Kitabı oku: «Hildegard von Bingen»
Ursula Klammer
Hildegard von Bingen
Prophetin für unsere Zeit

„Pflege das Leben, wo du es triffst!“
Hildegard von Bingen
Nachhaltige Produktion ist uns ein Anliegen; wir möchten die Belastung unserer Mitwelt so gering wie möglich halten. Über unsere Druckereien garantieren wir ein hohes Maß an Umweltverträglichkeit: Wir lassen ausschließlich auf FSC®-Papieren aus verantwortungsvollen Quellen drucken und verwenden Farben auf Pflanzenölbasis. Wir produzieren in Österreich und im nahen europäischen Ausland, auf Produktionen in Fernost verzichten wir ganz.
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© 2021 Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck
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Umschlaggestaltung: stadthaus 38, Innsbruck
Layout und digitale Gestaltung: Studio HM, Innsbruck
Bildbearbeitung: Artilitho, Trento (I)
ISBN 978-3-7022-3960-2 (gedrucktes Buch)
ISBN 978-3-7022-3961-9 (E-Book)
E-Mail: buchverlag@tyrolia.at
Internet: www.tyrolia-verlag.at
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
Das 12. Jahrhundert: Umbruch und Aufbruch
Das Leben der heiligen Hildegard
Die Prophetin und Visionärin
Schriftstellerin, Dichterin, Komponistin, Heilkundige
Zum Welt- und Menschenbild der heiligen Hildegard
Hildegards Entwurf heilen Lebens
Gesundheitstipps einer lebensfrohen Benediktinerin
Ernährung und Kochen nach Hildegard
Zeittafel
Quellen und Anmerkungen
„Ein Instrument des Heiligen Geistes bist du, denn deine Worte haben mich entzündet, wie wenn eine Flamme mein Herz berührt hätte …“
Elisabeth von Schönau an Hildegard von Bingen
Vorwort
Während ich diese Zeilen schreibe, blicke ich immer wieder aus dem Fenster und erfreue mich an den üppigen Lindenbäumen vor dem Haus, die vom Wind hin- und herbewegt werden. Die nach einem Regenguss hervorblinzelnde Sonne verleiht dem Grün der Blätter eine besondere Intensität und Leuchtkraft, wie ich sie zuvor kaum einmal wahrgenommen habe. Viriditas – Licht, Lebendigkeit, Grünkraft … Die hl. Hildegard würde bei diesem wunderbaren Anblick wohl jubeln! Die beeindruckende Frau des Mittelalters ist mir durch die Beschäftigung mit ihrem Lebenswerk, ihrer Musik sowie ihren naturheilkundlichen Empfehlungen sehr nahegekommen. Es war ein langer, für mich äußerst lohnender Weg. Ein Weg nach innen, zu meinen spirituellen Wurzeln, die insbesondere auch aus dieser kostbaren Quelle genährt werden.
Der heilkundigen Benediktinerin verdanke ich überzeugende Antworten auf persönliche Fragen – u. a. nach einem gesunden und nachhaltigen Lebensstil, aber auch nach einer ansprechenden Art und Weise, meinen Glauben zu leben. Themen wie diese standen am Beginn meiner stetig wachsenden Begeisterung für die weltoffene Mystikerin. Es folgten eine Diplomarbeit zum Abschluss meines Theologiestudiums, eine Buchveröffentlichung sowie die beherzte Weitergabe von erworbenem Wissen, von spirituellen Impulsen oder gesundheitsbezogenen Erkenntnissen der hl. Hildegard im Rahmen von Seminaren und Vorträgen, Exerzitien und Pilgerfahrten zu Hildegards Wirkungsstätten am Rhein.
Hildegard von Bingen, eine der bedeutendsten Frauen des Mittelalters, hat über die Jahrhunderte nichts an Strahlkraft und Aktualität verloren. Unzählige Menschen interessieren sich für ihre Weisheit, ihre mystischen Gesänge und Visionen sowie ihr Schicksal als Prophetin, wurde ihr doch Einblick gewährt in kosmische Strukturen und göttliche Geheimnisse, in tiefgründige Zusammenhänge des Lebens, aber auch in sensible Bereiche der menschlichen Seele. Hildegard konnte Klänge und Töne des Universums wahrnehmen, „himmlische Musik“, die sie zum Niederschreiben eigener Liedkompositionen inspirierte. Die Seherin war eng vertraut mit der göttlichen Stimme, die ihr half, ihre Visionsbilder zu deuten. Von ihr wusste sich Hildegard zum Verkündigen beauftragt bzw. ermächtigt: auf öffentlichen Plätzen, in Kathedralen, in Form von geistlichen Unterweisungen innerhalb ihres Klosters oder auch im Rahmen ihrer umfangreichen Korrespondenz sowohl mit einfachen Leuten als auch mit einflussreichen Persönlichkeiten und politischen Entscheidungsträgern – mit Kaisern, Päpsten, Bischöfen und Gelehrten sowie mit Königinnen oder Äbtissinnen. Selbstbewusst verbreitete die angesehene Benediktinerin ihre Erkenntnisse – u. a. anhand anspruchsvoller theologischer Schriften und naturheilkundlicher Werke. Sie, „eine einfache Frau ohne formale Bildung“, wie die Meisterin vom Rupertsberg nicht müde wurde sich zu erklären. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen konnte sich die geisterfüllte und selbstbewusste Äbtissin gegenüber männlicher Vorherrschaft behaupten.
Und heute? Werden Frauen, die mutig ihre Stimme erheben, gehört? Innerhalb der Kirche? Außerhalb? In welchen Bereichen können und dürfen sich Frauen einbringen? Es bleibt zu wünschen, dass sich kirchliche und gesellschaftliche Strukturen für Frauen und ihre spezifischen Fähigkeiten in umfassender Weise öffnen. „Welche Verschwendung von Charismen und Begabungen, wenn die Kirche den Frauen keinen Zugang zu allen Diensten und Ämtern gibt“, meint Sr. Philippa Rath aus der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard in Rüdesheim/Eibingen, wo derzeit 44 Ordensfrauen das Erbe Hildegards weitertragen. Zu ihnen, ihrem beeindruckenden Kloster inmitten von Weinbergen haben mich meine Gedanken und Erinnerungen während der letzten Monate immer wieder hingetragen. Ihnen und zahlreichen anderen spirituellen Frauen und Männern unserer Zeit sowie früherer Generationen bzw. Epochen gehört mein Dank. Dafür, dass sie von Gott erzählen und durch ihr Gebet bzw. ihr engagiertes Handeln die Welt gestalten, dafür, dass sie der lebendigen Geistkraft Gottes Raum geben und an der Kirche mitbauen – an einer gerechten und geschwisterlichen Kirche, die sich offen zeigt gegenüber Vielfalt, Buntheit, Lebensfreude sowie leidenschaftlicher Schöpfungsverantwortung.
Hildegard von Bingen, die umtriebige und willensstarke Äbtissin vom Rupertsberg, kann uns Frauen ermutigen, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die kirchlichen Dienste und Ämter mit unserem Frausein zu füllen bzw. zu bereichern. Hildegard, die sich im Großen und Ganzen in die Ordnung ihrer Zeit eingefügt hat, ist es bestimmt nicht immer leichtgefallen, ihre prophetische Stimme zu erheben und sich dann, wenn sie es für notwendig erachtete, den kirchlichen Autoritäten zu widersetzen. Die engagierte Ordensfrau hat sich unerschrocken und kompromisslos für Wahrheit und Gerechtigkeit eingesetzt. Manch schwerer Konflikt – auch mit der Amtskirche – kostete Hildegard viel Kraft und Energie. Die Seherin hat ihr Licht trotz häufiger Krankheitsphasen nie unter einen Scheffel gestellt. Um ihre Mission erfüllen zu können, hat Hildegard nicht lange um Erlaubnis gefragt. Selbstbestimmt und von ihrem Sendungsauftrag überzeugt hat sie sich mehrfach auf den Weg quer durch Deutschland gemacht, um Menschen aufzurütteln, zu trösten, zu mahnen und ihnen Gottes Verheißungen kundzutun – und das auch noch mit über 60 Jahren! Sie ist ihrer inneren Stimme gefolgt und nahm die Bürden mittelalterlichen Reisens bereitwillig auf sich.
Das Bild der Linden im abendlichen Licht fasziniert mich immer noch und lässt Freude und Glück in mir aufkommen. Die Bäume haben erst in den letzten Wochen ihre Blätter und Triebe bekommen – die Natur ist förmlich explodiert. Was für ein Licht- und Naturspektakel! Geistkraft Gottes, Ruach, Lebensfrische, Viriditas …
Aus meiner Begeisterung für Hildegard von Bingen heraus wünsche ich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, dass auch Sie aus dem reichen Erfahrungsschatz der vielseitigen Prophetin schöpfen können.
Ursula Klammer
Einleitung
Die Arbeit an diesem Buch fällt in die Zeit der SARS-CoV-2-Pandemie, die – auf den ersten Blick – wie aus heiterem Himmel über die Menschheit hereingebrochen ist. Viele Menschen kämpften förmlich ums nackte Überleben – nicht nur in gesundheitlicher, sondern auch in wirtschaftlicher oder psychosozialer Hinsicht.
Bei vielen Menschen hat die Pandemie Verunsicherung, Trauer und Ängste ausgelöst und es sind neben den Seniorinnen und Senioren vor allem auch Kinder und Jugendliche, die unter den sozialen und psychischen Folgen der Epidemie leiden – u. a. durch die Reduktion bzw. den Wegfall von Kontakten, gewohnter Struktur und körperlicher Nähe.
In dieser Belastungsprobe und Verunsicherung werden – abgesehen von den notwendigen Maßnahmen zur bestmöglichen Alltagsbewältigung – nicht selten existentielle Fragen gestellt, bewusst oder unbewusst. Nach dem Woher und Wohin unseres Lebens, nach Sinn und Orientierung. Befriedigende Antworten und Lösungen wollen gefunden werden und darüber hinaus sinnstiftende Bezüge, um uns in dieser zuweilen als bedrohlich erlebten Welt zurechtzufinden. In einer Krise oder angesichts von Krankheit und Leid wird der Mensch in einem besonderen Maß mit seinen eigenen Grenzen konfrontiert. Die Werteordnung, die bisher Halt und Orientierung gegeben hat, gerät möglicherweise ins Wanken. Unweigerlich stellt sich die Frage nach dem Sinn von Leiden.
In Zeiten großer Umbrüche und notwendig gewordener Neuausrichtung interessieren sich viele Menschen für Vorbilder, für Biographien beeindruckender, eventuell auch erfolgreicher Frauen und Männer und – damit verbunden – für überzeugende und ansprechende Lebensmodelle. Eine herausragende und schillernde Persönlichkeit, die uns in unserer schwierigen und herausfordernden Zeit richtungsweisende Antworten geben kann, ist die mittelalterliche Äbtissin Hildegard von Bingen mit ihrem ganzheitlichen Blick auf Körper, Geist und Seele.
Wer ist diese erst kürzlich heiliggesprochene Benediktinerin, die mit ihren praxisnahen Lebenskonzepten, mit ihren Schriften und Bildern, ihrer Musik und ihrem offensichtlich unvergänglichen Charme die Bühne unserer Welt von Neuem betreten hat? Welche Verdienste werden ihr zugeschrieben, dass sie Papst Benedikt XVI. am 7. Oktober 2012 zur Kirchenlehrerin erhoben hat? Worin liegt die Besonderheit dieser bis heute unvergessenen Mystikerin und Prophetin des Hochmittelalters?
Das vorliegende Buch will das außergewöhnliche Leben der Hildegard von Bingen und ihr umfangreiches literarisches Erbe kompakt und übersichtlich darstellen, vor allem aber ihre universal gültigen und heute so aktuellen Botschaften für Sie, liebe Leserin, lieber Leser, herausarbeiten. Dabei scheint es mir ein nahezu „menschen-unmögliches“ Unterfangen zu sein, die unerschöpfliche Fülle von Hildegards Gesamtwerk und ihr geistig-spirituelles Erbe in einem Buch von bescheidenem Umfang auch nur annähernd authentisch beschreiben zu können bzw. gebührend zu würdigen.
Hildegard hat mit ihrer Botschaft und all dem, was sie auszeichnet, viele Herzen erobert. Zu Recht kann man in den letzten vier Jahrzehnten von einer Hildegard-Renaissance sprechen. Ob Literatur, Kunst, Musik, Kochkurse, Kräutergärten, Wellness-Angebote …, eine unüberschaubare Fülle an Bezügen zur historischen Person Hildegard von Bingen! Die hochbegabte Äbtissin aus vergangenen Tagen scheint den Nerv unserer Zeit zu treffen. Was ist es, das uns heute empfänglicher denn je macht, einer Prophetin des Hochmittelalters unser Ohr zu leihen? Was sind die Gründe, dass sich so viele Frauen und auch Männer unserer Tage für Hildegards visionäre Berichte und ihre außerordentlichen Lebensumstände interessieren? Was treibt viele Menschen an, mittelalterliche Rezepte bzw. unkonventionelle heilkundliche Anweisungen auszuprobieren? Und ihre einzigartige Musik – was löst sie in uns aus?
Jedes Jahrhundert hat seine besonderen Herausforderungen zu bewältigen, aber im Letzten geht es immer um ähnliche Grundanliegen: Der Mensch sucht nach Möglichkeiten und Perspektiven sinnerfüllter und geglückter Lebensgestaltung. In ihren theologischen und lebenskundlichen Schriften geht die Mystikerin über einen rein privaten Erlösungsgedanken hinaus: Sie plädiert für eine beherzte und engagierte Hinwendung zur Natur, unserer Um- und Mitwelt. Wenn ein Mensch seine Verantwortung anderen und der Schöpfung gegenüber ernst nimmt und seine (religiöse) Bestimmung erkennt, kann er schon im Hier und Jetzt ansatzweise Heil erfahren. „Die ganze Schöpfung steht dem Menschen zur Verfügung“, wird Hildegard nicht müde zu verkünden.
Die mittelalterliche Benediktinerin schaut und beschreibt die großen Zusammenhänge, die uns heute weitgehend verloren gegangen sind. Die Corona-Pandemie hat sie uns in neuer Deutlichkeit vor Augen gestellt. Ein schnelles Ausprobieren von ganzheitlichen Entwürfen kann jedoch nicht weiterhelfen, wenn das zugrunde liegende Gesamtkonzept in seiner spirituellen Ausrichtung vernachlässigt bzw. übergangen wird. Geht es um tiefgreifende Erfahrungen und Lebensthemen sowie um eventuell notwendige Korrekturen von Einstellungen oder Verhaltensweisen, bleibt uns ein längerer, unter Umständen mühsamer Weg nicht erspart.
Das Ineinandergreifen von Körper, Geist und Seele, von Mensch und Schöpfung, wie es Hildegard beschreibt, lässt uns an so manche „Baustelle“ auf unserem Planeten denken, beispielsweise an die vielseitigen und dramatischen Auswirkungen der fortschreitenden Klimaerwärmung auf diverse Ökosysteme. So werden u. a. die globalen Windsysteme bzw. die weltweiten Meeresströmungen nachweislich durcheinandergebracht. Jahrzehntelange Überdüngung und Überfischung sowie die Rodung riesiger Waldflächen wirken sich verheerend auf das ökologische Gleichgewicht auf der Erde bzw. in den Weltmeeren aus. Menschliches Eingreifen in sensible Kreisläufe der Natur zeitigt schwerwiegende Folgen für Fauna und Flora, ja für den gesamten Planeten und nicht zuletzt für den Menschen selbst.
Die globale Klimaerwärmung sowie die ungerechte Verteilung von Gütern sind mitverantwortlich für Hungerkatastrophen in klimatisch und wirtschaftlich benachteiligten Ländern. Kriegerische Auseinandersetzungen bedrohen das Leben tausender Menschen und lösen in vielen Ländern Fluchtbewegungen (Migration) aus. Doch nicht nur in fernen Ländern, auch in Europa stellt sich die Frage, in welcher Weise Grundbedürfnisse wie Sicherheit, angemessene Ernährung, Kleidung, Wohnmöglichkeit sowie medizinische bzw. psychologische Hilfe gewährleistet werden. Auch der grundsätzliche Schutz des Lebens ist und bleibt ein fundamentales und brandaktuelles Thema, gerade auch in der Rechtsprechung. Durch die gigantischen Möglichkeiten und Fortschritte moderner Technik – beispielsweise in der medizinisch unterstützten Fortpflanzungsbiologie – wird die Menschheit zunehmend mit ethischen Grenzfragen konfrontiert, die sich u. a. auf den Gebieten der Präimplantationsdiagnostik, des Klonens, der Stammzellenforschung oder der Organtransplantation auftun.
Bei diesen facettenreichen und zum Teil emotionsgeladenen Themen und Debatten sollte immer der konkrete Mensch mit seinen existentiellen Bedürfnissen und seiner unantastbaren Würde im Mittelpunkt stehen. Hildegard von Bingen propagiert in ihren Schriften und visionären Bildern einen anthropozentrischen Ansatz: Der Mensch steht im Zentrum der Schöpfung, ja des gesamten Kosmos. Mit diesem ist er auf vielfältige Weise untrennbar verbunden.
Diese Interdependenz gilt es neu zu entdecken. Gerade auf dem Gebiet der Heilkunde sind schon seit Längerem Bestrebungen im Gang, unsere hochspezialisierte, überwiegend wissenschaftlich orientierte Medizin durch naturheilkundliche bzw. komplementärmedizinische Verfahren zu ergänzen. Im Unterschied zu einer rein mechanischen oder medikamentösen (Symptom-)Behandlung berücksichtigt eine ganzheitlich orientierte Krankenvorsorge bzw. Betreuung auch die sozialen sowie geistig-religiösen Bedürfnisse des Menschen. Hildegard von Bingen hat schon im 12. Jahrhundert auf die unauflösbare Einheit von Leib und Seele hingewiesen. Sie baut ihre ganze Lehre vom Menschen, von Welt und Kosmos auf einer – modern ausgedrückt – psychosomatisch orientierten Anthropologie und Heilkunde auf. In ihrer bildreichen, naturnahen Sprache weist Hildegard immer wieder auf das schöpferische, wohlwollende Zusammenwirken von Körper, Geist und Seele hin. „Die Seele ist für den Körper, was der Saft für den Baum ist“, lässt Hildegard in ihren theologisch-philosophischen Schriften anklingen.
Da die visionär und mystisch begabte Nonne immer wieder mit persönlichen Krisen konfrontiert war – u. a. aufgrund von schweren Krankheitsschüben, Konflikten mit Klerikern und kirchlichen Behörden oder aufgrund einer äußerst schmerzlichen Trennung im privaten bzw. klösterlichen Umfeld –, vermag sie aus eigener Erfahrung und Betroffenheit heraus nützliche Antworten auf tiefgründige Lebensfragen zu geben. Hildegards Schriften enthalten zeitlos gültige Wahrheiten und Hinweise, wie die Menschheit die großen Herausforderungen erfolgreich bewältigen kann. Das Einüben neuer Lebenshaltungen gelingt ihrer Meinung nach am besten in Freiheit und mit Geduld. Sich dabei selbst zu überfordern, sei kontraproduktiv, hält die spirituell erfahrene Äbtissin fest.
Hildegards beeindruckendes Lebenszeugnis und ihre geistreichen, inspirierenden Schriften sind eine unerschöpfliche Quelle für all jene, die nach einem erfüllten und authentischen Leben suchen.
Das 12. Jahrhundert: Umbruch und Aufbruch
Hildegard von Bingen (1098–1179) wurde in die bewegte Zeit des Hochmittelalters hineingeboren. Diese Epoche wird heute übereinstimmend zwischen 1000 und 1250 festgelegt. Als Hildegard das Licht der Welt erblickte, lag die folgenreiche Spaltung der Christenheit in eine römische Westkirche und eine Ostkirche unter der Führung von Byzanz (1054) gerade einmal 40 Jahre zurück.
Sehr oft wird das Mittelalter vorschnell als eine eher dunkle, düstere Zeit zwischen der Antike und der Neuzeit eingestuft, die u. a. von Kriegen, allen voran den Kreuzzügen, der Pest sowie von misslichen Lebensumständen – beispielsweise Unfreiheit und Unterdrückung großer Bevölkerungsschichten – geprägt ist. Wenn man die annähernd 1000 Jahre des Mittelalters zwischen dem 6. und dem 15. Jahrhundert auf europäischem Boden allerdings etwas differenzierter betrachtet, dann zeichnet sich durchaus auch eine hellere Seite ab, die mit wegweisenden Entwicklungen in Zusammenhang gebracht werden kann: Die ersten Universitäten wurden gegründet, Städte entstanden bzw. erblühten und der Handel sowie das Handwerk erfuhren einen enormen Aufstieg.
Das im Mittelalter vorherrschende Ständesystem wies jedem und jeder seinen bzw. ihren festgelegten Platz in der Gesellschaft zu. Diese feste Gesellschaftsordnung galt als von Gott gegeben und daher in der Regel als unveränderlich. An der Spitze regierten auf der einen Seite der Kaiser oder ein König, auf der anderen der Papst. Die Vertreter der Kirche bildeten den ersten Stand. Dazu gehörten neben dem Papst Bischöfe, Äbte, Priester, der so genannte niedere Klerus sowie eine große Vielfalt an Mönchen und Nonnen. Sie hatten für das Seelenheil der Bevölkerung Sorge zu tragen.
Der zweite Stand umfasste den Adel, also beispielsweise Herzöge, Grafen, Barone, Fürsten sowie Ritter. Diese gesellschaftliche Schicht war für die Sicherheit der Bevölkerung zuständig, besonders auch für die Verteidigung von Land und Leuten im Kriegsfall. Die Ritter gewannen mit der Kriegsführung zu Pferd (ca. ab dem 9. Jh.) an Bedeutung und als Zeichen ihrer Wichtigkeit für ihren Herren bekamen sie beachtliche Privilegien zuerkannt. Im 12. Jahrhundert erlebte das Rittertum seine Blütezeit. Schon ca. 200 Jahre später verloren die höfischen Ritter durch das Aufkommen von Söldnerheeren und den Einsatz neuer Waffen an Bedeutung. Ihr gesellschaftlicher Abstieg folgte.
Der dritte Stand bestand aus Bauern und Bürgern. Diese machten ungefähr 90 Prozent der mittelalterlichen Bevölkerung aus. Unter ihnen herrschten große Unterschiede hinsichtlich der Vermögensverteilung. Die so genannten freien Bauern besaßen ein eigenes Stück Land, das sie bewirtschaften konnten. Der größere Teil der bäuerlichen Bevölkerung aber war besitzlos und ohne eigene Rechte, also unfrei. Man nannte sie Leibeigene und sie wurden von ihren Gutsherren häufig ausgebeutet. Als Gegenleistung für das ihnen zur Verfügung gestellte Stück Land zahlten sie relativ hohe Abgaben oder leisteten Frondienste. Sie zogen für ihren Herrn in den Krieg und waren ihm meist ein Leben lang zu Gehorsam verpflichtet. Im Gegenzug verpflichtete sich der Gutsherr, seinen Untergebenen „Schirm und Schutz“ zu bieten.
Die Masse der bäuerlichen Bevölkerung führte ein karges, von Hunger bedrohtes Leben. Die Menschen hausten zumeist in engen und düsteren Hütten. Heizmaterial war vielfach knapp, und unzureichende hygienische Bedingungen gefährdeten die Gesundheit der ärmlichen Bevölkerung. Die weit verstreuten Weiler bzw. Ortschaften waren größtenteils nur durch schlechte Straßen oder Wege miteinander verbunden.
Wanderprediger lehrten öffentlich auf Straßen und Plätzen. Häufig in Lumpen gehüllt, streiften sie mit ihren Gefährten umher und erbettelten sich ihren Lebensunterhalt. Auf den Straßen begegnete man arbeitslosen Handwerkern, verarmten Vagabunden und nicht selten Aussätzigen. Gewalt und Brutalität waren Folgeerscheinungen der ungerechten Vermögensverhältnisse und der oft aussichtslosen Perspektiven vieler Tagelöhner.
Mit zunehmendem Aufstieg der Städte im 12. Jahrhundert zogen immer mehr Menschen vom Land in die Stadt. Auch so genannte Unfreie versuchten ihren elenden Arbeits- und Lebensbedingungen zu entfliehen. Wenn sie von ihrem Herrn nicht innerhalb eines Jahres zurückbeordert wurden, gelang es ihnen sogar, frei zu werden. In den Städten entstanden nach und nach Märkte, die sich mancherorts bald zu beachtlichen Wirtschaftszentren entwickelten. Handwerk und Handel erfuhren eine Blütezeit, manche Bürger wurden mächtiger und reicher als viele Adelige.
Ein Kontinent bewegt sich
Als Hildegard geboren wurde, veränderte sich das Gesicht Europas allmählich. Die Bevölkerung wuchs, neue Flächen wurden urbar gemacht und neue Städte gegründet. Bessere landwirtschaftliche Geräte und effizientere Anbaumethoden führten zu einem deutlichen Aufschwung. Die Ländereien wurden dichter besiedelt und die Städte entwickelten sich zu bedeutenden Zentren. Ein selbstbewusstes Bürgertum gewann immer mehr an politischem Einfluss und emanzipierte sich allmählich von der kirchlichen Vorherrschaft. Der Aufwärtstrend zeigte sich auch an der Verbreitung der so genannten schönen Künste – vornehmlich an Fürstenhöfen sowie in den Städten. Die Minnelieder oder beeindruckende Kirchenbauten zeugen heute noch vom künstlerischen Glanz dieser Epoche.
Durch die enge Verbindung von Kirche und Staat hatten viele Fürsten kirchliche Ämter und Güter inne. Ebenso lebten viele Bischöfe als Vasallen des Königs wie weltliche Fürsten und waren stark in wirtschaftliche und politische Geschäfte verstrickt. Dieses Missstandes überdrüssig, wandte sich Hildegard von Bingen als Äbtissin brieflich an den römisch-deutschen König Friedrich I. Barbarossa [später Kaiser des römisch-deutschen Reichs], um sich gegen den Kauf von Kirchenämtern (Simonie) und die so genannte Laieninvestitur starkzumachen.1 Diese Praxis bedeutete, dass kirchliche Amtsträger von weltlichen Herrschern (anstatt von den zuständigen Bischöfen bzw. dem Papst) eingesetzt wurden. Zwischen Barbarossa und dem Papst war es zu starken Spannungen und schließlich zu einem erbitterten Machtkampf gekommen. Der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation wollte zusätzlich zu seiner irdischen Macht auch zum Beherrscher der Kirche werden. Er schaltete sich in die Papstwahl ein und übte Einfluss auf die Ernennung von Bischöfen aus. Erst das Wormser Konkordat von 1122 konnte den Investiturstreit zwischen dem Papst und dem König bzw. Kaiser lösen.
Die Kreuzzüge 2
1095 rief Papst Urban II. auf dem Konzil von Clermont zum Ersten Kreuzzug auf, um die heiligen Stätten in Jerusalem von der islamischen Herrschaft zu befreien und christliche Zentren im Nahen Osten zu errichten. Den Kreuzrittern versprach die Kirche den Nachlass ihrer Sündenstrafen. Schlechte wirtschaftliche Verhältnisse und religiöse Begeisterung trugen dazu bei, dass sich immer mehr Christen für die Idee, die christlichen Stätten in Palästina zurückzugewinnen, begeistern ließen. Neben dem einfachen Volk waren im kriegerischen „Pilgerzug“ auch Ritter und fürstliche Würdenträger aller Rangstufen zu finden. Der angesehene Zisterzienser-Mönch Bernhard von Clairvaux – bald nach seinem Tod heiliggesprochen und Jahrhunderte später zum Kirchenlehrer ernannt – stellte seine herausragende Begabung zum Predigen und seinen religiösen Eifer in den Dienst der Anwerbung für die Teilnahme an den Kreuzzügen. „Rache für Jesu Blut“ lautete die unmissverständliche Devise der Kreuzzugsrhetorik. Neben religiösen Motiven oder purer Abenteuerlust bot die Teilnahme am Kreuzzug unter der Flagge eines frommen Werkes die Möglichkeit, der eigenen oft tristen Situation zu entfliehen und sich dem Herrendienst oder einer Strafe für begangenes Unrecht zu entziehen.
Entlang der Route und am Zielort hinterließen die Kreuzfahrer meist Tod und Verwüstung. Der Hass gegen die „Ungläubigen“, womit zunächst die Moslems gemeint waren, richtete sich bald auch gegen die Juden. So kam es schon kurz nach dem Aufbruch ins Heilige Land – noch auf europäischem Boden – zu Massakern an der jüdischen Bevölkerung. Die Rheinebene (namentlich Trier, Speyer, Worms, Mainz und Köln) war von den furchtbaren Ausschreitungen gegenüber den Juden besonders betroffen. Den erbitterten Kämpfen fielen Tausende zum Opfer – auf beiden Seiten. Auf ihrem Weg Richtung Jerusalem setzten die Kreuzfahrer das Plündern und Morden fort. 1099 wurde Jerusalem schließlich eingenommen. Zahlreiche Juden wurden in der Stadt und ihrer Umgebung auf grausame Weise ermordet. Sie wurden zum Teil bei lebendigem Leib verbrannt. 1100 wurde das Königreich Jerusalem ausgerufen.
Fast 50 Jahre später rief Papst Eugen III. zum 2. Kreuzzug (1147–1149) auf. Ziel war die Rückeroberung der Grafschaft Edessa – eine der vier Herrschaftsgebiete, die aus dem Ersten Kreuzzug hervorgegangen waren. Der Heereszug wurde von Ludwig VII. von Frankreich und dem römisch-deutschen König Konrad III. angeführt. Das kriegerische Unternehmen endete allerdings mit einem Misserfolg und schweren Verlusten. Konflikte in den eigenen Reihen und zunehmende Sittenlosigkeit prägten das Bild der Kreuzzüge. Brutale Überfälle und Raubzüge pervertierten die christlichen Ideale. Viele der Zurückkehrenden waren im Glauben zerrüttet, nicht wenige brachten die Lepra mit nach Hause.
Nachdem die Stadt Jerusalem 1187 von Sultan Saladin rückerobert worden war, rief Papst Gregor VIII. die Königreiche des Abendlandes in einer Bulle zum 3. Kreuzzug (1189–1192) auf. Die Kreuzfahrerheere wurden von einflussreichen Persönlichkeiten wie Kaiser Friedrich Barbarossa, König Philipp II. von Frankreich und König Richard Löwenherz aus England angeführt. Das an und für sich gescheiterte Kreuzzug-Unternehmen endete mit einem Friedensvertrag zwischen Richard Löwenherz und Saladin. Dies führte zu einer gestärkten Position der Christen im Heiligen Land (z. B. Gewährung eines freien Zugangs zu den heiligen Stätten) und zu einer sichereren Existenz der Kreuzfahrerstaaten.
Trotz weiterer Initiativen in den darauffolgenden Jahren, Kreuzfahrer für die „Heiligen Kriege“ zu motivieren, kam die Kreuzzugsbewegung gegen Ende des 12. Jahrhunderts nicht mehr richtig in Schwung. Mit der Eroberung der letzten christlichen Kreuzfahrerfestung im Heiligen Land (1291 Fall der Hafenstadt Akkon) durch ägyptische Truppen war die Zeit der fast 200 Jahre dauernden Kreuzzüge endgültig gescheitert und damit beendet.
In wirtschaftlicher Hinsicht erschlossen die Kreuzzüge jedoch neue Märkte und politische Einflussbereiche. Zudem profitierte Europa vom Kontakt mit der orientalischen Kultur und Geisteswelt. Griechische und arabische Schriften gelangten in den Westen. Exotische Gewürze und Früchte wurden in der Folge ebenso bekannt wie das arabische Zahlensystem, das bis heute in Verwendung ist.
Nach den blutigen Jahren der Kreuzzüge entstanden radikale Bewegungen, die die Lehre der abendländischen Kirche in Frage stellten. Erstmals richteten sich aufkeimende Häresien unmittelbar gegen die Institution der Kirche selbst. Auf der Suche nach einem Leben, das dem Anspruch des Evangeliums und den Idealen einer armen, aber wahrhaftigen Kirche entspricht, zogen Tausende in ekstatischen Gruppen durch Europa. Die Katharer (übersetzt „die Reinen“) bildeten die zahlenmäßig größte und am besten organisierte Vereinigung. Sie verbreiteten sich von Südfrankreich über Mainz rheinabwärts und gewannen zunehmend auch im Kölner Raum an Einfluss. Kennzeichen ihrer Lehre waren unter anderem eine ausgeprägte Leibfeindlichkeit und strenge Askese. Außerdem lehnten die Katharer die kirchlichen Sakramente ab. Sie propagierten die Ehelosigkeit, wobei sie sich selbst aber vielfach nicht daran hielten. Papsttum und Kirchenväter stellten für sie die Inkarnation des Bösen dar. Aufgrund ihrer Praxis der Laienpredigt wurden die Katharer, ebenso wie die Laienbruderschaft der Waldenser, 1184 von Papst Lucius III. verurteilt und exkommuniziert.
Ruf nach religiöser Erneuerung
Tiefgreifende Reformbewegungen, die von den französischen Klöstern Cluny und Gorze ausgingen, brachten einen religiösen Aufschwung mit sich. Neue Orden wurden gegründet. Die bedeutendsten waren die Zisterzienser, die Kartäuser und die Prämonstratenser. Die Mönche, im Besonderen die Zisterzienser, besannen sich auf die Ideale des hl. Benedikt und lebten fortan nach strengen Regeln. Die Lebensgewohnheiten in vielen Klöstern hatten sich mehr und mehr von den Vorgaben der geistlichen Gelübde (Armut, ehelose Keuschheit und Gehorsam) entfernt. Ausgedehnte Besitzungen und weltliche Geschäfte sorgten für Reichtum und vereitelten ein Leben in Stille und Bescheidenheit.
Im 13. Jahrhundert entstanden so genannte Bettelorden, die unter Berufung auf das Evangelium jeglichen Besitz ablehnten und sich um eine tiefgreifende Reform des Ordenslebens bemühten. Sie prangerten die zunehmende Verweltlichung des Klerus an. Zu den Bettelorden gehörten die Dominikaner, Franziskaner, Augustiner und Karmeliter. Die Mönche lebten vom Lohn ihrer Arbeit, von Schenkungen oder von Almosen. Ihre bevorzugten Einsatzgebiete waren die Seelsorge und die (Volks-)Mission sowie die Bekämpfung der Ketzer (Menschen, die an den Lehren der Kirche zweifelten und die Bibel anders auslegten, als es die anerkannten Theologen vorgaben).
Das erwachende Verlangen nach religiöser Erneuerung und Vertiefung zeigte sich auch in einem enormen Zuwachs an Frauenklöstern und ähnlichen Lebensgemeinschaften, z. B. den Beginen. Letztere waren selbständige, unabhängige Frauen, die weder heirateten noch in ein Kloster eintraten. Einige von ihnen waren verwitwet. Zumeist schlossen sich mehrere Beginen zu einer unabhängigen Wohn- und Arbeitsgemeinschaft zusammen. Es gab aber auch Beginen, die alleine lebten. Anfangs (etwa ab dem 12. Jahrhundert) waren es hauptsächlich adelige Interessentinnen, später schlossen sich dieser spirituellen Bewegung Frauen aus allen sozialen Schichten an.
Den Mitgliedern ging es in erster Linie um persönliche Gotteserfahrung und religiösen Austausch mit Gleichgesinnten. Sie übten sich im Gebet und in Frömmigkeitsübungen, lasen gemeinsam die Bibel und tauschten sich über theologische Fragen aus. Vergleichbar mit klassischen Ordensgemeinschaften unterstützten sie einander in ihrer spirituellen Entwicklung. Bedeutende Mystikerinnen unter den Beginen waren unter anderem Mechthild von Magdeburg oder Marguerite Porète.
Die Beginen unterstanden keiner kirchlichen Hierarchie und legten normalerweise keine Ordensgelübde ab. Sie wählten üblicherweise eine „Meisterin“, die für eine begrenzte Zeit als Vorsteherin und Finanzverwalterin eingesetzt war. Diese konnte auf das Vertrauen und den freiwilligen Gehorsam der Frauengemeinschaft bauen.
Die einzelnen Beginenkonvente bzw. -lebensgemeinschaften organisierten sich selbst, vor allem auch in wirtschaftlicher Hinsicht. So entstanden größere (bis zu 60 Mitgliedern) und kleinere Konvente. Jede Frau brachte ihre Arbeitsleistung und eventuell ihr vorhandenes Vermögen in die Gemeinschaft mit ein. Unter den Beginen gab es besonders viele hochgebildete Frauen. Unverheiratete und verwitwete Frauen hatten damals – so wie die Nonnen in den Klöstern – leichteren Zugang zu Bildung, während verheiratete Frauen meist mit der Versorgung ihrer Familie voll in Anspruch genommen waren. Beginen arbeiteten unter anderem als Lehrerinnen, Wäscherinnen, Bäckerinnen oder als Mägde. Sie übernahmen auch Handarbeiten aller Art. Manche Konvente brachten es zu erheblichem Reichtum und damit auch zu Ansehen. Über die Handwerks- und Lehrberufe hinaus engagierten sich Beginen unter anderem in der Krankenpflege und Sterbebegleitung, als Hebammen und Erzieherinnen.
Die Zahl der Beginenkonvente nahm stetig zu, sodass die Frauenvereinigungen immer mehr Einfluss auf Kultur und Gesellschaft gewannen. Die Beginenbewegung breitete sich im 13. Jahrhundert über ganz West- und Mitteleuropa aus. Im Kölner Raum siedelten sich im ausgehenden 13. Jahrhundert und in den Jahrzehnten danach besonders viele Beginengemeinschaften an: insgesamt an die 170. Die größten Beginenanlagen waren in Holland und Belgien zu finden. 1216 wurde die eigenständige religiöse Lebensform der Beginen vom Papst anerkannt. Allerdings wurde ihnen die Anerkennung als laienreligiöser Stand – und damit auch das Predigen – aufgrund von verschiedenen Vorwürfen (z. B. ketzerische Lehrtätigkeit) bereits im Jahre 1311 wieder entzogen. Auch den Zünften waren die Beginen aufgrund ihrer gewerblichen Tätigkeiten und damit der deutlich erfahrbaren wirtschaftlichen Konkurrenz ein Dorn im Auge. In der Folge wurden die Beginen immer mehr zurückgedrängt und die Zahl ihrer Wohn- und Lebensgemeinschaften nahm merklich ab. In und nach der Reformationszeit wurden die meisten Beginenkonvente (zum Teil gewaltsam) aufgelöst.
Nonnen hatten nach der kirchlichen Standesordnung einen höheren Stellenwert inne als verheiratete Frauen oder Witwen. Das weithin hohe Ansehen des Ordensstandes und die Sorge um das eigene Seelenheil sowie das von nahestehenden Angehörigen lockte nicht wenige Adelige in einen Männer- bzw. Frauenorden. Durch großzügige Schenkungen sicherten sich viele Adelige daher schon frühzeitig einen Platz in einer Klosteranlage – spätestens für ihren Lebensabend.
Beträchtlicher Grundbesitz und die damit verbundenen Abgaben der Pächter boten so manchem Kloster ein relativ angenehmes Leben. Somit waren es nicht immer religiöse Motive, die ausschlaggebend für einen Ordenseintritt waren. Für Frauen bedeutete ein Ordenseintritt mitunter die einzige Chance, eine höhere Bildung zu erlangen; nur innerhalb eines Klosters gab es für Frauen ein entsprechendes Angebot. Und zudem bot das Kloster die Möglichkeit, einer unfreiwilligen Verheiratung zu entkommen.
Die Ehe diente in erster Linie dazu, die Sexualität „in geordnete Bahnen zu lenken“ und für Nachwuchs zu sorgen. Der Mann besaß wie selbstverständlich das Recht auf den Körper seiner Ehefrau, was für diese in vielen Fällen leider auch Gefügigkeit und sexuelle Ausbeutung bedeutete. Die generelle Minderbewertung von Frauen zeigte sich auch im rechtlichen Bereich: Jede Frau war zunächst Eigentum ihres Vaters, später – falls verheiratet – ihres Ehegatten. Als Witwe unterstand sie in der Rechtsprechung ihren Söhnen. Diese patriarchale, durchaus selbstverständlich hingenommene Familienordnung wurde im Mittelalter durch keinerlei Emanzipationsbestrebungen hinterfragt. Sie wurde überwiegend als gottgewollt angesehen und ertragen.
Die für das Mittelalter typischen Standesunterschiede zwischen Adeligen und Nichtadeligen blieben selbst in den Klöstern über Jahrzehnte gewahrt. Auch Hildegard nahm in ihrer ersten Klostergründung auf dem Rupertsberg nur adelige Nonnen auf. Diese Praxis geriet im Laufe der Zeit in Gegensatz zu neueren Ordensphilosophien und wurde als konservativ bzw. nicht dem Evangelium entsprechend kritisiert und allmählich aufgegeben.
Klöster – Zentren der Bildung und Kultur
Die mittelalterlichen Klöster, Stifte und Kathedralschulen waren anerkannte Zentren der Kultur. In den Klosterbibliotheken wurde das gesamte Schriftgut der Zeit gesammelt und in den Schreibstuben wurden bedeutende Werke in mühsamer Arbeit abgeschrieben. Dazu gehörten unter anderem die Bibel mit den jeweiligen Kommentaren, liturgische Bücher, Heiligenviten, die Schriften der Kirchenväter sowie wissenschaftliche Traktate und Enzyklopädien.
Auch die Geschichtsschreibung stellte eine wichtige Tätigkeit in den klösterlichen Schreibstuben dar. Von den Klöstern ging eine starke missionarische Kraft aus. Dem hl. Bernhard von Clairvaux (1090–1153), einem der angesehensten geistlichen Autoritäten des Mittelalters, werden zum Beispiel 68 Klostergründungen zugeschrieben.
Eine weitere Aufgabe der Klöster – neben Bildung, Seelsorge und Erziehung – tat sich in der Betreuung von alten, schwachen und kranken Menschen auf. Zu diesem Zweck war den Klöstern normalerweise ein eigenes Hospital oder Armenhaus angegliedert. In vielen Fällen standen auch eigene Kräutergärten und Aderlass-Kammern für die medizinische Versorgung bereit. Nicht selten machten Aussätzige außerhalb der Klostermauern mit einer Rassel klappernd auf ihr Elend aufmerksam und warteten auf Almosen.
Pilgern und Reisenden standen innerhalb der Klosteranlage eigene Gästehäuser zur Verfügung. In der benediktinischen Grundregel stand das Erweisen von Barmherzigkeit gegenüber Kranken und Hilfesuchenden als Ideal und zugleich als wichtigste Pflicht jeglichen Ordenslebens fest. Sie galt sowohl für die medizinische Versorgung von Kranken und Leidenden als auch für alle anderen Formen menschlicher Zuwendung gegenüber Hilfsbedürftigen.
Die ersten Universitäten
Der Zusammenschluss von Kloster- und Domschulen – vielfach auch privaten Gelehrtenschulen – führte zur Gründung der ersten Universitäten. Diese entstanden in Italien (Bologna 1088) und in Frankreich (Paris 1257). Durch die Vermittlung islamischer Gelehrter gelangten die griechische Philosophie und Medizin über Spanien an die neuen Lehrstätten. Die damals vorherrschenden theologischen und philosophischen Strömungen waren geprägt durch Persönlichkeiten wie Anselm von Canterbury († 1117), Hugo von St. Viktor (1096–1141), Abaelard (1079–1142), Petrus Venerabilis (1092–1156) und Bernhard von Clairvaux (1090–1153).
Diese pflegten ein vorwiegend auf Transzendenz ausgerichtetes Denken. Im Gegensatz dazu ist Hildegard von Bingen von einer großen Liebe allem Geschaffenen gegenüber in der (alltäglichen Lebens-)Welt geprägt. Das dürfte wohl auch dazu beigetragen haben, dass ihre Schriften kaum öffentliche Beachtung fanden, obwohl Hildegard als Person bei bedeutenden Zeitgenossen in hohem Ansehen stand. Ihre theologischen Werke blieben fast 800 Jahre lang unbeachtet und wurden erst in unserer Zeit wiederentdeckt.
Ab dem späten 13. Jahrhundert erhielt das mystische Erleben einen wichtigen Platz in Theologie und Kirche. Meister Eckhart, Johannes Tauler, Heinrich Seuse und Frauen wie Mechthild von Magdeburg, Gertrud von Helfta, Marguerite Porète und Mechthild von Hackeborn zogen mit ihrer ausgesprochen persönlichen Gottesbeziehung die Bewunderung des Volkes auf sich. Bis ins kleinste Detail schilderten die Mystikerinnen, die häufig ein Leben in Askese und Zurückgezogenheit führten, beispielsweise ihre visionäre Hochzeit bzw. ihre erotische Vereinigung mit Christus. Diese Form von Frömmigkeit und spiritueller Literatur bezeichnet man als Minne- oder Brautmystik. Die Handschriften, die überwiegend aus Ekstasen und Verzückungen heraus entstanden, unterscheiden sich grundlegend von den tendenziell nüchtereren Texten der weltoffenen, lebensfrohen und politisch engagierten Äbtissin vom Rupertsberg.
Das Leben der heiligen Hildegard
Visionen und Klostereintritt
„Von meiner Kindheit an, als meine Gebeine, Nerven und Adern noch nicht erstarkt waren, erfreue ich mich der Gabe dieser Schau in meine Seele bis zur gegenwärtigen Stunde … Und meine Seele steigt, wie Gott will, in dieser Schau bis in die Höhe des Firmamentes und die verschiedenen Sphären empor …“ 3
Hildegard von Bingen erblickt 1098 in Bermersheim bei Alzey in Rheinhessen das Licht der Welt. Sie ist das jüngste von 10 Kindern einer adeligen Familie. Ihre Eltern Hildebert und Mechthild entstammen dem fränkischen Hochadel. Schon im frühen Kindesalter entdecken die Eltern an Hildegard eine Besonderheit: Das kleine Mädchen lässt durch ungewöhnliche Äußerungen erkennen, dass es in seinem Inneren „wundersame Dinge“ hört und sieht. Als Hildegard bemerkt, dass ihr vorsichtiges Stammeln darüber nur Verwunderung und Unverständnis auslöst, entschließt sie sich, über ihre geheimnisvollen „Schauungen“ hinkünftig zu schweigen. Aus ihrer Verunsicherung heraus – anders zu sein als die Menschen ihrer Umgebung – weint sie oft, wie sie in den autobiografischen Fragmenten, die sich in ihrer Vita finden, festhält.
Schon früh wird Hildegard für ein Leben in klösterlicher Abgeschiedenheit bestimmt. Ob die seherische Begabung ihres jüngsten Kindes die Eltern zu diesem Schritt veranlasst hat oder ob es aus einem damals durchaus üblichen Akt der Dankbarkeit geschieht, dem Schöpfer das 10. Kind als „Zehent“ in besonderer Weise anzuvertrauen, bleibt offen. Jedenfalls wird Hildegard vermutlich schon als 8-jähriges Mädchen in die Obhut einer im Glauben tief verwurzelten Verwandten – Jutta von Sponheim – gegeben. Auf einer abgeschiedenen Burg – so wird heute angenommen – bereiten sich die zwei im Beisein einer frommen und gebildeten Witwe auf ein geistliches Leben vor. Am 1. November 1112 zieht Hildegard – begleitet von ihren Eltern – zusammen mit Jutta und einem anderen Mädchen auf den Disibodenberg im Nahetal, wo sich ein benediktinisches Mönchskloster mit einer angebauten Frauenklause befindet.
Dieser bewaldete Bergvorsprung erhebt sich inmitten einer abwechslungsreichen Flusslandschaft, etwa 80 Kilometer westlich von Mainz. Die geographisch günstige Lage am Zusammenfluss von Nahe und Glan zog wahrscheinlich schon in vorchristlicher Zeit Menschen an, die auf dem Berg ein Heiligtum errichteten. Spätestens seit dem 7. Jahrhundert ist dort ein geistliches Zentrum nachweisbar. So soll sich der irische Wandermönch und Bischof Disibod im 7. Jahrhundert mit drei weiteren Gefährten in der Nähe des Berges niedergelassen haben. Als sich sein Ruf als Wunderheiler verbreitet, wird auf dem Gipfel des Berges, wo der hl. Disibod begraben liegt, eine klosterähnliche Anlage errichtet. Von dem seit Beginn des 11. Jahrhunderts bezeugten Kanonikerstift erfolgt die seelsorgliche Betreuung der umliegenden Siedlungen durch zwölf Kleriker.
Die Klosterruine Disibodenberg, Öl auf Leinwand, Monogrammiert „F“; das Gemälde geht auf eine Lithographie nach einer Zeichnung von Caspar Scheuren zurück, die 1834 veröffentlicht wurde.
Das Kloster beim Grab des hl. Disibod († 700) beherbergte im Laufe seiner wechselvollen Geschichte verschiedene Ordensgemeinschaften. Benediktiner lebten hier von 1108 bis 1259, ihnen folgten Zisterzienser. 1559 wurde das Kloster im Zuge der Reformation aufgelassen, im 18. und 19. Jahrhundert verfielen die Gebäude.
1108 sendet der Mainzer Erzbischof Benediktinermönche auf den Disibodenberg, die noch im selben Jahr mit dem Bau eines neuen Klosters beginnen. Dem Doppelkloster wird eine Frauenklause angebaut. Die bis heute erhaltenen Ruinen zeugen vom gigantischen Ausmaß dieses Bauwerks, an dem bis zu seiner endgültigen Fertigstellung fast 40 Jahre lang gebaut wurde. Diese fast ununterbrochenen Arbeiten an den Klostergebäuden hat die junge Nonne Hildegard seit ihrem Ordenseintritt mitverfolgen können, was ihr später beim Bau von Kloster Rupertsberg sicher zugutegekommen ist.
Nachdem die Benediktinerklöster seit jeher als Zentren der Kunst und Wissenschaft gelten, ist anzunehmen, dass nicht nur den Mönchen, sondern auch den jungen Nonnen eine solide Bildung zuteilwird. Durch ihre Lehrmeisterin Jutta werden sie in die Feier der Liturgie sowie in das Rezitieren von Psalmen eingeführt. Da die liturgischen und biblischen Texte üblicherweise in Latein vorgetragen werden, ist anzunehmen, dass den Schülerinnen im Rahmen ihrer breit gefächerten Ausbildung auch Grundkenntnisse der lateinischen Sprache vermittelt werden. Die Heilige Schrift und die Werke der Kirchenväter zählen zu den Grundlagen geistlicher Beschäftigung und klösterlicher Literatur.
Zwischen 1112 und 1115 legt Hildegard im Beisein von Bischof Otto von Bamberg ihre Ordensgelübde ab. Damit entscheidet sich die junge Novizin bewusst und endgültig für ein klösterliches Leben nach der Regel des hl. Benedikt.
Zusammen mit ihren inzwischen etwa zehn Gefährtinnen bemüht sich Hildegard um geistliches Wachstum. Die Nähe Gottes erfährt sie im Gebet, in der täglichen Feier der Liturgie sowie in den geistlichen Gesängen, die während der Gottesdienste und dem gemeinsamen Gebet vorgetragen oder gesungen werden. Auch die Natur ist für Hildegard eine spirituelle Kraftquelle.
Nach dem Tod Juttas im Jahre 1136 wird Hildegard zur Meisterin, zur neuen Leiterin der Frauenklause gewählt. Sie wird das verantwortungsvolle Amt der Klostervorsteherin bis zu ihrem Tod im Jahre 1179 ausüben, also insgesamt 43 Jahre lang. Dies ist insofern erstaunlich, als Hildegard von Geburt an immer wieder mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat.
Im Jahre 1141, als Hildegard fast 43 Jahre alt ist, vernimmt sie in ihrem Inneren den Auftrag Gottes, die Visionen, die sie seit ihrer frühen Kindheit empfangen hat, niederzuschreiben. Da sie anfänglich aus Unsicherheit und Menschenfurcht zögert, dieser Aufforderung nachzukommen, erkrankt sie schwer. Erst als sie mit Unterstützung eines gelehrten Mönchs mit dem Niederschreiben des Geschauten und Gehörten beginnt, kehren ihre Kräfte und Lebensgeister allmählich zurück. Mönch Volmar, zu dem Hildegard von Anfang an großes Vertrauen hat, soll die Visionsberichte und deren Auslegung, die Hildegard mit ihrem Griffel zunächst in Wachstafeln ritzt, in grammatikalischer Hinsicht korrigieren und auf Pergamentpapier schreiben.
Obwohl Hildegard von Mönch Volmar und von Abt Kuno ermutigt wird, ihre Visionen niederzuschreiben, wird sie immer wieder von Selbstzweifeln und Unsicherheit im Umgang mit ihrer Sehergabe geplagt. In ihrem Bedürfnis nach endgültiger Klarheit wendet sie sich brieflich an eine der damals angesehensten geistlichen Autoritäten: an den Zisterzienser-Mönch Bernhard von Clairvaux. Ihn bittet sie um eine Stellungnahme hinsichtlich der überwältigenden Bilder und Vorgänge, die sich in ihrem Inneren ereignen. Abt Bernhard, selbst Verfasser bedeutender geistlicher Werke, rät Hildegard zum Weiterschreiben an ihren Visionsberichten.
Als Papst Eugen III. von der Seherin auf dem Disibodenberg erfährt, schickt er eine Kommission in das Benediktinerkloster, um die Visionsschriften der bis dahin noch unbekannten Nonne eingehend zu überprüfen. Auf der Synode von Trier (1147/48) liest der Papst unter dem begeisterten Beifall der anwesenden Kleriker Textabschnitte aus Hildegards erstem Buch Scivias (Sci vias domini: Wisse/Erkenne die Wege des Herrn) vor und bestätigt damit offiziell die Echtheit von Hildegards Sehergabe. Mit dieser Anerkennung durch die höchste kirchliche Autorität zeichnet sich ein neuer Lebensabschnitt für die inzwischen 50-jährige Magistra ab. Sie wird zu einer über die heimatlichen Grenzen hinaus bekannten Künderin des Wortes Gottes.
Hildegard als Äbtissin
Bald nach der offiziellen Bestätigung Hildegards als Prophetin und Visionärin durch den Papst steigt auch der Bekanntheitsgrad der Benediktinerabtei auf dem Disibodenberg. Hildegards Ansehen als Vorsteherin der kleinen Frauenklause führt dazu, dass immer mehr Mädchen aus Adelsfamilien um Aufnahme in die klösterliche Gemeinschaft bitten. Die den Frauen zur Verfügung stehenden Klosterzellen reichen jedoch nicht aus, um alle Anwerberinnen aufnehmen zu können. Magistra Hildegard strebt insgeheim wahrscheinlich auch nach Unabhängigkeit vom Männerkloster und so denkt sie an die Gründung eines eigenen Konvents. Sie lässt ihre Umgebung wissen, dass Gott ihr diesen Plan bzw. Auftrag ins Herz gelegt hat. Der Ort für das neue Bauwerk wird Hildegard in einer Vision gezeigt. Auf dem so genannten Rupertsberg, wo die Nahe in den Rhein mündet und wo einst der heilige Rupertus gelebt hat, soll das neue Frauenkloster entstehen.
Die Ruinen des Klosters Disibodenberg heute. In diesem Trakt befand sich das Refektorium. Hildegard war mit Jutta von Sponheim eine der ersten Frauen, die in die ab 1108 errichtete Frauenklause des Benediktinerklosters einzog.
Ihre Mitbrüder, die Benediktinermönche vom Disibodenberg, legen sich allerdings quer: Sie wollen die Nonnen aus verschiedenen Gründen (vor allem wirtschaftlichen) nicht wegziehen lassen. Durch die zunehmende Bekanntheit Hildegards hat das Kloster in Form von großzügigen Schenkungen seitens des Adels profitiert. Diese Zuwendungen würden durch das Wegziehen der Nonnen mit Sicherheit geringer ausfallen. Bevor die Mönche endlich ihre Zustimmung zum Umzug geben, durchlebt Hildegard – mit kräfteraubenden Animositäten der Glaubensbrüder konfrontiert – eine lange und schwere Krankheitsphase. Als der Abt schließlich nachgibt, gesundet Hildegard allmählich wieder, sodass sie sich in den folgenden Jahren als Bauleiterin mit Energie und Entschlossenheit ihren ehrgeizigen Plänen widmen kann.
Das für die Klostergründung vorherbestimmte Gelände erwirbt die engagierte Ordensvorsteherin im Jahre 1147. Großzügige Schenkungen aus adeligen Kreisen sowie die Erbschaft von Gut Bermersheim, welches Hildegards Geschwister dem Kloster Rupertsberg übereignen, machen diesen ersten Schritt zur Unabhängigkeit der Frauengemeinschaft möglich.
Ein neuerlicher Konflikt mit Abt Kuno bahnt sich an, als dieser sich weigert, den Nonnen ihre rechtmäßigen Besitzungen auszuhändigen, die er bislang verwaltet hat – beispielsweise die Mitgift der Nonnen in Form von Liegenschaften und deren Erträge. Dadurch ist die weitere Finanzierung des bereits begonnenen Bauprojekts in Frage gestellt. Erst durch weitere Schenkungen seitens Hildegards Verwandtschaft und des lokalen Adels kann sich die in wirtschaftlicher Hinsicht kritische Situation entspannen.
Trotz aller Schwierigkeiten und Hindernisse kann Hildegard im Jahre 1150 mit etwa 20 Nonnen das Klosterareal auf dem Rupertsberg beziehen. Anfangs ist die Geduld der Schwestern aufgrund noch nicht vorhandener bzw. nicht fertiggestellter Räumlichkeiten sehr gefordert. Ställe, Scheunen, eine Waschküche sowie ein Backhaus sind für eine mittelalterliche Klosteranlage ebenso unentbehrlich wie eine Kapelle und eine Klosterkirche. Auch an ein Skriptorium sowie an Kunstwerkstätten wird bei einer Klostergründung normalerweise gedacht. Hildegard waren diese ausgewiesenen Räume der Kunst- und Wissensweitergabe sicher ein zentrales Anliegen bei der Planung ihres Konvents. Zur Selbstversorgung müssen Felder und Äcker bestellt werden. Die nach und nach angelegten Gärten liefern Obst und Gemüse und in den umsichtig angelegten Kräuterbeeten werden Heilmittel für die eigene Klosterapotheke gewonnen.
Einige der adeligen Nonnen lehnen sich bald nach dem Wegzug vom Disibodenberg gegen die aus ihrer Sicht unannehmbaren Zustände und Entbehrungen in der neuen Unterkunft auf, andere verlassen – enttäuscht und überfordert – für immer das neu errichtete Kloster auf dem Rupertsberg.
Doch nach Bewältigung der anfänglichen Herausforderungen kann das Ordensleben auf dem Rupertsberg unter der klugen und fürsorglichen Leitung Hildegards aufblühen. Es dauert nicht lange, bis sich erneut junge adelige Frauen bei Hildegard vorstellen und um Aufnahme in die klösterliche Gemeinschaft bitten.
Die erste urkundliche Bezeugung des Klosters Rupertsberg fällt in das Jahr 1158. Von Kaiser Barbarossa lässt sich die vorausplanende Äbtissin 1163 einen Schutzbrief ausstellen, in dem die Besitzungen und Rechte der Ordensgemeinschaft ein für alle Mal bestätigt und abgesichert werden.
Kloster Rupertsberg um 1620, Stich in Meissner, Politisches Schatzkästlein, 1638.
Das von Hildegard von Bingen gegründete Kloster wird 1632 im Dreißigjährigen Krieg von den Schweden zerstört. Die Nonnen fliehen zunächst nach Köln, 1636 finden sie Zuflucht im Kloster Eibingen.
Die Klosteranlage auf dem Rupertsberg bietet für insgesamt 50 Nonnen Platz und Beschäftigung. Damit ist sie größer als die meisten Frauenklöster der damaligen Zeit, die durchschnittlich zwischen 20 und 30 Nonnen aufnehmen können. Innerhalb des Klosterbezirks gibt es auch eigene Häuser für Angestellte und Gäste. Wie ein späterer Sekretär Hildegards – Wibert von Gembloux – voller Bewunderung berichtet, hat die Bauherrin in allen Arbeitsräumen (vermutlich in der Küche, der Klosterapotheke, der Krankenabteilung, der Waschküche sowie in den Ställen) Rohre für Fließwasser anfertigen lassen. Ein Novum für die damalige Zeit!
Gute zehn Jahre später erweist sich die neu errichtete Klosteranlage aufgrund der weiterhin anwachsenden Frauengemeinschaft als zu klein. Hildegard entschließt sich, in Eibingen bei Rüdesheim ein verwaistes Augustiner-Doppelkloster zu erwerben. Die zielstrebige Bauherrin vom Rupertsberg lässt dieses durch Kriegswirren beschädigte Gebäude wieder herrichten, sodass bald darauf – im Jahre 1165 – insgesamt 30 Schwestern in das fertiggestellte Klostergebäude einziehen können. Im Gegensatz zu Hildegards Erstgründung, wo nur adelige Frauen Einlass fanden, werden in Kloster Eibingen vermutlich auch Mädchen bürgerlicher Herkunft aufgenommen.
Zweimal wöchentlich besucht die inzwischen hochbetagte Äbtissin die ihr anvertrauten Nonnen am gegenüberliegenden Ufer des Rheins. Dabei nimmt sie beachtliche Strapazen auf sich: Sie muss jedes Mal (vermutlich auf einem Kahn) den Rhein überqueren und einen relativ langen Fußmarsch bis zum Tochterkloster in Kauf nehmen.
Hildegards Predigtreisen
Trotz zunehmender Altersbeschwerden und strapaziöser Reisebedingungen (auf dem Rücken von Pferden, in der Kutsche, auf dem Schiff oder zu Fuß) unternimmt Hildegard zwischen 1158 und 1171 nachweislich mehrere Predigtreisen (vermutlich vier größere) quer durch Deutschland. Bei diesen Gelegenheiten besucht die gerngesehene Äbtissin auch einige befreundete Klöster. Auf öffentlichen Plätzen und in etlichen Kathedralen (u. a. in Köln, Trier, Lüttich, Mainz, Metz, Bamberg und Würzburg) wendet sie sich an das Volk und im Besonderen an die in Verruf geratene hohe Geistlichkeit. In der ihr zugewiesenen Rolle als „Posaune Gottes“ warnt Hildegard die Menschen eindringlich vor zunehmender Gottvergessenheit und dem Verlust moralischer Integrität.
Die Menschen – vor allem auch der Klerus – sollten ihr skrupelloses Verhalten ändern und sich um eine angemessene christliche Lebensweise bemühen. Die abstoßende Lebensführung vieler Geistlicher kommt auch in vielen Briefen der Seherin offen zur Sprache. Anstatt sich um ihre eigentliche Aufgabe – die Seelsorge und den Dienst an Armen – zu kümmern, bezichtigt Hildegard die geweihten Männer, wie besessen Reichtum und Besitz nachzulaufen und ein zügelloses Leben zu führen. Da Hildegard ganz offensichtlich im Namen einer höheren Autorität spricht und dementsprechend glaubwürdig den Willen Gottes kundtut, wird sie vom Volk respektiert und geachtet.
Nach längerer Krankheit stirbt die Prophetin und „Posaune Gottes“ am 17. September 1179. In ihrer Vita, herausgegeben von den Mönchen Gottfried und Theoderich, wird berichtet, dass zum Zeitpunkt ihres Todes ein großes Lichtkreuz am Himmel erschien.4 Das Datum ihres Sterbetags hatte sie ihren Schwestern vorausgesagt.
Hildegard – (k)eine Heilige?
Nach ihrem Tod gab es mehrere Versuche, die Seherin vom Rupertsberg offiziell heiligzusprechen. Warum diese letztendlich scheiterten, kann man heute nicht mehr genau nachvollziehen. Angeblich waren die Unterlagen nicht ganz vollständig, sodass diese mehrmals vom Papst mit der Bitte um Ergänzung an die Kirche von Mainz zurückgeschickt wurden. Diese zeigte sich im Gegensatz zur Rupertsberger Schwesterngemeinschaft an einer Kanonisierung Hildegards offenbar nicht sonderlich interessiert. Dessen ungeachtet wird Hildegard vom Volk schon bald nach ihrem Tod als Heilige verehrt, vor allem im deutschsprachigen Raum. Ihre prophetische Botschaft zeichnet sich durch eine besondere Zuverlässigkeit und weitestgehend durch zeitlose Gültigkeit aus.
Obwohl Hildegard seit dem 15. Jahrhundert im Römischen Martyrologium als Heilige angeführt wird, sollte es noch einige Jahrhunderte dauern, bis Hildegard offiziell heiliggesprochen wird. Am 10. Mai 2012 wird die Kanonisation schließlich durch den deutschen Papst Benedikt XVI. feierlich vollzogen bzw. „nachgeholt“: Hildegard von Bingen, prophetissa teutonica – die deutsche Prophetin – wird in den Stand einer Heiligen erhoben. Somit kann sie offiziell als Heilige der Universalkirche angerufen werden. Hervorgehoben wird in dem Heiligsprechungsdekret unter anderem Hildegards enge Verbundenheit mit Christus, aus der ihre geistige Fruchtbarkeit entspringt, welche „ihre Zeit erleuchtete und sie zu einem unvergänglichen Vorbild der Wahrheitssuche und des Dialogs mit der Welt machte“ (Papst Benedikt XVI., Heiligsprechungsakte).5
Noch im selben Jahr, am 7. Oktober 2012, ernennt Papst Benedikt XVI. die Heilige zur Kirchenlehrerin. Damit ist Hildegard eine von nur vier Frauen (neben mehr als 30 männlichen Kirchenlehrern), die mit dem Titel doctor Ecclesiae für ihre hervorragenden Leistungen innerhalb der kirchlichen Lehrtradition geehrt wird.
Kloster Eibingen – Nach einer wechselvollen Geschichte wird das Kloster 1802 im Zuge der Säkularisation aufgehoben und verliert somit sämtliche Besitzungen. Der einstmals quadratische Gebäudekomplex wird in der Folge zerstört. Über der einstmaligen Klosterkirche steht heute die Pfarrkirche Eibingen. In ihr befindet sich der Hildegard-Schrein, dessen Echtheit 1857 nachgewiesen werden konnte.
Abtei St. Hildegard in Rüdesheim/Eibingen – An das 1802 aufgelassene und später abgerissene Kloster Eibingen erinnert die 1904 errichtete Abtei St. Hildegard, wo heute inmitten der Weinberge noch fast 60 Benediktinerinnen das geistige Erbe ihrer berühmten Vorgängerin weitertragen.
Neben der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem literarischen und künstlerisch-musikalischen Vermächtnis der Hildegard von Bingen führen die Ordensfrauen unter anderem einen gut sortierten Buchladen, in dem neben dem reichen Angebot an Literatur auch Kunstgegenstände verschiedenster Genres verkauft werden.
Wein aus eigenem Anbau (aufgrund hervorragender Qualität mehrfach prämiert) kann zusammen mit anderen Edelweinen bzw. Getränken sowie allerlei kulinarischen Spezialitäten in einem kleinen Laden entlang der Frontfassade verkostet und erworben werden. Auch eine Goldschmiede und ein Keramikatelier sowie eine Restaurationswerkstätte für kirchliche Archivalien befinden sich innerhalb der weitläufigen Klostermauern. Ein Gästetrakt beherbergt Frauen und Männer, die sich für einige Zeit zurückziehen möchten, um sich der Stille und inneren Sammlung hinzugeben. Die Gebetshoren und liturgischen Angebote der geistlichen Schwestern stehen für Gäste des Klosters sowie für Besucherinnen und Besucher von auswärts offen.
Bei den Feierlichkeiten rund um die Ernennung Hildegards zur „Lehrerin der Universalkirche“ würdigte Papst Benedikt die mittelalterliche Benediktinerin als Frau mit einem „prophetischen Geist“ und einer „ausgeprägten Liebe zur Schöpfung“. Beim Festakt verwies er unter anderem auf ihren „wertvollen Beitrag zur Entwicklung der Kirche ihrer Zeit“ sowie auf ihre „herausragende Lehre“. Ihre beachtlichen Verdienste auf dem Gebiet der Glaubensweitergabe stellen eine der insgesamt vier Bedingungen dar, die für eine Erhebung zur Kirchenlehrerin erfüllt sein müssen. Der deutsche Papst würdigte die Benediktinerin als eine Frau von „lebhaftiger Intelligenz“ und „tiefer Sensibilität“, die als „anerkannte geistliche Autorität“ immer eine „große und treue Liebe“ zu Christus und der Kirche bewahrt habe.
Hildegards literarische Hinterlassenschaft
Neben ihren Zuständigkeiten als geistliche Leiterin zweier Schwesternkonvente und zugleich als Verwalterin zweier Klosteranlagen findet die Äbtissin erstaunlicherweise auch noch Zeit für schriftstellerische Tätigkeiten. Hildegard versucht ihrer Berufung als Seherin und Prophetin gerecht zu werden, indem sie ihre Visionen – die enorme Fülle des Gehörten und Geschauten – in Worte kleidet und in der Folge möglichst vielen Menschen zugänglich macht. Der lateinkundige Mönch Volmar steht ihr dabei als Sekretär und wohl auch als geistlicher Berater zur Seite. Er versteht es, die vielbeschäftigte Äbtissin immer wieder zum Weiterschreiben zu ermutigen. Bis zu seinem Tod im Jahre 1173 bleibt er ihr ein treuer Weggefährte. Über viele Jahre bemüht sich Volmar, Hildegards mangelhaftes Latein zu verbessern, ohne dabei inhaltliche Änderungen an ihren Texten vorzunehmen.
Schon zu Lebzeiten Hildegards hat der fromme und gelehrte Mönch mit den Aufzeichnungen einer Hildegard-Vita begonnen. Nach seinem Tod übernimmt Mönch Gottfried seine Aufgaben als Sekretär und Propst im Kloster Rupertsberg. Von ihm stammt der Großteil der Vita der hl. Hildegard. Seine Aufzeichnungen werden später – kurz nach Hildegards Tod – von Theoderich, einem Mönch aus Echternach, für die Abfassung seiner Vita s. Hildegardis Virginis benützt. In diesem Werk finden sich auch autobiografische Fragmente, die Hildegard zwischen 1167 und 1169 verfasst haben dürfte. Nach dem frühen Tod Gottfrieds lässt sich Wibert von Gembloux, ein Bewunderer Hildegards aus den Niederlanden, von seinem Kloster freistellen, um die für ihn ehrenvolle Aufgabe als Sekretär auf dem Rupertsberg zu übernehmen. Auch Wibert – ein überdurchschnittlich gebildeter Mönch – hat während seiner Jahre in Hildegards Kloster mit dem Verfassen einer Vita begonnen. Diese ist zwar Fragment geblieben, wurde aber in die von Theoderich zusammengestellte Vita eingearbeitet.
Bei einer Vita handelt es sich nicht um eine vollständige (historische) Dokumentation eines Lebensweges, sondern um eine bewusste Auswahl von staunenswerten Begebenheiten aus dem Leben eines Heiligen bzw. einer Heiligen. Angesichts der manchmal etwas überzeichneten Beschreibungen ihres Lebensweges sollte die Äbtissin als geistbegabte und charismatische Persönlichkeit in die Geschichte eingehen. Insofern soll eine Vita auch zur Erbauung der Leserschaft und zum Lobpreis Gottes beitragen. Darüber hinaus leistet sie einen wesentlichen Beitrag auf dem Weg zu einer Heiligsprechung.
Skulptur der hl. Hildegard, Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen, Bronze von Karl-Heinz Oswald.
Die Äbtissin wird als Frau mit einer schmalen, zerbrechlichen Gestalt und hagerem Gesicht dargestellt. Ihre geschlossenen Augen könnten innere Sammlung, konzentriertes Nachdenken oder kontemplatives Betrachten ausdrücken.
Hildegards umfangreicher Briefwechsel, der sich über 33 Jahre erstreckt, bezeugt das große Vertrauen und Ansehen, das Hildegard innerhalb der verschiedensten gesellschaftlichen Schichten genießt. Hochrangige Persönlichkeiten wie Päpste, Kardinäle, Bischöfe, Äbte und Äbtissinnen sowie weltliche Würdenträger bis hinauf zu den Kaisern Friedrich Barbarossa und Konrad wenden sich an die geistbegabte Nonne vom Rupertsberg, um von ihr Rat und Hilfe in unterschiedlichsten Angelegenheiten zu erhalten. Die lange Liste an Adressatinnen und Adressaten lässt auf den hohen Bekanntheitsgrad der Äbtissin vom Rupertsberg schließen. Auch Gräfinnen und Fürstinnen, ja sogar die griechische Kaiserin und die englische Königin finden sich unter ihnen. Nicht selten wird von der visionär begabten Nonne ein prophetisches Wort, eine weise Beurteilung in wichtigen politischen oder persönlichen Angelegenheiten erbeten – manchmal auch vor wichtigen Entscheidungen.
Die zahlreichen Briefe an Hildegard bleiben nicht unbeantwortet: Neben ihren vielen anderen Verpflichtungen bemüht sich Hildegard, die Wünsche und Fragen all derer zu beantworten, die sich vertrauensvoll an sie wenden. Viele Menschen bitten um ihre Fürsprache bei Gott oder um Trost in ihren unterschiedlichen Bedrängnissen.
Hildegard – die Heilkundige
Im Prolog ihres zweiten Visionsbuches Der Mensch in der Verantwortung erwähnt Hildegard, dass sie zwischen 1151 und 1158 eine Schrift mit dem lateinischen Titel Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum verfasst hat. Es handelt sich um ein Buch von dem inneren Wesen der verschiedenen Naturen der Geschöpfe. Von diesem naturheilkundlichen Sammelwerk existieren nur noch spätere Abschriften. Diese hinsichtlich ihrer Überlieferungsgeschichte jüngeren Handschriften sind im Gegensatz zum Original nicht mehr als ein einheitliches Ganzes erhalten, sondern sie liegen uns heute in zwei Teilen vor: einerseits das Buch Physica (übersetzt: Die Heilkraft der Natur) und andererseits Causae et Curae (Über die Ursachen und die Behandlung von Krankheiten).
In diesen beiden Werken leuchtet eine tiefgründige Kenntnis von Mensch und Natur – gleichsam der gesamten Schöpfung – auf. Aufgrund ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten auf den Gebieten der Heil- und Naturkunde erhält Hildegard von Bingen später den Ehrentitel der „ersten deutschen Naturforscherin und Ärztin“. Hildegards große Kenntnis und Wertschätzung der Natur spiegelt sich auch in ihrer Dichtung wider. Pflanzen, Tiere und Edelsteine erhalten in den bildreichen Texten und Liedern häufig eine symbolische Bedeutung. Damit weisen sie in ihrer Vielfalt auf heilsgeschichtliche Zusammenhänge hin.
Rupertsberger Kodex
Der Rupertsberger Riesenkodex ist eine Art „Gesamtausgabe“ von Hildegards Werken. Mit der Arbeit an dieser Handschrift dürfte im Kloster Rupertsberg noch zu Lebzeiten der Äbtissin begonnen worden sein. Außer den natur- und heilkundlichen Schriften sind alle von Hildegard verfassten Werke enthalten. Der Kodex umfasst 481 Blatt Pergament, ist 46 cm x 30 cm groß und wiegt 15 kg. Er wird unter der Bezeichnung H 2 in der Hochschul- und Landesbibliothek RheinMain verwahrt.
Auf dem hier abgebildeten Blatt 317 beginnt die Vita Sanctae Hildegardis, die von den Mönchen Gottfried und Theoderich verfasste Lebensgeschichte.
Klöster waren im Mittelalter bekanntlich die Anlaufstellen und medizinischen Versorgungsstätten für Kranke und Hilfesuchende. Die größeren von ihnen waren mit Kräutergärten und eigenen Behandlungszimmern ausgestattet. Das medizinische Know-how wurde über die Jahrhunderte an die für die Krankenbetreuung zuständigen Mönche oder Nonnen weitergegeben. Vielfach verfügten die Klöster bereits über medizinische Standardwerke, die häufig mit persönlichen Kommentaren hinsichtlich der Wirksamkeit der angeführten Arzneien ergänzt wurden. So wurde von passionierten Ordensbrüdern oder -schwestern nicht selten eigenes Erfahrungswissen in die Bücher eingefügt und auf diese Weise weitergegeben und verbreitet.
Hildegard selbst ist – wie sie immer wieder in ihren Schriften und Briefen zum Ausdruck bringt – engstens mit Krankheit und körperlichen Beeinträchtigungen sowie mit Schmerzen vertraut. Gerade aus dieser eigenen Betroffenheit heraus weiß Hildegard verhältnismäßig gut über die Bedürfnisse und Botschaften des Körpers Bescheid.
Auch die Abgründe der menschlichen Seele sind Hildegard als Seelsorgerin nicht unbekannt. Traurigkeit, Niedergeschlagenheit und innere Unruhe gehören ebenso zum Menschsein wie Freude und Zuversicht, Wohlbefinden oder Kreativität. Ihre eigenen Erfahrungen im Umgang mit Krisen, mit äußeren oder inneren Widerständen, mit Leiden, Krankheit und Scheitern haben die Benediktinerin innerlich reifen lassen. In ihrer Not und Bedürftigkeit hat sie sich vertrauensvoll, manchmal auch verzweifelt an Gott gewandt und von ihm Hilfe und Kraft zum Durchhalten erfleht. Hin und wieder hat sie auch Menschen ihres Vertrauens ersucht, für sie zu beten. So schrieb sie zum Beispiel an Philipp von Park, einen befreundeten Abt: „Ihr aber … schenkt mir Eure Gebetshilfe, damit ich in der Gnade Gottes verharre. Denn noch immer liege ich – wie Ihr es persönlich gesehen habt – auf meinem Krankenlager. Und da ich keinerlei Sicherheit in mir zurückbehalte, habe ich all meine Hoffnung und mein ganzes Vertrauen einzig auf die Barmherzigkeit Gottes gesetzt.“6
In Liebe und Geduld versucht Hildegard, auf die Bitten und Anliegen ihrer Mitmenschen einzugehen und ihnen nach Möglichkeit zu helfen. Mit ihrem erstaunlichen Heilwissen, das in erster Linie ihrer Intuition und ihrer langjährigen Erfahrung mit Klostermedizin entspringt, weiß sie den verschiedensten Symptomen körperlicher und seelischer Krankheiten zu Leibe zu rücken. Sowohl auf dem Disibodenberg als auch im Kloster Rupertsberg werden Kranke gepflegt und umsichtig betreut. In ihrer Vita wird Hildegard zusammen mit den ihr anvertrauten Schwestern für ihre vorbildhafte Hingabe Armen, Schwachen und Kranken gegenüber gewürdigt. Ein Dienst, der in besonderer Weise mit der Ordensregel des hl. Benedikt (verfasst um 540 n. Chr.) im Einklang steht.7
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