Kitabı oku: «Ganz für mich allein»
Ute Dombrowski
Ganz für mich allein
Fall 3
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
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Ganz für mich allein
Ute Dombrowski
1. Auflage 2017
Copyright © 2017 Ute Dombrowski
Umschlag: Ute Dombrowski
Lektorat/Korrektorat Julia Dillenberger-Ochs
Satz: Ute Dombrowski
Verlag: Ute Dombrowski Niedertiefenbach
Druck: epubli
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors und Selbstverlegers unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
„Und manche, so da lächeln, fürcht ich, tragen im Herzen tausend Unheil.“
William Shakespeare
Julius Cäsar, 4. Aufzug, 1. Szene, Octavius
Er sah die junge Frau auf der anderen Straßenseite den Gehweg betreten. Sie zog den Mantel vor ihrer Brust enger zusammen und schaute nach links und rechts. Dann lief sie los. Kurze Zeit später verließ sie die hell erleuchtete Hauptstraße und verschwand in der Dunkelheit der engen Gasse, die zum Rhein führte. Es war kurz vor Mitternacht. Er hatte lange dort gestanden und hoffte, dass sie endlich aus dem Haus kommen würde. Nun atmete er auf.
Er drückte sich mit der Schulter an der Mauer ab, wo er im Schatten des Torbogens gewartet hatte, zog sich die große Kapuze über das Gesicht und folgte der Frau schnellen Schrittes, ganz leise und unbemerkt. Seine Augen waren mit einer weißen Maske bedeckt. Leichter Nieselregen machte den Abend im Januar ungemütlich. Die Absätze der Frau klapperten laut auf dem Pflaster. Die Temperatur lag knapp über Null, ein unangenehmer Wind zerrte an ihrem Mantel.
Jetzt war sie stehengeblieben und sah sich ängstlich um, als hätte sie ein Geräusch wahrgenommen. Rasch presste sich der Mann mit der schwarzen Kleidung an die Mauer. Die Frau zuckte mit den Schultern, schüttelte den Kopf und lief weiter.
Als sie die Umrisse des alten Oestricher Krans vor sich sah, bog sie nach rechts auf den Parkplatz ab, wo sie auf ihr Auto zuging. Sie hatte es wie immer heute früh hier abgestellt, weil es der einzige Ort war, wo man kostenlos parken konnte. Im Ortskern nach einem Parkplatz zu suchen, war ihr auf die Nerven gegangen und so genoss sie bei schönem Wetter den kleinen Fußmarsch durch die romantischen Gassen des Ortes. Heute allerdings hätte sie das Auto gerne in der Nähe ihres kleinen Cafés gehabt.
Sie hatte noch aufgeräumt, nachdem Günther, der letzte Gast, den warmen Raum verlassen hatte.
„Bis morgen, Mädchen. Gute Nacht. Lass dich nicht wegfangen.“
„Ach was!“, hatte sie ihm hinterhergerufen und abgewinkt.
Sie holte das Geld aus der Kasse, rechnete ab und schloss alles im Tresor ein. Sie hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, das Geld nicht im Dunkeln zur Bank zu tragen, sondern tat das stets vor der Arbeit am kommenden Mittag.
Das kleine Café öffnete um zwölf Uhr und schloss meistens schon um acht. Heute hatte es einen Gitarristen gegeben, der wunderbare, melancholische Klänge durch den Raum schwingen ließ. Er war nach der fünften Tasse Cappuccino und drei Laugenbretzeln genauso schweigend gegangen wie er mit fliegenden Fingern völlig in sich gekehrt seiner Gitarre die Melodien entlockt hatte. Die eigenartige Stimmung hatte sich auch auf die Gäste übertragen, die ihr Café bis zum letzten Platz gefüllt hatten. Niemand hatte gesprochen, selbst die Tassen flüsterten nur leise mit Löffel und Teller. Nachdem die junge Frau die Tische abgeräumt und abgewischt hatte, setzte sie sich noch kurz an die kleine Theke und streckte die Füße aus.
Vor zwei Stunden war auch das Licht im gegenüberliegenden Taschenladen ausgegangen und die Inhaberin, die jetzt noch einmal nach dem Rechten sah, winkte ihr durch die Scheibe freundlich zu, als sie zu ihrem Auto eilte.
Zitternd durchsuchte sie ihre Handtasche nach dem Autoschlüssel, denn sie wollte schnell in ihre warme Stube im Weingut ihrer Eltern nach Eltville zurückfahren. Als er nirgends zu finden war, breiteten sich die Unruhe und das Unbehagen rasch in ihrem ganzen Körper aus.
Plötzlich legte sich eine Hand von hinten auf ihren Mund, irgendetwas drückte auf ihren Kehlkopf und ehe sie schreien konnte, wurde ihr die Luft abgeschnitten. Sie begann um sich zu schlagen, aber die Schlinge um ihren Hals zog sich unerbittlich enger.
Der Mann mit der weißen Maske hatte die Frau gegen das Auto geschoben und stemmte sich mit ganzer Kraft gegen sie. Ihre Abwehr wurde schwächer und als er spürte, wie sie in sich zusammensackte, ließ er sie vor ihrem Auto zu Boden sinken. Er zog noch eine Weile an dem Seil, das er extra für diesen Moment gekauft hatte, um sicher zu gehen, dass sie nicht wieder zu sich kommen würde.
Bevor er ging, fühlte er an ihrem Hals nach dem Puls. Nichts regte sich. Das Leben hatte die Frau verlassen. Der Mann atmete auf, zog sich die Maske vom Gesicht und steckte das Seil ein.
„Nummer eins“, flüsterte er erleichtert und eilte durch die Dunkelheit davon.
2
Michael Verskoff brummte ein mürrisches „Guten Morgen“ in die kleine Runde, die sich auf dem Parkplatz am Oestricher Kran eingefunden hatte. Die Kollegen hatten den Bereich weiträumig abgesperrt. Von der Bundesstraße am Rheinufer brandete der Lärm des Berufsverkehrs herüber. Blaulicht durchschnitt die Dunkelheit und wütend hupende Autofahrer fuhren am Parkplatz vorbei. Sie kamen jeden Morgen hierher und stellten ihre Fahrzeuge ab, um entweder im Ort zu arbeiten oder als Pendler umzusteigen. Heute war das nicht möglich.
„Was ist passiert?“, fragte Michael Jürgen von der Spurensicherung, der schweigend und routiniert seine Arbeit tat.
„Siehst du doch. Oder denkst du, die Dame hält hier ein Schläfchen? Wo ist denn deine Dame? Und vor allem, wo ist der junge Mitarbeiter?“
Michael achtete nicht weiter auf seinen Kollegen und trat an die Leiche heran. Die Frau war jung und hübsch, aber ihre schönen Gesichtszüge waren qualvoll verzerrt. Sie lag auf dem Rücken und man sah deutlich die Strangulationsmale am schlanken Hals. Sie trug einen hellen Mantel und elegante Schuhe. Ihre Handtasche stand neben ihr und der Inhalt war um sie herum verstreut.
Michael seufzte. Frauenhandtasche - eine eigene Welt, dachte er. Wenn er sah, was seine Freundin und Kollegin Bianca so alles in ihrer Handtasche mit sich herumtrug, hatte er schon oft den Kopf geschüttelt. Auf seine Frage, was sie mit dem ganzen Zeug wolle, hatte sie gegrinst und erklärt, dass das die Dinge seien, die eine Frau immer brauche.
„Ich habe keine Ahnung, wo Benedikt sich schon wieder herumtreibt. Sein Handy ist aus. Fehlt etwas?“, fragte er nach hinten.
Jürgen schüttelte den Kopf.
„Es ist alles da: Ausweis, Geld, alles. Es war kein Raubmord. Sie heißt Sophia Wieselburger, dreißig Jahre alt, wohnt in Eltville. Der Täter hat sie erdrosselt.“
„Du weißt also bereits, dass es ein Täter war. Na fein, hast du auch schon seine Adresse?“
„Mein lieber Kollege, wenn ich dich nicht so gut kennen würde, würde ich denken, dass du ein richtig fieser Typ bist, aber ich kombiniere mal: Bianca ist nicht da und du hast deshalb so schlechte Laune.“
Der Kommissar nickte und grinste. Er war unrasiert, die blonden, kurzen Haare standen in alle Richtungen, er hatte dasselbe Hemd an wie am Vortag und sich in den letzten zwei Tagen von Fastfood und Kaffee ernährt.
„Entschuldige, aber du hast recht. Bianca ist auf dem Lehrgang. Sie soll schließlich meine Vorgesetzte werden.“
„Wie geht es dir damit? Schon blöd, dass ihr wegen eurer Beziehung als Team auseinandergerissen werdet. Aber vielleicht ist es auch besser so.“
„Ich weiß nicht, was ich denken soll. Wir waren immer ein gutes Team und hatten viel Erfolg. Aber der Chef meint nun mal, dass es ordentlicher ist. Ich bin mir nicht sicher, ob es mir gefällt, wenn sie meine Chefin ist. Sie ist ziemlich streng.“
Die Männer lachten, was im Moment so gar nicht zur Situation passte und es entging ihnen nicht, dass die ältere Frau, die die Tote gefunden hatte, den Kopf schüttelte und ungehalten fragte, ob sie gehen dürfe.
Michael trat zu ihr und sagte neutral: „Natürlich dürfen Sie nicht gehen. Ich bin Kommissar Verskoff. Wer sind Sie und wie haben Sie die Tote gefunden?“
„Ich dachte immer, dass die Polizisten freundlich mit den Mitbürgern, die ihre Steuer zahlen, umgehen und ich hoffe, dass Sie eine unrühmliche Ausnahme sind. Ich bin Johanna Bilkrat. Ich stelle mein Auto hier ab, wenn ich zur Arbeit komme. Dann laufe ich das letzte Stück. Sie sehen ja, dass hier noch nicht viel los ist. Ich habe gleich gewusst, dass etwas nicht stimmt. Und da lag sie dann. Die arme Sophia. So eine nette Person.“
Sie maß Michael mit einem Blick, der deutlich sagte, dass er nicht zu den netten Personen zählte.
„Wo arbeiten Sie denn? Ich würde denken, sie …“
„… sind schon zu alt dafür? Unverschämt. Es geht sie zwar nichts an, aber ich habe keine riesige Beamtenpension und verdiene mir morgens etwas mit Putzen dazu. Ich reinige hier alle Arztpraxen.“
„Woher kennen Sie die Tote?“
„Sie betreibt ein kleines Café am Markt. Gestern war Musik dort.“
Michael wollte etwas sagen, aber er schüttelte den Kopf. Mit einem unfreundlichen Knurren schickte er die Frau, deren Daten Jürgen bereits notiert hatte, nach Hause. Wütend rauschte Johanna Bilkrat davon.
Der Spurensicherer hatte grinsend zugehört.
„Dann hoffe ich, dass Bianca bald zurück ist. Du bist sehr unsensibel.“
„Ich gehe mal und suche das Café.“
Michael machte sich auf den Weg. Jürgen hatte recht, aber er fühlte sich sehr einsam und irgendwie unvollständig, wenn Bianca und er nicht zusammen sein konnten. Noch drei Tage, dachte er und lächelte.
Das Café mit dem klangvollen Namen „Sophias Melodie“ lag an einem kleinen Marktplatz, der zum Parkplatz umfunktioniert worden war. Schon um diese unfreundliche Uhrzeit war alles voller Autos. Sicher gehörten sie den Anwohnern und Geschäftsleuten, die hier in den kleinen Orten im Rheingau vom Tourismus und der Winzerkultur lebten. Vor dem Taschenladen gegenüber saß eine Frau auf einer Bank und rauchte. Neben ihr auf dem kleinen Tisch stand eine Tasse Kaffee. Sie hatte eine unförmige Strickjacke um sich geschlungen und schaute müde unter dem wirren blonden Haar hervor. Argwöhnisch beäugte sie Michael, der versuchte, durch die Scheiben des Cafés ins Innere zu sehen.
„Was machen Sie da?“
Michael drehte sich um und kam zu ihr herüber. Er grüßte kurz und setzte sich auf den freien Platz. Nachdem er in die Innentasche seiner Jacke gefasst hatte, präsentierte er der Frau seinen Dienstausweis.
„Ach du Schande, Kripo. Ist etwas passiert?“
„Sie sind?“
„Dorothee Enzmacher. Ich bin die Besitzerin des Taschenladens. Jetzt sagen Sie schon! Was ist denn los?“
Michael fröstelte und fragte sachlich: „Kennen Sie die Besitzerin des Cafés?“
„Sophia? Ja, natürlich kenne ich sie. Wir sind Nachbarn und fast schon Freundinnen. Oh nein!“
Sie schwieg und sah den Kommissar ängstlich an. Ein leichtes Zittern durchlief ihren Körper.
„Was ist passiert?“, flüsterte sie nun voller Entsetzen.
„Frau Wieselburger ist heute Nacht Opfer eines Verbrechens geworden. Wir haben sie tot aufgefunden, auf dem Parkplatz am Rhein.“
Die Frau hatte zu weinen begonnen und schüttelte immer wieder den Kopf.
„Oh nein“, murmelte sie, „ich habe ihr ständig gesagt, dass sie hier einen Parkplatz anmieten soll, damit sie im Dunkeln nicht mehr durch die Gegend laufen muss. Oh, wie fruchtbar! Wer tut so etwas? Sie ist ein Engel und hat doch keine Reichtümer! Nicht einmal die Einnahmen hatte sie dabei. Die bringt sie immer erst mittags zur Bank.“
„Es wurde wahrscheinlich nichts gestohlen, also muss es einen anderen Grund geben.“
„Aber … aber … sie wurde doch hoffentlich nicht noch … ähm … missbraucht?“
„Darüber darf ich Ihnen nichts sagen. Ich hätte noch einige Fragen, aber können wir nicht irgendwo hineingehen?“
Dorothee stand auf und nahm Michael mit in das warme Geschäft. Dort ging sie in den hinteren Bereich, wo sich anscheinend die Werkstatt befand, schaltete das Licht ein und brachte ihm unaufgefordert eine Tasse Kaffee mit. Michael hatte sich auf einen Sessel gesetzt und ließ seine Blicke an einem Bücherregal entlangwandern. Es war schon eine Ewigkeit her, dass er mal ein Buch gelesen hatte, so lange, dass er sich nicht mal mehr an den Titel erinnerte. Außerdem fragte er sich, was ein Bücherregal in einem Taschengeschäft zu suchen hatte.
Dorothee folgte seinem Blick und setzte sich auf den breiten Rand des Regals. Ein Lächeln saß in ihren Augenwinkeln.
„Ich liebe Bücher. Sie enthalten mehr Leben als die Realität. Sie öffnen neue Welten und bringen mich an den Rand menschlicher Abgründe. Ich lese oft hier und auch so manche Kundin, wenn sie darauf wartet, dass ich ihre Tasche repariere. Lesen Sie?“
Michael schüttelte den Kopf und nippte an dem heißen, schwarzen Getränk. Sogleich fühlte er sich wohlig warm.
„Frau Enzmacher, wer könnte einen Grund haben, Frau Wieselburger zu töten? Hatte sie Feinde? Neider? Ex-Männer?“
„Niemand hatte einen Grund! Sophia ist eine ganz liebe Person. Sie ist immer nett und freundlich und wenn einer zu wenig Geld hatte, hat sie ihm auch schon mal einen Kaffee ausgegeben. Ich sage doch: Sie ist ein Engel.“
Sie schwiegen eine Weile. Dann schluchzte Dorothee plötzlich los.
„Ihre armen Eltern! Sie lebt bei ihnen auf dem Weingut und kümmert sich rührend um die beiden. Wissen die schon Bescheid?“
Michael schüttelte den Kopf.
„Ich fahre gleich zu ihnen. Hatte Sophia einen Freund? Oder einen Mann?“
„Ich glaube, im Moment ist sie alleine. Irgendwann hatte sie mal einen Freund, einen richtig hübschen mit toller Ausstrahlung. Er saß manchmal bei ihr im Café und hat sie oft abgeholt, aber eines Tages kam er nicht mehr. Das ist schon ein oder zwei Jahre her.“
„Danke, Frau Enzmacher, auch für den Kaffee. Den hatte ich echt nötig. Hier ist meine Karte. Wenn Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie mich bitte an, auch wenn es Ihnen unwichtig scheint. Eine Frage noch: Sind Sophias Eltern gesund und fit?“
„Sie werden es verkraften, das meinen Sie doch, oder?“
Michael nickte und verabschiedete sich. Jürgen war noch beim Sichern der Spuren, ein weiterer Streifenwagen stand an der Straße und sperrte den Bereich jetzt komplett ab. Es wurde langsam hell und Michael schaute den Rücklichtern des Leichenwagens, der eben fortgefahren war, hinterher.
3
Bianca Bonnét gähnte herzhaft, als sie das Haus verließ. Es war später Nachmittag und die Dunkelheit lauerte zwischen den Autos auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude der Polizeischule. Als ihr Vorgesetzter sie vor einem halben Jahr in sein Büro gerufen und ihr verkündet hatte, dass sie wegen ihrer Beziehung besser nicht mehr mit Michael arbeiten sollte, dachte sie, er würde sie versetzen. Ihre Überraschung war groß, als er sie als seine zukünftige Nachfolgerin auf einen mehrteiligen Lehrgang schickte.
Am Abend war Bianca beim Essen damit herausgerückt und Michael hatte sie angestarrt.
„Du wirst meine Chefin?“
Bianca hatte genickt und sich auf die Unterlippe gebissen.
„Okay“, hatte Michael nach einer Weile gesagt. „Schön, ich glaube, du kannst das.“
In seinem Kopf war ein Gedanke aufgekommen, der sich gut anfühlte: Wenn Bianca im Büro saß, wäre sie nicht mehr den Belastungen und Gefahren der Straße ausgesetzt. Er fühlte eine tiefe Liebe zu ihr, die aber immer mit einer unbestimmten Angst einherging.
„Ich mag gar nicht im Büro hocken!“, hörte er wie aus weiter Ferne Biancas Stimme. „Ich will lieber im Außendienst Fälle lösen und nicht irgendwelchen Schreibkram erledigen.“
„Schatz, du wirst sicher manchmal mit rauskommen. Aber sieh es doch mal so: Wenn sie dich versetzen würden, könnten wir uns kaum sehen, denn niemand würde auf unser Leben Rücksicht nehmen, schon gar nicht der Dienstplan. Wer weiß, wofür es gut ist.“
Bianca hatte sich daraufhin beruhigt in die Arbeit gestürzt. Viele von Michaels Kollegen hatten gestichelt und irgendwann war ihm die Idee gekommen, dass er sich bald Biancas Anweisungen unterwerfen musste, auch wenn sie ihm nicht in den Kram passten. Seit Nele weg war, wehte ein scharfer Wind, denn die Polizei und die Staatsanwaltschaft mussten ihren guten Ruf wiederherstellen. Es hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet, dass die schöne Staatsanwältin die Rächerin der Schwachen gewesen war. Viele Leute hatten applaudiert, aber man hatte auch die Nase gerümpft und gefragt, wie es sein könne, dass die, die das Recht vertraten, sich nicht an die Regeln hielten.
Nele saß nun im Gefängnis und würde nie wieder herauskommen. Bianca seufzte, sie konnte die Beweggründe gut nachvollziehen, aber sie mussten sich nun mal ans Gesetz halten, da konnte man nicht einfach losgehen und morden. Sie hatte sich vorgenommen, sich in ihrer baldigen Position als Leiterin der Dienststelle noch mehr anzustrengen, Verbrechen zu bekämpfen. Mit Michael wusste sie einen fähigen und unermüdlichen Kommissar hinter sich.
Jetzt war Bianca am Auto angekommen und rief ihn an.
„Hallo, mein Liebster, ich sitze hinter dem Steuer und komme gleich heim. Hast du mich vermisst?“
„Süße, du fehlst mir so sehr! Wie gut, dass der Kram bald vorbei ist. Ich bin kein Mensch ohne dich. Komm schnell, ich habe gekocht. Ich liebe dich.“
„Ich dich auch.“
Sie legte auf, startete den Motor und schaltete das Licht ein. Während ihr Blick die Ausfahrt suchte, klopfte es an die Scheibe ihres Wagens. Erschrocken wandte Bianca den Kopf zur Seite und schaute in die sanften Augen eines gutaussehenden Mannes. Sie ließ die Scheibe einen Zentimeter hinunter.
„Ja bitte?“
„Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken, aber bei Ihnen brennt nur eine Rückleuchte.“
„Oh danke, das muss neu sein. Ich werde mich morgen sofort darum kümmern.“
„Nichts zu danken“, sagte der Mann mit einem gewinnenden Lächeln und verschwand in der Dunkelheit.
Bianca atmete auf und fuhr heim zu Michael, der sie schon sehnsüchtig erwartete. An der Tür küsste er sie innig und nahm ihr den Mantel ab.
„Wie wars?“
„Paragraphen werden mich durch meine Träume verfolgen. Ansonsten ging es. Wieder eine Woche rum, noch dreimal, mein Süßer, dann ist es vorbei.“
„Es ist immer schrecklich, wenn du einmal im Monat für eine ganze Woche weg bist.“
„Jetzt bin ich ja zuhause. Und du musst morgen mal nach meinem Rücklicht sehen. Ich hatte eben beinahe einen Herzinfarkt. Ich wollte gerade noch schauen, wo der Ausgang von diesem riesigen Parkplatz ist, da klopft ein Typ an meine Scheibe. So im Dunkeln war das sehr unangenehm. Man weiß ja, was da alles passieren kann.“
„Ja, wir arbeiten gerade an einem Fall, wo eine Frau auf dem Parkplatz in Oestrich erdrosselt wurde.“
Bianca lief es eiskalt über den Rücken, wenn sie an den Schrecken von vorhin dachte und ließ sich von Michael alles über den Fall berichten.
„Sie wurde nicht ausgeraubt und auch nicht missbraucht?“
„Nein, irgendwer hat diese nette junge Frau aus einem anderen Grund ermordet. Wir stehen noch ganz am Anfang. Die Eltern sind zusammengebrochen vor Schmerz. Es war schlimm. Wie sagt man den Eltern, dass ihr einziges Kind tot ist? Erwürgt von einem bösen Menschen …“
„Es gibt kein Rezept für so etwas. Das tut mir sehr leid, Michael. Ich wünschte, ich wäre bei dir gewesen.“
„Werde du mal eine gute Chefin, das reicht mir schon.“
Er küsste sie zärtlich und zog sie nach dem Essen auf die Couch, wo sie sich liebten. Bianca fühlte sich in Michaels Armen sicher und gab sich ihm ganz und gar hin.
Am nächsten Morgen saßen sie im Büro mit Jürgen und Michaels neuem Partner zusammen, um den Fall zu besprechen. Bilder des Opfers lagen auf dem Tisch und Jürgen hatte eben zusammengefasst, was er an Spuren gefunden hatte.
„Ich denke, die hatte was mit einem heißen Kerl, hat ihn abserviert, der war sauer und hat sich gerächt. Oder ein Ex ist aufgetaucht und hat sie erwischt und umgelegt.“
Bianca sah zu Benedikt Mayfardt, dem neuen Partner von Michael. Der blonde, sportliche Mann hatte vor zwei Wochen seinen dreißigsten Geburtstag gefeiert, aber vom Erwachsensein war er noch weit entfernt. Allerdings hatte er einen guten Spürsinn und Michael hatte sein anfängliches Entsetzen über das spätpubertäre Verhalten seines neuen Kollegen abstellen können. Seine blauen Augen leuchteten stets und Bianca hatte so eine Ahnung, dass dieser schöne Mann wusste, wovon er sprach. Ständig redete er über die Damen, die sich ihm ganz zwanglos hingegeben hatten.
„Dann sei froh, dass du nicht der Typ warst, mit dem sie ihn betrogen hat“, sagte Bianca lachend.
„Warum?“, fragte Benedikt naiv.
Nun lachten auch Michael und Jürgen los, aber der junge Mann stand auf der Leitung.
„Na, wir haben ja noch keine männliche Leiche gefunden, die dazu gehört, also kann unser Kollege noch nicht ruhig schlafen“, brummte Jürgen gemütlich.
„So eine hübsche Frau“, sagte Bianca nachdenklich. „Wenn sie nicht ausgeraubt wurde, dann hat Benedikt vielleicht recht. Eine Beziehungstat. Wo wollt ihr anfangen?“
Michael plante: „Benedikt kann mal schauen, ob ihre Familie etwas über die Ex-Freunde weiß, ich rede nochmal mit der Frau vom Taschenladen und höre mich im Ort um. Man kannte sie dort recht gut. Vielleicht finde ich jemanden, der etwas beobachtet hat.“
Sie erhoben sich, die Männer verließen das Haus und Bianca meldete sich beim Chef, um sich mit Bürokram ärgern zu lassen.
An der Tür sagte Jürgen leise zu Michael: „Schade, dass sie nicht mehr mitmischt. Ich habe immer ihren siebten Sinn bewundert. Und unser Kleiner kann sie nicht ersetzen.“
4
Fabienne nahm die rote Rose, die vor ihrer Tür lag und warf sie in die Mülltonne. Ein leises Stöhnen drang durch ihre sanft geschwungenen, sinnlichen Lippen. Er hatte es schon wieder getan. Hörte das denn niemals auf? Seit Jahren verfolgte sie dieser Irre, schenkte ihr Blumen oder Pralinen, fotografierte sie heimlich oder lud sie ganz offensiv zum Essen ein, außerdem hatte er stündlich angerufen und brachte das Leben von Fabienne aus dem Gleichgewicht.
Vor einem Jahr hatte sie mit der Hilfe von Bianca ein Annäherungsverbot erwirkt, aber das schien ihm herzlich egal zu sein. Sicher hockte er gerade wieder irgendwo in einem Busch oder im Auto und ließ sie nicht aus den Augen.
Fabienne Chubrieux war eine aufregend schöne Frau. Sie tat alles dafür, um nicht aufzufallen, kleidete sich in matten Farben, band die langen kastanienbraunen Haare stets zu einem Knoten zusammen, schminkte sich nicht und bewegte sich leichtfüßig, fast tänzerisch. Es war ihr ganz und gar nicht bewusst, dass sie gerade deshalb den Menschen, die ihren Weg kreuzten, besonders ins Auge fiel. Ihre Natürlichkeit und Anmut waren etwas Besonderes und jeder, der einen Blick in ihre meerblauen Augen werfen durfte, fühlte sich magisch angezogen.
Schnell öffnete sie die Haustür und trat ein, danach drehte sie den Schlüssel im Schloss und atmete auf. Es war eine Weile ruhig gewesen und sie hatte schon begonnen sich sicher zu fühlen, aber nun war die Angst zurückgekommen. Missmutig ließ sie die Rollläden herunter und setzte sich mit angezogenen Füßen auf ihren Lieblingssessel.
Der Mann, der sie Tag für Tag belauerte, hatte angegeben, in sie verliebt zu sein. Fabienne wusste sogar, wer er war: Lars Grückbelt. Schon der Name war furchtbar. Er war fünfunddreißig Jahre alt und arbeitete als Lehrer in Geisenheim, wo er Weinbau-Technik unterrichtete. Sie waren sich bei einer Ausstellung in Wiesbaden begegnet und er war ihr sofort unsympathisch gewesen. Zuerst hatte er nur auf sie eingeredet, später hatte er versucht sie anzufassen und zu umarmen. Fabienne hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass er keinerlei Chancen bei ihr hatte.
Es war zu spät gewesen: Für Lars wurde Fabienne zum Nabel der Welt und das Ziel seines Lebens wurde es, ausdauernd und aufdringlich um sie zu werben. Gerade, als es besonders schrecklich war und sie ihre alte Freundin und Psychologin Cordelia Bückler aufsuchte, um sich beraten zu lassen, wie sie jemals wieder zur Ruhe kommen konnte, begegnete ihr Bianca Bonnét.
Cordelia hatte sie einander vorgestellt und erklärte, dass sie das schon seit längerer Zeit geplant hatte, denn auch Fabienne verfügte über einen siebten Sinn. Sie war wie Bianca hochsensibel und konnte Dinge spüren, ehe sie passierten, und sie konnte Stimmungen sofort erfassen. Die beiden Frauen hatten sich auf Anhieb gemocht und eine tiefe Freundschaft war entstanden. Bianca hatte sie bei ihrer Auseinandersetzung mit Lars unterstützt. Alles landete vor Gericht und dem Stalker wurde ein Annäherungsverbot ausgesprochen. Ihre neuen Geheimnummern hatte er immer direkt herausgefunden, aber das gab Fabienne später auf, denn sie war Künstlerin und stand in der Öffentlichkeit, da musste sie erreichbar sein.
Sie nahm ihr Handy und wählte Biancas Nummer. Diese meldete sich fröhlich.
„Hallo, meine Schöne! Ich bin vom Lehrgang zurück. Wie gut, dass du anrufst, wir müssen dringend mal wieder ausgehen.“
„Bianca, ich freue mich, aber nach Ausgehen ist mir nicht zumute. Als ich eben heimkam, lag schon wieder eine Rose vor der Tür. Ich bin bescheuert, weil ich Rosen hasse, oder? Sie können ja nichts dafür.“
„Oh, das tu mir leid. Bist du sicher, dass sie von ihm ist?“
„Von wem sonst sollte sie sein? Nur dieser Irre legt mir Rosen vor die Tür.“
„Es ist gut, dass du mir das gesagt hast. Ich werde mit Michael mal bei ihm vorbeischauen und ihm ein paar Takte erzählen. So ein dämlicher Typ! Aber ausgehen lenkt doch wunderbar ab, meine Süße. Komm, sei nicht so, nur zu einem netten Winzer, ein Glas Wein und dann reden.“
Fabienne gab nach und versprach, in einer Stunde bei Bianca zu sein. Sie lief ins Bad, zog sich danach um und ging durch die innere Tür in die Garage zu ihrem Auto. Sie setzte sich hinein, startete den Motor und fuhr mit der Fernbedienung das Rolltor nach oben, um dann rasant wegzufahren. Den schwarzen Wagen, der ihr einen Augenblick später folgte, nahm sie nicht wahr. Pünktlich klingelte sie an Biancas Tür und wurde herzlich empfangen.
Die Frauen machten sich auf in den Rheingau und ließen sich in einer kuscheligen Winzerstube nieder. Ein Kaminfeuer strahlte eine angenehme Wärme aus und die Wirtin brachte ihnen Wein und eine Schale Salzgebäck.
„Er hatte sich eine Weile zurückgehalten. Aber heute muss er an meiner Tür gewesen sein.“
„Vielleicht war er im Urlaub oder auf einer Dienstreise.“
„Na prima, er kann gerne eine Weltreise unternehmen.“
Die Frauen lachten und Bianca wechselte geschickt das Thema. Die Sache mit Lars war lange genug Hauptgesprächsstoff gewesen, aber es war zu belastend, immer und immer wieder die Frage nach dem WARUM zu erörtern. Lars liebte Fabienne und er bildete sich ein, dass sie ihn auch lieben müsse. Punkt. Wenn man ihm diese wahnsinnige Liebe herausschneiden könnte, hätte Bianca gerne die Rechnung für die Operation bezahlt.
Sie sprachen über Fabiennes nächste Ausstellung und über Biancas Lehrgang. Die junge Künstlerin entspannte sich sichtbar und so reagierte sie freundlich, als sie auf dem Weg zur Toilette mit einem attraktiven Mann zusammenstieß: Sie lachte ihn an und sein Herz machte einen Sprung.
„Na so ein Zufall“, sagte er danach zu Bianca, die allein am Tisch zurückgeblieben war und auf ihrem Handy tippte.
Sie sah auf und wusste sofort, dass es der Mann vom Parkplatz war, der sie auf das defekte Licht aufmerksam gemacht hatte.
„Die Welt ist manchmal sehr klein“, erwiderte sie höflich.
„Darf ich Ihnen Gesellschaft leisten?“
„Nein danke, das ist nicht nötig, meine Freundin ist nochmal auf der Toilette und danach brechen wir auf.“
„Schade. Dann warten wir eben auf den nächsten Zufall.“
Er drehte sich einfach um und ging davon. Bianca blickte ihm nach und fühlte sich unbehaglich. Irgendwas an diesem Mann war falsch, obwohl er sehr gut aussah und einen netten Eindruck machte.
„Wer war das denn?“, fragte Fabienne und starrte ihm fasziniert hinterher. „Kennst du ihn?“
„Keine Ahnung, wer er ist, aber wir sind uns letztens nach dem Lehrgang auf dem Parkplatz begegnet, wo er mich auf eine defekte Rückleuchte aufmerksam gemacht hat.“
„Schade“, seufzte Fabienne, „so ein schöner Mann. Aber du brauchst ja keinen anderen Mann, du hast Michael. Ich würde mich sehr gerne verlieben, aber dieser bescheuerte Lars hat mir alles verdorben.“
„Soll ich ihn wieder an den Tisch rufen?“, fragte Bianca lachend.
Fabienne winkte ab, dann zogen sie sich an und verließen die Weinstube. Draußen startete der schwarze Wagen und folgte ihnen bis zu Fabiennes Haus.
„Gute Nacht, schließ alles gut ab. Oder soll ich noch mitkommen?“
„Nein, lass mal, ich haue ihm eine rein, wenn er irgendwo herumlungert. Ich bin gerade in Stimmung. Gute Nacht.“
5
„Haben Sie schon Hinweise auf den Täter?“, fragte Dr. Hans-Martin Rosenschuh, der neue Staatsanwalt.
„Nein“, erklärte Michael und zuckte mit den Schultern.
„Und wann gedenken Sie mir ein paar Hinweise zu präsentieren?“
„Wenn ich welche habe“, knurrte der Kommissar.
Er mochte den Staatsanwalt nicht, denn der benahm sich eher wie ein Beamter vom Ordnungsamt. Ständig zitierte er Paragraphen oder Verordnungen. Anscheinend kannte er sie alle auswendig.
„Herr Verskoff, ich bitte mir ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit aus! Eine junge Frau ist tot und Sie brummen hier nur herum. Was wissen wir denn schon?“
Michael fasste das Wenige zusammen, was sie ermittelt hatten und beobachtete, wie das Gesicht seines Gegenübers immer düsterer wurde.
„Hatte sie nun einen Freund oder nicht?“, fragte Hans-Martin Rosenschuh aufgebracht.
„Benedikt hat die Eltern ausgefragt und ja, sie hatte vor über einem Jahr einen Freund, aber anscheinend war das eine ganz geheime Sache. Vielleicht war er verheiratet und die Tote wollte ihn nicht in Schwierigkeiten bringen.“
„Na gut, nein, natürlich nicht gut. Es ist bereits eine Woche her und Sie haben nichts, aber auch gar nichts. Der Chef hätte Sie vielleicht doch besser versetzen sollen.“
Mit einem süffisanten Lächeln drehte er sich um und verließ das Büro. Michael nahm die Akte und warf sie ihm hinterher. Der blaue Ordner klatschte gegen die Tür und fiel wie ein Stein zu Boden. Der Inhalt ergoss sich über den grauen Teppich. Michael seufzte, erhob sich und sammelte die Unterlagen wieder ein. Dann rief er Bianca an und erzählte ihr vom Auftritt des Staatsanwaltes.
„Mein armer Schatz, das tut mir leid. Es ist Mittag, komm, wir fahren irgendwo essen und überlegen, wer die junge Dame getötet haben könnte.“
Michael lächelte nun wieder, griff nach seiner Jacke und traf sich am Auto mit Bianca. Er schaute sich um, fühlte sich unbeobachtet und küsste sie liebevoll.
„So ein Arsch. Ich will Nele zurückhaben. Was bildet der sich ein? Denkt der, wir sitzen nur rum und drehen Däumchen?“
„Ja, genau das denkt er und im Falle von Benedikt hat er vielleicht recht? Wo ist der Typ schon wieder?“
„Ich habe keine Ahnung. Aber wenn er sich mal wieder blicken lässt, frage ich ihn.“
Lachend stiegen sie ein, fuhren an den Rhein und bestellten sich ein üppiges Mittagessen. Danach küsste Michael Bianca abermals und sie liefen ein Stück an Rheinufer entlang. Auf einer Bank setzten sie sich und unterhielten sich über den Fall. Gerade schaute die Sonne zwischen den Wolken hervor. Bianca sehnte sich nach dem Frühling und schmiegte sich an Michael.
„Dorothee hat gesagt, dass sie manchmal ein sehr attraktiver Mann abgeholt hat. Ob das der war, mit dem sie zusammen war? Wir vermuten, dass er verheiratet war.“
„Hm“, sagte Bianca, „wenn ich einen verheirateten Liebhaber hätte, würde ich ihm nicht erlauben, mich auf der Arbeit zu besuchen. Und dieser Mann würde sich mit mir auch nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Vielleicht gibt es einen zweiten Mann. Oder sie hat ihn aus einem anderen Grund nicht den Eltern und der Freundin vorgestellt. Gibt es eine Beschreibung?“
„Dunkle kurze Haare, braune oder blaue Augen, gepflegter Dreitagebart, sportlich und schlank, gut gekleidet. Aber so sehen viele Männer aus. Dorothee hat ihn nur aus der Ferne gesehen.“
Bianca lachte jetzt und sagte: „Deine Dorothee muss ich mir bei Gelegenheit mal ansehen. Sie scheint dich ja mächtig beeindruckt zu haben.“
„Süße, du bist doch nicht etwa eifersüchtig? Dorothee hat mir unaufgefordert einen Kaffee gemacht und dann versuchte sie mich zum Lesen zu bewegen, obwohl ihr Laden kein Buchladen ist. Sie liebt Bücher und flüchtet mit ihnen in ferne Welten. Ich glaube, ich wäre ihr als Mann viel zu real. Du musst keine Sorge haben, aber ich stelle sie dir gerne mal vor. Du kannst dann in ihre Seele schauen und findest heraus, was sie vorhat.“
„Ich bin gespannt. Aber eines ist richtig: Die Beschreibung passt auf viele Männer. Gerade der Bart ist aktuell absolut in Mode.“
„Soll ich meinen wieder wachsen lassen?“
„Nein, ich mag dich so, wie du bist. Glatt und sanft.“
Sie küsste Michael zärtlich auf die Wange. Dann fiel ihr etwas ein.
„Der Typ, der mich wegen des Lichtes angesprochen hatte, sah auch so aus. Wir haben ihn gestern Abend in der Winzerstube getroffen und er hat Fabienne gut gefallen. Wollen wir sie verkuppeln?“
„Ich glaube nicht, dass sich deine Freundin verkuppeln lässt. Aber dieser Mann … ähm … was hat er da gemacht?“
„Jetzt bist du eifersüchtig? Ich weiß nicht, was er dort gemacht hat, wir haben ihn erst entdeckt, als wir gehen wollten.“
„Wir sind dann wohl quitt: Dorothee gegen den schönen Unbekannten.“
Nach ihrer Rückkehr ins Büro saß dort Benedikt am Computer und starrte auf den Bildschirm.
„Kommt mal her, schnell!“, rief er, ohne seinen Blick von den Bildern zu lösen.
Bianca und Michael gingen um den Schreibtisch herum und sahen Benedikt über die Schulter. Er hatte ein Programm aufgerufen, mit dem man Phantombilder erstellen konnte. Bianca blickte in das Gesicht des schönen Unbekannten, auch wenn es vereinzelte Fehler enthielt. Sie war zusammengezuckt.
„Wer ist das?“
„Das ist der, der Sophia am Café abgeholt hat. Ich war in jedem Laden und habe an jeder verdammten Haustür geklingelt. Tatsächlich hat ihn ein älterer Herr genauer gesehen. Der Opa saß direkt an der Tür und als dieser Mann hereinkam, lächelte Sophia nach seinen Angaben total verliebt. Opa dachte sich: Die müssen ein Paar sein. Soll ich ihn herholen lassen oder willst du hin?“
„Er hat doch nicht rumgesessen und Däumchen gedreht, sondern gearbeitet“, sagte Bianca. „Erstaunlich.“
Michael lachte und sah dabei Benedikt an, der wieder einmal gar nichts verstand. Der junge Mann war in seiner Naivität kaum zu toppen und verschwand manchmal stundenlang, aber merkwürdigerweise tauchte er immer mit handfesten Ergebnissen wieder auf.
„Gut gemacht!“, lobte Michael. „Ich möchte, dass wir zusammen nochmal dorthin fahren. Was denkst du, ob er es war?“
„Ob er was war? Der Sophia umgebracht hat? Solange wir das Motiv nicht kennen, ist alles reine Spekulation. Also dann, Chefin, wir sind weg!“
Bianca lachte schallend über den eifrigen, frechen Kerl und winkte ihnen nach. Auf der Treppe nach oben traf sie Jürgen.
„Was gibt es Neues von der Chef-Front?“
„In drei Wochen ist der vorletzte Lehrgang. Ich bin froh, wenn das vorbei ist und ich euch endlich herumkommandieren kann.“
„Liebe Kollegin, ich kann mir keinen besseren Kommandeur vorstellen. Komm mal mit in mein Büro, dann bekommst du einen Kaffee und wir reden über den Fall.“
Bianca folgte Jürgen und setzte sich mit ihm an den Schreibtisch. Er kochte frischen Kaffee und kramte aus der Schublade eine Tafel Schokolade hervor. Diese zerbrach er in kleine Stückchen und ließ sie auf einen Teller rieseln. Bianca stieg der Duft in die Nase und sie überlegte, wie lange sie keine Schokolade mehr gegessen hatte.
„Das tut jetzt gut, danke! Hat der Täter DNA hinterlassen oder vielleicht ein einzelnes Haar?“
„Schön wäre es, aber es war windig. Ein Haar hätte der Wind mitgenommen. Es gibt einen winzigen Fussel aus schwarzer Baumwolle. Mehr nicht. Er hat eine Jacke oder Handschuhe oder einen Pullover oder eine …“
„Hör auf! Mist, Baumwolle trägt heute jeder. Aber dieses einfache Material passt nicht zu dem Mann, der vielleicht ihr Freund war. Benedikt hat ein Phantombild angefertigt“, erklärte Bianca. „Der ist richtig gut.“
„Ich dachte erst, er ist ein Komödiant, der nur einen auf Polizist macht, aber ich glaube, er tut nur so albern, damit ihm keiner in sein schlaues Köpfchen schauen kann. Einen Verdächtigen würde sein Verhalten auf jeden Fall dazu bringen, ihn zu unterschätzen.“
„Damit hast du sicher recht. Danke für den Kaffee und den Fussel.“
Sie lief hinüber in ihr Büro und rief Michael an, um ihm von Jürgens Entdeckung zu berichten.
6
Er steckte die weiße Maske in die Jackentasche und lächelte seinem Spiegelbild zu. Dann drehte er sich um und verließ das Haus. Mit seinem schwarzen Auto machte er sich auf den Weg nach Kiedrich, wo er nahe einer Einfamilienhaussiedlung in den Weinbergen anhielt.
Im Schutz der einbrechenden Dunkelheit schlich er an einer Hecke entlang, bis er das Haus genau im Blick hatte. Der Zufall wollte es, dass die Seitentür zur Garage offenstand, die er jetzt betrat. Ein roter Kombi parkte in der Mitte der braunen Fliesen, Gartengeräte waren in einem Plastikschrank zu sehen, auch alle anderen Dinge, die man so in einer Garage abstellte, waren ordentlich in Regalen aufgereiht. Er versteckte sich in der Ecke hinter dem Schrank und verharrte regungslos. Der Mann hatte das Haus eine Zeit lang beobachtet und kannte den Tagesablauf der Familienmitglieder.
Maja Fringholm telefonierte mit ihrem Mann, der noch bei der Arbeit auf dem Weingut seiner Eltern war. Er war Winzer, die zweijährige Tochter Charlien war am Vormittag mit ihrem Vater dorthin gefahren. Die Oma betreute das kleine süße Mädchen, bis Maja nach der Arbeit zu ihnen stieß, um ihrem Mann und den Schwiegereltern zu helfen.
„Ach, Clemens, ich habe doch gesagt, dass ich das alles bestellt haben. Nun mach bitte nicht so ein Theater. Es wird sich zeigen, dass ich recht habe. Ich bin auf dem Weg. Wenn du mal aufhören würdest zu schreien, dann könnte ich schon längst im Auto sitzen.“
Am anderen Ende wurde gesprochen.
„Ja, das habe ich besorgt. Und jetzt lege ich auf. Bis gleich.“
Maja schnaufte wütend, denn ihr Mann hatte sie beschuldigt, eine wichtige Bestellung vergessen zu haben.
„Der soll froh sein, dass ich neben meinem Job überhaupt noch mitarbeite“, grollte sie vor sich hin.
Sie hatte eben die Einkäufe im Kühlschrank verstaut und rannte hoch ins Bad, wo sie sich auf die Toilette sinken ließ. Irgendwie habe ich immer Pech mit den Männern, dachte sie. Seit zwei Jahren waren sie verheiratet und bis dahin war Clemens nett und freundlich gewesen. Nach ihrer Hochzeit und der Geburt vom Charlien hatte sich einiges verändert. Er war schroff, kommandierte sie herum und seit Wochen war es zu keinen Zärtlichkeiten mehr gekommen. Ihr Leben bestand nur noch aus Arbeit und Kinderbetreuung. Vormittags arbeitete sie in einem Steuerbüro, dann kümmerte sie sich um Haushalt und Kind und abends war sie bis zum Umfallen im Weingut beschäftigt.
Die Eltern von Clemens hatten ihrem Sohn die Geschäftsführung übertragen und hätten es auch gerne gesehen, wenn sie dort eingezogen wären, aber die kleine Familie wohnte in einem Einfamilienhaus am anderen Ende des Ortes. Maja war froh darüber, konnte sie doch so manchmal abschalten. Die Kleine war oft und gerne bei ihrer Oma, aber irgendwie schaffte es die Mutter von Clemens immer, ihr ein schlechtes Gewissen einzureden.
Sie sagte fast jeden Abend mit vorwurfsvollem Blick: „Du brauchst doch diesen Bürojob gar nicht, hier gibt es genug Arbeit. Du solltest meinen Sohn wirklich mehr unterstützen.“
Maja musste sich dann jedes Mal eine böse Antwort verkneifen, aber sie wollte die angespannte Situation nicht noch schlimmer machen. Jetzt bediente sie die Spülung und wusch sich die Hände.
„Hör auf zu jammern“, forderte sie ihr Spiegelbild über dem Waschbecken auf. „Du hast es so gewollt.“
Seufzend ging sie hinunter, griff mit beiden Händen den schweren Einkaufkorb mit den Dingen, die ihre Schwiegermutter bestellt hatte und schleppte ihn zum Auto. Als sie vorher alles ins Haus getragen hatte, um es in zwei Teile zu sortieren, hatte sie die Seitentür der Garage offengelassen. Nun stemmte sie ihren Fuß dazwischen, schob sie ganz auf und trug den Korb zum Kofferraum. Sie stellte ihn auf den Boden, um nach dem Autoschlüssel zu suchen. Es klickte kurz, die Rücklichter blinkten und Maja öffnete die Klappe.
Stöhnend wuchtete sie den Korb über den Rand und wollte sich gerade den Schweiß von der Stirn wischen, als sich eine Schlinge um ihren Hals legte. Entsetzt versuchte sie, das weiße Seil wegzuziehen, aber der Angreifer riss mit einer Hand ihre Arme herunter. Er drückte weiter zu und presste seinen Körper gegen ihren, sodass sie beinahe in den Kofferraum fiel. Ihre Kraft ließ nach, sie bekam keine Luft und der Schrei, der aus ihrem verängstigten Körper wollte, erstarb mit einem Stöhnen. Sie spürte, wie ihre Beine nachgaben, dann wurde es dunkel um sie herum.
Der Mann ließ den leblosen Körper auf den Boden sacken, hob die tote Frau aber schnell hoch und packte sie in den Kofferraum. Leise drückte er den Deckel zu und verschwand eilig aus der Garage. Er vergewisserte sich, dass niemand auf der Straße war, nahm die Maske ab, steckte sie in die Tasche und lief zu seinem Auto zurück, wo er sich auf den Sitz fallenließ.
„Zwei.“
7
Clemens Fringholm hatte ein paar Minuten später wütend auf die Uhr geschaut.
„Wo bleibt die denn? Ich habe langsam die Nase voll von dieser Frau!“
Er warf den Karton, den er soeben ausgeleert hatte, auf den Boden und wühlte in seiner Hosentasche nach dem Handy. Am anderen Ende läutete es, aber niemand nahm ab.
„Na hoffentlich geht sie nicht dran, weil sie am Fahren ist!“
Weitere zehn Minuten später war Maja immer noch nicht im Weingut angekommen.
Clemens lief ins Haus und fuhr seine Mutter an: „Weißt du, wo Maja so lange herumtrödelt? Sie wollte gleich kommen, aber das ist schon eine Stunde her.“
Charlien fing zu weinen an, weil ihr Vater die Oma so böse angeredet hatte. Irma Fringholm setzte das Mädchen von ihrem Schoß, wo sie gerade ein Bilderbuch angesehen hatten, auf den Boden.
„Mein lieber Sohn, jetzt denke mal darüber nach, wie du mit deiner Mutter sprichst! Du bist schuld, dass die Kleine jetzt weint. Was ist denn los?“
„Maja trödelt wieder herum und ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht vor Arbeit.“
„Hast du mal angerufen?“
„Ja, Mutter, was dachtest du denn?“
Charlien war zu ihrer Oma gekrabbelt und schlang die Arme um ihre Knie. Als Irma sie hochnahm, hörte sie auf zu weinen.
„Dann ist sie unterwegs und beim Fahren kann sie ja schlecht telefonieren. Also sei geduldig. Sie wird gleich da sein.“
Clemens dachte nicht im Traum daran, dass seiner Frau etwas passiert sein konnte, darum wurde er immer wütender. Er lief im Wohnzimmer auf und ab und fluchte vor sich hin. Seine Mutter saß wieder auf der Couch und blätterte mit Charlien im Bilderbuch. Nun sah sie hoch und schüttelte den Kopf.
„Nimm das Auto und fahre heim. Es macht mich ganz irre, wenn du hier herumrennst. Vielleicht hat Maja eine Panne oder sie ist hingefallen.“
„Pah! Die kann was erleben. Sicher sitzt sie vor dem Fernseher und trinkt Kaffee oder tratscht am Festnetz mit ihrer dämlichen Freundin Sina. Ich bin gleich wieder da.“
Er rannte aus dem Haus, setzte sich ins Auto, raste heim und wunderte sich, dass alles ruhig und dunkel war. Das Garagentor war geschlossen und Majas roter Kombi nirgends zu sehen. Clemens parkte vor dem Tor und schloss das Haus auf. Drinnen war es dunkel, die Einkäufe lagen ordentlich verstaut im Kühlschrank. Er lief hinaus und betrat die Garage durch die Seitentür. Verdutzt schaute er auf das Auto.
„Was soll das denn? Wo ist die Alte hin?“
Er drehte sich um, lief zurück ins Haus und riss im Laufen das Handy heraus: „Sie ist nicht zuhause und das Auto steht in der Garage. Mutter, ich glaube, die hat sie nicht mehr alle und ist abgehauen.“
„Komm wieder her, dann reden wir.“
Er legte auf, setzte sich in sein Auto und fuhr zurück zu seinen Eltern, die jetzt ratlos zusammen im Wohnzimmer saßen. Rupert Fringholm, der Vater von Clemens, hatte ein Glas Wein in der Hand und bereitete seinen Feierabend vor, Irma spielte mit Charlien.
Clemens stürmte herein und ließ sich auf den Sessel fallen.
„Von wegen Panne oder etwas passiert! Die treibt sich bestimmt mit ihrer Freundin irgendwo herum oder sie lässt sich von ihrem Ex vögeln.“
„Aber Clemens, doch nicht vor dem Kind!“, rügte ihn seine Mutter.
„Ach was, wer weiß, ob das überhaupt mein Kind ist.“
Sein Vater räusperte sich und sagte ernst: „Also jetzt reicht es. Ruf die Polizei an und gib eine Vermisstenanzeige auf. Wenn man sie nun entführt hat?“
Clemens lachte seinen Vater aus und erwiderte: „Die bringen sie direkt wieder zurück. Mir egal, dann ist sie eben abgehauen. Die wird schon merken, was sie verliert. Ich mache jetzt Feierabend und fahre heim. Aber ich werde nicht nach ihr suchen, sondern schön Fußball gucken und mich ausruhen. Kann Charlien bei euch bleiben?“
Seine Mutter nickte und drückte das kleine Mädchen liebevoll an sich. Clemens stand auf und stapfte hinaus.
Zuhause ging er zuerst in die Küche, holte ein Weinglas und goss es randvoll. Er stürzte den Riesling in einem Zug herunter, goss nach und lief hinüber ins Wohnzimmer, wo er den Fernseher einschaltete. Und nun tat er das, was seine Frau immer hasste: Er zog seine Socken aus und warf sie auf den kleinen Tisch. Dann legte er sich auf der Couch zurecht.
Mitten im Fußballspiel läutete das Festnetztelefon und Clemens nahm schnaufend ab.
„Was?“, blaffte er in den Hörer.
„Hier ist Sina. Ist Maja da?“
„Nein, ist sie nicht. Und wenn sie da wäre, würde ich sie dir auch nicht geben.“
„Oh Mann, Clemens, was ist denn dein Problem? Maja wollte mich vor einer Stunde anrufen, um mir zu sagen, ob wir morgen gemeinsam zur Arbeit fahren. Das sprechen wir immer ab, also gib sie mir.“
„Was hast du nicht verstanden an: Sie ist nicht da?“
„Das ist merkwürdig. Kommt sie nicht immer abends zu euch auf das Weingut und fährt dann mit dir heim?“
„Ja, aber da ist sie auch nicht. Und jetzt lege ich auf. Lass mich in Ruhe Fußball gucken und fahre morgen mal selbst auf die Arbeit. Tschüss.“
Er legte auf.
Sina Dunkelsberger hatte nur den Kopf geschüttelt. So ein Arsch, dachte sie. Warum hatte Maja diesen Kerl geheiratet? Sie konnte doch viel aufregendere Männer bekommen. Maja hatte Clemens geheiratet, als sie schwanger war, aber Sina konnte ihn von Anfang an nicht leiden.
Hatte er Maja geschlagen?
Sina war zusammengezuckt. Ihre Freundin hatte mal so etwas angedeutet. Vielleicht hatte der Kerl ihr wehgetan und sie lag irgendwo verletzt und brauchte Hilfe? Entschlossen griff sie nach ihrer Jacke, um zu Majas Haus zu gehen, welches sich zwei Straßenecken weiter im selben Ort befand.
Sie klingelte und Clemens öffnete genervt die Tür. Als er Sina erkannte, stöhnte er.
„Sie ist nicht hier! Willst du nachsehen?“
Ohne ein Wort lief Sina an ihm vorbei ins Haus und durchsuchte alle Zimmer, während sie nach Maja rief. Enttäuscht kam sie nach fünf Minuten ins Wohnzimmer.
„Was hast du mit ihr gemacht?“, fragte sie und baute sich vor dem Fernseher auf.
„Geh weg!“, fauchte Clemens sie an. „Ich habe nichts mit ihr gemacht. Maja wollte einkaufen und dann ins Weingut kommen. Das ist schon eine Weile her. Sie ist abgehauen. Basta!“
„So ein Quatsch, ich gehe jetzt und komme mit der Polizei wieder.“
Eilig verließ sie das Haus, in dem sie sich unwohl fühlte und rief vor der Tür die Polizeistation in Eltville an, um ihre Sorge zu schildern. Der Mann am Telefon hörte zu und erklärte ihr, dass Maja eine erwachsene Person sei, die sich aufhalten könne, wo sie wolle.
„Ich weiß, dass Sie sowas sagen müssen, aber Maja hat eine kleine Tochter, sie würde niemals abhauen.“
„Haben Sie das Kind gesehen?“
„Nein, ich weiß, dass es immer bei der Oma ist, bis Maja es abends abholt.“
„Dann ist es bestimmt noch dort. Machen Sie sich keine Sorgen, Ihre Freundin kommt sicher morgen wieder.“
„Na toll, und wenn nicht?“
„Dann melden Sie sich noch einmal.“
Enttäuscht legte Sina auf und lief heim.
8
Michael und Benedikt saßen mit Bianca im Büro und besprachen die Möglichkeiten, wie man hinter das Geheimnis der schwarzen Textilfaser kommen könne. Nach einer Stunde voller Spekulationen mussten sie sich eingestehen, dass es keinerlei Ergebnisse gab.
Es klopfte und der Staatsanwalt steckte den Kopf durch die Tür. Michael stöhnte, als sich der kleine drahtige Mann mit der Halbglatze und den grauen Augen ins Zimmer schob.
„Was haben wir?“
„Eine schwarze Faser“, sagte Benedikt. „Dazu kommt ein alter Herr, der bei Sophia vor längerer Zeit mal einen gutaussehenden Mann gesehen hat. Er erinnert sich deshalb so genau, weil er Sophia noch nie so glücklich gesehen hat. Der Typ sieht gut aus. Unser Unbekannter vom Phantombild.“
„Und den haben Sie schon gefunden und festgenommen?“
„Nein, wir wissen nicht, wer er ist.“
„Na super, was muss denn noch alles passieren, ehe Sie den Täter finden?“, schimpfte Dr. Rosenschuh.
Nun platzte Michael der Kragen und er polterte los: „Wir tun, was wir können und außer Frau Wieselburgers Tod ist nichts weiter passiert. Wir sind mit ganzer Kraft auf der Suche nach dem Mann. Bianca hat ihn schon zweimal gesehen, aber sie kennt weder seinen Namen noch seinen Aufenthaltsort.“
„Sie sitzen hier im Büro, das sieht mir nicht nach Suchen aus. Also los, hopp. Auf die Straße.“
Der Staatsanwalt drehte sich abrupt um und verließ das Zimmer.
„Irgendwann bringe ich den Kerl um.“
„Ach, Schatz, lass das lieber sein. Komm, ich fahre mit euch herum und halte die Augen offen. Vielleicht hilft uns der Zufall.“
Benedikt fragte grinsend: „Wollt ihr alleine sein? Dann fahre ich mit meinem eigenen Auto.“
„Idiot!“, brummte Michael und nahm seine Jacke.
Bianca folgte den Männern und so machten sie sich auf eine Tour durch den Rheingau, immer in der Hoffnung, den Unbekannten zu entdecken. Ihre Suche blieb erfolglos, also gaben sie nach drei Stunden auf und kehrten ins Präsidium zurück. Enttäuscht stellte Bianca die Kaffeemaschine an.
Es klopfte wieder und Michael dachte, dass es erneut der Staatsanwalt war.
Missmutig rief er: „Ja?“
Die Tür öffnete sich zaghaft und eine junge Kollegin steckte den Kopf herein. Benedikt strahlte und schob ihr sofort seinen Stuhl herüber.
„Ich muss mit euch reden“, sagte die Frau und ignorierte das Angebot. „Vorgestern rief eine Frau an und wollte ihre Freundin vermisst melden. Kurt hat sie aufgeklärt, dass eine Erwachsene wegbleiben kann, solange sie will. Aber … ich weiß, es steht mir nicht zu, da eine Meinung zu haben … es muss etwas passiert sein. Die Freundin rief gestern abermals an. Die Vermisste ist eine junge Mutter. Niemand lässt sein Kind einfach allein. Die Kleine ist zwar bei der Oma, aber ich kann nicht glauben, dass die Mutter abgehauen ist, ohne jemanden einzuweihen.“
„Was heißt, eine Meinung steht dir nicht zu?“, fragte Bianca sanft. „Es ist richtig, dass du mit uns gesprochen hast. Erst vor kurzem ist eine junge Frau getötet worden, also ist es gut möglich, dass der Mutter etwas zugestoßen ist. Habt ihr etwas unternommen?“
„Nein, die Freundin, sie heißt Sina Dunkelsberger, hat eben wieder angerufen und sie war sehr verstört. Die Vermisste ist nicht zur Arbeit erschienen und niemand weiß, wo sie ist, auch die Schwiegereltern nicht.“
„Gib mir die Adresse, wir fahren hin und sehen mal nach dem Rechten. Ist sie verheiratet?“
„Ja, aber der Ehemann vermisst sie anscheinend gar nicht.“
Die junge Kollegin verließ mit einem sehnsüchtigen Blick von Benedikt im Nacken das Büro. Michael nahm seine Jacke und warf Bianca ihre zu. Er beauftragte seinen jungen Kollegen, weiter nach dem Unbekannten zu suchen und machte sich mit Bianca auf den Weg nach Kiedrich. Es war trüb, Nebel hing über den Weinbergen, die sich um die Siedlung herum erstreckten. Nicht einmal die Umrisse der Ruine von Burg Scharfenstein waren zu sehen. Bianca schüttelte sich und schlang die Jacke fest um sich.
Auf ihr Klingeln reagierte niemand. Sie legte die Hände an die Scheibe der Haustür, aber innen war es dunkel. Der wird im Weingut sein, wenn er dort arbeitet, dachte sie.
„Komm, wir fahren zu den Eltern, hier ist keiner.“
Bianca wollte eben Michael zum Auto folgen, da sah sie aus dem Augenwinkel die angelehnte Tür der Garage.
„Michael, schau mal. Was für ein Zufall. Hast du nicht auch eben ein Geräusch gehört?“
Der Kommissar grinste und nickte. Bianca zog die Tür auf und schaute neugierig ins Halbdunkel. Die Umrisse eines Kombis waren zu erkennen. Als Michael hinter ihr auf den Lichtschalter drückte, flammte mit einem leisen Knattern die Neonbeleuchtung auf und verbreitete ein weißes Licht. Das rote Fahrzeug schien nicht bewegt worden zu sein, denn die Motorhaube war kalt.
Bianca schaute ins Innere. Nichts. Sie versuchte die Fahrertür zu öffnen, aber die war verschlossen. Eine innere Stimme ließ sie zusammenzucken, sie witterte Gefahr. Michael sah die Veränderung an Bianca sofort und trat zu ihr an den Kofferraum.
„Zu. Mist“, sagte er nach einem schnellen Griff an den Hebel unter dem Nummernschild.
Mit einem Mal weiteten sich seine Augen und er starrte wie Bianca auf das kleine Stückchen Stoff, das unter der verschlossenen Klappe hervorschaute. Es schien von einer Winterjacke zu stammen und war so rot wie das Auto selbst.
„Scheiße, wo ist der Autoschlüssel?“
Michael schaute sich hastig um, aber es war weit und breit kein Schlüssel zu sehen.
„Er muss im Kofferraum sein. Was denkst du?“
Bianca schloss die Augen und fühlte in sich hinein.
„Ich denke, wir werden die Frau dort drinnen finden. Ruf den Techniker und die Spusi! Vielleicht bekommt Jürgen die Klappe auch alleine auf. Ich glaube, die Sorge von Frau Dunkelsberger war berechtigt.“
9
Clemens war wie gewohnt zur Arbeit gegangen. Den Fragen seiner Eltern nach Maja war er ausgewichen. Er würde nachher ohne Charlien nach Hause fahren, aber nur zum Fernsehen und zum Schlafen. Der Kühlschrank war gefüllt, also vermisste er Maja überhaupt nicht. Im Gegenteil, er fühlte, wie eine angenehme Ruhe in seinem Leben Einzug hielt. Sollte seine Frau doch bleiben, wo der Pfeffer wächst.
Für heute Abend hatte er geplant, eine Pizza in den Ofen zu schieben und den Spätkrimi zu schauen. Er hob die Kisten mit den Flaschen im Weinkeller ins Regal und malte sich aus, wie er am Wochenende mindestens zwei schöne Frauen zu sich einlud, die ihm in Dessous und Highheels das Essen zubereiteten und das Bier an die Couch brachten. Wohlig stöhnend griff er sich in den Schritt und wollte sich selbst befriedigen, als er das Rufen seiner Mutter oben auf der Kellertreppe hörte. Er zog die Hose wieder zurecht und schaute nach oben.
„Was?“, blaffte er.
„Clemens?“, hörte er die zitternde Stimme seiner Mutter und ein mulmiges Gefühl breitete sich in seinem Bauch aus. „Die Polizei ist hier. Komm bitte hoch.“
Clemens sprang schnellen Schrittes die ausgetretenen Stufen hinauf und schob seine Mutter von der Tür weg. Er befahl ihr, sich um die Kleine zu kümmern und ließ sie stehen.
Im Wohnzimmer stand ein blonder Mann in lässiger Kleidung und schaute aus dem Fenster. Die Frau mit den kurzen dunklen Haaren musterte ihn aufmerksam. Sie war ihm sofort unsympathisch, denn ihr Blick schien direkt in sein Inneres zu gehen.
„Bitte?“, fragte er arrogant.
Der Mann am Fenster drehte sich zu ihm um, stellte sich und die Kollegin vor und fragte im neutralen Ton: „Herr Fringholm? Clemens Fringholm?“
Der Angesprochene nickte nur.
„Können Sie mir sagen, wo ihre Frau ist?“
Clemens stöhnte und ließ sich theatralisch auf den Sessel fallen. Er legte die Hände vor das Gesicht und stützte die Ellenbogen auf die Knie. Kurze Zeit später hob er den Kopf und sah Michael mit säuerlicher Miene an.
„Sina. Das war ja klar. Die hat auch keine anderen Probleme, als mit ihren irren Ideen zu den Bullen zu rennen. Die Alte bildet sich ein, ich hätte meiner Frau etwas getan, nur weil wir in der letzten Zeit ein bisschen Stress hatten. Aber ist das auch ein Wunder? Ich arbeite von früh bis spät, dann die kleine Charlien und meine Frau weigert sich, ihren Job aufzugeben. Mein Vater hat mir hier die Geschäftsleitung übertragen, da könnte ich meine Frau gut gebrauchen. Und was macht die Dame? Haut einfach ab und lässt mich mit dem ganzen Scheiß hängen. Wenn meine Mutter nicht wäre …“
Er schaute Michael an und erwartete Verständnis.
„Wie kommen Sie darauf, dass Ihre Frau abgehauen ist?“, fragte nun die Kommissarin.
„Wo soll die denn sonst sein? Sie hat die Gunst der Stunde genutzt, als ich ihr gesagt habe, dass sie eine wichtige Bestellung vergeigt hat und ist abgerauscht.“
„Ich denke, sie arbeitet in einem anderen Job?“
„Ja, aber wenn sie dann mal hier war, hat sie die Buchführung und Bestellungen gemacht.“
„Wo haben Sie denn schon nach ihr gesucht?“
Clemens war es immer ungemütlicher geworden und er stand auf. Was tun? Er hatte ja absolut gar nicht nach Maja gesucht, aber das konnte er den Polizisten wohl kaum unter die Nase reiben.
„Ich war überall, das können Sie mir glauben. An ihr Handy geht sie auch nicht. Ich bin total verzweifelt.“
Bianca schüttelte den Kopf.
„Wie kommt denn Frau Dunkelsberger auf die Idee, Sie könnten Ihrer Frau etwas angetan haben?“
„Ja, das weiß ich doch nicht!“, fauchte er nun Bianca an und stand mit bedrohlich geballten Fäusten vor ihr. „Die hat manchmal so bescheuerte Ideen, weil sie mich nicht leiden kann.“
Michael war zusammengezuckt und auf dem Sprung, um seiner Freundin zu Hilfe zu kommen, aber er sah Biancas unendlich ruhige Augen, die den wütenden Mann förmlich durchleuchteten. Der spürte plötzlich eine riesige Gefahr auf sich zukommen und trat einen Schritt zurück.
„Sie haben sie gefunden? Verdammt! Sie haben sie gefunden! Ist ihr wirklich etwas zugestoßen? Hatte sie einen Unfall?“
Nun trat Michael doch noch zu ihm und griff in die Jackentasche, um seine Handschellen hervorzuholen.
„Herr Fringholm, ihre Frau befindet sich auf den Weg in die Gerichtsmedizin. Sie ist Opfer eines Verbrechens geworden und Sie sind vorläufig festgenommen. Sie stehen unter dem dringenden Verdacht, ihre Frau getötet zu haben.“
Er belehrte Clemens über seine Rechte und der wusste gar nicht, wie ihm geschah. Ehe er etwas sagen konnte, hatte Michael ihm die Arme auf dem Rücken zusammengekettet. Jetzt wollte er sich wehren, aber der Kommissar hielt ihn mit einem eisernen Griff fest.
„Ihr seid doch bekloppt. Ich habe sie nicht umgebracht!“, tobte er.
In dem Moment kamen die Kollegen mit dem Streifenwagen dazu und führten ihn ab.
„Schafft ihn auf das Präsidium“, forderte Bianca sie auf. „Ich rede mit der Mutter. Michael, suchst du seinen Vater?“
Michael nickte und lief voran. Er hielt Bianca die Tür auf und die bog direkt in die Küche ab, wo Irma Fringholm weinend am Tisch saß. Sie hatte Charlien ins Bett gebracht und die Vorgänge im Wohnzimmer belauscht.
„Mein Sohn war das nicht!“, rief sie Bianca entgegen. „Was ist denn überhaupt passiert?“
Bianca setzte sich neben die verzweifelte Frau und schaute sie sanft an.
„Wir sind der Anzeige von Frau Dunkelsberger nachgegangen und haben vorhin bei Ihrem Sohn nach Maja gesucht. Es hat niemand geöffnet, aber als wir in der Garage ein Geräusch gehört haben, sind wir im Kofferraum des roten Kombis auf einen Haufen Einkäufe und die Leiche einer jungen Frau gestoßen. Es tut mir leid, aber es ist eindeutig Maja Fringholm.“
„Die Einkäufe waren für mich. Sie hat mir immer alles mitgebracht und ich habe mich um die Kleine gekümmert. Ach du mein Gott! Wie soll ich denn Charlien erklären, dass ihre Mama tot ist?“
„Was war los zwischen ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter?“
„Nichts, was nicht auch in anderen jungen Familien los ist. Maja ist nicht so arbeitsam und diszipliniert, wie es sein soll, aber mein Sohn würde sie doch deswegen nicht umbringen.“
Bianca wusste, dass da noch mehr war, aber heute würde sie aus der Frau nichts mehr rausbekommen. Sie verabschiedete sich und suchte Michael, der mit Rupert Fringholm gerade aus dem Weinkeller kam.
„Wenn Sie mich fragen, die hatte sicher einen Liebhaber! Und der muss sie ermordet haben. Mein Sohn ein Mörder? Niemals!“
Michael fasste Bianca an der Hand und zog sie zum Auto, wo er sich grollend hinter das Steuer setzte.
„Wenn ich könnte, wie ich wollte … oh Mann … so ein Arsch … wie der Sohn. Arrogant und nur schlecht reden über die Schwiegertochter. Was sagt die Mutter?“
„Nicht viel. Die üblichen Probleme.“
Michael beugte sich zu Bianca und küsste sie.
„Ich liebe dich.“
10
Clemens Fringholm hatte beständig geleugnet, mit dem Tod seiner Frau zu tun zu haben. Nach stundenlangem Verhör mit endlosen Fragen und immer wiederkehrenden Wutausbrüchen wurde er in die Zelle geführt und die Kommissare waren für eine kurze Nacht heimgefahren. Am nächsten Morgen saßen sie im Büro und lasen noch einmal die Verhörprotokolle.
„Wenn ihr mich fragt“, begann Benedikt, nachdem er sich eine Tasse Kaffee eingegossen hatte, „der war es nicht. Er ist zwar ein blöder Wichser, aber so einer bringt seine Putz-Koch-Wasch-Frau nicht um.“
„Was ist denn eine Putz-Koch-Wasch-Frau?“, fragte Bianca schmunzelnd.
„Na, das ist so eine, die man heiratet, wenn man bei Mutti auszieht, damit man den ganzen Scheiß nicht selbst machen muss.“
Michael sah den jungen Kollegen böse an.
„Suchst du auch so eine?“
„Nein, lieber Chef, ich suche die wahre Liebe. Du hast ja deine schon gefunden.“
„Das habe ich auf jeden Fall“, erklärte Michael mit einem liebevollen Blick auf Bianca, an die er nun die nächste Frage richtete: „Was denkst du denn? War er es?“
Bianca hatte Clemens Fringholm genau beobachtet und in sich hineingefühlt. Dort sah sie einen hartherzigen Egoisten, der schon mal zuschlägt und der seine Partnerin sicher oft gedemütigt hatte, aber sie sah keinen eiskalten Mörder, der seine Frau tot in den Kofferraum wirft und dann seelenruhig nebenan Fernsehen schaut.
„Ich stimme Benedikt zu. So mies der Typ auch ist, er hätte die Leiche beseitig, es wäre doch ein Leichtes für ihn, sie im Weingut verschwinden zu lassen. Die lag doch wie auf dem Präsentierteller. Ich denke nicht, dass er wusste, wo sie ist. Wenn wir nicht zufällig gekommen wären, dann hätte er selbst irgendwann den Kofferraum aufgemacht, und sei es nur, um das Auto seiner Frau nach ihrem Verschwinden zu verkaufen.“
Michael hatte an seinem Daumennagel gekaut und musste jetzt wohl oder übel zugeben, dass die Argumente überzeugend waren. Clemens hätte zumindest das Auto verschwinden lassen, wenn er seine Frau geplant hatte zu töten. Auch wenn es im Affekt geschehen wäre, könnte er doch prima von sich ablenken, wenn er den Wagen irgendwohin gefahren oder vielleicht sogar im Rhein versenkt hätte.
„So gerne ich den Kerl hinter Gittern sehen würde, ihr habt recht. Aber wir lassen ihn noch eine Weile schmoren, einverstanden? Lasst uns zu der Dunkelsberger fahren. Ich will sie fragen, ob sie einen anderen Mann in Majas Leben kennt. Vielleicht hatte der Alte einen guten Riecher, dass sie einen Liebhaber hatte. Ich hätte sogar Verständnis.“
Benedikt grinste nun frech und stichelte: „Bianca, hast du dir das gemerkt? Wenn dein Freund mal Scheiße zu dir ist, kannst du dir einen Liebhaber gönnen. Michael hätte Verständnis.“
In diesem Moment hatte der Kommissar ihm die Jacke an den Kopf geworfen.
„Du Schlauberger, sieh mal zu, dass du erstmal eine Frau wie Bianca abkriegst. Dann reden wir weiter. Und jetzt ab!“
Bianca folgte den Männern lachend, als sie im Flur vom Dienststellenleiter ins Büro gerufen wurde. Sie zuckte bedauernd mit den Schultern. Michael kam noch einmal auf sie zu, küsste sie und strich ihr sanft über den Arm. Dann waren die beiden Kommissare weg und Bianca folgte dem Chef.
Im Auto schwieg Michael und folgte den Gedankengängen seines Kollegen.
„Hm“, murmelte dieser, „wenn sie wirklich einen Liebhaber hatte, dann muss es ein Motiv für den Mord geben. Vielleicht wollte er sie loswerden … oder er war verheiratet und sie wollte mehr als nur Sex.“
Als jetzt sein Handy läutete, ging er rasch dran. Es war die Gerichtsmedizin. Sie sollten schnell kommen, denn es gab eine Überraschung.
„Was ist denn los?“, fragte Michael, als er Jürgen bei dem Pathologen entdeckte.
„Es wird euch nicht gefallen, aber es gibt etwas Interessantes, Kollegen!“
Den jungen Arzt hatte Michael bisher nur einmal kurz gesehen, doch nun schaute er neugierig auf sein Namensschild. „Dr. Olaf Brzsick“ las er und dachte: Wer soll sich denn so einen Namen merken? Er schaute hoch und sah in die lachenden braunen Augen des jungen Mannes, der etwa in Benedikts Alter sein musste.
„Sag einfach Olaf!“, sagte er freundlich und streckte Michael seine schmale, zarte Hand hin.
„Michael“, erwiderte der Kommissar und griff zu. „Du hast wohl meine Gedanken erraten. Also dann schieß mal los!“
„Maja Fringholm wurde stranguliert. Mit einem Seil, wie man es zum Beispiel beim Klettern benutzt. Kommt dir das irgendwie bekannt vor? Es ist zwar etwas ungewöhnlich, ein weißes Seil zu verwenden, aber darum geht es hier ja nicht. Das Material muss Polyamid sein, ein Sisalseil würde andere Spuren und auch Faserreste hinterlassen. Ich muss dir aber gleich sagen, dass man solche Seile auch in jedem Baumarkt kaufen kann. Das engt den Täterkreis nicht so richtig ein.“
Michael sah ihn fragend an, dann fiel es ihm wieder ein: Die Tote in Oestrich wurde auch mit einem solchen Seil ermordet.
„Du denkst, es ist …?“
Olaf schob ihm zwei großformatige Bilder hin, auf denen jeweils der Hals einer Frau zu sehen war und Michael ahnte, dass auf dem einen Foto Sophia Wieselburger und auf dem anderen Maja Fringholm abgelichtet waren. Die Male am Hals sahen fast identisch aus. Der Mörder musste Kraft und seine Opfer von hinten überraschen haben. Nun kam Jürgen ein Stück näher und legte ein kleines Plastiktütchen neben die Fotos auf den kühlen Edelstahltisch. Darin befanden sich winzige schwarze Fasern. Michael stöhnte.
„Oh nein, bitte nicht!“
„Doch, es ist dieselbe Faser wie bei unserem ersten Opfer. Nur dass Maja das Zeug unter den Fingernägeln hatte. Sie muss sich gewehrt haben. Olaf und ich sind uns einig: Der Täter hat ein zweites Mal zugeschlagen. Das kann einfach kein Zufall sein.“
„Scheiße“, sagte Benedikt und schob sich einen Kaugummi in den Mund.
Der Geruch hier machte ihn immer ganz still und ekelte ihn, denn der Tod hing fast greifbar in der Luft. Außerdem weckte die Umgebung stets unangenehme Erinnerungen, die er niemals hinter sich lassen konnte.
Er flüsterte: „Wir müssen den Unbekannten finden.“
Michael hatte sich zu ihm umgedreht und sah ihn nachdenklich an. Benedikt hatte recht, es war Zeit, dass sie diesen Mann vom Phantombild fanden und ihn fragen konnten, ob er die Opfer kannte.
„Danke für die Informationen. Schickt doch bitte gleich den Bericht an Bianca, wir wollten eigentlich zur Freundin des Opfers. Sie hat Maja vermisst gemeldet. Drückt die Daumen, dass sie etwas weiß.“
Sie verließen das Gebäude und Benedikt atmete sichtbar auf. Michael stieß ihn in die Seite.
„Das wird der harte Kerl wohl weich, was?“
Der junge Kollege blieb still und ernst.
Als sie wieder im Auto saßen, sagte er leise: „Ich mag diese Räume nicht. Der Tod ist schrecklich und das macht mir immer zu schaffen. Ich habe dort die Reste des Körpers meiner kleinen Schwester identifizieren müssen, weil meine Mutter zusammengeklappt war, als man ihr sagte, dass ihr Mann und das kleine Mädchen von einem Laster zerquetscht worden waren.“
Seine Stimme war voller Trauer und Michael biss sich vor Scham auf die Lippen.
„Das tut mir sehr leid, entschuldige bitte, wenn ich taktlos war. Mit der Zeit habe ich mir einen dicken Mantel von Ironie zugelegt, um das alles zu ertragen. Wann war das?“
„Vor zehn Jahren. Da haben wir noch im Norden gelebt. Meine Mutter ist kurze Zeit später gestorben, der Schmerz hat sie dahingerafft. Ich bin hierher gezogen und habe neu angefangen. Aber nun lass uns von etwas anderem reden, ich denke, wir haben Wichtigeres zu tun als über mein Schicksal nachzudenken. Ich bin gespannt, ob es einen weiteren Hinweis auf den Unbekannten gibt.“
Michael spürte, dass dieser Unfall ein Grund für Benedikt gewesen war, zur Polizei zu gehen und nickte nur.
Der Kollege redete weiter: „Wir müssen auch nach Ex-Freunden fragen. Vielleicht hat sich Maja noch mit einem von denen getroffen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es noch nicht zu Ende ist. Was denkst du?“
„Ich hoffe, dass du nicht richtig liegst. Eigentlich ist das doch eine malerische, freundliche Gegend, aber wenn es hier einen Mann gibt, der scheinbar wahllos junge Frauen tötet, dann steigt der Druck auf uns. Die Leute haben immer Angst, dass die Touristen wegbleiben.“
Sie waren zu Sina Dunkelsberger gefahren und diese war geschockt über die furchtbare Nachricht. Weinend hatte sie wieder und wieder Clemens die Schuld gegeben. Michael hatte einen Arzt gerufen, denn die junge Frau war vollkommen fertig mit den Nerven. Sie war zwei Tage zu einem Lehrgang gewesen und hatte keine Zeit gehabt, sich nach den Nachforschungen zu erkundigen. Ob Maja einen Liebhaber oder Ex-Freund hatte, konnten die Kommissare im Moment nicht fragen. Nachdem der Arzt Sina ein Beruhigungsmittel gespritzt hatte, verabschiedeten sich die beiden Männer und versprachen, am nächsten Tag wiederzukommen.
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