Kitabı oku: «Nanopark»
UWE HERMANN
NANOPARK
ERLEBE DEINE FANTASIE!

© 2021 Polarise
Ein Imprint der dpunkt.verlag GmbH
Wieblinger Weg 17
69123 Heidelberg
www.polarise.de
1. Auflage 2021
Autor: Uwe Hermann
Lektorat: Martin Wohlrab
Copy-Editing: Irina Sehling
Satz: Veronika Schnabel
Illustration Cover: Timo Kümmel
ISBN:
| 978-3-947619-69-6 | |
| 978-3-947619-70-2 | |
| ePub | 978-3-947619-71-9 |
| mobi | 978-3-947619-72-6 |
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind über www.dnb.de abrufbar.

Uwe Hermann, geboren 1961 in Sulingen in Niedersachsen, ausgezeichnet mit dem Kurd-Laßwitz-Preis und dem Deutschen Science-Fiction-Preis, schreibt seit 1990 Kurzgeschichten und Romane. Letzte Veröffentlichungen: Userland – Berlin 2069, Atlantis Verlag, 2019 und Der Raum zwischen den Worten: Kurzgeschichten – Band 5, Selbstverlag, 2019
https://www.kurzegeschichten.com/
Inhalt
Unkontrollierbare Fahrzeuge und schwierige Frauen
Die Macht der Manipulation oder Zuckerwasser in achtundneunzig verschiedenen Geschmacksrichtungen
Ungebetene Gäste und die Schwierigkeit, eine Frau ins Bett zu bekommen
Von Zwillingen, Muskelpaketen und Egomanen
Gestresste Smileys und eine feindliche Übernahme
Abtretende Direktoren und ein schielender Löwe
Anhängliche Tiere und wildes Wasser
Gekappte Leitungen und ein nachtragender Gorilla
Intriganten und ein gewaltiger Hilferuf
Rothaarige Mädchen und andere Katastrophen
Achterbahnen und andere Todesarten
Solokampagne für Fortgeschrittene
Durchgeknallte Kollegen oder der Ritt nach Afrika
Auflflösungserscheinungen und ein Essen mit dem König
Der schlimmste aller Tage
Schlimmer geht immer
Jägerprogramme und andere Schadsoftware
Das Geheimnis der Springerstiefel
Unerwarteter Besuch und abschließende Worte
Von Psychopathen, Löwen und anderen Gefahren
Ein Keller voller fliegender Autos
Aufgetaucht und zurück ins Licht
Noch nicht vorbei
Nanopark und seine Themenbereiche
Personen der Handlung
Unkontrollierbare Fahrzeuge und schwierige Frauen
Simon Klein ärgerte sich, dass er den Fall angenommen hatte. Als sein Abteilungsleiter zu ihm gekommen war, hätte er Nein sagen müssen. Stattdessen hatte er den Datenstick mit der Akte genommen, seine Sachen gepackt und sich am nächsten Morgen in aller Frühe auf den Weg gemacht. Was für ein Fehler! Simon mochte weder Kinder noch Menschenmassen, doch all das erwartete ihn nun am Ende seiner Fahrt. Wie hatte er nur so dumm sein können? Die Antwort war einfach: Weil sein Vorgesetzter nicht gefragt, sondern angeordnet hatte, und weil Simon es sich nicht hatte leisten können, abzulehnen. Und obwohl er das alles wusste, war er wütend. Wütend auf sich, seinen Vorgesetzten und den Schmerz in seiner Schulter, der sein Leben verändert hatte.
Ein selbstfahrender LKW mit zwei Anhängern rauschte wie ein Geschoss an seinem Wagen vorbei. Simon verbannte den Ärger aus seinen Gedanken und gab ebenfalls Gas. Sein roter E-Audi beschleunigte mit dem leisen Surren einer Katze.
Obwohl im Jahr 2052 das autonome Fahren längst zur Normalität geworden war, steuerte er seinen Wagen selbst. So hatte er wenigstens jetzt das Gefühl der Kontrolle. Wenn schon nicht über sein Leben, dann doch zumindest über seinen E-Audi. Das Lenkrad in den Händen zu halten, zu beschleunigen und zu bremsen, fühlte sich gut an, auch wenn die Elektronik seines Fahrzeuges jede seiner Entscheidungen überwachte und bei einem Fahrfehler sofort eingegriffen hätte.
Auf Höhe Brandenburg verließ er die Autobahn. Er wartete eine Lücke im Verkehr ab, bevor er auf den mehrspurigen Zubringer zum Freizeitpark wechselte und die A 13 hinter sich ließ. Es war Pfingstmontag, der 10. Juni, und entsprechend viel Verkehr rollte den Zubringer entlang, doch im Gegensatz zu den Menschen, die in ihren Fahrzeugen saßen, freute sich Simon nicht auf ein paar aufregende Tage im modernsten Freizeitpark der Welt. Seit seinem Abschied aus dem Polizeidienst arbeitete er als Ermittler für eine Versicherungsgesellschaft. Ab einer gewissen Höhe der Versicherungssumme wurde er hinzugezogen, wenn der Polizeibericht nicht den Interessen der Versicherungsgesellschaft entsprach. Oder anders ausgedrückt, wenn eine Summe fällig zu werden drohte, auf deren Auszahlung sein Arbeitgeber gern verzichtet hätte. Wie auch in diesem Fall. Ein Mitarbeiter des Freizeitparks war ums Leben gekommen. Trotz fehlender Beweise hatte der ermittelnde Beamte »Unfall« als Todesursache in seinen Bericht geschrieben. Simons Arbeitgeber hoffte auf Selbstmord, weil er in so einem Fall nicht zu zahlen brauchte, und hatte ihn geschickt, um den Suizid möglichst zu bestätigen.
Simon griff nach dem Datenstick mit der Akte von Robert Neuhaus, der zusammen mit zehn Tafeln Vollmilch-Nuss-Schokolade neben ihm auf dem Beifahrersitz lag. Er hatte die Schokolade bei seinem letzten Halt in einer Tankstelle spontan gekauft, obwohl er sich eigentlich nichts aus Süßem machte. Wie so oft explodierte ein kurzer, aber heftiger Schmerz in seiner rechten Schulter, der ihn zwang innezuhalten.
Vier Jahre lag sein Unfall jetzt zurück und obwohl er sich die Schulter dabei nicht verletzt hatte, schmerzte sie seitdem, als wolle sie verhindern, dass er diesen Tag jemals wieder vergaß. Keiner der Ärzte, bei denen er vorstellig geworden war, hatte den Grund für seine Schmerzen gefunden. Jeder bestätigte ihm, dass er kerngesund sei. Leider kümmerte sich der Schmerz nicht um ihre Diagnosen. Schließlich konnte Simon nicht mehr im Außendienst arbeiten. Ein halbes Jahr lang versuchte er es hinter einem Schreibtisch, aber Berichte auszufüllen oder zu telefonieren war nicht seine Welt. Schließlich quittierte er den Polizeidienst und nahm den vermeintlich besseren Job in der Versicherungsgesellschaft an. Bereits in den ersten Tagen wurde ihm klar, dass man ihn dort nur wegen seiner Kontakte zur Polizei eingestellt hatte.
Der Schmerz in seiner Schulter verging so schnell, wie er gekommen war. Zurück blieb nur ein dumpfes Pochen.
Erneut griff Simon nach dem Stick – diesmal vorsichtiger – und steckte ihn in die Datenbuchse der Mittelkonsole. Der Inhalt erschien auf dem Bildschirm im Armaturenbrett. Er überflog den Text, während er gleichzeitig versuchte, die Straße im Auge zu behalten. Das Foto in den Unterlagen zeigte einen siebenundfünfzigjährigen Mann mit schütteren Haaren, dem Versuch einer Gesichtsbehaarung und einer schwarzen, großen Kunststoffbrille, deren Gläser ein Gesicht wie zerknittertes Papier bedeckten. Robert Neuhaus schien in seinem Leben viel erlebt zu haben, dennoch sah er nicht aus wie jemand, der sich freiwillig von einem Dach in den Tod stürzte. Er hinterließ eine Frau und zwei erwachsene Kinder und nach allem, was Simon bisher gelesen hatte, trauerte seine Familie ehrlich um ihn, was nicht auf eine zerrüttete Ehe hindeutete. Laut den medizinischen Unterlagen war der Tote weder depressiv noch gesundheitlich angeschlagen gewesen. Größere Schulden hatte er auch nicht gehabt. Warum also hätte er sich freiwillig in den Tod stürzen sollen?
Simon zog den Stick aus der Buchse im Armaturenbrett und legte ihn zurück auf den Beifahrersitz. Auch wenn es seinem Arbeitgeber nicht gefiel, schien es, als hätte der Beamte mit der Einschätzung der Todesursache recht. Alles sah nach einem Unfall aus.
Neben dem Datenstick lag ein Hochglanz-Videoflyer des Freizeitparks. Als Simon ihn vom Sitz nahm, schaltete sich das Video in der Vorderseite ein. Eine Wildwasserbahn durchbrach eine Wand aus Wasser und raste auf den Betrachter zu. Dann ging es mit einer Achterbahn hinab auf den Grund eines ausbrechenden Vulkans, um anschließend in einem Raumschiff über einer futuristischen Stadt abzustürzen. Eine Frauenstimme, untermalt von Musik, warb für den besten Freizeitpark der Welt, für ein vollkommenes Erlebnis und für die perfekte Verschmelzung von Augmented Reality mit allen Sinnen. Simon berührte den aufgedruckten Mute-Button und stellte den Ton ab. Die linke Hand immer noch am Lenkrad, faltete er mit der rechten den Flyer auseinander.
Nanopark unterteilte sich in verschiedene Themenbereiche. Gleich hinter dem Eingang betrat der Besucher Die Stadt der Zukunft mit ihren Restaurants, Verkaufsständen, Shows und Karussells. Von dort erreichte man das Untergeschoss mit dem Themenbereich Mittelpunkt der Erde oder man fuhr hinauf in die erste Etage und besuchte Port Royal, eine Mischung aus Mittelalter und Fantasywelt. Eine Ebene darüber lag Der Wilde Westen mit einer spektakulären Loopingbahn. Wer es etwas ruhiger angehen lassen wollte, schaute sich Die Dschungelsafari an, einen der afrikanischen Tier- und Pflanzenwelt nachempfundenen Bereich mit virtuellen Löwen, Elefanten, Gazellen, Affen und vielem mehr.
Simon startete das Video des Parkaufbaus. Einige der Fahrgeschäfte begannen ihre Fahrt im Erdgeschoss und beendeten sie auf der untersten Ebene. Es gab ein Riesenrad, eine Wildwasserbahn und mehrere Achterbahnen, eine davon mit zwei Loopings, sowie unzählige weitere Fahr- und Spaßgeschäfte. Das eigentliche Highlight aber war die perfekte Verschmelzung von Realität und virtueller Grafik. Sobald die Besucher durch eine der Schleusen das Innere der Kuppel betraten, beeinflussten der Atemluft zugesetzte Nanoroboter die Sinne und sorgten dafür, dass sie in eine unvergessliche Traumwelt eintauchten.
Simon blätterte weiter. Auf der nächsten Seite waren verschiedene Zusatzprogramme aufgeführt, die die Besucher dazubuchen konnten. Wer das nötige Geld besaß, nahm an einer Großwildsafari teil und jagte das Raubtier seiner Wahl, flog zu einem fremden Planeten und traf auf Außerirdische oder er tauchte auf dem Grund des Ozeans in einem versunkenen Piratenschiff nach Schätzen – inklusive untoter Piraten. Dabei konnten die Teilnehmer den Schwierigkeitsgrad und den Realitätslevel frei wählen. Ein Erlebnis, das dank Augmented Reality von der Wirklichkeit nicht zu unterscheiden war, versprach das Video des Flyers. Aber auch an Besucher ohne Familien und Singles hatten die Parkbetreiber gedacht. Wer Nanopark allein besuchte, konnte sich virtuelle Freunde mieten und mit ihnen einen unvergesslichen Tag erleben.
Unvermittelt bremste vor Simon ein Wagen. Bevor er reagieren konnte, übernahm sein Fahrzeug die Kontrolle und reduzierte die Geschwindigkeit. Obwohl Simons Fuß noch immer auf dem Gaspedal ruhte, wurde sein E-Audi langsamer. Verärgert verzog er das Gesicht. Er hasste es, der Technik ausgeliefert zu sein. Selbst in so einem Moment, in dem sie ihn vor einem Auffahrunfall bewahrt hatte.
In dem Fahrzeug vor sich sah er zwei Kinder, die auf dem Rücksitz herumbalgten. Ein etwa zwölfjähriges Mädchen mit kurzen roten Haaren schaute zu ihm herüber und streckte ihm die Zunge raus. Offensichtlich beruhte seine Abneigung gegenüber Kindern auf Gegenseitigkeit. Auch er zeigte ihr die Zunge. Woraufhin das Kind den Mittelfinger hob. Dann beschleunigte der Wagen, der Abstand vergrößerte sich, und er verlor das Mädchen aus den Augen.
Nach einem Kilometer tauchte am rechten Straßenrand ein Hinweisschild auf. Noch auf der Autobahn hatte Simons Wagen sein Kommen gemeldet und die Verkehrslage abgefragt. Nun wechselte der Text auf dem Straßenschild: »Willkommen, Simon Klein, Nanopark freut sich auf dich. Bitte benutze Parkplatz B.«
Noch konnte Simon nichts von dem markanten Gebäude des Freizeitparks sehen, doch das sollte sich bald ändern. Hinter einem Hügel tauchte eine gewaltige farbige Kuppel auf, die hoch in den Himmel ragte. Auf der Rückseite, noch verborgen vor seinem Blick, lagen die Verwaltungsgebäude, mehrere langgezogene Lagerhallen und die Einfahrten für die Lieferanten.
Simon verließ die Hauptzufahrt und wechselte wie alle anderen auf die zum Parkplatz führenden Fahrspuren. Der Parkplatz umfasste mehrere Bereiche und war doch im Vergleich zu der Kuppel winzig. Das eigentliche Parkdeck lag unterirdisch. Ein Computer holte über ein Hydrauliksystem die Fahrzeuge in die Tiefe und bewegte sie über ein ausgeklügeltes, vollautomatisches Schienensystem in winzige Parknischen, um jeden Zentimeter Platz ausnutzen zu können. Gerade versank neben Simons E-Audi eine Parkbucht samt Fahrzeug im Boden. Augenblicke später deutete nichts mehr darauf hin, dass dort zuvor ein Wagen gestanden hatte.
Von den Parkplätzen aus führten Wege zu den fünf nebeneinanderliegenden Eingängen der Kuppel. Menschenmassen wälzten sich in Richtung Freizeitpark. Simon fröstelte. Der Anblick war schlimmer, als er befürchtet hatte.
Das Leitsystem des Parks schickte seinem Wagen die Position des für ihn reservierten Parkplatzes. Ungefragt übernahm sein E-Audi die Kontrolle und fuhr selbstständig in eine Parknische, sehr zu Simons Unwillen. Als wollte die KI seines Wagens noch einen draufsetzen, stellte sie einfach den Motor ab, ohne ihn darüber zu informieren, dass er sein Ziel erreicht hatte.
Eine Zeitlang blieb Simon im Auto sitzen und sah den Besuchern zu, die in Richtung der Eingänge strömten. Dann griff er nach dem Datenstick und stieg aus.
Die Juniwärme schlug ihm entgegen. In der Luft lag der Geruch von Popcorn, der von einem Stand vor dem Eingang zu ihm herüberwehte, doch noch intensiver als der Geruch von gebratenem Mais war der Lärm der Kinder. Aus einem Bus, der vor dem Eingang hielt, drängte eine ganze Schar von ihnen. Eine völlig überforderte Aufsichtsperson versuchte sie unter Kontrolle zu bringen. Simons Blick wurde abgelenkt, als ein Ehepaar an ihm vorbeirannte. Sie eine blondgelockte, magere Schönheit in einem Minirock, für den sie bereits ein paar Jahre zu alt war. Er ein Glatzenträger mit einer Körperfülle, die ihn wie einen Ballon aussehen ließ. Der Mann zog einen Trolley voller Koffer hinter sich her. Beide versuchten zwei Kinder einzuholen, die nur noch Augen für den Park hatten und auf keinen ihrer Rufe reagierten.
Simon holte seine Sporttasche aus dem Kofferraum. Viel hatte er nicht eingepackt. Er hoffte, dass er nicht länger als zwei Tage bleiben musste. Er dachte an seinen Abteilungsleiter, der ihm zum Abschied jovial auf die Schulter geklopft und gesagt hatte, dass er ihn beneide. Denn welcher Mitarbeiter dürfe schon ein paar Tage auf Firmenkosten im besten Park der Welt verbringen. Nur die, auf die man in der Firma verzichten konnte, hatte Simon gedacht. Und dennoch hatte er geschwiegen. Mit dreiundvierzig Jahren konnte man nicht mehr so einfach seinen Beruf wechseln und hoffen, sofort einen neuen zu finden.
Kurz überlegte er, ob er sein Jackett im Auto lassen sollte. Es hingen wenige Wolken am Himmel. Die Sonne wärmte wie eine Heizspirale und in dem Jackett würde er noch mehr schwitzen. Außerdem hatte er es nicht nötig, seriös zu wirken und einen guten Eindruck zu hinterlassen – schließlich wollte er keine Lebensversicherung verkaufen. Doch letztendlich zog er es trotzdem an. Das Jackett war ein Teil seiner Arbeitskleidung, wie die Uniform, die er als Polizist getragen hatte. Simon schloss den Kofferraum.
»Bitte halte deine personalisierte Eintrittskarte zur Identifizierung bereit!«, erklang hinter ihm eine Stimme aus einer knapp anderthalb Meter hohen Edelstahlsäule, an deren Oberseite eine rote Leuchte blinkte. Darunter befand sich ein Sensor mit einem Bildschirm, auf dem ein Text ihn aufforderte, sein Ticket an den Sensor zu halten. Simon tat der Elektronik den Gefallen.
Sie identifizierte ihn. »Willkommen, Simon Klein. Nanopark freut sich auf deinen Besuch. Bitte tritt von deinem Fahrzeug zurück!«
Simon ging bis an den Rand der Parkbucht und drehte sich um. Ein Sicherheitsgitter schob sich vor ihm in die Höhe. Dahinter versank die Plattform samt seinem Wagen im Boden. Simon fragte sich, wie oft allzu neugierige Besucher wohl schon hinterhergestürzt waren.
Er steckte die Eintrittskarte in seine Jacketttasche und schloss sich widerwillig den Menschen an, die auf die Eingänge des Parks zuströmten. Vor ihm erhob sich die Kuppel des Freizeitparks, so hoch, dass der Kölner Dom darin Platz gefunden hätte. Alle paar Augenblicke lief eine regenbogenfarbene Welle aus Lichtern über ihre Oberfläche und ließ sie in einer anderen Farbe zurück. Im Augenblick leuchtete die Kuppel in einem von hell nach dunkel verlaufenden Lila. Der computeranimierte Schriftzug ›Nanopark‹ und sein Slogan ›Erlebe deine Fantasie!‹ wanderten in riesigen animierten weißen Buchstaben um die Kuppel herum. Die Wege zu den fünf Ein- und Ausgängen begrenzten Hecken und – dank Genmanipulation – wochenlang blühende Kirschbäume. Auf dem Gelände des Freizeitparks gab es unzählige Bereiche wie diesen hier, mit Grünpflanzen, Liegewiesen und sogar einem Teich voller Goldfische und mit einer gewaltigen Wasserfontäne.
Simon ging im Schatten der Bäume zum Eingangsbereich hinüber und stellte sich an das Ende der Warteschlange. Hier bestand der Boden aus einer riesigen Videofläche, die alle paar Augenblicke ein anderes Bild zeigte. Mal schien es, als stünden die Wartenden auf einem schmalen Bergpfad, inmitten einer Schneelandschaft. Dann flogen sie scheinbar hoch in der Luft. Nur um gleich darauf auf dem Meeresboden zu stehen, umgeben von Fischschwärmen und Korallen. Simons Magen grummelte. Hinter ihm riss sich ein kleines Mädchen von der Hand seiner Mutter los und versuchte, auf einen der Fische zu springen. Das Bild der Videofläche flackerte sekundenlang, nur um sich sofort wieder aufzubauen. Obwohl der Park bereits geöffnet hatte, schien die Schlange der Besucher nicht kürzer zu werden. Simon fühlte sich inmitten der vielen Menschen unwohl. Ohne dass er es bemerkte, trat er von einem Bein auf das andere. Ein paar Meter vor sich sah er das rothaarige Mädchen aus dem Auto wieder. Auch sie erkannte ihn und erneut tauschten sie und Simon Unhöflichkeiten aus. Dann öffnete sich vor ihr das Absperrgitter und die Kleine verschwand im Inneren des Gebäudes.
»Simon Klein?« Eine Stimme rief seinen Namen.
Er drehte sich um und sah eine kleine, leicht übergewichtige Frau zielstrebig auf sich zukommen. Weder ihre kurzen, auffallend roten Haare noch die unvorteilhafte Zusammenstellung ihrer Kleidung, die unter ihrem geöffneten weißen Kittel hervorschaute, deuteten darauf hin, dass sie sich irgendwelche Gedanken über ihr Aussehen machte. Die knapp 30-jährige Frau blieb vor Simon stehen. »Willkommen im Nanopark«, begrüßte sie ihn, während ihre Augen zu fragen schienen: »Und wann fahren Sie wieder?«
Sie streckte ihm die Hand entgegen. »Mein Name ist Hanna Lehnhardt. Ich soll mich während Ihres Aufenthalts um Sie kümmern.«
Er ergriff kurz ihre Hand. »Wie haben Sie mich erkannt?«
»Habe ich nicht. In Ihrer Eintrittskarte steckt ein RFID-Chip, der mir Ihre Position verraten hat.« Sie drehte sich um und bedeutete mit dem Zeigefinger, dass er ihr folgen solle. »Kommen Sie, wir benutzen den VIP-Eingang!«
Er löste sich erleichtert aus der Schlange der Wartenden und schloss sich ihr an. »Ein RFID-Chip? Mit dem Datenschutz nehmen Sie es hier wohl nicht so genau?«, fragte er grinsend.
»Lesen Sie die AGB auf unserer Website. Als Sie die Karte kauften, haben Sie ihnen zugestimmt«, antwortete die Frau abweisend.
»Genau genommen hat die Sekretärin meines Abteilungsleiters die Eintrittskarte besorgt.«
»Dann beschweren Sie sich bei ihr!«
Spätestens jetzt wurde Simon klar, dass er alles andere als willkommen war. Vielleicht befürchteten die Verantwortlichen, dass er Ärger machen wollte. Oder sie hatten etwas zu verbergen. Er seufzte lautlos. Warum musste immer alles so kompliziert sein?
Simon folgte Hanna zu einem weiteren Eingang, vor dem keine Menschenschlange wartete. Sie hielt ihre Zugangskarte vor ein Lesegerät und die Tür öffnete sich mit einem leisen Klicken.
Simon betrat hinter ihr die Kuppel. Sie gelangten in einen großzügig eingerichteten Wartebereich, mit Tischen, Sesseln und einer chromblitzenden Bar. Der dunkle Teppich auf dem Boden führte sie an der Sitzecke vorbei, wo einige der betuchten Besucher mit einem Drink in der Hand saßen und sie abschätzig musterten. Hanna bot ihm keinen Alkohol an, aber er hätte sowieso abgelehnt. Wer so früh trank, hatte es aufgegeben, seine Probleme lösen zu wollen, und sich stattdessen entschieden, sie zu ertränken. Und so verzweifelt war Simon noch nicht.
Hanna blieb schließlich vor einer braunen Kordel stehen, die von zwei hölzernen Säulen gehalten den Gang versperrte.
»Ihre Eintrittskarte!«, verlangte sie und streckte die Hand aus.
Er gab ihr sein Ticket und sie hielt es vor ein in die Wand eingelassenes Lesegerät. Die Elektronik gab einen wimmernden, unfreundlich klingenden Ton von sich.
»Sie haben Ihre Gesundheitserklärung noch nicht unterschrieben. Ohne die dürfen Sie die Kuppel nicht betreten.«
Simon wollte endlich mit der Arbeit beginnen und den Park so schnell wie möglich wieder verlassen. »Ich habe nicht vor, die Attraktionen zu benutzen. Außerdem sagte ich bereits, dass nicht ich das Ticket gekauft habe, sondern jemand anderes.«
»Und ich habe das bereits mitbekommen«, antwortete Hanna schnippisch, »trotzdem dürfen Sie ohne eine Gesundheitserklärung den Park aus versicherungstechnischen Gründen nicht betreten. Gerade Sie müssten das doch verstehen.« Sie verschränkte die Arme. »Entweder unterschreiben Sie oder Sie fahren wieder zurück in Ihr Büro!«
Simon begriff, dass Hanna genauso wenig Lust auf ihren derzeitigen Job hatte wie er auf den seinen.
»Strohhalm oder Münze?«, fragte er.
Sie schaute ihn verwirrt an. »Ich verstehe nicht.«
»Haben Sie und Ihre Kollegen Strohhalme gezogen oder eine Münze geworfen, um herauszufinden, wer meinen Babysitter spielen muss?«
Plötzlich lächelte sie. »Weder noch. Meine Chefin hat es angeordnet.«
Schlagartig wurde sie ihm sympathischer. Auch sie hatte eine Aufgabe übernommen, zu der sie keine Lust hatte. »Willkommen im Club«, sagte er, während er auf dem Display des Bildschirms die Gesundheitserklärung unterzeichnete. »Mir wurde dieser Fall auch aufs Auge gedrückt. Glauben Sie mir, wenn ich die Wahl gehabt hätte, wäre einer meiner Kollegen hier.«
»Nun, da Sie es sind, scheinen Sie wohl nicht allzu beliebt zu sein.«
Er überlegte. »Scheint so.«
Sie reichte ihm seine Eintrittskarte zurück. »Die brauchen Sie, wenn Sie etwas kaufen wollen und um die Tür Ihres Hotelzimmers zu öffnen.«
Er sah, dass ihre hellblauen Augen dezent geschminkt waren. Außerdem hatte sie ihre Fingernägel lackiert. Vielleicht legte sie ja doch Wert auf ihr Äußeres.
Hanna bemerkte nicht, dass er sie musterte. »Darf ich Ihnen eine Frage stellen?«, fragte sie zögernd.
»Was wollen Sie wissen?«
»Sind Sie hier, um einen Grund zu finden, damit die Versicherung nicht zu zahlen braucht?«, platzte es aus ihr heraus. »Sollen Sie Roberts Tod als Selbstmord hinstellen? Das war es nämlich nicht! Er hat sich nicht selbst umgebracht. Das hätte er niemals getan!«
Simon schwieg einen Moment, überrascht von ihrem emotionalen Ausbruch. Dann überwog in ihm das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen. »Sie haben recht, mein Arbeitgeber wäre erleichtert, wenn sich Neuhaus’ Tod als Selbstmord herausstellen sollte, aber das gilt auch für Ihren Chef, Direktor Schuster. Bei einem Selbstmord müsste der Park keine Schadensersatzforderungen der Hinterbliebenen befürchten. Von einer schlechten Presse ganz zu schweigen.«
»Und Sie haben vor, so lange nach Beweisen zu suchen, bis das Ergebnis unseren Arbeitgebern gefällt?«
Ihre Wortwahl gefiel Simon nicht, deutete sie doch an, dass er im Sinne der Versicherung ermitteln würde. »Ich bin nicht hier, um etwas Bestimmtes zu beweisen. Ich will die Wahrheit herausfinden«, erwiderte er.
»Ach, und das können Sie?« Ihr spöttischer Blick traf ihn härter, als er erwartet hatte.
»Ich denke schon. Ich war früher mal Polizist.« Das hatte er eigentlich nicht erwähnen wollen, aber diese Frau hatte das Talent, ihn mit jedem zweiten Satz auf die Palme zu bringen.
Sie sah ihn verwundert an. Einen Moment lang dachte er, sie würde seine Erklärung kommentarlos akzeptieren, doch anscheinend konnte sie so etwas nicht. »Na, hoffentlich sind Sie für diesen Job dann nicht überqualifiziert.« Sie nahm ihm seine Tasche aus der Hand und stellte sie in ein Fach unter dem Lesegerät. »Ihre Sachen werden im Hotel auf Sie warten.« Dann löste sie den Karabinerhaken an einer Seite der Kordel und winkte ihn durch.
»Warum sind Sie eigentlich so fest davon überzeugt, dass es kein Selbstmord war?«, fragte Simon, während sie nebeneinander den Flur entlanggingen.
Sie sah ihn an. »Robert redete ständig von seinem nächsten Urlaub. Ich meine, jemand, der eine Reise plant und die auch schon bezahlt hat, springt doch nicht von einem Dach. Das macht doch niemand!«, stieß sie hervor.
Simon überraschte es, wie viel Energie in dieser kleinen Frau steckte. Entweder war sie in einer Familie aufgewachsen, in der die Männer dominiert hatten, oder man hatte sie in ihrem Leben so oft verletzt, dass sie nun lieber zuerst austeilte. Zu gern hätte er mehr über sie erfahren, aber auf ihre Akte hatte er keinen Zugriff mehr.
»Direktor Schuster hat doch sicher angeordnet, dass Sie mit mir kooperieren, damit ich im Sinne des Parks entscheide. Stattdessen versuchen Sie mich davon zu überzeugen, dass es kein Selbstmord war. Ich denke, Ihr Boss wäre nicht begeistert, wenn er davon wüsste.«
Hanna stieß wütend die Luft aus. »Das ist mir egal! Ich sage, was ich denke.«
»Dann ecken Sie bei Ihren Vorgesetzten wohl oft an?«
Ihr verärgerter Gesichtsausdruck entspannte sich. »Ständig, aber ich lasse mir keinen Maulkorb anlegen.«
»Darauf wette ich.«
Vor einer Schleusentür blieben sie stehen. Hanna zog erneut ihre Zugangskarte aus der Tasche. Bevor das Lesegerät in der Schleusentür sie erfassen konnte, zögerte sie. »Warum machen Sie sich eigentlich die Mühe einer Untersuchung, wenn sowieso jeder der Beteiligten lieber einen Selbstmord hätte? Einigen Sie sich doch einfach darauf, dass Robert freiwillig in den Tod gesprungen ist. Das würde uns allen eine Menge Arbeit ersparen und ich müsste Sie nicht herumführen.«
Er ignorierte ihren sarkastischen Tonfall. »In der Polizeiakte steht ›Unfall mit Todesfolge‹ und ohne eine erneute Untersuchung ändert sich daran auch nichts. Außerdem bekämen seine Hinterbliebenen bei einer Selbsttötung weder eine Entschädigungszahlung noch Schmerzensgeld. Darüber wären sie bestimmt nicht erfreut.«
»Und dieses Geld wollen Sie ihnen vorenthalten?«
»Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass ich hier bin, um die Wahrheit herauszufinden, und nicht, um etwas Bestimmtes zu bestätigen«, erwiderte Simon ärgerlich.
Abrupt wechselte sie das Thema. Vielleicht hatte sie gemerkt, dass sie dabei war, den Bogen zu überspannen. »Ich nehme an, Sie sind das erste Mal hier?« Jetzt hielt sie ihre Zugangskarte vor das Lesegerät.
Er nickte. »Ja, aber dieser Freizeitpark wird auch nicht anders sein als die anderen.«
Sie lächelte in sich hinein. »Da werden Sie sich aber wundern.«
Die Schleusentür entpuppte sich als Eingang zu einer Raumschiffzentrale, die aus einem Science-Fiction-Film der späten sechziger Jahre hätte stammen können. An metallverkleideten Wänden hingen Röhrenmonitore und Schilder mit Verhaltensregeln für den Notfall. Auf einer Schalttafel voller analoger Anzeigeinstrumente blinkte ein Dutzend Lichter. Zwei lächerlich aussehende humanoide Roboter mit drehenden Antennen auf dem Kopf bedienten klobige Schalter.
Simon verkniff sich einen Kommentar. Hinter ihm und Hanna schloss sich die Tür. Eine Stimme forderte sie auf, sich auf einem der Sitze anzuschnallen. Als sie die Gurte angelegt hatten, zählte ein Countdown von zehn abwärts. Der Raum vibrierte und aus verborgenen Öffnungen stiegen Rauchwolken auf. Die Simulation war gut gemacht, aber alles andere als das beeindruckende Erlebnis, das Hanna ihm versprochen hatte. So etwas hatte Simon auch schon anderswo erlebt. Und dort sogar besser.
»Die Nanoroboter, die Sie seit Betreten der Schleuse einatmen, brauchen einen Moment, bis sie an die Rezeptoren in Ihrem Gehirn angedockt haben. Deshalb dieses Theater«, erklärte Hanna.
Simon lauschte in sich hinein. »Ich spüre nichts von irgendwelchen Nanorobotern.«
Sie lachte kurz auf. »Das will ich hoffen. Wenn Sie sie spüren würden, liefe etwas falsch.«
»Wie gefährlich sind denn die Nanoroboter?«
»So gefährlich wie Hustensaft.«
»Da würden Ihnen ihr Konstrukteur Harald Kocher und sein Team sicher widersprechen. Wenn sie dazu noch in der Lage wären.«
Nun wurde sie ärgerlich. »Die Explosion in seinem Forschungslabor war ein Unfall. Ein Mitarbeiter der Stadtwerke hatte ein falsches Ventil geöffnet. Das hat er selbst zugegeben und dafür wurde er auch verurteilt. Die Nanoroboter dafür verantwortlich zu machen, ist völliger Unsinn!«
»Trotzdem leben Kocher und die restlichen Mitarbeiter seiner Forschungsgruppe nicht mehr.«
»Jeden Tag sterben Menschen, selbst wenn keine Nanoroboter in der Nähe sind«, antwortete sie sarkastisch.
Plötzlich heulte eine Sirene auf. Sämtliche Lichter auf der Schaltkonsole blinkten rot und die Computerstimme meldete Probleme mit dem Triebwerk. Einer der Roboter fiel aus. Funken stoben aus seinem Kopf und er sackte in sich zusammen, als hätte man seinen Stecker gezogen.
Simon sah sich beunruhigt um. »Keine Sorge, das gehört zur Show«, erklärte Hanna.
Noch mehr Rauch füllte die Zentrale. Schließlich ertönte ein ohrenbetäubendes Krachen und der Boden kippte zur Seite. Teile der Wandverkleidung lösten sich. Die Deckenbeleuchtung stürzte herab und stoppte knapp über ihren Köpfen. Auch der zweite Roboter verabschiedete sich mit einem Kurzschluss.
Eine in die gegenüberliegende Wand eingelassene Schleusentür öffnete sich. »Verlassen Sie augenblicklich das Raumschiff! Es besteht Explosionsgefahr«, forderte sie eine Stimme auf.
Hanna deutete auf die Tür. »Bitte, nach Ihnen.«
Simon schnallte sich los und betrat Nanopark.
Die Macht der Manipulation oder Zuckerwasser in achtundneunzig verschiedenen Geschmacksrichtungen
Nach ein paar Schritten blieb Simon wie angewurzelt stehen. Der Anblick war so überwältigend, dass er glaubte, jemand würde ihm den Boden unter den Füßen wegziehen. Er wollte etwas sagen, aber er brachte kein Wort heraus.
Vor sich sah er eine futuristische Stadt mit unzähligen größeren und kleineren Verkaufsgeschäften, Parks und Karussells. Gewaltige Wolkenkratzer, in deren unteren Etagen sich Themenrestaurants befanden, schraubten sich in einen von einem leuchtenden Schutzschirm überspannten Sternenhimmel. Dazwischen folgten fliegende Autos einem unsichtbaren Highway. Auf den Parkwegen, inmitten von Trauben aus Besuchern, bewegten sich Roboter. Es gab Selbstbedienungsstände mit Getränken, Eis, Waffeln und Snacks. An einer Haltestelle schwebten chromblitzende Limousinen der sechziger Jahre, mit gewaltigen Triebwerken im Heckbereich. Gesteuert wurden sie von menschenähnlichen Maschinen, die wie Chauffeure gekleidet waren.
Simon sah sich fassungslos um. Nichts deutete mehr darauf hin, dass er sich im Inneren einer Kuppel befand. Das alles hatte keine Ähnlichkeit mit der Stadt der Zukunft, wie er sie sich vorgestellt hatte. Diese Szene wirkte eher wie das zum Leben erweckte Cover eines Science-Fiction-Romans aus den Sechzigern: Chrom und Glas, und anstatt rechter Winkel Rundungen und geschwungene Linien.
»Beeindruckend, oder?«, fragte Hanna, die offensichtlich Spaß daran hatte, ihn so zu sehen.
Er nickte. »Das kann man wohl sagen.«
Aus den Eingängen schob sich ein stetiger Strom an Besuchern und Hanna zog Simon mit sich zu einem der Schwebewagen hinüber. Sie wählte ein blaues Cabrio ohne Türen aus, hinter dessen Lenkrad ein Roboter sie begrüßte. Sie setzten sich auf den Rücksitz. Im Heckbereich wummerte ein gewaltiges Triebwerk. Hitze stieg in die Höhe und ließ die Luft flimmern.
»Dieser Wagen schwebt doch nicht wirklich?«, fragte Simon.
»Natürlich nicht. Er rollt auf Rädern, wie jeder andere Wagen auch, aber der Parkcomputer sorgt dafür, dass Sie sie nicht sehen. Der Rest ist ein 3D-Modell, das in Echtzeit abhängig von Ihrer Blickrichtung generiert und über das echte Fahrzeug gelegt wird. Die Manipulation Ihrer Wahrnehmung, zusätzliche Videooberflächen mit der richtigen Animation und etwas optische Täuschung sorgen dafür, dass Sie glauben, der Wagen würde schweben. Aber natürlich ist das nur eine Illusion. Genauso wie seine Triebwerke.«
Simon streckte die Hand nach den Flammen aus. »Ich kann die Wärme aber spüren.«
»Das glauben Sie nur. In Wirklichkeit gibt es das Triebwerk ja gar nicht. Was Sie fühlen, sind Impulse der Nanoroboter, die Ihrem Körper vorgaukeln, dass er die Hitze spürt.«
»Es ist so unglaublich … echt.«
»Ich weiß. Anfangs passten wir sogar die Kleidung unserer Besucher dem jeweiligen Themengebiet an, aber das haben wir schnell wieder aufgegeben. Zum einen kostete dieses Echtzeitrendering eine Menge an zusätzlicher Prozessorleistung, doch der Hauptgrund war, dass es den Gästen Angst machte. Zu viel Realität. Niemand wusste mehr, wer ein virtueller Charakter und wer ein Besucher war. Manche vergaßen sogar, dass sie sich in einem Freizeitpark aufhielten. Zwar können die Besucher auch heute noch ihr Aussehen in einem unserer Shops verändern, aber da das Geld kostet, nutzen nur die wenigsten diese Möglichkeit. Außerdem haben wir den Grad der Perfektion verringert. Bewusst nehmen die Besucher die Fehler nicht wahr, aber ihr Unterbewusstsein registriert sie und erinnert sie daran, wer sie sind und wo sie sich befinden.«
»Geht mir nicht so. Ich habe das Gefühl, in einen Science-Fiction-Film gebeamt worden zu sein.«
Sie lachte. »Das ist ja auch der Sinn des Ganzen.«
»Und das bewerkstelligen ausschließlich diese Nanoroboter?« Simon dachte an sein Schulterproblem. »Wie mächtig sind sie? Können die auch medizinische Probleme beseitigen?«
Hanna verneinte. »Das funktioniert nur im Film. Nanoroboter sind dumme Maschinen. Unsere können nur an die Nervenenden im Gehirn andocken und die Informationen, die von unserem Computer kommen, weitergeben. Aber das machen sie so gut, dass auch heute noch Besucher vergessen, dass alles um sie herum nur eine Illusion ist. Sie zücken ihre Telefone, schießen fleißig Fotos und glauben, so ihre Erlebnisse festhalten zu können, dabei ist nichts von dem, was sie sehen, real. Im Internet finden Sie unzählige Aufnahmen, auf denen nur nackte Betonwände zu sehen sind. Und obwohl jedermann weiß, dass Fotografieren und Filmen keinen Sinn ergibt, werden es immer mehr Aufnahmen. Aber unsere Nanoroboter beeinflussen nicht nur die visuelle Wahrnehmung.« Sie deutete auf einen Eisstand, vor dem sich eine lange Schlange aus Wartenden gebildet hatte. »Dort können die Besucher aus achtundneunzig verschiedenen Eissorten wählen. Schauen Sie sich den Selbstbedienungsautomaten an. Glauben Sie, in den passen achtundneunzig verschiedene Eissorten?«
Er schüttelte den Kopf. »Wohl eher nicht.«
»Richtig. Die Kunden bekommen alle die gleiche geschmacksarme Grundsubstanz aus Eiern, Milch, Sahneersatz und viel Zucker, doch mit dem entsprechenden Befehl an die Nanoroboter schmeckt eben jedes Eis anders. Genauso ist es mit den Getränken, die sie hier im Park bekommen. Nur Zuckerwasser, auch wenn die Besucher glauben, sie bekämen das, was sie bestellt haben.«
Simon spürte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten. »Eine erschreckende Vorstellung.«
Hanna nickte. »Eine erschreckende und faszinierende zugleich. Darauf beruht die Technik unseres Parks.«
»Ich lasse mich aber nicht gerne manipulieren.«
»Tja, dann gehören Sie eben nicht zu unserer Zielgruppe«, antwortete sie schroffer, als Simon erwartet hatte.
Da war sie wieder, die Abneigung, die er schon anfangs bei ihr gespürt hatte. So wie sie diese Technik verteidigte, hatte sie mit Menschen schlechte Erfahrungen gemacht. Anscheinend verließ sie sich jetzt lieber auf die Computer. Dazu passten auch ihr Aussehen und ihre schroffe Art, die signalisierte: Lasst mich in Ruhe! Vielleicht hatte sie eine gescheiterte Ehe hinter sich oder eine unglücklich zerbrochene Freundschaft. Er schaute auf ihre Hand und suchte nach einem Ring, doch er fand keinen.
Sie erriet seine Gedanken. »Analysieren Sie mich etwa?«
Simon sah sie mit einem unschuldigen Blick an. »Nein«, log er.
Hanna hielt ihre Identifikationskarte vor den Scanner des Roboters. Dabei fiel Simon ein Kunststoffarmband mit einem winzigen Bildschirm auf, das sie um ihr Handgelenk trug. Ihr elektronischer Fahrer fragte nach dem Ziel.
»Wollen Sie in Ihr Hotel oder möchten Sie zuerst sehen, wo Robert ums Leben gekommen ist?«, wollte Hanna wissen.
Simon überlegte kurz. Je eher er mit seiner Arbeit begann, umso früher konnte er wieder nach Hause. »Bitte zuerst zum Unfallort.«
Hanna nickte. »Halten Sie sich fest!« Sie gab dem Roboter ein Zeichen.
Kurz bevor ihr Wagen beschleunigte und mit aus Turbinen schlagenden Flammen und einem infernalischen Dröhnen davonfuhr, sah Simon erneut die Kleine mit den roten Haaren. Sie hatte einen jüngeren Begleiter, der wohl ihr Bruder war. Beide stellten sich ans Ende der Warteschlange vor dem Eisautomaten.
Der Wagen, in dem Simon und Hanna durch den Park fuhren, bewegte sich langsamer, als das tiefe Wummern der Triebwerke vermuten ließ, das übrigens nur im Inneren ihres Fahrzeugs zu hören war. Für die Besucher am Rand der Strecke fuhren sie fast lautlos vorbei. Die Erbauer des Parks hatten durch ein cleveres Design und mithilfe der Computer und ihrer Nanoroboter dafür gesorgt, dass die Themenwelt der Stadt der Zukunft größer erschien, als sie in Wirklichkeit war. Hanna erzählte Simon, dass alles oberhalb der ersten Stockwerke der Hochhäuser nur Fassade sei und aus dem Computer stamme. Ebenso viele der Gebäude, die sie in der Ferne sahen. Und natürlich der Schutzschirm, samt Sternenhimmel und Raumschiffen. Der Park verteilte sich auf sechs Ebenen innerhalb der Kuppel und auf zwei darunterliegende. Die Bauzeit der Anlage hatte ganze acht Jahre betragen.
Ein Handy klingelte. Hanna zog ein rosafarbenes Empathiephone mit gesprungener Vorderseite aus der Tasche ihres Kittels und schaute darauf.
»Wichtig?«, fragte Simon.
»Eher das Gegenteil.« Sie drückte den Anrufer weg. In den nächsten Minuten klingelte ihr Telefon noch einige Male, bis sie es schließlich ausschaltete.
»Jede der insgesamt fünf für die Besucher zugänglichen Ebenen besitzt ein eigenes Thema«, erklärte Hanna weiter. »Wir verlassen gleich die Stadt der Zukunft und fahren in den unterirdischen Bereich Der Mittelpunkt der Erde. Dort befinden sich unsere Wasserattraktionen. Die gigantische Wildwasserbahn, mit einer Streckenlänge von fast fünfhundert Metern, eine Raftingbahn, verschiedene Restaurants, außerdem das Freizeitbad mit dem Wellnessbereich und dem angrenzenden Hotel und den Bungalows. Ihr Zimmer befindet sich übrigens auch dort unten.«
»Und wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich anstatt nackter Felswände einen Karibikstrand. Richtig?«
Sie lachte schallend. »Nein, das würde ja nicht zum Thema Der Mittelpunkt der Erde passen.«
Der Wagen rumpelte, als sie über eine Bodenunebenheit fuhren, aber natürlich ließen der Parkcomputer und seine Nanoroboter nicht zu, dass Simon etwas davon sah. Auf den Wegen herrschte dichtes Gedränge. Massen an Besuchern schoben sich durch den Park. In den Wartebereichen der einzelnen Attraktionen hatten sich schon jetzt lange Schlangen gebildet. Simon hörte das Geschrei der Menschen und war froh, dass er im Wagen saß und Abstand zu ihnen halten konnte.
Hanna ahnte, was er dachte. »Die Menschenmassen verlaufen sich in den nächsten Minuten. So früh nach der Eröffnung herrscht hier immer dichtes Gedränge. Wenn die Besucher sich erst einmal auf die einzelnen Ebenen verteilt haben, wird es besser.«
Ihr Fahrzeug fuhr an einem Kettenkarussell vorbei, in dem die Besucher in zigarrenförmigen, schlanken Gondeln saßen. Auf der Spitze drehte sich ein strahlend blauer Planet, den etliche Monde gegenläufig umrundeten. Der Computer des Parks sorgte dafür, dass die Ketten des Karussells nicht sichtbar waren, und so schien es, als umkreisten die Besucher mit ihren Raumschiffen eine unbekannte Welt.
So interessant Hannas Erzählungen auch waren, Simon war nicht hier, um etwas über den Park zu erfahren. Er sollte den Tod von Robert Neuhaus untersuchen und je früher er damit begann, umso schneller konnte er wieder fahren.
»Erzählen Sie mir etwas über den Toten. Was war er für ein Mensch?«
Hanna dachte nach. Ihr wurde klar, dass sie Robert eigentlich kaum gekannt hatte. Obwohl sie lange Kollegen gewesen waren, wusste sie nichts über ihn. Er hatte weder von seinen Hobbys erzählt noch davon, wie er seine Freizeit verbrachte. »Wir sahen uns nur morgens und abends auf dem Parkplatz oder während der wöchentlichen Besprechung im Nebengebäude. Er war für das Parkdeck zuständig, während ich in der Steuerzentrale sitze und mich um die Computer des Parks kümmere und neue Kampagnen entwerfe.«
»Und trotzdem sind Sie sich sicher, dass er keinen Selbstmord begangen hat?«
»Wie ich schon sagte, er plante seinen Urlaub. Auf der Besprechung letzte Woche hat er mir Fotos von seinem Urlaubsort und dem Hotel gezeigt. Eine wahnsinnig teure Hütte, irgendwo auf einer Karibikinsel. Jemand, der so viel Geld für eine Reise ausgibt, bringt sich nicht um. Jedenfalls nicht vor seinem Urlaub.«
»Wenn er für das Parkdeck verantwortlich war, warum ist er dann in der Kuppel gewesen?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Es gibt zwar einen Zugang vom Parkdeck zur unteren Ebene, aber der ist verschlossen und nur für das Wartungspersonal gedacht. Außerdem hätte Robert keinen Grund gehabt, ihn zu benutzen. Er musste nicht in die Kuppel. Was er im Park zu suchen hatte, kann ich Ihnen also nicht sagen.«
Sie ließen das Kettenkarussell hinter sich zurück.
»Wie viele Mitarbeiter arbeiten in der Steuerzentrale?«
»Wir sind zu siebt.«
»Ist das nicht etwas wenig, um so einen Park zu steuern?«
»Wir steuern gar nichts, das erledigt der Computer. Wir haben einen der größten und leistungsfähigsten Rechner in Europa. Selbst das Hotel im Untergeschoss arbeitet vollautomatisch. Dort gibt es nur eine Handvoll Angestellte, die sich um das Wohl spezieller Gäste kümmern. Unsere Aufgabe in der Steuerzentrale ist es, den Ablauf im Park zu überwachen und die Szenarien für die Einzelspieler zu starten. Den Supercomputer bedient eine Gruppe Techniker in der fünften Etage.«
»Und, kommt es oft zu Problemen?«
»Niemals«, schwindelte Hanna. »Außerdem sorgen außerhalb der Kuppel weitere zweihundert Mitarbeiter dafür, dass alles reibungslos funktioniert. Sie erledigen Reparaturen, nehmen Waren an, pflegen die Grünflächen, entwerfen neue Attraktionen und – ganz wichtig – sie zahlen uns unser Gehalt.« Sie deutete nach vorn. »Wir kommen gleich zum Mittelpunkt der Erde. Dort unten ist Robert verunglückt.«
An einer Weggabelung bog ihr Fahrzeug auf die rechte Spur ab und steuerte auf den Eingang einer Höhle zu, die in ein gewaltiges, hoch aufragendes Bergmassiv führte. Der Felsen sowie der Bereich mit seinen startenden und landenden Raumschiffen, an dem sie kurz zuvor vorbeigekommen waren, existierten nicht wirklich. Kein Besucher würde sie je erreichen können. Sie bestanden aus etwas Pappmaché und den Bits und Bytes des Parkcomputers.
Dann fuhren sie in die Höhle und im gleichen Moment veränderte sich ihr Fahrzeug. Plötzlich saßen sie in einer offenen, verrosteten Kipplore, die sich auf Schienen quietschend durch einen grob bearbeiteten Tunnel bewegte. Simon lehnte sich hinaus. Ihr Fahrzeug schien nicht mehr zu schweben, stattdessen drehten sich unter ihnen wuchtige Eisenräder. Die Wände bestanden aus Gestein und wurden alle paar Meter von dem Licht flackernder Öllampen beleuchtet. Verdreckte und verschwitzte Arbeiter, mit Spitzhacken und Schaufeln in den Händen, förderten Erz und verluden es in weitere Loren, die in Nebenschächten standen. Obwohl Simon wusste, dass keine der Gestalten echt war, fiel es ihm schwer, diese Tatsache nicht zu vergessen.
»Das kommt mir vor wie Zauberei«, sagte er, während er sich umschaute. Über seinem Kopf stützten morsche Holzbalken die Decke. Das Skelett eines Dinosauriers schaute zur Hälfte heraus.
Hanna nickte. »Ein guter Vergleich. Das alles ist wie die Magie in den Zaubershows. Jeder weiß, dass sie nicht echt ist, aber man will trotzdem daran glauben. So ist es auch hier. Die Besucher wissen, dass neunzig Prozent von dem, was sie sehen, aus dem Computer stammt, trotzdem kommen sie immer wieder und versuchen das Erlebte auf Fotos festzuhalten.«
Ihre Lore änderte überraschend die Richtung. Als Simon sah, dass die Schienen vor ihnen steil abwärtsführten, verkrampfte er sich. Er wollte etwas sagen, da kippte ihr Fahrzeug auch schon nach vorn weg und raste mit funkensprühenden Rädern in die Tiefe. Er stieß einen Schrei aus. Seine Nackenhaare richteten sich auf. Er klammerte sich krampfhaft an den Haltegriffen fest. Kurz schoss der bekannte Schmerz durch sein Schultergelenk. Rechts und links sausten Felsen vorbei, manche so nah, dass er glaubte, sie würden ihn treffen. Einmal sprangen sie ein paar Meter von einem Schienenstrang auf einen anderen. Und noch immer wurde die Lore schneller. Schließlich ging es in einer Spiralbewegung abwärts, bis der Schacht in einer Grotte mit einer gigantischen Wildwasserbahn im Zentrum endete. Rechts von ihnen stürzte ein Wasserfall in die Tiefe und ergoss sich in den See eines Erlebnisbades mit verschiedenen Wasserrutschen und einer Insel in der Mitte. Aus den Felswänden dahinter ragte das Hotelgebäude hervor. Auf Terrassen saßen Menschen an Tischen und frühstückten.
Simon war schweißgebadet. »Sie hätten mir auch sagen können, dass ich in einer Achterbahn sitze.«
»Dann hätte ich aber auf Ihr entsetztes Gesicht verzichten müssen.« Ihre Augen blitzten vor Schalk.
»Ich nehme an, es gibt auch noch einen anderen Weg in diese Ebene.«
»Sicher, aber der wäre nicht so aufregend gewesen – und außerdem länger.«
Die Lore fuhr jetzt in einem gemächlichen Tempo weiter, bis sie an ihrer Endstation stoppte. Hanna stieg aus. »Wir sind da.«
Auch Simon erhob sich. Er stellte ärgerlich fest, dass seine Beine zitterten. Obwohl er wusste, dass nichts von dem, was er erlebt hatte, echt gewesen war, schien sein Körper anderer Meinung zu sein.
Er blickte sich um. Zuerst spürte Simon die Wärme. Er stand in einer gewaltigen, von Säulen getragenen Höhle, in deren Mitte gemütlich aussehende Dinosaurier an urzeitlichen Pflanzen und Bäumen knabberten. Durch einen Wald aus Pilzen, jeder so hoch wie ein Mensch, schlängelte sich eine Bahn in Form eines Tausendfüßlers. Dahinter sah er einen Spielplatz mit einem Streichelzoo, in dem ein Dutzend kleinerer Kinder Dinosaurierbabys mit riesigen Augen umringte. Es war ein unwirklicher Anblick und doch so realistisch, dass er Simon fast vergessen ließ, dass alles nur eine Simulation war. Er blickte hinauf zur Höhlendecke. Die Spitze einer Rakete ragte heraus, mindestens dreißig Meter über ihm, als hätte sie sich von der Oberfläche hindurch zum Mittelpunkt der Erde gebohrt. Den spektakulärsten Anblick aber bot die Wildwasserbahn. Ihre Strecke führte durch die ganze Höhle. Um einen Teil schlängelten sich die Fangarme eines riesigen Oktopus, der sich am höchsten Punkt der Wildwasserbahn festklammerte. Jedes Mal, wenn eine neue Reihe Wagons ihn erreichte, löste er seine Fangarme und die wie Boote geformten Gondeln fuhren unter ihnen hindurch. Obwohl noch nicht viele Tagesbesucher den Weg in die unterste Ebene gefunden hatten, waren alle Boote der Wildwasserbahn bereits besetzt. Simon hörte das Geschrei der Fahrgäste und wünschte sich, nicht hier zu sein.
»Kommen Sie«, sagte Hanna und schlug einen Weg rechts vorbei an dem Pilzwald ein. »Die meisten Besucher, die Sie hier sehen, sind Wochengäste. Richtig voll wird es erst, wenn die Tagesgäste auftauchen. Jeder will zuerst mit der Wildwasserbahn fahren.«
»Ich nicht«, rutschte es Simon heraus.
»Sie sind ja auch kein Gast.«
Auf einer Parkbank saß der glatzköpfige Ballonmann, der Simon schon auf dem Parkplatz aufgefallen war. Von seiner Minirock tragenden Frau und den beiden Kindern war nichts zu sehen. Der Ballonmann wischte sich mit einem Taschentuch über seine schweißnasse Stirn und erhob sich, als er Hanna in ihrem weißen Kittel bemerkte. »Entschuldigen Sie, Sie sehen aus, als ob Sie zum Park gehören. Ich kann meine Frau und ihre Kinder nicht wiederfinden.«
Hanna blieb stehen. »Überall im Park gibt es Notrufsäulen. Dort können Sie die Position Ihrer Familie erfahren.«
Der Mann sah sich suchend um.
»Dort hinten ist eine«, half ihm Hanna und deutete auf eine Säule neben einem Eisstand.
Der Mann bedankte sich, griff nach seinem Trolley und eilte davon, so schnell es seine Pfunde zuließen. An der Notrufsäule blieb er stehen. Einen Augenblick lang verschnaufte er. Dann drückte er den Knopf auf der Säule.
Simon hatte ihm nachgeschaut. Jetzt blickte er wieder Hanna an. »Sie kennen die Positionen aller Ihrer Besucher?«, fragte er.
Sie nickte. »Sonst würde die Illusion nicht funktionieren. Unser Computer berechnet abhängig vom Standort, der Blickrichtung, dem Lichteinfall und vielem mehr die entsprechenden Bilder und sendet sie an die Nanoroboter. Es ist sogar möglich, für jeden Besucher ein individuelles Szenario zu kreieren. Theoretisch brauchten wir nicht einmal die Fahrgeschäfte, um unseren Gästen das Erlebnis einer Achter- oder Wildwasserbahn zu verschaffen. Wir könnten ihnen suggerieren, dass sie gerade die Fahrt ihres Lebens genießen, ohne dass sie sich auch nur von der Stelle bewegen, doch das wäre für die übrigen Besucher ziemlich langweilig. Aber dieses System funktioniert nur dann, wenn wir die Position jedes einzelnen Menschen kennen.« Hanna sah Simons Blick und kam seinem Einwand zuvor. »Fangen Sie jetzt nicht wieder mit dem Datenschutz an!«
Hinter einem Toilettenhäuschen, das im Felsen versteckt lag, verließen sie den gekennzeichneten Weg. Über ihre Köpfe rauschte die Wildwasserbahn hinweg. Wasser spritzte auf sie herab. Hanna führte Simon unter der Bahn hindurch, vorbei an Stalaktiten bis ans Ende der Grotte. Vor der Felswand blieben sie stehen. »Wir sind da«, sagte sie.
Simon legte den Kopf schief und sah zu der senkrecht in die Höhe ragenden, schroffen Felswand hinauf.
Hanna deutete auf einen Vorsprung in etwa zehn Metern Höhe. »Von dort oben ist er abgestürzt.«
»Oder gesprungen«, sagte Simon. Er sah sich um. Es gab keinerlei Vorsprünge, an denen man den Felsen hinaufklettern konnte, geschweige denn einen Pfad, der zum Vorsprung führte. »Wie ist er dort raufgekommen?«
»Durch die Tür«, antwortete sie zu seiner Verblüffung.
Als Simon mit der Hand über das Gestein fuhr, spürte er nur den schroffen Untergrund. Wenn es eine Tür gab, war sie gut versteckt.
»Sie werden sie nicht finden«, sagte Hanna. Aus der Tasche ihres Kittels zog sie ein zweites Armband, wie das, das Simon schon zuvor an ihr aufgefallen war. »Ohne einen DeAktor kommen Sie dort nicht hinein.« Sie griff nach seiner Hand und zog sie zu sich herüber. Das Armband schloss sich automatisch um sein Handgelenk, als sie es ihm anlegte. Auf dem Display erschien die Meldung ›Connected‹. Sie tippte auf einen der Buttons.
Die Umgebung veränderte sich. Die Felsen verschwanden. Nun bedeckte eine Schicht aus modelliertem grauem Fiberglas die Wände. Die Decke schien etliche Meter in die Tiefe gerutscht zu sein und bestand aus einer glatten, einfarbigen Fläche, an der in regelmäßigen Abständen Lichtleisten hingen. Den Wald aus prähistorischen Pflanzen im Zentrum der Grotte gab es nicht mehr. Stattdessen stand an seiner Stelle eine primitive Kunststoffkopie. Das Hotel existierte noch immer, doch jetzt ragte es aus einer künstlich geformten Fiberglas-Felswand hervor, die keine Ähnlichkeit mehr mit dem Gestein der Grotte hatte. In der Mitte des Erlebnisbades, das nun längst nicht mehr so blau wie zuvor schimmerte, schoss eine Wassersäule aus Düsen knapp unterhalb der Wasseroberfläche in die Höhe. Die Kinder am Ufer jubelten. Simon hätte es nicht gewundert, wenn in diesem Moment ein niedlicher Dinosaurier mit riesigen Knopfaugen aufgetaucht wäre. Auch die Wildwasserbahn sah jetzt anders aus. Zwar bot sie noch immer einen spektakulären Anblick, aber der Streckenverlauf war geschrumpft und den Oktopus gab es nicht mehr. Die Tiere des Streichelzoos hatten sich auch verändert. Anstatt Dinosauriern liefen die Kinder nun Lämmern und Ziegen hinterher.
»Ihre Nanoroboter befinden sich jetzt im Standby-Modus. Nun sehen Sie den Park ohne die gerenderten Elemente.«
Simon schaute wieder auf die Wand vor sich. Jetzt entdeckte er dort eine Tür.
»Wieso konnte ich sie nicht fühlen, als ich mit der Hand darübergestrichen habe?«
»Weil die Nanoroboter auch Ihren Tastsinn und Ihre Muskeln beeinflussen. Das Zusammenspiel aller Sinne ist es, das die Technik unseres Parks erst möglich macht. Wenn Ihre Augen keinen Durchgang sehen, Ihre Hände keinen fühlen und Ihre Muskeln verhindern, dass Sie den Arm weiter ausstrecken können, ist Ihr Verstand sich sicher, dass es keine Öffnung gibt.« Sie gab Simon mit einer Geste zu verstehen, dass er vorgehen sollte. Er öffnete die Tür und trat ein. Für die Menschen im Park musste es so aussehen, als verschwände er im Inneren des Felsens.
Vor ihm lag ein Wartungsraum. Eine Metalltreppe mit einem Geländer auf beiden Seiten führte steil in die Höhe. An einer Wand dahinter entdeckte er einen Tisch mit einem ausgeschalteten Computer, daneben mehrere mit Werkzeugen und Ersatzteilen gefüllte Regale und zwei deckenhohe graue Schränke. Davor standen vier Stühle um einen Tisch mit einem vor Kippen überquellenden Aschenbecher, einer angebrochenen Mineralwasserflasche und einer leeren Packung einer osteuropäischen Zigarettensorte.
»Das ist einer der Arbeitsräume des Wartungspersonals«, erklärte Hanna, während sie und Simon die Stufen der Treppe hinaufstiegen.
»Mit denen möchte ich auch noch sprechen.«
»Das geht frühestens morgen. Ein großer Teil des Personals und der Sicherheitskräfte hat heute frei. Schon vergessen? Wir haben Pfingsten.«
»Morgen reicht.«
Was von unten wie ein Vorsprung ausgesehen hatte, entpuppte sich jetzt als eine drei Meter durchmessende Plattform, auf der halbhohe Schaltschränke mit einem halben Dutzend Antennen standen. Hanna blieb auf der obersten Stufe der Treppe stehen und wies auf eine Stelle vor sich. »Von dort ist Robert abgestürzt.«
Simon ging bis an den Rand der Plattform und schaute in die Tiefe. Knapp zehn Meter unter sich sah er den Steinboden. Eine Stelle hatte sich leicht dunkel verfärbt. Im Polizeibericht, den sein ehemaliger Partner ihm besorgt hatte, stand als Todesursache »Unfall«. Simon kannte den Kollegen, der ihn verfasst hatte. Sein Name war Bernhard Strack. Als Simon seinen Polizeidienst quittierte, hatte Strack gerade seine Prüfung zum Polizeimeister abgelegt. Obwohl kaum jemand damit gerechnet hatte, dass er sie schaffen würde, hatte er anscheinend doch die richtigen Stellen angekreuzt und bestanden, andernfalls hätte man ihn nicht mit der Untersuchung dieses Falls betraut. Doch trotz seiner bestandenen Prüfung war das ein Fehler gewesen. Strack konnte man bedenkenlos als Verkehrspolizisten einsetzen, aber nicht, wenn es darum ging, die richtigen Rückschlüsse aus Indizien zu ziehen. Offensichtlich hatte er bemerkt, dass es kein Geländer gab, und war zu dem Schluss gekommen, dass Robert Neuhaus abgestürzt sein musste. Simon wusste, dass Strack nicht gerade für seine überschäumende Fantasie bekannt war, doch auch ihm hätten die Ungereimtheiten auffallen müssen. Was hatte der Tote hier gesucht und wie war er überhaupt hierhergekommen? Also doch Selbstmord? Sicher nicht, wer sich umbringen wollte, betrieb nicht so einen Aufwand. Es reichte, wenn er sich die Pulsadern aufschnitt, sich vom nächstbesten Dach stürzte oder in einer Parkbucht seinem im Boden versinkenden Auto hinterhersprang. Dazu musste man nicht auf diese Plattform klettern. Also waren Unfall und Selbstmord gleichermaßen unwahrscheinlich. Es gab noch eine dritte Möglichkeit, doch die gefiel Simon gar nicht.
Nach ein paar Augenblicken kehrte er zu Hanna zurück. Er sah, dass ihr Blick immer wieder ausbrach und zu der Stelle hinüberhuschte, an der Neuhaus in die Tiefe gestürzt war. »Gibt es im Park Kameras?«, fragte er.
»Jede Menge, aber nicht hier oben oder in den anderen Bereichen, in denen Mitarbeiter zu tun haben. Das lässt die Gewerkschaft nicht zu.«
Simon strich sich nachdenklich über sein Gesicht. »Haben Sie eine Idee, was Robert Neuhaus hier oben gesucht haben könnte?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Hat in letzter Zeit sonst jemand hier oben gearbeitet?«
Wieder ein Kopfschütteln.
Simon ging an ihr vorbei und stieg die Stufen hinunter.
Hanna sah ihm hinterher. »Roberts Aufgabenbereich war das Parkdeck. Dort hat er sich um den technischen Ablauf der Anlage gekümmert. Warum er hier war, weiß ich nicht.«
»Es gibt doch sicher Arbeitsanweisungen oder eine Liste der Aufgaben, um die er sich am Tag seines Todes hatte kümmern müssen. Können Sie mir die besorgen?«
»Ich schicke sie an Ihr Empathiephone.«
Simon blieb am Fuß der Treppe stehen und hob den Arm mit dem DeAktor. »Hatte Neuhaus auch so ein Anti-Nanoroboter-Armband?«
»Warum sollte er? Auf dem Parkdeck gibt es keine Nanoroboter.«
»Wenn er keinen DeAktor besaß, wie ist er dann aufs Dach gekommen? Er konnte die Tür doch gar nicht erkennen.«
Ungebetene Gäste und die Schwierigkeit, eine Frau ins Bett zu bekommen
Etwa zur gleichen Zeit, als Simon den Park betrat, fuhr ein silberfarbener Mercedes-E-Transporter mit blauen Streifen und dem Werbeaufdruck eines Malerfachbetriebs aus Berlin-Niederschönhausen in eine der Parkbuchten. Der Fahrer, ein unauffälliger Mann in einem schwarzen Overall und mit einer tief ins Gesicht gezogenen Schirmmütze, stieg aus. Ohne der Kuppel einen Blick zuzuwerfen, ging er zur Sensorsäule hinüber und hielt seine Eintrittskarte davor. Noch bevor der Transporter sich senkte, tauchte der Mann im Strom der Besucher unter. Doch im Gegensatz zu ihnen wollte er nicht zur Kuppel. Er hatte ein anderes Ziel.
Der Transporter fuhr hinab auf das Parkdeck, wo eine Hydraulik ihn über ein Hebe- und Schienensystem zu seiner endgültigen Parkposition beförderte. Im Inneren des Fahrzeugs saßen sieben Personen in Tierkostümen und warteten darauf, dass der Transporter zum Stehen kam. Keiner sagte etwas, aber das war auch nicht nötig. Sie hatten ihren Plan in den letzten Wochen so oft durchgespielt, dass jedes weitere Wort überflüssig war.
Nachdem ihr Fahrzeug stand, griff der Anführer, ein Mann in einem Gorillakostüm, nach dem Sender, der neben ihm auf dem Sitz lag, und aktivierte ihn. Ein paar hundert Meter entfernt unterbrach der Empfänger die Stromversorgung für die Sicherheitskameras. Einige der vielen Kontrolllichter im Schaltraum erloschen.
Die schweigsamen Gestalten im Inneren des Fahrzeugs trugen schwarze Fingerhandschuhe, geschnürte Stiefel und jede ein anderes Tierkostüm. Jetzt setzten sie ihre Masken auf, griffen nach den Sporttaschen vor sich und sprangen aus dem Transporter. Sie orientierten sich kurz, bevor sie einen schmalen Wartungssteg betraten und durch ein Gewirr aus sich bewegenden Fahrzeugen davonliefen.

Leon Hoffmann war einer der Mitarbeiter, die hinter ihren Kontrollpulten in der Steuerzentrale saßen und den Ablauf der Attraktionen überwachten. Heute war er allerdings nicht bei der Sache. Er blickte geistesabwesend auf den Monitor vor sich, ohne auf die Anzeigen zu achten. In einer Hand hielt er seinen siebten Becher mit Kaffee, in der anderen einen Kugelschreiber mit dem Aufdruck eines christlichen Gesangsvereins. Er überlegte, wie er Janina Müller aus der Verwaltung ins Bett bekommen konnte. Sie sagte zwar, sie liebe ihn, aber anscheinend nicht genug, um mit ihm in die Kiste zu steigen. Seit vier Wochen wartete er bereits darauf, dass sie nachgab. Er hatte sie schon mehrere Male zum Essen ausgeführt – einmal sogar in dieses neue, schweineteure Tofu-Restaurant in Berlin, in dem sich die reichen Typen und ihre aufgebrezelten Frauen trafen, doch auch diese Ausgabe hatte sich für ihn nicht rentiert. So langsam verlor er die Geduld. Er verstand nicht, warum sie sich so anstellte. So gut sah sie nun auch wieder nicht aus. Die anderen Frauen, mit denen er sich getroffen hatte, waren doch auch nicht so anstrengend gewesen. Er blickte zu Hannas unbesetztem Arbeitsplatz hinüber, der an sein Kontrollpult angrenzte. Mit Ausnahme dieser blöden Ziege. Er erinnerte sich nur ungern an die Betriebsfeier im letzten Monat. Sie hatten alle reichlich getrunken und er war auf den dummen Gedanken gekommen, Hanna anzumachen. Nicht, dass sie sein Typ gewesen wäre. Er mochte keine rothaarigen Frauen und solche mit Übergewicht schon gar nicht, aber die Menge an Alkohol, die er in kurzer Zeit in sich hineingeschüttet hatte, hätte jede Frau in ein Fotomodell verwandelt. Außerdem hatte er angenommen, dass sie zwei Monate nach ihrer Scheidung mal wieder Sex gebrauchen könnte. Doch Fehlanzeige. Hanna hatte ihn dermaßen angefahren und vor allen zum Gespött gemacht, dass er sich eine Woche lang dumme Sprüche hatte gefallen lassen müssen. Das hatte er ihr bis heute nicht verziehen. Noch immer ruhte sein Blick auf ihrem Arbeitsplatz. Die einzigen privaten Dinge waren ein gerahmtes Foto ihrer Kinder und der Kaktus, den sie von ihnen geschenkt bekommen hatte. Ein Kaktus! Welches Kind kam auf die Idee, seiner Mutter einen Kaktus zu schenken? Wahrscheinlich war sie bei ihrer Familie genauso unbeliebt wie bei ihren Kollegen. Leon hatte sich hämisch gefreut, als Doris Junker, die Leiterin der Steuerzentrale, sie dazu verdonnert hatte, sich um den Typen von der Versicherung zu kümmern. Entsprechend schlecht war heute Morgen Hannas Laune gewesen – was Leon nur noch mehr gefreut hatte.
Er trank einen Schluck Kaffee und stieß sich dabei mit dem Becher gegen seine vorstehenden Zähne. Der Kaffee schwappte über und kleckerte auf sein neongelbes T-Shirt, auf dem sich ein Smiley mit blutunterlaufenen Augen über zu viel Stress auf der Arbeit beschwerte.
Am anderen Ende des Raumes saß Doris Junker in einem durch Milchglasscheiben abgegrenzten Bereich. Durch die offenstehende Tür sah sie zu, wie Leon den Fleck mit der Hand verrieb und es dadurch nur noch schlimmer machte. Auch wenn sie es sich nicht anmerken ließ, Leon war ihr durch und durch unsympathisch. Er war arrogant, selbstgefällig und hatte einen fürchterlichen Modegeschmack. Wie konnte er nur dieses grässliche T-Shirt tragen? Außerdem empfand sie den Aufdruck als persönlichen Affront. Leon war niemand, der sich durch ein Übermaß an Einsatzbereitschaft auszeichnete, geschweige denn sich überarbeitete. Wie also konnte er sich über zu viel Stress beschweren?
Der Lautsprecher auf ihrem Schreibtisch schaltete sich ein: »Wir haben eine Störung auf dem Parkdeck.«
Doris löste ihren Blick von Leon, der aufgestanden war und in Richtung der Toiletten verschwand, wohl um dem Fleck mit Wasser zu Leibe zu rücken. Sie schaute zu Jonas Zimmermann hinüber. Dieser saß zusammen mit Lea Schäfer im vorderen Bereich des Raumes vor einer Wand aus Überwachungsbildschirmen und hielt den Knopf der Sprechanlage gedrückt: »Ist schon wieder so ein Idiot seinem Wagen hinterhergesprungen?«, fragte Doris.
»Nein.« Jonas’ Stimme klang völlig emotionslos. Er war das genaue Gegenteil von Leon: aufmerksam, pflichtbewusst, aber leider auch komplett ohne Humor.
»Auf dem Parkdeck sind die Kameras zwölf bis neunzehn ausgefallen.«
»Wieder Ratten?«
»Kann sein. Das Diagnoseprogramm läuft gerade und pingt die IP-Adressen der Kameras an.«
Doris wartete ab.
Noch ein paar Sekunden schüttelte Jonas den Kopf. »Die Kameras melden sich nicht.«
»Dann soll sich ein Techniker auf den Weg machen. Und am besten auch gleich ein Kammerjäger, der die Viecher endlich erledigt!«
Jonas griff nach dem Telefonhörer, als die erste Kamera wieder ein Bild lieferte. Dann erwachte eine weitere. »Jetzt booten sie neu. Vielleicht gab es eine Spannungsspitze im Netz, die die Kameras hat abstürzen lassen.«
»Behalt sie im Auge. Wenn es wieder zu einem Ausfall kommt, schick jemanden hinunter. Nach Roberts Tod können wir uns keine weiteren Probleme leisten.«
Doris ahnte nicht, dass Ratten oder ausgefallene Kameras in den nächsten Stunden ihr geringstes Problem sein würden.

Hanna hatte gehofft, dass Simon jetzt, nachdem er den Unfallort gesehen hatte, nach Hause fahren oder zumindest sein Hotelzimmer aufsuchen würde, stattdessen wollte er die Schleuse sehen, durch die Robert in die Kuppel gekommen war. Es ärgerte sie, dass er so versessen versuchte, dessen Tod als Selbstmord hinzustellen. Doch auch wenn ihm das gelang, was würde es ändern? Die Polizei hatte bereits ihren Bericht geschrieben. Aber wahrscheinlich lief es dann am Ende auf einen langjährigen Rechtsstreit hinaus, der mit einem Vergleich enden würde, bei dem die Versicherung Geld sparte. So war es immer: Wer den längeren Atem hatte, gewann. Sie dachte an ihre Scheidung und daran, dass ihr Exmann Eric sich den richtigen Anwalt geholt hatte. Ihr war kaum etwas von ihrem Besitz geblieben. Er hatte das Haus, den größten Teil ihres Vermögens – das ganz und gar nicht groß gewesen war – und das Auto bekommen. Zumindest war ihr das Sorgerecht für die Kinder zugesprochen worden, aber für die hatte sich Eric sowieso nie sonderlich interessiert. Ihr fielen seine Anrufe ein. Kurz überlegte sie, ihr Handy einzuschalten und die Mailbox abzuhören, aber dann unterließ sie es. Sie ahnte, was Eric gewollt hatte. Er betreute die nächsten zwei Tage die Kinder und war sicher wieder einmal völlig überfordert. Nicht dass Emma und Moritz einfach waren, aber welche Kinder, die eine Scheidung hinter sich hatten, waren das schon?
Die Schleuse lag versteckt hinter dem Ausgang der Raftingbahn, die wegen eines Rohrbruchs geschlossen war. Aber auch wenn die Gondeln der Bahn besetzt gewesen wären, hätte niemand sehen können, wie Hanna und Simon vor einer Tür mit einem Codeschloss stehen blieben. Rechteckige Kunststoffblöcke, die für die Besucher wie mannshohe Bergkristalle aussahen, verdeckten sie.
Hanna hörte hinter sich das Tosen der Wildwasserbahn und das Jubeln der Menschen, wenn ihre Wagen in die Tiefe stürzten. Während sie ungeduldig zusah, wie Simon die Schleusentür untersuchte, kündigte eine Fanfare den Beginn einer neuen Show im Themenbereich der Piraten an. Jetzt würden ihre Kollegen in der Steuerzentrale alles für die Seeschlacht vorbereiten, in der sich spanische Galeeren mit einem Schiff der Piraten duellierten. Am Ende würden die Piraten gewinnen und unter dem Jubel der Besucher in den Hafen segeln.
»Ohne Codekarte lässt sich die Schleuse nicht öffnen«, erklärte Hanna mühsam beherrscht, als Simon keine Anstalten machte, die Untersuchung beenden zu wollen. Sie spürte, wie die Ungeduld ihre schlechte Laune zurückholte. Hoffentlich hatte der Versicherungstyp bald genug davon, Sherlock Holmes zu spielen. Sie verstand sowieso nicht, was das alles sollte. Ihr Exmann fiel ihr wieder ein. Dieses Mal zog sie das Telefon aus der Tasche und aktivierte es. Eric hatte fünf Mal angerufen und beim letzten Mal eine Sprachnachricht hinterlassen. Sie drehte die Lautstärke ihres Telefons so weit herunter, dass Simon nicht mithören konnte. Dann rief sie die Nachricht ab. Was Eric ihr erzählte, verdarb ihr endgültig die gute Laune.
»Ich muss zurück in die Steuerzentrale«, sagte sie und steckte das Telefon in die Tasche ihres Kittels. »Sie können sich gerne noch weiter umschauen, aber ich brauche den DeAktor.« Sie streckte die Hand aus.
»Ohne dieses Ding sehe ich aber nicht mehr als die übrigen Besucher.«
»Das lässt sich leider nicht ändern. Hier im Park gibt es Bereiche, die weder für Besucher noch für Ermittler von Versicherungsgesellschaften zugänglich sind. Auch wir haben unsere Geheimnisse. Wenn Sie wollen, komme ich später noch einmal vorbei und Sie dürfen gerne weiter herumschnüffeln.«
Missgestimmt nahm Simon das Armband ab und reichte es ihr. Er zuckte kurz zusammen, als die Nanoroboter in seinem Körper ihre Arbeit wieder aufnahmen und ihn zurück in die Traumwelt katapultierten. Hanna bemerkte, wie er erneut seinen rechten Arm verkrampfte. Ihr war zuvor schon aufgefallen, dass er ihn unbewusst schonte. Wenn es stimmte, was er ihr erzählt hatte, war er vielleicht bei einem Einsatz angeschossen worden und hatte deshalb seinen Polizeidienst beendet.
»Wie finde ich mein Hotelzimmer?«
Sie wedelte mit dem Finger in der Luft herum. »Fragen Sie einfach einen Parkangestellten!« Dann ging sie und ließ ihn mit einem verdutzten Gesichtsausdruck zurück.
Von Zwillingen, Muskelpaketen und Egomanen
Habeck Wegener sah aus wie jemand, mit dem man keinen Streit anfangen wollte. Wer ihn nicht kannte, kam leicht auf den Gedanken, dass der große, breitschultrige Glatzkopf mit den vielen Tätowierungen und den Ringen im Ohr jede freie Minute in einem Fitnesscenter verbrachte, doch Habeck hatte weder die Zeit noch das Geld dafür. Er arbeitete als Maurer auf dem Bau und fuhr seit der Trennung von seiner Frau Andrea Doppelschichten, um den Unterhalt für seine Kinder zahlen zu können. In seinem Leben hatte er viele Dummheiten begangen, aber die beiden größten waren die Tätowierungen, die seinen Körper wie ein Wandgemälde eines untalentierten Künstlers überzogen, und die Hochzeit mit seiner Jugendliebe Andrea. Beides hatte er schon mehr als einmal bereut, auch wenn aus seiner Ehe die Zwillinge Jill und Jelly hervorgegangen waren, für die er töten würde. Was die Mädchen heute jedoch von ihm verlangten, war weitaus schlimmer.
»Die Wildwasserbahn?« Habeck versuchte, sich sein Entsetzen nicht anmerken zu lassen. Er mochte keine Höhen und diese Wildwasserbahn war wirklich hoch!
»Klar«, nickte Jill und Jelly griff nach seiner Hand. »Komm, das wird lustig!« Er ließ sich von ihr mitziehen.
Jelly war die Ältere, wenn auch nur um zwölf Minuten, und diejenige, die ständig auf solche absurden Ideen kam. Die Zwillinge hatten im letzten Monat ihren dreizehnten Geburtstag gefeiert und er hatte seine Ersparnisse zusammengekratzt und ihnen einen unvergesslichen Tag in Nanopark versprochen. Habeck hatte nicht ahnen können, wie sehr er damit recht behalten sollte.
Vor der Warteschlange der Wildwasserbahn blieben sie stehen. Sie schauten hinauf zu dem gewaltigen grauen Oktopus, der wie aus einem Katastrophenfilm auf dem höchsten Punkt der Strecke thronte, die riesigen Augen weit geöffnet, und mit seinen Fangarmen die Bahn in Stücke zu reißen schien. Gerade raste wieder ein Boot heran. Im Inneren saßen eine blonde Frau und zwei Kinder und schrien, dass ihre Stimmen bis hinunter zu den Wartenden zu hören waren.
»Cool«, sagten die Zwillinge, während Habeck spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Im letzten Moment löste der Oktopus seine Fangarme und das Boot fuhr unter ihnen hindurch in die Tiefe. Rechts und links der Bahn spritzte das Wasser meterhoch. Ein Schwall traf die näherstehenden Menschen, die zuerst erschrocken die Köpfe einzogen und dann erleichtert lachten. Das Boot verschwand in einer Röhre auf der gegenüberliegenden Seite und Habeck verlor es aus den Augen.
»Im Chat schreiben sie, dass es wie in einem Film sein soll«, sagte Jill, ihr Handy in der Hand.
Jelly klatschte begeistert. »Das wird toll!«
Habeck sagte nichts.
Die Warteschlange setzte sich in Bewegung und sie betraten einen hölzernen, aus einfachen Eichenbohlen gezimmerten Steg, der zum Eingangsbereich der Wildwasserbahn hinüberführte. An seinem Ende erwartete sie ein Gebäude, das aussah, als hätte man es aus den Resten einer gestrandeten Galeere errichtet. Im Inneren nahm alle neunzig Sekunden ein Boot neue Besucher auf. Aus Schießscharten schauten die Rohre von Kanonen hervor und in dem Ausguck, der neben dem Eingang aus dem Boden ragte, hielt ein menschliches Skelett Ausschau.
»Schade, dass Mama nicht hier ist«, rutschte es Jill heraus.
»Ja«, sagte Habeck, ohne es so zu meinen.
Über ihren Köpfen raste ein Boot die Fahrrinne der Wildwasserbahn entlang. Es schob eine Bugwelle aus Wasser vor sich her, die über den Rand schwappte und auf sie herabstürzte. Habeck zog den Kopf ein, die Zwillinge kreischten.
Augenblicklich waren sie völlig durchnässt. Ihre Kleidung sog sich mit Wasser voll. Alle drei spürten, wie die Kälte ihren Rücken hinunterlief. Habeck schmeckte Salz auf den Lippen.
Dann versickerte das Wasser zwischen den Bohlen unter ihren Füßen und mit einem Mal waren sie völlig trocken. Sie schauten sich verdutzt an.
»Das war gar nicht echt«, lachte Jill und Jelly stimmte mit ein.
Habeck hasste die Wildwasserbahn schon jetzt.
Überraschend schnell saßen sie in einem der Boote und fuhren von Magneten im Boden gezogen einen dunklen Schacht aus nacktem Gestein hinauf. An seinem Ende drehte sich ein Strudel aus Licht und Wasser, in den sie mit einem Ruck eintauchten. Habeck spürte, wie sich unsichtbare Sicherungsbügel um seinen Körper legten und ihn fixierten. Sein Magen grummelte.
Plötzlich trieb ihr Boot auf einem azurblauen Ozean. Sanft schlugen die Wellen gegen die Bordwand. Jill und Jelly tauchten die Hände ins Wasser und bespritzten sich gegenseitig. Sie kreischten vor Freude. Habeck entspannte sich. Vielleicht würde sich seine Befürchtung einer Horrorfahrt ja doch nicht bewahrheiten. Die Mädchen entdeckten in der Nähe eine Insel. Palmen wuchsen an einem schneeweißen Sandstrand, als hätte Nanopark sie direkt in das Motiv einer kitschigen Postkarte gebeamt. Der Anblick war so fantastisch, dass Habeck sogar seine Angst vergaß. Er erwartete, dass sie anlegten, doch sie ließen die Insel hinter sich. Ein Schwarm Delfine tauchte auf und schwamm neben ihnen her. Jetzt hatten die Kinder nur noch Augen für sie. Habeck bemerkte, dass ihr Boot immer schneller wurde. Eine Zeitlang versuchten die Tiere mit ihnen mitzuhalten. Schließlich gaben sie auf und blieben zurück. Nach einer Weile kam Wind auf und er wurde rasch kälter. Der Himmel zog sich zu. Dunkle Wolken schoben sich vor die Sonne und mit einem donnernden Krachen ritt ein Blitz über die Köpfe der Familie hinweg, durchschnitt die Wolken und ließ einen dunklen Himmel zurück, an dem ein Meer aus Sternen funkelte. Einen Moment später regnete es. Und immer noch wurden sie schneller. Habeck hielt sich krampfhaft an der Bordwand ihres kleinen Bootes fest, ohne es zu bemerken. Die Mädchen blickten sich in einer Mischung aus Furcht und Vorfreude immer wieder um.
»Da!«, rief Jill. Sie deutete nach vorn.
Jelly versuchte, sich aufzusetzen, ohne dass es ihr gelang. »Was ist das?«
Habeck kämpfte gegen das Entsetzen an, das ihn in diesem Moment befiel. »Das Ende der Welt«, brachte er noch heraus. Dann endete vor ihnen der Ozean. Einen Augenblick später stürzten sie senkrecht die nach unten führende Wasserwand hinunter, in ein Meer aus Sternen. Hinter sich hörte er die Zwillinge schreien. Er schrie nicht. Habeck brauchte seine ganze Kraft, um sich festzuhalten. Himmel, worauf hatte er sich da nur eingelassen?
Im freien Fall ging es in die Tiefe. Neben ihnen tauchte ein Oktopus aus dem Wasser auf. Seine Tentakel fuhren durch die Luft und suchten vergeblich nach Halt. Einer der Fangarme sauste knapp über ihre Köpfe hinweg. Ein anderer traf die Bordwand und versetzte ihnen einen Stoß. Abrupt bog ihr Boot zur Seite ab und sie verloren das Tier aus den Augen. Nun glitten sie über den Meeresgrund, durch einen Garten aus Korallen. Ein Schwarm aus bunten Fischen brachte sich vor ihnen in Sicherheit. Habeck bekam keine Gelegenheit, durchzuatmen. Schon wechselten sie erneut die Richtung. Vor ihnen tauchte das Wrack einer gesunkenen Galeere auf, über dem ein Schwarm Haie kreiste.
Habeck hatte das Gefühl, dass die Fahrt ewig dauerte, doch irgendwann standen sie wieder an der Haltestelle. Er zitterte und ihm war übel. Seine Hoffnung, dass es den Zwillingen ebenso erging und sie diesen Höllentrip erst einmal verarbeiten mussten, erfüllte sich nicht, denn kaum hatten sie die Wildwasserbahn verlassen, überfielen sie ihn mit neuen Ideen. Jill wollte sich sofort wieder anstellen, während Jelly hinauf in den Themenpark zu der Loopingbahn wollte. Bevor eine von beiden ihn überreden konnte, deutete er auf einen Selbstbedienungsstand, der achtundneunzig verschiedene Eissorten anbot.
»Wollen wir nicht zuerst ein Eis essen? Die Attraktionen laufen uns doch nicht davon.«
Jill und Jelly sahen sich an und nickten gemeinsam. Es überraschte Habeck immer wieder, wie beide im selben Moment den gleichen Gedanken hatten. Das war ihm schon aufgefallen, als die Zwillinge noch nicht einmal laufen konnten. Wenn sie Hunger hatten, dann immer zur selben Zeit. Auch die Windeln mussten immer paarweise gewechselt werden. Sie hatten synchron geweint, gelacht und getobt – und damit Habeck und seine Frau in den Wahnsinn getrieben.
Kurz darauf hatte jeder von ihnen ein Eis in der Hand. Die Zwillinge exakt das gleiche.
»He, seht mal!« Jelly schleckte an ihrer Kürbis-Vanille-Schokoladen-Variante und deutete auf eine Gestalt in einem Tierkostüm, die hinter den Bergkristallen vor der Raftingbahn auf den Weg trat. Auch Habeck und Jill schauten hinüber und sahen einen Gorilla, dem weitere als Tiere verkleidete Gestalten folgten. Jede von ihnen trug eine Sporttasche. Zielstrebig bewegten sie sich an dem Eingang der Raftingbahn vorbei und schlugen den Weg ein, der sie zu einem der Ausgänge führen würde. Ein kleines Mädchen, das sie ebenfalls bemerkte und ansprach, ignorierten sie.
»Das ist wahrscheinlich die Ablösung für die Kinderbelustigung«, sagte Habeck. Er schaute den Gestalten in den Tierkostümen hinterher und fragte sich, warum sie hier im Park Springerstiefel trugen.

Hanna wählte Erics Telefonnummer. Sie erwartete nicht, dass er abnahm, doch zu ihrer Überraschung meldete er sich bereits nach dem zweiten Klingeln.
»Hallo Hanna«, hörte sie seine Stimme und sofort kehrten die Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit zurück.
»Was meinst du damit, dass du keine Zeit für die Kinder hast?«, fuhr sie ihn anstatt einer Begrüßung an.
Eine Sekunde lang schwieg Eric. Dann sagte er: »Mir ist etwas dazwischengekommen.«
»Aber wir haben abgemacht, dass du dich die nächsten zwei Tage um sie kümmerst. Ich muss den Babysitter für einen Besucher spielen und bekomme keinen Urlaub.«
»Ich hätte auch gerne etwas mit ihnen unternommen, aber es geht eben nicht.«
Natürlich nicht, dachte sie. Wahrscheinlich traf er sich wieder mit seiner Freundin, oder er hatte einfach keine Lust auf Emma und Moritz. So war das schon immer gewesen. Nie hatte sie sich auf ihn verlassen können. Ständig hatte sie allein zu Hause gesessen, die Kinder bespaßt, während er mit seinen Freunden – oder Freundinnen – um die Häuser zog oder zum Fußball musste.
»Die beiden haben sich so auf dich gefreut.« Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen, und versuchte, nicht zu weinen.
»Und ich mich auf sie, aber den Besuch holen wir nach und dann bleiben sie das ganze Wochenende bei mir.« Eric zeigte nicht die geringsten Schuldgefühle. Insgeheim hatte Hanna gewusst, dass er sie wieder enttäuschen würde. Sie war inzwischen so oft von ihm verletzt worden, dass es ihr nichts mehr ausmachte, aber um die Kinder tat es ihr leid. Auch wenn ihr Vater ein Arschloch war, war er doch ihr Vater, und sie hatten sich wirklich auf ihn gefreut. Vor allem Moritz, der mit seinen acht Jahren am meisten unter der Scheidung litt.
Hanna brachte keinen Ton heraus und Eric sprach weiter: »Du musst sie auch nicht abholen. Ich habe sie schon zu dir in den Park gebracht.«
»Du hast … was?« Hanna glaubte sich verhört zu haben. »Du kannst doch die Kinder nicht einfach hierherbringen, ohne dass wir das vorher besprechen!«
»Du bist ja nicht ans Telefon gegangen.«
Ihr schoss ein Gedanke durch den Kopf. »Wie sind sie überhaupt in den Park gekommen? Du jammerst doch ständig, dass du pleite bist.«
»Ich habe ihre Eintrittskarten mit deiner alten Visakarte bezahlt. Die hast du mir mal gegeben. Erinnerst du dich?« Das tat sie, aber es kam ihr vor, als wäre das in einem anderen Leben gewesen. »Wie auch immer. Ich muss jetzt los. Grüß die Kinder von mir.«
Er legte auf.
Nun weinte sie doch.

Lutz Brendinger fühlte sich nicht mehr wie ein Jugendlicher, doch erwachsen war er auch noch nicht. Er war irgendetwas dazwischen und so voller Energie, dass er glaubte, explodieren zu müssen. Sein Körper kribbelte. Hitzeschübe wechselten sich mit Kältephasen ab. Wenn er zur Ruhe kam, pendelten seine Gefühle ständig von einem Extrem zum anderen. Mal war er den Tränen nahe, dann wieder so voller Euphorie, als hätte er sich mit bewusstseinserweiternden Drogen vollgepumpt. Doch die einzige Droge, die er konsumierte, war Liebe. Zumindest träumte er davon. Seit ihm einer seiner Kommilitonen von diesem speziellen Dienst in Nanopark erzählt hatte, konnte er an nichts anderes mehr denken. Er hatte sein Geld zusammengekratzt, sich die fehlende Summe von seinen Eltern geliehen und eine Tageskarte gekauft. Die Zusatzoption, wegen der er den Park besuchen wollte, gab es nicht online, aber er hatte eine Mail mit einer Telefonnummer bekommen, die er anrufen sollte, sobald er im Park war.
An diesem Tag betrat Lutz als einer der Ersten die Kuppel. Gleich nach der Öffnung der Tore hatte er sich an allen anderen vorbei nach vorn gedrängt. Während die meisten Besucher vor einer der Eröffnungskammern auf Einlass warteten, rannte er zur Schleusenhalle hinüber und betrat durch sie die Kuppel. Er interessierte sich nicht für eine virtuelle Reise in einem Raumschiff, an deren Ende man Die Stadt der Zukunft betrat. Er wollte einfach nur so schnell wie möglich hinein.
Die virtuellen Parkcharaktere, die ihn begrüßten, ignorierte er. Er lief an ihnen vorbei und dachte unentwegt an die Mail, die er bekommen hatte. Mit dem Fahrstuhl fuhr er hoch zur Ebene der Piraten und gelangte in ein Gebäude aus roten und grauen Ziegeln, in dem man Andenken und Getränke kaufen konnte. Lutz nahm keine Notiz von dem einbeinigen Piraten und seinem sprechenden Papagei und rannte hinaus ins Freie.
Vor ihm tat sich eine mittelalterliche Stadt auf. Die Luft roch nach Salz und Meer. Rechts lag der Hafen, an dessen Kai drei Schaluppen und eine Kogge ankerten. Gegenüber sah er eine Spelunke, vor der sich zwei virtuelle Piraten zur Freude etlicher Besucher prügelten. Dann folgten mehrere Souvenirläden, ein Selbstbedienungsrestaurant, Getränke- und Eisstände und ein Karussell, in dem sich Minikoggen von Wellen getragen in einem ständigen Auf und Ab im Kreis bewegten. Manchmal schaute der Kopf eines Haifisches oder der Tentakel eines Kraken aus dem Wasser heraus und ließ die Besucher in den Booten laut aufschreien.
Lutz beachtete das Geschehen um sich herum mit keinem Blick. Er rannte über das Kopfsteinpflaster durch die Gassen der Stadt und dachte keine Sekunde daran, dass er sich in einer begrenzten Kuppel befand. Er ignorierte die Fahrgeschäfte und Restaurants, die Shows und die liebevoll gestaltete Umgebung. Seine Gedanken drehten sich um etwas anderes. Und wieder spürte er, wie ihn ein Schauer der Erregung überflutete.
Nachdem er die Stadt der Piraten durch ein Tor auf der gegenüberliegenden Seite verlassen hatte, blieb er stehen und sah sich suchend um. Als er keine Kameras entdeckte – die er sowieso nicht gesehen hätte, weil der Parkcomputer sie nicht zeigte –, zog er die mitgebrachte Flasche Rum aus der Tasche seiner Jacke und trank sich Mut an. Er schwankte zwischen Vorfreude und Bedauern wegen des vielen Geldes, das er ausgeben würde. Nachdem der Alkohol den letzten Rest an Hemmungen hinweggespült hatte, zog er sein Empathiephone aus der Tasche. Die Telefonnummer, die er anrufen sollte, hatte er eingespeichert und so drückte er nur auf die Schnellwahltaste und wartete.
Eine leise, unfreundliche Männerstimme drang aus dem Lautsprecher: »Ja?«
»Ich … äh …«, stammelte Lutz. »Spreche ich mit Herrn Gloeckner?«
»Was wollen Sie?«, antwortete sein Gegenüber schroff, ohne auf seine Frage zu reagieren.
»Ich habe Ihnen eine Mail geschickt. Es geht um …« Lutz zögerte. »… eine Zusatzbuchung«, ergänzte er im verschwörerischen Tonfall.
»Das mache ich nicht mehr.«
Lutz erschrak. »Aber nur deswegen bin ich hier. Außerdem haben Sie mir doch die E-Mail mit Ihrer Telefonnummer geschickt.«
»Das war eine automatische Antwortmail, die eigentlich nicht mehr aktiv sein sollte.«
»Können Sie dieses eine Mal nicht noch eine Ausnahme machen? Ich bin doch schon im Park. – Und ich zahle auch einen Aufschlag!«, fügte Lutz hinzu, obwohl er keine Ahnung hatte, woher er weiteres Geld nehmen sollte.
Der Mann am anderen Ende der Leitung schwieg so lange, dass Lutz schon dachte, er hätte das Gespräch beendet. Dann hörte er den leisen Ton einer Systemmeldung. »Sie stehen am südlichen Stadttor von Port Royal. Ihr Name ist Lutz Brendinger. Ich habe Sie auf meinem Schirm.«
Lutz nickte heftig. »Ja, das bin ich!«
»Was genau möchten Sie denn dazubuchen?«
»Eine Begleitung!«, stieß er heraus. »Ich möchte eine weibliche Begleitung!« Lutz zog ein animiertes Foto aus der Tasche und hielt es hoch, als könnte sein Gesprächspartner es durch sein Telefon sehen. »Sie soll wie Charlize-Zoe Watson aussehen, die Influencer-Queen, und ich will Sex mit ihr!«
Aus dem Lautsprecher drang ein gequältes Stöhnen. »Sie wissen aber schon, dass Ihre Begleitung nur ein virtueller Charakter sein wird? Sie können sie weder küssen noch sonst etwas mit ihr anstellen.«
»Aber … ich dachte, Sie haben … spezielle Möglichkeiten.«
»Dann müsste ich das Aussehen Ihres virtuellen Charakters auf eine lebende Person projizieren, aber das können Sie vergessen. So kurzfristig kann ich niemanden in den Park holen, der sich mit Ihnen amüsiert. Ich kann Ihnen Ihre Traumfrau höchstens als virtuellen Charakter anbieten.«
Lutz überlegte. Jetzt war er schon so weit gegangen, dass es keinen Sinn ergab, umzukehren. »Gut, es reicht schon, wenn sie mir dabei zusieht.«
»Na schön, ich versuche, die 3D-Daten Ihrer Filmschauspielerin in einer der Künstlerdatenbanken zu finden, aber ich kann nichts versprechen. Bezahlen müssen Sie natürlich trotzdem.«
»Natürlich! Soll ich Ihnen das Geld überweisen?«
»Das ist nicht nötig, ich buche es von Ihrer Eintrittskarte ab. Haben Sie sonst noch irgendwelche Wünsche? Soll ich Ihr Aussehen verändern? Hätten Sie gerne einen größeren Penis oder bunte Haare?«
Lutz fiel die Ironie in seiner Stimme nicht auf. »Das wäre toll«, sagte er.
Gestresste Smileys und eine feindliche Übernahme
Leon beschloss, sich Zeit zu lassen, bevor er zu seinem Arbeitsplatz zurückkehrte. Zwanzig Minuten lang hatte er auf der Toilette versucht, den Fleck aus seinem neuen T-Shirt herauszubekommen, aber je mehr er rieb, umso schlimmer wurde es. Schließlich hatte er genervt aufgegeben. Er ging in die angrenzende Küche und zog sich einen neuen Becher Kaffee. Leon war ein Kaffeejunkie, der ohne fünfzehn Tassen pro Tag nicht auskam. Die Menge allerdings, die er heute schon in sich hineingeschüttet hatte, war sogar für ihn ungewöhnlich. Er überlegte, ob er seinen persönlichen Rekord von achtzehn Tassen würde knacken können. Sicher würde Doris, die Leiterin der Steuerzentrale, ihn wieder anmaulen. Es störte sie, wenn er so viel Kaffee trank, weil er dann angeblich seine Arbeit vernachlässigte. So ein Blödsinn! Der Computer überwachte die Anlage vollautomatisch. Was sollte da schon passieren? Janina, die nicht mit ihm ins Bett steigen wollte, hatte ihm erzählt, dass die Parkbetreiber nur aus versicherungstechnischen Gründen menschliches Personal einsetzten. Es war wie das Fahren in einem autonomen Fahrzeug: Es musste immer einen Menschen geben, den man im Falle eines Unfalls zur Rechenschaft ziehen konnte. Was aber bedeutete, dass er seinen Kopf hinhalten musste, wenn etwas passierte. Er grinste. Es sei denn, er stand in der Küche und trank Kaffee. Dann waren die anderen dran.
Hinter ihm flog die Tür mit einem Knall auf. Leon zuckte zusammen. Er erwartete, Doris zu sehen, aber als er sich umdrehte, stand vor ihm eine Gestalt in einem Mauskostüm. Er starrte verblüfft auf die großen schwarzen Ohren und die spitze Nase, bevor er die Pistole bemerkte, die sie auf ihn richtete.

Die Wand aus Überwachungsmonitoren in der Steuerzentrale bestand aus einer einzigen Fläche, unterteilt in zwei Dutzend Videostreams, die unterschiedliche Bereiche des Parks zeigten. Doris schaute mit zunehmender Verärgerung auf die Raftingbahn, die noch immer nicht lief. Das Ersatzteil, das eine Berliner Firma anfertigen sollte, war wieder nicht geliefert worden. Sie dachte an Leon, der vor Ewigkeiten in Richtung Toilette verschwunden war und sich seitdem nicht mehr hatte sehen lassen. Er sollte sich um die Reparatur kümmern, doch stattdessen erzählte er ihr immer wieder von neuen Problemen, ohne auch nur eines zu lösen. Leon hatte bei seiner Bewerbung einen Eignungstest ausfüllen müssen und als Einziger die volle Punktzahl erreicht. Damals hatte die Auswertung ergeben, dass er einen psychisch gefestigten Charakter besitze, teamfähig sei und über hervorragende Fachkenntnisse verfüge. Inzwischen war sich Doris sicher, dass Leon das Ergebnis gefälscht hatte. Er war labil, launisch und sexbesessen, also das genaue Gegenteil eines psychisch gefestigten Charakters. Auf solche Mitarbeiter konnte der Park verzichten – konnte sie verzichten. Sie tröstete sich damit, dass sie ihn bald los sein würde. Schon vor Wochen hatte sie seine Stelle neu ausschreiben lassen und die Bewerber auf der Festplatte ihres Rechners gespeichert. Sie musste Leon nur noch kündigen. Auch Bernd Gloeckner, der seinen Arbeitsplatz rechts am Ende des Raumes neben dem Regal mit den Fachbüchern hatte, würde das Unternehmen verlassen. Armin Schuster, der Direktor des Parks, hatte ihm selbst gekündigt. Am Ende des Monats würde sein Arbeitsverhältnis enden. Was genau vorgefallen war, wusste sie nicht. Gloeckner mochte sie nicht fragen und Schuster sprach nicht darüber, aber es konnte keine Lappalie gewesen sein, wenn er einen seiner besten und ältesten Programmierer entließ. Sie überlegte, wie lange Gloeckner schon für den Park arbeitete. Als sie ihre Stelle damals antrat, war er schon dabei gewesen. Es hieß, dass er und Schuster ihre Jobs nur bekommen hatten, weil sie Kontakte zur Politik besaßen. Ob das stimmte, wusste sie nicht. Und dann gab es da ja noch das Gerücht, dass auch Schusters Stuhl wackelte. Doris seufzte lautlos. Ihnen standen turbulente Zeiten bevor. Ihr Blick fiel auf die Uhr an der Wand. Sie hatte die Form der Nanoparkkuppel, nur dass sie anstatt des Schriftzuges ›Nanopark‹ die Zeit anzeigte. Es war fast Mittag. In einer halben Stunde würde der Computer die erste von zwei Parkparaden starten und Dutzende virtueller Figuren samt Fahrzeugen durch die Themenbereiche steuern. Viele Besucher standen schon jetzt an den Wegen und warteten darauf, dass es losging. Mit ihren Musikkapellen, den spektakulären Lichteffekten, den Unmengen an Luftballons und dem abschließenden Feuerwerk waren die Paraden eines der Highlights, auch wenn nichts davon echt war.
Auf einem Ausschnitt der Überwachungsmonitore sah sie eine Frau in einem pinkfarbenen Minirock, die mit zwei Kindern durch ein Spalier aus brüllenden Piraten die schmale Planke zur kleineren Achterbahn im Themenbereich Port Royal betrat. Sie gestikulierte mit den Händen und schien sich über irgendetwas aufzuregen. Was sie so ärgerte, konnte Doris nicht hören, da die Anlage keinen Ton übertrug. Jonas machte sie auf einen der anderen Videostreams aufmerksam. Er zeigte die Warteschlange vor dem Riesenrad auf der Ebene des Safariparks, in der ein paar Jugendliche randalierten. Ungeniert ließen sie eine Flasche Alkohol herumgehen und pöbelten die anderen Besucher an. Da es im Park keinen Alkohol zu kaufen gab, schmuggelten ihn Jugendliche immer wieder hinein.
Die meisten Bildausschnitte zeigten die Ebenen so, wie die Besucher sie sahen, kombiniert mit den gerenderten Elementen aus dem Computer. Nur so ließen sich Fehler in der Software entdecken. Und Fehler hatte sie zur Genüge. Doris hatte es längst aufgegeben, sie alle lösen zu wollen. Stattdessen sortierte sie die Probleme nach der Dringlichkeit und ignorierte alle unter einem gewissen Level. Zumindest die Kameras auf dem Parkdeck waren nicht erneut ausgefallen. Vielleicht hatten die Kabel den Ratten doch nicht geschmeckt. Sie drehte sich um. Leon war noch immer nicht zurückgekehrt. Heute trieb er es auf die Spitze. Vielleicht sollte sie die Gelegenheit nutzen und ihm fristlos kündigen. Dann brauchte sie aber jemanden, der seine Schichten übernahm. Sie schaute zu Daniel Osterhagen hinüber, der eine Reihe hinter Leons Platz neben Bernd Gloeckner saß und gerade einen Anruf beendete. Er bemerkte ihren Blick. »Ein Gast vermisst seine Frau und ihre Kinder. Ich habe sie für ihn lokalisiert.«
Doris nickte. »Schick Bruno zum Riesenrad. Dort randalieren Jugendliche.«
Bruno Meyer gehörte nicht zum Sicherheitsdienst des Parks, aber er half aus, wann immer Not am Mann war. Sobald der neunundsechzigjährige hagere Rentner die Kuppel betrat, sorgten die Nanoroboter dafür, dass er wie eine Kopie des legendären US-amerikanischen Präsidenten Dwayne Johnson aussah. Bis jetzt hatte sein Anblick immer ausgereicht, jeden Randalierer zur Vernunft zu bringen.
In diesem Moment wurde die Tür zur Steuerzentrale aufgestoßen. Leon stolperte herein, verlor das Gleichgewicht und stürzte vor der Videowand zu Boden. Er blutete aus der Nase, seine langen blonden Haare hingen ihm wirr ins Gesicht. Hinter ihm erschien eine Gestalt, kostümiert wie eine Maus. Weitere als Tiere verkleidete Personen folgten ihr und verteilten sich blitzschnell in der Steuerzentrale. Jede von ihnen hielt eine Waffe in der Hand. Doris dachte zuerst, dass sich jemand einen Scherz erlaubte und ein neues Parkprogramm an ihnen ausprobierte, doch dann schlug ein Mann in einem Löwenkostüm Jonas mit der Waffe nieder und sie begriff, dass die Szene echt war. Die als Maus verkleidete Person stieß Daniel zurück und zerschlug den Projektor seiner virtuellen Tastatur. Plastiksplitter flogen durch die Luft. Lea, die voller Angst von ihrem Platz aufsprang und zur rückwärtigen Tür lief, rutschte das Headset vom Kopf. Bevor sie auch nur in die Nähe der Tür gelangen konnte, packte ein Mann im Wolfskostüm sie an den Haaren und riss sie brutal zurück. Lea schrie vor Schmerzen auf. Hinter ihr brach der Löwe Bernd Gloeckner die Nase, als dieser nicht schnell genug die Hände von der virtuellen Tastatur seines Arbeitsplatzes genommen hatte.
Das alles dauerte nur Bruchteile von Sekunden. Dann kehrte Ruhe ein.
Durch die offenstehende Tür betrat eine Person in einem schwarzen Gorillakostüm die Steuerzentrale. Sie blieb vor der Videowand stehen und sah sie an. Ihr Blick fiel auf Lea, die noch immer leise weinte.
»Ruhe!«, fauchte der Wolf. Lea biss sich auf die Lippen und schwieg. Es wurde still in der Steuerzentrale.
»Meine Damen und Herren, schenken Sie mir bitte Ihre Aufmerksamkeit.«
Jeder in der Steuerzentrale schaute ihn an. Ohne das Kostüm hätten sie eine muskulöse, braungebrannte Gestalt mit schwarzen kurzen Haaren gesehen. Lorenz Hamilton, wie der Mann in dem Affenkostüm im richtigen Leben hieß, hatte, wie alle anderen, jahrelang in einer Sondereinheit der Bundeswehr gedient, bis diese von heute auf morgen wegen fremdenfeindlicher Tendenzen innerhalb der Truppe aufgelöst worden war.
»Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Die gute: Sie haben für den Rest des Tages frei. Die schlechte: Sie verbringen Ihren freien Tag hier!«
Doris zitterte am ganzen Körper. Trotzdem schaffte sie es, dass sich ihre Beine einen Schritt auf den Gorilla zubewegten. »Was soll das?«, stieß sie hervor, selbst überrascht, woher sie den Mut nahm.
Nun stand sie im Zentrum der Aufmerksamkeit.
Der Gorilla kam auf sie zu. Seine Füße steckten in schwarzen, sorgfältig geschnürten Stiefeln, die unter seinem Affenkostüm hervorschauten. Durch die Öffnungen seiner Gesichtsmaske sah sie seine dunkelblauen Augen, die sie so eiskalt musterten, dass sie kaum zu atmen wagte. »Ist das so schwer zu verstehen, Frau Junker? Wir übernehmen Ihren Park!«
Doris wurde blass. Er kennt meinen Namen!, schoss es ihr durch den Kopf.
Der Gorilla streckte die Hand aus. »Geben Sie mir bitte Ihre Codekarte!«
Für den Bruchteil einer Sekunde wollte sie sich weigern, dann griff sie nach der rechteckigen Plastikkarte, die sie an einer Kette um den Hals trug, und reichte sie ihm.
Der Gorilla sah in die Runde. Kurz blieb sein Blick an Bernd Gloeckner hängen, der an seinem Schreibtisch saß und sich die blutende Nase hielt. Sein Blick wanderte weiter. »Jetzt möchte ich, dass sich jeder auf seinen Platz setzt!«
Leon, der noch immer wimmernd vor der Videowand auf dem Boden gekauert hatte, erhob sich und rannte zu seinem Arbeitsplatz hinüber. Sein gelbes T-Shirt mit dem gestressten Smiley war blutverschmiert. Der Wolf ließ Lea los, die ebenfalls zu ihrem Platz zurücklief.
»Wir sammeln jetzt Ihre Codekarten und Ihre Handys ein. Kooperieren Sie und Ihnen geschieht nichts!« Die Gestalt in dem Wolfskostüm griff nach einem der Mülleimer, die unter jedem Schreibtisch standen, kippte den Inhalt achtlos auf den Boden und ging mit ihm von Platz zu Platz. Nacheinander legte jeder sein Telefon und seine Codekarte hinein.
Zwei weitere als Tiere kostümierte Gestalten, eine Katze und ein Bär, betraten die Steuerzentrale. Sie führten Bruno, den Sicherheitsmann, herein. Denjenigen, deren Nanoroboter aktiviert waren, erschien er wie das muskelbepackte Ebenbild des ehemaligen US-Präsidenten. Für alle anderen war er nur ein alter, grauhaariger Mann mit Arthrose.
»Was soll das?« Bruno schimpfte und versuchte, sich aus dem Griff seiner Kidnapper zu befreien. Er sah Doris und gab seinen Widerstand auf. »Frau Junker, was geht hier vor?«
Der Gorilla richtete seine Waffe auf ihn und drückte ohne Vorwarnung ab. Doris hörte nur das leise Ploppen eines Schalldämpfers. Das Geräusch klang harmlos, dennoch verwandelte sich Brunos Gesicht in eine blutige Masse. Die Katze und der Bär ließen ihn los und der alte Mann fiel zu Boden.
Doris riss die Hände vors Gesicht und torkelte zurück. Sie verstand nicht, wie ein so harmloses Geräusch jemanden hatte verletzen können. Das war doch gar nicht möglich! Und dennoch lag Bruno in einer immer größer werdenden Blutlache vor ihnen und rührte sich nicht mehr.
Der Gorilla drehte sich um und sah sie an. »Wenn Sie nicht kooperieren, werde ich jeden einzelnen Ihrer Mitarbeiter erschießen, bis nur noch Sie übrig sind!«
Doris glaubte, sich übergeben zu müssen. Die Courage, die sie eben noch hatte leichtsinnig werden lassen, war blankem Entsetzen gewichen. Der Gorilla hatte Bruno erschossen. Einfach so! Nur um ihnen zu zeigen, dass er es ernst meinte. Und jetzt drohte er damit, sie ebenfalls zu töten. Doris zitterte so stark, dass die Schuhspitzen ihrer Pumps auf den Fliesen klackten, als schickten sie einen leisen Hilferuf im Morsecode. Ihr Puls raste und ihr wurde schwindelig.
Der Gorilla schien Bruno bereits vergessen zu haben. Er ging an den Steuerkonsolen vorbei und blieb vor Hannas ausgeschaltetem Rechner stehen. Wieder sah er sie an. »Befindet sich außer den Besuchern noch jemand innerhalb der Kuppel?«
Als Doris nicht antwortete, wiederholte er seine Frage. Diesmal mit schneidender Stimme.
Jetzt erwachte sie aus ihrem Schock und sah ihn mit einer Mischung aus Wut, Entsetzen und Angst an. Sie schüttelte den Kopf. »In dem Hotel gibt es ein paar Angestellte. Sonst niemanden!«, rutschte es ihr dann trotzig heraus.
Leon sah sie überrascht an. Und auch Bernd Gloeckner schaute erstaunt. Für einen Moment schien er ihr widersprechen zu wollen, doch dann hielt er sich seine blutende Nase und schwieg.
Der Gorilla hob das Namensschild von Hannas Schreibtisch hoch und schaute darauf. »Was ist mit Frau Lehnhardt?«
Doris antwortete nicht.
»Hanna hat Urlaub«, sagte Jonas von seinem Platz aus.
Der Gorilla ließ das Schild zurück auf den Schreibtisch fallen. Er blickte jeden der Reihe nach an. »Wenn Sie tun, was wir von Ihnen verlangen, sind wir in ein paar Stunden verschwunden und Sie können Ihren Liebsten zu Hause eine spannende Geschichte erzählen. Wenn nicht, erschießen wir Sie und das einzig Spannende wird sein, welche Blumen auf Ihr Grab kommen!«
Doris klammerte sich an die Kante des Tisches neben sich und überlegte, ob sie dem Gorilla erzählen sollte, dass Hanna doch im Park war. Was würde geschehen, wenn sie plötzlich hier auftauchte? Aber jetzt, da Jonas ihre Geschichte bestätigt hatte, konnte sie nicht mehr zurück.
»Bitte, lieber Gott«, betete sie leise, »lass Hanna nicht in die Steuerzentrale kommen!«
Der Wolf stülpte Doris eine schwarze, undurchsichtige Kapuze über den Kopf und zog sie an einer Schnur um ihren Hals zusammen. Es wurde dunkel. Der Seilzug schnürte ihr die Kehle zu. Sie kämpfte einen Moment lang gegen die Panik an. Ihre Arme wurden nach hinten gerissen. Sie spürte, wie der Wolf sie mit Kabelbinder auf ihrem Rücken fixierte.
»Meine Leute bringen Sie jetzt in den Aufenthaltsraum. Verhalten Sie sich ruhig. Dann geschieht Ihnen nichts!«, sagte Gorilla.
Der Wolf zog Doris hinter sich her. Sie prallte gegen einen der Stühle und stieß ein leises Wimmern aus. Plötzlich dachte sie daran, dass sie heute eigentlich Urlaub gehabt hätte. Es war der 10. Juni, ihr Hochzeitstag. Heute vor siebenundzwanzig Jahren hatten ihr Mann und sie geheiratet. Sie wusste, dass er eine Überraschung für sie geplant hatte, doch Doris war einer der Menschen, die glaubten, die Welt drehe sich nicht ohne sie. Warum verdammt noch mal hatte sie den Urlaub nicht genommen?

Bär, alias Martin Böhme, schwitzte unter seiner Maske erbärmlich, trotzdem nahm er sie nicht ab. Gorilla hatte ihnen unmissverständlich klargemacht, dass er jeden erschießen würde, der sein Gesicht zeigte. Bär wollte nicht erschossen werden. Außerdem war die Maske seine Garantie dafür, nach dem Raub ein neues Leben beginnen zu können, aber das würde unmöglich sein, wenn sein Foto auf jeder Polizeiwebsite stand. Noch immer plagte ihn die Angst, dass es ein Fehler gewesen war, bei diesem Coup mitzumachen. Zuvor hatte er immer versucht, auf der richtigen Seite des Lebens zu stehen. Aber was war schon richtig oder falsch? Selbst seine Vorgesetzten hatten diese Frage nicht beantworten können. Oder sie hatte sie nicht interessiert. Immer wieder hatten sie während ihrer Bundeswehrzeit verdeckte Aufträge ausführen müssen, die sich eindeutig nicht mit dem Grundgesetz vereinbaren ließen. Trotzdem waren sie befohlen worden. Wie also konnte dann diese Aktion falsch sein?
Gorilla hatte ihnen befohlen, die Geiseln in den Aufenthaltsraum zu bringen. Bär war froh, als er die Steuerzentrale verlassen konnte. Er mochte Gorilla nicht. Dessen launische Art hatte schon während seiner Dienstzeit oft zu Problemen geführt. Und Probleme hatte Bär auch ohne ihn genug. Da waren zum einen die Schulden, die seit seiner Entlassung aus der Bundeswehr ständig größer wurden. Außerdem musste er dringend einige Reparaturen an seinem Haus erledigen, bevor ihm das Dach über dem Kopf einstürzte, und als ob das nicht reichte, juckte jetzt auch noch seine Nase. Trotzdem wagte er nicht, seine Hand unter die Maske zu schieben, um sich zu kratzen. Verdammte Maske!
»Träumst du?«, fuhr Maus ihn mit einer Frauenstimme an, als er einen Moment lang nicht aufpasste und seine Geisel Daniel Osterhagen ins Straucheln geriet. Er zog den Mann ruckartig weiter, dieser stieß einen leisen Schmerzensschrei aus. Vor ihnen öffnete Hund die Tür zum Aufenthaltsraum. Sie führten die Geiseln hinein und ließen sie sich an der rückwärtigen Wand auf den Boden setzen. Die Frau weinte leise. Bär hatte sich ihren Namen nicht gemerkt. Das tat er nie. Es fiel ihm leichter, Menschen zu töten, deren Namen er nicht kannte. Während er und Hund auf den Ausgang zugingen, zog Maus hinter ihnen einen Stuhl vom Tisch zurück und setzte sich. Sie legte die Füße auf die Tischplatte und ließ die Geiseln nicht aus den Augen.
Bär und Hund kehrten in die Steuerzentrale zurück. Sie mussten über den toten Wachmann steigen und Bär ärgerte sich darüber, dass Gorilla ihn direkt vor der Tür erschossen hatte.

Der Gorilla beglückwünschte sich zu seiner Entscheidung, den Wachmann zu töten. Der Widerstand, den er zuvor in den Augen von Doris Junker gesehen hatte, war augenblicklich erloschen. Nun würde sie ihnen keine Schwierigkeiten mehr bereiten. Der Tod des Wachmannes war zwar nicht Teil des Plans gewesen, aber bei so einem Projekt ließ sich nicht jede Kleinigkeit vorhersagen. Außerdem waren sie bereits vom Plan abgewichen, als Robert Neuhaus aussteigen wollte. Er hatte zuerst ihr Geld genommen, seinen Urlaub finanziert und dann kalte Füße bekommen. Als ob sie ein Buchclub wären, bei dem jeder nach Belieben ein- und austreten konnte.
Gorilla setzte seine Maske ab und legte sie auf Hannas Arbeitsplatz. Seine schwarzen, kurzgeschorenen Haare glänzten vor Schweiß. Es war heiß unter der Maske, aber ein paar Stunden Hitze ließen sich ertragen, wenn dafür niemand ihre Gesichter kannte. Er griff nach dem Mülleimer mit den Telefonen und den Codekarten und wollte ihn auf den Arbeitsplatz von Bernd Gloeckner stellen, dabei bemerkte er die blutverschmierte Oberfläche des Schreibtisches. Er blickte zu Löwe hinüber. »Warum hast du Gloeckner die Nase gebrochen? War das notwendig?«
Löwe zuckte wortlos mit den Achseln und Gorilla stellte den Mülleimer auf einen der anderen Arbeitsplätze. Er nahm die weißen, mit Namen bedruckten Codekarten heraus und reichte sie Wolf und Hund. »Riegelt den Park ab! Blockiert die Telefon- und Internetverbindung und legt das Handynetz lahm!«
Die beiden setzten sich und entsperrten mit den Codekarten die Rechner vor sich.
Wolf klickte sich durch die Menüs und die Zugänge zum Freizeitpark schlossen sich.
Sicherheitsgitter senkten sich vor den Augen der verblüfften Besucher und verriegelten die Ein- und Ausgänge. Die elektronischen Hinweistafeln, die zuvor Werbung für die vielen Attraktionen gemacht hatten, zeigten nun an, dass der Park aufgrund technischer Probleme geschlossen werden müsse. Von nun an ließ das Parkleitsystem keine neuen Fahrzeuge mehr auf das Gelände. Gleichzeitig fuhr Hund die Telefonanlage herunter und schaltete den Mobilfunkmast auf dem Gelände ab.
»Es geht los.« Gorilla nickte Löwe und Katze zu. Beide griffen nach ihren Masken und verließen mit ihren Sporttaschen den Raum.
Gorilla blickte auf die Uhr an seinem Handgelenk. Es hatte begonnen!

Lutz Brendinger konnte es kaum abwarten, Charlize-Zoe Watson zu sehen. Seit dem Tag, an dem er von diesem speziellen Dienst des Parks erfahren hatte, freute er sich auf sie. Selbst wenn er sein Idol nicht würde lieben können – was er gehofft hatte –, würde er einen unvergesslichen Tag mit ihr verbringen. Charlize-Zoe Watson! Allein der Name ließ seine Haut kribbeln. Unauffällig zog er die Flasche Rum aus der Tasche und nahm einen weiteren Schluck. Der Alkohol brannte in seiner Kehle wie Chili. Die Flasche war bereits zu einem Drittel geleert, ohne dass ihr Inhalt ihn beruhigt hätte. Im Gegenteil! Er hatte das Gefühl, dass er mit jedem Schluck nervöser wurde. Er beschloss, es langsamer angehen zu lassen. Schließlich wollte er den Körper seiner Traumfrau mit allen Sinnen genießen.
Der Typ am Telefon hatte gesagt, dass Lutz im Hafen auf sie warten solle, und so saß er auf einer Bank am Kai und sah sich ständig um, während die anderen Besucher den Blick aufs Meer richteten, wo sich zwei spanische Galeeren mit einem Schiff der Piraten duellierten. Lutz fühlte sich seltsam. Die Farben um ihn herum leuchteten intensiv. Das Wasser bewegte sich nicht, dafür wankten die Pflastersteine unter seinen Füßen, als hätte jemand die Perspektive vertauscht. Die Luft duftete aufdringlich nach Meer, Salz, Schießpulver und Kakao – was ihm seltsam vorkam –, und jedes Geräusch hallte echogleich in seinem Kopf nach. Vielleicht lag es am Glücksgefühl und den Schmetterlingen in seinem Bauch, oder die Nanoroboter vertrugen sich nicht mit dem Alkohol. Ihm war das egal. Hauptsache, er traf endlich seine Traumfrau.
Die Menge um ihn herum jubelte, als das Piratenschiff eine der Galeeren versenkte. Und dann setzte sich jemand zu ihm auf die Bank.
»Hallo Lutz«, sagte die Person neben ihm mit Rauschen in der Stimme.
Er blickte sie an und für einen Moment hörte die Welt auf, sich zu drehen. Ihr Anblick verscheuchte die Schmetterlinge aus seinem Bauch. Lutz’ Hoffnung auf einen wunderschönen Tag mit seiner Traumfrau zerplatzte wie ein Luftballon.
Diese Charlize-Zoe Watson war nicht die Art von virtueller Begleitung, die er erwartet hatte. Nichts an ihr wirkte menschlich. Sie war eine Mischung aus Comicgrafik und einer Figur aus einem alten 16-Bit-Videospiel. Und als ob das nicht reichte, besaß sie dort, wo das Original mit üppigen Formen ausgestattet war, nur Kanten und Ecken.
Lutz wollte etwas sagen, aber er fand keine Worte. Bernd Gloeckner hatte ihn reingelegt! Anstatt einer realistischen Kopie seiner Traumfrau hatte er ihm eine Klötzchengrafik als virtuelle Begleitung geschickt.
Ein Ehepaar ging vorüber und blickte erst sie und dann etwas länger ihn an. Nun schauten auch andere zu ihm herüber. Alle starrten auf seinen Kopf. Lutz fühlte, wie seine Haut unter ihren Blicken kribbelte. Er stand auf und trat an die Kaimauer. Seine Gestalt spiegelte sich im Wasser des Hafens. Das zweite Mal innerhalb von Sekunden erlebte er einen Schock. Seine Haare wechselten im Sekundentakt ihre Farbe. In einem Augenblick leuchteten sie erdbeerrot, um sich im nächsten Moment in ein giftiges Tannengrün zu verfärben.
Lutz wischte sich die Tränen der Enttäuschung aus seinem Gesicht. Nach einem Moment nahm er sein Telefon aus der Tasche und drückte die Kurzwahltaste von Bernd Gloeckner.
Er wartete.
Als keine Verbindung zustande kam, griff er nach der Flasche Rum und trank einen großen Schluck.
»Alkohol ist im Park nicht erlaubt«, kommentierte die virtuelle Gestalt hinter ihm mit verrauschter Stimme. Sie lächelte, aber wegen ihrer polygonarmen Gestalt wurde daraus ein schiefes Grinsen. »Trink doch lieber eine unserer eiskalten, köstlich schmeckenden Nanobrausen in achtundneunzig verschiedenen Geschmacksrichtungen!«
Lutz heulte vor Wut. Nicht so sehr wegen des Geldes, das er bezahlt hatte, sondern weil seine Erwartungen enttäuscht worden waren. Was hatte er sich auf den Sex mit einer virtuellen Kopie seiner Traumfrau gefreut!
Er drehte sich um und ging davon. Damit würde Bernd Gloeckner nicht durchkommen! Auch er hatte seine Rechte. Selbst wenn diese Zusatzoption in keinem Parkprospekt stand, hatte er für sie bezahlt. Also musste der Park sie ihm auch liefern. Und das hatte er nicht! Lutz ballte wütend die Fäuste. Er würde sich beschweren.
»So warte doch auf mich!« Seine Traumfrau sprang auf und folgte ihm mit ruckartigen Bewegungen.
Abtretende Direktoren und ein schielender Löwe
Das Büro von Dr. Armin Schuster lag außerhalb der Kuppel in einem der angrenzenden Verwaltungsgebäude, weit weg von allen Nanorobotern und visuellen Wahrnehmungstäuschungen. Schon bei der Planung der Anlage hatte er darauf geachtet, dass er ihnen nicht zu nahe kommen würde. Schuster hasste die Vorstellung, dass etwas in seinen Körper eindrang und ihn beeinflusste. Der Gedanke, manipuliert zu werden – und sei es nur als Freizeitvergnügen –, war für ihn unerträglich. Für seine Arbeit brauchte er einen klaren Kopf. Deshalb nahm er weder Alkohol noch Drogen zu sich und war auch nicht bereit, winzige bewusstseinsmanipulierende Roboter einzuatmen. Schuster war verantwortlich für die Besucherzahlen und dafür, dass die Investoren zufrieden waren. Während sich Doris Junker in der Steuerzentrale nur um den technischen Ablauf kümmern musste, leitete er den gesamten Park. Und das tat er seit dem ersten Tag.
Der grauhaarige Mann mit der sich hartnäckig ausbreitenden Glatze nahm seine Brille ab und rieb sich müde die Augen. Der Schmerz pochte in seinem Kopf. Ihm fehlte der Schlaf. Seit er erfahren hatte, dass es einen Untersuchungsausschuss geben würde, der klären sollte, ob beim Bau von Nanopark Schmiergelder gezahlt worden waren, bekam er kaum noch ein Auge zu. Er hatte den Freizeitpark in diese Region geholt und nun wollten sie ihn zum Sündenbock machen!
Er ließ die Brille auf seinen Schreibtisch fallen und stand auf. Sein Rücken schmerzte vom ständigen Sitzen und obwohl er kaum noch Appetit hatte, wurde sein Bauch immer runder. Schuster ging an dem Tisch mit den Modellen der Nanopark-Attraktionen vorbei zum Fenster und blickte hinaus. Draußen schien die Sonne, doch der herrliche Tag stand im krassen Gegensatz zu seiner Stimmung. Sicher, er hatte einige unschöne Entscheidungen getroffen, damit der Park gebaut werden konnte, aber was war so schlimm daran? Hatte es so etwas nicht schon immer gegeben? Er erinnerte sich an eine Fußballweltmeisterschaft, die damals nur so nach Deutschland geholt werden konnte. Solche Entscheidungshilfen waren schon immer notwendig gewesen, jeder wusste das, doch seine kehrte wie ein Boomerang zu ihm zurück. Er ballte die Fäuste. Sollten sie doch versuchen, ihn zu Fall zu bringen! Er würde nicht allein stürzen. Schon vor langer Zeit hatte er sich abgesichert. Wenn sie ihn opferten, würde er andere mitreißen.
Schuster blickte stumm zum Fenster hinaus auf die Kuppel. Eine Welle aus unterschiedlichen Blautönen lief über ihre Oberfläche. Wenn er den Kopf in den Nacken legte, konnte er gerade noch den unteren Teil des computeranimierten Schriftzugs ›Nanopark‹ erkennen.
Verbittert dachte er daran, was er alles geopfert hatte. Nicht nur seine Ehe, die an den vielen Stunden zerbrochen war, die er mit der Planung und dem Bau der Anlage zugebracht hatte, auch seine Gesundheit war auf der Strecke geblieben. Und wofür? Damit er jetzt den Kopf für andere hinhielt? Ein Bauernopfer, um die Großen zu schützen? Bevor er Nanopark in diese Region geholt hatte, hatte es hier nur Rapsfelder gegeben. Die Arbeitslosenzahlen waren höher gewesen als anderswo und die Jugend hatte der Region den Rücken gekehrt. Nun blühte die Wirtschaft. Jedes Jahr kamen mehr Besucher und man dachte sogar daran, einen zweiten Park zu eröffnen. All das hatten sie nur ihm zu verdanken. Trotzdem wollten sie ihn nun fallen lassen.
Das Telefon auf seinem Schreibtisch summte. Schuster ignorierte den Anrufer. Er hatte angeordnet, nicht gestört zu werden. Außerdem war er viel zu aufgewühlt, um mit jemandem sprechen zu können. Sein Herz hämmerte schmerzvoll in seiner Brust. Verbittert dachte er an die Worte seines Arztes, der ihm dringend geraten hatte, kürzerzutreten. Während seines Studiums hatte er gegen den Stress Sport getrieben. Heute fehlte ihm die Zeit dazu, obwohl er es nötiger hatte denn je.
Wie sich im Alter doch die Perspektiven verschieben, dachte er. Über seine damaligen Probleme konnte er heute nur noch lachen.
Das Summen seines Telefons verstummte.
Wie so oft in letzter Zeit dachte er an Robert Neuhaus und eine Mischung aus Ärger und Verzweiflung wallte in ihm auf. Warum hatte dieser Idiot nicht besser aufgepasst? Wenn die Medien mitbekämen, dass es einen Todesfall im Park gegeben hatte, würde man ihn als Verantwortlichen in der Luft zerreißen. Und dieser dilettantische Polizeibeamte hatte auch noch ›Unfall mit Todesfolge‹ in seinen Bericht geschrieben. Was bedeutete, dass es im Park mangelnde Sicherheitsvorkehrungen gab. Als ob er nicht schon genug Probleme hätte. Also hatte er ein paar Fäden gezogen und dafür gesorgt, dass die Versicherungsgesellschaft einen Ermittler schickte. Hoffentlich war dieser loyal genug, um zu dem Schluss zu kommen, dass es Selbstmord gewesen war.
Seine Gedanken waren immer noch bei Robert Neuhaus, als es klopfte. Schuster drehte sich um und schaute zur Tür. »Ja!«, rief er. Seine Stimme klang gereizt.
Die dunkle Mahagonitür öffnete sich und seine Sekretärin schaute herein. Claudia Thomas arbeitete erst seit einigen Wochen im Park und wusste noch nicht, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollte. Er spürte ihre Unsicherheit.
»Entschuldigen Sie, Herr Direktor. Ich weiß, Sie wollten nicht gestört werden, aber es gibt Probleme.«
Er seufzte und steckte seine Hand auf der Suche nach einer Schachtel Zigaretten in die Tasche seines Jacketts. Dann fiel ihm ein, dass er mit dem Rauchen aufgehört hatte, und er zog sie ärgerlich wieder heraus. »Gibt es die nicht ständig?«, fragte er ruppiger, als er es vorgehabt hatte.
Seine Sekretärin wagte ein zaghaftes Lächeln. Als er es nicht erwiderte, verschwand auch das ihre. »Diesmal ist es anders.«
Er winkte sie mit der flachen Hand herein. »Was ist denn los?«
Sie trat ein und schloss die Tür hinter sich. »Der Kontakt zum Park ist abgerissen. Unsere Mitarbeiter melden, dass sich die Sicherheitstüren geschlossen haben und das Parkleitsystem abgeschaltet wurde.«
Er glaubte, sich verhört zu haben. »Der Park ist geschlossen?«
Sie nickte.
»Und Sie können niemanden über Telefon und Internet erreichen?«
»So ist es.«
»Haben unsere Techniker versucht, die Kuppel manuell zu öffnen?«
»Noch nicht, ich wollte Sie zuerst informieren.«
»Dann sehen Sie zu, dass das geschieht. Und schicken Sie jemanden hinaus, der die wartenden Besucher beruhigt. Erzählen Sie ihnen irgendeine harmlose Geschichte und verbreiten Sie die auch in den sozialen Netzwerken.«
»Sollten wir …« Sie zögerte. »Sollten wir nicht die Polizei oder die Feuerwehr informieren?«
»Warum?« Er sah sie gereizt an. »Brennt es oder wurde eine Straftat verübt?«
»Nein, aber …«
»Gab es sonst einen Alarm?«
»Auch nicht …«
»Dann brauchen wir auch niemanden zu benachrichtigen. Die offizielle Stellungnahme lautet: geringfügige technische Störung. Haben Sie mich verstanden?«
Sie nickte bemüht.
»Jetzt sorgen Sie dafür, dass die Techniker die Eingänge wieder öffnen!«
Seine Sekretärin floh regelrecht aus seinem Büro. Noch bevor sie die Tür hinter sich zugezogen hatte, nahm er das Telefon von der Station und drückte die Kurzwahltaste, die ihm eine Leitung zur Steuerzentrale in der Kuppel öffnete. Als er nur das Besetztzeichen hörte, legte er auf. Sekundenlang starrte er Löcher in die Luft. Seine Nackenhaare stellten sich auf. Eine Ahnung sagte ihm, dass die Abriegelung der Kuppel nicht nur eine geringfügige technische Störung war. Er griff erneut nach dem Telefon. Diesmal wählte er die Nummer per Hand.
Eine Zeitlang klingelte es, bevor sich eine tiefe Männerstimme meldete: »Direktor Schuster, Sie sollten mich nicht anrufen, solange die Untersuchungen gegen Sie nicht abgeschlossen sind.«
»Sie meinen, die Untersuchungen gegen uns«, antwortete Schuster grob. Er sah den Landtagsabgeordneten Philipp Herz-Hoffmann in Gedanken vor sich, wie er in seinem perfekt sitzenden Maßanzug in seinem Büro thronte und mit einem zufriedenen Lächeln seine glorreiche Zukunft als Regierungspolitiker herbeisehnte.
»Was wollen Sie?«
»Haben Sie etwas mit den Ausfällen in meinem Park zu tun?«, stieß er hervor.
Eine Sekunde lang herrschte Stille. »Ich weiß nichts von irgendwelchen Ausfällen. Ich bin auf einer Wahlkampfveranstaltung und habe nicht die Zeit, mich mit Ihren Problemen zu beschäftigen. Die müssen Sie schon selbst lösen.«
Schuster kannte Philipp Herz-Hoffmann noch aus der Zeit, als sie zusammen in Berlin studierten. Schon damals waren sie nicht gut miteinander ausgekommen. Herz-Hoffmann gehörte zu der Sorte Mensch, die einen anlächelte, während sie hinterrücks ein Messer zückte. Anstatt sich auf sein Studium zu konzentrieren, hatte er damals die Zeit genutzt, um sich ein Netzwerk aus Kontakten aufzubauen. Heute kannte er für jedes Problem den richtigen Mann. Auf diese Weise hatte er es bis in den Bauausschuss des Brandenburger Landtages geschafft und kandidierte jetzt für ein Amt in Berlin. Schuster hatte ihn angerufen, als bekannt geworden war, dass für einen neuen Typ von Freizeitpark ein Standort gesucht wurde. Herz-Hoffmann half ihm nicht nur dabei, Nanopark nach Brandenburg zu holen, er verschaffte ihm auch die Stelle des Parkdirektors. Schuster hatte keine Ahnung gehabt, welche Fäden er dafür gezogen hatte, und es war ihm auch egal gewesen. Heute bereute er, nicht danach gefragt zu haben.
»Ich lege jetzt auf und möchte Ihnen raten, mich in Ruhe zu lassen!«, klang es aus dem Hörer.
»Oh ja, ich werde Sie in Ruhe lassen, aber nur, wenn Sie dafür sorgen, dass die Untersuchungen gegen mich eingestellt werden!«
Er hörte ein unterdrücktes Stöhnen. »Ich habe Ihnen schon mehrmals gesagt, dass ich das nicht kann. Der Ausschuss ist überparteilich und er wird die Untersuchung gegen Sie nicht einstellen, nur weil ich ihn darum bitte.«
»Wenn ich vorgeladen werde, sage ich aus. Dann sind auch Sie dran. Ich habe Videoaufnahmen, die beweisen, dass Sie hinter allem stecken.«
Die Stimmlage des Politikers veränderte sich. »Damit haben Sie mir bereits bei Ihrem ersten Anruf gedroht. Und ich habe Ihnen versprochen, dass Sie nicht ins Gefängnis gehen werden. Jemand kümmert sich bereits um das Problem.«
Seine Worte hallten in Schusters Kopf wider. Er schluckte, trotzdem schaffte er es, seiner Stimme einen drohenden Unterton zu geben. »Ich warne Sie. Falls Sie vorhaben, mich verschwinden zu lassen wie Ihre übrigen Probleme, werden Sie das bereuen. Wenn ich mich nicht regelmäßig einlogge, geht mein Video an die Medien und an die Staatsanwaltschaft. Dann sind Sie dran!«
»Ich weiß von Ihrer Absicherung und dass Sie Ihr Video irgendwo auf dem Server des Nanopark-Rechners versteckt haben.«
»Woher …«, rutschte es Schuster heraus. Dann dachte er an den Programmierer, dem er auf Herz-Hoffmanns Befehl hin einen Job in der Steuerzentrale verschafft hatte, und er begriff, wie der Landtagsabgeordnete an seine Informationen gekommen war.
Herz-Hoffmann sprach weiter: »Sie unterschätzen mich noch immer. Ich wäre nie so dumm, das Video zu vergessen.« Übergangslos beendete er das Gespräch und legte auf.
Schuster hatte plötzlich Angst. Sein Blick sprang zur Tür, die sich in diesem Moment leise öffnete. Ein Mann in einem schwarzen Overall, mit einer tief ins Gesicht gezogenen Schirmmütze, trat ein.

Nun bereute Hanna, dass Emma und Moritz kein Telefon besaßen. Schon vor Jahren hatte Eric ihnen eines dieser modernen, ultrateuren Empathiephones kaufen wollen, aber sie hatte es nicht erlaubt. Wie so oft waren sie deshalb aneinandergeraten, trotzdem hatte sie nicht nachgegeben. Sie war Programmiererin und sie kannte die Gefahren, die im Internet und in der ständigen Erreichbarkeit lauerten. Außerdem hatte sie geahnt, dass Eric es nicht tat, weil er Emma und Moritz liebte, sondern nur, weil er sich ihre Liebe erkaufen wollte. Das aber hatte sie nicht zulassen können. Sie dachte an die Tränen der Kinder und an den Ärger mit Eric. Der Ärger zog sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Er hatte bereits in der Schule begonnen, wo sie ständig mit ihren Klassenkameraden aneinandergeriet. Niemand mochte ein Mädchen, das klüger als der Rest der Klasse war. Als die Jahre sie älter und reifer werden ließen, waren es die Lehrer und Ausbilder, mit denen sie Probleme bekam. Die Einzigen, auf die sie sich immer verlassen konnte, waren ihre Computer – selbst wenn das eine oder andere Betriebssystem sie manchmal in den Wahnsinn getrieben hatte.
Jetzt war es der große rote Knopf in der Notrufsäule, der sie verzweifeln ließ. Hanna drückte ihn bereits zum wiederholten Mal, ohne dass Daniel oder Lea in der Steuerzentrale reagierten. Was war nur los? Warum antworteten sie nicht? Selbst wenn alle Leitungen belegt gewesen wären, hätte der Telefoncomputer sich melden müssen. Stattdessen hörte Hanna nicht einmal Rauschen aus dem Lautsprecher. Sie dachte an die Raftingbahn. Hoffentlich war nicht schon wieder ein wichtiges System ausgefallen. Doris würde ausrasten. Seit die Versicherung ihr den Besuch eines Ermittlers angekündigt hatte, war sie kaum noch zu ertragen gewesen. Wenn jetzt auch noch das Notrufsystem nicht mehr funktionierte, würde sie ihren Ärger an ihren Mitarbeitern auslassen. Und speziell an ihr, Hanna, wenn sie in der Steuerzentrale auftauchte, um nach ihren Kindern zu suchen. Mit einem tragbaren Wartungscomputer hätte sie sich jetzt in die Notrufsäule eingeklinkt und selbst den Aufenthaltsort der beiden herausgefunden, doch den besaß sie nicht.
Hanna schloss die Augen und zählte in Gedanken bis zehn. Sie hätte ihren Exmann in der Luft zerreißen können. Ständig brachte er sie in Schwierigkeiten, selbst jetzt noch nach der Scheidung. Schon während ihrer Ehe hatte sie andauernd seine Probleme lösen müssen. Eric gehörte zu der Sorte von Menschen, die sich weigerte, Verantwortung zu übernehmen. Selbst für das eigene Leben. Traten Probleme auf, erwartete er, dass andere sie für ihn lösten. Hanna stellte sich Doris’ Reaktion vor, wenn sie jetzt in der Steuerzentrale auftauchte, anstatt sich um den Typen von der Versicherung zu kümmern. Doris und Parkdirektor Schuster hatten ihr in aller Deutlichkeit klargemacht, wie wichtig es für den Park sei, dass Robert Selbstmord begangen habe. Nach dem Ausfall der Raftingbahn konnte sich Nanopark nicht noch mehr schlechte Publicity leisten – und ein Unfall mit Todesfolge wäre definitiv eine schlechte Publicity gewesen. Dann doch lieber Selbstmord. Die beiden hatten ihr aufgetragen, den Ermittler der Versicherungsgesellschaft uneingeschränkt zu unterstützen und ihn davon zu überzeugen, dass Roberts Tod ein Selbstmord gewesen war. Und das, obwohl sie selbst nicht daran glaubte. Hanna seufzte. Manchmal hatte sie das Gefühl, als wäre sie nur geboren worden, damit andere sie herumkommandieren konnten.
Hinter ihr kündigte eine Fanfare den Beginn der mittäglichen Parkparade an. Hanna trat von der Notrufsäule zurück. Mehrere Besucher liefen an ihr vorüber, um sich noch schnell einen guten Platz in den vordersten Reihen zu sichern. Aus verborgenen Lautsprechern setzte Musik ein. Sie schaltete ihren DeAktor ab. Jetzt sah Hanna eine Gruppe Dickhäuter scheinbar aus einer Höhle in der Seitenwand treten. Dabei war die Öffnung so wenig real wie die Löwen, Affen und Antilopen, die den Elefanten folgten. Die Tiere reckten die Köpfe, als genössen sie den Jubel der Besucher, die an den Wegen standen und begeistert klatschten. Ein Konfettiregen aus blinkenden Lichtern fiel auf sie herab, hüllte sie ein und stob in Form winziger Schmetterlinge in alle Richtungen davon. Nach den Tieren aus dem Themenbereich Dschungelsafari folgte das erste von fünf Fahrzeugen, ein chromblitzendes, bunt geschmücktes Ungetüm, besetzt mit den Robotern aus der Stadt der Zukunft. Eine Gruppe Tänzer und Tänzerinnen begleitete sie. Für Hanna trugen sie weite, farbenprächtige Gewänder, aber sie wusste, dass der Computer ihr diesen Anblick nur zeigte, weil sie eine Frau war. Für die Kinder schienen es Comicfiguren zu sein; die Männer hingegen sahen leicht bekleidete, barbusige Revuetänzerinnen. Was erklärte, warum fast alle von ihnen in der ersten Reihe standen. Ein paar machten mit ihrem Handy Fotos. Hinterher würden sie feststellen, dass sich nichts von dem, was sie fotografiert hatten, auf dem Speicherchip der Kamera befand.
Die Steuerzentrale lag auf der gegenüberliegenden Seite im Innenbereich der Kuppel. Hanna wusste aus Erfahrung, dass gleich noch mehr Besucher aus dem Hotel, den Restaurants und den Attraktionen strömen und die Wege verstopfen würden. Sie musste sich beeilen, sonst würde sie sich durch die Menschenmenge bis zur Steuerzentrale hindurchkämpfen müssen. Hanna wandte den computergenerierten Piraten auf ihrer fliegenden Galeere, die in diesem Moment hinter den Fahrzeugen aus der Wand schwebte, den Rücken zu, stieg über die Wegbegrenzung und lief abseits der Wege weiter. Links von ihr zogen die Magneten in der Wildwasserbahn ein neues Boot in die Höhe. Rechts fuhr die Einschienenbahn vorbei. Sie aktivierte ihren DeAktor und die Hälfte der Felsen um sie herum lösten sich auf. Aus den baumhohen Pilzen wurden wieder Kunststoffsäulen. Sie hielt sich rechts von ihnen und lief für die Besucher, die ihr in diesem Moment hinterherschauten, scheinbar durch die Felsen hindurch. Auf der anderen Seite verlief die Tausendfüßlerbahn. Dahinter stürzte eine jetzt kümmerliche Version des Wasserfalls die Innenwand der Kuppel hinunter in den Badesee. Hanna missachtete das Verbotsschild, sprang über die Schienen und erreichte einen schmalen Pfad, der sie zum Eingang der Steuerzentrale brachte. Sie benutzte ihre Codekarte und öffnete die Sicherheitstür.
Im Inneren der Anlage war es ungewöhnlich still. Sie warf einen Blick auf die Uhr ihres Handys. Es war Mittagszeit. Die meisten ihrer Kollegen und Kolleginnen würden sich jetzt im Aufenthaltsraum aufhalten. Vielleicht hatte sie Glück und nur die Notbesatzung, die die Parkparade überwachte, würde mitbekommen, dass sie in der Steuerzentrale war. Wer hatte heute Dienst? Leon? Wieder fiel ihr die Ruhe auf. Normalerweise unterhielt Jonas die ganze Truppe. Heute schien ihm die Lust auf eine lautstarke Unterhaltung zu fehlen. Hoffentlich saßen nicht noch alle in der Zentrale und kümmerten sich um das Problem mit den Notrufsäulen. Sie ging auf Zehenspitzen den Flur entlang und erreichte die Tür zur Steuerzentrale. Leise trat sie ein.
Auf dem Boden lag Bruno Meyer, der Sicherheitsmann des Parks. Sein weißes Gesicht und die stumpfen, leblosen Augen erinnerten Hanna an die Porzellanpuppe, mit der sie als Kind gespielt hatte. Doch ihre Puppe hatte nie mit einem Einschussloch in der Stirn in einer Pfütze aus getrocknetem Blut gelegen.
Sie stieß einen schrillen Schrei aus und prallte zurück, als hätte sie einen Stromschlag bekommen. Ihr Magen zog sich zusammen. Gallensekret stieg ihre Kehle hoch. Obwohl das Blut wie ein Orkan in ihren Ohren rauschte, hörte sie eine Stimme brüllen: »Lasst sie nicht entkommen!«
Ein großer, breitschultriger Mann, bis zum Hals in einem Gorillakostüm, stürmte aus Doris’ Büro. Erst jetzt bemerkte Hanna die anderen Gestalten an den Rechnern. Ein braunhaariger Mann in einem Dalmatineroverall, den Hundekopf auf dem Boden vor sich, sprang auf. Sein Bürostuhl wirbelte herum und drehte sich durch den Schwung wie ein Karussell. Er trug eine auffällige Strichcode-Tätowierung auf der Stirn. Ein Glatzkopf in einem Wolfskostüm griff nach seiner Waffe, die vor ihm neben der virtuellen Tastatur lag.
Hanna taumelte zurück. Mit einem Geräusch wie beim Öffnen einer unter Druck stehenden Thermoskanne löste sich links von ihr ein Teil der Wandverkleidung. Putz flog durch die Luft. Sie schaute zu dem Mann in dem Bärenkostüm hinüber und begriff, dass er mit einer schallgedämpften Waffe auf sie geschossen hatte.
Hannas Selbsterhaltungstrieb übernahm die Kontrolle. Ohne dass es ihr bewusst wurde, warf sie sich herum und floh aus der Steuerzentrale. Hinter ihr schoss der Bär erneut und traf die Stelle, an der sie gerade noch gestanden hatte. Hanna hastete auf den Ausgang der Steuerzentrale zu. Ihre Turnschuhe quietschten auf den Fliesen. Kurz rutschte sie aus und für einen Moment befürchtete sie, dass sie fallen würde. Dann fing sie sich und rannte weiter. In Gedanken sah sie, wie einer der Männer auf den Gang trat, seine Waffe hob und ihr eine Kugel in den Rücken schoss.
Sie lief an dem Aufenthaltsraum vorbei. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass sich seine Tür öffnete. Eine Frau mit blau gefärbten Haaren schaute heraus und gab ihr unfreiwillig Deckung.
Hanna erreichte die Sicherheitstür und hieb mit der flachen Hand auf den Öffnungsmechanismus. Von dieser Seite aus ließ sich die Tür ohne eine Codekarte öffnen, trotzdem dauerte es ein paar Sekunden, bevor die Elektronik reagierte.
»Aus dem Weg!«, schrie jemand hinter ihr und meinte damit offensichtlich die Frau mit den blauen Haaren. Mit einem metallischen Klicken schwang die Sicherheitstür nach außen. Hanna sprang hinaus, kaum dass die Lücke groß genug war.
Musik, Menschenlärm und Wärme schlugen ihr entgegen. Sie widerstand dem Verlangen sich umzuschauen und rannte weiter. Dann aber blickte sie doch über die Schulter zurück und sah, wie Hund und Wolf hinter ihr die Sicherheitsschleuse verließen. Jetzt trugen sie ihre Masken.

Bär hatte Angst. Sicher ebenso viel wie die rothaarige Frau, die soeben unverhofft in der Steuerzentrale aufgetaucht war. Im ersten Moment hatte er geglaubt, Gorilla würde sein Versprechen wahr machen und sie alle erschießen – immerhin hatte die Frau sie ohne ihre Masken gesehen –, aber das tat er nicht. Stattdessen schickte er Hund und Wolf hinter ihr her. Die Frau konnte die Kuppel nicht verlassen. Der Park war abgeriegelt, aber trotzdem mussten sie sich um sie kümmern. Sie würde jeden Einzelnen von ihnen identifizieren und für lange Zeit ins Gefängnis bringen können. Eben noch hatten die Teile ihres Plans wie die Zahnräder eines Uhrwerks ineinandergegriffen und jetzt lagen seine Einzelteile verstreut auf dem Boden.
Gorilla kam zu ihm herüber. »Ruf die Logdatei auf und schau nach, wer als Letztes die Sicherheitstür zur Zentrale geöffnet hat. Die Frau muss eine Codekarte besitzen, sonst wäre sie hier nicht reingekommen.«
Bär wandte sich dem Rechner zu. Seine Handflächen waren schweißnass. Er hatte Angst, dass Gorilla ihn doch noch erschießen würde. Umständlich klickte er sich durch die Ordner und fand nach einigem Suchen schließlich die richtige Datei. Jetzt kannte er ihren Namen. »Es war Hanna Lehnhardt!«

Lutz Brendinger, der Junge mit den Regenbogenhaaren, versuchte mehrere Male, Bernd Gloeckner zu erreichen, doch weder sein Empathiephone noch eine der Notrufsäulen funktionierten. Auch sein Vorhaben, einen Parkmitarbeiter aufzutreiben, scheiterte. Das war der Nachteil eines vollautomatischen Systems. Wenn man mal jemanden brauchte, war niemand zur Stelle. Bei wem sollte er sich jetzt beschweren? Er hatte für eine Leistung bezahlt, die der Park nicht lieferte. Damit wollte er die Verantwortlichen aber nicht durchkommen lassen. Diese pixelige Computergrafik neben ihm hatte so viel Erotik wie der Bigfoot, den zahlende Besucher in der afrikanischen Ebene jagen konnten. Wie sollte er bei der in Fahrt kommen?
Eine Horde Kinder, mit Eistüten in den Händen, rannte an ihm vorbei zur kleineren Achterbahn hinüber. Als sie seine Haare sahen, brachen sie in schallendes Gelächter aus. Lutz zeigte ihnen den Mittelfinger, bis sie inmitten anderer Besucher verschwanden. Er versenkte sein nutzloses Telefon in der Tasche.
»Bist du böse auf mich?«, fragte seine Traumfrau plötzlich. Sie saß neben ihm im Gras, mit dem Rücken an die südliche Stadtmauer gelehnt, und sah zu, wie sich ihre Zehen bewegten.
Lutz drehte sich ruckartig zu ihr herum. »Böse? Ich bin enttäuscht! Ach was, ich bin wütend! Und ich fühle mich betrogen!«
Sie sah ihn erschrocken an. »Was habe ich denn getan?«
»Du hast gar nichts getan.« Er verschränkte die Arme. »Du bist nur nicht das, was ich mir vorgestellt habe.«
»Ich gefalle dir nicht?«
»Fragst du mich das jetzt wirklich?« Er bedachte sie mit einem verächtlichen Blick. »Ich habe eine Kopie meiner Traumfrau bestellt – und jetzt schau dich an! Du siehst aus, als kämst du aus einem Videospielmuseum. Du warst vielleicht mal vor fünfzig Jahren hübsch. Heute bist du nur noch ein Witz. Wie soll mir so etwas gefallen?«
Ihre Lippen zuckten. Lutz konnte es nicht glauben: Rollte da tatsächlich eine kantige Träne über ihre Wange?
»Ist es nicht egal, wie ich aussehe? Zählen meine inneren Werte denn gar nicht?«
»Oh bitte!« Er riss genervt die Arme hoch. »Welche inneren Werte? Du bist eine Computerfigur. Du besitzt keine inneren Werte, außer vielleicht Nullen und Einsen. Du wurdest von irgendeinem unfähigen Programmierer zusammengeklickt, der sich jetzt über mich totlacht.«
Für einen Moment sah es so aus, als würde sie seine Beleidigung kommentarlos schlucken. Dann stemmte sie beide Hände in die Seite und sah ihn zornig an. »Ich finde nicht, dass sich jemand mit diesen Haaren über mein Aussehen lustig machen darf.«
Er sah sie verblüfft an. »Für eine Computerfigur bist du ganz schön frech.«
»Ist bestimmt ein Softwarefehler. Sicher hat sich neben den Nullen und Einsen auch eine Zwei eingeschlichen.«
Lutz schwieg einen Moment lang verdutzt. Dann grinste er. »Vielleicht werden wir ja doch etwas Spaß zusammen haben.«
»Ich lache schon jetzt«, sagte seine Traumfrau, ohne eine Miene zu verziehen. Sie deutete zur kleineren Achterbahn hinüber. »Willst du nicht mal eine Runde fahren? Vielleicht kommst du dann auf andere Gedanken. Du bist schließlich in einem Freizeitpark.«
»Ich mache mir nichts aus Fahrgeschäften.«
»Dann bist du hier ja richtig.«
»War das jetzt Ironie?«
»Ich glaube, da hakte nur eine der Nullen und Einsen.«
Lutz verdrehte die Augen. »Ist ja schon gut! Ich habe es nicht so gemeint.«
Sie richtete sich abrupt auf. »Dann lass uns jetzt Spaß haben. Worauf hast du Lust?«
Meine Lust ist mir vergangen, lag ihm auf der Zunge. Stattdessen sagte er: »Vielleicht könnten wir woandershin gehen. Jeder, der vorübergeht, starrt auf meine Haare.«
»Ist doch toll, dann beachtet man mich wenigstens nicht.«
»Sehr witzig! Also, was machen wir?«
»Wir könnten nach oben in die afrikanische Ebene fahren. Dort sind im Moment die wenigsten Besucher.«
»Dann komm!« Automatisch reichte er ihr die Hand, bis ihm einfiel, dass sie ja nur eine virtuelle Projektion in seinem Kopf war.
Sie ließen die Piratenfestung hinter sich zurück.
»Du hast dir gewünscht, dass ich wie dieser Streamingstar aussehe«, sagte sie, während sie sich den Fahrstühlen näherten.
»Charlize-Zoe Watson, die Influencer-Queen. Die sieht so cool aus!«
»Bist du in sie verliebt?«
Er errötete. »Quatsch«, log er.
»Na ja, wenn ich mir die Menge an Filmen, Büchern und animierten Postern anschaue, die du dir online bestellt hast, kann man aber auf den Gedanken kommen.«
Ruckartig blieb er stehen. »Woher weißt du, was ich mir bestellt habe?«
»Du hast doch beim Kauf der Eintrittskarte deine persönlichen Daten angegeben. Hast du geglaubt, die würden nicht mit deinen anderen Informationen im Netz verknüpft werden? Du würdest dich wundern, was ich alles über dich weiß.«
»Du kennst meine Onlineeinkäufe?«, fragte er erschrocken.
Sie nickte. »Unter anderem.«
»Alle Einkäufe?«
»Wenn du das Sexspielzeug meinst, ja, davon weiß ich auch. Aber mach dir nichts draus. Andere kaufen das auch. Und laut den Bewertungen im Onlineshop soll es ja sein Geld wert sein. Stimmt das? Ich konnte so etwas noch nie ausprobieren.«
Lutz wurde rot. Er antwortete nicht und war froh, als sie schließlich das Thema wechselte. »Wie willst du mich eigentlich nennen? Charlize-Zoe Watson wäre wohl nicht passend.«
»Nein, ganz sicher nicht.« Er überlegte. »Ich glaube, ich werde dich Elaine Marley nennen.« Falls sie die Anspielung verstanden hatte, ignorierte sie sie.
»Ist mir recht. Also, Lutz, du studierst Medieninformatik und Interaktives Entertainment in Heidelberg an der Uni. Deine Eltern kommen aus Hamburg, aber du besuchst sie kaum noch. Warum?«
Er fragte nicht, woher sie das alles wusste. »Keine Zeit.«
»Quatsch! Nach Brandenburg hast du es ja auch geschafft.«
Lutz dachte über ihre Frage nach. »Ich wüsste nicht, was ich ihnen sagen sollte.«
»Dann lass sie doch reden.«
Sie hatten die Fahrstühle erreicht. Lutz drückte den Rufknopf. »Das ist … kompliziert. Mein Vater und ich haben nicht das beste Verhältnis.« Er ertappte sich dabei, wie er ihr gerade seine privatesten Gefühle ausschüttete. Aber es fühlte sich nicht falsch an. Obwohl sie nur eine pixelige Computergestalt war, nahm sie ihn ernst. Etwas, das er schon lange nicht mehr erlebt hatte.
Der Fahrstuhl kam und zusammen mit anderen Besuchern fuhren sie hinauf in die afrikanische Ebene.

Katze und Löwe fuhren ebenfalls hinauf in die dritte Etage, in den Themenbereich Die Dschungelsafari, doch sie benutzten den Mitarbeiterfahrstuhl. Die Kabine rumpelte und Katze dachte, dass man in einem so modernen Park doch wohl einen lautlosen Fahrstuhl erwarten konnte. Neben ihr lehnte Löwe an der Wand und schaute stumm ins Leere. Seine Automatikpistole steckte in der Tasche seines Kostüms. Er sagte kein Wort, aber er sprach ohnehin nie viel, was wohl daran lag, dass sein Wortschatz sehr begrenzt war. Zumindest nahm sie das an. Löwe war jemand, den sie als Rauschmied bezeichnete und der damit das genaue Gegenteil von ihr war. Er nahm lieber den Vorschlaghammer als das Feinmechanikerwerkzeug. Niemand aus dem Team sprach es aus, aber jeder wusste, dass er Spaß daran hatte, Dinge zu zerlegen. Und diese Dinge waren keine Gegenstände.
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