Kitabı oku: «Die Leiche im Landwehrkanal»

Yazı tipi:

Uwe Schimunek

Die Leiche im Landwehrkanal

Von Gontards sechster Fall

Criminalroman

Jaron Verlag

Uwe Schimunek, Leipziger Journalist und Autor, schreibt Kurzgeschichten und Kriminalromane. Er liest regelmäßig bei den jährlich stattfindenden Ostdeutschen Krimitagen und im Rahmen des Krimi-Kleinkunst-Programms »Killer-Kantate«. Im Jaron Verlag erschienen von ihm in der Reihe »Es geschah in Sachsen« drei Bände, zuletzt »Der ermordete Gärtner« (2013). Für die Reihe »Es geschah in Preußen« verfasste er zusammen mit Jan Eik den Band »Attentat unter den Linden« (2012).

Originalausgabe

1. Auflage 2013

© 2013 Jaron Verlag GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

www.jaron-verlag.de

Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin

Satz: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

1. digitale Auflage 2013: Zeilenwert GmbH

ISBN 978-3-95552-035-9

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Nachbemerkung

Es geschah in Preußen

Eins

Donnerstag, 22. August 1850

Christian Philipp von Gontard sah das Dilemma schon von weitem. Kaum hatte er die Schilder passiert, die das Betreten der Baustelle verboten, bemerkte er den Menschenauflauf am Wasser. Die Gruppe von Männern wirkte schon von hier aus so ratlos wie ostpreußische Bauern vor einer algebraischen Gleichung. Ein Mann löste sich aus dem Pulk vorn am Ufer und winkte. Gontard erkannte Peter Joseph Lenné – der Königliche Gartendirektor und Stadtplaner war persönlich zum Unglücksort gekommen. So schlimm stand es also …

Die letzten Meter ritt Gontard im Galopp über die Berliner Wiesen. An einem Baum in Steinwurfweite zum Ufer standen zwei Reitpferde an einer provisorischen Tränke. Gontard stieg von seinem Rappen und band ihn neben den anderen Gäulen fest.

»Guten Tag, Herr Oberst-Lieutenant! Schön, dass Sie so schnell kommen konnten«, empfing ihn Lenné. Aus der Nähe wirkte das Gesicht des Gartendirektors wie eine Karstlandschaft. Gontard wusste von der Pockenerkrankung in Lennés Kindheit, dennoch erschrak er stets ein wenig, wenn er auf den Gartenmeister traf.

»Ich wünsche ebenfalls einen guten Tag«, erwiderte Gontard und zeigte dann zur Unglücksstelle. »Ihre Männer sehen besorgt aus.«

»Wenn Sie das Malheur sehen, werden Sie das verstehen«, sagte Lenné. Er wandte sich zum Ufer und rief im Gehen: »Meister Häußler! Hier ist Oberst-Lieutenant von Gontard!«

Ein Mann mit einem üppigen Vollbart zog seinen Hut. Über seinen kurzen Beinen wirkte der Brustkorb wie aufgeblasen. Wenn der Mann statt des Hutes eine Zipfelmütze trüge, hätte er einen Zwerg in einer Heldensage darstellen können.

Je näher sie dem kleinen Mann und dem Wasser kamen, desto deutlicher wurde Gontard das Ausmaß der Misere: Dort, wo die Uferbefestigung allem Anschein nach im rechten Winkel verlaufen sollte, war die Böschung auf Dutzenden Metern weggebrochen. Das Erdreich schien sich in den Kanal zu ergießen wie Brei, der aus einem Kochtopf quoll.

Häußler stand vor ihnen und sagte: »Die gesamte Verschalung ist abgerutscht, und nicht nur das. Die Befestigung hat es ebenfalls hinweggeschwemmt.« Der kleine Mann schüttelte den Kopf. »Ich kann mir das nicht erklären.«

Die beiden Arbeiter traten beiseite, damit Lenné, Gontard und Häußler zum Erdrutsch treten konnten. Jetzt sah Gontard, dass der Kanal keineswegs im rechten Winkel um die Ecke führte, wie es von der Entfernung ausgesehen hatte. Vielmehr lag eine Art künstlicher Teich vor ihnen, der seitlich zum Kanal in die Wiese gelassen war. Auch an der Einmündung war das Ufer ins Wasser gerutscht: Erdklumpen, Holzbalken und Klinkerziegel hatten sich zu einem einzigen Durcheinander vermischt.

»Welche Funktion soll dieser Teich haben?«, erkundigte sich Gontard.

»Wir nennen es Bassin. Hier können Schiffe wenden oder auch für längere Zeit vor Anker gehen«, erklärte Lenné, »zum Beispiel, wenn die Witterung den Verkehr nicht zulässt. Es gibt noch ein paar solche Anlagen kanalabwärts. Vielleicht bauen wir die Bassins später wieder zurück, wenn es hinreichend Kapazität in den Häfen gibt.«

Gontard schaute über das Bassin. Zwei, vielleicht drei Schleppkähne würden hier Platz finden, schätzte er. Aber bevor das Ufer wieder befestigt war, fuhr sicher kein Schiff durch diesen Kanal, geschweige denn in dieses Bassin.

»Wann ist das Unglück passiert?«, fragte Gontard.

»Vielleicht gestern Abend oder nach dem Gewitter in der Nacht«, sagte Häußler. »Mein Geselle hat den Erdrutsch heute Morgen entdeckt.«

»Ich brauche Proben von allem. Da lernen meine jungen Offiziere in der Ingenieurschule gleich, welche Probleme ihnen später bei den Pioniertrupps unterkommen können. Bringen Sie etwas von da vorn«, Gontard zeigte zum Anfang des Erdrutsches im Kanal und wies dann mit der Hand in das Bassin hinein, »und auch von dort hinten!«

»Wir haben natürlich schon Untersuchungen angestellt«, sagte Häußler. »Ich glaube nicht, dass Sie etwas Ungewöhnliches finden werden.«

Lenné tippte Häußler an die Schulter und zischte: »Es sind nicht einmal mehr zwei Wochen, dann sollen hier Schiffe fahren. Sie werden Herrn Oberst-Lieutenant von Gontard auf jede erdenkliche Art und Weise unterstützen!«

Häußler winkte seine Gesellen herbei und wies sie an, die Bodenproben zu nehmen. Dann sagte er zu Gontard: »Wir haben nur an dieser Stelle des Kanals derartige Schäden an der Befestigung. Ich kann mir dieses Malheur nicht erklären.«

Gontard schaute den Bärtigen an. Häußler hielt seinem Blick stand. Dabei sah er aus wie einer, der genau weiß, dass die Sache schlecht für ihn steht – wie einer, der mit der Schatztruhe unterm Arm neben einer verlassenen Postkutsche steht und behauptet, er sei zufällig vorbeigekommen.

»Meista Häußla! Kieken Se ma, hier blubbat wat!« Einer der Gesellen rief vom Bassinufer herüber. Seine Stimme klang so, als würde er die Worte vor Schreck herauspressen. Gontard sah hinüber – der Junge zählte sicher noch keine achtzehn Jahre und zitterte am ganzen Leib.

Häußler eilte zu seinem Stift, Lenné und Gontard folgten ihm. Der Junge stand inzwischen wie versteinert am abgerutschten Erdreich und blickte auf das Wasser. Dort zerplatzten faustgroße Blasen.

Häußler trat mit einer Stiefelspitze ins Wasser. Ein paar sanfte Wellen waberten vom Ufer weg. Aus der braunen Brühe stiegen weitere Blasen auf, die wie Pusteln zerplatzten. Der Baumeister nahm eine Gerte, beugte sich zum Wasser und rührte darin herum. Dann winkte er. »Schauen Sie sich das an!«, rief er.

Gontard guckte Häußler über die Schulter und sah, wie er mit der Rute gegen einen Stiefel tippte. Die Spitze wuchs aus der Brühe hervor. Zwischen den Nägeln hatte sich die Sohle beinahe aufgelöst, der Schuh schien schon eine Weile in der trüben Soße zu liegen.

Häußler stichelte mit der Gerte am Schaft herum, offenbar wollte er den alten Treter aus dem Gewässer fischen. Doch der Stiefel schien festzuhängen. Dafür stieg ein neuer Schwall Blasen aus dem Wasser auf.

»Nun hilf mir doch!«, rief Häußler seinem Gesellen zu. Der Junge brach einen Ast aus einem Gestrüpp und zerrte ebenfalls an der Stiefelspitze herum. Die Brühe waberte, und ein Stück Stoff kam an die Oberfläche. Am Ende des Stoffes erschien eine Art Wurst … Sollte das ein Finger sein? Die Haut spannte, als hätte jemand zu viel Fleisch hineingestopft. Noch ein Finger tauchte auf, dann noch einer – da schwamm eine Hand!

Der Geselle schrie wie ein Mädchen, dem jemand unter den Rock griff. Dabei sprang er rückwärts die Böschung hinauf, bis er stolperte, abrutschte und ins Wasser plumpste.

Neue Blasen blubberten aus der Brühe.

»Führ nicht so einen Tanz auf! Pack lieber mit an!« Häußler hob die Hand gegen seinen Gesellen, um seine Worte mit einer Ohrfeige zu unterstreichen.

Der Junge hielt den Unterarm schützend vor sein Gesicht und rief eilig: »Natürlich, Meista!« Er stand auf, griff nach dem Stiefel und zog. Ein Bein in grobem Leinen kam zum Vorschein. Der Geselle zerrte am Stiefel herum, drehte ihn nach rechts nach links, zog. Dabei klatschte der Stoff aufs Wasser. Die Brühe spritzte bis zu Gontard.

Häußler fluchte und packte den Stiefelschaft. Der nächste Ruck wirkte. Meister und Geselle sausten mit dem Hosenboden in den Schlamm der abgerutschten Böschung. Beide schwiegen – genau wie Gontard, Lenné und der herbeigeeilte zweite Geselle. Der Anblick der Wasserleiche verschlug ihnen die Sprache. Der Bauch war aufgebläht wie ein Ballon. Darüber klaffte in der linken Brust eine tellergroße Wunde. Die Innereien, die daraus hervorquollen, sahen aus wie vergammelte Wurst. Vom Kopf ragte nur das Gesicht aus der Brühe – oder genauer gesagt, was davon übrig war. Aus den Augenhöhlen wanden sich Aale und glitten zurück ins Wasser. Die Fische hatten den Schädel bis zu den Wangenknochen abgeknabbert. Erst über der Stirn hing die Haut in Fetzen auf den Knochen.

Der Geselle stürzte die Böschung hinauf und übergab sich.

Gontard hatte den Waffenrock geöffnet und die Pickelhaube an der Pferdetränke abgelegt. Die Augusthitze drückte auf die Berliner Wiesen, die Brühe im Kanal kühlte das Ufer kaum. Vor über zwei Stunden hatte Meister Häußler seinen Gesellen mit dem Gaul losgeschickt, um Criminal-Commissarius Waldemar Werpel über den Leichenfund zu informieren. Nun endlich näherten sich zwei Pferde über die Wiesen – im lockeren Trab. Gontard wusste, dass Werpel bei einer Verfolgungsjagd zu Pferde kaum eine Frau im Damensattel einfangen könnte, doch in dieser Hitze erschien ihm die Trippelei von Werpels Mähre beinahe wie eine Provokation. Gontard hatte zwar seine Lehrveranstaltungen am Vormittag hinter sich gebracht, und die Arbeit im Labor konnte er auch morgen fortsetzen, aber er hatte allemal etwas Besseres zu tun, als hier in der Hitze auf einen Polizeibeamten zu warten.

Lenné guckte ebenfalls empört zu den beiden Reitern, das sah Gontard aus dem Augenwinkel. Häußler sprang auf und brüllte seinem Gesellen eine Schimpftirade entgegen. Der Baumeister war aus gutem Grund ungeduldig. Er hatte mit seinem zweiten Gesellen den Leichnam aus dem Bassin geborgen, von Getier befreit und mit einer Plane abgedeckt. Nun standen die Handwerker neben dem Toten und achteten darauf, dass die Decke nicht von einer der raren Brisen davongeweht wurde.

Häußler fuchtelte mit den Händen herum und rief etwas von einer Abreibung. Tatsächlich beschleunigte der Geselle sein Pferd. Auch Werpels Gaul verfiel in leichten Galopp. Offenkundig ohne Befehl seines Reiters, denn der Criminal-Commissarius klammerte sich an die Zügel wie ein Schiffbrüchiger an eine Planke.

Der Geselle band sein Pferd an der Tränke fest und kam herbeigeeilt. Werpel brauchte eine Weile, um aus dem Sattel zu steigen. Auf wackeligen Beinen verharrte der Criminalbeamte für ein paar Augenblicke an den Zügeln seines Gauls. Das ausgesprochen gutmütige Exemplar eines Reittieres schien mit dem dicken Commissarius Mitleid zu haben und ihn zu stützen, bis er wieder allein stehen konnte.

»Hier liegt der Tote!«, rief Häußler dem Commissarius entgegen.

»Ja, ja.« Werpel trottete herbei, besonders eilig schien er es weiterhin nicht zu haben. »Haben Sie gut auf das Corpus Delicti aufgepasst?«

»Schon seit mehreren Stunden!« Häußler sagte das so vorwurfsvoll, als habe er den Leichnam mit dem Schwert gegen Piraten verteidigen müssen.

»Wir werden noch eine Weile hierbleiben müssen.« Werpel japste schon nach den paar Schritten. »Die Männer mit dem Leichenwagen brauchen noch etwas für die Anreise.« Der Leichenwagen wurde im Volksmund »der Nasenquetscher« genannt, da seine Fracht im wahrsten Sinne des Wortes gegen den Wind roch. Die Karre würde kaum bis hierher fahren können, dachte Gontard. Sicher mussten die Kerle den Leichnam mit der Bahre über das tiefe Gras bis vor zur Straße schleppen. Das konnte seine Zeit dauern.

»Was machen Sie denn schon wieder hier, Herr Oberst-Lieutenant?«, fragte Werpel. »Kann ich nicht einmal eine Leiche finden, ohne Sie anzutreffen?«

»Ich stehe eigentlich Herrn Lenné in physikalischen Fragen zur Seite. Auf Befehl von ganz oben, Herr Commissarius.«

»Physikalische Fragen«, maulte Werpel. »Ausgerechnet hier?«

»Nun, mein Herr, wie Sie vielleicht sehen, haben wir ein Problem, das über ein Einzelschicksal bei weitem hinausgeht.« Lenné wies zum Erdrutsch. »Ich bin sicher, Sie werden uns bald wieder unserer Arbeit nachgehen lassen.«

»Aber natürlich, Herr Lenné. Sobald es meine Ermittlungen in Bezug auf ein mutmaßliches Kapitalverbrechen erlauben, können Sie sich wieder Ihren Angelegenheiten widmen.« Werpel schien vor Lenné und seinen bekanntermaßen hervorragenden Beziehungen zum preußischen Thron keinen besonderen Respekt zu haben.

Vielleicht fehlte dem Königlichen Gartendirektor der Adelstitel, mutmaßte Gontard. Er schaute zu Lenné. Das Gesicht des Stadtplaners sah aus, als sei es mitten im Sommer eingefroren. Die Pockennarben wirkten noch tiefer. Wie bei vielen Männern bekam Lennés Gesicht durch den harten Blick etwas Furchterregendes, und mit wachsendem Zorn sank die Attraktivität.

Gontard grinste Werpel an. Der Commissarius winkte ab. Er beugte sich zum Leichnam, hob die Decke an und sagte: »Igitt!«

»Das kann man wohl sagen«, entgegnete Häußler.

»Wissen Sie, wer das ist? Oder besser, wer das mal war?«, erkundigte sich der Polizist.

»Wir haben das hier in seinem Wams gefunden.« Häußler reichte dem Commissarius eine kunstvoll verzierte Dose aus Metall.

Werpel öffnete die Dose und nahm ein paar zusammengepappte Karten heraus – es waren Visitenkarten, wie ein Besucher sie dem Dienstpersonal feiner Herrschaften zu seiner Vorstellung übergab. Die Karten hatten Wasser abbekommen, aber Gontard konnte die Aufschrift selbst über Werpels Schulter noch deutlich erkennen:

CORNELIUS FÜRCHTEGOTT PUCH – Privat-Secretär Schriftstücke für alle Lebenslagen – Bittschriften, Eingaben, Beschwerden, Empfehlungen, Gratulationen, Briefe usw.

wie auch GELEGENHEITSGEDICHTE

»Ich denke, ich habe Herrn Puch schon einmal gesehen. Bei der Familie von Traunstein.« Lenné sprach in einem feierlichen Ton. »Sehr vornehme Herrschaften, die Traunsteins, und ausgesprochen kunstsinnig. Puch hat für Herrmann von Traunstein Correspondenzarbeiten erledigt.« Der Gartendirektor blickte den verdeckten Leichnam an und fuhr fort: »Von der Größe her könnte es sich durchaus um diesen Puch handeln.«

Paul Quappe schmierte Wurst auf seine Brotscheibe. Wie gut es ihm doch hier ging! Bei den Gontards gab es mitten in der Woche Wurst. Das wäre zu Haus bei seinen Eltern in Schönschornstein unvorstellbar.

Ferdinand von Gontard saß ebenfalls am Tisch in der Dienstküche. Der Sohn der Familie hatte bei der Mutter so lange gebettelt, bis er sein Abendbrot schon jetzt nehmen durfte. Quappe hatte den Jungen gern um sich. Seit zwei Jahren wohnte Quappe nun schon als Bursche des Oberst-Lieutnenant von Gontard in der Kammer unter dem Dach, und mit dem Sohn des Hauses verstand er sich gut.

Der Oberst-Lieutenant war noch einmal außer Haus gegangen. Wegen des Mordes, das wusste Quappe. Der Herr hatte es ihm selbst erzählt. Die Stulle schmeckte vorzüglich. Quappe musste aufpassen, dass er das leckere Essen nicht hinunterschlang. Er kaute noch einmal und biss dann erneut ab. Auch Ferdinand futterte, als habe er den ganzen Tag noch nichts bekommen. Dabei hatte es bei den Gontards natürlich ein üppiges Mittagsmahl gegeben.

Quappe merkte, wie der erste Hunger nachließ. Er kaute langsamer und sagte: »Se wern nich globn, junga Herr, et jibt schon widda nen Mord. Herr Oberst-Lieutenant tut höchstselbst amitteln. Vonne Jenaralmajor von Schnöden hatta schon de Jenehmijung für dit Janze.«

»Vater?«, fragte Ferdinand mit vollem Mund.

»Janz jenau, Ihr Herr Vata. Da kann da Strolch sich schon ma warm anziehn!«

Ferdinand biss von seiner Stulle ab und sah Quappe mit großen Augen an. »Wird das gefährlich?«, fragte er ihn.

»Na, janz sicha! Mit Mördan is bekanntamaßn nich zu spaßn.«

»Oh«, erwiderte Ferdinand und klang dabei, als stünde er selbst unmittelbar vor einem großen Abenteuer, »dann werden Sie wohl dem Mörder auch begegnen.«

»Ditte kann wohl sein.« Quappe schaffte es noch, die Worte voller Inbrunst herauszuposaunen, bevor die Luft knapp wurde. Jetzt hatte er eher das Gefühl, als wüchse ein Pfropfen in seinem Hals. Daran hatte er noch gar nicht gedacht: Würde er in Gefahr geraten? Sein Herr war ein Offizier, erprobt im Kampf und bedrohliche Situationen gewohnt. Aber er war doch nur ein junger Bursche – und wollte noch nicht sterben. Am liebsten hätte Quappe wieder in Schönschornstein in der elterlichen Kate gesessen. Selbst die Stulle auf dem Teller vor ihm schien ihren Geruch verloren zu haben.

»Das ist bestimmt sehr aufregend für Sie«, sagte Ferdinand.

»Hm.«

»Wenn ich mir das vorstelle: Sie treiben einen Bösewicht in die Enge, bis er gar nicht mehr ein noch aus weiß. Und dann kommt es zu einem großen Kampf.«

Das wollte sich Quappe lieber nicht vorstellen. Er verwickelt in einen Kampf gegen das Böse. Das wäre ja wie in den Märchen, die Großmama früher erzählt hatte. Aber er war doch kein mutiger Prinz … Ihm fehlte sogar das Talent von Till Eulenspiegel, immer wieder den Hals aus der Schlinge zu ziehen. Obwohl er alle Geschichten des berühmten Narren aus seiner Kindheit noch auswendig kannte.

»Und dann werden Sie meinem Vater beweisen, dass mehr in Ihnen steckt als ein einfacher Bursche.«

Bestimmt war da mehr in ihm. Aber ganz sicher kein übermütiger Held. Quappe dachte an die letzten Jahre. Er hatte bereits etliche Mutproben absolviert: den Hund vom Nachbarn abgelenkt und Eier aus dem Stall stibitzt, Kartoffeln vom Feld geklaut und so weiter. Das reichte doch wohl, oder? Und um den Mörder kümmerte sich der Oberst-Lieutenant ohnehin lieber selbst. Der Herr weilte auch bei seinem Termin allein und ließ ihn hier in Ruhe essen. Es bestand kein Grund zur Sorge.

»Sie wissen bestimmt alles über den Mordfall«, sagte Ferdinand mit Trotz in der Stimme. Oder war es Neid?

»Ditte kann man sagn. Aba ick darf nix varatn.« Quappe legte den Zeigefinger über seinen Mund, um seine Verschwiegenheit zu verdeutlichen. Ein bisschen Übertreibung konnte nicht schaden, fand er.

»Ach, Herr Quappe«, bettelte Ferdinand, »auch ich kann schweigen wie ein Grab.«

Quappe biss in die Stulle und schwieg. Sicher konnte er dem jungen Herrn ein paar harmlose Geschichten erzählen. Aber erst mal würde er ihn noch ein bisschen schmoren lassen. Dann hatte Ferdinand sicher das Gefühl, in seiner Schuld zu stehen. Daraus ließ sich bestimmt irgendwann ein Gewinn ziehen.

»Ach bitte, Herr Quappe!«, quengelte Ferdinand.

»Na ja, also, dit ist so …« Um genau zu sein, wusste Quappe nicht allzu viel. Aber musste er das dem Jungen auf die Nase binden? Nein, ein bisschen Phantasie konnte nicht schaden. Quappe sagte: »Da Herr Oberst-Lieutenant hat ’n Totn mit den eijenen Händen ausm Wasser jezogn.« Ferdinand schlug die Hand vor den Mund. Der Junge hielt den Atem an, als Quappe von dem Leichnam erzählte. Wie blau der gewesen sei! Wasserleichen waren doch bestimmt blau … Und Blasen schlug deren Haut sicher auch …

»Ich glaube, ich höre nicht recht!« Henriette von Gontard stand in der Küche. Sie rief: »Herr Quappe! Sie hören sofort auf mit dem Unsinn!« Die Frau des Hauses kam mit erhobener Hand um den Tisch gelaufen. »Sie machen den Jungen ganz kirre. Was denken Sie sich dabei?« Sie stand nun neben Quappe.

Im nächsten Augenblick spürte er die Ohrfeige. Es klatschte auf seine Wange, noch bevor er eine schützende Handbewegung hinbekam.

»Aber Mama …« Ferdinand klang so entsetzt, als hätte er selbst die Maulschelle erhalten.

Henriette von Gontard drehte sich zu ihrem Sohn und zischte: »Du, Ferdinand, gehst auf dein Zimmer! Und zwar sofort!«

»Ich brauche dringend Ablenkung von dem Elend mit der Cholera in meiner Praxis«, sagte Dr. Friedrich Kußmaul.

»Beschreib mir noch einmal die Wunde deines Mordopfers!«

»Du bist der Mediciner«, entgegnete Gontard seinem Freund. »Ich kann dir nur sagen, dass da ein großes Loch war.«

»Von einem Schuss aus einem Fusil oder von einem Dolchstoß?«

»Der Tote lag im Wasser und war völlig aufgeschwemmt. Als wir ihn herausgefischt haben, war das Loch ganz schön groß.«

Kußmaul nahm seine Kuchengabel und schaufelte ein Eckchen der Sahnetorte darauf. Während er die Süßspeise zum Mund führte, sagte er: »Wasserleichen sind besonders eklig. So möchte man nicht tot sein.« Die Gabel verschwand im Mund.

Gontard wusste in diesem Augenblick nicht, ob er seinen Freund bewundern oder bemitleiden sollte. Ein Leichnam rief bei Kußmaul offenkundig keine Reaktion mehr hervor. Da saß der inmitten dieser Conditorei, inmitten des Kaffee- und Kuchenduftes und plauderte beim Mampfen eines Stücks Torte über die Besonderheiten von Wasserleichen …

Der Mediciner hob die Gabel und sagte: »Bevor so einer wiederauftaucht, hat er eine Weile auf dem Grund gelegen. Das tut dem Teint nicht gut, haha!«

»Ach so? Wie lange?« Gontard konnte es kaum fassen, aber Kußmaul hatte schon das nächste Stückchen Torte im Mund.

Der Mediciner schluckte und antwortete: »Ein paar Tage, je nach Wetter, jetzt im Sommer vielleicht zwei bis drei.«

»Dann ist der Mann vielleicht am Dienstag ermordet worden.«

»Das könnte wohl sein. Oder vielleicht schon am Montag oder am Sonntagabend.«

Gontard lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Das Holz knarzte. Er sagte: »Ich weiß einfach zu wenig. Kannst du dir die Leiche nicht einmal anschauen?«

Ein Gruppe Herren mittleren Alters in Uniformen polterte durch den Gastraum. Die Männer ließen sich am Nebentisch nieder und riefen umgehend den Ober herbei.

Kußmaul beugte sich nach vorn und zischelte: »Vielleicht reden wir bei einem Spaziergang weiter.«

Gontard guckte zum Nebentisch. Die Offiziere schienen ihm zwar etwas grobschlächtig zu sein, aber harmlos. Kußmaul legte jedoch bereits seine Thaler auf den Tisch und nahm den Gehrock und den Stock vom Ständer. Der Mediciner schien es eilig zu haben und lief schon zur Tür – so schnell, als sei er auf der Flucht. Gontard warf seinen Waffenrock über und folgte ihm. In der Gaststube kümmerte sich niemand um den Mediciner. Die Offiziere lachten, vielleicht über einen Witz. Andere Gäste schüttelten den Kopf über die Krawallbande, allerdings sagte keiner etwas.

Vor der Tür röstete die Abendsonne den Staub vom Pflaster. Kußmaul schritt das Trottoir ab, als müsse er eine unsichtbare Grenze überschreiten, bevor er Ruhe für ein Gespräch fand. Er überquerte den Gensdarmen-Markt und trat in den Schatten der Französischen Kirche.

Gontard schloss auf und fragte: »Was ist nur in dich gefahren, verehrter Freund?«

»Ich fürchte, du hast uns da etwas eingebrockt.«

»Uns etwas eingebrockt? Ich?« Gontard hörte die Worte, über ihre Bedeutung gab es keinen Zweifel. Und doch wusste er nicht im Entferntesten, was Kußmaul damit meinte.

»Ach, alter Freund …« Kußmaul blieb endlich stehen und drehte sich zu Gontard herum. »Wolltest du wirklich vor diesen Offizieren deinen Fall ausbreiten?«

»Das waren doch nur ein paar pommersche Waldschrate. Sie waren laut, sind aber sicher nicht unbedingt die … Aufmerksamsten.« Gontard legte die Hand auf die Schulter des Freundes. »Die hätten unsere Worte vermutlich weder gehört noch verstanden.«

Kußmaul seufzte und wies in Richtung der Linden. Sie spazierten los. In der Stadt wimmelte es von Menschen. Die Arbeiter kamen von den Baustellen, aus Manufacturen oder Fabriken. Kolporteure boten Schund und Plunder feil, Waschweiber schleppten Körbe. Feine Herrschaften widmeten sich dem Abendamüsement. Über das Pflaster donnerten Kutschen und Pferdeomnibusse. Gontard fand es absurd, dass sie ausgerechnet in diesem Gewühl von Passanten ungestört blieben. Zwar schlichen auch seltsame graue Gestalten durch das Gewimmel, aber die waren sicher auf dem Weg in die Caféhäuser und Salons der Stadt. Denn hier draußen kümmerte sich jeder um sich selbst und um nichts anderes.

»Was, sagtest du, war der Verblichene vom Berufe?«, fragte Kußmaul laut.

»Privat-Secretär bei einem Adligen, von Traunstein heißt der. Warum fragst du?«

»Ein bürgerlicher Schreiberling also.« Kußmaul hob die Hand und fächelte sich Luft ins Gesicht. »Riechst du da nicht den Ärger, der auf dich zukommt? Auf uns?«

»O Freund, du siehst ja Gespenster!«

Kußmaul schnaufte. »Es ist gerade mal zwei Jahre her, dass wir auf den Barrikaden standen, bis der dicke König seinen Hut vor dem Pöbel gezogen hat. Und schau dich um! Die ganze Stadt ist voller Spitzel. Die Vogtei platzt aus allen Nähten, und dabei sind viele außer Landes gegangen. Ich sehe also Gespenster?«

Der Mediciner hatte wohl recht, dachte Gontard, Preußen war derzeit nicht gerade ein Schlaraffenland für Freigeister. Und ohne Frage führte der Freund seine Reden über Friedrich Wilhelm I V. besser nicht in Hörweite pommerscher Offiziere. Gontard sagte: »Es ist erst einmal nur eine Leiche im Landwehrkanal. Und ich will doch lediglich wissen, woran der Mann gestorben ist.«

Kußmaul seufzte. »Ich weiß, dass ich dich nicht zurückhalten kann, wenn du eine Leiche gefunden hast. Ich sehe mir den Knaben an. Hoffentlich gibt das keine Scherereien!«

Tagebucheintrag No. 1, 22. August 1850

Drei Tage sind nun schon vergangen. Drei Nächte ohne Schlaf. Ich bin müde. Ständig fallen meine Augen zu. Doch dann bin ich sofort wieder hellwach. Und ich sehe immer wieder dieses Bild: Der Mann fällt.

Dabei geht es mir gut. In der Schreibstube hat keiner etwas bemerkt. Da bin ich sicher. Die anderen Herren, etwa in den Amtsstuben, begegnen mir mit der Gemächlichkeit der Augusttage. Da falle ich auch todmüde nicht auf. Ich sitze an meinem Secretär und kümmere mich um die Correspondenz. Leider lenkt mich das kaum ab. Immer wieder gerate ich in Gedanken. Und ich sehe den Mann fallen.

Am Nachmittag verlasse ich das Bureau und weiß nichts mit mir anzufangen. Ich könnte ein Buch lesen, eine Ausfahrt mit dem Pferdeomnibus machen, in ein Caféhaus gehen. Aber nein. Ich schleppe mich zum Thiergarten. Es dämmert schon, und kaum jemand ist hier. Wahrscheinlich sind alle schon zu Hause oder in der Gastwirtschaft. Ich spaziere durch die Auen, aber es hilft nichts. Die Ruhe ist noch schlimmer als das Treiben in der Stadt. Nun ist Abend, und ich sehne den Morgen herbei.

Es ist schon seltsam. Ich habe Hunderte von Menschen sterben sehen. Ach was, Tausende. Damals bei Waterloo. 35 Jahre ist das her. Wir haben den Franzmännern eingeheizt. Die sind umgefallen wie die Fliegen. Ich weiß noch, wie das gestunken hat. Die ganzen Leichen haben angefangen vor sich hin zu modern. Natürlich sind auch ein paar von unseren treuen Kameraden auf dem Feld geblieben. Wir haben getrauert. Und wenn ich jetzt daran denke, fallen mir auch die schrecklichen Bilder ein. Abgeschlagene Gliedmaßen und Köpfe. Aufgeschlitzte und zerrissene Körper. Doch ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, so durcheinander gewesen zu sein wie heute im Thiergarten. Wegen einem Mann.

Vielleicht sind tausend Tote leichter erträglich als ein einzelner. Die Franzmänner waren uns sowieso egal. Da haben wir bei jedem Kadaver gejubelt. Aber auch bei unseren Toten konnten wir uns nicht lange mit der Trauer aufhalten. Kaum gedachten wir eines gefallenen Kameraden, blieb der nächste auf dem Feld. Eine alltägliche Tragödie. Bittere Rituale.

Ein paar zarte Geister haben das natürlich nicht vertragen. Erst sind sie still geworden, haben nicht mehr gesprochen. Dann nicht mehr gekämpft. Sie sind aufs Schlachtfeld geschlichen wie alte Männer. Zumeist mussten wir bald ihrer gedenken.

Auch ich habe schlechte Erinnerungen aus dem Krieg mit nach Hause gebracht. Die jedoch kamen mir selten und unvermittelt in den Sinn. Manchmal in der Nacht. Dann habe ich mir klargemacht, dass ich auf der richtigen Seite stand. Ich habe getan, was getan werden musste. Das Richtige.

Das sage ich mir auch heute: Ich habe vor drei Tagen das Richtige getan! Daran kann es keinen Zweifel geben. Und wenn der Kerl noch hundert Mal vor meinem inneren Auge zu Boden stürzt. Der ist doch selbst schuld.

Ja, ich habe abgedrückt. Ich habe auf sein Herz gezielt, und allem Anschein nach habe ich getroffen. Aber ich wäre doch niemals ohne Grund an diesen gottverlassenen Ort vor den Thoren der Residenzstadt geritten. Und ich schieße auch nicht ohne Sinn und Verstand auf Menschen.

Was hat dieser Puch sich gedacht? Dass er den Herrn über meine Zukunft spielen darf? Dass ich zusehe, wie er meinen Ruf zerstört? Mein Leben verpfuscht? Nein, ich habe das Recht, mich zu verteidigen. Wenn nötig, auch mit der Waffe in der Hand. Da sei der Herrgott mein Richter – ich habe nur getan, was ich tun musste. Wie auf dem Schlachtfeld.

Immerhin habe ich jetzt ein wenig zur Ruhe gefunden. Ich werde zu Bett gehen und schlafen. Das mit dem Tagebuch führe ich fort. Gleich morgen. Bis dahin habe ich eine Nacht vor mir. Den Schlaf eines Gerechten. Denn der bin ich. Soll der Mann doch ins Wasser fallen, wie er will.

Zwei

Freitag, 23. August 1850

Christian Philipp von Gontard schritt durch das Treppenhaus zum Bureau seines Lehrstuhls. Seine Schritte hallten durch das Gemäuer. Er war zeitig in die Vereinigte Artillerie- und Ingenieurschule gegangen, denn noch herrschten draußen Unter den Linden erträgliche Temperaturen. Nicht nur er schien auf diesen Gedanken gekommen zu sein, denn als er am Treppenabsatz kurz stehenblieb, klackten weiterhin Stiefel über die Stufen. Die Geräusche kamen von oben.

Gontard überlegte, ob er umkehren sollte. So früh am Tage fehlte ihm die Lust zur Konversation, und im Labor warteten die Proben vom Landwehrkanal. Aber vielleicht ging der Mann über ihm auch ganz woandershin, zu einem anderen Lehrstuhl oder ins Rektorat. Sicher reichte es, ein wenig zu trödeln, um dem anderen aus dem Weg zu gehen. Gontard schlenderte gemächlich in die nächste Etage. Dort lehnte er sich an das Geländer und hörte die Schritte verhallen.

Jetzt herrschte Stille in der Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule. Gontard eilte, nun da die Gefahr von Zwiegesprächen am Morgen gebannt schien, zu seinem Lehrstuhl. Im zweiten Geschoss bog er in den Gang und traute seinen Augen nicht: Ausgerechnet vor seinem Bureau stand eine Gestalt in derart militärischer Haltung, dass Gontard sie kurz für eine Statue hielt. Nur, wo sollte die herkommen? Nein, es musste sich um den Mann handeln, dessen Schritte er gerade gehört hatte. Das Gesicht konnte er im Zwielicht des Ganges nicht erkennen, genauso wenig den Dienstgrad des Mannes.

Gontard dachte erneut daran umzukehren. Doch wie würde das aussehen? Es gab kein Zurück. Aber immerhin war es sein Lehrstuhl, sein Reich. Er würde mit dem Mann zwei, drei Sätze wechseln und ihn dann abwimmeln. Gontard merkte, wie seine Schritte zackig wurden.

»Guten Morgen, Herr Oberst-Lieutenant!« Die Gestalt trat in die Mitte des Ganges.

Gontard erkannte Lieutenant von Heye. Der junge Offizier belegte seine Ballistik-Vorlesung. Er gehörte zu den Studenten, denen Gontard eine große Karriere in der preußischen Armee vorhersagte. Er verfügte über beste Beziehungen, war eine attraktive Erscheinung und zeigte gute Leistungen. Leider ließ er das seine Kommilitonen und Lehrkräfte regelmäßig wissen.

»Guten Morgen, Lieutenant! Was wünschen Sie zu dieser Morgenstunde?«

»Ich möchte mich freiwillig melden. Ich hörte, Sie suchen Studenten, die den Unfall am Landwehrkanal untersuchen.«

Gontard fixierte seinen Studenten. Der wirkte bei allem Hochmut arglos. Gontard hatte gestern in einem Seminar wirklich von dem Erdrutsch berichtet. Es war nicht ausgeschlossen, dass einer der Studenten das am Abend in der Kneipe weitererzählt hatte. Verwerflich wäre das nicht, Gontard suchte schließlich Freiwillige. Dennoch, etwas machte ihn skeptisch. Er fragte deshalb: »Und das fällt Ihnen mitten in der Nacht ein? Hätte das nicht Zeit bis zum Seminar gehabt?«

»Ich dachte, Sie könnten mich vielleicht über die Aufgaben ins Bild setzten. Und gleich nach den Vorlesungen mache ich mich dann ans Werk.«

Gontards Misstrauen verstärkte sich. Dieser Enthusiasmus war völlig untypisch für einen Studiosus an der Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule. Hier lernten die Offiziere Seiner Majestät, und die pflegten nach Erledigung der nötigsten Arbeit zu Bierstuben zu eilen oder nach Schürzen zu jagen. Gontard schwieg.

Heye zögerte ebenfalls einen Augenblick, bevor er hinzufügte: »Ich habe gehört, mit dem Unglück ist auch ein Criminalfall verbunden …«

Daher wehte also der Wind, dachte Gontard. Von der Leiche hatte er am Vortag im Seminar allerdings nichts erwähnt.

»Ich habe den Verstorbenen ein paarmal im Haushalt der Familie von Traunstein gesehen und daher ein gewisses Interesse an der Sache.«

»Sie kannten diesen Puch?«

»Nun ja, kennen ist zuviel gesagt. Mein Vater und Herrmann von Traunstein sind befreundet.« Heye verlor für einen Moment seine Überheblichkeit, so wie ein Ritter, der sein Schild senkt. »Deswegen war auch ich oft ein Gast der Familie.«

»Und was hatten Sie für einen Eindruck von Puch?« Heye guckte, als habe Gontard ihn bei einer Peinlichkeit erwischt, und antwortete: »Ich habe ihn kaum wahrgenommen, es handelte sich bei Puch schließlich nur um einen Secretär.«

»Immerhin ist er Ihnen in Erinnerung geblieben.«

»Ich … ich … interessiere mich nun mal für Menschen …« Gontard sah den Lieutenant scharf an. Da gewährte der junge Offizier einen Blick hinter seine großtuerische Fassade, und schon wurde das große Nichts offenbar. Nur nicht lachen, dachte Gontard. Er wollte den Jungen weiter in die Enge treiben. Vielleicht verriet der doch mehr über Puch.

»Mein Vater hat gemeint, ich solle mich mit solchen Leuten nicht weiter abgeben.«

»Weshalb?«

»Weshalb? Es war ein Hinweis meines Vaters. Und um ehrlich zu sein, galt mein Interesse im Haus von Traunstein nicht den Bediensteten.« Lieutenant von Heye verschanzte sich wieder hinter seinem Panzer aus Hochmut.

»Und wäre der Mann nicht tot, würden Sie auch kein Abenteuer in der Untersuchung des Erdrutsches vermuten.« Gontard zuckte mit den Schultern. »Ich fürchte, besonders spannend wird die Arbeit im Labor nicht werden. Wir müssen den Untergrund analysieren und selbstverständlich auch die verwendeten Baustoffe. Da sind akribische Helfer gefragt und keine Draufgänger.« Im Grunde konnten ihm die Beweggründe Heyes egal sein – und ein unsympathischer Freiwilliger war besser als keiner.

Heye lächelte und sagte: »Wollen Sie nun, dass ich bei den Studien mitarbeite? Dann könnten Sie mir im Labor gleich ein paar Proben aushändigen.«

Das Dienstmädchen öffnete die Tür und bat Gontard hinein. Die Maid zählte vielleicht achtzehn Jahre und hatte ein hübsches Gesicht, eine Frisur nach der neusten Mode sowie einen unglaublich breiten Hintern. Damit passte sie genau in das Foyer der Traunstein’schen Villa. Der Raum sah aus, als wüsste er selbst nicht, in welche Zeit er gehörte. Die spätbarocke Garderobe wirkte so schwer, dass Gontard fürchtete, sie würde durch das zusätzliche Gewicht seiner Pickelhaube durch die Dielen brechen. Gleich daneben hing ein Familienbild nach Biedermeier-Art – Spitzweg hätte es nicht kitschiger hinbekommen.

»Wen wünscht der Herr zu sprechen?«, fragte das Dienstmädchen.

Gontard überreichte ihr seine Karte und sagte: »Ich müsste Herrn von Traunstein in einer sehr dringenden Angelegenheit sprechen. Es wäre mir außerordentlich wichtig, dass er für einen unangemeldeten Gast ein paar Minuten Zeit erübrigen kann.«

Das Mädchen verschwand durch die Flügeltür, und Gontard stand allein im Foyer. Er schaute auf die Uhr. Es war kurz nach zwei. Die Vorlesungen hatte er hinter sich gebracht, und Heye untersuchte die Proben im Labor. Selbst wenn er Herrmann von Traunstein für ein längeres Gespräch gewinnen konnte, blieb genug Zeit, um noch einmal zu Lenné an den Landwehrkanal zu reiten.

»Ein Offizier der Königlichen Armee in meinem bescheidenen Haus! Ich bin Herrmann von Traunstein. Was verschafft mir die Ehre?« In der Flügeltür stand ein Mann in einem dunklen Anzug und mit einem buschigen Backenbart. Dafür hatte sich das Haar von Stirn und Haupt zurückgezogen, graue Locken umringten die Halbglatze wie ein Heiligenschein.

»Es ist eine Angelegenheit, die Sie nur mittelbar betrifft. Dennoch ist sie von einiger Bedeutung, weil es sich vermutlich um ein Kapitalverbrechen handelt.«

»Oh«, Traunstein wies mit der Hand in das Zimmer hinter der Flügeltür, »da bin ich selbstverständlich gern behilflich. Kommen Sie doch herein!«

Gontard betrat einen Salon mit ockerfarbenen Wänden und mehreren Regalen, in denen Bücher mit Prägedruck im Ledereinband aufgereiht standen wie eine Kompagnie zum Appell. Traunstein folgte ihm und hieß ihn in »der Bibliothek« willkommen. Auf einer Chaiselongue saß eine junge Frau, vielleicht die Tochter des alten Traunstein. Gontard hatte das Gefühl, die Dame schon einmal gesehen zu haben.

»Darf ich vorstellen, meine liebe Frau, Martha von Traunstein. Mein Sonnenschein und der Glanz dieses Hauses.«

Die Frau errötete, und Gontard fand, dass sie gerade dadurch die Worte des Alten bestätigte. Er verbeugte sich.

Martha von Traunstein erhob sich, machte einen Knicks, blickte ihn an, als wolle sie ihn von oben bis unten vermessen, und sagte: »Ein Offizier zu Gast. Das ist mir eine Freude. Darf ich Ihnen etwas bringen lassen? Einen Cognac?«

Gontard nickte, noch während er über die Antwort nachdachte. Die Herrin des Hauses rief das Mädchen.

Herrmann von Traunstein wies Gontard einen Platz an einem Tisch zu und sagte: »Was führt Sie zu mir, Herr Oberst-Lieutenant?«

Gontard setzte sich und antwortete: »Es geht um Ihren Secretär.«

»Ach herrjeh! Was hat der Puch denn schon wieder angestellt?«

»Schon wieder? Hat es öfter Ärger gegeben wegen ihm?«

»Nun ja …« Traunstein zögerte. »Ich weiß nicht genau, wie ich es sagen soll … Er ist kein einfacher Charakter.«

»Hat er seine Arbeit vernachlässigt?«

»Ach was, Herr Oberst-Lieutenant! Er ist ein sehr fleißiger Mann und sehr zuverlässig. Erst am Montag hat er für mich Anweisungen an den Verwalter eines meiner Güter notiert. Seine Formulierungen sind nicht immer die geradlinigsten, aber stets korrekt. Er hat nur …«, Traunstein suchte anscheinend erneut nach den richtigen Worten, »… diese Flausen in seinem Kopf. Das ist manchmal nicht einfach.«

Martha von Traunstein brachte ein Tablett mit zwei Cognac-Schwenkern und einer Flasche zum Nachschenken. Sie hatte sich ein seidenes Tuch über die Schultern geworfen und verabschiedete sich mit herzlichen Worten zu einem Spaziergang.

»Den haben wir von unserer letzten Reise nach Paris mitgebracht. Ein vorzüglicher Tropfen«, sagte Traunstein und nippte am Glas.

Auch Gontard trank. Der Schnaps schmeckte so weich, dass die Kehle beim Schlucken kaum zu spüren war. Er kehrte zum Thema zurück. »Herr Puch ist kein junger Mann mehr, nicht wahr?«

»Nein.« Traunstein lachte. »Er ist, wie man so schön sagt, im besten Alter. Nur verhält er sich nicht so. Er ist noch immer Junggeselle und wohnt in einem Zimmer zur Untermiete. Eine feste Anstellung hat er auch nicht. Ich glaube, er hält sich für einen Schriftsteller, einen Dichter gar.«

»Ist er denn einer?«

»Da fragen Sie den Falschen. Ich lese zumeist die Abrechnungsbücher unserer Landgüter oder Amtspapiere, wenn ich um einen Rat gefragt werde. Mit der schöngeistigen Literatur bin ich weniger vertraut.«

Gontard wiegte den Cognac-Schwenker und sah Traunstein fest an. »Hatte Herr Puch Feinde?«

»Feinde? Das ist ein starkes Wort. Er macht sich nicht nur Freunde. Auch nicht mit seinen liberalen Reden, die er selbst in aller Öffentlichkeit hält.« Traunstein hielt Gontards Blick stand, während er seinen Kopf wiegte.

»Aber er hat Manieren. Ich jedenfalls habe bislang keinen Grund gesehen, auf seine Dienste zu verzichten. Was ist denn nun mit ihm?«

»Er ist tot. Wir haben seine Leiche im Landwehrkanal gefunden. Vermutlich wurde er erschossen.«

Traunstein saß für einen Augenblick starr wie eine Skulptur. Dann trank er einen großen Schluck Cognac.

Gontard spazierte zwischen den Villen stadteinwärts. Es blieb genug Zeit für ein paar Minuten Erholung, bevor er zum Landwehrkanal ritt – Zeit, noch einmal über das Gespräch mit Traunstein nachzudenken. Der Alte hatte nicht mehr viel gesagt, ihn aber höflich eingeladen, jederzeit weitere Fragen zu stellen. Darauf würde Gontard zurückkommen, da war er sich sicher. Doch zunächst musste er sich darüber klar werden, wonach er suchen sollte. Kam der Mörder aus Puchs Bekanntenkreis? Mit wem hatte der verkannte Dichter zu Lebzeiten Umgang gehabt? Oder war alles ganz anders? Lag Kußmaul richtig, und hinter alldem steckte die Politik?

Er musste mehr über Puch erfahren, so viel stand fest. Noch nicht einmal von Puchs Äußerem hatte Gontard ein eindeutiges Bild, dafür war die Wasserleiche viel zu entstellt gewesen. Ob es ein Bildnis von Puch gab? Und wenn ja, wo?

Puch wohnte zur Untermiete, das hatte Traunstein erwähnt. Also bekam Gontard die Adresse nicht einfach über Adressregister heraus. Lenné kannte das Opfer auch, Gontard konnte ihn in Bälde befragen. Bei dem Gedanken verspürte er kurz den Drang, seine Schritte zu beschleunigen. Aber nein, es blieben nur noch ein paar hundert Meter, dann ließ er die Thiergarten-Siedlung hinter sich und kam in die Stadt, ins Gewimmel. Die letzten Schritte lang wollte er noch die Ruhe der Vorstadt genießen. Kein Mensch war hier auf der Straße.

Zumindest fast keiner, denn Gontard hörte, wie sich Schritte von hinten näherten. Es waren Tippelschrittchen. Er drehte sich herum und sah Martha von Traunstein herbeieilen.

»Gut, dass ich Sie noch antreffe, Herr Offizier!«, rief sie ihm zu.

Gontard blieb stehen und schaute die Dame an. Im Sonnenlicht wirkte sie hell und zart wie ein Engel. Ihm kam es beinahe vor, als könne er durch sie hindurchschauen. Vermutlich kam der Eindruck daher, dass ein heller Hut ihre brünetten Locken verbarg. Erneut war da dieses Gefühl, dass er die Frau schon einmal gesehen hatte.

»Ich habe beim Herausgehen gehört, dass Cornelius der Grund für Ihren Besuch war.«

»Cornelius?«

»Puch, Herrmanns Secretär. Was ist mit ihm?«

Gontard sah, wie Martha von Traunstein sich mit der bloßen Hand Luft zufächelte. War sie nervös, oder setzte ihr nur die Hitze zu? Er sagte: »Er ist tot.«

»O mein Gott! Wie ist das passiert?«

»Vermutlich wurde er erschossen.«

»Nicht möglich!«

»Warum nicht?«

»Nun, Cornelius war …« Die Dame seufzte. Sie zog ihr Tuch vor dem Busen zu, als fröstelte sie, und fragte: »Kann ich Ihnen vertrauen, Herr Offizier?«

Ihre Handbewegung und die Frage kamen Gontard theatralisch vor, so wie eine einstudierte Geste – eine, die schon Tausende von Malen ausgeführt worden war. Er nickte.

Martha von Traunstein schlug die Augen auf. »Er war so ein sensibler Mann. Ich kann mir nicht vorstellen, wie er in eine Gewalttat verwickelt sein soll. Nicht einmal als Opfer.«

»Sie kannten ihn gut?«

»Ich halte Sie nicht für dumm, Herr Offizier.« Martha von Traunstein lächelte, und da war er wieder, der Engel.

»Wenn Sie herumfragen, wird Ihnen bald jemand davon erzählen. Ich hatte ein Verhältnis mit Cornelius Puch. Aber das ist lange her. Ich habe das beendet. Er hat das akzeptiert. Und wir sind Freunde geworden.«

Gontard runzelte die Stirn. Er glaubte nicht an verlassene Liebhaber, die ihrer Angebeteten täglich begegneten und sich damit zufriedengaben. Martha von Traunstein schaute arglos aus ihren braunen Augen. So guckten Frauen, um von ihren Worten abzulenken, dachte Gontard. Er schwieg.

Martha von Traunstein ließ ihr Tuch los und ergriff Gontards Hand. »Er war bis zuletzt voller Sanftmut. Das können Sie mir glauben.«

Ihre Hand lag so leicht auf der Gontards, dass dieser fürchtete, ein Windstoß könnte die Finger hinfortwehen. Das wäre schade. So einen Moment reiner Poesie erlebte Gontard nicht häufig – mit Henriette schon seit Jahren nicht mehr, und auch sonst nicht, als verheirateter Mann.

Gontard fragte: »Weiß Ihr Gatte davon?«

»Herrmann ist ein älterer Herr. Schon als er mich ehelichte, wusste er, dass ich gewisse Bedürfnisse habe. Ich bin diskret, und er behelligt mich nicht mit Nachstellungen.« Sie zog ihre Hand zurück und begann erneut, an ihrem Tuch herumzuspielen.

Jetzt gab es schon zwei Männer mit Hörnern und Verständnis – und einen von beiden hatte er gestern tot im Landwehrkanal gefunden. Gontard fragte: »Haben Sie in letzter Zeit beobachtet, dass Ihr Mann und Herr Puch Streit hatten?«

Martha von Traunstein schaute so entsetzt, als habe Gontard ihr Prügel angedroht. Sie antwortete: »Herr Oberst-Lieutenant, was denken Sie! Natürlich nicht. Cornelius war stets ein treuer Diener unseres Hauses. Und Herrmann hat seine Arbeit hoch geschätzt. Selbst wenn Herrmann etwas von unserer längst vergangenen Liaison bemerkt hat, würde er sich nie zu einer unbedachten Tat hinreißen lassen.« Martha von Traunstein unterstrich ihre Worte, indem sie mit dem Zeigefinger in der Luft herumwedelte.

Bei dieser theatralischen Geste fiel Gontard ein, woher er die junge Dame kannte. Sie sang an der Oper. Er hatte sie erst letztlich als Agathe im Freischütz gesehen. Wann war das? Im vergangenen Frühjahr? Oder im Winter? Er sollte öfter in die Oper gehen. Am besten mit Henriette.

»Sie werden dieses Gespräch doch vertraulich behandeln, Herr Oberst-Lieutenant? Sie sind doch ein Ehrenmann.«

»Das ist selbstverständlich.« Gontard deutete eine Verbeugung an. »Sie könnten mir indes einen Gefallen tun, indem Sie mir die Adresse des Herrn Puch verraten.«

Martha von Traunstein nickte ernst. »Er wohnt im Scheunenviertel. Ich werde nachschauen, wie seine Vermieterin hieß, und Ihnen die genaue Adresse zukommen lassen.«

Warum hatte er den Jungen nur mitgenommen? Paul Quappe ärgerte sich. Die Papiere hätte er für seinen Herrn auch allein von der Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule holen können. Aber nein, er musste Ferdinand von Gontards Bettelei erhören, und nun hatte er seine Quengelei zu ertragen.

»Ich würde nur zu gern mehr über den Mordfall wissen.« Ferdinand rief die Worte durch den Straßenlärm Unter den Linden. Eine Frau mit einem riesigen Bastkorb drehte sich zu ihnen herum und starrte sie mit offenem Mund an. Sie hatte die Figur einer Küchenmamsell, die täglich schwere Töpfe und Tiegel wuchten musste und dabei nicht zu knapp von den herrschaftlichen Speisen kostete.

Quappe klemmte die Rolle mit den Papieren fester unter den Arm. Mit der freien Hand schnappte er Ferdinand bei der Jacke und zog ihn zur Seite. Er lenkte den jungen Herrn vorbei an der Mamsell mit dem Korb, an der Familie mit den zeternden Kindern, am Bettler an der Straßenecke und hinein in die Neustädtische Kirchstraße. Hier ließ der Trubel nach, und auch das Gepolter der Fuhrwerke schallte nur aus dem Hintergrund in die Nebenstraße.

Quappe eilte noch ein paar Schritte weiter weg von den Linden und sagte: »Junga Herr, Sie bring’n mir inne Bredullje. Redn Se bitte von na leidijen Meuchelei nich vor die janzen Leute!«

»Ich werde mich beherrschen, Herr Quappe.« Ferdinand blickte zum Trubel zurück. »Aber Sie müssen doch zugeben, dass der Mordfall aufregend ist!«

Quappe schritt Richtung des Gontard’schen Hauses in der Dorotheenstraße und sagte nichts. Auf diese Diskussion ließ er sich nicht ein. Natürlich wollte auch er brennend gern wissen, wer einen Mann an einem friedlichen Sommertag vor den Thoren der Residenzstadt in die Brust schoss. Nur, wenn er das zugab, würde der Junge keine Ruhe mehr geben.

»Was wird der Täter für ein Mann sein? Hat er eine entstellte Fratze? Oder kann er seine Bosheit verbergen? Ist es gar ein Herr mit ehrenhaftem Antlitz?«

»Am Ende isset noch ’ne Madame jewesen«, sagte Quappe und ärgerte sich im selben Augenblick über seine Worte.

»Tatsächlich. Daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Halten Sie das für möglich?«

Quappe schwieg.

»Bestimmt hat mein Vater eine entsprechende Andeutung gemacht. Habe ich recht, Herr Quappe?«

»Nich ins Jeringste, junga Herr. Da Herr Oberst-Lieutenant hat nix derjleichen jesagt. Ick hab nur laut jedacht.« Quappe tippte sich an die Stirn. »Ick glob nich, dass ’ne Madamme so ’n Mord bejehen täte. Ditte passt nich mittenander, so ’ne Waffe un ’ne Frau. Ick meene, stelln Se sich ma vor: Ihre Frau Mama mitm Schießjewehr.« Quappe hielt es durchaus für möglich, dass andere Frauen eine Waffe auslösen könnten. Er dachte an den Blick der kräftigen Mamsell Unter den Linden. Er wollte sich lieber nicht ausmalen, was so ein Weib mit einer Flinte anstellen konnte. Aber der junge Herr hielt fürs Erste den Mund. Und das war das Wichtigste.

Sie erreichten die Dorotheenstraße und bogen nach rechts. Nur noch wenige Meter bis zur Friedrichstraße, der Lärm wuchs erneut an. Zeitungsjungen riefen Nachrichten, ein Reiter scheuchte Fußvolk von der Straße, Bälger quäkten. Ferdinand schwieg artig.

Sie passten den rechten Moment ab und eilten über den Fahrweg. Nun waren es nur noch ein paar Meter.

Ferdinand zog Quappe am Ärmel und fragte: »Herr Quappe, würden Sie nicht gern wissen, was in den Papieren steht?«

Nein, das wollte er nicht. Ganz sicher wollte er das nicht. Oder sollten sie doch einen Blick in die Blätter werfen? Aber würden sie überhaupt etwas verstehen?

Quappe sagte: »Da Diensthabende hat mich die Papiere inner Rolle jegeben und nich lose inne Hand jedrückt. Ditte wird schon Jründe ham.«

»Vermutlich ließen sie sich so besser transportieren.« Dem jungen Herrn fiel stets eine Spitzfindigkeit ein.

Quappe öffnete den Dienstboteneingang des Gontardsch’schen Hauses. »Ick werd de Rolle uffbewahrn, bis da Herr Oberst-Lieutenant mit seine wichtijen Erledijungen fertig is.«

»Die Papiere werden doch nicht schlechter, wenn wir sie betrachten.«

Quappe trat ins Haus.

»Wenn das streng geheime Unterlagen wären, hätte mein Vater sie bestimmt versiegeln lassen. Ganz sicher.«

Quappe inspizierte die Rolle. Der junge Herr hatte recht. Die Rolle war verpropft, aber nicht versiegelt.

»Mein Vater würde nicht einmal bemerken, dass wir die Papiere eingesehen haben.«

Es kam Quappe so vor, als würde der Leibhaftige persönlich ihm eine Versuchung ins Ohr flüstern. Er schlich durchs Gontard’sche Haus. Natürlich war er auch neugierig. Und sicher würde keiner bemerken, wenn er mal über die Papiere schaute. Vielleicht konnte er dem Herrn sogar besser zu Diensten sein, wenn er die Unterlagen studierte.

»So ’n janz winzijen Blick könn wa ja uff de Papier wagn.« Quappe betrat die Dienstküche. »Aba erst machen wa den Tisch sauba.«

Als Quappe aufblickte, hielt Ferdinand bereits einen Lappen in der Hand. Der junge Herr wischte den Tisch ab – persönlich. Quappe zog den Propfen aus der Rolle und breitete die Blätter aus.

Die Papiere enthielten Tabellen mit jeder Menge Zahlen. Wollte Oberst-Lieutenant von Gontard den Mörder mit einer mathematischen Formel errechnen?

»Wie stark ist die Strömung an dieser Stelle?« Gontard zeigte in das Bassin, in dem sie am Vortag die Leiche gefunden hatten.

»Hier in dem Bassin steht das Wasser. Auch der Landwehrkanal ist nicht gerade ein reißender Strom.« Peter Joseph Lenné wiegte den Kopf, als fühle er die Fließgeschwindigkeit nach. »Aber er ist natürlich in Bewegung. Ich lasse Ihnen die genauen Messdaten gern zukommen.«

»Das wäre gut. Für die Berechnungen bezüglich des Erdrutsches werde ich die Unterlagen gebrauchen können. In dem Mordfall werden sie mir wohl nicht helfen.«

Der Königliche Gartendirektor und Stadtplaner zuckte mit den Achseln. Er schritt auf das Bassin zu und zeigte auf die Wasseroberfläche, die wie frisch geplättet vor ihnen lag. »Da werden Sie keine weiteren Daten benötigen«, sagte Lenné. »Der Mann wird wohl ungefähr an der Stelle ins Wasser gefallen sein, wo er gestern aufgetaucht ist. Das scheint mir auf der Hand zu liegen.«

Gontard überlegte, trat neben Lenné und fragte: »Wenn der Mann dort auf dem Grund lag, als das Ufer abrutschte … warum ist er dann nicht verschüttet worden?«

»Hm.« Lenné zog seine Stirn in Falten. Er trat auf dem Boden herum, als wolle er ihn befestigen. Oder versuchte er, einen weiteren Erdrutsch auszulösen? Tatsächlich purzelte ein Erdklumpen hinab. Er blieb am Rande des Wassers liegen. Ein paar Wellen zogen gen Bassinmitte.

»Ich vermute, das Erdreich hat den Leichnam in die Mitte des Bassins geschoben und nur teilweise bedeckt. Dann kam er wieder hoch und hing mit einer Extremität fest.«

Gontard schaute den Wellen nach. Das Mordopfer konnte am Rande des Bassins gestanden haben und dort von dem Schuss oder dem Hieb getroffen worden sein. Oder der Mörder hatte ihn erschossen und danach in den Kanal geworfen. Aber warum war das Kanalufer abgerutscht? Doch nicht etwa, weil ein einzelner Mann in das Gewässer gestürzt war?

»Konnten Ihre Offiziere schon an den Bodenproben forschen?«, unterbrach Lenné Gontards Gedanken.

»Ich hoffe, die Herren widmen sich zur Stunde im Labor ihrer Aufgabe.« Gontard musste ein Grinsen unterdrücken. Tatsächlich glaubte er nicht, dass die beiden Freiwilligen noch in der Schule weilten. Aber sicher hatten Heye und sein Kumpan genügend Messungen vorgenommen, um morgen mit ein paar Daten aufwarten zu können.

»Ja, ich weiß, wie langwierig solche Untersuchungen sein können.« Lenné kratzte sich an der Stirn. »Aber um ganz ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass Sie in dem Baumaterial Ursachen für mein Problem mit der Böschung finden.« Lenné trat einen Schritt näher.

Gontard schwieg.

»Schauen Sie«, fuhr Lenné fort, »die Backsteine für die Klinkerverkleidung kommen von der Königlichen Ziegelei in Johannisthal. Deren Qualität ist über jeden Zweifel erhaben.« Lenné beugte sich nah zu Gontard, so dass er beinahe flüsterte. »Ich persönlich würde für einen Privatbau die Ziegel aus Rathenow bevorzugen, aber auch das Material aus Johannisthal ist makellos.«

Gontard dachte daran, wie ungehalten Häußler am Vortag auf die Entnahme der Bodenproben reagiert hatte. Und nun verteidigte Lenné das Baumaterial, ohne die Laborergebnisse zu kennen. Verbarg der Königliche Gartendirektor etwas? Gontard wechselte das Thema und fragte: »Warum muss der Kanal eigentlich so eilig fertiggestellt werden? Er ist doch schon seit Jahren im Bau.«

»Seit mehr als fünf Jahren, um genau zu sein.«

»Kommt es da auf ein paar Tage an?«

Lenné lachte. Es klang, als hörte er einen Witz zum dritten Mal und kicherte gegen die Langeweile an. »Herr Oberst-Lieutenant, hier geht es nicht um ein paar Tage. Der Termin ist bereits angekündigt. Wenn der nicht gehalten wird, müssen wir einen neuen suchen. Was glauben Sie, wann alle Honoratioren wieder Zeit haben? Im Herbst? Zur Weihnacht? Im nächsten Frühjahr?« Der Königliche Gartendirektor lächelte bitter. »Wie Sie vielleicht wissen, Herr Oberst-Lieutenant, habe ich eine Vision für die Erweiterung der Residenzstadt. Seit Jahren sind die Pläne fertig. Der König höchstpersönlich hat sie abgezeichnet.« Lenné zeigte mit der rechten Hand über die Wiesen gen Stadt. »Hier, wo wir jetzt stehen, könnte längst alles bebaut sein. Nur bekommen wir die verdammten Baumaterialien nicht heran!«

Wie viele Menschen könnten auf den Wiesen vor den Thoren Berlins wohnen? Gontard wusste, dass in den Jahrzehnten seit der Bauernbefreiung Zigtausende von Bauern nach Berlin gekommen waren, und viele suchten auch jetzt ihr Glück in der Stadt. Hier schossen die Fabriken aus dem Boden wie Pilze nach einem Herbstregen, und die Fabrikherren brauchten billige Arbeitskräfte. Aber schon jetzt wohnten über 430 000 Menschen in Berlin. Wo sollte das hinführen?

»Und jetzt auch noch der!« Lenné zeigte über die Wiesen. Häußler stapfte mit einem Mann durch den Rasen, den Gontard irgendwoher zu kennen meinte.

Der Gartendirektor zeterte: »Bestimmt macht dieser Schmierfink mit seinem Geschreibe unser ehrbares Gewerbe schlecht. Als wenn ich nicht genug zu tun hätte!«

Gontard erkannte den Mann: Es war Grahsen von der Königlich privilegirten Berlinischen Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen, im Volksmund bekannt als die Vossische.

Gontard führte sein Pferd an der Hand und grinste. Er hatte sich von Lenné verabschiedet, bevor Grahsen den Kanal erreicht hatte, und hinter der Baumgruppe gewartet. Den Journalisten wollte er lieber unter vier Augen sprechen. Und tatsächlich, das Warten hatte sich gelohnt. Grahsen kam, allein.

Der Reporter schien in Gedanken versunken zu sein. Er guckte auf seine Füße und brabbelte vor sich hin. Hin und wieder schüttelte er den Kopf, so als würde er eine Geschichte erzählen, die er sich selbst nicht glaubte. Im Schatten der Baumgruppe blieb er kurz stehen und hob gestikulierend den Arm – eine Bewegung voller Pathos … und zu hektisch für Gontards Pferd. Der Rappe wieherte, als wollte er davonjagen.

»Ruhig, Großer, ruhig.« Gontard straffte die Zügel und tätschelte dem Rappen den Hals. Das Pferd beruhigte sich schnell. Nicht zuletzt, weil Grahsen plötzlich wie versteinert dastand.

»Wenn Sie nicht zu schnell machen, können Sie die Hand wieder herunternehmen«, spottete Gontard.

Grahsen verzog keine Miene. Es vergingen noch Sekunden, bis er den Arm bewegte. Er zeigte mit dem Finger auf Gontard und sagte: »Sie … Was machen Sie denn hier?«

»Ich vertreibe mir die Zeit an einem schattigen Fleck. Da draußen in der Sonne ist es nicht auszuhalten.«

Grahsen schien nicht so recht zu wissen, was er mit Gontards Sarkasmus anfangen sollte. Immerhin entspannte er sich und ließ den Arm sinken.

Gontard sagte versöhnlicher: »Ich habe hier nur ein wenig herumgestanden und gewartet. Das ist doch nicht verboten.«

»Nein, das hat der Dicke noch nicht wieder verboten«, erwiderte Grahsen.

Der Correspondent erlaubte sich vorlaute Sprüche über den König gegenüber einem preußischen Offizier. Sollte er auf diese Provokation eingehen? Gontard entschied sich dagegen, ein Correspondent der Vossischen lockte ihn nicht aus der Reserve. Er sagte: »Ihrem Blatt sollten Sie solche Reden besser nicht mehr anbieten, oder?«

»Sie sind ein Spaßvogel!«

Tatsache war, dass die Vossische in den letzten Monaten vor der Reaktion kuschte. In ganz Berlin spotteten die Leute über das Vorzeigeblatt der Liberalen während der März-Revolution und seine seltsame Wandlung ins Harmlose. Da musste sich ein Redakteur Häme gefallen lassen, fand Gontard, und grinste den Reporter an.

»Sie mit Ihrer Pickelhaube haben es gerade nötig!« Grahsen stemmte seine Hände in die Seiten. »Sie werfen uns vor, dass wir uns an die Zeiten anpassen? Ich sehe doch genau, wer im Café Stehely herumsitzt und dabei genau aufpasst, welche Ohren welche Worte hören.«

Da hatte Grahsen wohl recht. In der Residenzstadt schauten alle, wie sie ihren Allerwertesten retteten. Zu viele waren geflohen oder vertrieben worden. Außerdem hatte Gontard eine Familie zu versorgen – und er war ein Militär. Er konnte doch nicht einfach bei einer anderen Armee dienen, bei einer gegnerischen am Ende.

Gontard wechselte das Thema und fragte: »Eigentlich möchte ich nur wissen, was Sie hierher führt. Ist es der Erdrutsch oder der Mordfall?«

»Zunächst wollte ich mich über die mögliche Verzögerung bei den Kanalarbeiten informieren. Aber jetzt, da ich von dem Mord erfahren habe …« Grahsen ließ den Satz unvollendet in der Sommerhitze stehen.

»Sie haben mit Herrn Häußler ein angeregtes Gespräch geführt. Ging es um den Toten?«

»So eine Leiche ist schon etwas Außergewöhnliches.« Grahsen guckte, als wartete er, dass ihm weitere Worte zuflögen. Nach einem Moment fuhr er fort: »Das gilt natürlich besonders, wenn der Leichenfund mit einem Unglück an der Baustelle zusammentrifft.«

»Herr Häußler glaubt an einen Zusammenhang zwischen dem Mord und dem Erdrutsch?«

»Ach was«, Grahsen winkte ab, »ich finde nur, dass hier zu viele Zufälle zusammenkommen. Die Sache stinkt. Das sage ich Ihnen.«

Was meinte Grahsen? Mit vagen Andeutungen konnte Gontard nichts anfangen. Aber wenn der Reporter so redete, hatte er sicher etwas mitzuteilen. Gontard tätschelte seinem Pferd die Mähne, auf dass es noch etwas Geduld habe.

»Das ist doch geradezu unglaublich.« Grahsen wies mit der Hand hinüber nach Berlin. »Vor den Thoren Berlins arbeiten eine Handvoll Menschen an einem Kanalstück. Dann liegt ein Schreiberling tot im Wasser, und alle hier draußen kannten den Mann. Wer wird da nicht stutzig.«

Tatsächlich erinnerte sich Gontard daran, dass Lenné das Opfer zumindest flüchtig gekannt hatte – aber die anderen? Da war ihm nichts aufgefallen. Er sagte: »Ich war hier mit niemandem bekannt, auch nicht mit dem Opfer.« Grahsen guckte, als wisse er nicht, ob er angelogen oder veralbert wurde.

»Nun gut, dem Herrn Gartendirektor bin ich schon zuvor begegnet«, gab Gontard zu. »Aber ich hatte nicht den Eindruck, dass er zu dem Todesopfer einen besonders engen Kontakt pflegte.«

»Das glaube ich auch nicht. Lenné wird wohl eher mit dem werten Herrn von Traunstein verkehrt sein.« Grahsen blickte um sich und fuhr dann leiser fort: »Und den Häußler kannten Sie nicht?«

»Nein, ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen.«

»Der war einer von den Kellerhalsrednern und hat große Volksreden gehalten, damals vor den Märztagen. Genauso wie Puch. Und dann standen die beiden Seit an Seit auf der Barrikade.« Grahsen lachte. »Und jetzt zieht der eine den anderen aus dem Wasser. Das finden Sie nicht seltsam?«

Tagebucheintrag No. 2, 23. August 1850

Den ganzen Tag habe ich auf diesen Moment gewartet. Darauf, dass ich meinen Stift ergreifen und Worte in dieses Buch schreiben kann. Nun ordne ich meine Gedanken. All das, was mir den ganzen Tag durch den Kopf geistert.

Es ist die Vergangenheit. Ich komme mir vor, als verfolge ich mich selbst. So als würde ich mein eigener Schatten sein. In einem fort suche ich dunkle Ecken. Aber ich entkomme nicht.

Auch Ablenkung will mir nicht gelingen. So wie heute Nachmittag. Ich sitze in der Conditorei und studiere Zeitungen. Noch vor ein paar Tagen hätte ich die Zeilen aufmerksam gelesen. Und heute? Mein Blick schwebt über die Absätze. Die Worte geben keinen Halt. Und ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich mich umschaue. Beobachtet einer, was ich lese? Erkennt einer, wonach ich suche? Nach einer Meldung über den Mordfall am Landwehrkanal?

Nein, Gedanken lesen können die nicht. Auch wenn Dr. Wiesenburg und seine Spitzel es gern täten. Die grauen Männer sitzen weiterhin nur herum und gucken dumm. Die machen lange Ohren und sehen aus wie Esel.

Wie schnell ich mich an diesen Unsinn wieder gewöhnt habe … Es ist wie vor dem ganzen Revolutionszauber. Das hätten wir wissen müssen. Nie ändert sich etwas. Vielleicht sieht es für ein paar Augenblicke so aus. Aber das geht schnell vorbei. Am Ende will das Geschmeiß einen vollen Wanst und seine Ruhe. Freiheit, pah! Als würde der Pöbel sich für so etwas interessieren.

Auf meinen Wanderungen durch die Stadt passiere ich die abgerissenen Gestalten. Lange sah man die kaum noch. Ein paar Groschen am Tag mehr gab’s nach den Kämpfen. Und nun? Alles wieder weg. Da stehen sie wieder in den Schlangen und betteln nach den Arbeiten für billigen Tagelohn.

Ich laufe gern durch die Oranienburger Vorstadt mit ihren riesigen Fabriken. Ausgerechnet am Oranienburger Thor reißt mich an diesem Nachmittag ein bekanntes Gesicht aus meinen Gedanken. Da läuft dieser Criminal-Commissarius Werpel herum. Wie ein Schnüffler schaut er an jede einzelne Haustüre. Die ganze Straße entlang. Und dann verschwindet er in einem Hauseingang.

Ich trage meine Verkleidung, den Hut, den Umhang, den Zwicker mit dem Fensterglas und so weiter. Also spreche ich seinen Constabler an. Eine fürchterlich dumme Person. Schwer für seinen Dienstherrn, gut für mich. Der erkennt mich bei einer etwaigen späteren Begegnung niemals. Kein Wunder, dass Commissarius Werpel den draußen vor der Tür stehen lässt.

Ich frage ihn nach dem Grund seiner Untersuchungen. Er fragt, wer das wissen wolle.

Ich behaupte, ich arbeite für eine höchst geheime Revisionscommission Seiner Majestät. Und müsse routinemäßig die Arbeit der Polizeibehörde überprüfen. Das dürfe er aber unter keinen Umständen jemandem verraten.

Na, wenn das so sei, sagt er sichtlich beeindruckt und beginnt zu flüstern. Man sei in einem Mordfall unterwegs. Die Causa habe sich am neuen Landwehrkanal zugetragen. Der Commissarius verhöre gerade einen Gesellen, der da arbeite.

Das habe ich befürchtet. Ich nehme mich zusammen, lasse mir die Sorge nicht anmerken. Ob es denn eine Spur gebe, frage ich.

Er habe keine Ahnung. Da müsse ich schon den Commissarius selbst fragen. Der komme sicher gleich wieder, sagt der Tölpel. Dem Commissarius will ich freilich nicht begegnen. Ich weise den Constabler noch einmal mit Nachdruck auf meine geheime Mission hin. Er werde schwer bestraft, würde er nur ein Wort über unser Gespräch verlieren.

Der Strohkopf schwört hoch und heilig Verschwiegenheit. Ich muss aufpassen, dass ich nicht lache. Allein, viel schlauer bin ich nach dem Gespräch auch nicht.

Drei

Sonnabend, 24. August 1850

Christian Philipp von Gontard betrat den Hof der Werkstatt zur Mittagsstunde. Schon in der Toreinfahrt lagen Balken, vermutlich zum Trocknen. In dem winzigen Hof stapelten sich abgesägte Baumstämme in der Sonne. Es sah aus, als versuche jemand, einen babylonischen Turm aus Baumaterialien zu errichten. Die obersten Stämme befanden sich meterweit über Gontards Kopf, und die Stützen erschienen ihm nicht besonders vertrauenerweckend.

Er blieb in der Einfahrt zum Hof stehen und rief: »Meister Häußler! Sind Sie in Ihrer Werkstatt?«

Es kam keine Reaktion. Nur der Wind pfiff zwischen den Holzstapeln. Gontard trat in den Hof. Er wollte auf Häußler warten. Heye und sein Kumpan forschten noch im Labor. Sie wollten die Ergebnisse beim Diensthabenden hinterlegen. Also hatte er Zeit für den Mordfall – aber musste er deshalb sein Leben aufs Spiel setzen?

Er tippte mit dem Finger gegen eine der Stützen, bereit, sich sofort in die schützende Einfahrt zu retten. Die Strebe stand fest wie ein Soldat auf dem Exerzierplatz. Gontard drückte noch einmal mit etwas mehr Kraft dagegen, das Holz gab kein Stück nach, es knarrte nicht einmal. Nun, Häußler arbeitete jeden Tag hier und lebte immer noch, überlegte Gontard. Die Uferbefestigung am Landwehrkanal war hingegen eingebrochen. Sollte er auf die Fähigkeiten des Meisters vertrauen und über den Hof gehen?

Gontard rief abermals nach Häußler. Als erneut keine Reaktion erfolgte, ging er noch ein paar Schritte in den Hof hinein. Immerhin roch es hier nach frischem Holz und nicht mehr nach den Ausdünstungen der Großstadt. Gontard nahm beim Gehen den Helm ab und zog das Taschentuch hervor – ihm stand der Schweiß auf der Stirn. Nachdem er die Tropfen abgetupft hatte, verstaute er das Tuch im Waffenrock.

Die Tür zum Werkstattgebäude war geschlossen, also klopfte Gontard an. Drinnen brummte jemand etwas Unverständliches, Gontard wertete es als Aufforderung und trat ein.

Hier herrschte noch größere Enge als auf dem Hof. Inmitten des Raumes saß Häußler hinter einem Tisch, mit einer Feile in der Hand und einem Winkel im Schraubstock. Das Spannwerkzeug musste recht neu sein, denn es bestand aus Gusseisen. Schraubstöcke aus diesem Material waren erst 1830 in England erfunden worden – das dozierte Gontard in seinen Vorlesungen.

Der Meister stand auf und sagte: »Guten Tag, Herr Oberst-Lieutenant! Sie beehren meine kleine Manufactur …«

Gontard erwiderte den Gruß und schaute sich in der Werkstatt um. Der Raum war kaum größer als die Dienstküche in seinem Haus. An allen Wänden hing Werkzeug, vom Boden bis zur Decke.

»Das ist nicht gerade eine Fabrikhalle. Aber ich kann hier arbeiten.« Häußler wies auf einen Hocker, der neben der Tür stand. »Und wenn Ihnen dieser bescheidene Schemel genügt, können Sie gern Platz nehmen.«

Gontard nickte und setzte sich auf den Hocker. »Erlaubt Ihnen ein Auftrag wie der Kanalbau nicht eine Erweiterung des Geschäfts?«

»Oh, sicher, ich könnte mich vergrößern. Aber dann bräuchte ich auch mehr Gesellen, mehr Arbeiter, mehr Aufträge, mehr Vertragsverhandlungen.« Häußler klopfte auf den Winkel im Schraubstock. »Ich bin Handwerker und kein Fabrikherr.«

»Sie haben nur die beiden Gesellen in Diensten, die ich am Kanal gesehen habe?«

»Das sind zwei zuverlässige junge Leute. So etwas findet man heutzutage nicht mehr oft, gerade hier in Berlin.« Gontard fragte sich, wo die Burschen nach Häußlers Ansicht mehr taugten. Er dachte an Quappe, der kam vom Dorf und war ein Schlingel wie aus dem Bilderbuch. Andererseits diente Quappe nun schon seit mehreren Jahren in Berlin, er musste wohl zu den Lausebengeln der Residenzstadt gezählt werden.

»Die beiden verstehen ihr Handwerk inzwischen ordentlich«, fuhr Häußler fort. »Ich kann sie allein auf Baustellen senden, so wie jetzt. Dem einen werde ich wohl demnächst den Gesellenbrief aushändigen.«

»Da scheint es mir nicht wahrscheinlich, dass einer Ihrer Gesellen den Erdrutsch am Landwehrkanal durch eine fehlerhafte Arbeit verursacht hat.«

»Das ist in der Tat ausgeschlossen. Bei so einer Baustelle erledige ich die allermeisten Arbeiten selbst, und auch jeden Arbeitsschritt meiner Stifte habe ich höchstpersönlich überwacht und in Augenschein genommen.«

Gontard sagte nichts – er schaute Häußler einfach in die Augen. Häußlers Gesicht wirkte beinahe so hart wie der Schraubstock an seinem Tisch.

Der Handwerker fragte, fast ohne den Mund zu bewegen: »Haben Sie in Ihrem Labor schon etwas Gegenteiliges entdeckt?«

»Nein, nein, ich frage aus reiner Neugier.« Gontard setzte sein verbindliches Lächeln auf. »Ich will mir nur ein umfassendes Bild verschaffen.«

»Nur zu, machen Sie sich Ihr Bild!«, brummte Häußler.

»Vielen Dank, Herr Häußler. Ich weiß Ihre Offenheit zu schätzen.« Gontard beugte sich zum Tisch und erkundigte sich dann leiser: »Wissen Sie, ob Ihre Gesellen den Toten kannten?«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Es ist nur eine Frage.«

»Das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Ich habe sie allerdings nicht danach gefragt.«

»Würden Sie das für mich erledigen?«

Häußler überlegte und strich sich durch den Bart.

»Nun ja, warum eigentlich nicht …«

»Ich wäre Ihnen sehr verbunden.« Gontard zögerte einen Moment. »Ich habe schon gehört, dass Sie auch mit Herrn Puch bekannt waren.«

»Das ist kein Geheimnis. Ich habe ihn allerdings in den letzten zwei Jahren nicht mehr gesehen. Die Zeiten sind nicht danach. Ich hörte, Sie wissen das nur zu gut.«

Gontard zuckte zusammen. Was wusste der Baumeister über ihn?

Häußler zwinkerte ihm zu und richtete sich auf seinem Hocker auf. »Ich habe mich nicht mehr politisch betätigt. Bei ihm war das etwas anders. Vielleicht eruieren Sie mal bei der Obrigkeit, ob Puch jemandem auf die Füße getreten ist.«

Paul Quappe öffnete die Tür zur Speisekammer – ganz vorsichtig, denn die Scharniere neigten zum Knarren. Und Lärm konnte er nicht gebrauchen. Die Küchenmamsell war zum Einkaufen gegangen, von der drohte keine Gefahr. Aber die Hausherrin weilte in den oberen Stockwerken, und Ferdinand stromerte auch durch das Haus.

Nun war der Spalt breit genug, um hineinzugreifen. Quappe tastete nach Obst. Ein Apfel wäre nicht schlecht – oder zwei oder drei. Bis zur Vesper blieben noch Stunden. Seine Fingerspitzen streiften über Papiertüten, einen Kartoffelsack, Gurken. Er näherte sich der Sache. Da, das fühlte sich wie ein Apfel an …

Es klopfte – hinter ihm.

Quappe zuckte zusammen. Er ließ den Apfel fallen, der rollte über den Boden der Speisekammer und polterte gegen die Tür. Die quietschte sofort los.

Es klopfte erneut an der Dienstbotentür.

»Hallo? Ist da wer?« Das war eine Frauenstimme, und sie klang nicht nach Henriette von Gontard und auch nicht nach der Küchenmamsell.

»Ja doch! Eenen Momang bitteschön.« Quappe schlug die Tür zur Speisekammer zu. »Ick eile!«

Er lief durch die Dienstküche und drückte die Türklinke herunter. Vor Paul Quappe stand eine Frau. Eine schöne Frau. Eine sagenhaft schöne Frau. Ihre brünetten Locken fielen auf ein Decolleté, von dem Quappe seine Augen gar nicht lösen konnte. Er versuchte etwas zu sagen, doch es gelang ihm nicht.

Die Frau lächelte und fragte: »Ist jemand zu Hause?« Normalweise hätte Quappe etwas wie »Ick steh ja jenau vor Ihn« geantwortet. Allein, er brachte immer noch kein Wort hervor. Sogar sein Mund stand offen. Das bemerkte Quappe erst jetzt.

»Na, junger Mann, können Sie meine Worte verstehen?« Quappe klappte das Kinn hoch und nickte. Warum klopfte die Frau am Dienstboteneingang? Sie sah nicht wie eine Magd oder eine Mamsell aus. Vor ihm stand ganz ohne Zweifel eine feine Dame. Und was für eine!

Sie zwinkerte ihm zu.

Quappe nahm sich zusammen und sagte: »Wen vonne Herrschaften wolln Se denn jerne sprechn?«

»Ist Herrn von Gontard im Hause?«

Sie meinte bestimmt den Herrn Oberst-Lieutenant und nicht seinen Sohn Ferdinand. Denn bei aller Schönheit konnte die Madame ihr Alter nicht verbergen. Sie war bestimmt zehn Jahre älter als Quappe – mindestens Ende zwanzig, vielleicht schon über dreißig.

»Wollen Sie die Dame nicht hereinbitten, Herr Quappe?« Ferdinand stand hinter Quappe und presste die Stimme, damit sie tiefer klang. Quappe trat beiseite, und die Madame betrat die Dienstküche.

»Ich heiße Sie ganz herzlich willkommen im bescheidenen Heim der Gontards! Warum haben Sie nicht den Vordereingang gewählt, meine Dame?«

Die Madame sah sich um und lächelte spitzbübisch.

»Ich kam wohl aus der falschen Richtung, von der Charlottenstraße her.« Sie trat einen Schritt auf Ferdinand zu.

»Sie sind der junge Herr des Hauses?«

»In der Tat, das bin ich. Ferdinand von Gontard.« Der Junge verbeugte sich so tief, wie Quappe es bestimmt schon seit Jahren nicht mehr gemacht hatte.

Die Madame machte einen Knicks und erwiderte: »Mein Name ist Martha von Traunstein.«

»Es ist mir eine Ehre«, sagte der Junge.

Quappe wurde das langsam zu viel. Dieses Getue! Kaum kam eine feine Dame des Weges, spielten alle verrückt. Sogar er selber. Damit musste Schluss sein. Er rief: »Un ick bin Paul Quappe!«

Ferdinand und Martha von Traunstein drehten sich herum. Quappe kam sich vor, als sei er der Bengel und nicht Ferdinand. Nein, eigentlich guckten die beiden ihn eher an wie einen Kläffer, der mit ungebührlichem Lärm störte.

»Fein«, übernahm Ferdinand das Wort, »Herr Quappe ist der Bursche meines Vaters.«

Die Dame wandte sich wieder dem Jungen zu. Sehr lange hatte seine Einmischung nicht Wirkung gezeigt, dachte Quappe.

»Dürfen wir Ihnen etwas anbieten, meine Dame?« Ferdinand spielte weiterhin den Erwachsenen.

»Nein, vielen Dank, mein Herr«, flötete die Dame. »Ich bin eigentlich auf der Suche nach Ihrem Vater. Oberst-Lieutenant von Gontard ist doch Ihr Herr Vater?«

»Ja, in der Tat. Darf ich nach Ihrem Anliegen an meinen Herrn Papa fragen?«

Die Dame fummelte an ihrem Hut herum. Quappe war sich ziemlich sicher, dass sie ihre Verlegenheit nur spielte. Doch sie sah hinreißend dabei aus. Sie trat noch einen Schritt näher an Ferdinand heran und flüsterte: »Ich habe da eine wichtige Information für Ihren Herrn Vater. Es geht um …«, sie zögerte kurz, »… um seine aktuelle Forschung.«

Quappe fiel auf, dass die Dame gerade so laut flüsterte, dass er die Worte auch verstehen konnte. Ferdinand hatte für solche Eigentümlichkeiten anscheinend keine Aufmerksamkeit übrig. Sein Blick klebte an den Lippen der Dame, und er nickte.

Madame von Traunstein fuhr etwas lauter fort: »Sie werden doch die Freundlichkeit besitzen und Ihrem Herrn Vater die Information und einen Gruß von mir übermitteln? Er findet mich heute am Abend im Opernhaus.«

»Aber natürlich, meine Dame.« Ferdinand schwang den Arm wie ein Galan bei einer Einladung. »Es ist mir eine Ehre, Ihre Grüße zu überbringen.«

Nach einem erneuten Knicks verabschiedete sich Madame von Traunstein und verließ das Gontard’sche Haus wieder durch die Dienstbotentür.

Quappe sah zu Ferdinand. Der guckte der Dame noch hinterher, obwohl die Tür längst ins Schloss gefallen war.

Der Junge drehte sich zu Quappe um und sagte: »Haben Sie das mitbekommen, Herr Quappe?«

Quappe fragte sich, was Ferdinand meinte. Etwa, dass der Junge wie ein liebestoller Verehrer um die Dame herumscharwenzelt war? Quappe schüttelte vorsichtshalber den Kopf.

»Herr Quappe! Sie weiß etwas über den Mord.«

»Ach so, meenen Se?«, fragte Quappe und dachte: Uns wird sie aber bestimmt nicht erzählen, was sie weiß.

»So ist es!«, rief Ferdinand aufgeregt. »Wir müssen die Dame unbedingt im Auge behalten!«

»Dit is dit Zimma von dem Herrn Puch«, sagte die alte Frau und wies in die Kammer, in die gerade so ein Bett, zwei Stühle, ein Schreibtisch und eine Kommode passten. Zwischen den Möbelstücken konnte Gontard sich kaum noch um die eigene Achse drehen. Obendrein herrschte in der Bude nicht gerade preußische Ordnung. Auf der Kommode häuften sich Kleider, die augenscheinlich einer Wäsche bedurften. Der Tisch zeugte, freundlich betrachtet, vom Fleiß seines Besitzers, weniger wohlwollend formuliert, handelte es sich um einen Saustall. In der Kammer stand der Staub in der Luft. Immerhin gab es ein Fenster.

»Wenn Se mir fragen, war der Herr Puch nich so fein, wia imma tat.«

Gontard trat ans Fenster und öffnete es einen Spalt. Von draußen wehte ein Schwall Luft herein. Es roch nach dem Moder des Hinterhofs mit seinen Latrinen, dennoch ließ sich die Luft von draußen besser atmen. Gontard schaute zur Alten.

»Ick hab allet jenau so jelassen, wie et war. Anjefasst hab ick ooch nix. So wie da Herr Commissarius dit jesacht hat.«

Gontard schwieg.

»Lange jeht dit aba nich mehr. Ick muss dit Zimma ooch ma wieda vamieten. Da Tote wird wohl nix jeben.«

»Hatten Sie mit Herrn Puch Schwierigkeiten?«

»Nee, jar nich. Von dem hat ma kaum wat jehört. Ick meene, unten wohnen die Kasulkes. Acht Leute in drei Zimman. Dit issn Krach! Da kriegn Se von hier obn nix mit.«

»Wohnt hier oben noch jemand?«, fragte Gontard.

»Nee. Wir haben hier hinten noch den Trocknbodn«, die Alte wies auf den Nachbarraum unterm Dach, »da häng ick die Wäsche uff.«

»Vielen Dank, meine Dame«, erwiderte Gontard. »Ich werde mich nur ein paar Minuten umschauen.«

»Dit mit die Dame könn Se lassn, Herr Offizier. Ick geh ja schon.« Die Haushälterin trollte sich und murmelte auf ihrem Weg die Treppe hinunter unverständliches Zeug.

Gontard trat an den Tisch. Dieser bog sich geradezu unter einem Haufen von Papier. Ganz oben lag eine Ausgabe der Deutschen Zeitung, sie war gerade ein paar Tage alt. Darunter kam ein zusammengefalteter Brief zum Vorschein. Es handelte sich um handschriftliche Correspondenz, er erkannte die Schrift. Rudolf Virchow schrieb aus Würzburg. Der Mediciner hatte Berlin wegen der Restauration verlassen und einen Ruf an der Würzburger Universität angenommen. Ironischerweise, dachte Gontard, würde Puch jetzt wohl auf Virchows Tisch liegen, wenn der Mediciner noch in Berlin wäre. Schließlich hatte der Arzt die Pathologie begründet und in der Charité geleitet.

Gontard faltete den Brief zusammen, steckte ihn in die Tasche seines Waffenrocks und wandte sich wieder dem Papierhaufen auf dem Tisch zu. Er legte ein Blatt mit Notizen beiseite und kramte weiter. So recht wusste er nicht, wonach er suchte. Er wühlte sich durch die Stapel, betrachtete Briefe, Gedichte für Jubilare, Briefe, Zeitungsausrisse mit Anzeigen für Druckerzeugnisse und immer wieder Briefe.

Ganz unten auf der Tischplatte fand Gontard ein Bündel mit Couverts. Die Schrift darauf stammte von einer Frau, vermutete er. Gontard zog einen Brief aus einem der Umschläge und sah seine Annahme bestätigt – Martha von Traunstein schloss das Schreiben mit herzlichsten Grüßen. Er steckte das ganze Bündel in die Innentasche an seiner Brust.

»Herr Oberst-Lieutenant!« Werpels Stimme erklang aus dem Treppenhaus. »Welch ein Zufall! Gut, dass ich Sie treffe.«

Gontard drehte sich herum, begrüßte den Commissarius und fragte sich, ob das Bündel den Waffenrock so sehr ausbeulte, dass Werpel es erahnen konnte.

»Ich sehe, Sie kümmern sich auch um den Mordfall«, sagte der Commissarius.

»Wollen Sie mich davon abhalten?«

Werpel wiegte den Kopf, als würde er die Möglichkeit erwägen, sagte aber: »Sie würden sowieso nicht auf mich hören, Herr Oberst-Lieutenant. Nein, ich würde es eher begrüßen, wenn wir uns regelmäßig über unsere Ermittlungen austauschen könnten.« Werpel trat ein und schloss die Tür hinter sich.

Nun stand der Criminal-Commissarius beinahe Schulter an Schulter mit Gontard. War das nicht ein bisschen zu nah? Der Commissarius guckte wie ein Pferd – diese Mischung aus Zuvorkommenheit und Trottelei machte Gontard skeptisch.

»Ich, Herr Oberst-Lieutenant, war gestern zum Beispiel bei einem von Häußlers Stiften. Sie werden sicher auch noch Ihre Erkundigungen einholen, aber ich glaube, die beiden haben nichts mit der Mordsache zu tun.«

Gontard überlegte, welche leicht zu ermittelnde Information er dem Commissarius im Gegenzug überlassen könnte. Er sagte: »Ich habe auch eher die Befürchtung, dass Herr Puch sich in etwas Politisches verwickelt haben könnte.«

»Wie kommen Sie darauf?«

War das plötzlich ein Verhör? Gontard ignorierte den scharfen Ton und zeigte auf den Tisch. »Haben Sie schon über diese Papiere geschaut?«

»Aha, daher weht der Wind. Ja, ich habe bereits einen Blick auf den Haufen geworfen und eine erste Auswahl konfisziert.«

Gontard stutzte. Hatte Werpel die Briefe von Virchow und Martha von Traunstein nicht für wichtig befunden, oder hatte er nur nicht so tief gekramt? Und was für Schriften lagen jetzt bei der Polizei?

»Vermutlich haben Sie recht mit Ihrer These. Puch schien absonderliche politische Ansichten vertreten zu haben«, sagte der Commissarius. »Stellen Sie sich vor, ich habe eine Neue Rheinische Zeitung gefunden. Und wer hat gleich auf der zweiten Seite einen Artikel verfasst? Unser Mordopfer.«

Die Neue Rheinische Zeitung war die Postille von diesem Karl Marx, die kürzlich ihr Erscheinen hatte einstellen müssen – Gontard hätte den Artikel zu gern gelesen.

»Kommen Sie beizeiten vorbei! Dann können Sie einen Blick auf die Papiere werfen. Und, Herr Oberst-Lieutenant, haben Sie schon etwas gefunden?«

Gontard schaute den Polizisten an – seinen alten Bekannten Virchow wollte er ihm nicht auf dem Silbertablett servieren und auch über die Verwicklung von Martha von Traunstein machte er sich zunächst lieber selbst ein Bild. Er schüttelte den Kopf und sagte: »Ich bin gerade erst hereingekommen. Lassen Sie uns den Haufen doch gemeinsam durchsehen.«

»Ick hab den Ufftrag vom Herrn Oberst-Lieutenant, zu Herrn Lenné zu jehen. Könn’ Se mir nich einfach in Ruhe lassn?« Paul Quappe versuchte schon den ganzen Weg von der Dorotheenstraße bis ins Thiergartenviertel, Ferdinand von Gontard loszuwerden. Aber der Junge grinste immer nur verschwörerisch, redete von Mordermittlungen und Abenteuern. Quappe sah eher Bestrafungen auf sich zukommen.

»Wat soll da Herr denn denkn, wenn wa da zu zweet uffschlagn tun?«

»Ich sage einfach, ich solle auf Sie aufpassen«, sagte Ferdinand in frechem Ton.

Quappe hielt das für keine gute Lösung. Ihm musste etwas einfallen, wie er den Jungen beschäftigen konnte. Und zwar schnell. Sie sahen die Lennéstraße bereits. In der No. 1 wohnte der Herr Gartendirektor und Stadtplaner Seiner Majestät. Wieso hatte der eigentlich eine eigene Straße? Also, eine mit seinem Namen? Weil er ein paar Sträucher und Bäume zwischen Brandenburger Thor und Charlottenburg angepflanzt hatte? Das mit dem Landwehrkanal schien er nicht so recht hinzubekommen, dachte Quappe. Trotzdem konnte er sicher jeden Abend in Geld baden. So sahen jedenfalls die Villen hier aus.

Quappe schaute auf die Hausnummern. Es war nicht mehr weit. Ihm musste etwas einfallen … Er sagte: »Wir müsstn dit Haus von allen Seiten ankieken. Da fällt uns sicha irjendwat uff.«

Ferdinand bekam große Augen.

»Ick muss ja leida anna Tür kloppn. Aba Sie, junga Herr …«

»Sie meinen, ich …« Ferdinand guckte sich um. »Was soll ich denn da finden?«

»Ja, watt weeß ick. Watt Vadächtiget ebent.«

»Und in dieser Zeit könnten Sie in Ruhe die Nachricht meines Vaters überbringen, nicht wahr?« Ferdinand zog ein Gesicht wie ein Bengel, dem jemand sein Spielzeug wegnehmen wollte.

»Dit schon. Aba Sie tun vielleicht watt üba den Mord rausfinden.«

Ferdinand schien sich nicht entscheiden zu können. Quappe blieb stehen, um ihm etwas Zeit zu geben. Ihm blieb auch nichts anderes übrig. Bis zur Lenné-Villa blieben nur noch ein paar Schritte.

»Na gut«, sagte Ferdinand, »ich laufe eine Runde ums Carré und mache mir ein Bild. Aber ich schaue mich nur um. Wenn Sie danach nicht fertig sind, treffe ich Sie zufällig an der Villa des Herrn Gartendirektors an.«

Mehr ließ sich wohl nicht herausschlagen. Quappe sagte: »Kieken Sie jenau, junga Herr! Mir wolln ja nix übasehn.«

Ferdinand entschwand in einen Fußweg zwischen zwei Grundstücken. Quappe guckte ihm hinterher. Wenn jemand den jungen Herrn beobachtete, gab es sicher Ärger. Ferdinand schlich wie ein Spion hinter den Feindeslinien. Quappe musste sich beeilen, bevor jemand das Treiben bemerkte! Schnell lief er um die Ecke in die Lennéstraße hinein. Das Grundstück des Gartendirektors lag im langen Schatten der Spätsommersonne. Die Villa wirkte in dem Licht noch größer. Wohnten hier Riesen?

Quappe erreichte das gusseiserne Tor und überlegte, ob er eintreten oder lieber rufen sollte. Wachte ein Hund über das Grundstück? Nein, der hätte bestimmt schon längst gebellt. Quappe flitzte über den Kiesweg und klopfte am Dienstboteneingang.

Ein hagerer Alter in Livree öffnete, als hätte er an der Klinke auf Gäste gewartet. Er fragte nach Quappes Wunsch und klang dabei, als müsse er einen frisch antrainierten französischen Akzent unterdrücken.

»Ick soll dem Herrn Lenné eine Botschaft übabringen. Von mei’m Herrn, was da Oberst-Lieutenant von Gontard is.«

Der Hagere hob die rechte Augenbraue und entgegnete: »Und wen darf ich der Herrschaft melden?«

»Ick bin Paul Quappe. So wie Kaulquappe, nur mit ’m P. Also um jenau zu sein, mit drei P. Eens janz vorn un zwee inne Quappe drin.«

Der Alte verzog keine Miene und antwortete: »Bitte haben Sie einen Augenblick Geduld, Monseigneur Quappe!« Der Diener hob den Kopf und tappelte ins Haus.

Quappe überlegte, wie lange es noch dauern konnte, bis Ferdinand wiederauftauchte. Viel Zeit blieb nicht, befürchtete er.

Der Lakai kam und führte ihn ohne ein Wort nach drinnen. Sie schritten durch das Foyer zu einem Raum, in dem das Fenster größer war als die Wände in der Kate von Quappes Eltern. In dem Raum standen drei Herren. Die Männer sahen trotz der feinen Kleidung wie Jahrmarktsgestalten aus. Der eine trug einen gewaltigen Bauch unter dem Wams – als hätte er ein Kissen unterm Gürtel versteckt. Das Gesicht des zweiten Mannes war voller Narben. Der dritte reichte den beiden anderen allenfalls bis zur Schulter.

»Sie sind der Bursche von Oberst-Lieutenant von Gontard?«, fragte das Narbengesicht.

»Dit bin ick.«

»Ich bin Peter Joseph Lenné«, sagte das Narbengesicht und wies auf den Dicken und den Kleinen, »und das sind Erhardt von Richtenau und Johann Jakob Helfft. Hat Ihr Herr neue Informationen über den bedauerlichen Zwischenfall am Kanal?«

Meinte das Narbengesicht den Mord oder das abgerutschte Ufer? Quappe dachte nach – er wollte nichts Falsches sagen, sonst gab es wieder Ärger.

»Die Studenten des Herrn Oberst-Lieutenant von Gontard unterstützen mich bei der Untersuchung der unangenehmen Sache«, erklärte Lenné dem Dicken.

»Jenau dit isses. Ick soll um een Termin anhalten. Am besten jleich am Montag inne Frühe.«

Lenné zog ein Büchlein aus dem Gehrock und blätterte darin. »Mir wäre um elf sehr recht. Würden Sie das dem Herr Oberst-Lieutenant mitteilen?«

»Dit mach ick, mein hochvaerhta Herr!« Quappe verbeugte sich.

Der Lakai hob die Augenbraue und schritt wieder zum Ausgang. Quappe lief hinterher. Er dachte an Ferdinand. Kam der Junge auf dumme Gedanken und klopfte an die Tür der Villa? Das Foyer schien größer geworden zu sein. Oder ging der Lakai nur langsamer?

Endlich erreichten sie die Tür. Quappe sauste los. Mit ein paar großen Schritten brachte er den Kiesweg hinter sich. Er trat auf die Straße. Im selben Augenblick erreichte Ferdinand das Tor. Quappe wandte sich um und sah den Diener kopfschüttelnd in die Villa gehen.

»Haben Sie den Dicken gesehen, Herr Quappe?«, fragte Ferdinand außer Atem.

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Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
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ISBN:
9783955520359
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