Kitabı oku: «Im Fallen lernt die Feder fliegen»

Yazı tipi:

Über dieses Buch

Die irakischstämmige Aida verleugnet ihre Herkunft, was immer wieder zu Streit mit ihrem Freund führt. In ihrer Not setzt sie sich hin und beginnt aufzuschreiben, was sie nicht sagen kann. Geboren in einem iranischen Flüchtlingslager, kam sie mit ihren Eltern und der älteren Schwester in die Schweiz. Die Mädchen gehen zur Schule, aber ihre Eltern kommen mit dem westlichen Alltag nicht zurecht und verklären mehr und mehr ihre Heimat. Der Vater, ein konservativer Theologe, beschließt schließlich, mit der ganzen Familie in den Irak zurückzukehren. Aber was für die Eltern die Heimat ist, die sie einst verlassen haben, ist für die beiden Schwestern ein fremdes Land. Als die Ältere verheiratet werden soll, fliehen sie nun ihrerseits und gelangen als unbegleitete Minderjährige in die Schweiz. Aber auch sie lässt die Vergangenheit nicht los.

Wieder gelingt es Usama Al Shahmani, vielschichtig von der großen inneren Anstrengung von Flüchtlingen bei ihren Integrationsbemühungen zu erzählen und dabei immer ein Fenster zur Hoffnung offenzulassen. Und nicht zuletzt überwindet er selbst die Mühsal des Exils durch das Verschmelzen der arabischen mit der westlichen Kultur im Erzählen.

«Das Buch übernimmt die Schönheit und Poesie von Usama Al Shahmanis Muttersprache ins Deutsche und bekommt dadurch eine einzigartige sprachliche Intensität.» Frankfurter Allgemeine Zeitung über In der Fremde sprechen die Bäume arabisch


Foto Ayşe Yavaş

Usama Al Shahmani, geboren 1971 in Bagdad und aufgewachsen in Qalat Sukar (Al Nasiriyah), hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert, er publizierte drei Bücher über arabische Literatur, bevor er 2002 als Flüchtling in die Schweiz kam. Er arbeitet heute als Dolmetscher und Kulturvermittelter und übersetzt ins Arabische, u. a. «Fräulein Stark» von Thomas Hürlimann, «Der Islam» von Peter Heine und «Über die Religion» von Friedrich Schleiermacher. Sein erster Roman «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch» wurde mehrfach ausgezeichnet und war u. a. für das «Lieblingsbuch des Deutschschweizer Buchhandels» nominiert. Usama Al Shahmani lebt mit seiner Familie in Frauenfeld.

Usama Al Shahmani

Im Fallen

lernt die Feder

fliegen

Roman

Limmat Verlag

Zürich

Nilgans

Daniel setzte sich auf einen Platz am Fenster und schaute mich durch die Glasscheibe an. Es war ein rätselhafter Blick, etwas gequält und bohrend. Er löste bei mir eine Traurigkeit aus, die mich beunruhigte. Wir schwiegen, bis der Zug abfuhr. Tief wünschte ich mir, dieser Augenblick möge andauern. Doch es würde nichts ändern. Solche Momente hatten mich noch nie zum Reden ge­bracht.

Vieles über mich kann Daniel nicht verstehen. «Es macht mich wahnsinnig, wenn du minutenlang vor dem Fenster stehst, regungslos wie ein Nagel in der Wand. Ich weiß nicht, was ich mit deinem stummen Warten an­­fangen soll», hat er einmal gesagt.

Jetzt herrscht Leere in unserer Wohnung. Zum ersten Mal seit Jahren habe ich bemerkt, dass das Geräusch des Bestecks beim Essen genauso klingt wie damals im Flüchtlingsheim. Plötzlich habe ich meine Einsamkeit gespürt, ihre scharfen Zähne haben aus jeder Ecke gebleckt und mich durch die ganze Wohnung verfolgt. Im Schrank bin ich auf die Rose gestoßen, die er mir zum siebten Jahrestag unserer Beziehung geschenkt hat. Sie ist trocken. Ihre Farbe ist ein tiefdunkles Rot geworden.

Plötzlich habe ich die Stimme meiner Mutter gehört, wie sie mir und meiner Schwester einmal sagte: «Ihr seid meine Rosen, euer Duft ist für mich ein Stück Paradies, das ewig hält.» Ihre Stimme hat mich wieder in diesen Raum versetzt, den ich so lange gemieden habe. Ich habe mich vom Fenster abgewendet und mich an den leeren Esstisch gesetzt, auf dem nur Daniels Buch liegt, und meinen Laptop eingeschaltet.

Ich starre auf den leeren Bildschirm, und er beginnt sich mit Geschichten und Bildern zu füllen, von denen ich dachte, sie seien für immer verschwunden. Wie ein Spiegel, der alles sieht, ohne es aufzubewahren. Ich er­­innere mich, dass mir Schreiben schon einmal gehol­fen hat.

Als der Zug losfuhr und ich Daniel zurückwinkte, er­­innerte ich mich daran, wie ich ihn das erste Mal sah. Es war im Sommer 2010 im Kreuzlinger Seeburgpark. Ich war im ersten Lehrjahr in der Mediathek der Pädagogischen Hochschule in Kreuzlingen, er war an der Pädagogischen Maturitätsschule. Manchmal verbrachte ich meine Nachmittagspause am See. Einmal war auch er da, mit einer Gruppe von Klassenkameraden. Er war groß, hatte kräftige Hände und strahlend blaue Augen.

Er näherte sich der Bank, auf der ich saß, und fragte: «Stört es dich, wenn ich mich hier setze?»

«Nein», sagte ich und schaute in die Ferne, der blaue Himmel verschmolz mit dem Blau des Sees. Ich spürte, wie ich tiefer atmete, als würde meine Lunge größer werden. Wir schauten in dieselbe Richtung, aber das, was uns beschäftigte, waren bestimmt ganz unter­schied­liche Dinge.

«Arbeitest du in der Bibliothek? Ich habe dich oft dort gesehen», begann er.

«Ja, ich mache da meine Ausbildung.»

«Schön ... Darf ich mich vorstellen? Ich heiße Daniel.»

«Ich bin Aida», antwortete ich zögernd und presste mich an die Lehne. Ich wollte eigentlich gehen, tat es aber nicht. Stattdessen atmete ich noch tiefer und suchte nach Halt im weiten Blau.

«Ich dachte, du seist Spanierin. Habe ich recht?», fuhr er fort.

«Spanierin?», antwortete ich mit einem fragenden Lächeln.

«Ja, ich weiß nicht, du siehst ein wenig so aus. Darf ich dich fragen, woher du kommst?»

«Ich bin ursprünglich aus dem Irak.»

«Aha, der Irak. Interessant. Hast du Familie hier?»

«Nein.»

«Lebst du hier ganz allein?»

«Ja, meine Eltern leben im Irak», antwortete ich genervt, ich packte meine Sachen in meinen Rucksack und sagte knapp: «Ich muss jetzt gehen.»

Er wünschte mir einen schönen Tag und blieb sitzen.

Auf dem Weg zurück zur Bibliothek beobachtete ich einen Mann, wie er mit seinem Kind spielte, singend gingen sie vor mir her. Ich hörte meine Mutter singen: «In meinem Herzen befindet sich ein Garten, alle seine Bäume sind mit Früchten beladen, wie süß sind die Früchte, wie reich bin ich an Geschichte, du bist meine Allerschönste.»

Damals lebte ich in Frauenfeld in einem Flüchtlingsheim nur für Frauen. In diesem Heim waren noch zwei andere arabischstämmige Frauen: Maisem aus Algerien und Dane aus Syrien. Beide Frauen waren kaum älter als ich und eng miteinander befreun­­det.

«Araber in der Schweiz haben gute Gründe, einander kennenzulernen und Freundschaft zu schließen. Wieso bist du uns gegenüber so reserviert? Willst du nicht einmal ein Wochenende mit uns verbringen? Du wirst es nicht bereuen», sagte mir Dane zwinkernd.

Sie rauchte Haschisch im Zimmer und hatte deswe­gen Probleme mit der Hausleiterin. Dies auch, weil sie beim Schlafen das Licht nicht ausmachte. «Ich will mich an der Dunkelheit, die ich erleben musste, rächen», sagte sie auf Arabisch.

Auch Maisem hatte es nicht leicht; wiederholt be­­schwerten sich die Mitbewohnerinnen, weil sie ständig sang. Sie sang auf Arabisch, aber weder ich noch Dane verstanden ihr Arabisch wirklich. «Singen macht glücklich. In jedem Lied ist ein Gedicht oder ein kleiner Trost zu Hause», meinte sie.

Ich verstand sie nicht, aber ihre Haltung zur Heimat erinnerte mich an meinen Vater. «Zu Hause konnte ich nicht mehr schlafen, wenn meine Mutter nur schon mein Bett etwas verschoben oder mein Kissen anders gerichtet hatte. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal aus meiner Heimat fliehen müsse und nun selbst so weit verschoben bin.»

Als ich nach dem Treffen mit Daniel nach Hause kam, saßen Dane und Maisem in der Küche. «Wir machen Tabouleh, magst du mit uns essen?» Wir sprachen eine Art Hocharabisch, um uns zu verständigen.

«Nein, danke. Ich habe im Zug gegessen und bin müde», antwortete ich und ging die Treppe zu meinem Zimmer hoch.

Am nächsten Morgen ging ich zufrieden zur Arbeit. Das Sonnenlicht glänzte über der Stadt, die Stille der letzten Nacht war verflogen, es war, als würden die Vögel ihre Lieder mir vorsingen. Am Nachmittag sah ich Daniel in der Bibliothek wieder. Er holte ein paar Bücher, und bevor er den Raum verließ, lächelte er mir zu.

Einige Zeit später aßen wir gemeinsam zu Mittag. Die Gespräche mit ihm halfen mir weiter mit meinem Deutsch. Wir sprachen und lachten über Witze, die Lehrkräfte der Schule verulkten, unser Lachen flog über den See.

Beim Abschied fragte mich Daniel: «Wie oft verreist du in den Irak?»

Die Frage überrumpelte mich, ich blieb einen Mo­­ment still. Dann gab ich ihm die Frage zurück: «Darf ich dir etwas sagen?»

«Natürlich.»

«Ich rede nicht gern über meine Familie oder meine Herkunft. Bitte versteh mich nicht falsch, aber ich will einfach nicht danach gefragt werden.»

«Sicher doch. Ich wollte dir nicht zu nahe treten.»

Ich nahm seine Entschuldigung an, bedankte mich und ging.

Die Treffen mit Daniel häuften sich, und jedes Mal fühlte ich mich glücklicher. Eine Hoffnung leuchtete auf wie ein Weizenfeld unter der irakischen Sonne. Ich begann, mich wieder über kleine Dinge zu freuen.

Er lud mich zu einem Fest an seiner Schule ein. Er erschien in traditionellen Appenzeller Kleidern und sah lustig aus. Sein Hut glich dem Barett der päpstlichen Schweizergarde. Er war der Attraktivste und Coolste in seiner Gruppe. Nach der Feier stand er hinter einem großen Tisch und stützte seine Hände auf ein großes, dickes Buch, als ob er einen Eid ablegen wollte. Er blickte mir tief in die Augen, wie in einer theatralischen Szene. Dann sagte er: «Aida, ich liebe dich.»

Es war ein ungeheurer Satz, der mich erfasste wie ein Bergbach, rasend und geheimnisvoll. Er beglückte mich, aber auf einmal überkam mich ein schlechtes Gefühl. Meine Lippen wurden trocken. Mir fiel Vater ein, wie er vor unserer Rückkehr in den Irak mit Mutter sprach, an einem Samstagmorgen, sie waren in der Küche, Nosche und ich auf dem Balkon.

«Unsere Töchter könnten den westlichen Lebensstil annehmen. Was, wenn eine von ihnen sich mit einem jungen Mann trifft? Wenn eine unserer Töchter eine Lesbe würde? Welche Schande! Was bleibt von meinem guten Ruf übrig, wenn eine mir nicht mehr gehorchen würde? Du musst mir helfen, in unser Dorf zurückzukehren, bevor es zu spät ist!»

«Ja, ich helfe dir», antwortete meine Mutter und schenkte ihm Schwarztee ein. Was hätte sie sonst sagen können? Aber sie wollte ohnehin in den Irak zurückkehren.

Daniel starrte mich an. Ich blieb ruhig.

«Du musst nichts sagen», lächelte er mich an. Ich lächelte zurück.

Unsere Beziehung hatte schon neun Jahre gehalten, als er wieder mit meiner Vergangenheit kam. Konnte das für unsere Zukunft von Belang sein? Ich hasste es, wenn er mich mitleidig anschaute, mich als Opfer sah. Dass ich über die Vergangenheit nicht reden kann, drängt mich noch mehr in diese Rolle.

Im Kern seiner Fragen empfand ich eine unange­nehme Neugier, mir kam es dann vor, als sei er nur der Ethnologiestudent und nicht mein Freund. Er hörte nicht auf, und schließlich spürte ich seine Fragen kör­perlich. Ich ärgerte mich. «Beim Schwimmen und wenn man sich ärgert, ist es besser, wenn man den Mund hält», sagen die Iraker.

Kurz darauf saßen Daniel und ich abends vor dem Fernseher. In einer Dokumentation drangen Männer der Terrorgruppe IS mit Äxten, Hämmern und anderen Gegenständen in ein Museum in Mosul ein, um wertvolle Schätze zu zerstören.

«Die Zivilisation, die Kultur der Menschheit schreit unter den Schlägen dieser Terroristen. Es macht mich traurig, dass die ganze Welt diese Bilder sieht und nichts dagegen unternimmt», kommentierte Daniel verzweifelt.

«Ja, vor ein paar Wochen habe ich ein berührendes Buch für die Bibliothek katalogisiert; die Autorin ­schildert, wie der IS Dörfer der Jesiden angreift. Es sind schreckliche Szenen. Sie brachten die Männer um und nahmen Frauen als Sexsklavinnen mit. Für hundert bis tausend Dollar wurde eine Frau auf einem ‹Frauenmarkt› in Mosul zum Verkauf angeboten, je nach Alter. Frauen zwischen fünfzehn und zwanzig behielten die IS-Anführer für sich.»

«Das ist in der Geschichte nicht einmal neu. Man kennt das von Kriegen im Mittelalter oder von noch früher», antwortete Daniel. Er interessierte sich für die Jesiden im Irak und fand es vor allem sehr merkwürdig, dass es im Jesidentum, im Gegensatz zu vielen anderen Religionen, kein Glaubensbuch gab.

«Es ist bemerkenswert, dass ein Glaube, der fünftausend Jahre alt ist, sich nur durch mündliche Überlieferungen halten konnte», sagte er verwundert.

«Ja, sie sind aber ein bisschen radikal, auch wenn sie kein Buch haben», entgegnete ich.

«Wie meinst du das? Sie haben doch keine heiligen Bücher, die die Freiheit einschränken könnten. Ihre Religion ist durch Erzählen und Reden entstanden. Jede Generation, wenn nicht jede Person in der Ge­­schich­­te dieses Glaubens, hat ein Stück gebaut, egal, ob klein oder groß, Hauptsache, jeder war und ist ein Teil der Erzählung. Ich finde das sehr demokratisch.»

«Ja, schon. Aber du darfst nicht vergessen, dass man zu diesem Glauben nicht übertreten darf. Man wird als Jeside geboren, und es müssen auch beide Eltern Jesiden sein. Eine Heirat über die Glaubensgrenze hinweg ist nicht erlaubt und kann schwere Folgen haben; ich kenne dazu eine traurige Geschichte», antwortete ich.

«Ja, aber auch bei euch Muslimen darf die Frau keinen Mann, der nicht Muslim ist, heiraten, oder?»

«Ja.»

«Ich bin kein Muslim.»

«Und? Ich bin nicht religiös.»

«Ja, ich weiß, aber ich frage nur. Was würden deine Eltern sagen, wenn sie wüssten, dass du mit mir lebst und mit mir auch Kinder haben möchtest? Wie würden sie das aufnehmen?»

«Ich weiß es nicht, keine Ahnung, aber ich glaube, sie wären nicht glücklich», sagte ich in der Hoffnung, das Gespräch zu beenden.

«Würden sie ihr Enkelkind anerkennen oder nicht?»

«Ich weiß es nicht, Daniel. Du fragst nach einem En­­kelkind, das weder da noch unterwegs ist. Alles, was ich dir sagen wollte, ist, dass ich die Religionen mit ihren Dogmen für etwas Radikales halte, egal, ob sie Bücher haben oder nicht. Das ist alles, was ich dir sagen wollte. Es hat nichts mit unserer Beziehung zu tun. Ich habe mich selbst aufgeklärt, und wir beide sind liberale ­Menschen. Ein Kind von uns bräuchte nicht unter dem Schirm einer Religion zu stehen. Und für mich persönlich brauche ich keine Lehren der Geschichte, um mein jetziges Leben zu begreifen. Verstehst du?»

«Ja, ich verstehe alles, außer, dass du dich sofort aufregst und eine Verteidigungshaltung einnimmst, wenn wir miteinander ein bisschen über deine Eltern oder deine Identitäten als Araberin oder Muslimin reden. In meinen Augen bist du auch radikal, weil du alles verschweigst.» Mit diesen Worten verließ er das Zimmer.

Wie ein Dieb, der auf frischer Tat ertappt wurde, schwieg ich. Ich ertrug es nicht mehr. Seit einigen Monaten erwähnte er immer und immer wieder den Irak und die Flucht meiner Familie. Wieso spürte er nicht, wie ich darunter litt?

Ich wünschte, ich könnte einige Teile aus meiner Geschichte ausradieren und andere einsetzen. Ein Wind aus meiner Vergangenheit hat Worte aus meiner Sprache gerissen und sie an einen fernen Ort getragen. Arabische Worte, die ich einst beim Abendtee zu meiner Familie sagte. Worte, für die es in anderen Sprachen keine Übersetzungen gibt und wenn, dann nur kalte und seelenlose.

Am 5. Oktober, am Tag vor Daniels Abreise, frühstück­ten wir gemeinsam. Wir saßen auf dem kleinen Balkon unserer neuen Wohnung im Quartier Gundeldingen. Daniel hatte darauf beharrt, in diesen Teil von Basel zu ziehen.

In Gundeldingen treffe ich immer wieder auf die verschiedensten Menschen, darunter auch auf solche, die meinen Alltag bereichern und mich fröhlich ma­­chen. Das war selten im alten Quartier, wo wir etwa drei Jahre gelebt hatten. «Dort waren wir beide fremd», meinte Daniel einmal. Zu den Nachbarn fanden wir keinen Kontakt. Außer sich im Treppenhaus zu grüßen und zwei Worten über den Schlüssel zur Waschküche gab es nichts mitzuteilen. Das einzige Mal, dass jemand mit mir plauderte, war vor dem Haus. Eine ältere Dame wohnte mit ihrem Hund allein in der Wohnung unter uns und trug immer faszinierende Hüte. Die Hüte waren nicht das einzige Bemerkenswerte an ihr. Sie hatte makellos gepflegte Hände, die sanft über das Treppengeländer glitten. Die immer wechselnden, aber geschmackvollen Farben auf ihren Fingernägeln wurden betont von ihrem alten Schmuck. Prunkvolle Ringe und Armreifen umschmeichelten ihre runzeligen Hände, die jetzt die Hundeleine fest im Griff hielten.

«Ich bin nicht gegen Flüchtlinge, aber einige beste­hen darauf, Europa in einen Mülleimer zu verwandeln. Wir haben den Krieg erlebt und konnten Europa mit großem Aufwand wiederaufbauen. Wir wollen hier nicht alles ruinieren, weil anderswo Krieg herrscht. Ich weiß nicht, was all diese Leute hier machen. Lieben sie ihre Heimat? Warum bauen sie sie nicht wieder auf, statt sie zu verlassen? Für mich sind die Flüchtlinge Gäste hier, und irgendwann muss der Gast doch nach Hause gehen», teilte sie mir ohne Einleitung mit.

Ich war überrascht und wusste nicht, worauf sie ab­­zielte. Ich sagte: «Wissen Sie, meine Mutter meinte, Flüchtlinge seien Gäste, und ein irakisches Sprichwort sagt: ‹Der Gast ist wie ein Fisch im Kühlschrank. Nach drei Tagen verdirbt er und beginnt zu stinken.›»

«Das ist aber gut!», entgegnete sie lachend.

«Ja, aber Gäste können auch wie Vögel sein, es gibt sol­­che, die den Rhein lieben gelernt haben, auch wenn sie von einem anderen Fluss stammen.»

«Ja, ja, Ausnahmen gibt es immer», murmelte sie mit gesenktem Kopf, zog ihren großen, schwarzen Hund an der Leine und ging.

Unsere neue Wohnung liegt an der Hauptstraße, die zum Bahnhof führt. Diese Straße ist ein ständiger Schauplatz von Verabschiedungen und Begegnungen. Ich mag es, die vorbeigehenden Passanten oder die vorbeifahrenden Trams zu beobachten.

In der Nähe des Fensters hat Daniel den Sessel seines Vaters platziert. Da sitzt er gerne zum Lesen, aber selten sah ich ihn so in Gedanken versunken in einem Buch le­­­­­­­sen wie in den letzten Tagen. Was fesselte ihn seit einer Woche an diesem Buch? Er merkte gar nicht, dass ich ihm Saft einschenkte.

«Ist das Buch so interessant?»

«Ja, die Geschichte ist spannend», sagt er und streckte mir das Buch entgegen.

«Lies mal diese Stelle. Es ist, als würde er von unserer Beziehung reden.»

«Meinst du das ernst? Was sollen wir damit zu tun haben?» Ich gab ihm das Buch zurück.

«Wieso? Denkst du nicht, dass unsere Beziehung kalt geworden ist?»

«Was willst du von mir?»

«Dass eine Leere zwischen uns entstanden ist, musst du auch bemerkt haben. Ich finde es nicht in Ordnung. Du weichst immer aus, wenn es um deine Geschichte geht, weißt aber alles über mich. Du bist auf der Hut und erzählst entweder gar nichts oder sehr sparsam, wie ein Politiker. Ich weiß nicht mal, wie du in die Schweiz gekommen bist.»

«Ich habe nie von dir verlangt, mir etwas zu erzählen, was du nicht willst. Ist dir meine Vergangenheit wichtiger als das Leben, das wir jetzt teilen? Interessiert dich an mir überhaupt noch etwas anderes als meine irakische Identität, die dich in letzter Zeit maßlos reizt?»

«Die Wahrheit über eine geliebte Person in der Be­­ziehung zu kennen ist wie Sex haben. Für Bedürfnisse braucht man keine Begründung. Es beschäftigt mich, dass du nur halb mit mir lebst: mit der Hälfte deines Herzens, der Hälfte deiner Aufmerksamkeit und der Hälfte deiner Lust. Für mich gibt es immer eine ab­­we­sen­­­de Hälfte, die ich selbst füllen oder suchen muss. Es ist eine missverständliche Beziehung gewor­den, denn es gelingt mir nicht immer, das abwesende Stück zu ersetzen.»

Ich senkte meinen Blick. Ich hätte ihn am liebsten gefragt, ob nicht, wenn er die Geschichte meiner Familie erfahren würde, unsere Beziehung vielleicht auf eine ganz andere Bahn geraten würde. Das konnte er natürlich nicht wissen. Aber ich habe Angst vor dem, was mit unserer Liebe geschehen würde, wenn ich die Schatten der Vergangenheit hervorholte. Davor fürchte ich mich.

Daniel knetete seine Hände und starrte mich an: «Vertraust du mir nicht? Liebst du mich noch?»

«Wollen wir jetzt nicht endlich frühstücken? Ich habe extra Rösti mit Spiegelei zubereitet.»

Er fragte, ob ich etwas vor ihm verberge, was mich am Erzählen hindere.

«Bitte, Daniel, hör jetzt auf zu übertreiben! Wieso Zeit verschwenden mit dieser immergleichen Diskussion? Lass uns frühstücken und danach auf den Markt gehen. Du musst noch deine Tasche packen. Ich verstehe sowieso nicht, warum du unbedingt nach Graubünden musst. Vier Monate am Stück, vier Monate sitze ich dann hier allein.»

Auf dem Markt sah ich eine afrikanische Frau mit ihrem Kind, wohl um die sieben Jahre alt. Das Kind hatte ein Skateboard dabei. Die Sprache der Mutter verstand ich nicht, das Kind antwortete auf Schweizerdeutsch. Es war wie bei Nosche und mir damals in Frauenfeld, wenn wir unserer Mutter antworteten. Wir wollten unbedingt zum Turnen gehen. «Nicht auf Schweizerdeutsch!», befahl sie.

Daniels Einkaufsliste abzuarbeiten dauerte zwei Stunden. Danach lud er mich zu einem Kaffee ein. Die meiste Zeit verging schweigend, er saß da mit einem finsteren Gesicht, als ob er auf Präsident Trump warte­te. Wir fragten uns nicht, womit wir beschäftigt waren – spürten es aber schon. Er saß stumm da, und ich überlegte, ob ich es wirklich wagen sollte, etwas zu sagen.

«Weißt du, viele Araber meinen, dass es in der arabischen Sprache ein heiliges Geheimnis gebe, beispielsweise Wörter, die glücklich machen, und andere, welche die Trauer und das Pech vertreiben. Und wenn man ein bestimmtes Wort gemeinsam ausspricht, bringt einem das Glück.»

«Interessant. Kennst du diese Wörter?»

«Ja, natürlich. Ich bin zwar nicht abergläubisch, aber benutzt habe ich sie schon oft. Sollen wir gemeinsam ein Wort aussprechen?»

«Ja, warum nicht.»

«Na gut, sag mit mir: Aiin».

«Was bedeutet das?»

«Wasserquelle.»

«Aiin», sagte er zweimal und musste dabei über seine eigene Aussprache lachen. Unser Lachen zerriss die dicke Atmosphäre.

«Siehst du? Das Glück kann kommen wie ein Milan, der plötzlich am Himmel auftaucht.»

Am Abend rief uns Angela, die Mutter von Daniel, an. Ich nenne sie Siri, weil sie auf alles eine Antwort kennt. Nur selten ist sie ratlos. Angela ist über fünfzig, sieht aber viel jünger aus. Sie ist schlank, hat dicke Lippen, und ihre kleinen, blauen Augen sehen hinter den Bril­lengläsern etwas größer aus. Die Schuhe, die sie anzieht, und die Art, wie sie sich kleidet, sind für mich ein Fas­zi­nosum. Ich war perplex über die Sammlung, als ich einmal einen Blick in ihren Schuhschrank werfen konnte.

Angela treibt fast jeden Tag Sport und geht im Sommer im Bodensee schwimmen. Sie raucht nicht und trinkt nur bei besonderen Anlässen. Anstatt fernzusehen, vertieft sie sich lieber in ein Buch, nur auf den «Tatort» verzichtet sie selten. «Mit dieser Sendung bin ich groß geworden. Ein Sonntag ohne sie ist für mich unvorstellbar. Ich könnte die Woche nicht richtig an­­fangen», sagte sie mir einmal.

Ihre Arbeit ermöglichte ihr ein gutes Leben, und von ihren Eltern hatte sie ein Stück Rebberg in Weinfelden geerbt, für das sie eine jährliche Pacht erhielt. Daniel erzählte mir, sein Vater habe sie verlassen, weil sie fortwährend Druck auf ihn ausübte, was man essen oder besser nicht essen sollte und wie man gesund blieb. «Ich war noch ein Primarschüler, aber ich erinnere mich gut, wie sie jeden Tag stritten. Irgendwann war es für ihn zu viel. Er verließ sie von heute auf morgen. ‹Dein Vater ist weg›, meinte sie nur, als ich sie fragte, wieso mein Vater nicht mehr zu Hause ist.» Auch Daniel musste sich regelmäßig lange Vorträge über gesundes Leben anhören, auch diesmal wieder. Sie bat ihn, ihr aus Graubünden zu schreiben.

Daniel war nicht begeistert davon, sich alle die Ratschläge anzuhören und die endlosen Fragen zu beant­worten. Angela war nicht begeistert, dass Daniel, statt zum Militär zu gehen, Zivildienst leisten wollte. Er hatte die Aushebung erfolgreich bestanden, war tauglich, aber aus moralischen Gründen wollte er nicht zur Armee. Er mochte keine Waffe tragen.

Nach der pädagogischen Maturitätsschule hatte er sechs Monate Zivildienst in der Kantonsbibliothek Frauenfeld, in einem Altersheim in Kreuzlingen und im Kantonsspital Münsterlingen geleistet. Und jetzt nach seinem Ethnologiestudium in Basel musste er die letzten vier Monate ableisten. «Weil ich mehr vom Leben in den Bergen erfahren und Zeit zum Lesen haben möchte. Es ist jetzt zu spät, darüber zu diskutieren», sagte er genervt zu seiner Mutter.

«Ich weiß nicht, wie lange mich meine Mutter noch wie ein kleines Kind behandeln will.» Er legte sein Telefon auf den Tisch.

So eine fürsorgliche Mutter hätte ich gerne gehabt. Auch mein Vater war ein belehrender Erzähler und ein schlechter Zuhörer. Ich erinnere mich gut daran, wie er sich ärgerte, weil wir einen Text von ihm gelesen hatten und mehr darüber wissen wollten, ein Satz, der auf der Rückseite einer Fotografie stand, die ihn an einem Fluss zeigte. «Ich habe euch nicht Arabisch beigebracht, damit ihr mich ausspioniert!» Er hatte geschrieben: «Es geht mir nirgendwo gut außer neben dir, du Euphrat. Ich wünschte mir, ich wäre ein Olivenbaum, der von dir bewässert wird.»

Daniels Vater ist ganz anders, er ist lieber Zuhörer als Redner. Er ist ein erfolgreicher Architekt. Das ge­­mein­­­same Haus, das er selbst entworfen hat, schenkte er bei der Scheidung Angela. Er lernte eine Spanierin kennen und lebt mit ihr in Spanien, hat aber sein Büro in Kreuzlingen bis heute nicht aufgegeben.

Daniel hat viel von seinem Vater geerbt. Wenn er lacht, senkt er den Kopf zwischen die Schultern und sieht wie eine Eidechse aus. Doch beim letzten Abendessen vor seiner Reise gab es nichts zu lachen, stumm packten wir seinen Koffer. Vom Fenster unseres Schlafzimmers sahen wir den Mond mitten in der Finsternis wie einen Hafen der Hoffnung im dunklen Meer.

Nachdem alle wesentlichen Sachen, auch Daniels dicke Bücher, gepackt waren, saßen wir zusammen am Tisch und schlürften Tee.

Schließlich redeten wir über seine Arbeit auf dem Bauernhof: «Über den Winter wird auf diesem Hof viel gearbeitet, weil die junge Familie selbständiger wohnen will als in einer kleinen Wohnung im alten Elternhaus. Und die alte Wohnung, aus der sie ausziehen werden, wollen sie renovieren und als Ferienwohnung vermie­ten.» Er zeigte mir den Ort auf Google Maps. «Schau, Thalkirch liegt etwa tausendsiebenhundert Meter über dem Meer; ein schöner und ruhiger Ort im Safiental.»

Ich fragte, ob es möglich sei, Post dorthin zu schicken.

«Ja, ich glaube schon, es gibt ein Postauto, das von Ilanz hochfährt. Es sei denn, die Straßen sind wegen Lawinengefahr gesperrt.»

«Und Telefon?»

«Ich weiß es nicht, ich lasse mich überraschen.»

Wir schwiegen noch eine Weile, bis er sagte, dass er früh ins Bett müsse.

«Ja, du hast morgen eine lange Reise», entgegnete ich.

«Gute Nacht», sagte er und gab mir einen kalten Kuss.

Ich räumte den Tisch ab und bemerkte seinen Ro­­man. Hatte er ihn mit Absicht auf dem Tisch liegenlas­sen?

Ich zog meine Joggingkleider an, um meine Strecke bis ans Rheinufer zu laufen. Meistens habe ich meine Kopfhörer im Ohr, dieses Mal nicht. Ich war beunruhigt, Daniels Worte beschäftigten meine Gedanken und füllten meine Ohren. Und sie riefen die Stimme meines Vaters in Erinnerung, die oft unerwartet kommt wie ein Fisch, der aus dem Wasser springt.

Mein Vater heißt Mansur Al Gamali. Er wurde 1959 in Abu Rajat im Irak geboren und stammt aus einer reichen, angesehenen Familie. Er studierte Religionswissenschaft in Bagdad. 1985, einen Monat nach seinem Abschluss an der Universtität, wurde er vom Geheimdienst aus dem Haus geholt, weil er im Verdacht stand, sich politisch gegen das Regime zu engagieren. Aus Mangel an Beweisen wurde er nach einem Jahr entlas­sen. Er zog als Soldat in den Krieg zwischen Iran und Irak, erlebte zwei Jahre lang Gräuel, Hunger und Durst an den Fronten im Süden und Norden des Landes. Nach dem Ende des Kriegs im November 1988 wurde er aus der Armee entlassen. Er fand eine Arbeit als Theologielehrer in Nadschaf und blieb dort bis zu seiner Flucht aus dem Dorf. Meine Mutter Delal Schenschul wurde im Jahr 1963 im selben Dorf wie mein Vater geboren. «Es liegt hundertsechzig Kilometer südwestlich von Bagdad und ist wie eine Oase von Dattelpalmen und Olivenbäumen umgeben», pflegte es mein Vater zu beschrei­ben.

Wenn er über den Irak sprach, waren seine Worte wie ein heftiger Wind, der sich plötzlich beruhigt und sich anfühlt, als würde er ein Boot sanft vorantreiben. Aber dann wütete er wieder und zerstörte alles wie ein Wirbelsturm, der sich nimmt, was er will. «Der Krieg hat in unserer Sprache seine Narben hinterlassen», sagte er einmal über den irakischen Dialekt.

Auch wenn der Krieg zu Ende ging, er trug ihn weiter in sich. Er erzählte nicht viel davon, ein paar Fragmente, mehr nicht. «Ich war im Kino, es war ein Kriegsfilm aus dem Iran. Mitten im Film musste ich den Saal verlassen. In einer Szene versuchte sich ein Soldat von der Front zu retten. Er rannte um sein Leben, und jedes Mal, wenn er stolperte, schmerzte mein Fuß.»

Von seiner Angst vor dem Wasser erfuhren wir zu­­fällig, dass sie mit dem Krieg verbunden war: «Im Fe­bruar 1987 fand östlich von Basra die heftigste Schlacht während des Iran-Irak-Kriegs statt. Saddam Hussein nannte ihn ‹die größte Ernte›, der Iran ‹Operation Karbala›, während er im Volksmund als die Schlacht am Fluss Jassim bekannt war. Ich war Infanterist. Ich musste den Fluss überqueren. Das Wasser war rot gefärbt, und immer wieder musste ich Leichen von mir wegschieben, um mir einen Weg ans andere Ufer bahnen zu können. Es war wie ein schreckliches Märchen. Als ich wieder festen Boden unter den Füßen spürte, dachte ich mir, auch ich sei eine Leiche, mit dem Unterschied, dass ich mich noch bewegen konnte. Ich weiß nicht, wie ich überlebt habe. In dieser Schlacht wurde ein enger Freund von mir getötet. Sie hatten ihn für einen speziellen Auftrag ausgesucht. Es war ein kalter Morgen, als er mich zum letzten Mal umarmte. Mitten in der Kälte spürte ich seine warmen Tränen auf meinem Gesicht.»

Bei der Vorstellung, dass ein Fluss Leichen ausspuckte, war mir der Rhein nicht mehr geheuer, und ich kehrte um.

Als ich zurückkam, versteckte sich das Gesicht des Mondes hinter einer Wolke. Auch Daniel schlief schon. Ich aber konnte nicht einschlafen und war wie ein Jäger, der ausharrt und nicht weiß, ob er an der richtigen Stelle lauert. Die Stunden verstrichen. Meine Mutter fiel mir ein, wie sie damals in Frauenfeld auf der Schwelle zur Küche saß. Auf ihrem Schoß hielt sie ein Tablett voller Weizenkörner. Sie bewegte das Tablett geschickt in ihren Händen und entfernte da und dort ein Korn. Als meine Schwester und ich sie fragten, wieso sie gerade diese Körner entferne, da wir keinen Unterschied in Farbe und Form erkennen konnten, antwortete sie: «Egal, wie lange man diese Körner einweicht, sie bleiben hart und würden das ganze Gericht verderben.»

Gegen Morgen stand ich schließlich auf und ging zum Bücherregal. Ich beschloss, jeden Tag einen Text in dem arabischen Gedichtband, den ich auf einem Flohmarkt in Basel gefunden hatte, zu lesen. «Versuch, den Tag mit Poesie zu beginnen! Glaub mir, es wird deinen Tag beeinflussen», hatte mir eine Arbeitskol­legin gesagt.

«Es geschah an einem regnerischen Tag, dass ein Schüler der Dorfschule zum Fenster seiner Klasse hin­ausschaute und die Sonne und einen Fluss in sein Notizbuch zeichnete. Dann schrieb er Wörter darunter und steckte sein Notizbuch wieder in seine Mappe zurück. Als die Sonne untergegangen war, wunderten sich die Bewohner über das rätselhafte Licht, das von einer der Hütten ausging. Das Licht strebte auf den Dorfhimmel zu. Es enthüllte Wörter, die in einer kindlichen Schrift geschrieben waren, und ein Boot, das Richtung Sonne segelte.»

Ich schlug das Buch zu, ging zum Fenster und öffnete es. Die herbstliche Morgensonne warf sich auf den Baum des Nachbarn und ließ die gelbe Farbe vor meinen Augen explodieren. Alles war rein und deutlich. Abgesehen von ein paar kleinen Wolken, die sich über den Himmel verstreuten, gab es keine Ablenkung.

Am Bahnhof Basel warteten wir auf Daniels Zug. Eine Verspätung von zwölf Minuten wurde angekündigt. Wir standen nebeneinander. Ich berührte seine Hand, er drückte meine und sagte: «Ich liebe dich.»

«Ich dich auch», entgegnete ich und gab ihm die Mütze mit den Ohrenklappen, die ich ihm zu seinem letzten Geburtstag gestrickt hatte.

Als der Zug in den Bahnhof einfuhr, merkte ich, dass die Zeit zu schnell zu verrinnen begann, und ich blickte auf die Schienen, die von dem einfahrenden Zug verschluckt wurden. Ich hatte das Gefühl, mein ganzes Leben läge auf dieser kürzer werdenden Strecke, leichte Panik ergriff mich.

Vor der Zugtür umarmten wir uns. Auf dem Perron dachte ich an das Tablett meiner Mutter. An die Körner, die ich aus meinem Leben entfernen müsste. Ich blickte dem wegfahrenden Zug nach, bis er verschwunden war, dann ging ich nach Haus.

Bruchholz

Ich habe arabische Musik gehört, doch nach einer ge­­wissen Zeit musste ich sie abstellen. Auch die Filmkomödie, die ich aus der Bibliothek mitgenommen hatte, brachte ich nicht zu Ende. Drei Tage sind vergan­gen, seit Daniel abgereist ist. Die Wohnung fühlt sich fremd an ohne ihn. Alles scheint seltsam und distanziert, sogar mein Lieblingsstuhl, auf dem ich immer lese. Ich bin einsam wie ein Stein, der von der Decke einer dunklen Bühne fällt.

Auch meine Bücher helfen mir dieses Mal nicht. Das Lesen als Rettungsring habe ich früh entdeckt. Meine Mutter hatte nur erstaunt zugesehen, wie ich mich über die Bücher beugte und eins nach dem anderen verschlang. Damals vor allem Jugendromane, aber ich las alles, was mir unter die Augen kam, ich vertiefte mich so auch in die deutsche Sprache. Mein Vater ärgerte sich, wenn meine Schwester und ich mit einem Gemisch aus Deutsch und Arabisch untereinander sprachen. «Ihr müsst richtig Arabisch reden und nicht ständig in dieser Sprache palavern.»

Ich liebe es mehr, auf Arabisch zu schreiben als zu lesen. Wenn ich den Kugelschreiber von rechts nach links gleiten lasse, versuche ich, den Buchstaben viel Raum anzubieten auf dem weiten Papier. Mein Vater hatte uns viel von der Kunst der arabischen Kalligrafie beigebracht. Er hatte kleine Texte und Gedichte ge­­zeichnet. «Jedes Mal, wenn ich einen Text mit dem Wort watan, Heimat, schreibe, habe ich das Gefühl, dass der Euphrat mitten durch das Papier fließt. Der Euphrat bewässert die Buchstaben, reißt die traurigen Worte in seinem Strom mit und lässt die Verben leuchten wie das Spiegelbild der Sterne auf dem Fluss, wenn er zur Ruhe gekommen ist», schrieb er. Ich beobachtete ihn und las wie er. Einmal betrat mein Vater den Raum, als ich ge­­rade einem imaginären Publikum eine seiner Handschriften vorlas. Ich fühlte mich ertappt, und es war mir peinlich. Aber er lachte nur herzlich, weil er be­­merkt hatte, dass ich meine Kuscheltiere als Publikum versammelt hatte und ihnen das arabische Gedicht vortrug.

Heute noch tue ich das manchmal. Ich sage laut Gedichte auf und stelle mir das Publikum dazu vor. Oder ich trage sie Bäumen vor oder Spielzeugen, welche die Kinder in einem Sandkasten vergessen haben, oder leeren Stühlen im Gruppenraum der Bibliothek oder Tieren auf einem Spaziergang. Hauptsache ein Publikum, das mich nie fragt, seit wann ich in der Schweiz bin oder wo meine Familie ist. Ein Publikum, das versteht, dass das Wort watan für mich trocken bleibt, egal wie viele Flüsse hindurchfließen. Beim Vortragen sehe ich das Gesicht meines Vaters vor meinen Augen.

Gestern Abend habe ich diese alte Gewohnheit wieder aufgenommen. Ich habe meinen arabischen Ge­­dichtband hervorgeholt und darin gelesen. Aber auch hier fand ich keine Ruhe, ein Gefühl der Entfremdung hatte mich erfasst. Ich nahm mein Handy und schrieb Daniel eine SMS: «Lieber Daniel, ich hoffe, du bist gut angekommen. Danke für deine kurze Nachricht. Ich vermisse dich, doch das ist nicht das Einzige, was mich antreibt, dir jetzt zu schreiben. Deine Worte beschäfti­gen mich. Dass die Ehrlichkeit selten sei und dass eine Beziehung ohne diese es nicht wert sei, weiterzube­stehen. Ich bin nicht perfekt, aber ich bin ehrlich. Was willst du denn von mir wissen? Die Vergangenheit schreit in meinem Kopf wie ein verletzter Wolf, jede Nähe zu ihm signalisiert mir Gefahr.»

Doch anstatt «Senden» zu drücken, löschte ich die Nachricht wieder. Ich musste nach Frauenfeld, sagte ich mir und beschloss, Beyan und Katrin anzurufen. Ich brauchte jemanden, der mir zuhörte. Und wer konnte das sein außer Beyan?

Beyan ist Künstler und Geigenspieler. Wie er sich kleidet, macht ihn auffällig, unübersehbar. Als Nosche und ich Kinder waren, wünschten wir, dass Beyan unser Vater wäre. Am Wochenende gingen wir oft abends in Begleitung von Vater zu ihm, und er unterstützte uns in Mathematik und Deutsch. Nach der Lektion erlaubte er uns, die Fotoalben in seiner Bibliothek anzuschauen. Geduldig beantwortete er alle unsere Fragen. Auch diejenigen, die mit seiner eigenen, wohl schmerzhaften Kindheit zu tun hatten.

Beyan war 1980 geflohen, weil er nicht in den Krieg wollte. Ein paar Monate lebte er mit gefälschten Papieren in Bagdad, dann gab die Partei sein Todesurteil bekannt, und der militärische Geheimdienst begann, ihn zu suchen. Er tauchte unter und verließ bald den Irak. «Dank der mutigen Hilfe einer Verwandten gelang mir die Flucht. Ich glaube, ich war der erste irakische Flüchtling hier im Thurgau», erzählte uns Beyan.

Er erzählte uns auch von Bagdad, von seiner Liebe zu Kunst und Musik, dass er studieren wollte, aber leider nicht zugelassen wurde, weil er kein Baath-Parteimitglied war. Er arbeitete als Straßenkünstler in alten Quartieren der immer moderner werdenden Stadt. Mit seinen Verwandten bastelte er Drachen aus buntem Papier, die er jeden Freitagmorgen im Vogelpark verkaufte. Damit schlug er sich durch.

Wenn Beyan von Bagdad erzählte, sah er aus, als würde er von einer Geliebten sprechen. Beyan ist mutig; einmal mischte er sich ein, als mein Vater sich weigerte, Nosche und mich ins Winterlager in die Berge gehen zu lassen. Es war für uns beinahe ein Weltuntergang, weil wir die Einzigen in der Klasse waren, die zu Hause bleiben mussten. Erfolglos versuchte Beyan, unseren Vater zu überzeugen. Am Schluss sagte er zu meinem Vater: «Dein Festhalten an den irakischen Traditionen kann Schaden anrichten und die Zukunft deiner Kinder zerstören.» Dass Beyan sich auf die Seite unseres Klas­senlehrers schlug, hat mein Vater ihm nicht verziehen, und er beschränkte die Beziehung zu ihm auf das Nötigste. Wir waren enttäuscht, vor allem, weil die Wo­­chen­endbesuche abrupt aufgehört hatten. Die Distanz ­zwischen den beiden wurde noch größer, als Beyan mit seiner Schweizer Freundin Katrin zusammenzog.

Beyan konnte die Beziehung zu Vater mit der Zeit wiederherstellen. Er besuchte uns, als Vater aus dem Spital zurückkam. Er musste sich einige Lymphknoten entfernen lassen. Vater schätzte seinen Besuch wenig und blieb zurückhaltend. «Ich will nicht, dass Katrin unser Leben von innen sieht. Wir kennen sie nicht. Wie­so sollten wir ihr vertrauen? Ich mag keine Fremden in meinem Haus.»

Vater war immer auf Beyan angewiesen und hielt Respekt. Gleichzeitig war er jederzeit bereit, darauf zu verzichten. Ich hörte einmal unfreiwillig einen Dialog zwischen zwei Menschen im Zug. Ich weiß nicht, ob sie betrunken waren, es kam mir vor wie ein Theaterstück.

Der eine schrie den anderen an: «Was? Hast du mir das geschrieben, weil ich Ausländer bin?»

Der andere schwieg einige Sekunden und erwiderte dann gleichgültig: «Nein, ich hasse dich nicht, weder dich noch sonst jemanden auf dieser Welt. Doch gleichzeitig habe ich auch niemanden lieb. Das ist alles.»

Oh mein Gott! Sprach diese Person jetzt von sich oder von meinem Vater? Vater hasste niemanden. Aber ich sah ihn nie jemanden lieben. «Wir kennen uns schon seit der Kindheit. Beyan ist der einzige Freund, der mir blieb. Viele Freunde sind wie die Splitter einer Rakete, einfach verstreut und versunken», sagte Vater.

Die Freundschaft mit Beyan ist der Schatz, den mir mein Vater in der Schweiz vererbt hat.

Eine SMS von Daniel weckte mich früh auf. Er schrieb begeistert, dass ihm das Leben auf dem Hof gefiel. «Es ist nichts los hier, das macht das Leben interessant, ich freue mich sehr. Kuss, Daniel.»

Ich freute mich auf das Treffen mit Beyan und Katrin, sie hatten mich eingeladen, den Samstag bei ihnen zu verbringen.

Auf dem Weg zum Bahnhof trank ich meinen Kaffee bei einer Frau aus dem Sudan. Sie führte ein kleines Café und war immer nett, trug bunte, afrikanische Oberteile und hatte ihre Haare zu Cornrows, der afrikanischen Flechtfrisur, geflochten. Wir sprachen hochara­bisch. «Hocharabisch sprechen ist komisch, es lässt Frauen männlich tönen», meinte Mutter. Diese Frau jedenfalls nicht.

Im Zug begann ich, die Menschen zu beobachten, die auf dem Bahnsteig vorbeischlenderten, vor allem die Gesichter. Eigentlich mochte ich das Beobachten anderer Leute nicht, aber diese Gewohnheit verfolgt mich seit ein paar Jahren, als wäre ich auf der Suche nach einem verschwundenen Gesicht. Versuche ich, meines in den Gesichtern anderer wiederzuerkennen? Wie fremd bin ich aus ihrer Sicht?

Beyan hatte schon am Telefon gemerkt, dass es mir nicht gut ging, ich hätte es ihm gar nicht sagen müssen, meinte er. Wie kann die Stimme dich sogar über das Telefon verraten? Ob das der Grund war, weshalb sich meine Mutter nach jedem Anruf in den Irak erst einmal zurückzog und für sich allein sein wollte?

Kurz vor Mittag kam ich in Frauenfeld an. Beyan schickte mir eine Nachricht: Er komme zehn Minuten zu spät. Die Sonne schien auf den Bahnhofplatz. Ich stand eine Weile vor dem Gleis der Wilerbahn. Wo blieb nur dieser alte, rote Zug? Offenbar hatten sie ihn durch einen modernen ersetzt? Ob noch immer ständig die Durchsage «Nächster Halt auf Verlangen» wiederholt wurde? Auf der Suche nach einer Lehrstelle fuhr ich eine Woche in ein Pflegeheim in Münchwilen. Mit diesem alten, roten Zug, der durch die Stadt fuhr und sowieso an jeder Haltestelle anhielt. Ich verstand nie, warum der Satz ständig durch die Lautsprecher schallte.

Ich mag Frauenfeld. Hier lebte ich manche Jahre. Einige Geschichten sind schön, andere eher traurig. In meinem Kopf gleichen sie herumliegendem Bruchholz, und doch gehören sie zu meinem Leben. Ich versuche, daraus ein kleines Boot zu bauen und damit zum Rhein zu segeln. «In jedem Trümmerhaufen finden sich Ge­­genstände, die man für einen Neuanfang brauchen kann», sagte Karima, meine Tante mütterlicherseits. Als der alte Nussbaum in ihrem Hof vom Blitz getroffen und gespalten wurde, beschloss sie, daraus eine Tür zu schreinern, um den Stall für die Tiere verschließen zu können.

Mein Blick wanderte über den Bahnhofplatz und folgte den Menschen mit ihren vollbeladenen Einkaufstaschen in den Stadtbus. Ich hatte das sichere Gefühl, dass ich das, wonach ich suchte, nie finden würde. Niemals.

Beyan erschien in einem leuchtend gelben Hemd und einer Jeansjacke und winkte mir bereits aus der Ferne mit seinem natürlichen Lachen zu.

«Ahlan wa sahlan amo Aida – herzlich willkommen!», begrüßte er mich.

«Hoi, Onkel», rief ich, und er umarmte mich. Es sei in unserer Kultur unanständig, enge Freunde der Familie mit Namen zu nennen, hatte uns Vater eingeschärft.

«Wie geht es dir? Du hast besorgt gewirkt am Telefon.» Er umarmte mich von der Seite und hielt meine Schultern fest. «Ist alles in Ordnung? Hör zu, wenn du mir etwas unter vier Augen erzählen möchtest, kann ich Katrin mitteilen, dass wir erst in einer Stunde zu Hause eintreffen.»

«Es geht mir gerade nicht so gut. Aber darüber können wir auch zu dritt reden.»

«Pass auf – wir gehen zum Wochenmarkt. Magst du noch immer das Gemüse direkt bei den Bauern kaufen? So etwas habt ihr in Basel doch sicher auch, oder?»

«Ja, ja, das mag ich noch, wir waren grad letzten Samstag dort, nicht in Basel, sondern hinter der Grenze.»

«Wie geht es Daniel, was macht er jetzt?»

«Er ist letzten Sonntagmorgen nach Graubünden gereist für den Rest seines Zivildienstes. In letzter Zeit streiten wir uns ständig. Ich glaube, unsere Beziehung wird nicht mehr lange halten.»

An der Bushaltestelle begegneten wir einer älteren Dame, und Beyan hatte ein kurzes Gespräch mit ihr.

«Sie ist unsere Nachbarin, ihre Tochter lebt aus be­­ruflichen Gründen jetzt im Ausland und hat Heimweh, sie wollte wissen, was das beste Mittel dagegen sei.»

«Und was hast du ihr geraten?»

«Ich kenne dieses Gefühl nicht, ich weiß nicht mehr, wie es ist.»

Zu Hause empfing uns Katrin warmherzig. Sie trug eine hellgrüne Bluse und einen schwarzen Rock. Ihre H­aare waren zu einem «Pferdeschwanz» hochge­bunden, so wie sie meine Mutter immer trug. Sie hatte dickes Haar, und wenn sie lachte, sah man sympathische Grübchen, und ihre blauen Augen lachten mit. Ganz selten nur sah ich sie geschminkt, ihre feinen Falten im Gesicht standen ihr gut, das Alter hat ihr mehr Schönheit geschenkt. «Ein persischer Teppich ist je älter, des­to schöner», sagte man von schönen Frauen im Iran. Auch wie sie ihre Wohnung eingerichtet hat, gefällt mir, jedes einzelne Stück vermittelt Stabilität in ihrem Haus, das sie von ihren Eltern geerbt hatte.

Katrin erzählt nicht viel von ihrer Familie, aber einmal erzählte sie, dass ihr Großvater Russe war. Er war als Kunsthändler in die Schweiz gekommen. In St. Gallen habe er ihre Großmutter kennengelernt. Irgendwann war er dann zurückgekehrt nach Russland. «Das Einzige, was von ihm geblieben ist, war ein Kind, das mein Vater wurde und die Liebe zu Kunst und Antiquitäten im Blut hatte.» Vielleicht hatte sie selbst deswegen Kunst und Musik studiert.

«Wie geht es dir, meine Süße? Fast ein halbes Jahr haben wir uns nicht gesehen.»

Katrin umarmte mich.

«Ja, es ist lange her, ich vermisse euch und bin froh, jetzt hier zu sein.»

Wir gingen direkt in die Küche, sie hatten Biryani gekocht, ein irakisches Gericht. Beyan meinte, er habe das Gericht ein bisschen modernisiert. Reis mit verschiedenen Gemüsesorten, Kardamom, Pistazien und irakischen Gewürzen, die er aus Bagdad geschenkt be­­kommen hatte. Die Joghurtsauce war mit Minze, Thymian und Koriander garniert.

«Biryani bringt Wärme, auch in der Liebe», sagte Beyan und gab Katrin einen Kuss.

«Die meisten Iraner kochen es zum Nouruz-Fest. Sie meinen, dass genau diese Mischung zum Frühling passt», sagte ich.

«Ja, das stimmt», antwortete Beyan. «Nouruz war in der alten mesopotamischen Kultur der Tag, an dem Gott Tammus geboren wird und Ischtar, die Göttin der Erde, heiratet, die dann den Frühling gebären wird. An diesem Fest wurden die Unterschiede zwischen Sklaven und Herren vorübergehend aufgehoben. Der König von Babylon gibt seinen Stolz auf, erkennt seine Fehler an und erhält eine Ohrfeige von der höchsten religiösen Autorität. Es gibt sumerische Platten, die den großen Marsch im Park des Königs zeigen, bei dem im Feuer farbige Puppen verbrannt wurden. Diese Puppen sollen den Winter repräsentieren.»

«Wie das Sechseläuten in Zürich», unterbrach Katrin lachend, «aber der Böögg hat sicher nichts mit Babylon zu tun».

«Ich weiß es nicht, aber nach der Besetzung Babylons durch die Perser wurde Naurus ein Fest in vielen Kulturen. Die Perser feierten dreizehn Tage lang, wer dieses Fest feiert, wird das ganze Jahr von Sonnenschein be­­gleitet, sagen sie. Bei den Kurden heißt es Newroz», sagte Beyan.

«Hast du noch Erinnerungen an den Iran? Hat deine Familie dort dieses Fest gefeiert?», fragte mich Katrin und hakte gleich nach: «Wie lange habt ihr eigentlich in Ghom gelebt?»

«Ich bin ja in Ghom geboren und habe bis zu meinem sechsten Lebensjahr im Iran gelebt. Meine Erin­nerungen daran sind etwas verblasst. Aber manche Bilder sind noch sehr präsent, und eines davon ist eben Nouruz. Wir feierten es mit einem irakischen Nachbarn. Es begann immer mit einem gründlichen Hausputz, dann bereitete meine Mutter ein großes Tablett vor. Man nennt es ‹Tablett der sieben S›. Alle sieben Dinge darauf beginnen auf Persisch mit dem Buchstaben S.»

«Wieso S?», fragte Beyan.

«Weil dieser Buchstabe in der persischen Kultur Liebe und Glück bringen soll. Auf dem Tablet soll sebse, also Spinat, in eine Art Vase gestellt werden und dazu semnou, eine Süßigkeit aus Weizen und Honig. Sier ist Knoblauch, was in diesem Glauben das Böse vertreibt und die Stärke fördert. Serke ist Essig, als Symbol der Geduld, senged sind Blätter der Linde, Symbol der Liebe, soummak sind Gewürze als Symbol für Wasser, damit das Jahr reich an Niederschlag ist. Das Letzte ist syeb, der Apfel, als Symbol für Fruchtbarkeit. Meine Mutter hatte dieses Tablett immer in die Mitte des Wohnzimmers ge­­stellt, und daneben las Vater sieben Verse aus dem Koran vor, die alle mit dem Wort salam begannen. Am letzten Tag nahm uns Vater mit zu einem Park, in dem sich viele Familien versammelten und picknickten. Meine Schwester und ich gaben an diesem Ort unsere Münze aus, die wir zu diesem Anlass geschenkt be­kommen hatten.»

«Was für ein schönes Fest. Du kennst alle diese Ge­­bräuche und führst sie nicht weiter?», fragte mich Katrin.

«Na ja, wir haben jetzt Herbst», entgegnete Beyan lachend.

«Ja, vielleicht müsste ich das wirklich machen. Wer weiß, vielleicht helfen die Blätter der Linde der Liebe zwischen mir und Daniel wieder etwas beim Gedeihen.»

«Ich kenne keine Liebe ohne Schwierigkeiten. Manchmal stelle ich mir die Liebe als ein schönes Denkmal vor. Eines von denen, die ich in Rom oft gesehen habe. So schön wäre es gar nicht, wenn es die Schläge des Hammers eines Bildhauers nicht ertragen hätte. Ich bin kein guter Ratgeber in der Liebe, aber woran ich fest glaube, ist, dass die Liebe oft sehr wenig mit Vernunft zu tun hat. Weißt du, Aida, kurz nach meiner Ankunft in der Schweiz habe ich mich in eine Frau verliebt, die beim Arbeitsamt tätig war. Sie half mir sehr, einen Job zu finden. Ich füllte die Formulare entweder falsch oder unvollständig aus, damit ich länger bei ihr bleiben und ihre Augen betrachten durfte, während sie mir alles erklärte. In dieser Zeit begann ich die unerträgliche schweizerische Bürokratie zu lieben. Dank ihr konnte ich jede Woche vor meiner Geliebten stehen wie mein Kater vor mir, wenn ich aß.»

«Selbst Kater!», sagte Katrin lachend.

«Aber was ist denn bei euch los? Eure Liebe ist doch großartig! Möchtest du etwas erzählen?», fragte mich Beyan.

«Die Streitereien zwischen uns häufen sich, weil Daniel einen unerträglichen Druck auf mich ausübt. Er will mehr über meine Vergangenheit, die Geschichte meiner Familie und alles, was mich in die Schweiz brachte, erfahren. Und das in einem Ton, der wie ein Ultimatum wirkt. Das hat er zwar nicht gesagt, aber weil er mir immer und immer wieder diese Fragen gestellt hat, fühlt es sich so an. Ich habe mir meine Zukunft immer mit ihm vorgestellt. Aber jetzt hat er auch aufgehört, auf meine Wünsche einzugehen, zum Beispiel nach einem gemeinsamen Kind. Er hat mir, als wir vor vier Jahren zusammenzogen, versprochen, dass wir es nach seinem Studium versuchen werden. Aber jetzt hat er seinen Master gemacht und denkt nur an seinen Zivildienst und seinen Beruf. Ich bin verzwei­felt.»

«Verzweiflung ist handgemacht», schob Beyan ein.

«Was habe ich denn gemacht?»

«Ganz am Anfang habe ich dir schon gesagt, dass Schweigen kein Panzerglas ist. Themen, die sich in Schweigen hüllen, werden immer attraktiver. Du solltest versuchen, ihm zu erzählen, wieso du es nicht kannst.»

«Nur daran zu denken, lässt das Entsetzen in mir hochsteigen. Wie kann ich die Unsicherheit, die seit den vielen Jahren des Schweigens in mir nistet, besiegen? Ich habe jahrelang an mir gearbeitet, um das ganze Gefäß richtig zu schleifen und irgendwo in mir verschlossen zu halten. Es fällt mir nicht leicht, es wieder zu berühren. Ich lebe mein jetziges Leben. Ich kann die Zukunft nicht mit der Tinte der Vergangenheit schreiben.»

«Ja, es ist nicht einfach, darüber zu sprechen. Aber weißt du, Schweigen ist manchmal gefährlicher als Reden, und die Liebe lebt vom Reden. Sie hat eine Lunge, und diese kann nicht ohne einen ehrlichen Mund atmen.»

Ich schwieg.

«Ja, du erklärst ihm alles. Daniel liebt dich, und er wird verstehen, warum du bis jetzt nichts erzählen konntest. Und er wird es schätzen, dass du dich ihm anvertraust», unterbrach Katrin die Stille.

«Seit wir in dieser neuen Wohnung in Basel wohnen, wurde der Druck noch größer. Ich weiß nicht, wieso ihm das so wichtig geworden ist. Ich fürchte, er hat beim Umzug mein blaues Heft gesehen.»

«Was für ein blaues Heft?», fragte Katrin.

«In diesem Heft habe ich damals Tagebuch geführt. Das war in der Zeit, als ich nach Nosches Tod kein Wort über die Lippen brachte. Mein Psychiater schlug mir vor, das aufzuschreiben, was ich nicht aussprechen könne. Ich habe auf Arabisch, Deutsch und manchmal auch auf Persisch geschrieben oder gewisse Dinge ge­­zeichnet.»

«Hast du auch über die Flucht geschrieben?»

«Nein, und ich habe keine chronologische oder vollständige Geschichte niedergeschrieben, oft nur Stichworte, manchmal kleine Texte oder Dinge notiert, die ich dem Psychiater mitteilen wollte.»

«Ja, ich erinnere mich gut an diese schwierige Zeit. Du hast es erstaunlich gut überwunden», sagte Beyan und machte eine anerkennende Kopfbewegung.

«Ich weiß nicht, ob ich es hinter mich gebracht habe. Ich will einfach nicht stehen bleiben, auch wenn die Richtung nicht immer klar ist. Jetzt will Daniel, dass ich zu einem Punkt zurückkehre, von dem ich mich befreien will. Ich verstehe nicht, warum er die Gegenwart an die Wand der Vergangenheit nageln will?»

«Ich kann dich gut verstehen, bin aber nicht der Meinung, dass eure Liebe daran scheitern soll», sagte Katrin.

«Weißt du, Aida, ich glaube, der Mensch muss jede Gelegenheit, die sich ihm bietet, nutzen, um besser leben zu können. Besser heißt nicht unbedingt immer glücklich. Ich habe viel Schlimmes im Irak erlebt. Ich konnte vor dem Krieg fliehen, aber er will nicht von mir ablassen. Ich spüre ihn manchmal und sehe sein Ge­­sicht. Ein Gesicht mit vielen Augen, die mich durchdringend anstarren. Immer, wenn ein Auge einschläft, wacht ein anderes auf. Mit der Zeit habe ich mir beigebracht, den Blicken auszuweichen. Zeichnen hat mir sehr geholfen, du wirst es mir nicht glauben, es hat vieles in mir rhythmisiert, und ich weiß jetzt auch, wie ich mit dem größten Trauma in meinem Leben, dem Krieg und der Flucht und dem Leben in der Fremde, umgehen kann.»

Ich erwiderte nichts und versank in meinen Gedan­ken. Wieso scheiterte ich immer wieder, meinen Eltern ganz zu verzeihen? Mir war einiges klar, aber warum sie in die Schweiz flüchteten, obwohl sie kein Interesse an diesem Land hatten, verstand ich nicht. Ich fand immer neue Antworten, aber die Frage blieb. Als blickte ich bei Regen durch eine Windschutzscheibe. Die Scheibenwischer klären kurz die Sicht, doch das Wetter ändert sich trotzdem nicht. Ich war zufrieden mit dem, was ich in der Schweiz erreicht hatte. Ich schätzte die Freiheit und das Leben und mochte meine Arbeit. Das Vakuum, das Nosches Tod in mir verursacht hatte, konnte ich mit Hoffnung füllen.

Katrin bemerkte, dass ich geistesabwesend war und dem Gespräch auswich. Sie schaute mir in die Augen und lächelte freundlich. Ich betrachtete ihr Haar im Sonnenschein. Es war grauer geworden, dennoch er­­innerte es mich an ihr Haar, als sie noch neben mir am Computer saß, um meine Französischhausaufgaben zu korrigieren. Damals hatte das Blond noch die Überhand.

«Die Zeit zerrinnt rasch, wir müssen darauf achten, sie wahrzunehmen, bevor sie verschwindet», sagte mir Daniel an meinem letzten Geburtstag. Wie recht er hatte. Als Teenager in Frauenfeld schnitt ich mit meiner Schwester Bilder aus Zeitschriften aus. Meistens waren es irgendwelche Stars. Dass wir in den Irak zurückgehen würden, wäre uns nicht im Traum eingefallen. Wir klebten die Bilder in ein Heft, der Geruch des Leims hängt mir noch immer in der Nase. Ich höre das Lachen meiner Schwester und unsere Diskussionen darüber, welchen Star wir einmal heiraten würden, als säße sie noch immer neben mir. Die Trauer um meine Schwester bleibt in mir, auch wenn sie stillzustehen scheint wie die Wanduhr im Elternhaus im Irak. Aber jeden Tag kommt ein Augenblick, in dem die tatsächliche Zeit mit derjenigen auf dem Zifferblatt übereinstimmt.

Katrin und Beyan begleiteten mich bis zum Bahnhof. Bevor ich in den Zug stieg, gab mir Katrin einen kleinen Umschlag. «Öffne ihn, wenn du im Zug sitzt», sagte sie mir, während sie mich zum Abschied umarmte.

«Komm bald wieder, sonst wird Onkel Beyan böse auf dich», sagte er mit einem wehmütigen Lächeln im Gesicht.

«Aber natürlich», erwiderte ich.

Im Umschlag war ein Bild von Nosche und mir. Beyan hatte es im Wald geschossen, als wir 2008 den 44. Ge­­burts­­­tag von Katrin feierten. «Schnapszahl», sagte Beyan. Ich wusste nicht, was das bedeutet, aber wir haben auf jeden Fall bis um Mitternacht gefeiert. Neben Essen und Trinken hatte Beyan viele Spielsachen mitgebracht. Eines davon war «Wikingerschach», das ich immer noch gerne spiele. Beyan hatte bei unserem Flüchtlingsheimleiter die Erlaubnis eingeholt, dass Nosche und ich das Wochenende außerhalb des Heimes verbringen durften. Das Heim lag nicht weit von der Wohnung, in der wir als Kinder mit den Eltern als an­­erkannte Flüchtlinge lebten.

Nosche stand neben mir, strahlend vor Freude und voller Leben. Ihr Lachen wirkte, als wollte sie mir durch dieses Bild aus der Vergangenheit etwas mitteilen.

Wir sahen uns sehr ähnlich. Unser schwarzes, ge­­locktes Haar hatten wir von unserem Vater geerbt, die kleinen Augen von der Mutter.

«Euer Lachen habt ihr vom Euphrat erhalten», be­­hauptete Vater immer.

An diesem Geburtstag wollte Katrin, dass wir ihr ein arabisches Lied vorsingen. Beyan spielte Geige, und gemeinsam hatten wir ihr diesen Wunsch erfüllt. Laut sangen wir: «Jedes Mal, wenn ich dich vermisse, pflücke ich einen Stern vom Himmel. So lange habe ich dich vermisst, dass der Himmel dunkel wurde.» Nosche, Beyan und ich, alle andern waren Schweizer. Sie fanden, die arabische Sprache höre sich ohnehin an wie ein Lied.

Nosche konnte besser Arabisch als ich. Im Iran musste sie viel aus dem Koran auswendig lernen. Sie schrieb auch kleine Gedichte. Mein Vater meinte, sie hätte es von ihm geerbt. Ich erinnere mich gut an eine Diskus­sion zwischen Nosche und meinem Vater.

«Die deutsche Sprache wirkt viel bescheidener als die arabische», sagte meine Schwester zu ihm.

«Wie kommst du auf diese Idee?», fragte er.

«Auf Deutsch sagt man: Meine Schwester, du und ich gingen zusammen. Auf Arabisch ist es unmöglich, den Satz mit der dritten oder zweiten Person zu be­­ginnen. Der Sprecher nennt sich immer zuerst», sagte Nosche.

«Die Logik des Arabischen ist in diesem Fall, mit dem Sprecher zu beginnen, weil der Sprecher den Anspruch hat, sich als Ersten zu erwähnen. Das hat nichts mit Demut zu tun, meine Liebe», erklärte Vater.

«Aber Papa, manchmal ist deine Sprache unlogisch», mischte ich mich ein.

«Wieso meinst du?», fragte mich mein Vater verwun­dert.

«Bevor du ein Auto hattest, sagtest du uns, wenn du zu spät nach Hause kamst: Der Zug hat mich verpasst, nicht umgekehrt. Meinst du damit, der Zug hätte auf dich warten müssen oder was?»

Nosche schaute mich beifällig an.

«Nein, nein, meine Liebe, es ist nicht so. Wir Iraker sagen der Zug und meinen die Zeit», antwortete er nachdenklich und ging in sein Zimmer.

Bis nach Basel beschäftigte mich Beyan und wie er mit Zeichnen Distanz von seinem Leiden schaffte. «Glücklichsein liegt in dir und wird nie von außen kommen. Die alten Ägypter glaubten, wenn der Mensch stirbt und seine Seele zur Tür des Himmels aufsteigt, werden ihm von Engeln zwei Fragen gestellt. Warst du glücklich in deinem Leben? Hast du andere Leute glücklich gemacht? Je nach Antwort erlauben sie ihm, für immer in das Königreich einzutreten oder zu flüchten», sagte Beyan.

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03 temmuz 2025
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9783038552093
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