Kitabı oku: «Nichts ist vergessen»
Ursula Schmid-Spreer
Nichts ist vergessen
Ein Nürnberg-Krimi

Inhaltsverzeichnis
1 Nichts ist vergessen
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32 Impressum
Orientierungsmarken
1 Inhaltsverzeichnis
1
Erik Pfeiffer sah zerknirscht aus. Die tägliche Redaktionskonferenz war nicht so gelaufen, wie er sich das vorgestellt hatte. Sein Vorschlag, das Wort Sommerloch zu thematisieren, indem er den Ort Sommerloch in der Nähe von Bad Kreuznach vorstellen wollte, war nicht gut angekommen.
»Lasst euch was Spektakuläres einfallen«, hatte der Chefredakteur geknurrt. Die Mitarbeiter schwiegen. Die zündende Idee wollte nicht kommen, bis Pfeiffer das Wort Cold Case in die Runde warf. Der Chef hatte eine Augenbraue hochgezogen und Erik beeilte sich, schnell das Wort Altfall hinterherzuschieben. Tags zuvor hatte er sich durch das Programm gezappt und war bei einem privaten Sender hängen geblieben. Dort wurden alte Fälle thematisiert, aufbereitet und als Spielfilm gezeigt.
Der Chefredakteur schob die Unterlippe nach vorne und kaute ein Hautfuzzelchen ab, schwieg ein paar Sekunden und meinte dann: »Hast du was Spezielles im Auge?«
Pfeiffer war in der Zwischenzeit nicht untätig gewesen, hatte schnell gegoogelt, war auf einen Artikel auf einer Nürnberger Seite gestoßen. Er nickte eifrig, legte sein iPhone auf den Tisch. »Vor dreißig Jahren hat man eine verschnürte Tote gefunden. Der Fall ist nie gelöst worden.«
»Perfekt!«, schrie der Chefredakteur. »Mach was draus. Sei ein bisschen provokant, nicht übertreiben, aber stell die Bullerei ruhig als außerstande hin, provoziere. Gute Idee! So, weiter mit dem Sport.«
Den Rest des Tages verbrachte Pfeiffer im Internet und mit dem Schreiben des Artikels. Am nächsten Tag stand auf Seite eins der Nürnberger Nachrichten:
In diesem Monat jährt es sich zum 30. Mal. Der Polizei ist es nicht gelungen, den Fall der Hausfrau Karin G. aus Nürnberg aufzuklären. Die Tote wurde damals erstickt und gefesselt auf einem alten Bauernhof entdeckt. Außerdem wurde festgestellt, dass sich Gummierungsreste von einem Heftpflaster auf Nase und Mund befanden. Greift die Polizei alte Fälle nicht mehr auf? Werden die Toten vergessen? Mord verjährt nicht! Aus dem Auge, aus dem Sinn? Den Gesetzeshütern ist es damals nicht gelungen, den Fall aufzuklären. Durch neue Erkenntnisse in der DNA-Forschung wäre es sicher möglich, alte Fälle aufzuklären …
Wir halten Sie auf dem Laufenden, liebe Leser, denn kein Mord ist je vergessen.
(Erik Pfeiffer)
2
Krankenhaus Martha Maria
»Schwester Rabiata«, sagte Belu zornig. »Ich habs im Bein und nicht im Kopf. Jetzt lassen Sie mir gefälligst mein Handy.«
»Du bist schon wieder fit, wie ich höre!« Klaus Hofmockel stand im Krankenzimmer. In der Hand hielt er einen Strauß bunter Sommerblumen. Er zupfte eine kleine Margerite heraus, überreichte sie der Schwester, deutete eine Verbeugung an und nahm ihr dabei das Telefon ab. Dann griff er nach ihrer Hand und hauchte einen Kuss darauf.
»Unsere Frau Hauptkommissarin ist immer im Dienst. Sie können sich bei so einer hervorragenden Ermittlerin in der Stadt immer sicher fühlen.«
Die Krankenschwester setzte ein gekünsteltes Lächeln auf und verließ kommentarlos das Krankenzimmer.
»Hallo!« Klaus wandte sich zu Belu. »Hier ein bisschen Gemüse für dich.« Er sah sich suchend nach einer Vase um, wurde im Bad fündig. Belu klopfte auf ihr Bett, ein Zeichen, dass Klaus sich hinsetzen sollte.
»Was sagt der Onkel Doktor?«
Belu grummelte.
»So schlimm?« Sein Grinsen reichte von einem Ohr zum anderen.
»Komplizierter Bruch. Falle für mindestens fünf Wochen aus. Dann auch noch Reha. Scheiße.«
»Es wird zwar schwer werden, dich zu ersetzen – aber ich tue mein Bestes. Ich kann mir ja einen Schnüffler zu Hilfe holen.«
»Einen Schnüffler?«
»Herrn Lehmann.«
»Wer um Gottes willen ist Herr Lehmann?«
»Du kennst Herrn Lehmann nicht?«
»Klausi! Mir hat Schwester Rabiata schon gereicht. Reiz mich nicht!«
»Also gut, Herr Lehmann ist der Schäferhund von unserem Hausmeister. Du hast recht, Lehmännchen kann kein Polizeihund werden: Er hat einen Knochen geklaut.«
Belu lachte, stemmte sich am Bettgalgen hoch und schüttelte ihre langen schwarzen Haare. Normalerweise trug sie ihre Matte, wie sie ihre Haare bezeichnete, immer zu einem Zopf geflochten. Weiche Wellen umhüllten ihr Gesicht. »Halt mich auf dem Laufenden! Und jetzt erzähl. Was gibts Neues?«
»Nö, nö, meine Liebe. Erst bist du dran. Schön ausführlich.«
»Willst du das wirklich wissen?«
»Sonst hätte ich nicht gefragt.«
»Also gut. Ist aber stinklangweilig.« Belu machte eine Kunstpause. Dann meinte sie schmunzelnd: »Ich bin auf einer Schnecke ausgerutscht.«
Klaus stieg sofort auf ihren lockeren Ton ein und konterte: »Hast du die denn nicht gesehen?«
»Nein, die kam doch von hinten.«
»Seit wann bist du so witzig, Bertaluise? Dieser Part, Witze zu reißen, kommt doch von mir. Jetzt aber mal ehrlich. Was hast du gemacht?«
»Es war tatsächlich eine Schnecke. Sie saß auf der letzten Treppenstufe. Ich wollte nicht auf sie drauftreten, habe einen großen Satz gemacht, bin aufs Kopfsteinpflaster gefallen, Knöchel verdreht, aua! War das jetzt detailliert genug?«
Klaus’ Mund stand offen. »Und das gab so einen komplizierten Bruch?«
»Als mir eine Dame beim Aufstehen helfen und ich auftreten wollte, war der Knöchel dann vollends durch. Das tat höllisch weh. Und jetzt lieg ich hier und muss mir von Schwester Rabiata das Handy wegnehmen lassen, bekomme Gemüse geschenkt anstatt Gummibärchen und mein Kollege erzählt mir nicht mal, was im Büro so los ist.« Belu zog geräuschvoll die Nase hoch.
»Ich dachte, Gemüse erhellt dein Gemüt, Gummibärchen machen nur dick, wenn du die ganze Zeit liegen musst.« Klaus war ehrlich zerknirscht. »Ich bringe dir morgen welche mit.«
»Jetzt erzähl schon, was ist in der Zwischenzeit im Präsidium los gewesen?«
»Wir hatten eine Feueralarmübung. Jeder im Gebäude musste ejakuliert werden. Das war vielleicht ein Spaß da draußen.«
»Was habt ihr gemacht? Ejakuliert?«
»Sorry, ich meinte natürlich, das Haus musste evakuiert werden. Peinlich.« Klaus schlug sich selbst leicht auf den Mund.
»Wie ist die neue Oberstaatsanwältin? Du weißt genau, dass mich das mehr interessiert als eine Feueralarmübung!«
»Viel kann ich noch nicht sagen. Das wird sich erst rausstellen, wie gut man mit ihr arbeiten kann. Jedenfalls beruft sie laufend Treffen per SMS ein. Sie meldet sich nicht per Mail. Das könnte untergehen, meint sie.«
»Wenn ich daran denke, wie oft du meine Mails erfolgreich ignoriert hast, kann ich die Dame vollkommen verstehen.«
Belu verschränkte die Arme vor der Brust, deutete mit dem Zeigefinger auf ein Glas, das am Nachttisch stand.
»Kannst du mir das Wasser reichen?«
»Das will ich meinen.« Klaus schenkte ein, reichte Belu das Glas und erzählte weiter. »Neulich hat sie gesimst, sie lädt uns zum Petting ein.«
»Kaum bin ich mal ein paar Tage nicht da, scheint es ja wirklich drunter und drüber zu gehen.«
»Entschuldige Belu, wirklich. Sie hat raspelkurze Haare. Mir ist sie zu burschikos.«
»Also überhaupt nicht dein Typ. Was ist nun mit dem Petting?«
»Natürlich nichts. Sie meinte Meeting, verstehst du. Meetings, die beruft sie laufend ein. Es wäre die Autokorrektur gewesen, die das Wort so verhunzt hat.«
»Hat sie sich so entschuldigt?« Belu schmunzelte.
»Nö, ist einfach drüber hinweggegangen, wie wenn es das Normalste auf der Welt wäre, dass die Autokorrektur Wörter verhunzt.« Klaus tippte auf das Glas seines Smartphones.
»Wer's glaubt! Kein Mord, kein Totschlag?« Belu spielte mit ihren Haaren, zwirbelte sie zu einem Zopf.
»Nein, aber ...«
»Was ist los, Klaus?«
»Die neue Oberstaatsanwältin. Sie ist … nun, wie soll ich sagen … speziell.«
»Ich kann mir schon vorstellen, was du mit speziell meinst. Sie will aufräumen. Und da du sie mir als burschikos geschildert hast, Kollege Klaus, duldet sie wohl keinen Widerspruch. Auf deine blöden Sprüche geht sie nicht ein. Habe ich recht, oder habe ich recht?«
»Wie immer, Chefin. Ich weiß nicht, was ich von der Dame halten soll. Sie trägt eine große Herrenarmbanduhr.«
»Danach solltest du sie nicht beurteilen. Sie ist sicher tüchtig.«
»Das mag ja sein. Sie hat mir doch tatsächlich einen dreißig Jahre alten Fall auf den Schreibtisch geknallt. Richtig hingeknallt.«
»Eine Frau, die weiß, was sie will.« Belus Mund verzog sich leicht. »Ich werde die Dame sicher bald kennenlernen. Sie hat dir also einen Cold Case gegeben. Will alte Fälle aufarbeiten und natürlich auch gelöst wissen. Da hast du was vor dir. Erzähle!«
3
Zimmer Oberstaatsanwaltschaft
Oberstaatsanwältin Paula Trejo warf erneut einen Blick auf die Zeitung des Vortags. Resigniert ließ sie das Blatt sinken.
Hatte dieser verdammte Journalist nichts Besseres zu tun, als einen alten Fall wieder aufzuwärmen? Sie knabberte an der Innenseite ihrer linken Wange. Ihr Einstieg in Nürnberg sollte also mit einem Cold Case beginnen.
Sie rieb sich die Augen. Zu spät fiel ihr ein, dass sie sich morgens die Wimpern getuscht hatte. »Mist!«, rief sie und schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. Sie zog eine Schublade auf, holte den Handspiegel hervor und beseitigte die schwarzen Schlieren, die sich unter ihren Augen gebildet hatten.
»Fliegenbeine«, stellte sie fest. »Und müde siehst du aus, Paula, ein Date hattest du auch schon monatelang nicht mehr. Scheiße – das ist schon kein Mist mehr.« Sie hielt sich gerade noch zurück, um erneut mit der Hand auf den Schreibtisch zu schlagen. Sie schüttelte sich und richtete den Kragen ihrer Bluse. Ziemlich schmucklos, dachte sie, als sie sich in ihrem Büro umsah. Bin ich ja auch. Schmucklos, aufs Wesentliche konzentriert. Schreibtisch, Stuhl, kleine Besucherecke, Bücherregal. Ob ich wohl rüschiger wäre, wenn ich drei Mädchen hätte? Sie betrachtete ihre Mokassins. Das waren Schuhe nach ihrem Geschmack, weich, flach, die sich ihrem Fuß anpassten. Damit konnte man schnell rennen.
Wie wohl die Kollegen sein werden? Paula rollte mit dem Stuhl zurück und legte das rechte Bein über das linke. Sie rieb einen kleinen Fleck vom Saum der Hose. Morgen würde sie wohl ins Krankenhaus fahren müssen, um der Kollegin Bertaluise Nürnberger ihre Aufwartung zu machen. Sagte man das so? Aufwartung? Paula schmunzelte. Ob das auch so ein verrücktes Huhn war wie dieser Hofmockel? Sprüche hatte der drauf. Das würde noch ein hartes Stück Arbeit werden, den zur Raison zu bringen. Sein Ruf war ihm vorausgeeilt.
Hoffentlich habe ich keinen Fehler gemacht, als ich mich nach Nürnberg versetzen ließ. Eine Rheinländerin nach Franggn. Paula übte ein paarmal, das K wie ein G klingen zu lassen, gab es dann aber auf.
Kollege Hofmockel wirkte nicht recht begeistert, als er erfuhr, dass er diesen Cold Case bearbeiten sollte.
Sie stand auf, richtete sich erneut die Bluse, die aus dem Hosenbund gerutscht war, und griff zum Telefonhörer. Nach dem zweiten Läuten wurde bereits abgenommen.
»Hallo Sohnemann! Ich mache mich auf den Weg. Komme heute mal pünktlich nach Hause. Kannst du schon Kartoffeln aufsetzen?«
»Machst du Auflauf, Mama?«
»Ja, genau so, wie ihr ihn mögt. Bis gleich.«
Sie musste nur die Stimme einer ihrer drei Buben hören und schon besserte sich ihre Laune.
Ein letzter Blick zu der Zeitung, die auf dem Schreibtisch lag. »Ein dreißig Jahre alter Fall«, dachte sie. »Da hatte der Journalist recht: Mord verjährt nicht. Noch nach Jahrzehnten konnten Täter mittels neuer Methoden überführt werden. Wie gut, dass sich die DNA-Analysen so weiterentwickelt haben.«
»Wenn ich ehrlich bin«, sprach sie laut zu sich selbst, »dann hat dieser provokante Zeitungsartikel den Ausschlag gegeben.«
Sie setzte sich, strich über den Zeitungsartikel. »Und wenn wir jetzt noch genügend Geld zur Verfügung bekommen, können wir auch effektiv arbeiten«, resümierte Paula Trejo. Sie nahm einen Aktenordner und stellte ihn in eine größere Schublade. Sie wollte pünktlich Feierabend machen. Das war sie ihren Söhnen schuldig. Das Telefon läutete, sie ignorierte es, schloss mit Nachdruck die Tür, sperrte ab. Auf dem Weg zum Parkplatz ließ sie noch einige Gedanken zu. Mal sehen, was dieser Hofmockel taugt und draufhat. Und wenn es genehmigt wird, dann kann die Aufklärung dieses ungelösten Mordfalles auch vorangetrieben werden. Das werden arbeitsintensive Ermittlungen werden.
Krankenhaus
»Sie nimmt nicht ab«, sagte Klaus zu Belu gewandt. »Jetzt habe ich es zigmal läuten lassen.
»Vielleicht ist sie schon gegangen?«
»Sag mal, es ist erst achtzehn Uhr. Da macht man nicht schon Feierabend.« Klaus tat entrüstet. »Die Oberstaatsanwältin wird doch wohl nicht geregelte Arbeitszeiten einführen?«
Belu richtete sich in ihrem Bett auf, drückte den Knopf der Servosteuerung. Langsam kam das Rückenteil höher. Aufatmend ließ sie sich zurückgleiten.
»Jetzt erzähl schon von diesem alten Fall.«
»Weißt du was, Chefin, wenn du hier wieder rauskommst, lade ich dich auf einen Tequila ein. Ich habe ein neues Lokal entdeckt. Die Wirtin heißt Esmeralda und kommt aus Großhabersdorf.«
»Klausi! Was ist mit dem Fall?«
»So genau habe ich, ehrlich gesagt, noch nicht reingesehen.«
»Du lenkst ab. Willst du es mir nicht erzählen?«
»Also gut, du gibst ja doch keine Ruhe. Oberstaatsanwältin Trejo hat mir einen dreißig Jahre alten Fall auf den Schreibtisch geknallt.«
»Sagtest du schon.«
»Mitte der 80er hat man eine Frau tot aufgefunden. Sie war mit einer Strumpfhose an Händen und Füßen gefesselt. Ihre Identität konnte geklärt werden. Eine biedere Hausfrau, verheiratet, eine Tochter. Der Ehemann Postbeamter, kein Motiv, er selbst hatte ein Alibi.«
»Warum hat diese Oberstaatsanwältin ausgerechnet diesen Fall wieder ans Tageslicht gezogen?«
Klaus nahm eine Zeitung aus seiner Jackentasche, zeigte wortlos auf einen Artikel, den er angemarkert hatte.
»Ach Belu, vielleicht war der Fall auch turnusmäßig dran.«
»Ich glaube eher, dass dieser Artikel etwas damit zu tun hat. So einen Angriff kann man nicht auf sich sitzen lassen.«
Belu klopfte mit dem Zeigefinger auf den Bericht.
»Da hast du was vor dir, lieber Kollege.«
Klaus nickte. »Weißt du, ich habe nachgedacht.«
»Klausi, gib nicht so an!«
Er zog eine Schnute. »Haha, Frau Kollegin sind witzig. Den genetischen Fingerabdruck gibts ja noch nicht so lange. Ich fange am besten damit an, Spuren auszuschließen.«
»Das ist gut. Überprüfe, ob es Fingerspuren von Kollegen oder auch vom Rettungsdienst gibt.«
»Mach ich. Da hast du dir wohl zum richtigen Zeitpunkt den Fuß gebrochen, würde ich sagen.«
»Ich wünsche dir meine Schmerzen, Herr Kollege!«
»Ist ja schon gut. Ich halte dich auf dem Laufenden.« Klaus hob die Hand, nickte und verließ das Krankenzimmer. Was würde da auf ihn zukommen? Ihm graute ein bisschen davor, diesmal der verantwortliche Ermittler zu sein.
Kommissariat, Büro von Belu und Klaus
Es klopfte lebhaft. Sein Herein wurde nicht abgewartet, die Tür öffnete sich sofort. Zuerst sah Klaus nur einen Kopf mit ein paar roten Locken, dann zeigte sich ein Fuß, der in einer Sandalette mit höherem Absatz steckte.
»Hallo, meine Süße, was machst du denn hier?« Klaus sprang von seinem Schreibtischstuhl hoch und eilte auf den Fuß zu, zog den dazugehörenden Körper ins Büro. Noch im Türrahmen küsste und umarmte er die Dame.
»Nicht so stürmisch! Siehst du nicht, dass ich einen Kaffeebecher in der Hand habe?«, meinte sie lachend.
Klaus nahm seiner Freundin Cora den Pappbecher ab, stellte ihn achtlos auf den Schreibtisch und küsste sie erneut.
»Klaus, wir haben uns doch erst vor Kurzem verabschiedet.«
»Ich kann nicht genug von dir bekommen!«
»Man merkt, dass du alleine im Büro bist. Keine Belu, die dich an der Kandare hält.« Cora schüttelte ihre Mähne, zeigte eine Reihe gesunder Zähne.
»Du weißt doch, dass ein Kuss nur eine Anfrage ist, ob das Parterre frei ist.«
»Klausi! Ich habe gar nicht viel Zeit. Eine Kollegin ist beim Zahnarzt und ich springe für sie ein. Außerdem muss ich noch an die Uni.«
»Und da denkst du an mich und bringst mir ein süßes Teilchen mit.« Klaus verdrehte die Augen genießerisch und leckte sich über die Lippen.
»Woran arbeitest du? Gibts was Neues?«
»Eher was Altes. Der Fall ist an die dreißig Jahre alt. Turnusgemäß muss er bearbeitet werden.«
»Darfst du mir sagen, worum es geht?«
»Eigentlich nicht. Nur so viel, die Leiche war mit einer Strumpfhose gefesselt.«
Cora lächelte, warf einen Blick auf den geöffneten Akt, zuckte leicht zusammen. Schnell hatte sie sich wieder in der Gewalt. Sie lächelte und hauchte ihm eine Kusshand zu. »Bis heute Abend und dann rasierst du dich. Du kratzt.«
Krankenhaus
Belu drehte sich von einer Seite auf die andere. Sie konnte nicht schlafen, drehte das Licht auf. »So untätig zu sein, ist einfach nichts für mich. Verdammt noch mal! Jetzt halte ich schon laute Selbstgespräche.« Sie beherrschte sich gerade noch, die Nachtschwester zu rufen. Ihre Gedanken gingen zu der Treppenstufe. Wie immer war sie wohl in Gedanken gewesen. Aufstehen konnte sie auch nicht. Da hatte sie sich etwas eingebrockt. Wie kann man nur eine Stufe übersehen? Sie schüttelte über sich selbst den Kopf, griff nach einem Buch, konnte sich aber nicht konzentrieren. Dann griff sie zur Schublade und holte ihr iPhone heraus.
»Bring morgen den Akt mit«, simste sie Klaus. Sie musste etwas tun. Faul im Bett liegen war so gar nicht ihr Ding.
Kommissariat, Büro
»Falls jemand Nerven findet, das sind meine.« Klaus grummelte. Der Kollege an der Pforte sah Oberkommissar Klaus Hofmockel über den Brillenrand hinweg an. Da Klaus wahrscheinlich einen Monolog führte, antwortete der Kollege nicht. Der Aufzug musste wohl irgendwo festsitzen. Die gute Laune, die er nach dem Aufstehen und mit Blick auf die schlafende Cora verspürt hatte, war am Schwinden. Er hätte nicht auf sein Handy schauen sollen. »Morgenstund ist aller Laster Anfang«, schimpfte er leise vor sich hin. »Belu ist langweilig in ihrem Krankenhausbett und schon scheucht sie mich rum.« So stapfte er missmutig die Treppen zu seinem Büro hoch, schnüffelte Reinigungsmittel, riss sowohl Fenster als auch die Schublade auf und holte sich den Aktenordner.
Krankenhaus
»Und hast du die Unterlagen dabei?« Belus langes Haar war zu einem ordentlichen Zopf geflochten. Sie sah nicht mehr ganz so blass aus. Klaus nickte, reichte ihr die Mappe. Die nächste Stunde herrschte Schweigen, nur das Rascheln von Papier unterbrach die Stille, wenn Belu die Seiten umblätterte.
»Ich sehe ja, wie die Rädchen in deinem Kopf herumrattern. Aber ich habe jetzt, ehrlich gesagt, keine Zeit mehr, um auf das Ergebnis zu warten«, meinte Klaus. Er trommelte ungeduldig mit den Fingerspitzen auf der Bettkante.
»Verstehe ich ja, aber ich wollte mir einen Überblick verschaffen, worum es bei diesem Fall geht.«
»Selbstverfreilich! Belu, du sollst dich schonen, du bist krank!«
»Das hättest du wohl gerne? Schwester Rabiata hat das auch schon mitbekommen. Ich hab's im Fuß und nicht im Kopf!«
Klaus stöhnte. Seine Chefin war einfach unverbesserlich. Desto mehr verwunderte es ihn, dass sie abrupt das Thema wechselte:
»Und? Alles gut mit Cora?«
»Warum fragst du?«
»Es interessiert mich halt, wie es meinen Mitarbeitern geht.«
Ein breites Lächeln zauberte sich in Klaus' Gesicht. Er konnte gar nicht anders als grinsen. »Ich bin sehr glücklich. Ich hoffe, dass ich noch lange mit Cora zusammenbleiben werde.«
»Das wünsche ich dir von Herzen. Mit einem Bullen liiert zu sein, bedeutet oft Verzicht.«
Warum sagte sie es so ernst? Sie verzog zwar den Mund, aber ihre Augen lächelten nicht mit.
Klaus verabschiedete sich von Belu, als es an der Tür sehr energisch klopfte. Mit Schwung riss er sie auf.
»Ablösung«, trällerte er fröhlich. »Guten Morgen, Frau Oberstaatsanwältin. Darf ich bekannt machen? Bertaluise Nürnberger, erste Hauptkommissarin«, er zeigte auf Belu, deren Schultern sich unwillkürlich gestrafft hatten, »und das ist Paula Trejo, unsere neue Oberstaatsanwältin.«
Er sah noch, wie sich die Damen die Hände schüttelten, dann rief er ein fröhliches »Wiedersehen!« in die Runde und schloss sehr sorgfältig die Tür.
Cora schlenderte die Breite Gasse entlang. In der Hand hielt sie einen frisch gepressten Saft, geholt von der Fruchtecke. Das, was ihr Klaus gesagt, was sie selbst gesehen hatte, saß in ihrem Gedächtnis fest wie eine Spinne im Netz. Ein alter Fall. Sie wusste nun, was sie zu tun hatte. Endlich!
*
Die alte Frau bewegte sich behäbig auf ihren beiden Stöcken vorwärts. Ein Schritt vor den anderen. Langsam. Sehr langsam. Sie sah sich immer wieder um. Betrachtete die Bäume, die in der Anlage liebevoll gepflegt wurden. Der Weg zur Kapelle war geteert, am Rand blühten Butterblumen. Sie blieb immer wieder stehen, schnaufte, murmelte irgendetwas. Die Altenpflegerin, die gerade einen Herrn im Rollstuhl an eine Bank schob, verfolgte sie mit Blicken. »Es muss schrecklich sein«, sagte sie zu ihrer Kollegin, »wenn man geistig fit ist wie ein Turnschuh, aber der Körper streikt.«
»Ja, sie macht den Jungen noch was vor!«
»Und das mit 84!«
*
Ehebrunnen
Cora steckte den Becher ordentlich in den Müllbehälter, der an einem Laternenpfahl angebracht war. Sie ließ sich auf eine Bank nahe des Ehebrunnens fallen. Mit Blick auf die Uhr am Weißen Turm stellte sie fest, dass es für die Vorlesung, die sie eigentlich besuchen wollte, zu spät war. Sie würde nicht mehr pünktlich kommen. Und den begleitenden Kommentar des Dozenten für nachträglich Hereinschlüpfende wollte sie sich auch nicht anhören. Ihre Gedanken fuhren Achterbahn. Sie war vollkommen durcheinander. Ein alter Fall, hatte Klaus gesagt. Und noch etwas hatte sie aufgeschnappt. Der Name – das ließ ihr keine Ruhe mehr. Sie würde etwas tun. Sie musste einfach!
4
Rechtsmedizin Erlangen
Klaus fuhr mit der Oberstaatsanwältin Paula Trejo zum Rechtsmedizinischen Institut nach Erlangen. Sie hatte darum gebeten, wollte die Räumlichkeiten und den Rechtsmediziner persönlich kennenlernen. Die Fahrt verlief schweigend. Jeder hing seinen Gedanken nach. Klaus passte sich dem fließenden Verkehr an. Er hielt sich genau an die Geschwindigkeitsbegrenzungen. In der Universitätsstraße herrschte reges Treiben. Studenten mit Rucksäcken wuselten eilig von einer Vorlesung zur nächsten. Galant hielt Klaus Oberstaatsanwältin Trejo die Tür auf. Dr. Schimmelfuß erwartete sie bereits. Er lächelte, sodass seine Hasenzähne besonders hervorstachen.
»Sie wollen sich also mal unsere Gerichtsmedizin ansehen und mich kennenlernen, gnädige Frau. Ich weiß, auch ein schlechter Ruf verpflichtet.«
»Aber nicht doch, Herr Doktor. Ich möchte schließlich wissen, mit wem ich es zu tun habe. Nur eine Stimme zu hören, ohne ein Gesicht dazu, gefällt mir nicht so sehr.«
Klaus verdrehte die Augen. Sollte das etwa ein Flirtversuch sein? Dann waren beide, seinem Geschmack nach, sehr untalentiert und ungeübt.
»Ich war damals noch nicht bei der Gerichtsmedizin«, sagte Dr. Schimmelfuß. »Deshalb musste ich mich erst orientieren und die Unterlagen lesen. Der Fall wird also wieder aufgerollt?«
»Ja,« sagte Paula Trejo, während sie hinter dem Rechtsmediziner herging. Klaus, der die Räumlichkeiten nun wirklich in- und auswendig kannte, hätte sich lieber abgeseilt, als den beiden bei ihrem Geplänkel zuzuhören.
»Meinen Sie, dass wir den Sarg öffnen lassen, um dann eine Autopsie durchzuführen? Sie wissen ja, wie die sterblichen Überreste nach all dieser Zeit aussehen können.« Dr. Schimmelfuß kratzte sich nachdenklich an der Nasenspitze und meinte: »Eine Obduktion ist damals vorgenommen worden. Die Frau wurde erstickt. Das war die Todesursache.«
Paula Trejo hüstelte gekünstelt. »Wir werden sehen, außerdem muss das dann zu gegebener Zeit der Ermittlungsrichter entscheiden. Vorerst werden wir klären«, Trejo wandte sich an Klaus, »wie wir mit den Materialien zurechtkommen, die wir vorliegen haben.«
Klaus lächelte etwas gequält. Dieser Small Talk, den die Oberstaatsanwältin da führte, gefiel ihm überhaupt nicht. Er hätte jede Menge Arbeit, von Aktenstudium über Telefonate, schlichtweg Ermittlungsarbeit, stattdessen verplemperte er seine Zeit mit Geplauder.
»Kaffee kann ich Ihnen anbieten«, sagte Dr. Schimmelfuß freundlich in seine Gedanken hinein. »Wir haben eine neue Kaffeemaschine und das Gebräu, das sie fabriziert, schmeckt gar nicht so schlecht.« Er verzog den Mund zu einer Grimasse. Klaus und Paula nickten unisono. Klaus' Blick streifte kurz das Gesicht der Oberstaatsanwältin. Es war immerhin seine erste Zusammenarbeit mit ihr.
»Mal sehen, ob sie umgänglich ist«, dachte er, »und mit uns zusammenarbeiten möchte. Mangelnde Information kann ich nicht gebrauchen.« Er bohrte sich den Finger in die Wange und kaute die Haut in der Innenseite der Mundhöhle ab.
Paula Trejos Blick ruhte auf Klaus. Auch sie machte sich ihre Gedanken: »Alleingänge und mangelnde Infos kann ich gar nicht ab. Mal sehen, wie sich der Kollege macht.« Sie lächelte.
Die alte Frau ließ den Rosenkranz durch ihre Finger gleiten. Dabei murmelte sie immer wieder: »Vergib mir meine Sünden, Mutter Maria.« Die Kapelle war nachträglich zum Seniorenheim dazugebaut worden. Die alten Leute besuchten den Andachtsraum gerne. Es standen immer frische Blumen auf dem kleinen Altar. Eine der Schwestern zündete jeden Morgen eine Kerze an. Es war eine geruhsame Atmosphäre, die vorherrschte. Selbst Gäste, die ihre Angehörigen besuchten, verweilten wie selbstverständlich einige Zeit an dem friedlichen Ort.
Die alte Frau verbrachte über eine Stunde in der Kapelle. Auf dem ganzen Gelände standen Gehwagen. Manche Bewohner überschätzten ihre Kräfte und waren dann dankbar, wenn sie sich aufstützen konnten. Sie nahm so einen Rollator, der in einer Nische der kleinen Kirche stand, rollte langsam zum Haupthaus zurück. Das hauseigene Café war ein beliebter Treffpunkt. Dort gab es verschiedene Zeitschriften und Zeitungen.
Die Gehhilfen steckten jetzt in Halterungen. Die Tür zum Café öffnete sich automatisch. Die alte Frau ließ sich auf einem Stuhl nieder, griff sich die Tageszeitung und begann zu lesen. Ihre Lippen bewegten sich, sie schüttelte den Kopf und murmelte etwas von »diese Politik«. Eine der Schwestern beobachtete sie.
»Wenn ich mit 84 noch so fit im Kopf bin, kann ich mich glücklich schätzen«, dachte die Pflegerin.
Krankenhaus
»Ich krieg hier noch die Krise. Es juckt höllisch. Macht man das heute überhaupt noch, dass man den Fuß eingipst?«
Der Arzt, der die Visite bei Belu abhielt, sah sie konsterniert an. »In Ihrem Fall schon, Sie Unruhegeist. Sie bleiben ja nicht friedlich liegen, bewegen sich laufend. Wie soll da ein Bruch heilen?«
»Ich bin es nicht gewöhnt, so untätig rumzuliegen«, murrte Belu.
»Da müssen Sie jetzt wohl durch, Frau Kommissarin. Sie wissen ja, die Gedanken sind frei. Und hier ist die Fernbedienung, vielleicht finden Sie einen spannenden Krimi auf einem der Kanäle. Oder noch besser: Schreiben Sie einen. Diesbezüglich haben Sie doch bestimmt einiges erlebt.«
»Dann geben Sie mir wenigstens die Stricknadel, damit ich mich kratzen kann.«
Der Arzt lachte, machte eine kleine Verbeugung und verabschiedete sich.
Belu ließ sich in die Kissen zurücksinken. Er hatte recht, die Gedanken waren frei. Was sollte sie von dieser neuen Oberstaatsanwältin halten? War sie übereifrig? Korrekt? So wie sie aussah, wirkte sie sehr burschikos. Flache Schuhe.
»Wenn eine schon flache Schuhe anhat«, sagte Belu laut. »Was soll man von einer Dame halten, die daherschlurft? Und diese superkurzen Raspelhaare!«
Welch ein Glück, dass sie alleine im Zimmer war. Es zahlte sich aus, Beamtin und damit Privatpatientin zu sein. Sie nahm die Fernbedienung und zappte die Programme durch. Nichts war dabei, was sie interessieren könnte. »Flache Schuhe«, dachte sie erneut. Sie selbst hatte mindestens sieben Zentimeter hohe Schuhe an. Sie wollte die neue Oberstaatsanwältin nicht an Äußerlichkeiten festmachen. Immerhin hatte sie Klaus geschimpft, als er die Dame als burschikos bezeichnet hatte, nur weil sie eine große Herrenarmbanduhr trug.
Das Gespräch war freundlich, aber distanziert verlaufen.
»Die wollte mich kennenlernen und sehen, wie ich so ticke«, dachte sie.
Belu schüttelte den Kopf über sich selbst. Sie griff zu einer Modezeitung, konnte sich aber nicht konzentrieren, denn das Bild der Oberstaatsanwältin Paula Trejo schob sich immer wieder vor ihr geistiges Auge.
»Anstand hat sie wenigstens, sie hat sich vorgestellt und mir gute Besserung gewünscht.«
Zornig drückte Belu die Knöpfe der Fernbedienung und zappte sich erneut durch alle Programme. »Nur Schmarrn, Wiederholungen und Liebesschmonzetten. Und das, nachdem ich so viel Fernsehgebühren bezahle.«
Kommissariat, Büro
Klaus holte sich eine Tasse Kaffee, legte einen Fuß auf dem Papierkorb ab. Er schlug die Aktenmappe auf und begann, konzentriert zu lesen.
»In den frühen Morgenstunden, drei Uhr dreißig, war der Bäckergeselle Friedrich Albrecht mit dem Mofa unterwegs zu seinem Arbeitsplatz. Sein Weg führte ihn an einem alten Bauernhof vorbei, der nicht mehr bewirtschaftet wird. Er war noch müde und übersah daher einen Stein. Er stürzte, rutschte in den Graben und versuchte, sich an einem herabhängenden Ast festzuhalten. Im Fallen erkannte er einen Fuß. Er selbst hatte sich nur Hautabschürfungen zugezogen und seine Handgelenke schmerzten, da er sich mit ihnen abgestützt hatte. Er sah nach, ob er tatsächlich einen Fuß gesehen oder ob er sich getäuscht hatte.«
Klaus ließ das Blatt sinken. »Wäre nichts für mich, so bald aufzustehen. Dieser Albrecht muss noch sehr müde gewesen sein, dass er den Stein nicht gesehen hat.«
Er suchte in den Papieren nach der Adresse und der Telefonnummer. Er ließ es etliche Male läuten, niemand hob ab. Er machte sich geistig eine Notiz, dass er nach diesem Herrn Albrecht noch recherchieren und ihn noch einmal anrufen wollte. Dann las er die Ausführungen des Protokolls weiter.
»Es war eine junge Frau, die er fand. Zugedeckt mit Blattwerk. Sie trug eine Unterhose, ansonsten war sie nackt. Sie war an Händen und Füßen mit einer Strumpfhose verschnürt.«
»Strumpfhose, verschnürt«, sagte Klaus laut. »Fixiert, gebunden, was fällt mir dazu ein?« Bevor er zum Telefonhörer griff, las er den letzten Satz der Niederschrift. Nachdem das Blattwerk weggeräumt worden war, fand man eine Zigarette auf der Brust der Toten.
Klaus wählte eine Nummer. Sofort wurde abgenommen.
»Himmel, muss dir langweilig sein, wenn du schon abnimmst, während es das erste Mal klingelt. Oder hast du Röntgenaugen?«
»Ich habe es doch auf dem Display gesehen!«
»Ich habe einen neuen Witz, Chefin, damit du wenigstens einmal am Tag was zu lachen hast.«
»Das wird wieder was sein«, hörte Klaus aus dem Hörer. Irrte er sich, oder klang Belu verschnupft?
»Also hör zu: Was sagt ein Mann, wenn er bis zum Bauchnabel im Wasser steht? Na, was meinst du?«
Man hörte ein lang gezogenes Schnaufen. Klaus konnte sich lebhaft vorstellen, wie Belu nun die Augenbrauen nach oben zog.
»Das geht über meinen Verstand. Gut, gell?«
Ein paar Sekunden war es still. Dann prustete Belu los, lachte schallend. »Das passt wie die Faust aufs Gretchen.«
»Wer zweideutig denkt, hat eindeutig mehr Spaß«, konterte Klaus, grinste und rieb sich über die Stoppeln an seinem Kinn. Wenn Cora nichts dagegen hatte, würde er sich doch einen Dreitagebart stehen lassen. Das kratzte dann sicher nicht mehr.
»Warum ich eigentlich anrufe: Denkst du dasselbe wie ich? Verschnürt, gefesselt, fixiert? Nach was schaut das aus?«
Eine Weile war es still im Hörer, dann kam es wie aus der Pistole geschossen. »Du hast recht, das ist ...«
»... Bondage«, ergänzte Klaus. »Danke, dann weiß ich, was ich als Nächstes tun muss.«
5
1987
»Hast du verstanden? Das Safeword ist mayday. Und da man bekanntlich mit einem Knebel im Mund nicht rufen kann, klopfst du mit den Zehen zweimal auf den Boden.«
Die Domina strich ihm zärtlich über die Wangen. In der Hand hielt sie eine brennende Kerze, ließ das heiße Wachs über seinen Hals laufen. Wenn der Mann ein Kätzchen gewesen wäre, hätte er zu schnurren begonnen. So stand er einfach nur da in seiner Feinrippunterhose und dem Netzhemd. Schon immer übte es eine Faszination auf ihn aus, wenn er gefesselt wurde. Wenn sie als Kinder Räuber und Indianer gespielt hatten, hatte er sich fangen und an Händen und Beinen fesseln lassen. Aus Jux waren sie als Teenager in Sexfilme gegangen. Die Szenen, in denen jemand mit Seilen verknotet oder fixiert wurde, erregten ihn besonders. Am Anfang ihrer jungen Liebe hatte sich seine Frau ja noch darauf eingelassen. Sie war unerfahren und dumm, aber neugierig. Mit zunehmenden Ehejahren lehnte sie es allerdings ab, ihm Handschellen anzulegen, geschweige denn, sich selbst festzurren zu lassen. So gönnte er sich – immer öfter – in der Mittagspause den Besuch bei einer Domina. Sie war keine Professionelle, das dachte er zumindest. Schließlich empfing sie ihn in einem Wohnhaus. Gab es ihm doch das Gefühl, sich nicht der käuflichen Liebe hinzugeben.
Wenn seine Sekretärin wüsste, was er sich da so in der Mittagszeit gönnte. Sie profitierte davon, er war dann rundweg ausgeglichen und sah über manchen Fehler hinweg.
»Knie dich nieder!«, befahl die Dame. »Wirds bald!«
Gehorsam kniete er sich hin.
»Wenn du besonders brav bist, Sklave, darfst du mich Monique nennen.« Sie legte ihm ein Hundehalsband um und zog ihn hinter sich her.
»Folge mir.«
Gehorsam ließ er sich in das Zimmer mit dem Andreaskreuz führen. Er liebte Fesselspielchen, die ihn noch mehr aufgeilten, das Gefühl, hilflos ausgeliefert zu sein, allem, was da kommen mochte. Es törnte ihn noch mehr an, wenn er versuchte, sich zu befreien, und es ihm nicht gelang.
»Das wirst du schön bleiben lassen, Sklave«, meinte Madame. »Du kommst frei, wenn ich es sage, verstanden? Verstanden, habe ich gefragt!« Er nickte artig. Ja, so liebte er es. Wirklich zu schade, dass seine Frau so eine hausbackene Gemahlin war und für sie nur Blümchensex infrage kam. Die Domina gab ihm einen Klaps auf die Wangen, das Wachs einer Kerze tropfte auf seinen Körper. Sie nahm eine Peitsche und ließ sie langsam über seinen Rücken gleiten. Mit Blick auf eine Uhr, die leicht versteckt auf einem Kästchen stand, meinte sie: »Das nächste Mal bekommt das Halsband Stacheln.« Dann nahm sie ihm die Fesseln ab, entfernte die Zwicker an den Brustwarzen. »Den Rest kannst du selbst abnehmen. Hier ist ein Tuch für das Wachs.« Er tat, wie ihm geheißen, bedauerte, dass die Zeit schon vorbei war. Jetzt würde er wieder einige Tage warten müssen. Zu oft konnte er sich diese Stunde bei der Dame nicht erlauben. Seine Frau sollte es nicht mitbekommen, wofür er so viel Geld ausgab. Beschwingt ging er ins Büro zurück. Seine Mitarbeiterin wunderte sich schon gar nicht mehr, dass ihr Chef, der in der Früh meist muffelig war, oft nach der Mittagspause völlig entspannt und fröhlich zurück ins Büro kam.
Die Dame im Morgenmantel reichte ihrer Kollegin eine Tasse Tee.
»Da schimpfen sie immer über uns, über das älteste Gewerbe der Welt, und im Grunde genommen sind sie froh, dass es uns gibt.« Sie zog den Gürtel ihres Bademantels enger, fläzte sich auf das kleine Sofa.
»Stimmt, ich habe diese heuchlerische Gesellschaft so was von satt! Der da eben, biederer Ehemann, Abteilungsleiter und dann kommt er in der Mittagspause zu mir.«
»Solange die Kasse stimmt, mache ich fast alles. Ich verkaufe Seifenblasen und ich erfülle Träume. Das, was eigentlich der Job der Ehefrauen wäre.«
»Und da die Frauen es anscheinend nicht können oder wollen, sind wir da. Mit dem Unterschied, dass wir Geld dafür nehmen.«
»Ich kann mir gut vorstellen, dass die Freier sich zu Hause gehen lassen. Am Wochenende ziehen sie wahrscheinlich die Schlafanzughosen noch nicht einmal aus. Mit dem Unterhemd, unrasiert, ungepflegt und schlampig hockt er dann das ganze Wochenende vor der Glotze. Bei uns trauen sie sich nicht, ungewaschen aufzutauchen.«
»Und wenn doch, dann stelle ich ihn unter die Dusche.«
»Hol doch bitte mal den Sekt aus dem Kühlschrank.« Sie stand auf, wäre beinahe über den langen Bademantel gestolpert. Sie öffnete eine Vitrine, holte drei Sektgläser heraus und goss ein.
»Drei Gläser?«
»Ja, Uli kommt nachher noch. Sie hat einen tollen Job aufgetan. Stell dir vor, so ein alter Geschäftsmann hat sie ins Theater eingeladen.«
Die junge Frau lachte, schmunzelte und meinte fröhlich: »Na, ob es beim Theater bleibt? Weißt du was, für meine Gage kaufe ich mir ein paar neue Seidenstrümpfe und den Lippenstift, den ich schon immer haben wollte.« Sie nahm einen großen Schluck, tauschte den Lederrock und den Ketten-BH gegen Stoffhose und Bluse. »Sag ihr einen lieben Gruß. Ich muss los, meine Kleine von meiner Mutter abholen.«
Kommissariat, Büro
Es war still im Büro. Auch wenn Klaus es nicht zugeben wollte, ihm fehlte Belu. Ihm fehlten die Gummibärchen, die Belu so gerne aß, der Duft von Kaffee mit der Prise Zimt. Er stierte vor sich hin, ließ seine Gedanken in die Vergangenheit schweifen. Damals, als er noch ganz neu in der Abteilung war, saß er auch alleine im Büro, Zwielicht kroch seinerzeit durch das Zimmer. Die Laternen am Jakobsplatz waren angegangen.
Niemand wartete auf ihn zu Hause. Er war ein paar Jahre nicht mehr in Nürnberg gewesen, hatte als Austauschkommissar in Hamburg zugebracht. Es war eine interessante Zeit bei den Fischköppen gewesen. So richtig warm war er allerdings nie mit den Hamburgern geworden. Deshalb war er gerne wieder zurück nach Nürnberg gekommen.
»Auch schon wieder ein paar Jahre her«, sagte er zu sich selbst.
Eine Stadt lebte, veränderte sich. Es kam ihm so vor, als ob alles neu für ihn wäre. Als ob er die Stadt wieder neu entdecken müsste. Er wusste es noch ganz genau, dass sein Kühlschrank leer gewesen war und er Bücherkisten hatte auspacken sollen. Dazu fehlten ihm einfach die Muse und auch die Lust. Er war müde und erschöpft, fühlte sich einsam. Zu gerne wollte er sich einmal fallen lassen, nicht der Bestimmende sein.
Klaus schmunzelte, als er an seine Anfangszeit mit Belu dachte. Die Füße legte er immer noch gerne auf den Schreibtisch. Und auch die Ellenbogen stützte er gerne ab.
In jenen längst vergangenen Tagen hatte er sich nicht aufraffen können, in seine einsame Wohnung zu gehen. Er stieß mit dem Fuß gegen den Schreibtisch. Durch den Ruck flammte sein Computer auf, der im Sparmodus gedümpelt hatte. Wie von selbst glitten damals seine Finger über die Tastatur und gaben eine Adresse ein. Das Gespräch konnte er immer noch rekapitulieren.
»Hallo?« Eine sonore Stimme am anderen Ende der Leitung. »Womit darf ich dich verwöhnen?«
»Ähm, hier ist Klaus.«
»Guten Abend, Klaus.«
»Ich bin neu in der Stadt. Ich …«
»Kein Problem. Komm vorbei. Du findest mich ...«
Er läutete zweimal kurz, einmal lang, das verabredete Zeichen. Eine attraktive Frau, kurze, wellige Haare, öffnete ihm. Ein enges T-Shirt schmiegte sich an ihren Oberkörper. Die Röhrenjeans betonten ihre schlanke Figur. Dass sie kein Teenie mehr war, sah man nur, wenn man ihr ganz nahe kam.
So hatte er damals Violetta kennengelernt. Sie konnte gut zuhören, war einfühlsam und diskret. Von ihr, der erfahrenen Frau, konnte er sich führen lassen. Sie verzog keine Miene, als Klaus ihr sagte, dass er bei der Kriminalpolizei tätig war.
Er schob den Ordner von links nach rechts. Der Kaffee aus dem Automaten war inzwischen kalt geworden. Sein Mund verzog sich, als er an Belu und Violetta dachte. Unterschiedlicher konnten die beiden nicht sein. Jede war einzigartig – auf ihre Weise. Die überkorrekte Belu mit ihren dunklen Haaren, und Violetta, die Lebenskünstlerin mit den kurzen hellen Haaren.
Natürlich musste er schon ein paarmal im Milieu ermitteln. Es blieb nicht aus, dass er die eine oder andere Professionelle etwas näher kennenlernte. Wie oft schon hatte er bei einem Bier tiefschürfende Gespräche mit den Damen geführt? Violetta hielt sich an ihre Hurenehre. Sie verpfiff keine Kollegin, gab aber trotzdem oft Hinweise, die die Ermittlungen voranbrachten.
Klaus legte seine Beine auf den Schreibtisch. Er musste es ausnutzen, wenn Belu nicht im Büro war. So etwas würde sie nicht dulden. Er grinste, wusste genau, was Belu sagen würde: »Unflätig, Klausi.« Und dann würde sie ihn strafend über ihren Lesebrillenrand ansehen.
Studio Violetta
Klaus machte sich auf den Weg in die Nordstadt. In einer Seitengasse der Sulzbacher Straße parkte er seinen Wagen.
Violetta machte kein Hehl daraus, dass sie schon über fünfzig war.
»Hi Violetta, schön, dass du Zeit für mich hast.«
»Für meinen Lieblingsbullen doch immer. Du siehst blass aus, ist was?«
Er griente. »Ich hab mich heut' mal selber gewaschen, sonst macht das immer meine Mutti.«
»Magst du ein Bier? Das ist alkoholfrei!«
Klaus nickte. Er sah sich im Wohnzimmer um. Violetta hatte ein sogenanntes Empfangszimmer, in dem sie Gespräche mit ihren Gästen führte. Ein kuscheliges Sofa, zwei Sessel, ein Glastisch und eine Glaskommode; Klaus ließ sich auch gleich in den Sessel fallen. An den Wänden hingen geschmackvolle erotische Bilder; es waren keine Pornos. Und überall waren Kerzen.
Violetta drückte auf einen Knopf der Stereoanlage. Einschmeichelnde Musik erklang.
»Hast du ein bisschen zugenommen, oder bilde ich mir das nur ein, Klaus?« Violetta stellte Glas und Bierflasche vor ihn hin. Der wies den Einwand entrüstet von sich.
»Na hör mal, das ist kein Speck, das ist erotische Nutzfläche. Ich habe eine Freundin. Die steht nicht auf Hungerhaken.«
»Dann ist ja gut. Was kann ich für dich tun?«
Klaus zog ein Foto aus der Tasche. »Ich brauche deine Hilfe. Was meinst du? Bondage?«
Violetta betrachtete das Bild genau.
Die Farbe ihres Gesichts veränderte sich. Dann kippte sie vornüber.
*
Die alte Dame tauchte ihren Löffel in die Suppe. Nippte, verzog das Gesicht. »Das ist wieder ein Fraß«, rief sie und schleuderte den Löffel der Pflegerin hinterher. »Und sagen Sie jetzt bloß nicht, dass ich dement bin. Bin ich nicht. Es ist eine Zumutung, wie hier mit alten Menschen umgegangen wird.«
Sie stand auf, griff sich ihren Gehwagen und rollte aus dem Speisesaal in Richtung Kapelle. Dort blieb sie vor dem Bildnis der Mutter Maria stehen. Sie wischte sich eine Träne aus dem Auge. »Vergib mir meine Sünden!«
*
Schöner Brunnen
Cora nahm die Menschen gar nicht richtig wahr, die an ihr vorbeiliefen. Sie war mit sich selbst und ihren Gedanken beschäftigt.
»Wie konnte ich das alles so nur lange verdrängen«, murmelte sie.
»Hom Sie wos gsocht?« Ein Junge ließ sich neben sie plumpsen. Er hielt ein Skateboard in der Hand, drehte den Schirm seiner Baseballkappe auf die Seite.
Cora schüttelte den Kopf. Sie stand auf, schlenderte Richtung Hauptmarkt. Ihre Gedanken drehten sich immer wieder im Kopf herum.
Warum ausgerechnet jetzt?
Studio Violetta
»Was ist passiert?« Violetta riss die Augen auf und stöhnte laut.
»Dir ist wohl schlecht geworden.« Klaus fächelte mit einer Zeitung wild hin und her.
»Ich habe heute noch nichts gegessen. Schau mal im Kühlschrank, da müssten noch Wurst und Käse drin sein. Machst du mir ein Brot?«
Klaus schnitt einige Scheiben ab, butterte sie und legte ein paar Scheiben Salami drauf. »Iss!«
Violetta nahm einen großen Schluck Wasser und biss herzhaft in das Brot. Klaus ließ sie aufessen, bevor er ihr eine Frage stellte: »Kannst du mir etwas über Bondage erzählen? Vielleicht ein wenig mehr als das, was ich schon weiß. Jemand wird verschnürt, damit er Lust dabei empfindet?«
Violetta biss vom Brot ab, kaute langsam. Klaus hatte ihr noch ein Glas Wasser eingegossen. Sie trank es mit kleinen Schlucken aus.
»Wie bist du eigentlich zu deinem Job gekommen? Fällt mir gerade auf, dass ich dich das noch nie gefragt habe.«
Sie nickte, nahm den letzten Schluck Wasser und begann zu erzählen: »Soll das jetzt ein Verhör werden, Herr Kommissar?«
»Natürlich nicht«, antwortete Klaus. »Es ist die reine Neugier.«
»Also gut, ich bin eher zufällig in dieses Gewerbe reingekommen. Ich wollte mir während der Ausbildung zur Tippse«, sie lächelte ein wenig, »ein bisschen Geld dazuverdienen und habe in einer Bar gejobbt. Das ist eher zufällig geschehen. Ein älterer Mann kam jedes Wochenende zu uns und er fragte mich, ob ich ihn mit einem Seil fesseln könnte.«
»Und hast du das gemacht?«
»Nachdem er mir gesagt hatte, was er mir dafür geben würde, habe ich nicht lange überlegen müssen.«
»Was hast du dabei empfunden?«
»Irgendwie hat es mir Spaß gemacht, Chefin zu sein. Weißt du, Klaus, im Büro war ich das blöde Lehrmädel, das man hin und her schubsen konnte. Mach dies, mach das.«
»Und im Laufe der Zeit hast du dir einiges an praktischem Wissen angeeignet.« Klaus sah sie lächelnd an.
»Aber so was von«, lachte Violetta. »Da kannst du dir ein Ei drauf backen.«
»Ich kann mir vorstellen, dass man als Lehrling nicht besonders viel verdient. Wie alt warst du damals?«
»Knapp achtzehn, der Barbesitzer hat mich trotzdem genommen. Ich war immer besonders nett und habe viel Trinkgeld bekommen.«
»So bist du also reingerutscht?«
»Stimmt, danach wusste ich: Das ist mein Job!«
Wohnung Cora
Cora beglückwünschte sich wieder einmal, dass sie so pedantisch war. Schon als Kind war sie sehr ordentlich bei ihren Schulsachen gewesen. Als sie von zu Hause auszog, hatte sie die Ordner aus dem großen Wohnzimmerbüfett mitgenommen. Auch eine Schachtel, in der Papierkram lag. So standen nun in ihrem Schrank in Reih und Glied Leitzordner, ordentlich beschriftet. Irgendwann einmal würde sie alles scannen und in Dateien ablegen, um Platz zu schaffen.
»Diese Schachtel hier werde ich auch mal in Angriff nehmen. Wenn ich mal viel Zeit habe. Ja, wenn ...«, sie grinste in sich hinein. Dann zog sie den Ordner Privat hervor, setzte sich im Schneidersitz auf den Boden und begann zu blättern.
»Hier ist es«, rief sie laut. »Welch ein Glück, dass ich immer alles aufhebe und penibel ablege.«
Vielleicht mochte sie Klaus deshalb so gerne? Bei ihm in der Wohnung lag alles durcheinander. In einer Schachtel hatte er Papiere kreuz und quer eingeschlichtet. Nur ein Genie beherrscht das Chaos, stand ganz groß auf der Pinnwand in seinem Flur. Wenn es gar zu schlimm wurde, meinte sie immer zu ihm: »Ziehen die Hempels mal wieder um?« Dann mussten sie beide lachen und Klaus räumte einen Teil von links nach rechts.
Ordentlich abgelegt, mit Trennblättern versehen, drehte sie die Papiere um. Sie öffnete den Hebel, nahm das Blatt mit den Fotos heraus. Ein altes Haus mit bemoosten Ziegeln. Viel Grün um das Gebäude.
»Hier ist es ja«, murmelte Cora.
Wohnung Violetta
»So, jetzt hast du aufgegessen und jetzt erzählst du mir, wie das mit dem Bondage war.«
Violetta nickte und sagte völlig zusammenhanglos: »Nächste Woche werde ich 51 Jahre. Sieht man mir nicht an, gell? Ich würde gerne feiern. Du bist eingeladen.«
»Danke schön. Schweif nicht ab. Bitte!«
»Was hätte ich als Büromaus schon großartig verdient? Der ältere Mann wurde mein Dauerkunde, deshalb habe ich mich natürlich umgehört. Viel habe ich nicht erfahren. Bondage war damals noch kein Thema.«
»Ich vermute mal – learning by doing.«
Violetta nickte. »Ich habe Stunden in Bibliotheken verbracht. Es war interessant, was da alles stand und was ich ‚Neues‘ erfahren habe. Internet gab es ja schließlich noch nicht.«
»Wir haben mal einen Wochenendtrip nach Berlin gemacht. Cora hat mich dort in das Beate-Uhse-Museum geschleppt.«
»Wie interessant. Da möchte ich auch mal hin.«
»Da wirst du dich noch etwas gedulden müssen. Es ist seit September 2014 geschlossen. Sie suchen einen neuen Standort.«
»Wie schade.« Das Telefon läutete, Violetta drückte das Gespräch weg. »Was hast du dort alles gesehen?«
»Im Museum?«
»Ja, wo sonst?«
»Ich dachte, du willst wissen, ob wir Sightseeing in Berlin gemacht haben«, grinste Klaus.
»Wir sind doch grad beim Thema Verschnüren, also erzähle.« Violetta schlug die Augen nach oben und seufzte gespielt.
»Das ist wissenschaftlicher aufgezogen, als man meint. Du wirst durch unterschiedliche Kulturen und Epochen rund um das Thema Sex und Liebe geführt. Da waren wirklich kunsthistorisch wertvolle Exponate und was ich besonders interessant fand, waren die hochmodernen 3-D-Projektionen.«
Violetta lachte laut. »Das kann ich mir vorstellen. Klein Klausi betrachtet weibliche Geschlechtsteile in 3-D!«
»Na hör mal, so weltfremd bin ich nun auch wieder nicht.«
Violetta schlug die Beine unter ihren Po, legte sich eine Decke über den Schoß.
»Damals, vor dreißig Jahren, war das natürlich noch nicht in aller Munde. Heutzutage ist es für viele Leute ein toller Fetisch. Gerade, wenn sie in leitender Position sind. Sich dominieren lassen, einfach mal schwach sein dürfen, für viele der Inbegriff der Lust.«
»Ich kann es mir, ehrlich gesagt, nicht so richtig vorstellen, was einen umtreibt, sich fesseln zu lassen.« Klaus spielte gedankenverloren an seinem Pferdeschwanz.
»Weißt du, viele meiner Gäste wollen ihre körperliche Passivität spüren. Erst dann fühlen sie sich frei. Sie können sich dabei auf ihr Inneres konzentrieren und kommen zur Ruhe.«
»Womit hast du gefesselt?«
»Die japanische Kunst sah Stricke vor. Auch Ketten. Im Laufe der Zeit kamen Lack und Leder hinzu. Kerzenwachs, Peitschen, alles, was das lustvolle Herz begehrt.«
»Und wie ist es mit sadomasochistischen Praktiken?«
»Lässt sich nicht leugnen!«
»Und Strumpfhosen?« Klaus sah sie gespannt an.
»Eher nicht. Aber wenn der Kunde das so haben wollte, haben wir das natürlich gemacht.«
»Wir?«
»Ich hatte immer wieder mal Partnerinnen. Ich vermiete mein Studio ja auch.«
Klaus murmelte: »Interessant.«
6
»Entschuldigung, dass Sie mir eben auf den Fuß getreten sind.«
Cora war so in Gedanken, dass sie es gar nicht bemerkt hatte. Erschrocken fuhr sie hoch. Schaute etwas verwirrt. Die Dame im Ordenskleid schüttelte den Kopf. »Sie sind ja wirklich ganz weit weg. Kann ich Ihnen helfen?«
»Nein danke, Sie haben recht, mir gehen ein paar Dinge durch den Kopf. Entschuldigung.« Eilig ging Cora Richtung Bahnhof davon. Abrupt blieb sie stehen. Vielleicht wäre es doch besser, vorher anzurufen? Sie suchte die Nummer der Nürnberger Nachrichten heraus. Es klingelte ein paarmal, dann ertönte eine Stimme vom Band, dass das Textarchiv heute geschlossen hatte. »Mist, verdammter Mist.« Cora stampfte wie ein trotziges Kind mit dem Fuß auf.
»Es muss Sie ja wirklich etwas Schwerwiegendes beschäftigen. Aber keine Angst, junge Frau, diesmal habe ich meine Füße in Sicherheit gebracht.«
Cora blickte in das lächelnde Gesicht der Ordensfrau. Sie hatte absolut keine Lust auf ein Gespräch, deshalb nickte sie nur, dachte im Weggehen: »Na gut, dann gehe ich da morgen hin.«
1987
»Hast du wieder den gleichen Gast wie gestern?«
»Der hat einen Narren an mir gefressen. Ich habe meiner Mutter was von Arzt und Zahnweh erzählt. Dahin kann ich die Kleine ja nicht mitnehmen.«
»Und hat sie es dir abgekauft?«
»Ich weiß nicht so recht. Sie schaut mich immer so misstrauisch an. Gestern hat sie an mir gerochen und abfällig geschaut. Obwohl ich mich immer abschminke und umziehe, wenn ich nach Hause komme.«
»Dann sei mal vorsichtig. Nichts ist schlimmer als Mütter, die einem hinterherspionieren.«
»Doch, Ehemänner!«, sagte eine Dritte. »Was soll ich anziehen? Das Rote oder lieber doch das kleine Schwarze? Worin sehe ich edler aus?«
»Wo gehst du hin?«
»Theater!«
»Dann bist du doch perfekt mit dem Schwarzen angezogen. Rote Ohrringe, roter Lippenstift, rote Pumps – perfekt!«
Die drei Frauen lachten. »Willst du noch einen Schampus? Ein Schlückchen?«
Im selben Moment läutete es. Sie warf sich einen fast durchsichtigen Morgenmantel über, ging zur Tür, öffnete sie einen Spaltbreit.
Eine Hand streckte sich ihr entgegen, feingliedrige Finger hielten eine rote Rose. Als die Hand sich senkte, blickte sie in ein freundliches Gesicht. Er machte einen Diener und fragte schüchtern: »Darf ich Ihnen diese Rose überreichen? Ist es gestattet?«
Sie winkte ihn herein, nahm die Rose, warf sie nachlässig auf die Kommode im Flur. Dann schubste sie ihn in das Zimmer. Mitten im Raum blieb er stehen. Sah sie an, wie sie sehr langsam den Morgenmantel ablegte, ihn achtlos fallen ließ. Seine Augen blieben an ihrer wohlproportionierten Figur hängen, an den halterlosen Strümpfen, wanderten hoch zum Ketten-BH.
»Genug gegafft. Ausziehen, auf die Knie. Wirst du wohl!«
Er tat, wie ihm befohlen, legte schnell sein Hemd ab, zog die Hose aus. Er trug Sockenhalter, damit die Kniestrümpfe nicht rutschten. Sie legte ihm ein Hundehalsband um, führte ihn im Zimmer umher. Dann drückte sie ihn mit einem Stöckelschuh in den Boden. »Schuh lecken«, befahl sie knapp. »Stopp! Nicht so flüchtig, ausgiebig lecken.« Er beeilte sich, dem nachzukommen.
»So ist es brav und jetzt den Absatz in den Mund nehmen.«
Als er den Absatz aufnahm, kommandierte sie: »Gut so und jetzt hochkommen!« Auch das tat er schnell.
»Hinlegen, Arme nach oben«, gebot sie im Befehlston. Sie kettete den Mann an den Gitterstäben des Bettes an und band ihm ein Seidentuch um die Augen. Kurz erlaubte sie sich ein abfälliges Lächeln. Ich habe jetzt Macht über dich, du Würstchen. Und du genießt es auch noch.
»Ich war ein unartiger Junge, Herrin«, sagte der Mann. »Du musst mich bestrafen.«
Sie nahm eine spezielle Brustklammer und zwickte sie in seine Brustwarze. »Hörst du wohl auf zu jammern, du Memme. Hier hast du.« Mit einer Reitgerte begann sie vorne und seitlich den Oberkörper des Mannes zu peitschen. Erst langsam, fast spielerisch, glitt die Peitsche über seine Brust. Schnell bildeten sich rote Striemen auf der Haut. Sie bohrte das Stielende in sein Schlüsselbein, zog das Seidentuch von seinen Augen und zwang ihn, sie anzuschauen. Gleichzeitig ließ sie Kerzenwachs auf seinen Bauch tropfen. Über seinen Körper zog sich Gänsehaut. Der Lustschmerz des heißen Wachses, das auf seinen Bauch tröpfelte, ließ ihn frösteln. Lässig zog sie an der Brustklemme. Sie hörte wohliges Wimmern und immer wieder die Worte: »Mehr … mehr ...«
Wohnzimmer Cora
Cora saß auf dem Boden. Um sie herum lagen etliche Papiere verstreut. So lange hatte der Ordner unbeachtet in ihrem Schrank gestanden. Jetzt war die Zeit gekommen. Auf dem Beistelltisch standen eine Flasche Rotwein und ein gefülltes Glas, an dem sie von Zeit zu Zeit nippte. Sie wollte nicht gestört werden. Der Tag war auf sie eingestürzt wie eine Lawine.
»Früher war alles besser: Zum Beispiel gestern – da war Sonntag.« Cora musste lachen, als sie an diesen Spruch dachte, den Klaus heute Morgen zu ihr gesagt hatte.
»Weil ich auch immer so neugierig bin. Verdammte Scheiße.«
Sie nahm einen großen Schluck Rotwein. »Warum ausgerechnet jetzt? Verflixt und zugenäht.« Sie hatte Klaus angerufen, ihm vorgelogen, dass sie schreckliche Kopfschmerzen hätte und für heute lieber alleine in ihrer Wohnung bleiben wollte.
»Ach, mein Mäuschen, das tut mir aber wirklich leid. Dann hoffe ich, dass es dir bald besser geht und wir uns morgen sehen können.«
Cora hatte viel Selbstmitleid in ihre Stimme gelegt und gemeint: »Ja, morgen, da gehts mir bestimmt besser. Ich leg mich jetzt ins Bett und stöpsle das Festnetz aus. Handy schalte ich auch ab. Gute Nacht, Liebster.«
Es fiel ihr nicht leicht, Klaus anzulügen. Sie musste für sich selber wissen, was sie tun wollte. Erst dann konnte sie mit Klaus darüber reden. Es musste sein. Sie nahm noch einen Schluck Rotwein, blätterte die Papiere durch.
Das Bild. Sie betrachtete es eindringlich. Ganz hinten in ihrem Gedächtnis flammte etwas auf. Es war noch ganz klein. Gerade als sie glaubte, es greifen zu können, war der Gedanke wieder weg. Er blieb zu dicht unter der Oberfläche des Bewusstseins, als dass sie es hätte erfassen können. Sie legte das Blatt mit dem aufgeklebten Foto auf die Seite, verlagerte ihr Gewicht und streckte das linke Bein aus. Ihre Gedanken spielten Pingpong. Sie schnaufte tief. Das nächste Trennblatt war unbeschriftet. In einer Klarsichthülle lag ein Zettel.
Hier stand es: Grünberg, Karin Grünberg. Was hatte es mit diesem Namen auf sich?
»Ich darf Klaus nicht anlügen. Ich muss ...« Cora stockte. »Es wird Zeit. Ja, es wird Zeit!«
Sie lief im Zimmer auf und ab. Es war so viel auf sie eingestürmt. Sie ließ ihren Gefühlen freien Lauf, weinte ein bisschen. Ihre Gedanken purzelten durcheinander. Klaus ist genau der Mann, mit dem ich mir eine langfristige Beziehung vorstellen könnte. Er hat Humor, bringt mich zum Lachen und ich kann so herrlich mit ihm diskutieren. Sein Job ist spannend und wenn ich mal als Anwältin arbeite, können wir uns bestens austauschen.
Cora setzte sich im Schneidersitz auf den Teppich. Sie fröstelte, zog den Strickschal enger um sich.
»Warum bin ich so neugierig?«, sagte sie laut. »Gehört zu meinem zukünftigen Beruf«, antwortete sie sich selbst.
Ihre Gedanken wirbelten durch ihren Kopf. »Einen Cold Case, einen Altfall, hat Klaus auf den Schreibtisch bekommen. Die neue Oberstaatsanwältin will wohl unbedingt wissen, was sie von ihren Mitarbeitern halten soll. Ausgerechnet jetzt bricht sich Belu auch noch den Fuß. Und bei meinem Besuch im Kommissariat fällt mein Blick auf ein Bild und ein Wort: Grünberg.« Cora stand erneut auf, füllte ihr Glas. Ihre Füße waren kalt. Auf dem Sofa lagen selbst gestrickte Socken, die sie nun überzog. Sie bückte sich nach einem leicht vergilbten Stück Papier, das auf dem Boden lag. »Verkehrsunfall mit Todesfolge« stand da. Es sah irgendwie komisch aus.
Carmine
Klaus war enttäuscht, dass er den Abend nun doch nicht mit Cora verbringen konnte. Er sah es natürlich ein, dass sie kein guter Gesprächspartner sein würde, wenn sie Kopfschmerzen hatte. Er packte den Hefter ein. Vielleicht bekam er beim erneuten Lesen eine Idee, wie er in diesem Fall vorgehen konnte.
Er wollte Belu besuchen. Sein Blick huschte über deren verwaisten Schreibtisch. Sie würde sich bestimmt freuen, wenn er ihren tristen Abend ein bisschen aufmischte.
Bevor er ins Krankenhaus fuhr, legte er noch einen Stopp bei einem Supermarkt ein. Es konnte nicht schaden, ein paar Dosen Ravioli, Fertigsuppen und Trockenfutter, wie Haferflocken, im Hause zu haben. Seine Katze, Frau Schröder, musste schließlich auch versorgt werden und die Katzenstreu war fast alle.
Er lud etliche Tüten in den Kofferraum. Bei all der kulinarischen Pracht, natürlich hatte er auch an Gummibärchen gedacht, hörte er ganz deutlich seinen Magen knurren.
Ihm war nach Bratwürstchen und auch nach einem kleinen Plausch. Carmine, der italienische Wirt mit fränkischen Wurzeln, war da der beste Ansprechpartner. Sie begrüßten sich herzlich.
»Und wie geht es deiner Chefin?«
»Ich fahre nachher zu ihr hin. Könntest du mir ein paar Nürnberger für die Nürnbergerin einpacken?« Klaus gluckste unartikuliert.
»Willst du die Bio oder die echten?«
»Bio ist doch nur für junge Leute. In Belus Alter ist man auf Konservierungsmittel angewiesen.«
»Lass sie das mal lieber nicht hören. Da fängst du bestimmt eine. Möchtest du ein Gläschen Rotwein? Oder lieber einen Weißwein?«
»Muss noch Autofahren. Eigentlich ist es ja egal, ob rot oder weiß, ich bin sowieso farbenblind.«
»Heit konnst es aba wieda«, meinte Carmine in breitestem Fränkisch. »Hier sind die Würschtla. Etzert aba ...«
Krankenhaus Belu
»Na, wie gehts uns heut, liebste Chefin?«
»Du weißt, dass ich dieses im Plural reden nicht leiden kann. Wie es dir geht, keine Ahnung. Mir gehts jedenfalls beschissen!«
»Wusste ich es doch. Deshalb habe ich dir Gummibärchen und ein paar Nürnberger mitgebracht. Die guten von Carmine. Guten Appetit.«
Das missmutige Gesicht von Belu erhellte sich. »Heute gabs Kartoffelbrei und Ragout. Ich verstehe nicht, warum die Leute einfach nicht kapieren, dass ich es im Fuß habe. Weder mein Hirn hat gelitten noch meine Zähne. Gib schon her! Wie das riecht!«
Genussvoll biss sie in die Würstl, leckte sich das Fett von den Mundwinkeln.
»Was hast du herausgefunden?«
»Du meinst über Bondage?«
»Ja, los, berichte.«
Cora – Wohnzimmer
Sie hielt das leicht vergilbte Blatt in der Hand, starrte darauf. Ihre Füße wollten einfach nicht warm werden. Die kleinen Härchen auf ihren Armen richteten sich auf. Es war eine Kälte, die von innen kam. »Jetzt ist der Zeitpunkt da, in die Hufe zu kommen.«
Sie stand auf, ging in die Küche. Nahm einen Pudding aus dem Kühlschrank, lehnte sich an die Anrichte. »Ich muss mit Klaus sprechen und mit meinem Vater. Warum hat er mich damals zur Großmutter gebracht, sich wenig um mich gekümmert? Es wird Zeit, dass ein paar Fragen gestellt und auch beantwortet werden.«
Mit Blick auf die große Küchenuhr stellte Cora fest, dass es schon weit nach Mitternacht war. Zeit, schlafen zu gehen.
Es war eine unruhige Nacht, die sie da verbrachte. Sie wachte immer wieder auf, träumte unruhig.
Kurz nach sechs hielt sie nichts mehr im Bett. In ihrer Erinnerung bestand die Nacht aus genervtem Hin-und-her-Wälzen. Sie hatte gegrübelt, um dann wieder kurz einzunicken. Sie duschte ausgiebig, essen konnte sie nichts. Eine Tasse Kaffee genügte ihr. Sie erinnerte sich, dass sie das Festnetz wieder einstöpseln musste. Gegen sieben rief sie ihren Vater an. Er war ein Frühaufsteher, deshalb konnte sie um diese Zeit anrufen.
»Hallo Papa, hast du heute Zeit auf einen Kaffee?«
»Cora?«
»Ja, kennst du meine Stimme nicht mehr? Oder sprechen dich mehr Leute mit Papa an?«
»Was ist los? Willst du was?«
»Wie kommst du darauf? Ich will einfach mal wieder mit dir einen Kaffee trinken. Uni habe ich erst nachmittags und danach Spätdienst in der Bäckerei.«
»Also gut. Treffen wir uns im Literaturhauscafé. Gegen zehn Uhr? Ich muss vorher noch was erledigen.« Siegfried Engelhardt hustete in den Hörer.
»Bis dann«, brummte Cora. Sie hatte das Gefühl, als Bittsteller gekommen zu sein. Unangenehmes Sodbrennen kroch ihr die Speiseröhre hoch. Sie schluckte ihren Ärger hinunter. »Andere Eltern freuen sich, wenn sie die Kinder sehen. Für meinen Vater ist es wohl eher eine lästige Pflicht. Verdammt noch mal!«, rief sie in den Hörer, aus dem nur ein tut, tut, tut erklang, was ihr signalisierte, dass ihr Vater das Gespräch bereits weggedrückt hatte. Sie kickte einen Turnschuh weg, bevor sie den Hörer auflegte.
Ganz fest nahm sie sich vor, sich nachher nicht abwimmeln zu lassen, notfalls würde sie einfach ins Blaue hinein fantasieren und somit ihren Vater brüskieren. Sie schaltete ihr Handy an. Eine Nachricht von Klaus war darauf. Ein Lächeln huschte über Coras Gesicht. Würde er auch zu ihr stehen, wenn ein paar Wahrheiten ans Licht kamen, die unangenehm waren?
Die alte Frau bewegte ihr Gehwägelchen Richtung Kapelle. Die Gehhilfen steckten seitlich in einer Halterung. Es war ihr Ritual, das sie jeden Morgen, nach dem Frühstück, vornahm. Ganz vorne in der ersten Reihe, dort ließ sie sich nieder, faltete die Hände vor dem Bauch und leierte ein »Gegrüßet seist du, Maria« herunter. Danach griff sie zum Taschentuch, tat so, als wenn sie sich eine Träne aus dem Auge wischen würde. Auch das war ein Ritual. Mühsam zog sie sich an ihrem Wagen hoch. Stocksteif blieb sie stehen, sah zum Bildnis der Mutter Maria hin und sagte: »Verzeih mir, bitte verzeih mir – alles. Alles, was ich jemals in meinem Leben an Bösem getan habe.«
Textarchiv Nürnberg
Cora machte sich auf den Weg Richtung Marienstraße. Im Textarchiv angekommen, führte sie die Angestellte in einen Raum, in dem Regale und einige Schreibtische standen. Sie zeigte ihr den Computer, deutete auf die Suchmaske. »Wenn Sie Hilfe brauchen«, meinte sie freundlich, »dann fragen Sie einfach. Kopien kosten 20 Cent.«
Cora nickte höflich und gab 1987 in die Suchmaske ein. Auf dem Totenschein stand 15. Mai.
Sie scrollte den entsprechenden Monat an, verweilte auf dem Tag. Suchend überflogen ihre Augen die einzelnen Spalten. Ihre Mutter war an den Folgen eines Autounfalles gestorben. So hatte man es ihr gesagt. Langsam zog sie den Totenschein aus der Tasche. Wort für Wort las sie noch einmal, gerade so, als wenn sie die Worte heute zum ersten Mal lesen würde.
Ihre Augen hefteten sich wieder auf die Suchmaske. Kein Autounfall, auch nicht am Tag davor und am Tag danach.
Sie war dreizehn Jahre alt, als sie ihren Vater interessiert gefragt hatte, warum sie keine Mutter, sondern nur eine Oma hatte.
»Deine Mutter ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Oma kümmert sich seitdem um uns«, war die knappe Antwort ihres Vaters gewesen. Sie war alleine daheim und neugierig – wie wohl jeder Teenager. Durch Zufall war ihr dann der Totenschein in die Hände gefallen. Es war ein Todesdatum angegeben und ein Name: Karin Grünberg. Sie war wohl noch zu jung gewesen, um dieser Information viel Gewicht zu geben. Der Name sagte ihr nichts. Deshalb legte sie das Papier zurück in die Schachtel. Wichtigere Dinge nahmen nun mehr Raum ein. Da war sie fünfzehn Jahre alt gewesen.
7
Klaus war auf dem Weg zum Büro der Oberstaatsanwältin. Heute trug sie eine Edeljeans. Ihre Füße steckten in Mokassins.
»Nun, Herr Hofmockel, sind Sie in unserem Fall schon weitergekommen? Erstatten Sie mir bitte in regelmäßigen Abständen Bericht.«
»Das mache ich selbstverständlich. Wenn Sie dies wünschen, werde ich Sie täglich auf dem Laufenden halten.«
»Nun?«
»Bei unserem Opfer handelt es sich vermutlich um eine Prostituierte. Sie war mit einer Strumpfhose gefesselt. Ist nicht unbedingt üblich. Der Fetisch wird mehr mit Ketten oder Seilen bedient. Deshalb konnte man mit dieser Art der Verschnürung damals wohl nichts anfangen und hat es auch nicht ins Milieu eingeordnet. Noch dazu, da sie eine einfache unauffällige Hausfrau war. Durch meine Beziehungen zum Rotlichtviertel und durch Recherchen ...«, Klaus hielt inne, betrachtete für einen kurzen Moment das reglose Gesicht der Oberstaatsanwältin, die ihm interessiert zuhörte. »Ich habe herausgebracht, dass diese Art der Verschnürung der Bondageszene zuzuordnen ist. Ich habe mit einer Dame vom Rotlichtbezirk gesprochen, die mir dies bestätigt hat. Unsere Tote war wohl eine Domina.«
»Gut, wie gehen Sie weiter vor?«
»Befragung der Anverwandten, wenn diese noch leben, mich genauer im Milieu umhören. Vielleicht kann sich jemand daran erinnern, was vor dreißig Jahren passiert ist.«
»Eher unwahrscheinlich, aber tun Sie das, Herr Hofmockel.« Das Telefon läutete und Paula Trejo entließ Klaus mit einer Handbewegung. Er hörte noch, wie sie ins Telefon sagte: »Was ist passiert? Blutet er?«
Klaus zog den Gummi seines Pferdeschwanzes aus dem Haar, schüttelte sich. In seinem Büro ließ er sich auf seinen Stuhl fallen, griff zum Hörer. Frau Oberstaatsanwältin wollte also immer auf dem Laufenden gehalten werden.
»Hallo Belu. Also diese Trejo, also wirklich ...«
»Jetzt schnauf mal durch. Was ist denn passiert?«
»Sie will laufend Bericht über diesen alten Fall. Ich hab ja auch noch was anderes zu tun, als ihr über jeden Furz zu berichten. Wann kommst du wieder?«, meinte er weinerlich.
»Klausi«, hörte er eine strenge Stimme. »Ich komme danach noch mindestens für vier Wochen in die Reha. Also mache dich schon mal mit dem Gedanken vertraut, dass du alleine federführend ermitteln musst. Du solltest halt das Team ein bisschen mehr einspannen.«
»Na gut, dann betrink ich mich mit Tee, bis ich 2,5 Kamille habe.« Wie gut, dass Belu nicht sehen konnte, dass Klaus eine Schnute zog und die Füße auf dem Schreibtisch übereinanderlegte.
»Kopf hoch, kleiner Prinz. Dein Krönchen könnte runterfallen! Ich habe da eine Idee«, sagte Belu. »Hör zu.«
Textarchiv Nürnberg
Cora rollte mit dem Mauszeiger rauf und runter. Kein Autounfall. Am 15. Mai war kein derartiges Unglück verzeichnet. Sie lehnte sich in dem Schreibtischstuhl zurück, hob die Hände und verschränkte sie hinter dem Nacken. Dann nahm sie den Totenschein auf. Karin Grünberg stand da. Sie selbst trug den Namen Engelhardt, wie ihr Vater, wie ihre Oma. Warum hieß ihre Mutter Grünberg? Obwohl Karin doch Omas Tochter war. Als sie einmal unbedarft diese Frage stellte, hatte ihr Vater entweder gar nicht geantwortet oder eine ausweichende Antwort gegeben. Es war ihr nicht weiter aufgefallen und sie hatte es auf sich beruhen lassen. Vater war selten zu Hause, kam erst heim, wenn sie schon im Bett lag. Cora straffte sich innerlich. Es wurde endlich Zeit, Licht in dieses Dunkel zu bringen. »Habe ich mich deswegen in Jura eingeschrieben, um etwas mehr Einblick in die Rechtsgeschichte und das Rechtswesen zu bekommen?«, sinnierte sie.
Es war wohl doch eine Fügung des Schicksals gewesen, als sie den Namen Grünberg in der Akte las, die auf Klaus' Schreibtisch lag. Ein Cold Case, ein Altfall. Vorbestimmung, sich ausgerechnet jetzt damit auseinanderzusetzen? Und das Foto? Sie kannte es. Woher?
Sie scrollte mit dem Cursor nach oben. Ihr Blick fiel auf eine Überschrift. Tote gefunden, stand da. Und im Untertitel: Nur mit einer Unterhose bekleidet und mit Strumpfhosen gefesselt.
Cora hielt den Totenschein noch immer in der Hand. Sie stutzte, hielt ihn gegen das Licht. Es war radiert worden. Jetzt sah sie es eindeutig.
»Un … b … t«, mehr schimmerte nicht durch. Drunter stand mit Füller und in Druckbuchstaben geschrieben: »Verkehrsunfall mit Todesfolge.«
»Ich wusste es, die kürzeste Horrorgeschichte ist Montag.« Die Frau, die auf der anderen Seite der Computerreihe saß, schimpfte laut vor sich hin. »Jetzt ist das Teil schon wieder hängen geblieben. Verdammter Mist!«
Cora grinste in sich hinein. Sie war so vertieft gewesen, dass ihr die neue Besucherin gar nicht aufgefallen war.
»Ich dachte, so ein Wort darf eine Nonne nicht in den Mund nehmen?«
Die Ordensfrau sah auf. »Wir haben uns gestern schon mal gesehen. Tja, wenn das Teil aber nicht so will wie ich, darf frau schon mal verdammt sagen«, kam es prompt von der Dame, die einen Habit trug und an ihrer Brille ruckelte.
»Kann ich Ihnen helfen, Schwester? Vielleicht kann ich das Problem beheben?«
Cora rollte mit dem Stuhl ein paar Zentimeter zurück und linste auf den Computer.
»Das wäre sehr nett von Ihnen. Ich bin Schwester Ulrike.« Sie strahlte Cora an. »Sehen Sie, der Cursor lässt sich nicht mehr bewegen. Das passiert mir immer wieder mal.«
Cora betrachtete die Maus, folgte dem Kabel mit den Fingern. Dann hielt sie ein loses Ende in der Hand. »Hier haben wir den Übeltäter. Der Stecker war draußen.«
»Vielen Dank, sehr nett von Ihnen. Weil ich auch immer so schusselig bin.«
Kommissariat, Büro
»Dir geb ichs!« Das Gespräch mit Belu hatte Klaus aufgebaut. Und die Idee, Frau Oberstaatsanwältin Trejo mit Informationen zuzuschütten, war genial. Er hatte mit Belu gewettet, dass es höchstens zwei Tage dauern würde und Madame Trejo würde ihn abwimmeln.
Mit einem Lächeln wählte er ihre Nummer.
»Tag, Hofmockel hier. Und hat es geblutet?«
»Wie bitte?«
»Ich hörte noch, wie Sie das am Telefon sagten.«
»Ach so, nein, nein, mein Sohn hat sich beim Fußballspielen langgelegt. Ist nur eine Schürfwunde. Bitte, haben Sie relevante Informationen für mich?«
»Ich möchte Ihnen nur einen kleinen Bericht geben. Ich habe jetzt einen eigenen Ordner angelegt, so wie sich das gehört. Und entsprechende Unterteilungen gemacht. Leider habe ich vergebens versucht, den Herrn ausfindig zu machen, der damals die Tote gefunden hat. Ich versuche es aber noch ...«
Klaus hörte ein Geräusch im Telefonhörer. Hörte es sich etwa wie ein Stöhnen an? Am liebsten hätte er laut gelacht. Trotzdem fuhr er ernst fort. »Sie bekommen aber noch einen schriftlichen Bericht.«
Ehe die Oberstaatsanwältin etwas erwidern konnte, sagte er: »Auf Wiedersehen, einen schönen Tag noch.« Schnell legte er den Hörer auf.
Johannisfriedhof
Cora liebte die Stille von Friedhöfen. Sie musste sich bewegen. Und sie musste nachdenken. So ging sie zu Fuß von den Nürnberger Nachrichten in der Blumenstraße Richtung Johannisfriedhof. Es war ein langer Weg. Dessen ungeachtet verging ihr die Zeit schnell, da sich ihre Gedanken in ihrem Kopf drehten. Langsam streifte sie durch die Gehwege zwischen den Gräbern, las die Namen der Verstorbenen, um sie sofort wieder zu vergessen. Immer, wenn sie für sich sein wollte, kam sie hierher. Das hatte sie schon als Kind getan. Dann konnte sie ihrer Mutter nahe sein, verweilte vor deren Urnengrab. Sie mochte diesen Friedhof, den sie auch als Rosenfriedhof kannte, erfreute sich an den schönen künstlerisch gestalteten Begräbnisstätten. Die Atmosphäre war so friedlich. In einer Broschüre hatte sie einmal gelesen, dass der Friedhof bereits im zehnten Jahrhundert angelegt worden war. Die Grabsteine ruhten liegend, jeder sollte unabhängig von Stand oder Beruf beerdigt werden.
»Denn im Tod sind alle gleich«, murmelte sie. »Auch du, Mutter. Obwohl du dich in edler Gesellschaft befindest. Immerhin sind hier Dürer und Harsdörffer begraben.«
Cora konnte nicht verhindern, dass ihr Tränen in die Augen traten. Sollte sie in die Holzschuher Kapelle gehen? Mechanisch setzte sie Fuß vor Fuß. Kurz verharrte sie vor der Treppe, denn die Kapelle lag durch die vielen Aufschüttungen nach Beerdigungen in diesem Friedhofsteil etwa einen Meter unterhalb des Bodenniveaus. Sie öffnete die Tür, ging hinein, nahm auf einer Holzbank Platz. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Brachte es einfach nicht übers Herz, die Hände zu falten und somit eine Art Glaube zu demonstrieren. Es gab so viele Fragen; sie wollte so viele Antworten. Es wurde Zeit, etwas zu tun.
Die alte Dame ruckelte nervös an der Lesebrille. Die Zungenspitze wanderte vom linken Lippenwinkel zum rechten. Akkurat setzte sie die Buchstaben in die vorgesehenen Kästchen. »Bauwerk in Paris«. Sie überlegte kurz und schrieb dann Eiffelturm. »Kreuzesinschrift mit vier Buchstaben« – bedächtig setzte sie die Buchstaben INRI ein. Langsam legte sie den Kugelschreiber ab, schlug ein Kreuz und murmelte: Verzeihung.
Johannisfriedhof, Kapelle
Cora verließ die Bank, knickste vor dem Auferstehungsaltar.
»Ja, grüß Gott. Aller guten Dinge sind drei. Ich freue mich, Sie wiederzusehen.«
Die Stimme kam Cora bekannt vor. Die Nonne! Wurde sie etwa verfolgt?
»Guten Tag«, antwortete Cora zögerlich.
»Ich bin ja ein bisschen spirituell«, Schwester Ulrike kicherte. »Das hat bestimmt was zu bedeuten, dass wir uns jetzt schon zum dritten Mal über den Weg laufen. Ich bin gerne hier in der Kapelle. Haben Sie Angehörige auf dem Johannisfriedhof?«
Cora nickte, würgte dann »meine Mutter« heraus. »Sie sind unglücklich«, sagte ihr Schwester Ulrike auf den Kopf zu. »Ich spüre das. Möchten Sie mit mir sprechen?«
Cora schüttelte verneinend den Kopf.
»Auch gut. Darf ich Ihnen etwas von der Holzschuher Kapelle erzählen?« Ohne eine bejahende Antwort abzuwarten, begann die Nonne: »Früher war sie eine Pestkapelle. Ihnen ist sicher aufgefallen, dass die Kapelle einen Meter unter dem Bodenniveau ist.«
Cora nickte. Sie schickte sich an zu gehen. Sie wollte lieber mit ihren Gedanken alleine sein, als sich jetzt einen Vortrag über die Kapelle anzuhören. Das bevorstehende Gespräch mit ihrem Vater lag ihr im Magen.
Ohne sich auf das abweisende Gesicht Coras einzulassen, zog Schwester Ulrike sie am Ellenbogen zur Südwand. »Hier ist Christus als Abschluss des Kreuzweges abgelegt worden. Adam Kraft«, fügte sie noch an. »Lazarus Holzschuher war der Erste, der hier beerdigt wurde.«
»Ich weiß«, antwortete Cora, »ich habe im Heimatkundeunterricht aufgepasst. Die Familie war im Textilhandel tätig. Im Zweiten Weltkrieg ist die Kapelle schwer beschädigt worden.«
Schwester Ulrike klatschte in die Hände.
»Sehen Sie, jetzt lachen Sie wenigstens ein wenig.«
»Ich muss jetzt gehen. Auf Wiedersehen.« Schnell ging Cora weg. Sie drehte sich nicht um. Sonst hätte sie gesehen, dass Schwester Ulrike wissend lächelte.
Literaturhauscafé
»Hi Papa.« Cora trat an den Tisch. Der ältere Herr ließ die Zeitung sinken, sah sie über den Brillenrand hinweg an. Er sagte nichts. Eine unbändige Wut stieg in Cora hoch. Sie beherrschte sich. Warum nur bekam sie so ein komisches Gefühl in der Magengegend, wenn sie ihren Vater sah? Sie konnte sich nicht erinnern, dass er sie nur einmal in den Arm genommen hätte. Gleich nach dem Abi war sie von zu Hause ausgezogen. In ihrer eigenen Wohnung hatte sie das erste Mal das Gefühl, frei atmen zu können. Warum nur kostete es sie Überwindung, ihn Papa zu nennen? Sie ließ sich auf einen Stuhl plumpsen, orderte einen Tee und ein Stück Apfelkuchen. Sie ignorierte den verkniffenen Mund ihres Gegenübers.
»Seitdem du in diesem Bäckerladen arbeitest, hast du ganz schön zugelegt. Kein Wunder, dass dich kein Mann anschaut.«
Der Kellner stellte Tee und Kuchen vor Cora hin. Er lächelte sie freundlich an.
Cora hätte ihrem Vater den Tee am liebsten ins Gesicht geschüttet.
»Du bist wieder charmant, Väterchen«, antwortete sie bewusst munter. »Woher willst du wissen, dass es keinen Mann in meinem Leben gibt? Hast du eigentlich wieder eine Freundin? Ist ja auch schon ein paar Jahre her, dass du ein weibliches Wesen an deiner Seite hattest«, meinte sie spitz. Sie genoss es, dass ihr Vater leicht zusammenzuckte.
»Was willst du?«
»Keine Ausflüchte mehr – und endlich Antworten auf ein paar Fragen.«
Büro Trejo
Das Herein klang herrisch. Klaus versteckte sein Grinsen hinter einem Husterer. Herta, die Vorzimmerdame, hatte ihn durchgewunken.
»Guten Tag, Frau Oberstaatsanwältin«, sagte er betont förmlich. »Ich möchte Bericht erstatten.« Er übersah geflissentlich die zusammengezogenen Augenbrauen.
»Also: Ich habe diesen Herrn Albrecht, der die Leiche damals gefunden hat, endlich ausfindig machen können. Dazu habe ich ein weiteres Register in meinem Akt angelegt.«
Trejo sagte nichts. Nur ihre zusammengekniffenen Lippen deuteten darauf hin, dass ihr wohl gerade die Zeit gestohlen wurde.
Klaus genoss die Situation. Am liebsten hätte er auch diesmal wieder laut herausgelacht.
»Herr Albrecht ist verstorben. Er liegt auf dem ...«
»Es reicht, Herr Hofmockel.«
»Warum? Sie wollten doch stündlich Bericht von mir haben. Sehen Sie, alles dokumentiert. Albrecht ist verbrannt worden.« Klaus zeigte sowohl mit dem Mittel- als auch mit dem Zeigefinger auf eine Stelle in seinem Ordner. Dabei machte er ein unschuldiges Gesicht.
»So ausufernd müssen Sie das nicht tun. Bitte geben Sie mir Bericht, wenn Sie mit etwas Spektakulärem aufwarten können.«
»Selbstverständlich«, beeilte sich Klaus zu sagen. »Also nicht mehr stündlich? Auch nicht mehr täglich?«
Oberstaatsanwältin Trejo schüttelte den Kopf. Dann hob sie den Telefonhörer ab, wählte und deutete in Richtung Tür. Klaus war hiermit entlassen.
Erst nachdem er halb auf dem Weg zu seinem eigenen Büro war, erlaubte er sich zu lachen. Belus Rat hatte funktioniert.
»In der Kürze liegt ...«, Klaus öffnete die Tür zu seinem Büro, »… Barmherzigkeit! Sie hats kapiert!«
Literaturhauscafé
»Antworte endlich, Vater!« Das Wort Papa ging ihr in diesem Moment nicht über die Lippen.
Siegfried Engelhardt glotzte. Cora ging sogar so weit, das Wort blöde zu denken. Ihr Vater glich in dem Moment einer Kuh. Sein Unterkiefer malmte.
»Wo ist das?« Cora hielt ihm ein Foto unter die Nase. »Wo?«
Ihr Vater schwieg.
»Wie ist meine Mutter gestorben?« Cora zischte die Worte leise, gefährlich leise heraus. Blitzschnell war sie bei ihrem Vater, der eben aufstehen wollte.
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