Kitabı oku: «Franziska von Hohenheim - Die tapfere Frau an der Seite Carl Eugens»

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Utta Keppler

Franziska von Hohenheim - Die tapfere Frau an der Seite Carl Eugens

Saga Egmont

Franziska von Hohenheim - Die tapfere Frau an der Seite Carl Eugens

Copyright © 1984, 2017 Utta Keppler und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711708514

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk– a part of Egmont www.egmont.com

Frühling 1765

Das Tal lag im Glanz des Frühlingstages. Vor dem farblosen Himmel spann sich das Gewirr fiedriger Äste, an denen das neue Blattwerk funkelte. Vorjähriges Laub deckte den Hang und wirbelte in feinen Schauern unter dem schwachen Wind zu Tal. Drunten leuchteten die Wiesen – feuchtes flirrendes Grün, vollgesogen mit der ersten Sonne, blaßlila schieierndes Schaumkraut, Schlüsselblumen und blaue Inseln von Vergißmeinnicht am überwucherten Bach. Das geschwungene Tal mündete an einem vergrasten See.

Auf dem Weg, den Licht und Schatten fleckten, rasselte die Karosse heran; steif saß der Freiherr von Bernerdin im Fond, hinter und neben ihm drei Töchter und auf dem Bock beim Kutscher der Hauslehrer Weber im braunen Schoßrock, über dem der Zopf tanzte. Die Mädchen hielten sich an den runden Kinderhänden: Johanne Eberhardine und Juliane, elf- und fünfjährig, schauten großäugig über die schimmernden Wiesen. Franziska lehnte schüchtern neben dem ernsten Vater, den Spitzenschirm gegen die Sonne gehalten.

Bernerdin saß hager und sorgenvoll da, die Knie angezogen, und überdachte den Ertrag des kleinen Gutes im Ellwangischen, das er mit seiner rührigen Frau schlecht und recht umtrieb. Franziska lachte vor sich hin und spielte mit dem Schirm. Der junge Hauslehrer drehte sich um und wurde rot dabei. Während die Pferde gleichmäßig forttrabten, tauchten hinter den Feldern die Parkbäume auf und zwischen ihnen das schmale Dach des Hauses. Es war still im Wagen, während die Kutsche in den engen Schloßhof von Adelmannsfelden einbog.

Die schweren Gäule hielten. Bernerdins Gesicht verschloß sich vollends, als die Freifrau unter der Haustür erschien, unruhig nickend, unter dem weißen Häubchen sehr blaß. Hinter ihr schielte die Tochter Louise durch den Türspalt und winkte den Schwestern. Flüchtig begrüßte Frau von Bernerdin die Heimgekommenen, fegte die Mädchen mit einem Wink in ihre Kammern und machte ihrem Mann ein Zeichen. Er warf ihr einen mißvergnügten Blick zu – er hatte sich auf Ruhe gefreut, aber hier mußte etwas Wichtiges im Gang sein, wenn Charlotte Dorothea so aussah.

Sie zog ihn am Rockärmel in das winzige Kabinett neben dem Eßzimmer, wo ein paar von ihren Vohensteinschen Ahnen pastellblaß aus den geschwungenen Rahmen herunterstarrten.

„Bernerdin!“

„Was gibt’s denn?“

„Bernerdin!“

„Sprich schon, ich weiß nachgerade, wie ich heiße!“

„Spotte nicht, Bernerdin! Ein Reitender hat einen Brief vom Leininger gebracht: Der Leutrum, schreibt er, hält durch ihn um eine unserer Töchter an, für seinen Sohn.“

„Der Ritterschaftsrat? Weiß Gott, ihm verdank’ ich etliche hundert Gulden …“, sagte der Freiherr erschrocken.

„Tausend, Mann, und der Alte wär’ schon richtig Sie setzte sich ächzend, aber er ließ sie nicht weitersprechen.

„Frau, können wir denn mehr verlangen, als daß der für seinen Reinhard nach unserer Louise fragt? Er ist immerhin Karlsruher Oberhofmeister und Baden-Durlachscher Geheimderat! Und sie ist schon einundzwanzig! Was soll da das Gejammer? Bist doch sonst so genau mit unserer Rechnung, und jetzt kommt das Geld ins Haus, noch dazu vom Gläubiger selber – wer kann da nein sagen? Wohin will sonst ein Vater mit vier unversorgten Töchtern?“

„Die Marie ist aus dem Haus“, flüsterte die Mutter und wischte die Augen, „die haben wir doch an einen ehrenwerten Mann von gutem Namen gebracht.“

„Aber da sind immer noch vier, die Louise, die Franzel, die Eberhardine, die Julie – uns ist ja kein Sohn geblieben, der das Gut herauswirtschaften könnte …“, er sah sie vorwurfsvoll an.

„Zehn kleine Särge sind auf dem Friedhof, Mann, und alle zehn hab ich so willig empfangen und getragen und geboren wie die fünf Töchter, die uns geblieben sind.“

„Deshalb dürfen wir sie aber nicht festhalten, auch wenn Du’s meinst – es ist Zeit für Louise; und es wird ihr bestes sein.“

„Hat er denn Louise gemeint?“ fragte Frau von Bernerdin und stand auf. „Irgendeine, so hieß es, eine von unseren Mädchen …“ Irgendeine? dachte Bernerdin aufgestört. „Franziska ist zu jung, die nicht. Es wird sicher Louise treffen.“

Bernerdin ging eine Weile schweigend hin und her. Dann blieb er stehen. „Wir können dem nicht zuwider sein, Charlotte“, redete er ernst, „es ist der gewiesene Weg.“

Frau von Bernerdin hatte sich schon in die Lage gefunden; sie rechnete heimlich. „Und wann sollen wir den jungen Leutrum einladen?“ fragte sie.

„Je eher, desto besser, eh er sich’s anders überlegt.“ „Am Sonntag?“ schlug sie vor; „wir können ja dann immer noch mit ihm verhandeln. Ich kenn ihn doch gar nicht und … du willst unseren künftigen Eidam – will’s Gott, er ist respektabel – auch vorher noch prüfen. Und die Mädchen werde ich vorbereiten müssen.“

Bernerdin erhob sich.

„Wir wollen ihnen noch nichts sagen, das hat Zeit, wenn er da ist.“

Das gemeinsame Abendessen verlief still; die Kinder spürten, daß etwas in der Luft lag. Louise, die während der Ausfahrt bei der Mutter geblieben war, schaute heimlich den Vater an, dessen starkbrauiges dunkles Gesicht sie geerbt hatte. Aber beide Eltern schwiegen so nachdrücklich, daß keine der Töchter wagte, zu fragen. Endlich setzte man sich zum Äpfelschälen zusammen – das Winterobst faule im Keller und müsse verbraucht werden, hatte Frau von Bernerdin wortkarg festgestellt. Franziska ging rasch und geschickt mit ihrem Messer um, während sie an dem herumrätselte, was noch ungreifbar in der Luft lag.

Für den Mai war dieser Sonntag zu warm; eine brütende Dämmerung lag seit dem Morgen über den Wäldern. Kein Wind rührte sich, der den fahlen Himmel bewegt hätte.

Üppiger als sonst hatte Frau von Bernerdin schon seit Tagen gebacken und gebraten, die Mägde gehetzt und die Knechte herumgejagt. Der Feiertag begann mit dem Auswählen des Putzes für die heiratsfähigen Töchter, solange sie alle noch schliefen. Einmal schlich die Mutter an die Kammertür, hinter der die beiden Älteren lagen, und horchte auf ihr kaum merkliches Atmen. Dann riß sie sich los, stand gleich darauf wieder in der Küche und befahl, den Braten aufzusetzen, die Rüben zu putzen, die Hühnersuppe am Kochen zu halten.

Bernerdin saß schon früh auf dem Pferd. Er wollte dem Umtrieb im Haus entgehen und seiner eigenen Ruhelosigkeit Herr werden. Er ritt durch den Buchenwald, wo das Vogelgezwitscher seltsam gedämpft klang in dem diesigen Licht des durchsonnten Nebels. Noch einmal überlegte er, was man ihm berichtet hatte: Der junge Leutrum war durch seinen Vater, den Ritterschaftsrat, an den Hof gekommen, er war in Bayreuth Kammerjunker gewesen und galt als Mann von gutem Benehmen und kavaliersmäßigen Sitten; zwar spielte und trank er gern und hatte einige auffällige Affären hinter sich. Aber kein Zug in diesem Bild stach vom Üblichen ab, wenn es auch Bernerdins puritanischen Grundsätzen nicht ganz entsprach. Offenbar sah man dem jungen Menschen vieles nach. Es klang manchmal geringschätzig oder doch mitleidig, wenn von ihm geredet wurde, und es machte dem Freiherrn ein wenig Sorge, daß er so klein sein sollte, so „mäßig von Wuchs“, wie es der Leininger ausdrückte. Nun – man mußte abwarten, und die Mädchen sollten nicht schon erschreckt werden, noch ehe der Freier selbst auftauchte.

Die Töchter tuschelten untereinander. Sie fürchteten und hofften allerlei – wenigstens eine Abwechslung in ihrem wohlgeregelten Tageslauf. Sie errieten auch ungefähr das Richtige, denn was konnte ihr Putz und die festliche Aufregung im Hause sonst bedeuten? Endlich gab die Mutter eine halbe Erklärung: Ein wichtiger Gast werde erwartet, ein Mann von Stand und Ruf, und man müsse es sich zur Ehre anrechnen, daß er sich herbemühe.

Es war gegen elf Uhr am Vormittag. Über den mißfarbenen Himmel zogen vereinzelt grelle Sonnenstreifen. Das junge Laub im Garten glänzte schweflig wie vor einem Unwetter. Bernerdin war heimgekommen und zog sich, als der Knecht das Pferd versorgt hatte, hastig in sein Kabinett zurück. Da kam der Mann gelaufen, den er als Posten im Straßengebüsch aufgestellt hatte: die hochherrschaftliche Kutsche sei im Anrollen.

Frau von Bernerdin ließ die Mägde anrichten. Mit dem Auftragen sollte jedoch gewartet werden; man rufe dann …

Bernerdin erschien im grünen Samtrock, gepudert und frisiert, ein vergilbtes Spitzenjabot unter dem bläulichen Kinn. Die vier Töchter saßen unbehaglich und bedrückt herum und flüsterten miteinander. Frau von Bernerdin hatte ausnahmsweise verboten, daß sie irgend etwas halfen. Weber war nirgends zu sehen.

Der Hund schlug an – man hatte ihn vorsorglich festgebunden. Das Prachtgefährt rollte langsam ins Tor. Ein Lakai mit weißen Handschuhen sprang ab und öffnete den Wagenschlag im gleichen Augenblick, als die Bernerdins aus der Haustür traten. Oben am Fenster drängten sich die Mädchen hinter den Gardinen.

Sie sahen nicht viel: Bernerdins hohe Gestalt verdeckte den Aussteigenden, die Freifrau versank mit gespreizten Röcken in einen Hofknicks und nahm ihnen die Sicht. Der Lakai hielt den Dreispitz des Besuchers, auch der Kutscher war vom Bock geklettert und stellte sich dienstbereit neben seinen Herrn. Dann verschwanden alle im Haus.

Es dauerte nicht lange, bis Louise und Franziska gerufen wurden. Sie folgten neugierig. Im kleinen Salon saßen Eltern und Gast auf den Brokatstühlen mit den geschwungenen Beinen. Errötend schoben sich die Mädchen hintereinander in den Raum, beide verlegen, geschmeichelt und scheu zugleich. Die Vorhänge waren zugezogen, eine braungraue Dämmerung hielt das stumpfe Tageslicht ab. Stühle wurden gerückt. Die Herren standen auf.

Als Franziska, die neben Louise trat, über die rundlichen Schultern ihrer Mutter spähen konnte, entdeckte sie etwas Grünes, gurkengrüne Seide, Spitzengeriesel, Goldknöpfe über den Frackflügeln und, fast versteckt in dem aufgebauschten Rüschenwerk, eine hochtoupierte Frisur, weiße Tollen und Locken – noch kein Gesicht. Jetzt drehte sich der Kopf: Gelbliche Wangen unter eingesunkenen Augen, ein breiter Mund, kein Kinn, kein Hals, ein gebuckelter Rücken. Unter hängenden Lidern funkelte es die Schwestern an; die Pupillen glitzerten schwarz.

Die Mädchen hielten sich an der Hand. Zitternd sanken sie – fast so tief wie vorher die Mutter – in ihren weiten Röcken zusammen. Sie beugten die Köpfe und erhoben sich langsam. Dann rief der Freiherr sie zu sich und stellte sie vor: „Louise, besonnen und häuslich, einundzwanzig Jahre alt, und Franziska“ – seine Stimme schwankte – „siebzehn und noch unerfahren im Hauswesen, noch recht jung …“

Sie reichten dem Gast nacheinander die Hand zum Kuß. Leutrum lachte. Seine gepreßte Stimme klang wie die eines alten Menschen, als er sagte: „Louise und Franziska, Louise und – Franziska!“

Er ließ aus halbverdeckten Augen einen Blick über die beiden gehen, legte die Hand auf das Ordensband an seiner Hüfte und drehte sich zu den Eltern um, die gespannt zugesehen hatten.

„Ihr habt zwei schüchterne Töchter, Herr von Bernerdin“, meinte der Grüne spaßend, „und eine so hübsch wie die andere …“ Er wandte sich an die Mutter, als mache er einen Witz.

Die Mädchen waren blaß geworden; ihre Mienen verschlossen sich. Franziska wandte hilfesuchend das Gesicht zu ihrer Mutter. Nur Louise lächelte gefaßt. Leutrum wiegte ein paarmal den Kopf.

Da machte Frau von Bernerdin der Szene ein Ende und bat zu Tisch. Der Hausherr ließ dem Freier den Vortritt. Franziska hielt sich hinter dem Vater. Erstaunt starrte sie auf Leutrums lange baumelnde Arme, die mageren Hände unter den Spitzenmanschetten, die fast in Kniehöhe hingen – geäderte Hände von beinahe transparenter Zartheit, leidende Hände. Sie nahm sich vor, während der Mahlzeit nur seine Hände anzusehen, nicht die Augen.

Man setzte sich. Bernerdin trank dem Bewerber zu „auf eine innige Verbindung der beiden alten Geschlechter“; Leutrum hob sein Glas. An seinem Zeigefinger blitzte ein großer Solitär, ein Diamant von reinstem Feuer. Louise hielt den Kopf gesenkt, sie merkte blad, daß Leutrums Blicke immer wieder zu Franziska zurückkehrten. Mitleid regte sich in ihr. Sie war derber und nüchterner als die zarte Schwester und hätte eher standgehalten in der Ehe mit dem Verwachsenen.

Leutrum griff nach seinem Kelch und grüßte zu Franziska hinüber, die funkelnden Augen auf sie gerichtet. Franziska wurde rot und schloß krampfhaft die Hand um ihr Glas, das ihre Mutter mit gewässertem Wein gefüllt hatte. Es war sonderbar still an der Tafel.

Bernerdin versuchte mühsam, ein Gespräch in Gang zu bringen. Vom Hof war die Rede, von den Jagden, von den Klagen der Bauern. Ach, sie murrten wohl über die Sauhatz, die ihre Felder verwüste? sagte der Gast, und über die Wildmast auf ihren Äckern? Aber für so ein Fest wie das am Bärensee letzten Herbst brauche man an die dreihundert gut gefütterte Hirsche und Rehböcke und für ein Sautreiben an die zwanzig Eber, denn die Geladenen hätten fast alle selber Waldbesitz und seien verwöhnte Kenner.

„Es ist aber doch bitter für die Landleute“, meinte Bernerdin, „wenn sie ihren Zins an Feldfrüchten und Korn abliefern sollen und so klägliche Ernten haben! Was bleibt ihnen dann übrig? Ich teile den Meinen immer das Mögliche zu, damit sie leben können.“

Für die Herrschaft dürfe es ja ein wenig mehr sein, da sie eben die Herrschaft sei, warf Frau von Bernerdin schnell ein, als sie Leutrums spöttisches Lächeln sah.

Leutrum fuhr mit der Hand durch die Luft.

Bernerdin solle sich doch vorstellen, was so eine prachtvolle Frau wie die Maitresse en titre an Schmuck brauche, von den übrigen Tänzerinnen und Sängerinnen zu schweigen … und ob Carl Eugen vielleicht den endlich erreichten Ruhm fahrenlassen solle, den glanzvollsten Hof Europas zu haben?

„Das hat der Casanova gesagt“, bemerkte Bernerdin ärgerlich, „ein Abenteurer und Scharlatan, überall gefüttert und gefürchtet an den Höfen, und ein Frauenjäger trotz seiner vierzig Jahre, wie ihn nur Venedig hervorbringen kann!“

Frau von Bernerdin blickte bedrückt nach den Mädchen hinüber, die unbehaglich auf den Rändern ihrer Stühle hockten.

„Casanova?“ Leutrum lachte. „Ein amüsanter Mann und sehr gebildet, in der hohen Mathematik wie in der Magie der Kabbala bewandert, dem jedermann schön tut, damit er gut von ihm redet, denn er ist ja überall zu Hause! Haben Sie nicht das Histörchen gehört, wie er der Rosette Dugazon, weiland Favoritin Serenissimi, aus der Verlegenheit half? Die große Mimin hat bekanntermaßen eine taube Zunge – das R fällt ihr schwer … Da hat der Teufelskerl es fertiggebracht, in einer Nacht ihre Rolle so umzuschreiben, daß kein einziges Wort mit R mehr drinstand – um den Preis eines Kusses, sagt er …“ Der Freiherr schaute auf seinen Teller.

„Ich kenne Ihre strengen Sitten und gut protestantischen Prinzipien, Bernerdin“, Leutrum zog einen Mundwinkel hoch. „Wir sind übrigens gleichfalls Protestanten, wenn auch nicht gerade Glaubensflüchtlinge wie Ihr Ahn Andreas aus Tirol.“

Er trank. „Die Zeiten sind anders jetzt: Wer keinen Sinn hat für das Schöne, wie man’s am Hof versteht, der wird übersehen. Und Serenissimus ist doch das Maß aller Dinge …“

Er drehte sein Gesicht wieder den Mädchen zu. Auch die Jüngsten waren jetzt hereingebracht worden; in steifen langen Kleidchen standen sie an der Wand und machten große Augen. Leutrum warf ihnen eine Handvoll Konfekt zu, als beschenke er gaffendes Straßenvolk. Frau von Bernerdin befahl ärgerlich, Hocker zu bringen, und schob die Kinder zwischen sich und den Vater.

Leutrum beobachtete jetzt Franziska, die mit gebeugtem Nacken vor sich hinsah. Ihre kleinen Ohren schimmerten rot unter den geringelten Haaren, die auf den zartfarbigen Hals fielen. Die schönen Hände lagen neben dem Gedeck. Es müßte ein imposantes Bild sein, dachte Leutrum, neben der hellhäutigen Blondine in einen erleuchteten Ballsaal zu treten und alle Blicke auf sich zu ziehen, auch die von Leuten, die sich sonst abwenden, wenn ich hereinkomme; schön müßte es sein, sich mit einem so köstlichen Besitz zu schmücken wie mit einem seltenen Juwel!

Bernerdin saß mit kaum beherrschtem Mißmut an der Tafel. Serenissimus ist das Maß aller Dinge, wiederholte er sich, „und das Mädchen stiert er an wie ein Aufkäufer!

Leutrum spürte die Veränderung. Er sagte mit einem boshaften Lächeln: „Ihr habt Schwierigkeiten bei der Erbteilung Eures Besitzes gehabt? Die Herren von Junkhenn und Gültlingen waren keine bequemen Partner dabei, nehme ich an?“

Bernerdin verschluckte den Ärger über das ungehörige „Ihr“.

„Die Verhältnisse sind verwickelt“, antwortete er kurz, „die Eidame der Tanten haben sich nicht immer benommen wie Edelleute.“

„Mein Vater scheint aber Wege gefunden zu haben, sie zufriedenzustellen? Es kam mir so vor – nach seinen Andeutungen …“

Bernerdin sah seine Frau an. Sie schloß die Lippen in einer mahnenden Grimasse: Man soll einen mächtigen Gläubiger nicht reizen … Bernerdin runzelte die Stirn und blickte bedeutsam auf Franziska und Louise, die eben hinausgingen, um dem ungeschickten Diener beim Servieren zu helfen.

Leutrum verstand den Wink: Auch Bernerdin bot etwas von Wert, das die Vorschüsse des Ritterschaftsrats wohl aufwiegen konnte.

Franziska spürte, welcher Art die Gedanken waren, die wie Ströme hin- und hergingen. Sie preßte den Mund zusammen und sah zu den Männern hinüber, die jetzt am Tisch standen, die Hände aufgestützt. Sie schaute die Mutter an: Sie und der Vater gaben ihre Tochter preis. An dieses dunkle krumme Wesen.

Leutrum hatte Franziskas Blick erfaßt. Ich kaufe sie gegen ihren Willen, dachte er und schämte sich plötzlich. Aber – ich bin doch nicht schuld an meiner Ungestalt. Ich habe keinen Grund zur Dankbarkeit und keinen zur Güte. Ich werde sie alle zwingen, zu tun, was ich will.

Er beugte sich vor. „Darf ich die Herrschaften zu einer Wagenfahrt einladen, am kommenden Sonntag? Ich würde eine kleinere ‚Wurst‘ mieten, denn meine Fahrzeuge könnten doch die ganze liebe Familie nicht fassen!“

Jetzt fingen die beiden kleinen Mädchen zu lachen an. Frau von Bernerdin rief sie zur Ordnung. Die „Wurst“ sei ein offenes Fuhrwerk, erklärte sie, das bis zu zwölf Leute aufnehmen könne.

„Der Hof benutzt es bei gutem Wetter zu seinen Touren“, ergänzte Leutrum gewandt, „es hat kommode Polster und Lehnen. Ich möchte mit der verehrten Sippschaft auf den Neresheimer Klosterberg fahren, von da aus ist das Land schön zu überblicken, und die Benediktiner schenken einen guten Wein aus.“

Frau von Bernerdin verbeugte sich im Sitzen und flüsterte mit halbem Lächeln etwas von Ehre und delikatem Vergnügen; sie sagte im Namen aller zu, auch, fügte sie hinzu, auch der Töchter …

Die Spazierfahrt

Franziska hatte die Woche vor der Spazierfahrt in einer trostlosen Stumpfheit zugebracht. In der Nacht zum Sonntag lagen beide Schwestern wach in ihrem Zimmer. Louise sprach der Jüngeren gut zu, sie fände den Reinhard gar nicht so übel, er habe immerhin Geschmack, sei ein gebildeter Mann und könne sich unterhalten, wie es einem adligen Herrn zukomme. Sie selber, Louise, würde im gleichen Fall schon mit ihm fertigwerden.

Ob das ihr Ernst sei? fragte Franziska begierig, ob sie sich wirklich getraue, mit diesem Menschen zu leben?

Louise zögerte; ganz deutlich hatte sie sich das noch nie ausgemalt. Sie spürte, wie Franziskas heiße Hand in der ihren zitterte.

„Warum nicht?“ sagte sie tapfer. „Und übrigens hat er ja noch gar nicht gewählt.“

Franziska seufzte auf. Sie wußte besser, daß Leutrums Entscheidung schon lange gefallen war. Aber sie klammerte sich an die vage Hoffnung, er könnte vielleicht doch Louise …

Der Morgen kam, ein nebliger Maimorgen mit feinem Sprühregen. Die Blätter der Linde glänzten. In Schwaden wogte das Licht aus der Verhangenheit. Leutrums Wagen fuhr in den Hof ein, die Kleinen stießen sich befriedigt an. „Wie eine richtige Wurst!“ stellte Juliane überzeugt fest.

Prachtvoll geschirrte Pferde zogen das lange braunlackierte Fahrzeug, zwei Lakaien standen hinten, und einer saß neben dem Kutscher, alle in Leutrumscher Livree.

Der Freier hatte es so arrangiert, daß Franziska neben ihm Platz nehmen mußte. Er werde sonst geblendet, erklärte er halblaut, wenn er gezwungen sei, immerzu in die Augen eines so reizenden Vis-àvis zu blicken.

Franziska verbarg ihr Gesicht hinter einem Fächer, schaute angestrengt aus dem Fenster und bog sich soweit als möglich von dem eifrig Redenden weg. Man fuhr durch den leichten Regen, eine Plane war aufgespannt worden. Die Kleineren zappelten vor Unternehmungslust, Vater und Mutter saßen stumm und würdig dazwischen.

Franziska beobachtete wieder verstohlen Leutrums lange gelbe Hand, die auf seinem Knie lag; Smaragde und Rubine machten sie nicht liebenswerter, und das silbrige Spitzengeriesel am Ärmel wirkte darüber wie ein stilloser Zierat. Verborgenes, vielleicht unbewußtes Leiden schien in dem verästelten blauen Geäder eingedrückt.

Louise fiel ihr halbes Versprechen ein. Erstaunt beobachteten die Eltern, wie sich die Ältere, die Brauen ernsthaft zusammengezogen, an den Baron wandte, während das Schwanken des Wagens auf den unebenen Wegen sie schaukelte. „Sie haben so reizend vom Hof zu Ludwigsburg erzählt, Herr von Leutrum“, sagte sie mit einem nicht ganz glaubwürdigen Lächeln, „daß ich wohl Lust hätte, diese Feeninsel und Märchenfülle zu erleben. Wenn Sie es auf sich nehmen könnten, mich einmal hinzuführen?“

Frau von Bernerdin stieß erregt ihren Fuß gegen Louises Bein, das der dunkelrote Rüschenrock verdeckte.

Louise verlor ihre krampfhafte Heiterkeit und schickte einen verzweifelten Blick zu Franziska hinüber, die müde den Kopf schüttelte.

Leutrum lachte; er werde es sich zur Auszeichnung rechnen, der teuren Familie sein kleines Ludwigsburger Haus vorzuführen.

In einer nassen Waldschneise begegnete dem Gefährt eine Holzfuhre, die ein struppiger Greis über den Pfad zerrte. Er erschrak, hetzte weiter und wäre beinahe gefallen. Dann hielt er am Wegrand und zog die verbeulte Kappe. Er bückte sich, bis ihm die grauen Strähnen ins Gesicht fielen. Bernerdin grüßte. „Der gehört nicht mehr zu unserer Herrschaft, sondern zur herzoglichen“, sagte er mit einem Blick auf den zerfetzten Rock des Gebeugten. „Aber die Leute hier dürfen nur selten Holz sammeln; und dieses treibt jetzt schon und ist ganz feucht.“

Sie fuhren vorbei.

„Besser als keins“, meinte Leutrum leichthin. Franziskas Augen streiften sein verwelktes Gesicht mit dem zynischen Mund. „Er ist vor lauter Bitterkeit alt und böse geworden“, dachte sie und spürte, wie sie erstarrte.

In der welligen Felderebene tauchten die Neresheimer Klostertürme auf, vom Baugerüst wie von leichten Gittern umsponnen. Die Pferde gingen im Schritt die Allee hinauf. Leutrum wies mit dem Stöckchen vorwärts; Franziska beugte sich weg. Er legte behutsam und wie probierend den Arm um ihren Nacken. Es war eine Berührung ohne Aufdringlichkeit. Trotzdem wischte sie leicht mit den Fingern über ihre Schulter und streifte ihn ab. Bernerdin lächelte mühsam. Louise vermied es, Franziska anzusehen; sie grübelte beständig darüber nach, wie sie ihr helfen könnte.

Inzwischen kam die Kutsche im Klosterbezirk an. Leutrum bemühte sich um die Damen, die ihre Reifröcke mit zierlich vorgestreckten Füßen aus der Wagentür quetschten.

Franziska hielt die Schwester zurück. Die übrigen traten ins Haus, um das Essen zu bestellen.

„Kannst du dir denken“, flüsterte Franziska scheu, „daß der einmal ein ausgelassener Bub war? Und er soll erst dreiundzwanzig sein!“

„Das Jungsein hat ihm wohl die Hofettikette ausgetrieben“, tröstete Louise halblaut. „Aber wir müssen jetzt hinein.“

Nach der Mahlzeit in der Klosterschenke schlug Leutrum vor, den berühmten Neresheimer Kirchenbau zu besichtigen, das letzte Werk des großen Balthasar Neumann, das seit dem Tod seines Schöpfers nun schon zwölf Jahre lang verwaist liege. Es gebe keinen mehr, der es wage, die kühnen hölzernen Gewölbekonstruktionen des Meisters auszuführen. Man erzähle, daß sein Sohn an einem vereinfachten Plan arbeite, der freilich wohl nur einen großartigen Torso zutage bringen würde.

Leutrum plauderte angerept und unermüdlich über Baukunst – er hatte vorher einiges Passende gelesen. Er deutete in die Wölbungen der Decke, wo der Maler Knoller seine Fresken auf dem Verputz skizziert hatte.

Bernerdin wollte den Künstler besuchen, aber Knoller war nicht bei seinem Werk. Oft genug – klagten die frommen Brüder bekümmert – hingen nur seine Stiefel oben, er selber sitze in der Klosterschenke statt auf dem Gerüst. Und dabei sehe es von unten aus, als arbeite er demütig und hingegeben an irgendeiner irdischen Rundung oder himmlischen Schwingung. Es sei ein Jammer mit den Herren Künstlern!

Da die Bemalung sich erst in matten Wolken, in schwebenden Farbtönen zeigte, wirkte die Architektur der Bögen um so stärker. Die Balustraden und Gewölbeecken öffneten immer neue Durchblicke. Es war, als vollziehe sich ein großartig bewegtes Theater für die Augen, als schwebten und wogten die Formen in feierlichem Rhythmus gegeneinander. Franziska starrte gebannt hinauf und zog mit dem Finger die Linien in der Luft nach, als wollte sie den großen Plan aufzeichnen.

Während der Rückfahrt sprach Bernerdin über die vielfältigen religiösen Strömungen in dem kleinen Württemberger Land und merkte, wie ein Schatten über Leutrums flache Stirn lief, als er mit Sympathie von den Pietisten reden hörte. Sie seien das Salz der Kirche, meinte der Freiherr, auch wenn man es nicht immer wahrhaben wolle. Sie hätten einen tiefen Ernst und eine Einsicht in die Lage des Volkes, von der man bei Hof manches annehmen dürfte.

„Aber sie murren oft genug, und ihre Prediger halten nicht immer die gebührliche Subordination ein, sie haben hier und dort etwas auszusetzen am allergnädigsten Fürsten; Serenissimus liebt keinen engeren Kontakt mit diesen kleinen Leuten, so generös er sonst in Sachen der Konfession ist!“

„Er kümmert sich überhaupt nicht um die Religion“, tadelte Bernerdin, „und das ist etwas ganz anderes als bei seinem königlichen Oheim in Brandenburg – der gönnt es jedem, die Seligkeit auf seine Façon zu erlangen, und hält doch alle in der Ordnung.“

„Friedrich“, murrte Leutrum gelangweilt, „der sich als Mentor unseres allerhuldreichsten Fürsten aufwirft, weil er seinen Ehevertrag mitgarantiert und ihm in seinen Anfängen etliches geholfen hat … Wir machen uns immer unabhängiger von ihm, und wenn er die Subsidienverträge nicht gutheißt …“

Bernerdin schlug sich mit der Hand aufs Knie. „Den Soldatenhandel sollte er längst verbieten und nicht befehlen, der Herzog! Menschen verkaufen! Aber dahinter steckt dieser Schmeichler Montmartin, dieser gewissenlose, charakterlose … und das will ein Mann von Adel sein, ein Graf? Und der oberste Minister in Wirtenberg?“

„Soldatenhandel?“ warf Leutrum hin, „es tun’s doch alle: Der Hesse, der Bayer, alle brauchen Subsidiengelder, und wer zahlen kann, kriegt, was er will.“

Bernerdin schwieg.

Da unterbrach Leutrum die mißmutig lastende Stille mit einer Einladung. Man müsse doch das Corps de Logis in Ludwigsburg besehen und das kleine Palais, das den Kammerherren und Reisemarschällen zustehe, unter die er sich bald zu zählen hoffe. Niemand widersprach. Frau von Bernerdin verneigte sich zustimmend. Leutrum dankte; er freue sich ungemein, sagte er höflich. Aber dann verfiel er wieder in sein trübseliges Sinnieren. Nach der Heimkehr nahm er keinen Imbiß mehr an, verabschiedete sich rasch und schaute nicht zurück, als seine Karosse gegen die Wälder einbog. Da saß er versponnen und niedergedrückt in der Wagenecke und spielte mit seinen Ringen. Er sah sich wieder im Neresheimer Klostergewölbe, unter Pfeilern und Laibungen.

„Der Neumann hat’s aufs Papier gerissen“, grübelte er, „nur die vollkommene Gestalt hat er nicht mehr erlebt. Ein gigantischer Wurf. Aber jetzt wird’s verstümmelt und vertan, und was bleibt, ist ein Krüppelgewächs – wie ich!“

Der Ludwigsburger Schloßhof lag im Mittagslicht. Louise lief. Glücklicherweise hatte sie noch keiner gefragt, wer sie sei und wo sie hin wolle. Drunten im Park saßen die Ihrigen mit Leutrum und schwatzten. Man versuchte das neue, in Italien erfundene Eisgericht, das Casanova eingeführt hatte. Louises „kleiner Gang durch die Parkwege“ hatte bisher niemanden beunruhigt.

„Ich werde die Leute vom Hof nicht anreden“, dachte Louise am Tor, „hier können mir ja die kleinen Kinder sagen, wo ich den Herzog finde.“

Im weiten Umkreis des Innenhofs lagen die Schloßgebäude. Sie schaute sich neugierig um. Drüben ging ein Diener mit einem Korb voll Weinflaschen auf eine Tür zu, aber ehe sie ihm nahe genug war, um zu rufen, verschwand er schon im Eingang.

Da kam wieder ein älterer Livrierter quer über die Hofbreite, langsam, als müßte er seine Würde samt seinen weißen Strümpfen deutlich zur Schau stellen. Louise ging auf ihn zu. „Verzeihen der Herr, bitte“, redete sie ihn an, da er ihr durchaus einige Stufen über den Adelmannsfelder Bedienten zu stehen schien. Der Lakai drehte sich erstaunt um; er hatte die junge Dame im Vorbeigehen ganz richtig als ländliches Adelsfräulein eingeschätzt und wunderte sich, daß sie allein kam. „Sie befehlen, Mademoiselle?“ fragte er bereitwillig.

„Ist der Herzog hier?“ entfuhr es der aufgeregten Louise. Der Diener wurde um einige Grade steifer und legte die behandschuhten Finger an die Hosennähte. „Seine Durchlaucht erteilen seit acht Uhr Audienzen“, rapportierte er in dienstlichem Ton. „Sind die gnädige Demoiselle dafür vorgemerkt?“ Louise stockte nur einen Moment. Aber hier bot sich ihr das Stichwort, das sie brauchte. „Allerdings, und dringlich!“ stieß sie hervor, und wiederholte noch einmal: „Ganz dringlich!“

„Und wen darf ich dem diensttuenden Kammerherrn melden lassen?“

„Meld Er“ – sie verbesserte sich – „melden Sie die Demoiselle de Bernerdin in einer ganz persönlichen Angelegenheit!“

„Jawohl, Euer Gnaden“, bestätigte der Alte devot und verbeugte sich, nicht ganz so wie vor den herzoglichen Verwandten, aber doch wie man etwa eine der Hofdamen oder eine Freundin der Hauptmaitresse grüßte. Louise wurde in einen Vorraum gebeten, sie sah vor zitternder Erwartung gar nicht, in welches Gebäude, durch wie viele Flure und Türen es ging; und dann wurde sie ersucht, auf einem der seidenen Stühlchen Platz zu nehmen; sie tat es nur mit einem winzigen Teil ihrer selbst, so daß sie gerade noch vor dem Abrutschen bewahrt blieb. Um sie herum saßen und standen allerlei Leute, sie verschwammen vor Louises Augen zu einer undeutlich wogenden Masse, fast wie bunte Fische im Aquarium.

Ein dunkel gekleideter Herr mit Orden erschien unter einem geschnitzten Portal und ließ sich von einem rotbefrackten Lakaien die Neuhinzugekommenen nennen; Louise war darunter. Ihr erster Begleiter hatte ihren Namen mit bedeutsamer Miene angegeben, und betont wurde er jetzt weitergeflüstert, nachdrücklich dem Minister, geheimnisvoll schließlich dem Herzog gemeldet … Carl Eugen hörte schon seit Stunden Anliegen und Anerbieten und war müde; als ihm aber eine ansehnliche junge Dame von Adel präsentiert wurde, ließ er sie schon nach einer Viertelstunde hereinkomplimentieren.

Louise war ein wenig verstört, durchs Warten ängstlich geworden, und wischte verlegen über ihr wirres Haar, zupfte am Ausschnitt, strich über die Rockfalten. Sie trat in ein kleines Kabinett, trippelte vorsichtig über spiegelndes Parkett und wagte nicht aufzuschauen. Endlich – knapp vor dem Schreibtisch, sank sie zu dem gelernten Hofknicks zusammen. Sie rutschte ein wenig aus mit dem zurückgestellten Fuß, schwankte halb in der Hocke, trat auf die Rockrüsche und fiel vollends zu einem unbeabsichtigten Fußfall nieder. Sie schaute verzweifelt auf, sah schwarze ausgeschnittene Lackschuhe, weißseidene Hosen mit goldenen Strumpfbändern, sie registrierte alles mit der Exaktheit der Verzweiflung. Ein leises gurrendes Gelächter rollte sanft über sie hin, sie lag noch immer hingegossen in ihren fließenden Kleiderfalten und riskierte es endlich, den Kopf ganz zu heben.

Carl Eugen lächelte aus kleinen Augen. Er beugte sich ein wenig vor und bot ihr die Hand zum Aufstehen. Dann warf sie den ersten bewußten Blick auf ihn: Ein starker, sehr selbstgewisser Mann saß vor ihr, gewichtig und überlegen. Die gewölbten Brauen waren hochgezogen, der Mund verbog sich zu gutmütigem Spott: Das drang sekundenschnell in Louises jetzt überwaches Bewußtsein.

Aber dem Herzog dauerte die Verblüffung der jungen Dame zu lang.

„Nun, was führt Sie her, Demoiselle?“ fragte er und betrachtete die gebeugt Stehende in ihrem grauseidenen Gewand. Sie schien ihm nicht ganz das, was die Wichtigtuer ihm hatten nahelegen wollen, keines der verfügbaren Mädchen, und ihre Erregung deutete eher auf große Not als auf kokette Berechnung hin. Er wartete also ein paar Augenblicke. Louise zwang sich zum Reden.

„Durchlaucht, bitte tausend-, hunderttausendmal um Vergebung – ich … ich komme nicht wegen mir – es ist wegen meiner kleinen Schwester, der Franziska!“

„Ach?“ machte der Erhabene gemütlich, „was fehlt denn dem Fräulein Schwester?“

„Sie soll doch heiraten!“

„Ist das denn so schlimm?“

„Manchmal schon, Durchlaucht!“ flüsterte die Bittstellerin.

Carl Eugen mochte an eigene Erfahrungen denken und seufzte. „Ja, es kann schlimm werden, manchmal …“

Louise faßte Mut; es eilte ohnehin, denn schon spähte ein Lakai mahnend durch den Türspalt.

„Durchlaucht“, setzte sie wieder an, „sie soll den Leutrum kriegen – er ist ganz krumm und sehr klein, und sie mag ihn gar nicht, und sie ist erst sechzehn und so zart und hell und …“

„Nehmen Sie immerhin einen Stuhl, Demoiselle!“

Der Herzog deutete auf einen der imposanten goldgerahmten Fauteuils aus rotem Samt.

Louise dankte; sie blieb lieber stehen, falls doch noch ein Kniefall nötig werden sollte. „Euer Durchlaucht haben dabei gewiß ein Wort mitzureden – zu befehlen, mein’ ich. Und da wollte ich alleruntertänigst bitten, dem Leutrum zu bedeuten … zu verbieten … ach, Durchlaucht wissen es gewiß selbst am besten!“ Sie schloß aufatmend und erschöpft den Mund.

„Der Leutrum?“ erkundigte sich der Herzog, „der ist mir wohlbekannt; sein Vater ist Ritterschaftsrat des Kantons Kocher, Baden-Durlachscher Geheimderat … ja, da kann sie doch eigentlich zufrieden sein, Ihre kleine Schwester, nicht?“

„Das sagt mein Vater auch, aber der Leutrum …“ „Ich weiß, er ist nicht gut gewachsen, kein Mensch, der den Frauen gefällt. Und Ihre Franziska – ist sie schön?“

„Sehr! Wunderschön, Durchlaucht, und paßt gar nicht zu so einem … Zwerg!“

„Hm“, brummte der Herzog, „so arg ist’s ja nicht gerade. Kennt sie denn den Freier schon?“

„Ja, leider.“

„Und liebt einen anderen, wie das in solchen Fällen ist?“

„Nein, nein, Durchlaucht, niemand, bloß – der Hauslehrer hat ihr einmal ein Gedicht gebracht, und da hat ihn der Vater mit Prügeln fortgejagt.“

„Also – in Adelmannsfelden dichten sie auch, das liegt den Schwaben scheint’s im Blut … War’s denn ein Hymnus oder eine Ode, was der Dorfschulmeister da zusammengereimt hat?“

Sie merkte den Spott nicht. „Ich weiß nicht recht“, kam es stockend, „halt ein schöner Vers. Ich kann bloß noch den Schluß:

Die kühne Hoffnung, die mich längst erfüllt,

Seit ich dich sah, du süßes Engelsbild,

Will jetzt im Unglück wirklicher erscheinen.

Der demutsvoll zu deinen Füßen kniet,

Weiht dir, verehrte Franzel, dieses Lied:

Laß mich dir dienen, laß mich mit dir weinen.“

Carl Eugen lachte amüsiert. „Hm, gar nicht so schlecht! Aber was denkt sich der Mensch eigentlich? Nichts? So ist das also mit der Franzel! Nun, ich werd mir den Leutrum für irgendeine Dekoration vormerken und die kleine Schwester auch bestellen und ihr gut Zureden. Gehen Sie nur heim, Mademoiselle, einen Gruß an den Herrn Vater und an die – Franziska!“

„Die wissen’s gar nicht!“ platzte Louise heraus, „ich bin einfach weggelaufen!“

Jetzt lachte Carl Eugen, und er lachte noch, als Louise mit einem scheuen und vorsichtshalber nicht allzu tiefen Knicks verschwand. Dann vergaß er die Angelegenheit sofort.

Auf den Gängen und Treppen mußte sich Louise ohne Geleit zurechtfinden. Sie lief, als würde sie gejagt, um möglichst schnell aus dem Labyrinth dieses bedrückend weitläufigen Baues hinauszukommen. Aus einem Seitengang hörte sie Gelächter, Frauenstimmen und das Getrippel vieler Füße. Eine Gruppe junger Damen wogte schwatzend durcheinander wie gefiederte Vögel, schillernd in Seide und Spitzen. Ihre gepuderten Haare sahen aus wie eine einzige Wolke von Flaumfedern, so nah standen sie beieinander. Louise fragte schnell nach der Treppe zum Park. Sie kicherten und winkten; eine der Jüngeren trat auf Louise zu, um ihr den Weg zu weisen. Man sah sie bedauernd und belustigt an; dann blieb alles zurück, das klirrende Gelächter und die glitzernde Schar, die ganze fremde, verlockende, undurchschaubare Welt des Hofes.

Als Louise sich auf dem großen Vorplatz umsah, entdeckte sie über die Fläche hinweg ihren Vater, Leutrum, die Mutter mit Franziska und die kleinen Schwestern. Sie schlüpfte in eine Nische und wartete, bis alle ein wenig weitergegangen waren; zittrig, aber verwegen kam sie bei der kleinen Gesellschaft an. Man begrüßte sie erstaunt; aber sie hatte sich eine nette Geschichte ausgedacht: daß sie im Park mit einer Dame ins Gespräch gekommen sei, die sie ins Schloß geführt hätte. Sie sei jetzt noch ganz durcheinander von dem Vielerlei, was sie dort gesehen hätte. Louise nahm Franziska heimlich beiseite. „Franzel“, wisperte sie, „jetzt brauch ich beinah deinen Trost, und dazu noch deinetwegen!“ Franziska blickte sie verständnislos an.

„Ich hab’s recht machen wollen“, flüsterte Louise, „ich hab gedacht, jetzt kann keiner mehr der Franzel vom Leutrum helfen als der Herzog selber! Deshalb bin ich auch weggelaufen und hab mich bei der Audienz melden lassen und bin zugelassen worden, obwohl man sonst wochenlang drum eingeben muß …“

„Louise! Das hast du meinetwegen getan? Und der Vater? Und der Leutrum? O gute, gute Louise … das gibt ein Unglück!“

„Ich hab’ ja auch gar nichts erreicht“, beichtete Louise kleinlaut, „er hat mich angehört und gefragt, ob du einen anderen gern hättest, und er wollte einmal mit dir drüber diskutieren, und den Leutrum wollt er dekorieren, und du solltest halt zufrieden sein, er wär’ nicht ganz so übel, und die Ehe …“ Franziska drückte ihr die Hand auf den Mund. „Sag kein Wort mehr, damit der Vater nichts erfährt! Ich hoff nur, daß es der Leutrum nicht merkt. Und wenn der Herzog je mit ihm reden sollt’ und mit mir … wenn er mir einen Brief schriebe, mich zur Audienz beföhle, dann würde ja alles publik! Ach, liebste Louise!“

Beide schwiegen bedrückt; sie wagten sich kaum anzusehen, während man Leutrums Wohnung besichtigte. Franziska ging wie im Nebel mit und erkannte kaum, was sie umgab. Das angebotene Mahl lehnte Bernerdin ab, es werde Zeit, sagte er ernst, an den weiten Heimweg zu denken. Im Wagen klang alles nur noch wie ein Traum in Franziska nach, ein Alptraum, der sie immer mehr bedrückte, je unabwendbarer das Beschlossene herankam.

Pforzheimer Jahre

Anfang Juli 1765 wurde die Hochzeit gefeiert. Franziskas Hand „war dem Freier gewährt worden“, wie es Frau von Bernerdin ausdrückte. Das Paar wurde in Adelmannsfelden getraut; die bescheidene Mitgift von 1500 Gulden hatte Leutrum ohne Kommentar hingenommen. Nach der Feier zog er mit seiner jungen Frau nach Pforzheim.

„Du mußt dich mit ihm arrangieren, Kind“, hatte Frau von Bernerdin beim Abschied geflüstert, als ihr Franziska weinend um den Hals fiel. Der Vater hatte ihr kurz die Hand gedrückt und den beiden „Gottes Beistand“ gewünscht; er verbesserte sich schnell und wünschte „Gottes Segen“.

Franziska sah sich angstvoll in der neuen Umgebung um. Sie hatte das Gefühl, der Atem sei ihr abgeschnürt, alles bedrückte sie: das Palais mit seinen vielen Zimmern, der kühle Luxus – nichts Wohnliches, Atmendes spürte sie, kein Behagen. Auch die Dienerschaft war nur korrekt und verhielt sich unpersönlich. In Adelmannsfelden hatte sie die Köchin seit den Kindertagen gekannt, Knechte und Mägde waren mit ihren Sorgen und Freuden gekommen, und jedes kleine Ereignis im engen vertrauten Kreis hatte man weitschweifig beredet. Die Schwestern waren da gewesen, zutraulich und nah, und sogar den steifen schüchternen Weber vermißte sie jetzt wie einen Bruder und betrachtete manchmal heimlich das Zettelchen mit seinen Versen, das sie im Schmuckkasten verwahrte.

Hier in Pforzheim mußte sie den ganzen Tag gesammelt und gefaßt sein, überlegte Befehle geben und sich halten wie die Dame eines großen Hauswesens, sicher, gelassen, ohne Gefühl fast … und sie war sechzehn Jahre alt.

Leutrum ließ sie viel allein. Manchmal kam er unangemeldet von der Jagd oder aus der Residenz zurück, mit mißtrauischen Augen. Sie fürchtete sein Auflauern; oft horchte sie lange, ehe sie einschlief, auf ein anschwellendes Wagenrasseln und zuckte zusammen, wenn das Hufgetrappel vor dem Haus anhielt.

Im Winter, wenn Schnee und Nässe auf den Gassen alle Laute verschlangen, saß sie noch gegen Mitternacht wach, in den Nachtrock gewickelt, und las in einem geistlichen Buch.

Jetzt, im frühen Februar, waren die Nächte feucht und stürmisch. Sie sehnte sich nach Schlaf, dem gesunden Kinderschlaf, den sie in ihrer Heimat ungesucht genossen hatte. Sie wünschte sich wenigstens ein Gespräch, zumindest einen Bericht, da sie doch von allem ferngehalten wurde, was ihr Louise tröstlich und ausgleichend vorgestellt hatte: von den Feiern bei Hof, von den Bällen und Redouten und Theaterabenden, die sie früh verachten gelernt hatte nach den Schilderungen des Vaters und die doch ihre Neugier lockten.

Leutrum nahm teil daran, mit einem ihr unverständlichen Eifer betrieb er alles, was den Hof anging; und dabei schien es ihm kaum Vergnügen zu machen. Vielleicht war es nur eine immer wiederholte Probe auf seinen Einfluß dort – und eine immer neue Enttäuschung, ging es ihr durch den Kopf.

Diesmal gab es eines der „großen Wiegenfeste“, eine Maskerade, wie Leutrum beiläufig erwähnt hatte, zu Ehren des „unsterblichen Carl“ und zum Lob seiner Geburt … Sie stellte sich den wirbelnden Glanz vor, den unübersehbaren Schimmer und Flitter, und dazwischen den Mann im violetten Schoßrock, gequält und quälend: den ihr vom Vater und von Gott verordneten Gemahl. Sie nahm das Buch wieder zur Hand, Gellerts „Geistliche Oden und Lieder“. Ächzend fing sich der Wind im Kamin. Die Kerze knisterte. Vor ihren Füßen schlief der große Setter, schnaufte im Traum und warf den dicken Kopf zur Seite. Er roch scharf, wie Hunde mit nassem Fell. Franziska bückte sich und rührte vorsichtig an seinen starken haarigen Nacken, ob er feucht sei. Jäh sprang das Tier auf die Füße und fauchte sie zähnefletschend an.

„Tyras!“ schrie sie, „kennst mich nimmer?“

Er schob sich schräg an ihren Stuhl, im Halblicht funkelten seine Pupillen, als glühten sie. Franziska zog die Füße auf den Sitz. Jetzt legte der Hund die Ohren flach, die steingelben Augen blieben unverändert auf sie gerichtet. „Komm doch her, du“, versuchte sie zu locken, wie sie das bei der Dogge zu Haus getan hatte, wenn sie knurrte. Aber dieser hier, Leutrums Eigentum, blieb unerreichbar, fremd. „Er ist verdorben“, dachte sie schaudernd, „vielleicht hat er ihn heimlich geprügelt und geplagt, und er hat mich nie als zugehörig empfunden.“

Tappend kreiste das Tier um sie, näher jetzt, und sträubte die Rückenhaare.

Da knarrte die Treppe. Der Hund drehte sich um und trabte zur Tür, die Leutrum von draußen aufriß. Franziska sank im Stuhl zusammen.

Leutrum jagte den Setter in die Ecke, dann kam er langsam an ihren Sessel heran. „Du brauchst dich nicht zu fürchten“, sagte er mit unsicherer Stimme, seine trockene Hand lag auf der ihren, sie sah erstaunt hoch; sein Hals war gestreckt, die schmalen Lippen klafften! „Nicht fürchten“, wiederholte er, „komm doch, bitte!“

Sie sah ihn starr an. „Komm her, du!“ hatte sie eben selber den Hund gelockt, während die Angst sie würgte. Hatte der da auch Angst? Wovor? Vor ihr, ihrer Abwehr? Sie kannte diesen scheuen Ton und hatte auf einmal Mitleid. „Du hast’s ihn nicht geheißen?“ flüsterte sie, bereit ihm zu glauben. Vor ihrem unfreien Lächeln schoß ihm der Zorn ins Gesicht. „Und wenn – wenn ich’s einen Hund heißen könnte, einen Funken aus meiner Frau zu schlagen, und wär’s vor Schrecken!“, keuchte er, „einen Funken, ein Echo aus deinem stumpfen, lahmen, faden Gleichmaß! Nichts, nichts! Man hat mir gerühmt, du seist lustig, voller Einfall und Narretei, was Blitzhelles hättest du, was Neckisches und Springendes und … und … bei mir …“

Franziska stand auf und strich über ihren Rock. „Gut Nacht, Reinhard“, sagte sie und ging ihm voraus, „ich geb’ mir ja Müh’, ich bin deine Frau.“ Leutrum machte keine Anstalten, seine Frau dem Herzog vorzustellen. Sie selber fragte nicht und ließ es bei seinen wortkargen Auskünften. Natürlich hörte sie trotzdem immer wieder von den „superben Lustbarkeiten“, sah Wagen und Tragsessel vor ihren Fenstern, die zu den Pforzheimer Banketten hasteten, erfuhr durch die Dienerschaft, was es in Ludwigsburg an Sensationen und modischen Extravaganzen gäbe. Schließlich erkundigte sie sich bei ihrem Friseur. Joseph Flasch schwatzte angenehm und machte dezente, beinahe überzeugende Komplimente, die Franziska Wohltaten; er kam aus Ludwigsburg und war an den Umgang mit den Damen des Adels gewöhnt.

„Flasch“, fragte sie eines Morgens, während er mit der Brennschere hantierte, „hat Er die Toscani schon gesehen? Man sagt, sie sei über die Maßen reizend!“

„Madame“ – Flasch zupfte an einer Locke – „die Toscani darf man nicht mehr als reizend ansprechen, seit sie hinter der Bonafini zurücktreten mußte! Das ist sogar schon eine ganze Weile her.“ „Ach, Bonafini? Den Namen hab ich doch schon gehört? Ich vergaß … Was ist eigentlich mit der?“ „Eine Sängerin italienischer Abkunft, die Serenissimus seit dem Frühling schon mit seiner Gunst beehren.“

„Gunst? Er meint doch nicht?“

„Oh, Madame …“, seufzte Flasch, erschüttert über ihre Unschuld. Franziska sagte nichts mehr; sie sah mit gesenktem Kopf von unten her in den Spiegel, wo sich Flaschs hagere Figur hinter ihrer rosa Morgenrobe dunkel abhob. Er flüsterte: „Die erwählten Damen tragen blaue Schuhe …“

Franziska wurde rot; sie wollte sich nicht vorstellen, daß ein Souverän, ein würdiger Vater seines Volkes, ein von Gott berufener Regent, ein … Schwabe sich wie ein Pascha benehmen sollte oder wie der französische Ludwig. Aber Flasch fühlte sich durch das Vertrauen der Baronin geehrt, er konnte der Versuchung nicht widerstehen, seine Hintertreppengeschichten loszuwerden, zumal ihn die Reaktion der naiven Frau belustigte. Serenissimus habe mehrere natürliche Söhne beim Heer, schwatzte er weiter, man rede von sechsen, und eine Anzahl Töchter im Lande. Auch seien Mädchen aus angesehenen Häusern einfach weggeholt und die Väter nachher dekoriert worden. Der Minister Graf Montmartin und sein Intimus Wittleder seien da brauchbare Instrumente.

„Ich kann mir das nicht länger anhören, Flasch“, sagte Franziska endlich erschöpft, „von den Gefangenen und den Verkäufen der Ämter habe ich erfahren, wenn auch nicht durch meinen Gemahl … der sagt nie etwas davon und will auch nicht darüber ausgeforscht werden. Aber jetzt muß ich ihn direkt fragen, ohne Umschweife! Wie soll ich denn an so einen Hof gehen und einen Knicks machen, wenn ich das weiß?“

Flasch schwieg erschrocken. „Euer Gnaden“, flüsterte er sehr förmlich, „vergeben mir Euer Gnaden gütigst, aber der Herr Baron von Leutrum dürfen in keinem Fall auch nur einen Schimmer von dem erfahren, was ich – etwas übertrieben und ausgeschmückt – der gnädigen Frau erzählt habe. Der Herr Baron sind Hofbeamter und ich …“

„Ach, Flasch, das laß Er meine Sorge sein, er braucht ja nicht zu ahnen, wer mir’s gesagt hat.“ „Madame, er wird es bald genug herausbringen, wenn Sie auch nichts verraten …“ Flasch trat bedrückt beiseite. „Wenn mich die gnädige Frau je ein bißchen geschätzt haben, meine treuen Dienste, dann bitt ich flehendlich um Ihr Schweigen! Mir steht noch das verzweifelte Gesicht meines Coiffeurmeisters vor Augen, des Reich, den man ohne Verhör und Verhandlung im September 56 hat verschwinden lassen, zuerst auf den Hohentwiel und danach auf den Asperg; er ist seit ein paar Jahren frei; ich weiß aber nicht, ob er noch lebt.“

„Der Reich?“ fragte Franziska erschreckt, „und warum ist der verhaftet worden?“

„Ich darf nicht noch mehr sagen, Frau Baronin. Ich fürcht, ich hab mich so schon ins Unglück geredet, der Reich hat damals nichts anderes getan als ich eben.“

„Flasch“, sagte Franziska erschreckt, „ich versprech’ Ihm, daß ich nicht nachfragen werd’, ich versuch’ das alles zu vergessen, als wär’s nie gewesen .. so gut ich’s halt kann.“

Sie stand vom Putztisch auf und entließ den blassen Flasch mit einem beruhigenden Lächeln.

Der Sommer ging hin. „Hier in Pforzheim hab’ ich nicht viel von Blumen und Bäumen, auch wenn du mich ausfährst, Reinhard“, sagte Franziska traurig, „laß mich doch einmal heim nach Adelmannsfelden, ich hab’ dort viel zu bereden, meine Kleider möchte ich selber in Ordnung bringen, und erst kürzlich ist mein Vater krank gewesen – wer weiß, wie lang er’s noch macht.“

„Unsinn, Frau“, Leutrum sah kaum auf und duckte den großen Kopf hinter einem Nachrichtenblatt, „dort ist nichts für dich zu lernen, was einer Dame von Stand zukommt, zwischen den Kühen und Geißen und Hennen – was willst du bei denen?“

„Du hast mich da herausgeholt und hast gewußt, woher ich kam“, sagte sie vor sich hin; dann hob sie die Augen, als hoffte sie, doch noch verstanden zu werden. „Es sind ja die Eltern und es ist ein altes, gutes Geschlecht – nichts Unrechtes haben sie mir mitgegeben.“

Leutrum wurde das Thema langweilig. „Geh, wenn’s dir so viel gilt“, warf er hin, „aber bleib nicht zu lang – ich mag mich nicht anstieren lassen, nur weil meine Frau nicht hier ist.“

Sie schaute auf, spürte seinen unsicheren Blick und fürchtete, er nähme die Zusage zurück. „Danke – das ist eine gute Aussicht –“, sprach sie schnell in sein Gesicht hinein. „Der Herbst ist schön bei uns, ein paar Wochen beim Äpfelpflücken … und die große Stube ist warm und gemütlich.“

Leutrum sagte nichts mehr. Er rief den Hund, der in der Ecke schlief, und ging hinaus. Unter der Tür drehte er sich um. „Du dozierest heut wie ein Buch und gar nicht mehr so schwäbisch – ist das dem Heimfahren zulieb?“

Franziska mußte ihm innerlich recht geben. Unbewußt wurde ihre Sprache steifer und gemessener, wenn sie mit Leutrum zu tun hatte, weich und ohne Zwang fühlte sie sich nie bei ihm. Aufwachen und keine Angst haben, dachte sie sehnsüchtig, und sich nicht grausen vor dem, was am Abend war und wieder sein würde!

Ein paar Tage später kam er angetrunken heim – er sah häßlich aus, wenn er, verschwollen vom Wein, mit glitzernden kleinen Augen, in einer meckernden Angeregtheit hereintrat. Franziska kannte ihn so. Aber sie hatte in den Monaten, die sie mit ihm zusammenlebte, gelernt, ihm zu begegnen: mit freundlicher Aufgeräumtheit, damit er nicht spürte, wie sie sich zusammennahm. Ruhig, mit einer Handbewegung, lud sie ihn zu sich ans Tischchen, das ihr die Zofe gerade gedeckt hatte. Sie schenkte ihm Tee in ihre Tasse, noch ehe eine zweite gebracht wurde, lächelte und reichte ihm Konfekt. Dann erzählte sie beiläufig, der Medikus Raiser sei eben dagewesen, nur einer privaten Visite halber, ohne Anlaß. Und er habe sie gefragt, warum sie so durchscheinend blaß aussehe, und sie habe ihm gesagt, es sei leider nicht das, was sie gern als Grund gesehen hätte; er habe darauf gemeint, so möchte sie doch die Landluft suchen, ein paar Wochen, das helfe oft auch dazu.

Leutrum nickte verlegen und riet jetzt selber, aufs Land zu reisen. Sie werde glücklicher, robuster, lebhafter zurückkehren.

Schon zwei Tage später fuhr Franziska nach Adelmannsfelden. „Ich hab’ geschwindelt“, beichtete sie abends Louise, „denn es wär mir bang und angst, wenn ich Kinder haben sollt vom Leutrum; aber darauf hat er mich endlich reisen lassen.“

„Morgen kommt Besuch, oder eigentlich nur einer, der sich vorstellt“, berichtete die Schwester später, „ein junger Mann, der sich beworben hat, den Kleinen Unterricht zu geben. Der Dorfschullehrer ist ein Schafskopf, und den Weber hat ja der Vater verjagt – leider!“

Anderntags rückte in einem rumpeligen Postwagen ein Mann an, der sich erst von der Station zum Schloß durchgefragt hatte, ein rundlicher, rotbackiger Mensch, nicht allzu ordentlich angezogen, mit kleinen feurigen Augen und einer hohen Stirn. Er kam aus Geislingen, wo er Schullehrer war, und hieß Friedrich Christian Daniel Schubart. Franziska führte ihn zum Vater, und solange er auf den Freiherrn wartete, unterhielt sie ihn munter; seit sie wieder zu Hause war, schwatzte sie gern. Er stellte sich vor, mit einem ungewandten Bückling, bei dem ihm das Blut in die Stirn schoß. Der dunkelblaue Schoßrock stand hinten weit ab, die Gestalt wirkte im Aufrichten voll und gedrungen; das ließ ihn älter erscheinen als er war, achtundzwanzig Jahre …

Die flinken klugen Augen intensiv auf die junge Frau gerichtet, seufzte er: „Solche Mode und solche Haare und Hände gibt es freilich nicht zu Geislingen, und daß es sie zu Adelmannsfelden im Ellwängischen gäbe, hätt ich niemals gedacht!“ Franziska lachte ihn an. „Nein, bei meiner Ehr!“ schwärmte Schubart weiter, „da wird man zum Dichter, so man’s nicht eh schon ist! Der Lippen Purpur, ihre Wangen / Dran tausend Amoretten hangen …“

Sie lachte lauter. „Herr Schulmeister, das wär’ aber ein bißle schwer – da hätt’ ich demnächst die reinsten Hängebacken von Ihren tausend Amoretten!“ rief sie.

„Es kommt mir von selber, das Reimen“, entschuldigte er sich, „es fließt wie geschmiert, so das Fäßlein angestochen wird!“

„Ich hab’s aber nicht angestochen!“ Sie konnte vor Vergnügen kaum sprechen. „Und wenn der Herr Vater Sie so reden hört, Herr Schubart, stellt er Sie bestimmt nicht ein für die Juliane und die Eberhardine, das kann ich Voraussagen!“

Der junge Dichter setzte eben zu einer neuen Beteuerung an, als der Freiherr hereintrat. Eilig, sorgenvoll und kritisch beschaute er den Aspiranten, der hastig aufgesprungen war.

„Er kommt aus Geislingen und ist gebürtig aus Aalen?“ fragte Bernerdin streng.

„In Aalen aufgewachsen, aber geboren zu Sontheim.“

„So, so, evangelisch?“

Sein Vater sei Diakon zu Aalen, erwiderte Schubart.

„Gut.“

Und er sei jetzt in Geislingen Lehrer, aber wenig befriedigt – ein geringes Entgelt, obwohl er nicht anspruchsvoll sei, und in der Schule schmutzige Buben, ungebärdige und …

„Schon recht“, unterbrach der Freiherr, „das kennen wir alles. Fragt sich aber, was Er weiß!“

„Ich bin Theologe, wiewohl kein fertiger Pfarr’“, kam die Antwort kleinlauter, „und beherrsche die griechische und lateinische Sprache, Französisch hab ich mir eingetan, Orgel spiel’ ich und das Clavizimbel, auch Harfe und Gitarre und Flöte.“

„Da ist Er ja mehr ein Musikus denn ein Lehrer?“ „Sprache und Stil üben ist meine Freude – bin im Briefwechsel mit dem Wieland aus Biberach und dem Haug und Böckh …“

Dem Baron sagten die Namen nichts. „Kann er überhaupt mit kleinen Mädchen umgehen? Die meinen sind zwölf und acht, Mann!“

„Ich hab’ selber ein Julchen“, erklärte der Besucher scheu und leuchtete auf dabei, „ein herzig’s Ding! Lernt grad laufen! Und ein Söhnchen hab’ ich auch, Ludwig.“

„So, so“, machte Bernerdin und schaute sich den möglichen Lehrer seiner Töchter genau an. „Und wie kommt Er vom Schuldienst frei?“

„Das ist keine Sorge, Herr Baron, das ist wie der Aufflug eines Vögleins aus der Misere, aus dem engen, dreckigen Nest unterm Stalldach – das will ich schon schaffen!“

Er müsse aber doch noch Zeugnisse haben, sagte der Freiherr, über Gebaren und Lebenswandel und sittliche Führung, und seine religiöse Stellung sei wichtig, da er ja anscheinend die Theologia nie ganz zu Ende geführt habe – wieder streifte ein herrischer Blick den Bittsteller –, „und, Er sieht mir aus, als sei Er dem Glase nicht abhold gesonnen!“

Schubart wurde rot; er ärgerte sich. „Ich bin ein Dichter, halten zu Gnaden, hab’ bekannte Poema drucken lassen und bin auch Organist und Chorleiter; mein Schwieger ist der Oberzoller von Geislingen, ein geachteter Mann …“

„Hab’s gehört“, brummte Bernerdin. „Mit denen Poeten hab ich nicht die besten Erfahrungen gemacht!“

Franziska mischte sich erschrocken ein. Es wäre doch gut und hilfreich für die Mädchen, wenn sie einen so vielseitigen und vielbekannten Mann zum Lehrer bekämen, meinte sie drängend.

Der Vater nickte; er wolle die Mutter noch fragen. Schließlich kam ein freundlicheres Gespräch zustande, bei dem nur die Lohnfrage noch nicht ganz geklärt war. Immerhin verlangte Schubart auch eine Wohnung für seine Familie. Und leben müsse er halt, leben! sagte er ganz schwäbisch und dehnte die Arme. Und so wolle er also wieder heimreisen und warten, bis ihm der Freiherr Bescheid gebe; er werde indessen mit seinem Rektor reden.

Im Hinausgehen fiel ihm ein Clavichord auf, das in der Zimmerecke stand; es wurde nie gebraucht, war ein altes Familienstück, das Frau von Bernerdin eingebracht hatte und das reichlich heiser zirpte. Aber Schubart stürzte sich darauf in einem jähen Impuls. „Gestatten Sie mir, ein kleines Weilchen zu spielen, Euer Gnaden?“ fragte er flüchtig und saß schon auf einem eilig herbeigezogenen Stühlchen vor dem Instrument.

Bernerdin unterdrückte sein Befremden und, da die Mutter und Franziska nickten, hob Schubart den Deckel auf; seine Schülerinnen hatte er noch nicht einmal gesehen. Während er die Tasten probierend anschlug und den geöffneten Kasten untersuchte, um zu stimmen, traten die Töchter schüchtern ein, Juliane und Eberhardine, beide blond, mit großen Augen, schmal und noch zarter als Franziska und Louise; auch die zeigte sich hinter ihnen.

Und als endlich – man holte bereitwillig Zangen und Hebel – das alte Klavier ein wenig klarer klang, spielte Schubart, hingerissen von den Tonfolgen und Akkorden, die ihm wie eine Quelle unwillkürlich unter den Fingern sprangen, Händelphantasien und eigene Improvisationen, und er hörte erst auf, als Bernerdin sich hörbar räusperte. Dann knicksten die beiden Kinder.

Schubart sah sie kaum an, er grüßte eilig, schob heftig den Stuhl weg und ging so befangen fort, als habe er zuviel von sich preisgegeben.

Später, als Franziska längst wieder in Pforzheim war, fragte sie einmal im Brief nach dem neuen Hauslehrer. Es sei nichts draus geworden, beschied sie die Mutter knapp, der Schwieger Oberzoller aus Geislingen habe sich eingemischt, dem Vater Unerfreuliches über den Eidam mitgeteilt, sich auch geweigert, des Jungen Schulden zu zahlen, die er seiner losen Führung danke, und so habe auch der Dichter resigniert, bitter ungern, wie es in seinem Abschiedsgruß geheißen habe, und sei weiterhin Schulmeister zu Geislingen geblieben, bis sich ihm Besseres zeige.

Am Hof in Ludwigsburg wurde Leutrum nach seiner jungen Frau gefragt. Verdrossen gab er Bescheid, sie sei eben vom Land, und er bemühe sich, sie heranzubilden.

Daraufhin trafen ihn spöttische Blicke; man werde ja sehen, hieß es: entweder sei sie ausnehmend schön oder so häßlich, daß er sie keinem anderen als dem eigenen Auge aussetzen möge. Natürlich hatte man längst durch Bedienstete das Nötige gehört. Leutrum – besorgt um seine Stellung bei Serenissimus – bequemte sich zum Nachgeben, Er schenkte Franziska zum zwanzigsten Geburtstag ein Brillantarmband und bemerkte beiläufig, sie könne es ja bei Hofe zeigen. So ließ sich nicht länger vermeiden, daß die Frau Baronin von Leutrum aus ihrer Verborgenheit hervortrat. Man lud sie, nach Leutrums entsprechenden Andeutungen, „dringlicher als seither“ zu einer Soiree bei Hofe ein.

Zu Ehren des englischen Gesandten war im Januar 1769 ein Galadiner angesetzt worden. Die Leutrums wohnten schon seit ein paar Tagen in ihrem Ludwigsburger Stadthaus. Man hatte eine französische Zofe angestellt, Lisette Touchon, ein schmales dunkelhaariges Wesen, das Franziska mit biegsamer Ergebenheit bediente. Flasch war – stiller als sonst – angetreten und hatte auf ihrem Kopf ein Gebäude aus blonden, duftig gepuderten Locken aufgetürmt, blaue Bänder hineingewirkt und eine Rose aus einer blitzenden Agraffe hervorwachsen lassen. Er war zufrieden mit der Kaskade aus Natur und Künstelei, die ihm gelungen war, und beriet Franziska schüchtern über Wangenpuder und Lippenrot – es dürfe kräftiger sein als das der Männer – und über den charmantesten Punkt für das schwarze Schönheitspflaster. Die Touchon steckte und nestelte an dem gerafften Mieder, strich bewundernd über das Unterkleid aus Silberspitze und den faltigen Überrock aus schwerem Satin; dann führte sie die Hasenpfote puderstäubend über Franziskas Arme. Aus dem Spiegel sah sich die Geschmückte an wie ein buntes Pastell. Sie wußte, daß sie nicht eigentlich eine Schönheit war: Nase und Lippen waren „un peu trop“, wie Leutrum einmal taktlos bemerkt hatte, der Mund zu groß, die Nase eine Idee zu lang, ihre Flügel zu voll. Aber große, schimmernde Augen überstrahlten das alles und machten es unwichtig.

Franziska wandte sich vom Spiegel ab. Sie kannte sich selber noch nicht, mit zwanzig Jahren. Sie lebte nicht ihr eigenes Leben, hineingeworfen in ein völlig fremdes Dasein wie in widriglaue Luft. Immer noch, immer wieder sträubte sie sich dagegen, verwies sich ihren Abscheu, versuchte sich zu fügen. Sie sah sich wieder an. Wenn sie mit einem lieben, wohlgeratenen Mann zum Ball gehen dürfte! Sie hätte zwar keinen von Leutrums Freunden neben sich haben mögen, keine der höfisch gedrillten Kreaturen, die er gelegentlich zu einer Partie Tarock heimbrachte …

Sie drehte sich halb um. „Fertig, Lisette?“

Die Zofe hatte noch dies und das zu verbessern, wischte rasch über die weißseidenen Schuhspitzen, den rüschenbesetzten Rocksaum, dann verneigte sie sich und trat zurück.

„Oh, comme vous êtes belle, Madame!“

Franziska lächelte gutmütig. Sie schaute noch einmal in den Spiegel. Hinter ihr trat Leutrum herein; sie grüßte ihn mit einem steifen Nicken. Er trug das Haar hochtoupiert und schneeweiß gepudert, das gelbe Gesicht war noch fahler als sonst über seinem Frack von leuchtend violetter Seide. Er hatte Schmuck angelegt, Ringe, Busennadeln, zwei kostbare Sterne am Rock. Ironisch lächelnd verbeugte er sich, so weit es sein Buckel noch erlaubte, und bot seiner Frau den Arm.

Der Saal im Ludwigsburger Schloß war groß und hell. Kerzenbündel versprühten ihr Licht wie kleine Sonnen. Alles flammte vor Franziskas Augen. Sie unterschied nichts einzelnes mehr: Warmer Schwall, Duft und Menschendunst, Geplapper und Geklapper, Farben, Farben … schwingendes, luftiges Blau – schwang die Farbe oder das Kleid? Drehten sich die Tanzenden oder der Raum? Rot und Rosa, Safran und dunkles Gold, Lockentournüren, grelles Geblitz’ von Brillanten und immer wieder die wehenden Wolken, eine gelbe, eine grünliche, eine, die silbern zitterte … sie tanzten jetzt in Reihen gegeneinander.

Dann erst wurde Franziska die Musik bewußt; sie klang wie ein Geschlinge von tönenden Bändern, federndes Geigenzirpen huschte darüber, und der leise, exakte Rhythmus der Begleitung pochte wie Insektensummen am Fenster.

Franziska wurde erst ganz wach, als Leutrum sie hart am Ellenbogen faßte. Sein scharfes Flüstern verstand sie nicht. Er schob sie gegen eine Art Podium hin, wo goldene Sessel schimmerten. Zwischen den Stühlen da oben war Unruhe, Diener gingen hin und her. Sie zwang sich zur Sammlung – Leutrums erregtes Zucken und Nicken sollte sie auf irgend etwas aufmerksam machen, aber sie sah nur verschwommen, was vor ihr war: Aus einer Tiefe von rotem Samt, vor einer dunkel gewölbten Folie, wandte sich ihr ein großes rosiges Gesicht zu, die glatte Fläche wurde kaum präziser vor ihrem Blick, als sie den Kopf vorsichtig hob.

Wenn der Herzog sich jetzt an Louises Bittgang erinnerte? Was dann?

Das alles verging in Sekundenschnelle, während Leutrum sie ärgerlich zum Hofknicks niederzog. Sie dachte nur daran, sich richtig zu benehmen, die Hände am zurückgerafften Kleid. Beim Aufrichten erkannte sie aus den Augenwinkeln Leutrums zufriedene Miene, und beruhigter ging sie in bescheidener Haltung mit ihm vorwärts. Ein Kämmerer beugte sich über den dunkelroten Sessel, hauchte dem Thronenden ins Ohr, der gedankenlos nickte; er straffte sich und zerrte das verschobene Ordensband über die glitzernde Weste, dann kniff er die Lider zusammen. „Ihre Frau, Leutrum, ist eine Bernerdin?“ fragte er mit überraschend jugendlicher Stimme.

Franziska wagte ein schnelles Aufschauen.

„Wie lange sind Sie verheiratet, Madame?“ erkundigte sich der Herzog beiläufig und wandte sich schon zur Seite, während Leutrum eine beflissene Antwort zustande brachte. Franziska kam gar nicht zu Wort. Dann traten die beiden zurück in die wartende Reihe.

Leutrum wurde kurz danach die Würde eines herzoglichen Kammerherrn verliehen.

Seidelbast

Der Geburtstag Serenissimi fiel, ganz nach seinem Geschmack, in die Karnevalszeit. Um den elften Februar herum jagten sich am Ludwigsburger Hof Tanznächte in hektischer Folge, Tage mit Ausfahrten und üppigen Tafeln. Abends kreiselten leuchtende Boote, von heiterer Flötenmusik begleitet, auf einem künstlichen See, den warme Wasserzuflüsse eisfrei hielten. Zum Abschluß des festlichen Taumels gab der Herzog einen Maskenball. Wie in einem phantastischen Traum wimmelten die Verkleideten durcheinander, Dominos in kostbaren Seiden, Krieger mit hohen Mützen, Schäferinnen in bänderumflatterten Reifröcken, Husaren mit brillantglitzernder Verschnürung.

An einem verschneiten Abend, zwei Tage vor Carl Eugens Geburtstag, sah sich Franziska mitten darin, selbst erstaunt, wie rasch sie sich in das unaufhörliche Getriebe gefunden hatte. Der Tanz machte ihr Vergnügen, sie fühlte sich freier, seit sie vorgestellt worden war und dazugehörte. Die Bewegung tat ihr gut, da sie sonst immer nur still über ihren erbaulichen Büchern saß; lang war es her, seit sie geritten und durch die Wälder gelaufen war oder zur Obstzeit auf den Bäumen gesessen hatte …

Jetzt, geschützt durch die schmale schwarze Maske, ließ sie ihrer Lust freie Bahn: Sie tollte herum, wie es einer Kammerherrin vielleicht nicht anstand; aber Leutrum, selbst eine unglückliche Figur auf dem Parkett, gönnte ihr den Spaß, weil sie sich dabei schöner entfaltete, und beobachtete heimlich, wie er bei den Eingeweihten durch ihre Anmut einige Sympathie gewann.

Beim Menuett schleiften die Kavaliere geneigt und hüftdrehend über den blanken Fußboden, Lachen und Girren flatterte wie eine Wolke über dem Reigen. Wer nicht tanzte, stand schwatzend in einer Fensternische oder am Tisch mit den Getränken, einer komplimentierte wohl auch seine Dame – vorsorglich in ihren Pelz gewickelt – auf den Balkon hinaus. Franziska drehte sich zwischen den anderen; ein Kammerjunker hatte Leutrum um die Ehre gebeten, sie zur Gavotte zu führen.

Ihr türkisches Kostüm mit den rockweiten Hosen war gewiß sehr kühn – sie hatte zuerst abgelehnt, als es der Hofschneider vorschlug; aber zu ihrem Trost milderten die schwarzen Fransen an dem gerafften Überrock den Affront, den Leutrum als „étonnant“ genehmigt hatte. Das Mieder glänzte mattgolden, die Ärmel waren aus grünem Schleierstoff, die Haare unter einem winzigen roten Käppchen hochfrisiert. Franziska schielte atemholend unter der seidenen Larve hervor nach ihrem Mann; Leutrum lehnte am Büfett und trank; er redete eifrig auf einen runden seriösen Domino ein und schaute geradeaus. Sie nickte ihm zu, obwohl er hier nicht gegrüßt werden wollte, aber er blickte an ihr vorbei – ein grämlicher Papagei im gezipfelten Frack.

Da war ihr Tänzer plötzlich wie weggewischt. Sie fühlte sich behutsam umfaßt und vorwärts geschoben. Empört drehte sie sich um: Ein hochgewachsener Mars in goldstrotzender Rüstung hatte den Arm mit dem blutroten Mantel um sie geschlungen. Eine Art Visier mit Augenfugen verdeckte das Gesicht, riesige Straußenfederbüschel wogten auf der gebogenen Helmkrone … Franziska schob vorsichtig die Hand mit dem leuchtenden Mantel von sich weg; hinter den Schlitzen waren die Pupillen nicht zu erkennen, doch unter der goldüberdachten Nase wölbte sich ein selbstherrlicher Mund.

Der Gewaltige trat zurück und sagte halblaut: „Madame, warum tragen Sie keine blauen Schuhe?“ „Blau?“ antwortete sie gekränkt, „weil ich a anständige Frau bin!“

Der Mars lachte so dröhnend und volltönig, daß Franziska erschrocken zurückwich. Er nahm jetzt mit einer Verneigung ihre Hand und führte sie in den kleinen Erfrischungsraum hinter dem Ballsaal. Vor ihnen bildete sich eine freie Bahn, hinter ihnen blieb neugieriges Schweigen zurück. Leutrum schaute dem Paar finster nach. Er strich sich das Kinn nach Art alter Männer, als jemand neben ihm flüsterte: „Hohe Ehre, Reinhard, wahrhaftig: eine Auszeichnung!“

„Oh, schöne Türkin …“, sagte draußen der Kriegsgott und versuchte, Franziskas Maske zu lüften. „Da wäre ich wohl besser als der Savoyer erschienen, als ein ritterlicher Prinz Eugen und Türkenbezwinger, damit ich Sie entführen könnte?“

Franziska lachte; seine mächtige Ausstrahlung machte sie sicherer. Sie verbot sich selber darüber nachzudenken, wer da als Olympier auftrat. Es lockte sie, den Unbekannten unbekannt sein zu lassen und doch mit seinem Geheimnis zu spielen. „Die Türkin läßt sich nicht entführen, Göttlicher“, gab sie ihm zurück, „aber sie tanzt gern und schwätzt gern und wüßt auch gern, mit wem?“

Er lachte wieder, warf den Mantel auf ein Sesselchen und dehnte die Arme. Goldene Schuppenärmel reichten bis fast zu den kräftigen Ellbogen herunter, ein schmiegsamer Panzer spannte sich über der gewölbten Brust; gelbe Löwenhäupter lagen auf den Schultern. „Den Helm gibt Mars nicht preis“, sagte der Maskierte vergnügt, „solange die Odaliske ihr Augenband aufbehält.“

„Dann muß er sich halt mit dem großen Trumm abschleppen“, entschied sie prompt, und gleich darauf setzte sie mitfühlend hinzu: „Ist’s arg schwer?“ „Bloß heiß“, schnaufte der Mars. „Wenn die Türkin erlaubt, könnten wir auf die Terrasse gehen, mein Purpur macht warm.“

Als er ihr den Mantel umlegte, hielt er sie ein wenig fest, doch er ließ sie gleich los, als sie steif stehenblieb. Im Vorbeigehen zog er einen Vorhang beiseite und öffnete eine Tür. Draußen lag kein Schnee, dünner Regen fiel in den milden Februarabend. Unter dem Vordach standen die beiden Masken und atmeten auf. Der Mantel wärmte angenehm; Mars wartete, die Arme gekreuzt, auf ein zutrauliches Gespräch.

Franziska trat an die Brüstung und beugte sich vor.

„Des tut net gut – im Feber so lau“, meinte sie tadelnd, „nachher verfriert alles!“

„Eine schwäbische Türkin!“ stellte Mars resigniert fest, da er eine persönlichere Äußerung erwartet hatte.

„Sie sprechet auch net griechisch oder römisch!“ gab sie zurück, „aber i weiß scho, es sind jetzt allerlei Leut’ beim Herzog, Italiener und Preuße und des französische Ballett und die welsche Sänger und …“

„So?“ brummte Mars und rückte ein wenig näher, „was sie nicht sagt – la belle turque!“

„Vielleicht sind Sie doch ein Franzos’?“ fragte sie tastend.

„Vielleicht …“, erwog auch der Kriegsgott in seltsamem Ton.

Da überkam sie ein ungewohnter Mut. Ich brauch’s ja nicht zu wissen und ich weiß es auch nicht, überlegte sie, und er soll mich jedenfalls anhören. „Das wär schon recht“, verkündete sie in ihrem strengsten Hochdeutsch, „wenn auch’s Theater und’s Ballett viel Geld kostet, aber daß der Durchlauchtigste die vielen Tänzerinnen haben muß und die maitresse en titre, die …“

„Was sagst du da, Kind?“ Der Goldhelm klirrte leise an eine Säule, weil der Held sich in den Schatten zurückbog.

„Die?“ rief Franziska empört und bemerkte das unwillkürliche „Du“ nicht, „die ist ein Öffentlich erklärter Schatz vom Herzog!“

Der Erhabene lachte ein wenig flackernd.

„Ach? Sagt man so im Schwäbischen?“

„Mer sagt noch viel mehr!“ fuhr sie auf, „von seine Schulde an d’ Kirchekass’, und von dene Jagde im Schönbuch und am Bäresee, wenn se an tausend Tierle abschießet, und die Baure hent nix zum Esse wegen der Wildmast! Und von dene ei’gsperrte Leut’, vom Rieger …“

„Halt!“ schnitt ihr Mars das Wort ab, „jetzt ist’s genug! Woher wissen Sie denn das alles?“

„Bloß von de Leut’!“ flüsterte sie schüchterner; wahrscheinlich war sie doch zu weit gegangen.

„So – die Leut’!“ brummelte der Maskierte, „die Leut’!“

In diesem Augenblick trat ein Kammermohr durch die Balkontür heraus, von Kopf bis Fuß feuerrot gekleidet. Er näherte sich mit Verbeugungen, aber Mars winkte ab und neigte ihm den Kopf entgegen. Der schwarze Mann flüsterte ihm ins Ohr.

„Ah!“ seufzte der Behelmte erfreut, „da kann die Frau Türkin gleich selber sehen …“

Der Diener entfernte sich. Mars schob die Türflügel weiter auf, Franziska drängte neugierig nach. Durch den Spalt schien das Licht aus dem Saal. Mitten im Blickfeld der beiden erhob sich eine helle Gestalt, eine Wolke aus Tüll, das stark geschminkte Gesicht zu ihnen gekehrt.

„Concetta!“ murmelte Mars beeindruckt.

Die Primaballerina trippelte jetzt auf den starren Fußspitzen, die Geigen zirpten dazu. Aus kreisrunden braunen Augen warf sie einen schmachtenden Blick herüber – sie hatte wohl den goldenen Schimmer erkannt.

„Die Göttliche!“ hauchte Mars mit boshaft betonter Begeisterung. „Wie finden Sie sie, madame la turque?“

„’s isch a Kuh!“ antwortete die Türkin und ließ ihn stehen.

Ernüchtert hob Mars seinen Purpur auf, der ein wenig staubig geworden war.

Im Mai 1769 hatte Elisabeth Dorothea von Württemberg die Damen aus dem Hofstaat Carl Eugens in Wildbad zu einer Teegesellschaft gebeten; sie war die Frau seines Bruders Friedrich Eugen, eine königliche Prinzessin von Brandenburg-Schwedt, und wurde allgemein „die Hoheit“ genannt. Schon vor dem Herzog war sie mit ihrem Gatten in Wildbad zur Kur eingetroffen, freudigst begrüßt, denn das große Gefolge und die illustre Frau machten das Bad bekannt und beliebt.

Auch die Leutrums waren eingeladen worden: Franziska hatte unter den Hoffräulein der „Hoheit“ eine Freundin, die Baronesse Sophie von Grollmann, und Leutrum gehörte ohnehin als Reisemarschall zur Suite des Herzogs.

Franziska machte sich so schmal wie möglich: Carl Eugen hatte seinen Besuch angekündigt. Jetzt, dachte sie beklommen, wird es sich entscheiden, wer Mars gewesen ist. Und er würde sie – wenn er es war – gewiß erkennen, an der Stimme, an irgendeiner Bewegung. Vielleicht, überlegte sie, kommt er nur deshalb so unverhofft zu diesem Damentee, um sich zu vergewissern, ob die freche Türkin … Und das alles konnte Leutrum seine Stellung kosten und sie die gesellschaftliche Achtung.

Der Herzog trat ein, ehrfurchtsvoll gemeldet, in strahlender Laune, mit erhobenem Kopf: Jupiter, nein, Mars in Person! Zwar deckte kein Goldsteg die gebogene kleine Nase, kein geschlitztes Visier das helle feurige Blau der Augen, und der Mund war freundlicher als damals, lässig, gelassen.

Franziska zitterte, als „die Hoheit“ sie vorstellte und dabei bemerkte, sie sei ja vom Defilee im Frühjahr 1767 schon bekannt. Carl Eugen nickte gnädig. Nichts an seinem geröteten Gesicht verriet, ob er noch an „la petite turque“ dachte.

Franziska atmete auf; er wollte sich wohl nicht erinnern, und darum brauchte sie es auch nicht zu tun. Und während Dorothea, mit ihrem Schwager im Saal auf- und abgehend, die Erfolge der Heilkur in Wildbad besprach, saß Frau von Leutrum, bald ihren Mann, bald den Herzog anvisierend, steif auf ihrem Stühlchen und wagte keine natürliche Bewegung, kein lautes Wort, nichts als ein scheues Gehauche zu ihrer Tischnachbarin hinüber.

Dann schlug der Herzog, der nur für einen Tag hergefahren war, eine „kleine Promenade“ vor, durch die Anlagen an der Enz, unter den hellgrünen Bäumen am Wasser entlang, das noch immer die Fülle des Frühjahrs habe; dort sei auch die Luft besonders würzig.

Franziska folgte, noch immer starr vor Angst, am Arm ihres Gatten dem bunten Zug würdig schreitender Herren in hellen Strümpfen, seidenrauschender Damen mit gepolsterten Röcken, aber sie bemerkte kaum das freundliche Farbenspiel der grünen, pfaublauen, rosigen Fräcke und Kleider. Leutrum beachtete ihr Zögern nicht weiter, er war zu beschäftigt damit, dem Herzog aufzuwarten.

Carl Eugen spazierte mit Dorothea und ihrer schönen Tochter voraus. Am Weg standen mützenschwenkend die Wildbader, bereit, jede Laune und jeden Luxus gutzuheißen, wenn sie nur Aufträge versprachen.

Carl Eugen erklärte den Damen, wie sehr er bedauere, das Theater auf diese kurze Reise nicht mitgebracht zu haben – es begleite ihn sonst oft, und er habe ja an vielen Orten des Landes kleine Bühnen errichten lassen, man kenne doch die von Teinach und Grafeneck; und Ludwigsburg stehe dem Stuttgarter Lusthaus gewiß nicht nach mit seinen prächtigen Prospekten und Kulissen.

Franziska, die hinter dem Herzog ging, hörte mit halbem Ohr hin. Das wilde Wasser rauschte, der Nachmittag wurde kühler, Schatten fingerten langsam über den geebneten Weg. Nur die bewaldeten Gipfel lagen noch im Licht. Endlich befahl Carl Eugen, der an ausgedehnte Spaziergänge gewöhnt war, einem Bedienten, für „une place de repos“ unter den Buchen zu sorgen, „behelfsmäßig, ländlich – die Damen mögen verzeihen“, sagte er.

Natürlich hatte man einen derartigen Wunsch vorausgesehen und einen Wagen mit Stühlen beladen, der den Spazierenden langsam gefolgt war.

Die Hofgesellschaft wartete stehend, bis der Fürst und seine ranghöhere Schwägerin sich gesetzt hatten. Dorothea hob den Fächer und lächelte. Die übrigen verteilten sich in einem weiten Kreis. Viele Augen schauten ins flimmernde Laubdach, durch das die schrägfallenden Sonnenstrahlen blasse zukkende Streifen schossen. Franziska klammerte sich auf einem wackeligen Sitz fest, den Leutrum ihr untergeschoben hatte: sie wäre am liebsten irgendwo in den Schatten getaucht, der schon bläulich um die Baumstämme spielte. Leutrum sah sie mißbilligend an: Ihre Zerfahrenheit fiel auf. Sie hatte sich zusammenzunehmen – Serenissimus waren allerhöchst zugegen. Als Franziska jedoch sein verärgertes Gehabe nicht bemerkte, stand er lautlos auf und trat hinter sie.

„Du zeigst eine ennuierte Miene, daß es ein Affront ist“, fauchte er leise. „Du machst ein Gesicht wie ein verwettertes Bauernweib! Was sollen die allerhöchsten Herrschaften denken?“ Er hatte unbewußt lauter geredet als nötig; Dorothea hob den schönen Kopf und warf Carl Eugen einen Blick zu; er folgte ihren Augen und erfaßte das Bild des krüppelhaften Mannes, der sich wie ein erboster Erzieher über seine Frau beugte; sie sah noch verstörter aus als vorher, hilflos preisgegeben – nichts erinnerte mehr an die ausgelassene Türkin, die sich angemaßt hatte, seine Göttlichkeit zu tadeln. Carl vermutete – was freilich Dorothea nicht ahnen konnte – einen tieferen Grund für die Strafpredigt als Franziskas Zerstreutheit; hatte der verbogene Mensch hinter dem Baum vielleicht etwas von seinem Karnevalsgespräch mit der jungen Frau erfahren? Hatte sie ihm in ihrer Bravheit gar davon berichtet?

Franziska schaute bedrückt zur Seite; neben ihr am Waldrand trug der Seidelbast noch ein paar verspätete Blüten; ihr gebrochenes Lilarosa sah krank und müde aus. Ein Hauch des süßlichen Duftes streifte sie, sie beugte sich vor und holte den Zweig heran.

Carl Eugen, der sie beobachtet hatte, sagte lächelnd: „Seidelbast! Daphne mezereum! Sie kennen doch die Metamorphosen des Ovid, Madame? Die schöne Daphne, von Apoll verfolgt – oder war es Mars? –, verwandelt sich in einen Strauch, um sich ihm zu entziehen. Ach ja, diese antiken Göttergeschichten …“

Inzwischen hatte Dorothea einen Ausflug in den Schwarzwald arrangiert, und wieder die Leutrums dazu eingeladen. Sophie von Grollmann und das Fräulein von Schilling, eine Freundin von Dorotheas Tochter, waren mit einer Art von schwärmerischem Eifer um Franziska bemüht. Dorothea hatte Mitleid mit ihr, deshalb zog sie die junge Frau näher an sich heran.

Dorotheas Karosse ratterte leicht über die Waldwege, die Damen schwatzten, lachten und hielten die hellen Schirme gegen die Sonne.

Als man eine Weile unterwegs war, fing eines der Pferde an zu lahmen. So werde man nicht weiterkommen, jammerte der Kutscher, mit sechs Personen sei das Gefährt überlastet bei dem geminderten Gespann. Man könnte ja an einem Dorfwirtshaus halten und drei von den Herrschaften dort absetzen, auch ein frisches Pferd ausleihen und das kranke einstellen.

Franziska erbot sich sofort, die Chaise zu erleichtern. Die Damen Schilling und Grollman könnten vielleicht bei ihr bleiben. Leutrum mußte einer dienstlichen Verpflichtung halber so rasch als möglich zurückfahren und Dorothea bat ihn, sie und ihre Tochter zu begleiten. Als sie aufbrachen, fing es an zu regnen.

Die Zurückgelassenen traten ins Schankzimmer. Der Wirt wischte Stühle ab und schob Sessel heran. Sie setzten sich befangen. Die dumpfe Luft roch nach Bier und Rauch und legte sich drückend über den engen Raum. Der Wirt fragte beflissen nach besonderen Wünschen; die wenigen Gäste aus dem Nachbardorf schickte er weg.

Den dreien wurde das Warten lang; sie versuchten den Schwarzwälder Kirschenschnaps und fanden ihn pfefferscharf. Draußen trommelte der Regen jetzt mit Ausdauer, und es war nicht abzusehen, wann die Kutsche sie abholen würde. Sophie von Grollmann schlug ein Ratespiel vor, aber Franziska mochte nicht mittun, sie war voller Unruhe. Schließlich sprang sie auf und lief zur Tür. „Das Wetter wird besser“, rief sie, „wir sollten dem Wagen entgegengehen.“ Die anderen widersprachen, auch der Wirt beschwor die Damen zu bleiben.

„Dann lauf ich allein ein Stück, wenn’s zu wüst ist auf der Straß’, kehr’ ich eben wieder um“, erklärte sie und machte die Tür weit auf. Draußen tröpfelte es nur noch schwach, sonnenblinkende Schwaden sprühten von den Bäumen, die der laue Wind schaukelte. Ihre Sohlen waren bald durchweicht, aber sie trippelte beharrlich weiter.

Da überholte sie ein Pferd, heftig angetrieben, sichtlich schon lange unterwegs, triefend. Im Sattel hing ein älterer Herr mit einer großen Tasche. Franziska erkannte den Leibarzt des Herzogs, den Hofmedikus und Dozenten der Pathologie, Jäger. Vielleicht war jemand vom Hof unversehens krank geworden, und man hatte ihn durch einen Kurier holen lassen? Vielleicht galt dieser tolle Ritt dem Herzog selber? Sie kannte den Professor aus Ludwigsburg. Er hatte manchmal an Gesellschaften bei Hofe teilgenommen, wenn auch sichtlich wortkarg und verschlossen. Jetzt raste er wie ein Knochenmann und Unheilsbote auf Wildbad zu und war doch gewiß eher ein Helfer und Heiler. Franziska verstand plötzlich mit unbehaglichem Herzklopfen, daß sie Angst um den Herzog hatte.

Jetzt polterte der Wagen heran, der die drei Wartenden abholen sollte; man hatte noch ein kräftiges junges Pferd vorgespannt. Ihre Hoheit mit Begleitung seien inzwischen längst in Wildbad angelangt, berichtete der Fuhrmann, es müsse dort etwas Besonderes im Gang sein, der Hof sei in höchster Aufregung.

Franziska ließ den Kutscher vollends zur Schenke weiterfahren und wartete am Wald, bis er mit den Damen zurückkäme. Die Bäume tropften noch, es duftete nach Feuchtigkeit und Grün, über ihr probierte ein Vogel seinen Triller. Sie schaute in die Richtung des Bades.

Man fuhr zurück. Im Wildbader Gasthof ließ sie sich umkleiden; dabei fragte sie die Kammerfrau aus: „Sag Sie, Kirnin, was ist denn für ein Aufruhr hier? Der Professor Jäger ist an mir vorbeigeritten, als ging’s um Leben und Tod, und der Kutscher schwatzte auch so kurios – ist etwa jemand krank?“ „Ich weiß nichts Rechts, hab’s bloß vom Leibdiener“, flüsterte die Frau, „der Doktor ist scheint’s einer schrecklichen Botschaft halber gekommen und hat gesagt, er dankt dem Herrgott, daß die Gefahr gebannt wär’.“

Franziska ließ sich bei der Hoheit melden. Dorothea empfing sie mit gelassener Ruhe, ein leicht amüsiertes Lächeln um die Augen. „Was regt denn meine liebe Baronin so auf? Man sieht’s ihr doch an!“

Franziska berichtete; dann fragte sie vorsichtig, ob denn dem Durchlauchtigsten etwas fehle? „Nein“, Dorothea schüttelte den Kopf.

„Der Herzog hat, obwohl er erst um die vierzig ist, rheumatische Beschwerden“, fuhr sie fort, „und braucht deshalb das Wildbad. Daneben geben ihm die Ärzte noch Mittel, die seine Kur unterstützen sollen; man rührt Mixturen in der Hofapotheke an und schickt sie ihm nach. Der Professor Jäger hatte sein Rezept ordnungsgemäß geschrieben und selber abgeliefert. Den Apotheker kannte man als zuverlässig. Aber jemand muß sich daran zu schaffen gemacht haben, denn da war hernach ein Zusatz eingetragen, der die Mixtur zum tödlichen Gift gemacht hätte.“

Franziska sammelte sich mühsam. „Entsetzlich zu denken, daß Seine Durchlaucht – daß er …“

„Ja, nicht wahr?“ meinte die Hoheit mit leichtem Befremden, „der Landesvater!“

„Und was sagt der hohe Herr?“

„Ach, nicht viel. So was käme vor, meinte er, man müßte unter den bestraften Deserteuren forschen, ob da einer solche Kenntnis hätte, oder unter den entlassenen Gefangenen. Man hat auch den Schubart genannt, den wilden Dicher. Der Herzog hat ihn doch erst in Dienst genommen …“

„Den? Der tät doch so was nie!“

„Kennen Sie ihn?“

Franziska erzählte von ihrer kurzen Begegnung in Adelmannsfelden.

„Ein seltsamer Mensch, der Schubart“, spann die Hoheit den Faden weiter, „und ein Genie, da sag einer, was er mag.“

„Was dichtet er denn?“ fragte Franziska und dachte an die einzige nahe Berührung mit der Poesie, die ihr Webers Verse verschafft hatten: „Laß mich dir dienen, laß mich mit dir weinen!“ flüsterte sie. „Was sagten Sie eben, Baronin?“

„Ich versuchte mich an ein Poem zu erinnern aus meiner Mädchenzeit … was schreibt also der Schubart?“

Dorothea lächelte überlegend. „Ich habe ihn zuvörderst als Pianisten kennengelernt – er ist ja seit dem vorigen Monat Musikdirektor in Ludwigsburg, zuerst noch im klerikalen Rocke, Klopstock und Gellert lesend.“ Die Hoheit schaute prüfend in Franziskas Gesicht, ob sie wohl solche geistlichen Mentoren kenne. „Indessen ist er aber ein ganz glatter Hofmann geworden – glatt? Nun ja, er schwatzt viel und derb – aber er ist ein superber Könner auf dem Klavichord.“

„Und“, forschte Franziska verzagt, „warum könnte der den Herzog hassen? Wenn er ein Künstler ist, sollte er große Gedanken verstehen!“ Sie schüttelte plötzlich den Kopf über sich selber. Große Gedanken? Wie komme ich darauf? Mars hatte eigentlich nichts Ungewöhnliches geäußert.

Franziska blickte sich um, als lauere Leutrums undurchdringliches Gesicht hinter ihr. Auch Dorothea mochte an ihn gedacht haben. Ob Carl ihn verdächtigte?

Nicht lange nach diesem Gespräch ließ Carl Eugen den Baron rufen. „Ich hätte Lust, die Wälder um Kirchheim zu befahren, muß prüfen, ob die Jagd gut wird. Sie sollten mich mit Ihrer Frau begleiten.“ Leutrum machte die übliche Reverenz, nicht einmal seine Wangen hatten sich verfärbt.

Der Herzog sah flüchtig auf, sein Blick wurde schärfer – er wunderte sich über soviel Unbeteiligtsein. Unbewußt war ihm diese schwache Reaktion unheimlich. „Ich werde Sie dekorieren, Leutrum“, sagte er rasch, „hab’s schon länger vorgesehen. Und Sie schicken mir Ihre Frau mit auf die Jagd, ja? Sie selber sind ja doch kein passionierter Nimrod.“ Leutrum verbeugte sich wieder, diesmal mit weißem Gesicht.

Die Hofjagden begannen. Man erkannte Franziska neben Carl Eugen in Urach, Winnental und Schorndorf. Scheu und wie gezwungen saß sie da, mehr verängstigt als vergnügt. Sie empfand die vielsagende Aufmerksamkeit des Hofstaates als lauter feine Nadelstiche.

Carl war freundlich, besorgt, ritterlich. Wenn sie heimkam, redete Leutrum kaum mit ihr, drängte nicht, machte ihr keine Vorhaltungen. Sein Hofamt ist ihm wichtig, dachte sie. In dieser Spannung hing Franziska wie ein Falter in den Spinnweben, hilflos und gequält. Endlich wurde ihr das alles unerträglich, die winterlichen Bälle, die Schlittenfahrten. Sie weigerte sich, auszufahren, schützte Übelkeit vor oder Kopfweh.

Der Winter ging hin. Im Sommer besuchte Franziska ihre Familie auf dem Gut, half bei der Ernte, in den Ställen, auf den Wiesen, fühlte sich frei und gelöst, losgelassen. Mit einer dumpfen Sorge sah sie, wie die Gärten leuchteten, roch den bitteren Duft, der aus dem Laub aufstieg; gelbe Birnen und rote runde Äpfel fielen mit vollem Laut ins Gras, die Morgennebel lagen wie Gespinst ums Haus: Im Oktober begannen wieder die Hofjagden. Franziska fürchtete sie und wünschte sie doch herbei. Als Leutrum sie dringend zurückrief, folgte sie dem Befehl widerstrebend.

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