Kitabı oku: «Ein genialer Rebell - Christian Friedrich Daniel Schubart 1730-1791»
Utta Keppler
Ein genialer Rebell - Christian Friedrich Daniel Schubart 1730-1791
Saga Egmont
Ein genialer Rebell - Christian Friedrich Daniel Schubart 1730-1791
Copyright © 1982, 2017 Utta Keppler und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711708538
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
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Die forelle
Von Christian Friedrich Daniel Schubart
In einem Bächlein helle,
Da schoß in froher Eil
Die launige Forelle
Vorüber wie ein Pfeil
Ich stand an dem Gestade
Und sah in süßer Ruh
Des muntern Fisches Bade
Im klaren Bächlein zu.
Ein Fischer mit der Rute
Wohl an dem Ufer stand
Und sah’s mit kaltem Blute,
Wie sich das Fischlein wand.
So lang dem Wasser Helle,
So dacht ich, nicht gebricht,
So fängt er die Forelle
Mit seiner Angel nicht.
Doch plötzlich ward dem Diebe
Die Zeit zu lang. Er macht
Das Bächlein tückisch trübe,
Und eh ich es gedacht,
So zuckte seine Rute,
Das Fischlein zappelt dran,
Und ich mit regem Blute
Sah die Betrogne an.
Die ihr am goldnen Quelle
Der sichern Jugend weilt,
Denkt doch an die Forelle;
Seht ihr Gefahr, so eilt!
Meist fehlt ihr nur aus Mangel
Der Klugheit. Mädchen, seht
Verführer mit der Angel!
Sonst blutet ihr zu spät.
Frühe Schuld
„Christian und Conrad!“ sagte der Forstmeister Hörner aus Sulzbach und nahm den Dreispitz aus dem Schrank, „ihr zwei bleibt schön still daheim und macht mir keine Flegeleien, wie’s euch der Vater schon geheißen hat!“ Er wandte sich um. „Wir gehen derweil, ’s ist Zeit jetzo!“
Christian machte eine ungeschickte Verbeugung. „Ja, gewiß, Herr Großvater!“ antwortete er gehorsam; der kleinere Conrad schaute stumm auf den zehnjährigen Bruder. „Gewiß!“ wiederholte er etwas zu spät, während der Forstmeister schon zur Tür ging. „Jakob!“ rief er hinaus, „komm, wir müssen aufbrechen, so ich als Gast mit dir auf ein Aalener Fest soll, mag ich mich nicht verspäten – oder hast du über dem Notenblatt die Hochzeitsladung vergessen?“
Jakob Schubart, der Vater der Buben, erschien im Türrahmen, ein großer kräftiger Mann mit roter Gesichtsfarbe. Er war Diakon, Präzeptor und Organist der Aalener Gemeinde. „Hab das Präludium notiert, so ich nächstens spielen will!“ entschuldigte er sich, „der Herr Schwiegervater mag sich doch einen Augenblick gedulden, ich muß nur noch den Festrock anziehen!“ Damit verschwand er.
Die Kinder standen ehrfürchtig dabei, als der Forstmeister ungeduldig hin und her ging. Er trug seine grüne Uniform mit den silbrigen Knöpfen, hatte den Zopf frisch gewachst und die Schläfenlocken gepudert, so daß ein Flor von weißem Mehl auf seinen Rockkragen stäubte, als er jäh den Kopf hob. „Euer Vater hat’s immer mit der Musika!“ murrte er ärgerlich, „die ihm doch wenig genug einbringt!“
„Der Herr Vater singt sehr schön!“ sagte Christian vorlaut. Hörner fuhr auf und stieß an einen Stuhl; es gab ein schepperndes Geräusch. „Da hätt ich schier meine Pistolen auf den Tanz genommen!“ rief er erschreckt und griff in die hinteren Taschen. „Die wären mir etwa unversehens losgegangen, so ich getanzt hätt!“ Er nahm die beiden Waffen, unförmig große schwere Instrumente, aus den Schoßtaschen und legte sie aufs Klavier, ohne die neugierigen Augen der Buben zu beachten.
Jetzt kam der Sohn wieder herein, flüchtig hergerichtet und vor Eile schnaufend. Jakob warf einen raschen Blick auf seine Kinder, rief ihnen einen Gruß zu an die Mutter, auf die er nicht mehr warten könne, und war noch vor dem Alten draußen.
Christian nahm die Hände auseinander, die er wohlerzogen gefaltet hatte, streckte sich auf die Zehenspitzen und winkte dem Brüderchen. „Da! Schau aufs Klavizimbel! Sie liegen noch droben!“
„Was?“ machte Conrad ungläubig, „und der Herr Vater hat nichts gemerkt!“ Er staunte den Älteren an, der schon höher hinaufreichte als er. „Lupf mich, Christel, ich möcht’s sehen!“
„Du bist mir zu schwer, du Klotz, aber ich will’s selber einmal untersuchen!“ Er kletterte auf einen der massigen Stühle, den er sich ans Klavier gerückt hatte, und nahm ein Terzerola herunter. „Das Mordstrumm!“ flüsterte er anerkennend, „wiegt soviel wie … wie …“ – es fiel ihm kein rechter Vergleich ein – „wie ein Krautkopf!“ beschloß er endlich.
Conrad stand unter ihm. „Laß doch sehen!“
„So hält man’s vor sich!“ erklärte der Ältere und legte den Finger an den Abzug, wobei er die Waffe mit der Linken stützte.
„Kannst schießen?“ forschte der Kleine begierig.
Christian Schubart wog das wackelnde Stück in der Rechten, hob es und schielte über die Kimme. „Weiß nicht“, murmelte er zögernd, „ist ja auch nicht geladen.“
„Ein Forstmeister trägt doch keine leere Pistol herum“, renommierte Conrad. „Paß auf, wenn’s knallt, wie laut das tut.“
Christians Augen blitzten. Er wurde rot. „Soll ich?“ fragte er beinahe beschwörend, und der Kleine schrie: „Schieß!“
Christian sprang vom Stuhl. Er stand einen Augenblick wie entrückt und richtete langsam den Lauf auf den Bruder. Unbewußt krümmte er den Finger: Donnerkrachen – Rauch – polternd fiel die Pistole zu Boden. Conrad taumelte und stürzte. Christian – zu Tode erschrocken – über ihn.
Der Kleine wälzte sich zur Seite, sein blasses Gesicht zuckte. „Bin ich verschrocken!“ stammelte er und kroch auf den Bruder zu. Aber der stieß ihn weg und bäumte sich; sein Mund war verzerrt.
„Christian!“ jammerte der Kleine, „hat’s dich erwischt?“
„Ich bin ein Mörder!“ kreischte Christian außer sich, „ich, ich!“ Er merkte nicht, daß der Bruder unversehrt auf ihn einredete, sah nicht, daß nur sein abstehendes Fräcklein seitlich gestreift worden war, und daß die zwei Kugeln in der Bettlade des Nebenraumes steckten.
Conrad fing an, laut zu weinen; er schluchzte seinen Schrecken heraus, die Händchen gegen die Augen gedrückt. Als er aufsah, war Christian verschwunden.
Helene Schubartin rannte auf den Knall hin die Treppe herauf, stolpernd und keuchend, und kam todbleich herein; der Sechsjährige saß verstört am Boden.
„Wo ist der Christian?“ fragte sie und entdeckte zugleich die Pistole neben ihm. Mit einem schrillen Schrei raffte sie das Kind auf und lief mit ihm ins Schlafzimmer, warf es aufs Bett und riß ihm die Kleider vom Leib. Da ihm nichts fehlte, nahm sie es auf den Schoß und zog es hastig an, dabei immer wieder ihr „Wo ist der Christian?“ wiederholend, bis der Bub ruhiger wurde. Leise weinend gab er Antwort: „Weiß gar nicht, wo …“
„Und wer hat geschossen?“ fragte sie weiter.
„Er! Und ich hab’s ihn geheißen!“ kam’s kleinlaut.
„Du? Bist doch der Jüngere! Das tät der Christian nie!“
„Doch, Frau Mutter – er hat’s aber nicht wollen, daß es so …“ So knallt, hatte das Kind sagen wollen, verschluckte es aber. Da fiel Helenens Blick auf die zwei runden schwarzgeränderten Löcher im Holz der Bettlade. Sie sprang auf. „Das hätt dich getroffen! Oder ihn!“ Sie warf die Arme um den Kleinen. „Und der Vater ist fort und der Ähne, beide lassen euch allein, dieweil ich Bier gezapft hab!“ Helene sah sich ratlos um, Conrads Köpfchen sank schläfrig auf die Arme, müde von der ausgestandenen Erregung machte er kaum den Mund auf, als ihm Helene das Mus einlöffelte. Er schleppte sich in die Kammer, die Mutter drückte ihn in die Kissen. „Schlaf jetzt, Lieber.“
Er schluchzte noch ein paarmal, schnaufte schlaftrunken und blieb still. Jetzt erst kam ihr die ruhige Überlegung zurück. Leise schlich sie in die Stube, hob vorsichtig die Pistole auf und legte sie zu der anderen aufs Klavier.
Der Christian! dachte sie entsetzt. Wo ist er hin? Fort jetzt, schnell ihn suchen – nur die Pistolen noch in die Küchenlade – daß sie keiner mehr findet! Einen Augenblick horchte sie nach dem Schnarchen des Kleinen, dann lief sie – in ein Wolltuch gewickelt – in den Schnee hinaus.
Viele Füße waren durch die Kirchengasse getappt, das Schmelzwasser rann von den Dächern, die Stadtkirche, breit und gelblich, wuchtete aus der halben Dämmerung vor ihr auf. „Christian!“
Ein paar Männer sahen ihr lässig nach. „Die Diakonin sucht wieder ihre Buben!“ meinte einer von ihnen, „den Christian, den Jakob, den Conrad … was weiß ich – irgendwas ist’s immer, ’s sind Schlingel!“
Da war sie schon um die Ecke, hastete gegen die Roßschwemme zu und blieb starr stehen. Hier – wenn er in seiner Exaltation hineingefallen wär? Aber da war nichts – kein Kind, kein Strudel, nur still ziehendes zähes schleimiges Eiswasser –, und die Schwemme war nicht tief. Sie lief gegen Sankt Johann hinaus.
Das jung getraute Paar, ein Förster vom Härdtsfeld und eine Handwerkerstochter aus Aalen, saßen mit ihren Gästen im „Adler“. Brummbaß und Fiedeln klangen, die Bläser hatten rote Backen, man aß scharf und trank schwer. Der Diakon Schubart, neben dem Dekan, dem Schwiegervater Hörner gegenüber, redete viel. Sein volles Gesicht glänzte. Musik, Musik … das war sein Lieblingsthema.
Der Dekan schaute ihn mißbilligend an.
„Herr Spezialb“, meinte der wortlos Getadelte und hob sein Glas, „zum Wohle!“ Der hohe Herr nickte, die dicken Puderlocken wogten, als er ein wenig indigniert den Kopf schüttelte.
„Auch König David sang, Herr Spezial!“ wagte Schubart anzufügen, während ein paar Stadtväter in langen Schoßröcken, die Perücken schon gelockert, über dem Wein schwatzten und schwitzten. Hörner erzählte Jagdgeschichten, und der einheimische Forstmeister, dem Bräutigam zulieb geladen, trumpfte kräftig dagegen. Kapitale Böcke und riesige Auerhähne stolzierten durch die Reden, als wimmele es in den Aalener und Sulzbacher Gemarkungen nur so von prächtigem Getier. Einer der Honoratioren bemerkte halblaut, der junge Herzog habe doch wohl, unter Anleitung seines allmächtigen Ministers, des Grafen Montmartin, recht ausdrücklich die Hand aufs Waidrecht gelegt? Man lasse den beamteten Förstern wenig übrig, das wisse man doch. Eine heisere Stimme krähte: „Die Wildmast ist der Bauern Pflicht, ’s kommt sie sauer genug an, bloß für die hochherrschaftliche Jagd zu schaffen … Kornfelder bauen für – fürstliche Sauen!“
Einen Augenblick war alles still. Dann rückten die Stühle, der Wirt tauchte aus dem Qualm auf und griff den Schreier beim Arm. „Hinaus, komm, Baste, dir ist nimmer ganz gut im Kopf!“ Er zerrte den Mann hoch und führte ihn zur Tür; widerstrebend taumelte der durch den vollen Saal, stockte und riß sich wildfuchtelnd los: „Ich hab ja gar nicht die vierfüßigen gemeint“, grölte er mit seiner gurgelnden Trinkerstimme, „die andern… die singenden, beinschwingenden, schauspielernden … und die mit den großen Orden, und die aus dem Norden …“
„Um Gottes willen!“ rief ein Stadtvater entsetzt, „Wirt, schnell, das kostet uns die Freiheit, so er weiterlästert!“
Man schob den Betrunkenen in den Schnee hinaus. Die Tür schlug zu. Die Pfarrer und Förster wischten sich die Stirnen, die Beamten schoben die Stühle zurück.
Dem Wirt wurde bang um seine Einnahme. „Wer will’s dem Durchlauchtigsten verargen?“ fragte er verbindlich, „haben wir doch die Last der Süßischen Verwaltung los, die der gehorsame Jud auf Geheiß des hohen Herrn Vaters uns aufgelegt. Herzog Karl Alexander hat viel Geld gebraucht. Wegzölle, Güter …“
„Ja, ja, für die Grävenitz und ihren Anhang …“, murrten ein paar durcheinander, „für die wir, ehrlicherweis’ von der Kanzel gebetet.“ Alle lachten. Man wußte, daß der Hofprediger auf des Herzogs Vorhalt, er erwähne die hochfürstliche Mätresse nie im Kirchengebet, zornig gerufen hatte: „Allsonntäglich doch, Euer Durchlaucht, im Vaterunser: ‚Und erlöse uns von dem Übel!‘“
„Hat’s schwer gebüßt!“ bemerkte Schubart leiser.
„Solches mag uns jetzo erspart bleiben“, schloß der Spezial den Disput, „da wir seit einem Jahr eine liebliche junge Frau Herzogin haben, aus dem vornehmsten Geschlecht, eine Nichte des preußischen Königs Friedrich!“
„Es scheint auch, Carl Eugen liebt sie heiß“, erzählte der Förster, „sie soll schon gesegneten Leibes gehen, die Fürstin.“
Man nickte, lächelte, griff noch einmal zu den Gläsern, die der Wirt eifrig füllte. Aber die Pfarrherren hatten es jetzt eilig mit dem Aufbruch. Dem jungen Volk war’s recht, denn nach dem Abgang der Geistlichen konnte der Tanz beginnen. Hörner blieb sitzen und zog auch Schubart wieder auf den Stuhl zurück. Im Qualm der Tabakspfeifen, im Dunst der vollen Schüsseln und erhitzten Menschen drehte sich die stampfende Masse der Tanzenden zum Ländler, schritt die feierliche Gavotte.
Stiller saßen die Schubartischen jetzt am Tisch; sie hörten nicht, daß die Tür aufging; mühsam schob sich eine dunkle Frauengestalt durchs Gedränge: Helene stand vor ihnen. Auch im rauchigen Kerzenschein erkannte Schubart, wie blaß sie war. Sie bog sich über die Tafel, die Hände aufgestützt. „Jakob“, stammelte sie, „der Christian … er ist nimmer da!“
Der Diakon sprang auf. „Was sagst? Ist er – tot?“
Helene fiel auf die Bank, den Männern gegenüber. „Hörnervater“, brachte sie endlich heraus, „Eure Pistolen!“
Hörner griff erschreckt in die Rocktaschen. „Barmherziger Himmel!“ Er faßte nicht mehr, was die Frau berichtete, hastete zur Tür, der Diakon und die Frau hinter ihm her. Auf dem kurzen Weg durch die Nacht, im Stapfen durch den dicken Schnee, konnte Helene endlich erzählen, was geschehen war. „Und ich hab ihn nirgends gefunden!“ sagte sie trostlos.
Wütend griff der Mann nach ihrer Schulter. „Der Malefizer! Der Christian! Ein ganz Boshafter ist er! Was in dem steckt… Und wenn er noch so geschickt musiziert.“
Hörner blieb besonnener: „So sind Kinder, tun’s den Großen nach – es ist meine Schuld allein.“
Im Pfarrhaus fanden sie Conrad friedlich schlafend. Helene hob ihn aus dem Bett und weckte ihn ungeduldig auf. Die Hände vor den Augen stand er barfüßig in der Stube und stotterte wieder sein: „Weiß doch nicht, wo er ist!“
Helene tat er leid, sie drückte ihn an sich. Während sie ihm die schlaffeuchten Haare aus der Stirn strich, sah sie vor sich hin, als könnte sie den furchtbaren Augenblick wiederholen: Christian, wie er mit wilden Augen auf den Bruder anlegte, halb im Spiel und doch getrieben, gezwungen – als säße ihm ein Dämon im Nakken. Der stärkste meiner Söhne, das reichste meiner Kinder, dachte sie. Wie er wild agiert, mit anmutigen Gesten noch im Affekt, wie er posiert, als stünd’ er vor dem Spiegel, schäumt und sich aufpufft wie ein Gewaltiger, sich selber ausgibt, bis er sich zerstört – und dann verzweifelt zusammenfällt, erschlafft, ohnmächtig wie ein Schaumgebild.
„Und wo tobt er jetzt wider sich selber?“ fragte sie in die Stube hinein, als wende sie sich nicht an die ratlosen Männer. Und wo liegt er wie ein gestürzter Vogel? setzte sie in Gedanken hinzu. „Jakob, Hörnervater, rufet die Nachbarn, und ich geh selber und such!“
Conrad hielt sie am Rock. „Bleib bei mir, Frau Mutter!“ Es stieg bitter in ihm auf, daß man sich mehr sorgte um den Schuldigen als um ihn, der doch beinah – er weinte – beinah zu Tod geschossen worden wäre. Aber – wo es um den Christian ging, galt er nichts mehr.
Eltern und Großvater blieben lange fort – es wurde völlig Nacht in der Stube, und der Kleine kroch schließlich allein in sein Bett, das er mit dem älteren Bruder Jakob teilte; der schlief schon lang. Als die Eltern sich vor dem Haus von den Nachbarn verabschiedeten, hatten sie nichts gefunden.
Weinend durchwachte die Mutter die kalte Nacht, immer wieder lief sie vors Haus, rief und suchte im Umkreis, ohne sich weiter weg zu wagen. Es fiel neuer Schnee, Zapfen hingen am Dachrand, im Licht ihrer Laterne wie grimmige Bärte glitzernd. Stumm verschreckt saß die Familie am Morgen bei der Suppe. Jakob Schubart sprach ein Bittgebet, der Großvater machte sich noch einmal auf den Weg …
Da klopfte es; der Aalener Zoller stand draußen und rief gleich nach dem ersten Gruß: „Habt Ihr nicht gesehen, wie er gegen den Kocher zugelaufen ist? Ich hab ihn gestern gerad noch am Roekzipfel erwischt, er wollt hinein … hat gezappelt und sich gewehrt! Ich bin ein Mörder!’ hat er geschrien, als wäre er von Sinnen. Erschreckt Euch nicht, Frau Schubartin, er hat’s nicht getan – ich hab ihn ja fest am Arm genommen.“
„Und wo ist er hin?“ fragte der Diakon endlich.
„Weiter! Als er mir gesagt, wer er ist, wollt’ ich ihn heimführen. Aber er ist mir entlaufen, ich meinte, er werd’ selber heimkommen – und ist er denn nicht hier?“
„Ach, Zoller“, sagte der Diakon traurig, „diesmal haben Euch die Füß nicht schnell genug getragen, und seid doch so oft schon einem flüchtigen Grenzläufer nachgerennt, so Euch den Zoll hat nicht zahlen wollen“
„Meine Pistolen vergrab ich“, stöhnte der Hörner.
„Wenn wir bloß den Buben nicht müssen vergraben – in Sankt Johann draußen!“ antwortete der Vater dumpf. Der Zolleinnehmer verabschiedete sich kurz.
Die Schubartin weinte den ganzen Morgen, kaum daß sie das Nötigste im Hauswesen tat. Am Mittag, beim Zwölfuhrläuten, ließen alle das Essen stehen. Die Eltern und der Großvater gingen wieder in den Schnee hinaus, sorgsam prüfte der Förster Fußstapfen und Schleifspuren, aber es hatte getaut und jetzt wirbelte es wie ein vergängliches Schleiergeweb vom Himmel – nichts war mehr sicher erkennbar.
Die Brüder saßen allein in der kalten Kammer, Jakob und Conrad. Da pochte es leis an die Scheibe, einmal, zweimal, schwach wie ein Vogeltritt. Sie sahen sich an und wischten das Glas ab. Durch das Loch im Beschlagenen erkannten sie eine Hand, einen blauen Ärmel, dahinter ein rotes Gesicht.
„Christian!“ schrien sie beide zugleich. Da war die Gestalt verschwunden, eingetaucht in das verhangene Grau wie ein Spuk. Sie rannten hinaus; im Schnee lag der Christian, leblos, als hätte ihn ein Blitz gefällt. Conrad rief ihn an, Jakob versuchte ihn aufzurichten, sie schleppten ihn zu zweien ins Haus, in die warme Stube. Jakob holte den Milchtopf. Langsam, als falle ihm jedes Lidheben schwer, kam Christian zu sich. Er starrte den kleinen Conrad an wie ein Gespenst. „Bist lebig? Wirklich?“
„Ja, wo bist denn gewesen?“ fragte Conrad in einem zärtlich besorgten Ton. „Alle haben dich gesucht, die Eltern und der Ähne und die Nachbarsleut und wir auch – und nirgends warst!“ Christian trank gierig seine Milch; er stützte den Kopf in die Hände und saß da wie ein alter Mann. Seine Blicke gingen im Zimmer hin und her, angstvoll suchten sie nach einem Schaden, einem Zeichen seines Verbrechens – ein Junge von zehn Jahren, beladen mit der Qual unerhörter Selbstanklagen, niedergeschlagen von einer heillosen Verstörung, die ihn nie mehr ganz loslassen sollte.
Inzwischen lief Conrad hinaus, um die Eltern zu suchen. Schon am Zollhaus kamen sie ihm entgegen, ungläubig hörten sie ihn schreien, der Christian sei da, in der Stube, am Ofen sitze er. Sie liefen gehetzt heim. Die Mutter nahm den verlorenen Sohn nah an sich, strich über sein verklebtes Haar, in dem Heufäden hingen, über die zerknitterten Kleider und die haltlos baumelnden Beine, die er kaum ruhig halten konnte; und endlich kam seine Erklärung, unter Stottern und Stokken gestand er: Im Heu habe er gelegen, drüben im Stadel, ganz tief unter dem Haufen, nur den Kopf habe er noch herausgestreckt, daß er nicht ersticke. Und er hätte viel geweint und großen Hunger gehabt, aber kalt sei’s ihm erst geworden, als er vor dem Fenster gewartet, bis er endlich zu klopfen gewagt habe, und jetzt, wo der Conrad lebe, jetzt – er konnte nicht weiterreden, und der Vater nahm ihm das ab, als er die Hände zu einem Dankgebet faltete und alle es ihm nachtaten; denn unter den kunstlosen Worten, die dem Diakon der Augenblick eingab, wurde Christian ruhiger. Er sah dabei den Vater ängstlich an, denn er wußte wohl, daß es mit dem allem nicht getan sei; es mußte etwas nachkommen, unabwendbar.
Als dann gegessen war – Christian würgte trotz seines Hungers mühsam an seinen Bissen – stand der Vater auf und winkte ihm; Helene warf ihrem Mann einen flehenden Blick zu und die Kinder zuckten auf. Aber der Diakon schritt unerbittlich wie ein zürnender Halbgott durchs Zimmer und der Junge trottete hinterdrein. Draußen in der Kammer wurde das Strafgericht vollführt: Man hörte die Stockschläge und das leise und immer lautere Weinen des Buben, bis der Diakon endlich, sich die Stirn wischend, allein wieder hereinkam.
Den Christian fand die Mutter in der Küche, im Herdwinkel hockend, das Gesicht in die Arme gedrückt und innerlich noch mehr zerschlagen als am Körper. Sie wagte ihn nicht zu trösten. „Geh ins Bett, Christel“, sagte sie, und das „Christel“ war schon ein bißchen Trost in seinem unabsehbaren Jammer.
Durch Wochen blieb Christian still.
„Verstockt“ sagte der Vater, dessen Urteil immer schnell feststand. „Verstört“ nannte es Helene und versuchte vorsichtig, mehr aus dem verstummten Kind herauszuhören. Die Brüder erzählten ihr, was sie von ihm wußten; damit mußte sie zufrieden sein.
In der Schule fand Christian etwas wie eine geistige Zuflucht. In den ersten Jahren hatte man ihn für dumm gehalten, steif und unbeteiligt hockte er in seiner Bank, um ihn herum die Horde der allzuvielen ungehobelten und nur durch drakonische Strenge zusammengehaltenen Buben: Geschrei und Gestank, Prügeleien untereinander und wüste Unordnung stießen ihn ab; der Präzeptor schlug viel, tobte, pochte dröhnend auf den Tisch. Lesen wurde nach seltsamen Methoden geübt, die Schreibkunst lag im argen – alles war trocken und zwanghaft. Da stellt sich ein feuriges, phantasievolles Kind taub und blind. Christian blieb unansprechbar, bis der Lehrer auf einem Schulausflug mit einem hingeworfenen Wort über die Forellen seine Einbildungskraft weckte. Der Bub spann den Faden weiter, das Leben, das Wesen, das kleine Schicksal der Forelle packte ihn und bewegte seine Gedanken. Er schrieb einen Aufsatz darüber, fragte weiter und erfand dazu.
Von dieser Zeit an gewann der Lehrer Einfluß auf den Knaben, verstand, daß er nicht durch dürre Regeln zu fesseln sei, sondern durch das Bild, das wie ein Blitz in ihn eindrang und zündete.
Das Bild! Bilder zu sehen und zu formen, sich selber zu betrachten und die Spiegelung seines Ich in anderen zu beobachten, das war der Schlüssel zu dem seltsamen Knaben, und der Lehrer gebrauchte ihn hin und wieder, so oft ihm der Lärm und die Trägheit der vielen anderen Zeit dazu ließen.
Er träumte: Dunkler Waldbach, überhängende Zweige streifen die schwellende Fläche, Schatten flekken das Wasser, gelbfunkelnde Lichter zerdehnt die Bewegung der Welle. Da taucht es auf, eine dunkle Spur, ein Wirbel, schnalzende zuckende Bewegung: Die Forelle. Er träumte davon, nachts griff er mit den Händen ins Kissen, um sie zu fassen. Oder – ein anderes wilderes Bild: Die Flamme. Am Herd stand Helene und schürte dürre Scheite, die sofort Feuer fingen, Reisig, knackendes Kleinholz. Da loderte es auf, rotgelb, grell, ohne Halt und Kontur, unaufhaltsamer Wechsel, Flackern, Zittern, leckendes Umsichgreifen… und Verzehren. Alles wird da verwandelt: Keine Form hält ihm stand, jede vergeht, krümmt sich, verfärbt und veraltet und fällt zusammen. Aber Licht strömt aus der Flamme, das einzige, was lohnt, was lebt: Helle! Auch vom Feuer träumte er, bis er schreiend aufwachte… „Mein sonderliches Kind“, sagte Helene zum Vater. Der Diakon schaute den Kleinen nachdenklich an; er belauschte ihn ungesehen, wie er Klavier spielte, dazu murmelnd sang und, mit den kleinen Händen kaum die Oktave spannend, Akkorde versuchte. Er ließ ihm jetzt mehr Raum, hörte ihn an und gab ihm kleine Aufträge. Christian wurde das Leben ein wenig leichter. In den folgenden Wochen fing er an, mit stürmischem Eifer zu lernen: Sprachen, Rechnen, Musik. Musik vor allem fesselte ihn. Er saß stundenlang am Klavier, probierte Tonfolgen, Fingerstellungen, Akkorde. Der Vater hörte staunend zu und half da und dort, nicht sehr geschickt, eher einschüchternd. Aber jetzt ging der Knabe auf alles ein, übte heimlich weiter, suchte es dem Vater recht zu machen. In der Musik verstanden sie sich.
Einmal brachte der Kleine ein Notenblatt aus seinem Schulsack hervor; plump gekritzelt und oft durchgestrichen, aber lesbar stand da eine kleine Melodie, und der Satz und die Notenzeichen stimmten. Der Vater stellte ihm Themen, die er dann phrasierte. Bald genügte ihm das Klavizimbel nicht mehr, in dem die Klänge fertig schliefen, wie er sagte. Er wollte sie selber bilden: Der Vater kaufte ihm eine Kindergeige. Kaum hatte Christian die Gründe der Technik begriffen, kaum verstanden die dicken kleinen Finger Druck und Gleiten und die Rechte das Bogenführen, da nahm ihn die Fiedel gefangen: Auf und ab und im Triller versuchte er sich, crescendo und decrescendo und vibrato, und geigte grell wie eine Grille und gelegentlich falsch. Aber er spürte die Verwandtschaft zwischen sich selber und dem sensiblen Instrument, das auf jeden Wink ansprach, eindrucksam und abhängig von der führenden, berührenden Hand.
Dann wechselten die Lehrer in der Schule. Der Präzeptor Rieder war ein kleiner Mann mit einem großen Kopfe, gescheit, gewandt, gebildet, aber irgend etwas stimmte den Knaben mißtrauisch, wenn er einschmeichelnd vorlas und lächelnd dozierte. Er wußte viel und Schubart lernte durch ihn die lateinischen Dichter und Historiker kennen, weit mehr an Stoff, als es seinem Alter und der einfachen Schule zukam. Wieder fragte er und nahm auf, saugte förmlich an, was sich ihm bot; selbst zu gestalten war er noch zu weich. Diese Weichheit war eine Blöße, die der neue Präzeptor spürte und benützte.
Der Zwölfjährige war gedrungen gewachsen, mit breiter Brust und schmalen Hüften; die runden Hände wirkten fast weiblich, unter blühenden Wangen leuchteten sehr rote kirschweiche Lippen aus dem gedrängten Untergesicht, die Nase war fleischig und vorstrebend, die Augen, dicht neben sie gesetzt, glänzten vogelhaft – neugierig; schwarzbraun funkelten sie jedem entgegen, der ein wenig Sympathie versprach.
Aber über diesem empfindsamen und sinnlichen Unterbau wölbte sich die Stirn groß und frei, sehr hoch, unproportioniert mächtig, als laste ein edles Gefäß auf schwachem Sockel und erdrücke ihn schier.
Rieder zog den begabten Schüler an sich heran, horchte ihn aus und lockte ihn zu frühreifen Fragen, gab zweideutige Auskünfte und Winke, bekrittelte den Vater. Aber den Jungen schützte sein feines Gespür. Später berichtete er pathetisch, Ausschweifungen der Wollust hätten den Rieder an den Bettelstab gebracht.
Solange sich der Lehrer ihm immer wieder aufdrängte, der Vater ihn nur am Klavier gelten ließ, streifte der Junge viel durch Wälder und Wiesen. Um Aalen zogen sich leichtgeschwungene Bergrücken, mit Buchen bewaldet, selten ein Tannenforst dazwischen. Kleine Bäche sprangen dem Kocher zu, in tief eingeschnittenen Schluchten wucherten im Spätsommer die gelben Balsaminenc in der feuchten Düsternis des Talgrundes unter geheimnisvollen Felstrümmern, die die ungefesselte Phantasie des Knaben aufregten. Sagen von verschollenen Raubrittern, vom Quellfräulein, das seine weißen Fingerspitzen als Rinnsale zierlich aus der Erde schickte, vom wilden Jäger, der in Gewitternächten auf schattenhaften Rossen mit seinem Gefolge über den Wald raste – hörte er unter den Landleuten genug.
Sein Vater mochte sie nicht gern; sie seien aus heidnischem Bodensatz gequollen, meinte er. Aber Christian kletterte nie auf die Buchenhänge am Kocherursprung, ohne mit einem leisen Schauder den Felsbrokken zu beäugen, unter dessen Überhang im heißen Sommer die Mücken schwärmten, als ob sie den erschlagenen Heckenreiter und sein Roß spürten.
Von Raubrittern war viel die Rede in der Gegend; die Leute erleichterten sich, wenn sie von den verschollenen Peinigern redeten, da sie von den gegenwärtigen nicht reden durften. Christian hörte den Vater stöhnen und die Verwandten, die Lehrer und Forstleute klagen, daß man bitter unter „der Furcht des Herrn“ leide, und erst allmählich begriff er, daß damit nicht Gott gemeint war, sondern seine Gesalbten auf Erden, die Fürsten, denen „alle Gewalt gegeben war“. Er hörte draußen auf seinen Wanderwegen mehr davon als im obrigkeitstreuen Dekanat, denn inzwischen war der Vater Dekan geworden.
Er merkte, wie ein gutherziger Bauer, der ihn auf einer Wanderung zu seiner Milchsuppe einlud, furchtsam den gewilderten Hasen versteckte, ehe er sich zu Tisch setzte, und wie die Frau dreimal das Brot abstrich, auf dem sie das Schmalz ohnehin knapp bemessen hatte. Er hörte, wie man die jungen Burschen vom Feld holte, wie die Weiber weinten und die Alten murrten, und erfuhr, aufgeweckt wie er war, daß man die Männer gewaltsam zum Soldatendienst preßte, den die preußischen Werber brutal erzwangen. Und einmal sah er, an der Straße gegen Ellwangen, die fürstliche Kavalkade vorüberrauschen, Vorreiter, Läufer, goldblitzendes Pferdegeschirr im Winterabend, wogende Federn am Bock, Windlichter, Schabracken und goldenes Zaumzeug, blitzendes Blendwerk… Man stand am Wegrand und verbeugte sich, bis der Spuk vorüber war. Nachher hörte er die Jagdhörner, weitsehallend, tönend wie auf Flügeln durch den Wiesengrund anschwellen und aushallen – er bestimmte die Töne, den Dreiklang, die Quint – es waren Musikanten unter den Hofjägern. Man redete auch von superben Konzerten in Ludwigsburg, die der junge Herr veranstaltete für seine Brandenburg-Bayreuther Gemahlin oder für andere Damen, die ihn wie ein Flor umgaben. Man redete viel, was Christian nicht alles verstand. Und einmal sagte der Jäger, den er am Kocherursprung traf: „Wenn’s nur alle so zerschlüg wie den bösen Ritter unterm Stein, die hochmögenden Junker und Blutsauger!“
Manchmal pilgerte Christian auch zum Friedhof von St. Johann außerhalb der alten Stadtmauern gegen den Rohrwang gelegen. Wenn er dort herumstrich, zwischen den Gräbern mit ihren pathetischen Epitaphen, mit Bildwerken, die das Gerippe mit der Sense greifbar machten und das mahnende Stundenglas, dann fühlte er sich verloren und flüchtete in die Ekstase, übersteigerte Angst und Verzweiflung mit der Kraft seiner Phantasie, mit dem angeborenen Hang zum Extrem.
Da saß er im zeitigen Frühjahr, ein Vierzehnjähriger, unter den kühlen Flügeln des Windes, und versank lustvoll in seine Schwermut. Das gehörte ihm allein, diese düsteren Bilder, dieser Schauder, diese abgründige Furcht. Wenn er sich so mit Seufzen und gerungenen Händen in die Darstellung seines Kummers verlor, sah er vor sich die Heiligen aus den benachbarten katholischen Gotteshäusern mit ihren schmerzvoll verdrehten Gesichtern, den schwimmenden Augen, die immer groß und schön waren, und den gewundenen wolkigen Gewändern. Das Leben war nur als ein pompöses Theater erträglich – dahinter – ja, das wollte man nicht mehr wissen.
Die Kirchen zogen ihn magisch an, nicht die Orgel allein, die er oft genug in der Aalener Stadtkirche hörte, auch die Bemalung der Wände und Decken; und manchmal wanderte er nach Ellwangen oder in das nahe Unterkochen, wo die gebietende Wallfahrtskirche über dem Dorf thronte, hinter sich den bunten Friedhof mit seinem Ausblick weit über Land.
Da stand er und staunte Anwanders prunkvolle Marienhuldigung an, die Heimsuchung und den Tod der Jungfrau, und sah die vielerlei gemalten Gestalten vom dunklen Rand zur Kuppel immer heller werden bis zu fast aufgelösten Lichtfarben, vom schweren Irdischen sich verklärend und ein erhöhtes Leben verkündend. Er schwelgte, wie er’s selber nannte, und „ergoß“ seine inneren Erlebnisse in tönende Läufe auf dem häuslichen Klavier, oder er sang. Und heimlich, wie das seinem Alter entsprach, schrieb er Verse: Todesgesänge, schüchterne Liebessehnsüchte, religiöse Gedichte.
Einer der preußischen Werber, mit dem er ins Gespräch gekommen war, brachte ihm Klopstocks Oden. In seltsamem Gegensatz zu seinem wenig menschenfreundlichen Amt betrieb dieser Hauptmann von Maltitz den Umgang mit der geistlichen Lyrik des literarischen Ideals der Zeit. Christian saugte zugleich mit diesen Hymnen die Begeisterung für den großen Friedrich auf, die dem Hauptmann Antrieb und Rechtfertigung für seine Tätigkeit war. Einmal nahm Maltitz den Buben mit auf eine Werbefahrt; der Vater glaubte, er sitze in der Schule, die der Lehrer beliebig hindehnte, wenn es ihm gefiel.
Mit Trommelwirbel und aufreizender Marschmusik aus einer Feldtrompete erschien der Hauptmann mit einem Korporal und ein paar Musikern in einem Dorf auf der Aalener Gemarkung. Daß die Werber kamen, hatte sich schon herumgesprochen; Neugierige traten zögernd heran, fragten und schauten. Nur die kräftigen jungen Burschen hielt man versteckt. Langsam, während das Gerassel und Gedröhn im Sommerabend über die staubige Dorfstraße fuhr, schlurften ein paar Männer heran, meist Zweitsöhne, die auf dem kleinen Bauernhof kein Auskommen hatten, auch Querulanten und Herumtreiber, die in keinem Gewerbe guttaten. Weiber waren dazwischen, ängstlich lauernd, ob sich einer der ihren von dem flotten Werber anziehen lasse. Kinder drängten mit glänzenden Augen vor, um die bunten Uniformen und bärtigen Soldatengesichter näher zu sehen.
Der Hauptmann verlas seinen Spruch, Schubart schaute ihm ehrfürchtig auf die Lippen. Aber keiner rührte sich, niemand wollte sich melden. Neben der Lockung stand ihnen das Bild der heimkehrenden Geschlagenen vor Augen, die Ehrgeiz und schlechte Planung oder einfach überlegene Feinde ins Unglück getrieben hatten, Verwundete mit schwärenden Narben, Rechtlose, die auf Barmherzigkeit angewiesen waren und sich krampfhaft ins Schwadronieren und Phantasieren retteten, um noch einen Rest von Achtung zu gewinnen; denn sie waren ja keine Bauern mehr, keine Handwerker, keine rechten Väter und Söhne, nur Abgeschobene und Entgleiste, Abfall der Schlachten.
Der Hauptmann wurde ungeduldig: Es sei ihm leid, sagte er, aber zwanzig Mann seien seine Zahl, die müsse er vor Nacht noch aus Mögglingen heimbringen, darunter tue er es nicht. Die Trommel ratterte wieder, Maltitz lud ins Wirtshaus, ein paar folgten widerwillig, etliche verlotterte Kerle zog der geschenkte Wein magisch an.
Der junge Schubart schlich hinter dem großen Freund drein und setzte sich auf eine Bank im Dämmerigen. Vorn, im Lichtkreis der Kerzen, die der Wirt eilig brachte, lagen jetzt die Papiere ausgebreitet. Man hörte wieder vom Kriegsruhm, von Beute und Schätzen und leckeren Weibern reden, die Burschen nahmen die Becher; viel hatten sie nicht im Magen und Wein kannten sie kaum. Langsam wurden sie munterer. Der Hauptmann trank ihnen zu. Freilich sah Christian, daß ihm der Wirt sein Glas halb gewässert hatte, ohne daß es sonst einer merkte.
Er selber trank vorsichtig, das Ungewohnte schmeckte voll und stark, er kaute ein Brot dazwischen und heftete dringlich die dunklen Augen auf die Männer. Endlich ließ sich einer herbei, die „Verpflichtung“ zu unterschreiben, malte ungeschickt seinen Namen darunter; ihm taten es zwei andere nach, ein abgerissener Knecht setzte sein Kreuz dazu.
Jetzt änderte sich alles. Die Geworbenen wurden von dem Korporal und den Bütteln, die plötzlich auftauchten, derb in die Höhe gezerrt und weggeführt. Der Junge sah ihnen erstaunt nach. Ein paar Bauernburschen zogen sich unauffällig zurück und schlichen hinaus.
Maltitz sprang auf. Da prallte ihm die Tür fast ins Gesicht: Eine Frau stürzte herein, halb angezogen, die Zöpfe langhängend. Sie schrie, man habe ihren Jörgle geholt, wer sollte jetzt das Ackerwerk versehen, wo ihr Mann lahm liege? Sie stellte sich vor dem Tisch der Werber auf, ein dürres Weib, unbestimmbar das Alter, mit flackernden Augen.
Maltitz, ihr gegenüber, wurde grob: Der Bursche habe unterschrieben, es sei alles bestellt und beschlossen und nichts mehr zu ändern. Sie fuhr mit scharfem Blick über die Platte, auf der die Weinpfützen glänzten, und griff den Bogen, der da lag. „Ist’s der? Steht’s da?“ fragte sie gellend. Schubart erkannte eine Zeile mit Namen auf dem hellen Papier in ihren Fingern; er konnte nichts lesen, aber ehe jemand reagierte, hatte das Weib ihren Fund mitten durchgerissen und warf dem Hauptmann die Stücke zu. „Ihr könnt einen nicht besoffen machen und zur Kompanie pressen!“ rief sie, „sie kommen verkrüppelt heim, sind nichts mehr nutz, wenn sie überhaupt wiederkommen!“
Der Hauptmann faßte ihren mageren Arm. „Seid still, Frau, das geht übel aus für Euch!“ sagte er herrisch.
Christian starrte ihn an – er sah fremd und unheimlich aus mit dem Schnauzbart, wie er dastand und die Frau hielt. Sie machte sich los; ein Büttel packte sie von hinten, drückte ihr die Arme an den Leib und warf sie auf die Bank. Christian rückte schnell weg. Er sah das flammendrote und gleich darauf bleiche Gesicht neben sich und dachte an seine Mutter, wenn sie so dasäße.
Er blickte Maltitz an und legte ihm die Hand auf den Ärmel. Der Hauptmann schüttelte den Kopf: „Laßt sie laufen und schaut nicht weiter nach dem Kerl!“ Ins Glas hinein brummte er noch: „Soll der Teufel die Werberei holen!“
Christian schob sich leise hinaus in die Dunkelheit und fand den Heimweg.
Keim aus gärendem Erdreich
Der Vater Schubart hielt es jetzt für nötig, den Jungen in eine höhere Schule zu schicken, da ihm das Herumstreichen mit dem Hauptmann nicht gefiel, noch weniger aber der Einfluß Rieders, dessen lasches, genüßliches Wesen sich immer mehr in Launenhaftigkeit verkehrte, bis man ihm endlich wegen unzüchtiger Handlungen den Prozeß machte und ihn entließ.
Der Dekan wählte also das Nördlinger Lyzeum für seinen begabten Sohn, das der Rektor Thilo leitete, ein tüchtiger Philologe, der auch Theologie studiert hatte und sich mit der Ästhetik der Alten wie mit der Philosophie beschäftigte.
Jakob Schubart brachte den Jungen beim Chirurgen Seidel unter, der bieder und redselig, wie er war, den jungen Christian bald ein wenig in seine Profession einführte, bei allerlei Unpäßlichkeit beriet und ihm das Interessante seines untergeordneten Berufs anpries, den er mit Geschick und Schlauheit betrieb; denn es war durchaus nicht immer nur das Leibschneiden oder Brüche und Quetschungen, die er heilte, er riß Zähne und stach den Star und gab mit seinen skurrilen Geschichten dem Glauben und Aberglauben seiner Patienten zu kauen: Wie die Spinnweben im Stall gegen Warzen gut seien, erklärte er ihm, und was der Nachtschatten schade oder woher die Hexenringe aus Waldpilzen kämen und die glattgescheuerten rindenlosen Streifen an den Eichenstämmen. Er erzählte auch vielerlei von der „Kunst Aphroditens“, wie er sagte, und machte derbe Späße dabei.
Für Christian waren es zwei Welten, und beide behagten ihm – die klare, geordnete, gütig humorvolle Art des Rektors schulte ihm Geist und Verstand, und des Baders Geschwätz schläferte ihn ein wie laue, sumpfige, dumpfe Luft. Was ihm der Vater nahegelegt hatte und immer wieder anmahnte, den Ernst des Glaubens, konnte er nicht recht einsehen; der Religionsunterricht, den Thilo nicht selber gab, war dürr und trocken. Der Rektor führte seine Schüler – und Christian war sein bester – zu den Klassikern: Homer, Plato, Horaz und Cicero wurden vorgekaut und eingepaukt, aber auch über dem peinlichsten Eindrillen verloren sie nicht ganz ihren Schimmer. Schubart las für sich, abends in der Kammer, noch einmal und im Zusammenhang, was er in den Schulstunden hörte. Auch die neuen deutschen Dichter brachte Thilo zum Klingen.
Und dann die Musik, immer wieder brach diese Urbegabung durch: Schubart spielte jetzt fast virtuos, komponierte, sang, Rhythmus und Klang verlockten ihn zu eigenen Versen, die ihm allzuleicht flossen. Auf das Lissaboner Erdbeben dichtete er eine Nänied, stark gefühlt, in „schwellenden“ Tönen, fugierte Choralmelodien, und so nebenbei, fast unbewußt, entstanden Volkslieder, verspielte, derbe und sangbare Reime; ein Gang durchs Feld, eine Nacht im Wald – alles lag in ihm wie ein empfangener Keim bereit, und es brauchte nur ein Wort, eine Tonfolge, daß sich das Geformte fertig aus ihm löste und er es nur niederzuschreiben hatte – aber oft genug ließ er’s auch hinströmen, sagte es nur sich selber vor und verlor es wieder, da es ihm nicht kostbar genug war, um es zu halten. Es formte sich nicht immer ganz originell, manchmal in den Bahnen Klopstocks und Herders, oft als Hexameter. „So lebt ich also –“ sagte er später von jener Zeit – „zaumlos als ein luftiger, gedankenloser Jüngling mein Leben hin.“
1756 verließ er Nördlingen. Man erregte und empörte sich gerade heftig über den jungen Herzog: Carl Eugen hatte es arg getrieben, selbst nach dem Urteil der geduldigen Nördlinger, und was man von Stuttgart hörte, war zwar im Licht ähnlicher Affären nicht ungewöhnlich an europäischen Höfen, aber für die Schwaben auffällig genug: Der junge Fürst hatte sich nicht lang nach den Maximen Friedrichs von Preußen gehalten, die ihm dieser zur Thronbesteigung mitgegeben hatte, wohl wissend, daß er durch seine Beurteilung des Prinzen mitverantwortlich für seine Regierungsführung wurde. Er rate, schrieb der König, drei Jahre seiner Jugend „dem Vergnügen zu weihen“, dann aber zu heiraten und mit Ernst an seine hohe Stellung zu denken. Und obwohl Carl sich schon als halber Junge sterblich in seine künftige Frau verliebte, „weihte“ er sich weiterhin dem „Vergnügen“, wie er es als sein gutes Recht verstand.
Die sechzehnjährige Friederike von Brandenburg- Bayreuth, eine Nichte Friedrichs, galt als Schönheit mit den großen Brandenburger Augen und ihrer grazilen Gestalt. Geist und musische Neigung hatte sie von der Mutter, Friedrichs kluger Schwester Wilhelmine, mitgebracht. Aber es fehlte ihr der Humor, die Weite und Reife, um den neuen Forderungen gewachsen zu sein; sie war zu jung, um, wie Maria Theresia, keinerlei Ansprüche an die Treue ihres Gemahls zu stellen und ihn trotzdem zu lieben, zu hochmütig, um ihr bäuerlich gutherziges Volk zu verstehen, und bald auch zu verstört, um zu alledem auch nur den guten Willen aufzubringen.
Ihr erstes Kind, eine kleine Tochter, starb nach einem Jahr; Carl ritt, jagte, tanzte und feierte, ohne Rücksicht auf sie zu nehmen. Balletteusen und Sängerinnen, primitive, oft nur in ihrem Fach tüchtige Geschöpfe, waren seine wechselnden Gefährtinnen. Die fähigen Minister verabschiedete er schnell; um sich als selbständiger Herrscher zu bestätigen, ließ er unbewährte Berater Einfluß gewinnen, Kreaturen, die ihm geschickt schöntaten, zwielichtige Figuren, die ihn ausnutzten und immer mehr Ausgaben verlangten, denn es sei, so legte man ihm nahe, seine Aufgabe, den glanzvollsten Hof Europens zu präsentieren. Nur der Ruhm einzigartiger Berühmtheiten könnte diese Pracht verleihen. Unsummen brachte das Land auf, erpreßten die Werber und Finanziers, um die unübersehbare Fülle von Festen und Genüssen zu bezahlen.
Ein paarmal war Friederike, die sonst gern an Opern- und Theaterabenden teilnahm, verbittert zu ihren markgräflichen Eltern gefahren; aber sie kam immer wieder, gebeten oder gemahnt und mit Rücksicht auf den Klatsch der Höfe, kaum mehr Carl zuliebe. Dann floh sie endgültig und kam nie mehr zurück.
Christians Vater stammte aus Altdorf, der berühmten Hochschulstadt bei Nürnberg, in der auch Wallenstein studiert hatte und die später Erlangen hieß. Er bestimmte seinen Sohn für Nürnberg. Zwischen Nördlingen und Nürnberg, im Begriff, seinen Fuß in die größere Welt zu setzen, verschaffte ihm ein Freund die Gunst, in Stuttgart die Oper zu hören. Man spielte „Xerxes“ von Händel, und die Pirker, aus England kommend und unter Gluck ausgebildet, sollte die Amastris singen.
Der junge Mann aus der Provinz, schüchtern in seinem unmodischen Frack, den der Freund mit eigenen Tressen aufgebessert hatte, betrat das knarrende Parkett des obersten Ranges im Hoftheater. Der Holzbau roch dumpfig, unten summten die geputzten, gepuderten Zuschauer; oben drückte sich eine Gruppe von jungen Burschen zusammen. Die Hofloge war noch leer. Der steife gemalte Vorhang wogte im Licht der Kerzenreihen, als ein mächtiger Mann davor auftauchte: Der Musikdirektor Jomelli, „so begnadet wie füllig“, wie man sich zuflüsterte. Er wurde erstaunt betrachtet, endlich beklatscht. Aber er winkte mit der fleischigen Hand. Es sei keine erfreuliche cosa, die er zu verkündigen habe: Die célebre und von ihm hochgeachtete Primadonna Madame Pirkerin sei unpäßlich und könne nicht auftreten. Man habe deshalb schnell ein anderes Stück angesetzt, in dem sie nicht benötigt werde, ein Werk des Salieri aus Salzburg, der Mozarts Konkurrent gewesen war. Schubart begeisterte freilich auch das, wiewohl er die Marianne Pirker gern gehört hätte; später erfuhr der Freund, ein junger Musiker vom Hoforchester, die Pirker sei plötzlich verschwunden.
„Was?“ schrie Schubart aufgeregt, „das ist doch nicht möglich?“
„Doch, derlei gibt’s“, murmelte der andere betreten. „Man sagt, sie sei eine sonderliche Freundin der Herzogin gewesen, habe auch früher in Bayreuth gedient und sei des öfteren dorthin gefahren. Und dabei… aber darüber dürfe niemand reden.“
„Man kann sich’s denken“, bestätigte Schubart, „sie hat Briefe oder einen Bericht von der Herzogin mitgenommen, und was drinstand, weiß man schon.“
„Woher hörst du derlei?“ fragte der Freund.
Schubart wurde rot. „Vom Liesele“, bekannte er dann, „die hilft in der Hofküche.“
Der andere lächelte ein wenig blöde.
„Und jetzt?“ fragte Christian Schubart. „Er hat sie verhaften lassen! Ich ahne es schon!“
Der Musiker nickte; er war blaß geworden. „Und auch den Mann, den alten Pirker, und den Friseur Reich – alle miteinander“, ergänzte er flüsternd, „sie seien schon auf dem Twiel, ohne Verhör und Verhandlung…“
„Da sie zu Bayreuth des jungen Herren Sprünge gemeldet!“ sagte Schubart und sah sich unbefangen um. „Komm, Baste, oder magst lieber Drollinger genannt sein, da du nicht hörst?“
Der andere zuckte erschrocken zusammen. Drüben an der Mauer stand ein Mann und schaute herüber; er kannte ihn nicht, und Schubart hatte seinen Namen so laut gerufen.
Er zog den Freund am Ärmel mit, Schubart sträubte sich und schüttelte den Kopf.
Inzwischen trat der dunkle Mensch heran, mit raschen weichen Schritten war er plötzlich da. „Sie sind?“ fragte er.
Schubart mit seinem feinen, fast tierhaften Gespür für die Antriebe der Leute, antwortete spontan: Sie seien Reisende, Freunde des eben angekommenen Seigneur de Saingalt, der bekanntlich Gast des Herzogs sei – „Serenissimi… meinte ich“, setzte er gewandt hinzu.
Der Frager zog den schwarzen Schlapphut in die Stirn und lachte. „So, des Casanova Freunde – die kennt man hierzulande!“ Er blieb einen Augenblick stehen; während sein Gesicht im Schatten lag, verneigte er sich leicht. Dann ging er, mit den gleichen katzenhaften Wendungen, wie er sich genähert hatte.
Sebastian Drollinger nahm Schubarts Arm. „Das hätte schlecht ausgehen können“, flüsterte er, „’s war ein Spion des Herzogs – eher wie nicht!“
„Serenissimi“, verbesserte Schubart und lachte schallend. „Warum läßt er in den Gassen herumhorchen?“
„Von den Gefangenen soll niemand wissen“, meinte Drollinger, „das könnte uns übel aufstoßen, wenn ihn dein Casanovagerede nicht überzeugt hat.“
„Vielleicht erkundigt er sich bei dem Italiener“, vermutete Schubart und fing an zu trällern: „Wär ich der Herr Saingalt – ich würde nimmer kalt …“
„Still, Esel!“ zischte der Freund entsetzt, „mußt uns doch nicht noch einmal hineinreiten, du Leichtfuß!“
Ein paar Tage danach kam ein Bote zu Sebastian. Sein Name war genau vermerkt, obwohl er erst wenige Wochen in Stuttgart wohnte, und Schubart, der ohne Wissen der Eltern noch immer nicht nach Nürnberg abgereist war, saß dabei, als Drollinger das Schreiben öffnete.
„Verehrter unbekannter Freund, junger Mann!“ stand da, „des Durchlauchtigsten Sbirrene haben mich heute morgen besucht, als ich eben, noch schlaftrunken und von einer Aventure träumend, im Bette lag. Sie wollten hören, ob Sie mir bekannt? Und obgleich solches nicht zutraf, habe ich die Intrigue durchschaut und als Ihr treuer alter Freund fungieret. Nun aber wird es Zeit, diese Stadt zu meiden – tun Sie es rasch. Der Ihre, C.“
„Ich hätte wohl Lust, den Casanova wahrhaftig aufzusuchen“, eröffnete Schubart dem Freund.
„Das wäre das Dümmste, was wir tun könnten.“
„Warum?“ Schubart fing an, im Zimmer herumzutänzeln und beobachtete heiter, wie draußen die Schneeflocken wirbelten. Der andere schob Holz in den Ofen, der dieses Jahr noch nicht geheizt worden war. Es qualmte erbärmlich. „Ja, Baste, das tun wir – oder willst mich allein lassen dabei?“
„Du hörst doch, was denen geschieht, die sich bei Hof mißliebig machen“, warnte Drollinger, „ich bin drauf angewiesen, hierorts eine Stelle zu finden, mindestens Schüler, kann doch nicht den Häschern ungut auffallen.“
„Den Shirren? Er redet sie venezianisch an, der Casanova! Du, das ist ein feiner Herr, gelehrt, hört man, und weiß sich dem jungen Herzog angenehm zu machen, nicht bloß den Damen.“ Er blinzelte sehnsüchtig.
„Tu, was du magst“, murrte Drollinger, „diesmal mußt allein gehen.“
Schubart nickte. „Schad’,“ sagte er unter der Tür und war gleich danach in seinem Gasthof, einem alten Haus in einer unbeleuchteten Gasse, durch die der schmelzende Schnee den Unrat schwemmte. Schubart zog sich um. Er fragte den Wirt nach dem Quartier des Seigneur de Saintgalt und der riß die Augen auf und tuschelte ihm zu, der edle Gast bewohne den „Güldenen Schwanen“, allwo er vier Zimmer gemietet habe. Schubart dankte und übersah die ausgestreckte schmierige Hand.
Im „Schwanen“ fand er den Gesuchten nicht. Man war verstört, man schwieg und druckste an einem Wort, man zuckte die Achseln, bis Schubart zornig rief: „Wenn Ihr’s nicht sogleich bekennet, wo er ist, schick ich die herzogliche Polizei nach ihm!“
„Die hat ihn schon!“ hieß es kleinlaut, „vor einer Stunde ist er geholt worden, wegen eines Händels mit den wirtenbergischen Offiziers, die mit ihm gekartelt haben gestern nacht.“
Schubart überlegte, während er die Gasse entlangpatschte. Es roch übel, nach schlechtem Fett und nach den Misthaufen vor den Zäunen. Aber er war nun einmal im Schwung, er mochte jetzt nicht mehr einhalten.
Nach einigem Befragen fand er das Gefängnis, stand eine Weile vor der Mauer mit den vergitterten Löchern, dann fing er im Dämmern an zu pfeifen. Es war ein Tanz, eine Tonfolge aus der Salierischen Oper, mit ein paar Trillern und Schleifen, die er dazu erfand. Drinnen regte sich nichts, außen schlurfte nur ein Bettelweib schielend vorbei.
Da ratterte ein Wagen heran, und Schubart drückte sich an die Mauer. Das Gerassel wurde lauter und hielt an. Aus dem Gefährt, das nur in Umrissen kenntlich war, glitt etwas Helles, ein wehender Schemen, während der Kutscher das Ledertreppchen zum Aussteigen entrollte. Duft streifte den Wartenden, es rauschte an ihm vorbei aufs Tor zu.
Jetzt wurde er neugierig und folgte dem Diener, der das Licht trug. Niemand fragte, es ging alles zu rasch. Am Tor schellte der Lakai. Der Wärter kam, prüfte unter der Lampe ein Schreiben, öffnete eine Tür. Schubart schlüpfte mit hinein. Das Hofpflaster war glitschig und uneben. Der Diener schaute ihn an und hob die Laterne.
„Ein Freund!“ tuschelte Schubart und bückte sich, um nicht erkannt zu werden. Die Dame drehte sich um. Schubart, in einer Eingebung, ergriff ihren Schal und tat, als habe er ihn eben noch vor dem Abgleiten in den Schmutz bewahrt. Er gab ihn mit einem Bückling zurück, erwischte die Rechte der Dame und küßte den Handschuh. Sie lachte und ließ ihn mit eintreten; drinnen stand ein Kommissar.
„Lady Thibaut of Sothcliff!“ stellte sich die Gestalt vor, die Schubart vergeblich näher zu betrachten suchte; ein rauchblauer Schleier verdeckte das Gesicht unter dem toupierten Haar, auf dem ein winziger Hut schwebte. Schubart drückte sich hinter dem breit wippenden Reifrock weiter, ein Wächter erschien schlüsselrasselnd und schaute erstaunt auf den Kommissar. „Sonderpermission Seiner Gnaden, des Grafen Montmartin!“ schnauzte der und ließ die Dame mit einem Bückling vorbei. Wieder ruckte der Wärter unsicher mit dem dicken Kopf, aber sie ergänzte ohne Zögern: „Mit zweien Bediensteten.“
Eine so vornehme Frau konnte unmöglich ohne Begleiter ein Gefängnis besuchen wollen, und die beiden Beamten zogen sich dienernd an die Wand zurück. Schubart hatte sofort die zuversichtlich-devote Haltung angenommen, die seiner Rolle zustand, und der Lakai, das flackernde Lämpchen erhoben, ging wortlos voraus. Der Gang zog sich hin, ein feuchtes Gewölbe mit vielen Türen, hinter denen man die Gefangenen vermutete. Dann wurde die Decke höher, die Mauern glatter, die Umrisse einer Tür erschienen als schwaches Viereck. Der Kommissar nahm dem Diener die Lampe ab, ließ sich den Schlüssel reichen und öffnete. Helligkeit brach in das dunkle Gelaß, in der Ecke schwang sich ein Mann vom Lager und warf einen Umhang über: Casanova. Im ungewissen Schein erkannte Schubart ein weiches Profil mit angebogener knapper Nase, große Augen, dunkle dichte Brauen; das Haar hing zerzaust um die schmalen Wangen und das schwache Kinn – ein romanisches Gesicht ohne bedeutende Linie – dachte er schnell, als schon die Lady, ungeachtet ihrer Zuschauer, auf den Erschrockenen zuflog und – „Giacomo!“ – ihm am Hals lag. Kommissar und Wärter wandten sich in den Gang zurück und die beiden Begleiter blieben stehen wie Holzklötze.
Casanova faßte sich und schob die Dame sanft von sich ab. „Wie hast du das fertiggebracht, du Hexe?“ fragte er italienisch, was Schubart einigermaßen verstand. Sie sprudelte vergnügt und unaufhörlich, halb deutsch, halb italienisch, eine phantasievolle Erklärung; dann fragte sie flüsternd: „Wie bringen wir dich hinaus?“
„Mylady!“ rief Casanova lachend – er schien seine Haft trotz gräßlicher Drohungen seiner Wärter nicht ernst zu nehmen – „Mylady!“
„Du weißt ganz gut, wer ich bin!“ sagte sie und schlug endlich das Schleierchen zurück, freilich so, daß Schubart ihr Gesicht nicht sah.
„Jetterin, du freches Geschöpf!“ kam es jetzt deutsch und deutlich aus dem Mund des Kavaliers. „Hinauskommen? Nicht ganz leicht, zumal mir hier weder ein dummer Mönch noch ein steiler Dachfirst dienen wird, wie zu Venedig in den Bleikammern.“
Schubart, mit seiner ganzen jungenhaften Abenteuerlust, rief dazwischen: „Aber ich getrau mir, die Wächter abzulenken und Sie zu decken, Mylady und Seigneur!“
„Parbleu, der ladrone redet italienisch!“
„Soltanto un poco!“ wagte Schubart schüchtern, „aber…“
Da war schon der Wächter wieder da, pochte und rasselte, vermeldend, es sei nicht länger statthaft, mit dem Delinquenten zu „karessieren“. Er sagte wirklich so, und Schubart lachte laut, was einem Bedienten kaum angestanden hätte. Aber die Dame winkte gnädig und überreichte mit einem charmanten Lächeln dem Delinquenten ein umfängliches Paket, das sie unter dem Reifrock hervorzog. Dann entfernte sie sich mit Händewedeln und Nicken. Schubart, der als letzter ging, drehte sich um. „Sono sempre al Suo servizio!“f rief er kühn, selber nicht ganz überzeugt von seinen Sprachkenntnissen. Aber – „Mille grazie, amico!“ respondierte der Kavalier und lächelte entzückt. Er war ja auch wirklich in einer Lage, in der man einen dienstbereiten Freund brauchen konnte.
Draußen wandelte sich die Lady in ein kicherndes, ziemlich alltägliches Geschöpf, das Schubart schöne Augen machte. Immerhin hatte es ihr imponiert, daß der junge Mensch die Sprache des berühmten Reisenden beherrschte, wie sie meinte. Und Schubart nahm sich vor, den Faden, der ihn vielleicht schon beim Beginn seiner studentischen Laufbahn an ein Abenteuer knüpfte, nicht so schnell loszulassen.
Die Gelegenheit, ihn weiterzuspinnen, kam bald genug. Schubart, den Freund Baste verlassen hatte, war schon entschlossen, endlich weiterzureisen, als ihn der Diener der Jetterin aufsuchte. Er habe einen Brief im Sack, flüsterte er in derbem Schwäbisch, von der Madame Lady, und er, Schubart, solle ihn gleich lesen, da ja „der andere“ nimmer da sei, wie man erfahre. Das Geschreibe war ziemlich fehlerhaft, die Schrift holprig. Aber der Inhalt elektrisierte ihn: Er möge sich bereithalten, da er der einzig denkbare Helfer sei, sein Versprechen betreffend die bewußte notleidende Person wahrzumachen, und zu diesem Zweck des Abends um halber neune im Schloßpark am Lusthaus hinten warten.
Er verschob seine Abreise und bestieg in frühem Schneegestöber den Wagen, in dem die Frau im Dunkeln auf ihn gewartet hatte. Dem klingenden Trinkgeld der Jetterin war es zu danken, daß man ohne den Wärter zu dem Gefangenen vordrang. Drinnen war es Nacht, die Lichtbahn vom Fenster verhängt; jemand sprang vom Lager und zog den Vorhang weg. Schubart sah erstaunt, daß es eine braunhäutige Frau war, die nicht ungeschickt mit ihrem schaukelnden Reifrock umging, als sie hüftwiegend herankam. Eine weiße Lockenperücke verbarg die Stirn, ein Schal um den Hals, geraffte Spitzen rundeten die Figur, Handschuhe deckten die etwas lang geratenen Hände. Es war dasselbe Kostüm, wie es die Jetter trug. Freilich, das Sprechen dämpfte die Dame vorsichtig, als sie „Buona sera!“ wünschte.
Schubart durchschaute das Manöver sofort, aber – wie sollten dreie hinausgelangen, wo zwei hereingekommen waren? Etwas sorgenvoll bedachte er seine eigene Rolle. Würde Casanova von ihm verlangen, daß er zurückblieb? Den Gefangenen spielte? Sich jahrelanger Haft aussetzte – ihm zuliebe? Er sah die Jetterin erschrocken an. Aber er hatte sich in ihr verrechnet. So dumm sie ausschaut, so schlau ist sie doch, dachte er erleichtert: sie befahl ihm, den Arm der „Dame Neuhaus“ zu nehmen.
Schubart stockte zuerst, bis er sich klarmachte, daß Casanova auf deutsch Neuhaus bedeutete. Da tat er, was sie ihn geheißen hatte. Aber die Lady? Er fragte fast gleichzeitig mit dem Verkleideten. Sie bleibe, erklärte die Jetterin, und sie werde eine Geschichte erzählen, daß es die Wärter grause. Und – freikommen werde sie auch, dafür sei gesorgt.
Nicht sofort, aber sichtlich erlöst, nickte Casanova. Ehe er noch höfliche Einwände machen konnte, tappten draußen Schritte heran. Die Jetterin schlüpfte mit einer Behendigkeit unter das Lager, die einige Übung vermuten ließ. Sie zog die Decke herunter und hielt sich reglos. Als der Wärter umständlich aufschloß, lag das Logis in der trüben Dämmerung seiner Laterne. Schubart und seine „Dame“ traten ihm so schnell entgegen, daß er gar nicht mehr hereinzukommen brauchte. Er brummte etwas von späterer Kontrolle durch den Kommissar persönlich und ging voraus mit dem Licht. Die Tür verschloß er.
Im Hof bestieg die „Dame“ ihre Karosse. Schubart saß auf dem Bock beim Kutscher. Ein Stück weiter, im Park wartete ein zweiter kleinerer Wagen, Casanova stieg wortlos um. Er winkte flüchtig aus dem Fenster des Gefährts, das ihn – Gott wußte, wohin – in die Dunkelheit entführte.
Schubart, zitternd vor Spannung, mußte jetzt an seine geschmolzene Barschaft denken. Ob er bezahlt sei, fragte er den Kutscher, und wie weit er ihn mitnehmen könne? Das sei erledigt, antwortete der Mann neben ihm, und er werde ihn am Eßlinger Tor absetzen. Nicht weit davon lag Schubarts dürftiges Quartier. Erschöpft, als habe er Schlachten geschlagen, schlief er in der Nacht. Am nächsten Tag gingen Gerüchte um, die ihn vorsichtig machten. Es hieß, man habe im Gefängnis des Seigneur de Saintgalt eine Dame gefunden, die sich als Lady ausgebe. Sie sei, wie sie versichere, von dem berüchtigten Abenteurer aufs übelste mißhandelt worden, schließlich habe er sie hilflos auf dem Stroh liegen lassen und sich davongemacht. Daß sie eine Lady sei, glaubte man ihr freilich nicht, aber die sie kannten, schwiegen lieber. So wurde die Jetterin frei, fuhr heim und lachte. Der betrogene Wächter wurde bestraft, obwohl er mit heiligen Eiden beschwor, daß Tür und Tor unpassierbar gewesen seien. Casanova verfolgte man nicht – er hatte Gönner am Hof.
Schubart war allein. Den Drollinger war er los, leider, denn er war ein guter Kerl gewesen.
Das Liesele in der Hofküche und die Gretel am Markt und die Hanne im Wirtshaus – der junge Mann hatte in Stuttgart viele Bekanntschaften gemacht und manche Freundschaft geschlossen, und als er nach Nürnberg kam, trieb er’s so weiter. Es waren dumme, naive und raffinierte Geschöpfe darunter und er – ein Bursche von siebzehn Jahren, noch fast ganz unerfahren und recht gutgläubig, erwartete von jeder die Offenbarung und Erlösung, bis er allmählich stumpfer wurde und leichtfertiger mit den Mädchen umging. Er tröstete sein pietistisch geschliffenes Gewissen mit der Dichtermoral, die er sich vorsagte, und flog hin und her, bis ihn der Vater, ernstlich besorgt, heimrief und zum Studium der Theologie in Jena bestimmte. Sehr begierig war der junge Schubart freilich nicht auf das Studium, denn er bemerkte altklug, daß die hohe Schule weder den Weisen noch den genialsten Mann schaffe, man könne wohl beides sein, ohne je eine Universität gesehen zu haben. Nun tat er sich zunächst in der Heimat um, besuchte den Lauterburger Pfarrer Schuler, der wie viele Zeitgenossen die Himmelskunde betrieb, „Gläser schliff und Sehrohre machte“, und versuchte sich selber in der Astronomie, wie er alles ergriff, was es Neues und Interessantes in seiner Umgebung gab, wißbegierig und aufnahmebereit.
Im Herbst 1758 reiste er, bepackt mit Büchern, Wäsche, Würsten und Bouteillen und nicht minder mit Ratschlägen und Verboten, nach Jena ab. Aber unterwegs, in Erlangen, hielten ihn die sangeslustigen Genossen und ein paar hübsche Mädchen fest, er warf sich unternehmend ins Gewirbel des Burschenlebens, ein trink- und musikfreudiger Mensch und rede- und versgewandter Gesellschafter, ohne weiter zu denken, als wie er mit den schwärmenden Freunden Tage und Nächte „hinbrausen“ könnte. Dazwischen studierte er „tumultuarisch“, wie er es später reuevoll nannte, alles durcheinander; Systeme waren nie seine Stärke und niemand hatte ihn je angewiesen, sich zu beschränken, einzuteilen, zu wählen, wie es für eine „seriöse Bildung“ nötig gewesen wäre.
Da verklagte ihn sein Hauswirt wegen der Mietschulden, der Weinschenk wegen der Kreide für viele unbezahlte Bouteillen und einige Väter wegen den Umtrieben mit ihren Töchtern; er schrieb nach Hause, er sei ein zitternd halbverhungertes Opfer seines Übereifers in Theologiae und einiger böswilliger Verleumder, doch der Dekan in Aalen reagierte unerfreulich: Der Herr Sohn habe denen großen Opfern derer eingeschränkten Eltern zu gedenken und sich entsprechend eifrig seines Studiums zu befleißigen, da man ihm sonst den Wechsel sperren würde.
Aber zu dieser Umkehr war es zu spät. Als er nachts heimkam, wartete der Stadtbüttel; er saß mürrisch und mit dem Schlaf kämpfend auf der Stiege, Der Herr sei verhaftet und habe unverzüglich ins Stadtgefängnis mitzugehen, „keine Widerrede, Herr Studiosus“.
Der weinselige Schubart taumelte in der kühlen Nacht, schlich vor dem Büttel in sein Verlies – sein erstes, wenn man den Besuch bei Casanova nicht rechnen wollte, und kroch zerknirscht in eine Mauerecke. Was die zu Hause denken würden, und die Freunde und die Mädchen? Und – die Professoren? Aber er hatte keine Protektion und keine Damen zur Seite, die ihn freimachten wie den Casanova; er mußte brummen.
Man hielt ihn ordentlich, gab ihm gut zu essen, da es ja um Kavaliersdelikte ging, um Spiel- und Trinkschulden eines Studenten, aber herauskommen würde er kaum, ehe der Vater zahlte.
Ein paar Tage dämmerte er bekümmert hin, danach erwachte die alte ruhmredige Lust am Leben und dem eigenen Genie, er verlangte Feder und Papier und einen Boten, der sein Geschreibe forttrage. Eine gestickte Weste gefiel seinem Wächter, und mit ihr erkaufte Schubart sich auch den Besuch eines Freundes, der einen Korb Flaschen mitschleppte; dann wurden es mehr Besuche und auch Giovanetta wurde hereingeschoben, seine italienische Freundin, die hübsche sizilianische Liedchen singen konnte.
Als endlich ein zorniges Schreiben und – „um der Schande willen“ – ein Guldenbetrag von Aalen kam, ließ sich der Wärter erbitten, ein altes Klavier hereinzuschaffen, das dem Kommissar, einem ehemaligen Gastwirt, gehörte.
Jetzt sah Schubart keinen Grund mehr, sich zu grämen: Er gab „Konzerte“ mit der Giovanetta, spielte, komponierte und „wütete in die Saiten“, trank, lärmte mit den Freunden, und lebte zudem umsonst auf Staatskosten – bis ihn der Bruder Conrad, Student der Rechte, unverhofft besuchte, und hinter ihm, schrecklich genug, das ernste magere Gesicht des Vaters auftauchte.
Indessen war er von der Hohen Schule relegiert worden, der Vater ließ letzte erborgte Gulden zurück, bis die Haft abgesessen sei, und Schubart kämpfte mit einem Fieber, das ihm sein unmäßiges Leben eingetragen hatte. Einer seiner Lehrer, der sein musikalisches Talent kannte, erwirkte endlich mit eigenen Opfern die Freilassung.
Schubart kam heim, nach Aalen, ins stille wohlgeregelte Dekanat, ohne Examen, ohne irgendein Zeugnis seines Fleißes, ohne Geld und – krank. Der Vater sprach nicht mit ihm, die Mutter weinte, die Brüder, so oft sie nach Hause kamen, mieden ihn ärgerlich.
Und ihm schwirrte der Kopf, Fieber und wilde Ideen trieben ihn um, der Medikus kurierte weniger, als er ihn kujonierteg, da er den Kummer des Dekans sah. Schubart hielt sich brav, er spürte die fragenden Blicke seiner Mutter, und die gingen ihm näher als des Vaters steinerne Miene. Er stand am Vormittag auf, die Abstinenz von Wein und Umtrieb fiel ihm schwer. Unlustig stocherte er im Essen herum, das die Magd fett und mehlreich gekocht hatte; gegen Abend lief er in die Wälder; jetzt, im Frühling lagen sie rotbraun knospend, voller Erwartung unter dem hellen Himmel; aus dem starkduftenden Boden stießen Grasspitzen und aus den schmalen Zweigen gelbgrüne Knospen, die Berghänge schwangen sich am Horizont hin, hauchzart gezeichnet, in der Ferne immer blasser und unbestimmter schwebend, wie eingesogen und aufgeschlürft von dem Wind, der die nahen Bäume wiegte und schaukelte. Schubart hatte eine Predigt des Vaters mitanhören müssen, ungern genug setzte er sich den unverhohlen feindlichen Blicken der Honoratioren aus, paßte nicht recht auf, da er sich über die nüchternen gradlinigen Gedanken des Alten erhaben dünkte, und wußte doch, daß es um die „herrliche Freiheit der Kinder Gottes“ ging.
Jetzt, im zunehmenden Abendwind, dachte er daran: Freiheit! Klopstock sang davon: „O Freiheit, Silberton dem Ohre, / Licht dem Verstand und hohes Glück zu denken, / dem Herzen groß Gefühl…“ –
Freiheit – das ist mein Grundklang, Freiheit, die Freiheit vom Zwange; „Kinder Gottes“, das verpflichtet, und ich will nicht, will nicht eingeschworen sein auf irgend etwas; ist der Wind da angebunden? Die Zweige? Wolken und Vögel? – Menschen allein zwingen einen ins Joch, das ich nicht mag.
Es wurde langsam dunkler, Umrisse verschwammen, Farben bräunten sich, der Himmel ließ noch ein paar schmächtige Streifen rot aufscheinen, dann zog sich der unsichtige Vorhang zu.
Schubart trabte heim, den Mauern zu. – Freiheit, Freiheit, dachte er auf einmal, gibt’s die, wenn nicht auf jemandes Kosten? Wie wollte ich frei leben ohne des Vaters Geld? Frei schreiben ohne des Buchbinders Buch, des Tischlers Tisch, der Vorigen überliefertes Wissen? – Ach ja, niemand ist aus sich selber. „Keiner lebt ihm selber und keiner stirbt ihm selber“, das ist ein Bibelspruch, wie komm ich daran? Eingetrichtert von Kind an, eingebleut… Er suchte sich den Weg in den engen Gassen bei spärlichem Licht; aus den Fenstern schimmerte und schummerte es vertraut. Freiheit, Freiheit – wo? Da kam er ans Dekanat und schellte. Die Messingglocke schepperte ungut, die Magd schloß auf, es roch nach feuchtem Stein, aber doch auch nach Wärme, Holzbrand, Essen, Tabak – die Amtsstube des Vaters lag hier unten; er schrieb, übersetzte, präparierte und memorierte seine Predigten, er tat mehr, seit er den wilden Sohn noch mitverhielt. Schubart schlich in seine Stube unter dem Dach und kam nicht zum Nachtmahl herunter.
Nach ein paar Wochen – anonyme Briefe und Andeutungen aus seiner Gemeinde setzten dem Dekan hart zu – nahm er sich den Sohn vor: Er solle endlich versuchen, den für gescheiterte Theologen üblichen Weg zu einer Hauslehrerstelle einzuschlagen; es gebe in der Nähe Leute, die es mit ihm versuchen wollten. Auch an den Fürstprobst von Ellwangen müsse man sich wenden, da ja – wie er wisse – der katholische Kirchenfürst lamentablerweise noch immer über die lutherischen Pfarrstellen zu befinden habe. Er möge wählen; einen der beiden Wege sehe der Vater noch für ihn.
Schubart schwankte zwischen Trotz und Zerknirschung: Das Gefühl vom eigenen Genie brauste ihm stark durch den Kopf, und die Demutslehren des Vaters saßen ihm von Kind an im Gebein. Zum Hauslehrerbittgang fühlte er sich zu krank, hatte auch keine wirksamen Argumente für sein Versagen zur Hand. Aber dichten, ein Poem „schmettern“, mit dem er zugleich den Fürstprobst und die Welt von seinem Geistesflug überzeugte, das wollte er, und damit – ein schwäbisch-schlauer Gedanke schlich sich ein – zugleich dem Ellwanger Fürsten schmeicheln; das war üblich und nötig und schloß ihm die Pforten und Hände auf zum geistlichen Palais, aus dem die Gewährung einer Pfarrstelle ihm kommen sollte, trotz dürftiger Studien und fehlender Examina. Zwei Tage darauf war Wochenmarkt. Im Aalener Dekanat saß Schubart und horchte auf den Lärm draußen.
Es war Spätsommer. Die Bauernwagen rumpelten durch die Gasse, Kinder schrien und Weiber zankten, und die Männer hatten neben ihrem Handel Zeit zum Fluchen oder zum Flattieren, denn es waren auch anmutige Mädchen auf dem Marktplatz, die ihre geblümten Röcke schwenkten. Man sah freilich nur einen Zipfel vom bunten Getriebe, denn das Haus stand in einer Seitengasse; aber dem jungen Mann genügte es schon, um seine Phantasie zu entzünden. Er lag breit im Fenster, schob die Blumenstöcke auseinander und lachte darüber hin.
Ein paarmal drehte er sich um, nahm aus dem Becher einen Schluck und schaute dann wieder hinab. Da stieß er mit dem Ärmel ans Glas. Der Rotwein floß über den Tisch und auf das weiße geglättete Papier. „Die Ode!“ jammerte Schubart erschrocken, denn auf dem Bogen standen schon einige Verse sauber ins reine geschrieben, die jetzt langsam verwischten. „Hol’s der Henker!“ schimpfte der Dichter, „das Stück wär’ so übel nicht, jetzt muß ich’s noch einmal abschreiben!“ Er räumte das Glas auf und wischte an seinem Kunstwerk herum, aber viel war nicht mehr zu retten.
Die Mutter schaute herein und fragte nach dem Fortgang der Arbeit. „Der Teufel soll den Fürstpropst holen!“ brummte Schubart, „plag’ ich mich wie ein Hund mit dem Poem auf einen feudalen Pfaffen und verschütt’ den Wein drüber!“
Die Frau Dekan kam heran und half den Schaden bessern. Dann schaute sie mit schüchterner Bewunderung auf das rosig verfärbte Papier.
„Darf ich’s lesen, Christian?“
„Leset’s gern, Frau Mutter“, sagte Schubart, „es soll ihm wohltun; wird ihm noch nicht oft passiert sein, seit er lutherische Pfarrer ins Brot setzt, daß einer dichtet! Der kann mir die Stell’ nimmer abschlagen.“
Helene Schubartin fing laut zu lesen an und legte viel Andacht in ihren Ton:
„Der Musen Schar, so den Parnaß umgaukelt,
Vermengt der Glieder Tanz mit himmlischem Gesang,
Indeß Apoll die Leier schaukelt,
Draus göttlich aller Töne Quell entsprang…“
„Da ist’s aber ganz verwischt!“ sagte die Dekanin bekümmert, „kannst du’s noch lesen?“
Schubart stand auf. „Jetzt kommt die Stell’ vom Gesang – die muß her!“
Sie mühten sich beide, mit heißen Wangen übers Papier gebeugt. Schubart vermißte ein Blatt seiner Aufschriebe, er fuhr sich verzweifelt in die Haare, luftholend lief er ans Fenster und beugte sich vor: Drunten summte es wie Bienengeläut, Gelächter mischte sich mit ein paar Liedzeilen, die er nicht verstand. Er drehte sich zur Stube hin wie ein Kreisel und reimte plötzlich aus dem Stegreif:
„Gesang, der Fröhlichen beglückte Wonne,
Der vollen Herzen Überlauf!
Du dampfest, wie der Tau im Strahl der Morgensonne,
Bis zum Olymp hinauf!“h
Langsam wuchs die Ode wieder zusammen. Die Mutter brachte ein neues volles Glas und riet zur Geduld. Doch eh „Apoll“ ausgesungen hatte zur „schaukelnden Leier“, verzog sich schon drunten der Marktlärm.
Obwohl die Hymne unversehens aus dem antikisch Heidnischen ins barock Christliche umschlug, schien sie den Fürstpropst nicht ganz zu befriedigen; er war ein Fugger-Glött, ein feingebildeter, literarisch und künstlerisch empfindsamer Mann.
Schubart empfing, sehnlich erwartet, nach zwei Wochen sein Honorar: Das Geld für einen „wolltuchenen, wohlgefälteten Ausgehrock“, wie er einem Erlanger Freund resigniert berichtete.
Da blieb nur die Hauslehrerstelle. Sie bot sich im nahen Königsbronn beim „Unternehmer“ Bletzinger, der mit dem herzoglichen Königsbronner Hüttenwerk zu tun hatte. Dort waren die Kinder zu unterrichten. Hauslehrer sein hieß, sich einfügen und anpassen, bescheidentlich hinnehmen, was geboten und verboten wurde, da man ohne Rückhalt von den finanziellen Gnaden des Hausherrn abhing. Schubart fuhr und ritt oft heim; er wanderte, bis ihn Herbststürme mit krachenden Ästen und Regenschauern vertrieben.
Auf diesen Gängen entwarf er Oden und Nänien, kurze, flink gereimte Lieder, Gesänge in Klopstocks Stil. Er zeichnete Geschichten auf, die er hörte oder las. Die schreckliche Ballade von den feindlichen Brüdern notierte er und schlug darin wieder das Grundthema seines Wesens an: Freiheit, Verkümmerung im Zwang, Verrat an der echten Freiheit, der innersten.
„Sturm und Stille“
Das Gerede von seinem unchristlichen Wandel brachte den Herrn Bletzinger auf; das machte weniger dem Sohn als dem Vater zu schaffen; um dem zu begegnen und sich selber zu beweisen, daß das Genie alles vermag, übernahm Christian noch neben der Hauslehrerstelle gelegentliche Predigten in den Dörfern um Aalen, in Essingen, Mögglingen und Wasseralfingen, und schließlich ließ ihn der Vater auch in der Aalener Stadtkirche die Orgel spielen. Dazwischen trieb es den Unruhigen hinaus, was in seinem Umkreis „hinaus“ hieß: ins Limpurgische, nach Obersontheim, seiner Geburtsheimat, nach Oberroth und Michelbach im Hohenloheschen, nach Schwäbisch Hall und Gaildorf. Er schrieb auch an manchen bedeutenden Mann, im Drang nach Austausch und Aussprache, die ihm zu Aalen fehlten, und auch aus dem Streben nach mehr Ruf und Namen und Verbindungen heraus: an Balthasar Haug, den Pfarrer von Stotzingen, der über die „Schönen Wissenschaften in Schwaben“ ein viel beachtetes Buch geschrieben hatte, wandte er sich eigens, brillierte mit humanistischem Wissen und gelehrter Kenntnis und sagte dort seinen Besuch an.
Lustig tanzten in den Briefen seine Streiflichter über Land und Leute: Des Pfarrers zu Groningen Tochter, die eben Hochzeit hielt, nannte er „schlank wie eine Erle und frisch wie Morgentau, aber eben nicht die Klügste“. In Sulzbach sah er den achtzigjährigen Großvater, den Forstmeister Hörner, und dachte an die Pistolengeschichte; er predigte dort und da – über wahrhaftige Buße und den Unterschied zwischen den Frommen und Lasterhaften. Er berichtete dem Schwager Böckh von seiner Lektüre: Montaigne und Moser und ein Werk über Naturrecht hatten ihm die Freunde besorgt – Politik und Youngs Nachtgedanken beschäftigten ihn, und wenn er das alles hinschrieb und im Paradies ersehnter Geistigkeit schwelgte, dann spürte er seine Lage um so mehr, er plagte sich damit, den kritischen Blick des Vaters und den besorgten seiner Mutter zu verwinden und hoffte immer wieder, irgendeinen Faden zu erwischen, an den sich ein Fortkommen, ein Unterkommen wenigstens, anknüpfen ließe.
Man hatte seine Predigten mehr künstlerisch und künstlich als kernhaft gefunden, eher „hohe Lackfarben denn Saft und Kraft“ bezeugend, und er selber notierte, daß ihm in der „Trunkenheit“ – einer begeisterten Trunkenheit gewiß! – „die fieberhaften Erschütterungen der Andacht gemangelt hätten“. Fieberhaft und trunken – das war jedenfalls die Luft, in der er atmen konnte.
Man hörte trotz allem den hingerissenen Prediger im Land nicht ungern, seine Kirchenbesucher ließen sich willig mitnehmen, mehr als seine Oberen, denen das biblisch nüchterne Wesen und das rationale Begründen wichtiger waren. Er machte Aufsehen mit seinen Predigten, die er gelegentlich in munteren Versen verfaßte, ein Spieler mit dem Wort wie mit dem Klang.
Noch vor 150 Jahren hatte man den rühmlichen Titel des poeta laureatus erhalten, wenn man die Bibel in lateinische Verse brachte – Christian versuchte es mit deutschen, und da sie zwar allzu bilderreich, aber doch rührend genug waren, riß er die kleine Gemeinde mit, vor der er stand. Nur – der Dekan Schubart sah eine Lästerung darin und verbot es ihm. Dafür unterstützte er den Sohn, wenn er die Aalener Stadtkapelle dirigierte, die fast nur aus Handwerkern bestand.
Einmal brauchte der Trompeter geistlichen Trost: Es war im Januar, schmetternd scholl der Morgenchoral von der Kirchenbrüstung in den Sonntag. Nachher gab es einen Trunk im „Adler“, um die heisergeblasenen Kehlen zu schmieren. Am nötigsten hatte der Hauptzinkenist diese Arznei, da er in der rauhen Albluft seine große Posaune handhaben mußte.
Schwankend und gleitend kam er am Arm des Kapellmeisters heim, während die vereisten Wege knackten. Die Frau Trompeterin war von starker Statur und Stimme und kanzelte den Mann samt dem Dirigenten übel ab, als sie zur Tür hereinstolperten. Das hörte der Zinkenist eine Weile an, aber als sie ihm mit der Hölle drohte, sank er ins Ofeneck und ergab sich dem heulenden Elend. Schubart, der weniger getrunken hatte, dauerte der Mann unter den Schimpfreden der Frau. Er setzte sich neben ihn und reimte laut:
„Gepriesen sei der Zinkenist,
Der Herr und sein Geselle,
Er kommt, wenn er gestorben ist,
Gewiß nicht in die Hölle:
Im Himmel gibt man oft ein Fest
Für auserwählte Christen
Und weil man dort Posaune bläst,
So braucht man Zinkenisten!“
Wütend fuhr die Frau auf ihn los. Aber Schubart lachte nur, und lachend lief er, die kalten Hände reibend, nach Hause.
Wie so oft, war auch für den Spieler Schubart, der ein homo ludens stärkster Prägung war, die Aufwertung des eigenen Bildes ein wesentlicher Antrieb: Wenn irgendein Mangel dazu zwingt, erreicht mancher geistige Leistungen, die ihm sonst versagt blieben, wo das gesellschaftliche Gewissen mahnt, die „Beweise“ vor den guten Bürgern fehlen, die Familie sich verlegen oder ärgerlich zurückhält, da öffnen Trotz und verletzte Eitelkeit Quellen, die verschüttet gelegen haben. Das alles jagte ihn vorwärts.
Aber der junge Schubart spürte auch schon das eigene Gepräge: Etwas Unaufhaltsames und Unübersehbares, das ihn führte. Er wußte, ohne es vor sich selber zu formulieren, daß er an einer Grenze lebte, wo unehrlich gewordene Form, Übersteigerung und Müdigkeit den Niedergang einer blutleer gewordenen Epoche anzeigten und Neues noch unsicher heraufkam. Er löste sich, kaum bewußt, aus den Suggestionen autoritärer Begriffe und Lebensweisen, sah mit instinktsicherem Interesse, wie sich in Amerika ein Prozeß der Selbstbesinnung langsam anbahnte, wie in Europa Kirche und Thron, die schon lange Schäden und Risse gezeigt hatten, einer neuen Interpretation bedurften, und empfand sich als berufen, solcher Beobachtung Ausdruck zu geben. Nur war in ihm noch alles zu wenig erfahren, zu wenig fundiert. Debatten mit dem Vater hielt er für sinnlos, die Mutter versagte ohnehin, wenn er fragte.
Damals begegnete ihm Katharina Darm, trotz ihres unschönen Namens ein anmutiges heiteres Mädchen, Tochter eines vermögenden Bürgers von Aalen, sprühend jung und vital, bei aller scheuen Hausbackenheit. Schubart verliebte sich schon nach der ersten kurzen Begegnung so heftig in sie, daß er zu heiraten vorhatte. Wenn sich die beiden am Langert trafen, im Frühling, der dort noch abweisend kühl und windig um den Berghang trieb, lag Schubart im struppigen gelbgrauen Gras und schaute zu dem Mädchen auf, das ihn aus feuchten blauen Augen halb mitleidig und halb begeistert ansah; sie hörte sein berauschtes Gestammel und lächelte. Er glaubte sogar, sie bilden zu müssen, er erzählte von seinen Schriften, von Oden und Hymnen, die er plane, von seinen frühen Todesgesängen. Sie lächelte und ließ sich die Hände küssen. Der Seidelbast blühte, daphne mezereum, wie Schubart erklärte, und Katharina lächelte immer noch. Das ging ein paar Wochen lang, bis sie vor seiner jähen Heftigkeit erschrak. Er wühlte weinend den Kopf ins Laub und schwor, sie nie zu verlassen.
Der Dekan Schubart hörte von der Liebschaft und drängte den Sohn, „an seine Versorgung zu denken“. Jetzt freilich war Schubart kein Spieler mehr – Spielzeug und Instrument, zwischen Leidenschaft und Umwelt geworfen hing er da und versuchte, sich und seine Lage zu begreifen. Er schickte verzweifelt Bewerbungen und Bittbriefe hinaus, der Vater versuchte, alte Beziehungen auszunutzen, die Schwester, mit dem Conrektor Böckh in Wertheim verlobt, wurde zur Hilfe aufgerufen.
Schließlich kam eine Anstellung in Geislingen zustande, und Schubart nahm an: In einer unsauberen dunklen Schulstube tobten fast siebzig ungeschliffene Buben, und Schubart wäre am liebsten zurückgetreten, als er das Lokal seines Wirkens gesehen hatte. Aber – was blieb ihm übrig? Der Vater drängte, Katharina zögerte schon, er brauchte Geld. So nahm er die Lehrstelle an und hatte zudem noch Leichencarmen zu dichten und mit den ungeschlachten Burschen einzuüben, und seinem Vorgänger, für den es – wie üblich – keine Pension gab, von seinem knappen Verdienst einen Teil abzugeben.
Böckh wurde bald danach Rektor in Eßlingen, und Schubarts Briefe an den Schwager malten lebendig und nachdrücklich aus, was er als Schulmeister tat und litt. Der Schmutz und Gestank, die Unordnung und Faulheit, die ihm zusetzten, war das geringste der Übel: Unfreiheit hieß das größere. Seine Zeit war ausgefüllt, die Stunden erlaubten ihm kein dichtendes Schwärmen und kaum eine vertrunkene Nacht mehr. Und Katharina, die er nun, als bestallter Lehrer, um ihre Hand fragte, zog sich zurück. Die Eltern wollten das Geld nicht aus der Stadt geben, hieß es. Katharina widersetzte sich nicht. Sie hatte selber Angst vor dem unbändigen Poeten, sie fürchtete das ungeregelte und ungesicherte Leben, das ihr die Eltern vorstellten. Denn ein „wolltuchener Rock“, wie ihn Schubart sich aus dem Geschenk des Fürstpropstes von Ellwangen für vier Carolins erworben hatte, das schien ihr doch auf die Dauer keine Garantie für ein geregeltes Dichterhonorar, und wie es um die Besoldung eines Schulmeisters stand, hatte ihr der Vater – „nach eingehender Erkundung des casus“ – niederdrückend deutlich gemacht – zumal der Mann in Geislingen amtete, und nicht einmal, wie es sich gehört hätte, in Aalen. – Zu jener Zeit schrieb Schubart an den Schwager Böckh:
„O Leben, klein Geschenk, wenn dich mein Geist durchdenket,
Mir nichts als eine lange Nacht,
Dein hoffnungsreicher Lenz, der andern Rosen schenket,
Hat nichts als Dornen mir gebracht…
Wie schwer ist’s in der Welt, sich Gönner zu erwecken,
Zwingt mich ein trauriges Geschick
Wie Satans Bild, krummschleichend, Staub zu lekken,
Grausamer Weg zu meinem Glük …
Es schüttelt jeder Tag auf seinen leichten Schwingen
Für Thoren oft ein Glük herab,
Der Himmel läßt mich nur brodlose Lieder singen
Und zeigt mir späten Trost: das Grab.“
Und er fügte resigniert hinzu: „Sooft mich hungert, mach ich Verse.“
In Geislingen amtete er also, amtete zuerst mit gutem Willen und dem erfindungsreichen Schwung, der ihm eigen war: Aber da war kein Gegenstand, der ihn hinriß, und das ewige Widerkäuen der primitivsten Grundregeln ekelte ihn an; da war kein Mensch, mit dem er einen Gedanken austauschen, sich ernsthaft bereden mochte. Selten genug blieb Zeit zum Wandern. Er lief, getrieben, schwärmend, im windigen Spätsommer über die Hügel, dichtete im kurzen Verweilen in sein Schreibheft, eilige Notizen, hingeworfene halbfertige Reime, ein paar große ausgreifende Gedanken darunter.
Es wurde Herbst. Heimkehrend kam er an einem Garten vorbei, in dem ein Mädchen Äpfel auflas; hier war das ansehnliche Zollhaus, wo der Oberzoller Bühler wohnte. Er blieb stehen und sah zu: das Mädchen war schlank, braun, gelenkig, ein wenig spitz das Gesicht, sehr geordnet und gesammelt, ganz eifrig. Schubart lockte es, in diese behütete, bedachte Welt einzubrechen; er sprach sie an. „Jungfer Zöllnerin – oder irr’ ich da? – sie hat aber schöne Äpfel im Garten! Tun Sie mir den Gefallen und schenken mir ein paar?“
Die Jungfer richtete sich auf und sah ihn verwundert an. „Äpfel? Sie sehen mir nicht aus, als wär’s Ihnen um Äpfel, Herr! Sie haben sicher selber einen Garten voll.“ Sie trat aber dann doch an den Zaun und reichte ihm einen gelben rotgeäderten Luikeni; Schubart nahm ihn, blinzelte und biß hinein.
„Und wie darf ich meinen Dank adressieren?“ fragte er unter dem Kauen. Sie stockte, schaute auf und setzte an, dann schwieg sie. Aber endlich erfuhr er doch, daß er richtig geraten habe; sie sei des Oberzollers Helene, Helene Bühlerin. Er sagte noch, gutgelaunt wie er war, er hoffe doch, daß es keine verbotene Frucht gewesen, so sie ihm da gereicht habe, und sie antwortete flink: „Nein, nein – aber hoffentlich ein Apfel der Erkenntnis, so daß er Weisheit schenkt, denn die braucht ein Schulmeister zuvörderst, scheint mir!“
„Sie kennen mich?“ fragte er erstaunt.
„Wer wird den neuen Geislinger Schulmeister nicht kennen – bei jedem Grablied und sonntags an der Orgel wirkt er, und die Buben erzählen, er sei ein strammer Pädagog.“
Schubart lachte. Soviel redete man über ihn – und „Pädagog“ und „Apfel der Erkenntnis“ sagte sie – ein kluges Geschöpf! Er verabschiedete sich und dichtete zu Hause ein Lied von Äpfeln, Mädchen und Erkenntnissen.
Im Spätherbst war Flachsmarkttanz. Die ältere Bühlerstochter war Weißroßwirtin und hatte Helene gebeten, zum Tanz zu kommen, es werde ihr guttun. Helene fuhr hin, auf einem Bauernwagen, nachdem der Oberzoller widerwillig zugestimmt hatte. Aber die Zollerin beruhigte den Mann: Die Helene sei so brav, daß man ihr das Vergnügen unter den Augen der verehelichten Schwester wohl gönnen könne. Und vielleicht finde sie dabei einen Mann.
Im Wirtshaus war das Gewirbel voll im Gang, als Helene eintraf; die Roßwirtin führte sie an einen Tisch und brachte ihr zu trinken. Durstig nahm sie das Glas. Dann tanzte sie, gewiegt vom Rhythmus, den die Kapelle exakt aus ihren Fiedeln holte; es waren Aalener Musikanten und sie spielten gewandt, ja, es hieß, der neue Präzeptor von Geislingen habe sie vor seinem Wegzug noch geschult, nicht nur die Turmbläser zum Sonntagschoral.
„Mußt halt e bißle lache und net gar so eckig do, mir send unter lauter rechte Leut“, sagte die Wirtin- Schwester.
Helene hatte gehört, woher die Spieler kamen; im langsamen Reigen schritt sie an ihrem erhöhten Sitz vorbei. „Grüßet mir euren Meister, den Schubart, wenn er wieder einmal heimkommt!“ rief sie hinauf.
Die Schwester fragte, ob sie denn den nicht eher zu Geislingen sähe, wenn er dort amtiere?
„Sehen tut man ihn schon, aber grüßen?“ rechtfertigte sich Helene mit rotem Kopf.
Nicht lange danach kam Schubart ins Zollhaus; der Gruß war ihm bestellt worden, den ihm Helene auf einem Umweg geschickt hatte. Und jetzt wollte er sich dafür ‚bedanken‘. Der alte Bühler saß in seiner Zöllneruniform am Tisch, hatte Schreibereien vor sich und stand steif auf, als ihm der neue Präzeptor gemeldet wurde. Die Frau Bühlerin kam in der Schürze herein, die sie schnell abstreifte. Schubart war im dunkelblauen Tuchrock, hatte das Haar in scharfe Rollen gelegt und die Zopfschleife stramm angezogen. Sein rötliches Gesicht glänzte, die kleinen Augen funkelten feucht. Der Mund war aufgeworfen, als er mit einer halben Verbeugung vor den Oberzoller trat und sich seines Kommens halber höflich entschuldigte. Schließlich lud die Frau ihn zu einem Glas Wein. Schubart setzte sich. „Wo ist – so ich fragen darf – dero anmutige Tochter Helene hingekommen?“ fragte er dann, Mut fassend. Sie sei da, werke in der Küche.
Helene wurde gerufen. Sie hatte ihn kommen sehen und war zierlich geputzt. Schubart lächelte. Man schwatzte, trank, endlich blieb er zum Nachtmahl. Der Zoller examinierte den neuen Schullehrer in Theologie, soweit er das selbst verstand. Ob auch die Zollsünder und Schmuggler begnadigt würden, fragte er, und Schubart wußte nicht, ob im Ernst oder im Spaß. Da es gegen Mitternacht ging, wurde er still. Er spielte mit seiner Uhr, sah vor sich hin und dann Helene ins Gesicht. „Sie heißen wie meine Mutter und wie Helena, um die es im Krieg von Troja ging. Von welcher ist mehr in Ihnen, Helene?“ fragte er mit einem seltsamen, fast angstvollen Klang in der Stimme.
Der Vater fuhr unfreundlich dazwischen: „Ich hab Sie vorher was gefragt, Herr Präzeptor!“ Und Schubart erklärte, das sei bei Künstlern so, sie wären manchmal miteins hinweggenommen in ein anderes Reich, er möge verzeihen.
Das war ungeschickt, denn der Oberzoller hielt nichts von den Künstlern. „Sie meinen, die hätten sondere Rechte, da von ihnen sondere Dinge zu gewärtigen?“ fragte er umständlich. „Sind doch keine solchen, so in Praktika von Nutzen, mehr des Spiels wegen getrieben, scheint mir.“
„Ich bin ein Lehrer!“ betonte Schubart, da er das Unverständnis spürte, „und ordentlich angestellt“. Ein scharfes Wort lag ihm auf der Zunge, das ihm seine geistliche Kenntnis eingab: Ob denn die Zöllner nicht auch bei den Sündern genannt seien in der Schrift, wo von den Dichtern nichts stünde? Aber er verschluckte den Satz und schaute Helene an. Sie sagte vermittelnd: „Die Zollsünder werden wohl noch zu Gnaden angenommen, wie andere auch. Die Gnade ist doch das Meiste und Größte, Geduld und Liebe und Güte.“ Schubart dankte ihr mit einem Blick, dann senkte er wieder den Kopf über sein Glas. „Helene?“ murmelte er, als sähe er Zeichen und Orakel in dem roten Leuchten vor sich auf dem Tisch. Sie nahm es als eine erneute Frage und meinte, ihr Gesicht zu ihm wendend: „Von der abenteuernden Helena hab ich nichts, glaub ich, bin eher eine Stille …“ Ihre Augen sahen ihn bittend an, als wolle sie ihm verständlich machen, daß sie nicht sei, wie er sie vielleicht wünschte.
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