Kitabı oku: «Katzmann und die Dämonen des Krieges»

Yazı tipi:


Uwe Schimunek

Katzmann und die

Dämonen des

Krieges

Der zweite Fall

Kriminalroman

Jaron Verlag

Uwe Schimunek, Leipziger Journalist und Autor, wurde vor allem durch seine Kurzgeschichten bekannt. Er nimmt seit 2006 mit Lesungen an den jährlich stattfindenden Ostdeutschen Krimitagen teil. Mit dem Krimi-Kleinkunst-Programm «Killer-Kantate» ist er regelmäßig auf der Bühne zu sehen. Zuletzt erschienen von ihm die Erzählbände «13 kleine Thriller» (2009) und «13 kleine Thriller plus drei» (2010) sowie die Novelle «Das Thüringen Projekt» (2009).

Originalausgabe

1. Auflage 2011

© 2011 Jaron Verlag GmbH, Berlin

1. digitale Auflage 2013 Zeilenwert GmbH

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

www.jaron-verlag.de

Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin

ISBN 9783955520519

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titelseite

Impressum

Widmung

EINS Freitag, 13. Februar 1920

ZWEI Samstag, 14. Februar 1920

DREI Sonntag, 15. Februar 1920

VIER Montag, 16. Februar 1920

FÜNF Dienstag, 17. Februar

SECHS Mittwoch, 18. Februar

SIEBEN Donnerstag, 19. Februar

ACHT Freitag, 20. Februar

NEUN Sonnabend, 21. Februar

ZEHN Sonntag, 22. Februar

ELF Mittwoch, 24. März 1920

NACHBEMERKUNG

Die Reihe

Meinen Großvätern - den Großhandels-Kaufleuten

Werner May (1918–1984) und Franz Schimunek (1912–1993)

EINS
Freitag, 13. Februar 1920

HELMUT CRAMER hielt nicht viel von Aberglauben, deshalb fiel es ihm auch nicht schwer, seinen kleinen Beutezug an diesem Freitag, dem dreizehnten Februar, anzutreten. Was sollte schon passieren, hier im Großhandel Preßburg in der Mittagspause? Die Lagerarbeiter und die Angestellten saßen mit Sicherheit beisammen, aßen Schwarzbrot mit Schmalz und unterhielten sich über das bevorstehende Wochenende.

Der Gang am Rande der Lagerhalle zog sich so weit hin, dass die Stahltür am Ende wie ein verbeulter Verschlag für Liliputaner wirkte. Helmut Cramer passierte die Porzellanabteilung. Zu seiner Rechten stapelten sich bemalte Kaffeekannen bis zur Decke, in zehn Meter Höhe. Ein Regal weiter runde Teller, die in ihrer exakten Ausrichtung wie antike Säulen in die Höhe ragten. Zwischen den rostigen Regalträgern wirkten die sauberen Geschirrteile, als wären sie Boten einer besseren Zukunft.

Die bessere Zukunft für Helmut Cramer musste ihren Anfang hinter der Stahltür und eine Treppe höher nehmen, genauer gesagt im Bureau des Inhabers. Dort wartete das Startkapital für die großen Pläne seines Bruders.

Helmut Cramer merkte, wie er schneller lief, die Töpfe und Tiegel zu seiner Rechten nur noch als leuchtende schwarze Punkte wahrnahm. Er passierte Regale mit den neuen elektrischen Waschmaschinen, die Wäsche wie von alleine reinigten. An den hölzernen Bottichen waren Antriebsräder angebracht, groß wie der Boden eines Bierfasses. Die Geräte wirkten ein wenig so, als wollten sie aufstehen und losrollen, um ihre reichen Besitzer in der guten Stube heimzusuchen und mit Maschinenöl zu bespritzen. Er kam an den Waschbecken vorbei, weiße Unschuld blendete seine Augen.

Als er die Badezimmerspiegel erreichte, hielt Helmut Cramer kurz inne. Ja, die Frisur saß korrekt. Er lächelte: Es gab gute Gründe dafür, dass er von den Kumpels «der Schöne» genannt wurde. Aber sein Bruder hatte recht, der Anzug musste dringend ersetzt werden. Er sah schon fast aus wie einer der Hungerleider, die sich den ganzen Tag in der Stadt rumtrieben, an den Knien war der Stoff der Hose abgewetzt, unter dem offenen Mantel knitterte das Jackett, als hätte er darin geschlafen. So würde ihn niemand als Geschäftsmann ernst nehmen.

Als er an den Kleinteilen vorbeikam, überlegte er kurz, ob er nicht seine Taschen mit Haarreifen, Kämmen und Handspiegeln vollstopfen sollte, Frauen standen auf Geschenke. Aber dann würde sein Bruder ihn bestimmt ausschimpfen. Bertold hatte den Humor verloren, seit ihm dieser Franzose im Krieg mit dem Gewehrkolben den rechten Kiefer zertrümmert hatte und sie als Bruderpaar bei den Kumpeln «der Schöne» und «der Schiefe» hießen. Na ja, das war sicher auch nicht leicht für Bertold. Seither nahm der die Sache mit den Gesetzen nicht mehr ganz so ernst.

Helmut Cramer erreichte die Tür, aus der Nähe erwies sich der vermeintliche Stahl als billiges Blech. Er drückte die Klinke, zog. Die Scharniere quietschten, als würde eine Katze gefoltert. Ein Blick zurück beruhigte ihn. Niemand da, alle noch beim Essen.

Im Treppenhaus klangen seine Schritte, als würde ein Stein durch eine Höhle schnippen. Er versuchte, nur mit den Fußballen auf die Stufen zu treten, obwohl er sicher war, dass in den Bureaus keine Angestellten arbeiteten. Im ersten Stock bog er in den Gang ein. Ganz hinten rechts musste nach der Beschreibung seines Bruders Preßburgs Bureau sein.

Früher hatte auch Bertold hier auf diesem Gang gearbeitet, vor dem Krieg, als er noch Handelsvertreter beim Großhandel Preßburg war und noch nicht «der Schiefe» genannt wurde. Jetzt saß er für ein kümmerliches Gehalt draußen im Pförtnerhäuschen und träumte wahrscheinlich wieder von seinem eigenen Geschäft. Helmut Cramer konnte den Ehrgeiz seines Bruders nur schwer nachvollziehen. Die Stadt, ja ganz Deutschland lag am Boden, das war doch nicht die Zeit für Visionen. Bertold sagte immer, das werde schon wieder. Helmut Cramer selbst nahm lieber jetzt mit, was er kriegen konnte. Immerhin ein Anzug …

Auf der Tür stand mit Frakturschrift August Preßburg - Inhaber geschrieben. Leise öffnete Helmut Cramer die Tür und betrat das Vorzimmer. Alle Wände waren von Regalen verdeckt, es sah fast aus wie im Lager, nur dass die Unmengen von Aktenordnern nicht frisch aus der Fabrik kamen, sondern vergilbte Rückseiten hatten, als stünden sie schon hier, seit der Kaiser seine guten Zeiten gehabt hatte. Cramer las die Aufschriften: 1895, 1896, 1897… Ja, da war Wilhelm II. noch frisch gewesen.

In der Wand zu seiner Linken führte eine Holztür mit barocken Verzierungen offenbar in Preßburgs Bureau. Aber dort würde Helmut Cramer gar nicht hineingehen müssen, sicher stand die Handkasse in dem Schreibtisch neben der Tür. Seine Blicke wanderten über den Schreibtisch: Eine Reihe Bücher, genau ausgerichtet, auf der Schreibmaschine daneben leuchtete der Schriftzug Mignon, als käme das Gerät frisch vom Werk. Ein Stapel Papiere, akkurat auf Kante sortiert, lag vor einem schwarzen Fernsprecher. Kein Staubkorn … Hier arbeitete eine sorgfältige Tippse, sicher kein Problem, die Kasse in einer der Schubladen zu finden.

Er ging leise auf den Schreibtisch zu, weiter in die Mitte des Raumes. Hinter dem Möbelstück, gleich neben der Tür, wurden auf dem Fußboden schmale dunkelgraue Kästchen sichtbar. Nein, keine Kästchen … Fußsohlen. Schuhe. Socken. Hosenbeine. Da lag einer auf den Dielen.

Helmut Cramer bemerkte, dass er stehengeblieben war. Hier hatte doch keiner herumzuliegen - und schon gar nicht so ruhig! Im Vorzimmer herrschte absolute Stille, das Fenster zum Hof war verschlossen, wie es sich im Winter gehörte. Er hörte niemanden atmen, bis er bemerkte, dass er selbst schon seit Sekunden die Luft angehalten hatte, und seine Nase wieder in Betrieb setzte. Der Geruch von trockenem Papier … Wenn der Regungslose dort tot war, dann noch nicht sehr lange.

Leise ging Helmut Cramer auf den Körper zu, einen Schritt, noch einen. Es bestand kein Zweifel, der Mann würde nicht mehr aufstehen. Der Kopf lag in einer Blutlache, und die stammte von einem Loch in der Stirn, klein wie ein Pfennigstück. Fast sah es aus, als wäre dem Mann ein drittes, ein schwarzes Auge gewachsen. Ein Auge, das düster über den beiden echten ruhte, die weit aufgerissen an die Decke zu starren schienen.

Helmut Cramer wandte seinen Blick ab. Zwischen der Leiche und dem Schreibtisch stand ein Diplomatenkoffer in der Blutlache. Am Rand des Koffers hatte sich ein Rinnsal gebildet, langsam lief das Blut unter den Schreibtisch. Es glitzerte im Mittagslicht, das durch das Fenster fiel. Der Mann lag bestimmt erst seit ein paar Minuten hier. Einen Schuss hatte Helmut nicht gehört. Der Mord war wohl geschehen, unmittelbar bevor er die Lagerhalle betreten hatte. Seither hatte er keinen Menschen gesehen oder gehört. Der Mörder konnte kurz zuvor geflohen sein - oder er war ganz in der Nähe …

In Preßburgs Bureau hinter der Tür klirrte es. Als wäre ein Glas von einem Tisch gefallen oder aus einem Schrank. Helmut Cramer ergriff den Koffer. Stürzte zur Tür. Und rannte los.

Das war wieder mal typisch! Natürlich glaubte Heinz Eggebrecht nicht an etwaige besondere Schicksalsschläge, die durch das Zusammentreffen des Dreizehnten eines Monats mit einem Freitag herrührten. Aber es führte kein Weg an der Tatsache vorbei, dass soeben eine Kraftdroschke an ihm vorübergefahren war und ihn vollgespritzt hatte. Mit dem Wasser aus einer der wenigen Pfützen, die von dem Schauer am Vormittag übrig geblieben war.

Nun stand er vorm Leipziger Hauptbahnhof und schaute in Richtung der Grünfläche, die in diesem milden Februar eher eine Grauf läche war. Die Farbe ähnelte der, die sein rechtes Hosenbein und der Mantel mit ihren Schlammflecken angenommen hatten.

Der Mantel war freilich vorher nicht viel ansehnlicher gewesen, darüber machte Heinz Eggebrecht sich keine Illusionen. Den Lodenmantel hatte er von seinem Onkel geerbt, der zwar etwas kleiner, jedoch deutlich dicker als er selbst gewesen war. Aber man konnte doch nicht für jedes Wetter einen Überzieher kaufen, und im Wintermantel würde er schwitzen, im Jackett frieren. Fünf Grad im Februar - das Wetter spielte verrückt. Oder wollte Petrus ein Zeichen setzen, dass es aufwärts ging? Mit Deutschland, mit Leipzig?

Dass es mit ihm persönlich aufwärts ging, konnte Heinz Eggebrecht noch nicht behaupten. Er stand hier und wartete auf einen gewissen Konrad Katzmann, die Edelfeder aus Dresden. Und er, der kleine Lehrling, der Redaktionsstift, der Knecht für alles, sollte den feinen Herrn Katzmann in Leipzig begleiten, bei seinen … Ja, wobei eigentlich?

Da hatte der Spund natürlich keine Fragen zu stellen. Das wäre prinzipiell kein Problem, wäre Heinz Eggebrecht nicht schon zu lange der Kleine gewesen.

Und er stand schon viel zu lange hier vor dem Bahnhof. Um zwei wollte Konrad Katzmann mit seinem Motorrad ankommen, jetzt zeigte die Uhr am Eingang der Osthalle schon zehn vor halb drei. Warum konnte Katzmann nicht wie jeder normale Mensch mit der Eisenbahn aus Dresden anreisen? Nein, der Herr Reporter musste sein eigenes Motorgefährt mit an die Pleiße bringen. Als ob es hier keine Straßenbahn gäbe und keine Kraftdroschken. Kraftdroschken, die armen Lehrlingen die Anziehsachen beschmutzten, während sie auf Schreiberlinge aus Dresden warteten.

Von links, von der Wintergartenstraße, brauste das nächste Motorgefährt heran. Heinz Eggebrecht trat einen Schritt von der Bordsteinkante zurück. Noch war ein Hosenbein trocken, und das sollte auch so bleiben.

Der Lärm kam von einem Lastkraftwagen, in das Motorengebrüll mischte sich ein dumpfes Geräusch, das klang, als rollten Felsbrocken den Berg herunter. Der Wagen fuhr an Heinz Eggebrecht vorbei, auf der Plane flatterte der Schriftzug der Brauerei Riebeck, offenbar wurden hier Bierfässer ausgefahren. Er bekam Appetit auf ein Pils, stellte sich vor, wie er ein frisches Bier von einem Kellner gebracht bekam, eiskalt, mit einer schneeweißen Krone. Er malte sich aus, wie er den Bempel ansetzte, wie das Getränk die Kehle herunterfloss, sich ein Gefühl von Frühling vom Hals ausgehend im ganzen Körper ausbreitete …

«He! Sind Sie Heinz Eggebrecht?»

Die Stimme drang durch das Geknatter eines Motorradgespannes. Das stand direkt vor Heinz Eggebrecht am Straßenrand. Auf dem Fahrersitz saß ein Mann mit einer enganliegenden Ledermütze unter einem grauen Stahlhelm und einer Schutzbrille, die ihn wie ein Insekt aussehen ließ - vielleicht wie einen zu groß geratenen Moskito, der sich in der Klimazone geirrt hatte.

«Hallo! Hören Sie mich?»

«Äh … Ja …»

«Heinz Eggebrecht?»

«Heinz Eggebrecht. Konrad Katzmann?»

«Sie haben es nicht so mit ganzen Sätzen, was? Aber ja, ich bin Konrad Katzmann.»

Heinz Eggebrecht brauchte ein paar Augenblicke, um die Worte des Moskitos zu verarbeiten. Ihm fiel keine Entgegnung ein. Sicher würden ihm heute Nacht beim Einschlafen tausend originelle Sprüche in den Sinn kommen - doch dann gäbe es niemanden mehr, der sie hören konnte, nur noch den Ärger, das nicht gleich gesagt zu haben. Aber was …

«Sie dürfen ruhig ‹Guten Tag› sagen, gerne auch ohne Verb. Guten Tag!»

Er war zu spät, der Moskito hatte den Einfall gehabt, den verbalen Hieb gesetzt. Heinz Eggebrecht kam sich vor wie ein Depp. Er musste endlich etwas sagen …

«Sie können aber auch stumm bleiben.» Der Moskito hob die Arme, zog den rechten Handschuh von den Fingern und streckte Heinz Eggebrecht die Hand entgegen.

Den Händedruck konnte Heinz Eggebrecht schwer einordnen, nicht zu kräftig, aber auch keinesfalls mädchenhaft. Er selbst widerstand dem Impuls, seine Hände zum Schraubstock werden zu lassen. Die erste Runde ging wohl an den Moskito.

Er sagte: «Willkommen in Leipzig.»

«He, Sie können ja doch sprechen. Da bin ich aber beruhigt.» Der Moskito grinste, zog seine Hand zurück und beugte sich in den Seitenwagen - so tief, als wolle er in dem Gefährt verschwinden. Heinz Eggebrecht konnte nur noch den Rücken sehen. Und den Rand des Helmes, der aus diesem Blickwinkel an ein Küchenutensil erinnerte, vielleicht einen alten Wassertopf oder einen Blechnapf.

Der Moskito im Blechnapf tauchte wieder aus den Tiefen des Seitenwagen-Fußraums auf und hatte einen zweiten Helm in der Hand. Der sah um einiges älter aus als der auf dem Moskitokopf.

«Nun setzen Sie den Helm schon auf! Wir wollen losfahren.»

Liesbeth Weymann ging vorsichtig über den Hof des Großhandels Preßburg. An einem Freitag, dem Dreizehnten, musste sie ihr Glück nicht unbedingt herausfordern. Den Umweg über den Hof nahm sie, weil die Arbeiter für gewöhnlich nicht mit frivolen Worten sparten, wenn sie durch die Lagerhalle ging. Das gefiel ihr nicht, schon gar nicht an diesem Freitag.

Heute passierten ohnehin seltsame Dinge. Erst schickte der Chef sie zur Mittagzeit zum Einkauf: Kaffee, Zucker und Milch sollte sie besorgen. Das kam sonst nie vor. Herr Preßburg legte immer sehr viel Wert darauf, dass sie mit ihm, dem Prokuristen und den Abteilungsleitern zu Tisch ging. Überhaupt war Herr Preßburg heute sonderbar gewesen, als ob er an diesem Freitag, dem Dreizehnten, ein Unglück erwartete.

Nun gut, Liesbeth Weymann musste zugeben, dass ihr der Aberglaube an sich nicht fremd war, aber selbstverständlich konnte sie solchen Zauber nicht ernst nehmen. Und ihr Chef vermutlich erst recht nicht.

Das war aber längst nicht alles: Wieso hatte niemand im Pförtnerhäuschen gesessen, als sie eben auf das Betriebsgelände gekommen war? Wo trieb sich Herr Cramer mit seinem schiefen Gesicht herum? So konnte doch jeder Strolch vollkommen unbemerkt auf das Gelände gelangen.

Liesbeth Weymann erreichte die Tür des Treppenhauses und ging hinein. Sie bemerkte erst jetzt, wie mild die Luft auf dem Hof gewesen war, so als wäre der Frühling bereits im Anmarsch. Im Haus wurde die Atemluft plötzlich trocken wie der graue Mörtel an den Wänden.

Von der Treppe klangen Schritte herunter, schwer wie Schläge auf einen Amboss. Sie erreichte die Stufen, und Herr Cramer kam ihr entgegen, schritt herab, als wolle er mit seinen Armeestiefeln überprüfen, ob der Granit ihn auf seinem Weg nach unten hielt. Liesbeth Weymann nickte zum Gruß. Sicher war der Schiefe nur auf der Toilette im ersten Stock gewesen. Der Mann verzog den linken, intakten Mundwinkel. Das Grinsen sah aus wie in Stein gehauen, aber das konnte auch an der schlimmen Kriegsverletzung in Herrn Cramers Gesicht liegen.

Als sie sich allein fühlte, nahm sie den Beutel mit den Einkäufen in die linke Hand, so konnte sie sich mit der rechten am Geländer festhalten - auch hier drinnen war schließlich Freitag, der Dreizehnte …

Liesbeth Weymann erreichte den Gang. Die Türen zu den meisten Bureaus standen offen oder waren nur angelehnt. So konnte sie zwar keinen Menschen sehen, dafür aber hören, dass Leben in der Firma herrschte. Die Verkäufer riefen pausenlos Angebote in ihre Fernsprecher: «Ja, von den Handtüchern haben wir einen großen Posten vorrätig …» - «Natürlich machen wir Ihnen einen guten Preis, Sie gehören schließlich zu unseren besten Kunden …» - «Ich komme gerne am Montag vorbei, passt es Ihnen um elf Uhr?»

Noch vor ein paar Monaten hatte es an einem Freitagnachmittag kaum etwas zu tun gegeben, waren die Verkäufer nach dem Mittagessen mangels Kundschaft nach Hause geschlichen. In diesem noch recht jungen Jahr schien es Hoffnung zu geben. Viele Fabriken begannen, wieder Produkte für das alltägliche Leben herzustellen, nachdem es mit Waffen und anderem Kriegsgerät nichts mehr zu verdienen gab. In der Stadt eröffneten nach und nach neue Läden. Der milde Winter tat sicher sein Übriges. Da ging auch bei Liesbeth Weymanns Familie nicht das ganze Geld für Kohlen drauf.

Im Zimmer des Verkaufsleiters rumorte eine Schreibmaschine - es klang, als würden die Hufe von den Zugpferden eines Mehrspänners über Kopfsteinpflaster klappern. Der Galopp lief nicht recht synchron. Frau Lindner hat einfach keinen Rhythmus beim Tippen, dachte Liesbeth Weymann.

Natürlich musste Frau Lindner mit der alten Mignon schreiben und konnte nicht mit dem neuesten Modell arbeiten wie sie selbst, aber Liesbeth Weymann war sich auch ihrer Fingerfertigkeit bewusst. Nicht zuletzt deswegen hatte sie sofort die Stelle im Chefbuero bekommen. Manchmal bemerkte sie, wie neidisch Frau Lindner war, weil sie auch gerne den Schreibtisch hinter der Tür gehabt hätte, deren Klinke Liesbeth Weymann jetzt drückte.

Seltsam, das Schloss war nicht eingerastet. Sie drückte die Tür auf und ging nach links, an der Wand entlang, zu ihrem Schreibtisch. Sie setzte sich und schaute zur Tür des Preßburg’schen Bureaus. Die stand offen! Sehr verwunderlich. Aber noch seltsamer war das, was sie aus dem Augenwinkel auf dem Fußboden wahrnahm. Das sah aus wie ein Torso. Als würde da eine Wachsfigur liegen. Auf einer Art dunklem Filz, der sich auf dem Holz der Dielen gebildet hatte. Blass wie …

Es war keine Wachsfigur. Sondern Preßburg. Tot!

Liesbeth Weymann lief ein Schauer über den Rücken, als würde ihr jemand mit einem Grashalm über die Bluse streichen, vom Hals bis zum Gürtel - mit einem eisigen Grashalm.

Was sollte sie tun? Hingehen? Um Hilfe rufen?

Liesbeth Weymann drehte sich auf dem Bureaustuhl nach links, stand auf, ging vorsichtig auf den Leichnam zu. Ohne zu atmen. Einen Schritt, noch einen Schritt.

Der tote Chef sah aus der Nähe und von oben nicht mehr wie eine Figur aus - das Grau des Gesichts wirkte nicht wächsern, eher aschfahl. Nun sah sie auch die Einschussstelle. Den Blutfleck auf dem Boden. Der hatte etwa die Form des halben Kontinents Afrika auf einer Landkarte, die andere Hälfte schien unter dem Schreibtisch zu verlaufen. Liesbeth Weymann wunderte sich über die Farbe: mattschwarz, als würden Kohleablagerungen aus den Dielen quellen.

Sie stand starr vor der Leiche. Ihre Lungen verlangten nach Luft, sie öffnete den Mund, hörte sich schreien.

«Kann ich noch einen Schluck haben?» Helmut Cramer hielt seinem Bruder den Bierbembel hin.

Bertold goss etwas aus dem Krug, den er aus der Wirtschaft an der Ecke geholt hatte, in das Gefäß. Dann füllte er auch seinen eigenen Bembel auf und sagte: «Prost!»

Die beiden Steingutkrüge stießen aneinander, mit einem Geräusch, das klang, als würde jemand mit einem Hammer auf einen Ziegelstein schlagen. Helmut Cramer war übermütig vor guter Laune. Die rührte von dem Koffer her, der direkt neben ihnen lag - genauer gesagt von dessen Inhalt.

Helmut Cramer schaute noch einmal hinüber. Der Koffer blitzte. Fast eine halbe Stunde lang hatten sie geschrubbt, bis das Blut auf dem Leder nicht mehr zu sehen war. Dann hatten sie sich getraut, den Verschluss zu öffnen. Und da lag die ganze Pracht.

Die Geldscheine waren immer noch da, sahen aus, als müssten sie mit Gewalt von den Banderolen in den Bündeln gehalten werden. Rechts gammelten Markscheine aus den Packen, in der Mitte lagen englische Pfund Sterling, und an der Seite des Koffers leuchteten die Dollar-Noten, glatt wie gebügelt, was die Bündel fast wie Briketts aussehen ließ. Die meisten Dollar-Päckchen waren grün wie Gras im Herbst, Ein-Dollar-Scheine. Sein Bruder Bertold hatte gesagt, dass eine solche Note einen enormen Wert habe. Ganz in der Ecke stapelten sich gar Zwanziger der US-Währung - jedes Bund ein Vermögen.

Helmut Cramer spürte, wie sich sein Glied in der Hose versteifte. Dabei brauchte er nicht mal daran zu denken, wie er mit diesem Reichtum Mädchen beeindrucken könnte - das Geld allein stimulierte genug. Von wegen Geld macht nicht glücklich! Vielleicht nicht für ewig, aber für den Moment fühlte Helmut Cramer sich wie berauscht von dem Anblick.

Er trank einen Schluck Bier, so hastig, dass er regelrecht danach schnappen musste und trotzdem ein paar Tropfen über den Rand des Bembels auf seinen Kragen spritzten.

«Na, schon vorm Trinken besoffen?» Bertold lachte. Dabei sah sein Gesicht noch schiefer aus als im Ruhezustand. Es erinnerte an eine grimmige Mondsichel in einem Kinderbuch. Bertold trank auch einen Schluck, dann stellte er den Bembel vor sich auf den Tisch und widmete sich den Leipziger Neuesten Nachrichten, blätterte, versenkte seinen Blick in der Seite.

«An der Börse steht der Dollar bei über hundert Mark.» Bertold murmelte die Worte ins Zeitungspapier.

«Du meinst, für einen Dollar können wir hundert Mark bekommen?» Helmut Cramer schaute zu seinem Bruder, zum Koffer und wieder zu seinem Bruder.

«Ein Dollar: 101,15 Mark. Gestern. Leicht gestiegen. Ja, über einhundert Mark.»

«Dann sind das hier in der Ecke nicht zweihunderttausend Dollar, sondern eigentlich zwanzig Millionen Mark … «

«Oder die hunderttausend Mark sind in Wirklichkeit nur tausend Dollar. Ganz wie Du willst.» Bertold kratzte sich mit der Hand an der Narbe, die an der Stelle leuchtete, an der einmal sein rechter Kiefer gewesen war.

«Und was sind die Sterlings wert?»

Bertolds Nase verschwand wieder in der Zeitung. «Ein Pfund Sterling kostet 338,65 Mark. Die zwanzigtausend bringen also …

lass mich kurz nachrechnen … nicht ganz sieben Millionen Mark.»

«Mann, Bertold! Das sind zusammen…« Helmut Cramer fasste sich mit der Hand an die Stirn, rieb, als könnte die dabei entstehende Wärme beim Denken helfen, und sagte: «Ach egal! Wir sind reich.»

Bertold legte die Zeitung zurück auf den Tisch und sah herüber, als wolle er seinen Bruder mit seinem Blick in den Fixiergriff nehmen. «Das ist unser Startkapital. Reich werden wir später.»

«Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich auf der Frühjahrsmesse den Klinkenputzer spiele. Ich bin Millionär!»

«Messestände haben keine Klinken, und Handelsvertreter ist ein ehrbarer Beruf!»

«Ja ja. Und du hast früher … blabla.»

«Wie sprichst du mit deinem älteren Bruder?»

«Ach komm, Bertold, ich bin erwachsen!» Wie zum Beweis hob Helmut Cramer den Bembel und trank einen kräftigen Schluck. Langsam begannen die Figuren auf der Tapete gen Decke zu schweben, wenn er zu lange in eine Richtung schaute. Am schnellsten schienen die kleinen Punkte zu hüpfen - wie vorwurfsvolle Augen in den Ornamenten, die ihn immer an rasierte Schädel erinnerten. Helmut Cramer schüttelte den Kopf, beschloss, vorsichtiger mit dem Bier zu sein.

«Manchmal kommt mir das gar nicht so vor.»

«Was?»

«Dass du erwachsen bist. Das kommt mir manchmal gar nicht so vor.»

Helmut Cramer trank noch einen kleinen Schluck. Eigentlich war es doch ein schönes Gefühl, wenn das kleine Karussell hinter der Stirn sich zu drehen begann. Und außerdem gab das Bier Sicherheit. «Und du, warum musst du immerzu ans Arbeiten denken? Wofür machst du das denn? Für Geld, oder nicht? Und was liegt hier? Mehr, als du jemals verdienen könntest. In deinem ganzen Leben!»

«Darum geht es gar nicht.»

«Nein? Worum geht es dann?»

«Man muss doch etwas tun. Etwas schaffen. Etwas, das dem Leben Sinn gibt. Etwas, das bleibt.»

Helmut Cramer lachte, so laut, dass er sich selbst vorkam wie ein Pferd, das wiehert. «Du erzählst mir Sachen! Vor ein paar Jahren hast du gedacht, dass deine Nation dir Sinn gibt. Und was hast du nun davon? Du bist ein Mörder und siehst aus wie ein Monster. Und die feinen Herren mit dem Sinn? Die geben dir ein Gnadenbrot in deinem Pförtnerhäuschen.»

«Ach, Helmut, wenn ich am Boden lag, bin ich wieder aufgestanden. Und ich möchte weiterhin gehen wie ein Mann. Nicht herumliegen wie ein Faultier.»

«Ich würde lieber auf ’ner Frau liegen wie ein Mann …» Helmut Cramer lachte in seinen Bembel, aus dem Tongefäß klang dumpf das Echo.

«Mach dich nur lustig. Aber vergiss nicht: An diesem Geld klebt Blut. Vielleicht vergeht dir der Spaß bald.»

«Und hier geht der Leipziger Arbeiter also abends hin?» Konrad Katzmann blickte sich in der Kanalschenke um, in die er geführt worden war.

Heinz Eggebrecht nickte, schwenkte seine rechte Hand in den Gastraum: Dämmerlicht, junge Männer mit Bier in Skatrunden, in Diskussionen, Qualm, ein Geruch, als hätte jemand ein Tabaklager in Brand gesetzt. An der Ecke Stehtische, in der ganzen Kneipe jeder Platz besetzt. «Ja, ich komme ganz gerne her. Ich kenne das von früher, meine Eltern wohnen um die Ecke, und ich habe oft hier gesessen, bevor ich in die Südvorstadt gezogen bin. Hier ist was los, und das Bier ist bezahlbar.»

«Apropos, ich zahl noch ’ne Runde für uns zwei.» Konrad Katzmann hob seine Hand zum Wirt, Zeige- und Mittelfinger abgespreizt.

Heinz Eggebrecht nahm gerade noch wahr, wie der Reporter ihm gegenüber grinste, und schon standen zwei neue Blumen auf dem Tisch.

«Prost!»

Die beiden Männer tranken.

«Wissen Sie, was die in der Redaktion mit mir vorhaben?», fragte Katzmann.

«Nein, ehrlich gesagt hat da gerade keiner allzu viel zu tun. Die sitzen alle rum und warten, dass die Zeitung wieder erscheinen darf.»

«Wird das noch lange dauern?»

«Keine Ahnung. Die meisten glauben, dass der Spuk in ein paar Tagen vorbei ist. Aber was Genaues weiß keiner.» Heinz Eggebrecht zuckte mit den Schultern. Für ihn war die Situation im Augenblick nicht besonders heikel, als Lehrling bekam er weiterhin seinen schmalen Lohn. Alles andere wäre ja auch noch schöner gewesen, bei einer Zeitung der linken USPD. Aber für Autoren, die für Honorar arbeiteten, konnte das Verbot der Zeitung schnell an die Existenz gehen.

«Was merkt man davon eigentlich in Dresden, dass es keine LVZ mehr gibt?»

Katzmann zuckte mit den Schultern. «Eigentlich nichts. Leistner hat mich kurz angerufen, aber ich hab am 17. Januar noch nicht mal das Extrablatt bekommen. Vielleicht hat der Postmann es behalten.»

«Ehrlich? Noch nicht mal gesehen?»

«Nein.»

Heinz Eggebrecht kramte in seiner Manteltasche, fand den Bogen Zeitungspapier zusammengefaltet in der Innentasche. Er reichte seinem Gegenüber das Blatt.

Katzmann nahm es mit der linken Hand und wischte sich die rechte, die eben noch das Bier gehoben hatte, am Hemd ab. Er drückte die Brille am Nasensteg gegen die Stirn, dann faltete er die Zeitungsausgabe vom 17. Januar auf und las:

Die Leipziger Volkszeitung auf unbestimmte Zeit verboten!

Aufgrund des preußischen Gesetzes über den Belagerungszustand vom

4. 6. 1851 verordne ich im Interesse der öffentlichen Sicherheit:

Der Druck, Verlag und Vertrieb der Leipziger Volkszeitung - auch in einer irgendwie veränderten Form - wird auf unbestimmte Zeit verboten. Zuwiderhandlungen gegen das Verbot sowie Aufforderungen oder Anreizungen dazu werden, sofern die bestehenden Gesetze keine höhere Freiheitsstrafe bestimmen, mit Gefängnis bis zu einem Jahre bestraft, nur bei mildernden Umständen kann auf Haft oder Geldstrafe erkannt werden. Gründe: Seit geraumer Zeit hat die Leipziger Volkszeitung sowohl in den Leitaufsätzen wie auch sonst, unter bewusster Entstellung der Wahrheit, Veröffentlichungen gebracht, die nach Form und Inhalt geeignet waren, verschiedene Klassen der Bevölkerung gegeneinander aufzureizen, die Achtung vor den Gesetzen und Anordnungen des Staates zu untergraben und zur offenen Auflehnung und zum Ungehorsam hiergegen aufzurufen.

Wegen der darin liegenden strafbaren Handlungen schweben eine Reihe von Strafverfahren, und verschiedene amtliche Warnungen sind der Leipziger Volkszeitung zugegangen. Ungeachtet dessen fährt sie in ihrem Treiben fort, wie das namentlich die Aufsätze in Nr. 283 vom 16. 12. 1919 «Aufreizung zum Klassenhass», «Noch ein Beitrag zu dem Kapitel Klassenjustiz», aber auch andere Aufsätze in anderen Nummern sattsam beweisen. Von diesem Verhalten zu lassen, haben Warnungen und Strafverfahren nicht ausgereicht. Dass es aber unmöglich sich mit der Sicherheit des Reiches verträgt, wenn planmäßig und bewusst in einem Blatt mit großem Leserkreis alles, was von der Regierung oder ihren amtlichen Vertretern und sonstigen Organen geschieht, herabgewürdigt wird, bedarf gar keines Beweises. Diesem Treiben muss endlich ein Ende gemacht werden, und es kann nach Lage der Dinge nur durch das Verbot des Druckes, des Verlages und des Vertriebs der Leipziger Volkszeitung, und zwar in jeder Erscheinungsform, geschehen.

Dresden, am 16. Januar 1920

Der Militärbefehlshaber des Wehrkreises IV.

Gez. Maercker F. d. R.: Zimmermann, Major im Generalstab

«Das ist ja unglaublich!» Katzmann gab das Blatt zurück und trank sein Bier in einem Zug aus. Sofort winkte er beim Wirt nach einem neuen.

Die Kneipe wurde noch voller. Inzwischen drängten sich die Männer um die Tische, auf engen Holzstühlen, die der Wirt in einem Raum neben der Toilette in großen Mengen gehortet zu haben schien.

Heinz Eggebrecht musste schreien, um gegen den Lärm anzukommen. «Wir haben uns an das Verbot langsam gewöhnt. Aber eine Frechheit bleibt natürlich eine Frechheit!»

Schlagartig wurde es still in der Kneipe. Das zweite «Frechheit» hatte Eggebrecht wohl mit zu viel Kraft herausgeschleudert. Dutzende Augen schauten zu ihm, zu Katzmann … Die Blicke stellten Fragen, forderten Antworten - mit dem Selbstverständnis von Gläubigern, die einen überfälligen Anspruch auf viel Geld erheben. Selbst die Rauchschwaden von den Selbstgedrehten schienen in der Luft stehenzubleiben …

«Es ist nichts passiert, Leute! Wir reden über die LVZ .» Heinz Eggebrecht winkte mit dem Extrablatt.

Das Gemurmel kehrte in die Kneipe zurück, Wortfetzen ragten aus dem Gebrumm: «Scheißregierung in Dresden…», «Verräter…», «Alle erschießen!»

«O Mann, hier herrscht ja eine Stimmung.» Katzmann kratzte sich an der Stirn.

«Streiks, Versammlungen, Schießereien… Ein Funke, und hier brennt tatsächlich die Luft.»

«Und da wollen die gerade mich hier haben - einen Dresdner, einen Gemäßigten? Das macht mir Sorgen.»

«Ach was, Sie sind ein Unabhängiger. Das reicht denen. Die schicken mich zu Ihnen. Mich, den der Kuckuck ins Nest gelegt hat. Ich glaube, die wollen einfach ihre besten Leute hier haben. Es braut sich was zusammen.» Heinz Eggebrecht schaute sich im Raum um. Die Männer tranken wieder, als hätten sie nie etwas anders getan. Vermutlich war die Situation in Leipzig deshalb so brisant, weil diese Normalität von einem Moment zum nächsten platzen konnte wie ein explodierender Zeppelin.

«Und welcher Kuckuck hat Sie zur LVZ gebracht?»

«Das ist eine lange Geschichte.»

«Na, dann erzählen Sie am besten die Kurzform.» Katzmann grinste, trank und schwenkte dann sein Bier wie zur Aufforderung.

«Also gut. Ich war beim Photographen Schulze in der Lehre. Anderthalb Jahre, bis zum Krieg. Dann kam ich zur Truppe. Und als ich 1918 nach Leipzig zurückkam, war Schulze pleite und konnte mich nicht weiter beschäftigen. Keine gute Zeit für Photographen. Tote Soldaten heiraten nicht, und große Familienfeiern wurden auch seltener. Schulze war ein Unabhängiger der ersten Stunde, und so haben die Genossen mich bei der LVZ genommen. Und nun darf ich Anzeigen lithographieren. Für einen Lehrlingslohn. Mit über zwanzig. Das ist die Kurzfassung.»

Katzmann lachte, nickte und trank. Dann setzte er das Bier ab und sagte: «Da sind Sie ja ein richtiger Glückspilz! Und ich habe einen erwachsenen Mitstreiter. Fein. Ich bin damals um den Krieg herumgekommen …»

«Wie denn das?»

«Ausgemustert. Die Lunge. Asthma nennt der Arzt die Krankheit. Eigentlich soll ich auch nicht rauchen.»

«Na dann …» Heinz Eggebrecht blickte auf den Aschenbecher in der Mitte des Tisches und den Hügel ausgedrückter Zigaretten darin.

Katzmann richtete seinen Rücken auf, als wolle er eine Rede halten, und streckte die rechte Hand über den Tisch. «Ich heiße übrigens Konrad.»

ZWEI
Samstag, 14. Februar 1920

DER SCHWARZE zog das Messer aus dem Gürtel und beugte sich über Preßburgs Leiche. Er zog den Kopf an den Haaren vom Körper weg, setzte die Klinge an, schnitt. Das Messer fuhr durch die graue Haut, durch das Fleisch, durch den Kehlkopf, als würde es Gelee zerteilen. Erst an der Wirbelsäule blieb der Stahl stecken. Der Schwarze sägte, zerrte, drehte den Kopf und bekam ihn schließlich vom Körper los. Er hielt ihn in die Höhe wie eine Trophäe. Kein Blut. Nur eine Kruste am Schnitt. Aus dem Kopf starrten tote Augen gen Decke.

Der Schwarze wandte die dunklen Augen zum Fenster. Er schritt durch den Raum, vorbei an den dicken Ordnern mit den Vertragssachen der Jahre 1900 bis 1913, passierte die schmalen Hefter der Jahre 1914 bis 1917 und erreichte das Fenster. Die Flügel klangen beim Öffnen wie die Holztür eines Hexenhauses.

Der Schwarze schwang sich in die Luft, flog los, Preßburgs Kopf an der ausgestreckten Hand vornweg.

Am Boden rauschte der Karl-Heine-Kanal durch das Dämmerlicht. Die Plagwitzer Klinkerbauten sahen aus wie die Zitadellenanlage eines Raubrittergeschlechts. Nebel schmeichelte sich um Schornsteine und um die Lastkraftwagen auf den Höfen, die an schlafende Ungeheuer erinnerten. Der Wind pfiff ein krankes Lied.

Die Häuser bekamen prächtigere Fassaden: Ornamente, Figuren auf Fenstersimsen und über Toreinfahrten, Erker. Schleußig. Dann der Park.

Über den Wipfeln der ersten Bäume warf der Schwarze den Kopf nach oben. Als der Schädel wieder fiel, trat er mit voller Kraft gegen ihn und schoss ihn Richtung Scheibenholz.

Kein Mensch spazierte durch den Park an diesem Morgen. Keiner sah, wie der Kopf auf die Wiese neben der Pferderennbahn plumpste, über das taufrische Gras kullerte. Als der Kopf zum Liegen gekommen war, nahm der Schwarze Anlauf zum nächsten Volleyschuss.

Der Kopf flog in hohem Bogen über den Zaun der Rennbahn, landete vor der Haupttribüne.

Der Schwarze machte einen Satz, mit einem Sprung landete auch er im Rund des Scheibenholzes, wandte sich zur Tribüne. Unter den beiden Türmen des massiven Steinkolosses saßen Skelette. Tausende. Sie klapperten Beifall. Es klang, als würde eine Ladung Besenstiele von einem Laster fallen.

Nach einer Verbeugung nahm der Schwarze den Kopf auf und hielt ihn in die Höhe. Aus seinem Mantel holte er Kürbismasken. Die Fratzen grinsten wie breitgezerrte Wölfe in einem Hohlspiegel.

Der Schwarze jonglierte. Der Applaus toste lauter. Die ersten Gerippe standen von ihren Sitzen auf, klapperten mit allen Knochen.

Nach ein paar Runden schoss der Schwarze die Kürbisse nacheinander gen Tribüne, wo sie an den Säulen der Restaurantanlage im Erdgeschoss zerbarsten. Die Menge tobte. Die Skelette sprangen, fielen sich in die Arme - ein paar Gebeine flogen in die Luft.

Der Schwarze verbeugte sich tief, winkte seinen Zuschauern zu, wandte sich dem linken Flügel der Tribüne zu, der Mitte, der rechten Seite. Noch einmal beugte er sich mit dem Kopf fast bis zum Boden. Dann streckte er Preßburgs Kopf abermals in die Höhe und schwang sich zum Himmel hinauf. Flog zurück über den Park, über Schleußig hinweg, nach Plagwitz. Rasend schnell.

Das Licht blieb diffus, die Sonne schien die Dämmerung nicht beenden zu können - ganz, als sei die Zeit stehengeblieben.

Der Schwarze erreichte die Weißenfelser Straße, stoppte seinen Flug vor einer der schmucklosen Mietskasernen. Er blickte durch das Fenster im dritten Stockwerk auf das schlafende Mädchen.

Sie hatte die Daunendecke bis über ihr Kinn gezogen, wie ein Schild, das sie vor der Unbill der Welt schützen sollte. Der Schwarze kniete sich auf den Fenstersims, legte Preßburgs Kopf neben sich ab, presste die linke Hand auf die Scheibe. An seiner rechten wuchs ein Nagel aus dem Zeigefinger, scharf wie eine frischgeschliffene Klinge. Er zog mit dem Fingernagel einen Kreis - so groß wie ein Küchentablett - um die linke Hand.

Das Glas klebte an der Linken, als er es vorsichtig aus der Fensterscheibe löste. Mit einem Schwung schleuderte der Schwarze das Glas gen Himmel - es flatterte im Flug und erinnerte dabei an einen Hut, den ein feiner Herr auf einen Garderobenständer wirft. In hohem Bogen pfiff das Glas über das Haus gegenüber und verschwand.

Der Schwarze nahm den Kopf auf und schwebte durch das Loch, näherte sich dem Bett des Mädchens, legte Preßburgs Kopf auf das Kissen.

Liesbeth Weymann schrie, so laut sie konnte. Mit einem Ruck schoss sie in ihrem Bett hoch. Die Decke flog zum Fußende.

Sie riss die Augen auf. Stille. Kein Schwarzer da. Sie blickte über ihre Schultern auf das Kopfkissen. Kein Kopf. Das Fenster unversehrt.

Auf ihrer Stirn rann der Schweiß, verwandelte Haare und Augenbrauen in feuchtes Gewebe. Das Herz raste, die Schläge unter der Haut klangen wie ein Pochen an der Tür.

Es pochte an der Tür.

Liesbeth Weymann griff nach der Decke, zog sie über das Nachthemd.

Poch, Poch!

Sie sah, wie sich die Klinke bewegte, die Tür geöffnet wurde.

«Mama!»

«Kind, warum schreist du denn so? Da gefriert einem ja die Haut.»

Mokka, Zeitung, Zigarette - Heinz Eggebrecht genoss seinen Luxus. Der Tisch stand direkt am offenen Fenster, und viel Platz bis zur Tür in seinem Rücken blieb nicht. Aber er konnte immerhin auf die Zeitzer Straße schauen.

Auf das möblierte Zimmer musste er einen großen Teil seines Lehrlingslohnes verwenden, dafür konnte Heinz Eggebrecht in der Südvorstadt wohnen, zwischen all den Handwerkern, kleinen Ladenbesitzern, Lehrern - dem Leipziger Mittelstand.

Nicht wenige seiner Kollegen bei der LVZ wohnten in den Mietskasernen im Osten der Stadt. Vielleicht, weil sie es so nicht weit bis zur Redaktion in der Tauchaer Straße hatten, sicher aber auch aus Überzeugung. Dabei waren viele von ihnen durchaus bürgerlicher Herkunft. Zwar kam nicht jeder aus so gutem Hause wie Katzmann, aber das Gymnasium hatten sie fast alle besucht.

Heinz Eggebrecht trank einen Schluck Mokka. Diese Delikatesse verdankte er seiner Stelle bei der Zeitung. Die Anzeige für den Kolonialwarenhändler war ihm tatsächlich gut gelungen, deshalb hatte Heinz Eggebrecht auch kein schlechtes Gewissen, das Päckchen mit dem schwarzen Mokkapulver anzunehmen. Auch die feinen englischen Zigaretten kamen von einem Kunden. Die Kollegen sahen die kleinen Präsente zwar nicht gern, sagten aber auch nichts. Sicher werteten sie seinen jämmerlichen Lehrlingslohn als mildernden Umstand.

Das Getränk lag auf der Zunge wie ein winziger Teich, Bitterkeit breitete sich im Rachen aus, belebte den Gaumen. Herrlich! Noch ein Zug von der Zigarette. Ein perfekter Samstagvormittag.

Unten auf der Straße kauften die Leute Waren ein. Hier oben klangen die Menschen, als schnatterten Enten im Stimmbruch. Gelegentlich klang eine Türglocke von einem der zahllosen Ladengeschäfte in der Zeitzer Straße herauf.

Heinz Eggebrecht nahm die Morgenausgabe der Leipziger Neuesten Nachrichten und las. Er begann mit einem kurzen Artikel über Die Aussichten der Frühjahrsmesse, ganz oben auf der Titelseite: Über 11 500 Aussteller seien bereits angemeldet, 40 000 Einkäufer hätten sich beim Messeamt eingetragen. Es schien also wieder aufwärts zu gehen, mit der Wirtschaft, mit dem Leben.

Die Berichte aus der lokalen Wirtschaft las Heinz Eggebrecht in den Neuesten Nachrichten gerne. Die endlosen Börsenberichte interessierten ihn mangels Vermögen nicht, die Hinweise auf die Versammlungen der Deutschnationalen ignorierte er. Die Zeitung bekam er von der Vermieterin kostenlos, wenn diese sie gelesen hatte. Er schaute in das großbürgerliche Blatt aber auch, um zu wissen, was die anderen so trieben.

Zum Beispiel ging es um die Auslieferung der deutschen Kriegsverbrecher an die Ententestaaten. Die Neuesten Nachrichten behandelten dieses Thema seit Wochen fast täglich auf dem Titel. Auch heute berichteten sie, dass der Leipziger Studentenausschuss gestern auf einer Versammlung gegen die Auslieferung protestiert hatte. Es gehe um die Ehre Deutschlands, wurde Rektor Brandenburg zitiert.

Heinz Eggebrecht dachte an den Krieg, sah die von deutschen Soldaten gehängten Zivilisten vor seinem inneren Auge, wie sie an den Galgen zappelten. Die Schreie vor den Erschießungen, schrill wie berstendes Glas. Die Leichenberge. Der Gestank …

Ehre ? Ekel spürte er. Aber waren die Sieger tatsächlich besser, oder konnten sie nur die Moralischen spielen, weil sie den Krieg gewonnen hatten?

Schnell blätterte er weiter, während er an der Zigarette zog. Auf Seite drei fand er einen kurzen Bericht über Stresemann und den Wiederaufbau Deutschlands. Stresemanns Rede vor der Leipziger Ortsgruppe des Industriellenverbandes wurde zitiert: Sozialisierung sei gefährlich, Politik solle aus den Betrieben herausgehalten werden - lauter Thesen, die in der LVZ sicher heftig bekämpft würden, könnte sie erscheinen. Am Ende wurde Stresemann optimistisch: Die Arbeitslust im Lande sei wieder vorhanden. Auch der Wunsch nach Autorität.

Ersteres konnte Heinz Eggebrecht nachvollziehen, von Autorität allerdings hatte er seit dem Krieg die Nase gestrichen voll.

Schnell umblättern. Ein Schluck aus der Tasse. Er trank so hastig, dass er kurz husten musste. Da, die Meldungen aus Leipzig…

Das Wetter sollte weiter mild bleiben, gelegentlicher Regen. Heinz Eggebrecht überflog die Seite, blieb hängen an einer kurzen Meldung:

Großhändler im Bureau erschossen

Am Freitagmittag wurde der Unternehmer August Preßburg in seinem Bureau tot aufgefunden. Wie die Polizei mitteilte, ist der Inhaber des Großhandels Preßburg erschossen worden. Die Sekretärin habe den Leichnam nach der Mittagspause entdeckt. Vom Täter fehlt bislang jede Spur.

Heinz Eggebrecht legte die Zeitung auf den Tisch. Er blies einen Rauchkringel zum offenen Fenster hinaus. Den Namen Preßburg hatte er schon mal gehört. Aber wo?

Der letzte Schluck Mokka aus der Tasse half auch nicht. Nein, spontan fiel ihm nichts ein zu dem Namen. Das musste er in der Redaktion klären.

Die Kartoffelsuppe dampfte im Kochtopf und roch nach Kindheit. Die zeitige Samstagsschicht steckte Liesbeth Weymann noch in den Knochen, und sie war hungrig. Im Betrieb galt der Achtstundentag. Die Arbeiter hatten sich das Mehr an Wochenende durch die frühe Schicht erkämpft, deshalb musste Familie Weymann schon um fünf Uhr aufstehen. Und heute auch noch mit Alptraum.

Sie stellte Teller auf den viel zu großen Tisch. Früher hatte die Familie kaum in die Küche gepasst. Doch Albert und Karl, die beiden Brüder, waren im Krieg geblieben, und nun lebte die Familie zu dritt in der Wohnung. Liesbeth Weymann hatte ihr eigenes Zimmer, und drei Löffel reichten für das Weymann’sche Mittagsmahl.

Käthe Weymann rührte mit einer Holzkelle im Topf. Sie hatte sich in den letzten Jahren so sehr verändert, dass Lisbeth Weymann angst und bange wurde. Mama sah aus wie eine alte Frau: lief gebeugt wie eine Oma, die Haare ergraut, tiefe Falten auf Stirn und Wangen.

Ludwig Weymann trat in die Essküche. Auch bei ihm hatten sich graue Strähnen an die Schläfen gemogelt. Doch der Vater strotzte vor Kraft, schien zu blühen. Er schlang den Arm um die Taille seiner Frau, gab ihr einen flüchtigen Kuss auf den Schopf, beugte seine Nase über den Topf. «Hm, wie das riecht …»

Käthe Weymann kicherte. Sie wuchtete mit einer Drehung aus der Hüfte den Topf auf den Esstisch. Durch ihr Lächeln wirkte sie gleich um Jahre jünger, fand Liesbeth Weymann. Das freute sie, auch wenn die Zärtlichkeiten ihrer Eltern ihr unangenehm waren - sie kam sich dabei immer so vor, als würde sie im Schlafzimmerschrank der Eltern durchs Schlüsselloch linsen.

Die Mutter verteilte die Suppe und faltete die Hände zum Gebet, der Vater verdrehte die Augen. Liesbeth Weymann senkte den Blick, bevor Vater sie ansehen konnte. Das Ritual vorm gemeinsamen Essen.

Frau Weymann seufzte leise.

«Nun aber Mahlzeit!» Ludwig Weymann hielt den Löffel aufrecht in der Hand.

Liesbeth Weymann murmelte: «Guten Appetit!» Sie begannen zu essen. Die Suppe war cremig. Seit Liesbeth und der Vater Geld nach Hause brachten, konnte Mama mehr Kartoffeln in die Suppe schnippeln. Da war schon wieder der Gedanke an das Bureau. An Preßburgs Leiche …

«Wo hat der Bastard eigentlich das Loch im Kopf gehabt?» Der Vater schien auch nicht von dem Mord loszukommen.

«So spricht man nicht über Tote!», mahnte Mama.

«Vom Sterben wird so einer auch nicht besser», brummte Ludwig Weymann, aß einen Löffel Suppe und blickte zu seiner Tochter.

Ach ja, die Frage nach dem Loch im Kopf. «Mitten auf der Stirn.» Auch Liesbeth Weymann aß etwas von der Suppe. Sie zögerte. «Und Herr Preßburg war immer nett zu mir. Urteile nicht zu hart über ihn, Vati!» Sie hoffte, dass der Kosename seinen Zorn milderte.

«Lieschen, er zahlt Hungerlöhne, und beim kleinsten Fehler gibt es noch Abzüge. Die Überstunden werden auch nicht bezahlt. Er ist ein Ausbeuter!»

«Aber Ludwig, er ist doch tot. Lass ihn ruhen!»

«Außerdem war er ein rechter Hund. Wenn es deinen Gott gibt, schmort er in der Hölle.»

«Nun ist aber gut, Ludwig! Wenn du schimpfen willst, such dir einen lebendigen Gegner!» Die Mutter legte den Löffel neben den Teller.

Liesbeth Weymann überlegte, wie sie die Situation entspannen konnte. Vater und seine Politik, da schaltete er auf stur. Dabei war Herr Preßburg seinen Verkäufern ein guter Chef gewesen: immer für sie zu sprechen, stets einen guten Hinweis parat. Aber das würde ihr Vater niemals gelten lassen - für ihn war er schlicht ein Ausbeuter, ein rechter Hund …

Und Mama? Die kochte schon fast über vor Ärger. Liesbeth Weymann musste das Thema wechseln …

«Ich gehe morgen übrigens ins Lichtspielhaus.»

Mama schaute sie an, Liesbeth kam sich vor, als habe sie eine exotische Fremdsprache benutzt, Chinesisch vielleicht. Aber immerhin, es schien zu wirken: Mama schüttelte nur den Kopf und aß weiter. Dabei bewegten sich ihre Wangenknochen, als müssten sie Kieselsteine zermahlen. «Das ist doch nichts für Mädchen.» Und mit einem Blick zum Vater: «Sag doch auch mal was, Ludwig!»

«Ach Käthchen, das Kind ist doch erwachsen.» Der Vater brummte die Worte, ohne aufzuschauen.

«Aber man hört so schreckliche Sachen über diese Filme … «

«Du musst nicht immer alles glauben, was so getratscht wird. Unsere Tochter weiß schon, wo sie hingeht.»

«Wir sind immer noch ihre Eltern!»

Am liebsten hätte Liesbeth Weymann laut protestiert. Konnten ihre Eltern nicht mit ihr reden? Sie saß doch hier am Tisch. Der Vater musste ihren Ärger bemerkt haben - er schaute sie an, als hätte er zu ihrem Geburtstag die Blumen vergessen. Dann blickte er zu seiner Frau. Die schüttelte immer noch den Kopf.

«Lieschen, mit wem gehst du denn?»

«Mit Frieda. Wir treffen uns auf dem Markt, und dann spazieren wir zum Colosseum auf dem Roßplatz.»

«Das klingt nach einem schönen Sonntag. Das sollten wir auch mal machen, Käthe.»

«Ach Ludwig.» Käthe Weymann kicherte wieder. «Das überlass mal den jungen Leuten.»

«24.» Helmut Cramer lächelte in sich hinein, versteckte sein Grinsen ganz tief im Rachen. Nur keine Regung nach außen zeigen!

Der Rauch seiner Zigarette stieg zur Decke, schimmerte wie ein dünner Streifen Seide, der die Fallrichtung verwechselt hatte. Das Kneipengemurmel gab ihm ein gutes Gefühl: Heimat, Sicherheit.

Er hatte das Blatt gegeben, ein bisschen getrickst, wusste nun, dass der Eichel-Bube im Skat lag. Ede konnte nicht mitreizen. Und wenn sein Gegenüber, Hans oder Franz oder so, zu lange im Rennen blieb, würde er sich überreizen und verlieren. Stieg Hans/Franz aus, gingen die Trümpfe an ihn, den Schönen, den Gewinner. Der Alte würde gut zum grünen Buben auf seiner Hand passen. Genau wie das Grün-Ass, das auch im Skat wartete. Hier konnte nichts schiefgehen.

Hans/Franz nickte, und dann ging alles ganz schnell.

«30.»

Nicken.

«33.»

Nicken.

Das Grün ließ sich auch mit den beiden höchsten Buben nicht mehr spielen. Hans/Franz würde gleich den Skat aufnehmen, den Eichel-Buben finden und merken, dass er sich überreizt hatte. Jetzt nur die Ruhe! Helmut Cramer hob sein Blatt vor die Augen, drehte es leicht hin und her, so, als müsse er die einzelnen Karten auf ihr Gewicht hin prüfen. Er schloss kurz die Augen, neigte den Kopf ein wenig nach hinten, so, wie er sich vorstellte, dass ein Denker seiner Tätigkeit nachgeht. Die Bewegungen blieben spärlich, das hatte er zu Hause vor dem Spiegel geübt. Große Gesten wirkten immer unecht, es musste aussehen, als sei jede seiner Regungen eine unwillkürliche Reaktion auf den Spielverlauf.

«Dein Spiel.» Helmut Cramer hörte seine Worte, das vermeintliche Bedauern in ihnen - er war stolz auf sich.

«Eichel-Hand.»

Verflixt! Eichel-Hand war 36 wert, Hans/Franz hatte ihn gefoppt! Spielte der auch falsch?

Hans/Franz trank einen Schluck Bier, guckte arglos wie ein pflanzenfressender Waldbewohner, ein Reh vielleicht.

Jetzt ging es um Schadensbegrenzung. Mit Edes Skatkünsten rechnete er lieber nicht, der spielte an diesem Tisch das Opfer. Aber auch wenn er das Spiel abschrieb, lag er noch gut im Plus.

Alles lief schief. Hans/Franz spielte seine Trümpfe gekonnt aus. Kleine Stiche nutzte er, um lästige Karten abzuwerfen und Ede nach vorn kommen zu lassen.

Erst ganz zum Schluss reichten die Trümpfe nicht mehr. Mit den letzten beiden Stichen rettete Helmut Cramer sich und Ede aus dem Schneider.

«Da haben wir aber Glück gehabt.» Ede zählte ihre gewonnenen Stiche.

Der zählte während des Spiels nicht mal mit.

Helmut Cramer trank einen winzigen Schluck Bier. Hier in der Kanalschenke musste er natürlich Alkohol trinken, sonst würde er auffallen. Aber Geld mit Skat ließ sich nun mal nur in nüchternem Zustand machen. Nur mit voller Konzentration.

Ede mischte die Karten neu, legte den Stapel vor Helmut Cramer zum Abheben hin und trank einen großen Schluck von seinem Bier.

Helmut Cramer nahm die Karten in die Hand und schaute Ede an. Er ließ die Ecken der Karten schnippen und teilte den Stapel. Aus dem Augenwinkel konnte er erkennen, wie zwei Buben und das Rot-Ass in seinen Händen kurz vors untere Ende des neuen Blattes wanderten. Ohne den Blick von ihm zu lassen, schob er die Karten wieder zu Ede.

Erst als der gab, trank Helmut Cramer einen weiteren Schluck und sah beiläufig zu Hans/Franz hinüber. Nur kurz. Dann drehte er seinen Kopf, als würde er sich vor lauter Langeweile umgucken. Hans/Franz wirkte arglos. Die Kneipensitzer interessierten ihn nicht, auch nicht der Kollege seines Bruders aus dem Großhandel, der in der Ecke mit großer Geste Reden schwang. Aber dieser feine Pinkel dort - wieso starrte der ihn so an?

«He, Schöner, du sagst an! Hannes hört.» Ede riss ihn aus den Gedanken. Und Hans/Franz hieß also Hannes.

«Immer mit der Ruhe.» Helmut Cramer nahm sein Blatt auf. Eichel-Bube, Schell-Bube, Rot-Ass lagen ganz unten. Den grünen Buben fand er auch und die Rot-Zehn, das Eichel-Ass. Ja, er half dem Glück ein bisschen auf die Sprünge, aber es ließ sich auch gerne helfen.

«18.»

«Nach einem guten Spiel soll man passen.» Hannes sprach die Worte selbstsicher wie ein Richter sein Urteil, verzog keine Miene, als er Ede zunickte.

«20.» Ede spuckte die Zahl aus, als hätten sich die Ziffern beim Warten im Rachen angesammelt.

«Ja.» Helmut Cramer wunderte sich kurz über Edes Elan. Aber sein Grand mit Zweien würde der nicht überbieten können. Keine Gefahr.

«Zwei.»

«Ja.»

«Drei.»

«Ja.»

Ede zögerte. Wollte der Null spielen? Das bedeutete, dass Ede nur kleine Karten hatte und Hannes ein schlechtes Blatt. Helmut Cramer versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie er sich fühlte. Wie ein Primaner, der durch Abschreiben eine Eins in Mathe kassiert hatte. Er lehnte sich zurück, schaute ins Kneipenrund, der Lackaffe war ins Gespräch mit seinem Tischgesellen vertieft. Was für ein Pärchen! Der Pinkel redete auf einen Lockenkopf ein - der steckte in einem zerknitterten Jackett, das vielleicht zur Konfirmation mal gepasst hatte.

«Sieben.» Ede schnaufte beim Sprechen wie ein Pferd.

«Ja.»

«30?»

«Ja.»

«33?»

«Ja.»

«Und … äh … 35?»

«Ja.»

«Ach Mann, dann spiel den Scheiß!» Ede sah aus, als hätte der Wirt ihm gesagt, dass er heute Abend nicht anschreiben dürfe.

Helmut Cramer nahm den Skat auf: Schell-Bube und Rot-Ass. Unglaublich! Heute schienen alle Götter aus Himmel und Hölle freigenommen zu haben, um sich um sein Skatspiel zu kümmern.

«Grand. Schneider angesagt!» Er ließ den Worten das Rot-Ass folgen.

«Ist in Ordnung, ich zahle heute Abend!» Konrad Katzmann untermalte seine Worte mit einer Armbewegung, als wolle er die ganze Kneipe einladen.

Die Worte galten selbstverständlich ihm, Heinz Eggebrecht. Er hätte sonst nach diesem Bier den Heimweg antreten müssen, mehr ließ seine Lehrlingslohntüte einfach nicht zu.

Nun konnten sie ihre Diskussion über die Photographie fortsetzen, Konrad Katzmann spendierte das Bier wohl auch aus einem gewissen Eigennutz heraus.

«Ich danke dir! Der Photographie gehört trotzdem die Zukunft.»

«Schon gut, du lädst mich ein, wenn du ein berühmter Photograph geworden bist. Aber eins musst du mir erklären: Was soll eine Photographie denn zeigen, was ein Text nicht schildern kann?»

Dagegen ließ sich schwer argumentieren. Auch Heinz Eggebrecht konnte ein gut geschriebenes Buch oft nicht aus der Hand legen, las die Nacht hindurch, bis zum Ende des Textes.

Er nahm eine Zigarette aus dem Etui, das Konrad Katzmann vorhin auf den Tisch gelegt hatte. Das Streichholz warf eine fingerhohe Flamme, der Tabak glimmte mit dem Rot eines Spätsommer-Sonnenuntergangs. Ein Schluck Bier, ein perfekter Moment. Jetzt fiel ihm das entscheidende Argument ein: «Menschen glauben am ehesten, was sie selbst sehen. Das aber liefert ihnen nur die Photographie, nicht der Text.»

Katzmann schien einen Moment überlegen zu müssen. In seinem Gesicht arbeitete es wie auf einer Baustelle, der Mund war schmal wie ein Graben, und auf der Stirn schienen kleine Schaufeln ihr Werk zu tun.

«Eine Photographie zeigt immer nur den Moment. Der Text aber beschreibt den Prozess, zeigt die Zusammenhänge auf, beleuchtet die Hintergründe. Der intelligente Leser weiß das.»

«Natürlich wird es immer Texte in der Zeitung geben, Nachrichten, Reportagen. Aber es wird der Tag kommen, an dem keine Zeitung mehr ohne Photographien erscheint.»

«Ah, der junge Mann ist also Hellseher!» Katzmann grinste von Ohr zu Ohr. «Photographien sind teuer. Wer soll eine Zeitung bezahlen, in der jeden Tag welche abgedruckt werden? Die Leute hier?» Sein Arm beschrieb einen Kreis, der den Gastraum umfasste.

Der Punkt ging schon wieder an ihn. Für die Arbeiter hier waren bereits die 2,75 Reichsmark für das Selbstabholerabonnement kein Pappenstiel. Teurer dürfte die Zeitung wirklich nicht werden.

Auch Konrad Katzmann nahm sich eine weitere Zigarette. Zwei Rauchsäulen stiegen vom Tisch auf, verschmolzen unter der Deckenlampe zu einer Wolke.

Heinz Eggebrecht arbeitete an einer Erwiderung. Konrad Katzmann hatte ja recht. Aber diese Selbstgefälligkeit! Da musste ihm etwas einfallen.

«Und ich weiß noch immer nicht, was eine Photographie sagen sollte, was ein Text nicht kann …» Konrad Katzmann sprach die Worte nachdenklich, von Selbstgefälligkeit keine Spur mehr.

Na gut, dann musste er sich eben ernsthaft auf die Gegenargumente einlassen.

«Schau dir noch mal den Skatspieler an, den du vorhin schon so fasziniert angeguckt hast. Ja, den da vorn … Ein gutaussehender Junge. Was fällt dir noch auf?» Heinz Eggebrecht ließ ein paar Sekunden vergehen, zog an der Zigarette.

Konrad Katzmann fixierte den jungen Mann, als wolle er einen afrikanischen Zauber an ihm anwenden. Seine Konzentration schien die Zeit einzufrieren. Die Asche seiner Zigarette, die in Fingernagellänge vor der Glut gehangen hatte, fiel auf den Tisch.

«Also gut.» Konrad Katzmann lehnte sich zurück. «Die Frisur stammt von einem Vorort-Friseur, nicht die neueste Mode, aber solide gearbeitet. Der Anzug ist gepflegt, sieht aber ein bisschen aus, als sei er geerbt, vom großen Bruder oder vom Onkel. Der Junge hat nicht viel, gibt sich aber Mühe. Ordentliche Rasur, die Wangenknochen zeigen Charakter. Wenn er lächeln würde, könnte er ziemlich sympathisch aussehen, ein Mädchenschwarm sicher. Er lächelt aber nicht. Vermutlich ist er ein geübter Glücksspieler.»

«Nicht schlecht.» Heinz Eggebrecht nickte. Keine Frage, der Reporter hatte ein Auge für Details. Jetzt war er dran. Mit einem Zug von der Zigarette bereitete er seinen Monolog vor. «Wenn er auf dem Lichtbild wie der nette Kartenspieler von nebenan aussehen soll, würde ich ihn von links unten ablichten. Mund und Kinn kämen gut zur Geltung, der Blick würde Richtung Bildmitte und über den Betrachter hinweg nach oben zeigen. Die Augen nur so weit offen, dass sie nicht wie aufgerissen aussehen. Ein Kämpfer, einsam und überlegen.» Heinz Eggebrecht schnippte die Asche seiner Zigarette in den Becher und fuhr fort: «Nehmen wir aber mal an, der junge Mann wäre ein Lump und wir wollten zeigen, dass er seine Spielpartner ausnimmt. Dann wählen wir dir frontale Perspektive. Den Auslöser betätigen wir, wenn er gerade die Augenbrauen zusammenzieht, damit die Augen eng stehen. Eine Haarsträhne hängt vor Anstrengung über die Stirn. Lassen wir ihn verbissen in sein Blatt starren. Fertig ist der Bösewicht. Wie viele Worte hättest du gebraucht, um dieses Bild einzufangen?»

Konrad Katzmann nickte. Er lächelte, als habe er eine überraschende Entdeckung gemacht. Mit einem weiteren Nicken hob er die Hand und bestellte mit Zeige- und Mittelfinger zwei weitere Bier.

Heinz Eggebrecht merkte, wie seine Brust anschwoll. Er schaute noch einmal zum Skatspieler hinüber. Der stand auf, ging zur Toilette. Hatte er bemerkt, dass sie über ihn sprachen?

Helmut Cramer bahnte sich seinen Weg vorbei an Biertischen. Wieso hatten der feine Pinkel und der Lockenkopf ihn beobachtet? Hatten die bemerkt, dass er seinem Glück beim Skat nachhalf?

Und überhaupt, was machte dieser reiche Kerl hier? Einen maßgeschneiderten Anzug erkannte Helmut Cramer auf hundert Meter Entfernung. Und der Schnösel trug einen, der schlichte Schnitt konnte ihn nicht täuschen. Der leistete sich also teure Bescheidenheit, ein Zeichen von Souveränität, von echter Klasse. Aber wieso hatte der so einen wie den Lockenkopf dabei? So einer kam doch mit einem wie dem Pinkel allenfalls bei einem Einstellungsgespräch zusammen. Oder bei einer Kündigung. Doch hier unterhielten die sich wie Kumpels.

Polizisten? Nein, Bullen konnten sich den teuren Stoff nicht leisten und mussten auch nicht derart zerknitterte Lappen tragen. Beobachteten ihn schon die Verbrecher, die es auf Preßburgs Koffer abgesehen hatten? Aber wie sollten die auf ihn kommen? Am besten, er würde nach der Runde aussteigen und dann schnell, aber auf Umwegen nach Hause gehen. Ein paar Mark hatte er gewonnen, das musste für heute reichen.

Er erreichte das Klo und öffnete die Tür. Uringestank. Wenigstens war kein Mensch hier. Ein bisschen Ruhe konnte er gebrauchen. Er trat an die Pissrinne, öffnete den Hosenstall, pinkelte und beobachtete, wie der Strahl an die Wand stieß, in die Rinne lief, in den Abguss floss.

Hinter ihm öffnete sich die Tür, ein Hauch frischer Luft schwappte herein. Cramer schüttelte die letzten Tropfen von seinem Pimmel und steckte ihn in die Hose.

Eine Hand an seinem Kragen. Ein Griff wie von einer Eisenfaust. Ein Ruck. Sein Kopf knallte an die Pisswand.

«Scheiße! Was soll denn das? Aua!»

Wieder ein Ruck. Rums, sein Kopf knallte gegen die Wand. In seiner Stirn stach ein Schmerz, als würde ein Specht direkt auf den Schädel picken.

«Au! Scheiße! Aufhören!»

Der Griff wurde gelockert. Helmut Cramer versuchte, den Mann in seinem Rücken mit den Händen zu greifen. Wieder die Eisenfaust. Und wieder krachte sein Kopf gegen die Wand. Er hielt still, so gut er konnte. Seine Knie zitterten. Der Kopf brummte inzwischen, als wäre eine ganze Spechtfamilie am Werke.

«Der Junge wird also langsam vernünftig.» Die Stimme klang tief, fast wie von einem Bären. Der Kollege von seinem Bruder? Die Worte rochen nach Bier.

«Was ist denn los?»

«Das fragst du mich? Warte, ich helfe meinem Falschspieler beim Nachdenken.» Erneut knallte sein Kopf gegen die Wand.

«Au! Scheiße!»

«Das hatten wir schon. Ich möchte jetzt einen Vorschlag hören, wie es weitergeht.» Der Bär brummte, als mache ihm die Anstrengung nichts aus, aber auch keinen Spaß. Als wolle er am liebsten schnell zurück in seine Höhle.

«Ich höre auf zu spielen. Ich wollte nach der Runde sowieso gehen.»

« Nach der Runde?» Kopf gegen die Wand.

«Au! Nein, gleich. Ich sage, ich habe plötzlich Kopfschmerzen bekommen.»

Die Tür öffnete sich. Ein Mann nuschelte etwas, Helmut Cramer verstand die Worte nicht.

«Wir müssen uns noch kurz zu Ende unterhalten. So lange hältst du es aus.» Der Bär brummte die Worte von Helmut Cramer weg.

Der Nuschler murmelte: «Sgud, Ludwich.»

«Danke. Wir sind fast fertig.» Die Stimme des Bären und der Biergeruch kehrten zu Helmut Cramers Kopf zurück. Die Tür fiel zu. Dann sagte der Bär: «Also, du gehst raus und sagst, dass du nicht mehr spielen kannst. Was machen wir mit den Runden, die schon gespielt sind?»

«Äh …» Kopf gegen die Wand. «Au! Scheiße, Scheiße!»

«Du musst an deinem Ausdruck arbeiten, junger Mann. Das werde ich deinem Bruder bei Gelegenheit sagen. Aber zurück zu deinen Skatfreunden: Was machst du mit den gespielten Runden?»

«Ich sage, ich will das Geld nicht. Habe nur um die Ehre gespielt.»

«Um die Ehre, haha.» Der Bär lachte noch tiefer, als er sprach. Helmut Cramer spannte seine Muskeln an, er erwartete den nächsten Schlag. Zum Glück blieb der aus.

«Also gut, mein junger Freund. So kannst du es machen. Ich gebe dir noch einen Rat für die Zukunft. Den Ede nimmst du nicht mehr aus. Das ist eine gute Seele. Und wenn ich dich erwische, wie du den betrügst, setzt es eine Tracht Prügel. Verstanden?»

«Verstanden.» Es schien fast ausgestanden zu sein. Selbst die Spechte schienen langsamer zu flattern.

«Mit Hannes kannst du dich meinetwegen anlegen. Aber wenn der dich erwischt, wirst du dir eine Tracht Prügel von mir wünschen.

Mit einem Gesicht voller Narben bist du auch nicht mehr der Schöne .»

Der Bär lockerte seinen Griff. Helmut Cramer entspannte seine Muskeln.

Eisenfaust. Kopf gegen die Wand.

«Au! Scheiße!»

«Und gewöhn dir diese Ausdrücke ab.» Der Bär ließ los. Helmut Cramer erwartete einen letzten Schlag. Die Schmerzen stachen nicht mehr, es fühlte sich eher an, als ob der Kopf ein Kürbis sei, kurz vorm Platzen.

Doch die Schritte entfernten sich. Er schaute zur Tür und sah, wie der Bär in den Gastraum ging. Das war tatsächlich dieser Kollege seines Bruders aus dem Großhandel! Dieser Vorarbeiter, Heilmann oder Weymann oder so. Er würde eine Gelegenheit finden, es ihm heimzuzahlen.

Heinz Eggebrecht trank Bier und sah im Augenwinkel, wie der Skatspieler sich von seinen Tischkumpanen verabschiedete. Warum nur so plötzlich? Hatte ihre Aufmerksamkeit ihn vertrieben?

«Der Kerl geht. Sieht fast so aus, als fühle er sich bei etwas ertappt. Da war er wohl eher der Lump.» Konrad Katzmann schlürfte einen Schluck vom frischen Bier.

Am Skattisch schien es Ärger zu geben. Einer der Mitspieler gestikulierte wild mit den Armen. Die Stimmen wurden lauter, drangen durch den Kneipenlärm: «Mitten in der Runde.», «… der will uns wohl verarschen!»

Der junge Mann, den sie beobachtet hatten, antwortete zu leise, Heinz Eggebrecht konnte nichts verstehen. Aber offenkundig versuchte er, die aufgebrachte Runde zu beschwichtigen, indem er mit den Handflächen symbolisch Luft nach unten pumpte. Der Gestikulierer rief laut: «Das reicht! … Lass dich nicht mehr hier blicken! Raus jetzt!»

Der junge Mann nahm den Mantel über den Arm und lief zur Tür.

«Ja, er war doch eher der Bösewicht. Wenn ich ihn jetzt ablichten würde, bräuchte man gar keinen Text mehr.»

«Könnte sein. Ein Prosit auf die Photographie!» Konrad Katzmann lachte und hob sein Bier.

Heinz Eggebrecht stieß seins dagegen und trank einen großen Schluck. So viel Bier wie heute konnte er sich sonst nicht leisten - langsam merkte er, wie ihm der Alkohol in den Kopf stieg. Es fühlte sich an, als würde jemand mit einem Schwungrad in der Hand die Innenseite seines Hinterkopfes hinaufklettern und dabei das Rad langsam drehen. Dies hier musste das letzte Bier sein.

«Vielleicht reicht das für heute auch an guten Taten. Sonst kann ich morgen gar nichts mehr vom großen Reporter lernen.»

«Ja, ich kann das Ende des Tages auch schon am Grund meines Bieres sehen. Was du morgen von mir lernen kannst, weiß ich allerdings auch nicht. So ein Reporter ist ja nur ein halber Mensch ohne Zeitung.»

Heinz Eggebrecht griff nach dem Zigaretten-Etui. Noch zwei Stück lagen darin. Das war ein Zeichen. «In der Redaktion sind trotzdem immer Leute.»

«Klar. Man darf doch nicht den Anschluss verlieren, nur weil nichts gedruckt wird. Ich werde morgen auch in die Tauchaer Straße gehen.»

Die Zigaretten konnten die Luft kaum noch schlechter machen. Heinz nahm einen kräftigen Zug. Der Qualm biss in seinen Augen. Er musste an den Vormittag, an die Neuesten Nachrichten, denken. An den Mord an diesem … Wie hieß der gleich? «Heute morgen hab ich bei der Konkurrenz übrigens von einem Mord gelesen. Es gibt nun einen Unternehmer weniger in Leipzig. Er hieß Plensdorf oder Proßberg … nein, Preßburg. Ich kenne diesen Namen irgendwoher. Ich weiß nur nicht, woher.»

«Bis nach Dresden ist Preßburgs Ruf jedenfalls noch nicht gedrungen. Ich höre den Namen zum ersten Mal.»

«Großhändler ist er wohl gewesen, schreiben die Neuesten Nachrichten .»

Konrad Katzmann liefen die Gesichtszüge in die Breite wie bei einem Brei, der überkocht. « Die Neuesten Nachrichten, so so. Was hast du denn mit dieser Ausbeuterpostille am Hut? Schaust du dort nach, in welche Anleihen du deinen Lohn am besten steckst?» War das immer noch ironisch gemeint, oder vermutete Katzmann allen Ernstes, dass Eggebrecht seine Einladung erschlichen hatte, obwohl er eigentlich im Geld schwamm? Er beschloss, vorsichtshalber nicht nach einem Spruch zu suchen, sondern die schlichte Wahrheit zu sagen. «Nein, nein. Meine Vermieterin schiebt mir das Blatt unter der Tür durch, wenn sie es gelesen hat. Ich habe keine Aktien unterm Bett.»

Konrad Katzmanns Gesicht behielt seine Breite, nur das Grinsen trat jetzt deutlicher hervor. «Nicht mal ein winziges Milliönchen?»

Der foppte ihn doch! Er musste reagieren. Der Alkohol ließ die Gedanken jedoch nur langsam wabern, so dass Eggebrecht wieder keine Chance auf eine schlagfertige Antwort haben würde. Oder doch? Ein Versuch war es wert: «Doch, jetzt fällt mir’s ein. Daher kenn’ ich den Preßburg. Der Laden gehört mir!»

Konrad Katzmann lachte so laut, dass er Tabaksrauch in großen Mengen ausstieß und dabei an eine Dampflok beim Beschleunigen erinnerte. Er boxte Heinz Eggebrecht freundschaftlich an die Schulter, quer über den Tisch. Ein Treffer zum Feierabend, herrlich!

Zwei Biere trafen sich über der Tischmitte. Plong! Die Kehle wurde kühl. Währenddessen drehte das Schwungrad im Kopf seine Runden.

«So ein Mord kann eine feine Sache sein, zumindest für einen Reporter, der keine Artikel für den nächsten Tag schreiben muss.» Konrad Katzmanns Grinsen war verschwunden, die Worte fuhren nur noch in einer winzigen Spur der Ironie. «Morgen in der Redaktion sehen wir uns die Sachen mal genauer an. Vielleicht lernen wir beide noch was.»

DREI
Sonntag, 15. Februar 1920

EUGEN LEISTNER saß hinter seinem Schreibtisch, als hätte er dort Wurzeln geschlagen. Genauso hatte er dort gethront, als Heinz Eggebrecht am Freitag losgegangen war, zum Bahnhof, um Konrad Katzmann abzuholen. Er schien sich in den letzten beiden Tagen nicht bewegt zu haben, allenfalls hatte er bedächtig mit dem Kopf genickt, wie er es jetzt tat, ohne von den Papieren auf seinem Tisch aufzublicken.

«Na, junger Mann, was machen wir denn hier am Sonntag?» Leistner sprach langsam durch seinen Bart, seine Stimme knarzte wie eine alte Holztür.

Heinz Eggebrecht konnte viele Dinge nicht leiden. Dass Leistner ihn immer in der ersten Person Plural ansprach, würde weit oben stehen, wenn er eine Liste schreiben müsste. Am liebsten hätte er geantwortet: Ich warte auf Konrad Katzmann, Sie aber sitzen hier herum. Ich weiß nicht, was das in der Summe ergibt, was «wir» demnach gemeinsam machen. Aber selbstverständlich sparte er sich die freche Entgegnung auch dieses Mal. Vor ihm saß Eugen Leistner, der große Eugen Leistner, der verdiente Genosse, der verantwortliche Redakteur für die Innenpolitik. Und wenn man die LVZ dieser Tage betrachtete, so gab es vor dem Anzeigenteil fast nur Innenpolitisches. Also war es besser, Ärger zu vermeiden. «Ich warte auf Konrad Katzmann. Wir sind verabredet.»

«Ah, unser Mann aus Dresden ist da. Sehr gut, sehr gut.» Leistner hob den Kopf. Die Ringe unter seinen Augen hatten die Farbe von Kohlebriketts, sie passten damit farblich zu der Strickjacke, die der Redakteur trug. Sein Kopf versank wieder im Papierkram auf dem Schreibtisch, dann sprach Leistner weiter: «Sie sollten immer genau darauf achten, was Genosse Katzmann tut. Er ist ein guter Mann, da gibt es was zu lernen.»

«Ganz genau. Das bin ich. Guten Morgen, die Herren!» Konrad Katzmann stand in der Tür. Sein Grinsen schien er aus der Kneipe über die Nacht gerettet zu haben. Rings um den Mund lagen mattgraue Schatten auf seinem Gesicht.

«Guten Morgen, Genosse Katzmann! Schön, dass du da bist.» Falls Leistner die Ironie in Katzmanns Worten bemerkt hatte, so konnte er das gut verbergen. Seine rechte Hand beschrieb einen Halbkreis, der zwei Stühle als äußere Punkte markierte.

Konrad Katzmann setzte sich.

Also gut, bloß nicht dumm herumstehen. Heinz Eggebrecht ging um Konrad Katzmann herum, zum anderen Ende des Schreibtisches. Als er sich setzte, bemerkte er, wie die Kollegen ihn beobachteten. Hatten die Genossen nichts Besseres zu tun? Mussten die ihn angaffen, als würde er Turnübungen machen?

Er setzte sich, die Blicke von Leistner und Katzmann ruhten weiterhin auf ihm. Nein, er würde nichts sagen. Die beiden hatten sicher wichtige Themen zu besprechen. Heinz Eggebrecht versuchte, abwechselnd zu den beiden Journalisten zu blicken, ohne dabei dümmlich auszusehen. Das war nicht einfach, insbesondere deswegen, weil er sich selbst nicht sehen und seinen Gesichtsausdruck nicht überprüfen konnte. Er beschloss, diese Miene daheim, vor dem Spiegel, zu üben.

«Also gut». Konrad Katzmann beugte sich nach vorn und stützte den Unterarm auf den Schreibtisch. «Ich melde mich zum Dienst.»

«Das ist gut, Genosse. Wir haben hier derzeit nicht sehr viel zu tun. Sie wissen ja, das Verbot. Aber die politische Lage spitzt sich zu. Da wollen wir unsere besten Leute hier haben.»

«Wann haben wir denn wieder eine Zeitung?»

«Genau kann das keiner sagen, aber wir rechnen damit, dass Maerckers’ unsägliche politische Strafmaßnahme in der kommenden Woche zurückgenommen wird.» Leistner war bei den letzten Worten lauter geworden. Heinz Eggebrecht kam es fast so vor, als würden seine Barthaare dabei wehen, aber vermutlich bewegte Leistner einfach nur sein Kinn stärker, und die dichte Hecke um die Lippen verdeckte das.

«Ich würde mich mit dem jungen Mann bis dahin in eine Recherche stürzen.»

Leistners Blick wurde mit einem Schlag hellwach, ganz als hätten Katzmanns Worte einen Hebel umgelegt. Das Gesicht bekam Spannung: Die Augenbrauen und die beiden Falten dazwischen sahen aus, als hätte einer dieser neuen, modernen Künstler den Buchstaben W in ein abstraktes Gemälde gezeichnet. Durch den Bart drang kein Wort.

«Da ist dieser Mord an dem Großhändler. Preßburg heißt er.»

«Alle Achtung! Keine zwei Tage in der Stadt und schon an einer brisanten Geschichte dran. Kannte man diesen Bourgeois denn auch in Dresden?»

«Nein. Unser junger Freund hat den verstorbenen Herrn ins Spiel gebracht.» Katzmann winkte mit der linken Hand kurz in Richtung Heinz Eggebrecht.

Schon wieder diese Eleganz - das Zeichen vermittelte die gleiche schlichte Nachdrücklichkeit, die Heinz Eggebrecht bereits an Katzmanns Anzug bewundert hatte. Und sie wirkte. Leistner drehte den Kopf, nickte und musterte Heinz Eggebrecht, als hätte er einen Unbekannten vor sich.

«Gut gemacht, junger Mann.» Leistner nickte und wandte sich wieder Katzmann zu, bevor Heinz Eggebrecht auch nur ein Wort sagen konnte. «Preßburg war eine Schlüsselfigur der Reaktion in Leipzig. Er hat die studentischen Zeitfreiwilligen-Einheiten mit seinem Geld aufgepäppelt. War vorn dabei, wo auch immer die Bourgeoisie sich zusammengerottet hat.»

«Sie meinen, das war ein politischer Mord?»

«Zunächst meine ich, dass es keinen Falschen getroffen hat.» Leistner nahm seine Pfeife aus dem Ständer neben der Schreibmaschine, zog einen Tabaksbeutel aus der Jackentasche und begann mit dem Stopfen. «Wenn Sie etwas herausfinden, wüsste ich gern sofort Bescheid. Und natürlich freue ich mich auf den Hintergrundbericht im nächsten Blatt.»

Liesbeth Weymann schloss den obersten Knopf an ihrem Mantel. Jetzt, da die Sonne sich hinter einer grauen Wolke versteckte, zog die Februarbrise noch stärker am Hals. Sie stand schon seit über zehn Minuten am Treffpunkt, wie immer zu früh. Und das, obwohl sie wusste, dass Frieda bestimmt zu spät kommen würde. Ihre beste Freundin war der Ansicht, dass eine Dame stets etwas Verspätung haben müsse, weil das Warten die Spannung steigere. Liesbeth Weymann teilte diese Meinung nicht, verzieh Frieda die Unpünktlichkeit aber. Eine beste Freundin blieb nun mal die beste Freundin, auch mit einer schlechten Angewohnheit.

An diesem Sonntagnachmittag schlenderten nur wenige Spaziergänger über den Markt. Liesbeth Weymann stand vor dem alten Rathaus. Von da aus konnte sie den ganzen Markt vom Messehaus zu ihrer Linken bis zum Siegesdenkmal an der Nordseite überblicken - aus dieser Richtung musste Frieda kommen, von ihrem Kassendienst im Theater. Und es konnte sich nur noch um Minuten handeln. Schließlich begann in einer halben Stunde der Film - eine willkommene Ablenkung von den Gedanken an den toten Chef, aber auch vom politischen Eifer des Vaters.

Nein, ein Blick auf die Uhr am Rathausturm verriet ihr, dass es schon in 25 Minuten so weit sein würde. Und zum Colosseum am Roßplatz waren es bestimmt zehn Minuten zu Fuß. Frieda sollte langsam auftauchen. Liesbeth Weymann schaute zum Siegesdenkmal, das ihr die Sicht auf die Hainstraße versperrte, dann blickte sie Richtung Katharinenstraße: keine Frieda. Liesbeth Weymann merkte, wie sie mit der rechten Fußspitze aufs Pflaster tippte. Friedas Trödelei verdarb ihr die Laune. Der Vorführer im Lichtspielhaus würde nicht auf sie warten, sondern den Film pünktlich starten –

ob sie nun auf ihren Plätzen saßen oder nicht.

Sie sah sich weiter um: Ein paar ältere Leute schlenderten über den Marktplatz, eine Kutsche klapperte hinterm Denkmal hervor. Von der Katharinenstraße wehte Krach herüber. Eine Handvoll Burschen in Uniformen grölten, die Spartakisten sollten an Bäumen hängen. Es waren Studenten, Zeitfreiwillige. Ihr Vater schimpfte immer über das rechte Pack an der Universität. Liesbeth Weymann trat einen Schritt zurück, in den Schutz der Rathausarkaden, und blickte zu den jungen Männern.

Die Studenten waren gut hundert Meter entfernt und stellten wohl vorerst keine Gefahr dar - sie klangen betrunken wie Bauern nach drei Tagen Kirmes. Dann bogen sie von der Katharinenstraße in Richtung alte Handelsbörse ab.

Sie spürte ein Tippen an ihrer rechten Schulter. Liesbeth Weymann blickte nach rechts. Doch da war nichts. Dann vernahm sie ein Lachen von links, als würde ein Huhn gackern. Frieda.

«Wo kommst du denn her?»

«Ich hab extra den Umweg über die Reichsstraße genommen, hihi. Und hab mich dann durch die Rathausarkaden geschlichen, hihi. Du hast so lustig ausgesehen. Immer da rüber geguckt. Und ich war hinter dir, hihi.» Frieda zwitscherte wie ein Vögelchen am Morgen.

«Nun red nicht so viel. Lass uns gehen!» Vielleicht schaffte Liesbeth Weymann es, wenigstens ein paar Minuten lang ärgerlich zu bleiben. Sie drehte sich Richtung Petersstraße und lief los.

«Ach, Lieschen, das war doch nur ein kleiner Scherz. Wir haben noch über zwanzig Minuten.» Das Zwitschern kam von links, das Vögelchen hielt Anschluss. «Nun komm schon. Sei nicht mehr sauer! Ich bin extra ganz leise getippelt, damit ich dich überraschen konnte.» Zwitscher zwitscher …

Liesbeth Weymann merkte, dass es ihr nicht gelang, länger ärgerlich zu bleiben. Sie wollte auch nicht wie ein störrisches Schaf bocken. Und nun lugte auch noch die Sonne wieder hinter der Wolke hervor.

«Komm schon, Lieschen.»

«Ist ja gut. Ich möchte ja nur den Anfang von dem Film nicht verpassen.» Der Ärger verflog, aber ein paar Augenblicke wollte sie Frieda doch noch schmoren lassen, deswegen lief sie noch ein bisschen schneller.

Sie bogen in die Petersstraße ein, Frieda japste, hielt aber Schritt. Große Spruchbänder über ihren Köpfen kündigten die Frühjahrsmesse an, eine Kraftdroschke tuckerte ihnen entgegen, der Fahrer hatte keine Eile. Am Sonntag floss das Leben wie Teig, wenn Mama ihn auf das Backblech ließ. Auch Liesbeth Weymann verlangsamte ihre Schritte und warf ein Lächeln nach links, zu Frieda.

Ihre Freundin strich hektisch mit den Fingern durch ihre Locken. Sie trug ihr Haar schulterlang. Mit den markanten Wangenknochen und dem Hütchen sah sie fast aus wie Mia May, die sie gleich auf der Leinwand sehen würden. Liesbeth Weymann musste auch zum Friseur gehen, denn mit ihrem Pferdeschwanz kam sie sich neben Frieda vor wie ein Mädchen vom Dorf.

Ein Mann winkte von der Straßenmitte herüber. Alles, was er trug, war schwarz, sein Anzug, seine Schuhe, die Fliege - bestimmt trank er auch den Kaffee türkisch. Von seiner Haartolle fiel eine Locke keck auf die Stirn.

«Ach, das Fräulein Schneider vom Theater und mit so einer reizenden Begleitung! Doppelte Schönheit.» Der Mann rollte das R und gestikulierte zu seinen Worten wie ein Conférencier auf der Bühne.

«Ach, Herr Reutter, charmant wie immer! Das ist meine Freundin Liesbeth Weymann.» Frieda wedelte mit dem Arm und klimperte mit den Augen. «Der berühmte Sänger Otto Reutter … Auf dem Weg zur Probe?»

«Nein, liebes Fräulein Schneider, ich bin nur noch kurz in der Stadt, habe schon gepackt. In Tilsit ruft das neue Engagement. Aber jetzt bin ich auf dem Weg ins Kaffeehaus. Sie wollen mir den Nachmittag nicht mit Ihrer Anwesenheit versüßen?»

«Das tut uns sehr leid, aber wir müssen Ihnen einen Korb geben. Leider, leider. Wir beide haben einen dringenden Termin mit der Herrin der Welt .»

«Oh, das Kino, die Macht der bewegten Bilder. Da habe ich mit meinen Couplets natürlich keine Chance … Aber vielleicht sehen wir uns, wenn ich wieder in der Stadt bin. Kommen Sie dann in mein Programm?»

Liesbeth merkte, wie sie erneut unruhig wurde, wie ihre Fußspitzen wieder zu tippen begannen.

«Aber natürlich, Herr Reutter. Wir kommen gern auf Ihre Einladung zurück. Senden Sie, wenn es so weit ist, die Karten ans Theater?»

«Selbstverständlich, Gnädigste. Ich komme wieder.»

Heinz Eggebrecht stieg aus dem Seitenwagen. Mit so einem Motorrad ging alles viel schneller. Es handle sich um eine NSU 1000, hatte Konrad Katzmann stolz erzählt, bevor sie von der Redaktion in der Tauchaer Straße bis zum Großhandel Preßburg in Plagwitz gerast waren. Der Wind pfiff immer noch in seinen Ohren, als würde ein Zwerg mit einer Piccoloflöte direkt in seiner Ohrmuschel sitzen. Zum Glück hatte Katzmann vor der Abfahrt einen Wollschal aus den Tiefen des Seitenwagens gezaubert - Heinz Eggebrecht wollte sich lieber nicht vorstellen, was der Zwerg bei diesem Fahrtwind sonst alles in seinem Hals angestellt hätte.

Während der ersten Schritte fühlten sich seine Knie an, als hätte eine Krankenschwester eine dicke Bandage darum gewickelt. Mit steifem Gang folgte er Konrad Katzmann über die Straße zur Einfahrt.

«Soll ich dir einen Gehstock beschaffen?» Katzmann verhielt sich wie ein Kabarettist auf der Bühne und schwieg dann, als sei das eine herausragende Pointe gewesen.

Heinz Eggebrecht sagte nichts, trottete zum Eisentor und blickte zwischen den Stangen hindurch. Der Hof wirkte verlassen wie eine Schule mitten in den Sommerferien. An der Rampe stand ein Lastkraftwagen, als habe er sich dort zur Ruhe gesetzt. Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, an einem Sonntag herzukommen. Was sollten sie hier sehen?

Neben Heinz Eggebrecht beugte sich Konrad Katzmann über das Schloss und inspizierte die Verriegelung. Der wollte doch nicht etwa einbrechen?

«Hallo, meine Herren! Darf ich fragen, was Sie da tun?» Ein Mann rief die Worte im tiefen Sächsisch der Leipziger Vororte, in jeden Vokal schien er ein zusätzliches O zu schummeln. Er trug eine Uniform und kam schnell näher. Die Jacke straffte beim Gehen in der Bauchgegend derart, dass es aussah, als würde der ganze Kerl nur von den Knöpfen zusammengehalten. Der Polizist trug einen buschigen Schnauzbart, der Mund darunter wirkte dadurch noch schmaler, als er ohnehin war, dünn wie ein Draht.

«Wir betrachten eine Hofeinfahrt. Wer will das wissen, wenn ich wiederum fragen darf?» Falls Katzmann sich ertappt fühlte, so ließ er sich das nicht anmerken. Heinz Eggebrecht fragte sich, warum er selbst immer einen Kopf zu schrumpfen glaubte, wenn er einen Polizisten sah.

«Kommissar Bölke, Kriminalpolizei. Und warum betrachten Sie ausgerechnet diese Einfahrt, Herr …»

«Katzmann. Von der Leipziger Volkszeitung . Ich glaube, wir sind aus demselben Grund hier wie Sie. Wir interessieren uns für den Mordfall.»

«So so. Das glauben Sie also …» Bölkes Gesicht sah aus, als müsse er überlegen, ob er eine Frage oder eine Feststellung formuliert hatte. Dann fragte er: «Und wieso interessieren Sie sich für diesen Mord?»

«Nun, wir wollen die Öffentlichkeit informieren. Das ist wichtig für die Demokratie.»

«Meine Herren, ich bin Beamter. Ich kenne mich mit diesen neumodischen Dingen wie Demokratie nicht so genau aus. Aber es gefällt mir nicht, dass Sie hier herum … herumsch … herumstehen.»

«Ich hingegen freue mich, Sie zu treffen.» Katzmann setzte eine ernste Miene auf, die zu seinem ironischen Tonfall jedoch genauso wenig passte wie ein Löffel zu einem Schweinebraten.

«Wann bekommt man schon an einem Sonntag Informationen aus erster Hand, von einem Beamten?»

«Von mir hören Sie nüscht.»

«Wem gehört der Laden denn jetzt?»

«Von mir hören Sie nüscht.»

«Hatte Preßburg eine Frau?» Keine Antwort.

«Andere Erben?» Keine Antwort.

«Ach, kommen Sie, Herr Kommissar. Das sind doch keine Geheimnisse. Wir sind auch artige Reporter und gehen gleich zurück in unsere Redaktion.»

«Hiltrud Preßburg. Und ehe sie noch den Kollegen in der Stadtverwaltung auf den Geist gehen, die Preßburgs wohnen am Kickerlingsberg in Gohlis. Und nun weg hier!» Bölke klang wie ein Vater, der sein vorlautes Kind zum Spielen schicken wollte.

Konrad Katzmann nickte, so langsam, als hätte er eine Stahlfeder im Hals, die seine Bewegungen bremste. Heinz Eggebrecht nickte ebenfalls, einfach nur, damit er auch mal wieder etwas tat, abgesehen vom Herumstehen.

«Ich frage mich, was ein Kommissar hier tut? An einem Sonntag. Sie warten doch nicht auf Journalisten?»

«Ich habe Ihnen was erzählt und erwarte nun, dass Sie verschwinden.» Bölke schien ungeduldig zu werden.

Vielleicht auch, weil am Ende des Zauns ein Mann um die Ecke bog, der dem Kommissar ein Handzeichen gab und zackigen Schrittes herbeilief. Der Herr trug Hut, Kneifer und einen feinen Anzug. Wenn er mal einen großbürgerlichen Aufschneider photographieren wollte, hätte er hier ein typisches Exemplar, dachte Heinz Eggebrecht.

«Guten Tag, Herr Kommissar! Meine Herren! Adalbert von Lötzen. Prokurist beim Großhandel Preßburg. Ermitteln Sie neuerdings in Zivil?» Der Mann musterte kurz Katzmann und schaute dann zu Eggebrecht - mit einem Blick, als täte ihm die schlechte Bezahlung junger Beamter, die zu derart schäbigen Jacketts führte, von ganzem Herzen leid.

«Nein», sagte der Kommissar, «die Herren sind von der Arbeiter-Presse.»

«Ach. Und die begleiten die Ermittlungen?» Von Lötzen klang so entsetzt, als habe er soeben von einem zweiten Mord erfahren.

«Aber nein, Herr von Lötzen. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie sich Zeit für die Polizei nehmen.» Bölke sprach milde und wies, ohne seinen Blick von dem Prokuristen zu wenden, auf Eggebrecht und Katzmann. «Die Herren wollten gerade gehen.»

Katzmann deutete eine Verbeugung in Richtung Kommissar Bölke an, eine weitere zu von Lötzen. «In der Tat. Wir müssen wieder in die Redaktion. Sie haben sicher nichts dagegen, wenn wir morgen nach dem Mittag zu Ihnen ins Bureau kommen. Vielen Dank, einen schönen Sonntag noch!»

Die Abendsonne schien durch die Fenster des Straßenbahnwagens. Auch gut eine halbe Stunde nach dem Ende des Films kam Liesbeth Weymann das Tageslicht immer noch sehr hell vor, die rote Sonne blendete sie.

Im Kino hatte die Dunkelheit sie gefangengenommen und restlos ausgeblendet, dass hier draußen lichter Nachmittag war. Die Bilder und Mauds Geschichte hielten sie noch in ihrem Bann. Diese verzweifelte Suche nach Vergeltung, für die Maud all die Männer um sie herum in Anspruch nahm. Und dann der Bösewicht, Baron Murphy - dass der ein schlimmes Ende finden würde, war lange klar. Maud hatte ihn ruiniert und obendrein in einem eisigen Schneesturm in den Kältetod getrieben. Schon wieder ein Toter zum Schluss des achten und letzten Teils der Herrin der Welt … Zum Glück brachte das Gepolter der Straßenbahn sie zurück in die Gegenwart. Dann hörte sie wieder das Gezwitscher von Frieda neben sich.

«Sie ist so toll! Wie sie aussieht. Die Frisur. Die Kleider …» Zwitscher zwitscher …

Natürlich, Mia May glich auf der Leinwand beinahe einer Göttin - sie besaß zwar menschliche Züge, und doch wirkte sie unnahbar, schien in andere Sphären entrückt zu sein. Sie war viel erhabener als die jungen Frauen, die mit den gleichen schulterlangen Locken aus dem Kino kamen. All die Friedas. Vielleicht sollte sie ihre glatten blonden Haare doch so lassen, wie sie waren, dachte Liesbeth Weymann.

Die Bahn donnerte über die Karl-Heine-Straße Richtung Plagwitz, vorbei an den Villen der Fabrikbesitzer. Liesbeth Weymann wandte den Kopf zum Fahrgastraum: Der da vorn, das schiefe Gesicht kannte sie doch - woher nur? Ach, Herr Cramer, der Pförtner. Was machte der denn hier?

Der Schiefe saß auf einem Doppelsitz neben einem Mann, einem jüngeren, einem … hübscheren. Der Hut saß über fein gezeichneten Augenbrauen, der Mund zeigte ein Lächeln, das eine Einladung auszusprechen schien.

Die beiden redeten nicht, es sah allerdings wie ein vertrautes Schweigen aus, so als sei genug gesagt, als hätten die beiden schon oft miteinander geschwiegen.

Sie saßen mit dem Rücken in Fahrtrichtung, der Jüngere schaute aus dem Fenster, der Schiefe guckte ins Nichts. Er drehte den Kopf hin und her, als gelte es, die Beweglichkeit der Halswirbel zu überprüfen. Die Augen trafen auf Liesbeth Weymanns Blick. Der Schiefe schien wach zu werden, zuckte und riss die Augen auf, als hätte er einen Feind erblickt. Dann schien er sich zu besinnen, hob den Kopf, das steinerne Lächeln am linken Mundwinkel tauchte auf, genau wie vorgestern.

Da waren wieder die Bilder. Der Schiefe auf der Treppe. Frau Lindner und das Klappern der Schreibmaschine. Das Blut. Preßburgs Leiche …

«Sag mal, wo hast du dich denn hingeträumt? Hallo!», rief Frieda. «Ach, jetzt ist sie wieder wach. Na ein Glück! Wir müssen gleich aussteigen. Ich dachte schon, du fährst noch ein paar Runden.»

Liesbeth Weymann schaute zu Frieda, die schien nicht mehr nur zu zwitschern, sondern bewegte Hände und Arme in einer Geschwindigkeit, die an das Flattern eines Sperlings erinnerte. Die Bahn blieb stehen. Hinter dem Vögelchen erblickte sie das Fenster, dahinter eine Villa, das war noch nicht der Felsenkeller.

«Aber wir sind doch noch gar nicht da!»

«Ich versuche ja nur, mit meiner Freundin zu reden. Entschuldige bitte.»

«Ach, Frieda. Es ist doch nur … Ich bin doch … Es tut mir leid.» Die Bahn ruckelte los. Das tiefe Dröhnen des Elektromotors ließ Liesbeth Weymann etwas lauter sprechen. «Es ist nur … Der Mann da vorn …» Liesbeth Weymann deutete mit dem Kopf in Richtung des Schiefen, in der Hoffnung, auch Frieda würde unauffällig hinschauen.

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22 aralık 2023
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9783955520519
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