Kitabı oku: «Peregrina»

Yazı tipi:

Utta Keppler

Peregrina

SAGA Egmont

Peregrina

Copyright © 1982, 2017 Utta Keppler und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711730515

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

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Vorspiel

Vor der Lampe tanzt ein brauner Nachtfalter. Der Student – er ist es noch gar nicht, will’s erst werden – sieht ihm mit aufgestütztem Kopf zu, seinen zackenden taumelnden Kreisen und Zirkeln, die er, blind geführt wie in Trance, um das Licht her aufführt; sie werden enger, kleiner im Umriß, näher der Wärme, und der dicke behaarte Körper stößt sich mit einem schwachen Anprall an der Lampenglocke, schwingt zurück, torkelt ohne Richtung, sucht den weiteren Bogen und dann wieder die Flammennähe.

Der Junge sieht ihn als Schattenbild, abgehoben vom Hellen. Der flaumige Leib ist wie eine kleine Walze, halb verdeckt und verwischt wird seine Kontur von den flirrenden Flügeln, die nichts von Schwingen haben. Der junge Mann rückt an der Lampe und wedelt mit der Hand.

Aber gleich wieder ist der Schmetterling da, wo er’s wie eine Sonne spürt, getrieben und hilflos. Der tödliche Zirkel wird bald unsicher, die Flügelränder sind zackige Fetzen, der Falter fällt auf den Tisch. Zuckend zittern die braunfleckigen Stummel, – wär’ er tot! Aber er regt sich, er versucht Schritte mit den versengten Füßchen, er taumelt zur Seite; er kreist in einem irren Todestanz, dann bleibt er liegen.

Der Mann am Tisch nimmt ihn auf und trägt ihn in den Garten. Dort vergräbt er ihn im Boden. An diesem Abend liest er nicht weiter.

1. Kapitel

Die Wasserfälle

In Schaffhausen waren die Häuser eng nebeneinander gebaut, geschachtelt und verfilzt, wenn man das von Häusern sagen könnte; manchmal paßte dieser Ausdruck sogar, wo Moos und Flechtwerk der übergreifenden Äste sich ineinander verfingen, unter denen die braunen Dächer spitz gegeneinander giebelten. Die kleinen gewölbten Scheiben boten sich gegenseitig ihre Geranien- und Petunienstöcke an, man sah herüber und hinüber, sobald man die Vorhänge zurückzog.

Man sah, ob die sauber gewaschen und gestärkt waren oder etwa staubig vergilbt; man sah die umgestülpten Milchsatten und Krüge auf den Fensterbrettern und merkte, wie oft sie herausgestellt wurden, und man nahm im Herbst die Zwiebeln wichtig, zum Trocknen auf Schnüre gezogen, oder die Dörrbohnen, ordentlich aufgereiht, solang es nicht regnete oder fror.

Jeder kannte den anderen, man hielt die Augen offen und verzeichnete gewissenhaft, ob die Frau vom Schneider in der Kirche gewesen war oder ob die vom Bäcker aussah, als wäre sie schwanger.

Hinter den Häusern gab es Winkel mit Hasengittern, mitunter Ziegenverschläge, und ein paar Reichere hatten weiter draußen ihre breiten Höfe mit Kuhställen und Schweinekoben.

Noch weiter, unter dem zitternden Luftschwall, am Wald zwischen den Baumschatten und -lichtem, brauste es dumpf; über der Flußbreite schwirrten verstörte Vögel, zwischen denen regenbogenfarbig die sprühenden Wirbel sich in Wolken hinaufwarfen über dem Fall, mächtig und unwirklich herunterbrechend, wie Donner und Gebrüll und eine Götterstimme, aus der der Tod schrie.

Die Bürger hörten sie nicht, wenn sie sonntags mit Stöcken und roten Sonnenschirmchen, umwedelt von ihren Zwergspitzen, mit Schuten und faltigen Röcken die Frauen, mit taillierten Anzügen die Männer, Zylinder hebend, bartzwirbelnd, patriarchalisch und schwitzend heranspazierten. – Auch Kinder waren dabei, die Buben liefen voraus, die Mädchen in langen Röcken gingen an den Händen der Mütter, straff gescheitelt und stramm gezöpft.

Da wandelte der Metzgermeister Meyer, ein würdiger Mann mit den Abzeichen der Bürgerwehr, deren Adjutant er war, und seine schnaufende Ehefrau mit den gedrehten steifen Locken neben den roten Backen. Sieben Kinder hatte sie, und vier davon liefen und zottelten da am Wasserfall vorbei. Eigentlich waren es elf! gewesen, vier waren klein gestorben, wie man das als unvermeidlich hinnahm.

»Die Helene macht sich kräftig«, sagte der Papa zufrieden, »mit ihren zehn Jahren.«

Später, mehr als ein Jahrzehnt danach, 1802, sah er das Mädchen grimmig an, und täglich grimmiger und zorniger, und die dicke Mutter schlich seufzend herum.

Man beriet, ob man die »Husch« nicht wegtun solle, irgendwohin aus den Augen und weitab von den Mäulern der Verwandten und Nachbarinnen, ehe es soweit sei; aber dann ließ man sie doch da und versteckte die Hochschwangere in der Dachstube, und die Metzgersfrau – (»und ich komm’ aus dem ehrbarsten Geschlecht, und die Ermatinger waren schon um 1600 achtbar«) – holte sogar die Wehmutter, weil sie sich’s allein nicht zutraute, der Stöhnenden das rote schmächtige Kind aus dem Leib zu holen, das die Hebamme dann zutage brachte: Es war ein Mädchen, und als Vater gab Helene einen wandernden Weißgerbergesellen aus Dresden an, mit Namen Jakobus Fried.

Man wußte nicht recht, wie und wo sie gerade an den geraten sei, und gemeldet habe er sich auch nie mehr, klagte die Alte.

Die junge Frau nährte das Kind, jammerte viel, schob es in die Wiege, wenn es weinte, und nahm es selten genug liebevoll an sich; und da man es doch taufen mußte – der Pfarrer drängte darauf –, hieß man es Anna Maria nach der Großmutter, im Kirchenbuch als ein Winterkind eingetragen, am 27. Dezember 1802, unter dem Zeichen des Schützen und des Steinbocks, was nur die Großmutter im Gespräch erwähnte und der Pfarrer nicht, denn die Alte hatte von der flammenden spontanen Natur dieses Feuerzeichens Schütze gehört, die man dem pfeilschwingenden Sagittarius und seinen Zugeborenen nachredete, denn sie hatte früher bei einem gelehrten Mann gedient, der auch Astrologie betrieb.

In den spitzgiebeligen Häusern klatschten und flüsterten die Weiber. Man nahm Helene nicht mehr zur Waschhilfe oder zur Gartenarbeit, man ließ sie nicht mehr zum Tanz in die angesehenen Wirtshäuser, und wenn sich andere als die Zugelaufenen um sie gekümmert hätten, das wäre eine Gnade und ein Wunder und allenfalls ein schnell unterlassenes Probieren gewesen: Die Helene war nun einmal in den Morast geraten und mit dem schmierigen schwarzbraunen Schlamm gezeichnet, der ihr immerfort anhing, nie mehr abzuwaschen …

Drei Jahre alt war das Kind, dunkel und mit großen schräg geschnittenen Augen, lebhaft und unruhig, als die Mutter wieder niederkam, und zwei Jahre später wurde noch ein Geschwisterchen geboren, und jetzt galt die »Husch« als ganz Verlorene, man zwang sie ins Arbeitshaus, eine Zeitlang sogar ins Frauengefängnis, und ließ die Kinder der Großmutter, und als die starb und die kleine Maria nach der Mutter fragte, hieß es, von der könne man nicht reden, das sei eine Böse … Der Metzgermeister trat aus der Bürgerwehr aus, »sein Stolz sei gebrochen«, sagten die Leute und lächelten ein wenig hämisch dabei.

Seine Frau traute sich kaum mehr auf die Straße, sie ließ die Magd – die war alt und hörte schlecht – das Nötige besorgen; der Laden verkam, die Kunden kauften beim zweiten Fleischer, manche ließen anschreiben und vergaßen zu bezahlen.

Die Geschwister – im Dienst, in der Lehre, in der Schulklasse – hörten häßliche Schimpfereien und kamen heulend heim.

Das Mädchen mit den drei Bastarden blieb in der Fremde, im Spinnhaus, im Gefängnis wegen Herumtreiberei, und ihr Kind, die Maria, inzwischen vierzehnjährig, schlich verstört in den Nachbardörfern herum.

Sie schluckte den Haß der Mutter, kränkelte an den verbitterten Reden, die sie in kurzen Besuchszeiten im Gefängnis anhörte, haßte bald selbst alles Geordnete, Glänzende, Sichere, und saugte verbissen und wild die verlogenen Schönreden in sich auf, die man »Mitleid« nannte und mit denen ihre Mutter beleidigt und beschmutzt wurde, als sollte sie die abtun und verleugnen, aus der sie entstanden und herausgeboren war.

Sie lernte, daß man die »regelrechte« Macht hinnehmen müsse und nicht ändern könne, die sie, wie die Mutter, ausschloß; sie lernte verachten und täuschen, hochmütig und unsicher zugleich, und sehnte sich danach, etwas Besonderes zu sein, das außer der Regel stand und Achtung erzwang bei denen, die sie jetzt wegstießen.

Sie war, was die Burschen »schön« hießen, schlank, hochbusig, dunkelgelockt. Ihre Augen seien wie Kohlen, sagte man, und sie wische, geschmeidig und huschend, wie ein Nachtmahr an den Waldrändern vorbei.

Dunkel und volltönig war ihre Stimme, sie hatte eine verzweifelte Sicherheit, von deren Ursprung niemand etwas ahnte, weil sie sich außerhalb fühlte und gefährdet und die Ungeborgenheit sie kühn machte wie jemand, der nichts zu verlieren hat.

Wenn einer der Männer aus den Wirtschaften ihre starke Schönheit lobte, hieß es, sie sei dämonisch, eine Hexerische, und habe dunkle Kräfte. Wenn sie mitleidig und aus Spaß an ihrer Wirkung einem kranken Kind streichelnd Gesundheit ansagte, schrie die Mutter von Zauberei.

Der Fluß rauschte durch die Morgendämmerung, Maria spürte seinen Geruch. Weit, schwebend wie die Luft, die darüberstand, atmend wie ein lebendes Wesen – ach, lebendig war er, aber das Unbegrenzte hatte doch seinen Rand, sein Ufer, an dem es leckte und im Frühjahr bockig stoßend sich brach, es war eingefaßt und an sein gegrabenes Bett gefesselt.

Morgens war der Fluß am herrlichsten, als dämmere er drüben am anderen Rand kaum mehr irdisch in die Büsche und die schleifend hingezogenen Sträucher hinein und schwelle in seiner Mitte zusammen mit dem Spiegelbild des Wolkenhimmels, der in Schlitzen schon Blau anzeigte und streifiges rosiges Licht, im Strom als Funken tanzend.

Himmelsspiegel und Fluß verschwisterten sich, redeten mit schwachen zwitschernden Lauten gegeneinander, mit dem rieselnden Tau von oben und dem aufspritzenden Gesprüh aus dem Wasser; und als die Lichtbündel durchbrachen, in breiten Strahlenbahnen, fing alles an zu funkeln, Luft und Wasser, und wer es sah, hätte singen müssen, schreien vor Freude, daß es dieses Spiel gab: Ineinanderstrahlen und sich auflösen und sich aufgeben und empfangen …

Schmalere Wasserarme waren dem Strom zugelaufen, der hier schon breiter war; und wie er weiterzog, trug er starke Zuflüsse und vielerlei Spiegelbilder, die er eingetrunken hatte.

Die Maria Meyer, die an seinem Ufer hinwanderte, sah ihn so – und sah ihn nicht. Sie nahm die frühe Lichtfarbigkeit wie eine Stimme auf, als verwischten sich Töne und Farben in eines.

Sie hätte gern gesungen, aber man hätte sie vielleicht gehört und ausgelacht, denn sie war die Tochter der Husch und kein eheliches Kind; und war schon einmal im Findel- und im Bewahrhaus gewesen, wo sie von faden grauen, in jeder Regung »festgelegten« Leuten bewacht und eingeengt worden war.

Sie war dort durchgegangen, suchte unterwegs Arbeit, diente bei Bauern, half in Wirtschaften, bis man von ihrer Schaffhausener Herkunft hörte oder sich aus ihrem Anblick und Gehabe etwas zusammendachte – dann jagte man sie weg.

Sie ließ sich nichts anmerken, tat hochmütig, als hätte sie nur auf ihre Freiheit gewartet, und ging oft ohne Lohn, weil sie sich nicht demütigen mochte.

Jetzt hatte sie kein Ziel, und es war ihr recht so. Sie war lang gewandert, hatte nichts gegessen, und die Schuhe schlappten ausgetreten um ihre bloßen Füße; eine Sohle hing weg und rieb bei jedem Schritt am Ballen, sie hatte sie festgebunden, aber die Schnur dann verloren.

Maria setzte sich ans Ufer und sah der aufsteigenden Sonne zu, die jetzt die lang bekannten Formen und Farben, das Randgras und die Mauer, die Bäume mit den rissigen Stämmen und die dünnfiedrigen Blätterzweige heranholte, die Häuser dahinter und einen Weg, einen festgemachten Kahn, der schaukelnd wippte, und über ihr den blauen, gleichförmig hellen Himmel, kaum mehr bewölkt, ganz eben und alltäglich und ohne etwas Besonderes.

So kam auch das Wasser jetzt daher, wenn sie sich hinunterbeugte, gewöhnlich, abgenutzt, schleppend, wie es ein paar große Blätter, verbogene Zweige, einen toten Vogel kreiselnd mittrieb.

Das Gefühl des Gleichförmigen, Monotonen, das erschöpfend Wiederholte ärgerte sie, unwertes Gefolge des frühen Sonnenwagens leuchtend im Wechsel der lichtgelben, rubinenen, türkisfarbenen Strahlen, den sie eben erlebt hatte.

Da suchte ihre Phantasie das Spiel aus sich selber wieder hervorzuholen, aus eigener Fähigkeit, und das Ebenmäßige, Gewöhnliche damit zu übermalen. Sie legte sich ins besprühte Gras und machte die Augen zu.

Wolkenschiff, Traumbarke, es schwamm silberviolett, grünbewimpelt auf sie zu und über sie weg, Schatten riesiger weißlicher Vögel, Wolken, getüpfelt und gepunktet von quirlenden. Schmetterlingen, und jetzt eine schmale braune Fasergestalt wie ein Rauch, die aus ihrem Umriß in die Länge strebte, und um die her ein glühgelbes Gewinde und Geschlinge, enger und beengend.

Maria wälzte sich unbewußt zur Seite und wieder auf den Rücken und stöhnte, sie biß die Zähne aufeinander, krampfte eine Hand ins Haar und die andere unter sich ins Moos, und erst als sie mit dem Gesicht ins nasse Gras kam, fuhr sie zusammen und, kreisend um sich selbst, wand sie sich auf die Knie und stemmte sich hoch.

Sie war völlig erschöpft, als sie zu sich kam, feucht vom Schweiß hingen ihr die Haare in die Augen, sie hörte sich stöhnen und versuchte aufzustehen; aber dann legte sie sich ausgestreckt, die Hände neben sich, reglos unter einen Baum.

Später erzählte sie – und wußte selbst nicht, ob sie träumte, schwindelte oder etwas Erlebtes angab –, ein Wirt aus dem Schwäbischen habe sie so gefunden und sei von Mitleid erfaßt worden. Jedenfalls hatte ein grauhaariger Mann, der sein Ruder im Fluß verloren hatte, sich an der Böschung kriechend zu schaffen gemacht und das liegende Weibsbild entdeckt. Vielleicht hatte er sie für eine Zigeunerin gehalten, ihr Schmutz und Armut angesehen und sie vollends aufgeweckt. Wahrscheinlich auch hatte Maria, weil sie einen Alten neben sich erkannte, nichts Blitzendes und Anmutiges darzustellen versucht, sondern auf sein Erbarmen gerechnet: Die Geordneten – und so muß er ausgesehen haben – hatten es ja lieber, wenn sie sich überlegen fühlen durften dem Verworrenen gegenüber, das sie hilflos glaubten. Das hatte sie gelernt.

Danach war sie auf einem Gefährt, hinter sich das aufgebundene Boot, halbschlafend über die Landstraßen gefahren und hatte dann in einer schrägwandigen Kammer auf einem Strohbett ausgeruht.

Sie hatte ihre Kleider geputzt und sich gerichtet und in der Gaststube des Wirtes Helm Mergenthaler in Ludwigsburg als Schankmagd geholfen.

Gäste kamen, mehr als vorher.

Sie geht gelassen, unnahbar, zwischen den ungedeckten Tischen herum, schenkt ein, bringt Brot, Würste, Butterballen, Käse, sie holt die Weinflaschen aus dem Keller. Wenn einer ihren Arm anfaßt, stößt sie die Hand weg. Sie sieht »glutäugig und ohne Ausdruck« – so sonderbar das zusammenstimmt – auf einen, der sie umschlingt, und er läßt los.

Aber dann, unerwartet, draußen an der Hausmauer, streift sie einem anderen übers Haar, der wie verzaubert stehen bleibt, und sie greift nach seinem Halstuch, zieht es enger, fährt darunter an den Hals, streicht und reibt die Schultern, das Gesicht, und fällt dem in den Arm, der starr, traumverwandelt, wie ein Fieberkranker nach ihrer Hand faßt, um sie zu küssen.

Ein paar Jahre zuvor saßen zwei junge Burschen an einem Fall – das war bei Urach im Württembergischen, und es war ein zierlicher Wassersturz, wenn sie ihn verglichen hätten mit dem urweltwilden Fall, an dem Maria geboren war.

Der Wald lag dicht um sie her, Felsengetrümmer hinter und neben ihnen, grünes sattes Moos, kurzes dunkleres Gras. Und das Sprühen und Spritzen des schmalen steilen Katarakts dröhnte lauter als ihr Gerede, das manchmal nur ein Summen war, oder, wenn sie es bubenhaft wichtig nahmen, jähes Geschrei. Und dazwischen packten sie sich bei den Haaren und Schultern und lachten oder sangen und wiegten sich, als wären sie mit allen Sinnen in das Gebraus des schmalen Falles hineingeraten.

Es waren junge Kerle, höchstens fünfzehnjährig, aus dem Uracher Seminar, sie hatten dort Theologie zu studieren, das einzig Rechte und Mögliche, da es Eltern und Lehrer empfohlen hatten, und ihre träumerische Empfindsamkeit sah Gottesgedanken und bunte Natur in eines, ob es nun System hatte oder wildwüchsig um sie hertrieb.

Aus dem wuchernden Laubwerk brach eine helle Lücke auf, Lichtbündel, Sonnenbahnen, in denen Mücken tanzten, und zwischen dem winzig-blitzenden Gewirre schien es blau heraus, sommerlicher Azur, in dem gewölbte Wolkenberge schwammen, sich breit lagerten über den grauen, dunkler schattierten Felsbrocken, als wären’s ihre gemäßen Stühle.

Die Burschen schwärmten, sangen schließlich, hieben mit Flitzgerten durch die Luft, sprangen den Hang hinunter zwischen kollernden Steinen und redeten Unsinn und dazwischen Lebensweisheiten, die sie aus ihren Schulstunden aufgenommen und hin- und herbedacht hatten, ahnungsvoll und kindlich und mit leuchtenden Augen.

Man könnte sie jetzt reden lassen und »Mörike« und »Lohbauer« zueinander sagen, und sie beschreiben: Füllig und kräftig den einen mit wilden Haaren, die Lippen voll und rötlich glänzend; und feiner den anderen, mit hellen großen klaren Augen und einem Knabenschimmer um die hohe Stirn und etwas rührend Reinem im Gesicht.

Vier Jahre sind vergangen seitdem. Aus dem Seminar, das noch viel klösterliche Disziplin und manchmal für die jungen Burschen unverständliche Strenge verlangt hatte, sind sie in den größeren Kreis der Universität umgesiedelt, auch in einen größeren Freundeskreis, in freiere Entfaltungen; aber darüber steht noch immer (und hier noch bewußter) die Stiftszucht im Blick auf die künftigen Pfarrherren, die als Vorbilder und lutherische Nachbilder herangezogen werden. In den Ferien fahren sie heim, die wenigsten leisten sich freilich einen Wagen und selten einer ein Pferd. Mörike ist nach Ludwigsburg gewandert, trifft da Freunde, sieht Mädchen, die ihm neu und wunderbar vorkommen, und Lohbauer nimmt ihn mit in die Wirtschaft des Helm Mergenthaler und zeigt ihm Maria.

Das Licht über der Tischplatte flackerte im hängenden Leuchter. Alles war da – wie ein nächtlicher Melodienstrom – früheste Erinnerung und reife Ahnung, alle Sinne schlossen sich auf – Augen und Ohr, Gespür und Getaste – obwohl niemand ihn berührte, eine Wolke schien ihm um das Wesen zu schwellen, dunstig und verklärend, alle Töne, alle Gedanken, alle wehenden Bänder und webenden Rhythmen, und so – verzaubert, verschämt, verschreckt – zog er sich zurück, daß niemand seinen Augen ansehe, was er sah, und seiner Stimme anspüre, was sie zittern ließ. Er erstarrte bei ihrer Bewegung, dem stillen gesättigten Ausdruck, einer Wendung des Kopfes, des Halses, noch ehe sie ihr Gesicht preisgab, und in dem Nebel seiner Betroffenheit sprang ein funkelndes Leuchten über, das aus ihren Augen kam, und der Bursche neben ihm sagte: »Eduard, bist ganz weg auf ei’mal?«

Das Mädchen lehnte sich an den Tisch, die bogig hochgesteckte Schürze trug sie wie einen Theaterumhang um die Hüften, die gefaltete Bluse und das schwarze Mieder waren sorgsam und genau und sauber wie aus einem Modellblatt, er merkte, daß sie sich ein bißchen wiegte, die Arme gekreuzt, und das lange lockere Haar zurückwarf, das ungebunden und ohne Kamm und Nadeln um das Gesicht fiel.

Er schaute weg; das Gesicht wäre nicht zu beschreiben gewesen – kein Wort fiel ihm ein; und sonst hatte er für alles eine Chiffre, und damit bannte er, was ihn überwältigen wollte.

Maria nahm die leeren Gläser vom Holztisch und wischte mit einem Tuch nach. Sie streifte seine Hand, die neben dem Glas gelegen hatte, und tat, als hätte sich der Lappen an seinem Ärmelknopf verhakt, faßte den Arm und nestelte am Saum, strich übers Gelenk und sagte: »Verzeihung«.

Mörike saß steif und verstört dabei, drückte den Mund zu und die Augen, und als sie ihn losließ, stand er gleich auf und sagte, er wolle zahlen.

2. Kapitel

Spinnwebschaukel

Als er sie wieder traf, fragte er, ob sie mit ihm durch die Dämmerung laufen wolle, ganz kurz und schnell, und gleich wieder umkehren. Es zog ihn zu ihr, und es graute ihm vor dem Zusammensein, er wollte sich sichern gegen irgendeine Lockung, die seine Grenzen überschreiten konnte.

Sie kam dann, langsam trat sie aus der grauen Dunkelheit hinter den Büschen. Das Wort »gelassen« fiel ihm ein … Gelassen stieg die Nacht … War sie die Nacht? Gelassen … sie war so sicher, als täte sie etwas längst Eingeübtes, ganz Vertrautes, als wäre er ihr anheimgegeben, um genommen, gebettet, ganz überflutet und eingebunden zu werden.

Später sah er sie beruhigter, er fühlte ihr »Gelassensein« wie eine gnadenvolle Macht, eine mütterliche Umwallung, viel stärker als er selbst, ein Schoß, ein Todesfluß; und danach kamen die kleinen goldzuckenden Wellen und Quellen, süßes Spiel, Sprudeln und Springen, aber das blieb an der Oberfläche, Schaum und Spiegelung. In der Tiefe, wo Zug und Strömung wirkten, war das Dunkle, die Nacht, das Anheimgegebensein, das unentrinnbare Auflösen und Mitströmen …

Maria Meyer hatte schwarze umrandete Augen unter hochgeschwungenen Brauen, sie sang mit einer tiefen Altstimme, sie bewegte sich langsam wie eine Königin aus dem fremden Land, und sie verschloß sich unversehens, wenn sie sich wild und wirr und verwirrend verloren hatte, als wäre ein tobender Flußwirbel auf einmal in einer Untiefe verlandet.

Anfangs sprachen sie nicht viel; dann verlangte der junge Student von ihr zu wissen, wer sie sei und was sie erlebt habe, woher sie diese hohe Gestalt habe und »die unergründlichen Augen« und solches mehr, wie Verliebte sich durchdringen und durchleuchten wollen und doch nicht ganz klar sehen möchten.

Schließlich erzählte sie einiges Unzusammenhängendes, sie gebrauchte lateinische Wendungen und griechische Worte, Mörike hörte ihr erstaunt zu und fragte wieder; sie habe bei gelehrten Leuten ausgeholfen, sagte sie beiläufig, und endlich auch: sie habe den Studenten Sand gekannt, den Theologen, der ein verworrener Kauz und ein verkrampfter und unfreier Kerl gewesen sei.

»Der gleiche, der ein Mörder wurde? Der den Staatsrat Kotzebue erstach?«

»Gerade der.« Den habe sie gekannt, vorher, eh’ er das getan habe, lang vorher.

»Und was hat man ihm denn angemerkt? War er jähzornig, war er verschlagen oder was?«

Nichts sei er gewesen als ein frommes Lamm, ein stilles, sagte Maria zögernd. Übrigens habe er im Herbst 1814 in Tübingen gewohnt, bei einem Kaufmann Spellenberg. Sie wußte vielerlei: von der »sprudelnden strudelnden« Freiheitsbewegung, wie sie die Gärung unter den Studenten nannte, der Empörung gegen Unterdrücker und Fremde, die noch aus der Zeit des großen Korsen herkam, der »die Völker gefressen hatte«.

Sie hatte vom Lützowschen Corps gehört, von tollkühnen Anschlägen, vom Tod des jungen Schill, des Freicorpsführers, der gegen die Franzosen angetreten war. Maria hatte ein sensibles Gespür, eine »dünne Haut«, die alle Vibrationen zittern ließen, für Regungen, die in der Luft lagen; sie wußte schnell, daß der Junge da neben ihr, der, den Kopf auf den Armen, rücklings im Gras lag, solchem Aufwind geöffnet war: der Abneigung gegen den eingefahrenen Trott, den raffinierten, routinierten Gang des geschickten Verhandlers, Agenten, Enthüllers, der für ihn mit dem häßlichen Namen Kotzebue auch gleich ein unschönes Bild weckte; denn Klänge schwangen für ihn in Farben, Wesen wurden zu Konturen wie ein Ornament, die Überwältigung durchs Gefühl überrannte und bannte ihn, bis er sich, selber beschwörend, durch die Magie, des Wortes aus der Umschlingung zog …

Als er die dunkle Zauberin fragte, wie sie heiße, schien ihm der Name banal; er fragte wieder und wollt’s nicht glauben, er suchte nach einem Wesentlichen und Umfassenden, das sie festhielte und ganz umgriffe, aber sie entglitt ihm; sie war jede Stunde anders, fremd und tief vertraut, da sie ein Element schien, ein Hauch aus dem Baum, unter dem sie lagen, ein anschwellender Fluß und das verblassende Abendrot, Windwehen und Ästewiegen und eine schwere Wolke über dem Berg.

Sie sprachen nicht viel von Politik, obwohl sie von der manches erkannt hatte, selbständiger als er, dem das alles noch neu war, denn er kam aus der gesicherten, gepanzerten, ummauerten Burg des Elternhauses und wollte im Grunde nicht einmal gern da heraus.

Sie nannte ihn einmal eine Schnecke im Gehäus, ein anderes Mal eine Muschel, und ahnte nicht, wie das Bild traf.

Er sagte: »Die Muschelschale meinst du, aber innen ist alles weich, Maria, und wenn ein Sandkorn da hineinbohrt und – drängt, das tut weh.«

Sie fragte lachend – ein tief ansetzendes, gesanghaftes Lachen aus der Kehle –, ob sie so hart sei, so ein Sandkorn, und er sagte erschrocken, wenn sie es wäre, die Muschel könne das umkleiden und einhüllen, was sie verletze, und ganz in sich einnehmen, daß es ein Eigenes werden müsse.

»Einbetten …«, sagte sie und drückte sich an ihn. Mörike strich behutsam und ängstlich über das knisternde Haar, das er in der Dunkelheit Funken sprühen sah, und sagte plötzlich aufgestört:

»Einnehmen, einhüllen – aber da wachsen ja Perlen in der Muschel?«

Maria Meyer verstand nicht gleich und schon gar nicht, daß er bei einem solchen Gedanken erschrak. Sie sagte laut: »Perlen sind doch schön, ich hätte gern so eine Kette …«

Der Herr von Münch habe ihr eine versprochen gehabt, sagte sie dann, aber den habe sie jetzt aus den Augen verloren. Der hätte auch den Hofrat Fries und den Professor Oken gekannt und mit dem geheimen Studentenorden zu tun gehabt, und sie wisse auch davon, daß man dem Professor Fichte einmal die Fenster eingeworfen habe, weshalb der ein paar Monate seine Vorlesungen eingestellt.

Das alles war ein verworrenes Geflüster, untergehend in jäh aufwachenden Zärtlichkeiten, und der junge Mann hatte den Verdacht, daß das Mädchen nur flüchtig und wie huschende Bilder solche Namen und Kenntnisse aufgefaßt habe; aber er nahm sich doch vor – beinah’ mit schlechtem Gewissen –, mehr darüber zu erfahren. Für jetzt, im nächtigen Augenblick, unter den streifenden Zweigen der Fichte, im tiefverhängten Dunkeln, undurchsichtiger noch, da ihm Marias Haar das Gesicht deckte, war er nicht zum Nachdenken gestimmt. Denn solche Verszeilen, wie sie ihm da durch den Kopf gingen, aufzuckende Funken, keine logische Kette – die hießen vielleicht „Purpurschwärze webt … mir vor dem Auge dicht“.

Maria ließ sich das vorsagen, manchmal vorsingen – sie summte mit und wiegte sich darin …

Einmal ging so ein Träumen und Weggenommensein für sie ins Halbbewußte über, und sie lag mit geschlossenen Augen und zuckte wie in Trance. Mörike wurde sie dann unheimlich, befremdlich, er versuchte sie zu wekken, zu necken und mit ein bißchen schwäbischer Derbheit aus dem Pathetisch-Visionären herauszukommen und sie mitzunehmen an ein festes gefestigtes Ufer.

Er spürte wohl, daß sie halb in einem Zwang gefesselt sei und halb das Überschwengliche wollte: Taumel, Maßlosigkeit, Exaltation …

Ihm half da ein lächelnder Geist, ein heiterer Ariel, und – die Angst vor dem gleichen Abgrund.

Sie sagte unvermittelt:

»Keine Angst, der Sand war ein Lamm.«

Sie redeten so fort und spielten schöpferisch mit Worten und lachten.

»Sand …«, sagte er, dabei müsse er wieder an das eckige Sandkorn denken, das, in die Muschel eingegraben, sie verletze und um das sich die Perle bilde. Aber diesen »Sand« solle sie doch jetzt nicht heraufrufen.

Er erzählte dann, als er in ihren Augen ein funkelndes Glimmen aufsteigen sah, ablenkend, von einem Gespräch mit Freunden: Sie hatten sich über die Herkünfte ihrer Namen Gedanken gemacht; Waiblinger hatte von den Ghibellinen, den Waiblingern, geredet, den Hölderlin, von dem sie ehrfürchtig gelesen hatten, sahen sie als den Holden, den Engelhaften, Lohbauer hieß sich einen Bauern am Wald und – Mörike fragte, was denn mit seinem Namen sei.

Das berichtete er ihr.

»Der paßt doch nicht ins Schwäbische«, sagte sie, wandte den Kopf weg und legte die Hand ins Gras, damit er das Zittern nicht spürte, wie es in ihr aufstieg.

Des Vaters Ahnen seien aus Brandenburg, aus dem Havelland gekommen, erzählte er, und die der Mutter vielleicht aus Bayern, da sie eine »Beyer« gewesen sei, eine Pfarrerstochter. Im Schwäbischen sei keine »ke« – Nachsilbe zu Haus, da müßte er schon »gelbs Rüble« geheißen haben, sein Ahnherr. Er freute sich, daß sie lachte, und spann die Sache aus:

»Möhrke, kleine Möhre, kleine gelbe Rübe.«

Immerhin habe er zwei Mohren im Wappen und vielleicht sei er auch ein halber – so eine Mixtur sei gar nicht übel –, in Frankreich gebe es einen jungen Romanschreiber, zwei Jahre älter als er, Alexandre Dumas, der ein halber Mulatte sei. Er sah sie fragend an. Sie lachte wieder, diesmal gepreßt und unterdrückt: »Ich bin ja auch so ein Halbes, weiß nicht, woher und wohin – und von meinem Vater nur den Namen und Dresden – Jakob Fried … ist dir das nicht recht geheuer?«

Er schwieg und nahm ihre Hand in seine, um sie in seine heitere Stille zu führen, die doch von dem ersten Bienengesumm tönte und über das Gras hin mit leis gurgelnden Akkorden das Gespräch des Wassers herantrug. »Vielleicht hieß er auch anders und war vom hohen Adel.«

Es ist Mai, ein kühler schwebender Tag, unruhig zittert die durchschienene Luft, ein ganz behutsamer Wind haucht über das Gras, Bläue ist in allen Farben; nicht im Grün, das ist zart gelblich, noch nicht sonnengefärbt und luftgegerbt, fast noch wie ein bleicher Wurzelkeim aus dem Dunkeln der Erde, aber Blau schwingt in der Luft, am ganz hellen Himmel, zwischen den Zirruswolken, im schnellen, schnellenden Bach, gespiegelt da, wo er stiller hinzieht; zerrissen, gestückelt, rund kreisend, wenn er Steinen und Laubhügelchen ausweicht, zwischen dem roten Astwerk am Ufer, zwischen Schatten, die noch leicht und licht sind.

Unter den Wurzeln, zwischen den vorjährigen bräunlichen Blättern, schimmert das Blau ins Lila im Geniste der Veilchen und weißlich-rosa mit Schatten aus Aquamarin in den glockigen, zackigen zitternden Anemonenblüten. Es riecht nach feuchter Frische, den Veilchengeruch glaubt man zu spüren, als wäre er überall. Summen, melodisches Schwingen zieht sich über die Wiese, am Waldsaum entlang, obwohl kein Vogel singt und noch kaum eine Biene in der Morgenkühle schwirrt; alles ist im Anfang, in der Ahnung …

„Frühling läßt sein blaues Band

Wieder flattern durch die Lüfte,

Süße, wohlbekannte Düfte

Streifen ahnungsvoll das Land.

Veilchen träumen schon, wollen balde kommen.

Horch! Von fern ein leiser Harfenton!

Frühling, ja, du bist’s, dich hab ich vernommen!“

Später, gegen den Sommer zu, saßen sie wieder beisammen. Irgendeine verwünschte Unruhe bohrte in Mörikes Kopf und Herzen und ließ ihn nicht schweigend zusehen, wie das Mädchen neben ihm ihre Haare flocht, daß die glänzenden schwarzblauen Strähnen über den hellen Stoff der Ärmel glitten wie Schlangen.

Sie legte endlich den Kopf in die Arme und weinte, unbewußt und ohne Zusammenhang, und er saß verstört und wehrlos neben ihr und versuchte zu verstehen, was sie meinte, nicht nur die Worte, sondern den Grund ihres Leidens, das jetzt, in der Benommenheit, endlich einen Ausdruck fand.

Er hatte, als triebe ihn ein unfreundlicher Dämon, von Karl Ludwig Sand gesprochen.

Es war etwas Zwiespältiges und schwer Erträgliches, wenn die jungen Leute von dem Unglücklichen redeten: Er hatte gemordet, heimtückisch, wohlvorbereitet, zäh andringend und ohne jedes Mitleid, das »Böse vernichten« wollen, das Schmutzige hinauskehren.

Nur – den Ahnungslosen, Wehrlosen niederstoßen … das war ein Verbrechen.

Mörike wollte mehr hören, wenn er den Namen nannte, da er ja wußte, Maria habe ihn gekannt. Aber daß sie so zusammenbrach, so hilflos und in einer Art Trance hinsank, erschreckte ihn.

Es war dann ein verwirrender Traum, den sie ihm vorsprach oder vorsang, Wortsplitter und Seufzen und Gewimmer, und der Unerfahrene versuchte mit weichen Worten dagegen anzugehen …

Im Sommer 1819 war der Raum dumpfig vor Hitze, es roch nach Medizin, nach Schweiß. Der Gefängnisarzt war eben gegangen, seufzend, denn er hatte in seiner langen seltsamen Praxis noch kaum einen so grotesken Fall zu behandeln gehabt, eine so grausame Heilung zustande bringen sollen: Der junge Mensch, dem er bei aller Staatstreue seine Sympathie nicht ganz entziehen konnte, war ein verhinderter Selbstmörder, er hatte versucht zu sterben, es war mißlungen. Seine Tat, ein geplanter, heimtückischer Mord, war als Heldentat und Vaterlandsbefreiung mit den erhabensten Namen belegt und belobt worden, nicht nur von ihm selber, dem Attentäter. Er hatte sich nicht entzogen, war nicht geflohen und hatte sich willig gefangennehmen lassen, in vollem Bewußtsein seines unabwendbaren Todes durch das Beil. Und er blieb tapfer und gelassen, obwohl er die grausige Art der Hinrichtung durch das Schwert kannte, die ihm weder die Guillotine noch auch den Richtblock gönnte. Die vergitterten Fenster ließen nur ein gelbliches Licht ein, das alles veränderte, auch die Laken im Bett auf dem angeketteten Brett, die zerfurcht und zerwühlt waren, und das gedunsene Gesicht des Kranken, mit dem dicken Brustwickel oder was immer es war, den ihm der Doktor angelegt hatte, und das Wasser in der Schüssel auf dem Stuhl, in dem ein Lappen lag, und die Wand, an der die Fliegen krochen.

»Nicht ganz – nicht ganz so …« murmelte der junge Mann, der da lag. »Nicht, wie ich’s tun sollte – ich lebe ja noch!« Er focht mit den Armen und stach mit der freien Hand, als hielte sie den selber entworfenen Dolch; die andere steckte in der Schlinge, die am Brustverband hing. Er streifte und stieß die Decke vollends weg, daß sie auf die Fliesen rutschte.

»Da ist er – das Teufelsgesicht! Das sind die schwarzen Brauen, nah beieinander, die gelbe Fratze mit der Habichtsnase, das ewige Gelächel, ich habe alles zerfetzt! Und Blut, so viel Blut aus dem Schlafrock, ich hab es schon berechnet, daß er die Hände vor die tückischen kleinen Augen reißt – daß er die Brust freigibt, die ich treffen muß, die Lunge, die Seele, wenn er nur eine hat …«

Draußen ging der Arzt auf und ab. Er verfluchte oft genug seinen Beruf; er sei ein mittelmäßiger Doktor, sagte man von ihm, daß er es nur bis zum Heiler der Verbrecher gebracht habe und zu mehr nicht, denn heilen dürfe er ja nur, was zum Siechtum verdammt sei, zum ungesundesten Hinvegetieren oder – wie dieser da, Sand – zum Tod. Einen hinhalten fürs Henkerbeil – dazu muß ein Arzt schon ganz abgestumpft sein, wenn er nur ein bißchen noch ein Mensch gewesen ist beim Antritt solchen Berufs.

Freilich, der da drinnen ist auch eine gänzlich kranke Seele, sagte er sich, indes er im Schatten saß und wartete, bis der Schließer ihm eine andere Zelle aufmachte, in der ein alter Säufer saß, der seine Frau erwürgt hatte … Der da, Sand, war ein Auswuchs und Austrieb der verdrängten und unterdrückten Kräfte der Zeit, ein ausgewuchertes Geschwür falschen Christentums auch, das sich da Luft machte, Märtyrer und Opfer fehlgeleiteter Vaterlandsliebe – und ein Arzt, so er noch ein wenig Arzt ist, sollte für das Kranke auch da Verständnis und Geduld aufbringen, Gelassenheit und Eingehen und Mitleid …

Er dachte darüber nach, was den jungen Menschen so voll Haß und Todesmut gepumpt haben könnte, er sah das vor sich wie eine gewaltsame Einflößung in eine wehrlose Seele – und lachte gleich wieder über seinen grotesken Vergleich. Kotzebue – schon der Name reizte die Jungen zum Hohn … Der Mann war zwielichtig – wie oft hatte er das gehört. Er war russischer Staatsbürger und hatte Besitzungen in Rußland, er war vom russischen Geschäftsträger beauftragt, über Strebungen, Strömungen, geistige Bewegungen in Deutschland – diesem durch die Napoleonkriege vollends undurchsichtig aufgewühlten, uneinsichtig brodelnden Gebilde – nach Petersburg zu berichten unter dem Gesichtspunkt, aufkeimende Richtungen, literarische und propagandistische, zu beobachten und auf ihre politische Wirkung hin zu untersuchen. Er war sogar vorgesehen als literarischer Kommissär für auswärtige Angelegenheiten, er hatte selbst vorgeschlagen, als Gesandter in Dresden in diesem Sinn zu wirken – »wer die Ereignisse voraussehen will, muß die bestimmenden Ideen kennen!« Unter den »bestimmenden Ideen« sah Kotzebue auch die neu aufgekommene Turnkunst, Jahns vaterländische Schöpfung, die ihm, dem Arzt, recht erfreulich und förderlich zu sein schien.

Man wußte, wie bissig Kotzebue den »Turnvater« und die »heilige Turnkunst« verspottet hatte, man zitierte seine »Geschichte des Deutschen Reiches«: „Nun, in Gottes Namen, so turnt und kitzelt euch in dem Gedanken, daß ihr etwas Großes vollbringt. Man läßt ja so manchen Toren seines Weges schlendern, wenn es einem beliebt, sich bei den Beinen aufzuhängen.“

Man wußte von Morddrohungen gegen den Spötter, dessen Schärfe der Gegenstand nicht rechtfertigte, man verbrannte seine Schriften, man warf ihm die Fenster ein. Ein Zettel lag vor seiner Tür: »… vielleicht wirst du selbst und nicht nur deine elende Schrift verbrannt …«, man nannte ihn einen »wiedergeborenen Teufel«.

Der Doktor wartete immer noch, er sinnierte. Man sollte dem armen Kerl da drinnen eigentlich ein Pulver eingeben, daß er sanft und für immer einschliefe, ehe sie ihn auf dem Stuhl sitzend enthaupteten … warum nur waren die Jungen so absolut?

Da kam der Wärter – eilig, erschrocken, mit einem bösen Grinsen um den Mund: der Trinker drinnen, den er habe waschen und zurechtmachen wollen für seinen, des Arztes, Besuch, habe sich erhängt – aus – nichts mehr zu machen … Der Doktor fand den Gefangenen tot.

Er ordnete an, was nötig war und trat noch einmal bei Sand ein. Der saß auf der Pritsche und las in der Bibel. Er hörte kaum hin, was der andere sprach, begann endlich zu zitieren: „Christus, der ist mein Leben – Sterben ist mein Gewinn.“ Danach, doch getrieben von dem Wunsch, sich zu erklären, da ihm der Arzt fragend und bohrend seine Motive abzuhören suchte, sprach er von den Zitaten, die der Schriftsteller Luden in seinen Monatsrapporten, dem Burschenschaftsblatt, gebracht hatte – er redete fiebrisch aufgeregt, und manchmal sprudelte er fast unverständlich, und der Doktor – noch bedrückt vom Anblick des Selbstmörders – verstand nicht alles: daß Kotzebues Sekretär dies oder jenes in dem französischen Manuskript nicht habe lesen können und den Redakteur des »Volksfreund« deswegen gefragt habe; daß der sich die Notizen ausgebeten und heimlich Auszüge gemacht, daß der Sohn des Dichters Wieland daraus in seinem Blatt einiges Verfängliche abgedruckt habe … und Polemiken angehängt.

Der Herr von Kotzebue zerrieb sich an so viel Intrigen, so sagte man, und wirklich bat er den russischen Gesandten um Versetzung nach Reval, auch wenn er dort weniger als in Weimar verdiene; er wich aus, er hatte berechtigte Angst, er zog nach Mannheim. Alexander von Rußland genehmigte das Gesuch – aber das hatte eine gute Zeit gedauert, und inzwischen schrieb der Student der Theologie Karl Ludwig Sand in sein Tagebuch: „Das Vaterland schafft Freude und Tugend – unser Gottmensch, Christus, unser Herr, er ist das Bild der Menschlichkeit, die ewig schön und freudig sein muß …“ Und gleich daneben schrieb er: „Wenn ich sinne, so denke ich oft, es sollte doch einer sich den Mut nehmen, dem Kotzebue oder sonst einem solchen Landesverräter das Schwert ins Gekröse zu stoßen …“

Die drei oder vier Jahre, seit Sand tot sei, sagte man, habe sich sein Bild eher verklärt und vergrößert, und es gebe manche Studenten, auch solche, die inzwischen in Amt und Würden oder gar Pfarrherren seien, die noch ein blutgetränktes Taschentuch in einer Schatulle hätten, am Richtstuhl des Sand getränkt …

Das Bild wurde Mörike quälend deutlich: Nach der Tat, als der Sand wie ein Wahnsinniger aus der Wohnung gerast war, hinter sich den Verblutenden mit den schreienden Frauen und Kindern, als er, Sand, sich den zweiten Dolch, den er entworfen und bestellt, in seine eigene Lunge gestoßen hatte – er spürte es kaum, wie er nachher berichtete –, als er draußen vor dem Haus hinfiel, in die Knie brach, vornübergebeugt und blutend sagte: »Gott sei gedankt – ich hab’s vollbracht!« – hatten ihn die Leute aufgehoben und weggetragen. Das wußte Maria von denen, die ihn fanden.

Aber danach lag er wochenlang mit Schmerzen, fiebernd – und da hatte sie ihn besucht: Sie fand ihn halbschlafend und stöhnend, setzte sich aufs Bett, wußte selber kaum mehr, was sie tat, deckte ihn zu und drückte ihren Kopf an ihn – und so, wie in einer Totenhochzeit, blieb sie lang bei ihm, bis die Hausfrau hereinschlich und sie fortschickte.

Mörike wehrte sich dagegen, alles zu glauben, er kannte indessen ihre sonderbaren »Zwischenreiche«, ihre phantastischen Visionen. Aber auch wenn sie sich die Szene bloß ausgedacht hatte, war’s ihm peinlich, es war ihm schrecklich und erschreckend. Er versuchte, sie zu wecken, zurückzuholen in ein beruhigendes friedliches Geviert, in eine ummauerte sichere Heimstatt; er fing an zu erzählen und sprach ihr wie einem Kind zu.

Endlich ließ er sie los und stand auf; er sah, daß sie sich drehte, und merkte endlich, daß sie langsam zu sich kam. Erleichtert nahm er ihre Hand und fragte: »Ist’s vorbei? Das war doch nicht wirklich so?«

Und sie antwortete mit ganz anderer Stimme und lachte dabei:

»Ich hab’ geträumt, Eduard; hab’ ich denn geredet?« Sie war dann ruhig, sogar nüchtern, als sie von fern und im Abstand von den Feiern und dem Wartburgschwur der Burschenschaft sprach, von dem sie in früher Zeit durch Sand gehört habe.

Er nickte bloß, erleichtert, daß sich das Gespräch so ins Vernünftige gewendet, auch wenn er vieles von dem schon gewußt hatte, was sie erzählte.

»Zieht nicht ein Name das Urteil nach sich? Er bannt, umgrenzt, behütet aber auch, ein edler Name schützt, schreckt Böses ab; ein häßlicher macht schaudern, er ekelt einen an; aber das Namenlose ist das Nebulose, unheimlich.«

Maria Meyer brauchte einen Namen – sie war so gegenwärtig und so fern, sie war der Grund – wie eine Tonart im Lied – und lebte in allen Klängen, Farben, Bewegungen und Linien, im Birkengespinst, in den Zirruswolken, im quellenden Gras, zwischen den gegeneinanderwehenden Anemonen, und wo es dunkler wurde, erdig, modernd, verworren, zwischen den Steinplatten am Wald, wo irgendetwas mühselig vielfüßig scharrte und grub, ein Käfer, vielleicht etwas größeres, Maus und Maulwurf, Tiere aus dem unteren Bereich – da war sie auch …

Sie wanderte hier und dort, verschwand und erschien, scheinend, schillernd, und unter ihren Berührungen wurde vieles still und vieles lahm, gelähmt, starr … Mörike versuchte, sie in ein Bild zu fassen, das hatte ihm immer geholfen, das Festlegen, Bannen, Benennen, Umreißen, Einzäumen – das Wesen der Sprache war ja ein Heilbann, der das Unerklärliche ins Licht zwang und zum Stillstehen brachte.

Aber sie zog vorbei, weithin … Einmal sagte er sich vor: Ich habe den Namen gefunden: Peregrina: Die Wandernde, Pilgernde, Schweifende – Peregrina.

Als er ihr das Wort sagte, schwieg sie zuerst, faltete die Hände ineinander, Flechtwerk der schmalen Finger, und summte dann vor sich hin.

»Also heiß’ ich so?«

Sie fragte nach der Bedeutung des Wortes, das sie zuerst nur als Klang und Schwingung aufgenommen hatte, und er erklärte es ihr.

Später, in ihrer Kammer im Wirtshaus unter dem Dach, wo es jetzt heiß war und das Gescharre der Mäuse in den Balken ihr den Schlaf störte, dachte sie darüber nach: Wandernde, Ziehende, und immer unruhig. Warum strolch’ ich so umeinander, dachte sie – und Schaffhausen fiel ihr ein, das immer gegenwärtige, wo man vielleicht doch hätte zur Ruhe kommen können, aber sie merkte gleich, daß sie das nicht einmal wollte: Dahin kann man nicht mehr zurück, wo man verjagt und verspottet worden ist – und wollte es doch.

Sie kamen dann wieder auf ihren Namen zu sprechen, auf den zweiten, dichterischen, auf den »Übernamen«, wie sie es nannte, auf »Peregrina«.

Sie wußte durch die gescheiten Leute, mit denen sie zu tun gehabt, irgendetwas vom Wortstamm und »Abstamm« des Wortes und deutete es in ihrem Sinn: »Peregrina sagst du, und pereat meinst du – als wolltest du mich verderben …«

Entsetzt unterbrach er sie, und hastig versprach sie, nie mehr solche Dinge auch nur zu denken; er sei, sagte er, so rein ehrlich und so offen und so auf’s ewig Bleiben gestellt, wie er nur könnte. Ein reiner Kristall, ein blanker Spiegel sei in ihm, und er halte ihn unbefleckt … das müsse sie wissen und glauben, auch wenn das Mißtrauen von früher, aus einer nicht mehr bewußten alten Zeit, immer wieder in ihr aufsteige.

Die Dunkle, die Wissende, die Geheime, die immer irgendwo war und immer wieder irgendwohin schwand, sie mußte gehalten, gebannt, gebunden werden in einem unerhörten, umgreifenden Bann; und jede Zärtlichkeit, jede Umarmung, mußte sie wandeln und ihm anverwandeln, daß sie nicht mehr zauberisch entschwinden, elfenhaft entschweben konnte.

Er horchte mit dem feinsten Gehör und tastete mit feinhäutigem Gespür nach Anzeichen, und was ihm leise aus dem Freundeskreis und danach, auf sein Drängen, von ihr selber angedeutet wurde, das griff er auf, zuckend verletzt und doch bemüht, es einzuhüllen, ungeprüft wegzuschieben, um nur tiefer in den Traum zu tauchen.

Maria, die Peregrina, quälte ihn, ohne es zu wollen, und doch im Unbewußten ganz zielstrebig: Was in ihr zerstört und verbogen war, weil man das Bild ihrer Mutter verfärbt und verkrüppelt hatte, und was tägliche Demütigungen gebrochen, das hatte ihr Wesen für immer geprägt.

Vielleicht war ihre Anlage nur geschmeidig und einfühlsam, und wenn sie geborgen und vertrauend aufgewachsen wäre, hätte das zu schönem Mitempfinden werden können.

Die verzweifelte Leidenschaft, die wilde Liebe zu Lohbauer und die Erscheinung des armen, krankhaft starren Sand hatten sich als Schreckbilder in ihre Erinnerung eingegraben, der schillernd-eitle Münch, »bildungseitel« und an ihr ungeschickt bildend, der wilde genialische Waiblinger – und was sie von ihnen aufgriff als bereite Zuhörerin, hatte sie willig an- und eingenommen, und jedesmal dann doch erfahren, daß sie keinem ganz trauen konnte.

Nur dieser klare zarte Knabe, der Dichter, rein und im Innersten fromm – der würde halten und helfen, hätte sie nur noch Kraft genug, ihm zu vertrauen; er sah sie so, wie sie hätte sein wollen, und seit sie ihn kannte, hatte sie das Maß verstanden. Wenn er da war, trug er sie mit, was er ihr vorsprach, empfand sie als eigen, und wo er sich selbst abschirmte gegen kaum Gespürtes, das von ihr ausging, schützte er auch sie vor sich selber: „Einem Kristall gleicht meine Seele nun, den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen …“

Aber wie man ein Kind schont, so durfte sie ihm nicht alles erzählen; es hätte ihn zu schwer getroffen, er hätte auch nichts verstanden.

3. Kapitel

Alexander von Rußland

Im Jahr 1815 sei die »Heilige Allianz« in Weinsberg bei Heilbronn gegründet worden, sagte der heilkundige, halbblinde Arzt und Seher Justinus Kerner einmal zu seinem Sohn Theobald, und der schrieb es auf.

Weinsberg ist ein Hügel mit einer halbverfallenen Burg mitten in den fruchtbaren Rebenhügeln im milden Heilbronner Land, wo nicht weit davon auch Hölderlin geboren ist, in Lauffen am Neckar.

Es gibt da alte Sagen und Geschichten, von denen man den Namen der Burg und des Fleckens abgeleitet hat, und die von der Weibertreu ist die schönste davon.

Im zwölften Jahrhundert, sagt sie, ist ein König Cunrad gegen den Grafen von Weinsberg angetreten, hat seine Burg belagert und nach viel Steineschleudern, Pechschütten und Leiteransetzen auch glücklich eingenommen. Da haben, heißt es weiter, die Weiber und Kinder geheult und gebeten, ihnen freien Abzug zu gewähren, da sie so sehr hilflos und auch stark ausgehungert und abgemagert wären.

Der König Cunrad habe dann den Frauen mit Kind und Kegel Abzug gewährt und um ihrer Armut willen zugesagt, daß sie das Wertvollste, das sie eben tragen könnten, aus dem Burgtor schleppten.

Da sei es eine Weile still gewesen, man habe aber doch allerlei Geraune, auch Jammern und Schimpfen undeutlich aus den Mauertoren gehört, und endlich sei der König mit seinem Streitroß nah an die Pforte geritten, um zu sehen, was denn die Weiber wohl so daherschleiften. Da kam die erste, ein junges hübsches Weib und nicht allzu geschwächt vom langen Hunger, und trug auf dem Rücken, hangend und angeklammert mit kräftigen Beinen, einen Mann, einen wildhaarigen Gesellen mit rußschwarzem Gesicht, der lachte den König an.

Gleich dahinter die zweite, nicht mehr jung, mager, mit einem rissigen Rock, und darüber, keuchend, als trage er selber schwer, festgebunden den Mann, der zum Glück ein Schneider und leibarmer Gestalt war.

Danach kamen mehr, alte und junge, resche und dürre, und alle, jede einzelne, schleppte und zerrte ein Mannsbild mit sich, und wo die Weiber vor Atemnot und Anstrengung nicht eben lachten, grinsten dafür die Kerle umso unverschämter, bis die Reiter um den König ihre Gäule wendeten und zum König hinsprengten: »Königlicher Herr, Gottgesalbter …« und dergleichen schrien sie empört, »da schleifen die Weiber ihre Ehemänner oder gar noch die nicht ehelichen Burschen den Berg hinunter, meinend, die seien ihnen am wertvollsten.«

Der König sah sich den langen Zug an und lachte, unbegreiflicherweise.

»Frag einer die Weiber, ob sie sich davon weniger Mannsprügel versprächen zum Dank für ihre Schinderei!«

Die Frauen zeterten, und es kam heraus, daß die Mannsleute sie dazu vermocht hatten – nicht alle taten es, um die Männer zu behalten und behüten, die meisten aus Angst vor ihnen und ihren Prügeln, die freilich ja nicht arg ausgefallen wären, hätten die Weiber sie dem Feind überlassen … aber so schnell dachten die nicht …

Ob’s denn also den Frauen in späterer Zeit nicht doch leidgeworden, daß sie die Eheherren gerettet und sich mitunter einen Bruch an ihnen gehoben, weiß keiner. Dem König und seinem Ansehen tat es gut, zu sagen: »Ein Königswort bricht man nicht!« Das tönte edel.

So weit ging die Sage, die Justinus Kerner, da er ja am Weinsberg sein Anwesen hatte, aufgezeichnet hat; ihm selber ging es wohlig neben seiner selbstlosen, gutherzigen, grundgescheiten Friederike, die ihn »ertrug«, und das sei, schrieb er auf, mehr als das Tragen allein.

Dort, nahe Weinsberg, unter den Rebhügeln, so erzählte also Justinus Kerner, logierte im Jahr 1815 der Zar Alexander, den man einen wunderschönen Mann nannte, da er ein weiches hübsches, fast weibliches Gesicht hatte, blonde Löckchen und eine gute Statur. Jedenfalls hatte er nichts von seinem seltsamen Vater, nicht einmal dessen verbeulte Stumpfnase.

Seine Mutter war die Schwester des dicken Friedrich, der Württembergs erster König war und sein Land dank einem geschickten Frontwechsel verdoppelt hatte.

Alexander litt unter der schlimmen Lage seines Landes, unter dem Mord an seinem Vater, unter der Ungewißheit seiner Abstammung. Er war fromm auf eine typisch russische Art, stark fühlend, mystisch gestimmt, den Zeichen und Symbolen, Wundern und Geschichten aufgeschlossen, die seiner Logik und sezierend-nüchternen Betrachtung zuwiderliefen; und beides warf ihn hin und her.

Er hatte viel gelesen, hatte mit seinem Jugendlehrer La Harpe die Klassiker, oder was der so nannte, studiert, kannte deutsche und russische Literaten und Philosophen, aber eben hier, in Schwaben, war ihm der Dichter Hölderlin nahegekommen, da er durch Lauffen im Wagen gereist war und auf der Insel im Strom eine Weile gestanden hatte.

Er ließ sich, so eilig er war, einen Band von Hölderlins Versen kommen, den ihm der Hausherr in Heilbronn vom Schulmeister besorgte, nicht ohne zu vermerken, daß selbiger Dichter in einer Art »holden Wahnsinns«, wie der Schulmann es nannte, in Tübingen vegetiere und manches hinterlassen habe, was verwirren könnte; trotzdem las Alexander (dem das Deutsche auch in seinen Nuancen vertraut war) die seherischen Sätze, empfand, von seiner schwäbischen Mutter geschult, den Klang, der mehr eingab als logischen Sinn und doch verständlich blieb für den, der sich ihm offen hielt.

In einer Nacht, als er in seinem Quartier nicht schlafen konnte, nahm er so ein Bändchen vom Tisch unter der Lampe und las, und stieß erschrocken auf den Satz: „ … das meiste aber bewirkt die Geburt!“ »Das ist für mich, oh, das ist meins!« murmelte der Zar, und diesmal sprach er deutsch, wie er manchmal, im tieferen Nachdenken, deutsch philosophierte, russisch betete, französische Liebesbriefe schrieb.

Er las das und empfand, daß es Fügung sein müsse, gerade ihm zugedacht, daß er in dem von Rauchschen Hause am Heilbronner Marktplatz wohnte, um hier zu finden, was ihn doch quälte.

»Die Geburt …, weiß einer, woher er kommt, und ist doch für keinen so wichtig und entscheidend wie für einen Herrscher? Und kaum einem so unklar wie mir.« Der Vater, grübelte er, von dem ihm auch die mächtige Großmutter Katharina nie gesagt hatte, daß der vom Zaren Peter dem Dritten stamme, und keiner, ob vom Höfling Saltykow oder sonst einem der Großen am Hof! Nur von der Mutter kam königliches Blut, aber auch das war ja bloß ein neuerworbenes Königtum, das ihrem kurfürstlichen Bruder verliehen vom Eroberer Napoleon, seinem, Alexanders Feind, und von jenem erkauft durch List und Schacher mit der Preisgabe der Tochter; er wußte genug vom Heiratshandel zwischen dem Württemberger und Napoleons windigem Bruder Jérôme.

»Aber die Mutter ist edel, ein Adel des Wesens, der Haltung – und aus dem alten herrschgewohnten Haus …«, sagte er sich, »und mir bleibt die Entscheidung unter ihren Augen, unter Rußlands erwartungsvollen Augen, unter Gottes Augen – Entscheidung über das heilige Moskau, über das Volk, für das ich Verantwortung trage …« Er kniete vor dem Bett auf den Boden, warf den Kopf in die Hände und spürte, daß er weinte. »Zuviel für einen Menschen, zuviel!«

Zugleich beobachtete er sich selber und wußte, daß ihn seine Mutter und mehr noch die Großmutter, die starke Katharina, verachtet hätte und daß ihn auch der Hausherr so nicht hätte sehen dürfen.

Es war der Kammerkosak, der im Vorzimmer gesessen, der den Kaiser aufstörte. Man habe unter ihm, im großen Saal, wo die Gendarmen noch immer wachten, um den hohen Gast zu beschützen, ein seltsames Wimmern gehört und gefürchtet, der Zar fühle sich nicht wohl, sagte der Adjudant, der hinter dem Leibdiener hereinsah. Alexander sprang auf.

»Ich bin vollkommen gesund!« rief er laut.

»Geh und schlafe!«

Indem kam jemand die Treppe herauf. Der Kaiser, ärgerlich im Gedanken, daß man ihm seine Weichheit anmerken könnte, schlug die Tür hinter dem Kosaken zu und schloß ab, als schon zweifach trappelnde Schritte laut waren: Einer der Leibwächter und ein anderer, ein Hausdiener, die dann beide klopften, und – da nicht gleich geöffnet wurde – abwechselnd weiterpochten, leise und lauter. Alexander fragte unmutig, wer da sei. Als er’s gehört hatte, öffnete er und machte, mißtrauisch geworden, ein paar Schritte zurück ins Zimmer. Der Hausdiener, hinter dem auch noch der Hausherr stand, schob den Kosaken beiseite und meldete, eine sonderbare Dame wünsche den Herrscher aller Reußen zu sprechen, sie handle im Auftrag Gottes und lasse sich nicht abweisen … Sie komme vom Rappenhof, eine halbe Stunde von Weinsberg entfernt, und sie bäte dringend um Gehör … Der Herr Adjudant versuche sie aufzuhalten.

Alexander spürte einen Anruf, den er erwartet hatte: Das mußte der Gottesbote sein, der Ratschluß, den er erhoffte. Aber zugleich empfand er das alte Mißtrauen, die Angst, in eine Falle zu geraten. Er lasse die Dame bitten, doch nicht ohne Zeugen, sagte er und verlangte ihren Namen. Es sei eine Frau von Krüdener aus dem Baltikum, hieß es.

Und noch ehe Alexander dem Kammerkosaken befehlen konnte, daß er ihm die verwühlten Haare richte, wallte eine dunkelbraune Tüllwoge auf ihn zu, ein schwarzer Schleier wurde zurückgeschlagen, und ein blasses, hageres Gesicht mit umschatteten Augen kam ihm bedrängend nah.

»O Heiliger Rußlands, Retter der Vaterländer, Begnadeter des Höchsten!« hauchte die Frau von Krüdener emphatisch und sank – nicht ohne den Faltenrock anmutig auszubreiten – auf den bettnächsten Sessel.

Als erwünschter Zeuge hätte der Adjudant antreten sollen, aber der argwöhnte in der Dame, trotz ihrer Reife, eine der vielen Liaisons seines Herrn und bat um Dispens.

Dem stimmte die Dame mit schwingender Stimme zu. Sie erinnerte den Zaren an ihre alte Bekanntschaft, die ihm allerdings nicht gegenwärtig war, und beschwor ihren längst von ihr getrennten Gemahl herauf, der als Gesandter Rußlands in Paris und Neapel gewesen war, zählte ihre Kinder und nicht zuletzt ihre zahlreichen Bücher auf und bekannte sich endlich zu ihrer Sendung, deren unausweichlicher Befehl dieser Besuch gewesen sei.

Alexander hörte zuerst nur zu, dann, als die Besucherin doch fragte, ob sie seine Pläne gestört oder ihn aus dem Schlummer gerissen habe, ließ er sich, den Pelzrock öffnend, ihr gegenüber nieder und sagte leise, wie es seine zögernde Art war:

»Sie haben mein Gebet unterbrochen, das mir Kraft von oben geben sollte. Ich habe um einen Rat gefleht …« »O Fügung! Fügung! Dem Himmel sei Dank!« keuchte Frau von Krüdener und strahlte auf. Eben das sei ihr befohlen in ihrer letzten Vision …

Sie könne und dürfe nicht so geradewegs und obenhin beraten und führen, aber anklopfen und mit einer sanften Leuchte das Terrain sondieren, sagte sie bedeutsam, und sie sehe, wie bedrückt die kaiserliche Majestät im Augenblick sei, und fühle, daß solche Bedrückung nicht nur aus der Gegenwart komme …

Auf diese geschickte Anspielung reagierte der Zar mit erschrockenem Kopfschütteln, und Frau von Krüdener wußte sofort, daß sie das Richtige getroffen, »ihn an seiner Achillesferse berührt« hatte, wie sie das bei sich selber nannte.

Denn sie wußte aus ihrer Moskauer Zeit am Zarenhof – man hatte ihr, was sie nicht mitansah, oft genug erzählt –, wie allein das Kind Alexander gewesen, wie es die »alte Zarin«, Katharina, mit einer nahezu rasenden Begeisterung an- und eingenommen und seiner Mutter, der württembergischen Sophie, entfremdet hatte.

Sie wußte von den Eskapaden und Umschwüngen des Vaters, des Zaren Paul, der sich vom Haß seiner gewaltigen Mutter verfolgt fühlte; von seiner Häßlichkeit, die sein Gesicht zu einer verzerrten Maske entstellte, von seiner panischen Angst vor Feinden und Attentätern, von seiner kindischen Preußenbegeisterung und Katharinas Ärger über seinen albernen und oft grausamen Soldatendrill.

Die Dame schaute Alexander an: Auch er hatte wenig von seinem Vater, zu wenig, mußte sie denken und verbot sich den Verdacht gegen die vornehme Sophie. Sie fragte tastend nach seiner Großmutter, die ihr als »leuchtendes Herrscherbild« vor Augen sei.

Alexander war nicht nach Schönfärberei zumute. »Sie kam als kleines mageres Mädchen mit ihrer Mutter Johanna, der Fürstin Anhalt, nach Moskau«, sagte er, als spreche er eine Schullektion vor sich hin, und unterbrach sich gleich:

»Aber das wissen Sie ja alles … auch was dann war – der Zar« (er sagte nicht »mein Großvater«) »der Zar hat sie nicht angerührt, Sie wissen das auch, man wollte den Thronfolger von ihr, man zwang den Zaren nach Paris zu einem jüdischen Arzt, der verschwiegen war – den hat man dann erwürgen lassen, er schwamm in der Seine.« Er stockte und fing an zu zittern. Schweigend ließ sie ihn stammeln und stoßend schluchzen und schwieg beobachtend, bis er sich noch mehr verlor. Dann sagte sie sachlich: »Man meint auch, es habe ihm geholfen, dem Zaren.«

»Danach wurde der Vater geboren«, Alexander sagte das fragend und sah die Krüdener dabei an. Die nickte, obwohl sie genau wußte, was er jetzt fürchtete: daß sie den Grafen Saltykow nenne, aus ältestem russischen Adel, oder einen anderen Liebhaber, den die Großmutter gehabt und dem sein Vater das Leben verdanke. »Aber der Sohn glich doch dem Zaren, Peter dem Dritten!« »Sicher!« bestätigte die Baronin, »und er war Ihr Vater, Majestät.«

Es war eine Zeitlang still, und der Adjudant, dem das nicht geheuer war, steckte lautlos den Kopf durch den Türspalt, den er vorsichtshalber offen gelassen hatte. Er sah, daß der Zar in seinem Morgenmantel – der Zobel schimmerte goldfiedrig auf dem Boden – vor der Baronin in die Knie fiel und heiser herausstieß: »Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen dafür! Ich glaube Ihnen!«

Der Adjudant sah auch, daß die Krüdener den Kopf senkte und im gleichen Augenblick etwas wie ein Triumphlächeln um ihren Mund erschien, ehe ihr Gesicht ihm aus dem Blickfeld verschwand. Sie hatte den richtigen Ton, den rechten Schlüssel gefunden zum Gemüt dieses gescheiten, gelehrten und doch kindlichverletzlichen Menschen.

Sie fuhr also fort, gute Züge im Wesen des armen Paul Petrowitsch zu »finden«, und in der Überzeugung, damit eine christliche Pflicht zu erfüllen, sagte sie etwas über die schwierige und fast unlösbare Aufgabe, ein kaum überschaubares Riesenreich zu regieren, halb verwilderte Bauern, stumpfe, geplagte Leibeigene, noch gefangen in religiösem Zwielicht, und darüber, aufgepfropft, eine intrigante, europäisch gerichtete Hofgesellschaft … sie sagte das ganz offen und beobachtete beruhigt, daß Alexander nickte.

»Peter der Große«, sagte er, »auch seine energische Tochter Elisabeth … die haben doch vieles erreicht, viel Kultur hereingeschafft – es ist so viel gute Düngung in den bereiten Boden gefallen …«

»Gewiß, Majestät, aber nur auf die Oberfläche, die Krume, nicht in die Tiefe und nicht breit genug!«

»Der Vater« – er erschrak selbst, daß er ihn so nannte – »der Vater hat oft so unvorhersehbar und manchmal gar widersinnig gehandelt und befohlen – der Vater …« Er ließ sich lethargisch sinken, er stöhnte halblaut.

Der Adjudant schlich zur Treppe; es kam ihm selbst taktlos vor, weiter zu horchen: Weder eine Liebelei noch eine Gefahr für das Leben des Herrschers drohte da drinnen, höchstens Enthüllungen, die ihn, den Lauscher belasten konnten.

Alexander hatte sich wieder gefangen:

»Wir sondieren ganz gründlich, was ich vorfand …«, stellte er nüchtern fest, »ich muß aber wissen, wo ich weiterbauen kann und wie … Fragen Sie Gott, Baronin, mit mir!«

Das »Amt« der Frau von Krüdener war nicht gerade ein leichtes. Sie fühlte sich als Gottbeauftragte mit der Weisung, die Herrscher Europas zu einem religiös beflügelten Bunde gegen Napoleon zu bewegen, was durchaus in der Luft lag. Und sie erkannte deutlich, daß solches Unternehmen nicht ohne hymnische Begeisterung und göttliche Segnungen zu erreichen wäre, vor allem, da die Völker den Regierenden folgen sollten; und daß in der mystischen Einheit von Fürstenauftrag und Gottesbefehl, in der magischen Begnadung der Herrscher, die stärkste Triebkraft für die Gefolgschaft der Völker lag.

Der alte französische Feudaladel hatte ihre ganze Sympathie, schon aus ihrer Pariser Zeit, wo sie in den ehemaligen Hofkreisen verkehrt hatte, und die Feindschaft gegen den Usurpator, die auch England teilte, schürte sie geschickt mit Hinweisen auf Napoleons Rationalismus und Ungläubigkeit. Sie spürte, wie tief der Zar in eine gefühlige, fast unkontrollierte Schwärmerei versunken war, aber als er – zwiespältig aus Erbgut und Erziehung – dennoch vernünftige, nüchterne Antworten gab, wurde ihr klar, daß nur ein schwerer Schock, ein brutaler Schlag, ihn in ihre Richtung zwingen werde … Sie hatte sich damals mit sanfter Miene und dem Versprechen verabschiedet, mit inbrünstigen Gebeten die gottgewollte Staatsführung zu erforschen und in ständiger Verbindung mit ihm, dem Auserwählten, Begnadeten, zu bleiben.

Danach zog sie weiter, Anhänger werbend, Brot verteilend, predigend und mit Visionen und hysterischen Szenen ihre »Gottesgesandtschaft« beweisend.

Inzwischen hatte ihr Wanderzug sie über vielerlei deutsche Gegenden bis in die Schweiz geführt, und zwei Jahre nach der Begegnung mit Alexander war sie nach Schaffhausen gelangt …

Die Szene zwischen Zar Alexander und Frau von Krüdener hatte allerdings noch ein Nachspiel gehabt, von dem man freilich in Mörikes Kreis wenig und nichts Zuverlässiges erfuhr: Frau von Krüdener, hieß es da, sei dem Zaren nachgereist, wie das in ihrer Art lag, der Art einer unsteten Prophetin, die trotzdem ganz gezielt und zweckbewußt ihre Routen festlegte; sie habe Alexander irgendwo im Thüringischen erreicht und sich mit viel Energie und Dringlichkeit zu ihm durchgezwängt.

Denn sie habe, ließ sie vorab verkünden, eine unwiderbringliche Möglichkeit gefunden, um ein für ihn entscheidendes Experiment zustande zu bringen.

So geheimnisvoll angesagt, gelangte sie endlich zum Zaren. Es müsse Nacht sein, ließ sie melden, und dazu eine bestimmte.

Mit solchen Voraussagen, wie sie ihr jetzt zu Gebote stünden, könne und müsse sie dem Zaren den Sieg, den unabwendlichen Sieg über den Korsen herbeizwingen …

Alexander, zunächst nicht mehr geneigt auf sie einzugehen, da die Kämpfe zwischen seinen Truppen und dem französischen Heer sich schon durch Polen zogen, Grodno von Napoleon erobert war (wo hernach Jérôme Bonaparte in gewohnter Manier tagelang Siege feierte, die nicht ihm zu verdanken waren) – Alexander war sorgenvoll genug, trotz seiner Anfangserfolge.

Aber ein Experiment? Ein mystisches Orakel? Einwirkung überirdischer Kräfte? – Er hoffte, einen Blick in die Zukunft zu tun, um so mehr, als er – wie viele – den Erzfeind als einen Dämon sah, dem nicht bloß greifbare, berechenbare Mächte beistanden …

Es habe dann, ging das Gerücht, eine nächtliche Begegnung gegeben, bei der die Krüdener mit inständigen Gebeten und im fast dunklen Raum ihr Flehen an den Geist des großen Peter gerichtet, ihn knieend beschworen habe, dem Nachkommen beizustehen.

Und danach sei im Dunst und Dampf entzündeten Weihrauchs eine mächtige Hünengestalt aufgetaucht und habe dem erschrockenen Zaren etwas von tödlicher Weite und Steppentod und Opfer des heiligen Moskau, von Schneewüste und Sieg durch die menschensaugende Leere und das absolute Vakuum zugeraunt – und ihn unverhofft verlassen. Ob der »große Peter« ein von der Baronin Krüdener gedungener Schauspieler war, fragte nachher keiner.

4. Kapitel

Im Sog der Seherin

Das Heimweh, soviel Bitteres es auch heraufrief, hatte Peregrina doch wieder nach Schaffhausen getrieben.

Es ist manchmal, als könne ein verstörtes, unsicher gemachtes Gemüt nur dort seine Ruhe und Bestätigung wiederfinden, wo sie ihm verlorenging; als müßte es erzwingen, was ihm versagt worden ist und doch noch eine warme Zuflucht finden, wo man’s verjagt hat. Sie bat in einem der ersten Häuser um einen Trunk, man sah sie seltsam an, aber sie bekam, was sie suchte, ein Glas Most mit Quellwasser, sie dankte und ging zur Tür – da rief die Hausfrau, die am Herd stand: Ob sie auch zu der Gruppe oder Karawane gehöre, die da in der Stadt eingezogen sei? Das sei ein trübes Gesindel, aber die sie anführe, eine adelige Frau und rede viel. Ob’s denn jetzt, in der Dämmerung, dabei nicht gefährlich zugehe, bei soviel Volk? Die machten viel Aufsehen. Maria schüttelte den Kopf. Sie hörte bald, kaum daß sie in den Toren war, die wandernde Truppe, singend und betend, und wäre es nicht Abend gewesen, wäre sie umgekehrt.

Aber schon in der Nähe des alten Metzgerhauses, wo der Großvater gewohnt und Onkel und Tanten nach ihm, kam eine alte Frau auf sie zu, die eine Stallaterne trug, und faßte sie an.

»Bisch du hiesig, Mädle? Dich kenn ich doch!«

Maria wußte nicht, wer das war und schüttelte sich ärgerlich. Da schrie die Alte gellend auf: »Dem Metzgers Nachber sei Tochterchind, der Bankert!«

Maria duckte sich. Die Frau schrie lauter: »Dere Husch ihrs ist’s!«

Maria lief weg, gegen die Stadtmauer zu und horchte. Ein langgezogenes Singen, falsch und krähend, aber zäh und zuversichtlich, drang von den äußeren Gassen heran. Sie sah den Zug, grau und schattenhaft, herankommen, Frauen, Kinder, ein paar Männer auch, und jetzt hob sich aus dem vordersten Glied eine hellere Gestalt heraus. Maria blieb stehen.

Ein Licht flackerte in einem Glas vor der Frau, die jetzt auf Maria zuging, als habe sie die Begegnung erwartet und herbeigeführt. Sie schwang den Arm, daß der Kerzenträger seine Lampe heben solle, und trat auf das Mädchen zu.

Maria wich ein paar Schritte zurück; der lange Zug stockte, da die Führende stehengeblieben war und ihr nah ins Gesicht sah.

»Du – auserwählte Schwester!«

Maria spürte einen lockenden Ruf, als hole sie etwas lang Bereites in eine unbekannte Umschlingung, in eine Gemeinschaft wie eine warme Herde, wo sich Pelz an Pelz und Fell an Fell reiben und stützen.

Die Frau trat in den Lichtkreis: Weiße Ärmel aus faltigem, dunklerem Kleid, hell beleuchtetes fahles Gesicht, hochgetürmter Haarberg und blitzende Augen, riesig aufgerissen …

Maria fragte dann, wer sie sei, und als die Frau gekränkt schien über ihre Unkenntnis, setzte sie hinzu, was ihr denn wohl zu Diensten stehe, denn sie spürte einen zugreifenden Anspruch.

»Singet!« befahl die Frau und redete dann auf Maria ein. Ihre Sprache klang anders als es hierher gehörte, ein rollendes »r« und gedehnte Endsilben und gehauchte Rachenlaute; ,eine Russin?“ dachte Maria, als schon die Hand ihren Arm faßte und sie zu sich herzog.

Sie wanderte dann mit, merkte, daß niemand sich hier auskannte, und lenkte endlich die wankende stöhnende Herde zu einer Feldscheune, von der sie noch aus der Jugend wußte, an den Brunnen, ins Stroh – und fiel selber, gepreßt und gezogen von Müdigkeit, zwischen die schon Vertrauten.

Sie hatten zu singen begonnen und sangen immer noch, immer leiser, sangen sich in den Schlaf. Maria lag neben der Frau.

Jetzt, als es ruhig wurde, Atemzüge und Rascheln im Stroh seltener, fing die fieberschnell zu reden an; sie flüsterte: Sie sei die Baronin von Krüdener, und Gott, ihr höchster Freund, habe ihr den Wanderzug befohlen, nach einem verplanten zerfahrenen Leben, sie auch mit der Gabe der Heilung und Menschenleitung begnadet, und diese da – sie fuhr ausgreifend über den dunklen verknäulten Haufen um sich herum – seien ihr gefolgt, ohne daß sie einen gezwungen hätte – gezogen, gedrungen, magnetisch gelenkt durch Gottes Handhabung und Fingerzeige; sie habe gesungen und gepredigt, gespendet und gedeutet, »… und sie spüren, wem ich angehöre, und dienen mir; ich führe euch alle in die Klarheit, dich auch, vertraute Schwester.«

Maria war diese Art noch nie begegnet, dieses Besitzergreifen und Erfassen, als wäre die Jüngere zugeteiltes Erbe; sie schwieg, sie war müde und sagte es.

Aber die Baronin gab keine Ruhe.

»Du hast ja sicher schon einmal meinen Namen gehört, Barbara Juliane, oder von den Singschwänen, wie sie uns nennen, oder von meinen geopferten Juwelen – ja, ich habe geopfert, mich, meinen Besitz, meine Schönheit …«

Maria schwieg immer noch. Sie merkte das Herrschsüchtige, Rücksichtslose in der Verführung, die Eitelkeit.

Sie träumte schon. Halb entglitten ihr die Gedanken, wie Windwellen und sanfte Bergrücken zogen die Bilder durch sie hin, sie wußte nicht mehr, wo sie war, hörte kein Knistern und Atmen und Stöhnen mehr, und roch keinen Menschengeruch, der sie anfangs angeekelt hatte.

Die Frauen, zwanzig oder mehr, auch ein paar junge Bürschlein, aus allen Dörfern und Städten zusammengerafft, kaum gewaschen, schlecht gepflegt, all das merkte sie nicht mehr.

Morgens dann, in der ersten Dämmerung, wurde sie wachgeschüttelt; der Bauer, dem die Scheune gehörte, schimpfte laut über die unerlaubte Belegung, und erst Marias Dialekt beruhigte den Zornigen so weit, daß er die Rede der Krüdener anhörte.

Gott werde es ihm lohnen, verkündete die, so er sie mit ihren Schützlingen noch eine Nacht beherberge; es seien die halbverhungerten Armen.

Er müsse den Schultheißen fragen, sagte er.

Inzwischen waren die übrigen aufgestanden, lehnten nebeneinander und warteten.

Der Mann schaute eines ums andere prüfend an, ließ ruhig seinen Blick hin- und hergehen und nahm sich Zeit.

Und als ein unruhiges Getrappel und Wogen anfing, wiederholte er, ohne seine Obrigkeit geschehe bei ihm nichts und schon gar nicht, wo man seine Scheuer verschmutze … Der Schulz habe zu bestimmen – das fremde Gesindel da … Den Schulzen müsse man fragen. Die Baronin ereiferte sich lautstark:

»Den? Einen kleinen Mann? Ach, daß ich nicht mehr in Rußland bin! Alexander würde befehlen! Ein Ukas – und ihr alle wäret weggefegt … Alexander – dem Himmel am nächsten, Christus!«

Und als der Bauer noch immer klotzig stehenblieb, verdeutlichte sie:

»Der Zar!« … Das klang träumerisch, überlegen und siegessicher und tat seine Wirkung; der Mann trabte stadtwärts.

Maria spürte einen wachsenden Widerwillen: Ein Theater zu dem Zweck, die törichten Schäflein zu beherrschen, den stumpfen Bauern umzustimmen, der freilich gescheiter war als sie alle, der ganze Schwarm und Haufen der mystisch Begeisterten, denen Gott und Zar und Kronenglanz zu einer Vatergestalt zusammenfloß, um den Hilf- und Richtungslosen Halt zu geben; nur die Krüdener wußte, was sie tat.

Sie sah, welche Macht ihr das Odium der göttlich Beauftragten gab, und genoß, vielleicht kaum bewußt, ihre Herrschaft über die naiven Seelen. Ein herrliches Gefühl der Überlegenheit trieb sie immer tiefer in die Rolle, noch ehe sie spürte, daß sie zu einer Klammer wurde, in der sie selbst festsaß: Zwang, Kampf, verzweifelte Hysterie …

Am Morgen, als heller Tag schon in das offene Scheunentor einbrach, stellte Maria sich ihr gegenüber und sah sie durchdringend an. Ein gedunsenes weichliches Gesicht mit schlaffen Falten, blaue Schatten um die Augen, die, mühsam aufgerissen, bannend schauen wollten und doch nur komisch wirken konnten; es war keine große Seele da vor ihr, keine stärkere als sie selber, Maria, die sich langsam und immer mehr enttäuscht abwandte.

Die Baronin merkte die Abkehr, sogar den Spott, mit dem die »Zugelaufene« sie jetzt ansah.

Ihre Stimme war laut und scharf, fast gellend, als sie rief: »Diese Knechte haben keine Gewalt über die Gottesboten, sie werden uns dienen …«

Während die Schar sich ungeordnet erhob und durcheinanderwirrte, die Krüdener sich, blaß geworden, auf einen höheren Vorsprung drängte – »Helft doch endlich, da hinauf soll ich …« –, befahl sie, schon im Stemmen und Klammern, Aufstellung zu nehmen, und kaum auf ihrem »Predigtstuhle«, wie Maria die Mauerecke bei sich nannte, gab sie den Befehl zum Wandergesang.

Es fing dann ein rhythmisches Gesumme an, das sich – aus den wiegenden Körpern dringend – monoton und wie ein hypnotischer Bann auf die langsam bewegte Gruppe legte, auch auf Maria. Durch die Stadt, durch alle größeren Gassen, bis zum Fall, sei befohlen zu wandern, so wolle es Gott, da er über ihnen schwebe als ein unsichtbarer Luftstrom, in den Wolken und Nebeln, über ihnen allen, über jedem einzelnen. – Es war wahrhaftig ein blitzendes Glänzen durch die bewegten Herbstwolken gefallen, ein schneller unerwarteter Strahl, der gleich wieder von den huschenden Schlieren und Schleiern verdeckt wurde.

Als Maria sich zwischen andere, Langsamere schob, rief die Baronin sie an:

»Komm her neben mich, ich will die Schwesterseele neben mir haben!« Und als Maria widerwillig neben ihr herging, da sie sah, daß es durch alle Gassen und an die Plätze bis zum Markt ging, herrschte die Führerin die Zögernde laut an. Maria folgte noch immer: Sie suchte ja Bestätigung und vielleicht doch Anschluß und Wärme, aber sie spürte immer deutlicher, daß sie da eingenommen, eingesogen werden sollte; überwältigt, nicht heimgebracht …

Am Marktplatz wurde der sonderliche Zug angehalten. Der Schultheiß kam in seiner Amtstracht und gab der Anführenden den Beschluß des Bürgerrates bekannt: Sie könnten sich zwei Tage in der Stadt Schaffhausen aufhalten – keine Stunde länger.

Danach, nochmals sei’s gesagt, habe man den Ort zu verlassen.

»Sie haben doch nichts zu essen!« rief die Baronin. Maria vermied es, aufzufallen; die alte Angst, die alte Bedrängung … sie hielt sich in der Mitte des Haufens, nicht an der Spitze neben der Baronin. Aber irgendeiner der Bürger erkannte sie – die Huschentochter aus des Meyers Metzgerei, die auch »eine Solche« ist …

Ein Hurenkind hatte kein Obdach unter den ehrlichen Leuten … Doch sie spürte Hunger wie alle, und die Krüdener hatte ihnen ein Wunder versprochen, wie sie deren schon mehrere gewirkt habe.

Das Gefühl einer Bedrohung und kränkenden, lähmenden Verachtung kannte Maria, sie spürte es noch, wenn sie auch zu niemanden davon sprach. Manches kam wieder herauf aus einem verwirrten Strudel, wie lang im Bachgrund gelegenes Blattwerk, verfilzt und kaum mehr kenntlich, heraufschwemmt und sich ausbreitet und einen Rest von Umriß und Eigenfarbe zeigt, und wurde ihr jetzt als Schmerzgefühl spürbar.

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