Kitabı oku: «Verspottet, geachtet, geliebt - die Frauen der Reformatoren»

Ich widme dieses Buch meinen Enkelinnen Leonie und Hannah, meiner Tochter Christine sowie meiner Schwiegertochter Josepha, der Ehefrau eines evangelischen Pfarrers.
Inhalt
1 1 Wie die Frauen einander begegnen
2 2 Wie es kam, dass Stumme zu reden begannen
3 3 Von den Schrecken des Krieges
4 4 Wie die Pest das Land verheerte
5 5 Wie Mann und Frau sich aneinander gewöhnten
6 6 Vom Kloster in die Küche
7 7 Wie sich die Geister scheiden
8 8 Wie einer widerrief und die andere standhielt
9 9 Vom Streit um das Abendmahl und warum der Wille nicht frei sein kann
10 10 Wie einem Landgrafen in seiner Not geholfen wurde
11 11 Von Liebe und Abschied
12 12 Die Geschichte einer Gastwirtstochter
13 13 Von der Einsamkeit in der Ehe
14 14 Wie Kinder auf der Welt empfangen wurden
15 15 Von dem Leidensweg einer Tochter und den Irrwegen der Söhne
16 16 Vom Reisen und Ankommen
17 17 Was Katharina Zell an die ganze Bürgerschaft der Stadt Straßburg schrieb
18 18 Wie die Versammlung zu Ende geht
19 Was wir über die Frauen wissen
20 Daten und Fakten zu den Biografien
21 Daten zur Geschichte der Reformation (1517–1564)
22 Literaturhinweise und Quellen
Zitate aus historischen Quellen, jeweils behutsam dem gegenwärtigen Sprachgebrauch angepasst, sind im Text kursiv gesetzt.
1
Wie die Frauen einander
begegnen
500 Jahre ist es her, dass bedeutende Männer die Botschaft von der unverdienten Gnade Gottes verkündeten. An ihrer Seite standen tapfere Frauen und setzten sich auf ihre Weise in den ersten evangelischen Gemeinden für die Lehre der Reformation ein. Sie sind vor langer Zeit in das himmlische Reich eingegangen.
Einige von ihnen lebten in engem Kontakt miteinander, andere kämpften und litten einsam auf ihrem Platz. Wie wäre es, wenn sie zusammenkämen?
Stellen wir uns vor: Eine Nachricht verbreitet sich unter ihnen. Sie kommt von einer Katharina, der Lutherin. Sie ruft die Freundinnen jener vergangenen Tage, auch die Nichtfreundinnen, bekannte Gestalten der Geschichte und unbekannte, jung Gestorbene und solche, die alt wurden. Alle, die gerufen werden, versammeln sich und begegnen einander mit einem Lächeln:
Katharina Kreutter aus Mühlhausen, 1466–1525 (?)
Anna Zwingli aus Zürich, 1484–1538
Argula von Grumbach aus Bayern, 1492–1554 (?)
Katharina Melanchthon aus Wittenberg, 1497–1557
Katharina Zell aus Straßburg, 1497–1562
Katharina Luther aus Wittenberg, 1499–1552
Elisabeth Cruciger aus Wittenberg, 1504–1535
Wibrandis Rosenblatt aus Basel, 1504–1564
Idelette Calvin aus Genf, 1507–1549
Wenn sie nun die Erinnerungen wachrufen und einander ihre Geschichten erzählen, dann fällt ihnen vieles ein, was in der Welt vergessen ist. Sie berichten nicht der Reihe nach, sie halten sich nicht an die Konventionen, sie reden von dem, was ihnen wichtig war, was sie bewegt hat, von ihrem Leiden und ihrem Lieben, ihren Kindern und ihren Ängsten. Sie reden durcheinander und sie hören einander zu.
Eine alte Frau steht in ihrer Mitte, die keine von ihnen kennt.
»Wer bist du?«
Sie lächelt. »Ich heiße Katharina und lebte in Mühlhausen. Gott hat mich zu euch geschickt.«
»So sei willkommen«, sagen die anderen.
»Aber Idelette fehlt noch.« Anna Zwingli blickt im Kreis umher. »Auf Idelette müssen wir unbedingt warten. Sie kommt bestimmt, aber sie ist sehr still und bescheiden.«
Da nähert sich eine. »Braucht ihr mich wirklich?«, fragt die Frau Calvins und tritt in den Kreis.
»Oh ja«, antworten alle.
»Die Menschen wissen nicht, wie es wirklich war«, beginnt die Lutherin. »Sie kennen kaum unsere Namen. Und doch haben wir Großes erlebt, was vor uns keine Frau sich auch nur vorstellen konnte.« Sie wendet sich an Katharina Zell aus Straßburg: »Du hast gepredigt, Zellin! Ich habe sicher viel geredet in meinem Haus und am Tisch mit meinem lieben Herrn Doktor und all den Studenten und Gästen. Manchmal zu viel, wie mein Mann sagte. Aber wohlgesetzte Worte wie du habe ich nie gefunden.«
Die Zellin lacht, sie lacht laut und herzlich. »Ja, ich habe gepredigt, damals am Grab meines Mannes. Da konnten sie es mir nicht verbieten, denn alle wussten, wie furchtbar sein Verlust für mich war. Aber es ist eine lange Geschichte und es war ein weiter Weg, den ich gehen musste. Wollt ihr das hören?«
Die andern nicken: »Ja! Erzähle, wir hören zu.«
2
Wie es kam, dass Stumme zu
reden begannen
»Der gute, der liebe Matthäus Zell! Auf Martin Bucers Rat hat er mich geheiratet. Alle Pfarrer sollten heiraten, so riet der Mönch in Wittenberg, dein lieber Herr Doktor, Lutherin. Aber dass ich, gerade ich, die Frau des ersten lutherischen Pfarrers am großen und berühmten Straßburger Münster werden sollte, das war der unerforschliche Wille Gottes. Ich war doch nur die Tochter eines Schreinermeisters, nur ein einfaches Mädchen.
Ich spielte mit den anderen Kindern im Hof hinter der Werkstatt meines Vaters. Wir trugen unsere Puppen umher, windelten sie, wie wir das bei unseren Müttern gesehen hatten, und legten sie an unsere Brust.
Auf einmal sagte meine Freundin Elsa: ›Du siehst ja aus wie die Gottesmutter mit ihrem Kind.‹
Oh, wie war ich stolz! Als mein Vater aus der Werkstatt trat, sprang ich ihm entgegen und rief: ›Ich bin die heilige Mutter Maria! Ihr müsst mich anbeten!‹
Da hob er die Hand und schlug mir ins Gesicht. Mein ›Kind‹ fiel in den Schmutz und ich lief weinend in die Küche zu meiner Mutter.
›Das ist eine schreckliche Sünde‹, rief sie und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. ›Du gehst noch heute Abend zur Beichte.‹
Als es dunkel wurde, schlich ich in die leere Kirche. Der Priester, der auf dem Stuhl hinter dem Gitter saß, schalt mich eine dumme Gans. Ich hätte die Gottesmutter beleidigt. Obwohl ich noch nicht zehn Jahre alt war, musste ich viele Rosenkränze beten, und er trug mir auf, dass mein Vater sich am Sonntag um einen Ablass für mich bemühen müsse, weil ich sonst ganz gewiss in die ewige Verdammnis geraten würde. Über der Kirchentür sah ich den weit aufgerissenen Rachen des Satans, der mich verschlingen wollte wie all die anderen armen Seelen, und ich rannte weinend nach Hause.
Mein Vater war sehr böse auf mich – und auch auf den Priester –, weil er nun so viel schwer verdientes Geld ausgeben musste. ›Der Kirche in den Schlund werfen …‹, hörte ich ihn murmeln, denn der Ablasshandel war ihm schon längst nicht mehr geheuer. Aber was sollte er tun? Sein eigenes Kind dem ewigen Verderben ausliefern?
Meine Puppe berührte ich nie mehr. Still saß ich in einer Ecke, wenn die anderen ihre ›Kinder‹ umhertrugen oder an die Brust legten. Und nachts – oh, es waren schreckliche Nächte! –, nachts stand ich am Eingang der Hölle, die
Dämonen griffen nach mir und zerrten an meinen Kleidern, dass ich schreiend und schweißgebadet aufwachte.
So ging das viele Jahre. Ich war ein stilles Kind und eine stille Jungfrau. Immer und überall erkannte ich meine Sünde, sah mich auf dem Weg ins Verderben und lebte in ständiger Angst vor dem Gericht Gottes. Bis ich Matthäus Zell im Pfarrhaus predigen hörte. Er war von seiner Gemeinde im Schwarzwald vertrieben worden und nach Straßburg geflüchtet. Die Menschen hielten ihn für einen Ketzer. Darum durfte er nicht im Münster Gottesdienst halten.
Den Tag werde ich nie vergessen. Die Sonne leuchtete durch das Fenster des Pfarrhauses. Das Kreuz auf dem schlichten Altar stand im Licht, im himmlischen Licht, so schien es mir. Nirgendwo waren Bilder von der Hölle zu sehen. Von Gnade sprach Zell, davon, dass Gott uns erlöst habe durch das Blut seines Sohnes. Uns, die wir alle Sünder seien. Dass wir selbst die Gerechtigkeit nicht erwerben könnten, auch nicht mit guten Werken. So habe es der Mönch Martin Luther in der Bibel gelesen, und keiner der vielen gelehrten Theologen konnte ihn widerlegen. Luther habe vor Kaiser und Reichsständen zu seiner Überzeugung gestanden. Da fiel es mir wie Ketten von den Händen und Füßen. Gott erbarmt sich, wenn kein Mensch sich erbarmt!
An einem Sonntag fasste ich Mut und wagte es, nach dem Gottesdienst zu Zell zu gehen. Die Knie zitterten mir und meine Stimme bebte, als ich bekannte, dass ich eine Sünderin sei. Er legte seine große Hand auf meinen Kopf und segnete mich. Da wusste ich, was das ist: Gnade! Unverdiente, geschenkte Gerechtigkeit! Und ich bat Zell um die Schriften Martin Luthers.
In meiner Kammer saß ich und vergaß die Arbeit im Haus, meine Angst vor dem Gericht, den Schlund der Hölle. Als meine Mutter mich rief, stieg ich widerwillig ins Wohnzimmer hinunter und zog mich früh zurück.
›Willst du schon schlafen?‹
›Ich bin sehr müde‹, antwortete ich. Und die Eltern machten sich wohl Sorgen. Aber meine Müdigkeit hinderte mich nicht, atemlos weiterzulesen:
Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Ding und niemand untertan.
Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Ding und jederman untertan. Diese zwei Beschluss sind klar: Sankt Paulus 1 Cor. 9. ›Ich bin frei in allen Dingen und habe mich eines jedermanns Knecht gemacht.‹
Und weiter: Zum fünften hat die Seele kein ander Ding, weder im Himmel noch auf Erden, darin sie lebe, fromm, frei und Christ sei, denn das heilig Evangelium, das Wort Gottes, von Christo gepredigt …
Ich war sehr müde, und die Augen fielen mir fast zu, trotz-
dem nahm ich auch noch die andere Schrift in die Hand:
Denn dies Wort, da Gott spricht: Seid fruchtbar und mehret euch, ist nicht ein Gebot, sondern mehr als ein Gebot, nämlich ein göttlich Werk, das zu verhindern oder zu unterlassen nicht bei uns steht, sondern es ist ebenso notwendig, wie dass ich ein Mannsbild sei, und notwendiger als Essen und Trinken, Reinigung des Leibes, Schlafen und Wachen. Es ist eine eingepflanzte Natur und Art ebenso wohl wie die Gliedmaßen, die dazu gehören.
Am Sonntag brachte ich die Schriften zurück ins Pfarrhaus. Und als ich vor ihm stand, da fasste Matthäus meine beiden Hände und sah mich so freundlich an, dass mir das Herz aufging wie nie zuvor und ich kaum den Weg nach Hause fand. Wenige Wochen später kam der lutherisch gesinnte Martin Bucer mit seiner Frau Elisabeth nach Straßburg. Er forderte Zell auf, zu heiraten, damit er ein Zeichen gegen die Unmoral der römischen Kleriker setze. Da klopfte der Herr Pfarrer ans Tor unseres Hauses. Mein Vater ließ ihn ein, und sie gingen in eine Kammer und sprachen lange hinter verschlossener Tür. Schließlich riefen sie mich und fragten, ob ich denn den Matthäus Zell heiraten würde – und ich antwortete ohne Zögern: ›Ja!‹
Nach der Trauung schloss der Bischof uns vom Abendmahl aus, denn Matthäus war Priester und zur Ehelosigkeit verpflichtet. Dazu konnte ich nicht schweigen! So viele Jahre hatte er ehelos gelebt und nicht nur unter Einsamkeit gelitten. Als ich in unserer ersten Nacht bei ihm lag und er voll Verlangen und doch ein wenig hilflos seine liebe Hand nach mir ausstreckte, da begriff ich, wie wahr es ist, was Luther in seiner Predigt ›Vom ehelichen Leben‹ schrieb: Denn es ist nicht ein freies Ermessen oder Ratschluss, sondern ein notwendig, natürlich Ding, dass alles, was ein Mann ist, ein Weib haben muss, und was ein Weib ist, muss einen Mann haben.
Ich schrieb dem Bischof einen Brief …«
— »Und du hast nie eine Antwort bekommen, nicht wahr? Das kenne ich!«, ruft die edle Frau Argula von Grumbach dazwischen. »So ist es mir mit meinen Briefen auch ergangen!«
»Eine Antwort vom Bischof? Nein, natürlich nicht! Aber das Blatt, auf dem mein Brief gedruckt stand, haben sich die Frauen in Straßburg aus den Händen gerissen und lasen: Eure Töchter sollen Prophetinnen sein, sagt der Prophet Joel. Keine hat gewusst, dass solche Sätze in der Bibel stehen! Doch hört, wie es weiterging:
Als der Rat der Stadt gegen den Willen des Bischofs das Kirchenregiment übernahm, durfte Zell im Münster predigen. Brave Handwerker bauten ihm eine hölzerne Kanzel, die wurde im Gang des Kirchenschiffs hin und her geschoben, denn die Domherren verboten ihm, auf ›ihre‹ Kanzel zu steigen. Tausende strömten herein aus den Gassen und von den Plätzen: Handwerker, Ratsherren, Adlige. Ich stand mitten in dem Gewühl, und ich war stolz auf ihn, meinen Matthäus!«
– »Aber deine Predigt! Erzähle, wie du gepredigt hast!«, drängt Elisabeth.
Einen Augenblick muss Katharina Zell sich besinnen. Zu viele, zu mächtige und bewegende Erinnerungen drängen auf sie ein. Dann richtet sie sich auf.
»Ja, meine Schwestern, ich habe gepredigt, dies eine Mal, aber nicht von der Kanzel. Als ich an jenem Morgen nach einer schlaflosen Nacht aufstand, waren meine Gedanken verworren. Ich fühlte: Ich muss etwas sagen, doch ich wusste auch: Noch nie hat eine Witwe am Grab ihres Mannes in der Öffentlichkeit gesprochen! Und sie hatten mich schon oft genug in der Gemeinde kritisiert, dass ich mich nicht fügen wollte.
Aber hat nicht Maria Magdalena den Jüngern die Botschaft gebracht, dass unser Heiland lebt? Darf ich dann nicht auch reden von der Hoffnung der Christen auf das ewige Leben? Niemand konnte es mir verbieten. Ich habe so viele Jahre lang meinen Matthäus sprechen lassen, denn er war ein großer Prediger vor dem Herrn und zwanzig Jahre älter als ich – doch an seinem Grab musste ich das Wort ergreifen, denn sein Mund hatte sich für immer geschlossen.
Aufgeschrieben habe ich nichts. Erst in den Tagen danach, als so viele kamen und fragten, ob sie nicht die Predigt nachlesen könnten, habe ich alles so ungefähr zu Papier gebracht. Aber in meinem Kopf war diese Rede wie ein Faden, ordentlich auf ein Knäuel gebunden, und als ich begann, wickelte er sich ab, Wort für Wort, Satz für Satz:
Liebe Freunde, dieweil dieses Begräbnis und Handlung mich am größten Teil betrifft … so muss ich auch dazu etwas reden, welches ich mich nicht kann enthalten aus der Fülle meines betrübten Herzens … Zum andern kann ich auch nicht lassen, euch, die ihr also hier vorhanden, weiter zu vermahnen … und euch zu erinnern der Lehre und Lebens, die dieser mein frommer Mann geführt hat …
Es war ein kalter Tag im Januar. Die Menschen standen frierend um das Grab, aber keiner rührte sich von der Stelle.
Ich bitt’ euch aber zuvor, dass ihr mir nichts für Übel aufnehmen, noch an mir ärgern wollt, als ob ich mich jetzt in das Amt der Prediger und Apostel stellen möchte; nein gar nicht, sondern allein wie die liebe Maria Magdalena ohne Vorbedacht ihrer Gedanken, zu einer Apostolin ward und vom Herrn selbst gedrungen, den Jüngern zu sagen, dass Christus erstanden wäre und zu seinem und unserem Vater aufgestiegen, also ich jetzt auch, ohne allen meinen Vorsatz, da ich, aus meinem Haus gegangen, nicht gedacht habe, etwas so mögen zu reden …
Ja, sie haben sich in ihre dünnen Mäntel gehüllt, der Schnee fiel in das offene Grab, und sie hörten zu. Ich habe ihnen das Vaterunser ausgelegt, so wie es mich mein Matthäus gelehrt hat, alles, was ich über die Gerechtigkeit allein aus dem Glauben wusste, habe ich ihnen verkündet, damit sie wissen: Mag auch der gute Pfarrer Zell in Gottes Reich eingegangen sein: Seine Botschaft ist nicht mit ihm dahingegangen!
Am Ende polterte die Erde auf den Sarg und die Totengräber taten ihr Werk. Aber ich stand wie unter einem offenen Himmel und wusste: Es war nicht umsonst!«
– Elisabeth lächelt. »Du hast gut daran getan zu reden! Du hast ihnen gezeigt: Auch durch uns spricht der Geist Gottes! Mein Caspar hat es gewusst, aber er traute sich noch nicht, es laut zu sagen.«
»Erzähle!«, sagt die Lutherin. »Ich weiß, du hast Verse niedergeschrieben, die noch heute in den Kirchen gesungen werden, Elisabeth!«
Elisabeth lässt sich nicht lange bitten.
»Ja. Es war eines Morgens, noch vor Sonnenaufgang. Ich wachte auf, und das Lager neben mir war leer. Ich wusste, wohin Caspar gegangen war. Er liebte es, den nächtlichen Himmel zu betrachten und über den Gang der Sterne nachzudenken. Wunderbare Geschichten hat er mir erzählt, wenn wir in der Nacht zum Firmament schauten.
Ganz fest nahm er mich in seine Arme, es sah uns ja niemand, und zeigte mir die Bilder, von denen schon die Griechen erzählt hatten: Orion und Kassiopeia, Herkules und den Schwan. Aber nichts liebten wir mehr als den Morgenstern, wenn er aufging und die Nacht vertrieb. Als ich nun allein auf meinem Lager daran dachte, wie nun wieder der Morgenstern aufgehe, da kam es mir, dass unser lieber Herr Jesus wie das rettende Licht über unserem Leben steht. Es erfüllte mich dabei eine solche Freude wie nur einmal zuvor: als nämlich unser guter Freund Bugenhagen im Kloster Marienbusch uns staunenden Mädchen von der Gnade und Barmherzigkeit Gottes erzählte.
Da stand ich auf, holte mir von Caspars Schreibtisch ein Blatt und tauchte die Feder in seine Tinte. Als er schließlich hereinkam, in seinen Mantel gehüllt und trotzdem fröstelnd, rief ich ihn in die Schreibstube und zeigte ihm das Blatt.
Herr Christ, der einig Gotts Sohn,
Vaters in Ewigkeit,
aus seim Herzen entsprossen,
gleichwie geschrieben steht,
er ist der Morgensterne,
sein Glänzen streckt er ferne
vor andern Sternen klar …
Er sah mich an, dann wieder das Blatt Papier. ›Wie schön‹, sagte er, ›wie wunderschön!‹, legte seinen Arm um mich und las weiter:
… für uns ein Mensch geboren
im letzten Teil der Zeit,
dass wir nicht wärn verloren
vor Gott in Ewigkeit,
den Tod für uns zerbrochen,
den Himmel aufgeschlossen,
das Leben wiederbracht:
Lass uns in deiner Liebe
und Kenntnis nehmen zu,
dass wir am Glauben bleiben,
dir dienen im Geist so,
dass wir hier mögen schmecken
dein Süßigkeit im Herzen
und dürsten stets nach dir.
›Wie wunderbar‹, sagte Caspar, ›wie schön das klingt. Das muss man singen: dein Süßigkeit im Herzen! Du bist eine Dichterin!‹ Und er las laut die letzten Strophen:
Du Schöpfer aller Dinge,
du väterliche Kraft,
regierst von End zu Ende
kräftig aus eigner Macht.
Das Herz uns zu dir wende
und kehr ab unsre Sinne,
dass sie nicht irrn von dir.
Ertöt uns durch dein Güte,
erweck uns durch dein Gnad.
Den alten Menschen kränke,
dass der neu’ leben mag
und hier auf dieser Erden
dein Sinn und alls Begehren
und G’danken hab zu dir.
›Ich werde es dem Herrn Doktor geben!‹, rief Caspar, als er alles gelesen hatte.
›Wirklich?‹ Ich erschrak.
Noch am selben Tag ging er zu Martin Luther ins ›Schwarze Kloster‹. Ich wartete mit klopfendem Herzen an unserer Haustür. Was würde der große Herr Doktor dazu sagen? Er war ja einer, vor dem Kaiser und Papst sich fürchteten. Und wer war denn ich? Eine Klosterschülerin aus Pommern, die von seiner Botschaft gehört hatte. Eine, die als Fremde, als Flüchtling nach Wittenberg gekommen war und nur einen Namen kannte: den Lehrer Johannes Bugenhagen! Ihm hatte ich geglaubt, als er zu uns von der Gerechtigkeit Gottes redete und von der Freiheit eines Christenmenschen.
Ich sah Caspar mit schnellen Schritten über den Marktplatz zurückkommen. Und dann erzählte er: Martin Luther las meine Verse und staunte. ›Sie hat das geschrieben? Sie?‹ Dann klopfte schon wieder ein Student an die Tür, er legte das Blatt zu anderen Liedern, die er selbst geschrieben oder gesammelt hatte, und sagte, er werde es wohl mit aufnehmen in das neue Gesangbuch, aus dem die Evangelischen singen sollten. ›Aber‹, rief er meinem Caspar noch nach: ›Es muss niemand wissen, dass sie es geschrieben hat!‹ Caspar tröstete mich: ›Warte nur ab!‹
Und er hatte recht. In der zweiten Auflage des Gesangbuchs stand nicht mehr ›anonymus‹, sondern ›Elisabeth Cruciger‹ als Verfassername unter dem Lied. Da war Luther schon dein lieber Eheherr geworden, Katharina, und da wusste er auch, wie gut Gott es gemeint hat, als er Mann und Frau füreinander schuf. Bei unserer Hochzeit sprach er noch so streng mit uns davon, wie viel Kummer, Not und Schweiß der Ehestand mit sich bringen würde. Ach, es war auch nicht leicht, wir waren so jung und ich hatte keine Mitgift, doch Caspar und ich, wir hatten einander von Herzen lieb. Er sagte immer wieder: ›Du hast Vater und Mutter verlassen und bist aus Pommern gekommen, weil du der Botschaft des Martin Luther geglaubt hast. Du bist viel mutiger als die meisten von uns Männern.‹ Aber als ich einmal träumte, ich stünde auf der Kanzel und predigte (es war ein wunderschöner Traum!), lachte er mich aus: ›So weit wird es nie kommen.‹«
– »Ha! Nicht von der Kanzel, aber mit der Feder haben wir uns doch schon längst eingemischt!« Es ist Frau Argula, die wieder das Wort ergreift.
»Ja, Euch hat man gelesen!«, antwortet eine.
»Ihr konntet Euch ausdrücken, Frau Argula, sogar in gereimten Versen!«, meint eine andere. »Eure Schriften und Briefe haben sich die Frauen auf den Märkten aus den Händen gerissen!«
Die stolze Fürstin schüttelt lächelnd den Kopf. »Meine Schwestern, ich habe nicht mehr getan als ihr durch eure Worte und euren Dienst. Es war mein Glück, dass ich gute Lehrer hatte. Und dass mein teurer Vater mir schon, als ich noch ein Kind war, eine Bibel zu lesen gab, eine deutsche Bibel.«
»Luthers Bibelübersetzung habt Ihr schon als Kind gelesen?«, fragt die Lutherin.
»Nein, es war die ältere von Koberger. Die Sätze waren schwer zu verstehen, vieles konnte ich erst später begreifen. Aber trotzdem, auch in dieser sehr unvollkommenen Form habe ich so wunderbare Erzählungen kennengelernt wie die von Mirjam am Schilfmeer und der Richterin Debora. Solche Texte haben uns die Priester nie zu lesen erlaubt!«
Da rührt sich die fremde alte Frau: »Ja, wir sollten es nicht wissen, was in der Bibel steht. Und als ich davon hörte, da … ihr werdet es nicht glauben, Schwestern: Ich habe auch gepredigt. Sie haben es mir als eine schwere Sünde angerechnet. Aber ich habe es nie bereut. Sogar das Brot und den Kelch habe ich den Männern gereicht.«
»Du? Du hast das Abendmahl ausgeteilt? Erzähle!«
Die andern drängen sich um sie, doch die Alte hebt abwehrend die Hände: »Nein, lasst mich, noch nicht! Ich will erst hören. Ich habe einen hohen Preis gezahlt für dieses Verbrechen, wie man es nannte. Seht die Narben an meinen Händen und in meinem Gesicht. Es war Krieg. Wisst ihr, was das bedeutet: Krieg?«
»Der Aufstand der Bauern?«
»Das Gemetzel der Fürsten?«
»Der Krieg des Kaisers gegen die evangelischen Fürsten?«
Sie reden alle durcheinander, es waren zu viele Kriege, die sie durchmachen mussten. Nur eine schweigt und verbirgt das Gesicht in den Händen.
Wibrandis Rosenblatt, die vielfache Witwe, legt den Arm um die Schultern von Zwinglis Frau: »Lasst Anna
reden! Sie weiß mehr als wir alle.«
Anna Zwingli sieht die anderen an, jede Einzelne, als wollte sie fragen: »Wirklich? Ihr seid bereit, das zu hören?«
Es wird still. Die Lutherin nickt. »Rede, Anna!«
3
Von den Schrecken des Krieges
»Es war nur eine Schlacht. Ich weiß, dass andere lange Kriegszeiten durchgestanden haben, dass viele auf der Flucht waren. Wir alle kennen die Verzweiflung der Witwen und Waisen. Und wir haben von dem Schreien und Toben auf den Schlachtfeldern gehört.
Bei mir war es nur ein Tag, stellt euch vor: ein Tag. Mit den Kindern und meinen großen Töchtern saß ich zusammen, während draußen der Herbststurm tobte. Die Männer waren alle fort: mein erster Sohn Gerold, mein Bruder, mein Schwiegersohn – und Zwingli, unser Vater, Ziehvater, treuer Ehemann und Tröster. Sie waren alle fort, draußen auf dem Feld bei Kappel. Ganz Zürich hatte ihnen das Geleit gegeben. Niemand wollte wieder aufgeben, was wir gewonnen hatten: die gute neue Lehre, die Menschenfreundlichkeit, die Freude an der Gnade, die uns die Seligkeit versprach. Die katholischen Kantone aber waren voll Rachsucht und Hass, aufgestachelt von ihren Priestern. Sie zogen heran – und mein Zwingli, der so viel in Büchern las und so viel predigte, der auch im Haus ein liebevoller Vater war und mich, mich, seine Frau, mit Achtung behandelte – er griff zum Schwert!
Seine Eltern hatten ihn Ulrich genannt, aber in jenen Jahren nannte er sich ›Huldreich‹, denn er wollte den Menschen mit Liebe begegnen. Der Heilige Ulrich von Augsburg war sein Vorbild, dem er nacheiferte. Als junger Priester war Zwingli mit Schweizer Söldnern nach Italien in den Krieg gezogen. Das Leiden und Sterben der Soldaten verstörte seine Seele. Im Grauen der Schlacht lernte er die Macht des Bösen kennen. Und dabei glaubte er doch, dass der Mensch gut und vernünftig sei. Nie wieder wollte er Krieg erleben! Immer redete er für den Frieden. Aber nun sah er sein Werk gefährdet, für das er lange Jahre alle Kraft eingesetzt hatte. Und so griff er zum Schwert.
Als er vor mir stand, dachte ich: Es sieht seltsam aus, wie er das Schwert hält. Und als er es in die Scheide stecken wollte, fiel es ihm aus der Hand und schepperte auf den Boden.
›Bleib hier‹, rief ich, ›du bist kein Kämpfer. Ich weiß, wie ein Krieger sein Schwert hält! Du kannst das nicht. Und sagte nicht unser Herr und Heiland: Wer das Schwert zieht, der wird durchs Schwert umkommen?‹
Zwingli sah mich an, seine Augen funkelten. ›Soll ich zusehen, wie meine Schafe hingemetzelt werden? Bin ich ein Mietling, wie der Herr sagte, oder ein guter Hirte?‹ Es war ein Stolz in seiner Stimme, den ich bei ihm vorher nicht gekannt hatte. Wenn Männer zu Kriegern werden, dann ist die Demut dahin.
Was sollte ich tun? Ich musste ihn ziehen lassen, wie ich Johann habe ziehen lassen – fast zwanzig Jahre zuvor. Und nun auch Johanns Sohn, meinen Gerold. Der wusste das Schwert zu halten, der war wie sein Vater ein Kämpfer voller Mut und Kraft. Aber die da aus den katholischen Kantonen kamen, hatten auch ihre stolzen Krieger. Schwestern, wann wird das endlich ein Ende haben? Diese blitzenden Augen, dieser Wille zu kämpfen?
Manches Mal an diesem Tag sah ich die Sonne durch die Fenster leuchten, gelbes Laub füllte den Garten und an den Bäumen glänzte es noch wie Gold. Doch dann kam der Wind und trieb dunkle Wolken über die Stadt.
Wir saßen und warteten. Die kleinen Jungen, Wilhelm und Huldreich, gerade fünf und drei Jahre alt, spielten mit Bauklötzen, ihre Schwester Regula mit einer Puppe. Die erwachsenen Töchter saßen wie ich mit gefalteten Händen. Auch Margarethas Mann war in die Schlacht gezogen.
Da kam Unruhe an der Haustür auf.
›Mutter, ein Bote!‹
Ich stand auf und ging ihm entgegen. Die Mädchen standen neben mir, aneinandergeklammert. Als ich sein Gesicht sah, wusste ich: Er brachte keine gute Botschaft.
›Euer Sohn Gerold …‹
Er sprach nicht weiter, ich wusste es auch so. Tot! Mein erster Sohn, das Glück meiner jungen Jahre, auch dann noch, als sein Vater starb, der stolze Johann von Knonau. Mein lachender Gerold, Zwinglis liebster Schüler …
Die Mädchen schluchzten laut, ich stand bewegungslos.
Und schon wieder schlug es heftig an die Tür. Ein anderer Bote stürzte am Fuß der Treppe nieder. ›Frau – es ist schrecklich!‹ Blut lief ihm übers Gesicht. Er stöhnte und stieß es hervor:
›Euer Bruder …‹
Mein einziger Bruder! Tot. Und Anton, mein Schwiegersohn. Tot. Mit einem furchtbaren Schrei fiel Margaretha mir in die Arme. Wir hielten einander umklammert.
Aber es war noch kein Ende des Schreckens. Mit lautem Geheul näherten sich geschlagene Krieger unserm Hause. ›Er ist nicht mehr! Er ist nicht mehr – unser Vater, unser guter Herr … Er ist nicht mehr!‹
Da wurde es still, ganz still. Totenstill.
So war es. Das war der Tag, an dem ich Witwenkleider anlegte und sie nie wieder ablegte in den Jahren, die dann noch an mir vorüberzogen. Sie kannten mich nicht mehr und ich kannte sie nicht mehr. In mir war alles leer, alles tot.
Meine armen Kinder und ich fanden Zuflucht bei dem guten und treuen Prediger Bullinger, der Zwinglis Nachfolger wurde. Wir litten keine leibliche Not und wir hörten das Wort von der Auferstehung. Aber ich wartete auf den Tod, sieben Jahre lang. In manchen Nächten habe ich zu Gott geschrien: Warum durfte ich nicht kämpfen und sterben – mit denen, die ich liebte? Warum hast du dieses Opfer von mir gefordert? Warum gerade von mir? Nur wenn ich vor dem Tabernakel kniete, in das mein guter Mann die Heilige Schrift gelegt hatte, wenn ich ihn – mit geschlossenen
Augen – auf der Kanzel stehen sah und in mir seine Stimme hörte, so ruhig, so fest, so tröstlich: ›Anna – du weißt, dass dein Erlöser lebt!‹ – nur dann wurde ich ruhig.«
– Lange schweigen die Frauen, jede in ihre Gedanken versunken.
Erst als Katharina Zell einen tiefen Seufzer ausstößt, wenden sie sich einander zu. »Ich sehe sie wieder kommen!«
»Wen denn, Zellin?«, fragt eine.
»Die, die vor dem Krieg geflohen sind.«
»Das wollen wir hören!«, fordern die andern.
Und die Zellin erzählt:
»Ich war so glücklich, in Straßburg zu leben. Kein Krieg hat uns dort erreicht, wir lebten in einer Oase des Friedens – trotz der ständigen Auseinandersetzungen mit dem Bischof, der uns alle am liebsten auf den Scheiterhaufen gebracht hätte. Diese Stadt, mein geliebtes Straßburg mit seinem hoch aufragenden Münsterturm, seinen leuchtenden Fenstern, seinen fest gebauten Häusern, schien unter dem Segen des himmlischen Vaters zu stehen: freie Reichsstadt, dem katholischen Kaiser untertan und doch erfüllt von der Sehnsucht nach dem reinen und unverfälschten Evangelium! Gerade deshalb kamen die Opfer des Krieges zu uns.
Es war im Juni, kurz vor der Zeit der Ernte. Aber nur der Tod erntete in dem schrecklichen Jahr 1525. Sie kamen aus den umliegenden Dörfern. Ein endloser Zug! Frauen, Kinder, Greise.
Einer unserer Knechte rief mich aus der Küche: ›Da kommen welche auf das Stadttor zu! Wir müssen die Tore schließen!‹
Ich lief mit ihm hinaus, und Nachbarn drängten sich um uns.
Die Wächter kamen uns entgegen: ›Frau Katharina, was sollen wir tun?‹ Viele standen schon am Tor und fürchteten ein feindliches Heer. Aber die da heranzogen, waren keine Krieger. In den ausgemergelten Gesichtern stand der Hunger, stand die Verzweiflung.
Es war die Zeit, in der die Bauern gegen die Fürsten aufstanden. Sie hatten gelesen, was dein lieber Herr Doktor geschrieben hat, Lutherin: Von der Freiheit eines Christenmenschen … Sie wollten niemandem mehr untertan sein, nur Gott selbst. Und da hat der Teufel sie gepackt, und sie haben gebrannt und gemordet. Ich bin selbst mit dem Pfarrer Capito und meinem Matthäus in ihrem Lager gewesen. Wie haben wir sie angefleht: Legt sie nieder – die Heugabeln, die Dreschflegel! Sie hatten ja nur erbärmlichste Waffen, aber sie hatten auch eine große Wut.
›Der Martin Luther hat’s gesagt‹, riefen sie. ›Es ist genug mit der Drangsal durch die Fürsten und geistlichen Herren! Genug Frondienste! Genug mit den Abgaben, sodass unsere Kinder hungern, während sich die christlichen Herren den Bauch vollschlagen und ausspucken, weil sie’s nicht mehr vertragen können.‹
Einige redeten sehr ernst mit uns und wir konnten ihnen nichts erwidern als das: ›Gott wird euch Gerechtigkeit verschaffen! Überlasst es dem Herrn!‹
Aber andere drängten sich dazwischen und bedrohten uns mit ihren Spaten: ›Nie hat uns einer geholfen. Soll doch der Doktor Martin Luther kommen und mit uns kämpfen. Sonst helfen wir uns selbst.‹ Sie waren bereit zu sterben. Und bei Scherweiler wurden sie grausam geschlagen.«
– Da begehrt die Lutherin auf: »O ja! Der Doktor Martin Luther hat’s gesagt und anders gemeint. Er verzweifelte und wollte auch sterben. Wenn ihr ihn gesehen hättet, wie er durch das leere Schwarze Kloster in Wittenberg lief, die Hände rang und zum Himmel schrie: ›Der Teufel hat sie besessen. Der Teufel führt das Regiment! Und ich, ich bin schuld daran!‹ Nie war ihm die Macht des Satans bedrohlicher erschienen als in jenen Wochen. Noch viele Jahre später hat er es nicht überwunden, als er von den Predigern sprach, die durch ihre Worte zu Totschlägern werden könnten: ›Ich habe im Aufruhr alle Bauern erschlagen.‹« Die Lutherin schweigt und sinnt dem Vergangenen nach.
Am tiefsten bewegt ist die fremde alte Frau. Tränenüberströmt greift sie nach den Händen der Zellin. Als die andern sie auffordern zu reden, schüttelt sie wieder den Kopf. »Nein, redet ihr. Ich will hören.«
Und so beginnt Katharina Zell von Neuem:
»Als die Knechte die Stadttore schließen wollten, rief ich meinen Matthäus: ›Das geht nicht! Wir müssen sie aufnehmen!‹
›Sie können sich vor der Stadt lagern‹, sagten die andern.
›Wo willst du sie unterbringen?‹, fragte Matthäus.
Der Zug schien kein Ende zu nehmen. Und dennoch wagte ich es und rief: ›Es ist genug Platz!‹
›Also, im Namen des Herrn Jesus Christus, lasst sie herein‹, befahl mein Mann. Und so blieben die Tore offen.
Ganz vorn ging eine Frau in schmutzigen Lumpen. Sie trug ein Bündel an der Brust, und als ich auf sie zuging, schlug sie das Tuch zurück. Da lag ein Kind. Es war tot, aber die Frau schrie: ›Gebt mir Milch! Gebt mir Milch, dass es nicht stirbt!‹
Und dahinter ging ein Greis an einem Stock. Als er das Tor erreichte, fiel er zur Seite. Speichel lief aus seinem Mund. Sie holten Wasser, gaben ihm zu trinken und schleppten ihn in den ersten Hof. Ein kleines Mädchen klammerte sich an meinen Rock und wimmerte um Brot.
Inzwischen waren die Nachbarinnen zusammengelaufen. Einige standen nur da und gafften, andere ergriffen ein Kind, eine Frau, einen alten Mann und führten sie in ihr Haus. Matthäus und ich nahmen im Pfarrhaus in der Bruderhofstraße so viele auf, wie wir im Hof, im Keller und unterm Dach unterbringen konnten – es müssen wohl an die sechzig gewesen sein. Als immer noch nicht alle eine Zuflucht gefunden hatten, brachten wir sie in die Franziskanerkirche und ließen sie an den Seitenaltären lagern. Es sollte ja nur für ein paar Tage sein.
Der Magistrat der Stadt versammelte sich und gab seine Zustimmung. Der Ratsherr Lukas Hackfurt – sein Name soll nicht vergessen werden! – trat an meine Seite und fertigte Listen an. Allmählich hatten die Menschen begriffen, was zu tun sei. Sie schleppten Wasserkrüge herbei, der Bader versorgte Wunden, die Mütter brachten Milch, und wo ein Säugling in der Familie war, boten sie einer Mutter an, mit ihrem Kleinen dazu zu kommen.
Ich ging von Haus zu Haus. Wo Platz war, bat ich im Namen Jesu darum, noch einen Flüchtling aufzunehmen. Wo ich Familien allein am Tisch sitzen sah, bat ich sie zusammenzurücken. Es gefiel nicht allen, dennoch war eine große Bewegung in der Stadt. Matthäus stand auf dem Marktplatz und predigte: ›Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan …‹ Und alle wussten: Damit sind auch die Schwestern gemeint – und die Kinder!
Abends wurden die Stadttore geschlossen. Es wurde still nach all dem Lärm in den Gassen. Aus manchen Häusern hörte man Weinen, aber hier und da sangen sie die schönen neuen Lieder: ›Und wenn die Welt voll Teufel wär …‹
Denkt nicht, dass es einfach war: Die Flüchtlinge kamen aus zerstörten Dörfern, die Männer waren im Kampf gefallen oder als Gefangene fortgeführt, gequält, gefoltert worden. Tagelang waren die Menschen unterwegs gewesen, ohne Wasser, ohne Brot. Sie waren schmutzig und brachten Ungeziefer ins Haus, manche kannten auch noch gar keine Latrinen, sondern verrichteten ihre Notdurft an den Straßenecken. Die Frauen in den Häusern hatten ihre liebe Not, ein wenig Ordnung aufrechtzuerhalten. Auch im Pfarrhaus gab es keine ruhige Ecke mehr. Wenn mein Matthäus an seiner Predigt arbeitete, dann ging ununterbrochen die Tür zu seinem Arbeitszimmer, denn auf dem Flur hatte sich eine Familie eingerichtet und die Strohsäcke für die Kinder lagen neben seinem Schreibtisch. Aber wenn wir hörten, was denen zugestoßen war, die bei uns Zuflucht suchten, wie man ihr Vieh niedergestochen, ihre Häuser angezündet hatte, wie sie das Schreien ihrer Männer, Söhne, Brüder gehört hatten, die man auf den glühenden Rost warf – o Christenmenschen, was tut ihr einander an! –, dann wurden wir ganz still und baten den allmächtigen Vater um Erbarmen.
Ich saß bei der Frau, die mit dem toten Kind an der Brust gekommen war. Wir weinten miteinander. Auch mein Kind war gestorben, nur einige Wochen vorher. Niemand weiß, warum. Es hatte getrunken, in warmen Windeln gewickelt in der Wiege gelegen – und öffnete die Augen nicht mehr. Als der Schmerz mich zerriss und ich zu Gott schrie: ›Warum, Herr, warum?‹, da gab mir mein Herz Antwort: ›Nimm dich der armen Kinder an!‹ Und so begruben wir den kleinen Jungen in geweihter Erde, und gemeinsam suchten wir die Kleinsten auf, die ohne ihre Eltern angekommen waren und nicht wussten, ob Mutter oder Vater noch lebten. Ich hatte in diesen Tagen keine Zeit zu trauern. Bis in die Nacht verteilten wir Nahrung und Kleider überall in den Häusern. Es gab auch manchen Streit zu schlichten. Und Tote zu begraben.
Der Rat nahm, was sich in der Armenkasse fand, die wir eigentlich für die Bedürftigen unserer Stadt eingerichtet hatten. Konnten wir denn ein Kind hungern lassen, nur weil es nicht in Straßburg zur Welt gekommen war? Die Verantwortlichen hatten schlaflose Nächte, und doch war es wie ein Wunder: In den Häusern fragten die Menschen nicht, wer bezahlte. Sie gaben, was sie hatten, und alle wurden irgendwie satt. Es gab keinen Braten, aber Suppe und Brot. Und wir dankten Gott für den Reichtum, der sich in den Kellern fand, und noch mehr für den Reichtum der Herzen.
Ein halbes Jahr sind sie geblieben, dann zogen die Familien, eine nach der anderen, in ihre Dörfer zurück. Sie bauten Häuser auf, soweit noch ein starker Arm da war, um zu bauen. Manche wohnten im Stall. Doch sie begannen, die Felder zu bestellen. Alte starben und Kinder wurden geboren. Aus den Knaben wurden junge Männer. Es war Friede – und nichts schien den Menschen wichtiger.«
– »Aber wie bald, wie bald kam der nächste Krieg! – Ja, Zellin, auch ich war ein Flüchtling mit meinen Kindern.«
Die fremde alte Frau sieht die Lutherin erstaunt an. »Du? Warst du nicht sicher unter dem Schutz des Kurfürsten, der seinen Martin Luther nicht preisgab, nicht dem Kaiser und nicht dem Papst?«
»Nein, auch für mich gab es keine Sicherheit. Ihr habt vergessen, dass mein Martinus vor mir starb. Und wenige Jahre später wurde unser treuer, unser großmütiger Kurfürst Johann Friedrich vom Kaiser gefangen genommen! Wisst ihr nicht mehr, was für ein Entsetzen durch die Reihen der Evangelischen ging? Der Herrscher über das gute protestantische Sachsen – vom Kaiser als Gefangener mitgeführt, zum Hohn und Spott der katholischen Fürsten!«
Und die Lutherin erzählt ihre Geschichte:
»Dem alten Kanzler Brück, der nach Luthers Tod für unser Wohlergehen sorgen sollte, ging es nur darum, mir die Vormundschaft für meine Kinder zu entziehen, die Martinus in seinem Testament mir anvertraut hatte! Ich kämpfte wie eine Löwin. Mitten hinein in diese Auseinandersetzung kam die Nachricht, dass die Truppen des Kaisers sich Wittenberg näherten.
Ein Entsetzen packte die Menschen, und sie sahen mich auf der Straße von der Seite an: ›Die da … die da und ihre Kinder, die sind der Grund …‹ Noch ein paar Monate vorher hatten sie auf dem Markt tiefe Bücklinge gemacht: ›Frau Doktorin‹ hier, ›Frau Doktorin‹ da. Jetzt war ich der Grund für die Gefahr. Warum sonst sollte der Kaiser
seine spanischen Truppen in das kleine Wittenberg
schicken, während der Kurfürst in Torgau residierte? Es konnte nur einen Grund geben: Er wollte die Familie des
aufsässigen Mönchs bestrafen, verbrennen, sein Grab schänden und wahrscheinlich die ganze Stadt in Schutt und Asche legen.
In meinem Herzen hörte ich den Herrn Doktor sprechen: ›Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib …‹, aber als ich die Kinder sah, Paul und Maruschel, die so fröhlich im Garten spielten, als sei das Reich Gottes in Sachsen schon angebrochen – da überwältigte mich der Gedanke, sie würden vielleicht von den Kriegsknechten gefesselt, erschlagen, verbrannt, weil sie die Kinder Martin Luthers waren. Mein Herz wurde schwach, schwächer als jemals zuvor. Gott hat mir verziehen. Das Herz einer Mutter ist ein weiches Ding. Ihr wisst es, Schwestern.
Auch mein treuer Freund, dein lieber Philipp, Frau Nachbarin – auch Melanchthon riet zur Flucht. Ich warf einige Säcke mit Getreide und Gemüse auf den Wagen, Urban, der treue Knecht, hielt die Zügel und wir fuhren in den kalten Morgen hinein. Hinter uns blieb das Schwarze Kloster zurück, die Gärten, das Vieh. Alles, was ich in Jahrzehnten aufgebaut hatte. Und vor mir die Straße, die Sonne, die hinter den Wolken aufging.
Ich wäre gern dahin geflüchtet, wo ich einen Freund wusste, der uns Schutz hätte geben können: Christian von Dänemark. In meinem Rocksaum eingenäht trug ich den Ring, den er mir schenkte, als ich noch die entlaufene Nonne Katharina von Bora war und im Hause Cranachs arbeitete. ›Wenn ich könnte, so würde ich Euch zur Königin machen …‹, hatte er geflüstert.
Natürlich konnte er nicht. Als er mich Jahre später als Hausfrau im Schwarzen Kloster wiedersah, da lächelte er und sagte, als es niemand hören konnte: ›Ich sehe, Ihr seid eine Königin geworden.‹ Treu war er über all die Jahre, schickte uns Fässer mit Heringen und Butter – aber jetzt brauchte ich mehr: eine Zuflucht!
Dänemark war weit, zu weit. Ich nahm die Straße nach Dessau. Als es schon dunkelte und ein heftiger Regen uns alle durchnässte, kamen wir durch ein Dorf. Vor einem großen Bauernhaus hielt ich die Pferde an und bat um ein Obdach für die Nacht.
›Woher kommt Ihr?‹, fragte die alte Frau misstrauisch.
›Aus Wittenberg.‹
›So, so, aus Wittenberg. Dahin ziehen jetzt die Kaiserlichen, hat man gesagt, um wieder Ordnung zu schaffen. War auch nötig. Was hat uns dieser vermaledeite Mönch doch für Unordnung gebracht.‹
Ich erschrak und wusste doch nicht, wie ich für diese Nacht noch eine andere Unterkunft finden sollte.
›Ihr könnt in der Scheune bleiben‹, sagte die Alte und humpelte ins Haus zurück.
In dem Augenblick kam die junge Bäuerin heraus. ›Was redest du da wieder für dummes Zeug, Mutter? Sei froh, dass mal einer den Missbrauch der Sakramente und dies Gerede vom Ablass laut und öffentlich gebrandmarkt hat.‹
›Ach du, ich weiß ja, dass du dich zu denen hältst. Aber es war doch früher alles besser.‹
Die Alte zog sich schimpfend zurück, die junge Frau holte uns in die Stube. ›Wie sieht es aus in Wittenberg? Wisst Ihr etwas von Luthers Frau? Man sagt, der Kaiser wolle sie auf dem Scheiterhaufen sehen.‹
Die Kinder standen neben mir mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen. ›Nein, nein‹, sagte ich, ›Luthers Frau ist in Sicherheit, und noch hat kein spanischer Soldat Wittenberg betreten.‹
Wir verbrachten die Nacht in der Scheune und zogen am Morgen weiter. Von fern sahen wir die Türme Magdeburgs, wo unser Freund Amsdorf Bischof war. Aber auch dort hatten die Leute Sorge: ›Sollen wir sie beherbergen? Ziehen wir uns nicht des Kaisers Zorn zu?‹
Melanchthon hatte versprochen, uns Nachricht zu senden, wie es in Wittenberg gehe. Ich wartete bange Wochen. Die Truppen des furchtbaren Alba verwüsteten Sachsen. Wohin sie kamen, brannten die Häuser und die Kirchen, die man alle für lutherische Kirchen hielt. Wo sie einen Pfarrer im schwarzen Rock fanden, verprügelten sie ihn und warfen ihn aus dem Fenster oder in die Jauchegrube. Mancher von den treuen Brüdern opferte sein Leben für den guten evangelischen Glauben. Und die Soldaten erreichten Wittenberg.
Jemand hatte ihnen wohl gesagt: ›Hier hat er gewohnt!‹ Sie warfen Feuer in das Schwarze Kloster. Aber die alten Mauern – Gott sei’s gedankt! – widerstanden. Nur alle Äcker, alle Gärten, das Vieh, die Ställe: Sie tobten, nahmen, was sie essen konnten, zerstörten, was für sie unbrauchbar war, und über den Marktplatz näherten sie sich der Schlosskirche. Melanchthon hat es mir geschrieben: Die Menschen, versteckt in ihren Häusern, hielten den Atem an. Es hieß, der schwarze Herzog, Alba der Schreckliche, sei in die Kirche gegangen. Seine Soldaten standen vor der Tür und warteten auf den Befehl einzudringen. Das Grab aufzubrechen, den kaum verwesten Leichnam zu schänden: Das war es, worauf sie hofften. Als könnte damit alles zuschanden werden, was der große Mann gedacht und getan hatte. Aber es kam anders, und als ich in Magdeburg die Kunde hörte, wollte ich es nicht glauben, sank auf die Knie und lobte Gott unter Tränen, denn er hatte sich zu seinem Knecht bekannt, hatte noch den, der im Grab lag, mit seinem Schutz umgeben. Nichts geschah! Mit dröhnenden Schritten verließ Alba die Kirche und versiegelte die Tür.
Die Truppen zogen ab. Wir kehrten zurück und fanden, dass die Mauern des Klosters noch standen. Die Mägde kamen aus den Dörfern, wo sie sich versteckt hatten, und wollten wieder bei mir arbeiten. Auch einige Studenten bezogen ihre alten Zimmer und warteten, dass neue Vorlesungen an der berühmten Wittenberger Universität beginnen würden. Aber es dauerte nicht lange, dann hieß es: ›Sie kommen zurück! Die Kaiserlichen kommen noch einmal!‹ Wären die Kinder nicht gewesen: Ich wäre geblieben!«
– »Was für ein Elend, Lutherin! Und doch hat Gott dich bewahrt.«
»Ja, aber wir flohen wenig später wiederum und kamen noch einmal zurück. Der Weg nach Dänemark war zu weit, zu viel Kriegsvolk unterwegs. Zu viel Not in den Häusern, als dass sie noch etwas hätten abgeben können. Wieder war alles durchwühlt, geplündert. Wieder versuchte ich neu anzufangen. Aber die Kraft reichte nicht mehr. Es blieb bei den notdürftigsten Reparaturen. Und wer wollte schon in dem zweimal verwüsteten Haus wohnen? Ich hatte kein Geld mehr, die Mägde zu bezahlen, nur unser alter Knecht blieb bei mir, aus Treue, nicht, weil ich es ihm bezahlen konnte. Und doch gelang es mir noch einmal, ein wenig Leben in die alten trutzigen Mauern zu bringen. Aber dann war es die Pest, die uns endgültig vertrieb …«
– Alle kennen sie: die Geißel, mit der Satan die Menschen schlug – und Gott ließ ihn gewähren. Was mit Kraft und Glauben aufgebaut wurde, fiel in sich zusammen. Die Kinder – in Liebe empfangen, in Verantwortung erzogen – wurden hinweggerafft wie Blumen auf dem Feld. Keine weiß davon so viel zu erzählen wie die stille Frau Wibrandis.
»Erzähle du von der Pest, Wibrandis!«, sagt die Zellin.
4
Wie die Pest das Land verheerte
»Ihr wisst es, Schwestern, der Tod war mir vertraut wie ein Bruder. Ich wusste, er kommt, wann er will, er klopft nicht an, er ist da und nimmt, wovon er meint, es sei sein Recht. Nur meine Mutter und mich hat er über lange Zeit verschont. An uns ging er vorbei, auch wenn wir sterbensmüde waren. Manches Mal habe ich ihn gefragt: Warum nimmst du nicht mich? Aber er tat, als hörte er nicht.
Zwei Jahre lebte ich als eine glückliche junge Frau – doch mein Cellarius starb, mein kluger Ehemann, und mit Wibrandis, unserer Tochter, blieb ich zurück. Da kam der Pfarrer Oekolampad, zweiundzwanzig Jahre älter als ich und auch schon recht gebrechlich. Sie haben viel hinter unserm Rücken gelästert, als er mich zur Frau nahm. Bis dahin hatte Oekolampad bei seiner Mutter gewohnt, die ihn versorgte, sodass er sich ganz und gar seinen Studien widmen konnte. Nun war sie gestorben, ließ den Vater Oekolampads als hilflosen Greis zurück, und der Sohn saß über seinen Büchern und wusste nicht, was er essen sollte, konnte Erbsen und Linsen nicht unterscheiden und vergaß, seine Kleider zu wechseln. Mit der Betreuung und Pflege des alten Vaters war er gänzlich überfordert. Wie sollte eine Haushälterin das alles bewältigen? Und so rieten die Freunde dem Pfarrer dringend zu heiraten.
Ich war noch jung und hatte Kraft. Es hieß, ich sei schön. Und ich wusste, wie es ist, mit einem Mann verheiratet zu sein, der griechisch denkt und lateinisch spricht. So fiel es mir nicht schwer, mich auf seine Eigenheiten einzulassen. Meine kleine Tochter hatte damit eine neue Heimat gefunden, ebenso wie meine Mutter. Die war zwar noch rüstig, aber sie setzte sich gern einmal neben den alten Vater ans Fenster, und dann sprachen sie von vergangenen Zeiten.
Ich brachte Leben ins Haus. Es dauerte nicht lange, da hielt der Pfarrer Oekolampad mit staunender Freude seine Kinder im Arm. Das Wunder des neuen Lebens spornte ihn in seiner Arbeit an. Die vielen Gäste, die Unruhe, der Lärm – das alles war er nicht gewohnt, doch er ertrug es geduldig. So hat er in unserer Stadt Basel segensreich für die Reformation gewirkt, ja, zusammen mit deinem lieben Mann, Anna, den Gang der Gespräche über das Abendmahl mit bestimmt. Aber nach nur drei Jahren war seine Kraft verbraucht. Im selben Unglücksjahr, in dem Zwingli in Kappel fiel, starb Oekolampad, und ich war mit vier Kindern und meiner Mutter allein. ›Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei …‹ steht im ersten Buch Mose, und der gute Doktor Martin Luther hielt alle Geistlichen an, es ihm gleich zu tun und eine Frau zu nehmen. Aber was, wenn dem Mann die Frau, der Frau ihr Mann starb?
Unsere Freunde suchten Rat – einen Ernährer für mich und meine Kinder und gleichzeitig eine verständnisvolle Ehefrau für den Pfarrer Capito in Straßburg, dem die Frau gestorben war. Zellin, du kennst den Capito, ein kluger, aber ein schwieriger Mann. Viele Gespräche gab es bei euch in Straßburg und bei uns in Basel: Ob er denn wohl …? Ob ich denn wohl …? Denn das wisst ihr: Gezwungen haben uns die evangelischen Freunde nicht. Sie wussten auch: Dieser Ehemann war sechsundzwanzig Jahre älter als ich. Es graute ihm vor der großen Familie, die ich mitbrachte. Und ich musste meine Heimat verlassen, mein liebes Basel. Doch hatte ich die Wahl, mittellos und für vier Kinder verantwortlich? Man hat mich gewarnt. Und Capito hatte zuerst eine andere Frau im Sinn. Aber es war Gottes Wille. So zog ich mit meinen Kindern und meiner immer noch rüstigen Mutter nach Straßburg und fand dort Frauen voller Kraft und Eifer für das Evangelium, wie dich, Zellin, die uns mit großer Herzlichkeit aufnahmen. Das war ein fröhliches Kommen und Gehen zwischen unseren Häusern, denen des Pfarrers Zell, des Pfarrers Capito und des Pfarrers Bucer.
Wir hatten eine gute Zeit miteinander, mochte Capito auch schwierig sein: Unser Haus war voller Leben und Lachen. Oft, liebe Zellin, hast du mir im Verborgenen geklagt, dass Gott dir deine beiden kleinen Kinder genommen hat. Bei uns erlebtest du mit, welche Freude das war, wenn sie miteinander spielten und sangen, manchmal tobten und manchmal andächtig beteten. Aber auch wir mussten ein Kind gehen lassen, die kleine Irene, Oekolampads jüngste Tochter, geboren, kurz bevor Oekolampad starb. Sie war ein fröhliches kleines Mädchen und wir hörten oft ihre Stimme durchs ganze Haus rufen. Dann kam im Winter das Fieber und sie hustete Tag und Nacht. Immer schwächer und stiller wurde sie, ihre Hände lagen auf der Decke wie zwei herabgefallene Blütenblätter und rührten sich nicht mehr. Wir legten sie in die Erde, und die anderen Kinder standen in weißen Kleidern um ihr Grab.
›Ist Irene nun ein Engel?‹, fragte Eusebius, der älteste Junge.
›Ja‹, sagte ich, ›sie ist nun ein Engel und steht vor Gottes Thron. Da darf sie beten und singen mit all den andern Engeln, und der Herr Jesus sieht sie liebevoll an.‹
›Dann ist es ja gar nicht schlimm zu sterben.‹
›Nein, Eusebius, es ist nicht schlimm für den, der stirbt, aber die, die zurückbleiben, sind sehr traurig wie wir auch. Denn wir haben Irene lieb gehabt.‹
Die Kinder durften im Haus nie laut sein, das vertrug Capito nicht. Er hatte auch manche Eigenart, stand, wenn ihn die Schwermut drückte, erst am späten Vormittag auf und ging klagend durchs Zimmer, dass ihn niemand schlafen lasse. Er arbeitete an seinen Predigten bis in die Nacht und zerriss am Morgen die vollgeschriebenen Blätter. Du hast mir geholfen, Zellin, und die Kinder zu dir geholt, wenn er in seiner Trübsal versank und ich sie nicht ruhig halten konnte. Oder wenn ich in den Wehen lag und die Hebammen halfen, ein neues Kind auf die Welt zu holen, damit es die Liebe Christi und die Gnade des himmlischen Vaters erfahre und weitergebe. In mancher schweren Geburtsstunde hast du mir beigestanden, und wir haben gemeinsam gedankt und Gott gelobt für das neue Leben. Fünfmal war ich schwanger, fünf gesunde Kinder wurden uns geschenkt. Und so waren es sieben Kleine, die bei uns am Tisch saßen zusammen mit meiner Mutter, Wibrandis, meiner großen Tochter, und den vielen Gästen, die aus und ein gingen.
Nur an Geld fehlte es uns, sodass ich mich oft in großer Sorge zu Bett legte und am Morgen früh wach lag und den Herrn bat, uns zu helfen. Capito hatte in früheren Jahren für einen Betrüger eine Bürgschaft übernommen. Es fehlte ihm an Menschenkenntnis und Vorsicht. Die inständigen Beteuerungen eines Mannes, der ein neues Leben anfangen wollte, überzeugten ihn, etwas Gottgewolltes zu tun. Das brachte uns in Not, denn der Mann verschwand aus der Stadt, und was er sich geliehen hatte, musste Capito zurückzahlen. Das heißt, eigentlich musste ich es zurückzahlen, denn es blieb kaum genug, um uns alle satt zu bekommen – und auch noch die Hilfsbedürftigen, die an unsere Tür klopften. Capito rechnete nie und verstand nicht, warum es bei uns so selten ein Stück Braten und so oft nur Haferbrei gab.
Trotz allem, Schwestern, war es ein gutes Leben, bis die Pest in Straßburg einbrach. Erst war es nur ein Gerücht aus den Häusern der Armen: Man habe Tote mit schwarzen Beulen zu Grabe getragen.
Dann stand eine Frau aus der Gemeinde weinend vor unserer Tür. Es war Abend, die Kinder schliefen schon, und Capito öffnete und ließ sie herein: ›Mein Kind stirbt, Herr Pfarrer, mein Mann liegt im Fieber …‹
Capito ging. Was sollte er tun? Wir konnten doch Sterbenden nicht den Beistand verweigern. Ich lag wach, als er spät in der Nacht zurückkam. Bleich und erschöpft lehnte er an der Tür. Und die Tür war noch einen Spalt offen. ›Ich werde besser fortgehen.‹
›Aber wohin, wohin willst du gehen? Sie ist überall.‹
Er sah mich an und begann zu weinen. ›Wir werden alle sterben.‹
›Wir sind in Gottes Hand‹, sagte ich und führte den zitternden Mann in die Küche. Die Tür fiel zu, und ich wusste: Sie ist jetzt bei uns.«
– »Hast du nicht daran gedacht zu fliehen?«
»Wohin hätte ich fliehen können, Lutherin? Irene – wir hatten Capitos dritte Tochter nach unserer verstorbenen kleinen Irene genannt – war erst ein halbes Jahr alt. Meine große Tochter Wibrandis bereitete sich auf ihre Hochzeit vor, ich schickte sie aus dem Haus. Und dann waren da noch die anderen fünf Kinder: Eusebius war 13, seine Schwester ein Jahr jünger, die Mädchen von Capito acht und fünf, die beiden kleinen Jungen zwei und vier Jahre alt. Und meine Mutter lebte bei uns, kümmerte sich wohl um die Kleinen, aber war doch inzwischen auch viel zu alt und schwach, um fortzugehen. In Bucers Haus gab es fünf Kinder, und auch sie blieben alle, denn unsere Männer gingen zu den Kranken und beteten mit ihnen.«
– Erschöpft hält Wibrandis inne.
Die Lutherin bricht nach einiger Zeit das Schweigen:
»Als die Pest zum ersten Mal nach Wittenberg kam, sind wir auch geblieben. An dem Abend, an dem im Schwarzen Kloster die alte Magd Therese starb, habe ich meinen Herrn Doktor gefragt: ›Ist es Sünde, vor der Pest zu fliehen?‹
Er ging in sein Arbeitszimmer, während wir unten die Stuben der Mägde ausräucherten und Therese hinübergetragen wurde zum Friedhof. Nach einigen Stunden kam er die Treppen hinunter und sagte: ›Nein, es ist keine Sünde. Wenn du um der Kinder willen die Stadt verlassen willst …‹
Da hab ich geschrien: ›Nie und nimmer gehe ich ohne Euch!‹ Und so blieben wir.
Ein paar Tage später bekam unser kleiner Hans Fieber und weinte die ganze Nacht. Ich saß bei ihm, hielt ihn auf dem Schoß und spürte, wie sich mein zweites Kind, die kleine Elisabeth, in mir regte.
Da knarrte auf einmal die Tür und meine Tante Lene kam herein, stand im weißen Hemd an Hänschens Bett und seufzte nur: ›Ach, Käthe!‹ Es war damals gerade erst ein paar Monate her, dass der gute Leonard Koppe sie aus dem Kloster zu uns gebracht hatte. In dieser kalten Nacht erschien sie mir wie ein Engel. Ich begann zu weinen. Sie nahm mir das Kind aus dem Arm und wiegte es, leise singend. ›Geh schlafen, Käthe‹, sagte sie.
›Ich habe Angst.‹
›Es sind die Zähne, Käthe. Es ist nicht die Pest. Es sind ganz bestimmt die Zähne.‹
Als hätte er es gehört, schrie Hans noch kräftiger und presste die kleine Faust in den Mund. Da stand Tante Lene auf und ging mit ihm durch die Kammer auf und ab, auf und ab. Langsam beruhigte er sich, und ich spürte plötzlich, wie müde ich war. So ging ich, legte mich neben Luther, der laut schnarchte, und schlief sofort ein.
Am Morgen kam ein Bote: Der Doktor Augustin, der die Kranken besuchte und pflegte, würde uns seine Frau bringen …
Unser Haus wurde in den Bann getan. Auf dem Markt erregten sich die Frauen, dass wir Kranke aufgenommen hätten, die uns den Tod bringen würden. Ich ging, schwer atmend unter der Last des Ungeborenen, an ihnen vorbei, sprach mit niemandem, holte aus unserm Garten, was noch möglich war, gab den Kindern Milch und Äpfel – und wartete. Nach ein paar Tagen spielte Hänschen wieder und zerriss unterm Schreibtisch des Vaters Papiere. Und Anfang Dezember kam Elisabeth zur Welt. Gott hat uns verschont – damals.
Aber als mein Herr Doktor gestorben war und nur noch Paul und Maruschel bei mir lebten, da hatte ich kein Vertrauen mehr, zumal die ganze Universität nach Torgau aufgebrochen war und die Professoren dort ihre Vorlesungen hielten, an denen auch unser Martin teilnahm. Ich ließ die Pferde anspannen, wir packten, was wir noch besaßen – viel war es ja nicht mehr –, und ein paar Studenten saßen mit auf. Ich war schon alt, ja, aber ich meinte, die Zügel könnte ich schon noch besser halten als Paul oder der alte Urban. Ich war es ja gewohnt, nachdem wir zweimal vor dem Krieg geflohen waren. Doch die Straßen waren
aufgeweicht, wir kamen kaum voran, die Pferde scheuten und ich konnte sie nicht mehr halten. Ich stürzte vom Kutschbock und rutschte in den Wassergraben am Rande der Straße. Alle schrien durcheinander, sie wollten mich herausziehen und mir auf die Beine helfen, aber ein rasender Schmerz machte mich fast bewusstlos. So zerrten sie mich mit Mühe aus dem Wasser, lagerten mich auf der Erde und hoben mich dann, so behutsam es ging, auf den Wagen. Nun musste doch der alte Urban die Pferde lenken. Bei jedem Stein, über den die Räder fuhren, schrie ich vor Schmerz.
Endlich, endlich erreichten wir Torgau. Sie trugen mich in eine Stube auf ebener Erde nicht weit vom Schloss und holten den Arzt des Kurfürsten herüber. Aber was sollte er tun? Meine Knochen waren gebrochen. Die Schmerzen quälten mich Tag und Nacht. In meiner Not schrie ich zu Gott: ›Verzeih, dass ich fliehen wollte!‹ Die Freunde, die dann kamen, um mich zu trösten, sprachen mir gut zu, dass es wohl Gottes Wille sei, aber nicht eine Strafe, denn ich hätte doch nichts Unrechtes getan und meine Kinder am Ende in Sicherheit gebracht.
So ist es mir ergangen. Zwei Monate habe ich gelitten, bis unser Vater mich erlöste und in sein Reich aufnahm. Aber die Kinder lebten.«
– Wibrandis seufzt. Es fällt ihr schwer, weiterzuerzählen.
»Ich musste einen anderen Weg gehen. Als das Sterben begann, bat ich Gott, er möge mich bis zum Schluss aufsparen, damit ich den andern beistehen könnte. Er hat mich erhört, anders, als ich es meinte … Aber so konnte ich wenigstens bei ihnen sitzen, ihre Stirne kühlen, ihnen Wasser einflößen, sie waschen oder wärmen und mit ihnen beten. Eusebius warf es zuerst nieder, aber da wusste ich: Nun würde der Tod durch alle Stuben gehen. Ich bekenne euch, Schwestern, wie ich es auch Gott bekannt habe: An seine Liebe habe ich nicht mehr glauben können. Es hat mir das Herz zerrissen, ihr Leiden anzusehen. Die tief eingefallenen Augen, die verzerrten kleinen Gesichter, das Weinen, die Schmerzen: ›Muss ich denn sterben, Mutter? Warum?‹ Ja, warum? Meine Kinder! Unter so viel Schmerzen zur Welt gebracht, aus Gottes Hand dankbar empfangen, gestreichelt und gesäugt. Sie hatten doch jeden Abend im einfältig-frommen Gebet ihre kleinen Sünden bekannt. Und es war keines unter ihnen, das nicht gehorsam und fromm war, selbst wenn es manchmal Geschrei und Zank gab: Sie hatten einander lieb und passten aufeinander auf. Als dann Eusebius so elend lag und niemand außer mir zu ihm durfte, da sah ich die Angst und das Entsetzen in den Augen der Mädchen. Und schon bevor wir Eusebius aus dem Haus trugen, erkannte ich die Male der Krankheit in dem Gesicht der kleinen Dorothea. Erbärmlich hat sie geweint und ich lief von einer Kammer in die andere, um zu trösten. Wibrandis schickte ich aus dem Haus, sie sollte Hochzeit feiern und nicht sterben. Meine Mutter lief klagend hinter mir her. Ich bat sie, an die Betten der Kinder zu gehen, denn als wir Eusebius begraben hatten, lag auch Wolfgang im Fieber.
Nächtelang habe ich kein Auge zugetan. Und als der kleine Wolfgang seinen letzten Atemzug getan hatte, stand Capito vor mir, bleich – und ich wusste: auch er!
Damals, Zellin, habe ich dich fast beneidet, dass du keine Kinder hattest. Es bereitet Schmerzen, sie auf die Welt zu bringen, aber es bereitet noch viel mehr Schmerzen, sie dem grausamen Tod zu überlassen, der die schönsten Blumen tötet. Wie viel Lachen, wie viel Freude, wie viel fröhliches Gottvertrauen ist mit den Kindern gestorben! Du kamst, Zellin, und hast mit mir geweint und hast geholfen, wo einer helfen konnte, und du brachtest Nachricht von draußen: Bei Bucers sind vier Kinder gestorben! Und unsere treue Freundin, Bucers Elisabeth, hatte doch schon vorher Kinder loslassen müssen, die im zarten Alter starben. Da blieb nur einer übrig, mich fasste ein Schauer, als ich es hörte: Nathanael, ein schmächtiger Junge, der nichts behielt, kaum der Sprache mächtig war. Auch meine alte Mutter blieb unangetastet – und ich. Wollte der Tod nur die Schönen, Gesunden haben? Was für ein böser Gedanke! Aber in jenen Nächten haderte ich mit meinem Vater im Himmel.
Dann stand ich an Capitos Sterbebett. Er streckte in seiner Qual die Hand nach mir aus und drückte meine mit seiner letzten Kraft. Etwas von Gottes unerforschlichem Willen brachte er über die Lippen und einen Dank. Sein Todeskampf war kurz, die Kraft schon schwach. Und ich saß an seinem Lager und hörte, wie es in mir sprach: ›Der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.‹ ›Ja‹, antwortete ich, ›ja, mein Herr Jesus, aber du musst mitgehen, sonst kann ich nicht.‹ Ich war das dritte Mal Witwe.«
– Die Zellin streicht sanft ihre Hand und fügt hinzu: »Am nächsten Tag bin ich zu euch gekommen und habe dir gesagt, was im Hause Martin Bucers geschehen war. Elisabeth bereitete sich darauf vor, ihren Kindern zu folgen, ihre Kraft war gebrochen, aber noch nicht ihre Liebe. Als sie hörte, dass Capito gestorben war, beschwor sie ihren Mann, dich zu heiraten, damit deine Kinder versorgt seien, Nathanael eine Mutter habe und er selbst eine Gefährtin. Der treue Mann konnte sich damit nicht abfinden und hoffte immer noch auf ein Wunder. Elisabeth flehte mich an, dich zu holen.«
»Ich hatte meinem Mann kaum das Sterbehemd angezogen, da sollte ich über eine neue Heirat nachdenken! Ich wehrte mich ebenso wie Bucer dagegen. Aber der treuen Freundin konnte ich nichts abschlagen. So schlich ich mich in der Dunkelheit hinaus und trat wieder an ein Sterbebett. Die Welt kam mir vor wie ein Friedhof, von den grellen Blitzen der Hölle erleuchtet. Mit Bucer stand ich vor der Schwerkranken und sie beschwor uns, sie könne nicht in Frieden sterben, wenn wir nicht zusagten. Und so geschah es. Wir sahen einander nicht an, Martin Bucer und ich, wir sahen nur auf unsere geliebte Tote, die sich mit einem Lächeln verabschiedet hatte.
Lange Zeit später beichtete ich meinem Mann, dass ich nicht bereit gewesen war, mich in Gottes Willen zu fügen.
Und Bucer, dieser hochgelehrte Theologe und Reformator, den sie in ganz Europa priesen und später nach England holten, um die neue Kirche aufzubauen – Martin Bucer nahm meine Hand und sah mich fest an: ›Liebe, teure Frau‹, sagte er, ›nicht nur du, auch ich habe in jenen Tagen meinen Gott verklagen wollen, wie es der Heilige Hiob tat. Auch ich habe gehadert und in meinem Herzen geschrien: Wenn du mir auch die Kinder nimmst, mein Herr, so lass mir die Gefährtin, lass sie nicht sterben, ich kann nicht ohne sie sein. Bis zuletzt wartete ich auf ein Wunder, aber es kam nicht. Stattdessen hat die treue Seele dich rufen lassen. Und so hat Gott mich dennoch erhört.‹ Wir weinten miteinander, Bucer und ich, und fühlten uns als Mann und Frau tief verbunden in unserem Zweifel, in unserer Not.
Gott schenkte uns noch zwei Kinder und nahm uns den kleinen Martin, bevor er laufen konnte. So waren es nach zwei Jahren Ehe wieder fünf in unserm Haus: Oekolampads Tochter Aletheia, Capitos Agnes und sein Sohn Johannes Simon, der Knabe Nathanael, der so sehr um seine Mutter weinte, und unsere kleine Elisabeth, Bucers Freude und Sonnenschein.
Meine Nichte Margarethe stand dann eines Tages vor der Tür, ihr Bündel unterm Arm. Ihre Eltern waren gestorben, sie war allein zurückgeblieben. Bucers Vater und seine zweite Frau suchten bei uns Zuflucht, und meine Mutter saß oft zusammen mit Nathanael am Ofen und klagte über die Not der Zeit …«
– Idelette rührt sich, die stille, zarte Frau Calvins, die bisher nur zugehört hat, oft den Tränen nahe. Leise, sehr leise beginnt sie zu sprechen: »Und doch, Schwestern, wenn ich anhöre, wie ihr gelebt und gelitten habt in den Zeiten des Krieges und der Pest, dann wird doch in allem der Segen sichtbar, den Gott auf euer Tun legte. Ihr habt die Kranken gepflegt und getröstet, die großen Männer begleitet und gestärkt, die in der Christenheit das Evangelium neu verkündet haben, wie auch mein Eheherr. Immer wart ihr geführt, und es gab keinen Zweifel, dass es Gottes Wege waren. Aber ich … Verzeiht mir, wenn ich von einer furchtbaren Versuchung rede, in der meine Seele Kraft und Freude verloren hat.«
Alle wenden sich ihr zu.
Da beginnt sie zögernd:
»Die Pest kam auch nach Genf. Und die Menschen verstanden nicht, woher sie kam. Wie sollten sie auch? In diesem Haus starben die Kinder, in jenem Haus starb die Mutter. Der Prediger Blanchet ging zu den Kranken und stand ihnen bei. Er starb. Nun wäre es an Calvin gewesen, den Seelsorgedienst zu übernehmen. Ich erschrak in tiefstem Herzen. Aber ich wusste: Er würde entscheiden.
Nachts hörte ich ihn in seinem Zimmer auf und ab gehen, ruhelos. Am Morgen wurde er zur Ratsversammlung gerufen. Man verbot ihm, die Pestkranken zu besuchen. Ich war erleichtert, und auch er war ruhig geworden. Man sagte, sein Dienst in der Stadt sei so wichtig, dass es eine Sünde wäre, sein kostbares Leben aufs Spiel zu setzen.
Aber weil das Sterben nicht enden wollte, vielleicht auch weil niemand mehr den Kranken Trost zusprach, da wurde geflüstert, erzählt, wiederholt, neu erzählt, laut ausgesprochen und schließlich vor den Rat gebracht: Man habe Frauen gesehen, die nachts durch die Straßen zogen. Diese Frauen hätten die Klinken mancher Türen mit einer unsichtbaren Flüssigkeit bestrichen. Und hinter diesen Türen holte die Pest sich ihre Opfer.
Zuerst wollte niemand daran glauben, dann fassten sie eine Alte, die nachts unterwegs war. Sie soll einen Topf mit einer Flüssigkeit von sich geworfen haben. Niemand hat ihn gefunden. Immer öfter wurden Arme, Bettler, Landstreicher nachts in den Straßen aufgegriffen, festgehalten und ins Gefängnis geworfen. Bald war die ganze Stadt sicher, dass eine Bande von Hexen und Hexern die Pest nach Genf gebracht hatte, um das Gnadenwerk Gottes zu hindern. Man stieß die Unglücklichen in die Kerker unter dem Rathaus. Der Rat trat zusammen.
Viele schüttelten den Kopf über Aberglauben und Teufelsspuk, aber Calvin – Calvin! – stand auf und erklärte: ›So ist es!‹ Der Teufel sei aufgebrochen, um die neue Gemeinde, das Reich Gottes, an dem wir in Genf bauten, zu vernichten.
Andere forderten Beweise. Man folterte die Gefangenen – mit Daumenschrauben, auf der Streckbank, mit all den Instrumenten der angeblich gerechten Gerichte, die doch in Wahrheit Instrumente des Teufels sind! Ich habe nicht viel davon erfahren, denn ich lebte still in unserem Haus und kümmerte mich um die Küche, die Wäsche und den kleinen Garten. Selbst auf den Markt ging ich kaum und mochte auch nicht hören, was die Mägde erzählten.
Aber immer furchtbarer wurde, was mir dann doch durch Nachbarinnen oder Gäste zugetragen wurde. Die ersten der armen Frauen hatten unter lautem Geschrei gestanden, im Dienst des Teufels zu stehen. Wie hätten sie auch der Folter standhalten sollen! Und so fällte der Rat über alle das Todesurteil. Als einige der Ratsmitglieder noch Widerspruch laut werden ließen und davon sprachen, dass kein Geständnis unter der Folter tatsächlich beweiskräftig sei, da stand Calvin auf, drohte den Gegnern mit dem Fluch Gottes, mit dem Ausschluss aus der Gemeinde, rief ihnen das schreckliche Wort aus dem zweiten Buch Mose zu: ›Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen‹, und sprach davon, die Teufelsbrut auszurotten.
Als er von der Sitzung nach Hause kam, war er so erregt, dass er im Zimmer vor mir hin und her lief und seine eigenen Worte wiederholte.
›Sind es nicht Menschen?‹, fragte etwas in mir, aber ich wusste ja, dass er recht hatte, immer. Wie könnte ein so gewaltiger Mann Gottes irren? Judith, meine Tochter, verkroch sich vor Entsetzen in eine Ecke. Sie hat den Stiefvater gehasst, von Anfang an, und ich konnte es nicht ändern.
Und dann wurden die Todesurteile ausgeführt. Nicht, dass man sie mit dem Schwert gerichtet hätte, nein, sie wurden vor die Häuser gezerrt, in denen Menschen an der Pest gestorben waren. Dort wurden sie so zu Tode gebracht, dass ihre Schreie – Schreie, wie sie schlimmer nicht aus der Hölle kommen können – erst nach endloser Zeit langsam verhallten. Ich habe sie gehört! Nein, ich bin nicht hingegangen wie so viele andere, um zuzusehen und mich an ihrer Qual zu weiden, während man sie langsam mit feurigen Zangen zerriss. Aber ich konnte meine Ohren nicht verschließen. Die ganze Stadt war erfüllt von den Schreien der Unschuldigen – denn sie waren unschuldig! Ich wusste es nicht, doch ich fühlte es.
Auch Calvin hat es nicht gewusst.
Warum hat Gott es zugelassen, dass er sich so tief in seinen Gedanken verirrte? Warum? Warum? Nachts erschien mir der Teufel – und einmal, Schwestern, es war so schrecklich: Er hatte sein Gesicht. Seit diesen Tagen verstand ich meine Tochter.
In den Jahren, die dann noch kamen, ging ich ihm zur Hand wie vorher, sorgte für den Haushalt und betreute die Gäste, die kamen und gingen. Ich hörte seine langen Reden am Tisch, seine Ermahnungen an die Kinder, seinen Zorn über die Menschen, die auf Vergnügen aus waren statt auf die Seligkeit. Ich hörte zu, aber ich redete nur noch das Nötigste. Ich widersprach ihm nie. Vielleicht, Schwestern, hätte ich es tun sollen. Ich suchte nach Gründen, ihn zu entschuldigen. Aber was wusste ich? Er kannte die Bibel. Er war ein Gelehrter. Die Freunde sagten, dass er recht habe.
Mich jedoch quälte die Erinnerung an die Schrecken der Hölle, die ich in mir barg, Tag und Nacht. Oft konnte ich am Morgen nicht aufstehen. Ich schrie zu Gott, er möge mir helfen. Aber Gott half mir nicht, so wie er auch den Elenden nicht geholfen hatte, die so furchtbar zugrunde gingen. Erst als ich fühlte, dass der Todesengel an meinem Lager stand, löste sich meine Verzweiflung. Ich wollte gern sterben, um dem zu entkommen, was auf dieser Welt Menschen einander im Namen Gottes antun. Vor ihnen flüchtete ich mich zu meinem Erlöser, und er holte mich heim in die ewige Ruhe.«
– »Die Pest der Herzen …«, flüstert Elisabeth in die Stille hinein.
»Ich hätte mit Calvin nicht leben können«, mischt sich nach einer langen Pause endlich Katharina Melanchthon in das Gespräch ein und schüttelt heftig den Kopf. »Für mich gehörte fröhliche Geselligkeit bei einem guten Tropfen zum Christenleben dazu, und so haben mein Philipp und ich es auch gehalten. Am Ende sind wir gut miteinander ausgekommen. Doch es war nicht einfach am Anfang.«
»Wie habt ihr zueinandergefunden?«
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.