Kitabı oku: «SELBST-geführte Psychotherapie»
Uta Sonneborn
Ruthild Haage-Rapp, Christa Middendorf & Ana Cristina Pires
SELBST-geführte
Psychotherapie
Neue Wege der Integrativen
Psychotherapie Innerer Systeme und
der professionellen Selbstfürsorge

Impressum
© 2021 Arbor Verlag GmbH, Freiburg
Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2021
Lektorat: Usha Swamy
Titelfoto: ©alessio soggetti/unsplash.com
Umschlaggestaltung und Satz: mediengenossen

www.arbor-verlag.de
ISBN E-Book: 978-3-86781-374-7
Inhalt
Einleitung
Teil 1
Grundlagen der Integrativen Systemischen Therapie mit der Inneren Familie
Die Achtsame Wahrnehmungsschulung
Körperpsychotherapien
Traumatherapie
Teil 2
IIFS – Die Integrative Systemische Therapie mit der Inneren Familie
Eine kompakte Zusammenfassung
Das Konzept des Selbst – eine Annäherung von Ruthild Haage-Rapp
SELBST-Qualitäten und Persönlichkeitsanteile in der IIFS erfahren und erleben
SELBST und Persönlichkeitsanteile voneinander unterscheiden
Die Arbeit mit Teilen in der Psychotherapie
Weitere Charakteristika der IIFS
Teil 3
Vertiefende Aspekte und Anwendungsbereiche in der Therapie mit IIFS
Schamgebiete von Ana Cristina Pires
Psychoonkologie mit IIFS von Christa Middendorf
IIFS und Trauma
Teil 4
Professionelle Selbstfürsorge mit IIFS
Was ist Professionelle Selbstfürsorge?
SELBST-Qualitäten und Therapeut*innen-Teile im Beruf entdecken
Balintgruppen
Supervision
Literaturliste
Die Autorinnen
Danksagung
Kontaktadressen
Einleitung (bitte unbedingt als Erstes lesen. Danke!)
Liebe Leserinnen, liebe Leser!
Mit diesem Buch wenden wir uns vorwiegend an psychotherapeutisch oder ärztlich tätige Menschen, mit und ohne Vorkenntnis in IFS/IIFS, und an diejenigen unter Ihnen, die sich in ihrem Berufsleben neues Lebenselixier, Freude und Überraschung wünschen.
Der Titel »SELBST-geführte Psychotherapien« könnte zu allerlei Fantasien anregen. Natürlich führen wir Psychotherapien selbst durch – diese Selbstverständlichkeit möchte der Titel nicht hervorheben. Auch müssen sich die Klient*innen natürlich nicht alleine therapieren. Jedoch tragen auch ihre eigenen SELBST-Qualitäten beträchtlich zum Therapieerfolg bei. Die Therapeut*innen sind selbstverständlich »noch« notwendig, um eine Therapiestunde zu begleiten, wenngleich die IIFS-Therapeut*innen SELBST in einer etwas anderen Weise zum Einsatz kommen, als wir das aus bisher bekannten Psychotherapien kennen. Wir arbeiten leichter und intensiv, wenn wir aus uns SELBST heraus arbeiten und nicht unsere Therapeut*innen- Teile arbeiten lassen. Die Selbstreflexions- und Supervisionsmöglichkeiten in das eigene innere System und das der Klient*innen können sich mit dieser Methode deutlich erweitern. Und ihre Lust und Freude auf Therapie vergrößern sich.
Eines der wenigen anvisierten Ziele dieser Arbeit ist es, sowohl Therapeut*innen als auch Klient*innen in die Lage zu versetzen, zu unterscheiden, ob sie aus sich SELBST heraus leben und handeln oder eher ihren Persönlichkeitsanteilen folgen, auf dass ein jeder das eigene System SELBST führen und die Teile mit ihrer Person SELBST verbunden sein möge(n). Ausgegangen wird von einer natürlichen Vielfältigkeit der Persönlichkeit, von einer erlebbaren inneren Instanz, dem Menschen SELBST, und von den inneren Persönlichkeitsanteilen.
Es stellt sich jetzt die Frage: Wer oder was ist dieses SELBST? Und was genau sind die Persönlichkeitsanteile? Es ist schon spannend, darüber nachzusinnen, wer in uns als Therapeut*in die Therapie eigentlich durchführt – und mit wem in unseren Klient*innen wir denn da arbeiten? Und wie können wir das auseinanderhalten? Und wozu? Und auf welcher Zeitachse arbeiten wir eigentlich? Führen wir die Therapien in SELBST-Qualität oder in Persönlichkeitsanteilen mit therapeutischen Rollen durch, die aus der eigenen Biografie, der erlernten Psychotherapieschule, der Arztrolle und/oder in Resonanz oder Gegenübertragung auf die Anteile der Klient*innen stammen? Mit welchen Persönlichkeitsanteilen kommen die Klient*innen zu uns? Und mit welchen Therapeut*innen-Teilen reagieren wir auf sie? Wer in uns kann uns und ihnen helfen, sich SELBST aufzuspüren und die Persönlichkeitsanteile mit uns SELBST und ihnen SELBST in Kontakt zu bringen? Wie kann das geschehen? Und wie können wir gar eine Beziehung zwischen uns SELBST und unseren Teilen und dem Klienten-SELBST und seinen Persönlichkeitsanteilen ermöglichen?
Die SELBST-geführte Psychotherapie in der »Integrativen Systemischen Therapie mit der Inneren Familie, IIFS« basiert auf den Grundlagen humanistischer Psychotherapien, achtsamer Wahrnehmungsschulung, der integrativen Gestaltpsychotherapie, der Hakomi-Therapie und weiteren Körperpsychotherapien, der psychodynamisch imaginativen Traumatherapie von Luise Reddemann, der systemischen Therapie, der Bindungstheorie, neurophysiologischen Erkenntnissen und natürlich der IFS nach Richard Schwartz mit ihren entsprechenden Grundannahmen. Der SELBST-Begriff hat in diesem inneren System eine ganz spezielle Bedeutung, die wir Ihnen in der Einleitung kurz und in einzelnen Kapiteln gerne ausführlicher nahebringen möchten.
Zu dem inneren System gehören neben dem SELBST – dem Wesenskern eines Menschen – noch die unterschiedlichen Persönlichkeitsanteile (im Weiteren auch oft kurz als Teile bezeichnet). Das SELBST ist kein Teil. Die Formulierung »das Selbst eines Menschen« könnte zu dieser Annahme verleiten. Wenn möglich verwenden wir daher die Formulierung »ich SELBST«, der Mensch SELBST oder sprechen von SELBST-Qualitäten. SELBST und Teile sind körperlich und mental erlebbar. Der Körper reagiert als Erster auf Emotionen und Reize, noch bevor das Bewusstsein die Reaktion wahrnehmen kann. Wenn das körperliche Erleben mit dem Gefühlten kongruent ist, erfährt der Mensch Vertrauen in sich, eine Stabilisierung seiner selbst. Wenn solch ein mental und physisch ganzheitliches Erleben stattgefunden hat, beginnen sich neuronale Netzwerke umzustrukturieren. Die Geschichte eines Menschen ist in leiblichen Szenarien gespeichert und erfahrbar. Sie zeigt sich in seinem beseelten Körper mit all seinen Gefühlen, seinem Denken, seinem Verhalten und seiner Geschichte. Daher beziehen wir das körperliche Erleben in jeden Therapieprozess mit ein.
Aus dem achtsamen, körperlichen und mentalen Erleben der SELBST-Qualitäten, wie Wohlwollen, Mitgefühl, Zentriertheit, Nichtbewertung u.a.m., können die verschiedenen Persönlichkeitsanteile mit einem kleinen Abstand wahrgenommen werden. Indem die Geschichte ihrer Entstehungsgrundlagen angenommen und akzeptiert wird und die Teile in den ihnen aufgebürdeten Rollen mit den jeweiligen Auswirkungen im heutigen Leben erfahren werden, fühlen sich die Teile heute vom Klienten SELBST und von uns SELBST gesehen. Sie erleben Zugehörigkeit zu ihrer jeweiligen Person SELBST und doppelten Trost. Das hat eine tief verbindende, heilsame und nachhaltige Wirkung auf die Teile. Wir lernen so die eigene Geschichte, die unserer Klienten und diese ihre neu kennen, besser verstehen, und finden Möglichkeiten der Wertschätzung und Entlastung. Das beinhaltet die Chance einer Neuintegration der Persönlichkeitsanteile, die mit ihrem Menschen SELBST in warmherziger Verbindung stehen können. Der nicht mit seinen Teilen verwobene Mensch SELBST ist in der Lage, die eigenen Persönlichkeitsanteile zu erkennen, sie zu sehen, in Beziehung mit ihnen zu treten und sie zu führen. In dieser SELBST-geführten Beziehung können die Teile ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihrem Menschen SELBST entwickeln und kooperieren gerne mit ihm. Es entsteht intrapsychisch eine erlebbare SELBST-Du- und Du-SELBST-Beziehung. Dieses intrapsychische, gegenseitige sowie mental als auch physisch erlebbare in Beziehung-Treten von SELBST und Teilen prägt ein innovatives Moment. Unsere Persönlichkeitsanteile erfahren dann uns SELBST, fühlen sich gesehen und verbunden und agieren nicht mehr allein oder wie in einem alten Film. Eine echte Veränderung und eine Entlastung des Systems werden möglich. Wie eine Kollegin nach einem Kurs staunend sagte: »Jetzt habe ich mich seit 25 Jahren mit meinem Inneren Kind beschäftigt und heute hat es zum ersten Mal mich SELBST erlebt!« Vielleicht der Beginn einer wundervollen Freundschaft.
Die Integrative Psychotherapie Innerer Systeme – IIFS – ist sowohl Methode als auch Haltung, körperlich und sinnlich für alle Menschen, Therapeut*innen und Klient*innen erfahrbar und anwendbar. Sie verbindet in ihrer Ausübung das Wissen um Achtsamkeit, Wahrnehmungsschule, Körperpsychotherapie und IFS. Ihre Anwendung eröffnet uns neue Wege und Möglichkeiten in der Psychotherapie, der Selbsterfahrung, der Supervision und auch in der Professionellen SELBST-Fürsorge – intrapersonell im System eines Menschen und interpersonell, wenn sie die Inneren Systeme von Klient*innen, Therapeut*innen und Supervisor*innen unter IIFS-Aspekten miteinander in Beziehung treten lässt – auch hier mit neuen Ideen. Sie schärft unsere Wahrnehmung, lässt uns neugierig und lebendig mit einem Anfänger-Geist in jede neue Begegnung gehen und kann auch dadurch neuronale Strukturen verändern.
In Psychotherapien und Supervisionen sollte sie nur von erfahrenen Therapeut*innen durchgeführt werden, da man mit dieser kleinen Methode sehr schnell ans »Eingemachte« gelangen kann.
Die IIFS wirft auch ein neues Licht auf das innere System bei schwerwiegenden psychischen und psychosomatischen Erkrankungen, wenn diese unter dem Aspekt polarisierter Teile gesehen werden. Komorbiditäten (wie Ängste, Panik, Süchte, Dissoziationen etc.) als beschützende Persönlichkeitsanteile zu sehen, eröffnet ebenso neue Behandlungsmöglichkeiten.
Für die (Professionelle) SELBST-Fürsorge kann sie in unterschiedlichem Ausmaß im täglichen Leben wie bei der Arbeit angewendet werden. Das könnte das persönliche, das professionelle und das Gemeinwohl mehren. Dem SELBST den Raum zu öffnen und mit seinen eigenen Anteilen in SELBST-Verantwortung zu leben, verändert schon viel.
Arbeiten in spürbarer Präsenz, also in SELBST-Qualität, fühlt sich nicht anstrengend an, aus Therapeuten-Teilen hingegen oftmals schon. Mit Professioneller SELBST-Fürsorge und IIFS können Psychotherapeut*innen und Ärzt*innen einen spannenden Zugang zu ihren berufstätigen Teilen gewinnen und sie ggf. entlasten. Auf diese Weise ist es möglich, ein Leben lang Freude und Überraschung in diesen manchmal so schweren und gleichzeitig so wunderbaren Berufen zu erleben und zu erhalten. Sie macht uns wieder neugierig und offen für uns selbst und die anderen, geht mit einer gewissen Leichtigkeit einher und ist gleichzeitig doch tiefgründig.
Was erwartet Sie nun beim Lesen dieses Buches?
Sie erhalten einen Einblick in das Fundament der Integrativen Systemischen Psychotherapie mit inneren Anteilen, in die Grundhaltungen und Gedanken humanistischer und ressourcenorientierter Psychotherapien, in die Systemische Therapie mit der Inneren Familie, in die achtsame Wahrnehmungsschulung mit Elementen aus der integrativen körperbezogenen Gestalttherapie und in die körpertherapeutische Ausrichtung der IIFS.
Der Selbst-Begriff wird Ihnen aus psychologischer, anthropologischer und philosophischer Perspektive nähergebracht und sein Platz in der IFS und der IIFS begründet.
Durch die detaillierte Beschreibung des Verhältnisses von SELBST und Persönlichkeitsanteilen gewinnen Sie theoretisch und praktisch einen profunden Einblick in die SELBST-Haltung und in das Wesen und die Dynamik der Interaktionen von SELBST und Teilen.
Mit vielen Anregungen zur Professionellen SELBST-Fürsorge, selbstständigen Übungen und Reflexionen sowie in Beispielen aus der Praxis können Sie vieles von dem Gelesenen an sich selbst, Ihren Persönlichkeitsanteilen und an sich SELBST erleben und erfahren. Wenn Sie mögen, können Sie mit dem Reichtum Ihrer Innenwelt und mehr und mehr mit den Unterschieden von SELBST-geführter und Teile-geleiteter Haltung im Leben und bei der Arbeit vertraut werden und in der Professionellen SELBST-Fürsorge schließlich von dem Gelernten profitieren.
Durch vertiefende Einblicke in die Arbeit mit IIFS in der Welt der Scham, der Psychoonkologie, der Traumatherapie und der Supervision bekommen Sie von allen Autorinnen einen Einblick, wie die Integrative Systemische Therapie mit Inneren Anteilen in speziellen Kontexten eingesetzt werden kann.
Wir wünschen Ihnen beim Lesen viele inspirierende Anregungen, spannende Momente und Lust mehr zu erfahren über diese neuen Wege in der Psychotherapie, der SELBST-Erfahrung, der Supervision und der Professionellen SELBST-Fürsorge.
Erläuterungen
Zur Schreibweise: SELBST und selbst. Vielleicht mag es Sie irritieren, dass wir manchmal »selbst« klein und ein anderes Mal SELBST in großen Buchstaben schreiben. Zur Klärung: Wenn wir SELBST im Sinne von IIFS meinen, dann schreiben wir es in großen Lettern, lesen Sie es klein, dann benutzen wir das Wort »selbst« wie es in der herkömmlichen Alltagssprache verwendet wird. An dieser Stelle sei auch bemerkt, dass der Ausdruck »das SELBST« oder »mein SELBST« die falsche Vermutung aufkommen lassen kann, dass »mein« SELBST (Possessivpronomen) ein Teil sein könnte. Das SELBST ist kein Teil – dieser Satz kommt noch öfter in diesem Buch vor. Daher sprechen wir lieber in der Folge von der Person SELBST oder dem Menschen SELBST oder ich SELBST und schreiben SELBST dann immer in Großbuchstaben, wenn es sich um das IIFS-SELBST handelt. In seltenen Fällen, wenn es sich sprachlich einfach komisch anhören würde, sprechen wir auch mal von dem SELBST. Und da SELBST auch letztendlich etwas Größeres ist, als wir Menschen es glauben fassen zu können, versuchen wir hier auch nur eine Annäherung an ein irdisches SELBST anzustreben. SELBST im IIFS, wie wir es in diesem Buch so häufig verwenden, meint den Wesenskern eines jeden Menschen, der in SELBST-Qualitäten eben mehr oder weniger spürbar, erfahrbar und damit wirksam wird. Was wir Menschen tun können, ist dem SELBST mehr Raum zu bieten und seine Eigenschaften bewusst zu erkennen, wenn es denn da ist. SELBST kann man nicht machen, SELBST ist.
Die Schreibweisen der Geschlechter: Um allen Geschlechtern gerecht zu werden, verwenden wir bunte Schreibweisen, mal weiblich, mal männlich, mal divers, je nachdem, wie es sich im Verlauf flüssig liest. Wir möchten alle ein- und niemanden ausschließen. Es mögen sich immer alle gemeint fühlen. Wenn der Anfang eines Abschnitts das Gender-Sternchen trägt, gilt es für das Folgende, auch wenn das * nicht jedes Mal eingesetzt wurde.
Selbstverantwortung: Die Übungen und Anregungen, speziell mit der Einbeziehung von Körperwahrnehmung und Gefühlen, führen im Allgemeinen zu mehr Selbsterfahrung. Sie obliegen Ihrer eigenen Verantwortung und ersetzen keine Therapie. Wenn Sie damit den therapeutischen Erfahrungsraum betreten sollten, bitten wir Sie um Ihrer selbst Willen die Grenzen zu respektieren, die das Mit-sich-selbst-Arbeiten hat, und sich gegebenenfalls um therapeutische Unterstützung zu bemühen. Falls Sie das gerne mit IIFS tun möchten oder einfach mehr Erfahrungen mit IIFS unter Anleitung machen wollen, finden Sie im Anhang Kontaktadressen der IIFS-Institute.
Wegweiser durch das Buch: Jedes Kapitel ist in sich abgeschlossen. In jedem Kapitel werden Sie Grundhaltungen und Methoden der IIFS wiederfinden, was der konkreten Vertiefung der Haltung und Methode und der jeweiligen Veranschaulichung dienlich ist. Alle Texte, bis auf die anderweitig gekennzeichneten, sind von Uta Sonneborn. Etwaige Wiederholungen sind nicht unbeabsichtigt.
Teil 1
Grundlagen der Integrativen Systemischen Therapie mit der Inneren Familie

1
Die Humanistischen Psychotherapien
Grundhaltungen und Ideen
Die Humanistische Psychotherapie wurde von Viktor Frankls Konzept der Logotherapie und der Existenzanalyse begründet, in Abgrenzung zu der Psychoanalyse von Siegmund Freud und Alfred Adler. Da dem Menschen Körper, Seele und Geist innewohnen, erlaubt ihm die geistige Dimension, sich mit seiner Psyche, seinem Körper und seiner Existenz auseinanderzusetzen. Frankl geht von einer Veränderungsmöglichkeit des Menschen aus. Wir sind nicht auf ein »So-Sein-Müssen« festgeschrieben, sondern haben die Möglichkeit, uns verändern zu können. Der menschliche Geist erlaubt dem Menschen Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion. Diese Distanz zu sich verschafft ihm die Möglichkeit und Fähigkeit zur Selbstverantwortung, zur Willens- und Entscheidungsfreiheit, ja letztlich zu seiner Selbstbestimmung und Würde.
In dieser Haltung entwickelten sich seit den 30er-Jahren eine Fülle von Therapieansätzen, die sich, aus unterschiedlichen Richtungen kommend, gegenseitig inspirierten und zu eigenständigen Verfahren herausbildeten. Dazu zählen die wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers, die Jungianische Psychoanalyse nach Carl Gustav Jung und die Ausführungen von Verena Kast, die Transaktionsanalyse nach Eric Berne, die Gestaltpsychotherapie nach Fritz Perls, die Integrative Gestaltpsychotherapie nach Hildegund Heinl und Hilarion Petzold, die Bioenergetik nach Alexander Lowen, die Al Pesso Therapie, die Focusing-Therapie nach Eugen Gendlin, das Psychodrama nach Jacob Levy Moreno, die Psychosynthese nach Roberto Assagioli, die Hakomi-Therapie nach Ron Kurtz, die Psychodynamisch-Imaginative Traumatherapie nach Luise Reddemann, die Ego-States-Therapie nach John und Helen Watkins, die Systemischen Therapien der letzten 40 Jahre und die Systemische Therapie mit der Inneren Familie nach Richard Schwartz u.a.m.
Durch Carl Gustav Jung zog östliches Gedankengut, insbesondere taoistische und buddhistische Prinzipien, in die Psychotherapie ein; auch die Meditation, auf Achtsamkeit basierend, eine ganzheitliche Betrachtungsweise und die Imagination wurden psychotherapeutisch salonfähig und fanden hier ihre weitläufige Einbeziehung und Entwicklung. Die Idee, Träume subjekthaft und objekthaft deuten zu können, erweiterte die Möglichkeit der Betrachtungsweise innerer Zustände und deren Vielfalt beträchtlich. Durch das Wechseln der Position des Beobachters wurde eine neue Dimension der Betrachtung von Erlebnisinhalten geschaffen, nämlich einmal alle Elemente des Traumes zu sein und/oder die Elemente des Traumes oder den Traum als Objekt mit etwas Abstand zu betrachten. Diese Art der Traumdeutung erweiterte die Introspektionsmöglichkeiten des Träumenden und des Therapeuten und bedeutete eine Abkehr von der Deutungshoheit des Therapeuten. Die Wahrnehmung fein auf den Körper zu richten sollte helfen, ihn von Blockaden und Panzerungen zu befreien und ihn zu seinem natürlichen Ausdruck zu führen. Wilhelm Reich gebührt das Verdienst, als Erster den Körper und seine Ausdrucksmöglichkeiten in seine Charakteranalyse mit einbezogen zu haben. Er war der Ansicht, dass unterdrückte Emotionen sich in Körperpanzerungen äußern.
In den 60er-Jahren mit dem Selbstbestimmungsrecht der Frauen erkundeten Gynäkologinnen und Feministinnen in aller Ausführlichkeit und mit Neugier ihre Körper, »our bodies – our selves«. Mit der Enttabuisierung der Sexualität in den 70er-Jahren war die Entdeckung des Körpers verbunden und erlaubt, was zu Zeiten von Wilhelm Reich noch eine Außenseiterposition dargestellt hatte. Die modernere Körperpsychotherapie ist teilweise noch von seinen Ideen, teils von der experimentellen Gestalttherapie von Fritz und Laura Perls inspiriert, die von einer Einheit von Körper, Seele und Geist ausgingen. Sie bauten schon auf die Fülle und die Ressourcen des menschlichen Daseins auf, wie die integrative Gestalttherapie nach Hilarion Petzold und Hildegund Heinl, die auch von einer ganzheitlichen Sichtweise ausgehen. In ihr ist die Rede vom Leib, womit der beseelte Körper gemeint ist. Ihm wird ein implizites und ein explizites Gedächtnis zugeschrieben. Im Körpergedächtnis können Erinnerungen aller Art gespeichert sein, wunderbare, alltägliche und schreckliche, die dem Bewusstsein und der Erinnerung nur partiell zugänglich sind. Alles, was der Mensch jemals erlebt hat, ist in seinem Leib wie auf einer Gravur-Tafel eingeschrieben, und wurde szenisch abspeichert. Da die körperorientierten Psychotherapieverfahren zunehmend in der Lage waren, die dem Menschen innewohnenden Potenziale aufzudecken, und damit begannen, die Innenwelt eines Individuums zu beleuchten, entwickelten sich durch sie wesentlich differenziertere Wahrnehmungsmöglichkeiten von Seins-Zuständen, von den Objekten innerer Vielfalt und ihres Ausdrucks in den Gefühlen, dem Körper, den Gedanken und dem Verhalten.
Körperpsychotherapeutische Methoden vereint mit achtsamer Wahrnehmung des Körpers unterstützen die Erinnerungskraft stark. Während in den 70er-Jahren in den Therapien oftmals noch heftig »gepushed« wurde, sodass Klienten z.T. von szenisch gespeicherten traumatischen Erinnerungen katastrophal überflutet wurden, geht heute die körperorientierte Traumatherapie ausgesprochen achtsam und eher den Prozess verlangsamend vor, dem Tempo der Klient*innen folgend, um so der Weisheit und den Botschaften des Körpers besser lauschen zu können. Durch die behutsame, einfühlende psychotherapeutische Begleitung können die Klienten das Erlebte mitsamt ihren szenischen Erinnerungen und Gefühlen im Damals durcharbeiten. Sie können durch Externalisierungstechniken diese Prozesse auch emotional dimmen. Die Klient*innen bekommen eine Beobachterposition im Hier und Jetzt, wodurch die Selbstwahrnehmung und Selbstregulierung gefördert werden. Sie helfen, den Dreiklang der Traumatherapie – Stabilisierung, Konfrontierung und Integration – zu befördern.
Die introspektive Wahrnehmung in der Gestaltpsychotherapie übt innere »awareness«, also intensive Selbstwahrnehmung in einem Zustand von geistiger Wachheit und Bewusstheit im Moment, ein Zustand ähnlich der Achtsamkeit. Sie ist in der Lage, die Ebenen ihrer Wahrnehmung zu wechseln. So kann sie die feine Wahrnehmung zuerst nach innen auf sich selbst, auf das Erleben des jeweiligen Augenblicks im Hier und Jetzt und auf den Kontext und die Umgebung richten. (John O. Stevens)
Mit der achtsamkeitsbasierten Wahrnehmungsschulung wie sie Thich Nhat Hanh lehrt oder die mittlerweile weltweit verbreitete MBSR-Methode – Mindfulness-Based-Stress-Reduction – nach Jon Kabat Zinn wurden Strukturen feiner Selbstwahrnehmungsmöglichkeiten geschaffen. Das Erlernen eines achtsamkeitsbasierten Selbstmitgefühls schult die Empathie-Fähigkeit für sich selbst und für andere – eine Voraussetzung für emotionale Intelligenz und emotionale und psychosoziale Kompetenz.
Achtsamkeit meint reine Wahrnehmung ohne Bewertung. Durch Achtsamkeitstraining können neuronale Aktivitäten angeregt werden, die andauernde positive Veränderungen im Gehirn verursachen, wie neuropsychologische Forschungsergebnisse zeigen. Dass der Körper bei allem, was wir erleben, mitreagiert, haben Körpertherapeuten schon immer intuitiv vorausgesetzt. Bewiesen ist es durch Antonio Damasio, der unter anderem erforscht hat, dass jedes Erleben mit Körperreaktionen verbunden ist. Diese sind bereits eine halbe Sekunde vorausgegangen, bevor das Ereignis überhaupt in unser Bewusstsein vordringen konnte. Unser Körper ist also in allem einen Tick schneller als unser Bewusstsein. Jeder Gedanke, jedes Gefühl, jedes Erlebnis geht mit körperlichen Reaktionen einher.
So erscheinen mir die auf diesen Prinzipien aufgebauten achtsamkeitsgeleiteten humanistischen Psychotherapien natürlich und heilsam. Den Körper nicht in eine Therapie mit einzubeziehen erschiene mir genauso fremd, wie seinen Verstand nicht zu benutzen. Es bedarf Körper, Seele, Geist und Verstand von Klient*in und Therapeut*in, um sich der Komplexität eines menschlichen Wesens halbwegs anzunähern. Das tiefere Wissen eines Menschen um sich selbst sollte mit in die Therapie einbezogen werden. Die Psychotherapeut*innen können mit den Theorien und der Haltung der humanistisch-psychotherapeutischen Therapien unter der Einbeziehung des Körpers dazu beizutragen, auf all die Verletzungen, Narben, Konflikte und Erkrankungen von Klient*innen, Patient*innen und sich selbst heilsam zu wirken sowie die Ressourcen zu fördern.
2
Psychotherapeutische Grundhaltung und Ideen
Humanistische Psychotherapien beinhalten Grundideen von Empathie, Authentizität und Stimmigkeit.
Den Klient*innen wird ein Raum für Selbstwahrnehmung, Selbstexploration durch die Therapeut*innen gegeben, in achtsamer, nicht wertender, akzeptierender Atmosphäre.
Es wird von der inneren Weisheit der Klientinnen und Klienten, von der Kreativität und der Eigenverantwortung eines jeden Menschen ausgegangen.
Es wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch Ressourcen und Resilienzfaktoren hat und es eine Salutogenese gibt.
Es wird von einer Körper-Seele-Geist-Einheit ausgegangen sowie von einer organismischen Selbstregulation.
Von Martin Buber stammt die Grundidee der existenziellen authentischen Begegnung im Jetzt von zwei Menschen, der Ich-Du-Begegnung, eines dialogischen Prinzips, eines gleichberechtigten Kontaktes.
Therapeut*in und Klient*in treten in einen dialogischen interpersonellen Kontakt.
Die Klient*innen können auch mit sich in eine intrapersonelle Interaktion zwischen ihren Ich-Zuständen oder zwischen unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen treten.
Es wird von einer Vielfältigkeit und Vielschichtigkeit der Persönlichkeit ausgegangen.
Die Denkweise ist ganzheitlich und systemisch.
Es besteht die Annahme der Sinnhaftigkeit von Symptomen und von Zusammenhängen mit der erlebten Geschichte.
Die Haltung der Therapeut*in den Klient*innen gegenüber
Die Haltung gegenüber den Klient*innen ist offen, neugierig, interessiert, achtsam, authentisch, empathisch, zuversichtlich, Vertrauen vermittelnd, verbunden, stimmig, gelassen und ruhig, nicht wertend und unparteiisch. Den Klient*innen wird mit Respekt und Wertschätzung begegnet. Die Therapeut*innen arbeiten auf Augenhöhe mit den Klienten. Sie sollten nicht besserwisserisch sein. Sie folgen den Klient*innen und eilen ihnen nicht voraus. Es besteht zwischen Arzt/Therapeut*in und Patient/Klient*in eine professionelle Beziehung, die gleichermaßen abstinent wie professionell empathisch und von Menschenliebe geprägt ist. Sie respektiert und akzeptiert stets die eigenen und die Grenzen des Gegenübers. Sie ist frei von jeglicher persönlicher Vorteilsnahme, emotionaler, körperlicher oder gar sexueller Grenzverletzung.
In einer nicht angestrengten Atmosphäre mit der nicht bewertenden und präsenten Gegenwart der Therapeut*innen erfahren die Klient*innen Raum für ihre Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion. Hier können sie ihre Problematik, ihre Konflikte, ihre Verletzungen, ihre sie traumatisierenden Erlebnisse bearbeiten. Sie lernen, sich und ihre Geschichte anzunehmen, zu akzeptieren, sie auch emotional und im Kontext ihrer Sozialisation zu verstehen und jetzt von früher zu unterscheiden. Blockierte und unterdrückte Gefühle können sie in sich erleben, erkennen und verstehen.
So können sie sich finden und zu dem Menschen entwickeln, der sie werden können, freier, natürlicher. Sie lernen wieder auf ihren Körper und auf sich selbst zu vertrauen.
Die Klient*innen machen korrigierende Erfahrungen in der Therapie durch die Person der Therapeut*innen. Die achtsame Schulung der Wahrnehmung für alles, was im Körper oder in der Umgebung vor sich geht, ist ein wesentlicher Baustein in den körperorientierten humanistischen Therapieverfahren. Achtsamkeit und Gewahrsein können geübt werden. Durch die neuronale Plastizität des Gehirns entstehen so neue neuronale Netzwerke, die Veränderungen nachhaltig machen können.
Die Haltung der Therapeut*innen sich selbst gegenüber
Die empathische, respektvolle, wertschätzende, jedoch nicht wertende Haltung gegenüber den Klient*innen gilt genauso auch für die Therapeut*innen sich selbst gegenüber.
Ihr mentaler und ihr physischer Resonanzboden ist ihnen vertraut. Sie sind selbsterfahren, kennen sich gut und lernen sich immer besser kennen.
Sie differenzieren Übertragungs- und Gegenübertragungsgefühle und agieren sie in der Therapie nicht aus.
Sie können ihren Resonanzboden als Diagnostikum und Therapeutikum nutzen.
Die Haltung der IIFS-Therapeut*innen und der Umgang mit eigenen Anteilen wird in Teil 4 ausführlich beschrieben. Sie beinhaltet die vorigen Punkte; zusätzlich möchte ich hier schon einige Charakteristika erwähnen:
In der IIFS arbeiten die Therapeut*innen aus sich SELBST heraus und/oder mithilfe entlasteter Therapeuten-Teile.
Sie beziehen natürlich die körperliche Wahrnehmung und Körpersprache bei sich und den Klienten mit ein.
Sie können den intrapsychischen und interpersonellen Dialog aus sich SELBST heraus führen und sprechen nicht aus ihren Therapeuten-Teilen heraus.
Die Beziehungsebenen gestalten sich sowohl intrapsychisch im eigenen System wie interpersonell zwischen dem System des Klienten und der Therapeuten. Die Therapeuten haben beide Ebenen im Gewahrsein.
Geschieht die Arbeit aus den SELBST-Qualitäten heraus, in Verbundenheit mit den Persönlichkeitsanteilen, wie es die systemische Therapie mit der inneren Familie vorsieht, kann sie lebenslang Freude bereiten, kann gleichsam leicht, überraschend wie tiefgründig sein, sich entwickeln und ist unangestrengt.
3
Die Achtsame Wahrnehmungsschulung
Achtsamkeit
Achtsamkeit ist eine dem Menschen innewohnenden Fähigkeit des Bewusstseins, sich selbst und seine Umgebung im gegenwärtigen Moment wahrzunehmen. Zwar absichtsvoll, jedoch ohne Bewertung, richtet sich die Aufmerksamkeit auf das, was im Moment wahrzunehmen ist: Körperempfindungen, Gedanken, Gefühle, Erfahrungen, innere Bilder, Fantasien u.v.a.m. Es entsteht ein Gewahrsein und gleichzeitig eine Annahme dessen, was ist, so wie es gerade im Moment ist. Auch kann ich wahrnehmen, wie sehr ich präsent bin, oder eben nicht, und/oder in welcher Rolle ich mich gerade befinde – so wie ich bin oder so, wie ich oder andere es von mir verlangen. Achtsamkeit schafft eine Präsenz im Sein, die als Energie wahrnehmbar ist. Mit der aufmerksamen Wahrnehmung nehme ich wahr, was im Moment ist. Ich bin da, wo ich bin. Ich höre, was ich höre, sehe, was ich sehe, fühle, was ich fühle, denke, was ich denke. Wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich laufe, dann laufe ich … und nichts mehr. Achtsamkeit kann dem Menschen den Unterschied anzeigen zwischen Da-Sein (so wie er ist) und seinem So-Sein (so wie er in seiner Rolle sein sollte).
Achtsamkeit ist Praxis vieler spiritueller Richtungen und besonders im Buddhismus vertreten. Vor einigen Jahrzehnten hat unter anderem der Mönch und Friedensaktivist Thich Nhat Hanh die Achtsamkeitspraxis aus dem Buddhismus den Menschen im Westen nähergebracht. Dabei ist Achtsamkeit an keine Religion gebunden und verfolgt keine konkreten Ziele. Die Achtsamkeitspraxis, wie sie von Thich Nhat Hanh verkörpert wird, hält Übungen für die Ehrfurcht vor dem Leben, die wahre Liebe und das wahre Glück, für liebevolles Sprechen und tiefes Zuhören, für Nahrung und Heilung bereit. Für erstrebenswert hält sie die Ideale von miteinander leben können in Verständnis und Mitgefühl, Frieden, Freude und Wohlbefinden. Transformation und Heilung werden mit dieser Haltung unterstützt. Alle Übungen und Meditationen sind mit achtsamem Atmen verbunden. Jon Kabat-Zinn ist mit der Entwicklung der schon erwähnten Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR) eine Methode zu verdanken, die weltweit Menschen zu mehr Selbstwahrnehmung, Entspannung und Stressverminderung verholfen hat und ihnen die Fähigkeit zur Regulierung der eigenen Emotionen und zur Schulung ihrer Wahrnehmung an die Hand gegeben hat. Sie ist in acht Wochen zu erlernen und setzt regelmäßiges Üben voraus. Auch hier macht Übung den Meister und belohnt mit einem Seins-Gefühl von Klarheit und Intensität u.v.a.m.
Achtsamkeitstraining verhilft dem Menschen zu mehr Freiheit, den Raum zwischen Reiz und Reaktion selbst zu gestalten und nicht mehr aus dem »Autopiloten«, also unbewusst zu reagieren. Es stärkt damit die Fähigkeit zu Selbstwahrnehmung, Selbstreflexion, Selbstmitgefühl, Selbstbestimmung und Selbstregulation. Regelmäßige Achtsamkeitspraxis öffnet uns für die ganze Bandbreite an Gefühlen, verändert die Schmerzwahrnehmung, stärkt das Konzentrationsvermögen, macht nachsichtiger und gnädiger mit sich selbst und stärkt die Hilfsbereitschaft für andere. Bei vielen seelischen Erkrankungen stärkt sie das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Sie fördert nachgewiesenermaßen die Neuroplastizität des Gehirns und schafft damit Möglichkeiten, neue neuronale Netzwerke zu aktivieren und alte, dysfunktionale, den Menschen an seinem eigenen Leben hindernde Muster nachhaltig zu verändern. Achtsamkeit ist zudem die Voraussetzung für Empathie für sich selbst und andere.
Es gibt also eine Menge von Gründen, Achtsamkeit zu erlernen und sich darin zu üben – und es gibt viele Möglichkeiten, sie zu praktizieren. Da sind die formellen Achtsamkeitsübungen in der Bewegung wie Tai-Chi, Qigong, Yoga, die Atemmeditationen, geleitete Meditationen und viele unterschiedliche Meditationsformen. Die Alltagsmeditationen, bei denen ich das, was ich gerade sowieso tue, mit Achtsamkeit tue und im Moment bin, lassen sich ohne großen äußeren Aufwand praktizieren und stellen sich bei ausreichender Übung immer öfter von alleine ein. Wenn ich mir die Hände wasche, auf die Toilette gehe, zur Arbeit gehe/fahre, esse, mich bewege, dann kann ich das genauso gut achtsam tun. Dann habe ich am Morgen schon eine Gehmeditation oder eine Bewegungsmeditation erlebt, mit meinen Sinnen die Umgebung wahrgenommen, eine achtsame Essmeditation erfahren. Ich bin da, wo ich bin – mit Körper, Seele und Geist. Körpermeditationen sind ebenfalls leicht in den Alltag zu integrieren. Und wenn ich mir am Stück mehr Zeit nehmen möchte, dann bietet sich ein Bodyscan, eine geleitete Meditation unterschiedlicher Länge oder eine Fantasiereise an. Und an zahlreichen Meditationsverfahren mangelt es ja auch nicht. Jede*r kann sich die passende Möglichkeit auswählen. Es sollte sich stimmig anfühlen.
Neurophysiologische Untersuchungen haben ergeben, dass bei Menschen, die täglich eine Viertelstunde für zwei Monate eine meditative Achtsamkeitspraxis ausüben, eine sichtbare Beruhigung der Stresszentren im Gehirn in der Positronen-Emissions-Tomographie nachzuweisen war. Es findet eine Stärkung des präfrontalen Kortex statt. Dieser hilft, bewusst zu denken, fühlen und zu handeln. Gleichzeitig wird die Amygdala, der Rauchmelder der Gefühle und die neuronale Angstzentrale, gedämpft. Der Cortisolspiegel, ein Indikator für Stress, sinkt. Durch diese Nachweise öffneten sich schließlich die Türen für die Anwendungen von Achtsamkeitspraxis in der Medizin und der Psychotherapie. Bei neueren Psychotherapieverfahren wie der Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) nach Marsha Linehan, der Acceptance- and Commitment-Therapy (ACT), der Mindfulness Based Cognitive Therapy (MBCT) sowie bei Selbstmitgefühl-basierten Therapien gehören Achtsamkeitsverfahren zur Grundausstattung.
Viele humanistische Psychotherapieverfahren wie die integrative Gestalttherapie, die Hakomi-Therapie, das Focusing, die Al Pesso-Therapie und die Systemische Therapie mit der Inneren Familie praktizieren schon seit Jahrzehnten die Prinzipien der Achtsamkeit als unverzichtbare Grundlage ihrer Therapien. Im gegenwärtigen Moment zu sein und mit nichtwertender Aufmerksamkeit den Fokus in absichtlicher Absichtslosigkeit auf Atem, Sinneswahrnehmungen, Körperempfindungen, Gefühle, Gedanken, Wünsche, Bedürfnisse der Innenwelt etc. zu lenken und in eine tiefe Wahrnehmung einzusteigen, ist Ausgangspunkt dieser Therapien.
Mit der Praxis des achtsamen Wahrnehmens entsteht ein kleiner Abstand zum Innenleben und damit eine Instanz der Beobachtung.
Ich kann meine Sinnesempfindungen wahrnehmen, also bin ich mehr als meine Sinneswahrnehmungen. Ich kann meine Körperempfindungen wahrnehmen, also bin ich mehr als meine Körperempfindungen. Ich kann meine Gedanken wahrnehmen, also bin ich mehr als meine Gedanken. Ich kann meine Gefühle wahrnehmen, also bin ich mehr als meine Gefühle. Ich kann meine Wünsche und Bedürfnisse wahrnehmen, also bin ich mehr als meine Wünsche und Bedürfnisse. Ich kann meine Innenwelt wahrnehmen, also bin ich mehr als meine Innenwelt.
Diese beobachtenden Instanzen sind nicht wertend, eher neutral, registrierend, akzeptierend, auch wohlwollend, gütig, mitfühlend und gelassen. Sie tragen in den unterschiedlichen Psychotherapien verschiedene Namen wie der »innere Beobachter«, »der innere Zeuge«, »der Generaldirektor«, »der Dirigent«, der »Parlamentspräsident«, das »Oberhaupt« u. a.m.
Der SELBST-Begriff in der IIFS geht über diese ähnlichen Eigenschaften der beobachtenden Instanz noch hinaus; ihm wohnt die Qualität des Da-Seins inne. Außerdem ist dieses Zentrum SELBST als unsichtbarer, jedoch psychisch und physisch erlebbarer Partner im inneren Austausch und Dialog zu erfahren. Das macht seine Besonderheit und seine einzigartige Wirkung aus. Dazu mehr in Teil 2.
Die innere Achtsamkeit ist nach innen gerichtete, nicht-wertende Aufmerksamkeit und eine Grundlage für Selbstwahrnehmung, Selbstreflexion und Selbstfürsorge. Tägliches Innehalten und kurze Übungen sind hilfreich, um das innere Erleben differenziert zu erfahren. Es verschafft gleichermaßen einen stärkeren Kontakt zu sich selbst, wie es auch durch das Einschalten des inneren Beobachters eine Möglichkeit bietet, sich mit einer gewissen Distanz differenzierter zu erleben, ja überhaupt den Kontakt zu dem innewohnenden »Du« (das, was ich wahrnehme als Gegenüber) zu ermöglichen. Durch das Praktizieren von Achtsamkeit erweitert sich das innere Spektrum und die Bewusstheit. Eine Folge davon kann mehr Entspannung, Wohlbefinden, Bewusstheit für innere Vielfalt und Reichtum, Zufriedenheit und Gelassenheit sein. Mit dem Versuch, das Wahrgenommene möglichst ohne Wertung zu betrachten, nämlich als das, was es ist (und falls man doch wertet, registriert der innere Beobachter dies als solches), erweitern sich nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere Menschen Einfühlungsvermögen, Verständnis, Horizont und Toleranz. Und bei aller Erweiterung der Wahrnehmungsfähigkeit sollten wir auch die Grenzen dessen, was dem Bewusstsein überhaupt zugänglich sein kann, im Blick behalten.
Wahrnehmung
Alles, was wir als wirklich zu erkennen glauben, entsteht in unserem Gehirn. Dazu gehört nicht nur das Kopfgehirn, sondern auch das Bauchgehirn. In beiden Hirnen fließen unzählige Informationen geistiger, seelischer, materieller und intellektueller Art zusammen, visuelle, taktile, auditive und kinästhetische. Sie weben ein Netz mit oft unvorhersehbaren Verknüpfungen und sind individuell sehr verschieden. Unser Bewusstsein kann Teile dieses Netzes wahrnehmen. Und alles, was der Mensch wahrnimmt und welchen Sinn er dem Wahrgenommen gibt, ist die Wahrnehmung speziell dieses einen Menschen. Die Wahrnehmung ist zunächst subjektiv und selektiv. Sie ist geprägt durch unseren bewussten und unbewussten persönlichen, familiären, gesellschaftlichen, kulturellen und geschichtlichen und zeitgeschichtlichen Hintergrund. Unser Weltbild und Menschenbild, unsere Emotionen und Erfahrungen sowie im speziellen therapeutisch-medizinischen Bereich die Einstellung bezüglich Gesundheit und Krankheit färben auf die Wahrnehmung ab. Aber auch unsere Gegenwärtigkeit, die Tagesereignisse, die Lebensumstände, die Laune und die Einstellung färben die Wahrnehmung, sowohl für den Blick zurück in die Vergangenheit als auch für unsere Zukunftsperspektive. Wahrnehmung ist immer auch sinnliche Wahrnehmung, leiblich erfahrbar und leiblich gespeichert. Sie geht mit Gefühlen, Gedanken, Verhalten und einem Ausdruck im Körper einher.
Was es ist
Es ist Unsinn
Sagt die Vernunft.
Es ist was es ist
Sagt die Liebe.
Es ist Unglück
Sagt die Berechnung.
Es ist nichts als Schmerz
Sagt die Angst.
Es ist aussichtslos
Sagt die Einsicht.
Es ist was es ist
Sagt die Liebe.
Es ist lächerlich
Sagt der Stolz.
Es ist leichtsinnig
Sagt die Vorsicht.
Es ist unmöglich
Sagt die Erfahrung.
Es ist was es ist
Sagt die Liebe.
Erich Fried
Wahrnehmung in der Gestaltpsychotherapie
Der Gestalttherapeut Hilarion Petzold beschreibt menschliche Wirklichkeit und somit die Wahrnehmungsmöglichkeiten recht komplex:
»Der mitmenschliche Kontext, das Erleben, Fühlen, Handeln und Agieren sowie die interpersonelle und intrapsychische Dynamik des Menschen wird eher als holistisch, analogisch und räumlich angeordnet betrachtet als als flächig, punktuell oder linear.«1
Sie geht von einer leibbegründeten Hologramm-Theorie des Gedächtnisses aus. Als Gedächtnisspeicher dient neben dem Gehirn der Leib. Den Leib nehmen wir im Gegensatz zum Körper (der rein biologisch gesehen und von außen wahrgenommen wird) vom Spüren her wahr. Im Leib ist die gesamte Biografie verinnerlicht. Wir sprechen von »verleiblichten Szenarien«, von einem szenarischen Leib-Gedächtnis.
Hier werden alle Szenen, Ereignisse, Atmosphären, mitsamt seinen Gefühlen, Körpergefühlen, Gedanken, die ihm im Laufe seines Lebens begegnet sind, wahrgenommen, in einen Sinnzusammenhang gestellt und gespeichert. »Über dieses Leibgedächtnis sind die Ereignisse usw. ein Teil dieses Menschen geworden.« (Hausmann/Neddermeyer) Das Leibgedächtnis ist dem Bewusstsein des Menschen mehr oder weniger zugänglich. »Eine Einzeladresse« einer im Leibarchiv abgespeicherten Szene (zum Beispiel eine Berührung, ein Geruch, eine bestimmte Bewegung, eine Tonart), evoziert die ganze Fülle historischer Daten mit ihren emotionalen, kognitiven, interaktionellen und archetypischen Eindrücken« (Peter Osten), zu vergleichen mit dem Begriff »Trigger« aus der Psycho-Traumatherapie.
Treffen nun zwei Menschen aufeinander, so findet, ob gewollt oder nicht, ein Kontakt zweier Leiblichkeiten statt; die jeweiligen Wirklichkeiten und Atmosphären werden unbewusst miteinander verwoben, auch wenn er den Personen nicht immer bewusst zugänglich ist. Der Behandler muss sich also selbst in den interpersonellen Kontext mit einbeziehen, wenn er annähernd zu einer adäquaten Sichtweise einer »Gemeinsamen Wirklichkeit« mit seinem Patienten gelangen will. (Peter Osten) Nach dem Gestaltmodell ist jeder Mensch auch das, was er verkörpert. Gleichermaßen hat er die Fähigkeit zu externalisieren. In der Gestalttherapie wird davon ausgegangen, dass aufgrund von früheren Verletzungen, Traumatisierungen und dramatischen Lebensumständen die »Gestalt« eines Menschen verletzt wurde und bestimmte grundlegende menschliche Bedürfnisse in den Hintergrund treten mussten. An der immer wieder aufbrechenden Narbe der »Gestalt« treten diese Bedürfnisse in Form von Figuren aus dem Hintergrund der Persönlichkeit auf die innere Bühne ihres Menschen in den Vordergrund und drängen auf Schließung der Gestalt. Hier sind sie dann der Bearbeitung zugänglich. Diese Figuren sind den Persönlichkeitsanteilen in der IFS sehr ähnlich. Die geschulte Wahrnehmung der körperorientierten Integrativen Gestaltpsychotherapie ist sehr achtsam und fein auf den Körper mit all seinen Empfindungen, Gefühlen, Reaktionen, Haltungen, Bewegungen, Ausdrucksweisen, Mustern und seiner verinnerlichten Geschichte gerichtet. Die integrative Gestalttherapie findet Zugang zu den Erinnerungen, die im Körper wie »Leibliche Szenarien« gespeichert und manches Mal verbal noch nicht zugänglich sind. Mithilfe bestimmter Techniken, am bekanntesten zum Beispiel die Stuhl-Technik, ist es möglich, bestimmte Figuren, Gefühle, Szenen, Körperteile, Symptome etc. zu externalisieren und so einen Kontakt zu ihnen herzustellen. Durch empathisches und physisches Hineinversetzen in das Externalisierte findet die Klientin einen erfahrbaren Zugang zu ihrer Geschichte, den Figuren, Gefühlen, Körperteilen, Szenen oder Symptomen. Diese entspannen oft schon allein durch das empathische Gesehenwerden. Auch hier ermöglicht die gerichtete wertfreie, aufmerksame Wahrnehmung eine neuronale Veränderung.
Introspektive Wahrnehmung, Wahrnehmung im Innen und Außen aus der subjektiven Sicht
Der Gestalttherapeut John O. Stevens richtet Wahrnehmung zuerst nach innen auf sich selbst, auf das Erleben des gegenwärtigen Augenblicks im Hier und Jetzt. Er unterteilt drei Bereiche:
1 die Wahrnehmung von körperlichem Empfinden im Kontakt mit der inneren Welt. Er meint damit den »aktuellen sensorischen Kontakt mit gegenwärtigen inneren Vorgängen wie Muskelspannung, Bewegung, Schmerz, die körperlichen Manifestationen von Emotionen, Unbehagen, Wohlgefühl«.
2 die Wahrnehmung im Kontakt mit der äußeren Welt, die Sinneseindrücke, »den aktuellen, sensorischen Kontakt mit dem, was ich gerade sehe, höre, rieche, schmecke oder berühre«.Die Grundannahme der Gestalttherapie ist, dass Emotionen immer mit Körpersensationen einhergehen. Wahrnehmung a) und b) umfassen das gesamte Erleben eines Menschen der gegenwärtigen Realität und sind der »solide Unterbau« seiner Erfahrungen.
3 die Wahrnehmung, die sich auf die Aktivität der Fantasie gründet: »jede mentale Aktivität, jenseits der Wahrnehmung gegenwärtiger Erlebnisse, wie alles Erklären, Vorstellen, Interpretieren, Vermuten, Denken, Vergleichen, Planen, jede Erinnerung an Vergangenes, jedes Vorausnehmen der Zukunft«. Keine Diskussion, keine Gedanken, sei es von mir oder von anderen Menschen, über diese Wahrnehmung können diese meine Wahrnehmung »nichtexistent« machen. Aber wir können darüber reflektieren. Die Wahrnehmungen sind, was sie sind.
Mit dieser Art achtsamer, introspektiver Wahrnehmung, die mich stets den Kontakt mit allem Möglichen, was mir im Inneren und Äußeren begegnen kann, mich erleben und gleichermaßen im Kontakt zu meinem Körper und Geist sein lässt, werde ich natürlich auch der ständigen Veränderungen gewahr und bin mir dem Lebendigsein bewusst. In der Gestalttherapie wird das als awareness continuum bezeichnet, eine spezielle Erweiterung des Begriffs von Achtsamkeit.
Oszillieren
Wenn zwei Menschen in Kontakt treten, nehmen sie sich gegenseitig mehr oder weniger bewusst wahr. Es entsteht recht schnell ein erster Gesamteindruck, der als »Gefühl« von Sympathie, Neutralität oder Ablehnung registriert wird. Es ist aber eigentlich kein Gefühl, eher eine soziale Bewertung oder eine Interpretation. In dieser blitzschnellen Kategorisierung des Gegenübers liegen eigene Gefühle, Gedanken, Körperempfindungen, Erlebnisse, Erfahrungen, Erinnerungen, Projektionen, Vorurteile etc. verborgen, die diese Einteilung in Freund, Feind oder neutral haben zustande kommen lassen. Dass so etwas so schnell geschieht, ist vermutlich noch einem archaischen Überlebensdrang geschuldet. Es ist klar, dass wir damit unserem Gegenüber, aber auch uns selbst mit unseren psychosozialen Möglichkeiten und kommunikativen Fähigkeiten nicht gerecht werden, ja uns beiden die Möglichkeit, uns wirklich kennenzulernen, erschweren. Um unserer als subjektiv und selektiv bekannten Wahrnehmung mehr Präzision zu verschaffen und um Ich und Du schön auseinanderzuhalten und nicht unzulässigerweise zu vermischen, hat Hildegund Heinl, die »Grande Dame« der Integrativen Gestalttherapie, einen Prozess des Oszillierens beschrieben, wie jeder auf den unterschiedlichsten Ebenen gleichzeitig bei sich selbst und beim anderen sein kann – auf allen Ebenen, im Hier und Jetzt, in der Vergangenheit, und wieder zurück in der Gegenwart. Diese Übung kann in Seminaren zu einer außerordentlichen Selbsterfahrung führen und auch im Kontakt zu anderen Menschen eine Fülle von Erfahrungen und Nutzen bringen. Haben beide Partner*innen dieser Übung eine Haltung von Wertschätzung und Respekt sich selbst und dem anderen gegenüber und versuchen, sie nicht zu bewerten, kann tiefes eigenes und gegenseitiges Erleben die Folge sein. Für manche ist diese Übung am Anfang schon nach ein paar Minuten sehr dicht. Geübtere oszillieren mehrfach hin und her und erfahren so zum Beispiel in einer Stunde wirklich viel über sich und ihr Gegenüber, wenn sie darüber reflektieren und sich zusätzlich noch über das Erlebte austauschen. Eine solche Wahrnehmung seiner selbst und der anderen wird der Komplexität eines jeden Menschen gerechter, es kann dadurch erlebter Kontakt und Begegnung entstehen. Zwei Personen haben so die Möglichkeit, sich nicht ungewollt zu »verwurschteln«. Anders, wenn von Anfang an klar ist: Jeder hat seinen eigenen persönlichen, familiären, kulturellen, zeitgeschichtlichen Hintergrund und ist geprägt von seiner Geschichte. Ich bin ich und du bist du, frei nach Martin Buber: Das Ich erfährt sich am Du.
Übung
Bei der Übung des Oszillierens geht es darum, zentriert bei sich im Hier und Jetzt zu sein. Es geht darum, in sich hinein zu spüren und sich zu fragen: Was nehme ich bei mir gerade wahr, während ich mit einer anderen Person im Kontakt bin.
IM HIER UND JETZT:
Was fühle ich?
Was denke ich?
Was empfinde ich?
Welche Körperempfindungen spüre ich?
Was tut mein Körper?
Was tue ich gerade?
Was signalisiere ich?
Was brauche ich?
Dann sinne ich nach:
Woher mag das kommen?
Wohin gehört das?
In welche Szene?
In welche Zeit?
Wenn es in eine alte Szene gehört, frage ich mich weiter:
Was fühle ich von damals?
Was denke ich von damals, wenn ich …
Was empfinde ich dabei?
Wie geht/ging es meinem Körper?
Was signalisiere(t) ich(er) noch?
Was hätte ich/mein Körper gebraucht?
Ich übernehme die Verantwortung für all das, was im Moment bei mir im Inneren los und meiner Wahrnehmung zugänglich ist. Ich mache mir bewusst:
Ich bin ich, mit alledem in mir.
Ich habe Respekt, Wertschätzung und Annahme dafür.
Ich habe meine Grenzen und achte sie.
Und du bist du, mit alledem in dir.
Ich habe Respekt, Wertschätzung und Annahme dafür bei dir.
Und du hast deine Grenzen und ich achte sie.
Wenn ich bei mir bin und gleichzeitig im Kontakt mit einer anderen Person, ist es unabdingbar, meine und ihre Grenzen im Innen und im Außen zu erspüren und zu respektieren Wo fange ich an, wo höre ich auf? Wo fängt der andere an und wo hört er auf? Mein Fokus richtet sich nun mehr auf mein Gegenüber. Was nehme ich beim anderen wahr?
Was sehe ich, was höre ich, was rieche ich, was fühle ich?
Was denke ich über die andere Person?
Was empfinde ich für sie?
Wie erlebe ich sie?
Was tut mein Körper gerade in Bezug auf sie?
Was für Fantasien habe ich über sie?
Was tue ich gerade in Bezug auf sie?
Was signalisiere ich gerade in Bezug auf sie?
Was projiziere ich auf sie?
Und wieder zurück mit dem Fokus zu mir selbst, in dem Wissen, dass alles, was ich wahrgenommen habe, vor dem Hintergrund meines Lebens situativ, subjektiv und selektiv bleibt, aber mir nun bewusster ist, weniger verstrickt mit mir. Diese klaren Grenzen tun gut.
Hildegund Heinl benannte diese Bewegung auf den Beziehungsebenen vom Ich von der Gegenwart in die Vergangenheit und zurück ins Hier und Jetzt zum Du und wieder zu sich selbst als ein »Hoch und Runterklettern der Sprossenleiter des Lebens und der Gefühle«.
Es braucht Übung – und ehrlicherweise ganz schön viel Übung, aber es lohnt sich ungemein, schnell den Fokus wechseln zu können zwischen Ich und Du und wieder Ich, bis das irgendwann parallel läuft – bei sich zu sein und gleichzeitig beim anderen, ohne uns zu vermischen. Auf diese Weise, gleichzeitig abgegrenzt und nahe, spüren wir uns und den anderen intensiv. Wir werden uns und auch unserem Gegenüber gerechter, haben die Möglichkeit, mehr Verantwortung für uns selbst zu übernehmen, und dem Anderen seine Verantwortung auch zu belassen und sie ihm nicht wegzunehmen. Diese Art von Kontakt und Begegnung ist authentisch, jedes Mal neu und spannend, und berücksichtigt viele Ebenen. Ein tiefes Kennenlernen meiner selbst und meines Gegenübers ist auf diese Weise möglich. Wir hören auf, für andere zu denken, zu fühlen und zu handeln. Unser Gegenüber behält seine Hoheit und seine Würde. Wenn wir mit ihm denken, fühlen, handeln, wenn es dies möchte, kann eine ganz andere Beziehung entstehen, als wenn wir das für es tun. Besonders in therapeutischen Berufen sollte diese Art von Selbstverantwortlichkeit ausführlich geübt werden, da wir uns sonst die Arbeit unnötig schwerer und anstrengender machen. Indem wir scheinbar gut gemeint Verantwortung für jemanden übernehmen, können wir ihm auch etwas Wichtiges wegnehmen. Und übrigens auch im privaten Alltag lebt es sich mit diesen guten Grenzen von Ich und Du vortrefflich.
Wenn wir uns auf dieser Grundlage dann noch gewahr werden, dass jedes System von Ich und Du aus jeweils einem SELBST und einer Fülle von Persönlichkeitsanteilen bestehen, kann es nur noch spannender werden!
Metaebene
Die introspektive Wahrnehmung übt innere Achtsamkeit. Sie ist in der Lage, die Ebenen zu wechseln. Sie ist Voraussetzung zur Selbstreflexion, den eigenen Resonanzboden zu erkennen, das innere Instrumentarium zu nutzen und Verantwortung für sich und sein Innenleben zu übernehmen. Aus dem Blickwinkel der Metaebene, einer anderen, neuen, weiteren oder engeren Perspektive, verändern sich die Wahrnehmungen, die Beobachtungen und Sichtweisen, aber auch die Gefühle, Empfindungen, Gedanken, Einstellungen und Verhaltensweisen. Mit der Art dieser Wahrnehmung eröffnet sich ein weites Feld im Kontakt zum eigenen Innenleben, zu anderen und im Kontakt miteinander. Es ist der Unterschied einer subjekt- oder einer objektbezogenen Sichtweise, zwischen assoziativer und dissoziativer Betrachtung, ob ich in mir kreise oder mich mit etwas Abstand wahrnehmen kann. Sich selbst unter verschiedenen Blickwinkeln wahrnehmen zu können, schafft die Voraussetzung, sich in unterschiedliche Seins-Zustände bei sich selbst und bei anderen hineinzuversetzen. Es ist eine Voraussetzung für Empathie mit sich selbst (Selbstmitgefühl) und für andere, und damit auch eine Bedingung für emotionale und psychosoziale Kompetenz.
Ich möchte das folgende Beispiel als Metapher verstanden wissen. Es macht einen Unterschied, ob ich als Schauspieler*in in einer bestimmten Rolle auf der Bühne stehe oder ob ich als Regisseur*in im Zuschauerraum sitze, ob ich mich und die anderen Schauspieler*innen in ihren Rollen beobachten kann, jeden einzelnen, aber auch das gesamte Stück mit seiner Atmosphäre, die es ausstrahlt. Stehe ich in einer bestimmten Rolle auf der Bühne, bin ich mit mir beschäftigt. Ich nehme mich wahr und bin auf meinen Auftritt konzentriert. Als geübter und zentrierter Schauspieler bin ich ganz bei mir und kann gleichzeitig die anderen und auch das Stück wahrnehmen. Ich weiß, dass ich keinen Dauer-Soloauftritt habe und dass der Erfolg des Stückes genauso von jedem Einzelnen wie von unserem guten Zusammenwirken abhängt. Auch ist entscheidend, dass der Regisseur einen guten Draht zu seinen Schauspielern hat und umgekehrt. Wenn ich nun davon ausgehe, dass jeder Mensch alles gleichzeitig ist, also sein eigenes Theater, sein eigener Regisseur, alle seine Schauspieler, in vielen Rollen und mehreren Stücken zu unterschiedlichen Zeiten, seine eigene Bühne und sein Zuschauerraum, in einer bestimmten Atmosphäre und dies in einem bestimmten Zeitgeist, einer gewissen Epoche, dann werden die Wahrnehmungen und Beobachtungen von den unterschiedlichen Standpunkten voraussichtlich sehr vielfältig ausfallen. Mit dem Standpunkt der Metaebene kann sich die Sichtweise beträchtlich verändern. Hat ein Mensch das einmal erlebt, wird es ihm in Zukunft schwerfallen, eindimensional im Leben unterwegs zu sein. Es kann hilfreich sein, sich in jedwede Position hineinversetzen zu können, um wenigstens für einen Moment die Facetten der Rolle des Anderen zu erleben, wie es sich anfühlen könnte, an seinem Platz zu sein. Um schnell wieder zu bemerken, ich bin nicht du, auch wenn ich dich jetzt ein bisschen besser zu begreifen glaube, – und zu dem eigenen Ausgangspunkt zurückzukommen. Aktive Empathie ist definiert als kurzes sich in eine andere Person Hineinversetzen, so als ob man diese Person wäre, und sich schnell wieder aus ihr herauszuversetzen. Dann können wir den Anderen vielleicht ein bisschen besser verstehen, aber uns auch seiner Einzigartigkeit bewusst werden. Spiegelneuronen katapultieren uns nicht selten in die Gefühlswelten eines anderen hinein, ohne dass wir das steuern können. Diese Art des Hineinversetzens geschieht dann eher unbewusst mit uns. Umso wichtiger ist es, gerade in therapeutischen Berufen und auch in Beziehungen, sich seiner Gefühle bewusst zu werden. Sind es meine? Sind es deine? Jedes Individuum hat seine eigene Innenwelt. Wir können Respekt voreinander haben. Ich bin nicht du und du bist nicht ich.
Die unterschiedlichen Therapiearten bedienen sich beim Erkunden des Innenlebens dieser Metaebene und haben, je nach Therapieverfahren, den Inneren Beobachter, den Inneren Zeugen, den Inneren Regisseur u.v.a.m. eingeführt. Er kann Gedanken, Gefühle, Empfindungen, Verhaltensweisen der unterschiedlichen Teammitglieder registrieren, ohne sie gleich voll ausleben zu müssen. Daher kann er verantwortlich für sein eigenes Theater handeln. Mit anderen Theatern kann er im Wissen um deren ähnliches oder anderes Innenleben achtsam und respektvoll in Kontakt treten, ohne seine Zentriertheit zu verlassen. Diese ist nämlich eine Garantin für den guten Kontakt mit anderen Theatern und ihren Teams – also von Ich zum Du.
Die assoziative und dissoziative Wahrnehmung
Bei der assoziativen Wahrnehmung spüre ich meine eigenen Gefühle, stecke in meiner Person, in meiner Welt drin, erlebe die Gefühle intensiv, bin diese Gefühle und Erlebnisse. In der dissoziativen Wahrnehmung trete ich etwas aus mir heraus auf eine Metaebene und kann mein Innenleben von außen wahrnehmen. In dieser Position kann ich Gefühle, Körperempfindungen, Geschehnisse, Gedanken und Erinnerungen und eben auch Persönlichkeitsanteile mit Abstand registrieren, vielleicht in etwas abgeschwächter Form, und sehe auf meinen inneren Kosmos oder auf die Außenwelt durch das Auge eines Beobachters. Automatisch schwanken alle Menschen unbewusst zwischen der assoziativen und der dissoziativen Wahrnehmung bei der Bewältigung schmerzhafter Gefühle und Traumata. Einige Formen und Techniken der Traumatherapie (PITT von Luise Reddemann, EMDR, Beobachter- und Bildschirmtechnik) machen sich dies zu eigen und begreifen das bewusste Pendeln zwischen Assoziation und Dissoziation als Ressource. Auch in der Schmerztherapie wird diese Technik angewandt.
Resonanz
Die Fähigkeit zum Mitschwingen von Systemen wird als Resonanz (lat. Widerhall) bezeichnet. Resonanzen werden wie auf dem Musikinstrument des eigenen Leibes auf körperlicher und auf der Gefühlsebene wahrgenommen. Therapeut*innen und Ärzt*innen stellen für ihre Klient*innen und Patient*innen unbewusst immer auch eine Art Resonanzboden dar. Auf diesem werden die Schwingungen der Klient*innen zunächst unbewusst reflektiert. Dieser Resonanzboden kann natürlicherweise nicht spiegelblank geputzt für jeden Klienten sein, da die Behandelnden ja kein weißes Blatt sind. Die eigenen Schwingungen und Spuren im Leben der Therapeut*innen spannen dieses Instrument vor. Mit viel Selbsterfahrung und guter Kenntnis der eigenen Lebensgeschichte mit ihren psychischen und physischen Auswirkungen auf diesen Resonanzboden kann unterschieden werden, was den Therapeut*innen eigen ist und welche Schwingungen die Klient*innen bei ihnen ausgelöst haben. Ohne Schulung der Wahrnehmung besteht die Gefahr, dass die Resonanzen durcheinandergeraten und unklare Misstöne entstehen. Können die Therapeut*innen dieses Instrumentarium nutzen, haben sie die Möglichkeit, diese Resonanzen zu verdeutlichen, zu verstärken, zu spiegeln, in Worte zu fassen etc. Sie haben dadurch ein breiter aufgestelltes Instrumentarium für die Diagnostik und die Therapie. Sie können sich ihrer eigenen Schwingungen bewusst sein, die sie ihrerseits aussenden. Denn auch umgekehrt erleben die Klient*innen und Patient*innen Resonanzen im Kontakt mit den Behandlern. Das selbstverantwortliche, offene und präsente Mitschwingen seitens der Therapeuten führt zur einer verbesserten, weil abgegrenzten Wahrnehmung. Klienten fühlen sich so wirklich wahr- und ernstgenommen in ihrer eigenen Welt. Das führt zu einer tiefen Ein-Sicht in ihre eigene innere Landschaft und zu einem echten Dialog, einem Verbundensein mit der eigenen Welt, aber auch einer Verbindung zu dem Behandler. Durch diese Art des Kontaktes wird der Therapeut auch vor Konfluenz geschützt, da er seine eigenen Schwingungen kennt und in eine echte professionelle Beziehung treten kann.
Die Selbstwahrnehmung hilft, den Resonanzboden des Behandlers, der natürlich nie frei von eigenen Inhalten sein kann, zu erkunden. Sei es, den eigenen Gefühlsstatus zu erkennen, den Körper als kompetenten, nahezu allwissenden »Partner« immer besser kennen und schätzen zu lernen, die eigenen »blinden Flecken« zu sehen und eine eingeengte Wahrnehmung zu korrigieren. Sie hilft dabei herauszufinden, in welche Rollen der Therapeut sich »gerne« bringen lässt, um somit nicht mit dem Patienten Konflikte auszutragen, die in seiner eigenen Biografie anzusiedeln sind. (Siehe Therapeuten-Teile in Kapitel 16.)
In Beziehungskonstellationen und auf der Beziehungsebene kann der Behandler auf dem Boden der Wertschätzung seiner eigenen Emotionen und der der Klient*innen die Muster und Konflikte, die er mit den Klient*innen unbewusst eingegangen ist, besser erkennen, analysieren, danach handeln und sie ggf. auflösen. Er wird in die Lage versetzt sein, die Klient*innen als eigenständige Menschen besser zu sehen, wenn er sie nicht in Verwicklung mit sich selber erlebt. Für den Fall – und der Fall passiert immer wieder –, dass eine Verwicklung geschehen ist, kann er erst mal wahrnehmen, was geschehen ist, ein Verständnis dafür entwickeln, dafür Verantwortung übernehmen und sich dann wieder daraus lösen. In einer positiven Abgrenzung den Klient*innen gegenüber wird er ihnen und sich gerechter, wenn er seine eigenen Konflikte professionell löst, statt dass er unbewusst eigene emotionale Inhalte oder Konflikte im Land der Klient*innen »kolonialisiert« und sich mit ihnen in seinem eigenen Konfliktgebäude verheddert.
Das Gewahrwerden des eigenen Körpers (besser: Leibes) eröffnet ihm eine eigene Quelle, sei es von Freude und Wohlbefinden, manchmal aber auch von eigenem Schmerz und Leid. Dies ist jedoch die Möglichkeit zur Wandlung. Es schützt den Behandler davor, abends die Geschichten der Klient*innen und das in der Gegenübertragung erlebte Gefühl und Körpergefühl seiner Klient*innen mit nach Hause zu nehmen. Kann er sein eigenes Körpergefühl identifizieren, wird er für Möglichkeiten einer wohltuenden Psychohygiene und einer gesunden Abgrenzung nicht nur offener sein, er wird das Bedürfnis danach verspüren! Und wissen, wie er sich im Sinne der Selbstfürsorge Gutes tun kann.
Unterschiedliche Sinneskanäle
Wahrnehmung durch die Sinne findet laut Richard Bandler und John Grinder, die Begründer des NLP, auf mehreren Sinneskanälen statt, von denen die meisten Menschen unbewusst einen bevorzugen und die anderen nachgeordnet benutzen. Die Sinneskanäle beziehen sich auf visualisieren (sehen), auditiv wahrnehmen (hören) und kinästhetisch wahrnehmen (fühlen). Die Autoren wiesen nach, dass Menschen mit unterschiedlich favorisierten Primärkanälen sich nicht gut verständigen können, zum Beispiel wenn ein Kommunikationspartner eine lebhafte Bildsprache benutzt, während sein Gegenüber in der Welt der Klänge oder der Gefühle aufgeht. Es besteht jedoch die Möglichkeit, den Hauptkanal bei sich und beim Klienten zu erkennen und bewusst die Wort- und Beispielfindung auf die bevorzugten Sinneskanäle des Patienten abzustimmen und somit Brücken zu bauen. Auch steht die Möglichkeit offen, die Sinneskanäle des Klienten zu vernetzen und sie ihm besser zugänglich zu machen, damit er den vollen Zugang zu all seinen Kanälen erfahren kann. Was fühlen Sie, während Sie sehen? Was hören Sie, während Sie sehen? Was sehen Sie, während Sie fühlen etc.
Selbstreflexion im Gespräch
Ein paar wichtige Fragen könnte sich die Behandlerin immer wieder stellen: Hat das, was ich da erlebe, etwas mit mir zu tun? Erlebe ich es oft, dass ich eben diese Gefühle und Handlungsimpulse an mir wahrnehme? Welchen Teil in mir spricht das an? Lösen Klient*innen oft dieselben Gefühle in mir aus (dann hat das vermutlich seinen Ursprung in meiner eigenen Geschichte) oder kann ich mich relativ frei auf die Klient*innen einschwingen und auch wieder zu mir zurückoszillieren?
Die Selbstbeobachtung verhilft zu einer differenzierteren Wahrnehmung unserer selbst, unserer Gefühle, unseres Körpers, unserer Probleme, unserer Grenzen, unserer Stärken und unserer Schwächen. Sie hilft, unsere blinden Flecken zu erkennen, eine eingeengte Wahrnehmung zu korrigieren und ist der erste Schritt, mit uns selbst und dem anderen besser in Kontakt und Beziehung zu treten. Sie ist nicht immer einfach, aber eröffnet uns den Weg zu dem eigenen inneren menschlichen Reichtum.
Falls bis zu diesem Punkte noch Zweifel an der Notwendigkeit zur Selbstwahrnehmung und Selbstfürsorge für Therapeut*innen und Ärzt*innen bestehen sollten, hier noch ein Gedicht von Erich Fried:
Der Warner
Wenn Leute dir sagen: »Kümmere dich nicht so viel um dich selbst«, dann sieh dir die Leute an, die dir das sagen. An ihnen kannst du erkennen, wie das ist, wenn einer sich nicht genug um sich selbst gekümmert hat.
Übertragung und Gegenübertragung
Diese Begriffe wurden erstmals in der Psychoanalyse beschrieben.
Den Mechanismen von Übertragung und Gegenübertragung begegnen wir jedoch überall und sie sind nicht nur in therapeutischen Beziehungen von Bedeutung. Besonders häufig beschäftigen sie uns allerdings im psychotherapeutischen und ärztlichen Alltag.
Der Begriff der Übertragung wird verwendet, wenn der Klient etwas auf den Behandler überträgt. Dabei richtet der Klient oder Patient seine Gefühle, Wünsche (auch an die Beziehung), Bedürfnisse, Erfahrungen aus früheren lebensgeschichtlich wichtigen Kontexten auf die heutigen Behandler*innen. Auch die Wünsche, die eigentlich andere Menschen hätten erfüllen sollen. Er lebt in der unbewussten Überzeugung, dass die Bedürfnisse, die ihm damals versagt wurden, nun diese Behandler erfüllen müssten, beziehungsweise er lebt die ganze schwierige Palette der Gefühle der schon in der Kindheit frustrierten Bedürfnisse nun noch einmal mit seinem Behandler durch. In der Psychotherapie sind Übertragungen ein wichtiges, zu bearbeitendes Feld. Wenn der Klient introspektiv ist und Interesse an seinen Übertragungen zeigt, liefern sie wichtige Informationen zu den früheren Szenarien, in denen der Klient gelebt hat. Das gelingt umso leichter, je weniger die Therapie mit regressiven therapeutischen Instrumenten arbeitet und umso mehr die Therapie in erwachsener Selbstverantwortung Anwendung findet.
Für Gegenübertragung gibt es zwei Definitionen.
1 Die erste meint die Übertragung von Gefühlen, Bedürfnissen, Erfahrungen und auch Wünschen an die Beziehung zum Klienten vonseiten des Behandlers, die aus dessen eigener Lebensgeschichte und seinen unerfüllten Bedürfnissen stammen. Hier verbergen sich nicht selten Wünsche nach Wertschätzung und Anerkennung für seine außergewöhnlichen, aufopfernden Leistungen. Die Klienten sind jedoch nicht dazu da, dem Behandler etwas geben zu sollen, was er in seiner Vergangenheit hat entbehren müssen. Nicht selten leider werden jedoch Klienten in der Therapie emotional oder gar auch sexuell missbraucht. Hier sind Selbsterfahrung und Selbstreflexion unabdingbar notwendig und hilfreich, um nicht unbewusst in diesen Gegenübertragungsmodus zu verfallen und um für klare Grenzen in der Therapeuten-Klienten-Beziehung zu sorgen. Auch die unbewussten Reaktionsmuster und Resonanzen des Behandlers auf den Klienten zählen in die Kategorie der Gegenübertragung. Gegenübertragungsgefühle sollte der Behandler jedoch niemals am Klienten ausagieren, sondern sie sorgfältig wahrnehmen und an ihnen arbeiten. Es ist unerlässlich, dass er sich selbst für so wichtig nimmt, dass er ihn belastende Gefühle überhaupt als solche wahrnimmt, sie nicht einfach aushält, sondern nachverfolgt, auf welchem Hintergrund sie entstanden sind. Sind es eher ihn persönlich betreffende Gefühle oder doch Gefühle des Klienten, mit denen er sie verwechselt? Um das zu klären, ist die Supervision ein guter Ort, der dann aufzusuchen ist. Das gehört auch zur Professionellen Selbstfürsorge. Siehe auch Teil 4.
2 Die zweite Definition entspricht eher dem Gegenübertragungsbegriff bei Sándor Ferenci, der die Gegenübertragung zum Nutzen des Klienten instrumentalisiert sehen wollte, um so den Klienten über das im Therapeuten empfundene Gefühl besser verstehen zu können. Wir nehmen manchmal Gefühle wahr, die Gefühle unseres Gegenübers spiegeln und zu denen noch kein emotionaler und/oder bewusster Zugang besteht. Diese Gegenübertragungsgefühle therapeutisch nutzen zu können, setzt voraus, dass der Behandler auch Gefühle auf seinem Resonanzboden bewusst wahrnehmen kann, die nicht seine eigenen sind. Sie werden dadurch ausgelöst, dass der Klient gerade diese Gefühle bei sich unbewusst ausklammert oder abspaltet. Es ist eine hohe Herausforderung und braucht intensive Selbstkenntnis sowie eine gute Schulung der Gefühlswahrnehmung, um diese Unterscheidung treffen zu können. Was ist die Resonanz meines eigenen Inneren und was löst jemand anders in mir an Gefühlen, Empfindungen, Reaktionen etc. aus, das eigentlich nicht zu mir gehört?
Für therapeutische Begegnungen ist es ein riesengroßer Gewinn, den eigenen Resonanzboden und seine Gefühle gut zu kennen und die Gegenübertragungsgefühle von diesen unterscheiden zu können und sie nicht unbewusst auszuagieren. Dann können diese Gegenübertragungsgefühle als Diagnostikum und als Therapeutikum nutzvolle Anwendung finden. (Siehe auch Oszillieren, Metaebene, Resonanz.)
Ein mir sehr eindrückliches Beispiel möchte ich gerne hier schildern.
Ein etwa 55-jähriger Mann, klein und drahtig mit Halbglatze, überfreundlich und beflissen, mir all seine Beschwerden minutiös darlegend, kam aufgrund von Knieschmerzen zur Akupunktur in meine Sprechstunde als Ärztin. Bei der Schilderung seiner Beschwerden fügte er nach fast jedem Satz hinzu: »Wissen Sie, Frau Doktor?« Dies geschah in einem immer drängenderen Automatismus, dass er diesen Satz mindestens zwanzigmal und gefühlt jedes Mal lauter sagte. War ich zunächst freundlich zugewandt, merkte ich bald nach jedem Mal: »Wissen Sie, Frau Doktor?!,« dass ich diesen Satz so erlebte, als würde er mir im Stakkato um die Ohren gehauen und spürte ich in mir eine mir so nicht bekannte heftigste Aggression aufsteigen. Mich durchfuhr der Gedanke: »Wenn du jetzt diesen Satz jetzt noch einmal sagst, dann dreh ich dir den Hals um.« Wow, so was war mir noch nie passiert. Ich sagte zu dem Klienten: »Kleinen Moment, ich habe draußen etwas vergessen.« Ich musste einfach hinausgehen, um mich erst mal zu sortieren und herunterzuregulieren, atmete einmal tief durch und sagte zu meiner Mitarbeiterin, schon mit etwas Abstand: »Du, so was hab ich noch nie erlebt. Ich bring gleich jemanden um.« Sie entgegnete locker: »Das machst du doch aber sonst nicht«, und wir mussten beide lachen. Ich wusste, dass dieser heftige Impuls nicht meinem persönlichen Resonanzboden entsprang, ich mir dieses Gefühl aber gut merken musste, um den Patienten bei Gelegenheit beiläufig nach Gefühlen von heftiger Wut oder Ärger zu befragen.
Ich ging wieder in das Behandlungszimmer, war von meinen reaktiven Emotionen wieder heruntergekommen und fuhr mit der ganzheitlichen Anamnese fort, die den Patienten auch nach seinen Gefühlen befragt. Auf die Frage, wie er es denn so mit Gefühlen von Ärger und Wut habe, schrie er mir fast entgegen: »Ha, ich habe 21 Prozesse am Laufen.« Ich bekam einen kurzen Schreck, konterte dann aber cool, mit Herzklopfen, und fragte, was ich tun müsse, um der 22. zu sein. Darauf ging er beschwichtigend ein. Ich war wieder in meiner Mitte angelangt und konnte ihn ehrlich, mitfühlend und interessiert fragen, wie es denn gekommen sei, dass er so viel Kraft in diesen Prozessen für seine Gerechtigkeit aufwende. Er erzählte mir seine Geschichte von der Flucht von einem Gutsherrenhof und den Ländereien seines Vaters in der ehemaligen DDR, früheren und jetzigen Entbehrungen und empfundenen Ungerechtigkeiten und der Hoffnung, dass er dieses Land nach der Wende zurückbekäme. Ich erahnte, dass er stellvertretend in den ganzen Prozessen wie ein Rächer für »sein« verlorenes Land kämpfte. Er hatte in den letzten zehn Jahren seine ganze Arbeitskraft in diese Prozesse hineingesteckt, war darüber arbeitslos und noch ärmer geworden. Dennoch kämpfte er weiter gegen die Mühlen der Bürokratien und das ihm vermeintlich zugefügte Unrecht mit einer Mordswut – diesem Gefühl, das ich so hautnah an mir erlebt hatte. Ich wusste nun, woher es kam. Es gehörte zu der Geschichte des Klienten und ich konnte es mit Mitgefühl und in Respekt für sein erlebtes Leid bei ihm lassen. Das hat gereicht, um in der weiteren Behandlung bei seinem immer wieder mal einfließenden »Wissen Sie, Frau Doktor« keine aggressiven Affekte mehr zu haben. Ich konnte nun meine eigene Resonanz spüren und ihm ohne Worte ein verständnisvolles »Ja, jetzt weiß ich etwas von Ihrer Geschichte« in den Raum zustellen. Die weitere Behandlung gestaltete sich ohne Gefühlsstürme meinerseits und ohne Verwicklungen und Komplikationen.
Ein wichtiger zu erwähnender Sonderfall von Gegenübertragung ist die Projektive Identifikation. Hier identifiziert sich der Behandler unbewusst mit Menschen und deren meist schrecklichen Verhaltensweisen aus der Vergangenheit des Klienten, die diesem schwer geschadet haben, und agiert diese Verhaltensweisen unbewusst am Klienten aus. Häufig zu finden sind solche Beispiele bei Menschen mit Suchterkrankungen oder auch bei Traumatisierten, bei denen die Behandelnden unbewusst den Teil des Gefühlsszenarios aus der Kindheit der Klienten in Ansätzen ausagieren, der durch Gewalt, Erniedrigung, Missbrauch aller Art sowie Gefühlsausbrüche der Täter geprägt ist. Sie »erleben« diese Gefühle dann als Resonanz in teils erschreckenden und für sie nicht üblichen Ausbrüchen und agieren derbe Entwertungen am Klienten aus. Diese Gefahr sollte natürlich so früh wie möglich erkannt und gebannt werden. Ein Ausagieren dieser Gefühle schädigt Klienten in besonders dramatischer Weise, wenn sie zuvor Vertrauen zu den Behandelnden gefasst haben. Es ist für die Begegnung und für die Therapie von großer Wichtigkeit, solche Gefühle in sich zu erkennen und nicht zu verdrängen. Sie offenbaren einen Teil der Geschichte dieses Patienten, und es kann daran gearbeitet werden, aber eben ohne sie auszuagieren.
Atmosphären
Atmosphäre ist physikalisch eine Lufthülle der Erde, im übertragenen Sinne die Luft, die wir atmen, das Fluidum, das Medium, das die Stimmung der Umwelt vermittelt. Atmosphäre umgibt uns ständig und überall, ist von Sinnesempfindungen, Gefühlen und Erleben durchwirkt, von Bewusstem und Unbewusstem. Atmosphäre ist nichts Statisches. Sie ist nicht beobachtbar, nur wahrnehmbar. Sie ist spürbar, nicht greifbar, oft schwer zu beschreiben. Dennoch wirkt sie auf alle Sinneskanäle eines jeden Menschen je nach Prädisposition und Empfänglichkeit und bereitet ein Feld. Atmosphären, Erlebtes, Szenen, Erinnerungen sind kognitiv, sensomotorisch und emotional im Kopf-Gedächtnis und Leib-Gedächtnis repräsentiert.
Jeder Mensch strahlt Atmosphären aus. Das unbewusste Fluidum, das ein Mensch verbreitet, ist atmosphärisch spürbar. Wenn sich zwei oder mehrere Menschen begegnen, treffen sich ihre Atmosphären, ob sie das wollen oder nicht, sie vermischen sich ohne unser Zutun. Wir sprechen davon, dass die Chemie stimmt oder eben nicht. Atmosphäre kann als anthropologische Synergie betrachtet werden, so Hilarion Petzold. Atmosphären sind auch das unbewusste spürbare Feld des intrapsychischen und/oder des interpersonellen Verwoben-Seins.
Eine Schulung der Wahrnehmung bezüglich Atmosphären und der aktive Umgang mit ihnen ist bei der Arbeit mit Menschen ungeheuer nutzbringend und hilfreich bei Diagnostik, Therapie und Professioneller Selbstfürsorge. Zudem ist sie eine enorme Bereicherung der Sinne und des Erlebens. Bei dem Phänomen der Gegenübertragung spielen Atmosphären eine zu beachtende Rolle.
Die Ausstrahlung der Behandler*innen und der Klient*innen, die Inhalte und die Art und Weise, wie kommuniziert wird, bestimmen maßgeblich die Atmosphäre, in der ein Gespräch stattfindet. Und sie haben eine Auswirkung auf die Beteiligten. Jeder Mensch reagiert auf diese szenischen, nonverbalen und nur über die Sinne erlebbaren Atmosphären. Man denke nur an den Geruch in einer Zahnarztpraxis oder das aromatische Ambiente in einem Kaffeehaus, wiederum mit meist unbewussten physiologischen und emotionalen Folgen. So können Atmosphären erinnern im angenehmen oder triggern im traumatischen Sinn. Wenn ich zu meinem Gegenüber freundlich und offen eingestellt bin und dies atmosphärisch spürbar wird, kann in ihm eine andere Reaktion erwachsen, als wenn ich ihn abwertend betrachte oder eine negative Meinung über ihn habe.
Ein kleines Beispiel, wie verinnerlichte erlebte Szenen atmosphärisch triggern können: Eine Klientin war verzweifelt darüber, dass sie und ihr Freund sich immer, wenn sie in einem bestimmten Restaurant waren, so existenziell stritten, dass sie ihre Beziehung infrage stellten. Sie saßen immer an ihrem Stammplatz und nahmen auch immer bestimmte Plätze bei Tisch ein. Bei der Bearbeitung dieses Problems stellte sich heraus, dass die Klientin (K) sich in ihrer Herkunftsfamilie zehn Jahre lang jeden Tag beim Essen mit dem Vater aufs Heftigste gestritten hatte. Die Sitzposition am Esstisch war damals dieselbe wie jetzt mit ihrem Partner (P) in dem Restaurant. Die Klientin hatte unbewusst die explosive Tischatmosphäre mit ihrem Vater auf den Freund übertragen. Das Problem mit dem Vater konnte in der Therapie bearbeitet werden. Bei den nächsten Restaurantbesuchen wählten sie eine andere Sitzordnung und der Abend verlief harmonisch. Beide waren sehr erleichtert, dass sie fortan in Ruhe miteinander essen gehen konnten.
Empathie und Zuversicht sind die beiden wirkstärksten Faktoren in der erfolgreichen Behandlung eines Menschen. Sie werden vor allem durch die atmosphärische Haltung und Ausstrahlung, die vorwiegend nonverbal ausgedrückt werden, vermittelt. Ist die verbale Kommunikation mit der nonverbalen in Gestik, Mimik, Haltung, Ausdruck etc. kongruent, werden die Klient*innen und Patient*innen diese Empathie und Zuversicht verstärkt in sich erleben können. (Zur Erinnerung: Von der nonverbalen Kommunikation kommen 50–70 Prozent beim Gegenüber an, von der verbalen Kommunikation 30–50 Prozent.) Sie werden darauf mit einer anderen Haltung und Gestimmtheit reagieren, als wenn sie bewertend oder aus einem Persönlichkeitsanteil der Behandler*innen betrachtet werden.
Zur Atmosphäre und zum Klima in einer Praxis oder einem sonstigen Arbeitsumfeld tragen die dort tätigen Menschen mit ihren Grundstimmungen und momentanen Befindlichkeiten ebenso bei wie ihr Verhältnis untereinander. Auch die Patient*innen und Klient*innen, die an diesem Tag in die Praxis kommen, haben durch ihre Gestimmtheit Einfluss auf die Atmosphäre, zum Beispiel im Wartezimmer. Und auch das äußere Ambiente, die Gestaltung der Räumlichkeiten, die Farben und Formen, die Geräusche und Gerüche, alles wirkt auf die Sinne und prägt die Atmosphäre mit.
Offene, subjektive, geschulte Wahrnehmung
Schon Erich Fromm sah im Menschen die Fähigkeit zur subjektiven Wirklichkeitswahrnehmung, die er außer der Fähigkeit besitzt, die Realität so zu beurteilen, dass sie für ihn lebbar ist. Er betont unterschiedliche Wahrnehmungsresultate durch verschiedene Sichtweisen für ein So-Sein-Müssen oder ein Da-Sein-Dürfen. Schaut er einen Menschen nach bestimmten Kriterien, Stärken, Schwächen, Zielsetzungen oder nach »Gebrauchswert« an (So-Sein), dann entsteht ein funktionalistischer Kontakt. (Im IIFS aus einer Teile-Perspektive). Vermag er den Menschen mit Aufmerksamkeit und Respekt, mit Lust und unter Registrierung seiner Gefühle zu sehen als der, der er ist (Da-Sein), erlaubt »die Fähigkeit zu dieser Art von Wirklichkeitswahrnehmung«, den anderen in seinen tiefsten Wurzeln und in seinem ganzen Wesen zu erkennen. (Diese Beschreibung hört sich im IIFS nach SELBST an). Dazu muss er präsent sein und die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung haben, was eine Voraussetzung für ein sich Einfühlen in den anderen ist.
Diese Erkenntnis hatte er viele Jahrzehnte, bevor Daniel Siegel die faszinierende Welt der psychotherapeutischen Neurobiologie den interessierten Kolleg*innen näherbrachte und, neurophysiologisch begründet, für eine innere Ausbildung der Kunst der Achtsamkeit, der Präsenz, Offenheit und Selbstwahrnehmung, der Einfühlung in sich selbst und die anderer Menschen warb. Aus u. a. diesen therapeutischen Qualitäten heraus, die sehr den SELBST-Qualitäten im IIFS entsprechen, resultieren Erfolge in Therapien.
Wenn die subjektive Wirklichkeitswahrnehmung selbst bei einem Menschen unter verschiedenen Vorzeichen unterschiedlich ausfallen kann, was geschieht dann, wenn zwei Menschen sich begegnen? Therapeuten/Ärzte und Klienten/Patienten zum Beispiel? Oder Mann und Frau? Oder Eltern und Kinder? Oder? Und wenn wir hier schon die Denkweise der IIFS vorwegnehmend mit einbeziehen: Ist es nicht spannend zu erfahren, welche unserer Persönlichkeitsanteile auf die Persönlichkeitsanteile von anderen Menschen reagieren, und was es zu erleben gibt, wenn der Kontakt, die Begegnung und die Beziehung durch Selbstqualitäten geprägt sind?
Und dann stelle ich mir die Frage: Mit welcher Wahrnehmungsschulung werden Ärzte und Therapeuten in ihrer Ausbildung ausgestattet? Wie oft stellen Ärzte und Therapeuten ihre eigenen Wahrnehmungen über die Patienten und Klienten und sich selbst infrage? In einer Arbeit, die die Kunst der Wahrnehmung in der Gesprächsführung von Ärzten beleuchtet und sie nach ihren Wahrnehmungen gefragt werden, zeigt sich in der Mehrzahl der Fälle ein Dilemma.2 Die wenigsten Behandler konnten subjektive und objektive Wahrnehmung, Interpretation, Meinung und Ansicht, Deutung und Hypothesen im Gespräch sauber voneinander trennen, geschweige denn unterschiedliche Therapieschulen voneinander unterscheiden oder anwenden. Ärzte zeigten sich in Gesprächssituationen oft in einer besserwisserischen Grundhaltung. Michael Balint bezeichnete dies ironischerweise als »Apostolische Funktion« des Arztes. (Im IIFS würden wir von einem missionarischen, besserwisserischen Teil sprechen.) Ärzte und Ärztinnen haben gelernt, dass sie die Experten für Gesundheit sind, Patienten erleben sich ihnen gegenüber oftmals in unterlegener, kindlicher Haltung. Damit sich auch Ärzte und Patienten menschlich auf Augenhöhe begegnen und ein wirkliches Gespräch miteinander führen können, ist eine Schulung der Wahrnehmung bei sich selbst und bei seinem Gegenüber eine wesentliche Voraussetzung. (Siehe auch Teil 4 zu den Ärzt*innenteilen.)
Hier haben die in der Selbsterfahrung geübteren Psychotherapeut*innen den Ärzt*innen gegenüber sicherlich einen großen Vorteil bezüglich des Wissens und Erprobens in Wahrnehmung und Selbstreflexion. Die achtsame Wahrnehmungsschulung mit der Unterscheidung von Ich und Du macht eine dialogische Begegnung und eine professionell partnerschaftliche Therapeuten-Klienten- oder Arzt-Patientenbeziehung erst möglich. Das kann für alle nur gewinnbringend sein. Haltung und Methode der IIFS bringen hier eine weitere Spezifizierung und Vertiefung.
Selbstverantwortung
Selbstverantwortung dient als gute Voraussetzung, sich selbst und die anderen besser kennenzulernen, beide gleichwertig in ihrer individuellen Wirklichkeit anzuerkennen und Verantwortung für sich und sein Innenleben zu übernehmen. Ich bin ich und du bist du. In den Gestalttherapieausbildungen wird immer wieder dieser schönen Satz gesagt: »Ich bin ich und du bist du, und an unseren Grenzen erleben wir den Kontakt. Dort kann etwas Neues entstehen, da können wir uns begegnen.« Dazu gehört, dass wir als Menschen uns gegenseitig wertschätzen in unserem Da-Sein und die eigenen Grenzen und die des Anderen respektieren. Im Kontakt mit Klient*innen und Patient*innen kann so eine gemeinsame Arbeit beginnen.
Auf der Subjektstufe eröffnet eine derart geschulte Selbstwahrnehmung, in der ich gleichermaßen das bin, mit dem ich in meinem Inneren in Kontakt trete, neue Dimensionen der Innenräume und legt gleichzeitig die Verantwortung für sich selbst nahe. Ich bin in Kontakt mit meinem Herzen, also bin ich auch mein Herz und dafür verantwortlich. Ich bin in Kontakt mit meinem Körper, also bin ich auch mein Körper und dafür verantwortlich. Ich bin in Kontakt mit meiner Freude, also bin ich meine Freude und dafür verantwortlich. Ich bin in Kontakt mit meinem Gefühl, also bin ich mein Gefühl und dafür verantwortlich. Ich bin in Kontakt mit meiner Krankheit, also bin ich meine Krankheit und dafür verantwortlich. Ich bin in Kontakt mit meiner Gesundheit, also bin ich meine Gesundheit und bin auch verantwortlich dafür.
Und ich bin auch noch mehr als das Einzelne, das Herz, die Gesundheit usw., da ich ja wahrnehmen und darüber reflektieren kann. Das Wechselspiel von Sein und Haben der Gefühle, Reflexionen, Positionen und das Erklimmen von Metapositionen verschaffen Flexibilität und Erweiterung des Horizontes.
Diese Art der Selbstwahrnehmung und Selbstverantwortung zu üben, kann den Umgang mit sich selbst und auch mit anderen verändern helfen. Wären wir geschulter darin, würden so manche aktuellen zwischenmenschlichen Konflikte gar nicht erst entstehen. Ein Nährboden für viele Unglückseligkeiten ist Ich und Du zu verwechseln, Eigenes in den anderen hineinzuprojizieren und den anderen für das eigene Wohlergehen verantwortlich zu machen. Das kommt privat wie beruflich vor. Wenn die Zuständigkeiten der Verantwortung wieder bei jedem an ihren Platz rücken, kann jeder für sich, seinen Körper, sein Wohlergehen mehr verantwortlich sein, als er zunächst glauben mag. Gestehen wir diese Selbstverantwortung auch unseren Klienten und Patienten zu, dann stärkt diese Verantwortung ihre inneren Kompetenzen und Ressourcen. Wir schenken ihnen etwas, was wir ihnen sonst stehlen würden, wenn wir ihnen die Verantwortung für sich selbst oder etwas zu ihnen Gehöriges (Herz, Krankheit, s.o.) wegnehmen. In der Psychotherapie machen wir es explizit, dass wir auf die Mitarbeit der Klienten angewiesen sind, ohne die wir schlicht hilflos sind. Niemand kann gegen seinen Willen und ohne seine Mitarbeit therapiert werden. Wir haben (meistens – oder sollten ihn haben) einen expliziten Behandlungsauftrag, auf dessen Grundlage wir die Behandlung durchführen. Die Therapie geschieht auf Augenhöhe. Wir übernehmen (meistens) keine falsche Verantwortung für diejenigen, die bei uns Hilfe suchen, aus einem etwaigen Helferanteil heraus, sondern schauen mit der betreffenden Person zusammen, was sie braucht, aus einer wohlwollenden, freundlichen Haltung.
In der Medizin sind die Behandlungsaufträge leider häufiger nicht so explizit, sondern eher implizit, und die Verantwortlichkeiten nicht so gut geklärt. Der darin nicht geschulte Arzt übernimmt diesen impliziten Behandlungsauftrag und arbeitet für den Patienten, nicht mit ihm. Und an dieser Stelle überarbeitet er sich oft. Dann kommen Helfer- oder Retter-Anteile der Ärzte zum Tragen, die ihnen das Leben schwer machen und für die Patienten auf lange Sicht noch nicht einmal unbedingt hilfreich sind. Hier besteht ein großer Bedarf an der Klärung der Zuständigkeiten, wofür ist der Arzt verantwortlich und wofür der Patient. Eine Selbstverantwortung des Patienten enthebt die Therapeuten und Ärzte selbstverständlich nicht ihrer beruflichen Sorgfaltspflicht. Eine Therapie im gegenseitigen Einvernehmen und das Finden gemeinsamer Entscheidungen stärkt das Ärzt*innen-Patient*innen-Verhältnis.
Ich und Du, Grenzen und Kontakt, Beziehung und Bindung
Ich und Du auseinanderzuhalten ist nicht die einfachste Sache auf der Welt. Überall, wo Menschen zusammenkommen, bestehen Möglichkeiten und Gefahren, sich miteinander unabsichtlich zu verwickeln. Gefühle, Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse bei sich abzuspalten und in andere Menschen hineinzuprojizieren, sie wie auf anderen Kontinenten unterzubringen, bezeichnet der Paartherapeut Michael Lukas Moeller als »Kolonialisierung der Gefühle«. So etwas endet bekanntlich in Kollusionen, Enttäuschungen, Verstrickungen, aus denen sich nur mühsam befreit werden kann. Auch was wir selber in uns ablehnen, als fremd oder unheimlich bezeichnen, projizieren wir »gerne« in andere hinein. Arno Gruen schreibt in seinem Buch »Der Fremde in uns« beeindruckend über diesen Mechanismus. Schon Donald Winnicott machte auf das tiefe Verwobensein von Intrapsychischem und Interpersonalem aufmerksam. Die Transaktionsanalyse beschreibt die unterschiedlichen Beziehungskonstellationen in abgegrenzten und in symbiotischen Beziehungen. Es erfordert eine gute Selbstwahrnehmung und Kenntnis seines eigenen kleinen inneren Kosmos’ und seiner Grenzen. Eine nicht-narzistische Selbstliebe ist die Voraussetzung zu einer Beziehungs- und Bindungsfähigkeit. Das Wissen darum, dass es noch fast acht Milliarden andere Menschen mit jeweils ihrer eigenen Innenwelt und ihren Grenzen gibt, hilft, zwischen sich und anderen zu differenzieren, sich und seinen Mitmenschen respektvoll zu begegnen, und eigene und fremde Grenzen zu wahren. Dann können wir als Menschen zu erwachsenen Kontakten finden, in denen jeder die Verantwortung für sein eigenes Innenleben trägt und nicht den anderen für sein Wohlergehen oder seine Misere verantwortlich macht. Nicht selten suchen Menschen in aktuellen Beziehungen nach dem, was sie in der Kindheit und Jugend dringlichst gebraucht hätten, vermisst haben oder nach der einen großen wesentlichen Sehnsucht, die nicht erfüllt wurde. Damals waren andere für ihr Leben verantwortlich, heute nicht mehr. Wenn das nicht bewusst wird, sind häufig ihre »Inneren Kinder« an der dysfunktionalen Wahl von und der Auseinandersetzung mit Partner*innen, Freund*innen und sozialem Umfeld mit beteiligt. Heute die Bedürfnisse von gestern zu erfüllen, führt jedoch meist nicht zu glücklichen Beziehungen, da die Partner*innen sich gegenseitig funktionalisieren und sich nicht wirklich sehen. Dann erleben sie mit den neuen Partner*innen genau wieder das, was sie eigentlich so gar nicht mehr hätten gebrauchen können. Gegenseitig nehmen sie sich den Entwicklungsspielraum. In privaten wie in professionellen Beziehungen tendieren Menschen dazu, anderen das zu geben, was sie selbst gebraucht hätten, sich selbst wünschten – meist nicht mit dem erhofften Ausgang. Hier wäre es sinnvoller, eigene Beweggründe, Wünsche und Bedürfnisse bei sich zu kennen, verantwortungsvoll dafür zu sorgen, sie zu erfüllen oder zu erkennen, dass es sich um alte Bedürfnisse handelt, statt sie auf das Gegenüber zu übertragen und enttäuscht zu sein. Erfüllendere und gegenseitig inspirierende Kontakte und Dialoge entstehen häufig an der Grenze, an der sich Ich und Du wirklich begegnen, jeder in Verantwortung für sich und offen für eigene und fremde Impulse. So können tiefe Begegnungen und Beziehungen wachsen, in denen das jeweilige Gegenüber immer wieder neu entdeckt werden kann. In der Folge führt das zu verlässlichen erwachsenen Bindungen. Eine Schulung der Wahrnehmung im oben angeführten Sinn kann hierzu einen wesentlichen Beitrag leisten.
1 Petzold, Hilarion (1990). Integrative Therapie, Modelle, Theorien und Methoden für eine Schulen übergreifende Psychotherapie, Band. I und II. Paderborn, Junfermann
2 Sonneborn, Uta (2005). Emotionale und Psychosoziale Kompetenz für Medizinstudenten und Ärzte, Inauguraldissertation, Medizinische Fakultät Ruprecht-Karl-Universität Heidelberg
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Körperpsychotherapien
Der beseelte Körper beinhaltet all unser Bewusstes und Unbewusstes. Wir müssen und können nicht alles zu Tage fördern. Das macht keinen Sinn und würde uns daran hindern, heute zu leben. Aber wenn blockierte Gefühle oder alte Narben uns tatsächlich daran hindern, ein freieres, gesünderes, selbstbestimmteres Leben zu führen, ist es notwendig, im Hier und Jetzt an der Vergangenheit zu arbeiten. Dabei können Körperpsychotherapien wirkmächtige Instrumente sein. Alles, was uns Menschen ausmacht, seien es unsere Gedanken, Gefühle, unser Verhalten und unsere Haltung, alles geht mit körperlichen Reaktionen und einem Ausdruck einher. Denken wir etwas Wohlwollendes oder etwas Kritisches, fühlen wir Freude oder Angst, tun etwas, das sich stimmig anfühlt oder etwas, das uns widerstrebt, haben wir eine innere Haltung oder verhalten wir uns – unser Körper reagiert immer mit, bis in jede Zelle. In Gestik, Mimik, in den Augen, um den Mund, in der Stimme und ihrer Lage, ihrer Betonung und ihrem Ausdruck, im Muskeltonus, in der Haltung und in der Bewegung findet der Körper dafür eine entsprechende Reaktion. Der körperliche Ausdruck ist auch geprägt von denen, die uns großgezogen haben, deren Präsenz und Ausstrahlung, durch Imitation, durch übernommene Erfahrungsmuster, durch Epigenetik, durch Bindung, durch die Summe unserer Erfahrungen und den jetzigen Augenblick auf unserem persönlichen Hintergrund. Frühkindliche und kindliche Erfahrungen sind dem Bewusstsein oft nicht zugänglich und können noch nicht versprachlicht werden. Die Bearbeitung ist daher verbal und kognitiv allein durch an Sprache gebunde Psychotherapie schwierig bis nicht möglich. Bei früh verstörten Klienten ist das Gehirn so manches Mal nicht in der Lage, Körperempfindungen mit Gefühlen in Zusammenhang zu bringen (Alexithymie). Ihnen fällt es dadurch schwer, Vertrauen in ihren Körper zu haben. Der Zugang zu vorsprachlichen Erinnerungen und das notwendige Erlernen von Selbstwahrnehmung und Vertrauen kann durch körpertherapeutische Prozesse erreicht werden. Im Gehirn ergeben sich so neue synaptische Verbindungen in den Gefühlszentren. Die körperlich gespeicherten emotionalen Erlebnisinhalte können dann gefühlt und verbalisiert werden und der Bearbeitung besser zugänglich sein. Die integrative Gestaltpsychotherapie spricht vom Leib, gemeint ist der »beseelte« Körper, in dem alles, was der Mensch jemals erlebt hat, als Erfahrung gespeichert ist. Ganze verleiblichte Szenarien, Haltungsmuster, epigenetische »Erfahrungen« u.v.a.m. sind in jedem Menschen »abgelegt«. Das Bewusstsein kann sie oftmals nicht und schon gar nicht in ihrer vollen Komplexität erinnern. Eine den Körper miteinbeziehende Psychotherapie erweitert den Zugang zum Erinnerungsvermögen beträchtlich. Ein Mensch, der an Selbsterfahrung interessiert ist und/oder dessen Leben in eine Schieflage gerät, entwickelt vielleicht psychische oder körperliche Symptome und Erkrankungen, was Anlass zu einer Psychotherapie sein kann. Grundlage jeder Körperpsychotherapie ist eine achtsame Körper- und Gefühlswahrnehmung. Alleine durch die Lenkung der Aufmerksamkeit entstehen neuronale Entladungen und es können neue neuronale Verbindungen wachsen. (Daniel Siegel) Dann kann mithilfe der Körperpsychotherapie nicht nur herausgefunden werden, in welchem alten Szenario oder Haltungsmuster die Klientin feststeckt, sondern auch unter Nutzung von Körperempfindungen und -ausdruck, Gefühlen, Intuition und Verstand nach Befreiung von alten Mustern, Lösungen und Veränderungen gesucht werden. Korrigierende Erfahrungen im Hier und Jetzt können geschehen. Nach Bessel van der Kolk ist die körperliche Selbstaufmerksamkeit der erste Schritt zum Loslassen der Tyrannei der Vergangenheit. Von allen Wesen ist der Mensch das einzige, das eine Bewusstheit über sein Körpergeschehen haben kann, und damit zu einer Selbstwahrnehmung in der Lage ist. Dieses ganze Potenzial nicht zu nutzen wäre – nun ja, eigentlich unverständlich. Antonio Damasio hat 2001 bewiesen, dass jedem bewusst wahrgenommenem Gedanken, jeder Emotion und jedem Affekt eine halbe Sekunde zuvor eine Körperreaktion vorausgegangen ist. Das bedeutet, unser Körper ist immer schneller als unser Bewusstsein. Jeder innere oder äußere Reiz löst im Körper erlebbare, mess- und sichtbare Reaktionen aus. »Diese werden als somatische Marker bezeichnet und sind das Endergebnis komplexer hormoneller Regelkreise«.3 Nun besteht die Verführung zu sagen, ja, wir Psychotherapeut*innen, die von einer Zusammengehörigkeit von Körper, Seele und Geist ausgehen und unterschiedlichste körperpsychotherapeutische Ausbildungen integriert haben, haben das schon immer intuitiv erfasst. Ja – und es ist toll, dass die Grundlagen und die Hypothesen der Körperpsychotherapien nun endlich einen wissenschaftlichen Boden gefunden haben. Es besteht die Hoffnung, dass in kommender Zeit auch keine Psychotherapieausbildung mehr ohne Körperpsychotherapien gelehrt und diese den Einzug in die Richtlinienpsychotherapie finden werden. Wenn wir lernen, unseren Körper mit in unsere Wahrnehmung einzubeziehen und eine Bewusstheit dafür zu entwickeln, was unsere Körperreaktionen und Empfindungen auszudrücken vermögen, ist dies bei der Erkundung unserer Innenwelt (ob als Mensch, als Therapeut, als Klient) extrem hilfreich. In der IIFS machen wir uns diese Tatsache bei der Differenzierung zunutze, wenn wir uns und unsere Klient*innen SELBST und in den Persönlichkeitsanteilen erleben.
Die Körperpsychotherapien setzen diese Körper-Seele-Geist-Zusammengehörigkeit voraus und haben damit die Erfahrung von in der Tiefe wirksamen und nachhaltigen Therapieergebnissen gemacht. Sie verfügen über vielfältige Techniken, sowohl für den Zugang zur Innenwelt durch Körpererleben, als auch dafür, das psychische Erleben durch achtsame Wahrnehmung und Körperausdruck bewusst zu machen. Ihr Instrumentarium verfügt über einen großen Gestaltungsspielraum. Dazu gehören eine geschulte, achtsame, feine (Körper-)Wahrnehmung und ein Experimentieren mit Ausdruck und Bewegung, die die dem Menschen innewohnenden Gefühle, Gedanken, Erlebnisse, Szenen, Erinnerungen ins Gewahrsein zu bringen vermögen. Körperpsychotherapien praktizieren mittels Visualisierung, Fokussierens, Verstärkung oder Abschwächung und Bewusstwerdung des jeweiligen Ausdrucks und der Haltung. Atemarbeit, Stimmarbeit, szenische, emotionale und körperliche Ausdrucksarbeit gehören genauso dazu wie Aufstellungs- und Skulpturenarbeit. Auch Techniken zur Erdung, zum Loslassen, zum Zentrieren bahnen neue Erfahrungen. Es wird mit Haltungen, Bewegungen, Einlassen und Abgrenzen experimentiert. Die Gestaltpsychotherapie verfügt mit der »Stuhltechnik« über eine Möglichkeit, Persönlichkeitsanteile oder Symptome zu externalisieren, ihnen eine Gestalt zu geben, sich in sie hineinzuversetzen, sie zu erleben und so zu vermehrtem Erkenntnisgewinn zu gelangen. Kreative Medien aus Tanz-, Musik-, Kunst-, Theater-, Schreibtherapie u.v.a.m. werden zum Externalisieren genutzt, um durch das Erleben und Erfahren einen Ausdruck für das im Inneren Gefühlte zu finden oder durch ein unbewusstes Gestalten von innerem Material ein Gegenüber im Außen zu kreieren und dadurch Ein-Sicht und mehr Erkenntnis zu bekommen (siehe Kapitel zum Externalisieren). Eine weitere Interventionsmöglichkeit bietet die körperorientierte Psychotherapie mit szenischen oder psychodramatischen Rollenspielen, die alte Konflikte wieder erfahrbar machen, sie bearbeiten und zu einer korrigierenden Erfahrung bringen können. Die achtsame, auf den Prozess des Klienten zentrierte, systematische Berührung durch die Therapeutinnen wird ebenso sorgsam wie respektvoll eingesetzt, um bestimmte Pfade in seiner Vergangenheit zu begleiten. Hierdurch können Klienten wieder mit verdrängten oder abgespaltenen Anteilen und Szenen in Kontakt kommen, dieses Mal als Erwachsener und in Begleitung der Therapeutin. Zusätzlich kann ein haltgebendes aktives Containment durch die Therapeutin einen nachnährenden Effekt im Sinne einer korrigierenden Erfahrung haben. Auch die heute weitverbreiteten Externalisierungstechniken sind seit Langem Teil der Körperpsychotherapie, ebenso wie die Arbeit mit einer Metaposition durch einen neutralen Inneren Beobachter, wie des Inneren Zeugen, des Inneren Regisseurs etc. Die Instanz des SELBST im IIFS ist mehr als ein neutraler Beobachter. Es ist körperlich und mental erlebbar und erfahrbar und äußert sich in einer im Innen und Außen übereinstimmenden SELBST-Haltung. Persönlichkeitsanteile sind ebenso auf allen Ebenen erlebbar und erfahrbar, und auch sie äußern sich in ihnen entsprechenden Haltungen.
Worauf Körperpsychotherapeut*innen besonders achten müssen
In der psychotherapeutischen Arbeit mit dem ganzen Menschen gilt es für alle Körperpsychotherapeut*innen, eine humanistische, achtsame, respektvolle, Grenzen wahrende und über die vielfältigen Zusammenhänge von Körper, Seele und Geist wissende therapeutische Haltung einzunehmen. Die Techniken der Körperpsychotherapien stellen sehr wirkungsstarke Instrumente dar, um Gefühle und Erinnerungen aus dem persönlichen Hintergrund herauszulösen. Durch deren körperliche Erfahrbarkeit heute, in Gegenwart der Therapeutin, scheint ein Verbalisieren des emotionalen Erlebens von damals, von alten, festgefrorenen, dramatischen oder traumatischen Szenen möglicher, wofür früher keine Worte da waren. Durch die Verbalisierung und das partielle Wiedererleben der Erinnerungen aus früheren Zeiten, den Beistand und Trost der erwachsenen Klientin SELBST und die Begleitung der Therapeutin SELBST ist eine Be- und Verarbeitung möglich. Die eigene Geschichte kann so ohne schädigende Überflutungen als Narrativ integriert werden. Bei traumatischen Ereignissen sind in der Körperpsychotherapie alle Regeln der Traumatherapie zu berücksichtigen und anzuwenden. Auf ausreichende Stabilisierung ist vor einer eventuellen Bearbeitung von traumatischem Material zu achten. (Siehe dazu v.a. PITT von Luise Reddemann u. a.m.) Mir liegt dieser Punkt deshalb besonders am Herzen, weil Therapien unter Einbeziehung des Körpers sehr wirkmächtig sein können und die Tore zu vergrabenen Gefühlen und Erinnerungen wesentlich schneller öffnen können, als es ausschließlich Gespräche vermögen. In den Anfängen der experimentellen Körpertherapie wurde hier nicht selten die schützende Abwehr der Klientinnen überrollt, sodass die Klientinnen von traumatischen Inhalten überflutet wurden, und es endete schließlich in Dissoziationen, Selbstverletzungen oder mit Suizidalität in der Psychiatrie. Psychotherapeutinnen sollten sich selbstverständlich bewusst sein, was sie tun. Beziehen sie den Körper mit ein, muss klar sein, dass ihnen hier noch eine zusätzliche und besondere Sorgfaltspflicht obliegt. Keinesfalls sollte die Klientin, auch nicht durch wohlmeinende Therapeutenanteile, in eine Richtung gedrängt werden. Sie selbst gibt die Richtung und das Tempo vor, da sie schneller als in ausschließlich sprechenden Therapien mit bisher verdrängtem Material oder ganzen Erlebnisszenarien in Kontakt kommen kann. Ebenso sind auch die Teile der Klientin zu berücksichtigen, die ganz schnell etwas durcharbeiten oder es der Therapeutin recht machen wollen. Diese wollen erkannt sein – sie sollten nicht die Richtung bestimmen. Die Klientin darf aus der Behandlung keine (Re-)Traumatisierungen mitnehmen. Körpertherapeutinnen benötigen daher auch immer eine ausführliche Psychotherapieausbildung. Alle seriösen Körperpsychotherapien basieren auf humanistischen Psychotherapien und ihren Grundsätzen. Sie bieten daher auch nur mehrjährige Ausbildungen mit einem hohen Anteil an Selbsterfahrung, Lehrtherapie und Supervision an, um diese sorgfältige Psychotherapieausbildung zu gewährleisten.
3 Damasio, Antonio (2000). Ich fühle, also bin ich. München, List
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Traumatherapie
Im Körpergedächtnis können Erinnerungen aller Art gespeichert sein, wunderbare, alltägliche und schreckliche, die dem Bewusstsein nur partiell zugänglich sind. Die schrecklichen erleben wir stark bei Klienten mit traumatischen Erfahrungen. Van der Kolk spricht von dem »verkörperten Schrecken«. Patienten erleben diese alten, traumatischen, sie überflutenden Erinnerungen häufig fraktioniert, teils als Körpergefühle wie körperliche Schmerzen oder Reaktionen, teils als schreckliche Gefühle, Gedanken, Bilder mit negativen Kognitionen. Die alte Realität wird dann fraktioniert im Hier und Jetzt erlebt und ist mit der aktuellen Realität nicht kongruent. Das kann zu großer Verwirrung und zu Ängsten führen, sich selbst und seiner Wahrnehmung nicht mehr trauen zu können. Es kann sogar die Angst hervorrufen, verrückt zu sein. Das wiederum zieht große Unsicherheit und Verlust von Stabilität nach sich. Hier ist es eine wesentliche Aufgabe der Traumatherapie, eine verlässlich spürbare körperliche Identität und Stabilisierung im Hier und Jetzt zu festigen, bevor man sich den traumatischen Inhalten zuwendet. Eine Psychoedukation hinsichtlich der Bewältigung von Trauma ist von Vorteil, da sie den Klient*innen die Handlungshoheit anvertraut. Ungebetene Überflutungen gilt es zu vermeiden, da diese retraumatisierend wirken können. Im nächsten Schritt geht es darum, diese traumatischen Erinnerungen als solche zu identifizieren, sie als in der Vergangenheit leider geschehen anzunehmen, sie zu bezeugen und zu neuen, teils imaginativen, teils auf die aktuelle, nicht traumatisierende Realität bezogenen Bahnen im Gehirn zu leiten (PITT, EMDR), und dies ins neue Erleben zu bringen. Es wird der Klient gleichzeitig zum Erlebenden und zum Beobachter seiner eigenen Geschichte, der mit etwas Abstand seine jüngeren Persönlichkeitsanteile zum Zeitpunkt der Traumatisierung betrachtet. Schaut er diese aus sich SELBST heraus mit den Augen des Mitgefühls und nicht bewertend an, kann er eine wohlwollende Verbindung zu dem Menschen mit seinen Anteilen, der er mal war, schaffen. Eine intrapersonelle Verbindung entsteht. Er erkennt körperlich, mit einem Fühl-Sinn und mit dem Verstand, den Unterschied zwischen früher und jetzt. Das Geschehene kann er nun als Teil seiner Geschichte integrieren. Die Vergangenheit kontrolliert ihn nicht mehr. Sie ist narrativer Teil seiner Geschichte geworden. Die drei Phasen der Trauma-Therapie: Stabilisierung, Konfrontation und Integration sollten eingehalten werden.
Teil 2
IIFS – Die Integrative Systemische Therapie mit der Inneren Familie

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Eine kompakte Zusammenfassung
Die Systemische Therapie mit der Inneren Familie (IFS) wurde Mitte der 80er-Jahre von Richard Schwartz in den USA entwickelt. Er übertrug die systemische Sichtweise auf die Innenwelt und betrachtete die innere Multiplizität als etwas Natürliches statt als Störung. Die IFS ist zugleich Haltung und Methode. Sie ist ein Weg, mit sich selbst, mit Einzelnen, Paaren und Gruppen so zu arbeiten, dass jeder lernt, sein »Selbst«, den Kern eines jeden Menschen mit wertvollen, nicht bewertenden Führungseigenschaften aufzufinden, auszudifferenzieren und die eigenen Persönlichkeitsanteile und die der anderen Menschen empathisch zu verstehen, zu bezeugen, zu entlasten und so ein neues Gleichgewicht zu ermöglichen. Menschliche Probleme werden auf selbstbefähigende Weise verstanden und behandelt. IFS stellt einen humanistischen und ökologischen Ansatz für tiefe Heilung dar und findet in einer breiten Palette von Selbsterfahrung bis zur Therapie von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen seine Anwendung, ebenso auch in Konfliktlösungsprozessen und im Alltag. »Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust«, beklagte nicht nur Faust in Goethes Werk. In jeder Brust wohnt eine Vielzahl von inneren Anteilen. Innere Ambivalenzen und Konflikte sind natürlich. Sie machen menschliche Grundprobleme einerseits aus und tragen andererseits die Chance auf innere Vielfalt, Wachstum, persönliche Entwicklung und Heilung in sich.
Entstehung der Methode und das Innere System
Als ursprünglich systemisch ausgebildeter Therapeut wurde Richard Schwartz immer neugieriger, mehr über die Innenwelt seiner Patienten und Klienten zu erfahren. Er stellte sich dem Experiment, über Jahre hinweg ausschließlich zuzuhören, zu sehen, zu beobachten, empathisch und neugierig seine Patienten zu begleiten, und versetzte sich mehr und mehr in die Lage, das in der Ausbildung Erlernte – Psychopathologie, Lehrmeinungen über Persönlichkeit und Therapie, Annahmen über Zusammenhänge, Hypothesenbildung – eher in die zweite Reihe zu stellen, um sich der inneren Welt seiner Patienten widmen zu können, ihnen wirklich zuzuhören, offen, interessiert und mit viel Empathie.
So erfuhr er von den sich in seinen Klienten widerstreitenden Anteilen, die wie richtig echte (Teil)Persönlichkeiten ihre Konflikte miteinander und gegeneinander austrugen, was heftigen inneren Kämpfen entsprach, solange die Klienten mit dem jeweiligen Anteil identifiziert sind. Sobald jedoch die Klienten die Anteile mit ein wenig Abstand sehen und erleben konnten, hörten, was diese Anteile dachten, fühlten, taten, die Situation, in der sie entstanden waren, würdigen konnten, kam eine veränderte Stimmung, Haltung, Mimik in diesen Klienten zum Vorschein, die sich mit liebevoller und ruhiger Stimme den Anteilen zuwandten. Diese »Desidentifikation« (Externalisierung, Separierung, Distanzierung, Entschmelzung, Abgrenzung) des Selbst von dem Persönlichkeitsanteil (»Teil x« genannt) konnte Richard Schwartz einladen, wenn er die Klienten bat, den Teil x etwas beiseitetreten zu lassen, damit sie ihn besser sehen und wahrnehmen könnten. Mit der Frage, was die Klienten für den Teil x fühlten, bekam er Antworten vom Selbst, die von tiefem Verständnis, Mitgefühl, Liebe, Dankbarkeit oder Wertschätzung geprägt waren, einhergehend mit einem veränderten Seinszustand. Oder es wurden neue Teilpersönlichkeiten deutlich, die mit Bewertung, Ablehnung, heftigen Gefühlsausbrüchen, Ablehnung, Hass, Identifizierung reagierten.
Diese inneren Persönlichkeitsanteile kann man sich als reale Persönlichkeiten vorstellen. So gibt es in uns Menschen Teile, die Perfektionisten und Schlamper sind, Organisatoren und Chaoten, Kritiker und Schönredner, Streber und Faule, Multitasker und Monotasker, Besserwisser und Sein-Licht-unter den-Scheffel-Steller, Draufgänger und Schüchterne, Kontrolleure und Laissez-fairerer, Schweiger und Quasselstrippen, Entwertete und Entwerter, Verletzte und Angreifer, zu Beschützende und Beschützer der harmloseren Art und auch der gewalttätigen oder (selbst-)destruktiven Art wie Furien, Süchtige und Zerstörer und u.v.a.m. in allen Geschlechtern.
Er fand heraus, dass die unterschiedlichen Anteile bestimmte Funktionen in der Geschichte eines Menschen übernahmen, die er in beschützte (Verbannte) und zu beschützende Anteile (Manager und Feuerbekämpfer) unterteilte. Das Selbst unterscheidet sich durch andere Qualitäten; es ist kein Teil.
Schwartz entdeckte, dass Teile bei verschiedenen Personen vergleichbare Rollen übernehmen und dass sich die Beziehungen zwischen den Rollen immer wieder ähnlich entwickeln. Diese inneren Rollen und Beziehungen waren nicht festgefahren, solange achtsam und wertschätzend mit ihnen umgegangen wurde. Dann waren sie sogar bereit, oft erstaunliches, bisher noch nicht bekanntes Material preiszugeben, ihre Geschichte zu erzählen und wie es dazu kam, dass sie diese Rolle übernommen haben – ja übernehmen mussten! Meist verfolgten sie in der Zeit ihrer Entstehung eine gute Absicht aus ihrer Sicht heraus und waren sich nicht im Klaren, dass sie »ihrem Menschen« heute damit unter Umständen sogar schaden könnten. Ja, oft kannten sie das Selbst »ihrer« Person gar nicht. Aus einer ursprünglichen – damals dramatischen, traumatisierenden, verletzenden – Situation heraus wollten sie Schaden abwehren und fanden so in ihre Rolle des Beschützers. Dessen höchstes Bestreben ist es, dass »sein Mensch« nie wieder mit dieser Situation und den dabei aufgetretenen Schmerzen, verletzten Gefühlen, Entwürdigungen etc. konfrontiert sein soll, koste es, was es wolle. Für die damalige Situation ergab es Sinn, dass der Mensch in einer traumatischen Situation die dazugehörenden Gefühle, Körpergefühle, Gedanken, Bilder, Erinnerungen und selbstabwertenden Kognitionen abspaltete. Und Beschützeranteile entwickelt – Abwehrmechanismen, Symptome und Krankheiten, wie wir sie als Traumafolgestörungen kennen (Essstörungen, Süchte, Dissoziationen, Selbstverletzungen, Suizidalität, Ängste, Panikstörungen, Schmerzstörungen und Depressionen), um mit den aus dem Trauma resultierenden Seelenschmerzen nie wieder in Kontakt zu kommen. Diese Seelenschmerzen sollen beschützt werden und in der Verbannung bleiben. Aus dieser Haltung heraus ist die Arbeit der Beschützer zu verstehen und zu würdigen. Vorher können sie nicht sehen, dass sie heute »ihrem Menschen« damit nicht nur nicht nutzen, sondern oftmals eher Schaden zufügen. Hier ist eine freundliche Klarstellung angezeigt, ohne die Anteile manipulieren zu wollen. Wenn das Selbst des Klienten mit seinen Beschützeranteilen in Kontakt tritt und diesen achtsam und mit Wertschätzung begegnet, dann sind die Beschützer meist bereit, dem Selbst zu vertrauen. Sie können dem Selbst ihre Geschichte anvertrauen, und sie erleben, wie heilsam die Verbindung vom Selbst zu ihnen und den verbannten Anteilen wirken kann. Sie sind bereit, dem Selbst die Führung zu überlassen und ihm den Zugang zu den verbannten Anteilen zu gewähren. Das Selbst bezeugt die Geschichte des Verbannten und die Arbeit der Beschützer, und wenn die Zeit dafür reif ist, entlastet es die Teile von den Folgen des Erlebten. Dann können sich die Teile vorstellen, aus ihren extremen Rollen zu schlüpfen und die ihrem eigentlichen Wesen entsprechenden Aufgaben zu übernehmen. So könnte der Selbstverletzungs-Impuls als blitzartig auftauchender Beschützer wahrgenommen werden, der vor Verletzungen beschützen will, und statt sich destruktiv auszuagieren, überlässt er es dem Selbst, die entsprechenden Maßnahmen zum Schutz vor Verletzung zu ergreifen. Die Teile können in ihrer entlasteten Form in die ihnen eigentlich innewohnende positive, nicht mehr extreme Rolle zurückkehren. Auch den Teilen wohnen Selbstqualitäten inne, zu denen sie zurückfinden können. Sie verbinden sich gerne mit dem Selbst ihres Menschen und fühlen sich gut dabei, Teil eines größeren Selbst, eines größeren Ganzen zu sein.
Das Selbst
Schwartz weist dem Selbst zwei wesentliche Bedeutungen zu. Einmal die spirituelle Dimension des höheren Selbst und zum anderen die Bedeutung des Selbst als dem Zentrum, den unverletzbaren Wesenskern eines jeden Menschen. Mit dieser Bedeutung arbeitet die »Systemische Therapie mit der Inneren Familie« vorwiegend. Hier ist in Sternstunden der kleine göttliche Funke, wie C.G. Jung es ausdrücken würde, erlebbar, wobei sich die Verbindung zu der erstgenannten Bedeutung von Selbst zeigt.
Wie bereits gesagt: Das Selbst ist kein Teil. Das Selbst erfährt sich an den Teilen. Es kann aktiv und mitfühlend das System führen, wenn es ausdifferenziert und nicht mit Teilen verschmolzen ist. Es ist unparteiisch und nicht identifiziert mit einem Teil. Es ist kompetent, sicher und voller Selbstvertrauen, gelassen und in der Lage, Rückmeldungen der Teile zu hören und darauf einzugehen. Das Selbst hat nur so viel Macht, wie die Teile ihm zugestehen. Das Selbst respektiert die Teile, es bittet zum Beispiel die Teile um etwas, auch kann es sich bei den Teilen bedanken. Das Selbst muss auch nicht hundertprozentig vorhanden sein. Richard Schwartz meint, 30 Prozent seien genug

Das Selbst kann sich zeigen durch zehn Eigenschaften, die wir die C-Worte oder auch die zehn Cs, nennen, da sie im Englischen alle mit C beginnen:
| calm – ruhig, gelassen | confident – vertrauensvoll, zuversichtlich |
| curious – neugierig, offen, interessiert | compassionate – mitfühlend |
| creative – kreativ | connected – verbunden |
| clear – klar, stimmig | constant – verlässlich |
| centered – zentriert | courageous – mutig |
Diese zehn Eigenschaften (hier wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben) kommen gegenüber den eigenen Anteilen zum Ausdruck sowie gegenüber anderen Menschen, der Natur und der Umwelt.
Das Selbst wertet nicht. Das Selbst weiß intuitiv am besten, wie den Teilen zu helfen ist – wenn diese es zulassen. Im Zustand des Selbst erlebt der Mensch (Klient*in, Therapeut*in) Empathie, Annahme und Akzeptanz für seine Persönlichkeitsanteile, seine verschiedenen Seiten und Facetten. In der Selbstführung liegt ein großes (Heilungs-)Potenzial. Menschen, die ihr wahres Selbst erfahren haben, wissen, dass nicht sie, sondern »nur« Teile von ihnen die Aufgabe von extremen Rollen übernehmen. Sie hegen große Wertschätzung für die Teile. Personen im Selbst sind fähig, zentriert zu bleiben und trotzdem die Gefühle der Teile zu erleben, anstatt von den Gefühlen überschwemmt zu werden, mit ihnen zu verschmelzen oder mit ihnen identifiziert zu sein. Sie können aus ihrer Selbsthaltung ihre Teile bitten, sie nicht zu überfluten, weil sie ihnen dann nicht helfen können. Einen Menschen mit Selbstführung zu erkennen ist leicht. Bei ihm hat man das Gefühl, so sein zu können, wie man ist, ihm nichts vormachen zu müssen, sich angenommen, sich gesehen, sich nicht bewertet zu fühlen, seine menschliche Präsenz, seine Güte, sein Wohlwollen, seine Offenheit, sein echtes Interesse, seine Neugier zu spüren. Man erkennt an seinen Augen, der Stimme, der Körpersprache, der Haltung, der Bewegung, dass er verlässlich, natürlich, ungekünstelt, authentisch und absichtslos ist. Er ist nicht fixiert auf eigene Ziele oder Selbstdarstellung, hat eine natürliche Bereitschaft zu geben, ohne sich ausnutzen zu lassen. Er spürt Dankbarkeit und Demut ohne Unterwürfigkeit. Er muss nicht mithilfe von Gesetzen oder Moral dazu gezwungen werden, das Richtige zu tun. Er hat ein natürliches Mitgefühl für alle Kreaturen und die Natur, eine Leidenschaft für das Leben. Er ist motiviert, den Zustand der Menschheit und der Umwelt zu verbessern, weil er das Bewusstsein hat, dass wir alle miteinander verbunden sind. Jeder Mensch kann in sich SELBST sein, und keiner wird es dauerhaft sein. Es geht nicht darum, ein »Heiliger« zu werden, sondern die Freude einer möglichen Selbstführung immer wieder erleben zu dürfen. Das Schöne daran ist: Je mehr die Teile dem Selbst vertrauen und je mehr die Teile von Alt- oder Erblasten entlastet und befreit sind, umso mehr Selbstqualitäten entfalten sie und arbeiten freudig dem Selbst zu – auf natürliche Weise; ein System in einer stimmigen Ökologie. Das Selbst in der IFS hat also diesen im Alltag sichtbaren, im bewussten mentalen und körperlichen Erleben spürbaren und identifizierbaren Aspekt, mit dem es sich – auch therapeutisch – so wunderbar arbeiten und leben lässt. Gleichzeitig ist das Selbst aber auch ein ozeanisches Gefühl von Verbunden-Sein, in der Welt sein, eins zu sein mit der Natur und dem Universum, ein Gefühl von innerer Zufriedenheit, von Glück, von Grenzenlosigkeit, ein Flow. Es kann spürbar sein als pulsierende Wärme, Licht oder Energie durch den Körper oder um ihn herum, von Weite und Raum in Körper und Geist. Auch in unserer Körperhaltung, in unseren Augen, in unserer Gestik, Mimik, Körperspannung, unseren Bewegungen können wir spüren, wie wir SELBST präsent sind. Ein stimmiges Körpergefühl und Herzenswärme ist ein weiterer Hinweis dafür, gerade bei sich SELBST sein. Es ist Liebe, Seele, Natur. Es ist grundlegend da, bei jedem, manchmal mehr oder weniger verborgen, verdeckt, versteckt. Wenn die Therapie die Blätter der Teile, die auf ihm liegen und es verdecken, einzeln identifizieren und um ein bisschen Abstand zum Selbst bitten, wird es sichtbar und erlebbar.
Bei schwer traumatisierten Menschen kann das Selbst auch außerhalb des Körpers zu finden sein. Beschützerteile haben es einst in der traumatischen Situation aus dem Körper herauskatapultiert, um das System vor Schmerz, Gewalt, Erniedrigung zu schützen. Das Selbst muss jedoch verleiblicht sein, um die Selbstführung übernehmen zu können. In diesem Fall muss das Selbst erst wieder den Weg zurück in den Körper finden, bevor die Teile es als ihre Führung anerkennen können. Eine vollständige Antwort, was das Selbst sein kann, wage ich nicht zu geben, das wäre sehr vermessen. Wenn wir in diesem Kontext von dem Selbst sprechen, dann meinen wir eher Selbst-Qualitäten, die wir in unserm Körper, im Fühlen, im Denken und im Verhalten bewusst erleben können. Das Selbst scheint jedoch die Geister sehr zu beschäftigen. In Psychologie, Philosophie und Anthropologie gibt es sehr viele Definitionen von Selbstbegriffen. (Siehe dazu auch das Kapitel »Das Konzept des Selbst – eine Annäherung« von Ruthild Haage-Rapp.)
Ein hundertprozentiges Selbst wird ein normal sterblicher Mensch auf Erden niemals erreichen. SELBST können wir nicht machen. Anstrebenswert ist es jedoch, die SELBST-Qualitäten immer wieder in sich zu erkennen, sie aufzuspüren, sie zu fühlen, zu erleben und ihnen einen möglichst großen Platz im Leben einzuräumen, auf dass sie SEIN können. Das gelingt, wenn wir Zustände unterscheiden können, in denen wir Teile-geleitet unterwegs sind, um dann möglichst bald die Teile zu bitten, wieder uns SELBST die Leitung unserer Geschicke in die Hände zu geben.
Übung
Vielleicht haben Sie ja Lust, sich einen Moment Zeit zu nehmen für eine kleine Übung? Dann bitte ich Sie, einmal kurz innezuhalten.
Schenken Sie Ihrem Atem für vier bis fünf Atemzüge Ihre Aufmerksamkeit. Einfach nur wahrnehmen, wie er selbstverständlich kommt und wieder geht, von woher er sich schöpft, und wo er sich überall ausbreitet in Ihrem Körper. Nur wahrnehmen, nichts bewerten.
Spüren Sie für jeweils drei Atemzüge Ihre Füße im Kontakt mit dem Boden, Ihren Körper im Kontakt mit der Fläche unter sich, Ihre Arme an Ihrem Körper und die Hände im Kontakt mit was auch immer (mit sich, den Beinen, der Stuhllehne, dem Boden) – nehmen Sie wahr, dass der Boden Sie selbstverständlich trägt?
Und dann lade ich Sie ein, sich zum Beispiel einfach mal vorzustellen, wie es ist, sich mit irgendetwas in der Natur, oder mit einem Wesen, bei dem Ihr Herz sich öffnet, verbunden zu fühlen, ohne etwas zu beabsichtigen.
Wenn Sie sich im Kontakt fühlen – mit dem Atem, mit der Schwerkraft, mit der Natur, registrieren Sie mal, wie schauen Ihre Augen in die Welt? Welchen Gesichtsausdruck können Sie an sich wahrnehmen, wie fühlt sich Ihr Mund an? Welche Körperhaltung nehmen Sie unwillkürlich ein und wie fühlt sich dabei Ihr ganzer Körper an? Scannen Sie ruhig mal durch. Was erleben Sie in diesem Augenblick der Selbstverständlichkeit, der Verbundenheit an Gefühlen, an Gedanken, an Körpererleben?
Bitte verweilen Sie ein paar Atemzüge.
Und wenn Sie sich aus dieser Haltung heraus einer Teilpersönlichkeit von Ihnen zuwenden, in dem tiefen Wissen, sie ist ein Teil von Ihnen, sie gehört zu Ihnen, sie ist mit Ihnen verbunden – was erleben Sie dann?
Im Alltag und in der Therapie finde ich es ausgesprochen praktisch und hilfreich, Selbstqualitäten, kurz eben das Selbst genannt, immer wieder von den Teilen unterscheiden zu können, und mich täglich darin weiter zu üben, als Mensch und als Therapeutin. Und auch die Klienten darin zu unterstützen, mehr und mehr aus sich SELBST heraus achtsam mit ihren Teilen in Kontakt zu treten. In Selbstqualitäten unterwegs zu sein ist leicht und nicht anstrengend, für sich selbst und für die anderen Menschen in seiner Umgebung. Achtsamkeit und Meditation können förderlich wirken, mehr SELBST und mehr von seinen Teilen zu erleben und zu erfahren.
Die Teile
Die menschliche Persönlichkeit besteht natürlicherweise aus einer unbegrenzten Anzahl von Teilpersönlichkeiten. Die Teilpersönlichkeiten, kurz Teile genannt, stellt man sich am besten als reale Persönlichkeiten vor, mit Alter, Charakter, Eigenheit, Besonderheit, Eigenschaften. Sie handeln unter- und miteinander, wie reale Menschen es auch tun, und sind in bestimmten Strukturen und Systemen miteinander verwoben. Auf unterschiedliche Art und Weise machen sie sich intern bemerkbar: als Gedanken und Gefühle, als Körperempfindungen und Körperwahrnehmungen, als körperliche und seelische Symptome, als Muster, als innere Bilder, Fantasien, interne Stimmen, Töne etc. Sie wollen in einem nicht extremen Zustand prinzipiell etwas Gutes für ihren Menschen und wenden alle möglichen Strategien an, um Einfluss im System zu bekommen. Wenn sie nicht mit uns SELBST verbunden sind und sich störend oder als Symptome in unserem gegenwärtigen Leben auswirken, sind sie meist in der Vergangenheit stecken geblieben. Sie spielen noch ihre Rollen in unserem alten Film. Sie entwickeln ein komplexes Interaktionssystem untereinander. Polarisierungen entstehen, wenn bestimmte Teile zu mehr Einfluss gelangen wollen und wenn das Selbst mit einem der Teile identifiziert ist. Teile werden durch Erfahrung beeinflusst, aber nicht durch sie geschaffen. Sie existieren schon immer, entweder als Möglichkeit oder bereits ausgeformt. Teile, die extreme Rollen übernommen haben, tragen »Lasten«, wie Überzeugungen, Glaubenssätze, Energien, Gefühle, Fantasien, Familiengeheimisse, die sie in den extremen Situationen übernommen haben, die der ursprünglichen Aufgabe des Teils jedoch nicht entsprechen und nicht zu der Natur des Teiles gehören. Die Teile können darin unterstützt werden, sich zu entlasten und zu ihren ursprünglichen Aufgaben zurückzukehren. Sie finden dann ein neues Gleichgewicht. Haben sie die extreme Rolle oder die Bürde abgelegt, kann ihr eigentlicher Charakter zum Vorschein kommen und der Teil dem Menschen verbunden sein. Aus einem quälend zwanghaften Teil wird so zum Beispiel ein sinnvoll ordnender; er ist dann von der Last seines alten Glaubens befreit, sein Mensch würde ohne ihn im Chaos versinken, wenn er nicht so rigide wäre. Teile, die das Vertrauen in das Selbst verloren haben, »verschmelzen« mit dem Selbst oder überwältigen es. Sie glauben dann, sie seien dieser Mensch. Sie tragen die Überzeugung, dass nur sie das System retten und führen könnten. Ihre Bemühungen und ihre Arbeit müssen geschätzt und gewürdigt werden. Und sie müssen das Vertrauen in das Selbst erst wieder lernen. Kann das Selbst wieder aktiv sein, so werden die Teile dem Selbst gerne zuarbeiten. Sie werden das Selbst zwar beeinflussen wollen, letztlich jedoch seine Führung anerkennen. In diesem entlasteten Stadium werden alle Teile ihre Begabungen entfalten und ihren Platz finden können. Kein Teil soll verschwinden oder ausgelöscht werden. Alle Teile sind dem Selbst willkommen.
Die Teile werden unterteilt in Verbannte (zu beschützende Teile) und in Manager und Feuerbekämpfer (Beschützer).
Verbannte
Schmerzliche Erinnerungen, Gedanken, Gefühle und Körpergefühle, die so sehr schmerzhaft erlebt wurden, dass ihre Beschützer sie unter allen Bedingungen aus dem System dieses Menschen fernhalten wollen, werden mitsamt ihren Lasten und den dazugehörigen Persönlichkeitsanteilen in die Verbannung geschickt. In jeder Familie, Gesellschaft, Kultur und Religion werden Anteile eines Menschen nicht akzeptiert und entwertet, sodass diese – zum Beispiel aus sozialer Anpassung, der Angst vor Bestrafung, Ausgrenzung u.v.a.m. – ins Exil geschickt werden »müssen«. Auch als Frau, als Mann oder intergeschlechtliches Wesen dürfen in den jeweiligen Gesellschaften mehr oder weniger Anteile gelebt oder müssen weggesperrt werden. Das volle Potenzial unserer weiblichen, männlichen, sexuellen Anteile zu integrieren ist wie ein großes Geschenk in der Freiheit. Bei traumatischen, dramatischen Lebensereignissen werden Verletzungen, Entwürdigungen, seelische und körperliche Schmerzen erlebt, was verstörend und belastend wirkt und das ganze innere System in Aufruhr bringt. Teile, die traumatisiert wurden, werden oft vom Rest des Systems isoliert. In diesem Feld sind besonders die Beschützer aktiv, um diese schlimmen Gefühle vom Bewusstsein zu verdrängen oder abzuspalten und das Selbst zu schützen. Sie sind um fast jeden Preis darum bemüht, dass diese schlimmen Gefühle nie wieder erlebt werden. Aber auch die Verbannten werden bei extremer Verletzung und Belastung verzweifelt und darum heftig bestrebt und drängend aktiv sein, Gehör, Verständnis und Entlastung zu finden; sie wollen nicht ausgeschlossen sein und sie wollen auch nicht in ihrer Verbannungskiste ihr Dasein fristen. Wenn wir, vor allem in der Kindheit und Jugend, aber auch im Erwachsenenalter, in unseren sensibelsten, zartesten, spielerischen und unschuldigsten, unseren spontanen, kreativen, sexuellen Anteilen verletzt werden, Entwertungen oder Kränkungen erfahren, dann gibt es Bestrebungen (Beschützer) in uns, diese alle aus unseren Erinnerungen zu streichen, in den Keller unseres Bewusstseins – in die Verbannung – zu verdrängen. Wir (das heißt Beschützerteile von uns, die glauben, sie seien wir selbst) schließen verletzte Teile weg, von denen unsere Beschützer glauben, sie seien verantwortlich für das damalige Geschehen, sie würden uns schaden, wir oder die Menschen um uns herum würden sie nicht ertragen oder sie würden uns überfluten. Wie andere Menschen um uns herum vielleicht auch raten diese Beschützer: Vergiss es, Vergangenes kannst du nicht ändern, Schwamm drüber, schau nach vorn. Unangenehmes wegzusperren ist eine erprobte Überlebensstrategie, in manchen Situationen durchaus hilfreich für den Augenblick.
Therapeuten fallen hier natürlich alle möglichen Abwehrmechanismen ein. Die Identifikation mit dem Aggressor und die Wendung gegen das Selbst zeigen besonders plastisch, wie die Teile in uns agieren. Was im eigenen Erleben oder Verhalten in Familie, Kultur, Gesellschaft oder Religion von den Eltern oder der Institution entwertet wurde oder keine Akzeptanz fand, wird von den Kindern beziehungsweise ihren Beschützerteilen in Identifikation mit den Eltern, den Autoritätspersonen oder der Institution (in diesem Falle mit dem Aggressor) in die eigene Abwertung übernommen. Diese klugen Teile entwickeln sich, weil die Kinder in Abhängigkeit von den Eltern noch nicht zu eigenen Wünschen und Strebungen stehen können und sie in ihrer Existenz auf das Wohlwollen und die Anerkennung der Eltern angewiesen sind. In jungen Jahren ist das Selbst noch nicht so stark, dass es ständige Ablehnung, Bestrafung oder Entwertung der Eltern ertragen könnte. Hier entwickeln sich also angepasste Teile, die sich in Identifikation mit den Eltern gegen das Selbst wenden. Sie sind überzeugt, dass nur ihre Strategie ihrem Menschen Kummer und Sorgen ersparen wird. Sie machen in Identifikation mit den Eltern oder einem Aggressor die verletzen Teile für den Konflikt, das Drama, das Trauma verantwortlich. »Du bist selbst dran schuld, du bist schlimm, schlecht, eklig, nichts wert, du bist zu dick, zu dünn, zu hübsch, zu hässlich etc.«. Diese ganzen Überzeugungen und Glaubenssätze mit den dazugehörigen Gefühlen, Gedanken und (Körper-)Empfindungen hängen als Last auf dem Verbannten. Aber um diesen Preis bleibt das innere und äußere System stabil – zunächst. Das Kind hat in seinem System »logische« Zusammenhänge für das schlimme Geschehen gefunden. Sehen die verzweifelten Verbannten dieses Menschen jedoch irgendwie die Möglichkeit, sich aus dem Keller der Verbannung zu befreien, drängen sie ans Licht und drohen damit, das ganze System zu überrollen, was alle Beschützer natürlich verstärkt auf den Plan ruft und in ihren Augen ihre Daseinsberechtigung zementiert. Wer kennt das nicht als Therapeutin – die Erstverschlimmerung nach Öffnung der Klienten und ihrer Geschichte, Rückschritte nach Therapieerfolgen, regressive Wünsche verhindern die Bewältigung des Alltags, Intrusionen bei posttraumatischen Belastungsstörungen mit Überflutungen des Systems und entsprechenden »Gegenmaßnahmen« der Manager und Feuerbekämpfer (depressive Stimmungen, Ängste, Selbstverletzungen, Dissoziationen, Suizidalität, Verstärkung der Süchte u. a. m.) Allesamt »altbewährte« Muster. Verbannte werden umso heftiger, je extremer die Situation war, in der sie ins Exil geschickt wurden. Sie tragen die vom Bewusstsein abgespaltenen schmerzhaften Gefühle, Überzeugungen und Lasten der Verletzungen, die oftmals verleiblicht sind. Sie werden umso drängender und verzweifelter, weil sie gehört, geheilt und integriert werden wollen.
Manager
Manager sind die Beschützer des Systems. Sie tun alles, um das Individuum vor Schmerz und Ablehnung zu bewahren, sodass die Person in jeder Beziehung und Situation die Kontrolle behalten kann. Nie wieder soll ihr Mensch Gefühle von Zurückweisung oder Erniedrigung spüren. Dies erreichen sie durch ein unbewusstes, ausgeklügeltes System des Zusammenspiels mehrerer Teile. Sie können auch (zunächst) absolut nichts Positives darin sehen, dass in einer Psychotherapie die Aufarbeitung der persönlichen Geschichte geschehen soll. Sie möchten die alten Sachen lieber ruhen lassen, wehren sich heftig dagegen (Widerstände). Sie haben Angst, dass ihre Person in ein schwarzes Loch gezogen wird, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt; Angst, dass die Verbannten die Führung übernehmen und das System mit Inhalten aus dem Erleben der Verbannten überschwemmt wird. Sie befürchten, dass Grausiges zutage kommt, (Familien-)Geheimnisse aufgedeckt werden könnten, Verrat an geliebten Personen begangen werden muss. Ihre Person könnte abhängig, bedürftig oder verletzlich werden, ohne die schützende Hülle der Manager, und ihren Alltag nicht mehr bewältigen. (Was tatsächlich gar nicht so selten geschieht, wenn einem Klienten bei einem stationären Aufenthalt seine organisatorischen, selbstverantwortlichen Beschützerteile »abgenommen« werden und/oder ein Teil von ihm sich danach sehnt, von anderen versorgt zu werden. Oder auch wenn die psychischen Beschützer bei zu schnell aufdeckender Therapie und/oder bei herausdrängenden Verbannten ausgeschaltet werden. Dann überfluten die Verbannten schnell das innere System – mit der Folge von noch stärker auftretenden Beschützern.)
Auch könnte jede Berührung mit dem Schmerz ohne die Manager heftigste, zerstörerische Feuerbekämpfer-Anteile (selbstverletzende, suizidale, dissoziative Suchtanteile) auf den Plan rufen, was noch gefährlicher wäre (und auch nicht unrealistisch ist). Außerdem befürchten sie, dass der Therapeut mit den Verbannten nicht klarkommt, sie nicht aushält, angeekelt oder ebenfalls überschwemmt werden könnte und dann den Klienten ebenfalls im Stich lassen würde. Eine weitere große Sorge ist, dass sie ihre Aufgabe verlieren, in der Bedeutungslosigkeit versinken oder gar vernichtet werden sollen. Daher ist es unabdingbar, den Beschützern (das gilt für Manager und Feuerbekämpfer) mit Wahrhaftigkeit, Ernsthaftigkeit, Interesse, Achtsamkeit und Absichtslosigkeit zu begegnen. Das ist für die Therapeutin nicht immer leicht, springen doch gerade hier die bewertenden Therapeuten-Teile an). Als Therapeutin weckt man das eigene Interesse und das der Klienten (Selbsteigenschaften), um die Ängste, Bedenken und Befürchtungen der Beschützer kennenzulernen und um herauszufinden, wie sie denn ihre Aufgabe tun und was sie beschützen wollen. Ehrliche Verhandlungsangebote vom Selbst der Therapeuten und des Klienten an die Beschützer sind hilfreich. Jegliches Manipulieren, was vielleicht von einem Teil des Therapeuten oder des Klienten ausgehen könnte, der schnelle Veränderung möchte, wird sofort durchschaut und ist daher nutzlos. Aber Beschützer sind offen für Veränderung, wenn sie nicht befürchten müssen, ausgestoßen zu werden, und wenn sie die Hoffnung haben, dass ihrem Menschen anderweitig geholfen werden könnte. Sobald sie die Präsenz des SELBST spüren können, sind sie zur Kooperation bereit und übernehmen gerne ihnen entsprechende andere Aufgaben für das System – in Kooperation mit dem SELBST. Manager sind auch diejenigen Anteile, die unser Leben in Ordnung halten und dafür sorgen, dass wir gut funktionieren. Sie können sich in unterschiedlichsten Verhaltensweisen und Systemen zeigen. In entlasteter Form arbeiten sie gerne dem SELBST zu. Arbeite ich viel aus Therapeuten-Manager-Teilen heraus, werde ich am Abend k.o. sein, müde und erschöpft. Arbeite ich jedoch mit viel SELBST-Qualität, wird mich die gleiche Arbeit nicht anstrengen.
Feuerbekämpfer
Feuerbekämpfer beschützen ebenfalls das System, jedoch in einer ihnen spezifischen Art und Weise. Feuerbekämpfer heißen sie deswegen, weil sie das emotionale Feuer (wie verletzte Gefühle und Entwertungen) der Verbannten löschen wollen, sobald dieses droht, ausgelöst zu werden, oder die Manager mit ihrer Arbeit in ihren Augen den Schutz nicht mehr gewährleisten können. Feuerbekämpfer schützen das System auf heroische, impulsive, machtvolle, reaktive und spontane Art und Weise und gehen dabei, ohne Rücksicht auf Verluste, oftmals zerstörerisch oder selbstzerstörerisch vor. Sie zeigen sich in Süchten und Exzessen aller Art, in Suizidalität oder Gewalt, in einem übererregten oder komplett abgestumpften Nervensystem sowie in foudroyant verlaufenden Krankheiten. Sie geben so lange keine Ruhe, bis das emotionale Feuer gelöscht ist. Dafür ist ihnen jedes Mittel recht. Ablenkung und Dissoziation gehören ebenfalls zu ihren Strategien. Für die Feuerbekämpfer-Beschützer gilt im Prinzip das Gleiche wie für die Manager, und mit ihnen ist im Wesentlichen ebenso respektvoll umzugehen wie mit Managern. Sie sind hochsensibel für jegliche Art der Unaufrichtigkeit, der Verharmlosung, der Manipulation. Von ihrer Art her aktivieren sie im Therapeuten leicht ängstliche, bewertende oder den Klienten retten wollende Teile. Hier müssen die Therapeuten zuerst mit ihren eigenen Teilen arbeiten, um eine echte Anerkennung und Wertschätzung für die Feuerbekämpferteile des Klienten entwickeln zu können. Mit Feuerbekämpfern zu verhandeln erfordert viel Selbst vonseiten des Therapeuten. Ist der Feuerbekämpfer im Kontakt mit dem Selbst des Therapeuten und dem des Klienten, dann ist er bereit zu sagen, wen er wie beschützt und wofür er diese schwere Rolle trägt.
Wenn wir einen suizidalen Menschen fragen, was denn für ihn besser wäre, wenn er nicht mehr leben würde, hören wir oft die Antwort, dass dann endlich Ruhe in seinem Kopf herrsche (zwischen den sich widerstreitenden Teilen)! Die Ruhe wäre also das »Gute«, was der suizidale Teil erreichen möchte – und vielleicht ist diese auch durch etwas anderes als den Suizid zu erreichen und dann nicht endgültig?! Wenn die innerlich kämpfenden Teile des Klienten einen Kontakt mit dem Selbst erfahren (dem des Therapeuten und dem des Klienten), kann eine spürbare wirkliche Ruhe im Inneren entstehen. Diese Hoffnung dürfen wir dem Feuerbekämpfer des Klienten mitgeben. Es kann eine neue Ordnung im inneren System entstehen. Wie verzweifelt muss der suizidale Teil sein, wenn er zu solch harten Maßnahmen greifen muss? Welchen schützenswürdigen, verbannten Teil beschützt er? Welche Not, welche Verantwortung muss er spüren? Wie ist das für ihn, das alles zu tragen? Was möchte er davon loswerden? Und was befürchtet er? Viele IFS-spezifische Fragestellungen vom Selbst aus können dem Klienten helfen, das Vertrauen zu seinen Feuerbekämpfern aufzubauen und auf diese Weise eine neue Beziehung zu ihnen. Wenn das Selbst des Therapeuten und das Selbst des Klienten einen Feuerbekämpfer um Erlaubnis bitten, mit dem Verbannten, den er beschützt, zu arbeiten, kann Entlastung gelingen, und damit die Notwendigkeit, so heroisch zu schützen, entfallen. Der Feuerbekämpfer darf sich für andere Aufgaben vorbereiten, die auch noch seiner Natur entsprechen. Vielleicht gefällt ihm die Rolle des Blitzmerkers für verletzte Gefühle, die er seinem Menschen demnächst zuerst mitteilt, bevor er sofort mit den Löschfahrzeugen ausfährt?
Ein alltägliches Beispiel in Beziehungskonflikten für den Einsatz von Feuerbekämpfern und den Umgang mit ihnen können Sie im 2. Kapitel unter der Überschrift: »SELBST spricht für Teile statt: Teile sprechen aus sich heraus« lesen
Ein Beispiel, das veranschaulicht, wie die Teile eines früher entstandenen belasteten Systems mit der Person SELBST durch die IIFS eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen, und wie beschützende und ehemals verbannte Teile zu ihren neuen Rollen finden können, ist im Kapitel 16 zu lesen.
Die Weiterentwicklung von IFS zu IIFS
Inhaltlich
Richard Schwartz verband mit IFS die in den 80er-Jahren in der Psychotherapie verbreiteten Strömungen von der Multiplizität der Persönlichkeit mit einer systemischen Denkweise. Einflüsse aus anderen Teile-Therapien, wie zum Beispiel der Transaktionsanalyse und der Objektbeziehungstheorien, sowie die Weisheiten des Buddhismus trugen zu seiner offenen Sichtweise auf das Innenleben seiner Klient*innen wesentlich bei. Dass er das Selbst eines Menschen als den von den Teilen abgegrenzten, dem Menschen innewohnenden Wesenskern herausarbeiten konnte, mit dem die Teile in Verbindung treten können, ist sein einmaliges Verdienst. Dafür u. a. danke ich Richard Schwartz sehr. Durch den Schlusssatz in der ersten Ausgabe seines sehr lesenswerten Buches Die Systemische Therapie mit der Inneren Familie gab er den Raum für weitere Entwicklungen: »Die Beiträge der Therapeuten, die dieses Modell gut genug kennen, erweitern dieses Modell (…) Ich bin neugierig, wohin sie führen werden. Ich bin der festen Überzeugung, dass das gegenwärtige IFS-Modell nur an der Oberfläche dessen kratzt, was möglich ist.«
Susan McConnell gebührt als IFS- Körperpsychotherapeutin das Verdienst, auf ihre Weise die Hakomi-Körperarbeit in die IFS integriert und Somatic-IFS geschaffen zu haben. Sie lehrte fast 20 Jahre in Deutschland. Beide Anwendungsarten von IFS, die »männliche« (R. Schwartz) und die »weibliche« (S. McConnell) haben ihre Erfolge und können sich ergänzen.
Das hat mich in der Weiterentwicklung zur integrativen IFS zu IIFS ermutigt, also meine ganzheitlichen, humanistisch-psychotherapeutischen Wurzeln mit psychosomatischen, körperpsychotherapeutischem und traumatherapeutischem Hintergrund in die Lehre, Ausbildung, Therapie und Supervision mit einfließen zu lassen, einschließlich der Professionellen SELBST-Fürsorge und der achtsamen Wahrnehmungsschulung mit all ihren Facetten. Plötzlich entstanden in der Arbeit mit Klient*innen und Patient*innen, in der Supervision oder in Seminaren mit Kolleg*innen weitere kreative Neuerungen und Erkenntnisse. Die langjährige Erfahrung aus Seminaren zur »Weiterentwicklung der Emotionalen und Psychosozialen Kompetenz für Ärzt*innen und Therapeut*innen« und zur »Professionellen SELBST-Fürsorge« im Verbund mit IFS wuchsen zusammen und so entstand die Integrative humanistische Psychotherapie Innerer Systeme und Professionelle SELBST-Fürsorge – IIFS. Im weiteren Verlauf werde ich, alle inspirierenden Wurzeln dankbar würdigend, von der Integrativen IFS, der IIFS sprechen.
Im Außen
Die »Systemische Therapie mit der Inneren Familie« hat in den letzten 35 Jahren in USA eine große Verbreitung erfahren und zählt dort seit 2015 als evidenzbasiertes Verfahren. Seit 1999 wurden viele Basis- und Fortgeschrittenentrainings in Europa durchgeführt.
2012 habe ich in Deutschland das 1. IIFS-Institut für Integrative Systemische Therapie mit der Inneren Familie gegründet, ermutigt durch Richard Schwartz. Dem IIFS-Institut Heidelberg folgte 2014 das IFS-Institut München. 2015 entstand das IIFS-Institut Berlin, das heute mit dem IIFS-Institut in Heidelberg verschwistert ist. Auch in Deutschland erfährt IIFS in der Psychotherapie eine zunehmende Verbreitung und Akzeptanz. Bekannte Autorinnen und Psychotherapeutinnen wie Dagmar Kumbier beziehen die Haltung und Methode von IIFS in ihre Theorien und Ausbildungen mit ein. Seit über zehn Jahren findet es in der Focusing-Akademie seinen Platz. Es ist seit 2018 Bestandteil der Ausbildung der Berner Fachhochschule, Departement Soziale Arbeit, »Systemische Beratung mit inneren Persönlichkeitsteilen, IIFS«. 2020 wurde die IIFS in den Ausbildungskatalog für die Richtlinienpsychotherapie zum »Systemischen Psychologischen Psychotherapeuten« am universitären HIP-Institut in Heidelberg, 2021 am Systemischen Institut der Universität Freiburg in das Curriculum mit aufgenommen.
Die Seminare der IIFS-Institute Heidelberg und Berlin wurden und werden von den Landespsychotherapeutenkammern Baden-Württemberg und Berlin zertifiziert.
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Das Konzept des Selbst – eine Annäherung von Ruthild Haage-Rapp
Auf was nur einmal ist
Manchmal fragt man sich: ist das das Leben?
Manchmal weiß man nicht: ist dies das Wesen?
Wenn du aufwachst, ist die Klappe zu.
Nichts eratmet, alles angelesen,
siehe, das bist du.
Und du denkst vielleicht: ich gehe unter,
bodenlos und fürchterlich –:
Einer aus dem großen Graupelhaufen,
nur um einen kleinen Flicken bunter,
siehe, das bin ich.
Aber dann, aufeinmalso, beim Schlendern,
lockert sich die Dichtung, bricht die Schale,
fliegen Funken zwischen Hut und Schuh:
Dieser ganz bestimmte Schlenker aus der Richtung,
dieser Stich ins Unnormale,
was nur einmal ist und auch nicht umzuändern:
siehe das bist du.
Peter Rühmkorf4
Einführung
Auf den folgenden Seiten möchte ich mich dem Kerngedanken in der IIFS-Arbeit annähern: dem Konzept des SELBST, das sowohl den Ausgangspunkt wie auch das Ziel des psychotherapeutischen Prozesses darstellt. Zur Schreibweise eine kurze Vorbemerkung: Der Begriff des Selbst hat ganz unterschiedliche Bedeutungen. Wenn es um den Selbstbegriff als dem zentralen Konstrukt in der IIFS-Therapie geht, wird SELBST zur leichteren Einordenbarkeit auch in diesem Kapitel in Großbuchstaben geschrieben.
Uns Menschen ist es wichtig, immer wieder einig und im Reinen mit uns selbst zu sein, trotz der inneren Widersprüche, die wir alle kennen, so wie es im Gedicht von Peter Rühmkorf anklingt. Dieses »Im-Reinen-mit-sich-selbst-Sein« heißt in der Sprache der IIFS: eine gute Verbindung zwischen dem Wesenskern des Menschen, der hier SELBST genannt wird und all den verschiedenen Facetten der Persönlichkeit, hier Persönlichkeitsteile genannt, herzustellen. In der IIFS-Psychotherapie geht es also um die fortwährende Vertiefung und Festigung einer guten inneren Beziehung zwischen SELBST und Teilen.
Was ist nun mit diesem SELBST, dem inneren Kern der Persönlichkeit, gemeint? Wie kann es erlebt, wahrgenommen, unterstützt, aber auch gedacht werden?
Als ich vor zehn Jahren das IFS- Modell, Ausgangsmodell für das in diesem Buch dargestellte IIFS-Modell, näher kennenlernte, war ich bereits mit verschiedenen humanistischen und tiefenpsychologisch fundierten Therapiekonzepten vertraut. Am IFS-Ansatz gefiel mir der kraftvolle, zuversichtliche Ausblick auf die menschliche Selbstgestaltungskraft, aber auch die Strukturiertheit und der Ressourcenfokus dieses Therapiemodells. Ganz besonders inspirierend erlebte ich aber den authentischen und sicheren Selbsterforschungsraum, den ich in der Ausbildungssituation antraf.
Gleichzeitig setzte ich mich durchgängig mit dem Selbst-Begriff in der IFS-Theorie auseinander, mit der Frage: Ist es einfach ein nützliches Konstrukt, angenehm für die Selbst- und Fremdwahrnehmung und praktisch für die psychotherapeutische Arbeit oder taugt der Begriff des Selbst für mich als anthropologische Grundlage?
Als Heranwachsende war ich mit idealistischen, ethisch-moralischen Überzeugungen und deren zwiespältigen Auswirkungen auf mein Leben und das meiner Mitmenschen konfrontiert. Vor diesem Hintergrund ist mir seither jeder Hauch von Bekenntnishaftigkeit im Bereich der Psychotherapie suspekt. Skepsis oder, in der IIFS- Sprache ausgedrückt, skeptische Teile, melden sich da sofort in mir. Und weil ich diese inneren Skeptiker schätze und ihnen für ihre klärenden Hinterfragungen dankbar bin, sind sie wesentlich daran beteiligt, dass ich dieses Kapitel über das SELBST schreiben wollte.
Dieses Kapitel ist als ein eigenständiger, für sich lesbarer Text verfasst, der auf den Begriff des Selbst aus verschiedenen Perspektiven fokussiert. Daher wiederholen sich zwangsläufig Gedanken, die auch an anderer Stelle in anderem Kontext benannt werden.
Im ersten Teil werde ich eine Annäherung an das SELBST aus verschiedenen Blickwinkeln der Philosophie, Psychologie und Psychotherapie skizzieren, die zum Selbstbegriff der IFS – IIFS hinführen.
Im zweiten Teil wird vom »Selbst« in der Therapietheorie von Richard Schwartz, dem Begründer der IFS-Therapie, die Rede sein.
Im dritten Teil wird es um Achtsamkeit und die Bedeutung des Körpers als Zugangswege zum Selbst gehen.
Im Fazit findet sich eine zusammenfassende Sicht auf den Selbstbegriff im IIFS-Ansatz und dessen Bedeutung für die therapeutische Arbeit.
Weil ich Gedichte selbst so sehr liebe und ich manches mir Wichtige mit ihrer Hilfe leichter ausdrücken kann, sind assoziativ ein paar von meinen liebsten Gedichten eingestreut, viel Freude beim Lesen, auch damit!
Zweifle nicht
an dem,
der dir sagt,
er hat Angst.
Aber hab Angst
vor dem,
der dir sagt,
er kennt keinen Zweifel.
Erich Fried5
Selbstkonzepte in Philosophie, Psychologie, Psychotherapie
Philosophischer Hintergrund
Die Frage nach dem Wesenskern der menschlichen Persönlichkeit ist seit jeher eine der Grundfragen in den geistesgeschichtlichen Denksystemen. Entsprechend vielfältig und uneinheitlich sind die Konzepte des Selbst. Der Selbstbegriff ist aufgrund der Natur der Sache, die ja weder Natur noch Sache ist, schwer zu fassen.
»Selbst« ist insgesamt ein uneindeutiger Begriff, der oft auch bedeutungsgleich mit »Ich«, »Identität«, »Zentrum des Bewusstseins« oder »innerer Wesenskern« verwendet wird.
Mit den folgenden Ausführungen möchte ich auf Markus Gabriels Buch: Ich ist nicht Gehirn verweisen, dessen prägnante Zusammenfassung mich beim Schreiben inspiriert hat.
In der mittelalterlichen Philosophie, die damals immer auch Theologie war, wird das, was wir Selbst nennen als »Seele« oder »das Göttliche im Menschen« bezeichnet. Das umfasst unhinterfragt den transzendenten, über das Individuelle hinausgehenden Aspekt des Selbstbegriffs. Bemerkenswert äußerte sich dazu der Philosoph, Mystiker und Theologe Meister Eckhart (1260–1327). Er führte als Erster das substantivierte »Ich« in die deutsche Sprache ein und wurde, gerade aufgrund seines freien Denkens, von seiner Kirche als Häretiker angeklagt. Sein Werk gilt heute als Wegbereiter der Aufklärung.
Meister Eckhart sieht das Göttliche im Menschen verankert und sieht Gott ohne den erkennenden Menschen als nicht existent an, da es der Mensch ist, der Gott denkt und wahrnimmt. Seine Folgerung ist: Ohne Mensch kein Gott. Er schreibt »…jede Kreatur ist Gottes voll und ist ein aufgeschlagenes Buch und wer darin zu lesen weiß, braucht keine Predigt mehr … Du brauchst Gott weder hier noch dort zu suchen, er ist nicht weiter als vor der Tür des Herzens. Dort steht er und harrt und wartet.«6
Der Körperverachtung vieler seiner Zeitgenossen widersprechend fährt er fort: »Wo Leib und Seele miteinander in Eintracht sind, sind alle Werke den Menschen süß und lustvoll«. So ist es für uns heute beeindruckend zu sehen, wie Meister Eckhart vor über 700 Jahren das Prinzip des Göttlichen in den Menschen selbst hineinverlagert. Heute könnten wir sagen: in das menschliche Selbst – und dann auch noch Leib und Seele zusammenbringt, statt, wie zu seiner Zeit vorherrschend, das eine dem anderen zu unterwerfen.
Geh in deinen eigenen Grund
Inwendig
Im Innersten der Seele
Da ist Dein Leben
Und da allein lebst du.
Meister Eckhart
Auch die Mystikerin, Heilkundige, Ur-Psychosomatikerin und Universalgelehrte Hildegard von Bingen (1098–1179) benennt das Zusammenspiel von Leib und Seele integrativ und poetisch: »Der Atem ist der lebendige Hauch der Seele, weil sie ihn trägt und sein Schwingungsvermögen ist, und zwar jedes Mal, wenn der Mensch seinen Atem in sich einziehen und wieder ausströmen lässt, um so leben zu können.« Und an anderer Stelle: Unsere »Augen sind die Fenster der Seele«.
Das Selbst des Menschen wird als der Sitz des Bewusstseins aufgefasst. Auf der Suche nach dem Bewusstsein/Selbstbewusstsein/Selbst ist die Philosophie der Unmöglichkeit konfrontiert, die philosophische Frage nach dem Sitz des Bewusstseins zu lösen, da Widersprüche in der Sache selbst liegen. So konnte beispielsweise Immanuel Kant das Selbstbewusstsein hinter dem Bewusstsein nicht definieren. Er sagte, vereinfacht ausgedrückt, man habe es, aber man könne es nicht festmachen, denn man könne nicht hinter seine Vorstellung kommen, um dort eine verborgene Instanz, sei es die unsterbliche Seele oder einen Gott zu finden. Dies wird als das Zirkelproblem in der Philosophie bezeichnet.
Ein vorläufiges Entrinnen aus diesem Erkenntnisdilemma des nicht festmachbaren Bewusstseins fanden Johann Gottlieb Fichte und Georg Wilhelm Hegel im sozialen Interaktionismus: Nicht das eine Bewusstsein, sondern das Zusammenwirken vieler »Bewusstseine« ermöglicht Selbstbewusstsein, durch das, was wir später Resonanz und Spiegelung nennen. Damit kommt die Philosophie dem Begriff des Selbst der Psychologie und Psychotherapie näher. Prägnant formulierte Fichte, einer der besonders psychologischen Philosophen, »der Mensch wird nur unter Menschen ein Mensch… Sollen überhaupt Menschen sein, so müssen mehrere sein«.7 Er entwickelte den Begriff der gegenseitigen »Anerkennung«, über die wir Menschen in einem gegenseitigen Wahrnehmungsprozess Selbstbewusstsein erlangen, und so Selbst werden, im Sinne von »seiner selbst bewusst« werden. Heute würden wir diesen Prozess als identitätsstiftende Spiegelung bezeichnen.
Diese Überlegungen werden von der Phänomenologie und der Existenzialphilosophie weitergeführt, wie sie unter anderem durch so unterschiedliche Vertreter wie Hegel, später Husserl, Heidegger, Sartre, vertreten sind. Zusammenfassendes Zitat des zeitgenössischen Existenzialisten John Searle: »Das Besondere am (Selbst-)Bewusstsein ist also, dass es die Voraussetzung für so ziemlich alles darstellt, was wichtig ist«8.
Eine wegweisende Annäherung zum Konzept Selbst findet sich bei Soeren Kierkegaard (1813–1855). Die Schriften dieses rebellischen, schwermütigen und freiheitsersehnenden dänischen Philosophen wurden erst nach seinem Tod in der Breite wahrgenommen. Heute sieht man in ihm den Vorläufer des Existenzialismus. Ihm, der im biederen Protestantismus des 19. Jahrhunderts in Kopenhagen aufwuchs, ging es um die Freiheit des Denkens, darum, die Welt nicht so hinzunehmen wie sie ist. Er weist auf die oft wenig beachteten, nicht vom Verstand geleiteten Dimensionen der menschlichen Existenz hin und befasst sich ausführlich mit der menschlichen Angst, die vor allem die Angst vor der nichtangepassten menschlichen Freiheit ist. Zum Selbstbegriff formuliert er: Unser »Lebensziel ist, das Selbst zu sein, das man in Wahrheit ist«.9 Selbstsein ist bei Kierkegaard als ausbalanciertes »dynamisches Gleichgewicht in der Bewegung«, in der »Doppelbeziehung« zwischen den Grundpolen des Menschseins wie Zeitlichkeit und Ewigkeit, Freiheit und Notwendigkeit, formulierbar.10 Und an anderer Stelle: »Was aber ist denn dies, mein Selbst? Wollte ich … einen ersten Ausdruck dafür, so ist meine Antwort: Es ist das Abstrakteste von allem, das doch zugleich das Konkreteste von allem ist, es ist die Freiheit.«11
Unsere tiefste Angst ist nicht die,
dass wir unzulänglich sind.
Unsere tiefste Angst ist die,
über alle Maßen kraftvoll zu sein.
Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit,
was uns am meisten erschreckt.
Marianne Williamson12
Karl Jaspers, 1883–1969, Heidelberger Philosoph und Psychiater, schließt hier an Kierkegaard an. Auch ihm ging es um Existenz, Freiheit, um das eigentliche Menschsein. Sein Denken ist sowohl auf der sokratischen Philosophie wie auch auf der Aufklärung Kants und auf Hegels, Husserls, Merleau-Pontys phänomenologischem Ansatz begründet. Jaspers sagt, dass die geistigen Fragen des menschliches Seins, wie Bewusstsein, Existenz, Transzendenz, nicht absolut beantwortbar, aber notwendigerweise denk- und bearbeitbar seien. Für seinen Blick auf das hier thematisierte SELBST ist die Anerkennung der Begrenztheit des menschlichen Wissenkönnens bedeutsam. Sinn und Auftrag des Menschen sei es, innerhalb aller letztlichen Ungewissheit zu dem zu werden, der wir in Wirklichkeit sind. In einer stufenweisen Abfolge, über die zunächst biologische, dann bewusste, dann geistige Seinsweise gelange der Mensch zur existenziellen Ebene dessen, was er sein kann. Dies sei die Ebene des eigentlichen Selbstseins. Die Notwendigkeit hierfür sei die grenzenlose Kommunikation der Menschen untereinander mit dem Willen, bei aller Unterschiedlichkeit der Meinungen, den anderen und sich selbst zu verstehen und dabei entschieden man selbst zu sein.
In der Weiterführung des kommunikativen Aspekts des Selbstseins differenziert Hans Georg Gadamer (1900 – 2001) die Bedeutung und das Wesen des Gesprächs aus. Er unterscheidet Gespräch vom Diskurs, von der Debatte und von dem Gerede. Das gelingende Gespräch, so Gadamer, setze Resonanz voraus, es anerkenne die Andersartigkeit des Anderen und könne sich zum Gemeinsamen hin wandeln. Das Gespräch sei »die Brücke über den fließenden Fluss des Andersseins«.13 So kommen wir aus einem echten Gespräch anders heraus, als wir hineingegangen sind.
Der Beziehungs- und Religionsphilosoph Martin Buber (1887–1965, Hauptwerke zu unserem Thema sind: »Ich und Du«, »Das dialogische Prinzip«) benennt als Grundvoraussetzung für das Selbstsein das unverzichtbare Gegenüber. Er schreibt »Ich werde am Du (…) Alles wirkliche Leben ist Begegnung.«14 Buber spricht direkt den psychotherapeutischen Kontakt an und sieht diesen als Herausforderung und Wagnis des »rückhaltlosen Gegenübertretens, das Aufgeben des Psychologismus«. Um eine heilsame Begegnung zu ermöglichen, sollten zwischen Ich und Du nicht Konzepte und Deutungen dazwischengestellt werden, denn »die Aufgeschlossenheit ist das kostbarste menschliche Gut.«15
Wie wir später sehen werden, wird im IFS/IIFS-Modell dieses dialogische Prinzip im Innenraum des Menschen erforscht, im inneren Dialog zwischen SELBST und Teilen.
Selbstkonzepte in Psychologie und Psychotherapie
In der Psychologie und Psychotherapie des letzten Jahrhunderts gibt es viele unterschiedliche Selbstkonzepte, die hier nur holzschnittartig skizziert werden können. Dabei sind die Begriffe »Selbst« und »Ich« in den verschiedenen Theorien nicht eindeutig abgegrenzt. »Selbst« wird oft übergreifend gefasst, Beziehungen und Beziehungsbilder einbeziehend, teilweise wird »Selbst« aber auch als Teil des »Ich« bezeichnet.
Entwicklungslinien in dieser Theorienvielfalt führen von der Einpersonen-Perspektive der frühen Psychoanalyse über die spätere Objektbeziehungstheorie zu den beziehungsorientierten Ansätzen der Selbstpsychologie, dann im Weiteren zu den humanistischen, systemischen Theorien und, teils verbunden, teils unabhängig von den großen Schulen, auch zu den transpersonalen Theorien.
Eines der vielen Verdienste Siegmund Freuds mit der Entdeckung der Psychoanalyse war es, zum Verständnis psychischer Probleme aus dem neurologisch-medizinischen Modell vom behandlungsbedürftigen Menschen wegzukommen und ein individualisiertes Persönlichkeitsmodell des Menschen zu entwerfen.
Der Begriff des Selbst spielte bei Freud zunächst keine Rolle. Sein Persönlichkeitsmodell war triebdynamisch und konflikttheoretisch orientiert. Sehr verkürzt skizziert: Zur Steuerung des Handelns und Fühlens galt es, die widersprüchlichen Erfordernisse der unbewussten Strebungen und Triebbedürfnisse (»Es«) und der gesellschaftlich begründeten Normierungen und verinnerlichten Gewissenserfordernisse (»Über-Ich«) kompromisshaft auszubalancieren. Hierzu sollte in der psychoanalytischen Behandlung durch Deutung unbewusstes Erleben bewusst gemacht werden, um aus »Es« »Ich« werden zu lassen. Durch die so gewonnene Bewusstheit sollten Entscheidungsfreiheit, Stabilität und seelische Gesundheit im Sinne von Arbeits- und Liebesfähigkeit gewonnen werden.
Um diesen Bewusstwerdungsprozess frei von Manipulation zu halten und nicht zu stören, sollte die therapeutische Beziehung distanziert bleiben. Die Reaktionen des/der Therapeut*in wurden als Hinweis auf das Übertragungsgeschehen der Patienten gedeutet und als deren Thema belassen. In der Rückschau wird von einer damals vorherrschenden eher »kalten Psychotherapie«, mit einer von Freud postulierten »chirurgischen Haltung« des Therapeuten, die die frühe Psychoanalyse kennzeichnete, gesprochen. Schließlich rang Freud darum, mit seinen neuen Ideen von der neurologischen Fachwelt als wissenschaftlich arbeitender Arzt anerkannt zu werden. In diese eher distanziert deutende Tradition innerhalb der Psychoanalyse reiht sich auch zunächst die Weiterentwicklung der Psychoanalyse durch die Objektbeziehungstheorie ein, die durch Melanie Klein, Margret Mahler, Otto Kernberg und andere vertreten wurde. Das »Selbst« oder »bewusste Ich« wurde als eine den Stufen der Entwicklungslogik unterworfene Einheit gesehen. Die Rolle und Art der Triebbedürfnisse wurden in den zahlreichen Weiterentwicklungen unterschiedlich gewichtet.
Im weiteren Verlauf gab es ganz unterschiedliche Abspaltungen von der klassischen Psychoanalyse, die unter dem Oberbegriff »Neoanalytiker« gefasst werden. Dazu gehören beispielsweise Karen Horney, Frieda Fromm-Reichmann, Otto Rank, Erik H. Erikson, Alfred Adler, aber auch Carl Gustav Jung und Erich Fromm, die sich wiederum teilweise den humanistischen, den transpersonalen, oder, wie Wilhelm Reich, der Körperpsychotherapie zuordnen lassen.
Das Selbst als ein Fundus und innerer Schatz des menschlichen Bewusstseins wird explizit in der Selbstpsychologie von Heinz Kohut (1913–1981) ausgeführt. Kohut beschreibt das Selbst als die psychische Struktur, die in räumlicher und zeitlicher Kontinuität erlebt wird. Diese Selbststruktur entwickelt sich in der Beziehung zu einem Selbstobjekt, d. h. einer zentralen Beziehungsperson, z. B. der Mutter, mit der sich die Person verbunden und ähnlich erlebt und durch Spiegelung Bestätigung erfährt. Für Kohuts Therapietheorie ist die zugewandte, empathische Haltung des Therapeuten, die Introspektion des/der Klient*in und die Anerkennung der individuellen intersubjektiven Organisationsprinzipien zwischen Selbst und seinen Objekten (im Sinne von verinnerlichten Bezugspersonen) für den therapeutischen Prozess von entscheidender Bedeutung. In der IIFS-Sprache würden diese verinnerlichten Bezugspersonen als Persönlichkeitsteile bezeichnet werden.
Mit der Selbstpsychologie findet innerhalb der Psychoanalyse in den 70er-Jahren ein Paradigmenwechsel von der beobachtenden zur einfühlenden Psychotherapie statt. Neben Kohut sind hier unter vielen anderen auch Donald Winnicott, Michael Balint, Erich Fromm, Sandor Ferenczi und Paul Federn zu nennen. Sie erkannten in der therapeutischen Beziehung, die von Mitgefühl getragen ist, den heilsamen Wirkmechanismus. Donna Orange, 1944 geborene amerikanische Psychoanalytikerin und Philosophin, benennt Psychotherapie als das Zusammenspiel von Therapeut und Klient auf verbaler und nonverbaler Ebene mit dem Ziel der emotionalen Heilung. Luise Reddemann, Psychoanalytikerin und Traumatherapeutin, sagt hierzu: »Die abstinent deutende Haltung in der Therapie hat ausgedient. Es geht um das Heraushelfen aus den emotionalen Erfrierungen durch Resonanz, Mitgefühl und wohlwollende Beziehung.«16 Sie zitiert an derselben Stelle Erich Fromm mit den Worten: »Der liebende Mensch antwortet.«
Einen anders akzentuierten Selbstbegriff, der zur IIFS-Theorie hinführt, finden wir in der analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs. Er erweitert den Begriff des Selbst ins Transpersonale. Jung fasst das Selbst als »Subjekt meiner gesamten, auch unbewussten Psyche«. Dieses Selbst ist für Jung letztlich nicht vollständig erfassbar. Es ist dynamisch, umfasst die Gegensätze der Persönlichkeit und wirkt ordnend. Er begreift das Selbst, wie schon die Mystiker, als unseren »göttlichen Funken«, als einen überpersönlichen, zeitüberdauernden Archetypus, der beispielsweise in der Kunst, in Mythen, Märchen, in Imaginationen und in Träumen, sowohl in individuellen Bildern, aber auch in allgemeinen Symbolen auftauchen kann. Solche Selbstsymbole sind bei Jung beispielsweise der oder die alte Weise, König*In, Heiler*in oder, abstrakt symbolisiert, das Mandala, das Kreuz, der Ring, der Schlüssel, der Stein des Weisen, die Blume – um nur einige zu nennen.17
Weitere, teilweise verwandte Selbstkonzepte finden u. a. in Roberto Assaglios (1888–1974) Psychosynthese und in unterschiedlichen Ansätzen der transpersonalen Psychologie im Begriff eines höheren Selbst ihre Ausformulierung. In diesen Ansätzen sind die Aspekte der Person um dieses überindividuelle, höhere Selbst organisiert. Der Sinn des Daseins besteht gemäß dieser Sichtweise darin, den verlorengegangenen Zugang zum höheren Selbst wiederherzustellen. Ken Wilber (geboren 1949), Theoretiker der transpersonalen Psychologie, erstellte eine Systematik verschiedener Psychotherapieansätze, in welcher er drei Tiefenschichten der Selbsterkenntnis und Selbstintegration ausdifferenzierte. Er untergliedert sie in eine erste Ebene der ichbezogenen Psychotherapien, wozu er Psychoanalyse und kognitive Therapien rechnet, die zweite Ebene der humanistischen Therapien, wozu er auch die Körpertherapien rechnet, und in die dritte Ebene der transpersonalen Therapien, zu denen er die analytische Psychologie Jungs, Psychosynthese, buddhistische Psychotherapien und verschiedene mystische Therapien einordnet.18
Auf die buddhistische Psychologie und deren Selbstkonzept werde ich weiter unten noch einmal zurückkommen.
Weitere, das Selbst betreffende, psychologische Konzepte, finden wir in den Erkenntnissen der Säuglingsforschung, der Bindungstheorie und vor allen Dingen im weitverzweigten Feld der verschiedenen humanistischen Therapien.
In der Säuglingsforschung (u. a. Daniel Stern 1985, Hilarion Petzold 1995) wurden bahnbrechende Einsichten über den kompetenten Säugling gewonnen. Dieser organisiert aktiv, und nicht passiv reagierend, seine Entwicklung und seine Beziehungen. So verfüge der kleine Mensch bereits vorgeburtlich über ein organismisches und emergentes Selbst. »Organismisch« bedeutet hier: wachstumsorientiert darauf ausgerichtet, eine ungelöste Situation stimmig zu gestalten. »Emergent« bedeutet, sich strukturiert auf immer weiter ausgefächerten Organisationsebenen weiterentwickelnd. Beides sind zentrale Begriffe der Gestalt- und der Systemtheorie. Entwicklungspsychologischer formuliert: Das Selbst entwickelt sich kontinuierlich in der Interaktion mit seiner Umwelt, mit den primären Bezugspersonen, Freundeskreis, Beruf, Kultur und immer komplexer werdenden Systemen mitmenschlicher und gesellschaftlicher Beziehungen zur letztlich reifen, individuellen Persönlichkeit.
Weitere hinführende Bedeutung für die spätere Ausdifferenzierung der IFS-IIFS-Therapie hat die Bindungstheorie. Sie wurde ab den 50er-Jahren unter anderem von John Bowlby und Mary Ainsworth ausformuliert, aktuelle Vertreter sind beispielsweis Hans-Georg Brisch und Thomas Harms. Demnach verfügt der Säugling über ein angeborenes Bindungssystem, innerhalb dessen er mit seinen Bezugspersonen interagiert. Das Vorliegen einer guten frühen Bindung des Kindes an seine primären Bezugspersonen wird als Voraussetzung für die Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit und damit der Selbstentwicklung postuliert und empirisch erforscht.
Eine gute und sichere Bindung entsteht durch Verlässlichkeit, Authentizität, Spiegelung, Präsenz und Empathie in der Beziehung der primären Bezugsperson zum Kind. Das ist für unser Thema »der Begriff des Selbst« insofern bedeutsam, weil diese Beziehungsmerkmale genau den später im IFS-Ansatz ausformulierten Selbstqualitäten entsprechen.
So zeigt sich mit dem Verweis auf die Bindungstheorie, dass die IIFS-Therapie von ihrem Wesen her Bindungstherapie ist. Und zwar in dem Sinne verstanden, dass in der Therapie die Ver-Bindung zwischen SELBST und Teilen im Inneren des Menschen unterstützt wird. Dieser Prozess wiederum geschieht eingebettet in den geschützten Rahmen einer sicheren, empathischen, therapeutischen Beziehung.
Allerdings postuliert die IFS-IIFS-Theorie im Unterschied zu den genannten Bindungstheorien die Existenz eines unverletzlichen SELBST in jedem Menschen, auch dann, wenn frühe Traumatisierungen vorliegen sollten. (Siehe hierzu das Kapitel IIFS und Trauma.) Hier ist die IFS-IIFS-Theorie bezüglich des Entwicklungspotenzials des Menschen optimistischer als die klassischen Vertreter der Bindungstheorie.
In der Humanistischen Psychologie, die sich in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts herausbildet, wird der Selbstbegriff zentral. Sie sieht sich als dritte Säule psychologischer Anthropologien, nach der konflikttheoretischen Psychoanalyse und dem naturwissenschaftlich ausgerichteten Behaviorismus, der auf geistige Konstrukte wie das Selbst verzichtet. IIFS baut unmittelbar auf den verschiedenen humanistischen Schulen auf (siehe auch Teil 1).
Die Zentralbegriffe der Existenzialphilosophie: Freiheit, Sinn und Entwicklung stehen im Vordergrund der humanistischen Theorien. Ihr Menschenbild ist ressourcenorientiert und wachstumsbezogen, nicht pathologisierend und defizitorientiert. Symptome werden in ihrer kreativen Lösungs- und Bewältigungsfunktion gesehen. Der Schwerpunkt in diesen Theorieschulen ist weniger psychodiagnostisch als prozessdiagnostisch ausgerichtet.
Einige zentrale Grundannahmen der humanistischen Psychologie sind:
Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Teile.
Er lebt und entwickelt sich in den zwischenmenschlichen Beziehungen.
Er lebt bewusst und kann seine Selbstwahrnehmung schärfen.
Er kann Entscheidungen treffen.
Er lebt intentional.19
In den humanistischen Psychotherapien wird die wohlwollende, therapeutische Beziehung immer mehr als entscheidende Wirkvariable für eine gelingende Psychotherapie anerkannt. Im Schutz der sicheren Beziehung entsteht Selbstkontakt, Selbstwahrnehmung und Selbstakzeptanz. Dies bestätigen Metaanalysen zur Wirkung von Psychotherapie.20
In das humanistische Umfeld können, bei aller Unterschiedlichkeit, auch viele der oben genannten Vertreter der neoanalytischen, interaktionellen, selbstpsychologisch orientierten Psychotherapien dazugerechnet werden, die die Notwendigkeit einer engagierten und von Mitgefühl getragenen Beziehung anerkennen. Hier lösen sich die traditionellen Abgrenzungslinien innerhalb der großen Therapieschulen zugunsten der therapeutischen Praxis und des voneinander Lernens immer mehr auf – wenn auch teilweise noch zögerlich.
Auf die Personzentrierte Psychotherapie von Carl Rogers soll hier wegen der von ihm ausformulierten Grundvariablen der psychotherapeutischen Beziehung etwas ausführlicher eingegangen werden. Wie die anderen humanistischen Psychotherapieschulen postuliert er zuversichtlich ein dem Menschen innewohnendes Wachstumspotenzial. Der Mensch sei in seinem Wesenskern von Natur aus gut. Das Selbst des Menschen sei eine »fließende, in sich geschlossene Gestalt«, sich wandelnd, wachsend und durch eine organismische Weisheit der Persönlichkeit organisiert. Sie strebe danach, sich weiterzuentwickeln und sich zu aktualisieren. Auch er setzte, wie später Richard Schwartz, den Begriff des Selbst nicht als gegeben voraus, sondern erschloss ihn phänomenologisch und beobachtend aus den wiederkehrenden Äußerungen seiner Patienten, wie beispielsweise: »Ich hatte niemals die Möglichkeit, ich selbst zu sein«. Woraus er folgerte, dass der Mensch ein ihm innewohnendes Bewusstsein für sein wahres Selbst hat. Dieses »wahre Selbst« unterscheidet Rogers vom »falschen Selbst«, welches sich durch Anpassungsnotwendigkeiten, Angst vor Zurückweisung, Verletzung von Grundbedürfnissen, verzerrte Spiegelung primärer Bezugspersonen und durch weitere Beeinträchtigungen einer freien Entwicklung herausbilden kann.
Um den Entwicklungsprozess des Klienten zu unterstützen, muss der/die Therapeut*in ein Beziehungsangebot machen können, das Carl Rogers durch die drei notwendigen und hinreichenden therapeutischen Grundvariablen definierte:
Akzeptanz im Sinne von bedingungsloser Annahme,
Empathie als das einfühlende Verstehen in die Welt des Gegenübers,
Echtheit, Kongruenz, im Sinne einer authentischen Beziehungsgestaltung.
Hier findet sich wieder eine hinführende Übereinstimmung dieser Grundvariablen der therapeutischen Beziehung mit den später ausgeführten Selbstqualitäten im IFS/IIFs, den »10 Cs«, aber auch mit den genannten Voraussetzungen für eine sichere Bindung sowie auch den späteren Achtsamkeitsmerkmalen.
Der Selbstbegriff in der buddhistischen Psychologie, Übereinstimmung und Unterschiede
Im Verlauf der letzten hundert Jahre fand ein fruchtbarer Austausch westlicher und östlicher Philosophie statt, die auch in psychotherapeutischen Ansätzen ihren Ausdruck findet. (Siehe bereits bei Jung, Fromm, Assaglio.) Zwischen dem Selbstkonzept der modernen buddhistischen Psychologie, wie sie beispielsweise Jack Kornfield lehrt, und dem IIFS gibt es Übereinstimmungen, aber auch entscheidende Unterschiede. Da dies in den IIFS-Ausbildungsseminaren immer wieder von den Teilnehmenden diskutiert wird, möchte ich kurz darauf eingehen.
Eine Übereinstimmung ist die Bedeutung der Achtsamkeit, die weiter unten noch einmal ausführlicher vorkommen wird. In den verschiedenen Ansätzen der buddhistischen Psychologie wird Achtsamkeit als Zugangsweg zur Selbsterforschung gelehrt. Die Achtsamkeits- und Meditationspraxis schult eine offene, nicht wertende Wahrnehmung dessen, was sich neben der Wahrnehmung des äußeren Raumes, insbesondere auch im seelischen Innenraum abspielt. Achtsamkeit zielt darauf ab, genau zu beobachten, was gedanklich, emotional und körperlich geschieht, ohne sich damit zu identifizieren, also in einer gewissen neutralen Distanz zum Beobachteten zu bleiben. So können wir eine heftige Emotion wahrnehmen mit der inneren Haltung: »Ich habe, beispielsweise, eine Wut, aber ich bin nicht meine Wut«. IIFS-sprachlich beschreibt dies die Haltung des Nicht-Identifiziert-Seins mit den inneren Phänomenen, mit den inneren Persönlichkeitsteilen. IIFS ist also eine achtsamkeitsbasierte Therapieform.
Der beobachtende, innere Ausgangspunkt, das SELBST im IIFS, wird in der buddhistischen Psychologie jedoch nicht »Selbst« genannt, sondern mit Begriffen wie: »der Zeuge«, »der Innere Beobachter«, das »Innere Ich« oder die »Buddha-Natur« bezeichnet. Ken Wilber beschreibt dies so: »Ich bin das, was übrigbleibt, ein Zentrum reinen Gewahrseins, der unbewegte Zeuge all dieser Gedanken, Emotionen, Gefühle, Empfindungen.«21 Ein so gefasster Innerer Zeuge meint jedoch nicht ganz das, was im IIFS-Ansatz mit SELBST gemeint ist. Der innere Zeuge in der buddhistischen Psychologie kann als ein Seinszustand aufgefasst sein, der neutral, distanziert, eher in der Draufsicht auf die Teile bleibt. Allerdings gibt es auch bezüglich dieses Aspektes Unterschiede innerhalb der weitverzweigten buddhistischen Schulen, auf die ich an dieser Stelle nicht vertiefend eingehen kann.
Aus dem SELBST heraus wahrzunehmen, wie es im IIFS geschieht, bedeutet verkörperte, mitfühlende Wahrnehmung. In einem solchen Seinszustand tritt der Mensch über die pure bezeugende Beobachtung hinaus und nimmt engagiert Beziehung auf zu den Teilen.
Was das persönliche »Selbst« in der buddhistischen Psychologie ist, wird im IIFS-Konzept eher als Persönlichkeit, mit all ihren Identifizierungen und Persönlichkeitsteilen, benannt. Was in der buddhistischen Psychologie als der angestrebte Zustand des Nicht-Selbst, des Inneren Zeugen ist, hat Züge dessen, was im IIFS als SELBST bezeichnet wird, allerdings in der oben ausgeführten, engagierteren, nicht so distanzierten Weise. Verbindend zwischen dem IIFS-Ansatz und den Prinzipien der buddhistischen Psychologie bleibt jedoch die achtsame, selbsterforschende, desidentifizierte, nicht wertende, bewusste Haltung des Menschen sich selbst und all seinen Facetten gegenüber.
Ganz grundsätzlich gibt es weitere Unterschiede zwischen IIFS und buddhistischer Psychologie. Letztere ist eine ausdifferenzierte, spirituelle Geisteshaltung mit einem komplexen theoretischen Überbau. IIFS dagegen bleibt pragmatisch eine ausformulierte Psychotherapieform mit einer humanistisch, systemisch, achtsamkeitsorientiert und körpertherapeutisch ausgerichteten psychotherapeutischen Grundhaltung. IIFS ist keinem spirituellen System verpflichtet.
Die Auseinandersetzung mit der transpersonalen Ebene des Menschen bleibt jedoch ein spannender Aspekt in der Auseinandersetzung mit dem Konzept.
Auf die Bedeutung der Achtsamkeit als Zugang zum SELBST wird weiter unten noch ausführlicher eingegangen.
Annäherung an das Konzept des Selbst in der Neurowissenschaft
Was ist das Selbst, wie entsteht es, wie ist die Natur des Geistigen? Das sind in der Neurophysiologie die großen Fragen.
Anschaulich beschreibt Joachim Bauer in seinen Büchern die neurophysiologische Basis des menschlichen Selbst.22 Sie liegen meiner skizzierten Zusammenfassung der Neurophysiologie des Selbstseins zugrunde. Auch hier wird deutlich: Das Selbst entsteht vom Beginn des Lebens an aus der zwischenmenschlichen Begegnung, aus der Resonanz zwischen Ich und Du.
Zwei neuronale Strukturen kommen bei der Entwicklung des Selbst zum Tragen: Die eine Struktur ist das System der Spiegelneuronen, das menschliche Resonanzsystem. Dieses im limbischen System verortete Netzwerk bildet die neuronale Grundlage für Kontakt, Resonanz, Beziehung, Empathie, soziales Lernen und letztlich Selbstwerdung. Die Spiegelneuronen wurden um die Jahrtausendwende in einer experimentellen Versuchsanordnung entdeckt, als im Gehirn eines Probanden, der sah, wie sich ein anderer mit einer Nadel in die Fingerkuppe stach, die gleiche Schmerzreaktion eintrat, wie in der Situation, als er selbst gestochen wurde und den Schmerz im eigenen Körper wahrnahm. (Ausführlich beschrieben in J. Bauer: Warum ich fühle, was du fühlst.)
Spiegelneurone gehören von Anbeginn zur biologischen Grundausstattung von uns Menschen. In diesem intuitiven Resonanzsystem bildet sich das Beziehungsspiel von Ich und Du ab, in einem beständigen Wechsel von Senden und Empfangen von Gesten, Zeichen, Geräuschen, Berührungen, der mit einem lebenslänglichen Veränderungsprozess einhergeht. In Resonanz lernt, wächst und entwickelt sich der Mensch.
Das System der Spiegelzellen wiederum bildet die Voraussetzung für die zweite Struktur, für das komplexe Selbstsystem im präfrontalen Cortex. In diesem Netzwerk sind das Bild über uns selbst – was bin ich und was bin nicht ich – ebenso wie Haltungen, Gedanken und Gefühle neuronal beheimatet.
In der unmittelbaren hirnorganischen Nachbarschaft zum Ort des eigenen Selbstbildes findet sich, ebenfalls noch zum Selbstsystem gehörig, ein System, das das Bild vom relevanten anderen Menschen abbildet. Diese Systeme interagieren miteinander. Das Selbst formiert sich sowohl resonant mit dem äußeren Du, wie auch resonant mit dem inneren Du, anhand der inneren Vernetzung, Abgrenzung und Abgleichung mit diesem. Die neuronalen Netzwerke, die das eigene Selbstbild betreffen, sind dabei teilweise identisch mit den Netzwerken, die das Bild von anderen Menschen tragen. Dies ist umso ausgeprägter der Fall, je ähnlicher, wichtiger oder nahestehender uns der andere Mensch ist. So liegt auch neuronal unter der menschlichen Individualität immer auch eine tiefere Schicht von geteilter Identität des Menschen, als Teil seiner Gruppe, Familie, Kultur und Gesellschaft. (J. Bauer 2019)
Das gesamte Selbstsystem interagiert zusätzlich mit nachgeordneten Strukturen wie dem Angstsystem, Stresssystem, Motivationssystem, Immunsystem.
Selbstsystem und Spiegelneurone sind arbeitsteilig miteinander verbunden. Das Selbstsystem sendet und empfängt eher sprachliche und kognitive Inhalte, während das System der Spiegelneurone eher intuitives Wissen und emotionale Inhalte transportiert. Gegenseitige Resonanz, Empathie, gegenseitiges Inspirieren, Beeinflussen und auch Triggern, das Wahrnehmen von Atmosphären, das mit Haltungen über sich und die Welt einhergeht – all das bildet sich hier ab. In permanenter Veränderung begriffen, hinterlassen die sich wiederholenden interaktiven Erfahrungen neuronale Spuren in uns, die auf Dauer angelegt sind.
Das Selbstsystem ist im Unterschied zu den Spiegelneuronen beim Neugeborenen zunächst noch kaum differenziert. Es entwickelt sich beim Kleinkind bis zum 24. Lebensmonat als neuronale Struktur heraus, auf der die lebenslängliche weitere Selbstentwicklung aufbaut. Durch die Neuroplastizität des Gehirns geschieht eine fortwährende Weiterentwicklung dieser Hirnstrukturen, die erst beim letzten Atemzug abgeschlossen ist.
Während seiner frühen Entwicklungsphase ist das kleine Kind elementar darauf angewiesen, ein Gegenüber zu haben, das mit dem Kind einfühlsam interagiert und ihm hilft, sich über fortwährende Spiegelung entwickeln zu können. Dieses »Du« muss zugewandt und liebevoll sein, Blickkontakt halten, Körperkontakt herstellen und die Lebensäußerungen des Kindes beantworten, deuten und regulieren, eben resonant sein. Resonanz und Spiegelung, Passung, Differenzierung, sich verlieren, sich wiederfinden, dieser elementare Beziehungstanz ist der Motor für die Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit. Im Selbstsystem des Menschen bilden sich auf neuronaler Ebene die Strukturen für das ab, was wir als unser Selbst empfinden. Wir lernen, das Nicht-Ich vom Ich zu differenzieren, entwickeln Vorstellungen von uns Selbst und von unserem Platz in der Welt.
Dein Ort ist
Wo Augen Dich ansehen.
Wo sich die Augen treffen
Entstehst du.
Es gibt dich
Weil Augen dich wollen,
dich ansehen und sagen
dass es dich gibt
Hilde Domin23
Mit dem Auffinden des Systems der Spiegelneurone und des Selbstsystems wird mithilfe der abbildenden Hirnscan-Verfahren sichtbar, was Therapeut*innen und Eltern von jeher kennen: das Phänomen von Mitgefühl, Empathie und Resonanz, von emotionaler Empfänglichkeit und Gegenseitigkeit. Die Entdeckung dieser Strukturen veranschaulicht neurowissenschaftlich die von Geburt an existenzielle Wichtigkeit von spiegelnder, verkörperter Resonanz, von einfühlsamer Beziehung für die Selbstwerdung und die seelische Integrität von uns Menschen.
Gleichzeitig möchte ich an dieser Stelle das ebenfalls Selbstverständliche aussprechen: Bei aller Faszination über die neurowissenschaftlichen Möglichkeiten der Abbildung psychischer Prozesse dürfen wir das Phänomen des Geistigen nicht mit seiner neurophysiologischen Abbildung verwechseln. Wir würden damit einem Neuroreduktionismus erliegen. Geist und Körper sind zwar verschränkt, aber erklären sich nicht wechselseitig auseinander. In Abwandlung eines Buchtitels des Neoexistenzialisten Markus Gabriel Ich ist nicht Gehirn, können wir sagen: »Und SELBST schon gar nicht«, da, wie Markus Gabriel schreibt »der menschliche Geist eine offene Vielzahl von Vermögen hervorbringt, die allesamt geistig sind, weil der Geist sich über diese Selbstdeutungen ein Bild von sich selbst erschafft. (…) Dieser Vorgang hat eine geschichtlich offene Struktur, die sich nicht in der Sprache der Neurobiologie fassen lässt. Das liegt nicht daran, dass wir eben verschiedene Sprachen (im Sinne von Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft, Einfügung von mir, R. H.-R.) sprechen, sondern ist darin begründet, dass der menschliche Geist kein rein biologisches Phänomen ist.«24
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