Kitabı oku: «Reiten ohne Gebiss»

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ZUR AUTORIN


Ute Lehmann ist seit 1996 vollberuflich als Reitercoach und Pferdetrainerin tätig. Seit 1998 lebt und arbeitet sie in Dänemark. Ihr Fokus liegt darauf, einen freundlichen und gelassenen Umgang zwischen Mensch und Pferd zu fördern und mithilfe von durchdachter Vorbereitung Konflikte zu vermeiden oder zu lösen. Zusammen mit ihren eigenen Pferden arbeitet sie in den Bereichen der akademischen Dressur, mit Garrocha, Agility, Trail und Freiheitsdressur.

Utes Motto: Der Schlüssel zur erfolgreichen Ausbildung liegt in der Achtung vor dem Schüler.

REITEN OHNE GEBISS

Haftungsausschluss

Autorin und Verlag haben den Inhalt dieses Buches mit großer Sorgfalt und nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Für eventuelle Schäden an Mensch und Tier, die als Folge von Handlungen und/oder gefassten Beschlüssen aufgrund der gegebenen Informationen entstehen, kann dennoch keine Haftung übernommen werden.

Copyright © 2015 by Crystal Verlag, Wentorf

Gestaltung und Satz: Crystal Design, Wentorf

Titelfoto: Dagmar Heller

Fotos im Innenteil: Dagmar Heller, wenn nicht separat benannt

Zeichnungen im Innenteil: Susanne Retsch-Amschler

Lektorat: Alessandra Kreibaum

Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten.

Abdruck oder Speicherung in elektronischen Medien nur nach vorheriger schriftlicher

Genehmigung durch den Verlag.

ISBN: 978-3-95847-005-7

REITEN
OHNE GEBISS

Die große Freiheit?

UTE LEHMANN


Vorwort
Die große Freiheit
Aus Tradition
Das neue Wissen
Das Für und Wider
Möglichkeiten schaffen
Eine Bereicherung
Über den Tellerrand geschaut
Was bedeutet „pferdefreundlich“?
Was wählt das Pferd?
Achtung – Fallgrube!
Missverständnisse und Fakten
Der Fressreflex
Der Kontrollverlust
Wenn eine weiche Zäumung nicht funktioniert, gebrauche eine schärfere
Trainieren ohne Schmerzen
Wichtige Aspekte der Anatomie des Pferdekopfes
Gesichtsnerven
Gesichtsmuskeln
Knochen und Bindegewebe, Gelenke
Maul
Zähne
Sicheres Anpassen der Ausrüstung
Tipps und Daumenregeln
Gebräuchliche Zäumung
Verschiedene Wirkungsweisen
Mit Hebel- oder Flaschenzugeffekt
Direkte Übertragung des Zügelsignals
Mechanische Hackamore
Glücksrad, Blümchen, Flower
Merothisches Reithalfter/Bitless Bridle
Cavemore
Schnur- oder Knotenhalfter/Natural Hackamore
Bändele (Rai-Reiten)
Sidepull/Lindel
Kappzaum (Caveçon, Serreta, Pluvinel, englischer Kappzaum)
Bosal (Kalifornische Hackamore)
Kolumbianisches Bosal


Wo und wie wirken gebisslose Zäumungen?

Vorwort


Mit diesem Buch möchte ich gern alle Pferdefreunde unterstützen, die in ihrem Trainingsbereich nach neuen Möglichkeiten suchen.

Zu der Frage, ob mit oder ohne Gebiss geritten werden soll oder kann, gibt es einen großen Diskussionsbedarf, und ich möchte hier auf sachlicher Ebene zu dieser Diskussion beitragen. Mir ist es dabei ein besonderes Anliegen, Möglichkeiten anzubieten und Alternativen aufzuzeigen. Denn häufig ist ein Grund für die Unzufriedenheit der Mangel an Alternativen.

Ich glaube nicht, dass es uns dient, die „anderen“ zu beschimpfen und uns selbst auf die Schulter zu klopfen. Zu viel (Selbst-)Bestätigung kann mitunter auch zu einer Stagnation führen, einem Sich-nicht-Weiterentwickeln. Nur mit Verständnis gegenüber den Einsichten und Überzeugungen anderer können wir alle Alternativen sehen und uns verändern, wenn wir dafür bereit sind. Den anderen erleichtert diese Haltung, sich nicht ständig schützen oder Widerstand leisten zu müssen.

Viele Alternativen in unserer Trainings- und Kommunikationswerkzeugkiste zu sammeln ist sehr wichtig. Denn:

Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, für den sieht jedes Problem wie ein Nagel aus.

Abraham Harold Maslow (1908−1970)

Eines der Probleme in der Diskussion über das Reiten mit oder ohne Gebiss ist die sogenannte falsche Dichotomie. Dabei wird eine Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten als Notwendigkeit dargestellt, obwohl weitere Entscheidungsmöglichkeiten existieren. Ein paar kleine Beispiele dafür:

Person A zu Person B: „Dir gefällt es nicht, dass ich meine Pferde in der Box halte? Dann findest du es wohl in Ordnung, wenn Pferde auf sumpfigen Koppeln bis zum Bauch im Matsch stehen und dort, im kalten Wind frierend, verhungern müssen?“ Person C zu Person D: „Du findest es nicht richtig, dass ich mein Pferd mit Gebiss reite? Dann bist du wohl eine von diesen Hippiereiterinnen, die mit ihren Pferden nur gebisslos herumjuxen und sie damit kaputtreiten?“

Person E zu Person F: „Du magst meine gebisslose Zäumung nicht und reitest mit Gebiss? Dann zerrst du wohl die ganze Zeit deinem Pferd im Maul sägend den Kopf hinter die Senkrechte, sodass das Pferd weder atmen noch sehen kann?“

Diese unangemessenen Reaktionen zeugen von wenig hinterfragtem Wissen und hinterlassen den Betroffenen perplex. Es wird in diesem Fall kein Weg zur Verständigung gebahnt und der Graben zwischen den Fronten wird tiefer. Hintergrundwissen und Fakten sind nicht die einzigen Kriterien – wir können aber keine sachlichen Diskussionen führen, wenn wir keine fundierten Informationen haben.

Die Informationen und das fachliche Hintergrundwissen, das ich in diesem Buch mit den Lesern teilen möchte, basieren sowohl auf unzähligen individuellen Erfahrungen mit Pferden und deren Menschen als auch auf zahlreichen Kursen und Fortbildungen in allen Bereichen der Haltung und des Trainings von Pferden.

Im Lauf der letzten 20 Jahre, in meiner Tätigkeit als Vollzeittrainerin und Instrukteurin, habe ich jeden Tag etwas Neues gelernt. Einen kleinen Teil davon möchte ich hier wiedergeben.

Mit Respekt Ute Lehmann

Der Schlüssel zu jeder Form von Ausbildung liegt im Respekt vor dem Schüler.

Dies gilt sowohl für zwei- als auch für vierbeinige Schüler.

Ralph Waldo Emerson

Die grosse Freiheit


Für viele Reiter symbolisiert das Reiten ohne Gebiss mehr Freiheit − ein Loslassen von Kontrolle und Zwang. Die Traumvorstellung von einem entspannten Galopp über Wiesen und Felder oder am Strand entlang am losen Zügel beinhaltet oft auch das Idealbild, mit so wenig Ausrüstung wie möglich reiten zu können − vielleicht ganz ohne Sattel und Zaumzeug, auf jeden Fall ohne Gebiss.

https://www.youtube.com/watch?v=9TmValzoJwI

Gebisslos reiten macht Spaß und ist eine schöne Alternative für die meisten Pferde. Abwechslung im Training kann Pferd und Reiter mit neuen Herausforderungen wieder frische Energie geben. Oft erlebe ich, dass ein Wechsel der Ausrüstung das Pferd motiviert, wieder genauer hinzuhören, und den Reiter ermutigt, neue Wege auszuprobieren.

Schon lange hat auch mich diese Form des Reitens fasziniert. In besonderer Erinnerung steht ein Bild, das ich 1984 in einer Zeitschrift fand: Peter Kreinberg auf Indian Chief’s Smoke, einem seiner wunderbaren Araber-Pintos in wunderschöner Aufrichtung und Versammlung in einer kalifornischen Hackamore mit einer Mecate aus Pferdehaaren. Dieses Bild habe ich nie vergessen – es hing, aus einer Zeitschrift ausgeschnitten, jahrelang an meiner damaligen Teenager-Pinnwand.


Irish Cob Saphir mit Kim im See.

Aus Tradition


In vielen Arbeitsreitweisen werden die Pferde während der traditionellen Ausbildung teilweise gebisslos geritten. Vermutlich stammt dieses Wissen von wertvollen Erfahrungen: Man nutzt die Zäumungen, die in der Ausbildung am besten funktionieren. Das Gespür für das Pferd war sicherlich nicht bei allen traditionellen Trainern gleich gut ausgeprägt. Dennoch hat sich eine sinnvolle Tradition im Hinblick auf die gewählte Ausrüstung im Ausbildungsverlauf herausgebildet.

Interessant ist beispielsweise in der Vaquero-Tradition, dass hier die Zeit des Zahnwechsels berücksichtigt wird und die Pferde oft erst mit dreieinhalb Jahren angeritten werden. Gestartet wird mit einfachem Snaffle oder mit Wassertrense. Erst ein Jahr später, mit circa viereinhalb Jahren, wird auf die klassische Hackamore (Bosal plus Mecate) umgestellt − also erst, wenn die drei vorderen Backenzähne gewechselt sind (siehe Abschnitt „Zähne“, Seite 30 f.). Danach wird mithilfe des Bosals wieder zum Gebiss umgestellt − zur Kandare, die als Krönung am Schluss einhändig und am losen Zügel das Pferd formt.

Viele Westernreiter reiten junge Pferde mit Sidepull oder Bosal (siehe Seite 42 f.). Sie können ihre jungen Pferde (bis fünfjährig) auch auf dem Turnier im Bosal vorstellen.

Die traditionelle Ausbildung in Spanien beginnt mit der Serreta (siehe Seite 42) auf der Pferdenase – später dann in Kombination mit einer Kandare und zuletzt auf blanker Kandare. In Frankreich übernimmt das Caveçon eine ähnliche Aufgabe. Hier sieht man oft die Guardians, die Hirten der Camargue, mit Kandare und Caveçon reiten: Manchmal sind die Pferde mit einem stehenden Martingal am Caveçon ausgebunden, um zu verhindern, dass das Pferd bei schnellen Wendungen und hartem Zügelanzug den Kopf hochreißt.

Innerhalb der Rasse der Peruanischen Pasos und vieler anderer Gangpferde werden die Pferde erst mit vier Jahren gebisslos mit dem peruanischen oder kolumbianischen Bosal eingeritten. Die Bosalphase dauert circa ein Jahr, und danach wird umgestellt auf Kandare − erst mit vier Zügeln, zuletzt ohne Bosal.

Das neue Wissen


Viele moderne Trainer verwenden gebisslose Zäumungen in bestimmten Phasen der Ausbildung des jungen Pferdes. Und auch in den traditionellen Ställen ist das Longieren mit Kappzaum üblich. Teilweise wird der Kappzaum beim ersten Gewöhnen an das Reitergewicht eingesetzt.

Heute haben wir Zugang zu einem enormen Wissen um die vielen Vorgänge im Körper des Pferdes. Wir können röntgen, mit Ultraschall diagnostizieren, sezieren und obduzieren. Wir präparieren ganze Skelette, prüfen und überwachen Organfunktionen, definieren und studieren Epiphysenfugen und stellen erstaunt fest, dass die weichen Knorpel in der Wirbelsäule des Pferdes doch erst im Alter von fünf bis sechs Jahren vollständig stabil verknöchert sind. Basierend auf diesen Untersuchungen wird es zum Beispiel heutzutage manchen Pferden zugestanden, erst körperlich fertig zu reifen, bevor sie ein Reitergewicht tragen müssen.

Aufgrund der vielen negativen Episoden der letzten Zeit − vom Missbrauch der traditionellen Ausrüstung bis hin zu grotesken Bildern von Pferden mit aus Sauerstoffmangel blau angelaufenen Zungen oder blutenden Mundwinkeln − gibt es einen weltweiten Boom hin zum gebisslosen Reiten. Viele Pferdebesitzer möchten sich gern, verständlicherweise, deutlich von jenen Schreckensszenarien distanzieren.

Auf vielen Ebenen wird dafür gekämpft, eine Zulassung für gebisslose Zäumungen auf nationalen und internationalen Turnieren durchzusetzen. In den Niederlanden ist dies seit April 2014 bereits erlaubt – hoffentlich folgen andere Länder bald diesem guten Beispiel!

Die Ablehnung dieser Zulassung durch die FEI ergibt keinen Sinn, haben doch einige sehr angesehene Dressur- und Springreiter schon gezeigt, dass es auch ohne Gebiss geht. Beispielsweise zeigen die französische Grand-Prix-Reiterin Alizée Froment auf dem Lusitanohengst Mistral du Coussoul und natürlich die deutsche Grand-Prix-Reiterin Uta Gräf mit ihrem Holsteiner Hengst Le Noir fantastische Präsentationen fehlerfreier Grand-Prix-Lektionen – ohne Gebiss.

Die wissenschaftlichen Studien von Andrew McLean (PhD Equine cognition and learning) zeigen, dass die Lernfähigkeit des Pferdes fällt, je höher sein Stressniveau ist. McLean beschreibt in vielen Studien und publizierten Artikeln, wie wichtig es ist, dass das Training stetig auf eine leichtere Hilfengebung hinzielt, um das Pferd zur Mitarbeit anzuregen und dafür zu belohnen.

Das neue Wissen kann so einen sinnvollen, pferdegerechten Zugang fördern – wenn wir es nutzen. Es ist von großer Bedeutung, dass wir mit Herz und Gefühl an die Sache herangehen − ohne die wissenschaftlichen Fakten aus den Augen zu verlieren. Für alle Pferdebesitzer, die ihre Freizeit harmonisch mit ihrem Pferd zusammen verbringen möchten, ist es wichtig, beständig Informationen einzuholen und bestehende Traditionen zu hinterfragen.

Das Für und Wider


Möglichkeiten schaffen

Meine Pferde gehen alle gebisslos in allen Gangarten auf dem Platz, im Wald und am Strand – manche auch ganz ohne Zäumung oder mit Halsring. Oft reite ich mit Schnurhalfter am losen Zügel – oder mit Kappzaum oder Cavamore, wenn ich Stellungs- und Biegungsarbeit machen möchte.

Alle meine Pferde können aber auch mit Gebiss geritten werden. Ich benutze jedoch konsequent keinen Nasenriemen in Kombination mit einem Gebiss, da mir damit unter anderem der Vorteil verloren ginge, dem Pferd volle Bewegungsfreiheit im Kiefergelenk zu ermöglichen. Eine Ausnahme ist die Ausbildungsphase, in der ich von Gebiss auf gebisslos (oder umgekehrt) umstelle, da ich hier ein Halfter oder einen Kappzaum zusammen mit dem Gebiss gebrauche.

Der Start mit einer gebisslosen Zäumung macht dem Pferd das Leben viel leichter – kennen doch alle Pferde die Signale des Stallhalfters. Eine Zäumung, die ähnliche Signale gibt wie das Halfter, ist daher ein wertvolles Werkzeug für das Einreiten von jungen Pferden. Diese müssen anfangs sehr viele Eindrücke verarbeiten. Daher ist es sinnvoll, das Gewöhnen an ein Gebiss nicht in der gleichen Trainingsperiode anzugehen.

Eine Bereicherung

Es ist toll, einen entspannten Ausritt – vielleicht mit Handpferd − zu machen, bei dem beide Pferde am Halfter laufen. Wir können Pause machen und die Pferde können Gras fressen, unterwegs ein paar wilde Hagebutten von den Sträuchern am Wegrand zupfen oder ein paar kleine Birkenzweige abbeißen. Auch das Trinken am See ist einfacher ohne Gebiss im Maul.

Die Pferde laufen am losen Zügel, in freier Kopf- und Halshaltung, und das Herz geht mir auf, wenn ich auf der langen abgemähten Waldwiese die Zügel von beiden Pferden vor mir auf den Sattel legen kann und beide weiter im ruhigen Galopp nebeneinanderher laufen.


Galopp mit Handpferd.

Zur Abwechslung im Training und natürlich auch, falls physisch bedingt ein Reiten mit Gebiss nicht infrage kommt (bei Zungen- oder Kieferverletzungen zum Beispiel), ist das gebisslose Reiten eine tolle Alternative. Ich denke, dass man ein Pferd durchaus sein Leben lang gesund gebisslos reiten kann, wenn man das möchte. Das setzt voraus, dass der Reiter mit viel Gefühl und Erfahrung und unter fachkundiger Anleitung eines erfahrenen Reitlehrers das Pferd in einer korrekten entspannten Haltung reiten kann. Das ist natürlich genauso der Fall beim Reiten mit Gebiss. Es gibt nur leider noch nicht so viele Reitlehrer, die den Schülern fachkundige Hilfestellung beim gebisslosen Reiten geben können.

Über den Tellerrand geschaut

Dem Pferd zuliebe ist es wichtig, dass wir uns offen und neugierig umsehen. Wir sollten anderen erzählen, wie und warum wir unsere Pferde reiten und ausbilden, ohne dass es darum geht, wer „recht hat“. Man muss nicht die anderen davon überzeugen, dass die eigene Reitweise die bessere ist. Es geht darum zu erklären, welche Besonderheiten die eigene Reitweise hat und warum sie diese hat. Und es geht auch darum, Gemeinsamkeiten zu entdecken und Mut zu machen, einmal etwas Neues auszuprobieren.

Was bedeutet „pferdefreundlich“?

„Pferdefreundliche Ausrüstung“ wird vielerorts angepriesen, und es scheint mir, dass dieser Trend eine Schattenseite haben könnte. Bei der Recherche für dieses Buch bin ich auf eine Unzahl von Produkten gestoßen, die mit Beschreibungen wie „Dein Pferd wird es dir danken“ oder „Die softe Alternative“ Käufer anlocken wollen − und es auch tun. Wir können Zäumungen mit den Namen „Anemone“, „Lilie“ und „Jasmin“ erwerben und sogar eine „gebisslose, zwanglose Sidepull-Zäumung“ – was ist wohl eine zwanglose Zäumung? Eine ohne Krawatte?


Ute auf Saphir: mit Halsriemen und Pfeil und Bogen.

Doch „wenn der gewünschte Effekt nicht erreicht wird“, kann man Hebelarme zum Anschrauben zukaufen. Man geht also davon aus, dass das Pferd einfach nur mehr Druck (nicht etwa mehr Training) braucht, um (gefälligst) zu reagieren.

Die Beschreibung „konsequent gewaltfrei“ wird gleichgesetzt mit dem bloßen Einkauf oder der Anwendung eines Kopfstücks – als ob man mit diesem Teil nicht auch Gewalt ausüben könnte. Ein anderer Hersteller verspricht, dass sein Produkt „Unbehagen durch sanften Druck ersetzt, ohne dass der Reiter die Führung verliert“. Ich muss also nur eines dieser Wundergeräte kaufen, und schon bin ich soft, sanft und „zwanglos“ unterwegs und habe obendrein auch noch die Führung übernommen?

Die psychologischen Auswirkungen einer solchen Anschaffung können jedoch leider negative Folgen für das Pferd haben. Beispielsweise zeigen Untersuchungen, dass wir eher bereit sind, einer momentanen Laune nachzugeben, wenn wir zuvor etwas „Gutes“ getan haben (Kelly McGonigal, The Willpower Instinct). Das könnte zum Beispiel bedeuten, dass unser Entschluss, beständig an unserer Zügelführung zu arbeiten, dem Pferd mehr Zeit zu geben und geduldiger zu werden, dadurch beeinträchtigt wird, dass wir gerade eine „softe“ Zäumung für viel Geld gekauft haben.

Darüber hinaus sehe ich leider häufiger Reiter, die frustriert und kräftig am Zügel ziehen, weil das Pferd jetzt mit dieser super pferdefreundlichen gebisslosen Trense geht und wenigstens ein bisschen dankbar sein sollte – das stand doch auch auf dem Beipackzettel?

Also – was ist pferdefreundlich? Pferdefreundlich und sanft kann man nicht kaufen, man muss es erarbeiten und erspüren. Das Gespür für das Wesen jedes einzelnen Pferdes, seine Vorlieben und Passionen, wird den verständigen Reiter die passende Zäumung finden lassen − eventuell mithilfe des Trainers. Kein seriöser Ausbilder, egal welcher Reitweise, würde einem Jungpferd eine Kandare ins Maul hängen, weil er es mit Trense nicht anhalten kann.

ZUM AUSPROBIEREN: Am eigenen Körper erleben!

Oft werden Zügel weich und bequem gemacht, damit dem Reiter die Hände nicht wehtun. Was wäre, wenn wir dem Reiter einmal Heuschnüre (die schönen alten, dünnen, aus Hanf) in die Hand geben würden, die rechts und links an einem Stallhalfter befestigt wären? Oder wenigstens an der Zäumung, mit der der Reiter gerade reitet?

Noch eindrücklicher wäre es, die Einwirkung auf den Nasenrücken selbst zu erleben, sind doch unsere Hände weniger empfindlich und weitaus besser gepolstert als das dünnhäutige Nasenbein. Als Test können wir einmal einen Bleistift oder Kugelschreiber quer über unsere Nase legen und dann mit den Zeigefingern rechts und links an den Enden des Stifts diesen gegen das Nasenbein drücken. Der Effekt wird uns überraschen! Um die Auswirkungen des Hebels zu spüren, kann man das stumpfe Ende des Bleistifts an der einen Wange fixieren und dann vorsichtig auf das andere Ende drücken. Einige werden jetzt argumentieren, schließlich nicht mit einer Stange auf der Nase des Pferdes zu reiten. Nein, natürlich nicht. Wählen wir also statt des Bleistifts eine flexible Variante. Im ungefähren Größenverhältnis könnte das etwa ein Verbindungskabel sein – zum Beispiel von einem Ladegerät. Dazu legen wir das Kabel oder die Schnur (bitte ohne dass das andere Ende in der Steckdose ist) über unseren Nasenrücken und drücken an beiden Seiten langsam immer kräftiger nach hinten. Dann ziehen wir ein paarmal ruckartig. Wie verändert sich das Gefühl mit einem doppelt oder vierfach gelegten Kabel? Diese Erfahrung sollten wir beim nächsten Mal mit zu unserem Pferd nehmen!

Der Trend im Freizeitbereich, der scharfe gebisslose Hebelzäumungen in unkundige Anfängerhände geraten lässt, sollte daher mit Sorge betrachtet werden. Wir sollten auch einmal darüber nachdenken, warum es üblich ist, sowohl Gebisse als auch gebisslose Zäumungen dünner oder härter oder beides zu machen als die Zügel. Und warum der Reiter dann immer noch in manchen Fällen die Hände mit Handschuhen schützen muss.

Hab also Acht, Reiter, auf dich selbst.

Ist dein Pferd stur, heftig, ungehorsam,

so dürften wir frech die Behauptung

aufstellen, dir fehle es an liebenswürdigem

Charakter und richtiger Methode.

François Baucher (1796−1873)

Was wählt das Pferd?

Warum sollten wir überhaupt mit Gebiss reiten, wenn es doch auch ohne geht? Das ist eine wichtige Frage. Wenn wir verstehen, dass die Voraussetzung für gutes Training die innere Einstellung zum Pferd ist, gepaart mit gut ausgeprägtem Gefühl und gut entwickeltem Timing für die Signale, dann machen wir uns ein bisschen unabhängiger von den äußeren Elementen und Werkzeugen.

Ich möchte meinen Pferden eine so vielseitige Ausbildung wie möglich bieten können und reite daher manchmal mit Gebiss. Meine Pferde senken den Kopf und öffnen das Maul, wenn ich das Gebiss hinhalte. Die Voraussetzung dafür ist, dass man keine Angst vor dem Gebiss entstehen lässt und mit konsequent weicher, freundlicher Zügelführung arbeitet.

Meine Erfahrung ist, dass viele Pferde sich sehr gut und entspannt mit einer einfachen Trense ohne Reithalfter bewegen, solange sie in korrekter Haltung und mit dem Nasenrücken vor der Senkrechten geritten werden. Die Bewegung des Kiefergelenks wird in keiner Weise eingeschränkt. Am losen Zügel bewegen sich unsere Pferde, je nach Gebäude, Talent, natürlicher Balance und Ausbildungsstand, mehr oder weniger biomechanisch korrekt. Um das Pferd optimal unterstützen zu können, ist es hilfreich herauszufinden, womit das individuelle Tier am besten zurechtkommt. Das kann − muss aber nicht – gebisslos sein.

Ich kenne Pferde, die am entspanntesten mit Gebiss gehen, und Pferde, die das Gebiss überhaupt nicht mögen. Der mutige Reiter geht deshalb nicht nach dem Trend und fragt nicht seine Clique, welche Zäumung passend oder politisch korrekt wäre, sondern sein eigenes Pferd. Es ist jedoch nicht leicht, in einem traditionellen Stall gebisslos zu reiten und dadurch vielleicht als „Hippie“ angesehen zu werden – es ist aber richtig und mutig, wenn das Pferd so am glücklichsten ist.

Ich kenne eine Pferdebesitzerin, die gebeten wurde, den Stall zu wechseln, da sie ihr Pferd gebisslos am losen Zügel ruhig und kontrolliert in der Reithalle des Anwesens ritt. Ihr wurde das Ultimatum gestellt, entweder „richtig“ mit Gebiss und Nasenriemen zu reiten oder umzuziehen. Sie wählte zum Vorteil ihres Pferdes einen neuen Stall.

Umgekehrt kann es auch schwer sein, in der gebisslosen Gruppe plötzlich mit Gebiss reiten zu wollen und mit sorgenvollen oder verständnislosen Blicken bedacht zu werden oder sich im schlimmsten Fall, als Tierquäler abgestempelt, allein mit seinem Pferd im Wald wiederzufinden – weil die anderen mit „so einem“ nicht reiten wollen.

Mein Tipp: Frage dein Pferd und gehe nicht nach der Mode, die sowieso beide Richtungen propagiert. Was wählt das Pferd? Womit geht dein vierbeiniger Freund am zufriedensten?


Hündin Bonita, Dion und Ute.

Achtung – Fallgrube!

Wenn Reiter erleben, dass ihr Pferd besonders „gut“ – das bedeutet schnell und leicht − auf ein Signal reagiert, glauben manche, dass das Pferd die Zäumung mag, da sich das Reiten „leichter“ anfühlt. Es ist dann wichtig, sich die Sache objektiv vom Boden aus anzusehen und den Ausdruck des Pferdes und die Positionierung von Kopf und Hals in den Übungen miteinzubeziehen. Dies tun wir dem Pferd zuliebe, damit wir nicht, geblendet von dem guten Respons, übersehen, dass das Pferd vielleicht einem harten, unangenehmen Druck ausweicht und daher weniger Kontakt mit dem Zügel sucht.

Ich habe oft Reiter sagen hören, das Pferd gehe so gut mit dem neuen Gebiss. Manchmal ist das der Neuheitswert, weil sich das Signal einfach anders anfühlt und daher Aufmerksamkeit erregt. Manchmal ist es auch ein dünneres oder unflexibleres Gebiss, das mehr Druck ausübt, oder ein anderes Material, das Aufmerksamkeit auslöst.

Missverständnisse und Fakten


Der Fressreflex

Dass Pferde alles, was sie in den Mund nehmen, aus Reflex als Futter klassifizieren, bezweifle ich ein wenig. Mehrere unserer Pferde tragen Sachen durch die Gegend, spielen mit Leder oder Stoff, sammeln Gerten und Handschuhe auf oder kauen und zupfen am Zaundraht, wenn dieser aus Versehen mal keinen Strom führt. Die Herde steht das ganze Jahr über im Offenstall zusammen: fünf Pferde auf sechs Hektar Wiese und Spielfläche – mit unbegrenztem Zugang zu Heu und Zweigen.

Dass eines dieser Pferde zum Beispiel einen Strick aufsammelt, komplett durchkaut und wieder ausspuckt, ist meiner Meinung nach kein Versehen. Das Pferd denkt nicht, dass dies etwas Essbares wäre: Es macht das aus Spaß und aus Neugierde. Pferde haben einen fantastisch ausgeprägten Geruchssinn und ein feines Gespür in den Maulhaaren. Sie sind durchaus in der Lage, Nahrung, die gegessen wird (Speichelproduktion), von Spielzeug, das eben nur gründlich untersucht oder herumgetragen wird, zu unterscheiden. Zwei unserer Pferde spielen oft mit Stöcken, die sie aufsammeln und herumschleudern, und manchmal zieht sogar ein Pferd an jedem Ende des Stocks.

Wir haben auch eine alte Boje als Spielzeug auf der Koppel, die plötzlich eines Abends großes Interesse hervorrief, als eines der Pferde sich eine kleine Show für die anderen ausdachte: So sah es auf jeden Fall von Weitem aus. In Wirklichkeit hat es ihm wohl einfach Spaß bereitet.

Woodstock, der 15-jährige Norweger-Araber, trabte auf einmal mit der Boje im Maul in Zirkeln herum, schleuderte sie weg mit einem Kopfnicken, trabte hinterher, um sie wieder aufzusammeln, und fing wieder von vorn an. Die anderen vier Wallache standen alle in einer Gruppe zusammen und sahen zu. Diese Beobachtungen zeigen, dass Pferde ihr Maul auch für andere Dinge benutzen als nur zur Nahrungsaufnahme.

http://youtu.be/lu5NG50p3yo

Der Kontrollverlust

Ein anderer Mythos ist, dass das Pferd schwerer zu kontrollieren sei ohne Gebiss. Das kommt nach meiner Erfahrung nur auf die Grundausbildung und Routine an – von Pferd und Reiter. Ich habe oft das Gegenteil erlebt, da viele Pferde das Gebiss mit unangenehmen oder gar unkontrollierten, stressigen Situationen verbinden und daher instinktiv versuchen wegzulaufen. Entfernt man das Gebiss, kann man sozusagen wieder neu anfangen, positive Erlebnisse mit dem Training, dem Reiter und dem Zügelsignal zu verbinden.

Wenn eine weiche Zäumung nicht funktioniert, gebrauche eine schärfere

Fast alle Listen von gebisslosen Zäumungen basieren interessanterweise auf dieser Einstellung. Im guten Glauben, etwas Weiches und Freundliches anzuschaffen, stutzen anscheinend viele Pferdefreunde nicht über die scheinheiligen Anweisungen der Hersteller, die „für unempfindliche Pferde“ oder „bei Ausbleiben des gewünschten Effekts“ die schärferen Maßnahmen (Knoten, Noppen, Hebel etc.) vorgesehen haben und das auch so empfehlen. Dies sollte genauso viel Empörung auslösen wie die Idee, dass ein Pferd, das der Reiter auf einfache Trense nicht anhalten kann, eine Kandare ins Maul gehängt bekommt. Denn die Einstellung dem Pferd gegenüber ist die gleiche.

Wenn das Pferd auf eine weiche Zäumung nicht reagiert, bedeutet das nicht, dass es den Druck oder die Berührung nicht spürt. Daher ist es nicht nötig, den Druck schärfer, härter, unangenehmer zu machen – außer man meint, Pferde seien mehr motiviert, wenn sie „angeschrien“ werden. Was man ansonsten tun kann, findet sich auf Seite 76 ff..

Damit ist nicht gesagt, dass die Anwendung von Knotenhalftern, Hebelzäumungen und anderem unethisch ist. Denn diese Hilfsmittel können in der richtigen Hand gute Resultate erzielen: Korrekt eingesetzt werden sie keinen Schaden anrichten. Es kommt eben wieder auf das richtige Training an und nicht auf die Ausrüstung.

BESTRAFUNGEN

„Wenn ein Tier von Anfang an korrekt trainiert wurde, gibt es keinen Grund für Bestrafungen im Training. Bestrafungen sind in der Regel ein Merkmal von verwirrenden Trainingsprogrammen. Wenn das Pferd seine Verwirrung ausdrückt durch sogenanntes Konfliktverhalten und eventuell gegen den Druck angeht, machen manche Trainer den großen Fehler, dieses als ungezogenes oder respektloses Verhalten anzusehen, welches Bestrafung erfordert oder sogar verdient.“ (Dr. Andrew McLean, PhD Equine cognition and learning, www.aebc.com.au)

Trainieren ohne Schmerzen

Ein Gebiss tut weh, wenn wir am Zügel zerren. Ein weiches Stallhalfter tut bei gleichem Kraftaufwand sehr wahrscheinlich weniger weh. Das setzt allerdings ein weitaus besser trainiertes Pferd voraus.

Es ist richtig, dass das Gebiss punktuellen Druck auf Nerven legt – das tut ein Halfter allerdings auch. Wir müssen reiten lernen und den Umgang mit dem Pferd immer wieder überdenken – egal ob mit oder ohne Gebiss. Ob eine gebisslose Zäumung mit Hebeln und ungepolstertem Nasenband mehr oder weniger wehtut als ein Gebiss, empfindet jedes Pferd anders und ist jeweils individuell zu beurteilen.

Das Reiten in schädlichen und zu engen Positionen kommt leider auch bei gebisslosem Reiten vor. Manchmal ziehen Pferde sogar den Nasenrücken noch mehr ein, wenn hier Druck ausgeübt wird. Leider habe ich in meiner 20-jährigen Laufbahn als Vollzeitinstrukteurin einige Equipagen gesehen, bei denen sich das Pferd am strammen Zügel mit einem Sidepull, Schnurhalfter oder mechanischen Hackamore weit hinter die Senkrechte verkriecht. Auch heutzutage gibt es Bilder, auf denen Pferde mit verschiedenen gebisslosen Zäumungen und hartem konstanten Zügelzug hinter die Senkrechte gezerrt werden − oft um ein Gefühl der Kontrolle aufrechtzuerhalten. Ein Pferd, das überbogen und zusammengerollt gehen muss, hat Schmerzen im Körper – egal ob mit oder ohne Gebiss.


Zufriedenes Pferd in gesunder Arbeitshaltung mit kolumbianischen Bosal.

Auch Pferde, die ausschließlich am losen Zügel geritten werden, können Schäden davontragen − durch Überbelastung der Vorderbeine, wenn das Pferd nur vorlastig geht, oder des Rückens, wenn das Pferd lange Zeit mit weggedrücktem Rücken und hohem Hals durch die Gegend spaziert. Diese Schäden sind jedoch oft erst später im Verlauf festzustellen und werden dann leider nicht immer mit dem eigenen Reitstil in Verbindung gebracht.

Um physische Schmerzen im Training auszuschließen, ist es sehr wichtig, sich ein umfassendes Wissen anzueignen über die Funktionen des Pferdekörpers, die Biomechanik und die Anatomie. Es genügt nicht, dass man sein Pferd lieb hat – aus Unwissenheit zugefügte Schmerzen tun auch weh.

Wichtige Aspekte der Anatomie des Pferdekopfes


(Zeichnung: Susanne Retsch-Amschler)


Die Löcher im Cranium, aus denen Nervenbündel austreten, sind sehr empfindliche Stellen.

Gesichtsnerven

Ganz wichtig ist es für alle Reiter, die gern gebisslos reiten möchten, sich die Bereiche der Gesichtsnerven und Muskeln anzusehen und einzuprägen. Das Band, das um den Pferdekopf gespannt wird, darf nicht auf den sehr empfindlichen Nervenbündeln liegen, die in der Nähe des Jochbeins in Richtung Nasenrücken aus dem Schädel heraustreten. Das Loch kann man deutlich auf dem Bild sehen.

Daher kommt übrigens die bekannte Regel, dass Reithalfter zwei bis drei Fingerbreit unter dem Jochbein liegen sollten. Das Reithalfter oder der Nasenriemen liegen jedoch immer auf den Gesichtsnerven auf, und von daher sollten wir versuchen, scharfe ruckartige Signale auf jeden Fall zu vermeiden.

Gesichtsmuskeln

Die Öffnung der Nüstern führt weit hinauf Richtung Nasenrücken. Das Pferd öffnet bei physischer Belastung mithilfe von verschiedenen Gesichtsmuskeln die Nasenlöcher ganz weit und bläht die Nüstern auf, um mehr Luft in die Lungen strömen lassen zu können.

Diese Muskeln können nur eingeschränkt arbeiten, wenn ein eng geschnallter Riemen anliegt, da die Muskeln sehr dicht am Knochen liegen. Am meisten behindert jedoch ein tief liegendes Halfter die Atmung, da an dieser Stelle nur noch ein weicher Knorpel sitzt und die Nasenlöcher trichterförmig bis weit oben ausgeweitet werden. Dies ist mit einem zu tief liegenden engen Halfter oder Kappzaum nicht möglich.


Ausweiten der Nüstern. (Foto: Ute Lehmann)

Knochen und Bindegewebe, Gelenke

Der Ausläufer des Nasenbeins ist dünn und zerbrechlich. Es werden häufiger Frakturen vorgefunden, die von zu strammen Sperrhalftern oder anderen Nasenriemen, mechanischen Hackamores und so weiter stammen. Das Kiefergelenk ist in entspanntem Zustand leicht geöffnet, das bedeutet, dass die obere und untere Zahnreihe sich nicht berühren. Um die Zähne aufeinanderzupressen, muss das Pferd die Muskeln um das Kiefergelenk anspannen. Verschnallen wir das Halfter zu eng, bedeutet das permanenten Stress für das Kiefergelenk. Die Muskeln werden müde und verspannen sich. Das überträgt sich in die Genick- und Halsmuskulatur.

Wir können das selbst ausprobieren: Versuchen wir einmal nachzuspüren, ob sich unsere Zahnreihen berühren, wenn wir ganz entspannt dasitzen und tief ein- und ausatmen: Dann sollte der Kiefermuskel sich entspannen und ein wenig Zwischenraum zwischen den Zähnen lassen. Wenn wir jetzt die Zähne fest aufeinanderpressen und das Kinn Richtung Brust rollen, entsteht nach kurzer Zeit eine unangenehme Spannung im Nacken.

Der Nasenriemen muss daher unbedingt erlauben, dass Platz zwischen der oberen und unteren Reihe der Schneidezähne ist. Ein herzhaftes Gähnen ist übrigens selbst mit korrekt verschnallten Halftern und gebisslosen Zäumungen nicht möglich – da muss statt den üblichen zwei Fingern (Minimum!) zwischen Nasenband und Nasenrücken mindestens eine ganze Hand hineinpassen. Das Gähnen ist wiederum möglich beim Reiten mit Trense ohne Sperrhalfter. Auch bei korrekt verschnalltem Kappzaum in diesem Beispiel kann das Pferd das Kiefergelenk zum Gähnen nicht ausstrecken.


Obwohl dieses weiche Lederpluvinel korrekt verschnallt ist …


… erlaubt es nur ein begrenztes Öffnen des Kiefergelenks (bemerke den schmalen Raum zwischen den hinteren Backenzähnen).


So weit öffnet ein Pferd das Maul zum Gähnen!


In der Mitte des Nasenbeins als feine Linie sichtbar: die Bindegewebsnaht Sutura internasalis. (Zeichnung: Susanne Retsch-Amschler)

Betrachtet man das Nasenbein anatomisch, wird deutlich, dass es aus zwei nebeneinanderliegenden Knochen besteht, die durch eine Form von Bindegewebe zusammengesetzt sind. Untersuchungen zeigen, dass diese Bindegewebsnaht (Sutura internasalis) in manchen Fällen durch eine sehr kräftige seitliche Zügeleinwirkung aufreißen kann, wodurch die zwei Seiten teilweise separiert werden können. Das ist sehr schmerzhaft für das Pferd, und das Nasenbein ist über längere Zeit instabil. Dieser Schaden ist nicht erkennbar auf Röntgenbildern und wird daher offenbar oft nicht weiter berücksichtigt. Sollte das Pferd unter wiederkehrenden Nasennebenhöhleninfektionen leiden, kann ein Schaden oder eine Blockade in diesem Bereich vorliegen, die beispielsweise osteopathisch behandelt werden sollte.

Damit wird noch einmal deutlich, dass wir auch sehr vorsichtig mit dem Druck auf den Pferdekopf von außen umgehen müssen – und im Zweifelsfall immer lieber ein bisschen langsamer vorgehen!


Die Laden sind die freien Bereiche zwischen den Schneide- und den Backenzähnen. Hier ist der Unterkiefer von oben vorne zu sehen. Deutlich treten die scharfen Kanten der Laden hervor.


Das Halfter drückt die empfindliche Backenschleimhaut gegen die obere Zahnreihe, die nach außen hin oft Zahnspitzen aufweist.

Maul

Wie wir heute wissen, ist die Anatomie in den Pferdemäulern genauso individuell wie das Äußere. Allein schon die Zunge kann unterschiedlich breit und dick sein, was einem Gebiss im Mund mehr oder weniger oder eben gar keinen Platz lässt. Auch die Laden des Unterkiefers sind manchmal sehr eng oder breit und oft scharfkantig, was die Einwirkung des Gebisses sehr unangenehm machen kann.

Einige Tierärzte und Zahnspezialisten empfehlen daher, die Anatomie des Pferdemauls am sedierten Pferd zu untersuchen, da das Maul hier komplett entspannt ist und das Pferd keine Kaubewegungen macht. So kann die Form, Größe und Lage des Gebisses individuell angepasst werden, oder es wird festgestellt, dass eine gebisslose Zäumung die beste Lösung für das Pferd ist.

Zähne

Oft wird gesagt, dass man in der Zeit des Zahnwechsels gebisslos reiten sollte, um das Maul zu schonen. Hier möchte ich Folgendes zu bedenken geben: Es ist wichtig zu berücksichtigen, wann das junge Pferd die Backenzähne wechselt: Beim Wechsel der Backenzähne werden die Milchzähne als Kappen von den bleibenden Zähnen he-rausgeschoben. Selbst wenn keine Kappe hängen geblieben ist oder sich verkeilt hat, kommen die neuen, bleibenden Zähne doch mit sehr scharfen Kanten heraus und können Wunden in der Backenschleimhaut verursachen, wenn von außen ein Halfter dagegendrückt.


Die bunten Pfeile zeigen den Zahnwechsel. Die grauen Pfeile zeigen auf die Backenzähne, die keine Milchzähne als Vorläufer haben.

Der Wechsel der Backenzähne verläuft normalerweise zwischen zweieinhalb und fünf Jahren. In dieser Periode ist eine halbjährliche Kontrolle anzuraten, da hängengebliebene Milchzahnkappen zu Zahnstellungsproblemen führen können.Im Alter von circa zweieinhalb Jahren wechseln die vordersten Schneidezähne und die ersten Backenzähne, mit circa drei Jahren die zweiten Backenzähne, mit circa dreieinhalb Jahren die zweiten Schneidezähne und die dritten Backenzähne, und mit circa viereinhalb Jahren die dritten Schneidezähne. Wie auf dem Foto zu sehen ist, ist besondere Rücksicht geboten in der Zeit des Wechsels vom ersten und zweiten Backenzahn, da ein Halfter oder gebissloses Kopfstück dort anliegen wird.

Ich habe jedoch auch erlebt, dass Pferde – wie kleine Kinder – vom Zahnwechsel generell beeinträchtigt sind, und achte immer darauf, ob eine etwaige Unwilligkeit des jungen Pferdes eventuell daher kommt. Im Zahnwechselalter passiert sehr viel im Pferdemund, und wir dürfen das Pferd in dieser Zeit nicht überfordern. In der Wechselperiode, die mithilfe eines Tierarztes oder eines Pferdedentalpraktikers bestimmt werden kann, kann es ein Vorteil sein, das junge Pferd statt gebisslos lieber mit einer weichen einfachen Trense zu reiten – aber ohne Sperrhalfter.

Alle Pferde, die mit Halftern oder Trensen gearbeitet oder auch nur geführt werden, sollten regelmäßig zur Zahnpflege – im Durchschnitt mindestens einmal pro Jahr. Es ist übrigens ein Mythos, dass Pferde, die gebisslos geritten werden, keine Zahnpflege brauchen. Ich würde fast das Gegenteil behaupten: Viele Wunden im Pferdemaul werden durch die Zahnspitzen der oberen Zähne verursacht, wenn Druck von außen an die Pferdebacken kommt.

Ich habe eine Bekannte, die viele Jahre in der Überzeugung gebisslos geritten ist, dass sie damit dem Pferd nicht wehtun würde. Leider hatte sie das Sidepull nicht weit genug geschnallt und dem Tierarzt vertraut, der meinte, dass eine Zahnbehandlung nicht nötig sei, wenn sie gebisslos und „nur“ im Wald reite. Als ich sie an meine Pferdedentalpraktikerin verwiesen habe, da das Pferd sich bei Zügelkontakt deutlich im Genick verwarf, wurden zum Entsetzen der Besitzerin mehrere offene Wunden in der inneren Backenschleimhaut gefunden, hervorgerufen von scharfen Zahnspitzen und Druck vom Kopfstück durch den seitlichen Zügelanzug von außen.


Backenschleimhaut mit Läsionen. (Foto: Mai Nicholaisen)

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156 s. 95 illüstrasyon
ISBN:
9783958477056
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