Kitabı oku: «Freundlicher Tod»
Ute Dombrowski
Freundlicher Tod
Fall 4
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
Impressum neobooks
1
Freundlicher Tod
Ute Dombrowski
1. Auflage 2017
Copyright © 2017 Ute Dombrowski
Umschlag: Ute Dombrowski
Lektorat/Korrektorat Julia Dillenberger-Ochs
Satz: Ute Dombrowski
Verlag: Ute Dombrowski Niedertiefenbach
Druck: epubli
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors und Selbstverlegers unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
„Die Hölle ist leer, sagt er, und alle Teufel sind hier.“
William Shakespeare
Der Sturm, 1. Aufzug, 3. Szene, Ariel zu Prospero
Der Tod ist einzigartig und unbestechlich, er nimmt alles mit, was einen Menschen einmal ausgemacht hat und lässt eine leere Hülle zurück. Wenn er sich auf den Weg macht, muss man ihn erwarten, annehmen und mit ihm gehen. Es ist dann Zeit, in einer anderen Dimension neu zu beginnen. Für Alexander war der Tod immer etwas gewesen, was weit weg war, doch heute hatte er ihn eingeladen.
Sarah lag regungslos in ihrem Bett neben dem Fenster. Alexander hatte ihre Bettdecke neu bezogen und schaute sie liebevoll an. Er hob ihren Oberkörper hoch und schüttelte das Kissen auf. Eine Weile später sank ihr Kopf zurück in die weichen Daunen und es sah aus, als ob sie sich nach einem anstrengenden Tag ausruhte. Er strich ihr zärtlich über das Haar und sah eine halbe Stunde hinaus in den herrlichen Wintermorgen.
Die Mutter war zu ihrer Schwägerin gefahren, um am Wochenende vor Weihnachten neue Kraft zu schöpfen. Die Pflege ihrer im Koma liegenden Tochter raubte ihr oft die gesamte Energie und Alexander hatte ihr die Auszeit von Herzen gegönnt.
Als er jetzt ein zweites, kleineres Kissen nahm und auf Mund und Nase seiner jüngeren Schwester drückte, musste er nur noch warten, bis die junge Frau nicht mehr atmete. Er fühlte ihren Puls und lächelte. Der Tod war gekommen und hatte Sarah mitgenommen. Nun musste sie nicht mehr leiden.
„Wir sehen uns bald wieder, meine Schöne. Ich liebe dich.“
Mit einem entspannten Gesicht verließ Alexander das Zimmer.
Am kommenden Morgen rief er den Arzt und setzte sich weinend an Sarahs Bett. Er hielt ihre Hand, bis Dr. Worges den Totenschein ausgefüllt und ihm sein Beileid ausgesprochen hatte. Der Facharzt, der Sarah seit dem Unfall betreut hatte, war im Urlaub und hatte für dieses Wochenende die Verantwortung an den Hausarzt der Familie übergeben.
Der Unfall vor eineinhalb Jahren hatte die Familie aus der Bahn geworfen. Ein Lkw war von rechts aus einer Seitenstraße gekommen und hatte das kleine Auto des Vaters übersehen. Der Aufprall war unausweichlich gewesen und Sarah, die auf dem Beifahrersitz gesessen und ihrer Prüfung entgegengefiebert hatte, musste später schwer verletzt aus dem Wrack herausgeschnitten werden. Dem Vater war kaum etwas passiert, er hatte sich den Arm gebrochen und die Kniescheibe war herausgerutscht. Sarah aber lag nach einer schweren Schädelverletzung immer noch im Koma.
Dörte Retzanski hatte ihr Kind vor sechs Monaten nach Hause geholt und pflegte es liebevoll. Allerdings stieß sie mehr und mehr an ihre körperlichen Grenzen und nachdem sie im Oktober einmal einfach vor Erschöpfung umgefallen war, gab es regelmäßig freie Wochenenden für sie, an denen sich Alexander um Sarah kümmerte. Bisher war alles gut gegangen, aber der junge Mann war so erschüttert über den Zustand seiner kleinen Schwester, die er über alles liebte, dass er eines Tages beschlossen hatte, sie von ihrem Leiden zu erlösen.
Er kannte sie als ausgelassen und fröhlich, sie war aktiv und hatte sich an dem Tag, als er passiert war, auf dem Weg zur Examenslehrprobe befunden, die letzte große Prüfung, bevor sie Lehrerin sein würde. Sarah mochte Kinder genauso gern wie Alexander.
Am Abend zuvor hatte sie dem Vater erklärt: „Papa, ich bin viel zu aufgeregt, kannst du mich morgen früh zur Schule bringen?“
„Aber natürlich, mein Kind, nicht, dass du noch einen Unfall baust, weil du nur an die Prüfung denkst.“
Klaas Retzanski fühlte sich seitdem schuldig und litt wie ein Hund, wenn er hinter seiner Frau ins Krankenhaus schlich, wo sein kleines Mädchen in den weißen Kissen wie tot aussah. Die Geräte waren da und überwachten alle lebensnotwendigen Funktionen. Klaas schlief wenig, stürzte sich in die Arbeit und machte sich Vorwürfe. Seit dem Tag, an dem seine Frau Sarah nach Hause geholt hatte, verkroch er sich in der Apotheke und kam nur noch selten heim. Er schlief im Hinterzimmer und war bald blass und ausgemergelt.
Dörte aber blühte auf und sprach jeden Tag mit Sarah, denn der Arzt hatte gesagt, dass es möglich war, dass die junge Frau eines Tages wieder aus dem Koma aufwachen würde.
„Wie wird es ihr dann gehen? Wird sie noch die Alte sein?“, hatte sie hoffnungsvoll gefragt.
„Ich kann es nicht sagen, das ist ein Thema, das noch weit weg ist. Frau Retzanski, wir müssen hoffen und ich verspreche Ihnen, dass ich alles dafür tun werde, dass Sarah wieder aufwacht. Das ist wenig, aber sie lebt und dafür müssen wir dankbar sein.“
„Was wird denn, wenn sie nicht mehr klar denken kann? Wenn sie ein Pflegefall bleibt?“
„Das überlegen wir, wenn sie aufgewacht ist, einverstanden?“
Dörte hatte genickt, die Hand ihres Sohnes genommen und ihn angesehen.
„Sie schafft das, sie ist stark.“
„Ja, Mama, Sarah haut so schnell nichts um.“
Alexander wollte seiner Mutter nicht wehtun, aber er hatte die Hoffnung aufgegeben und viel im Internet recherchiert. Es konnte sein, dass Sarah ein sabberndes, grinsendes Mädchen sein würde, die nicht mehr selbständig atmete oder es konnte sein, dass sie jahrelang mit offenen Augen zur Decke starrte. Nein, so wollte er seine Sarah auf keinen Fall zurückhaben.
Später hatte Mama von den schwindenden Muskeln geredet und wie schwer der jungen Frau das Atmen fiel. Mitleid war es, Mitleid mit seiner Mutter, die in ihm den Gedanken an Erlösung weckte. Sarah würde dieses elende Leben friedlich verlassen und alle Last wäre fort. Alexander fühlte sich wichtig und wie der Retter der Welt. Sarah zu verlieren war sicher schwer, aber sie leiden zu sehen, würde viel schwerer sein.
2
Bianca und Michael lebten wieder zusammen, aber der schreckliche Fall hatte die Kommissarin damals nicht ruhig schlafen lassen. Die Psychologin hatte sowohl Bianca als auch Michael noch ein halbes Jahr lang betreut, damit sie mit dem Psychopathen, der sie eiskalt in seine perfiden Pläne einbezogen hatte, abschließen konnten. Benedikt hatte seine Bekanntschaft mit Natascha vertieft, aber die Tatsache, dass die Frau als Journalistin mehr unterwegs als daheim war, hatte die Beziehung schnell abkühlen lassen. Fabienne war weggezogen, denn sie hatte die Umgebung, die sie an die schrecklichen Erlebnisse erinnerte, nicht mehr ertragen können.
Ebenfalls seit einem halben Jahr war Bianca nun ganz offiziell die Leiterin der Dienststelle, aber ihren Kaffee trank sie immer gerne im Büro von Michael und Benedikt. So konnten sie auch über anfallende Arbeiten sprechen.
Vor einem Monat war Bianca siebenunddreißig geworden und kurz vor Weihnachten würden sie zwei Tage wegfahren, um Michaels runden Geburtstag in gemütlicher Zweisamkeit zu feiern.
„Vierzig, du Armer. Oha. Dann gehörst du zu den alten Männern“, stichelte Benedikt. „Aber keine Sorge, ich helfe dir gerne über die Straße.“
„Arsch“, erwiderte Michael lachend.
Sie waren ein gutes Team geworden und es hatte sich auch bewahrheitet, dass Bianca ab und zu mit hinausfuhr. Es war ihre große Sorge gewesen, dass sie im Büro versauern würde.
In den letzten Monaten war es sehr ruhig gewesen, außer ein paar Kleinigkeiten gab es keine spektakulären Fälle. Bianca und Michael liebten sich, redeten viel, unternahmen am Wochenende auch ab und zu etwas mit Benedikt oder machten endlose Spaziergänge am Rhein oder in den Weinbergen. Heute war Sonntag und sie kamen eben von einem schönen Essen am Anleger im Städtchen Eltville, das nicht nur ihr Arbeitsort, sondern ihr Zuhause geworden war. So wunderten sie sich auch nicht, dass sie von einigen Spaziergängern gegrüßt wurden.
„Es ist zurzeit angenehm ruhig, ich bin froh, dass wir diesen Psychopathen los sind“, sagte Bianca, die sich auf der Bank am Rhein an Michael gelehnt hatte.
„Ach Süße. Du hast doch gehört, was Cordelia gesagt hat: Er trug eine perfekte Maske und niemand kann in die Seele eines Menschen schauen.“
„Ich dachte aber immer, dass ich das kann. Meine Instinkte hatten mich bis dahin noch nie verlassen und wenn ich überlege, dass ich ja am Anfang unserer Bekanntschaft kein gutes Gefühl hatte, so muss ich zugeben, dass ich nicht weiß, wann und warum mir der Instinkt verloren ging. Ach könnte man doch den Menschen in den Kopf schauen, dann würde sich so manches Verbrechen verhindern lassen.“
Michael lachte und schaute dem jungen blonden Mann hinterher, der mit hängenden Schultern an ihnen vorüberschlich. Seine Augen waren in die Ferne gerichtet und er schien sie nicht zu bemerken.
„Sieh dir den armen Kerl an, was denkst du, was hinter seiner Stirn vor sich geht?“
„Vielleicht hat er Liebeskummer? Er sah so traurig aus. Wollen wir ihn fragen?“
„Spinnst du?!“, rief Michael und riss die Augen auf. „Das ist doch voll peinlich.“
„Dann sag mir doch mal, was ich gerade denke!“
Michael küsste Bianca und grinste.
„Du denkst dasselbe wie ich. Komm schnell nach Hause, ich will das auch! Außerdem ist es kalt.“
Sie standen auf und folgten dem Mann mit einigem Abstand. Als sie ihre Wohnung erreicht hatten, fielen sie übereinander her und hatten den Spaziergänger schon wieder vergessen.
Michaels Geburtstag ging vorüber, Weihnachten verbrachten sie zuhause und zum Jahreswechsel wollten sie mit Benedikt essen gehen, der anschließend zu einer Party eingeladen war.
Einen Tag vor Silvester läutete um zehn Uhr das Telefon und Michael nahm ab. Er horchte in den Hörer, dann sah Benedikt, wie sich das Gesicht seines Kollegen schlagartig verdüsterte.
„Ja, wir kommen sofort.“
„Was ist passiert?“
„Wir müssen los, da hat jemand seinen Onkel tot im Bett gefunden“, erklärte Michael, „und er kann sich nicht vorstellen, dass er einfach so gestorben ist. Der Mann war zwar schwer krank, aber er war lebensfroh und noch fit im Kopf. Das sagt der Arzt, den der Neffe eben gerufen hat.“
„Hm, vielleicht war es Selbstmord. Los, ich fahre, aber wir müssen beim Bäcker anhalten, ich hatte noch kein Frühstück.“
„Du brauchst eine Frau, mein Lieber.“
Benedikt lachte und winkte ab. Sie setzten sich ins Auto und machten sich auf den Weg. Es war kalt, aber nicht nass, die Sonne schien sogar und tauchte den Rheingau in ein zauberhaftes Licht. In der Nacht hatte es Frost gegeben und ein Rest von Raureif lag dort, wo die Sonne noch nicht hingekommen war, um ihn von den Blättern und Gräsern zu lecken.
Der alte Mann lag im Bett seiner Villa, in der er seit dem Tod seiner Frau ganz alleine gelebt hatte. Vom Fenster aus, das Michael jetzt ein Stück öffnete, um Luft zu holen, sah er den Rhein behäbig dahinfließen und die winzigen Wellenspitzen glitzerten in der Sonne. Es roch in diesem Zimmer nach Krankheit und Tod und das konnte der Kommissar schlecht aushalten.
Die Möbel waren alt und sahen aus wie teure Antiquitäten. Der Mann, der zugedeckt war, hatte ein weißes und hageres Gesicht und die Wangen ähnelten einem zerdrückten Pergamentpapier. Seine Augen waren geschlossen, was fehlte, waren Wimpern und Augenbrauen, auch auf dem Kopf hatte er keine Haare. Michael trat zu dem Arzt und Benedikt ging hinter dem Neffen her nach draußen.
„Herr Doktor, was spricht denn Ihrer Meinung nach dafür, dass der Mann hier nicht auf einem natürlichen Weg gestorben ist?“
„Herr Drekelt war zwar unheilbar krank, aber durch die Medikamente war er schmerzfrei und es ging ihm gut. Mittags kommt eine Pflegerin, die sich um ihn kümmert. Er hat diese Frau selbst eingestellt. Sie kocht und wäscht auch gleich noch, außerdem kauft sie für ihn ein. Er hat sie sehr gut bezahlt. Also, es sieht alles so aus, als wenn ihm jemand eine Überdosis Narkotikum gespritzt hat. Ich denke, dass es Mord war. Der Rest ist Ihr Job. Ich habe auf den Totenschein ungeklärte Todesursache geschrieben.“
„Danke für die Informationen. Kannten Sie den Herrn näher? Es kommt mir vor, als wüssten Sie mehr über ihre Patienten als andere Ärzte.“
„Nein, wir waren nicht befreundet, wenn sie das denken, aber er ist schon sehr lange mein Patient und ich höre nun mal gut zu. Ich weiß, dass das Vorurteil umgeht, dass der Arzt immer nur im Stress ist und ans Geldverdienen denkt, aber leider gibt es solche Ärzte wirklich.“
„Sie haben recht. Wenn ich mal krank bin, möchte ich auch lieber von einem Arzt behandelt werden, wie Sie einer sind. Durch die Eile entgehen uns ja auch manchmal Morde, die dann für immer unentdeckt bleiben. Es gibt keine Zweifel?“
„Absolut nicht. Auf Wiedersehen.“
Der Arzt verschwand und nun traten Michaels Kollegen Jürgen und Olaf ins Zimmer und begrüßten den Kommissar. Olaf, der Gerichtsmediziner, hatte sich kurz mit dem Arzt unterhalten und nun begann er schweigend seine Arbeit. Michael suchte nach Benedikt und fand ihn in der Küche, wo neben ihm am Tisch ein weinender junger Mann saß. Seine roten Haare leuchteten wie der Pelz eines Fuchses und seine Haut war weiß wie Schnee.
Benedikt hatte sich gerade die Adresse der Pflegerin aufgeschrieben. Jetzt setzte sich Michael zu dem Mann, der sich als Gernot Drekelt vorstellte.
„Wer könnte einen Grund haben, Ihren Onkel umzubringen?“
„Niemand! Mein Onkel war liebenswürdig und großzügig.“
„Vielleicht nicht großzügig genug und nun wollte jemand schnell erben?“
Gernot starrte Michael entgeistert an. Dann begann er den Kopf zu schütteln und es schien, als wolle er gar nicht mehr damit aufhören.
„Nein, nein! Nein! Ich bin immer zweimal die Woche hergekommen und habe ihm vorgelesen oder wir haben etwas gespielt. Ich wollte ihn nicht beerben. Sie können sich natürlich nicht vorstellen, dass man so einen alten Kauz mag. Nein, ich habe ihm nichts getan und ich habe auch nicht auf seinen Tod gelauert.“
Er sah erschöpft aus und Michael hatte das Gefühl, dass er die Wahrheit sagte. Irgendwie tat ihm der Mann leid. Vielleicht war es die Pflegerin oder jemand war eingedrungen. Das würde er schon von Jürgen erfahren.
„Wie heißt die Pflegerin?“, fragte Michael Benedikt.
„Jutta Kücklitz, vierzig, wohnt in Erbach und kam immer von zwölf bis sechs Uhr abends. Heute hat sie einen Arzttermin und kommt um zwei.“
Michael schaute auf die Uhr und sah, dass es erst zwölf war, also schlug er vor, schnell etwas essen zu gehen und dann hier auf die Frau zu warten. Benedikt nickte eifrig, denn er hatte immer noch nichts gegessen. Auch ein Kaffee würde ihm guttun. Sie ließen das Auto in der Einfahrt der Villa stehen und liefen in die Altstadt. In einem Restaurant bestellten sie Mittagessen und Benedikt berichtete, was Gernot gesagt hatte.
„Er ist wie immer mit seinem Schlüssel reingekommen und war ganz leise, weil sein Onkel meist noch schlief. Als er im Schlafzimmer stand, sah er gleich, dass etwas nicht stimmte. Also hat er den Puls seines Onkels gefühlt und den Arzt gerufen. Der hatte nach einer kurzen Untersuchung sofort entdeckt, woran der Mann gestorben war und die Polizei dazu geholt.“
„Selbstmord wird es ja nicht gewesen sein, denn wer spritzt sich schon selbst. Motiv?“
„Hm, da geht vieles: Geldgier, keine Lust mehr auf Pflege, Sterbehilfe. Was denkst du?“
3
Michael hatte nicht geantwortet, denn er dachte noch gar nichts, der letzte Fall hatte ihn gelehrt, alle Seiten im Blick zu behalten. Er würde sich zuerst ein Urteil über die Pflegerin und die anderen Menschen im Umfeld des Opfers bilden. Nach dem Essen sah er erneut auf die Uhr und dann machten sie sich auf den Rückweg zur Villa, wo Jürgen noch arbeitete. Der Leichenwagen hatte den Toten in die Gerichtsmedizin gebracht. Gernot war nach Hause gegangen.
„Hast du etwas gefunden?“, fragte Benedikt und hielt Jürgen den Becher mit Kaffee hin, den er unterwegs gekauft hatte.
„Oh, womit habe ich denn das verdient? Danke. Ich muss euch sagen, wenn das Opfer den Mörder nicht selbst ins Haus gelassen hat, dann hatte der einen Schlüssel.“
„Da kommen ja nicht allzu viele Leute infrage: Gernot, der Neffe, und die Pflegerin wird auch einen haben. Dieser Fall ist sicher schnell zu den Akten gelegt.“
„Ach ja, na dann viel Erfolg“, sagte Michael, der Benedikt mit einem Grinsen zugehört hatte. „Brauchst du mich noch oder hast du den Fall schon gelöst?“
Es klopfte zaghaft an die Tür und eine kleine, dürre Frau mit dünnen grauen Haaren stand plötzlich im Zimmer.
„Wo ist Fred? Was machen Sie hier?“
„Sind Sie Jutta Kücklitz?“, fragte Michael und hielt der Frau seine Hand hin. „Ich bin Kommissar Verskoff und das ist mein Kollege Kommissar Mayfardt.“
„Ja, ich bin Jutta Kücklitz, was ist denn passiert?“
„Herr Drekelt ist tot.“
Er beobachtete aufmerksam die Reaktion der Frau, die nun die Mundwinkel hängenließ und auf den Stuhl neben dem Bett sank. Sie seufzte.
„Der Arme, nun ist sein Leiden zu Ende. Aber dass es so schnell ging … ich verstehe nicht … was macht denn die Polizei hier?“
„Herr Drekelt ist nicht eines natürlichen Todes gestorben. Jemand hat ihm eine Überdosis Narkosemittel injiziert. Können Sie sich vorstellen, wer das getan hat?“
Sie schüttelte vehement den Kopf und stand wieder auf. Unruhig lief sie im Zimmer auf und ab.
„Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll: Fred hat in der letzten Zeit starke Schmerzen gehabt, aber er wollte es nicht zugeben. Immer öfter hat er über seinen Tod geredet und mir erklärt, wie er sich das alles vorstellte.“
Michael sah sie fragend an.
„Wie meinen Sie das?“
„Er wollte gerne sterben, aber nicht in einem Krankenhaus und nicht ohne Plan, nicht einfach so, verstehen Sie? Er wollte die Kontrolle behalten bis zu seinem Tod.“
„Ah!“, rief Benedikt nun aus dem Hintergrund. „Sie denken an Sterbehilfe? Das ist aber illegal. Hat er Sie gebeten, ihm beim Sterben zu helfen?“
„Nein, das hat er nicht“, erwiderte die Frau nun pikiert. „Sie meinen, ich habe ihm geholfen und dafür kassiert? Glauben Sie mir, er hat mich richtig gut bezahlt, einfach nur dafür, dass ich immer da war und ihn versorgt habe. Ohne Hintergedanken. Es war schon fast eine Freundschaft.“
„Aber er war doch schon uralt? Wie geht das denn?“
„Er war noch nicht mal sechzig, Herr Kommissar, nur hat ihn der Krebs gezeichnet. Ich kannte seine Frau, die bei einem Unfall ums Leben gekommen ist und dann habe ich hier gearbeitet. Ich verstehe mich auch gut mit Gernot, aber alles war rein freundschaftlich.“
„Was haben Sie denn verdient?“, wollte Michael wissen.
„Jeden Monat hat er mir zweitausend Euro gegeben und dann ab und zu mal eine kleine Prämie, wenn es ihm besonders gut ging. Und darum wäre ich doch schön blöd, wenn ich seinen Tod herbeigeführt hätte, oder?“
Michael nickte, denn was die Frau sagte, hörte sich durchaus plausibel an. Er sah zu Benedikt, der mit den Schultern zuckte, anschließend fuhr er mit der Befragung fort.
„Wer hatte einen Schlüssel? Der Täter hat nichts aufgebrochen und die Fenster und Terrassentüren waren geschlossen.“
Jutta Kücklitz überlegte und entgegnete langsam: „Der Gernot und ich. Sonst weiß ich niemanden. Sind Sie mal auf die Idee gekommen, dass er jemanden hereingelassen hat?“
„Ich dachte, er war bettlägerig und konnte nicht aufstehen?“
„Nein! Er ist immer um elf Uhr aufgestanden und hat in seinem Sessel gesessen. Zur Tür konnte er auf alle Fälle gehen, auch auf die Toilette. Er trug ein Korsett, sogar beim Schlafen. Es hat immer ein bisschen gedauert, aber er ist meistens schon im Sessel gewesen, wenn ich kam. Dann haben wir zusammen gefrühstückt und den Tag geplant. Manchmal waren wir auch spazieren, natürlich in der kalten Jahreszeit nicht mehr. Er hat immer betont, dass er in Bewegung bleiben wollte.“
„Wenn das so ist, verstehe ich aber seinen Wunsch zu sterben nicht“, unterbrach sie Benedikt. „Einmal sagen Sie, er wollte sterben, jetzt sagen Sie, er wollte aktiv bleiben. Das ist ja wohl ein Widerspruch.“
„Ist es nicht! Aber anscheinend kann ich hier sagen, was ich will, es ist falsch. Dann sage ich jetzt gar nichts mehr.“
Na prima, dachte Michael, nun ist sie eingeschnappt. Er winkte Benedikt und bat Jutta Kücklitz, am kommenden Morgen für das Protokoll auf die Dienststelle zu kommen.
„Da ist Silvester!“
„Aber noch nicht am Vormittag.“
Im Büro angekommen telefonierte Michael mit Bianca und bat sie nach unten. Sie brachte eine Kanne frischen Kaffee mit und setzte sich. Nun fasste Michael das zusammen, was sie zusammengetragen hatten.
„War sie es?“, fragte Bianca. „Dann bin ich gespannt, was sie für ein Motiv hat.“
„Mein Instinkt sagt nein, aber irgendwie kann ich auch nicht glauben, dass es der Neffe war. Benedikt, du guckst dir am besten mal die Vermögensverhältnisse der beiden an und ich knöpfe mir Gernot nochmal vor. Der alte Mann war wohl immer noch Herr seiner Sinne, obwohl er unter starken Schmerzmitteln stand. Der Doktor hat gesagt, er hätte sehr lange so weiterleben können.“
Bianca sah nachdenklich aus dem Fenster. Das Thema Sterben machte ihr immer eine Gänsehaut und obwohl sie in ihrem Job sehr oft tote Menschen sah, war es jedes Mal ein Schlag in die Magengegend. Und der Gedanke, dass jemand freiwillig sterben wollte, machte ihr Angst. Wie groß muss bei so einem Menschen der Leidensdruck sein, dass er aufhörte zu kämpfen?
„Denkst du, er wollte sterben?“
„Ich weiß nicht, er lag so friedlich da, es war, als wäre er aufgebahrt.“
Nun weiteten sich Michaels Augen und in seinem Kopf glühte ein Gedanke auf.
„Wenn er seinen Tod geplant hatte, musste er schon vorher alles geregelt haben, also müssen wir seinen Notar finden und nach einem Brief suchen. Einer, der seinen Tod so akribisch plant, wird doch wohl ein paar Zeilen als Erklärung hinterlassen.“
„Es ist aber nun einmal in Deutschland verboten und der Helfer geht dafür auf jeden Fall hinter Gitter. Würdest du mir helfen zu sterben, wenn ich unheilbar krank wäre?“
Biancas Frage schwang unheilvoll durch den Raum. Benedikt nahm seine Jacke und verließ das Büro, Michael stellte sich zu Bianca ans Fenster und legte einen Arm um sie.
„Erstens bist und wirst du niemals unheilbar krank werden. Zweitens finde ich den Gedanken daran unendlich verwirrend und drittens ist das eine Frage, die mir Angst macht. Also hör auf, an so etwas zu denken. Vielleicht magst du mitkommen zu dem Neffen? Er wohnt in einer kleinen Wohnung in Erbach.“
„Entschuldige, aber es kam mir einfach in den Sinn. Natürlich lebe ich ewig, mein Schatz, erst recht mit dir an meiner Seite.“
„Das ist aber sehr kitschig.“
„Ich hole meine Jacke und komme mit. Geh schon mal vor.“
Michael nickte und lief auf den Parkplatz, wo er sich schnell ins Auto setzte, denn es hatte zu regnen begonnen. Er dachte: Ich muss diese Frau von so düsteren Gedanken ablenken, sie hat mir das Leben gerettet. Also nahm er sich vor, sie an Silvester zu überraschen.
Sie fuhren nach Erbach und befragten Gernot, aber irgendwie war auch dieses Gespräch sehr unbefriedigend. Also machten sie sich auf den Rückweg nach Eltville, wo Benedikt schon wartete.
„Die beiden haben keinen Grund, die Frau hat die Wahrheit gesagt und fast nichts von dem vielen Geld ausgegeben. Und Gernot bekam jeden Monat eine großzügige Unterstützung. Ich war gleich noch im Altenheim, wo er neben dem Studium arbeitet. Der ist da beliebt und eine Omi nannte ihn sogar Engel. Vielleicht hatte Fred Drekelt Besuch.“
„Heute kommen wir eh nicht weiter, also lass uns heimgehen“, schlug Bianca vor.
„Ja, Schatz, fahr schon mal voraus, ich plane schnell mit Benedikt, was wir im neuen Jahr machen und komme dann nach.“
Bianca erklärte, dass sie noch zum Einkaufen fahren würde und küsste Michael.
„Bis morgen, Benedikt. Ich freue mich.“
„Ich mich auch. Und danach die Party wird geil.“
Als sie aus der Tür war, erläuterte Michael seinen Plan für den nächsten Abend und fragte seinen Kollegen und Freund, was er davon hielt. Der grinste über das ganze Gesicht.
„Alter Mann, das ist eine geile Idee. Bis morgen Abend. Aber mach es erst, wenn ich weg bin.“
„Was dachtest du denn?“
4
Zwei Tage vor Silvester war Alexander zu Fred gegangen. Später hatte er sich von dem alten Mann verabschiedet und ihn getötet. Er hatte den Abend über an seinem Bett gesessen und die Hand des Mannes gehalten, bis alles vorbei war. Danach fühlte Alexander sich gut. Er hatte etwas getan, was sich nicht viele trauten und er bewunderte Fred, dass der so mutig war, seinem Leben selbstbestimmt ein Ende zu setzen.
Tagelang hatte er überlegt, ob er dem Wunsch des freundlichen Mannes nachkommen sollte. Er war verwirrt - seit er seine kleine Schwester getötet hatte, war nichts mehr, wie es einmal war. Die Schuld drückte zwar auf seine Schultern, aber trotzdem war die Überzeugung, das Richtige getan zu haben, immer noch stärker.
Wenn Alexander in den Tagen nach Sarahs Tod bei Dörte und Klaas gewesen war, bohrte seine Mutter nach und wollte ihn trösten. Aber der junge Mann schwieg, er fand es schon abartig genug, dass sein Vater wieder aufgetaucht war. Bald war er nicht mehr zu seinen Eltern hinuntergegangen und streunte stundenlang durch die Stadt oder die Weinberge. Die Arbeit in der Apotheke vernachlässigte er auch, aber die Eltern trauten sich nicht, ihn zu etwas zu drängen. Auch jetzt wagte die Mutter nicht, irgendwelche Frage zu stellen.
Als wenn es nicht schon schlimm genug war, dass Alexander Sarah getötet hatte, noch viel schlimmer war die spätere Erkenntnis, dass es eine Fehlentscheidung gewesen war. Aber er hatte auf Fred gehört, Fred, den weisen alten Mann, dem er vollkommen vertraut hatte.
„Du hast das Richtige getan! Und mich beim Sterben zu unterstützen, ist auch richtig. Dann geht es dir besser, glaube mir!“, hatte Fred enthusiastisch gerufen. „Du hilfst mir und ich helfe dir.“
„Versprichst du mir, dass ich damit meinen Seelenfrieden zurückbekomme?“
„Ich verspreche es dir. Meine Seele für die deiner Schwester. Mein Leben für ihres.“
Sie hatten sich oft im Krankenhaus getroffen, wenn Alexander Sarah besuchte. Später hatten sie darüber geredet, wie es wäre, für immer von den Schmerzen erlöst zu werden. Als der alte Mann für seine letzte Lebenszeit nach Hause gegangen war, besuchte ihn Alexander öfter am späten Abend oder in der Nacht. Die beiden sprachen dann meistens über den Tod und das Sterben. Fred hatte ihm erklärt, dass er immer die Kontrolle über sein Leben haben wollte, also hatte er auch nicht vor, sie beim Sterben abzugeben.
„Ich bin noch total klar im Kopf und will nicht als ein sabberndes Wrack enden, das sich vor Schmerzen krümmt oder nur noch unter Drogen leben kann. Dann lieber taktvoll abtreten.“
Den Gedanken daran hatte Alexander nicht mehr aus dem Kopf kriegen können und nachdem er seine Schwester erlöst hatte, war er zu Fred gelaufen und hatte ihm davon berichtet. Sie saßen stundenlang zusammen und Fred lobte ihn für seine Umsicht.
Auch wenn Alexander wusste, dass Sarah jetzt nicht mehr leiden musste, war er traurig und verzweifelt zugleich.
Er war zu Füßen des großen Sessels im Wohnzimmer vor Fred zusammengebrochen und der hatte ihm den Kopf gestreichelt, bis Alexander sich wieder beruhigt hatte. Danach offenbarte er ihm seinen Plan, mit dem beide zufrieden sein konnten. Noch einen Tag vor dem geplanten Tod des alten Mannes lief Alexander durch die Gegend und sah nicht, was um ihn herum vor sich ging. In seinem Kopf und im Herzen trug er die Sehnsucht, erlöst zu werden von der Last seiner Schuld. Hatte Fred recht? Konnte er so seinen Frieden zurückerlangen?
Fred hatte extrem starke Schmerzen, dass er oft schreien musste, aber das konnte und wollte er seinen beiden lieben Menschen nicht sagen. Sie sollten das Gefühl haben, dass es ihm gut ging und dass sie bestens für ihn sorgten und sich nützlich vorkamen. Er litt wie ein Hund und als der Arzt ihm sagte, dass er mit den Medikamenten noch ewig leben könne, war er nicht erfreut, sondern verzweifelt.
„Ewig leben? Ewig diese Schmerzen? Zugedröhnt mit Medikamenten? Das ist für mich kein Leben. Ich habe alles geregelt. Wenn du mir hilfst, wirst du von deiner Schuld erlöst. Niemand wird wissen, was du getan hast, es wird keine Spuren geben, also wird dich keiner verdächtigen. Kein Mensch weiß, dass wir uns kennen. Sterbehilfe ist in Deutschland verboten, aber ich schaffe es nicht mehr, irgendwohin zu reisen. Ich werde einen Brief schreiben, dass ich freiwillig aus dem Leben geschieden bin.“
Es klang vernünftig und Alexander spürte so viel Verständnis für den alten Mann, dass er zustimmte. Sie verabredeten sich für zwei Tage vor Silvester. Alexander würde abends kommen, Fred töten und dann wieder verschwinden, sodass Gernot ihn später finden konnte. Zu lange im Bett herumliegen und verwesen wollte Fred nun auch nicht. Sie hätten es genauso gut machen können, wenn Jutta an Neujahr für eine Woche zu ihrer Familie fahren würde, aber der Gedanke daran, dass Fliegen auf ihm herumkrabbelten und in Ohren, Nase und Mund hineinkriechen würden, war Fred unangenehm. Dann lieber schnell gefunden und begraben werden.
Da der alte Mann viel Zeit hatte, konnte er vorher im Internet recherchieren, wie der Tod ihn schnell mitnehmen könnte und auch im Krankenhaus hatte er oft scherzhaft mit den Schwestern darüber geredet. Am Tag seiner Entlassung hatte er das Narkosemittel gestohlen, von dem er gelesen hatte, dass es in Überdosierung rasch zum Tod führen würde.
Alexander hatte Handschuhe getragen, als er die erste Spritze aufzog. Für Sarah hatten er und seine Mutter gelernt zu spritzen, falls einmal ein Notfall auftreten würde. Sie hatten noch geredet, bis Alexander dem Mann die erste Dosis gab. Drei Spritzen später lächelte Fred und war bald eingeschlafen. Nach einer Weile hatte sein Herz aufgehört zu schlagen. Auch Alexander hatte gelächelt, denn nun würde bald ein Gefühl der Befreiung kommen. Aber solange er auch wartete, nichts passierte. Er fühlte sich plötzlich schuldig am Tod seiner Schwester und nun auch noch am Tod von Fred.
Am Nachmittag nach Freds Tod nahm die Mutter Alexander mit ins Krankenhaus, um sich für die Unterstützung zu bedanken und der Einladung des Arztes zu folgen, der noch einmal mit ihnen sprechen wollte. Dörte hatte Alexander am Mittag in den Arm genommen. Sie sah, dass es ihrem Sohn schlecht ging, da würde ihm das Gespräch mit dem Mediziner guttun.
„Mein Beileid, Frau Retzanski“, hatte der Arzt gesagt. „Und Alexander, ich hoffe, Sie machen sich keine Vorwürfe, dass nur Sie im Haus waren. In den Akten Ihres Hausarztes steht, dass Sarah sanft eingeschlafen ist. Doch ich verstehe natürlich, dass es ein schweres Los ist.“
„Ja, Herr Doktor, es tut weh“, erklärte Alexander, „aber sie muss nun nicht mehr leiden. Sie wäre sicher nie wieder gesund geworden. Vielleicht ist es gut so und ihr sind viele Schmerzen erspart geblieben.“
„Dazu muss ich Ihnen noch etwas sagen, bisher war nie die Gelegenheit. Wir haben ja, bevor ich in den Urlaub gefahren bin, noch einige wichtige Tests gemacht. Ich will Ihnen das Ergebnis nicht verschweigen, auch wenn Sarahs Tod dadurch noch bitterer wird. Die Untersuchungen haben eine gute Gehirnaktivität gezeigt. Alle wichtigen Areale hatten sich erholt und ich denke, Sarah wäre in der nächsten Zeit aufgewacht. Und sie wäre wieder ein lebenslustiger Mensch ohne bleibende Schäden geworden. Leider hat die Lungenembolie das verhindert. Es tut mir alles sehr leid.“
Dörte begann zu weinen, aber Alexander war kopfschüttelnd aus dem Krankenhaus gerannt. Seine Mutter hatte ihn dann zitternd und vollkommen abwesend auf einer Bank gefunden. Er konnte nur noch einen Satz denken: Ich habe meine Schwester umgebracht.
Etwas in seinem Kopf zerbrach und er rannte los, hinaus in die Weinberge, wo er im Morgengrauen laut und verzweifelt all seinen Schmerz hinausschrie.
„Du hast gelogen!!! Fred, du hast gelogen, ich bin nicht frei von meiner Schuld! Es geht mir nicht besser.“
Irgendwann war er heimgelaufen, nass und durchgefroren in die Wanne gestiegen und dort wusste er, was zu tun war: Er musste jemanden finden, der ihm Erlösung bringen würde. Jetzt musste er nur noch die düsteren Gedanken aus dem Kopf verbannen. Mit neuem Mut stieg er aus der Wanne und überlegte, wie er den Jahreswechsel hinter sich bringen könnte. Er beschloss, in die Altstadt zu gehen und sich dort mit den Menschen zu unterhalten. Außerdem würde er sich im neuen Jahr eine kleine Wohnung suchen. Alexander wollte nicht mehr bei seinen Eltern wohnen. Sicher würde er auch eine neue Arbeit finden, denn er hatte einen guten Abschluss.
Mutig betrat er das Wohnzimmer seiner Eltern und verkündete beim Silvesterabendessen seinen Entschluss. Klaas wollte aufbrausen, aber Dörte legte eine Hand auf seinen Arm und sah ihn sanft an.
„Lass ihn gehen“, sagte sie, nachdem Alexander das Zimmer verlassen hatte, „er muss auf eigenen Füßen stehen, der Tod von Sarah hat ihn aus der Bahn geworfen. Ein Neuanfang ist sicher richtig. Bitte telefoniere herum und frage, wer Alexander einstellt! Bitte, Schatz, tu es mir zuliebe!“
Klaas hatte genickt und sich dem Wunsch seiner Frau gebeugt. Er dachte, er wäre ihr das schuldig, nachdem sie ihn wortlos wieder in sein altes Leben zurückgelassen hatte.
Alexander war durch die einbrechende Nacht gelaufen und traf viele fröhliche Menschen, die auf dem Weg zum Feiern waren. Er durchstreifte die Altstadt und setzte sich im Restaurant zu einer jungen Frau, die auf seine Frage, ob der Platz frei wäre, nur genickt hatte. Vor ihr waren zahlreiche leere Gläser aufgereiht und sie sah aus, als ob sie geweint hatte.
„Wenn dir das nicht recht ist, suche ich mir einen anderen Platz.“
Nun schaute sie hoch und ihre Blicke trafen sich. Der junge Mann mit den blonden Locken sah freundlich und nett aus, also schüttelte sie den Kopf. Ihre Haltung straffte sich ein wenig und sie strich die langen schwarzen Haare zurück. Ihr Gesicht war hübsch, sie schien Mitte zwanzig zu sein.
Alexander bestellte ein Glas Wein für sich und für die Frau noch einmal dasselbe Getränk, was sie schon den ganzen Abend getrunken hatte. Anscheinend hatte sie Probleme und er nahm sich vor, ihr zu helfen.
„Ich bin Alexander, ich dachte, ich sage dir das, denn wir werden zusammen ins Neue Jahr rutschen.“
Ein winziges Lächeln huschte über das Gesicht der jungen Frau und verschwand gleich wieder.
„Ich bin Birte. Und das nächste Jahr wird genauso beschissen anfangen, wie das hier zu Ende geht.“
„Oh, das klingt ja nicht, als wenn es dir gut geht. Kann ich dir helfen?“
„Nein, mir kann keiner helfen, ich bin eine Mörderin und werde das immer bleiben.“
Die Getränke kamen und Alexander hielt Birte das Glas zum Anstoßen hin. Sie hob ihres an, stieß kurz gegen seines und trank es dann in einem Zug leer.
„Wie kann das denn sein?“, fragte Alexander. „Wenn du eine Mörderin wärst, würdest du im Gefängnis sitzen.“
Birte lachte böse auf und entgegnete: „Der Mord, den ich begangen habe, war vollkommen legal. Ich habe mein ungeborenes Kind getötet.“
Sie winkte nach dem Kellner und orderte ein neues Glas.
„Und jetzt betrinkst du dich, weil du es bereust?“
„Ja, ich bereue es. Jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde muss ich daran denken. Und nur, weil der Wichser mich dazu gebracht hat.“
„Jetzt hast du mir schon fast alles erzählt. Also los, raus mit der ganzen Geschichte.“
„Nein, vergiss es, ich betrinke mich, um nicht daran denken zu müssen. Entschuldige, es geht dich auch einfach nichts an.“
„Alles in Ordnung, ich wollte dich nicht bedrängen. Ich gehe jetzt lieber. Einen guten Rutsch trotzdem.“
Birte winkte ab. Alexander stand auf, bezahlte im Vorbeigehen am Tresen und verließ das Restaurant in Richtung Rheinpromenade, wo sich schon eine Menge Leute zum Feuerwerk versammelt hatten. Er fand einen Platz auf einer Bank und wartete auf Mitternacht.
Als das Feuerwerk begann, schloss er die Augen und lauschte dem dumpfen Grollen der Raketen, die in den Himmel geschossen wurden. Die Lichter dort vermischten sich mit den Sternen, aber Alexander interessierte sich nicht dafür. Er war immer nur fasziniert von den Geräuschen und dem Geruch, der die Luft erfüllte. Ein Betrunkener stieß ihn an und schimpfte, dass er hinsehen sollte, aber Alexander lächelte nur.
„Alles Gute, Alter!“, rief der betrunkene Mann und bot ihm einen Schluck aus der Schnapsflasche an.
Alexander schüttelte den Kopf und machte sich auf den Heimweg. Hinter den Fenstern seines Elternhauses sah er noch Licht, aber er lief nach oben in seine kleine Wohnung und begann zu packen. Er hatte auf dem Dachboden Kartons gefunden. Gegen Morgen war sein halbes Leben gut verstaut und er ging ins Bett.
Am Neujahrsmorgen schlief er lange und stahl sich leise aus dem Haus, um seinen Eltern nicht zu begegnen. Er trödelte durch die Straßen und schaute, ob irgendwo eine Wohnung frei war. Wenn keine Gardinen dran sind, ist es meistens leer, dachte er. Vor einem Mehrfamilienhaus am anderen Ende der Stadt blieb er stehen und schaute an der Fassade des Hauses hoch. Die Wohnung mit der Gaube schien bewohnt, denn da war das Fenster angekippt, aber darunter waren die Fenster geschlossen und weil weder Gardinen noch Grünpflanzen zu sehen waren, könnte er Glück haben.
Als sich die Tür öffnete und ein junger Mann eine volle Mülltüte hinaustrug, ging er auf ihn zu.
„Entschuldigung, ich wünsche Ihnen ein gesundes Neues Jahr. Darf ich Sie etwas fragen?“
Der Mann, dem das Licht wehzutun schien, hob den Kopf und sah sein gegenüber mit einem Auge an. Seine blonden Haare standen in alle Richtungen und unter dem T-Shirt zeichneten sich straffe Muskeln ab.
„Was? Sorry, ich bin noch nicht wach.“
Alexander lachte und nickte verständnisvoll. Nun wünschte ihm der Mann auch ein gesundes Neues Jahr und fragte, was er wolle.
„Ich werde dieses Jahr ganz neu anfangen. Dafür suche ich eine Wohnung. Ich habe gesehen, dass da oben keine Gardinen sind und da dachte ich mir …“
„Ja, neu anfangen ist gut. Die Wohnung unter meiner ist frei, aber die ist winzig.“
„Das macht nichts, ich bin alleine.“
„Komm doch einfach mit hoch, ich brauche dringend einen Kaffee und dann können wir reden. Ich gebe dir die Adresse des Vermieters.“
Alexander folgte dem Mann ins Haus und betrat die kleine Wohnung unter dem Dach, in der es nach kaltem Rauch und Alkohol roch. Der Mann entschuldigte sich für die Unordnung und warf den wilden Stapel T-Shirts, der auf dem Sessel gelegen hatte, auf den Boden. Er forderte seinen Besucher auf sich zu setzen und schaltete die neue moderne Kaffeemaschine an.
„Ich bin Benedikt, wer bist du?“
„Alexander. Danke für den Kaffee.“
„Warum willst du neu anfangen? Liebe? Geldsorgen?“
„Meine Schwester ist gestorben und ich muss zuhause raus. Ich habe eine Wohnung im Haus meiner Eltern. Die haben die Apotheke.“
„Ach ja, die kenne ich. Nette Leute, aber ich kann dich verstehen. So ein Schicksal ist hart. Warte mal, ich schaue nach, wo die Telefonnummer ist.“
Er ging ins Schlafzimmer, das der Wohnküche gegenüberlag und kramte im Nachtschrank, bis er triumphierend eine Visitenkarte in die Höhe hielt.
„Adresse und Telefonnummer. Vielleicht sind wir bald Nachbarn. Er hatte mich schon gefragt, ob ich jemanden wüsste, der hier einziehen will.“
Alexander las laut: „Ludwig Pitschicker, Immobilien. Wiesbaden. Danke, Benedikt. Dann werde ich gleich morgen früh mein Glück versuchen. Hoffentlich ist sie noch frei.“
„Sicher, die ist schon seit dem letzten Sommer frei und ich habe bis jetzt nie jemanden gesehen, der sie haben wollte. Es wohnt sich gut hier. Aber jetzt werde ich dich hinauswerfen, ich muss duschen und treffe mich dann mit einer bezaubernden Lady.“
Alexander nickte und verstand. Dieser junge Mann hatte sicher eine Freundin. Er bedankte sich nochmal für den Kaffee und die Visitenkarte und verließ das Haus. Fröhlich pfeifend ging er zurück in die Altstadt und schlenderte an den Schaufenstern entlang. Am späten Nachmittag machte er sich auf den Heimweg.
Dörte und Klaas saßen im Wohnzimmer und der Abendbrottisch war gedeckt. Als Alexander hereinkam, eilte seine Mutter in die Küche und kam mit einem dritten Gedeck wieder. Er setzte sich lächelnd zu ihnen.
„Ein gesundes Neues Jahr, mein Sohn, du siehst so zufrieden aus. Hattest du einen schönen Abend gestern?“
„Ja, Mama, es war nett, ich war in der Altstadt und habe ein Glas Wein getrunken. Heute Mittag war ich dann am anderen Ende der Stadt und ich denke, ich habe eine kleine Wohnung gefunden.“
Klaas schwieg, aber Dörte freute sich.
„Sehr gut, und wenn das mit der Arbeit auch klappt, dann kannst du auf eigenen Beinen stehen. Papa und ich werden dich unterstützen, wo wir können. Nicht wahr, Klaas?“
Klaas war immer noch enttäuscht und hielt die Idee seines Sohnes für ein Hirngespinst, aber er hatte seiner Frau versprochen, ruhig zu bleiben und brummte nur etwas Unverständliches.
„Papa wird sich morgen mal umhören, wo du arbeiten könntest. Ich bin für dich da, mein Großer, jetzt haben wir ja nur noch dich.“
Die plötzliche Erinnerung an das, was er getan hatte, ließ Alexander erstarren. Er hörte auf zu kauen und es gelang ihm nur mit Mühe, das hinunterzuschlucken, was er im Mund hatte. Das schlechte Gewissen hatte ihn direkt in den Magen getreten.
„Danke, ich bin jetzt aber satt und gehe hoch. Ich muss ein bisschen schlafen. Gute Nacht.“
„Der Arme“, sagte Dörte später, „er hat es immer noch nicht verkraftet, dass Sarah tot ist.“
Klaas schwieg wie immer bei dem Thema, auch er hatte es nicht verkraftet, dass sein Sonnenschein tot war. Und anscheinend hatte er jetzt auch noch seinen Sohn verloren. Mit hängenden Schultern ging er ins Bett.
5
„Dieser Gernot hätte ein Motiv“, erklärte Benedikt. „Er ist der einzige Erbe. Also warum nehmen wir ihn nicht fest? Dann ist der Fall gelöst.“
„Ich denke nicht, dass er es war. Ich bin am Telefonieren, denn er sagte, dass er in der Unibücherei war und ein bestelltes Buch abgeholt hat.“
„Die haben in der ersten Woche erst um zehn geöffnet, das stand im Internet.“
„Gut, dann gehe ich erstmal zu Bianca hoch und versuche es später nochmal.“
„Ich würde am liebsten eine Runde schlafen, aber ich schaue nochmal bei der Pflegerin vorbei und nerve sie mit Fragen.“
„Vielleicht kannst du bei ihr eine Weile schlafen“, sagte Michael lachend. „Waren wohl zwei wilde Tage?“
„Heiße Tage. Und am Neujahrsmorgen habe ich auch noch meinen neuen Nachbarn kennengelernt. Der ist durch die Stadt gelaufen und hat eine Wohnung gesucht, weil er sein Leben ändern will.“
„Das ist mal ein guter Vorsatz. Bis nachher.“
Michael verließ das Büro, eilte die Treppe hinauf und klopfte bei Bianca.
„Herein!“, rief es von drinnen.
Er trat ein und sah Biancas umwerfendes Lächeln. Er verschloss die Tür mit dem Schlüssel, der im Schloss steckte, ging um den Schreibtisch herum, zog Bianca vom Sessel hoch und küsste sie leidenschaftlich.
„He, mein lieber Verlobter, ich bin im Dienst.“
Sie schlang die Arme um Michaels Hals und genoss seine Lippen und Hände. Bei ihm fühlte sie sich sicher und geborgen. Er hatte ihr an Silvester einen Heiratsantrag gemacht, nachdem Benedikt zum Feiern gegangen war. Die beiden Männer hatten sich angezwinkert und Bianca hatte von einem zum anderen geschaut. Als Michael seinen Kollegen zur Tür gebracht hatte, kam er mit einer roten Rose wieder ins Wohnzimmer, wo Bianca es sich auf der Couch bequem gemacht hatte.
Sie richtete sich auf und ahnte, was nun kommen würde, als Michael vor ihr niederkniete.
„Süße, du bist der Sinn meines Lebens, ich kann mir nicht vorstellen, je wieder eine Sekunde ohne dich zu sein. Darum möchte ich dich etwas Wichtiges fragen.“
Bianca war zu ihm auf den Boden geglitten und Tränen der Rührung liefen über ihre erröteten Wangen.
„Willst du, Bianca Bonnét, meine Frau werden und den Rest des Lebens mit mir teilen?“
Bianca nahm seine Hand und hauchte: „Ja, ja, ich will. Oh, du machst mich absolut glücklich. Verzeih mir, dass ich so blind war.“
„Alles ist gut, mein Engel, wir gehören zusammen.“
Aus seiner Hosentasche holte Michael jetzt ein kleines rotes Samtkästchen hervor, in dem auf einem ebenso roten Kissen aus Seide ein Ring lag. Er nahm ihn heraus und streifte ihn über Biancas linken Ringfinger. Dann küsste er sie zärtlich.
Bianca betrachtete im Schein der kleinen Lampe neben der Couch den schmalen goldenen Ring mit dem kleinen Stein, der unwiderstehlich funkelte.
„Der ist wunderschön, ich danke dir. Den ziehe ich nie wieder aus.“
Als Michael sie ins Bett zog und sie liebte, während draußen die Raketen in den Nachthimmel stiegen, trug sie wirklich nur diesen Ring.
Und jetzt war Michael zu ihr ins Büro gekommen, um sie zu küssen und den Fall mit ihr zu besprechen. Bianca seufzte. Sie hatte Benedikt den Ring gezeigt, er hatte gratuliert und sie auf die Wange geküsst.
„Kommst du noch einmal mit zu Gernot?“, fragte Michael nun.
„Ja, ich komme mit. Lass uns noch ein bisschen bohren. Als Alleinerbe hätte er ja schon ein prima Motiv, den alten Mann um die Ecke zu bringen.“
Michael hielt ihr die Jacke hin und schloss danach die Tür wieder auf. Keine Sekunde zu spät, denn Dr. Rosenschuh war eben im Begriff, die Türklinke herunterzudrücken und einfach ins Büro zu treten. Er erschrak, als der Kommissar plötzlich vor ihm stand.
„Wollten Sie gerade klopfen oder ist mir das entgangen?“
„Entschuldigung, ich hätte schon noch geklopft. Ich habe gehört, wir haben einen ungeklärten Todesfall? Wer ist der Täter?“
„Wenn ich das wüsste, wäre ich schon bei Ihnen gewesen“, sagte Michael und riss sich zusammen, um den Staatsanwalt nicht zu schütteln.
Nun war Bianca an der Tür angekommen und lächelte den Stress einfach weg.
„Herr Dr. Rosenschuh, wir fahren jetzt zu einem Verdächtigen, fühlen ihm auf den Zahn und wenn wir Glück haben, bringen wir ihn gleich mit zum Verhör. Wenn Sie uns jetzt bitte entschuldigen würden? Ach ja, ich wünschen Ihnen ein gesundes Neues Jahr.“
Sie schob den Staatsanwalt sanft von der Tür weg und schloss ab. Dr. Hans-Martin Rosenschuh nahm seine Brille ab, rieb die Gläser mit einem Stofftaschentuch sauber und setzte sie wieder auf. Eben wollte er noch einmal deutlich zeigen, wer hier der Chef war, aber diese Frau verunsicherte ihn immer wieder aufs Neue. Er zuckte mit den Schultern und verschwand in die andere Richtung.
Michael lachte schallend, als sie zum Auto gingen und legte einen Arm um Bianca. Es war faszinierend, welche Wirkung seine Verlobte auf den stets gestressten Staatsanwalt hatte. Sie stiegen ein und weil es nun zehn Uhr war, rief Michael erneut in der Unibibliothek an. Eine raue Frauenstimme meldete sich und hustete, bevor sie sprach.
„Ich bin Kommissar Verskoff von der Polizei Eltville und möchte Sie um eine Auskunft bitten.“
„Wir geben prinzipiell keine Auskünfte am Telefon“, knarrte die Stimme am anderen Ende unfreundlich. „Sie müssen schon herkommen.“
Michael holte tief Luft und erwiderte: „Wenn ich wegen einer Frage, die uns helfen könnte einen Mord aufzuklären, extra kommen muss, werde ich direkt zu Ihrem Vorgesetzten gehen und ich versichere Ihnen, dass Sie dann den Job los sind. Also, beantworten Sie jetzt meine Frage?“
Bianca hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht loszulachen. Am anderen Ende des Telefons wurde gesprochen und dann bestätigte die Frau dem Kommissar, dass Gernot Drekelt tatsächlich ganz früh am Morgen in Mainz gewesen war, um ein wichtiges Buch abzuholen. Er hatte vorher angerufen und zwanzig Euro bezahlt, damit die Aushilfe ihm das Buch vor der Öffnungszeit um acht Uhr herausgab. Das Hin und Her hätte er unmöglich schaffen können. Der Todeszeitpunkt war auf einen Zeitraum zwischen fünf und sieben Uhr eingegrenzt worden.
„Mist, eigentlich kann ich mir dann auch gleich sparen, mit dem Kerl zu reden“, sagte Michael enttäuscht.
„Egal, uns fällt sicher etwas ein, was wir ihn fragen können. Wenn er nicht der Täter ist, wer dann? Die Pflegerin?“
„Keine Ahnung, sie hatte nur den einen Job und er war gut. Jetzt hat sie gar keinen mehr. Also warum sollte sie ihre Einnahmequelle töten?“
„Da hast du auch wieder recht. Aber wen kannte Fred Drekelt noch?“
Michael gab Gas und als sie kurze Zeit später vor dem Haus hielten, in dem Gernot wohnte, hatten sie sich einige Fragen überlegt. Der junge Mann öffnete und ließ die Kommissare eintreten.
„Es tut mir leid, wenn es hier so unordentlich ist, aber ich schreibe gerade eine wichtige Hausarbeit und habe keine Zeit zum Aufräumen.“
„Keine Sorge“, sagte Bianca lachend, „wir sind nicht hier, um die Wohnung zu beurteilen. Wir suchen einen Mörder.“
„Da muss ich Sie enttäuschen, ich bin kein Mörder. Ich habe meinen Onkel sehr gerne gehabt, er war das einzige Familienmitglied, das mir noch geblieben ist. Fast alle anderen sind vor ihm an Krebs gestorben. Ich bin nur froh, dass ich gesund bin.“
Bianca spürte, dass er die Wahrheit sagte, also fragte sie freundlich: „Ich glaube Ihnen sogar, aber wir müssen trotzdem denjenigen finden, der Ihren Onkel getötet hat: Wie sehen Sie denn die Rolle von Jutta Kücklitz? Hätte sie ein Motiv?“
„Nein“, begann Gernot kopfschüttelnd, „Jutta hat meinen Onkel betreut und gepflegt und war sowas wie eine Freundin geworden. Als der Knochenkrebs in seiner Wirbelsäule entdeckt wurde, war es schon zu spät, denn der Scheißkrebs hatte überall Metastasen gestreut. Und da wollte er auch nicht mehr im Krankenhaus sein. Er hat sich Jutta ins Haus geholt und sie fürstlich bezahlt. Sie ist für diesen Job geboren.“
Bianca seufzte. Sie sah Michael an und der übernahm jetzt das Gespräch.
„Wen kannte denn Ihr Onkel noch? Sind Sie mal einem Fremden begegnet?“
Gernot schüttelte den Kopf.
„Hatte er denn keine Freunde?“
„Nein, die einzigen Menschen, mit denen er geredet hat, waren Jutta und ich. Nur damals im Krankenhaus hatte er noch Kontakte nach außen, da saß er oft im Park oder in der Cafeteria und hat mit den Leuten gesprochen.“
„Denken Sie, dass er jemanden dafür bezahlt haben könnte, ihm beim Sterben zu helfen?“
„Niemals! Er wollte nicht sterben.“
„Wenn es einen Abschiedsbrief geben würde …“, flüsterte Bianca, die aus dem Fenster schaute.
Die Männer sahen erstaunt zu ihr. Ein Abschiedsbrief war nirgends aufgetaucht, aber er könnte die These der Sterbehilfe bestätigen. Sie drehte sich um und zuckte mit den Schultern.
„Es war nur ein Gedanke. Gibt es ein Testament?“
„Ja, wir waren sogar gemeinsam beim Notar, darum weiß ich, dass ich alles erbe. Jutta kriegt eine großzügige Spende und das war es dann.“
„Haben Sie einen Einblick in die Konten? Falls er jemanden bezahlt hat …“
„Glauben Sie mir, Herr Kommissar, mein Onkel wollte nicht sterben und somit hat er auch niemanden bezahlt. Es muss jemand eingedrungen sein.“
„Herr Drekelt, das ist dann aber noch viel unlogischer, weil nichts gestohlen wurde. Ich glaube, wir kommen hier nicht weiter. Bitte melden Sie sich, wenn Ihnen noch etwas einfällt.“
Gernot lächelte, brachte die beiden an die Tür und verschwand wieder in der Wohnung. Sicher saß er direkt wieder an seiner Hausarbeit. Wichtige Hausarbeit, dachte Bianca, da bringst du dich doch nicht mit einem Mord aus dem Konzept.
„Er war es definitiv nicht.“
Michael nickte nur, denn es sprach nichts, aber auch gar nichts für Gernot als Täter, auch nicht das Erbe, das er in wenigen Wochen vielleicht sowieso angetreten hätte.
„Lass uns mal ins Krankenhaus fahren“, schlug Micheal vor, „vielleicht erinnert sich jemand an den alten Kauz und seine Gesprächspartner.“
Sie machten sich auf den Weg nach Wiesbaden.
6
Die Zeit nach Freds Tod war für Alexander schwer zu ertragen, aber er versuchte sich mit seinen Plänen für das neue Leben abzulenken. In zwei Tagen wollte er sich mit dem Vermieter der kleinen Wohnung treffen und weitere zwei Tage später hatte er ein Vorstellungsgespräch in der Apotheke in Geisenheim, mit deren Besitzer sein Vater befreundet war. Endlich konnte sein neuer Lebensabschnitt beginnen.
Um sich zu belohnen und so lange wie möglich nicht nach Hause zu müssen, streunte Alexander wie immer durch die Stadt und am Rhein entlang. Er kaufte sich kurz vor Ladenschluss beim Bäcker etwas zu essen. Das Brötchen war zäh und trocken, sicherlich hatte es schon den ganzen Tag im offenen Brotkorb gelegen. Lustlos kaute er darauf herum. Alexander war es egal und er trank einen Schluck Wasser aus der Flasche in seinem Rucksack.
Es war schon fast zehn Uhr abends, als er vor dem Schaufenster eines Babyausstatters jemanden am Boden knien sah. Er blieb stehen und schaute genauer hin. Die Person kam ihm bekannt vor und er trat näher. Niemand war weit und breit zu sehen, bei dem ungemütlichen Wetter mit Regen und Wind war kein Mensch mehr unterwegs. Hinter den Fenstern brannte freundliches Licht, auch das Schaufenster des Ladens war hell erleuchtet.
„Birte?“, fragte er sanft und die Person zuckte zusammen.
Hastig wollte sie aufstehen und weglaufen, aber sie taumelte, fiel rückwärts und blieb auf dem Boden sitzen.
„Birte! Wir sind uns Silvester begegnet. Erinnerst du dich? Ich bin Alexander.“
„Was willst du?“, lallte die Angesprochene. „Geh weg!“
Mühsam raffte sie sich auf und es gelang ihr zu stehen. Sie hielt sich an der Straßenlaterne fest und weinte immer noch herzzerreißend. Alexander tat sie leid, denn sicher weinte sie um ihr Baby, das sie abgetrieben hatte.
Er ging einen Schritt auf sie zu und legte einen Arm um sie. Eine Alkoholfahne wehte ihm entgegen und Alexander hielt die Luft an. Egal, dachte er, ich muss ihr helfen.
„Komm, wir gehen ein Stück und du erzählst mir die ganze Geschichte.“
Am Rhein angekommen hatte es aufgehört zu regnen. Alexander wischte die Tropfen von der Bank und sie setzten sich. Birte weinte noch immer und nun brach alles aus ihr heraus.
„Er hieß Gunnar und sah super gut aus. Seine langen blonden Haare hatte er immer mit einem Band zusammengebunden. Ich hatte ihn schon ein paar Mal in der Bar gesehen. Eines Abends kam er auf mich zu und stellte ein Glas Sekt vor mich hin.“
„Das klingt aber nett.“
Birte schluchzte.
„Ja, natürlich klingt das nett. Und dann hat er mich geküsst und wir sind zusammen in meine Wohnung gefahren. Er hat sich so gut angefühlt und sein Duft war unschlagbar. Ich wollte ihn unbedingt und dachte, wir könnten eine Beziehung haben.“
„Aber?“, fragte Alexander mitfühlend und legte wieder den Arm um die schmalen Schultern der Frau.
„Am nächsten Morgen war er weg. Einfach so. Ich wollte nicht wahrhaben, dass es nur Spaß für eine Nacht war. Dieser Arsch hat sich einfach verpisst.“
Der Klang ihrer Stimme hatte sich verändert und mit der aufsteigenden Wut straffte sich ihr Körper. Sie sah Alexander an und stand plötzlich auf. Am Wegrand zog sie sich die Jacke aus, ließ sie auf den Boden fallen und gab den Blick auf eine aufregende Figur frei.
„Bin ich so hässlich? Kann man sich in eine wie mich nicht verlieben?“
Alexander trat zu ihr, hob die Jacke auf und legte diese um Birtes bebende Schultern. Dann zog er die junge Frau zurück auf die Bank.
„Du bist wunderschön!“
Sie schüttelte resigniert den Kopf und sackte wieder in sich zusammen. Der Tränenstrom lief unermüdlich über ihre Wangen. Alexander reichte ihr ein Taschentuch und schwieg.
„Gunnar und ich sind uns ein paar Tage später wieder begegnet und er hat so getan, als würde er mich nicht kennen. Es war so erniedrigend. Dann hat er eine Blondine abgeschleppt. Ich bin heim und habe mir die Augen aus dem Kopf geheult. Aber das war alles noch nicht das Schlimmste.“
Sie schwieg einen Moment.
Alexander flüsterte: „Du warst schwanger.“
„Ja! Ja, verdammt, ich war schwanger. Das habe ich erst gar nicht wahrhaben wollen, aber dann dachte ich, es ist die Chance, Gunnar an mich zu binden. Ich war so blind und blöd.“
„Was ist passiert?“
„Ich habe ihn in der Bar gefragt, ob wir mal kurz reden könnten und er kam mit vor die Tür. Als ich ihm gesagt habe, dass wir ein Kind erwarten, ist er ganz blass geworden, aber plötzlich begann er mich zu beschimpfen. Schlampe, Nutte, Hure … ach, es waren viele böse Worte und ich habe ihn nicht mehr wiedererkannt. Ich habe ihm gesagt, dass ich seinen Frust verstehe wegen der Überraschung, aber wir könnten uns ja ein anderes Mal treffen und unsere Zukunft als Familie planen. Da hat er mich geschlagen. Er hat mich sogar in den Bauch geboxt und gegrinst. Es tat weh, nicht nur körperlich, wenn du verstehst.“
„So ein mieses Schwein!“, rief Alexander und war ehrlich empört.
„Ja, er war ein Schwein. Drei Tage später stand er vor meiner Tür. Ich dachte, jetzt hat er begriffen, dass wir Eltern werden. Aber ich hatte mich geirrt. Er hat mir fünftausend Euro angeboten, wenn ich mein Kind abtreiben lasse.“
„Du hast es angenommen?“
„Ach, was denkst du denn? Nein. Ich wollte es nicht, aber er hat es auf den Tisch geworfen und gesagt: Lass es wegmachen, sonst wirst du deines Lebens nicht mehr froh. Es lag tagelang auf dem Tisch und ich habe mich nicht getraut es anzufassen. Ich hätte es gut gebrauchen können, denn ich war schwanger, arbeitslos und hatte schon zwei Monate keine Miete bezahlt. Und dann …“
Wieder schüttelte sie ein Weinkrampf und sie konnte nicht mehr weiterreden.
„Du hast es angenommen und abgetrieben.“
Nach endlosen Minuten voller Tränen hob sie den Kopf und sah Alexander an. Ihr Blick war auf einmal vollkommen klar.
„Ja, ich habe das Geld genommen, die Miete bezahlt und mein Kind getötet. Ich bin eine Mörderin. Auf meinen Schultern lastet die Schuld und sie wird nie wieder weggehen.“
„Birte, es tut mir so leid, ich wünschte, ich könnte etwas sagen, was dich tröstet.“
Birte lehnte sich an Alexander und sie hatte plötzlich das Gefühl, dass er der einzige Mensch war, dem sie vertrauen konnte.
Leise flüsterte sie: „Ich wünschte, ich wäre auch tot. Dann würde meine Seele zur Ruhe kommen.“
In diesem Moment wusste Alexander, dass für ihn hier die Chance war, seinen eigenen Frieden zu finden.
„Lass uns ein Stück gehen, Birte. Wir können uns ruhig ab und zu mal treffen und reden. Ich weiß, wie du dich fühlst, denn ich habe vor kurzem meine kleine Schwester verloren. Sie lag im Koma und starb an dem Tag, als meine Mutter mir die Verantwortung übertragen hatte. Ich fühle mich schuldig an ihrem Tod, obwohl ich gar nichts dafür kann.“
„Ja, Alexander, du verstehst mich. Danke, dass du mir zugehört hast. Ich fühle mich schuldig, wenn ich morgens die Augen öffne und ich fühle mich schuldig, wenn ich sie abends zumache. Erst wenn ich tot bin, werde ich frei sein. Das mit deiner Schwester tut mir leid.“
Sie schlenderten nun schweigend am Rhein entlang Richtung Altstadt. Birte hatte Alexanders Hand genommen und ihre Tränen waren versiegt. Irgendwann waren sie in der Nähe des Bahnhofs angekommen und Birte erklärte, dass sie hier in der Nachbarschaft wohnte. In dem Moment rauschte lautstark ein Güterzug vorbei und Alexander spürte die Erschütterung im ganzen Körper.
„Hier wohnst du? Wie hältst du das aus?“
„Man gewöhnt sich an alles, aber es ist schon sehr laut. Nachts fahren nicht so viele Züge, doch am Tage sitze ich manchmal hier und denke mir Reiseziele aus. Ich liebe Zugfahren. Du auch?“
„Nein, aber ich sitze gerne auf dem Bahnsteig und beobachte die Leute“, log Alexander, der einen Plan hatte.
„Komm, lass uns hinsetzen und die Waggons zählen“, rief Birte mit neuem Elan.
„Mitten in der Nacht?“
„Ja, komm, egal. Wir können auch noch ein bisschen reden. Einverstanden?“
Alexander nickte und war froh, dass seine Begleitung sich so bereitwillig in seine Hände begab. Sie fanden eine trockene Bank unter einem Vordach. Die Beleuchtung war kaputt und so saßen sie schweigend nebeneinander in völliger Dunkelheit. Birte lehnte an Alexander und er roch ihre Alkoholfahne, weil hier kein Wind war, der sie davontrug. Es muss schnell gehen, dachte er, dann tut es auch nicht weh. Als er ganz in der Ferne einen Zug kommen hörte, trat er nach vorne an den Bahnsteig und sah zu Birte.
„Komm hierher!“, forderte er sie auf. „Wir lassen uns den Fahrtwind um die Nase fliegen. Ich liebe es, wenn man keine Luft bekommt.“
Birte war zwar ein wenig ängstlich, aber als Alexander versprach, sie festzuhalten, vertraute sie ihm total. Nun schlang sie die Arme um seinen Hals und presste ihre Lippen auf seinen Mund. Er musste fast würgen, aber er küsste sie zurück. Es würde ja das letzte Mal sein, dass sie Zärtlichkeiten spüren durfte.
„Tu es“, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf und er schaute zur Seite.
Alexander sah dort jemanden stehen, der ihm bekannt vorkam, aber er konnte die Erscheinung nicht einordnen.
Der Güterzug, der endlos lang war, raste in der schwarzen Nacht heran. Niemand konnte die beiden Figuren sehen, die viel zu nah an den Gleisen standen. Dann ging alles ganz schnell. Ehe Birte wusste, wie ihr geschah, hatte Alexander sie vor den einfahrenden Zug gestoßen. Er hörte bei dem Lärm, den der Zug machte, nicht einmal den Aufprall, aber er konnte sich den dumpfen Schlag gut vorstellen.
Mit einem zufriedenen Lächeln verließ er den Bahnhof, nachdem wieder absolute Stille herrschte. Alexander fühlte sich gut, er wusste, dass er Birte von ihrer Schuld erlöst hatte und war sich sicher, dass auch er nun Frieden finden würde.
„Gut gemacht“, flüsterte die Stimme.
Jetzt erkannte Alexander ihn: Es war Stefan, den er in der Schule sehr verehrt hatte. Der Junge, der ihm ähnlich sah, war sein großes Vorbild gewesen. Wann immer jemand in Not war, hatte sich Stefan eingemischt und die Welt wieder gerade gerückt.
„Ja, ich weiß“, sagte er in die schwarze Nacht, „danke, dass du mit mir gehst.“
7
Der Lokführer rieb sich die müden Augen. Was war das? Hatte dort jemand gestanden? War etwas passiert? Was war das für ein Geräusch gewesen? Achim war müde und eine Erkältung hatte ihn gepackt. Er hustete schon den ganzen Tag und wäre gerne zuhause geblieben, aber es waren schon viele Kollegen krank. Als er niesen musste, hielt er sich beide Hände vor das Gesicht und schüttelte sich. Plötzlich nahm er im Licht der Lokomotive eine Bewegung wahr.
Zuerst dachte er, er hätte sich das alles nur eingebildet, aber das mulmige Gefühl ließ ihm keine Ruhe. Eine halbe Stunde später rief er den Fahrdienstleiter an, während er in Wiesbaden auf die Ablösung wartete.
„Hier ist Achim Pschingel vom Zug Nummer 56712, ich weiß es nicht genau, aber irgendwie hatte ich vorhin in Eltville das Gefühl, dass jemand direkt an den Gleisen stand und dann ...“
„Was heißt das genau?“
„Ich war mir nicht sicher. Ich habe jetzt Feierabend.“
„Wir kümmern uns. Bleiben Sie ruhig, vielleicht war es ein Tier.“
„Danke, Mann, es war ein Scheißgefühl. Oh Mann, da war ganz sicher etwas.“
Weinend sackte er zusammen.
Die Frau in der Fahrdienstleitung veranlasste die Sperrung der Bahnstrecke, nachdem sie die Bundespolizei informiert hatte. Die große Maschinerie lief an.
Es war weit nach Mitternacht und der diensthabende Polizist im Polizeipräsidium Eltville saß müde am Schreibtisch, als der Staatsanwalt anrief. Dr. Rosenschuh erklärte kurz, was passiert war, dann schnaufte er.
„Die Bundespolizei ist zuständig, aber es gibt einen Großeinsatz in Frankfurt, da sind nicht genug Leute abkömmlich. Holen Sie Frau Bonnét und die beiden anderen aus dem Bett. Es kann sein, dass wir einen Fall haben. Der Lokführer ist traumatisiert, aber er besteht darauf, dass da einer vor seinen Zug geschubst wurde. Die drei sollen sich beeilen und am Bahnhof melden. Ich bin vor Ort.“
Eine halbe Stunde später betraten Michael und Benedikt den Bahnsteig, wo die Kollegen der Spurensicherung eben dabei waren, Lampen aufzubauen und um den Bahnhof herum sperrten die Kollegen von der Bundespolizei das Gebiet weiträumig ab. Männer in weißen Anzügen stellten kleine Schilder mit Nummern neben die Einzelteile aus menschlichem Körper. Benedikt musste schlucken, so unangenehm war ihm der Gedanke, dass dort ein Mensch in Stücke zerrissen worden war.
Michael trat zu Jürgen, der bei einem Mann in Schutzkleidung stand, und begrüßte ihn. Auch ihn hatte man geweckt. Bianca war ins Büro gefahren.
„Warum müssen wir denn bei Selbstmord anrücken?“, fragte Jürgen Michael.
„Das sagt der Staatsanwalt! Der Lokführer wurde schon befragt und hatte ein merkwürdiges Gefühl. Er ist fertig mit der Welt, aber seine Aussage war undurchsichtig. Er hat etwas gestammelt von wegen Stoß und zwei Leute. Irgendwie ist ihm das Bild, dass er gesehen hat, erst später bewusst geworden. Also kann es sein, dass es ein Verbrechen war.“
Jürgen runzelte die Stirn und fragte: „Aber wenn es bei der Bahn passiert ist, sind wir doch gar nicht zuständig? Es ist jedenfalls eine junge Frau und das eine Stück von ihr lag im Schatten des Bahnsteigs, darum haben die Lokführer, die danach noch durchgefahren sind, nichts gesehen. Sie war außerdem schwarz gekleidet. Sie ist wohl durchtrennt worden. Gut, dass es nur drei Züge waren.“
„Die von der Bundespolizei haben gerade viel Stress, denn es ist irgendwas los in Frankfurt. Großeinsatz. Darum hat der Staatsanwalt uns hier antanzen lassen.“
Jürgen verschwand mit dem Mann im weißen Schutzanzug. Michael trat zu Benedikt, der sich gegen die Wand gelehnt hatte.
„Das wäre wirklich Mist, wenn die einer gestoßen hat. Aber mit wem gehe ich so nahe an die Bahnsteigkante?“, fragte Benedikt leise.
„Es muss einer sein, dem ich vertraue.“
„Du sagst es. Das hier ist genauso wie bei dem alten Drekelt. Er muss auch jemanden ins Haus gelassen haben, dem er vertraut hat.“
„Du willst aber jetzt nicht sagen, dass die beiden Fälle zusammenhängen?“
Benedikt sah Michael offen an.
„Wer weiß? Nach dem letzten Fall denke ich immer: Es ist alles möglich.“
„Es kann ja auch sein, dass sie jemand gegen ihren Willen an den Rand gezerrt hat.“
„Möglich, ich glaube aber nicht, dass wir hier ermitteln dürfen, die lassen sich das doch nicht aus den Händen nehmen.“
Bianca fuhr am Nachmittag mit Michael ins Krankenhaus zum Lokführer. Der Staatsanwalt hatte durchgesetzt, dass die Kommissare die Befragung durchführen konnten und der Arzt hatte mit grimmigem Blick zugestimmt.
„Aber bitte nur kurz und mit viel Einfühlungsvermögen, der Mann ist hochgradig traumatisiert, weil die Geschichte erst langsam in seinem Kopf ankommt.“
Achim Pschingel lag blass in seinem Kissen und starrte zur Decke. Draußen zog die Dunkelheit herauf und eine kleine Lampe warf grelles Licht auf das Kopfende des Bettes. Er riss sich von dem unsichtbaren Punkt an der Zimmerdecke los und sah in Biancas warme Augen. Sie setzte sich auf die Bettkante und Michael stellte sich ans Fenster.
„Herr Pschingel, ich bin Kommissarin Bonnét, das ist mein Kollege Kommissar Verskoff. Wie geht es Ihnen? Dürfen wir Ihnen ein paar Fragen stellen?“
„Ich bin mir sicher“, platzte es aus dem Mann heraus, „da standen zwei Leute. Es ging alles so schnell, ich habe das erst gar nicht registriert, weil ich so erkältet bin. Nach dem Niesen war die Bewegung da.“
Er hatte sich aufgesetzt und schob nun seine Hände abrupt nach vorne, als wolle er jemanden von sich stoßen. Diese Bewegung wiederholte er etwa zehnmal, dann sank sein Kopf zurück auf das Kissen.
„Wie hell war es denn? Brannte eine Lampe auf dem Bahnsteig?“, fragte Michael.
„Da standen zwei Leute, ich bin mir zu hundert Prozent sicher. Und dann war da so eine Bewegung.“
Bianca legte die Hand auf den Arm des verwirrten Mannes.
Er sah sie wieder an und sagte: „Es ging so schnell. Da standen zwei Leute.“
„Herr Pschingel, ich weiß, wie furchtbar das für Sie ist. Können Sie sich erinnern, ob der Bahnsteig beleuchtet war?“
In diesem Moment schien der Lokführer wie aus einem Traum zu erwachen und er begann zu weinen.
„Ich habe sie überfahren.“
„Woher wissen Sie, dass es eine Frau ist?“
Bianca lief ein eisiger Schauer über den Rücken. Achim Pschingel legte die Hände vor das Gesicht.
„Wie kann ein Mensch so etwas tun? Man stößt doch einen anderen nicht vor einen Zug! Frau Kommissarin, ich habe die beiden wirklich nur ganz kurz gesehen und ich habe nicht bemerkt, dass ich sie erwischt habe. Da standen zwei Leute, glauben Sie mir. Da war diese Bewegung.“
Er ahmte den Stoß erneut nach, dieses Mal im Liegen. Seine Handflächen zitterten, als er sie in die Luft stieß. Tränen rannen aus seinen Augenwinkeln.
„Ich habe das erst viel später begriffen! Erst viel später, zu spät! Ich hätte doch gebremst, glauben Sie mir!“
Bianca entgegnete sanft: „Das wissen wir, Herr Pschingel. Der, der die Frau gestoßen hat, der ist schuldig. Sie haben alles richtig gemacht. Sie haben doch nur gearbeitet. Eine Frage habe ich noch: Können Sie sich an Einzelheiten der Personen erinnern?“
Achim schüttelte den Kopf und flüsterte noch einmal, dass es so schnell gegangen war. Danach schloss er die Augen und der Arzt betrat das Krankenzimmer. Er schickte die Besucher hinaus. Bianca bedankte sich, dass sie den armen Mann befragen durften und verließ mit Michael das Krankenhaus.
8
Alexander stand mit seinem neuen Vermieter in der kleinen Wohnung und lächelte. Der Vertrag war unterschrieben, sein neues Leben startete jetzt. Der Vermieter hatte ihm sofort den Schlüssel übergeben und gesagt, er könne heute noch einziehen. Die beiden Männer schüttelten sich die Hand und dann war Alexander alleine.
Er sah sich noch einmal genauer um. Rechts neben der Eingangstür befand sich ein kleines Duschbad, die hellblauen Fliesen sahen stumpf aus und das winzige Fenster hatte einen schimmeligen Rand. Er öffnete es und sah hinaus in den Garten hinter dem Haus. Dort gab es drei kahle Obstbäume und einen ungepflegten Rasen. Vielleicht war es dort im Sommer schöner. Alexander atmete die kühle Luft ein und verließ das Bad.
Gegenüber betrat er die Küche, die keinen Platz für einen Tisch bot, es würde gerade mal für zwei Schrankreihen reichen, links gab es eine alte Spüle, aber die würde er rauswerfen, denn sie sah ekelhaft aus. Auch hier roch es unangenehm, also riss Alexander das Küchenfenster auf und sofort zog es fürchterlich. Er sah unten den jungen Mann, den er schon kennenlernen durfte, aus dem Auto steigen und winkte.
„Ah, du hast die Wohnung bekommen!“, rief Benedikt nach oben. „Warte, ich komme schnell mal rein.“
Eine Minute später stand der Kommissar in der Wohnung von Alexander und schüttelte den Kopf.
„Mann, die ist echt noch hässlicher als meine Bude. Aber egal, oder? Hier hast du deine Ruhe.“
„Ja“, erwiderte Alexander, „hier kann ich tun und lassen, was ich will. Außerdem muss ich nicht ständig meinen Eltern und den Erinnerungen begegnen. Ich werde nachher gleich Farbe holen und streichen, dann sieht es sicher wieder besser aus.“
„Wenn du Hilfe brauchst, sag Bescheid! Ich muss oft arbeiten, aber manchmal habe ich auch Zeit.“
„Was machst du denn beruflich?“
„Ich bin Polizist.“
Alexander schluckte, aber er blieb ruhig. Er nahm sich vor, keinen großen Kontakt aufkommen zu lassen, denn diese Polizisten waren immer sehr neugierig.
„Ich habe schon Hilfe von meinem Vater“, log er. „Aber wenn etwas ist, melde ich mich. Danke.“
Benedikt spürte, dass der Mann ihn loswerden wollte und verließ die Wohnung. Der ist schon ein bisschen merkwürdig, dachte er.
Alexander setzte die Besichtigung fort und kam im Wohn- und Schlafzimmer an. Es war geräumig und hell und gefiel ihm gut. Auch hier öffnete er das Fenster, das auf die Straße hinausschaute. Eine nackte Glühbirne baumelte an der Decke und schwang im Durchzug sanft hin und her. Er knipste und es wurde hell. Strom, Wasser, alles funktioniert, dachte Alexander und schloss nun alle Fenster wieder. Er nahm den Zollstock, einen Stift und einen Block aus dem Rucksack und notierte sich die Maße seiner neuen Wohnung. Zufrieden verließ er sie eine Stunde später und fuhr in den Baumarkt, um einzukaufen.
Am Abend sah die Wohnung wie neu aus. Seine Mutter war am Nachmittag gekommen, um zu putzen, aber er war froh, als sie wieder fort war, denn wie immer bedrängte sie ihn mit Fragen.
Beim Abschied sagte sie: „Sarah würde sich auch für dich freuen.“
Sofort krampfte sich Alexanders Magen zusammen und eine eisige Faust griff nach seinem Herzen. Da war es wieder, dieses Gefühl von Schuld und Ohnmacht. Die bittere Erkenntnis traf ihn mit voller Wucht: Er hatte zwar Birte erlöst, aber er selbst litt unter der Last, die seine Seele zerdrückte. Sarah war tot, Fred war tot, Birte war tot – und er hatte sie getötet.
Kaum hatte Dörte Retzanski die Tür hinter sich geschlossen, sank er auf den kalten Boden des Wohnzimmers und weinte. Als die Dunkelheit durch die Fenster hereinkroch, stand er auf und machte sich auf den Weg zum Rhein, wo er sich auf eine Bank setzte, bis er jämmerlich fror. Endlich lief er zu seinem Elternhaus und schlich leise die Treppen hinauf. Er warf sich auf das Bett und schlief bis zum kommenden Morgen.
Seine Mutter klopfte leise und fragte, ob er mit ihr frühstücken wollte. Alexander nickte und fragte, ob der Vater auch da war. Daraufhin schüttelte Dörte den Kopf und ging wieder nach unten. Alexander kroch aus dem Bett ins Bad, ließ die Dusche laufen und zog sich aus. Unter dem heißen Wasserstrahl begann er sich besser zu fühlen. Er wischte mit dem Handtuch über den beschlagenen Spiegel und sah in sein Gesicht, das erschöpft aussah. Dunkle Augenringe ließen seinen Blick düster erscheinen.
„Du musst das alles vergessen“, sagte er leise. „Es bringt ja nichts, sich ewig Vorwürfe zu machen. Die drei haben Hilfe gebraucht und ich habe ihnen geholfen. Schluss, aus, Ende.“
Das Lächeln seines Spiegelbildes sah aus wie das eines Fremden. Er blickte in eine Fratze. Beim Frühstück saß er schweigend seiner Mutter gegenüber, die fröhlich vor sich hin plauderte.
„Ich bin schon gespannt, ob du morgen die Stelle bekommst, aber ich denke, das wird klappen. Wie weit bist du denn mit dem Streichen? Es war ja gestern sehr spät.“
„Ich bin fertig mit dem Streichen, Mama. Es ist wirklich schön geworden, aber ich war total erschossen, als ich kam. Bin nur noch in mein Bett gefallen.“
„Das glaube ich dir. Weißt du, Alexander, auch wenn du schon erwachsen bist, liege ich immer noch wach, bis du nach Hause kommst. Das ist bei einer Mutter sicher normal.“
„Das ist bald vorbei, Mama, wenn ich in meiner eigenen Wohnung lebe, kannst du endlich gut schlafen. Mach dir keine Sorgen. Ich muss jetzt los und meine Sachen rüberfahren. Ich werde als erstes das Bett auseinanderschrauben und dann heute schon mal dort schlafen.“
„Kann ich dir helfen? Einpacken? Essen machen?“
Alexander lächelte und küsste Dörte im Hinausgehen auf die Wange.
„Ich schaffe das und melde mich, wenn ich Hilfe brauche.“
Die Mutter griff in die Hosentasche und legte eine kleine Rolle Geldscheine in Alexanders Hand. Er bedankte sich und lief eilig aus dem Zimmer. Es war ihm alles zu viel: Die Fürsorge, die Fragen, die ständigen Ermahnungen. Rasch schraubte er das Bett auseinander und trug die Sachen ins Auto. Sein Vater hatte ihm den Lieferwagen hingestellt. Es war noch Platz für das Bettzeug und einige Kartons mit dem Nötigsten und so transportierte er die erste Ladung ans andere Ende der Stadt. Mit den Möbeln, die er nach und nach hinschaffte, wurde die Wohnung freundlicher und als er am Abend den Fernseher angeschlossen hatte, überkam Alexander ein Gefühl der Zufriedenheit.
Er setzte sich auf das Bett, aß die bestellte Pizza und schaute sich um. Das kombinierte Wohn- und Schlafzimmer war fertig eingerichtet, morgen wollte er noch ein paar Grünpflanzen mitbringen und seine Bücher, aber mehr Platz war nicht. Am Fenster stand nun ein kleiner Tisch, das Bett befand sich an der Wand gegenüber. Ein paar kleine Schränke waren mit seiner Kleidung gefüllt. Daneben war noch Platz für den hohen, schmalen Schrank, den er im Baumarkt gesehen hatte. Den würde er morgen nach dem Vorstellungsgespräch kaufen. Statt auf einer Couch musste er auf dem Bett sitzen, aber das machte ihm nichts aus. Er war froh, nun sein eigener Herr zu sein.
Das Vorstellungsgespräch verlief positiv und um zehn Uhr hatte er einen Job in der Apotheke in Geisenheim.
„Ach Junge, ich kenne deinen Vater schon so lange, da tue ich ihm gerne den Gefallen und stelle dich ein. Es ist ja schlimm genug, dass ihr Sarah verloren habt. Das tut mir immer noch sehr leid. Herzlich willkommen in unserer Apotheke.“
Der Mann hielt Alexander die Hand hin und der schlug ein. Sein Lächeln war bei der Erwähnung von Sarah eingefroren, aber er ließ sich nichts anmerken und verdrängte die bösen Gedanken schnell. Sie verabredeten, dass Alexander morgen um neun Uhr mit der Arbeit beginnen sollte.
Erleichtert verließ er die Apotheke und fuhr heim in sein Elternhaus, wo er schon von Dörte erwartet wurde. Im Kofferraum lag der Schrank aus dem Baumarkt und er musste nun nur noch die Küche hinüberbringen.
„Alexander!“
„Ja Mama, ich komme gleich.“
Alexander sah wieder in den Spiegel und er fand, dass er schon viel besser aussah. Gut gelaunt betrat er die Küche, in der seine Mutter gerade ein paar Lebensmittel für ihn einpackte.
„Ich habe dir ein bisschen Kartoffelsalat gemacht und hier sind Würstchen drin. Das kannst du heute Abend essen. Dann ist hier …“
Alexander hörte nicht mehr zu, sondern suchte eine Pfanne und einen Topf. Er hielt beides in die Höhe und sah seine Mutter fragend an. Sie nickte und er packte die Sachen in den Korb auf dem Tisch. Dann lief er nach oben und wollte die Küche auseinanderschrauben, als ihm das Geld seiner Mutter einfiel.
„Ach was, ich kaufe mir davon ein paar Schränke für die Küche, einen Kühlschrank und eine Spüle. Dann bin ich schneller weg.“
Er ging wieder hinunter und verkündete seiner Mutter den Entschluss. Ohne eine Antwort und ihre Tipps abzuwarten griff er nach dem Korb, küsste Dörte auf die Wange und verließ das Haus. Er bezweifelte, dass er jemals wieder herkommen würde.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.