Kitabı oku: «Stille Nacht light»

DIE AUTORIN: Seit 1993 hat Usch Hollmann mit ihrer münsterländischen Kunstfigur „Lisbeth“ zunächst mit wöchent li chen Kolumnen bei verschiede nen Lokalsendern eine große Hörerschaft erobert und mit zahlreichen Live-Auftritten ihr Pub likum begeistert. In der Folge sind ihre „Büchskes“ zu regionalen Best sellern geworden. Im münsterischen Solibro Verlag (früher NW Verlag) erschienen in zusammen bislang zwölf Auflagen. Hallo Änne, hier is Lisbeth ... (1996), Wat is uns alles erspart geblieben! (1998) und Dat muss aber unter uns bleiben! (2006). Zwei anrührenden Weihnachtserzählungen mit dem Titel Spekulatius und Springerle (2002, vergriffen) bewiesen, dass ihr auch leise Töne gelingen. Ein Kinderbuch mit dem Titel Stoffel lernt spuken (mit einer Übersetzung ins Plattdeutsche von Käthe Averwald) liegt seit 2004 vor. Ein weiteres Lesevergnügen, Aber das wär’ doch nicht nötig gewesen! Heitere Geschichten vom Feiern, erschien 2008. Im neuesten Buch, Stille Nacht light. Weihnachtliche Erzählungen (2012), sind bereits bekannte, aber vor allem neue kurzweilige Weihnachtsgeschichten von Usch Hollmann zusammengefasst. Viele Jahre trat sie parallel mit der von ihr gegründeten Kabarettgruppe Fünf freche Frauen auf. Im Jahre 1999 wurde ihr für ihr vielseitiges Engagement der Kulturpreis des Kreises Steinfurt zugesprochen.
Usch Hollmann
Stille Nacht light

1.Matthias Menne: „Also, wenn Sie mich fragen ...“ Neues vom „Nörgler“ bei radio Antenne Münster (1995-1996) Münster: Solibro (ehem. NW-) Verlag 1996 ISBN 978-3-9802540-5-2
2.Usch Hollmann: „Hallo Änne, hier is Lisbeth ...“ Die besten Telefongespräche der Quasselstrippe aus dem Münsterland. Münster: Solibro Verlag 7. Aufl. 2006 [1996] ISBN 978-3-9802540-6-9
3.Usch Hollmann: „Hallo Änne, hier is Lisbeth ...“ Texte & Lieder von Usch Hollmann Münster: Solibro (ehem. NW-) Verlag 1997 a) CD: ISBN 978-3-932927-11-9 b) MC: ISBN 978-3-932927-12-6
4.Usch Hollmann: „Wat is uns alles erspart geblieben!“ Neue Geschichten von Lisbeth aus dem Münsterland Münster: Solibro Verlag 2. Aufl. 2005 [1999] ISBN 978-3-932927-13-3
5.Augustin Upmann / Heinz Weißenberg: Bullemänner Münster: Solibro Verlag 2003 ISBN: 978-3-932927-19-5
6.Helge Sobik: Urlaubslandsleute ... jede Menge Vorurteile für die Reise Münster: Solibro Verlag 2. Aufl. 2006 [2006] ISBN: 978-3-932927-30-0
7.Usch Hollmann: „Dat muss aber unter uns bleiben!“ Noch mehr Geschichten von Lisbeth aus dem Münsterland Münster: Solibro Verlag 2006 ISBN 978-3-932927-31-7
8.Helge Sobik: Urlaubslandsleute 2 ... noch mehr Vorurteile für die Reise Münster: Solibro Verlag 2007 ISBN: 978-3-932927-34-8
9.Usch Hollmann: „Aber das wär’ doch nicht nötig gewesen!“ Heitere Geschichten vom Feiern Münster: Solibro Verlag 2008 ISBN 978-3-932927-41-6
10. Usch Hollmann: Stille Nacht light Weihnachtliche Geschichten Münster: Solibro Verlag 2012 ISBN 978-3-932927-51-5
Usch Hollmann
Stille nacht light
Weihnachtliche
Geschichten


eISBN 978-3-932927-83-6 (epub)
1. Auflage 2012 / Originalausgabe
© SOLIBRO® Verlag, Münster 2013 [2012] Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Cornelia Niere, München Motiv Weihnachtsmann (U1): © Penelope Edgar/Corbis Motiv Hund (U4): © iStockphoto.com/walik Foto der Autorin: © Kerstin Heil, Münster
www.solibro.de
Inhalt
Die Autorin
Stille Nacht light
Weihnachten am 24. September
Weihnachten ohne Geschenke?
Friede, Freude, frohes Fest?
Spekulatius und Springerle
Eine glückselige Weinnacht
Lisbeths Feiertage
Weihnachten hier und annerswo
Es ist nichts schwerer zu ertragen, als eine Reihe von üppigen Tagen
Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie grün sind deine Nadeln
Frohes Fest – danke gleichfalls
Rezepte
Anzeigen
Stille Nacht light
Es regnete den ganzen Tag. Novemberwetter! Trotz Regenschirm kam ich durchnässt und durchgefroren nach Hause. Ich hängte Mantel und Mütze zum Trocknen an die Garderobe, zog die Schuhe aus und holte ein paar alte Zeitungen aus dem Korb für Altpapier, denn – das hatten wir schon als Kinder gelernt – nasse Schuhe soll man mit Zeitungspapier ausstopfen.
Ich riss eine Seite heraus und wollte sie eben zusammenknüllen, da fiel mein Blick auf eine dicke Überschrift: „Jubel über den ersten Schnee in den Bergen!“ Wie ungerecht – und bei uns im Flachland schüttet es wie aus Eimern! Ich ballte das Papier zu einer lockeren Kugel zusammen und stopfte damit den linken Schuh aus.
Ehe ich mit der nächsten Seite und dem rechten Schuh ebenso verfahren konnte, fesselte mich eine zweite, deutlich kleiner aufgemachte Zeile:
„Weihnachtsmuffel haben’s schwer“.
Wer oder was sind Weihnachtsmuffel? Neugierig fing ich an zu lesen.
In einem ausführlicher Artikel hatten sich namhafte Soziologen, Psychologen und Anthropologen viele kluge, nachvollziehbare Gedanken gemacht und waren sich darin einig geworden, dass – Zitat: „Unsere altüberlieferten Weihnachtsrituale einen Fluss von Emotionen auslösen, der Menschen miteinander verbindet“. Deshalb gelte man schnell als „Weihnachtsmuffel“, also als Außenseiter, wenn man Gemeinschaft und Nähe nicht aushalten könne und deshalb brauche man möglicherweise sogar psychologische Hilfe stellung. Den „Weihnachtsfreaks“ hingegen, die der Ansicht sind, dass Weihnachtsgeschenke – viele Geschenke! – als „Kitt für ein friedliches Zusammenleben“ unerlässlich sind, sei in diesen Wochen dringend eine adventliche Entschleunigung anzuraten. Das Fest der Liebe könne sonst durch vorweihnachtlichen Stress schnell zu einem Desaster ausarten.
Nachdenklich glättete ich die schon arg zerfledderte Zeitung und überlegte: Bin ich ein Weihnachtsmuffel? Womöglich sogar eine Außenseiterin? Kann ich Gemeinschaft und Nähe gut aushalten?
Ich riss eine weitere Seite heraus und stopfte sorgfältig auch den zweiten Schuh aus.
Nein, ich bin zwar kein ausgesprochener „Weihnachtsfreak“, aber ein „Weihnachtsmuffel“ bin ich deshalb noch lange nicht. Ich kann Nähe gut aushalten. Ich freue mich sogar darauf, meine Familie und gute Freunde um mich zu haben. Die Vorweihnachtszeit jedoch empfinde ich seit langem als eher belastend und überhaupt nicht gemütlich, geschweige denn besinnlich, trotz Adventskranz und Kerzenlicht und Plätzchenbacken. Immer diese Hektik, von der man sich allzu leicht anstecken lässt. Wenn ich nur an den von angesagten Stilberaterinnen jährlich neu verordneten Deko-Stress für den Tannenbaum denke: Unsere seit immer und ewig verwendeten roten Kerzen und Kugeln gelten inzwischen als bestenfalls grenzwertig, seien aber genau genommen ein absolutes „No-go“. In diesem Jahr sei eine violette Deko ein „Must-Have“.
Frechheit – was fällt diesen Tussis ein? Wer ernennt sie überhaupt zu „angesagten Stilberaterinnen“? Das jahrzehntelang totgesagte Lametta als Schmuck für den ultimativen Tannenbaum sei hingegen wieder „mega-in“, seit es der chemischen Industrie gelungen ist, die glänzenden, spaghettilangen Fäden aus umweltfreundlichen Substanzen herzustellen. Jedoch gelte das Dekorieren der Christbaumzweige mit Engelhaar aus weißglänzender Glaswolle als ein absolut unverzeihliches „Not-to-do“.
Wie bitte? Ich liebe Engelhaar – seit den längst vergangenen Kindertagen gehört Engelhaar zu unserem Weihnachtsbaum, und das soll ich mir ausreden lassen? Soweit kommt das noch …
Bin ich ein Weihnachtsmuffel, wenn mich die vielen Weihnachtsfeiern anöden? Und die Dauerberieselung mit Weihnachtsliedern in den Kaufhäusern? Und die vielen Weihnachtsmärkte, die alle mehr oder weniger dasselbe anbieten?
Wer immer mir in dieser Zeit über den Weg läuft, klagt über fehlende Geschenkideen, über die jährliche wachsende Flut von Bettelbriefen in den Briefkästen – und alle fühlen sich gehetzt und genervt und überfordert. Und ich?
Ich las den Artikel noch einmal sorgfältig durch. Also das mit der adventlichen „Entschleunigung“, wozu die Soziologen, Psychologen und Anthropologen raten, das nehme ich mir schon seit Jahren vor. Ich will mich nicht immer wieder von vorweihnachtlicher Hektik anstecken lassen – aber meistens bleibt der gute Vorsatz auf der Strecke und ich hetze doch wieder mit einer endlos langen Einkaufsliste durch die Läden. Aber dieses Jahr soll alles anders werden. Dieses Jahr ziehe ich das mit der Entschleunigung durch, aber hallo! Ihr Soziologen, Psychologen und Anthropologen: Auch wenn ich weiß Gott kein „Weihnachtsfreak“ bin – bei mir fallen eure mahnenden Worte auf fruchtbaren Boden! Jetzt gleich fange ich mit der adventlichen Entschleunigung an.
Ich stellte meine mit Zeitungspapier vorschriftsmäßig ausgestopften Schuhe zum Trocknen auf die Kellertreppe und goss mir erst einmal einen Wintertee mit Zimt- und Bratapfelaroma auf. Schluss mit Stress und Hektik!
Am nächsten Tag bummelte ich – total entspannt im Hier und Jetzt – durch die Stadt. Auch das Wetter hatte sich beruhigt. Weder Bratwurstdüfte noch aufdringliche Weihnachtsmänner konnten mich aus der Ruhe bringen. Und wen treffe ich im Gewühle? Eine Schulfreundin aus längst vergangenen Tagen – Marlies. So eine Überraschung!
„Gehen wir einen Kaffee trinken?“
„Na klar, obwohl – eigentlich habe ich keine Zeit. Wer hat zwei Wochen vor Weihnachten als Hausfrau und Mutter schon Zeit und Muße zum Kaffeetrinken?!“ Marlies machte einen gestressten Eindruck, und ich sah das Treffen mit ihr als eine günstige Gelegenheit, mein erst kürzlich erworbenes neues Wissen über die Notwendigkeit einer adventlichen Entschleunigung an den Mann bzw. – in diesem speziellen Falle – an die Frau zu bringen.
Es gelang mir, sie davon zu überzeugen, dass wir aus mehreren Gründen die unverhoffte Gelegenheit zu einer gemütlichen Plauderstunde nutzen sollten.
Wir fanden einen Platz in der hintersten Ecke eines Cafés. „Zwei Tassen Kaffee bitte“, und schon ging es los: „Wie geht es dir? Was machen die Kinder? Wohnt ihr immer noch im elterlichen Haus?“ Fragen über Fragen, hin und her. „Und wie geht’s deinem Mann, Ludger?“ Marlies seufzte. „Auf den bin ich im Moment nicht gut zu sprechen, der macht mich zu all dem Weihnachtsstress noch zusätzlich nervös … dabei hat er mir gestern eine ‚Stille Nacht light‘ angekündigt.“
Stille Nacht light? „Wie muss man sich die vorstellen?“
Marlies seufzte wieder.
„Er will Weihnachten kochen.“
„Und? Das ist doch eigentlich ein nettes Angebot. Was spricht dagegen?“
„Was dagegen spricht? Ludger hält sich für den hiesigen Eckart Witzigmann. Und das, obwohl er nicht täglich Schickimickifutter in einem feudalen Fresstempel für zahlungskräftiges Publikum kocht, sondern höchstens alle Jubeljahre mal in der hauseigenen Küche etwas für die hauseigenen Esser brutzelt, streng nach Rezepten aus dem Internet und getreu seinem Motto: Wer lesen kann, kann auch kochen. Um ehrlich zu sein: Meistens kocht er erstaunlich gut, aber es misslingt natürlich auch einiges, und – das ist das eigentliche Problem – er hat kein Gespür für die erforderlichen Mengen. Meistens kocht er Portionen, mit denen man das halbe Vaterland verköstigen könnte.“
„Aber ihr habt doch bestimmt eine Gefriertruhe, warum frierst du den Überschuss nicht ein?“
„Darf ich nicht. Durch den Prozess des Einfrierens gingen wertvolle Aromen flöten, behauptet Ludger … so ein Quatsch, aber er lässt es sich nicht ausreden. Und deshalb müssen wir oft, wenn Ludger gekocht hat, drei Tage hintereinander dasselbe essen, bis es uns zum Hals heraushängt. Aber zu seiner Rechtfertigung zitiert er immer Wilhelm Buschs Witwe Bolte: Wofür sie besonders schwärmt, wenn es wieder aufgewärmt. Unsere Geschmacksnerven müssten verkümmert sein.“
Marlies kam in Fahrt. Wir bestellten zwei weitere Tassen Kaffee.
„Und jetzt hat er sich zu Weihnachten als Koch angeboten, angeblich um mich zu entlasten. Ich solle einmal ganz entspannt und ohne Küchenstress Weihnachten feiern können. Außerdem hätten wir bei den vielen Weihnachtsessen alle zugenommen, deshalb wäre in diesem Jahr zum Fest der Liebe ‚Stille Nacht light‘ angesagt, besonders was das Essen anbetrifft: Vorspeise light, Hauptgericht light, Nachtisch light. Und davor graut mir.“
Sie verdreht die Augen zur Decke.
„Und besonders graut mir davor, dass er sich vorgenommen hat, uns mit einem Sauerbraten zu verwöhnen. Ulrike, ich bitte dich: Weihnachten und Sauerbraten! Zu Weihnachten gibt es in deutschen Esszimmern oder Küchen entweder Kartoffelsalat mit Würstchen oder Gänsebraten – oder neuerdings Fleischfondue, aber doch niemals Sauerbraten. Aber er bleibt stur: Seine Mutter hätte traditionell an Weihnachten immer Sauerbraten zubereitet, mit Rosinen in der braunen Tunke und mit Klößen als Sättigungsbeilage. Und schon damals hätte der Sauerbraten am zweiten Tag – aufgewärmt! – noch besser geschmeckt als am ersten. Fräulein, bitte zwei Glas Prosecco.“
Ich wollte protestieren, aber da fiel mir mein guter Vorsatz in Bezug auf die vorweihnachtliche Entschleunigung ein, also hielt ich den Mund.
„Ich seh’ es kommen, dass wir vom 25. Dezember bis Silvester Sauerbraten essen müssen. Deshalb hält sich meine Vorfreude auf eine Stille Nacht light sehr in Grenzen.“
Wir prosteten uns zu: „Auf die adventliche Entschleunigung.“
„Ludger sieht sich jede Kochsendung im Fernsehen an, obwohl er an den Fernsehköchen insgesamt kein gutes Haar lässt. Die bieten nach seiner Ansicht den Zuschauern nur sogenannte ‚haute cuisine‘ an, lauter Schickimicki-Kram, was weiß ich – Kotelett vom Wellensittich mit Morchelsoße – und dabei reden sie ohne Punkt und Komma – laberlaberlaber. Herr Laver müsse eigentlich Laber heißen, und der kleine Lichter mit seinem lächerlichen Schnurrbart und dessen verbale Diarrhö mit rheinländischem Akzent geht Ludger erst recht auf die Nerven.“
Marlies war nicht mehr zu bremsen.
„Und er beklagt pausenlos, dass die Fresspäpste nie – aber auch wirklich nie! – zeigen, wie man einen guten Sauerbraten macht. Der ist denen nicht fein genug. Woher bekommt er jetzt ein Rezept für Sauerbraten? Ludgers Mama hat ihres natürlich mit ins Grab genommen“.
Marlies nahm einen weiteren großen Schluck Prosecco.
„Ist das nicht sowieso ein psychologisches Phänomen, dass Männer immer am liebsten das essen, was sie von Mamas Küche her kennen? Jede junge Hausfrau hat mit ihren kulinarischen Angeboten an den jungen Gatten in den ersten Ehejahren einen schweren Stand. Meine Art Sauerbraten hat bis heute jedenfalls keine Gnade gefunden bei Ludger – deshalb werde ich mich für den Rest meines Lebens hüten, noch einmal einen anzubieten.“
Ich unterbrach ihren Redefluss mit dem Hinweis, man könne beim Metzger doch schon fertig eingelegten Sauerbraten kaufen, aber Marlies winkte ab.
„Vergiss es, bei Ludgers Mama hätte es nie im Leben einen Sauerbraten mit von fremder Hand zubereiteter Beize gegeben. Eine Sauerbratenbeize selber herzustellen ist für eine gute Hausfrau Ehrensache.“
„Und nach welchem Rezept wird Ludger nun vorgehen?“
„Er hat sich wieder eines aus dem Internet gegoogelt … da gebe es mindestens dreißig verschiedene Rezepte, sagt er. Ich bin gespannt, ob sich sein Computerkurs wenigstens diesbezüglich gelohnt hat.“
„Noch einen Prosecco?“
Marlies schaute auf ihre Armbanduhr und erschrak.
„Nein, ich muss mich beeilen … Fräulein, zahlen. Ich lade dich ein, weil du mir so geduldig zugehört hast. Also das mit der Entschleunigung klingt gut, aber dieses Jahr wird bei mir wohl noch nichts daraus.“
„Und wie erfahre ich, wie das mit der Stillen Nacht light gelaufen ist? Das interessiert mich jetzt nämlich brennend.“
„Gib mir deine Telefonnummer, ich werde dir von dem zu erwartenden Desaster berichten … fröhliche Weihnachten – und danke für das Plauderstündchen.“
Weg war sie.
Auch ich stürzte mich wieder in den Trubel, aber getreu meinem guten Vorsatz absolut entschleunigt. Bis zum 24.12. ließ ich mich weder von vorweihnachtlichen Sonderangeboten, Prospekte verteilenden Weihnachtsmännern noch von „Jingle bells“ blockflötenden Musikschülern aus der Ruhe bringen. Ein Bogen Papier mit dem Aufdruck „Entschleunigung“ mit einem roten Ausrufezeichen dahinter klebte an unserer Küchentür, und der Advent verlief insgesamt beschaulich. Die Weihnachtsgans* geriet vorschriftsmäßig, meine Familie genoss das Zusammensein und es irritierte niemanden, dass ich den Tannenbaum wieder mit den bestenfalls als „grenzwertig“ eingestuften, uns aber vertrauten roten Kerzen und Kugeln geschmückt hatte.
Am ersten Weihnachtstag gegen Abend klingelte das Telefon.
„Hallo Ulrike, hier ist Marlies … Hast du die adventliche Entschleunigung durchgehalten? Glückwunsch! Du wolltest doch wissen, wie die Stille Nacht light bei uns verlaufen ist, oder?“
„Ich bin gespannt.“
„Um ehrlich zu sein: Es lief nahezu perfekt! Zumindest, was den Sauerbraten betrifft. Der ist weg, ratzfatz!“
„Ihr müsst also nicht bis Silvester Sauerbraten essen? Was ist passiert?“
„Hast du Zeit? Dann erzähle ich dir alles der Reihe nach.“
Ich machte es mir mit dem Hörer am Ohr auf dem Sofa bequem.
„Es fing damit an, dass in allen Rezepten aus dem Internet für einen typisch rheinischen Sauerbraten Pferdefleisch empfohlen wird. Aber da machte unsere Tanja Theater. Die befindet sich mit ihren vierzehn Jahren nämlich gerade mitten in der Pferdephase, hat ihr Zimmer mit Pferdepostern tapeziert, liest nur Pferdebücher, geht drei Mal in der Woche zum Voltigieren – und nun solle sie an Weihnachten „Trabtrab“ essen? ‚Papa, ich hasse dich‘. So weit wollte Ludger es zum Fest der Liebe nun doch nicht kommen lassen, also ging er brav zum Metzger seines Vertrauens und kaufte einen riesigen Brocken Rindfleisch. Im Internet hatten sie nämlich freundlicherweise eingeräumt, dass man Sauerbraten notfalls auch mit Rindfleisch zubereiten kann. So weit, so gut. Um die vielen Zutaten für die Beize zu besorgen, zog er einen ganzen Nachmittag durch sämtliche Lebensmittelläden der Stadt. Als er mit der Zubereitung anfing, mussten wir alle die Küche verlassen. Der Grund dafür: Die Beize verlange volle Konzentration, denn von ihr hinge das Gelingen eines guten Sauerbratens ab. Nach einer viertel Stunde roch das ganze Haus bis unters Dach nach Essig, aber ich habe mich nicht eingemischt. Ich wurde erst biestig, als ich anschließend das Schlachtfeld in der Küche aufräumen durfte und mein größter Kochtopf mit der Beize und dem eingelegten Braten für den Rest der Woche den Kühlschrank blockierte. Um es kurz zu machen: Das Thema Sauerbraten ist bei uns bis in alle Ewigkeiten gestorben. Ludgers Sauerbraten war nämlich ungenießbar. Viel zu sauer und viel zu weich, das Fleisch war eine einzige Matsche.“ Sie lachte unbekümmert.
„Peinlich, peinlich … und was hat Ludger dazu gesagt?“
„Der war natürlich mindestens so sauer wie sein Sauerbraten, aber er machte einen auf unschuldig. Er hätte sich genau an die Anweisungen aus dem Internet gehalten und könne schließlich nichts dafür, wenn die da Blödsinn veröffentlichen.“
„Und was hast du mit dem vielen Fleisch gemacht? Muss euer Hund jetzt bis Silvester Sauerbraten fressen?“
„Wo denkst du hin, noch nicht einmal der mochte ihn. Der hat bloß die Rosinen gefressen. Aber das ist tatsächlich ein Problem: wohin mit soviel ungenießbarem Fleisch? Klein schneiden und durchs Klo spülen geht nicht wegen der Ratten in der Kanalisation. Ich habe ihn in Zeitungspapier eingepackt und in der Restmülltonne entsorgt. Aber mach dir keine Sorgen – wir sind nicht verhungert, die Vorspeise war okay, ebenso die Klöße aus dem Päckchen und der Rotkohl aus der Dose. Dafür war der Nachtisch sowohl lecker als auch light, wenn auch nicht besonders festlich: Apfelschnee* mit Zimt.“
Wir lachten beide.
„Und jetzt ist bei uns im wahrsten Sinne des Wortes Stille Nacht, allerdings nicht so light wie angekündigt. Tanja hat sich mit ihren neuen Pferdebüchern in ihr Zimmer verkrochen und Ludger schmollt, sitzt aber schon wieder am PC und googelt sich Rezepte für weitere Weihnachtsmenüs raus. Ich hab mir ’ne Flasche Wein aufgemacht und fühle mich endlich total entschleunigt. Aber nächstes Jahr fange ich mit der Entschleunigung schon am 1. Adventssonntag an. Man darf den Erkenntnissen der Soziologen, Psychologen und Anthropologen, was Weihnachten betrifft, ruhig vertrauen. Wie gut, dass wir uns getroffen haben …“
Wir plauderten noch eine Weile, wünschten uns gegenseitig „Frohen Rest“ und nahmen uns vor, in Kontakt zu bleiben.
Eine Stunde später klingelte das Telefon wieder. Wir hatten uns gerade eine CD mit Weihnachtsliedern aufgelegt und Bing Crosby besang seinen Traum von „White Christmas“. „Hier ist noch mal Marlies … Du, ich habe eben beim Aufräumen im Altglas eine leere Flasche Essigessenz gefunden … Stell dir vor, Ludger hat den Sauerbraten mit Essigessenz zubereitet. Als ich ihn darauf ansprach, fragte er mich doch tatsächlich, worin denn – bitteschön! – der Unterschied zwischen Essig und Essigessenz bestünde. Ich habe ihm geraten, auch diese Wissenslücke via Internet zu schließen … Soviel zum Thema ‚Wer lesen kann, kann auch kochen‘. Und das mit der ‚Stillen Nacht light‘ ist endgültig abgehakt. Es sieht übrigens im Moment so aus, als gäbe es stattdessen eine ‚Stille Nacht white‘ – es hat nämlich angefangen zu schneien“.
„Oh, das trifft sich gut“, sagte ich und hielt den Hörer in die Nähe des CD-Players.“ Ich schließe mich den Worten von Bing Crosby an, kannst du ihn hören?“
Er war gerade bei der letzten Textzeile angelangt, und ich sang mit: „May your days be merry and bright, and may all your Christmasses be white ... bzw. light“.
* siehe dazu den Anhang mit Rezepten
* siehe dazu den Anhang mit Rezepten
Weihnachten am 24. September
Gibt es nicht in fast jeder Familien ein Mitglied, das – um es vorsichtig auszudrücken – ein bisschen aus der Spur läuft? Einen spleenigen, skurrilen Typen, ein Original?
In unserer Familie jedenfalls gibt es solch ein Exemplar, unseren Onkel Hubert. Nicht, dass er ein wirklicher Exzentriker wäre, nein, seine Macken sind zwar zahlreich, aber durchaus liebenswert, weswegen wir, seine Verwandten, ihn ganz besonders gern mögen. Und seine „ehemalige Verlobte“, wie er bisweilen unsere Tante Uta nennt, mit der er seit fast vierzig Jahren verheiratet ist, ist aus ähnlichem Holz geschnitzt.
Neben anderen Besonderheiten schätzen wir z. B. ihre Art, Glückwünsche oder Urlaubskarten zu formulieren, wovon ich als Nichte besonders profitiere.
Onkel Hubert und Tante Uta sind zu ihrem Leidwesen kinderlos, was sich aber für mich durchaus als Vorteil erweist, da sie mich offensichtlich so sehr in ihre Herzen geschlossen haben, dass kein Geburtstag, kein Weihnachtsfest vergeht, ohne dass sie an mich denken.
Einmal erhielt ich eine Weihnachtskarte, auf der Vorderseite bedruckt mit „Frohes Fest“ und Tannenzweigen und Kerzen und Goldflitter und allem nur erdenklichen Weihnachtskitsch. Auf der Rückseite warnte eine kleine Notiz in Onkel Huberts Handschrift: „Vorsicht, diese Karte wurde aus 100% recyceltem Toilettenpapier gefertigt – nach dem Lesen bitte gründlich die Hände waschen.“
Tante Uta liebt es, Kartengrüße in Reimform zu verschicken. Mal kurz und knapp, wie „Was nützen Dir Grüße von Hinz und Kunz? Stattdessen sei herzlich gegrüßt von uns“, mal ausführlicher. Als ihr einmal ihres Rheumas wegen ein Aufenthalt in einer Kurklinik verordnet worden war, erhielt die Verwandtschaft einen Lagebericht mit folgendem Inhalt:
„Wer alt und krank und schicksalsergeben,
kann hier vielleicht nochmal etwas erleben.
Doch wenn der Masseur mit starken Händen
traktiert die Gegend deiner Lenden,
möchtest du an die Decke springen
und hörst vor Schmerz die Englein singen.
Und sonst? Kurschatten? Nein, lieber nicht –
die Auswahl erleichtert dir den Verzicht.
Drum rate ich Kranken und allen Gesunden,
Kurkliniken möglichst weit zu umrunden!“
Nachdem Onkel Hubert sich zur Anschaffung eines Computers und gleichzeitig zur Teilnahme an einem Computerkursus entschlossen hatte – „Man muss ja mit der Zeit gehen, auch wenn’s schwerfällt“ – blieben die Postkartengrüße aus. Dafür erreichten mich Urlaubsberichte per E-Mail von seinem Laptop, auf die ich mit der Zeit genauso erwartungsvoll lauerte, zumal sie detaillierter waren.
Die erste von vielen Mails kam von einer Kreuzfahrt, zu der er und Tante Uta sich von wohlmeinenden Freunden hatten überreden lassen. Eine Kreuzfahrt sei der absolute Hit, den man sich besonders im etwas fortgeschrittenen Alter nicht entgehen lassen solle – wenn man es sich denn leisten könne.
Tante Uta und Onkel Hubert konnten es sich leisten, aber besonders Tante Uta hatte sich lange gegen die Teilnahme an solchen Reisen gewehrt. Sie hatte gegen Kreuzfahrtschiffe generell große Vorbehalte, nicht nur der desaströsen Umweltschäden wegen, die dieses verursachen, sondern auch, weil sie sie für „schwimmende Altersresidenzen“ hielt. Was sie dennoch bewogen hatte, an einer solchen Schiffsreise teilzunehmen, blieb uns allen ein Rätsel. Aber wir freuten uns auf entsprechende Mails, besonders als sich schon nach ein paar Tagen herausstellte, dass Kreuzfahrten, entsprechend Tante Utas Befürchtungen, sich doch nicht als der absolute Hit erwiesen.
Onkel Hubert schrieb – nach Utas Diktat – unter anderem:
„Das tollste Erlebnis auf hoher See
ist die tägliche Schlacht am kalten Büffet,
wenn bei effektvoll gedimmtem Licht,
der Käpten launige Grußworte spricht.
Einhundert Rollatorgestützte Senioren,
eröffnen den Einzug der Gladiatoren,
die sich mit Kampfgeist und Siegeswillen,
unter Hauen und Stechen die Teller füllen.“
Zahlreiche ähnliche Schilderungen folgten, und die ganze Verwandtschaft hatte ihr Vergnügen daran.
Ab Anfang Mai jedoch bekamen Onkel Huberts Mails eine völlig andere Klangfarbe.
„Ihr Lieben alle. Eure Tante Uta hat vom Arzt den dringenden Rat erhalten, ihres Rheumas wegen den norddeutschen Winter künftig zu meiden und stattdessen von Oktober bis März den wärmeren Süden vorzuziehen. Wir haben uns schon um eine entsprechende Winterresidenz gekümmert und werden in diesem Jahr erstmalig testen, ob die südliche Wärme ihr guttut. Ab Oktober sind wir dann mal weg (s. Anhang). Euer Onkel Hubert.“
Der „Anhang“ zeigte eine hübsche kleine Finca unter blauem Himmel vor blauem Meer und weißem Strand.
Ich erschrak und mailte zurück, wie leid es mir Tante Utas wegen tue, fügte aber hinzu:
„Und was wird aus Weihnachten?“
Weihnachten ohne Onkel Hubert und Tante Uta ist für mich nämlich unvorstellbar, schon wegen der heißersehnten „Quatschgeschenke“, die ich jährlich von ihnen erhalte, wenn ich sie am Spätnachmittag des Heiligen Abends besuche.
Tante Uta liebt Weihnachten. Sie ist, um es im heutigen Sprachgebrauch zu formulieren, ein „Weihnachts freak“. Sie gestaltet das Fest noch immer wie „anno dunnemals“, wie sie es selber nennt. Also mit Tannenbaum und Weihnachtsliedern und einem Besuch der Christmette – und mit Geschenken. Sie selber wollen zwar absolut keine Geschenke – Kind, wir haben doch alles! – aber sie lieben es, selber Geschenke zu machen, sorgfältig ausgesuchte „Quatschgeschenke“. Es handelt sich dabei immer um irgendeinen mehr oder weniger originellen Tinnef. Einmal war es eine geschmacklose Spieldose aus Taiwan mit schrecklich falsch geklimperten Weihnachtsliedern, ein anderes Mal eine chinesische Schneekugel mit nur notdürftig bekleideten, mandeläugigen Engelchen darin. Im letzten Jahr fand ich in meinem Päckchen einen feuerroten Flaschenöffner, der bei Benutzung zuerst ein gluckerndes Geräusch und dann das bierselige Lachen von Homer Simpson ertönen lässt. Der war in der Folge bei jeder zu öffnenden Bierflasche natürlich der Clou im Freundeskreis, zumindest bei den Fans der Zeichentrickserie aus dem Fernsehen.
An irgendeiner Stelle des Päckchens ist immer ein Geldschein versteckt, den es zu entdecken gilt und den ich nach Gutdünken verwenden darf. Aber das „Quatschgeschenk“ ist mir immer noch wichtiger. Jedes Jahr freue ich mich darauf. Und damit soll nun Schluss sein, wenn die beiden womöglich irgendwo in der Pampa weilen, wo es keine Quatschgeschenke zu kaufen gibt?
Ich fürchtete um meine größte Weihnachtsfreude.
Onkel Hubert mailte postwendend zurück – wobei postwendend vielleicht nicht der korrekte Ausdruck ist:
„Liebe Nichte. Keine Panik, ich denke mir was aus. OH“
Damit war ich zunächst beruhigt. Onkel Hubert, auf dessen originelle Einfälle Verlass ist, würde eine Lösung finden.
Dennoch wartete ich sehnsüchtig auf die nächste Mail – und nachdem sie eintraf, entspannte sich ein geradezu hektischer Mailverkehr zwischen ihm und mir.
„Liebe Nichte – wir haben uns entschlossen, am 1. Oktober in unser Winterquartier zu ziehen. Uta soll aber des wegen nicht auf ihr geliebtes Weihnachtsfest und Du nicht auf Dein Geschenk verzichten müssen. Ich habe vor – pst, Uta weiß nichts davon! – den Heiligen Abend auf den 24. September vorzuverlegen. Du bist herzlich dazu eingeladen und darfst mir sogar dabei helfen. Gut, dass Uta keine Computerkenntnisse hat, so können wir uns auf diesem heute nicht mehr ungewöhnlichen Wege mit Mails konspirativ verständigen. Dein Onkel Hubert.“
„Lieber Onkel Hubert, welch großartige Idee! Ich danke Dir für deine Einladung und komme natürlich gerne. Wer lässt sich schon eine Weihnachtsfeier am 24. September entgehen. Habe das Datum bereits im Kalender vorgemerkt. In welcher Form kann ich dir helfen? Deine Annette bzw. DA. (Ich werde künftig aus konspirativer Vorsicht dieses Kürzel benutzen).“
Schon zwei Stunden später erschien die Antwort auf meinem Bildschirm.
„Liebe Annette. Es soll richtig schön weihnachtlich werden, mit Tannenbaum und selbstgebackenen Plätzchen und weihnachtlicher Musik. Auf den Besuch der Christmette werden wir allerdings aus naheliegenden Gründen verzichten müssen, nicht aber auf weihnachtliche Musik. Ich habe bereits angefangen, ‚Es ist ein Ros’ entsprungen‘ auf der Blockflöte zu üben. Auf die Idee kam ich gestern Morgen, als ich beim Gang durch den Garten zu meiner Freude sah, dass die Gloria Dei eine zweite Blüte angesetzt hatte. Natürlich kann ich nur üben, wenn Uta außer Haus ist – und weil die Blockflöte nicht zu überhören ist, musste ich unsere Nachbarn, Herrn und Frau Gruber, in meinen Plan einweihen, den Heiligen Abend auf den 24. September zu verlegen, und habe sie deshalb auch zum Fest eingeladen. Sie zeigten sich sehr verständnisvoll und gutmütig. Gruß OH.“
„Lieber OH. Was weihnachtliche Musik betrifft: Ich könnte Dich auf der Gitarre begleiten. Was wird es übrigens zu essen geben? Soll ich etwas mitbringen? Mit Gänsebraten oder Karpfen sieht es im September allerdings schlecht aus. DA“
„Liebe Annette, ein guter Kartoffelsalat tut’s auch und ist im Übrigen ohnehin unser traditionelles Essen am Heiligen Abend. Erfahrungsgemäß schmeckt Kartoffelsalat aber auch im September. Ich werde die Würstchen besorgen, das ist nicht schwer. Hingegen wird es ein Problem sein, im September einen Tannenbaum zu bekommen. Hast Du eine Idee? OH“
„Lieber OH, ich habe im letzten Jahr einen kleinen immergrünen Tannenbaum aus Plastik auf dem Flohmarkt erstanden, er sieht sehr natürlich aus und wird auch bei sommerlichen Temperaturen nicht nadeln. Soll ich ihn mitbringen? DA.“
„Liebe Annette, bring den Plastikbaum mit. Die Sache fängt an richtigen Spaß zu machen. Uta ist natürlich ahnungslos, die wird Augen machen! Könntest du vielleicht auch ein wenig Spritzgebäck* mitbringen? Frau Gruber hatte sich zwar angeboten, welches zu backen, aber dann würde die ganze Nachbarschaft weihnachtlich riechen und Uta könnte misstrauisch werden. Sie hat sowieso schon gefragt, warum ich gestern, am 15. September, den Christbaumschmuck und die Honigkerzen vom Dachboden geholt habe. Ich habe die Ausrede erfunden, die Sachen in die Winterresidenz mitnehmen zu wollen, damit Uta fern der Heimat nicht auf ihr geliebtes Weihnachtsfest verzichten müsse. Sie hat versucht es mir auszureden, aber … Du kennst mich ja. OH“
Am 20. September meldete der Wetterbericht ein spätsommerliches Hoch, und es kostete mich einige Überwindung, bei 25° im Schatten die gewünschte Portion Spritzgebäck zu backen. Onkel Hubert hatte gemailt, er habe die Wachskerzen für meine Plastiktanne versuchsweise in die Kerzenhalter gesteckt, aber sie hätten sich in der Sommerhitze kläglich verbogen. Und weiter:
„In mehreren Geschäften habe ich nach Süßigkeiten gesucht, die sich als essbarer Christbaumschmuck eignen, bin aber nicht fündig geworden. Nun habe ich zehn Schokoladen-Überraschungseier mit bunten Bändchen zum Aufhängen vorbereitet und der Hitze wegen in der Kühltruhe versteckt. Wann wirst Du kommen? OH“.
Was für eine Idee: Überraschungseier als Christbaumschmuck! Aber typisch für meinen spleenigen Onkel und getreu seinem Motto: „In allen Lebenslagen Onkel Hubert fragen!“
„Lieber OH, tolle Idee, das mit den Überraschungseiern. Wenn wir schon beim Überraschen sind: Soll ich schon gegen Mittag als Überraschungsgast kommen und mit Tante Uta eine Kaffeefahrt unternehmen, damit Du in Ruhe den Baum dekorieren kannst? DA“
„Liebe Annette, Du erscheinst als rettender Weihnachtsengel – ich erwarte Dich gegen 15 Uhr. Wenn Ihr dann gegen 18 Uhr zurück seid, habe ich in der Zwischenzeit alles vorbereitet. OH“
Und dann lief eigentlich alles wie am Schnürchen. Am 24. früh morgens zog ich mein luftigstes Sommerkleid an. Dann füllte ich den am Vorabend zubereiteten Kartoffelsalat in eine verschließbare Schüssel, das Spritzgebäck in eine Weihnachtsdose, verstaute alles in einer Kühlbox und brachte es ins Auto, ebenso die Gitarre nebst Notenbüchlein mit Weihnachtsliedern. Gegen Mittag fuhr ich los. Es war mörderisch heiß und ich schaltete die Klimaanlage ein.
Pünktlich um 15 Uhr kam ich bei Onkel Hubert und Tante Uta an und klingelte. „Nein, so eine Überraschung, wie kommen wir zu der Ehre, dass Du uns am heißesten Tag des Jahres besuchst? Uta, schau mal, wer gekommen ist …“ Onkel Huberts Begeisterung klang absolut überzeugend. Er zwinkerte mir fröhlich zu. Tante Uta umarmte mich herzlich und bat mich herein.
Es war nicht schwer, sie nach einigem Hin und Her zum Eisessen an einen der nahe gelegenen Baggerseen einzuladen. Onkel Huberts Weigerung, sich dem Ausflug anzuschließen, wurde akzeptiert – er müsse den Rasensprenger beaufsichtigen. Tante Uta holte ihre Handtasche und wir fuhren zu zweit los. Herr und Frau Gruber im Garten nebenan winkten zum Abschied.
Wir hatten uns viel zu erzählen. Tante Uta sprach über ihren Plan, den Winter im warmen Süden zu verbringen – was man alles zu bedenken habe und was alles mitzunehmen sei. „Stell dir vor, Hubert will sogar den Christbaumschmuck mitschleppen, so ein Blödsinn, er meint es ja gut, aber das finde ich nun doch übertrieben … was Männern so manchmal in den Kopf kommt.“
Wir unterhielten uns prächtig.
Zur verabredeten Zeit waren wir zurück. Onkel Hubert hatte sich umgezogen und empfing uns im dunklen Anzug. Der Schweiß rann ihm von der Stirne. Er schob Tante Uta ins Wohnzimmer. Dort stand an gewohntem Platz meine geschmückte Plastiktanne, die Überraschungseier baumelten zwischen Strohsternen und Lametta und die Kerzen brannten, allerdings nicht alle. Mehrere hatten der Hitze nicht standhalten können und hingen mit den Dochten nach unten. Tante Uta stand sprachlos im Türrahmen, ihre Handtasche noch in den Händen und Tränen in den Augen.
Onkel Hubert wollte eben mit seiner vorbereiteten Ansprache beginnen, als Herr und Frau Gruber nach kurzem Anklopfen durch die offene Terrassentür traten und „Fröhliche Weihnachten“ riefen. Tante Uta ließ verblüfft ihre Handtasche zu Boden fallen, und ich hielt es für angebracht, ihr einen Stuhl in die Kniekehlen zu schieben ...
Onkel Hubert setze neu an und erklärte seiner „ehemaligen Verlobten“ in wohlgesetzten Worten, was der Anlass zu dieser vorgezogenen Weihnachtsfeier sei. Dass man ja in diesem Jahr im neuen Winterquartier wohl nicht wie bisher würde Weihnachten feiern können, aber da Uta so sehr an diesem Fest hinge, hätte er sich gedacht …
Es wurde eine rührende Liebeserklärung daraus. Frau Gruber bat Herrn Gruber um ein Taschentuch und auch ich musste tief durchatmen. Tante Uta ging zu ihrem Gatten, zog ihm das dunkle Sakko aus, wischte ihm mit bloßer Hand über die nasse Stirn und umarmte ihn. Ich sah nur noch durch einen Tränenschleier, wie sie sich küssten.
Dann löste er sich aus der Umarmung, griff nach seiner bereitgelegten Blockflöte und gab mir ein Zeichen, meine Gitarre ebenfalls zur Hand zu nehmen. Doch bevor wir zu spielen anfingen, überreichte Onkel Hubert seiner Uta eine knapp aufgeblühte rote Rose, und danach erklang unser leider nicht genügend geübtes „Es ist ein Ros’ entsprungen“ – ziemlich stümperhaft, wodurch zum Glück die Feierlichkeit des Augenblickes ein rasches Ende fand.
„Nein, so eine Überraschung – auf solch eine verrückte Idee kann nur mein spleeniger Hubert kommen: Weihnachten am 24. September …“
Wir lachten.
Frau Gruber trug die Schüssel mit meinem Kartoffelsalat auf die Terrasse, Herr Gruber folgte mit einem Topf, in welchem die heißen Würstchen schwammen, Onkel Hubert brachte den Senf und kühles Bier dazu. Und er sollte wie immer Recht behalten: Kartoffelsalat und Würstchen schmecken sogar an einem heißen Sommerabend.
Plötzlich ließ er Messer und Gabel fallen und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn.
„Annette, ich habe ja das jährliche Geschenk für dich vergessen. Wie konnte mir das passieren?“ Er sah mich hilflos und entgeistert an.
Ich beruhigte ihn: „Onkel Hubert, wenn du keine größeren Sorgen hast …“ Er sah zu seiner Frau hinüber. „Annette hat mir nämlich tatkräftig bei dieser ganzen komplizierten Aktion geholfen und nun …“
„Ich weiß, mein Schatz, deshalb habe ich daran gedacht“, sagte Tante Uta. Onkel Hubert und ich sahen uns an, der Mund blieb uns beiden offen stehen. „Wie bitte, du weißt …“
„Ihr habt das insgesamt sehr clever eingefädelt, aber ich habe inzwischen den kleinen Henry von gegenüber als Computerlehrer engagiert – ich kann zwar noch nicht viel, aber die Maus bedienen und Mails abrufen ist ja einfach.“
Dann stand sie auf, holte ein in Weihnachtspapier eingepacktes Päckchen und überreichte es mir. „Ein neues Quatschgeschenk für dich, liebe Annette. Und es ist von keiner Jahres- oder Tageszeit abhängig und jederzeit einsetzbar.“
Das war nun wirklich das beste Quatschgeschenk aller Zeiten: Ein Klopapierhalter mit eingebauter Spieluhr, mit einem Drehschlüssel immer wieder aufzuziehen, und dazu passend eine Rolle Toilettenpapier, deren einzelne Blätter mit Fünfzigeuroscheinen bedruckt sind. (Der dritte Schein erwies sich übrigens als echt.) Und wenn man ein Blatt abzieht, erklingt das Lied: „Oh wie so trügerisch sind Weiberherzen“.
„Genau“, seufzte Onkel Hubert und wischte sich neuerlich den Schweiß von der Stirn. Herr und Frau Gruber räumten lächelnd den Tisch ab und zogen sich dezent zurück. „Vielen Dank für den schönen Abend. Diese Weihnachten werden wir wohl nie vergessen“.
Wir saßen bis zum Einbruch der Dunkelheit auf der Terrasse. Es war noch immer sehr heiß und der Rasensprenger lief ununterbrochen. Im Wohnzimmer plumpste von Zeit zu Zeit eines der Überraschungseier mit dumpfem Aufprall zu Boden. Onkel Hubert brach von einer der Tannen im Garten einen Zweig ab, hielt sein brennendes Feuerzeug unter die Nadeln und sorgte so für weihnachtlichen Duft. Tante Uta schnupperte glücklich an ihrer roten Rose.
Am 25. Dezember erreichte mich folgende Mail:
„Liebe Annette, das Thermometer zeigt 23°, es blühen viele Bäume und Sträucher, sogar Rosen sind schon ‚entsprungen‘. Wie gut, dass wir den heiligen Abend schon vorgefeiert haben. Hier begeht man Weihnachten ganz anders, überhaupt nicht besinnlich, sondern fröhlich, laut und bunt. Nein, unser Weihnachten macht uns keiner nach!“
Recht hast du, Onkel Hubert!
* siehe dazu den Anhang mit Rezepten
Weihnachten ohne Geschenke?
„Na, freust du dich auf Weihnachten?“, fragte die Verkäuferin im Schuhgeschäft unsere Tochter, während sie ihr die Tüte mit den neuen Hausschuhen überreichte.
Jette sah erst die Verkäuferin, dann mich unsicher an.
„Nein, überhaupt nicht“.
„Wie, du freust dich nicht? Aber alle Kinder freuen sich doch auf Weihnachten, auf den Weihnachtsbaum, auf die Geschenke …“
„Bei uns gibt es dieses Jahr keine Geschenke, und darum freue ich mich auch nicht“, gab Jette trotzig Auskunft.
Die Verkäuferin sah mich fragend an.
„Ja, das ist bei uns in diesem Jahr so …“ Ich suchte nach passenden Worten. Schließlich wollte ich diese im Grunde fremde Frau nicht mit dem Thema konfrontieren, dass in unserer Familie seit Wochen temperamentvoll, zum Teil sehr temperamentvoll diskutiert worden war: Weihnachten ohne Geschenke.
Auf die Idee war mein Schwiegervater gekommen. Es mache ihn traurig und sogar wütend, dass die heutige Weih nacht völlig sinnentleert sei und nur noch der Geschenke wegen veranstaltet werde. „Nichts als Konsumterror – den ursprünglichen Sinn von Weihnachten kennt kaum noch jemand, alle denken nur noch an Geschenke. Dabei habt ihr alles, die Kleiderschränke sind voll und in den Kinderzimmern liegt der bunte Plastikschrott herum – schon die Kleinen hängen stundenlang vor der Glot ze oder tändeln ununterbrochen mit ihrem fiependen Elektronikkrempel rum, nein, ohne mich. Wenn ihr mich dabeihaben wollt, dann nur, wenn es einmal ein Weihnachten ohne Geschenke gibt, basta.“
„Und wie stellst du dir den Ablauf des Heiligen Abends vor, ohne das Auspacken von Geschenken, ohne Überraschungen?“, fragte mein Mann seinen Vater.
„Wir können ja mal wieder das Weihnachtsevangelium lesen oder die alten Weihnachtslieder selber singen, anstatt uns von einer CD berieseln zu lassen. Gegen den traditionellen Kartoffelsalat mit Würstchen habe ich nichts einzuwenden, und danach könnten wir uns was erzählen, z. B., wie wir früher Weihnachten feierten, als noch nicht der Überfluss das Fest prägte, oder wie es war, wenn der Nikolaus kam, oder …“
„Den Part des Erzählers übernimmst dann aber du, Vater“, sagte mein Mann. „Und stell dich darauf ein, dass Jette und Tim womöglich vor Langeweile einschlafen oder an ihren Fingernägeln kauen werden. Überhaupt: Was sollen sie nach den Ferien ihren Freunden erzählen, wenn sie kein einziges Geschenk vorzeigen können?“
„Ach, das kommt auf einen Versuch an – die sind ja nicht dumm, es wird ihnen schon etwas einfallen. Ihr kennt jetzt meine Bedingungen: Ich komme nur, wenn ihr das Experiment „Weihnachten ohne Geschenke“ mitmacht. Mal sehen, ob ihr noch risikofreudig seid.“
Nun hatten wir also für die nächste Zeit reichlich Gesprächsstoff. Nicht nur mein Mann und ich wälzten das Thema hin und her. Wir diskutierten darüber auch mit unseren Freunden. Bei den meisten stießen wir auf Unverständnis, bei manchen jedoch auch auf Zustimmung. Einige fanden sogar, unsere Kinder, acht und elf Jahre alt, hätten einen sehr mutigen Großvater.
Schließlich einigten mein Mann und ich uns darauf, das Experiment zu wagen. Ja, wir erkannten sogar ein paar Vorteile: Kein endloses Herumlaufen in überfüllten Läden, kein sinnloses Geldausgeben, keine absehbaren Enttäuschungen – wir freundeten uns mit dem Gedanken geradezu an.
Nur ein Problem schoben wir ungelöst vor uns her: Wie sollten wir es den Kindern sagen?
Um die Nikolauszeit überreichte mir Jette ihren Wunschzettel. Er war lang, aber ihre Wünsche erwiesen sich als bescheiden. Unter anderen kindlichen Kuriositäten wünschte sie sich vor allem einen durchsichtigen Teddy aus Plexiglas mit Innenbeleuchtung als Leuchte für ihr Zimmer. In Klammern stand daneben, alle ihre Freundinnen hätten diesen süüüßen Teddy, es gebe in ihn in dem und dem Geschäft zu kaufen und er koste höchstens 39,– Euro.
Tim verzichtete darauf, uns schriftlich seinen einzigen Wunsch mitzuteilen, aber er ließ sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit enthusiastisch über die Vorteile eines neuen iPhone als dem Wunderwerk modernster Technik aus.
„Wir müssen es den Kindern endlich mitteilen, dass es dieses Jahr keine Geschenke geben wird“, sagte ich zu meinem Mann. „Das heißt – du musst es ihnen sagen, schließlich hatte dein Vater die Idee.“
Mein Mann seufzte. „Jaja ... da haben wir uns was eingebrockt.“
Am zweiten Adventssonntag, morgens beim gemeinsamen Frühstück, hielt er den richtigen Zeitpunkt für ge kommen. Locker und wie nebenbei wandte er sich an Tim: „Gibst du mir mal die Kaffeekanne rüber? Die war vor fünf Jahren das letzte Geschenk von Großmutter, ein sehr notwendiges Geschenk, nachdem bei unserer alten Kanne der Glaszylinder geplatzt war … kurz darauf ist Großmutter ja gestorben, und seitdem kommt Großvater Weihnachten immer zu uns. Übrigens – dieses Jahr wird es mal keine Geschenke geben … es war Großvaters Idee, er meint, wir hätten inzwischen alles, was man zum Leben braucht, und ich finde, dass er recht hat.“
Jette sah ihren Vater ungläubig an, ihre Augen füllten sich auf der Stelle mit Tränen. „Überhaupt keine Geschenke? Ich kriege nicht einmal den Teddy mit Beleuchtung?“
„Keine Geschenke, sagt Großvater, weder für Erwachsene noch für Kinder. Diese Schenkerei sei mit dem Sinn von Weihnachten überhaupt nicht vereinbar. Ist doch prima, dann brauchen wir uns für nichts und niemand mehr den Kopf zu zerbrechen, auch für Großvater nicht. Für ihn war es doch immer besonders schwer, ein passendes Geschenk zu finden.“
Tim zertrümmerte mit einem mächtigen Hieb die Schale seines Frühstückseis.
„Ist das letzte Wort über diesen mega-ätzenden Plan schon gefallen?“, fragte er grimmig.
„Ja, Mama und ich finden Großvaters Vorschlag großartig, wir sind uns nach gründlichen Überlegungen einig, dass …“
„Na, dann fröhliche Feiertage … toll … wie bei armen Leuten“.
Er stopfte sich den Rest eines Brötchens in den Mund, stieß seinen Stuhl nach hinten weg und verließ wortlos das Zimmer.
Seine Zimmertür knallte.
Jette gab nicht so schnell auf. Wortreich versuchte sie uns davon zu überzeugen, dass diese Idee ganz und gar nicht „cool“ sei und dass sie in Zukunft Mühe haben werde, Großvater und uns weiterhin lieb zu haben. Wir versuchten ebenso wortreich, ihr unseren Entschluss zu erläutern – vergeblich. Schluchzend verließ auch sie den Frühstückstisch.
„Das erzähl ich allen meinen Freundinnen.“
Mein Mann und ich saßen plötzlich alleine am Tisch und rührten in unseren Kaffeetassen.
„Glaubst du, dass diese Entscheidung richtig war?“
„Frag mich was Leichteres“, brummte er.
Der Rest des Tages verlief sehr ruhig. Tim ließ sich nur einmal kurz blicken, füllte sich einen Teller mit Weihnachtsplätzchen und verschwand wortlos wieder in seinem Zimmer. Jette war zu einer ihrer Freundinnen gegangen.
Die folgenden zwei Wochen bis zum Fest verliefen für mich ungewohnt entspannt und friedlich, ohne jegliche Hektik, und ich erwärmte mich immer mehr für Großvaters Idee. Am vierten Adventssonntag fiel wider Erwarten ein bisschen Schnee, ich schmückte wie üblich den Baum, bereitete das Essen vor und genoss es, Zeit zu haben. Die Kinder hatten resigniert. Sie maulten zwar noch dann und wann, aber mein Mann und ich gaben uns heiter und fröhlich – obwohl uns absolut nicht wohl in unserer Haut war. Keine Geschenke zu Weihnachten? Oh je, wenn das nur gut geht …
Großvater rief einmal an und erkundigte sich nach dem Stand der Dinge. Wir gaben wahrheitsgemäß Auskunft, dass wir seinem Vorschlag gefolgt seien und auf Geschenke jeder Art verzichteten.
„Bravo, dann komme ich also.“
Jette und Tim holten ihn vom Zug ab. Die Begrüßung sei etwas kühl ausgefallen, berichtete er uns nach dem Abendessen, als die Kinder das Geschirr und die Reste des Kartoffelsalats in die Küche trugen.
Danach setzten sie sich demonstrativ gelangweilt mit verschränkten Armen auf das Sofa, Jette wippte mit den Füßen und Tim sagte auffordernd und mit Trotz in der Stimme: „Und jetzt?
„Jetzt zündet euer Vater erst einmal die Kerzen an und ich lese euch das Weihnachtsevangelium vor“, sagte mein Schwiegervater und holte aus einer mitgebrachten Tasche ein Gebetbuch. „So haben wir das früher immer gemacht, als wir noch Kinder waren“. Er schlug das Buch an einer mit einem Lesebändchen gekennzeichneten Seite auf und wartete, bis alle Kerzen am Baum brannten.
Ich gebe zu, dass ich nervös war. Das konnte nur peinlich werden …
Großvater aber las den Text mit ruhiger Stimme, ohne Pathos, und die Kinder hörten artig zu. Die Kerzen verbreiteten einen zarten Duft, die vertrauten alten Glaskugeln glänzten wie eh und je, ein einzelner Strohstern drehte sich im Zeitlupentempo. Mein Mann knipste einen Tannenzweig ab, der zu nahe über einer Flamme hing. Von Peinlichkeit keine Spur.
Nach dem letzten Satz „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind.“ legte Großvater das Lesebändchen wieder ein und schloss das Buch. Jette rutschte von ihrem Platz auf dem Sofa und kuschelte sich eng an ihn.
„Und wann gab es bei euch die Geschenke?“, fragte sie zaghaft.
„Die Geschenke? Ja, die gab es immer nach der Weihnachtsgeschichte, aber was für Geschenke! Ein bisschen Spielzeug vielleicht, oder ein neues Mäppchen für Bleistif te … einmal habe ich einen Zeichenblock bekommen und einen Malkasten, mit zehn Farben und zwei Pinseln, das war toll, aber meistens gab es warme Kleidungsstücke, eine gestrickte Mütze und vielleicht einen dazu passenden Schal, und Handschuhe, oder Socken, über die man sich aber nicht so sehr freute, weil sie meistens kratzten“.
„Und habt ihr auch einen bunten Teller mit Süßigkeiten bekommen?“
„ Ja, sicher, da waren aber immer nur nach alten Rezepten hausgemachte Plätzchen drauf. Nur in einem Jahr hatte es Mandeln zu kaufen gegeben und unsere Mutter hatte selber Marzipankartoffeln gemacht, das weiß ich noch gut.“
„Wir machen auch jedes Jahr selber Marzipankartoffeln, Mama hat das Rezept von Uroma in ihrem Kochbuch,“ unterbrach Jette ihn lebhaft.
„Oh, das würde mich sehr freuen …“, fuhr Großvater in seiner Erzählung fort. „Aber Äpfel und Nüsse und andere Süßigkeiten brachte in meiner Kinderzeit eigentlich immer nur der Nikolaus am 6. Dezember, der und sein Knecht Ruprecht wurden mit größter Spannung erwartet. Der Nikolaus sorgte meistens für einen bunten Teller voller Leckereien, natürlich nicht mit solchen, wie sie die Weihnachtsindustrie heute tonnenweise auf den Markt bringt. Nur einmal …“
Er lächelte vielsagend.
„Was war da? Erzähl doch, war da was Besonderes?“ mischte Tim sich ein.
Großvater lachte nun fröhlich.
„Ich erinnere mich noch gut an den Besuch des Nikolaus im Winter 1946, der war wirklich etwas Besonderes … ach Kinder, wie lange ist das nun her.
1946, der zweite Winter nach dem Krieg, ein besonders harter Winter. Schon Ende November war der erste Schnee gefallen. Wir Kinder freuten uns natürlich über die weiße Pracht, unsere Eltern jedoch sahen wohl eher mit Besorgnis in den grauen Himmel: Woher sollten sie warme Schuhe, Jacken und Mäntel für vier Kinder und zwei Erwachsene nehmen?“
Jette machte ein erstauntes Gesicht.
„Konnten eure Eltern euch keine Kleider kaufen, wart ihr so arm?“
„Jetzt quatsch doch nicht immer dazwischen.“ Tim knuffte seine Schwester.
Großvaters schüttelte den Kopf.
„Nein, damals konnte man keine warmen Kleider kaufen, weil es keine gab, abgesehen davon, dass viele Leute auch gar kein Geld hatten. Man musste sich Kleider selber nähen, wenn man Stoff hatte. Viel schlimmer war, dass unsere Eltern Sorge hatten, wie sie die Wohnung beheizen sollten. Die Stromleitungen funktionierten nicht immer, für die Zentralheizung stand kein Brennmaterial zur Verfügung, und an Gas oder Öl war in jenen Jahren nicht zu denken. Wir hatten in der Küche einen Herd, in dem man Feuer anzünden konnte – wenn man Brennmaterial hatte. Meine Aufgabe war es – ich war ja der Älteste von uns vier Kindern – den nahen Wald nach Brennholz abzusuchen, aber da war ich nicht der Einzige. Es gab außer uns noch viele Familien, die nicht heizen konnten.“
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