jörn hatte ich geholfen, Nell zur Welt zu bringen.

Jörn hatte dem Fohlen meinen Namen gegeben; und es war seitdem kein Tag vergangen, an dem ich nicht zur Koppel gegangen wäre, um nach Nell zu sehen und zu bewundern, wie sie wuchs und stark wurde und lernte, sich gegen die anderen Fohlen zu behaupten.

Jetzt mochte ich nicht länger auf dem Koppelzaun sitzen. Ich wußte, daß ich es nicht geschafft hätte, von weitem mitanzusehen, wie eines der Pferde in den Anhänger geführt wurde, wie Herr Horkheimer es in seinem dicken Mercedes für immer wegbrachte. Ich sprang ins Gras, zog meinen Pullover über den Kopf und ging zu Tante Karens Haus zurück.

Jetzt war das kleine gelbe Haus mit dem tiefgezogenen Dach und dem Rosenspalier bereits vom Pfad aus zu sehen. Noch vor einer Woche war es hinter dem Laub der Eiche, die in unserem Garten wuchs, verborgen gewesen. Nur noch ein paar letzte Rosen blühten am Spalier, und im Vorgarten, den Kirsty so liebevoll pflegte, streckten die Dahlien ihre runden Köpfe der Sonne entgegen.

Tante Karens Haus – oder das Kavaliershäusl, wie Matty und Jörn es nannten –, gehörte Kirsty, Vaters Freundin. Sie hatte es von einer Tante geerbt; doch es war längere Zeit unbewohnt gewesen, bis Vater und Kirsty sich kennenlernten und beschlossen, hier zusammen zu leben. Das war im Spätfrühling dieses Jahres gewesen. Ich konnte mir kaum noch vorstellen, weshalb mir damals die Entscheidung so schwergefallen war, mit ihnen aufs Land zu ziehen.

Nun war ich hier zu Hause. Ich öffnete die Gartenpforte. Herr Alois, Kirstys wuscheliger brauner Hund, kam mir entgegengelaufen, sprang an mir hoch und versuchte mich zu küssen. Aus der Werkstatt erklang das Geräusch der Töpferscheibe.

Mit Herrn Alois ging ich ums Haus herum und durch den Obstgarten zur Tür des alten Schuppens, den mein Vater und Kirsty zur Töpferwerkstatt umgebaut hatten. Kirsty saß mit dem Rücken zur Tür, in ihrem tonbeschmierten Arbeitskittel, das goldbraune Haar unter einem Tuch verborgen. Sie hörte mich nicht kommen.

Plötzlich fiel mir ein, daß ich sie lieber nicht stören wollte, während sie an der Töpferscheibe saß, denn diese Arbeit verlangte ihre volle Aufmerksamkeit. Also machte ich wieder kehrt und setzte mich auf die Bank unter der Eiche. Herr Alois ließ sich seufzend zu meinen Füßen im Gras nider.

Ich lehnte den Kopf gegen den rissigen Stamm und sah in das Gewirr der Zweige auf. Es war wie verhext – sofort sah ich wieder den schwarzen Mercedes mit dem Pferdeanhänger und Horkheimers dicke Gestalt vor mir. Wie viele Pferde würde er kaufen? Vielleicht bloß eins – wenn es nur nicht Nell war! Nein, Unsinn, Nell war noch zu jung. Was konnte der Pferdehändler schon mit einem Fohlen anfangen, das erst im Sommer geboren worden war?

Ich versuchte mich damit zu trösten, daß Jörn, Matty und ich immerhin das Schlimmste verhindert hatten. Zu Beginn der großen Ferien hatte es ganz so ausgesehen, als müßten die meisten Pferde von Dreililien verkauft werden, weil das Gestüt nicht mehr genug Geld einbrachte. Herr Moberg selbst war durch einen schweren Verkehrsunfall gehbehindert und konnte nicht mehr mitarbeiten. So war die Pferdezucht im Laufe der Zeit zu einem Verlustgeschäft für ihn geworden.

Um die Pferde zu retten, waren Jörn, Matty und ich auf die Idee gekommen, auf Dreililien eine Reitschule zu eröffnen und dort Reiterferien zu veranstalten. Herr Moberg hatte sich bereiterklärt, den Versuch zu wagen, doch nur unter der Bedingung, daß wir uns selbst um alles kümmerten.

Inzwischen hatten wir dreizehn Reitschüler – sechs Anfänger und sieben Fortgeschrittene. Doch ohne Mikesch hätten wir es wohl trotzdem nie geschafft. Mikesch . . . Den hatte uns der Himmel geschickt.

Wir hatten Mikesch über eine Anzeige in einer alternativen Münchner Zeitung gefunden und schon beim ersten Kennenlernen festgestellt, daß er genau der war, den wir brauchten. Er kannte sich mit Pferden aus wie kaum ein anderer, war bereit, auf dem Land zu leben und für kaum mehr als ein Taschengeld zu arbeiten, konnte Reitunterricht erteilen und verstand es großartig, mit besorgten Müttern und verliebten Reitschülerinnen umzugehen.

Mikesch war einfach „die Antwort auf unsere Gebete“, wie Jörn einmal halb spöttisch, halb ernsthaft gesagt hatte. Darüber hinaus war er auch noch schön wie ein junger griechischer Gott.

Ich mußte unwillkürlich kichern, als ich daran dachte, wie verdutzt Matty und ich bei Mikeschs erstem Besuch gewesen waren. Keiner von uns hatte erwartet, daß auf unsere bescheidene Anzeige hin ein etwa achtundzwanzigjähriger Mann mit schwarzen Locken und strahlend bläuen Augen auftauchen würde, der aussah wie ein Dressman oder ein Fotomodell für Zigarettenreklame.

Seltsamerweise hatte uns sein gutes Aussehen anfangs durchaus nicht für ihn eingenommen, im Gegenteil. Als wir jedoch feststellten, daß Mikesch überhaupt nicht eingebildet und alles andere als ein Schönling war, hatten wir unsere Vorurteile schnell vergessen.

Jetzt gehörte Mikesch mit dazu. Ohne ihn konnte ich mir Dreililien nicht mehr vorstellen; und wenn der Reitschulbetrieb wirklich ein Erfolg wurde und genug Geld einbrachte, um das Gestüt zu retten, war das wohl in erster Linie ihm zu verdanken.

Der Wind trug mir das schrille Gewieher eines Pferdes von Dreililien her zu. Ich zuckte zusammen und dachte: Der Teufel soll diesen Horkheimer und seinesgleichen holen! Dann quietschte die Gartenpforte. Herr Alois sprang auf und rannte bellend über die Wiese.

Jemand kam um die Hausecke. Ich sah auf; es war Matty Zum erstenmal streichelte er Herrn Alois nicht, der ihn freudig umsprang. Mit verschlossenem Gesicht kam er zu mir, setzte sich neben mich auf die Bank und sagte: „Ich hab’s nicht mit ansehen können. Er hat Isabell und Odin abgeholt.“

2

Isabell – die schöne, eigenwillige Stute mit dem isabellfarbenen Fell, und ihr Hengstfohlen Odin, das erst zu Beginn dieses Sommers zur Welt gekommen war! Sie waren verkauft und wurden vielleicht gerade jetzt über die holprige Straße abtransportiert.

Stumm starrte ich Matty an. Er wandte den Blick von mir ab. Ich dachte, wieviel schlimmer es doch für ihn sein mußte als für mich, denn er war ja mit den Pferden von Dreililien aufgewachsen und liebte jedes einzelne.

Isabell und Odin – ich würde sie nie wiedersehen.

Ich schluckte, um den Kloß in meiner Kehle loszuwerden. Meine Augen brannten.

„Aber Odin“, sagte ich. Meine Stimme zitterte. „Er ist doch noch so jung!“

„Horkheimer hat die beiden im Auftrag eines westfälischen Züchters gekauft. Sie sind von besonders guter Rasse. Odins Vater ist ein erfolgreiches Rennpferd, ein Araber.“

Einen Augenblick lang wünschte ich, Isabell und Odin wären nur ganz gewöhnliche, stinknormale Pferde gewesen, die niemanden interessierten. Aber das war natürlich Unsinn. Ein Gestüt wie Dreililien lebte davon, edle Pferde mit möglichst großem Gewinn zu verkaufen; und dieses Geschäft ging schlecht genug. Trotzdem wünschte ich, daß sich der Pferdeverkauf wenigstens etwas menschlicher abgespielt hätte, daß nette, tierliebende Privatleute gekommen wären, um sich ein Reitpferd bei uns auszusuchen – Leute, denen man ansah, daß die Pferde es gut bei ihnen haben würden. So aber nahm Horkheimer sie mit, und wir Wußten nicht einmal, wie ihre neuen Besitzer sie behandeln würden.

Ich merkte, daß Matty mit den Tränen kämpfte, und legte den Arm um seine Schulter. Das war der einzige Trost, den ich ihm im Augenblick geben konnte.

Einige Zeit saßen wir so beisammen und sagten gar nichts, weil es nichts zu sagen gab. Erst nach einer Weile fragte ich: „Und Jörn? Was sagt Jörn dazu?“

„Gar nichts. Du kennst ihn ja. Wenn ihm etwas zu schaffen macht, zieht er sich in sein Schneckenhaus zurück. Er hat sein Laßt-mich-doch-alle-in-Ruhe-Gesicht aufgesetzt und ist in sein Zimmer verschwunden. Jetzt hört er Musik.“

Ich nickte. Ja, das war typisch Jörn. Er hatte mir einmal erklärt, daß er gelernt hätte, Probleme mit sich selbst abzumachen. Deshalb fiel es ihm jetzt schwer, damit zu anderen zu gehen, selbst wenn er das wollte.

„Und Mikesch?“ fragte ich.

„Der ist vor einer Stunde nach Frasdorf gefahren, um Futter zu holen.“

Matty fuhr sich mit dem Pulloverärmel über die Nase. Dann stand er auf. „Ich muß jetzt wieder hinüber“, sagte er. „Der Hufschmied kommt, und ich hab versprochen, ihm zu helfen. Joschi und Vroni machen beim Beschlagen immer Schwierigkeiten.“

Ich sah zu ihm auf und dachte plötzlich, wie hart er doch mit sich selbst war – vielleicht konnte man es auch tapfer nennen. Er war fünfzehn, ein halbes Jahr jünger als ich; und doch kam er mir manchmal sehr erwachsen vor – erwachsener sogar als Jörn mit seihen fast achtzehn Jahren.

Ich wußte sehr genau, daß Matty jetzt alles andere lieber getan hätte, als in den Stall von Dreililien zurückzugehen, daß auch er sich am liebsten irgendwo verkrochen hätte, nur um Isabells leere Box nicht sehen zu müssen. Doch wenn Matty etwas versprochen hatte, hielt er es, auch, wenn es ihm noch so schwerfiel. Das war eine Eigenschaft, die ich an ihm bewunderte.

Unwillkürlich sagte ich: „Ich komme mit dir, Matty.“

„Das ist lieb von dir“, erwiderte er dankbar. „Vielleicht könntest du Mikesch später beim Abladen helfen. Wer weiß, wann Jörn wieder auftaucht. Wir können Mikesch ja nicht alle Arbeit allein machen lassen.“

„Er schuftet sowieso für drei“, stimmte ich zu, während wir aus dem Garten gingen. „Für die Arbeit, die er leistet, müßte er eigentlich ein Ministergehalt kriegen.“

„Und dabei können, wir ihm nur einen Hungerlohn zahlen“, sagte Matty. „Aber du, ich glaube, das macht ihm nichts aus. Erst kürzlich hat er zu mir gesagt, daß er viel lieber eine Arbeit tut, die ihm Spaß macht und wenig Geld einbringt als eine, die ihm nicht gefällt, aber gut bezahlt ist. Außerdem ist’s ihm wichtig, daß er auf dem Land leben kann.“

„Und daß er mit Pferden zu tun hat“, fügte ich hinzu. „Schließlich ist er auf einem Gestüt aufgewachsen.“

Matty nickte, aber ich merkte an seinem Gesichtsausdruck, daß er mit den Gedanken nicht bei der Sache war. Genau wie ich dachte er wohl an Isabell und Odin. Um uns beide abzulenken, sagte ich: „Was meinst du, warum er nicht zu Hause geblieben ist?“

„Wer?“ fragte Matty.

„Mikesch natürlich. Ich meine, sein Vater ist ein bekannter Rennstallbesitzer. Da wär’s doch für Mikesch das Naheliegendste gewesen, zu Hause zu bleiben, mit seinem Vater zusammenzuarbeiten und später mal den Rennstall zu übernehmen, oder?“

„Du hast doch gehört, was Mikesch gesagt hat“, erwiderte Matty leicht ungeduldig. „Die beiden haben sich nicht verstanden.“

„Aber ist das ein Grund, gleich den ganzen Kontakt mit zu Hause abzubrechen? Da muß schon etwas Einschneidendes vorgefallen sein. Ich glaube eigentlich nicht, daß Mikesch so ein unversöhnlicher Typ ist.“

Matty runzelte die Stirn. „Nein, das glaube ich auch nicht. Jedenfalls hat er sich bisher über die Sache ausgeschwiegen, und dafür wird er seine Gründe haben. Er will offenbar nicht darüber reden. Das müssen wir akzeptieren, Nell.“

Ich sagte angriffslustig: „Wenn du denkst, daß ich neugierig bin, hast du dich getäuscht. Es ist nur so, daß ich Mikesch mag, und deshalb ist’s mir auch nicht gleichgültig, wie es ihm geht. Ich glaube, er ist manchmal verdammt einsam, und die Geschichte mit seinem Vater macht ihm bestimmt zu schaffen, auch wenn er nicht darüber redet oder gerade, weil er es nicht tut.“

Wir starrten uns an. Es hätte nicht viel gefehlt, und wir hätten Streit bekommen, Matty und ich – zum erstenmal, seit wir uns kannten. Doch da hatten wir den Hofplatz von Dreililien erreicht. Und als wir sahen, daß Horkheimers Mercedes mitsamt dem Anhänger verschwunden war, vergaßen wir unsere Meinungsverschiedenheit.

„Sie sind weg“, murmelte ich. „Vielleicht sind sie schon auf der Autobahn.“

„Wenigstens sind sie zusammen, Isabell und Odin.

“ Der Hufschmied kam in seinem klapprigen Ford angefahren und ging mit Matty in den Stall. Ich mochte nicht mitkommen. Im Augenblick hätte ich am liebsten alles vergessen, was mit Pferden zusammenhing.

Ich sah zu dem alten Torbogen mit der zerbrochenen Kutscherlampe und dem steinernen Wappen auf, das drei Lilien zeigte. Der Torbogen verband Wohnhaus, Stallgebäude, Remise, Geräteschuppen und das ehemalige Gesindehaus zu einem Viereck, schirmte den Hof gleichsam gegen die Außenwelt ab. Hinter dem Rundbogen sah man den Innenhof mit den alten Gebäuden, die Hauswände mit den Baikonen, den stuckverzierten Fenstern und dem bröckelnden Verputz, und in der Mitte des Hofes den Ziehbrunnen unter der Linde, die ihre gelben Blätter auf die abgetretenen Pflastersteine streute.

Man merkte, daß der Gutshof einst bessere Zeiten gesehen hatte. Ursprünglich war Dreililien ein Rittergut gewesen, das ein Vorfahr der Mobergs als Lohn für treue Kriegsdienste vom Kaiser zum Geschenk bekommen hatte. Heute war der einstige Glanz verblaßt. An allen Ecken und Enden wären Reparaturen nötig gewesen, für die das Geld fehlte. Und doch lag ein besonderer Zauber über dem großen Hof, ein Zauber, dem der beginnende Verfall nichts anhaben konnte. Immer, wenn ich hierherkam, spürte ich aufs neue diesen Zauber, und wie so oft dachte ich auch heute: Dreililien – das ist eine Welt für sich.

Aus dem Stall erklang Joschis Gewieher. Sie hatte eine ganz besondere, unverkennbare Art zu wiehern, wenn ihr etwas nicht paßte; und diesmal brauchte ich nicht lange zu raten, was es war. Joschi hatte eine alte Abneigung gegen den Hufschmied. Er mußte ihr einmal unabsichtlich beim Beschlagen weh getan haben, und das würde sie ihm wohl nie vergessen, so lange sie lebte.

Von der Wegkreuzung her hörte ich das vertraute Knattern des Lieferwagens. Ich hob den Kopf und sah mich um. Da kam Mikesch; seine schwarzen Locken glänzten hinter der Windschutzscheibe.

Auch er mußte mich bemerkt haben, denn er hupte, steuerte den Wagen mit einer quietschenden Rechtskurve auf den Hofplatz und rief aus dem Fenster: „He, Nell, war Horkheimer hier?“

„Ja“, sagte ich und ging zu ihm, während er anhielt und aus dem Führerhaus sprang. „Hast du ihn unterwegs gesehen?“

„Ich bin ihm kurz vor der Zufahrt zur Autobahn begegnet.“ Er sah mich forschend an. „Hat er Pferde gekauft?

Ich nickte. „Isabell und Odin.“

Mikeschs blaue Augen verrieten nicht, was er über den Verkauf dachte. „Ich wußte gar nicht, daß Herr Moberg die beiden weggeben wollte“, war alles, was er sagte. Dann aber legte er die Arme um meine Schultern, genau wie ich es vorher bei Matty gemacht hatte. „Das sind eben die Schattenseiten, Nell.“

Ich sah zu ihm auf. „Aber Mikesch, warum muß immer alles Schattenseiten haben? Kann’s denn auf der Welt gar nichts geben, was einfach mal schön und problemlos ist?“

„Ach, Nell“, erwiderte er, „ich fühle mich wie ein Urgroßvater bei dem, was ich dir jetzt sage – aber je älter ich werde, um so mehr begreife ich, daß jedes Ding seine zwei Seiten hat. Das ist wohl so eine Art Naturgesetz. Alles hat seine Licht- und Schattenseite; eines scheint ohne das andere nicht möglich zu sein. Es gibt nichts, was nur gut oder nur schlecht ist.“ Er lächelte. „Aber da stehen wir herum und philosophieren, während wir eigentlich die Säcke abladen sollten. Du hilfst mir doch, oder?“

„Klar. Ich bin ja deswegen gekommen. Matty ist im Stall. Der Hufschmied ist da, und du weißt, daß Joschi und Vroni ihn nicht leiden können.“

Mikesch fragte nicht, wo Jörn wäre. Er wußte, was es für uns alle bedeutete, wenn Pferde verkauft wurden, und daß jeder von uns anders darauf reagierte. Gerade für Jörn hatte er eine Menge Verständnis. Es war noch nicht lange her, daß er zu mir gesagt hatte, Jörn sei eben schwierig wie alle besonders empfindsamen Menschen. Mikesch verstand und akzeptierte vieles bei anderen, auch wenn er keine großen Reden schwang und nicht mit einem Heilsarmee-Gesicht herumlief.

Wir öffneten die Ladeklappe und legten Bretter an den Lieferwagen. Dann begannen wir auszuladen. Ich half Mikesch, so gut ich konnte, obwohl die Säcke zu schwer waren, als daß ich sie auch nur ein Stück hätte anheben können. Ich mußte mich damit begnügen, sie herumzuzerren und zu schieben und mit anzupacken, wenn Mikesch sie über die Bretter rollte und auf die Schubkarre lud.

Wir schufteten so, daß ich kaum noch Zeit hatte, an Isabell und Odin zu denken. Nach einer halben Stunde hatten wir erst die Hälfte der Säcke ausgeladen. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, daß ich es nicht besonders fair von Jörn fand, uns hier allein arbeiten zu lassen. Da kam Diana, die gefleckte Jagdhündin, durch den Torbogen gelaufen.

Wo Diana war, konnte Jörn nicht weit sein. Wirklich tauchte er gleich darauf unter der Kutscherlampe auf, die Hände in den Hosentaschen und jenen verschlossenen Ausdruck auf dem Gesicht, den ich nur zu gut an ihm kannte.

Er kam und sagte: „Laß das, Nell, das ist zu schwer für dich. Ich helfe Mikesch schon.“

Die Behauptung, daß etwas zu schwer für mich sei, hat bei mir immer die Wirkung, daß ich sofort das Gegenteil beweisen will. Ich funkelte ihn böse an, preßte die Lippen zusammen und zerrte weiter an einem der Säcke herum.

Eine Weile arbeiteten wir schweigend. Mehrmals sah ich Jörn verstohlen von der Seite an, musterte sein schmales Gesicht mit den blonden Locken über dem Stirnband. Jörn war keineswegs schön, vor allem nicht, wenn man ihn mit Mikesch verglich. Doch da war etwas an ihm, das ihn ungemein anziehend für mich machte. Ich kann nicht sagen, ob es die lässige Anmut seiner Bewegungen war, sein Blick oder die Art, wie er die Augen verengte, wenn er lächelte. Vielleicht war es alles zusammen – und noch vieles mehr.

Mein Ärger verflog. Jörn hatte mir einmal erklärt, daß er von klein auf gelernt hätte, Probleme mit sich selbst abzumachen, weil er damit nicht zu seinen Eltern gehen konnte. Auch heute hatte er sich wieder in sein Schneckenhaus zurückgezogen, doch diesmal war ich entschlossen, ihn herauszuholen, sobald sich eine Gelegenheit dazu ergab.

Mikesch sagte: „Horkheimer hat Isabell und Odin also gekauft. Weißt du, für wen?“

„Für einen Züchter in Westfalen“, erwidete Jörn in einem Ton, der deutlich sagte: Laß mich bloß in Ruhe!

Mikesch schien das jedoch nicht weiter zu stören. „Westfalen?“ wiederholte er. „An Julius Stende vielleicht?“

Jörn sah überrascht auf. „Ja, so heißt der Züchter. Kennst du ihn?“

„Mein Vater hatte öfter geschäftlich mit ihm zu tun“, erwiderte Mikesch. „Stende ist in Ordnung. Die Pferde sind gut bei ihm aufgehoben.“

Mir wurde bedeutend leichter ums Herz. Wenn Mikesch das sagte, stimmte es. Isabell und Odin kamen also in gute Hände!

Ich hob den Kopf und begegnete über die Schubkarre hinweg Jörns Blick. Unsere Finger berührten sich, als wir gleichzeitig nach dem Griff faßten.

Unwillkürlich mußte ich lächeln. Der gefrorene Ausdruck auf Jörns Gesicht verschwand. Seine Augen verengten sich; er lächelte zurück.

Ich sagte: „Die Schubkarre ist nicht zu schwer für mich, Jörn. Aber wenn du mit anpackst, geht’s natürlich leichter.“

Sein Lächeln wurde breiter. „Sieh mal an! Vorher dachte ich schon, du würdest mich beißen, als ich sagte, daß die Arbeit zu schwer für dich ist. Rothaarige Leute sind eben reizbar, das weiß man ja inzwischen.“ Er zwinkerte mir zu. „Oder ist heute die Emanze bei dir durchgekommen?“

„Vielleicht“, sagte ich würdevoll. „So wie bei dir der einsame Steppenwolf;“

Mikesch lachte. „Gib’s ihm nur, Nell. Was habt ihr übrigens gegen Emanzen und einsame Steppenwölfe? Alles, was sie lernen müssen, ist, daß es gemeinsam besser geht.“

3

Zu Hause war Kirsty damit beschäftigt, die Fensterkästen mit den Geranien in den Schuppen zu schaffen. Ich hielt ihr eine Strafpredigt.

„Kannst du nicht warten, bis Vater nach Hause kommt?“ sagte ich. „Meinst du, daß es gut für Kathrinchen ist, wenn du dich so abschleppst? Du bist schließlich schon im fünften Monat!“

Kirsty sah mit schuldbewußter Miene auf ihren Bauch, der sich unter dem weiten Rock wölbte. „Du hast ja recht, Nell. Aber es macht mich ganz verrückt, immer erst lange überlegen zu müssen, ehe ich etwas tue. Ich komme mir so schwächlich und unselbständig vor.“

„Ach was“, sagte ich. „Ein paar Monate lang wirst du’s wohl noch aushalten. Laß das jetzt, die anderen Kästen trage ich in den Schuppen!“

Ich hatte mich inzwischen an den Gedanken gewöhnt, daß wir bald ein Baby im Haus haben würden, daß ich eine Halbschwester bekommen sollte, nachdem ich fünfzehn Jahre ohne Geschwister gelebt hatte. Anfangs hatte ich es unmöglich gefunden, daß mein Vater und Kirsty noch ein Kind bekamen, denn Vater war immerhin über Vierzig, und Kirsty Mitte Dreißig. Doch was schadete das eigentlich? Sie waren beide durchaus nicht spießig, voller Ideen und jung in ihrer Art, und ihr Kind würde bestimmt nie das Gefühl bekommen, „alte“ Eltern zu haben.

Natürlich hatten wir anfangs alle befürchtet, das Baby könnte mißgebildet zur Welt kommen, weil Kirsty und Vater nicht mehr sehr jung waren. Inzwischen hatte Kirsty sowohl eine Ultraschall-Untersuchung als auch einen Fruchtwässertest hinter sich, und die Ärzte hatten festgestellt, daß das Baby ganz gesund und normal war.

Wir nannten das Ungeborene Kathrinchen – und nicht erst seit der Fruchtwasseruntersuchung, bei der sich herausgestellt hatte, daß Kirsty ein Mädchen bekommen würde. Sie hatte von Anfang an geahnt, daß es ein Mädchen war. Ich erinnerte mich noch genau an unser Gespräch im Spätsommer, als sie zu mir gesagt hatte: „Du, ich glaube, es ist ein Mädchen – ich hab das so im Gefühl . . .“ Dann, als sie mich nach einem Namen für das Kind fragte, hatte ich „Kathrinchen“ gesagt, ohne lange zu überlegen. Seitdem hieß das kleine Wesen in ihrem Bauch so.

Kirsty setzte Kaffeewasser auf und deckte den Küchentisch. Sie bewegte sich längst nicht mehr so leicht und anmutig wie früher. Auch ihr Gesicht veränderte sich. Es war für gewöhnlich sehr schmal, mit hohen Backenknochen und leicht eingefallenen Wangen. Jetzt wirkten ihre Züge etwas verschwommen, fast aufgedunsen. Ihre Kinnpartie war vergröbert, ihr Hals dicker. Außerdem hatte sie braune Flecke auf der Stirn und um die Nase, die früher nicht dagewesen waren.

„Ich hab den Spiegel in meinem Zimmer zugehängt, Nell“, sagte sie und schnitt eine komische Grimasse. „Wirklich, ich mag mich gar nicht mehr ansehen. Wer das idiotische Gerücht verbreitet hat, daß eine Frau in der Schwangerschaft schöner wird, möchte ich mal wissen. Wenn ich den erwische!“

„Wahrscheinlich ein Mann, der einen Mutterkomplex hatte“, sagte ich.

Kirsty kicherte. Ich setzte mich zu ihr an den Küchentisch und trank einen Schluck Kaffee. Ohne die blühenden Geranien wirkten die Fenster irgendwie nackt. Noch vor kurzem war draußen alles so grün gewesen, die Wiesen, Bäume und Hecken; jetzt aber schien die Welt kahl und leer zu werden. Hinter den Fensterscheiben taumelten Blätter durch die Luft. Der Garten war von einem Laubteppich bedeckt.

Kirsty sah ebenfalls hinaus. „Jetzt fängt der November an“, sagte sie. „Ein trister Monat – puh!“ Sie schauderte leicht. „Was wird eigentlich aus euren Reiterferien, die ihr für den Herbst geplant habt? Haben sich schon Leute gemeldet?“

Ich erwiderte: „Nein, wir haben’s uns anders überlegt. Du weißt ja, daß es bei uns in Bayern keine richtigen Herbstferien gibt. Allerheiligen haben wir vier Tage schulfrei, das ist alles. Natürlich sind in Norddeutschland Ferien, und der Sachbearbeiter vom Reisebüro, mit dem Mikesch gesprochen hat, meinte schon, daß ein paar Leute nach Dreililien kommen würden. Aber wir müssen schließlich zur Schule, und Mikesch kann unmöglich die ganze Arbeit allein machen.“

„Da hast du recht“, sagte Kirsty. „Wenn man sich vorstellt, daß zehn oder zwanzig Jugendliche von morgens bis abends auf Dreililien herumwuseln und reiten lernen wollen, und Mikesch soll sich um alles kümmern! Nein, das wäre wirklich zu viel verlangt.“

„Wir könnten ihm kaum helfen, wenn wir erst nachmittags aus Rosenheim kommen und dann auch noch Schularbeiten machen müssen“, stimmte ich zu. „Aber in den Weihnachtsferien geht’s dann los. Herr Wagner vom Reisebüro hat vor zwei Tagen angerufen und gesagt, daß schon fünf Voranmeldungen für die Reiterferien eingegangen sind.“

„Jetzt schon? Das ist nicht schlecht. Wie viele Gäste wollt ihr denn im Höchstfall aufnehmen?“

„Mikesch meint, mehr als fünfzehn könnten wir nicht verkraften.“

„Mit fünfzehn Leuten habt ihr bestimmt alle Hände voll zu tun. Aber wer soll überhaupt auf Dreililien für die Reitschüler kochen und die Zimmer in Ordnung halten? Das kann Frau Moberg doch unmöglich alles schaffen – sie und das Mädchen kommen mit der Arbeit jetzt schon kaum um die Runden. Kein Wunder bei dem riesigen Haus.“

„Das haben wir uns alles überlegt. Carmen hat schon mit einer Frau gesprochen, die in Mariabrunn wohnt; Hopfwieser heißt sie. Sie ist Witwe und hat nur eine kleine Rente. Ich glaube, sie ist froh, wenn sie zwischendurch für ein paar Wochen arbeiten und sich ein bißchen Geld dazuverdienen kann. Jedenfalls hat sie Carmen gesagt, daß sie während der Weihnachtsferien gern jeden Tag nach Dreililien käme und die Reitschüler versorgte.“

,,Na, wenn ihr euch so gut um alles kümmert, muß es ja klappen!“ Kirsty lächelte plötzlich. „Wenn ich bloß verstehen könnte, wie zwei urbayerische Bauern wie Carmens Eltern dazu kommen, ihrer Tochter einen spanischen Vornamen zu geben! Ein pausbäckiges, rotblondes Mädchen mit oberbayerischem Dialekt – und dann Carmen!“

Ich sagte: „Ja, bei mir hat’s auch einige Zeit gedauert, bis ich mich daran gewöhnen konnte. Ich glaube, die Bergers haben ihre Hochzeitsreise nach Spanien gemacht. Dabei kam ihnen wohl die Idee mit dem Vornamen.“

Carmen Berger wohnte in Mariabrunn, nicht weit von Dreililien Und dem Kavaliershäusl entfernt. Ihre Eltern hatten am Dorfrand einen Bauernhof, den Carmen als ihr einziges Kind später übernehmen sollte. Dabei wollte sie eigentlich gar nicht Bäuerin werden, sondern Tierpflegerin. Ich hatte Carmen von Anfang an gleich gern gehabt, weil sie aufrichtig und geradlinig war und weil man sich auf sie verlassen konnte.

„Aber sie ist ein prima Kerl“, fügte ich hinzu, als müßte ich sie verteidigen. „Ohne sie wär’s bestimmt scheußlich für mich gewesen, mich in der neuen Schule einzugewöhnen. Es ist ein Mordsglück, daß ich in dieselbe Klasse gekommen bin wie sie.“

Dabei fiel mir ein, daß ich noch Schularbeiten zu machen hatte. Seufzend ging ich die Treppe hinauf in mein Zimmer, während Kirsty in ihre Töpferwerkstatt zurückkehrte. Für halb vier Uhr hatte mir Jörn eine Reitstunde versprochen; bis dahin hatte ich Zeit, an einem Kurzreferat über Shakespeare zu arbeiten, das ich seit Tagen vor mir herschob.

Seit die Tage kürzer und grauer geworden waren, hatte ich meinen Schreibtisch ans Fenster gerückt. Doch der Platz hatte den Nachteil, daß ich von dort aus die Koppeln sehen konnte und mich nur zu leicht ablenken ließ.

Auch diesmal schweifte mein Blick immer wieder zu den Fohlen am Bachufer, die ausgelassen herumtollten und spielerische Wettkämpfe ausfochten. Das kleinste, kastanienbraune mit der hellen Mähne und dem flachsfarbenen Schweif war Nell. Sie hatte inzwischen gelernt, sich unter all den Wildfängen zu behaupten.

Nur ein Hengstfohlen fehlte, das immer allen voran gewesen war – Odin. Ich versuchte mich mit dem Gedanken zu trösten, daß er sich schon morgen wieder mit anderen Fohlen auf einer anderen Koppel balgen würde. Mikesch selbst hatte gesagt, daß der neue Besitzer ein Mann war, bei dem die Pferde es gut hatten. Odin und Isabell würden sich bestimmt bald eingewöhnen.

Es war nicht leicht, die Pferde zu vergessen und mich auf Shakespeare zu konzentrieren. Dabei hatte ich erst vor kurzem entdeckt, daß ich ihn möchte. Seinen Texten merkte man an, daß er nicht nur ein genialer Dichter gewesen war, sondern auch ein hervorragender Menschenkenner, und daß das, was er in Reimform über die Menschen sagte, heute noch genauso zutreffend war wie vor vierhundert Jahren.

Als ich drei Seiten vollgekritzelt hatte, war es gleich halb vier, und ich war noch lange nicht fertig. Doch da ließ ich Shakespeare Shakespeare sein, schleuderte das Heft aufs Bett, stürmte aus dem Haus und lief nach Dreililien. An der Wegkreuzung stand Jörn und wartete auf mich.

4

Ich stand vor dem Spiegel in meinem Zimmer und versuchte zu entscheiden, ob ich meine Haare an diesem besonderen Abend offen tragen oder im Nacken zu einem Zopf flechten sollte. Meine roten Haare waren eigentlich das Schönste an mir, fand ich. Ich war stolz auf sie – wenigstens seit einigen Jahren. Als Kind hätte ich viel für eine weniger auffallende Haarfarbe gegeben.

Ich griff nach der Bürste und probierte ein paar Frisuren aus. Wie immer, wenn ich meine Haare frisch gewaschen habe, knisterten sie, als könnten sie jeden Augenblick Funken sprühen. Sie bauschten sich wie eine rote Wolke um mein Gesicht.

Ich beschloß, sie weder mit Bändern noch mit Kämmen zurückzustecken, und ließ sie einfach wirr auf die Schultern herabhängen. So gefiel ich mir heute am besten.

Es war wichtig, daß ich an diesem Abend gut aussah. Jörn hatte mich gefragt, ob ich mit ihm zum Geburtstagsfest eines Freundes fahren wollte.

„Ich hab keine Lust, allein hinzugehen“, hatte er gestern gesagt. „Fast alle Leute aus meinem Jahrgang kommen – immer die gleichen Typen und die gleichen Gespräche. Oder magst du nicht mitkommen?“

„Doch“, erwiderte ich, „doch, ich mag.“ Und ich hatte versucht, so zu tun, als wäre es ein ganz alltägliches Ereignis, von Jörn eingeladen zu werden. Dabei war es das erste Mal, daß er mich zu einem Fest mitnahm, und ich hätte am liebsten die ganze Welt umarmt.

Ich begann meine Augen zu bemalen. Das Ergebnis war, daß ich wie eine kranke Eule aussah. Ich wischte etwas von der Schminke wieder ab, trug nur ein bißchen Lippenglanz auf und rieb vorsichtig etwas Wangenrot auf meine Bakkenknochen.

Am schwierigsten war die Entscheidung, was ich anziehen sollte. Ich hatte den ganzen Tag darüber nachgedacht. Im Grunde hatte ich außer mehreren Jeans, T-Shirts, weiten Pullovern, einigen Röcken und indischen Kleidern nicht allzuviel Auswahl. Seit ich Hazel gekauft hatte und fast mein ganzes Taschengeld für Futter, Tierarzt und Hufschmied brauchte, blieb für Kleidung sowieso nichts mehr übrig.

Schließlich zog ich zu den Jeans ein schwarzes T-Shirt an und darüber ein eng geschnittenes Samtjäckchen, das noch aus der Mädchenzeit meiner Mutter stammte. Das nostalgische Jäckchen bildete einen hübschen Kontrast zu der ausgebleichten Hose, fand ich, und der schwarze Samt paßte gut zu meinen Haaren.

Mein Vater saß in der Küche, als ich nach unten kam. „Laß dich mal ansehen!“ sagte er und schob mich unter die Lampe. „Alle Achtung! Du siehst wie Maureen O’Hara in Vom Winde verweht aus!“

„Soll das ein Kompliment sein?“ fragte ich mißtrauisch.

„Klar, was denn sonst?“ Er lächelte auf mich hinunter.

„Mir scheint, meine Tochter wird erwachsen.“

Er stockte. Vor dem Haus erklang das keuchende Geräusch von Jörns altem VW-Käfer. Die Wagentür wurde zugeschlagen, Herr Alois bellte, und Jörn stand im Türrahmen.

„Fertig, Nell?“ fragte er und nickte meinem Vater zu.

Ich griff nach meinem Lederbeutel. Mein Vater sagte: „Bitte fahr vorsichtig und trink nicht zu viel während der Party, Jörn. Mit Alkohol am Steuer passieren die schlimmsten Unfälle.“

Er sah aus, als wollte er noch eine ganze Menge mehr sagen, aber Jörn antwortete rasch: „Keine Sorge, ich bringe Nell gut wieder nach Hause.“ Dann verschwanden wir eilig, ehe Vater noch weitere Ermahnungen von Stapel lassen konnte.

„Tut mir leid“, sagte ich, als wir im Auto saßen und losfuhren.

„Schon gut. Ist doch ganz normal, daß er sich Sorgen um dich macht. Es passiert ja auch allerhand. Was hast du mit deinen Haaren gemacht?“

„Sie gewaschen, sonst nichts.“

„Du solltest sie öfter so tragen.“

Zum Glück war es dunkel im Wagen. Jörn konnte nicht sehen, daß ich rot wurde. „Bei der Arbeit muß ich sie zurückbinden, sonst stören sie mich“, sagte ich.

In Mariabrunn war kein Mensch mehr auf der Straße. Nur ein Hund streunte über den Kirchberg. In den Bauernhäusern waren die Fenster erleuchtet. Was für ein verschlafenes Nest! dachte ich so wie damals, als ich zum erstenmal hierhergekommen war. Doch diesmal erfüllte mich nicht Verachtung bei dem Gedanken, sondern Zuneigung.

Jörns Freund wohnte in einem Einfamilienhaus am Rand von Rosenheim. Laute Rockmusik schallte uns entgegen, als wir aus dem Auto stiegen.

„Wenn die so weitermachen, ruft in zehn Minuten jemand die Polizei wegen Ruhestörung an“, sagte Jörn.

Das Fest fand im Keller statt, in einer Art Hobbyraum. Die Neonlampen waren mit Tüchern verhängt. Es waren schon viele Leute da – zu viele für meinen Geschmack. Ein paar von ihnen hatte ich bereits flüchtig in der Schule gesehen, doch ich hatte noch mit keinem ein Wort gewechselt.

Jörn bahnte sich einen Weg durch das Gewühl. Ich versuchte, mich hinter ihm zu verstecken, bis ich merkte, daß mich sowieso niemand beachtete. Ein Junge, der etwas älter als Jörn wirkte, löste sich aus einer Gruppe von Leuten und stieß Jörn spielerisch mit der Faust gegen die Brust.

„Hallo, Wildtöter“, sagte er. „Du hast dich doch wohl hoffentlich nicht hergewagt, ohne mir ein Geschenk mitzubringen?“

Jörn überreichte ihm feierlich ein Päckchen, das in rotes Papier eingewickelt war. Die beiden unterhielten sich eine Weile. Ich kam mir überflüssig vor, blieb aber stehen, weil ich nicht wußte, wohin ich gehen sollte.

Schließlich verschwand der Junge wieder, den Jörn „Tuck“ nannte. Die Musik war jetzt so laut, daß man sich nur noch schreiend verständigen konnte. Irgendwo in einer Ecke war ein Platz frei; dorthin kämpften wir uns durch und ließen uns auf dem Teppich nieder.

„Willst du was trinken?“ fragte Jörn.

Ich nickte – nicht, weil ich wirklich durstig war, sondern weil es mir besser erschien, eine Beschäftigung zu haben und etwas in der Hand zu halten.

Jörn verschwand. Jemand brüllte: „Musik leiser!“ Aber niemand kümmerte sich darum.

Meine Handflächen waren schweißnaß. Ich fühlte mich total unsicher. Es war nicht so, daß ich nie auf solchen Festen gewesen wäre, im Gegenteil. In München war ich ziemlich oft eingeladen gewesen und hatte auch selbst zu meinem Geburtstag immer ein Fest gegeben. Allerdings hatte ich damals fast alle Leute gekannt, die mitgemacht hatten. Hier aber kannte ich außer Jörn keinen Menschen. Zu allem Überfluß war ich sicherlich die Jüngste von allen. Ich kam mir vor wie ein Schulmädchen unter lauter Erwachsenen.

Ich steckte die Hände in die Hosentaschen, versuchte meine Unsicherheit zu verbergen und sah mich um. Jörns Freund Tuck hatte eine seltsame Mischung von Gästen eingeladen, fand ich – da standen vier oder fünf Popper beisammen, dazwischen ein paar Mädchen und Jungen mit Punk-Frisuren, schwarzen Jacken und Stiefeln, und dann wieder freakige Typen mit Jeans, langen Haaren und Nickelbrillen.

Endlich kam Jörn zurück. Er hielt in jeder Hand einen Pappbecher. Ich wollte schon aufatmen, da sah ich, daß er nicht allein war. Ein Mädchen folgte ihm und redete auf ihn ein.

Ein einziger Blick auf sie genügte, um zu bewirken, daß ich mich wie eine Feldmaus fühlte. Sie war zwar nicht wirklich schön, aber ausgesprochen attraktiv, mit langen blonden Haaren, schräg geschminkten Augen und breitem Mund. Zu allem Überfluß hatte sie eine perfekte Figur, und ihre Kleidung sah nach einer der teuersten Münchner Boutiquen aus – ein weiter Rock aus verschieden gemusterten Seidenstoffen, mit Spitzen und Volants besetzt, eine karierte Seidenbluse mit Rüschen und Glitzereffekt und dazu eine verzierte Lederweste mit passenden Cowboystiefeln. Sie wirkte wie ein schillernder Paradiesvogel.

Es kostete mich einige Überwindung, sitzen zu bleiben und mich nicht irgendwo zu verstecken. Jörn ließ sich wieder neben mir nieder; das blonde Mädchen setzte sich zu uns. Mich bedachte sie nur mit einem flüchtigen Blick. Dann schien ihr Urteil über mich festzustehen: unbedeutend. Es stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben.

Für einen Augenblick verstummte die Musik. Offenbar wurde das Tonband gewechselt. Jörn sagte: „Das ist Nell. Nell, das ist Bella.“

„Hallo“, murmelte ich schwach.

Bella sagte mit katzenhaft sanfter Stimme: „Ich wußte gar nicht, daß du eine kleine Schwester hast, Wildtöter.“ Jörn grinste. Er schien ihre Bemerkung für einen Witz zu halten. Ich aber wußte genau, wie sie gemeint war. So kühl wie möglich erwiderte ich: „Ich bin nicht seine Schwester. Ich bin seine Enkeltochter.“

Bella starrte mich an, als wäre ich ein Huhn, das plötzlich anhebt, eine Opernarie zu singen. Jörn sah von mir zu Bella und schien die ganze Szene höchst amüsant zu finden.

Ich nahm meinen Pappbecher und stand auf. „Ich sehe mich mal ein bißchen um“, sagte ich möglichst lässig und zwängte mich zwischen den geschniegelten Popperjünglingen durch.

Minutenlang erfüllte mich mein würdevoller Abgang mit Triumph. Dann aber fühlte ich mich doppelt elend und fehl am Platz. Ich hatte Jörn sozusagen freiwillig dieser Bella überlassen und war jetzt allein unter all den Leuten, die sich nicht für mich interessierten. Die Vorstellung, irgendwo unbeachtet herumzustehen oder wie ein Mauerblümchen mit meinem Pappbecher in einer Ecke zu sitzen, heiterte mich auch nicht gerade auf.

Plötzlich sagte eine Stimme dicht neben mir: „Wenn du gehen willst, sag’s. Ich komme mit.“

Ich sah auf, nicht sicher, ob ich wirklich gemeint war. Da stand ein Junge, der so üppige dunkle Haare und einen so dichten Bart hatte, daß man sein Gesicht kaum sah. Zwischen all den Haaren waren runde Brillengläser und dahinter zwei schwarze Augen, die mich freundlich und prüfend musterten.

Ich erwiderte: „Wollen schon. Aber ich bin nicht auf einen Fußmarsch von vierundfünfzig Kilometern eingerichtet.“

„Das ist allerdings ein Hinderungsgrund“, gab er mit leichtem Grinsen zu. „Es ist echt komisch, weißt du. Immer wieder schwöre ich mir, daß ich auf kein Fest mehr gehe, und immer wieder tue ich’s trotzdem. Dabei heißt es doch, daß der Mensch aus Erfahrung klug wird.“

„Vielleicht hofft man immer, daß es irgendwann doch mal etwas bringt.“

„Oder daß man irgendwann jemanden trifft, mit dem man wirklich reden kann“, stimmte er zu. „Du bist mit dem Wildtöter gekommen, wie?“

„Ja“, sagte ich. „Warum nennt ihr Jörn eigentlich den Wildtöter? Wegen seiner indianischen Weste?“

„Eher deshalb, weil er ein Einzelgänger ist. Außerdem bewegt er sich so . . . na ja, so heimlich und geschmeidig, als wäre er einem Wild auf der Fährte.“

Das war eine gute Beschreibung für Jörns Art zu gehen. Ich nickte und fragte: „Bist du in der Abiturklasse?“

„Manchmal“, sagte er. „Ich meine, eigentlich schon, aber man soll’s nicht übertreiben mit der Schule. Und du? Kommst du auch aus der Prärie?“

„Nein“, erwiderte ich. „Nicht aus der Prärie, sondern vom Dorf.“

Er grinste. „Schade. Es hätte so gut zu dir gepaßt, wenn du die Tochter eines großen Ranchers gewesen wärst, die sich in den Wildtöter verliebt hat.“

Ich mußte lachen, ob ich wollte oder nicht. „Du siehst zu viele Wildwestfilme“, sagte ich.

Plötzlich drehte wieder jemand die Musik laut auf, so laut, daß ich seine Antwort nicht verstand. Ich trank einen Schluck Wein aus dem Becher; er schmeckte scheußlich, wie Essig.

Der bärtige Junge schüttelte den Kopf und deutete mit dem Zeigefinger an die Stirn. Dann schrie er: „Lauter Verrückte! Übrigens, ich heiße Malte. Und du?“

„Nell!“ schrie ich zurück.

Eine Weile schwiegen wir, weil eine Unterhaltung einfach nicht möglich war. Heimlich sah ich mich nach Jörn um, doch um uns her war eine Mauer von fremden Gesichtern. Ein paar Leute begannen zu tanzen; wie sie dazu Platz fanden, war mir ein Rätsel. Tuck, der Junge, der das Fest gab, brachte einen Korb voller Äpfel und warf einen nach dem anderen in die Menge. Überall wurde geschrien und gejohlt. Viele machten Luftsprünge und fingen die Äpfel auf. Einer streifte mich an der Schulter und fiel zu Boden.

Ich dachte: Ich möchte nach Hause. Warum hat Jörn mich mitgenommen, wenn er sich nicht um mich kümmert? Dabei vergaß ich, daß ich von ihm weggegangen war.

Endlich wurde die Musik wieder leiser gestellt. Malte stand noch immer neben mir. Er sagte: „Und was machst du so auf dem Land?“

„Ich arbeite“, sagte ich. „Ich helfe im Stall, mit den Pferden. Jörns Vater hat ein Gestüt, weißt du.“

„Also doch ein bißchen Prärie. Du bist eine, die den ganzen Tag Stallmist an den Stiefeln hat.“

Das klang wie „eine von denen“ – leicht verächtlich, fand ich. Angriffslustig erwiderte ich: Und was soll daran schlecht sein, möchte ich wissen? Es kann schließlich nicht lauter Intellektuelle auf der Welt geben. Du bist sicher einer, der den ganzen Tag die Nase in utopische Romane steckt und zehn Meter über dem Boden schwebt.“

„Jetzt hat sie’s dir aber gegeben, Malte.“ Das war Jörn; er stand plötzlich neben uns. „Und sie hat dich gar nicht so schlecht beschrieben.“ Er lachte. „Ich glaube fast, du entwickelst Menschenkenntnis, Nell.“

Einen Augenblick lang erwiderte ich gar nichts. Ich war wütend; wütend auf dieses Fest im allgemeinen und auf Jörn im besonderen. Dann sagte ich finster: „Das kann man von gewissen anderen Leuten leider nicht behaupten.“

„Oh“, sagte Malte. „Hat man dich mit der unwiderstehlichen Bella gesehen, Wildtöter?“

„Sie war in letzter Zeit äußerst huldvoll zu mir“, stimmte Jörn spöttisch zu. „Ich stehe wohl auf ihrer Abschußliste.“

Mein Ärger stieg. „Darauf kannst du ja mächtig stolz sein“, sagte ich.

„Klar. Ich platze vor Stolz“, versicherte Jörn ungerührt Ich hätte ihm am liebsten einen Fußtritt versetzt. „Ich glaube nicht, daß sie sein Typ ist“, sagte Malte mit onkelhafter Miene zu mir. Die Situation schien ihm Spaß zu machen.

Ich versuchte so zu tun, als ginge mich das alles nichts an, doch es mißlang mir gründlich. „Das interessiert mich nicht!“ zischte ich.

Malte sagte geheimnisvoll: „Es gibt Blender und solche, die mit sich und anderen ehrlich sind. Zwar heißt es immer, daß die Blender das Rennen machen, aber da bin ich gar nicht so sicher.“

Ich wußte nicht genau, was er meinte. Sollte das bedeuten, daß Mädchen wie Bella seiner Meinung nach nur durch ihr Aussehen und ihre Aufmachung blenden, und daß ich zu der ehrlichen Sorte gehörte? Unsicher sah ich ihn an.

„Malte, der große Philosoph“, spottete Jörn. „Übrigens hoffe ich, daß du recht hast.“

Er hoffte es? Was sollte das jetzt schon wieder heißen?

Ich preßte die Lippen zusammen und nahm mir vor, kein einziges Wort mehr zu sagen. Der Entschluß wurde mir leichtgemacht, denn plötzlich tauchten ein paar Schulfreunde von Jörn oder Malte auf und redeten lang und breit über irgendeinen Hausaufsatz.

Zu allem Überfluß erschien auch Bella wieder, zusammen mit einem ziemlich unscheinbaren Mädchen. Ich dachte unfreundlich, daß Bella sie wohl als eine Art farblosen Hintergrund benutzte, vor dem sie doppelt auffiel.

Jörn schien vergessen zu haben, daß es mich noch gab. Ich trat einen Schritt zurück, lehnte mich gegen die Kellerwand und beobachtete, wie Bella ihn mit Beschlag belegte. Sie stand neben ihm, hatte die Hand wie unabsichtlich auf seinen Arm gelegt und machte eine Bemerkung, die ihn zum Lachen brachte. Er erwiderte etwas, worauf sie heftig den Kopf schüttelte.

Dann merkte ich, wie Jörn sich suchend umsah. Rasch wandte ich mich ab, Er sollte nicht wissen, daß ich ihn beobachtete, nicht merken, daß mir zum Heulen zumute war.

Ganz plötzlich hielt ich es nicht länger aus. Ich mußte fort von hier. Es war irgendwie demütigend, so unbeachtet herumstehen zu müssen, mich so überflüssig zu fühlen. Ich haßte Jörn in diesem Augenblick richtig. Die Möglichkeit, zu ihm zu gehen, ihm zu zeigen, daß ich mich nicht wohl fühlte und ihn brauchte, kam mir erst viel später in den Sinn. Ich war nur wütend und trotzig, hatte nichts als dein Wunsch, wegzukommen.

Ohne lange zu überlegen, drängte ich mich durch das Gewühl zur Tür. Im Treppenhaus sah ich auf meine Armbanduhr. Es war halb elf. Der letzte Bus nach Mariabrunn ging um elf Uhr fünf vom Rosenheimer Bahnhof, das wußte ich. Wenn ich mich beeilte, fand ich vielleicht hier in der Nähe die Haltestelle eines Linienbusses und kam noch rechtzeitig zum Bahnhof.

Auf der Straße war es still und dunkel. Die ständigen Warnungen und die Berichte von Überfall und Vergewaltigung hätten in mir schon von Kindheit an eine unüberwindliche Angst vor dunklen Vorstadtstraßen ausgelöst, die mich nun mit aller Heftigkeit überfiel, sobald ich den Bürgersteig betrat.

Meine Schritte hallten hohl auf dem Pflaster wider. Irgendwo verbreitete eine Straßenlaterne ihr trübes Licht. Ich mußte mich zwingen, weiterzugeheh. Doch umkehren wollte ich um keinen Preis.

Plötzlich hörte ich, wie jemand meinen Namen rief. Jörn! dachte ich mit einer Mischung aus Zorn und Erleichterung.

Es war nicht Jörn. Es war Malte, der mir auf einem Fahrrad folgte. Er hatte einen schwarzen Schlapphut tief ins Gesicht gezogen und sah aus wie ein Gangster in einem Humphrey-Bogart-Film.

„Willst du zu Fuß in dein Dorf zurückgehen?“ fragte er und radelte langsam neben mir her.

„Nein“, sagte ich. „Kurz nach elf geht der letzte Bus vom Bahnhof ab. Vielleicht erwische ich ihn. Weißt du, ob hier irgendwo eine Haltestelle ist?"

Er blieb stehen. „Steig auf", erwiderte er nur. „Ich bringe dich zum Bahnhof.“

Ich setzte mich seitlich auf die Fahrradstange und hielt mich in der Mitte der Lenkstange fest. „Wieso hast du gemerkt, daß ich weggegangen bin?“

„Zufall“, sagte Malte. „Das heißt, ich hab’s kommen sehen.“ Langsam radelte er wieder los. „Jörn wird sich wundern, daß du plötzlich verschwunden bist.“

„Schon möglich“, versetzte ich kühl. Dann redeten wir eine Weile gar nichts mehr.

Ich fröstelte, denn die Nachtluft war kühl. Es roch nach faulendem Laub. Ich merkte, wie sich meine Wut in Traurigkeit verwandelte. Meine Augen wurden feucht, und meine Nase begann zu laufen. Ich war froh, daß es Malte in der Dunkelheit nicht sehen konnte.

Als wir den Bahnhof erreichten, stand der Bus schon da. Er war leer bis auf den Fahrer, der Zeitung las. Ziemlich steif stieg ich von der Fahrradstange.

„Mach’s gut“, sagte Malte. Ich erwiderte nur: „Danke.“

Dann stieg ich in den Bus. Durch das Fenster sah ich Malte nach, wie er die verlassene Straße entlangradelte. Erst als ich meine Fahrkarte kaufen wollte, merkte ich, daß ich kein Geld bei mir hatte.

Zum Glück kannte mich der Busfahrer und sagte gutmütig in seinem breiten Bayerisch: „Macht nix. Dann zoist halt nächstsmoi, Madl.“

Ich setzte mich auf die hinterste Bank und fühlte mich kreuzunglücklich. An den Heimweg von Mariabrunn nach Dreililien durfte ich gar nicht denken. Noch nie war ich nachts allein durch die Gegend gewandert – einsam in der Dunkelheit wie die Heldin in einem Horrorfilm. Natürlich hätte ich von der Telefonzelle beim Wirt aus meinen Vater anrufen und ihn bitten können, mich abzuholen. Doch was passiert war, war eine Sache zwischen mir und Jörn. Ich wollte nicht, daß Vater davon erfuhr. Niemand sollte etwas davon erfahren. Es ging nur uns beide etwas an.

5

Es war nach Mitternacht, als ich in Mariabrunn ausstieg. Ich hatte das Dorf kaum hinter mir gelassen, da bereute ich es schon bitter, daß ich meinen Vater nicht angerufen hatte. Die Nacht war stockfinster. Der Mond war von Wolken verhangen, und kein Stern stand am Himmel. Ich sah buchstäblich nicht die Hand vor den Augen.

Wie ein verängstigtes Kind stolperte ich den Weg entlang. Ich konnte ihn nicht sehen, ich spürte nur den groben Kies unter meinen Schuhsohlen. Erst nach einiger Zeit, als sich meine Augen etwas an die Dunkelheit gewöhnt hatten, nahm ich die Straße als ein graues Band wahr, und daneben wie dunklere Schatten die Umrisse der Büsche und Bäume.

Die Kälte drang durch das dünne Samtjäckchen meiner Mutter. Ich fror und kämpfte mit den Tränen. Nachtvögel schrien, und Tiere huschten heimlich durch das Gras am Straßenrand. Unser vertrautes Tal erschien mir plötzlich wie ein fremder, bedrohlicher Ort.

Seit meiner Kindheit hatte ich mich nicht mehr so verloren und ausgeliefert gefühlt. Die Angst schnürte mir die Kehle zu. Ich dachte: Warum hat Jörn mir das angetan? Und vergaß ganz, daß es ja meine Entscheidung gewesen war, das Fest zu verlassen.

In der Ferne hörte ich den Wildbach tosen. Dann mischte sich ein anderer Laut in das Rauschen, wurde stärker und übertönte es schließlich ganz. Ein Lichtschein durchdrang die Dunkelheit, tauchte den Kies der Straße und die Büsche und Baumstämme in immer helleres Licht.

Diesmal war es wirklich Jörn – ich wußte es, noch ehe ich mich umwandte und den Wagen auftauchen sah. Einen Moment lang wäre ich am liebsten weggelaufen und hätte mich im Gebüsch versteckt. Doch das war natürlich albern. Ich mußte froh sein, daß er kam, daß ich den Weg nicht allein zurücklegen mußte. Wir durften nicht zulassen, daß dieser Abend unsere Freundschaft zerstörte.

In den Sekunden, die ich da stand und den sich nähernden Wagen beobachtete, spürte ich eine andere Art von Angst als vorher, allein in der Dunkelheit. Die Lichter des

Scheinwerfers erfaßten mich, blendeten mich. Dann hielt der rote Käfer neben mir an. Die Tür wurde von innen geöffnet.

„Steig ein“ sagte Jörn.

Stumm setzte ich mich neben ihn. Er gab wieder Gas und sah starr geradeaus. Ich erriet seine Stimmung an seinem Profil, der Art, wie er das Kinn vorschob und die Lippen zusammenpreßte.

Ich dachte: Es ist alles aus. Zwischen uns wird es nie wieder so werden, wie es war.

Es war ein Gefühl, als sei mein ganzer Brustkorb ein einziges schwarzes Loch, schrecklich schwer und schwarz. Ich fror noch immer, obwohl es im Wagen warm war. Die Kälte saß mir in allen Gliedern und ließ sich nicht vertreiben – ich glaube, sie saß mir jetzt auch im Herzen.

Vielleicht hätte es geholfen, wenn wir miteinander geredet hätten. Ich hätte Jörn erklären sollen, weshalb ich so plötzlich weggegangen war. Doch meine Kehle war wie zugeschnürt. Ich fühlte mich im Recht; wenn ich jetzt etwas gesagt hätte, wäre das für mich wie eine Entschuldigung gewesen, ein Schuldgeständnis. Sein Verhalten hatte mich zum Weggehen gezwungen; warum verstand er das nicht? Er benahm sich, als hätte ich ihn zutiefst beleidigt.

Wir sprachen kein Wort während der kurzen Fahrt. Jörn brachte mich zum Kavaliershäusl, hielt vor der Gartenpforte an und wartete, bis ich ausgestiegen war. Wir sagten uns nicht einmal gute Nacht.

Als ich die Haustür aufschloß, hörte ich ihn wegfahren. Ich war sicher, daß ich Jörns Freundschaft und Achtung verloren hatte – vielleicht sogar mehr. Im Dunkeln tastete ich mich die Treppe hinauf. Dann warf ich mich aufs Bett und weinte mich in den Schlaf.

Schon im Morgengrauen erwachte ich. Minutenlang lag ich mit klopfendem Herzen da, von tiefer Unruhe erfüllt. Dann stürmte jäh alles wieder auf mich ein – der gestrige Abend, Jörns Gesicht, als er mich nach Hause gefahren hatte.

Wieder war es, als würde sich meine Brust in ein schwarzes Loch verwandeln. Ich konnte nicht mehr weinen. Ich lag nur da und wünschte, alles wäre nur ein Traum gewesen.

Wie um alles noch schlimmer zu machen, fiel mir plötzlich die Friedensdemonstration im Oktober wieder ein, als wir nach der Abschlußkundgebung auf dem Königsplatz miteinander getanzt hatten, Jörn und ich. Wir hatten uns geküßt und waren glücklich gewesen. Jetzt aber war alles vorbei. Dieses Fest hatte alles zwischen uns zerstört.

Endlich konnte ich wieder weinen. Der Druck in meiner Kehle wich. Draußen waren die Krähen aufgewacht und flatterten mit klagendem Krächzen über das Haus und die Koppeln zum Wald. Hinter den Fenstern, zwischen den Ästen der Eiche, wurde es heller.

Ich steckte den Kopf unter die Bettdecke, wollte nichts sehen und nichts hören. Am liebsten wäre ich nie wieder aufgestanden. Der Gedanke, mit Vater und Kirsty am Frühstückstisch sitzen und ein unbeschwertes Gesicht machen zu müssen, war schlimm, noch unerträglicher aber war die Vorstellung, Jörn zu begegnen und seine kalte, abweisende Miene ertragen zu müssen.

Ich versuchte, wieder einzuschlafen, doch es gelang mir nicht. Ich versuchte im „Kleinen Hobbit“ zu lesen, aber ich konnte mich nicht auf den Text konzentrieren. Schließlich holte ich mein Tagebuch aus der Kommode und schrieb alles auf, was geschehen war und wie ich mich fühlte.

Als ich in die Küche kam, war es schon zehn. Zum Glück hatten Vater und Kirsty bereits gefrühstückt. Mein Vater war draußen im Garten und hackte Holz. Kirsty stand vor der Anrichte und rührte in einer Teigschüssel.

Sie sah bei meinem Eintritt auf, und ihr Blick streifte mich flüchtig. In diesem kurzen Moment kam es mir vor, als erriete sie, was geschehen war. Sie hatte den Kaffee für mich warmgestellt und schenkte mir schweigend eine Tasse ein. Nach dem Fest fragte sie nicht, und ich war ihr dankbar dafür.

An diesem Sonntag kostete es mich eine Menge Überwindung, nach Dreililien zu gehen. Ich hätte mich am liebsten in meinem Zimmer verkrochen. Doch Mikesch hätte sich bestimmt gewundert, wenn ich nicht aufgetaucht wäre. Und Matty – er hätte sicher geglaubt, daß ich krank war, und wäre zum Kavaliershäusl gekommen, um nach mir zu sehen.

Noch nie zuvor war ich den Weg zwischen den Haselnußsträuchern und Birken so widerstrebend gegangen. Ich zwängte mich durch das Gebüsch und beobachtete eine Weile die Stuten, die friedlich unter dem dunklen Himmel grasten, Als ich einen leisen Pfiff ausstieß, hob eines der Pferde den Kopf, löste sich aus der Herde und kam näher.

Hazel wenigstens war immer gleich. Sie würde mich nie enttäuschen, das wußte ich. Sie liebte mich und hielt unverbrüchlich zu mir, was ich auch immer tun mochte. Wieviel einfacher ist es doch mit Tieren als mit Menschen, dachte ich, während ich die Arme um ihren Hals schlang und ihr in die sanften braunen Augen sah.

Leise sagte ich: „Ich bin so unglücklich, Hazel. Ich wollte, ich könnte den gestrigen Abend auslöschen. Aber das kann ich nicht.“

Sie blies mir sacht ins Haar und schnaubte. Wieder einmal hatte ich das Gefühl, daß sie mich verstand – nicht meine Worte, sondern meine Stimmung. Sie wußte, daß ich traurig war; Tiere spüren so etwas.

Als ich weiterging, folgte sie mir noch ein Stück den Zaun entlang. Im Innenhof von Dreililien traf ich Matty, der auf dem Brunnenrand saß und seinen Lieblingspullover flickte.

Ich setzte mich neben ihn. Stumm beobachtete ich, wie er mit einer Stopfnadel und einem langen Wollfaden ein Loch am Rand ausbesserte. Dann begann er einen Lederflecken auf den durchgescheuerten Ellbogen zu setzen.

Schließlich hob Matty den Kopf, sah mich prüfend an und sagte: „Ist was passiert gestern abend?“

Ich hatte vorgehabt, die ganze Sache für mich zu behalten, weil ich fand, daß sie nur mich und Jörn etwas anging. Doch vor Matty konnte man nicht so leicht etwas verheimlichen. Er war wie ein Bruder für mich. Ich vertraute ihm und mochte ihn nicht belügen.

„Wie kommst du darauf?“ fragte ich statt einer Antwort.

„Na, Jörn läuft mit einem Gesicht herum, als hätt’s ihm die Petersilie verhagelt, und du bist ganz weiß um die Nase. Da gehört nicht viel dazu, sich auszurechnen, daß ihr euch gestritten habt. Oder willst du nicht darüber reden?“

„Ich weiß nicht“, sagte ich langsam und merkte dabei, daß ich durchaus das Bedürfnis hatte, mit Matty zu reden. Ich wußte, es würde mich erleichtern, wenn ich ihm alles sagte.

„Es war so . . . scheußlich auf dem Fest“, murmelte ich. „Ich hab’s plötzlich nicht mehr ausgehalten. Da bin ich allein nach Hause gefahren.“

„Allein? Wie denn? Per Anhalter vielleicht?“ Matty starrte mich an.

„Ich hab den letzten Bus genommen. Ein Junge, der auch auf dem Fest war, hat mich auf seinem Fahrrad zum Bahnhofgebracht.“

Matty nickte. „Ach so. Und Jörn? Hat er dich einfach so weggehen lassen?“

„Ich bin gegangen, ohne ihm etwas zu sagen“, erklärte ich und fühlte mich auf einmal schuldbewußt. Jetzt erst begriff ich, daß es nicht richtig gewesen war, einfach stillschweigend zu verschwinden.

Matty nickte wieder. „Mein lieber Schwan!“ sagte er.

Ich begann mich zu verteidigen, als hätte er mich angeklagt. „Wenn du wüßtest, wie’s auf dem Fest war! Einfach beschissen! Jörn hat sich überhaupt nicht um mich gekümmert. Ich bin herumgestanden wie Aschenputtel persönlich, und dann war da diese Bella, aufgeputzt wie ein Zirkuspferd; von der hat Jörn sich mit Beschlag belegen lassen. Es war ekelhaft, zwischen all den fremden Typen zu stehen wie bestellt und nicht abgeholt – richtig demütigend, Matty!“

Er schwieg einen Augenblick. „Ich verstehe“, sagte er dann. „Und Jörn? Weiß er überhaupt, ob du gut nach Hause gekommen bist?“

„Klar weiß er das“, erwiderte ich. „Er hat mich doch unterwegs aufgelesen, auf der Straße von Mariabrunn nach Dreililien.“

„Und da habt ihr euch dann noch richtig gestritten, wie?“ „Nein“, sagte ich. „Da kennst du Jörn schlecht. Er hat nur ,steig ein’ gesagt und dann kein Wort mehr mit mir geredet.“

„Aha. Das ist typisch. Und du? Warum hast du nicht versucht, mit ihm zu reden?“

„Weil ich nicht konnte“, sagte ich verzweifelt. „Rede du mal mit einem, der ein Gesicht macht wie ein versteinerter Rachegott . . . Außerdem, warum hätte ich mich entschuldigen sollen? Er hat mich schließlich auf dem Fest wie ein Mauerblümchen herumstehen lassen! Warum hat er mich überhaupt mitgenommen?“

„Entschuldigen nicht“, verbesserte Matty. „Mit ihm reden, das ist etwas anderes. Du weißt doch, daß Jörn sofort alle Schotten dicht macht, wenn etwas passiert, was ihn sauer oder traurig macht. Er schafft’s dann einfach nicht, den Mund aufzutun.“

„Und ich?“ sagte ich empört. „Ob ich das schaffe, fragt keiner!“

Matty sah mich an. „Du kannst das doch, Nell. Es ist immer noch leichter, als alles in sich hineinzufressen. Du leidest schließlich unter dem Streit, stimmt’s? In so einem Fall ist es am besten, den Mund aufzumachen und sich vielleicht sogar zu streiten, daß die Fetzen fliegen. Hauptsache, man redet überhaupt miteinander. Dann kommt schon alles wieder in Ordnung.“

Dann kommt schon alles wieder in Ordnung . . . Wenn das nur so einfach gewesen wäre! Aber wer weiß, vielleicht hatte Matty sogar recht. Nachdenklich erwiderte ich seinen Blick und fand wieder einmal, daß er zeitweise erwachsener wirkte als Jörn und ich zusammen.

„Es kommt nicht wieder in Ordnung“, sagte ich schwer.

„Blödsinn! Wenn eure Freundschaft das nicht aushält, ist sie nicht viel wert“, erwiderte Matty voller Überzeugung.

„Meinst du?“ Ich hätte ihm so gern geglaubt. Aber war die Bindung zwischen Jörn und mir wirklich so stark? Wir hatten uns ein paarmal geküßt, und es hatte Augenblicke gegeben, in denen wir uns sehr nahe gewesen waren – auf der Friedensdemonstration, beim Sommerfest am Weiher, in der Nacht, als Nell geboren wurde . . .

Doch das alles kam mir plötzlich so fern und unwirklich vor wie ein schöner Traum, den ich vor langer Zeit geträumt hatte. Damals, als noch „die Tage der Rosen“ gewesen waren, wie Kirsty einmal gesagt hatte

6

Jörn ließ sich an diesem Sonntag vormittag nicht blicken. Ich sah ihn nur einmal von weitem, als er Katama von der Koppel holte und mit ihr ohne Sattel und Zaumzeug zum Wald ritt. Er überließ es Mikesch, sich um die Reitschüler zu kümmern, die gegen Mittag kommen sollten.

Eigentlich war ich ganz froh, daß er sich fernhielt. Ich wollte ihm nicht begegnen, jetzt noch nicht. Vielleicht schaffte ich es in den nächsten Tagen, auf ihn zuzugehen und den Versuch zu machen, mit ihm zu reden. Ich hoffte auch, daß ein Teil seiner Wut verrauchte, während er durch die Gegend ritt, daß er noch einmal in Ruhe über alles nachdachte und mich vielleicht sogar verstand – ein bißchen wenigstens.

Eine Stunde vor dem Reitunterricht holten Matty und ich Solveig, Rapunzel, Julka, Emily, Eileen, Joschi und Vroni von der Koppel, um ihre Hufe auszukratzen. Sepp, der Stallknecht, der in der Nähe einen kleinen Bauernhof hatte und stundenweise zur Aushilfe nach Dreililien kam, arbeitete ebenfalls im Stall, während Mikesch damit beschäftigt war, die Quittungen vorzubereiten. Die Reitschüler bezahlten ihre Unterrichtsstunden nämlich einmal monatlich; und heute war Zahltag.

Nachdem wir eine Weile gearbeitet hatten, tauchte Carmen in der Stalltür auf. Ohne lange Reden zu halten, verschwand sie in der Sattelkammer, kam mit einem Hufkratzer und einer Kardätsche zurück und ging in Rapunzels Box.

„Die hat sich mal wieder gründlich im Schlamm gewälzt“, sagte sie über die Boxwand hinweg. „Manchmal meint man gerade, sie tun’s absichtlich.“

„Klar tun sie’s absichtlich“, erwiderte Matty vernünftig. „Ich denke, sie brauchen den Schmutz, um sich gegen die Fliegen zu schützen.“

„A wos! De macha dös, damit ma mit da Arbat net fertig werd“, ließ sich Sepp mürrisch aus dem Hintergrund vernehmen.

Carmen hob den Kopf und zwinkerte mir zu. „Wo ist eigentlich Jörn?“ fragte sie.

Ich hatte die Frage schon erwartet. Daß Carmen in Jörn verliebt war, ahnte ich seit langem, auch wenn sie nie darüber sprach – ich hatte es eigentlich vom ersten Augenblick an gewußt. Das tat unserer Freundschaft jedoch keinen Abbruch. Allerdings mußte ich zugeben, daß ich vielleicht nicht so großzügig gewesen wäre, wenn ich nicht gewußt hätte, daß Carmen für Jörn nur ein guter Kumpel war.

Ich sagte: „Weggeritten, glaube ich“, und gab mir Mühe, meine Stimme unbeteiligt klingen zu lassen;

Sie musterte mich forschend. Zum Glück streckte Mikesch in diesem Augenblick den Kopf durch eines der Stallfenster und sagte: „Ich hab noch im Büro zu tun. Die Sonntagsreiter trudeln gleich ein – bitte kümmert euch darum, daß sie die Pferde ordentlich satteln und die Gurte richtig anziehen!“

Als erster tauchte Alex auf, der Neffe unseres Tierarztes. Er kam wie immer mit seinem Rennrad aus Törwang gefahren und hatte eine ganze Tüte Karotten für die Pferde mitgebracht. Neben Roddy, einem der Anfänger, mochte ich Alex von allen Reitschülern am liebsten. Er war ungefähr siebzehn, ein schweigsamer Typ, der seine schulterlangen Haare meist im Nacken zusammenband und wie ein Höfling aus der Mozartzeit aussah. Man merkte ihm an, daß er reiten lernen wollte, weil er Pferde liebte.

Alex stellte sich vor Julkas Box und sprach leise mit ihr. Plötzlich wurde die Stalltür aufgerissen. Die beiden Schwestern Mücke und Charly kamen hereingestürmt. Sie kicherten und stießen sich heimlich an, als sie Alex und Matty sahen.

Wie immer, wenn die beiden auftauchten, verbreiteten sie sofort Unruhe. Die Pferde wurden nervös, sie schnaubten und stampften, und Sepp sagte drohend: „Da herin im Stall is a Ruah, kapiert?“

Das Geräusch eines sich nähernden Wagens kündigte Anja an, die Tochter eines Rosenheimer Metzgermeisters. Obwohl sie nicht viel älter als Carmen und ich war, hatte sie schon den Führerschein und einen eigenen Mini-Cooper.

Wieder einmal dachte ich, wie wenig sie doch in den alten Stall von Dreililien paßte – sie nicht und auch nicht der Geruch nach teurem Parfum, der sie wie eine Wolke umgab. Sepp warf ihr einen Blick zu, brummte etwas Unfreundliches vor sich hin und verschwand in der Sattelkammer.

Während Mücke und Charly ihr großes Vorbild mit offenem Mund anstarrten und mehr denn je wie Max und Moritz aussahen, versuchte Anja so durch die Stallgasse zu gehen, daß ihre auf Hochglanz polierten Stiefel nicht schmutzig wurden. Sie musterte Alex prüfend, um festzustellen, ob er sie auch gebührend bewunderte. Er aber hatte den Kopf abgewandt.

„Ist Mikesch nicht da?“ fragte sie, als sie an Matty vorüberkam.

Carmen und ich wechselten einen Blick über die Trennwand hinweg. Es war ein offenes Geheimnis, daß Anja für Mikesch schwärmte. Ihr koketter Augenaufschlag und ihre bewundernden Blicke verrieten es nur zu deutlich.

„Er wird gleich kommen“, sagte Matty mürrisch. Er war sonst zu allen Reitschülern freundlich, nur nicht zu Anja. Ich wußte, daß ihm die Art nicht gefiel, wie sie sich für die Reitstunden aufdonnerte. Vor allem aber störte ihn, daß sie seiner Meinung nach nur reiten lernte, um sich interessant zu machen, und daß sie im Grund nicht viel für Pferde übrig hatte.

Noch während ich da mit dem Hufkratzer in der Hand stand und Anja nachsah, mußte ich daran denken, was Jörn einmal über sie und Mädchen ihrer Art gesagt hatte: „Viel Verputz und nichts dahinter“. Und zugleich fiel mir auch Bella ein, das Mädchen auf dem Fest. War sie nicht ganz ähnlich wie Anja? Ein schillernd aufgeputzter Lockvogel, ein Mädchen, dem nichts wichtiger war als der Erfolg bei Jungen. War Jörn plötzlich auch einer von denen, die auf den „Verputz“ hereinfielen und andere Mädchen darüber vergaßen, die keine großen Tricks anwenden mochten, sondern ganz einfach versuchten, sie selbst zu sein – Mädchen wie ich?

Ich wandte den Blick von Anja ab. Plötzlich war ich überhaupt nicht mehr wütend, nur noch traurig.

„Wenn sie sich so aufdonnert, erreicht sie gerade das Gegenteil von dem, was sie will – jedenfalls bei Mikesch“, sagte Carmen halblaut über die Trennwand. „Aber wahrscheinlich kann sie sich nicht vorstellen, daß es auch Männer gibt, die keine Schaufensterpuppen mögen.“ „Hoffentlich“, erwiderte ich nur, strich Emily noch ein paarmal kräftig über die Flanke, wie sie es gern hatte, und verließ dann die Box. Durch die geöffneten Stallfenster erklang Stimmengewirr aus dem Innenhof. Herr Thorsten hatte seine Tochter Sibyl und noch zwei andere Mädchen aus einem Internat im Chiemgau mit dem Auto hergebracht.

Als die Reitschüler ihre Pferde gesattelt und gezäumt hatten, führte Matty die Abteilung zur Schwammerlwiese. Erst jetzt kam Mikesch durch den Torbogen, lässig wie immer in seinen alten Jeans und einem Rollkragenpullover, der ihm zwei Nummern zu weit war.

Als er an mir vorüberkam, blieb er einen Augenblick stehen, legte den Arm um meine Schultern und sagte: „Geht’s dir nicht gut, Nell? Du bist so blaß heute.“

„Ich hab schlecht geschlafen“, erwiderte ich nur, und das war nicht einmal gelogen.

Mit Carmen zusammen sah ich dem Reitunterricht zu. Matty verschwand ins Haus; er mußte noch für die Schule arbeiten.

„Warum können wir heute nicht endlich ausreiten, Mikesch?“ fragte Anja und zog einen Schmollmund.

Die anderen stimmten ihr laut zu – alle bis auf Alex. Er saß auf Julka und sagte gar nichts, während Mikesch freundlich, aber bestimmt erklärte, daß sie damit noch etwas warten müßten.

„So schnell geht das nicht“, sägte er. „Ihr habt heute schließlich erst die achte Reitstunde. Um ausreiten zu können, muß man einigermaßen sicher sein, daß man sich im Sattel halten kann, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Es braucht nur irgendwo ein Fasan aufzufliegen, und schon können die Pferde durchgehen.“

„Aber wir sind doch keine Anfänger mehr!“ rief Charly entrüstet. „Wir haben schließlich alle vorher schon Reitunterricht gehabt!“

„Ein paar von euch sind soweit, daß sie ausreiten könnten“, gab Mikesch zu. „Aber nicht alle. Und wenn wir ausreiten, tun wir’s gemeinsam. Also müssen eben die Stärkeren auf die Schwächeren Rücksicht nehmen und warten, bis alle mitmachen können.“

„Rücksicht nehmen!“ Anja machte ein böses Gesicht. Sie warf den drei Mädchen aus dem Internat wütende Blicke zu, denn die waren ihrer Meinung nach schuld daran, daß sie nicht ausreiten durfte.

„Ja“, sagte Mikesch ruhig, „Rücksicht. Das ist vielleicht ein Wort, das manchem noch fremd ist. Aber jeder von uns kommt mal in die Lage, daß er froh ist, wenn andere auf ihn Rücksicht nehmen.“ Damit war das Thema für ihn erledigt, obwohl noch längere Zeit Protestgemurmel zu hören war.

Während ich da am Zaun der Schwammerlwiese stand, hatte ich zum erstenmal das Gefühl, daß mich das alles eigentlich gar nichts anging – weder, daß Alex Fortschritte machte, noch, daß Anja ihr Pferd nach wie vor zu hart am Zügel nahm. Die Reitstunde lief wie ein Film vor meinen Augen ab, den ich nur flüchtig wahrnahm: Mückes und Charlys übliche Faxen, Sibyls ängstliches Gehopse und Mikesch, der in all dem Durcheinander auf der Wiese stand wie ein Fels in der Brandung. Auf Carmens Bemerkungen gab ich nur automatisch Antwort. Meine Gedanken kreisten unablässig um den Streit mit Jörn.

Als die Reitschüler wieder nach Hause fuhren, stand Mikesch in der Stalltür und sah zum Himmel auf. „Ich weiß nicht, ob wir die Pferde noch zu den anderen Stuten auf die Koppel bringen sollen“, sagte er. „Könnte sein, daß ein Wetter kommt. Seltsam, so was ist um diese Jahreszeit höchst ungewöhnlich.“

Erst jetzt bemerkte ich, daß der Himmel voll dunkler Wolken war. Sie kamen in dichten, bedrohlichen Schwaden vom Gebirge her wie eine Kriegsflotte mit vollen Segeln.

„Ich muß nach Hause“, sagte Carmen hastig. „Meine Eltern sind zu einer Taufe gefahren. Ich muß die Kühe von der Weide holen.“ Sie beschattete die Augen mit der Hand. „Könnte sein, daß alles wieder abzieht. Wenn die Wolken aus dieser Richtung kommen, zieht das Wetter entweder zum Chiemsee hinüber, oder es gibt einen mordsmäßigen Sturm.“ Sie schwang sich auf ihr Fahrrad und radelte im Eiltempo davon.

„Dann ist’s wohl wirklich am besten, wir lassen die Pferde gleich im Stall“, sagte ich. „Sollen wir die anderen nicht vorsichtshalber auch von der Koppel holen?“

Mikesch überlegte. „Schwer zu sagen, Nell. Vielleicht zieht das Unwetter ja ab. Am besten, wir fragen mal den Sepp, der kennt sich mit so was aus.“

„Sepp ist schon vor einer halben Stunde nach Hause gefahren“, sagte ich.

„Ausgerechnet! Na ja, es kann nicht schaden, wenn wir mal anfangen, die Stuten hereinzuholen.“

Jörn war noch immer nicht zurückgekommen. Auch Matty ließ sich nicht blicken. Ich ging mit Mikesch zur Südweide, und wir öffneten das Gatter. Die Stuten grasten nicht mehr; sie standen mit erhobenen Köpfen dicht beisammen und streckten die Nasen wie witternde Jagdhunde in die Luft.

„Was haben sie?“ fragte ich. „Ob sie merken, daß ein Gewitter im Anzug ist?“

„Sicher. Sie werden die atmosphärischen Spannungen spüren“, sagte Mikesch. „Tiere haben für solche Dinge eine Antenne, die uns längst verlorengegangen ist.“

Als die Stuten uns sahen, kamen sie eilig angetrabt, allen voran Hazel. Wir traten zur Seite und ließen sie durch das Gatter. Wenn man bedachte, daß es eigentlich noch früh am Nachmittag war, gingen sie mit überraschender Bereitwilligkeit in den Stall zurück.

Wir schlossen die Boxtüren hinter ihnen. Der Himmel war noch schwärzer geworden. Ein seltsamer Wind hatte sich erhoben, der unheimlich im trockenen Herbstlaub rauschte.

„Wenn das Unwetter kommt, kommt’s bald“, sagte Mikesch. „Siehst du das schwefelgelbe Licht dort über den Berggipfeln? Das gefällt mir gar nicht, Nell. Dumm, daß die Jährlinge ausgerechnet heute auf der Waldkoppel stehen. Wahrscheinlich sind sie in alle Winde verstreut, und wir müssen jeden einzelnen suchen und einfangen. Aber holen wir erst mal die Fohlen, dann sehen wir weiter. Wo ist eigentlich Jörn?“

„Weggeritten“, sagte ich.

„Dafür hätte er sich auch einen günstigeren Tag aussuchen können“, erwiderte Mikesch kopfschüttelnd. „Und Matty?“

„Macht Schularbeiten. Aber da kommt er ja gerade.“

Matty kam durch den Torbogen gerannt; sein Wollschal flatterte im Wind. „He!“ schrie er. „Ich glaube, es kommt ein Sturm auf – und das im November! Wir müssen die Pferde hereinholen, und zwar schnell!“

„Das haben wir auch schon festgestellt“, erwiderte Mikesch trocken. „Die Stuten sind bereits im Stall. Hoffentlich kommen die Fohlen mit, ohne lange Faxen zu machen.“

Die Fohlen spielten zwischen dem Birkengehölz und dem Bachufer, ausgelassen und arglos wie immer. Nell wälzte sich gerade voller Behagen im Uferschlamm. Wir rannten über die Wiese und versuchten sie zusammenzutreiben, doch das war gar nicht so einfach. Die Fohlen hielten alles für ein lustiges Spiel, hüpften mit komischen Bocksprüngen zwischen uns herum, wichen geschickt aus, wenn wir sie festzuhalten versuchten, und rannten wie Kobolde über die Wiese.

Wir waren völlig außer Atem, als wir sie endlich alle von der Koppel geholt hatten. Inzwischen war der Himmel blauschwarz bis auf den schwefelgelben Streifen, der jetzt zwischen der Waldgrenze und dem Gebirge stand. Der Wind war stärker geworden. Er pfiff und johlte über die Hügel, stemmte sich uns entgegen und wirbelte die Schweife und Mähnen der Fohlen hoch in die Luft, so daß sie wie eine Herde von Geisterpferden aussahen.

„Wir haben nicht mehr viel Zeit!“ schrie Mikesch über die Schulter. „Es kann jeden Augenblick losgehen. Wenn nur die Jährlinge nicht in Panik geraten!“

Jetzt hatten auch die Fohlen begriffen, daß es Zeit war, in den Stall zu kommen. Sie galoppierten mit ihren überlangen Beinen voraus, den wohlbekannten Pfad zwischen den Haselnußsträuchern entlang nach Dreililien. Neben mir tauchte Matty auf. Ich hörte seine keuchenden Atemzüge; sehen konnte ich ihn fast nicht, weil mir der Wind die Haare ins Gesicht trieb.

„Wenn Jörn nur endlich kommen würde!“ schrie er. „Wir brauchen ihn doch. Außerdem ist’s gefährlich, bei diesem Wetter unterwegs zu sein.“

Ich nickte nur. Der gleiche Gedanke war mir auch schon gekommen. Jörn mußte doch bemerkt haben, daß ein Sturm aufzog! Vielleicht hatte er sich irgendwo untergestellt . . .

Stumm stolperte ich vorwärts. Vor mir trabte Nell; ich erkannte sie an der hellen, ringförmigen Zeichnung über ihrem linken Hinterhuf. Ich holte sie ein, faßte sie an der

Mähne und rannte mit ihr zusammen weiter.

Endlich waren wir auf dem Hofplatz. Mikesch hatte die Stalltür schon geöffnet. Er packte die Fohlen eines nach dem anderen, wo er sie gerade erwischte, und sorgte so dafür, daß sie hintereinander in den Stall gingen, statt sich gegenseitig wegzudrängen und umzustoßen. Das Heulen des Windes war jetzt so laut, daß es das Pferdegewieher übertönte.

Einen Augenblick lang lehnte ich mich gegen die Stallmauer, die Hand in Nells Mähne, und versuchte Atem zu holen. Der Wind machte mir Angst; es war, als hätte er eine menschliche Stimme, als heulte ein ganzes Heer armer Seelen aus der Unterwelt. Wo war Jörn? Warum kam er nicht endlich? Und die Jährlinge . . .

Noch waren die Jährlinge auf der Waldkoppel!

7

Die ersten schweren Tropfen fielen, als Matty und ich losrannten und den Weg zur Waldkoppel durch den verwilderten Gutspark abkürzten. Mikesch War noch im Stall. Er versorgte die Fohlen zusammen mit Herrn Moberg, der ihm trotz seiner Krücken half, so gut er konnte.

Der Regen peitschte uns ins Gesicht. Mit gesenkten Köpfen kämpften wir uns vorwärts, kletterten über die Reste der alten Mauer und rasten dann geduckt über die Wiesen zum Waldrand. Dort, wo der verfallene Heuschober stand, hatte ich Jörn und Katama am Vormittag zwischen den Bäumen verschwinden sehen.

Einen Augenblick lang hielt ich im Laufen inne, strich mir das Haar aus dem Gesicht und spähte zum Heuschober hinüber, hoffte, ihn dort wieder auftauchen zu sehen. Doch da war nichts als die windgepeitschten Bäume unter dem blauschwarzen Himmel und das halb eingesunkene Dach.

Mit klopfendem Herzen rannte ich weiter. Die Tropfen fielen schwerer und dichter; immer wieder mußte ich die Augen vor ihrem Anprall schließen. In kurzer Entfernung sah ich Matty über das Gatter klettern. Warum öffnete er es nicht? Dann aber fiel mir ein, daß die Jährlinge durch den Sturm in Panik geraten konnten. Wenn das Gatter offen stand, würden sie vielleicht in wilder Flucht davongaloppieren. Wir mußten sie einzeln von der Koppel holen, das ganze Dutzend. Der Himmel mochte Wissen, wie wir das noch schaffen sollten, ehe das Unwetter endgültig losbrach.

Als ich den Fuß über den Gatterbalken schwang, kam eine Sturmbö und brauste so heftig über mich hinweg, daß ich den Halt verlor und auf die Koppel fiel. Einen Moment lang blieb ich im Gras liegen und spähte über das holprige Gelände. Die Buchen und Fichten bogen sich wie Weidenruten, ihr Ächzen und Stöhnen vermischte sich mit dem Geheul des Sturms. Matty war verschwunden – und wo waren die Pferde?

Ich klammerte mich am Gatter fest und zog mich hoch. Dort hinten, zwischen einer Baumgruppe, bewegte sich ein brauner Umriß. Das mußte einer der Jährlinge sein. Gebückt stolperte ich weiter.

Unvermittelt brach der Regen richtig los, eine wahre Sturzflut. Innerhalb von wenigen Sekunden wurde ich naß bis auf die Haut. Verbissen rannte ich vorwärts, kämpfte geduckt gegen den Wind und die Regenschauer.

Die Regenfluten waren so undurchdringlich wie ein Wasserfall. Ich sah nur noch schwache Umrisse, dann gar nichts mehr. Trotzdem bewegte ich mich hartnäckig weiter in die Richtung, in der ich die Baumgruppe vermutete.

Über dem Wald zuckte ein Blitz auf, grell und strahlend wie ein Feuerwerk. In seinem Licht sah ich für einen Augenblick, daß ich die Baumgruppe fast erreicht hatte, und daß dort an einen Stamm gedrängt ein Pferd stand. Dann wurde es wieder grau um mich her. Ein Dröhnen erfüllte die Luft.

Mit einem Satz erreichte ich den nächsten Baum, stolperte und fiel in eine Mulde, die voller Laub und Pferdemist war. Ich blieb liegen, flach und regungslos, während der Regen auf mich niederprasselte und der Sturmwind über mich hinwegfegte. Ich wußte nicht, wo Matty war, und hoffte inständig, daß das Jungpferd in meiner Nähe nicht plötzlich durchdrehte, losgaloppierte und mich mit den Hufen erwischte.

Wieder zuckten Blitze auf – diesmal an mehreren Stellen gleichzeitig. Vorsichtig hob ich den Kopf. Der Jährling stand noch immer an derselben Stelle, nicht weit von mir entfernt, zitternd und mit angstvoll aufgerissenen Augen.

Es donnerte und krachte, daß die Erde unter mir zu beben schien. Ich faltete die Hände schützend über dem Hinterkopf, drückte das Gesicht ins schmutzige Laub und schloß die Augen.

Wenn nur Matty nichts passiert! dachte ich. Und Jörn. Und den Jungpferden . . .

Eine ganze Serie von Donnerschlägen folgte. Dann wurde es stiller. Und im Rauschen des Regens und im schwächer werdenden Heulen des Sturmes hörte ich Hufgetrappel und das erregte Wiehern eines Pferdes.

Ich richtete mich auf, rieb mir den Schmutz, das Laub und die Nässe aus den Augen. Die Regenschleier waren nun nicht mehr ganz so dicht wie vorher, der Himmel nicht mehr ganz so schwarz. Der Platz unter dem Baum, wo vorher der Jährling gestanden hatte, war leer.

Als ich den Kopf umwandte, hörte ich erneut das Gewieher. Es klang schrill und verängstigt, und ich wußte sofort, daß etwas geschehen sein mußte. Als ich in die Richtung sah, aus der das Geräusch kam, entdeckte ich einen Schatten im Gebüsch – dort, wo das Schlehengehölz war. Es war der dunkle Umriß eines Pferdes.

Ich raffte mich auf und tastete mich von Baumstamm zu Baumstamm. Wieder blitzte es, entfernter diesmal, und ich begriff, daß der Jährling sich in den Schlehenzweigen verfangen haben mußte, denn er wich wieder und wieder zurück, versuchte offenbar, sich zu befreien, und wieherte dabei zornig und angstvoll.

Es war Lisa; ich erkannte sie an der sternförmigen Zeichnung auf ihrer Stirn. Im grellen Licht des Blitzes sah ich ihre geblähten Nüstern, das Weiße in ihren Augen, ehe alles um mich her wieder verschwamm und nur noch Umrisse blieben, als wäre ich in einem Strudel tief unter dem Wasser.

Ich erreichte das Schlehengehölz, blieb mit den Haaren an einem Zweig hängen, machte mich mit einem Ruck los und war bei Lisa. Als ich vor ihr stand, sah ich, daß sie sich mit der Mähne in den Zweigen verfangen hatte.

Ich wußte, daß das gefährlich werden konnte. Die Schlehen waren voller Dornen. Lisa konnte sich am Auge verletzen, wenn sie weiter so verzweifelt versuchte, sich loszureißen.

Ich hob die Hand, streichelte ihre triefende Flanke und hoffte, sie damit zu beruhigen. Doch als ich zu ihr sprechen wollte, merkte ich, daß es sinnlos war. Der Wind riß mir die Töne von den Lippen und trug sie mit sich fort.

Ich stellte mich auf die Zehenspitzen. Wenn ich nur eine Schere bei mir gehabt hätte, hätte ich einen Teil von Lisas Mähne abschneiden können; dann wäre sie frei gewesen. Aber natürlich hatte ich keine Schere bei mir. Ich dachte: Vielleicht kann ich die Zweige abbrechen, an denen sie hängengeblieben ist.

Ihr schrilles Gewieher gellte mir in den Ohren. Ich trat ein Stück zurück, zwängte mich ins Gebüsch und griff nach oben, versuchte die Stelle zu finden, wo ihr Mähnenhaar sich mit den Dornen verstrickt hatte. Meine Hand tastete über Lisas Nasenrücken, über die Stirn bis zur Mähne hinauf. Da . . . ich spürte die langen, nassen Pferdehaare, und dazwischen die harten, spitzen Zweige.

Beim Versuch, die Zweige abzuknicken, stach ich mich an den Dornen. Wieder wich die Stute zurück, wieherte, bäumte sich auf. Ich drückte mich gerade noch rechtzeitig tiefer ins Gebüsch, um nicht von ihren Vorderhufen getroffen zu werden.

Für einen Augenblick holte ich Atem, strich mir mit zitternder Hand das Haar aus dem Gesicht. „Sei vernünftig, Lisa!“ flehte ich und hoffte, daß sie mich hören konnte. „Ich will dir doch nur helfen. Ganz ruhig – du mußt jetzt ganz ruhig sein!“

Sie blieb stehen; ich spürte, daß auch sie zitterte. Wieder hob ich die Hand, zerrte an den stachligen Zweigen, versuchte sie abzuknicken. Warum war das Holz nur so verdammt zäh? Der Regen überspülte mein Gesicht, machte mich blind. Dann zuckte erneut ein Blitz auf, wieder näher diesmal. Ein ohrenbetäubender Knall folgte.

Plötzlich passierte alles auf einmal. Lisa wieherte gellend vor Entsetzen, hob beide Vorderhufe in die Luft und ragte sekundenlang wie ein dunkler Riese über mir auf. Dann spürte ich einen Schlag gegen den Oberarm, verlor vom Aufprall das Gleichgewicht und fiel nach hinten ins Gebüsch.

Alles um mich her schien sich zu drehen. Der Regen verdichtete sich zu kreisenden Schwaden, das Gewieher vermischte sich mit dem Heulen des Windes zu einem allumfassenden Brausen, das meine Ohren erfüllte wie Meeresrauschen.

8

Ich war am Meer, hörte die Wellen an den Strand schlagen, spürte, wie das Wasser mein Gesicht umspülte. Ich wurde vom Rhythmus der Wellen und des Windes geschaukelt, auf und ab, vor und zurück.

Dann aber wurde das Meer stürmisch. Das angenehme Schaukeln hörte auf. Ich wurde von den Wellen hochgeschleudert und geschüttelt, und Möwen schrien am Strand. Sie schrien meinen Namen – Nell, Nell!

Aber nein, es waren keine Möwen. Es war eine menschliehe Stimme, eine Stimme, die mir vertraut war.

Meine Augenlider waren unendlich schwer. Ich versuchte sie zu heben, doch es ging nicht. Wieder rief die Stimme meinen Namen. Ich versuchte es erneut, öffnete gewaltsam die Augen, sah einen Schatten über mir, schloß sie wieder.

„Nell!“ sagte die Stimme.

Ich wußte, es war Jörn. Einen Moment lang spürte ich eine Welle von Glück, ein Gefühl, als wäre er weit fort gewesen und zu mir zurückgekommen. Jetzt endlich gelang es mir, die Augen richtig aufzumachen und ihn anzusehen.

Sein Gesicht war so naß – vom Meer, dachte ich. Doch während ich ihn ansah, fiel mir ein, daß wir ja nicht am Meer waren, sondern im Tal von Dreililien, draußen auf der Waldkoppel im Sturm.

Jörn kniete neben mir. Er hielt meine Hand. Das Wasser lief aus seinen Haaren, tropfte ihm von der Nasenspitze, vom Kinn.

Es tat so gut, ihn anzusehen; ich hätte ewig so liegen mögen.

„Nell!“ sagte er angstvoll. „Was ist passiert? Hast du Schmerzen?“

Mein rechter Arm fühlte sich an, als wäre er mit Blei gefüllt, doch was machte das schon? Ich flüsterte: „Es tut mir so leid, Jörn – wegen gestern. Sei mir nicht mehr böse.“ Und ich wunderte mich selbst, wie leise und fern meine Stimme klang.

„Mir tut’s auch leid, Nell. Wir haben uns beide dumm benommen. Was war los? Ich hab dich hier bewußtlos zwischen den Büschen gefunden.“

„Bewußtlos?“ wiederholte ich, ohne den Blick von ihm zu wenden. „Ich dachte, ich hätte geträumt . . . Wo ist Lisa?“

„Lisa? War sie hier? Hat sie dich getreten?“

„Sie muß vor Schreck weggerannt sein“, murmelte ich. „Weißt du, sie hing im Schlehenstrauch fest, und ich versuchte, ihr zu helfen. Da hat’s furchtbar gedonnert, und dann . . . Sie hat sich wohl losgerissen. Irgendwas hat mich am Arm getroffen. Dann weiß ich nichts mehr.“ „Am Arm?“ Jörn beugte sich tiefer über mich. „Rechts oder links?“

„Rechts, glaube ich. Der Arm fühlt sich wie Blei an, aber das macht nichts.“

„Kannst du aufstehen?“

„Klar.“ Ich versuchte es, doch es war nicht so einfach. In meinem Kopf drehte sich alles, und im rechten Oberarm begann das Blut zu pulsieren und zu klopfen.

„Warte – nicht so schnell!“ Sanft legte Jörn den Arm um mich. „Leg deinen Kopf an meine Schulter!“ sagte er.

Mein Arm schmerzte plötzlich, aber ich spürte es kaum. Alles war gut. Jörns nasses Kinn berührte meine Stirn; ich fühlte seinen warmen Atem auf meinem Gesicht. Es war auch nicht wichtig, daß ich fror. Er hob mich hoch und begann mich über die Koppel zu tragen.

„Aber ich kann selbst gehen!“ sagte ich. „Es ist doch nur der Arm!“

„Sei still“, erwiderte er. „Vielleicht hast du eine Gehirnerschütterung.“

„Du hast gesagt, ich bin ein schweres Mädchen – vor ein paar Wochen, weißt du nicht mehr?“ Ich sah ihn an und mußte lächeln, und er lächelte ebenfalls.

„Das war doch Spaß, Nell; du weißt, daß es Spaß war!“ „Natürlich“, sagte ich und schmiegte das Gesicht in die Biegung zwischen seinem Hals und seiner Schulter. Ich fror jetzt so, daß meine Zähne aufeinanderschlugen.

„Du bist ja völlig durchgefroren. Hoffentlich kriegst du keine Lungenentzündung.“

„Mir geht’s gut“, murmelte ich. Und das stimmte auch. Obwohl mir so kalt war, obwohl mein rechter Arm tobte, war ich glücklich. Ich sah Jörn an, sah sein nasses Gesicht, seine triefenden Haare, und fühlte mich wie im Paradies.

Es regnete noch immer, doch über dem Gebirge wurde der Himmel heller. Das Tal war seltsam verwandelt. Ich hatte das Gefühl, als wäre ich auf einer Reise gewesen und erst nach Wochen hierher zurückgekehrt. Die Bäume waren plötzlich kahl, der Boden war mit einem Meer von Blättern, abgeknickten Zweigen und Ästen bedeckt. Am Waldrand waren Bäume umgestürzt.

„Warst du beim Sturm im Wald“, fragte ich.

„Ich hab mich in einer alten Holzfällerhütte untergestellt, als ich merkte, daß ich nicht mehr rechtzeitig nach Hause komme“, erklärte Jörn. „Aber dann bin ich doch weitergeritten, weil ich dachte, daß ihr mich braucht.“

Ich schauderte. „Du warst leichtsinnig, bei diesem Unwetter durch die Gegend zu reiten. Du hättest vom Blitz getroffen werden können!“

„Auch nicht leichtsinniger als du“, sagte Jörn. „Ihr hättet nicht mehr auf die Koppel gehen dürfen, du und Matty.“

„Aber die Pferde!“

„Man kann nur hoffen, daß sie instinktiv wissen, wie sie sich bei einem Sturm verhalten müssen, falls man’s nicht mehr rechtzeitig schafft, sie in den Stall zu bringen.“

„Matty – wo ist er?“ sagte ich plötzlich. „Er war mit mir auf der Waldkoppel, um die Jährlinge zu holen. Hoffentlich ist ihm nichts passiert!“

„Matty geht’s gut. Er war vorher im Stall, als ich nach Hause kam. Er hat sich deinetwegen Sorgen gemacht.“

Jörn atmete schwer. Ich sagte entschlossen: „Laß mich jetzt bitte hinunter, ich kann gehen! Meine Füße sind in Ordnung, und mein Kopf auch.“

Ich strampelte so heftig mit den Beinen, daß er schließlich stehenblieb und mich behutsam absetzte. Er hielt mich jedoch weiter um die Taille gefaßt und führte mich wie ein Kind oder eine Schwerkranke. Ich wehrte mich nicht dagegen – es war so schön, von ihm gestützt zu werden, nicht nur, weil mir immer noch schwindlig war, und weil mein Arm schmerzte . . .

Auf halbem Weg zum Hof kamen uns Mikesch und Matty entgegengelaufen. „Was ist passiert?“ schrie Matty, und Mikesch rief dazwischen: „Bist du verletzt, Nell?“

„Es ist bloß der rechte Arm“, sagte ich. „Lisa muß gegen mich geprallt sein, oder vielleicht hat sie mich auch mit einem Huf erwischt, ich weiß nicht so genau.“ Und ich klapperte wieder mit den Zähnen.

Mikesch machte ein bedenkliches Gesicht. „Hoffentlich ist nichts gebröchen. Jetzt mußt du erst mal nach Hause. Es wird Zeit, daß du aus dem nassen Zeug kommst. Kirsty wird sich deinen Arm ansehen. Sie weiß schon, was zu tun ist, und kann notfalls den Arzt anrufen. Bringst du sie zum Kavaliershäusl, Jörn?“

Jörn nickte nur. Ich sah Matty an. Er war naß und schmutzig, und an seiner Kleidung klebte Pferdemist. Sicher sah ich nicht viel besser aus – meine Hose war mit Laub, Erde und Kot beschmiert, mein Pullover war nicht mehr grau, sondern dunkelbraun und hing wie ein Sack um mich herum. Wie mein Gesicht aussah, wollte ich lieber nicht wissen.

Ich sagte: „Die Jährlinge! Ist ihnen etwas passiert? Hast du Lisa gesehen, Matty?“

Ich glaube, sie haben den Sturm alle gut überstanden“, erwiderte er beruhigend. „Wir sehen gleich mal nach ihnen. Kümmere du dich jetzt um dich selbst, Nell. Du mußt schleunigst ins Bett!“

Die Kälte saß mir in allen Gliedern. Ich nickte nur; dann gingen wir weiter, Jörn und ich. Er drückte mich fest an sich, um mich zu wärmen.

„Ich glaube, du wirst um eine totale Grippe nicht herumkommen“, sagte er. „Ganz abgesehen von dem Arm. Du mußt versprechen, in Zukunft nicht mehr so leichtsinnig zu sein.“ Und er sah mich ernst an.

„Pah, es gibt schlimmere Sachen als eine Grippe oder einen verletzten Arm“, erwiderte ich und dachte an den gestrigen Abend. „Aber sieh mich bitte lieber nicht an. Ich glaube, ich sehe furchtbar aus, wie ein Erdschwein oder ein Sumpfmolch.“

Jörn lachte. „Seit wann denkst du, daß mich so was stört? Übrigens mag ich Erdschweine, und Molche auch.“

„Paradiesvögel sind dir bestimmt lieber“, murmelte ich.

Er blieb stehen, hielt mich weiter fest und sah mir in die Augen. „Du meinst Bella? Nell, du bist ein verdammter Idiot! Ich ziehe sie ein bißchen auf, weil sie denkt, sie wäre so unwiderstehlich, das ist alles. Du weißt doch genau, daß ich Mädchen ihrer Art nicht mag. Da sind mir Erdschweine tausendmal lieber – allen voran ein ganz bestimmtes Erdschwein!“

„Wirklich?“ sagte ich zweifelnd.

„Ich schwör’s dir“, versicherte er und küßte mich vor unserer Gartenpforte mitten auf meine schmutzige Nase.

9

Die totale Grippe brach noch am selben Abend aus, wie Jörn vorhergesagt hatte. Immerhin war mein Arm wenigstens nicht gebrochen, nur geprellt. Der Oberarm war derart geschwollen, daß Kirsty den Ärmel des Hemds, das ich unter dem Pullover getragen hatte, aufschneiden mußte. Er war fast doppelt so dick wie gewöhnlich, blaurot und heiß, und trug den deutlichen Abdruck eines Pferdehufs. Die Schmerzen begannen erst richtig, als ich ruhig im Bett lag, fest in Decken eingewickelt und mit einer Wärmflasche an den Füßen.

Mein Vater hielt mir eine ausgewachsene Strafpredigt. Ich hatte ihn selten so verärgert gesehen. „Will erwachsen sein und benimmt sich wie ein Schulkind!“ schimpfte er. „Bei einem derartigen Sturm draußen herumzulaufen, noch dazu unter einem Dutzend Pferden! Sie hätten dich zu Tode trampeln können, wenn sie in Panik geraten wären! Oder du hättest vom Blitz erschlagen werden können, begreifst du das nicht? Wieso hat dieser Mikesch dir denn nicht verboten, ins Unwetter zu laufen? Ein erwachsener Mann wie er sollte wirklich vernünftiger sein!“

„Dieser Mikesch hat andere Sachen zu tun, als sich um mich zu kümmern“, sagte ich kämpferisch. „Ich bin schließlich alt genug, um auf mich selbst aufzupassen!“

„Das merkt man!“ Mein Vater musterte mich anklagend.

„Wenn ich zufällig gerade unterwegs gewesen wäre, als der Sturm losbrach, hätte man auch nichts machen können“, sagte ich. „Außerdem fühle ich mich für die Pferde verantwortlich, genau wie Jörn und Matty und Mikesch. Da kann ich mich nicht einfach drücken, wenn’s brenzlig wird. Das mußt du doch verstehen! Du sagst selbst immer, daß es wichtig ist, im Leben Verantwortung zu übernehmen. Ich lag sowieso in einer Mulde, als es am schlimmsten geblitzt hat. Man kann sich schließlich nicht immer aus allen Gefahren heraushalten, kapierst du das nicht?“

Kirsty sagte besänftigend: „Ich glaube nicht, daß es viel bringt, wenn ihr jetzt miteinander streitet. Spar dir deine Vorwürfe, bis Nell wieder gesund ist.“

Sie strich mir den Arm mit Salbe ein, machte Umschläge mit Arnikatinktur und flößte mir verschiedene Tees gegen das Fieber ein – die gleichen, die sie mir für Mikesch mitgegeben hatte, als er vor ein paar Wochen mit schwerer Grippe im Bett lag.

Drei Tage lang fühlte ich mich sterbenselend und verbrachte viele Stunden mit unruhigen Fieberträumen. Mein Arm schmerzte noch immer und schillerte in allen Regenbogenfarben. Was mir am meisten zu schaffen machte, war, daß ich mich so schlecht bewegen konnte.

Matty und Jörn besuchten mich jeden Tag nach der Schule. Als es mir wieder besser ging, kamen auch Carmen und Mikesch vorbei.

„Wenn Kirsty nicht wäre, müßte ich dich pflegen“, sagte Mikesch halb lachend, halb im Ernst. „Den Freundschaftsdienst bin ich dir noch schuldig, Nell.“

„Wir zwei würden uns in ihre Pflege teilen“, verbesserte Jörn.

„He – wir drei!“ sagte Matty. „Ich bin schließlich auch noch da.“

„Hauptsache, ihr versorgt Hazel“, sagte ich mit heiserem Lachen. „Was macht sie? Wie geht’s ihr?“

„Das klingt wie im Märchen“, sagte Matty, „Kennt ihr die Stelle:, Was macht mein Kind, was macht mein Reh?’ – Hazel geht’s gut, wir kümmern uns schon um sie. Aber ich glaube, sie vermißt dich, Nell. Jedesmal, wenn einer von uns in den Stall kommt, hebt sie den Kopf und spitzt die Ohren. Und wenn sie dann merkt, daß du es nicht bist, läßt sie den Kopf hängen.“

„Kein besonders höfliches Pferd, aber dafür ein ehrliches“, meinte Mikesch mit einem Grinsen.

Es dauerte fast eine Woche, bis ich wieder aufstehen durfte, und dann stand ich so wacklig auf den Beinen wie ein Kind, das die ersten Gehversuche macht. Mein Arm behinderte mich. Ich konnte ihn noch kaum gebrauchen; jede Drehung des Handgelenks, jeder Griff schmerzte, und die selbstverständlichsten Dinge wie Essen, Anziehen und Waschen wurden zum Problem.

Am Samstag hielt ich es schließlich nicht länger aus. Ich zog meinen dicken Wintermantel an, setzte eine Strickmütze auf und schlang einen Schal um den Hals. Dann ging ich aus dem Haus, nach Dreililien hinüber.

Als ich die Wegkreuzung erreichte, kam mir Roddy, unser Samstags-Reitschüler aus Rosenheim, auf seinem Moped entgegen.

„Hallo, Nell“, sagte er, stieg ab und schob das Moped neben sich her. „Was ist mit dir passiert? Du siehst wie Gefrierspinat aus.“

„Nur weiter so“, sagte ich. „Für aufmunternden Zuspruch bin ich immer dankbar.“

Er grinste. Wieder einmal dachte ich, daß er mit seinem schmalen Gesicht, der spitzen Nase und den wirren blonden Haaren genau wie Rod Stewart aussah. „Oh, Verzeihung“, sagte er. „Bist du krank oder so was?“

„War ich. Aber die Grippe ist jetzt vorbei, und mit dem Arm ist’s auch schon besser.“

Und ich begann ihm die Geschichte vom vergangenen Sonntag zu erzählen. Er sah mich anerkennend von der Seite an.

„Herrje, hast du aber Mut!“ sagte er. „Bei dem Sturm auf der Koppel mit den Jährlingen – und dann noch das mit Lisa! Ich würde das nicht wagen.“

„Mein Vater sagt, es war leichtsinnig“, erwiderte ich. „Für mich war’s weder das eine noch das andere – weder mutig noch leichtsinnig. Eigentlich habe ich gar nicht lange überlegt. Lisa hatte sich im Gestrüpp verfangen, und da war’s irgendwie selbstverständlich, daß ich versuchte, ihr zu helfen. Wenn die verdammten Blitze nicht gewesen wären, wäre auch überhaupt nichts passiert. Vorher ist es mit den Pferden ja auch immer gutgegangen, deshalb hatte ich keine Angst.“

„Ehrlich gesagt hab ich schon manchmal Angst vor den Pferden“, gestand Roddy. „Ich meine, sie sind so riesengroß und haben eine Menge Kraft. Wenn sie ihre Kräfte einsetzen würden, käme man wahrscheinlich ganz schön ins Schleudern.“

Ich nickte. „Klar, da hast du recht. Es ist ja auch keine Schande, ein bißchen Angst zu haben. Noch dazu, wenn man in der Stadt aufgewachsen ist, wo man höchstens mal einer Dogge begegnet. Ich hatte auch Angst vor Pferden – oder vielleicht sollte man’s besser Scheu nennen –, ehe ich nach Dreililien kam. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich begriffen hatte, daß die meisten Pferde gutmütig und sogar ziemlich ängstlich sind. Aber das hängt natürlich immer davon ab, wie sie behandelt werden. Hier ist jeder gut zu den Pferden. Anderswo werden sie vielleicht brutal behandelt. Und ein Pferd, das schlecht behandelt wird, kann sicher auch gefährlich und bösartig werden.“

„Ja“, sagte Roddy. „Genau wie Kinder, die nur mit Brutalität und Härte erzögen werden, später selbst auch brutal und hart werden. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.“

„Eigentlich ist das die einfachste, logischste Sache von der Welt“, stimmte ich zu. „Trotzdem haben’s die meisten Leute offenbar noch immer nicht kapiert – vor allem nicht die, die es eigentlich angeht. Viele wundern sich, wenn Kinder mit kriminellen Eltern später selbst straffällig werden.“

„Und statt ihnen zu helfen, sagt man einfach, sie hätten eben eine schlechte Veranlagung und steckt sie ins Gefängnis. Da gibt man ihnen dann noch den Rest – und wenn sie herauskommen, sind sie erst richtig kriminell“, sagte Roddy und nickte heftig.

„Du mußt mal nach der Reitstunde hierbleiben und dich mit uns zusammensetzen“, sagte ich spontan. „Ich glaube, du würdest dich gut mit Jörn verstehen. Ihr habt die gleichen Ansichten.“

Roddy wurde rot. „Oh, das würde ich gern!“ stotterte er mit einer Mischung aus Freude und Verlegenheit, die mich rührte. „Weißt du, ich wollte schon längst . . . Ich meine, ich hab mir von Anfang an gewünscht, näheren Kontakt zu euch zu kriegen. Ihr habt mir alle gleich gefallen – Carmen und du und die Moberg-Brüder, auch Mikesch. Aber ich dachte immer, ihr wolltet unter euch bleiben. Ich meine, bei all den Reitschülern und so . . .“

Er stockte. Ich musterte ihn prüfend von der Seite. Bei dem Namen „Carmen“ hatte ich unwillkürlich die Ohren gespitzt. War es Zufall, daß er sie an erster Stelle genannt hatte?

Roddy murmelte noch etwas Undeutliches. Ich sagte: „Es ist nicht so, daß wir uns von vornherein gegen die Reitschüler abgrenzen wollten oder vielleicht gar privat nichts mit ihnen zu tun haben wollen, weißt du. Es ist einfach wie in der Schule auch, daß man sich eben mit der Zeit ein paar Leute aussucht, die einem gefallen; mit den anderen redet man ab und zu, aber auch nicht mehr. Dich hab ich von Anfang an gemocht – dich und Alex. Alex ist einer von den Reitschülern, die sonntags kommen.“

Roddy wurde wieder rot. „Dann kann ich also auch mal außer der Reihe kommen und euch vielleicht bei der Arbeit helfen?“

„Klar“, sagte ich. „Wir sind immer froh, wenn uns jemand hilft, das kannst du mir glauben!“

Jörn kniete vor dem Gatter der Südweide und hämmerte an einem Pfosten herum. Während Roddy sein Moped in den Hof brachte, ging ich über den schmutzigen, aufgeweichten Pfad zu ihm. Diana kam mir entgegengelaufen und begrüßte mich freudig.

Jörn sah auf und legte den Hammer beiseite. Ein Leuchten ging über sein Gesicht.

„Hallo, Nell“, sagte er. „Geht’s wieder?“

„Ich wackle herum, ja. Bloß der Arm will noch nicht so recht.“

„Das dauert seine Zeit. Eine richtige Prellung verheilt nicht von heute auf morgen.“

Ich trat an den Zaun und sah über die Weide. Die Stuten standen weit hinten zwischen den kahlen Bäumen und suchten sich die letzten saftigen Grasspitzen im nassen Laub. Es war ein grauer Tag, einer jener Spätherbsttage, an denen man meint, die Sonne wäre für alle Zeiten verschwunden. Plötzlich schien mir der Sommer sehr weit zurückzuliegen, fern wie ein unerreichbares Land.

„Richtiges Friedhofswetter ist das“, murmelte ich. „Jetzt wird’s wohl bald schneien.“

Jörn stand auf. „Das klingt ja wie eine Grabrede. Glaub mir, unser Tal ist auch schön, wenn Schnee liegt. Alles ist dann sehr still und friedlich. Man kann Ski fahren und mit dem Pferdeschlitten herumkutschieren und durch den Schnee in die Wälder reiten. Das ist nicht wie ein Winter in der Großstadt – grau und öde, mit schmutzigem Schnee und Matsch auf den Straßen.“ Und er nahm meine Hand.

„Ja“, sagte ich. „Das wird sicher kein Winter wie jeder andere. Im Februar kommt Kathrinchen zur Welt.“

„Freust du dich darauf?“

„Ich weiß nicht, Jörn – es wird eine große Umstellung sein, auch für mich.“

Er lächelte. „Wahrscheinlich wirst du eine ganz verrückte Schwester werden. Wenn ich denke, wie verliebt du schon in Marnies Fohlen warst . . . Möchtest du später selbst mal Kinder haben?“

„Einesteils schon. Andernteils . . . Man muß wohl eine ganze Menge Freiheit dafür aufgeben. Und Kinder fordern so viel – Liebe, Geduld, Zeit, Verständnis, all so was. Ich weiß nicht, ob ich das alles aufbringen könnte. Und du?“

Er überlegte. „Mir geht’s da ähnlich wie dir. So wie meine Eltern möchte ich’s bestimmt nie machen – Kinder bekommen, aber nichts für sie aufgeben wollen. Sie hatten nie genug Liebe und Verständnis für uns, für sich selbst übrigens auch nicht, aber das hängt wohl zusammen. Vor allem aber frage ich mich, was die nächste Generation noch für eine Zukunft haben wird. Die Großmächte produzieren doch immer neue Vernichtungsmittel, die schrecklichsten Waffen, die es in der Geschichte der Menschheit je gegeben hat. Eines nicht allzu fernen Tages werden sie sie wohl auch anwenden. Ich weiß nicht, wieviel Zeit uns noch bleibt, Nell, von unseren Kindern ganz zu schweigen.“

Ich bekam Angst, wie immer, wenn er unsere Zukunft in so schwarzen Farben malte. „Aber die Friedensbewegung wird doch immer stärker!“ sagte ich. „Du hast selbst auf der Demo im Oktober gesagt, daß wir es schaffen können, uns gegen den Wahnsinn zu wehren, wenn wir nur alle Zusammenhalten. Immer mehr Leute fordern Abrüstung und sind bereit, sich dafür einzusetzen. Sie werden nicht einfach über unsere Köpfe hinweg einen Atomkrieg beginnen!“

„Hoffentlich nicht“, erwiderte er.

Sein Blick war so ernst und traurig, daß plötzlich eine Welle von Zärtlichkeit für ihn in mir aufstieg. Unwillkürlich legte ich die Arme um ihn, drückte seinen Kopf an meine Schulter, als könnte ich seine und meine dunklen Gedanken dadurch vertreiben. Gern hätte ich gesagt: „Alles wird gut“, wie eine Mutter zu ihrem geängstigten Kind. Aber wie hätte ich es sagen können? Und jäh wurde mir bewußt, wie klein und machtlos wir doch waren, wie ausgeliefert – ähnlich wie die Tiere, die im Laufe der Zeit eine Beute der Menschen geworden waren, der Mächtigeren, die sie züchten und schlachten, ohne ihr Recht auf Leben zu achten.

Jörn murmelte an meiner Schulter: „Jetzt hab ich dich auch traurig gemacht.“

„Traurigsein ist nichts Schlechtes“, erwiderte ich. „Aber ganz gleich, wie lange diese Welt noch besteht, wie lange wir noch leben – ich bin froh, daß es dich gibt, Jörn, und daß wir uns begegnet sind.“

Er hob den Kopf, sah mich an, und die Spur eines Lächelns erschien auf seinem Gesicht. „Vielleicht gibt’s doch so etwas wie ein Schicksal, und es hat dich hierhergeführt.“ Noch während wir uns ansahen, wurde sein Gesicht wieder ernst. „Ich hab mich in dich verliebt, Nell“, sagte er leise.

Mir wurde heiß; ich merkte, daß ich zu zittern begann. Ich hatte so sehr gehofft, daß Jörn das eines Tages zu mir sagen würde – und doch traf es mich jetzt völlig unvorbereitet, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ein unbeschreibliches Gefühl durchzuckte mich bis in die Zehenspitzen und ließ mich schwach und atemlos zurück.

Sein Blick lag forschend auf meinem Gesicht. Ich wollte etwas erwidern, wollte ihm sagen, daß auch ich in ihn verliebt war, lange schon – daß ich mich eigentlich auf den ersten Blick in ihn verliebt hatte.

Meine Kehle war plötzlich sehr trocken. „Und ich hab mich in dich verliebt – gleich vom ersten Tag an“, sagte ich heiser. Meine Stimme zitterte ganz leicht.

Seltsamerweise küßten wir uns nicht; es war irgendwie nicht der richtige Augenblick dafür. Es genügte, daß wir uns an der Hand hielten und nichts mehr voreinander zu verbergen suchten.

Lange sahen wir uns an, ohne auszuweichen, ohne uns zu schämen. Das war alles, was geschah – nicht viel, und doch eine Menge. Dann hörten wir helles, vertrautes Gewieher von der Koppel her und wandten gleichzeitig die Köpfe.

Hazel kam angetrabt, den Schweif in der Luft, mit gespitzten Ohren und hoch erhobener Nase.

„Sie hat dich gesehen“, sagte Jörn.

Hazel erreichte den Zaun, streckte den Hals weit über den Querbalken, schnaubte vor Freude und puffte uns abwechselnd gegen die Schulter. Ich ließ Jörns Hand los, legte die Arme um Hazels Hals und vergrub mein Gesicht in ihrer Mähne.

Mir war seltsam zumute. Ich hätte am liebsten gleichzeitig gelacht und geweint. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich mich so reich gefühlt wie in diesem Augenblick.

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05 mayıs 2025
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