Kitabı oku: «Neues Vertrauen»

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Ute Dombrowski

Neues Vertrauen

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

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Neues Vertrauen

Ute Dombrowski

1. Auflage 2021

Copyright © 2021 Ute Dombrowski

Umschlag: Ute Dombrowski mit www.canva.com

Lektorat/Korrektorat: Julia Dillenberger-Ochs

Satz: Ute Dombrowski

Verlag: Ute Dombrowski Niedertiefenbach

Druck: epubli

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors und Selbstverlegers unzulässig.

Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

„Die Zeit geht aufrecht unter ihrer Last.“

William Shakespeare, Der Sturm, 5.Aufzug, 1. Szene, Prospero

„Ich wollte mich verabschieden. Es tut mir leid, dass ich dir so viel Stress gemacht habe.“

Robert richtete sich auf und lächelte, obwohl ihm das schwerfiel.

„Ach Susanne, einerseits kann ich dich verstehen, weil ich deine Geschichte kenne, andererseits bist du nun mal Polizistin und ein Vorbild. Weißt du, wenn wir schon nicht richtig handeln, wer dann?“

Susanne drehte sich um und ging zur Tür.

„Ich hätte mich besser im Griff haben müssen. Es ist passiert und ich kann es nicht rückgängig machen, aber es ist zu spät. Ich verspreche dir, dass ich mich in diesem Kaff am Rhein unter Kontrolle haben werde. Die Versetzung ist allemal besser als eine Entlassung.“

„Ich wünsche dir nur das Beste, nette Kollegen und einen guten Start. Im Rheingau soll es verdammt schön sein, vielleicht kommt Phillip doch noch mit.“

Susannes Gesicht verdüsterte sich und sie strich sich eine Haarsträhne, die sich aus dem dicken haselnussbraunen Zopf herausgeschummelt hatte, hinter das Ohr.

„Nein, er lehnt das kategorisch ab. Er bildet sich ein, dass eine Fernbeziehung ein spannendes Abenteuer ist. Mach‘s gut, vergiss mich nicht, Kollege.“

Susanne verließ das Polizeipräsidium und als sie sich nochmal umdrehte und ihren Blick an dem alten Haus entlangschweifen ließ, machte sich große Wehmut breit. Sie seufzte, sah hinter einigen Fenstern Kollegen stehen. Niemand winkte ihr, denn sie war zum schwarzen Schaf geworden. Sie, die einen fantastischen Weg beim Sondereinsatzkommando vor sich gehabt hätte, hatte sich ihr eigenes Grab geschaufelt. Selbst ihre Kollegin und Freundin Bärbel hatte ihr den Rücken zugekehrt, als sie vor einem halben Jahr in ihre Dienststelle zurückgekommen war. Niemand stand zu ihr, sollten doch die Kollegen ihre weiße Weste brav allein weiter bügeln.

Jetzt straffte sie sich und lief zu ihrem Kombi, der schon mit ihrem Hab und Gut gepackt war. Möbel wollte sie nicht mitnehmen, auch wenn ihre Mutter wochenlang mit Klebezetteln durch ihre Wohnung gelaufen war.

„Das sind Erbstücke, die musst du mitnehmen, sonst hast du gar keine Verbindung mehr zu deiner Heimat.“

„Mama!“, hatte Susanne gerufen. „Ich will nichts mitnehmen, sondern ganz neu beginnen. Alles Alte ist Ballast. Die Erinnerungen, die es wert sind und an denen mein Herz hängt, habe ich schon eingepackt. Stell dir den Rest in dein Haus, Platz genug ist ja.“

„Ach Kind, du bist dann so weit weg. Wer weiß, ob wir uns jemals wiedersehen.“

Susanne hatte mit den Augen gerollt und abgewinkt.

„Ach was, ich besuche dich und du kommst zu mir. Da soll es sehr schön sein. Rosenstadt und so.“

Ihre Mutter war mit hängenden Schultern heimgegangen und hatte dort geweint. Susannes Vater, der seit drei Jahren tot war, hätte sie in den Arm genommen.

„Lass sie, die Susi kriegt hier keinen Fuß mehr auf den Boden. Dort wird sie das alles vergessen können. Ich hätte nichts anders gemacht an ihrer Stelle.“

Gern hätte Susanne wenigstens ihre Mutter und Phillip hinter sich gewusst und konnte den Rücken gerade halten, auch wenn die Last auf ihren Schultern von Tag zu Tag gewachsen war, aber es war schwierig. Sie konnte nicht mehr rückgängig machen, was sie getan hatte, aber eine ganz tiefe, sanfte Stimme nahe ihrem Herzen hatte ihr immer wieder gesagt, dass es nötig gewesen war.

Sie startete den Wagen und ließ ihn vom Hof rollen. Plötzlich sah sie im Rückspiegel Bärbel winken. Sie stoppte am Tor.

Die ältere Polizistin kam an das Fenster auf der Fahrerseite und klopfte.

„Ich wollte noch auf Wiedersehen sagen und dir einen guten Neustart wünschen.“

„Danke, Bärbel. Halt die Ohren steif und lass dich nicht von den Kerlen ärgern.“

Sie sahen sich an und nickten sich zu. Susanne wollte in Frieden gehen und lächelte, aber in ihrem Herzen gab es einen Stich. Bärbel hatte sich offen gegen sie gestellt, da musste sie heute auch keine Freundschaft mehr heucheln. Jetzt ging Bärbel zurück und Susanne fuhr endgültig ab.

Die Autobahn war voll und Susanne kam ihrem neuen Leben nur langsam näher. Widerwillig hielt sie an einer Raststätte, weil sie auf die Toilette musste. Beim Hineingehen kam ihr ein junger Mann entgegen und musterte sie grinsend von oben bis unten. Als sie sich die Hände wusch, fiel ihr Blick in den Spiegel. Sie war zwar nicht mehr zwanzig, sah aber noch jung aus. Die Gene ihrer Mutter konnten ihre Haut immer noch faltenfrei und rosig halten. Um ihre sportliche Figur beneideten sie viele Frauen Mitte dreißig. Der Kampfsport und die viele Bewegung hatten drahtige Muskeln mit sich gebracht, aber trotzdem hatte sie schöne weibliche Formen. Sie lächelte sich zu, verließ die Raststätte und fuhr weiter, ohne auf die überteuerten Speisen zu achten.

Ab und zu regnete es, dann wieder blendete sie die Sonne und irgendwann fuhr sie hinter Wiesbaden ab. Es war dunkel und so sah sie nicht den Rhein, der neben der Bundesstraße breit und behäbig dahinfloss.

„Eltville“, murmelte sie und fuhr in den Ort. „Da werde ich also arbeiten.“

Sie suchte den Weg nach Erbach und fand dank ihres Navigationsgerätes die Ferienwohnung auf Anhieb. Ein Briefumschlag klebte an der Tür. Er enthielt den Schlüssel, denn Susanne hatte von unterwegs angerufen, dass sie wohl erst spät eintreffen würde.

Sie riss den Umschlag auf, nahm den Schlüssel heraus und öffnete die Tür. Es roch muffig, aber es war warm. Sowieso war die Luft hier ganz und gar nicht winterlich. Wenn sie daran dachte, wie ihr vor der Abfahrt in Potsdam der Ostwind um die Ohren gepfiffen hatte, dann fühlte sich das hier an wie Vorfrühling. Dabei war es eine Woche bis Weihnachten und sie hatte noch drei Tage Zeit, sich umzuschauen und dann die Dienst-Schnupperrunde anzutreten.

Erschöpft stellte sie sich unter die Dusche und fiel nach einer Banane und dem Rest aus ihrer Wasserflasche ins Bett, wo sie aber keinen Schlaf fand.

Tausend Fragen stolperten durch ihren Kopf: Wussten die Kollegen hier Bescheid? Waren die Menschen offen für Fremde oder sah man in ihr den dummen Ossi? Gab es spannende Fälle oder würde sie am Schreibtisch versauern? Würde sie je wieder Freunde finden? Wie sollte die Beziehung mit Phillip weitergehen?

Unruhig wälzte sie sich hin und her, stand nochmal auf, um auf die Toilette zu gehen und setzte sich dann auf die Bettkante. Da fiel ihr das Handy ein und sie suchte es in ihrer Handtasche.

Sie hasste diese Handtasche, die ihre Mutter ihr zum Abschied geschenkt hatte. Susannes hochgezogene Augenbrauen hatte die alte Frau einfach ausgeblendet.

„Nimm sie als ein Zeichen, dich mal ein bisschen damenhafter zu benehmen. Du musst Anschluss finden, sonst gehst du ein wie eine Primel.“

Auf dem Handy war eine Sprachnachricht: „Frau Wescham, ich bin es, Ferdinand Waldhöft, wenn Sie angekommen sind, melden Sie sich bitte bei mir, damit wir uns vorab zu einem Gespräch treffen können.“

Gespräch, dachte Susanne, der will mir Vorhaltungen machen, was ich hier alles nicht darf. Verärgert und mit einer guten Portion Angst im Gepäck warf sie das Handy in die Tasche und ließ sich zurück ins Bett fallen.

„Morgen werde ich ihn noch nicht anrufen. Übermorgen reicht. Erstmal ankommen, die Belehrungen werde ich noch früh genug hören.“

Phillip hatte sich nicht gemeldet. Der lebte wohl schon in seinem neuen Abenteuer Fernbeziehung. Sie schloss die Augen und versuchte sich ihren Freund vorzustellen. Sicher trank er gerade ein Bier und starrte auf eines seiner Bilder.

Er war einer von diesen alternativen Künstlern gewesen, als sie sich kennengelernt hatten. Heute war er Galerist und malte nur aus Spaß, wie er immer betonte. Sie hatte manchmal den Eindruck gehabt, er würde nur malen, um seine Zeit nicht mit ihr verbringen zu müssen. Das war nicht immer so gewesen. Am Anfang hatten sie sich wie verrückt geliebt. Nach den zwölf Jahren war die Luft raus. Es hatte nie für einen Heiratsantrag gereicht, denn Phillip wollte sich nicht den üblichen Konventionen unterwerfen und Susanne war auch nicht scharf drauf gewesen, eine verheiratete Frau zu sein.

Den ganzen Ärger hatten sie äußerst entspannt durchgestanden, denn Phillip hatte einfach keine Stellung bezogen.

„Ich urteile nicht über dich in deiner Arbeit, das machst du ja bei mir auch nicht.“

Er war jeden Abend in seinem Atelier verschwunden und am Anfang dachte sie, dass er nur nett war. Nach und nach kam Verbitterung in ihr auf, denn er machte sich nur aus dem Staub, ließ sie mit ihren Sorgen und Nöten allein. Darum hatte es sie auch nicht gewundert, dass er nicht mit nach Eltville kommen konnte und wollte.

„Sue, ich habe hier meine Welt, meine Kunst, meine Galerie, und das alles kann ich nicht einfach sein lassen, nur weil du Mist gemacht hast. Ich brauche meine Heimat wie die Luft zum Atmen und wie du deinen Job. Von mir aus hättest du auch kündigen können. Finanziell wäre das kein Problem, aber du musst ja unbedingt Bulle sein.“

Er hatte vorgeschlagen, dass sie allein geht und sie sich nur an den Wochenenden sehen. Seit sie die Strecke gefahren war, wusste sie, dass diese Beziehung zum Scheitern verurteilt war. Mit jedem Kilometer, den sie sich von der Heimat wegbewegte, entfernte sie sich auch von Phillip.

Endlich ließen sie die Gedanken los und sie fiel in einen tiefen traumlosen Schlaf.

2

Karin öffnete die Tür und Lia kam mit einem großen Lächeln herein. Sie schüttelte sich, zog ihre Jacke aus, und folgte der Kollegin ins Wohnzimmer, in dem es kuschelig warm war.

„Wie schön, dass es heute mal geklappt hat. Wie lange haben wir uns nicht mehr getroffen?“

Karin überlegte. Sie und Lia kannten sich seit acht Jahren und arbeiteten im selben Kindergarten. Lia war vierunddreißig und vor zehn Jahren war ihr ein Hirntumor entfernt worden. Seitdem ging es ihr meistens gut, doch ab und zu machten ihr Kopfschmerzen und Sehstörungen zu schaffen. Ihr Arzt hatte diagnostiziert, dass sie unter epileptischen Anfällen litt und führte das auf die Folgen der Chemotherapie zurück.

„Das ist bestimmt zwei Wochen her. Ich bin froh, dass du da bist. Wir müssen mal wieder richtig schön schwätzen.“

„Gibt es Neuigkeiten, von denen ich nichts weiß? Hast du jemanden kennengelernt?“

Lia, die eine ungewöhnlich große schlanke Frau war, setzte sich auf und legte die Unterarme auf die Knie. Dann schaute sie Karin mit großen blauen Augen erwartungsvoll an, doch die Freundin winkte ab.

„Wie kommst du denn darauf? Nein, ich habe beschlossen, keinen Mann mehr in mein Leben zu lassen. Die nehmen und nehmen immer nur, ich bräuchte aber mal einen, der auch gibt und mich nicht nur ausnutzt.“

„Ach, meine Liebe, ich würde dir einen netten Mann von Herzen gönnen!“

„Lass uns mal das Thema wechseln. Ich habe mir etwas überlegt und brauche deinen Rat.“

„Schieß los!“

„Mein Haus ist das Beste, was mir mein Ex überlassen hat, aber eigentlich ist es zu groß für mich allein. Manchmal fürchte ich mich, wenn ich in irgendwelchen Ecken Geräusche höre. Darum habe ich mich gefragt, ob ich nicht jemanden zur Untermiete aufnehme.“

„Ja! Ja, tu das! Das ist eine gute Idee!“

Lia hatte es sich auf der großen Couch bequem gemacht. Sie schlug sich auf die Knie der endlos langen Beine, drehte dann die schulterlangen blonden Haare zu einem Knoten zusammen und strahlte.

„Das ist super, hilft gegen Einsamkeit und Angst. Einen Mann oder eine Frau?“

„Wie meinst du?“

„Ob du lieber einen Mann oder eine Frau aufnehmen möchtest?“

„Ich dachte da an dich.“

Lia schwieg. Karin war ihre Freundin und sie mochte sie wirklich sehr, aber mit ihr zusam­menwohnen? Nein, das konnte sich Lia nicht vorstellen, denn Karin hatte ein ausgesprochenes Helfersyndrom. Sie würde Lia von morgens bis abends bemuttern und dann arbeiteten sie ja auch noch zusammen. Das würde nicht funktionieren, denn Karin würde sie mit ihrer Fürsorge erdrücken.

„An mich? Da fühle ich mich sehr geehrt, aber das ist nichts für mich. Ich brauche meine Freiheit, um mich auch mal zurückziehen zu können. Sei mir nicht böse, aber das geht nicht.“

„Warum denn nicht? Ich könnte mich um dich kümmern und wenn was ist …“

„Genau da ist der Haken. Versteh mich nicht falsch, ich mag dich sehr. Aber du sagst es: Du würdest dich kümmern und mich bemuttern und alles hinterfragen und so weiter. Ich will aber, dass du meine Freundin bist, nicht meine Mutter. Mit dir will ich Spaß haben, über andere Leute lästern, über Männer quatschen. Und ich will dir von meinen Sorgen und Nöten erzählen können, ohne dass du dich verpflichtet fühlst, mir zu helfen. Du würdest ständig fragen, wie es mir geht, ob ich was brauche … nein, Süße, das kann ich nicht. Ich bin froh, dass du mein Notfallkontakt bist und dass ich mit dir immer jemanden habe, den ich rufen kann, wenn es mir gesundheitlich schlechter geht, doch du würdest auch fragen und Angst um mich haben, wenn es mir gut geht.“

Sie sah die Enttäuschung in den Augen ihrer Freundin. Karin war in ihrer Euphorie ausgebremst worden und nun sackte sie in sich zusammen. Aber sie wusste genau, was Lia meinte. Schließlich kannten sie sich sehr gut. Sie wusste auch, dass Lia ihr Verhalten einschätzen konnte und mit ihren Worten hatte sie genau das geschildert, was sich Karin in ihrer Fantasie erträumt hatte. Sie wollte sich wieder nützlich fühlen. Traurig nickte sie.

„Ich weiß, was du meinst und bin dir nicht böse, wirklich. Ich hatte nur gehofft, mit einer bekannten Person zusammen zu wohnen.“

„Das ist doch auch eine Chance! Du lernst jemanden kennen und es ist eine neue Herausforderung. Ich helfe dir gerne, einen passenden Kandidaten auszusuchen.“

„Eine Kandidatin. Ein Mann kommt mir nicht ins Haus!“

Jetzt lachten beide befreit und Karin goss sich ein Glas Wein und Lia eine Cola ein. Die Freundin trank keinen Alkohol, weil sie Medikamente nahm, die mögliche Anfälle unterdrückten, und sie wollte nicht, dass Alkohol Einfluss darauf hatte. Dann prosteten sie sich zu.

„Auf eine neue Mitbewohnerin!“

„Auf eine neue Erfahrung!“

Eine Weile sprachen sie noch über die Vorstellungen, die sie von Karins neuem Leben hatten, dann gähnte Lia.

„Wie geht es dir denn?“, wollte Karin wissen. „Jetzt haben wir den ganzen Abend nur über mich geredet. Geht es dir gut?“

Lia winkte ab.

„Ja, mit den Medikamenten geht es mir gut, aber sie machen müde. Ich habe extra vorhin noch eine Stunde geschlafen.“

„Was sagt dein Arzt?“

„Dr. Miltzer ist zufrieden. Ich bin froh, ihn zu haben und diese engmaschige Kontrolle tut mir gut.“

„Ich frage mich echt manchmal, wie er das alles abrechnet. Gehst du nicht jede Woche hin?“

„Jeden Freitag. Er fragt, wie es mir geht, misst Blutdruck und wir reden. Keine Ahnung, wie er das abrechnet, kann mir ja auch egal sein.“

Karin lachte.

„Vielleicht ist er in dich verknallt.“

„Nein, auf keinen Fall. Er ist immer sehr streng und hat niemals irgendwas getan, das auf so etwas schließen lässt. Er ist halt schon sehr lange mein Arzt. Nach der Operation hatte er direkt die Nachsorge übernommen und es gibt niemanden, der sich so für mich und meinen Fall interessiert.“

„Keine Sorge, das war nur Spaß. Wie sieht er denn aus?“

„Groß, größer als ich, graue Augen, Dreitagebart, aber gepflegt, braune Haare. Ein Typ wie viele, und er ist sehr unterkühlt. Wer ihn nicht kennt wie ich, denkt, er ist arrogant. Aber das ist nur eine Hülle. Ich denke, er ist innen drin ein warmherziger Mensch.“

„Das ist doch gut. Und schön, dass du deinem Arzt vertrauen kannst. Das ist heutzutage nicht selbstverständlich. Denkst du manchmal, er will dich nur abzocken?“

„Nein, niemals. Er holt die Medikamente auch immer direkt in der Krankenhausapotheke, damit ich keine extra Wege habe, denn das Zeug ist teuer und man muss es eh bestellen.“

„Das ist aber wirklich nett von ihm.“

„Ja, leider kann das Medikament, das ich gut vertrage, nur noch mit Problemen geliefert werden. Engpass bei der Herstellung. Aber ich brauche es nun mal und es ist das einzige Medikament, das ich ohne größere Nebenwirkungen vertrage.“

„Aber es ist doch lebensnotwendig!“, rief Karin aufgebracht. „Das können die nicht machen!“

„Es ist nicht zu ändern, da gibt es noch mehr Medikamente, die nicht mehr hergestellt werden oder wo es schwierig ist, die zu bekommen.“

Karin schüttelte den Kopf und trank ihren Wein aus. Lia erhob sich und brachte ihr Glas und die leere Flasche in die Küche. Karin räumte rasch den Rest auf ein Tablett und folgte ihr.

„Mach dir keine Sorgen, Dr. Miltzer besorgt mir das schon, es ist ja nur die eine Sorte. Und wenn nicht, gibt es den Wirkstoff auch noch in anderen Pillen. Da muss ich halt mit Nebenwirkungen leben.“

Sie legte einen Arm um die Freundin. Karin lächelte, aber sie fand das immer noch schrecklich. Lia würde echt gesundheitliche Probleme bekommen, wenn sie die Medikamente nicht mehr hätte. Sie hatte ihr mal erzählt, dass ein kleiner Knoten zurückgeblieben war, der nicht entfernt werden konnte, weil er zu nah am Sehnerv lag. Die Gefahr zu erblinden wäre zu groß. Lia tat ihr zum einen leid, andererseits hatte sie einen riesigen Respekt davor, mit wie viel Ruhe sie alles ertrug.

Nun umarmten sie sich, Karin hatte ihrer Freundin ein Taxi gerufen und gab Lia ihre Jacke, als sie ein kurzes Hupen hörte. Die beiden verabschiedeten sich vor der Tür und Lia stieg ein. Karin ging zurück auf den Sessel und griff nach dem Block und dem Stift, die auf dem Tisch lagen. Sie wollte sich eine Anzeige für das WG-Zimmer überlegen und hoffte auf eine neue Mitbewohnerin.

„Wäre schön, wenn es schnell ginge … vielleicht bin ich zu Weihnachten nicht mehr allein.“

Dass es wirklich so schnell gehen würde, war unwahrscheinlich, denn es war nur noch eine Woche bis zu den Feiertagen, doch die Hoffnung durfte sie ja insgeheim trotzdem haben.

Der Mann, der in der Nähe des Hauses geparkt hatte, sah, wie die Tür aufging und Lia sich von ihrer Freundin verabschiedete. Er hörte ihr helles Lachen. Lia war ins Taxi gestiegen und er fuhr ihm hinterher.

„Gute Nacht, meine Schöne“, flüsterte er und lächelte.

3

Die erdrückende Trauer war einer dumpfen Verbitterung gewichen. Eric erledigte seinen Job routiniert, jedoch war er unerbittlich geworden, es gab keinen Raum mehr für Gnade. Sein Herz hatte sich in einen schwarzen Felsen verwandelt und pausenlos spürte er das düstere Gewicht der Schuld an Biancas Tod auf seinen Schultern. Tag für Tag sah er sich dort auf der Treppe stehen und der Schuss hallte als tausendfaches Echo in seinem Kopf wider. In diesem Moment, als Bianca starb, war auch ein Teil von ihm gestorben. Nie wieder, dachte er, nie wieder wird das Leben zu ertragen sein.

Simon, der ein Kollege gewesen war, ein Polizist, ein Profi am Computer, hatte sich als eiskalter Psychopath entpuppt. Er hatte Bianca getötet, um seinen Freund Pit zu rächen, weil sie diesen seelisch kaputten Mann verlassen hatte. Pit hatte viel Leid über andere Menschen gebracht, aber genau das hatte die beiden Jungen schon als Kinder vereint. Zwischen Pit und Simon hatte es in dem Kinderheim, in dem beide gelebt und gelitten hatten, eine enge Verbindung, eine Art Abhängigkeit gegeben, denn keiner der beiden konnte echte Freundschaft und Liebe empfinden. Kalt und empathielos hatten sie gelebt und in den Augen von Simon hatte Bianca Pits Leben zerstört, denn dieses eine Mal hatte Pit Gefühle für jemanden entwickelt.

Wegen Bianca war Pit am Boden zerstört gewesen, hatte eine Frau misshandelt und getötet, und wegen Bianca hatte die Rächerin ihn hingerichtet. All die Jahre, die er darauf verwendet hatte, Bianca zu finden und zu zerstören, war Simon ihr immer nähergekommen und niemand hatte verhindern können, dass er sein Werk vollendete.

Das hatte Cordelia, Psychologin und Freundin von Bianca, Eric immer wieder versucht zu sagen, nachdem sie gesehen hatte, wie beladen von Schuld die drei Männer waren: Eric, Ferdinand und Robin. Sie hatte den eigenen Schmerz über den Verlust ihrer Freundin weggeschoben, um ihnen zu helfen. Ferdinand und Robin konnte sie erreichen, doch Eric hatte sich verschlossen und ließ niemanden in seine Seele schauen. Er kam regelmäßig zum vereinbarten Termin, aber es gelang ihm nicht, das Unabwendbare anzuerkennen.

Jetzt stand der Staatsanwalt im Bad vor dem beschlagenen Spiegel und sah einen alten Mann ohne Energie, dessen sonst so wache, freundliche Augen die Lebensfreude verlassen hatte. Er lebte nicht mehr, er funktionierte, und alle machten sich Sorgen.

Eric schüttelte sich, kämmte sich die Haare und ging ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Seine Bett­seite war zerwühlt, aber die von Bianca war unberührt, denn er schaffte es nicht, sie zu benutzen, er rollte auch nicht zufällig im Schlaf hinüber, stets blieb er auf seiner Seite. Er nahm sich vor, Cordelia zu fragen, was das bedeutete. Konnte er eine bestimmte Grenze nicht überschreiten?

Zu Biancas Beerdigung waren viele Menschen gekommen, sie hatten ihm tröstende Worte gesagt, doch sie waren nicht zu ihm durchgedrungen. Auch das Wissen, dass Simon ebenfalls tot war, hatte ihm keine Befriedigung gebracht, gerne hätte er ihn geschüttelt und gerufen: WARUM? Gerne hätte er ihn leiden sehen oder selbst getötet.

Irgendwann an diesem Tag im Frühling hatte ihn jemand aus dem Keller geführt und dann war er zusammengebrochen. Als er im Krankenhaus wieder aufwachte, war sein erster Gedanke: Ich bin schuldig!

Sie hatten ihn eine Weile mit Samthandschuhen angefasst, aber Cordelia erklärte, dass es besser war, ihn wieder am Alltag zu beteiligen. Also war Eric aufgestanden und zur Arbeit gegangen, so wie die anderen auch. Das Leben ging weiter, und bei diesem Satz, den er öfter hörte, wurde ihm speiübel. Er wäre am liebsten auch gestorben. Doch so klar war er noch: Er wollte die schönen Erinnerungen an Bianca aufrechterhalten und das ging nur, wenn er lebte. Er pflegte ihr Grab, saß jeden Tag auf dem Friedhof, so, wie es Bianca immer bei Michael getan hatte.

Dass sie ihm nicht antwortete, konnte nur eines bedeuten: Auch Bianca gab ihm die Schuld, denn er hatte sie direkt in Simons Arme geschickt. Wenn …. Wenn … ja, wenn er doch anders gehandelt hätte.

Eric trank eine Tasse Kaffee, aß eine Scheibe Toast mit Marmelade und dachte mit Grauen an die bevorstehende Weihnachtszeit. Er würde sich zuhause verbarrikadieren und sinnlos betrinken, denn Weihnachten ohne Bianca überstehen zu müssen, hielt er für eine Folter.

Jetzt zog er die Tür hinter sich zu und fuhr ins Büro. Am Nachmittag hatte er einen Gerichtstermin, wofür er nochmals die Akten durchging. Vor Biancas Tod hatte er immer noch geprüft, wie er einen Täter oder eine Täterin auf den richtigen Weg bringen konnte und ob er oder sie vielleicht einen Grund für die Tat hatte. Nicht, dass er ihn nicht strafen wollte, aber mit Bianca hatte er gelernt, nicht nur schwarz und weiß zu sehen, sondern auch die Zwischentöne. Mancher Täter hatte ein durchaus nachvollziehbares Motiv, doch wählte er dann den falschen Weg.

Heute war es anders: Jemand, der etwas falsch gemacht hatte, musste bestraft werden. Er dachte nur in diese eine Richtung und setzte oft die Höchststrafe an.

Das Telefon klingelte und der Oberstaatsanwalt rief ihn zu sich. Eric seufzte und erhob sich. Nach seinem schwachen Klopfen und einem energischen „Herein!“ sah er sich einem Mann gegenüber, der ihn mit durchdringendem Blick musterte.

„Wie geht es Ihnen jetzt mit dem Verlust Ihrer Freundin?“, fiel der Oberstaatsanwalt direkt mit der Tür ins Haus.

„Gut, es geht mir gut“, log Eric mit einem verrutschten Lächeln.

„Das glaube ich Ihnen eher weniger. Mir ist zu Ohren gekommen … ach was, man redet über Sie, dass Sie sich nicht im Griff hätten. Das betrifft unter anderem auch die Forderungen nach der Höchststrafe in den Verhandlungen. Wo ist Ihre Umsicht geblieben?“

„Die Menschen waren allesamt schuldig und hart zu bestrafen.“

„So, wie Sie sich bestrafen möchten?“

Eric schwieg und hielt dem scharfen Blick seines Vorgesetzten stand.

„Herr Ströckwitz, bitte sprechen Sie weiter mit Ihrer Psychologin. Sie müssen wieder festen Boden unter den Füßen kriegen, sonst kann ich Ihnen keinen Fall mehr anvertrauen. Bisher haben Sie auch die verzwicktesten Fälle mit Bravour gemeistert, auch wenn wir hin und wieder nicht einer Meinung waren. Aber es ist wichtig, dass Sie wieder ein Gespür für unser Rechtssystem bekommen. Das war es dann, gehen Sie an die Arbeit.“

Eric schwieg weiter und verließ das Büro. Er verstand alles, was der Oberstaatsanwalt gesagt hatte, doch er konnte nicht anders reagieren. Wenn er nicht Simon geschickt hätte, um Bianca abzuholen, würde sie jetzt noch leben. Er trug die Schuld und er hätte genauer hinsehen müssen. Seine Antennen hatten versagt. Er hatte jemandem vertraut, der ein Profi der Täuschung war. Und wer sagte ihm denn, dass die Angeklagten vor Gericht nicht auch logen und betrogen, wenn Sie Reue zeigten oder jammerten? Darum wollte er lieber hart sein, denn wenn diese Leute schnell wieder auf freiem Fuß waren, würden sie neues Unheil stiften. Das galt es zu verhindern und darum würde er am Nachmittag auch wieder die Höchststrafe fordern. Ein Mann hatte seine Frau die Treppe hinuntergestoßen, weil sie im Streit zugegeben hatte, dass sein Kind doch nicht SEIN Kind war. Der Täter hatte an den vorangegangenen Tagen der Verhandlung immer geweint und seine Tat bereut.

Aber war er ehrlich oder war das nur Show, um das Strafmaß zu senken? Hatte ihm sein Anwalt dazu geraten, um Staatsanwaltschaft und Richter milde zu stimmen? Eric wusste nur eines: Der Mann hatte seine Frau getötet und dafür musste er bestraft werden.

Mit Schwung schob er die Akte beiseite und rieb sich die Hände. Dann griff er zum Telefon und rief Ferdinand an.

„Hallo, hat sich die Neue schon gemeldet?“

„Hallo Eric, nein, sie ist doch erst angereist. Übermorgen soll sie anfangen. Ich habe sie gebeten, sich zu melden, sowie sie da ist, denn ich möchte vorher mit ihr reden.“

Eric bedankte sich und legte auf. Diese Susanne Wescham aus Potsdam sollte Biancas Platz einnehmen.

„Pfff“, murmelte Eric, „das wird ihr nicht gelingen. Und schon gar nicht mit dieser Vorgeschichte. Niemals wird sie Bianca ersetzen können.“

Was hatten sich die Leute da oben nur dabei gedacht, eine strafversetzte Polizistin herzuholen, damit sie an Biancas Stelle hier ermittelte? Robin war befördert worden und hatte in den letzten Monaten oft mit Hannes zusammengearbeitet, doch wie immer war Hannes nur ausgeliehen. Die Entscheidung, einen Ersatz für Bianca zu finden, hatten alle endlos vor sich hergeschoben, doch nun war es soweit. Die Neue würde kommen, in Biancas Büro arbeiten, auf Biancas Platz sitzen, Biancas Computer bedienen und mit Robin zusammen Fälle lösen.

Eric legte die Hände vor sein Gesicht. Er war erschöpft und traurig.

4

Susanne hatte ihre erste Nacht in Eltville verbracht und doch noch erstaunlich gut geschlafen. Nach dem Aufwachen wollte sie mit Phillip telefonieren, hatte es aber gelassen. Der hat mit mir abgeschlossen und es sich in seinem neuen Leben schon eingerichtet, dachte sie missmutig. Es wurde Zeit, dass auch sie eine Entscheidung traf.

Sie hatte sich keinen Wecker gestellt, obwohl es ungewohnt war, an einem Dienstag auszuschlafen. Einen Moment war sie in Versuchung, Ferdinand Waldhöft doch schon anzurufen, aber dann winkte sie ab und sprang aus dem Bett. Sie würde sich Eltville anschauen, gut essen, eine Weile am Rhein sitzen und sehen, wohin der Tag sie brachte. Susanne ging ins Bad, duschte und zog sich warm an. Dann machte sie sich auf den Weg in die Altstadt, um einen Kaffee und etwas zum Essen zu finden.

Als sie in einer gemütlichen Bäckerei saß, eine dampfende Tasse Milchkaffee und zwei belegte Brötchen samt Frühstücksei vor sich hatte, ging ihr ein Gedanke durch den Kopf: Vielleicht war es wirklich Zeit für eine Veränderung gewesen und dieser Neuanfang war eine Chance. Jetzt müsste sie nur noch eine Wohnung finden, damit sie sich ein Nest bauen konnte. Sie nahm sich auch vor, nach dem Frühstück mit Phillip reinen Tisch zu machen. Sie war nicht geschaffen für eine Fernbeziehung. Punkt.

Draußen hasteten die Menschen vorbei, die ihre Weihnachtseinkäufe erledigten. Eine Frau Mitte dreißig betrat die Bäckerei und sprach mit der Verkäuferin. Diese nickte und die Frau entnahm ihrer Tasche ein laminiertes Blatt und eine rolle Klebestreifen. Sie kam auf Susannes Tisch zu.

„Guten Morgen, Entschuldigung, darf ich mal etwas ans Fenster kleben?“

Susanne grüßte und rutschte ein Stück zur Seite.

„Was ist das?“

Die Frau setzte sich kurz und schnitt vier Klebestreifen ab, die sie an die Tischkante klebte.

„Mein Ex-Mann hat mir das Haus gelassen, aber für mich allein ist es zu groß. Ich fürchte mich sogar manchmal. Es ist hier in der Nähe, ein altes Fachwerkhaus, und das knarzt oft in der Nacht. Darum habe ich mich entschlossen, eine Wohngemeinschaft zu gründen. Ich habe eine Wohnungsanzeige formuliert und hoffe, dass sich schnell jemand findet.“

Susanne nickte wie hypnotisiert und ihr Herz klopfte. Sie biss sich auf die Unterlippe und dachte nach. Wäre eine Wohngemeinschaft nicht genau das Richtige? Sie wäre nicht allein und hätte jemanden zum Reden.

„Moment“, sagte sie und zog die Anzeige zu sich herüber.

Das Haus hatte sieben Zimmer, die Frau bot zwei – ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer – zur Miete an. Die Küche, ein großes Wohnzimmer und das Bad würde man sich teilen, im Obergeschoss gab es eine weitere kleine Toilette. Die Miete war erschwinglich und die Lage perfekt.

„Vielleicht müssen Sie nicht mehr suchen.“

Die Frau runzelte die Stirn.

„Wie? Was?“

„Ich bin Susanne Wescham aus Potsdam, gestern angereist, um am Donnerstag meine neue Stelle bei der Polizei hier in Eltville anzutreten. Ich bin erstmal in eine Ferienwohnung gezogen, aber auf Dauer stelle ich mir das blöd vor. Darf ich mir Ihr Haus mal ansehen?“

Die Frau strahlte über ihr sanftes Gesicht.

„Wow, dass sich so schnell jemand meldet, hätte ich nicht gedacht. Ich bin Karin Borkenbach, Erzieherin in der Kita.“

Sie streckte die Hand über den Tisch und Susanne schlug ein. Die Kommissarin bezahlte und zusammen verließen sie die Bäckerei. Susanne folgte Karin um zwei Ecken und dann standen sie vor einem wunderschönen Fachwerkhaus, dessen weiße Gefache zwi­schen den dunklen Balken strahlten. Eine späte Rose blühte an der Hauswand.

„Rosen gibt es hier überall, nicht umsonst sind wir eine Rosenstadt. Bitte!“

Karin hatte aufgeschlossen und die beiden betraten das Haus. Im Untergeschoss gab es eine große Wohnküche, ein riesiges Wohnzimmer, das Bad, eine Abstellkammer und zwei kleinere Zimmer, die bis auf ein paar Schränke leer waren.

„Ich hätte diese beiden Räume gern als Kinderzimmer eingerichtet, aber dann musste sich mein Mann eine Jüngere suchen. Jetzt gehen wir nach oben.“

Susanne folgte ihr die enge Treppe hinauf. Dort öffnete Karin die erste Tür links, die den Blick auf ein helles, geräumiges Zimmer freigab.

„Hier könnte das Wohnzimmer sein mit Platz für einen Schreibtisch und eine Couch und so weiter, wenn Sie sich mal zurückziehen wollen. Man muss ja in einer WG nicht ständig aufeinander hocken. Und hier nebenan könnte das Schlafzimmer sein, mit zwei Zimmern ist das nicht so hotelmäßig. Und wir sind auch keine jungen Studentinnen mehr, nicht wahr?“

Susanne nickte lachend.

„Ich bin sechsunddreißig.“

„Ich zwei Jahre älter. Das würde schon mal gut passen.“

Karin zeigte Susanne noch zwei kleine Zimmer, in denen sie Sachen abgestellt hatte. Das war wirklich mehr Platz für eine Person als nötig. Jetzt schwieg sie und starrte Susanne gespannt an.

Nachdenklich trat die Kommissarin im kleinen Schlafzimmer ans Fenster. Endlich drehte sie sich um.

„Wenn Sie nicht weitersuchen wollen, würde ich gern hier einziehen. Ich bin ganz allein und kenne niemanden. Und irgendwie sind Sie mir echt sympathisch. Ist mein Job ein Problem? Ich arbeite bei der Mordkommission.“

„Uh“, sagte Karin, „das ist doch spannend, da können Sie mir immer live von den Fällen berichten. Ich würde mich freuen, wenn Sie hier einziehen. Müssen Sie nochmal drüber schlafen?“

Susanne schüttelte den Kopf.

„Na dann, ich habe unten einen Mietvertrag. Passt die Miete?“

„Natürlich. Und als Beamte kommt auch der Lohn immer pünktlich, also wird das keine Probleme geben.“

Sie hielt Karin die Hand entgegen und die schlug ein.

„Ich bin Susanne.“

„Ich bin Karin.“

Sie gingen nach unten, wo Susanne den Mietvertrag unterschrieb. Dann umarmten sich die beiden Frauen und es fühlte sich an, als hätten sie einen Pakt geschlossen. Susanne war nicht mehr allein und Karin hatte eine kleine Nebeneinnahme und Gesellschaft in dem großen Haus. Die frisch gebackene Vermieterin holte eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank und schenkte zwei Gläser ein.

„Oh Mann, das wird lustig“, sagte Susanne, „wenn man hier schon zum Frühstück Sekt trinkt, werden wir viel Spaß haben. Danke, dass ich hier wohnen darf.“

„Prost. Wir trinken ja nicht jeden Morgen.“

Die beiden lachten und es fühlte sich gut an. Dann verabschiedete sich Susanne.

„Ich muss auch noch in die Kita. Wir können uns heute zum Abendessen treffen und alles weitere bereden. Einverstanden?“

„Gern, dann komme ich wieder hierher. Ansonsten finde ich mich noch nicht so gut zurecht. Bis später.“

Karin gab ihr einen Schlüssel, danach hüpfte Susanne fröhlich die Treppe hinunter und lief durch die Altstadt. Sie fühlte sich immer besser. Plötzlich endete die Straße und gab den Blick auf den Rhein frei. Susanne hatte in Potsdam auch viel Wasser um sich herum gehabt, aber der Rhein, breit und erhaben, machte großen Eindruck, wie er so dahinfloss. Es war kühl, aber Susanne setzte sich auf eine Bank und ließ sich den Wind um die Nase wehen. Sie zog die Kapuze enger und schloss die Augen.

„Willkommen, neues Leben.“

Entschlossen nahm sie ihr Handy und wählte Phillips Nummer. Eine Frauenstimme meldete sich.

„Huhu, Philli“, quiekte sie, „deine Susi ist dran.“

Susanne schwieg atemlos, bis Phillip endlich mit ihr sprach.

„Was soll das?“, fauchte sie in den Hörer. „Du blöder Arsch hast dir gleich eine neue Tussi ins Haus geholt oder was war das eben?“

„Du warst nie eine Tussi, Schatz, und das war eben eine nette Kollegin, ein Modell für die Kunst, also keine Panik.“

„Ja, klar. Und morgen ist Ostern. Aber ich will dir eines sagen: Ich bin hier angekommen und es geht mir gut. Ich habe eine Wohnung gefunden und werde übermorgen anfangen zu arbeiten.“

„Das ist doch schön. Willst du mich zu Weihnachten besuchen?“

„Nein, das will ich nicht. Ich denke, wir sollten uns trennen. Du kannst gern weiter mit deinen Modell-Häschen spielen und ich baue mir eine Zukunft auf. Ohne dich und deinen Egoismus.“

„Ach ja, ich bin egoistisch? Ich habe keine Scheiße gebaut und musste wegziehen, also halte mal schön den Ball flach. Wochenlang, monatelang habe ich deinen Stress ertragen und mich um dich gekümmert. Du bist undankbar und das nenne ich egoistisch.“

„Du hast dich um mich gekümmert? Wann denn? Du bist mir aus dem Weg gegangen und hast mich ignoriert, sonst hättest du ja Rückgrat haben und Stellung beziehen müssen.“

„Für mich ist dieses Gespräch jetzt beendet. Ruf wieder an, wenn du dich beruhigt hast.“

Phillip hatte einfach aufgelegt. Susanne sprang auf und wollte wütend das Handy in den Rhein werfen. Im letzten Moment griff eine Hand nach ihrem Arm.

„Nanana, das Handy kann nichts dafür.“

Susanne drehte sich um und sah in leuchtend blaue Augen, blonde Locken umrahmten das freundliche Gesicht. Der Mann passte eher nach Hawaii als in das winterliche Eltville. Er trug Jeans und einen dunkelgrünen Winterparka.

Sie wollte sich bedanken, aber der Mann war mit schnellen Schritten weitergegangen, weg von der Altstadt. Susanne atmete tief durch und bedankte sich innerlich, denn ohne Handy wäre sie wirklich aufgeschmissen gewesen, zumal sie sich auch noch bei ihrem Chef melden musste. Sie verfluchte Phillip und lief zu ihrer Ferienwohnung, um Pläne zu machen, was sie für ihre neue Wohnung bräuchte.

„Ich werde so schnell es geht umziehen, dann bin ich Weihnachten nicht allein.“

5

Lia lag im Bett und wollte gerade aufstehen, als plötzliche Kopfschmerzen sie zurück ins Kissen sinken ließen. Ihr war gestern Abend schon nicht sehr wohl gewesen, aber sie hatte es auf das Wetter geschoben. In letzter Zeit waren die Anfälle häufiger gekommen, dabei hatte ihr Arzt nichts einzuwenden gehabt, dass sie über Weihnachten und Neujahr zu ihrer Schwester nach Italien fahren wollte.

„Oh Mann“, stöhnte sie.

Sie wollte ausschlafen, dann eine Fahrkarte kaufen und sich zum Kaffee mit Karin treffen. Seit heute hatte sie Urlaub. Am Schrank stand der halb gepackte Koffer. Die Kinder hatten ihr gestern alle noch ein selbstgemaltes Bild geschenkt. Jetzt versuchte Lia sich aufzusetzen, doch der Schmerz pochte hinter ihrer Stirn und alles drehte sich vor ihren Augen. Die Aura aus Regenbogenfarben, die sich vor ihrem linken Auge aufbaute, war immer ein Zeichen, dass ein großer Anfall bevorstand. Der Lichtkreis wurde größer und intensiver, breitete sich über das gesamte Sichtfeld auf der linken Seite aus. Nervös tastete sie nach ihrem Handy.

Bei Karin nahm niemand ab. Sie war auf der Arbeit und hatte ihr Handy sicher nicht eingeschaltet. Wo lagen die Tabletten? Im Bad. Dorthin zu gehen wäre jetzt viel zu gefährlich, denn bei einem Anfall konnte sie jederzeit krampfend zusammenbrechen. Angst breitete sich in ihrem Körper aus, doch sie zwang sich, ruhig zu bleiben. Sie lauschte ihren Atemzügen, die gleichmäßig waren. Ihr Herz klopfte schnell.

Lia schickte Karin eine Sprachnachricht, dann legte sie das Handy weg und schloss die Augen in der Hoffnung, der Anfall möge schnell vorübergehen. So heftig war es lange nicht mehr gewesen. Einen Moment später drehte sich alles, der Schmerz im Kopf hielt an und jetzt verhärtete sich ihr Nacken. Die Panik wollte sich ihren Weg suchen, aber sie kämpfte dagegen an.

Endlich klingelte das Telefon und Karin war dran.

„Lia! Was ist los? Ich habe Bescheid gesagt und bin gleich bei dir. Halte durch! Soll ich den Arzt rufen?“

„Nein“, murmelte Lia. „Danke, dass du kommst.“

Dann legte sie auf und lag weiter ganz still. Karin hatte einen Schlüssel und stand zwanzig Minuten später im Schlafzimmer. Sie setzte sich zu Lia ans Bett.

„Der Anfall ist vorbei, aber ich bin sehr schwach und müde. Das war dieses Mal total anstrengend. Schön, dass du hier bist.“

„Mach die Augen zu und ruh dich aus. Brauchst du etwas?“

„Die Tabletten aus dem Bad.“

Karin lief hinaus und kam mit einer Schachtel zurück, in der mehrere Medikamente standen. Lia zeigte auf eine blaue Dose mit weißem Deckel. Karin holte ein Glas Wasser aus der Küche und hielt den Kopf ihrer Freundin, während sie zwei kleine weiße Pillen schluckte. Dann sank Lia zurück ins Kissen und atmete tief ein und aus.

Karin drehte die Pillen-Dose in den Händen hin und her.

„Sind das die Dinger, die es nicht mehr gibt?“

„Nein, nein, mach dir keine Gedanken, der Doc besorgt sie mir schon. Jetzt ist mir besser, ich schlafe ein bisschen. Kannst du hierbleiben? Tut mir leid, dass wir nicht Kaffee trinken können.“

Karin strich ihr über das Haar und rückte die Decke zurecht, dann setzte sie sich in den Sessel ans Fenster und wachte über Lias Schlaf. Ihre Gedanken gingen spazieren. Wie es wohl werden würde mit der neuen Mitbewohnerin? Hatte sie sich vorschnell entschieden? Aber sie hatte ein gutes Gefühl gehabt und diese Susanne war ihr auf Anhieb sympathisch gewesen.

Karins Blick fiel auf die Medikamente. Sie nahm sie vom Nachttisch zu sich und stellte die einzelnen Dosen und Packungen auf das Fensterbrett. Es gab etwas gegen Durchfall, auch Hustentropfen erkannte sie, dazu Ibuprofen, was wohl jeder in seiner Hausapotheke hatte. Die Pillen, die gegen Lias Anfälle helfen sollten, waren in den blauen Dosen. Es befand sich keine Beschriftung darauf und Karin schüttelte den Kopf.

„Wenn das nicht von einem Arzt käme, würde man denken, das ist irgendetwas Illegales. Mir würde das Angst machen, unbeschriftete Pillen zu schlucken. Gott sei Dank helfen die.“

Oder auch nicht? Eigentlich hatte Lia erklärt, dass diese Medikamente den Anfällen vorbeugen sollten. Und dann schluckte Lia sie nach einem Anfall? Das war unlogisch. Karin nahm sich vor, der Sache auf den Grund zu gehen, aber so, dass es Lia nicht mitbekam. Sie wollte ihr keine Angst machen und ihr Verhältnis zum Arzt sollte nicht erschüttert werden. Wenn man so krank war wie die Freundin, dann war das Vertrauen zum Arzt sehr wichtig. Und Lia vertraute Dr. Miltzer total. Aber Karin glaubte immer noch, dass der Arzt Lia besonders gut behandelte, weil er in sie verknallt war.

Kein Wunder, dachte sie, Lia ist ja auch eine ganz besondere Frau. Sie hatten sich sofort gemocht und Karin wusste beim ersten Gespräch, dass sie Freundinnen werden würden. Als sie erfuhr, wie krank Lia war und ist, kümmerte sie sich öfter und sehr gern um sie. Sie hatten ausgemacht, dass Karin im Notfall der Ansprechpartner ist.

„Ob der Arzt wirklich so unspektakulär aussieht, wie Lia immer sagt?“

Sie nahm ihr Handy und gab seinen Namen in die Suchmaschine ein. Es ploppten einige Beiträge auf, aber nirgends gab es ein Bild von Dr. Gero Miltzer, nicht mal auf der Homepage seiner Praxis. Karin seufzte.

„Schade, ich hätte ihn mir gern angesehen.“

Zwei Stunden später bewegte sich Lia und hob den Kopf.

„He! Danke, dass du noch da bist.“

Karin setzte sich wieder ans Bett ihrer Freundin.

„Wie geht es dir jetzt?“

„Wie lange habe ich geschlafen?“

„Über zwei Stunden. Magst du etwas essen oder trinken?“

„Ich möchte aufstehen und aufs Klo. Dann sehen wir weiter.“

Lia kam vorsichtig hoch und um sie herum blieb alles ruhig. Sie setzte sich hin, schwang die endlos langen Beine aus dem Bett und hielt sich beim Aufstehen an Karin fest. Dann stand sie aufrecht, wackelte ein paarmal mit dem Kopf und nickte.

„Es ist wieder gut. Kam doch nicht so heftig, wie ich dachte.“

Lia ging ins Bad und Karin in die Küche, wo sie zwei Scheiben Toast in den Toaster schob. Dann stellte sie Butter und Marmelade auf den Tisch und nahm Teller und Messer aus dem Schrank. Als Lia, noch im Nachthemd, in die Küche kam, lächelte sie.

„Ach Karin, wenn ich dich nicht hätte. Danke für deine Hilfe.“

Sie aßen und tranken Tee, dann grinste Karin.

„Ich wollte mit dir Kaffee trinken, weil ich eine Neuigkeit habe.“

Lia war ganz Ohr.

„Ich habe gestern bereits eine Mitbewohnerin gefunden.“

Jetzt berichtete Karin ausführlich und sah dabei die Freude in Lias Augen.

„Das ist toll! Siehst du, und so schnell!“

„Das dachte ich auch, aber es war wie Schicksal, dass Susanne beim Bäcker saß, ausgerechnet dort, wo ich die Anzeige aufhängen wollte. Wir sind uns rasch einig geworden.“

„Wann lerne ich sie mal kennen? Wann zieht sie ein?“

„Ich habe ihr einen Schlüssel gegeben. Sie fängt morgen an zu arbeiten, aber ich denke, du bist schnell wieder so fit, dass du zu mir kommen kannst, oder? Dann stelle ich sie dir vor und wir essen etwas Kleines zusammen.“

„Gerne, Karin, ich bin so stolz auf dich. Siehst du, wie du dein Leben selbst in die Hand nehmen kannst?“

Karins Blick wurde bei Lias Worten weich.

„Wenn du mir nicht ständig Dampf gemacht hättest, würde ich immer noch in der großen Hütte sitzen und Trübsal blasen. Aber jetzt denke ich, dieser Mann hatte mich einfach nicht verdient und ich bin besser dran ohne ihn. Ich habe einen tollen Job, die beste Freundin der Welt und auch noch eine interessante Mitbewohnerin.“

„So seid ihr Weihnachten nicht allein.“

Lia wurde mit einem Mal sehr traurig.

„In diesem Zustand kann ich unmöglich so weit reisen.“

Tränen traten ihr in die Augen und Karin legte ihr eine Hand auf den Arm.

„Meinst du? Du hattest dich doch so gefreut.“

„Ich muss morgen Dr. Miltzer fragen. Aber es nützt ja nichts, wenn ich auf der langen Fahrt einen Anfall bekomme.“

„Wenn das nicht klappt, dann feiern wir Weihnachten gemeinsam.“

„Danke, das ist lieb. Aber vielleicht erlaubt er mir ja auch zu fahren.“

„Ich drücke dir die Daumen.“

Die beiden saßen bis zum Abend zusammen. Karin hatte mit Susanne telefoniert und machte sich dann auf den Weg nach Hause, wo die neue Mitbewohnerin schon wartete.

6

Ferdinand war verärgert, weil sich Susanne Wescham noch nicht bei ihm gemeldet hatte. Er saß am Schreibtisch, trommelte nervös mit den Fingern auf die Tischplatte und überlegte, ob er ihr eine weitere Nachricht schicken sollte.

Jetzt hob er den Kopf, weil es klopfte. Eine Frau Mitte dreißig, deren braune Haare in einem dicken Zopf über ihre rechte Schulter fielen, sah ihn ernst an und trat ein. Ihre vollen Lippen hatte sie aufeinandergepresst und eine merkwürdige Unruhe ging von ihr aus.

„Susanne Wescham, die Neue.“

Ferdinand winkte sie zu sich. Auch er schaute ernst, denn er war misstrauisch, nachdem er mit ihrem ehemaligen Vorgesetzten geredet hatte.

„Ferdinand Waldhöft. Ich hatte sie früher erwartet.“

Es sollte nicht vorwurfsvoll klingen, doch Ferdinand hatte den Tonfall nicht getroffen, sodass sich Susannes Blick direkt verdüsterte.

„Na, jetzt sind Sie ja da“, versuchte er mit einem Lächeln das Gesagte milder klingen zu lassen. „Setzen Sie sich!“

Susanne nahm vor dem Schreibtisch Platz. Ihr neuer Chef musste Mitte vierzig sein. Das dunkle Haar war kurz geschnitten, erste graue Strähnen fanden sich an den Schläfen und seine grauen Augen strahlten eine gewisse Wärme aus. Sie musterten sich einen Moment, dann begann Ferdinand.

„Herzlich willkommen in Eltville, ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise.“

„Ja, danke, es lief gut. Ich habe sogar schon eine Wohnung, das war purer Zufall und darum konnte ich mich auch nicht früher melden.“

„Sie brauchen keine Ausrede …“

„Das ist keine, so etwas habe ich nicht nötig. Ich wollte erstmal ankommen. Schließlich wurde mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt.“

„Woran Sie nicht ganz schuldlos sind. So war das auch nicht gemeint. Ich hatte nur gehofft, dass ich Ihnen alles in Ruhe zeigen kann und ich dachte, dass Sie vielleicht noch Hilfe brauchen.“

Susanne war immer noch angespannt.

„Wenn Sie mir die Sache, wegen der ich hierher versetzt wurde, jeden Tag vorwerfen, hänge ich den Job an den Nagel. Das wollte ich Ihnen nur sagen. Ich möchte einen Neuanfang, der auch wirklich so gemeint ist.“

Ferdinand musste grinsen. Diese Frau war aus gutem Grund versetzt worden, sie hatte Glück, dass sie nicht aus dem Dienst entlassen worden war. Und nun saß sie hier und ging direkt in die Offensive.

„Ich habe nicht vor, Ihnen Steine in den Weg zu legen oder ständig auf der Sache herumzureiten. Als Vorgesetzter möchte ich aber schon über meine Mitarbeiter informiert sein. Ansonsten müssen wir kein Wort darüber verlieren, wenn ich Sie mit den Kollegen bekanntmache. Einzig der Staatsanwalt und ich kennen Ihre Vorgeschichte. Was immer Sie auch von uns denken, Tratschtanten sind wir nicht. Ich hoffe, Sie haben sich im Griff und machen bei uns gute Arbeit.“

Susanne kam ein winziges Lächeln über die Lippen. Erleichtert atmete sie auf.

„Sorry, ich dachte wirklich, dass ich sofort in Ungnade falle.“

„Ach was, jeder hat eine zweite Chance verdient. Sind Sie verheiratet?“

„Nein, ich habe … hatte einen Freund. Aber das ist vorbei.“

„Also totaler Neustart. Na dann!“

Ferdinand stand auf und gab ihr die Hand. Susanne hatte einen festen Griff, was ihm imponierte und er hoffte, dass solch ein Vorfall wie in ihrem alten Leben der Vergangenheit angehören würde. Obwohl sie anstelle von Bianca nun mit Robin die Fälle lösen sollte, hatte er Angst, dass sie seinen Vorstellungen nicht entsprach. Sie würde Bianca niemals ersetzen können und obwohl er wusste, dass er so nicht ur­teilen sollte, konnte er nicht anders, als die beiden Frauen miteinander zu vergleichen.

Bianca hatte immer etwas gehabt, was er bei keinem anderen Menschen je gespürt hatte. Ob das mit Robin gutgehen würde? Der Kollege hatte den Täter erschossen und das machte ihm heute noch zu schaffen. Einerseits wusste er, dass es richtig gewesen war, aber dann kamen die Zweifel, denn es war für ihn das erste Mal gewesen, dass er jemanden getötet hatte. Zusätzlich machte er sich Vorwürfe, dass er den Tod von Bianca nicht verhindern konnte.

„Kommen Sie, ich stelle Ihnen den Mann vor, mit dem Sie in Zukunft zusammenarbeiten müssen … dürfen.“

Er ging voraus und öffnete eine Tür im Erdgeschoss. Sie traten ein und am Schreibtisch hob ein junger Mann den Kopf, der ihr bekannt vorkam.

„Ah! Die wütende Frau.“

Ferdinand runzelte die Stirn. Was wusste denn Robin von der Sache? Das war doch alles geheim geblieben.

Robin kam zu ihnen und begrüßte Susanne mit einem Handschlag.

„Ich bin Robin Hinschler. Ursprünglich aus Brandenburg. Da habe ich ja das richtige Handy vor dem Ertrinken im Rhein gerettet.“

„Danke nochmal. Ja, ich war ein bisschen sauer. Ich bin Susanne Wescham aus Potsdam. Schön, einen Landsmann zu sehen.“

„Könnt ihr mich aufklären?“

„Sie wollte ihr Handy in den Rhein werfen und ich habe es gerettet.“

„Warum das denn?“

Die beiden Männer sahen Susanne an.

„Ich hatte ein sehr unerfreuliches Gespräch mit meinem Freund beziehungsweise Ex-Freund. Er ist der Meinung, dass er mich nicht hierher begleiten müsste und als ich ihn auf dem Handy angerufen habe, war eine Frau dran. Und wenn es Ihnen nichts ausmacht, möchte ich das Thema jetzt beenden.“

„Gut“, sagte Ferdinand, „dann lasse ich Sie mal bei Robin. Machen Sie sich bekannt. Wir sehen uns morgen früh um acht zur Einarbeitung, und ich hoffe, Sie haben schon Zeit. Der richtige Vertrag läuft dann zum fünften Januar.“

Ferdinand ging raus und atmete durch. Würde es Schwierigkeiten geben oder konnten die beiden gut miteinander?

Im Büro bot Robin Susanne einen Kaffee an. Sie nickte und zog den zweiten Schreibtischstuhl unter dem Tisch hervor. Als sie Robins Blick sah, zögerte sie.

„Ist das IHR Platz gewesen?“

„Ja, aber kein Problem. Wir sagen hier übrigens du, wenn …“

„Susanne.“

„Gut, ich bin Robin. Kommst du direkt aus Potsdam?“

„Ja, ich habe in Potsdam-West gewohnt.“

„Darf ich fragen, was dich hierher verschlägt?“

Anscheinend hatte Ferdinand Wort gehalten und niemandem etwas erzählt.

„Ich brauchte einen Neustart.“

„Kenne ich“, sagte Robin und stellte eine Tasse Kaffee vor Susanne ab. „Ich bin damals vor meiner Ex geflohen. Sie hat mich nach der Trennung gestalkt. Wie geht es dir?“

Susanne seufzte und nippte am Kaffee. Schon immer trank sie ihn schwarz, doch jetzt schien auch dabei eine Veränderung gut zu sein.

„Hast du Milch?“

„Oh, entschuldige.“

Robin sprang auf und holte Milch aus dem Kühlschrank.

„Danke. Mein Ex-Freund ist Künstler und Galerist. Er meinte, er könne sich nicht neu orientieren. Darum hat er eine Fernbeziehung vorgeschlagen, aber irgendwie fühlte es sich an, als wolle er mich nur loswerden. Am Telefon zeigte sich dann, dass ich richtig liege.“

„Ging echt eine andere Frau ans Handy? Da würde ich auch ausflippen.“

Sie nickten sich zu, tranken Kaffee und Robin erzählte von seiner Anfangszeit in Eltville. Im Gegenzug erzählte Susanne ihm von ihrer neuen Wohnung und wie sie sie gefunden hatte.

„Wenn du Hilfe brauchst, sag Bescheid. Eric hat mir damals seine Wohnung überlassen, als er zu Bianca gezogen ist. Sie haben mir auch beim Umzug geholfen.“

„Mal sehen. Wie war sie denn?“

„Wer?“

„Diese Bianca.“

„Sie war“, sagte Robin mit einem traurigen Lächeln, „etwas ganz Besonderes. Sie hatte ein Gespür für ihre Arbeit und war eine tolle Freundin.“

Susanne schluckte. Sie hatte Angst, den Ansprüchen der Menschen hier nicht gerecht werden zu können.

7

Auf ihrem Platz im Büro stand ein Blumenstrauß. Susanne war früh gekommen, um allein zu sein und sich auf den ersten Arbeitstag einzustellen. Sie war sowieso ein Morgenmensch, konnte bei Bedarf aber auch mal eine Nacht durchmachen.

Der gestrige Abend hatte mit fröhlichem Gelächter geendet. Sie hatte mit ihrer neuen Vermieterin und deren Freundin Lia zusammengesessen und den Einzug geplant. Für die erste Zeit reichten die Möbel, die vorhanden waren, später konnte Susanne immer noch neue kaufen. Viel wichtiger war die Tatsache, dass sich die Kommissarin wohl fühlte in der Gesellschaft der beiden herzensguten Frauen. Sie hatten gemeinsam gekocht und gegessen. Lia war groß, wunderschön, und sie war unvoreingenommen auf sie zu gekommen. Nach dem netten Abend hatte sie sehr gut geschlafen, auch wenn sie noch in die Ferienwohnung zurückgekehrt war.

„Morgen Abend komme ich mit meinem Zeug und dann bleibe ich. Danke, Karin, danke, dass du dieses Haus hast, dass du mir begegnet bist, dass ich hier wohnen darf. Es fühlt sich gleich nicht mehr so fremd und einsam an.“

Nach dem Aufstehen und einer Dusche war sie losgefahren, um die Einarbeitungszeit anzugehen. Sie freute sich, aber die Angst und der Respekt vor der toten Kommissarin saßen ihr lauernd im Genick. War Robin nur nett gewesen, weil er den ersten guten Eindruck nicht zerstören wollte? Nein, dachte sie, so eine Menschenkenntnis habe ich schon, ihm zu vertrauen, dass er es ehrlich meinte. Waren die Blumen von ihm?

Sie fuhr den Computer hoch und nahm den Briefumschlag, den sie auf ihrem Platz gefunden hatte. Er enthielt ihre Schlüssel, ihren Dienstausweis und das Passwort für den Computer. Sie gab die Kombination ein und zuckte zusammen, als eine Frau und ein Mann sie fröhlich anstrahlten. Hinter ihnen war der Rhein zu sehen und im Moment, in dem das Foto aufgenommen wurde, fuhr ein riesiges Schiff flussabwärts hinter den beiden vorbei.

Susanne war blass geworden. Das musste sie sein: Bianca. Der Mann an ihrer Seite war sicher Eric, ihr Freund und der schöne Staatsanwalt, den sie noch nicht persönlich getroffen hatte. Er sah ein wenig arrogant aus, aber Bianca strahlte etwas aus, das sofort ihr Herz erwärmte. Susanne wusste, dass die Frau im Dienst erschossen wurde, aber Genaueres hatte man ihr nicht gesagt. Susanne fuhr mit dem Zeigefinger über das schöne Gesicht.

„Jemanden wie dich kann man nicht ersetzen.“

„Nein, das kann man wirklich nicht.“

Erschrocken drehte sich die Kommissarin um. Sie hatte Robin nicht gehört, doch jetzt stand er hinter ihr und legte ihr kurz eine Hand auf die Schulter. Su­sanne biss sich auf die Unterlippe.

„Entschuldige, ich wollte nicht …“

Robin setzte sich ihr gegenüber hin und nickte freundlich.

„Ich weiß, sorry, dass ich nicht daran gedacht habe, den Hintergrund zu ändern. Irgendwie konnte ich den Computer nicht einschalten.“

„Sie war eine von den Guten, das spürt man immer noch. Es tut mir leid, dass sie tot ist. Und es tut mir leid, dass ich mich so albern benehme. Es ist, als wäre sie hier und würde von mir verlangen, dass ich in ihre Fußstapfen trete. Aber das kann ich nicht.“

„Nein, nein, das sollst du auch nicht. Aber du hast recht: Niemand kann sie ersetzen. Miss dich nicht an ihr, sei einfach du selbst. Du wirst sicher nichts falsch machen.“

Susanne lachte verbittert.

„Ich habe schon so viel falsch gemacht, dass es für zwei Leben reicht. Also habe ich die Hoffnung, dass es hier besser läuft.“

„Du wurdest strafversetzt. Mehr weiß ich nicht, aber es ist auch nicht wichtig. Wir sind jetzt Partner und werden uns kennenlernen. Ich zeige dir jeden Tag meine zauberhafte Seite und du mir deine.“

Das Lachen, das über seine sanften Lippen kam und in den blauen Augen blitzte, war ehrlich und offen und so langsam fiel die Angst von Susanne ab.

„Und wenn du irgendwann mal erzählen möchtest, was passiert ist, dann reden wir. Aber du musst nicht, okay?“

„Einverstanden, danke. Du scheinst ganz nett zu sein.“

„Uh, nett. Das lassen wir mal so stehen. Komm, ich zeige dir alles.“

Sie liefen durch das Haus, rauf und runter, von links nach rechts und als Susanne im Keller auf eine Tür zuging, wurde Robin still und zögerte.

„Das ist nur … das ist der Raum der Computer-Leute. Dort hat …“

Susanne sah, dass Robin um Fassung rang und wollte ihn nicht in Verlegenheit bringen, darum winkte sie ab.

„Ich weiß, wie Computer aussehen. Keller mag ich nicht, lass uns wieder nach oben gehen. Was liegt denn heute an?“

Robin war erleichtert, dass er Simons altes Büro nicht betreten musste. Er war immer mal wieder hier unten gewesen, aber hineingehen konnte er nicht. Der neue Kollege war jung, dünn, glatzköpfig und blass, eben ein echter Nerd, der aber gerne nach oben zu den anderen kam und seine Arbeit ruhig und bescheiden erledigte.

Wieder im Büro erklärte Robin die Arbeitsabläufe, die sich nicht sehr von denen in Potsdam unterschieden. Dann klopfte es und Ferdinand kam, um sie nun offiziell zu begrüßen. Hinter ihm betrat ein gutaussehender blonder Mann im Anzug den Raum und sah sie düster an. Als sein Blick auf den Bildschirm des Computers fiel, zuckte er unmerklich zusammen, ging aber auf Susanne zu und gab ihr die Hand.

„Willkommen in Eltville. Ich bin Eric Ströckwitz, der Staatsanwalt. Ich hoffe, Sie haben einen guten Start im schönen Rheingau.“

Er lächelte, aber seine blauen Augen blieben voller Trauer. So, wie er direkt vor ihr stand, schien Eric nicht mehr arrogant zu sein, nein, er schien nur ernst und verschlossen. Sicher hatte der Tod seiner Freundin sein Herz versteinert. Susanne konnte es verstehen, aber sie ahnte auch, dass sie die Mauer, die fast sichtbar war, nicht durchbrechen würde. Nicht jetzt und auch später nicht. Sie fühlte die Distanz und war froh, als der Mann den Raum wieder verließ.

„Was habt ihr geplant?“, fragte Ferdinand.

„Ich denke, wir fahren mal ein bisschen herum und ich zeige der Kollegin die Stadt. Ist ja nicht viel los heute.“

„Gut, meldet euch, wenn ihr wieder zurück seid. Und Ihnen einen guten Start.“

Susanne nickte und folgte Robin fünf Minuten später zum Auto. Sie stiegen ein und eroberten Eltville auf vier Rädern. Ab und zu hielten sie an und Robin erklärte. Drei Stunden später machten sie Pause.

„Es ist wirklich schön hier“, sagte Susanne, nachdem sie sich in einem Café eine heiße Schokolade bestellt hatte. „Ich hatte Bilder im Kopf von alten Leuten, Spießerleben und so. Aber nachdem ich Karin und Lia getroffen hatte, musste ich mein Bild von Eltville schon mal revidieren. Wo wohnst du? Auch hier?“

„Ja, Eric und ich wohnen im selben Haus. Früher haben wir viel zusammen unternommen, aber jetzt hockt er ewig im Büro und zuhause schläft er nur. Die Geselligkeit fehlt mir.“

„Als ich gestern mit meiner Vermieterin und ihrer Freundin zusammensaß, habe ich gespürt, wie wichtig es ist, jemanden zu haben. Und wenn es nur zum Reden ist. Ich weiß nicht, ob ihr mich in eurem Kreis haben wollt.“

„Schauen wir mal, ich freue mich, dass du nicht allein herumhockst. Wir werden sehen, wie sich alles entwickelt. Mach dich nicht verrückt wegen Eric, er wird zwar nie wieder so sein wie früher, aber irgendwann taut er auf.“

„Danke für deine offene Aufnahme, jetzt geht es mir schon viel besser. Nachher im Büro möchte ich das Hintergrundbild ändern, wenn ich darf.“

Robin nickte. Es war soweit: Eine Neue nahm Biancas Platz ein.

8

Zwei Tage später fühlte sich Susanne schon viel besser. Robin war immer noch nett und seine Offenheit machte es ihr leicht, auf ihrer neuen Arbeitsstelle anzukommen. Der Krankenstand war hoch und so sprangen sie für ein paar Kollegen ein. Sie hatten zwei Einsätze gehabt, bei denen die Kommissarin sich im Hintergrund hielt. Robin schlichtete sachlich und souverän einen Streit unter Nachbarn, der eskaliert war, und beendete eine handgreifliche Auseinandersetzung am Rheinufer.

Heute früh waren sie gemeinsam zu einem Einbruch zu einer Tankstelle in einen Nachbarort aufgebrochen. Susanne wollte eigentlich nur zusehen, aber dann überließ ihr Robin die Befragung des Geschädigten.

„Können Sie uns die Aufnahmen der Kamera zeigen?“

Der behäbige Mann schlurfte in das Hinterzimmer und Susanne folgte ihm. In der stickigen Kammer wurde ihr übel, aber sie hielt die Luft an und öffnete eigenständig das Fenster. Dann setzte sie sich an den Computer und sah sich die Überwachungsaufnahmen an. Zwei maskierte Menschen, allem Anschein nach Männer, hatten auf der Rückseite ein Fenster ein­geschlagen und bedienten sich an den Regalen, als wäre Schlussverkauf.

„Es ist Samstag, war gestern Abend nicht eigentlich viel los? Und haben Sie nicht rund um die Uhr geöffnet?“

„Wo kommen Sie denn her? Hier ist die Tanke nicht der Mittelpunkt des Lebens, ich schließe um zwanzig Uhr. Darum habe ich erst heute früh gesehen, was los ist.“

„Ich komme aus einer Gegend, da ging es in den Tankstellen immer hoch her, besonders an einem Freitagabend. Es sollte auch kein Vorwurf sein“, entschuldigte sich Susanne, um nicht gleich bei der ersten Befragung unangenehm aufzufallen.

„Haben Sie etwas gehört heute Nacht? Sie wohnen doch nebenan“, ertönte Robins Stimme hinter ihr.

„Ich schlafe wie ein Stein, da höre ich gar nichts.“

Robin sah sich auch nochmal die Aufnahmen der Kamera an, aber es war wenig aufschlussreich, denn die Qualität der Bilder war schlecht.

„Zwei Männer, eher jung, denn sie bewegen sich zügig.“

„Ja, das denke ich auch. Und sie haben die Kameras gesehen.“

Robin sah Susanne an. Er nickte, die Frau wusste, was sie tat. Nun, er hatte es ja auch nicht mit einer Anfängerin zu tun, sondern mit einer gestandenen Polizistin. Anscheinend hatte sie etwas Schlimmes angestellt, sonst hätte man sie nicht versetzt, aber vielleicht würde sie ihm eines Tages davon erzählen. Er fühlte einen Draht zu ihr und wenn es weiter so gut lief, könnten sie gute Partner und Freunde werden.

„Du hast recht, die Gesichter sind nicht zu erkennen und auch sonst nichts, was uns einen Hinweis auf die Täter gibt.“

Er sah den Tankstellenbetreiber an.

„Es tut mir leid, aber das wird dauern.“

„Den Kram, den die mitgenommen haben, kann ich eh abschreiben. Was für eine Scheiße so kurz vor Weihnachten. Aber ja, die werden sowieso nicht gefasst. Die Polizei ist bei solchen Fällen total unfähig.“

„Ähm …“, sagte Susanne mit grollendem Unterton, aber Robin schüttelte den Kopf.

„Wir tun, was wir können. Wenn ich etwas weiß, melde ich mich. Kommst du, Kollegin?“

Sie verließen die Tankstelle und machten sich auf den Weg in die Altstadt, um eine Kleinigkeit zu essen.

Beim Kaffee fragte Robin: „Sag mal, du hast ihn angesehen, als würdest du ihm eine reinhauen wollen.“

„Nein, das wollte ich nicht.“

Robin grinste.

„Vielleicht ein bisschen“, gab Susanne vor. „Aber sieh es doch mal so: Die Einbrecher sind dreist und trotzdem meckert der Typ zuerst über die Polizei. Ich habe das manchmal so satt. Ich weiß, dass ich immer höflich und sachlich sein muss, aber ich bin nun mal kein nettes Mädchen. Trotzdem danke.“

„Wofür?“

„Dass du mich zurückgehalten hast.“

„Hätte er seine Tankstelle besser gesichert, wäre es nicht passiert, aber er weiß auch, dass wir die Täter nicht kriegen und bekommt den Kram zum Teil von der Versicherung ersetzt. Der Fall kommt zu den Akten und gut ist es. Viele Leute schimpfen über die Polizei, das darf man nicht so an sich heranlassen. Sie schimpfen auch über Lehrer, Politiker, Ärzte. Wenn die sich alle rechtfertigen müssten …“

„Dann wären vielleicht nicht so viele Blindgänger dabei. Okay, es wird immer Leute geben, die Fehler machen … eine sitzt vor dir. Aber dieses generelle Abstrafen finde ich ungerecht.“

„Das sag nicht unserem Staatsanwalt. Der ist einer von den ganz Harten, seit Bianca nicht mehr da ist, kennt der kein Grau mehr, nur noch Schwarz und Weiß.“

Susanne hätte gern gefragt, wie alles geschehen war, aber sie wollte Robin nicht zu nahe treten. Sie dachte: Ich muss ihn erst ein bisschen besser kennenlernen und dann frage ich ihn einfach.

Als sie am Abend nach Hause kam, traf sie auf Karin, die in der Küche rumorte.

„Nanu? Wolltest du nicht mit Lia ausgehen?“

„Ja, eigentlich schon, doch es geht Lia nicht so gut heute. Sie schläft lieber.“

Susanne setzte sich an den Küchentisch, nachdem sie sich einen Becher Joghurt aus dem Kühlschrank genommen hatte.

„Was ist mit ihr? Ist sie erkältet oder ist ihr etwas auf den Magen geschlagen?“

Karin drehte sich zu ihr um und sah sorgenvoll aus. Sie hatten bei ihrem letzten Treffen nicht über die Krankheit geredet, denn Lia wollte Susanne nicht direkt am ersten Abend erschrecken.

„Lia ist sehr krank. Sie hatte einen Hirntumor, der herausoperiert wurde, aber ein kleiner Rest ist geblieben und macht immer mal wieder Schwierigkeiten. So leidet sie an epileptischen Anfällen und heute ist schon wieder solch ein Tag. Und das, obwohl sie Medikamente bekommt, die die Anfälle verhindern sollen.“

Es war aus Karin herausgesprudelt wie Sommerregen, denn nachdem sich Lia heute erneut wegen eines Anfalles ins Bett legen musste, kam ihr die Therapie immer mysteriöser vor. Lia hatte versprochen, mit dem Arzt über die Medikation zu reden. Karin hatte gedroht mitzukommen und dem „Quacksalber“ mal die Meinung zu geigen. Das wollte Lia auf keinen Fall, denn sie hielt ihren Arzt ja für ausgezeichnet.

„Vielleicht hat es mit dem Wetter zu tun, dass ich im Moment mehr reagiere“, hatte sie gesagt.

Karin machte sich ernsthaft Sorgen, dass die Freundin nicht in so guten Händen war wie angenommen. Sollte sie Susanne davon erzählen?

„Oh, das wusste ich nicht“, hörte sie jetzt die Stimme der Kommissarin. „Wenn sie doch ein Mittel gegen das Auftreten von Anfällen nimmt, sollte es auch wirken, oder?“

Karin legte das Handtuch weg und setzte sich zu Susanne.

„Weißt du, Lia ist seit einer Ewigkeit bei diesem Arzt, sie ist dort schon zur Nachsorge nach der Operation gewesen. Aber die Tablettendosen haben keinen Aufkleber und der Arzt besorgt ihr das Mittel direkt in der Praxis. Ich finde das merkwürdig. Zumal es für das Zeug gerade einen Lieferengpass gibt. Es ist das Einzige, was Lia ohne Nebenwirkungen verträgt.“

„Wenn es nicht hilft, sollte Lia ein anderes Medikament bekommen. So sehe ich das, aber ich kenne mich nicht damit aus. Vielleicht gibt es wirklich Faktoren, die die Wirkung beeinträchtigen.“

„Lia denkt, es liegt am Wetter. Ich erinnere mich, dass sie schon öfter Phasen hatte, in denen sie mehr Anfälle bekam, aber weißt du, es ist so traurig: Sie wollte über Weihnachten und den Jahreswechsel nach Italien fahren und ihre Schwester besuchen. Nun wird das wohl nichts.“

„Dann kannst du doch mit ihr feiern!“

„Wir drei können das machen. Oder willst du zu deinen Eltern fahren?“

„Nein. Was ist mit deiner Familie?“

„Ich bin hier allein. Also ist das jetzt ein Plan? Wir drei schönen Frauen unter dem Weihnachtsbaum?“

„Du besorgst den Baum, ich das Essen!“

Die beiden lächelten sich an und waren sich einig. Das würde ein schönes Fest werden. Susanne ging ins Bett und freute sich: neue Freunde, neues Leben, kein Stress, also nur entspannte Weihnachtstage. Zufrieden schlief sie ein.

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Yaş sınırı:
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Hacim:
220 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783753190556
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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