Kitabı oku: «Mörderisches Spiel in Leipzig»
Uwe Schimunek
Mörderisches Spiel
in Leipzig
Ein historischer Krimi
Jaron Verlag
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Prolog
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Epilog
Nachwort
Verzeichnis umbenannter Straßen
Ebenfalls im Jaron Verlag erschienen
Originalausgabe
1. Auflage 2016
© 2016 Jaron Verlag GmbH, Berlin
Alle Rechte vorbehalten.
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Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Carsten Tiemessen, Düsseldorf
Satz: Prill Partners|producing, Barcelona
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016
ISBN 978-3-95552-220-9
Prolog
Mensch! Pass doch auf, Willi!« Horst Ludewig trat gegen den Pfosten des Fußballtors, durch das der graue Lederball gekullert war.
Willibald Gelsenrath ließ die Schultern sinken. Neben ihm jubelte Heini Risio. Der Stürmer war ihm entwischt, schon zum dritten Mal bei diesem Training. Gelsenrath hatte ihn nur einen winzigen Moment aus dem Auge verloren, und schon stand es 3 : 0 für die gegnerische Mannschaft durch das dritte Tor von Heini Risio – seinen Gegenspieler.
»Kommt mal zum Mittelkreis!«, rief einer der beiden Friedrich-Brüder.
Gelsenrath konnte ihre Stimmen nie auseinanderhalten. Er trabte los, dem immer noch fröhlich hüpfenden Risio hinterher. Ludewig guckte im Vorbeigehen, als wolle er Gelsenrath bei lebendigem Leibe häuten, vierteilen oder Ähnliches. Es ist doch nur ein Trainingsspiel, dachte Gelsenrath, als er in der Spielfeldmitte antrat.
»Das hier ist unser letztes richtiges Training vor dem Halbfinale der Mitteldeutschen Meisterschaft, das wisst ihr alle«, begann Walter, der ältere der Friedrich-Brüder, seine Ansprache. »Wir können doch nicht über die Wiesen rennen wie eine Herde Schafe, nur weil Thoralf nicht da ist. Guckt auf eure Gegenspieler! Lauft so, dass ihr sie immer im Blick habt!«
Gelsenrath schaute zu Boden. Er wusste auch so, dass alle zu ihm sahen.
»Wir spielen jetzt erst mal eine Viertelstunde sieben gegen sieben und üben die Manndeckung. Ich teile die Mannschaften neu ein«, bestimmte Walter Friedrich.
Da brauchte Gelsenrath gar nicht mehr hinhören. Wenn kleine Mannschaften gebildet wurden, war ohnehin kein Platz für ihn. Tatsächlich zählte Friedrich nur die Namen der Besten auf. So kurz vor der wichtigen Partie ging es beim englischen Gentleman-Sport nicht mehr um Spaß.
»Willi, dich würde ich auch um etwas bitten«, riss Friedrich ihn aus seinen Gedanken. »Würdest du zu Thoralf fahren und nachschauen, warum er nicht zum Training gekommen ist? Du hast doch ein Fahrrad.«
Besser, als Ballholer zu spielen, dachte Gelsenrath. Diese Aufgabe musste Horst Ludewig übernehmen. Gelsenrath sah das verkniffene Gesicht des Ersatzverteidigers und nickte.
Die Spieler verteilten sich auf dem Feld, als Gelsenrath vom Platz trottete. Die Sportanlage war noch in das Grau des Märzes getaucht, aber an den Büschen ringsherum sprossen die Knospen bereits. Die zarten Triebe passten nicht zum rauen Ton, in dem die Friedrich-Brüder die VfB-Fußballer zum Trainingsspiel antrieben.
Das Fahrrad lehnte am Zaun, der den Sportplatz von der Oststraße trennte. Gelsenrath nahm seine Kleidung vom Gepäckträger und schlüpfte in Hose und Jacke. Hurtig schwang er sich auf den Sattel und trat in die Pedale. Die Wohnung des Mannschaftsführers lag in der Fregestraße, nur anderthalb Kilometer vom Sportplatz entfernt. Trotzdem fuhr Gelsenrath lieber etwas schneller, damit es nicht dunkel wurde und die Männer das Training beendeten, bevor er – hoffentlich mit Thoralf Schöpf – zurückkehrte.
Zwischen dem Sportplatz, der am Rande von Lindenau lag, und dem inneren Stadtgebiet von Leipzig erstreckte sich Weideland. Gelsenrath kam es so vor, als würde dort, wo die Häuser aufhörten, auch die moderne Zeit enden. Schon die Namen in dieser Gegend klangen nach bäuerlicher Idylle: Rechter Hand ragte der Kuhturm aus dem Boden, nach der Brücke über das Hochflutbett folgte auf der linken Seite die Viehweide. In wenigen Wochen würde hier endloses Grün das Auge erfreuen, noch lag das Gelände brach. Gelsenrath nahm einen unangenehmen Geruch wahr. So sauber das Frühlingswasser war, wenn es der Quelle im fernen Gebirge entsprang, so sehr wurde es auf seinem Weg bis nach Leipzig von den Abwässern der zahllosen neuen Fabriken verschmutzt.
Schnell überquerte Gelsenrath die nächste Brücke nach dem Versorgungshaus, das am linken Rand der Chaussee lag. Dieses Stück der Strecke fuhr er trotz der hier herrschenden Gerüche – im Sommer sorgte das Vieh für eine besondere Note – sehr gern. In aller Regel wirbelten hier keine Fuhrwerke Staub auf, und er konnte ungestört in die Pedale treten.
Vor ihm tauchten die ersten Häuser der Stadt auf. Bis vor ein paar Jahren war auch diese Gegend noch dörflich geprägt gewesen. Nun leuchteten die neuen, prächtigen Bürgerhäuser in der Märzsonne, als wären sie mit Edelsteinen besetzt. Vor dieser Häuserfront bog Gelsenrath in die Straße An der Alten Elster ein. Nun blieben nur noch ein paar Meter. Er guckte nach rechts und sah die Straßenschilder: Gustav-Adolph-Straße, Auenstraße und Fregestraße.
Gelsenrath war schon einmal in Schöpfs Wohnung gewesen, als der ihm in einer Nachhilfestunde ein paar Tricks der Defensive beim Fußballsport erklärt hatte. Theoretisch blieben da kaum Fragen: Stets am Gegenspieler kleben bleiben, und nebenbei den Ball im Blick behalten! Wenn solche Kerle wie der Risio und die Friedrich-Brüder nur nicht so schnell wären …
Gelsenrath trat durch die Haustür. Im Treppenhaus roch es nach dem abklingenden Winter, die feuchte Kälte schien noch im Putz des Mauerwerks zu stecken. Die Tür im ersten Stock führte zu der Gemeinschaftswohnung, in der Schöpf zwei Zimmer bewohnte.
Auf das Schellen hin öffnete allerdings eine alte Frau, dem Namensschild an der Tür nach handelte es sich um Frau Sauertopf. Ihr Gesicht passt zum Namen, ging es Gelsenrath durch den Kopf. Es war grau wie ein Regentag. Das Mütterchen hatte bestimmt seit dem Ende des Deutsch-Französischen Kriegs 1871 nicht mehr gelächelt, vielleicht sogar nicht mehr seit der Revolution 1848.
»Sie wollen sicher zum jungen Herrn Schöpf«, brummelte die Alte. »Ich habe ihn seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen, er wird sicher wieder seine Zeit mit dieser Fußlümmelei vergeuden.« Frau Sauertopf betrachtete Gelsenrath. Er spürte ihren Blick auf dem weißen Trikot, das unter seiner Jacke hervorlugte.
»Nein, bei der Fußballübungsstunde ist er nicht eingetroffen. Genau deshalb bin ich hier.«
»Na, dann treten Sie durch und schauen nach dem jungen Herrn!« Die Alte gab den Weg frei und wies auf die Tür an der Stirnseite des Korridors, wo Schöpfs Zimmer lagen.
»Danke sehr, meine Dame!«, entgegnete Gelsenrath und schlenderte durch den Korridor. Mit halbem Ohr hörte er die Alte hinter sich so etwas murmeln wie, eine Dame werde sie sonst nie genannt.
Gelsenrath klopfte an die Tür. Doch in Schöpfs kleinem Reich regte sich nichts. Gelsenrath drehte sich herum, die alte Frau war in einem Zimmer verschwunden – dem Geruch nach in der Küche. Also öffnete er vorsichtig die Tür zu Schöpfs Zimmern.
In der Stube herrschte penible Ordnung. Der Schreibtisch sah aus, als sei er noch nie benutzt worden. Die Platte war beinahe völlig leer, und auch das Tintenfässchen mit der altmodischen Feder machte eher den Eindruck eines Ziergegenstands denn eines Schreibgeräts. Außerdem stand ein Kelch auf dem Tisch. Vielleicht trank Schöpf gelegentlich Limonade aus dem Gefäß. Jetzt aber war es leer.
In einem Regal über dem Schreibtisch blinkten ein gutes Dutzend blitzeblank geputzte Trophäen, die genauso wie die Medaillen an der Wand von Schöpfs sportlichen Erfolgen zeugten. Neben der Tür zur Schlafkammer hingen Zeichnungen. Gelsenrath erkannte den Strich. Es handelte sich eindeutig um Übungen von Rosalinde Fritzschmann. Er hatte Schöpfs Verlobte bei mehreren Vereinsfestivitäten getroffen und stets ein wenig Mitleid mit der hübschen Brünetten empfunden. Schöpf kümmerte sich bei den gesellschaftlichen Anlässen viel zu wenig um das Fräulein. Wenn Gelsenrath so eine junge Dame ausführen würde …
Er dachte lieber nicht mehr an die Verlobte seines Mannschaftsführers und betrachtete die größte der Zeichnungen genauer: Eine Aphrodite stieg aus dem Meeresschaum und hielt eine Lanze in der Hand. Wenngleich die Züge der Göttin voller Anmut waren, strahlte das Bild doch etwas Bedrohliches aus.
Genug der Kunst. Wo konnte Schöpf stecken? Wenn er auf den Sportplatz gefahren wäre, hätte er Gelsenrath entgegenkommen müssen. Im Büro war er sicher auch nicht mehr, es ging schließlich schon auf halb sechs Uhr zu. Vielleicht hatte der Mannschaftsführer nach der Arbeit ein wenig geruht und war dabei eingeschlafen. Gelsenrath überlegte, ob er in der Schlafkammer nachsehen sollte. Damit würde er tief in Schöpfs privates Reich eindringen. Andererseits kam die Meisterschaft in ihre entscheidende Phase, und der Verein brauchte den Spielführer. Das war eine besondere Situation, die besondere Taten erforderte.
Entschlossen öffnete Gelsenrath die Tür zur Schlafkammer und trat auf die Schwelle. Tatsächlich, da lag Schöpf auf dem Bett, in seiner Sportlerkluft, mit dem Gesicht zum Fenster am anderen Ende des Zimmers. Der Mannschaftsführer ruhte mit angezogenen Beinen wie ein Kleinkind. Nein, mit der weißen VfB-Tracht wirkte er eher wie ein zu groß geratener Engel. Eigentlich war es ein Frevel, den Mann zu wecken. Dennoch trat Gelsenrath an das Bett und legte den Arm auf Schöpfs Schulter. Der Körper gab der leichten Berührung nicht nach. Also ruckelte Gelsenrath etwas stärker an der Schulter des Mannschaftsführers, und der Körper rollte in die Rückenstellung.
Nun erst sah Gelsenrath Schöpfs Gesicht. Die Wange, mit der Schöpf bis eben auf dem Bett gelegen hatte, war mit dunklen Flecken übersät. Der offene Mund und die aufgerissenen Augen bildeten eine Fratze. In dem starren Blick war pure Angst zu lesen. Es sah so aus, als hätte Schöpf mit einem Dämon gekämpft. Und verloren.
Gelsenrath schrie.
Eins
Freitag, 22. Mai 1903, vormittags
In Leipzig toben die Irren, dachte Edgar Wank, als er sein Manuskript mit den Notizen abglich. Sein morgendlicher Besuch bei der Polizei war sehr erfolgreich verlaufen. Hauptwachtmeister Machuntze hatte mit spannenden Geschichten geradezu um sich geworfen. Mit den Informationen könnte Wank auch noch die morgige Ausgabe füllen. Er legte das Notizbuch auf den Schreibtisch und widmete sich noch einmal dem Text für die heutige Zeitung. Gleich musste er ihn bei Doktor Richter abgeben.
Am Mittwoch abend ½ 10 Uhr sind im Hause Zentralstraße 1 zwei Barbiere im Treppenhause in Balgerei geraten und beide etwa 8 m tief durch den Treppenschacht in den Hausflur hinabgestürzt. Hierbei ist einer infolge Schädelbruchs sofort verstorben, während der andere nicht unerhebliche Verletzungen am Kopfe und Rücken erlitt und dem Krankenhaus zugeführt werden musste.
Natürlich war es immer bitter, wenn es Tote zu beklagen gab. Doch durch solche Berichte wurde Polizeiliches aus Leipzig zu einer vielgelesenen Rubrik, auf die niemand verzichten wollte. Das Blatt erschien jeden Nachmittag mit einem Amtlichen Teil für die Stadt und den Artikeln im Nichtamtlichen Teil. Die Herausgeber bei der Königlichen Expedition der Leipziger Zeitung hielten täglich den Platz für Wanks Berichte frei. Es gab sicherlich Ehrenvolleres, aber die Toten sicherten Wanks Arbeitsstelle.
Freilich gab es nicht jeden Tag Todesfälle zu verzeichnen. Die restlichen Delikte, die Machuntze ihm gemeldet hatte, waren weniger spektakulär: Unterschlagung, Diebstahl, Zechbetrug, mal ein Einbruch. Die meisten Ganoven in der Stadt beließen es bei kleineren Vergehen. Der Erpresser, den die Polizeibehörden gestern gefasst hatten, war eigens aus Berlin angereist.
Machuntze tat stets, als retteten die Polizisten die Stadt vor dem Untergang, gerade heute hatte er Reden geführt wie ein Schauspieler beim Monolog. Aber im Grunde war nicht viel los in Leipzigs Ganovenwelt, zumindest nichts, was die Leser über längere Zeit in Atem hielt. Freilich konnte Wank schlecht selbst zum Mörder werden, nur um einen guten Artikel verfassen zu können.
Wank stand auf und machte sich auf den Weg zu seinem Vorgesetzten. Er schritt den Flur entlang, vorbei an den anderen Redaktionsstuben. Immer wieder erstaunte ihn, wie die Themen auf die Kollegen an den Schreibtischen abfärbten. Die Politikredakteure gaben sich geschäftig, als hinge von ihnen der Lauf der Geschichte ab und nicht von den Ministern und Geheimräten, über die sie berichteten. Die Wirtschaftsredakteure wirbelten stets umher, als würden sie selbst unablässig Aktien kaufen und verkaufen – dabei hatte kaum einer von ihnen genügend Geld für Börsenspekulationen. Da kam ihm die Ruhe in den Kulturbüros schon beinahe wie eine Erlösung vor.
Im Treppenhaus begegnete er Schliemeyer, dem Sportreporter. Schliemeyers Krawatte hing locker um seinen Hals, es sah beinahe so aus, als ob da ein Galgenstrick baumelte. Der Sportreporter berichtete vornehmlich über die Ergebnisse der Pferderennen. In kurzen Hauptsätzen empfahl er Wank nun, Doktor Richter schnell aufzusuchen, der Direktor der Königlichen Expedition der Leipziger Zeitung habe vorzügliche Laune, sei gar zu Scherzen aufgelegt.
Wank hatte ohnehin nicht vor zu trödeln, doch nun flitzte er die Treppe noch schneller hinauf. Als er vor dem Büro des Direktors angekommen war, war er völlig aus der Puste. Er holte tief Luft und klopfte.
»Herein!«, rief die Vorzimmerdame.
Wank trat ein und wurde direkt zu Doktor Richter gebeten.
»Ah, unser Polizeireporter, ganz vorzüglich!«, rief der Direktor und winkte ihn herbei. »Das wird ein gutes Blatt heute, das habe ich im Gefühl. Zeigen Sie her, was Sie haben, Herr Wank!«
Wank reichte Richter das Manuskript, und der begann sofort, die Zeilen zu überfliegen.
»Eine tragische Sache«, sagte der Direktor nach wenigen Sekunden und klang dabei, als hätte er gerade im Lotto gewonnen. Sogar sein gezwirbelter Schnurrbart wippte fröhlich, als er fortfuhr: »Sie haben das ganz prächtig formuliert, Herr Wank.«
Ein Lob vom Herrn Direktor persönlich, das musste er im Kalender notieren. »Danke, Herr Direktor«, sagte Wank.
»Sie sollten auch mal längere Texte über besonders interessante Fälle für die Rubrik Vermischtes in unserer Beilage verfassen, junger Mann. Schlagen Sie doch bei Gelegenheit etwas vor!«
Ein großer Report! Langsam wurde Wank die Sache unheimlich.
Richter legte das Manuskript auf seinen Schreibtisch und fuhr fort: »Darf ich Sie noch etwas fragen, Herr Wank?«
Wank zögerte kurz und überlegte, ob nicht doch Ärger drohte. Dann sagte er: »Selbstverständlich.«
Richter blickte auf. Seine fröhliche Miene war verschwunden. Der Direktor legte das Manuskript auf den Stapel mit den Artikeln des Tages und fragte: »Ihre Zusammenarbeit mit Herrn Polizeihauptwachtmeister Machuntze läuft ordentlich?«
»Gab es Beschwerden?«
Richters Gesichtszüge schienen zu gefrieren. »Hat er denn Grund für Beschwerden?«
»Nein, nein. Ich dachte nur …«
»Ich will doch hoffen, dass es nur Gutes zu berichten gibt, denn ich treffe mich morgen Abend mit dem Herrn Polizeidirektor.« Richter richtete seinen Oberkörper auf, als wolle er auf seinem Sessel exerzieren. »Da wäre ich gern auf eventuelle Ärgernisse vorbereitet.«
Deswegen also war Machuntze am Morgen geschwätzig wie ein Liebesroman gewesen. »Nein, nein«, sagte Wank. »Der Herr Hauptwachtmeister hat keinerlei Anzeichen irgendeiner Verstimmung gezeigt.«
»Das ist gut. Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, dass wir auch als Amtsblatt Seiner Majestät in unserer Stadt fungieren.«
»Nein, selbstverständlich nicht, Herr Direktor«, antwortete Wank. Insbesondere nicht, weil der Direktor es bei jeder Gelegenheit wiederholte. Er beschloss, dem Hauptwachtmeister vorsichtshalber doch am nächsten Morgen einen Besuch abzustatten.
Willibald Gelsenrath fuhr mit seinem Fahrrad von der Johannisgasse auf den Augustusplatz. Die Neorenaissancefassade des Museums strahlte in der Maisonne. Gelsenrath nahm sich Zeit, den Anblick zu genießen. Wenn er ein paar Minuten zu spät im Büro ankam, würde ihm niemand einen Strick daraus drehen. Schließlich hatte er gute Nachrichten zu verkünden. Der Bau in der Reitzenhainer Straße, den er für das Architekturbüro von Paul Möbius und Arthur Starke überwachte, kam gut voran.
Auf dem Augustusplatz wimmelte es von Pferdedroschken und Fuhrwerken. Die neuen elektrischen Straßenbahnen bimmelten fröhlich durcheinander. In dem Gedränge boten Kolporteure ihre Waren feil.
Vor dem Mendebrunnen trat ihm ein Mann in einem schäbigen Anzug in den Weg und wies auf die illustrierten Blätter und Romanhefte in seinem Bauchladen. Gelsenrath fragte sich, ob er etwa wie ein Familienoberhaupt aussah, mit seinem Fahrrad und dem Zylinder nach der neuesten englischen Mode. Oder glaubte der Kolporteur etwa, ein junger Mann würde diesen Schund selbst lesen?
Mit einem gekonnten Schwung umkurvte Gelsenrath den Kerl. Der Händler musste aus dem Weg springen und fluchte ihm hinterher. Schnell weg, dachte Gelsenrath, ehe noch ein Tumult entsteht! Mit ein paar kräftigen Tritten in die Pedale näherte er sich der Universität. Nach ein paar Metern ließ er das Rad rollen und bog in die Goethestraße.
»Mann, Willi, das war ja eine sportliche Einlage!«, rief jemand von der Paulinerkirche her.
Gelsenrath blickte über die Straße, da stand Horst Ludewig, sein Sportkamerad vom VfB. Der junge Kerl hatte den Hut keck nach hinten gerückt, sodass sein Haaransatz zu sehen war, und schlenderte in Hemdsärmeln herbei. Sein Jackett hielt er zusammen mit einer Mappe unterm linken Arm.
»So solltest du mal über das Spielfeld rasen, Willi!«, sagte Ludewig. Seine Worte wurden beinahe von seinem Kichern verschluckt.
Gelsenrath stieg vom Rad und schob es auf die andere Straßenseite. Er streckte dem Kamerad die Hand entgegen und frotzelte: »Wenn ich an einem Freitag um die Mittagszeit über den Augustusplatz schlendern könnte, hätte ich beim Training auch mehr Kraft übrig.«
Ludewig ergriff Gelsenraths Rechte und schüttelte sie mit unerwarteter Herzlichkeit.
»Allerdings bin ich heute auch nicht in Eile«, fügte Gelsenrath hinzu.
»Ich muss um die Ecke in die Bibliothek, ich nehme den Weg über die Grimmaische.«
»Dann begleite ich dich ein paar Meter.«
Sie gingen an der neogotischen Gebäudefront vorbei, die den Platz seit seinem Umbau prägte. Die jüngst gepflanzten Bäume spendeten nur spärlichen Schatten. Ohne den Fahrtwind begann Gelsenrath in seinem Jackett zu schwitzen.
»Du warst seit dem Halbfinale bei keiner Sonderübung, Willi«, stellte Ludewig fest. Es klang nicht wie eine Anklage, eher wie eine Bitte.
»Ach, weißt du …« Gelsenrath suchte nach Worten, er wollte den Kameraden nicht verletzen. »Ich habe gerade im Büro viel zu tun. Ich bin kein Student mehr.«
»Das wissen wir.«
Sie trotteten schweigend am »Café Français« vorbei in die Grimmaische Straße hinein. Auch hier herrschte Trubel, doch es blieb genug Platz, nebeneinanderher zu spazieren.
»Es ist auch ein wenig so, dass ich den Eindruck habe, ich werde nicht so recht gebraucht«, fuhr Gelsenrath fort.
»So ein Unsinn!« Ludewig rief die Worte so laut aus, dass eine Mamsell mit einem riesigen Krug unter dem Arm sich herumdrehte und grimmig guckte. »Wir brauchen jeden Mann. Gerade seitdem unser Spielführer nicht mehr unter uns weilt.«
»Nun«, antwortete Gelsenrath ruhig, »seien wir ehrlich, Horst, ich werde ganz sicher im Endspiel nicht aufgestellt.«
»Das mag sein. Ich bestimmt auch nicht. Aber wir sind eine Mannschaft. Wir haben eine gemeinsame Aufgabe, ein gemeinsames Ziel. Wir sind Gentlemen und unterstützen uns gegenseitig, wo wir können.«
»Ja, ja!«
»Im Ernst. Wir müssen unsere Besten so gut wie möglich vorbereiten. Wenn wir beim Training abwechselnd gegen Heini, Bert und die anderen spielen, dann werden sie stärker gefordert. Im Endspiel gegen Prag werden sie alle Kraft brauchen.« Ludewig senkte die Stimme. »Wir erkämpfen diesen Titel auch für Thoralf Schöpf. Das sind wir ihm schuldig.«
Gelsenrath betrachtete den jungen Kameraden. Der schaute ihm in die Augen und schien doch in einer anderen Welt zu weilen.
»Wir haben alle unsere Kämpfe auszutragen, Willi. Ich bekomme zwar nicht mehr Hiebe, wenn ich über unseren Sport spreche, wie noch in der höheren Bürgerschule. Doch auch an der Uni gibt es Professoren, die mich mit Argusaugen betrachten«, sagte Ludewig nun wieder etwas lauter.
Mit Möbius hatte Gelsenrath keinerlei Probleme, was den Fußballsport anging. Der Architekt interessierte sich nicht im Geringsten für seine Privatangelegenheiten. Nein, Gelsenrath war die Lust auf das Ballgetrete vielmehr vergangen, seit die anderen in der Mannschaft um die Meisterschaft spielten, als ginge es um ihr Leben.
»Wir brauchen wirklich jeden Mann«, schloss Ludewig seinen Vortrag. »Wir üben morgen in der kleinen Gruppe im Park und am Sonntag alle zusammen auf dem Sportplatz.«
Gelsenrath zuckte zusammen. Am Sonntag hatte er anderes vor.
»Wir beginnen gleich nach dem Renntag im Scheibenholz. Es ist ja schon länger hell.«
Fast hatte Gelsenrath das Gefühl, die ganze Grimmaische Straße könnte hören, wie ihm ein Stein vom Herzen purzelte. Hastig nickte er. »Ich werde da sein, Sportfreund. Am Sonntag auf jeden Fall. Und ich sehe zu, dass ich es morgen auch einrichten kann.«
Edgar Wank saß im Café im Oertelschen Haus in der Katharinenstraße und wartete auf Thomas Kutscher. Der weilte bestimmt noch im Alten Theater um die Ecke und versuchte die Dramaturgen von seinem neuen Bühnenstück zu überzeugen, so wie täglich in den letzten Wochen. Das konnte seine Zeit dauern. Auch wenn Wank den Freund in seinen Bemühungen unterstützte, fand er doch, dass Pünktlichkeit einem Theaterdichter gut zu Gesicht stünde.
Derweil widmete Wank sich der Leipziger Zeitung, das Nachmittagsblatt war gerade frisch aus der Druckerei eingetroffen. Ein Blick auf den Leitartikel erklärte die gute Laune des Direktors. Die Freisinnigen hatten sich im Wahlkampf klar gegen die Sozialdemokratie gestellt. Der Artikel zitierte einen Aufruf der Freisinnigen Zeitung. Demnach müsse der Kampf gegen die SPD mit voller Wucht geführt werden, in erster Reihe für die wirtschaftliche und persönliche Freiheit der Arbeiter selbst, weiterhin auch für die politischen und wirtschaftlichen Errungenschaften aller Klassen der Bevölkerung.
Gelsenrath interessierte sich nicht sonderlich für Politik, deswegen überflog er die weiteren Ausführungen über die Stärkung des Staates und die Einordnung in die Entwicklung des Liberalismus in der ganzen Welt nur noch. Seine Stimme würde am 16. Juni an die liberale Deutsche Volkspartei gehen. Nicht, weil er die Ziele und die Führer dieser Partei besonders schätzte, sondern weil unter seinen Freunden eben Dt VP gewählt wurde.
Er blätterte weiter und studierte die Meldungen aus Sachsen.Vom königlichen Hofe. Dresden, 22. Mai. Se. Majestät der König besuchte am gestrigen Vormittag mit Ihrer Königl. Hoheit der Prinzessin Mathilde den Gottesdienst in der Hauskapelle zu Hosterwitz. Hernach, so berichtete die Leipziger Zeitung, hielt der König anlässlich der Eröffnung der Städteausstellung eine Tafel im Residenzschloss ab. Es folgte eine schier endlose Aufzählung der Gäste: der Königliche Preußische Staatsminister, Staatssekretär des Innern Doktor Graf von Posadowsky-Wehner, der Königliche Preußische Staatsminister und Minister des Innern, Freiherr von Hammerstein, der Gesandte Staatsrat und Kämmerer Freiherr von Niethammer …
Schon beim dritten Namen drohten Wank die Augen zuzuklappen, dabei folgte noch eine halbe Spalte adliger Namen mit vollständigen Titeln. Wer sollte so etwas lesen?
Auch die anderen Meldungen weckten kaum sein Interesse. Der Bund Deutscher Verkehrsvereine tagte in Leipzig, in der Reichsstraße zeigte die Schmiedeberger Klöppelschule eine Sammlung ihrer wertvollen geklöppelten echten Spitzen. Das sei eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges, befanden die Kollegen.
Wank legte das Blatt auf den Tisch und zog seine Uhr aus der Tasche – gleich halb fünf. Wenn Kutscher nicht bald kam, würde er nach Hause gehen. Als hätte Wank den Auftritt herbeibeschworen, eilte der Freund in diesem Moment durch den Gastraum. Sein offenes Jackett streifte die Stuhllehnen, den Hut trug er in der Hand. Die etwas zu lang geratenen Haare wippten im Gleichtakt mit dem Stoff des Rocks.
»Guten Tag, Edgar, ich muss dich leider auf heute Abend vertrösten«, sagte Kutscher. Der Freund blieb neben dem Tisch stehen. »Ich bin im Theater aufgehalten worden und habe gleich eine Verabredung, von der ich dir gern beim Bier erzähle.«
Wank nippte an seinem Kaffee und entgegnete nichts. Er sah seinem Freund vieles nach, doch einen leichten Ärger konnte und wollte er nicht verbergen.
»Also gut, ganz kurz.« Kutscher setzte sich und bat den Ober per Handzeichen um einen Kaffee. »Ich betreibe einen neuen Sport.«
»Du und Sport?«
»Eine englische Sportart. Sie nennt sich Fußball. Dabei wird ein Ball mit dem Fuß getreten, möglichst in ein Tor.« Kutscher bekam seinen Kaffee. »Doch das Beste, mein Freund, kommt noch. Ich habe da eine Geschichte gehört, die wie für dich erdacht erscheint. Der beste Leipziger Fußballsportler ist vor ein paar Wochen unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen.«
Das ging Wank zu schnell. Er wunderte sich noch über den plötzlichen Ehrgeiz seines Freundes in Sachen Körperertüchtigung und stammelte die Worte: »Ein … Mord?«
»Das lässt sich noch nicht sagen. Ein seltsamer Schwächeanfall, berichteten die Sportfreunde. Ich höre mich um.« Kutscher trank seinen Kaffee, als handle es sich um Bier. »Ich muss leider gehen. Allerdings nicht ohne eine weitere Neuigkeit.«
»Hm«, murmelte Wank. In seinem Kopf begann es zu brummen.
»Du willst es nicht wissen?« Kutscher klang, als habe er einen Orden erhalten.
»Hm.«
»Es ist eine gute Nachricht für dich, mein Freund.«
»Hm.«
»Ich habe gerade Eleonore Rada getroffen. Die Eleonore Rada!«, sagte Kutscher.
Wank nahm noch einen Schluck Kaffee. Der Freund wusste, wie sehr er für die Schauspielerin am Alten Theater schwärmte.
»Sie hat vor der Vorstellung eine Vakanz und würde sich freuen, mit dir etwas Zeit zu verbringen.«
Sollte er diese Freude teilen? Wenn Fräulein Rada auf seine Avancen einginge, wäre ihm das angenehm. Doch so, mit dem Freund als Kuppler? Wank hörte sich seufzen.
»Los, mein Freund!« Kutscher stupste ihn über den Tisch hinweg an die Schulter. Der Ärmel des Jacketts stieß beinahe Wanks Kaffeetasse um. »Trink aus und begib dich zum Alten Theater! Heute Abend erstattest du Rapport. Und ich erzähle dir Neuigkeiten vom englischen Sport.«
Zwei
Freitag, 22. Mai 1903, abends
Es ist mir eine Freude, dass Sie die Zeit gefunden haben, Herr Wank!« Eleonore Rada schmeichelte Edgar Wank, als könne er für täglich volle Vorstellungen sorgen. Sie trug ein schlichtes schwarzes Tageskostüm. Der Rock lag eng an den Hüften und warf erst unterhalb der Knie Falten. Die Jacke wirkte an der Taille so schmal, dass Wank sich fragte, ob die Schauspielerin genug zu essen bekam. Ihr schwarzer Hut unterstrich die zarte Blässe ihres Gesichts.
Er verbeugte sich und deutete einen Handkuss an.
»Was halten Sie von einem kleinen Spaziergang? Vielleicht ein Abstecher ins Rosenthal? Ich habe über eine Stunde Zeit, bis ich in der Maske erwartet werde.«
»Aber gern.« Wank reichte der Dame seinen Arm, und sie schlenderten über den Theaterplatz. Wahrscheinlich sehen sie jetzt aus wie Verlobte, dachte er und verspürte einen eigentümlichen Stolz. Zwar war er weit davon entfernt, die Dame zu erobern, doch immerhin verbrachte sie Zeit mit ihm, und das in aller Öffentlichkeit. Es kam ihm vor, als halte er ein kostbares Buch in einer fremden Sprache in der Hand. Der Text blieb ihm verborgen, aber alle anderen mussten Wank für unglaublich belesen halten.
»Weilen Sie in dieser Welt, Herr Wank?«, fragte die Schauspielerin in neckischem Ton. »Ich dachte, Sie teilen Ihre Zeit mit mir.«
»Entschuldigen Sie bitte, meine Dame!« Wank spürte, wie sich Hitze auf seinem Gesicht ausbreitete. Vermutlich leuchtete sein Kopf wie eine Laterne.
Eleonore Rada bemerkte das offenbar, denn sie lächelte verschmitzt und zog ihn weiter.
Auf dem Schulplatz bahnten sie sich den Weg durch die Fuhrwerke und Droschken. Wank suchte nach einem Thema für die Konversation, doch ihm fiel keines ein. Eigentlich reichte es ihm, die Dame auszuführen – als schweigender Genießer.
In der Rosenthalgasse ließ der Lärm der Straße nach, und Eleonore Rada sagte: »Erzählen Sie mir doch etwas über die Bösewichter in der Stadt!«
Wank berichtete von den beiden Barbieren und ihrer tragischen Prügelei. Die Schauspielerin packte derweil seinen Arm fester, als suche sie Schutz. Am liebsten hätte er noch ein paar weitere Schauergeschichten erfunden. Doch so angenehm ihm ihre Nähe war, lügen wollte er nicht. Also verstummte er.
Sie überquerten die Zöllnerstraße, und für die nächsten Augenblicke erlöste der überwältigende Anblick der Natur ihn von der Pflicht, erneut über Verbrechen zu berichten. Die Abendsonne stand knapp über den Bäumen hinter der Großen Wiese. Im Teich ein paar Meter vor ihnen spiegelte sich das Rot des Himmels.
Arm in Arm betraten sie den Park. Nach ein paar Schritten fragte die Schauspielerin in ernstem Ton: »Sind all diese Verbrecher und ihre Gräueltaten das Richtige für Sie, Herr Wank?«
»Hm.« Diese Frage hatte er sich schon längere Zeit nicht mehr gestellt. »Ich habe eine feste Stelle und Freude bei meiner Arbeit.«
»Aber all diese schrecklichen Dinge!«
Für einen Moment war nur das Knirschen ihrer Schritte auf dem Weg zu hören.
»Sie haben doch eine sensible Seele, Sie sind doch ein Künstler!« Eleonore Rada klang, als beklage sie einen großen Verlust.
Wank hatte bei ihren bisherigen Begegnungen nicht den Eindruck gehabt, dass die Schauspielerin sich Gedanken über sein Seelenleben oder seine Talente machte. Auf den Feiern im Theater oder in Künstlersalons schäkerte sie mit jedem, besonders gern mit Kutscher. Wank hatte das Gefühl, die Frau habe ihn überhaupt erst nach dem dritten Blumenstrauß zur Kenntnis genommen.
»Das empfinden Sie so?« Wank blieb stehen und ließ ihren Arm los. »Ich denke, dass ich auch bei der Zeitung eine Aufgabe habe. In meinem Beruf geht es um Leben und Tod.«
»Bei der Kunst geht es auch immer um Leben und Tod. Was glauben Sie, wie oft ich schon auf der Bühne gestorben bin!«
Wank bezweifelte, dass sich ein Shakespeare und eine Prügelei unter Barbieren vergleichen ließen. Andererseits kannte er weder Täter noch Opfer seiner Artikel, beide blieben für ihn die anonymen Figuren eines Polizeiberichts. Was unterschied diese armen Würstchen von den Bösewichtern in einem Drama? Vermutlich steckte hinter ihrem Handeln kein Plan. Doch änderte das etwas für den Leser?
»So ein Zeitungsartikel ist doch nichts von Bestand. Ich bin sicher, Sie würden einen besseren Künstler abgeben als Ihr Freund Kutscher.«
»Auf Thomas lasse ich nichts kommen. Er wird seinen Weg finden.«
Eleonore Rada strahlte, als wolle sie die Sonne mit ihrer Anmut übertreffen. Sie hakte sich erneut bei ihm unter und führte ihn sanft in Richtung »Schweizerhäuschen«. »Ich wollte Ihren Freund nicht herabwürdigen, glauben Sie mir das bitte!«, sagte sie nach ein paar Metern. »Ich sehe doch nur, dass Sie jeden Tag Texte verfassen, während Herr Kutscher häufig nur darüber redet. Ich finde, es ist keine Schande, fleißig zu sein. Es ist nur schade, wenn jemand nicht tut, was er vielleicht könnte.« Erneut schmiegte sie sich enger an ihn.
Sollte er stehen bleiben und sie küssen? War es nicht schade, wenn jemand nicht tat, was er könnte? Oder missverstand er sie?
Sie löste sich von ihm und fragte: »Kommen Sie am Abend in die Vorstellung? Wir geben Zazà. Die Hauptrolle spielt Irene Triesch, sie gastiert derzeit bei uns. Sie ist meine Gegenspielerin. Ich würde mich sehr freuen.«
Wieder eine Gelegenheit verpasst, dachte Wank. »Leider habe ich bereits andere Pläne. Ich werde Zazà aber in den nächsten Tagen besuchen, ganz sicher.«
»Ach, das ist schade«, sagte Eleonore Rada keck. »Ich bekomme doch so gerne Blumen.«
Das ließe sich einrichten, dachte Wank.
Thomas Kutscher legte seine Kleidung auf einem Baumstumpf am Rande der Wiese ab. In den Sportsachen fühlte er sich beinahe nackt. Tatsächlich leuchteten seine Waden speckweiß unter den kurzen Hosenbeinen hervor. Zum Glück hatten die Studenten diese abgelegene Wiese in der Nähe der Nonne, inmitten des Auwaldes, für ihr Treffen ausgewählt. Für gewöhnlich ging die Mannschaft ihrem Sport am Sonntag nach, doch in dieser Woche wollten die meisten Spieler zum Renntag ins Scheibenholz, daher wurde das Fußballspiel auf den heutigen Nachmittag vorverlegt.
Kutscher machte ein paar Kniebeugen. Es konnte sicher nicht schaden, wenn er ordentlich auf die Übungen vorbereitet war. Nach drei Kniebeugen begann Kutscher zu schwitzen. Nun, er wandelte ja nicht auf den Spuren von Turnvater Jahn. Hier ging es um die verrückte neue Sache aus England, den Gentleman-Sport. Beschwingten Schrittes drehte er eine Runde über die Wiese. Ja, er war vorbereitet. Die Herren Studenten durften kommen.
Ein wenig wunderte sich Kutscher über sich selbst, normalerweise kam er als Letzter. Doch nach der Turmuhr, die er auf dem Weg hierher passiert hatte, blieb noch reichlich Zeit bis zum vereinbarten Treffen. Dabei erschien es ihm durchaus im Bereich des Möglichen, dass die Herren Studenten das akademische Viertel verstreichen ließen, bevor sie im Park erschienen. Leider trug er keine Uhr bei sich, um die Zeit zu überprüfen.
Doch das musste er nicht mehr, denn plötzlich hörte er aus Richtung der Stadt Fahrräder nahen. Die Fahrer unterhielten sich lautstark. Sie waren zwischen den Bäumen nur zu erahnen, den Stimmen nach mussten es fünf, sechs oder mehr sein.
Als die Gruppe die Lichtung erreichte, zählte Kutscher nicht weniger als neun. Die jungen Herren trugen leichte Jacken und darunter bereits ihre Sportbekleidung. Sie lehnten ihre Fahrräder an die Bäume und eilten auf ihn zu. Er kannte nur den hochgewachsenen Blondschopf in der Mitte, der einen grauen Ball in der Hand trug. Der Student hieß Anton Rübele, stammte aus dem Badischen und hospitierte gerade am Alten Theater.
»Desch isch der neue Sportfroind«, sagte Rübele im Dialekt seiner Heimat zu den Kameraden und wandte sich Kutscher zu. »In der Monnschoft pflegen wir de Du, wenns rescht isch.« Er streckte seine Hand aus. »Anton – oder Tony.«
Die anderen Studenten riefen ihre Namen, zu schnell, als dass Kutscher sie sich hätte merken können. Ein Johann oder Johnny war dabei, ein Harald beziehungsweise Harry, ein Gerhard oder Gerry …
»Thomas«, entgegnete Kutscher und zögerte kurz. Wenn er schon einen englischen Sport betrieb, dann richtig. »Gern auch Tommy.«
Rübele rief ein paar knappe Anweisungen, und die Studenten stoben auseinander. Dann warf der Wortführer Kutscher den Ball zu. Der versuchte ihn zu fangen, das gelang ihm aber nicht. Die Kugel prallte von seiner Hand ab und hüpfte über die Wiese.
»Der ist viel leichter, als ich gedacht habe«, sagte Kutscher.
»Da gewönschte disch schnell dran, Tommy.« Rübele lachte.
An den beiden Längsenden der Wiese markierten Studenten mit ihren Jacken die Tore. Ein Kamerad kickte den Ball zu Rübele. Der stoppte die Kugel mit dem Fuß.
»Mit dir wäre mer schon zehn Sportfroinde. Nun noch ei Mann, und ab Herbscht könnte es rischtisch loschgehe.« Mit der Innenseite des Fußes schob Rübele den Ball zu Kutscher.
Die Kugel holperte über einen Grashügel. Kutscher hob den rechten Fuß an, und es gelang ihm, das Leder mit dem Fuß an den Boden zu bringen. Der Ball sprang nur ein paar Fußbreit zurück und blieb liegen. So schwer war das also gar nicht.
Rübele nickte anerkennend. Der Blonde trat ein paar Schritte zurück und rief Kutscher zu: »Spiel! Mit da Innenseite vonsch de Fuß!«
Kutscher guckte den Blondschopf an. Der schien nicht zu scherzen, vielmehr stand der lange Kerl mit angewinkeltem Bein da und klopfte mit dem Finger auf den Spann. Also gut, Kutscher kam sich zwar ein bisschen vor, als watschele er wie eine Ente, doch er trat mit dem linken Bein einen Schritt vor und stupste die Kugel dann wie verlangt zu Rübele. Erstaunlicherweise rollte der Ball tatsächlich in dessen Richtung.
»Haschte gut gemacht!« Rübele dribbelte den Ball noch ein paar Meter weiter und kickte ihn mit viel Kraft zu Kutscher.
Kutscher stoppte und spielte zurück. Dieses Spiel wiederholten sie noch ein paar Mal. Rübele entfernte sich dabei immer weiter. Kutscher fiel das Spiel mit dem Ball immer leichter.
»So wie du desch machst, wern mer noch die Spieler von Britannia und de VfB schlagen«, rief Rübele begeistert.
Als der Blondschopf mindestens zehn, zwölf Meter entfernt war, legte er den Ball mit der Hand zurecht. Rübele nahm Anlauf und trat mit dem Spann gegen den Ball. Die Kugel flog unerwartet schnell. Das Leder setzte kurz vor Kutscher auf und sprang ihm dann mit voller Wucht gegen den Oberschenkel.
»Au, verdammt!« Kutscher griff an sein Bein. Es schmerzte wie nach einem Peitschenhieb.
Rübele eilte herbei und rief: »Bischt du verletzt?«
»Nein«, stöhnte Kutscher. Während der Schmerz nachließ, hörte er einige der Studenten kichern. »Es wird schon gehen.«
Rübele hob die Hand, und die anderen verstummten und trotteten herbei. Der Blondschopf ließ einen Moment der Ruhe verstreichen und erklärte dann mit der Stimme eines Festredners: »Gentlemen, lascht unsch den englischen Sport beginnen. Wir werden einen fairen Wettkampf auschtragen und Mitspielern wie den Gegenspielern högschten Reschpekt entgegenbringe.« In weniger offiziellem Ton teilte Rübele die Mannschaften ein. Zu Kutscher sagte er: »Du gescht am beschten erscht mal ins Tor. Schau dir an, wie die anderen spielen. Und lasch dir von Johnny die Handschuh geben.«
Noch vor wenigen Minuten hätte Kutscher sich nicht vorstellen können, dass er je Handschuhe zu kurzen Hosen tragen würde, noch dazu gerade von einem Fremden getragene. Doch der rote Fleck auf seinem Oberschenkel, dessen Farbe bestimmt bald ins tiefste Blau wechseln würde, ließ jeden Widerspruch ersterben. Hauptsache, er blieb unverletzt, damit er die Kameraden später nach dem toten Fußballer befragten konnte.
»Ist Ihre Tochter zu sprechen, Frau Fritzschmann?« Willibald Gelsenrath verbeugte sich und nahm dabei die Melone mit Schwung vom Kopf.
Rosalindes Mutter füllte in ihrem hochgeschlossenen Kleid den Rahmen der Wohnungstür beinahe aus. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und antwortete: »Ich werde sehen, ob die junge Dame in der Verfassung ist, Herrenbesuch zu empfangen.«
»Lassen Sie den Herrn doch bitte herein, Frau Mama!«, bat Fräulein Rosalinde aus dem Korridor. »Ich werde ihm in der Essküche eine Limonade bereiten.«
Die Mutter stapfte beiseite, gab den Eingang frei und wies, ohne ein Wort zu sagen, auf den Kleiderständer. Das mannshohe Biedermeier-Möbelstück war überladen mit Verzierungen. Lediglich an einem Haken hing ein Gehrock. Darüber ragten geschwungene Stäbe aus der Konstruktion. Gelsenrath stülpte die Melone über das Holz.
Frau Fritzschmann trottete in die gute Stube, sodass Gelsenrath mit Fräulein Rosalinde allein im Korridor stand. Die junge Dame trug auch noch zwei Monate nach dem Tod ihres Verlobten Schwarz. Ihr Kleid war derart schlicht, dass ihr Gesicht wie ein Schmuckstück wirkte. Sie hatte ihr aschblondes Haar am Hinterkopf zu einem Dutt gebunden. Nachdem ihre Mutter die Tür hinter sich geschlossen hatte, seufzte das Fräulein und schritt in die Essküche.
Um den runden Tisch standen sechs Stühle. Gelsenrath wusste, dass Rosalinde ältere Brüder hatte, die bereits in eigenen Haushalten wohnten. Auf ihr Zeichen setzte er sich und beobachtete die junge Dame, wie sie Zitronen und weiteres Obst aus einer Schale nahm und sich der Limonade widmete. In den letzten Wochen hatte sie ihre Haltung wiedergefunden, keine Spur mehr von den hängenden Schultern. Sie war freilich noch schmaler geworden als vor Schöpfs unerwartetem Ableben, das verlieh ihren anmutigen Bewegungen etwas Zerbrechliches.
Fräulein Rosalinde stellte den Becher mit der Limonade vor Gelsenrath ab, setzte sich und blickte ihn an, als erwarte sie dringende Neuigkeiten aus der Welt.
»Es ist sehr freundlich, dass Sie mich empfangen«, sagte Gelsenrath eine Spur zu hektisch, wie er selbst feststellte. »Ich möchte Sie noch einmal meiner vollen Unterstützung in dieser schweren Zeit versichern.«
»Dafür danke ich Ihnen ganz herzlich. Wie Sie sich vorstellen können, macht mir Thoralfs Tod immer noch sehr zu schaffen.« Sie faltete ihre Hände auf dem Tisch und seufzte. »Ich sitze seit der Beerdigung vor über sieben Wochen in meiner Kammer und weiß nichts mit mir anzufangen.«
»Haben Sie gezeichnet?«
Das Fräulein senkte den Blick. »Nicht ein einziges Mal habe ich zu Stift oder Pinsel gegriffen.«
»Es ist ein Jammer, Fräulein Rosalinde. Sie müssen wissen, dass ich Ihre Arbeiten stets mit großem Interesse betrachtet habe.« Gelsenrath tippte mit dem Zeigefinger auf den Tisch. »Zeichnen Sie wieder! Thoralf hätte das gewollt.« Er zögerte und fügte feierlich hinzu: »Tun Sie es für ihn.«
Die junge Dame schaute auf. Ihre Augen waren so matt, als blicke sie durch einen Trauerflor. »Ach, mein lieber Herr Gelsenrath! Genau dort, wo Sie jetzt sitzen, saß früher mein Thoralf und hat mir oft Mut zugesprochen, mich der Kunst zu widmen. Ganz genauso wie Sie jetzt.«
Er an Thoralfs Platz, das war eine schöne Vorstellung, fand Gelsenrath. Und das trauernde Fräulein war ganz von selbst auf die Idee gekommen. Darauf ließ sich aufbauen. Doch zunächst öffnete Mutter Fritzschmann die Tür zur Essküche. Sie erkundigte sich, ob bei den jungen Leuten alles in Ordnung sei. Dabei zeichnete sich in ihrem Gesicht jene Mischung aus Missmut und Neugier ab, die Menschen an den Tag legen, die das Schlimmste befürchten und sich ärgern, wenn es nicht eintritt.
Fräulein Rosalinde erwiderte, dass alles zum Besten stünde. Gelsenrath lobte den Wohlgeschmack der Limonade und trank zur Bekräftigung des Gesagten einen Schluck.
Die dicke Mutter stapfte in den Korridor zurück. Gelsenrath wunderte sich, wie sehr sich zwei Frauen aus gleichem Fleisch und Blut voneinander unterscheiden konnten – so, als seien ein Nilpferd und eine Taube miteinander verwandt. Immerhin war nun das Nilpferd weg und das Täubchen noch da. Gelsenrath merkte, wie ein Lächeln über sein Gesicht huschte.
»Sie müssen meiner Mutter verzeihen!« Auch Fräulein Rosalinde klang fröhlich. »All meine Besuche beobachtet sie mit scharfen Augen. Auch wenn Thoralf hier saß, schaute sie alle paar Minuten nach dem Rechten.«
»Vielleicht«, sagte Gelsenrath zögerlich, um den Eindruck zu erwecken, ihm käme der Gedanke erst während des Sprechens, »sollten Sie wieder öfters das Haus verlassen.«
»Meinen Sie?«
»Ich denke, es wäre ganz in Thoralfs Sinne. Sie verlieren ihn ja nicht aus dem Herzen, wenn Sie anderen Menschen begegnen, die auch um Thoralf trauern.«
Fräulein Rosalinde entgegnete nichts, doch nach ein paar Augenblicken nickte sie beinahe unmerklich mit dem Kopf.
Gelsenrath bemühte sich nach Kräften, die ernste Miene beizubehalten. Am liebsten wäre er vor Freude durch die Essküche gesprungen. Fräulein Rosalinde würde wieder ausgehen – und wenn er sich nicht zu dumm anstellte, mit ihm.
»Sie sind so gut zu mir, Herr Gelsenrath.« Fräulein Rosalinde blinzelte. Der Trauerschleier war verschwunden. »Wenn Sie am Wochenende Zeit haben, finden Sie mich im Garten meiner Eltern in der Sparte vor den Bahnanlagen.«
Der Ober stellte zwei Krüge Münchner Löwenbräu auf den Tisch. Wegen dieses Bieres hatte Thomas Kutscher auf dem Treffen im »Bavaria« in der Nikolaistraße 2 bestanden. Edgar Wank trank das bayerische Gebräu ebenfalls gern und mochte die Kneipe, auch wenn er sich etwas müde fühlte, ihm deshalb der Lärm auf die Nerven ging und er schon wieder über zwanzig Minuten auf den Freund gewartet hatte. Dieses Mal hatte ihn Letzteres weniger gestört, denn es galt, die Zeit bis zum Ende der Vorstellung im Alten Theater herumzubringen.
»Erzähl, Edgar, kannst du Erfolge bei der holden Frau Rada verzeichnen?« Kutscher hob seinen Krug. »Prost!«
Wank nahm einen kräftigen Zug Bier. Der bittere Geschmack belebte ihn augenblicklich. Was für ein Zaubertrank! »Ich werde Fräulein Rada heute Abend Blumen überreichen. In den nächsten Tagen schaue ich mir noch einmal Zazà an.«
Kutscher lachte. »Du bist ja ein richtiger Draufgänger!«
»Eile mit Weile. Ich kann sie schließlich zu nichts zwingen.«
»Nein, aber du kannst es vertrödeln.«
Übers Trödeln redet der Richtige, dachte Wank. Er trank noch einen Schluck Bier, um etwas Zeit für einen Themenwechsel zu gewinnen. Kutscher tat es ihm gleich und stemmte eben seinen Krug in die Höhe.
»Jetzt bist du aber dran«, sagte Wank und stellte seinen Humpen ab. »Heraus mit der Sprache! Was gibt es für Sensationen zu berichten?«
»Ich dachte schon, du fragst nie.« Kutscher bekam einen lauernden Blick – wie ein Jäger, der auf dem Hochstand die Flinte anlegt.
»Jetzt rede!«
»Du wirst es nicht glauben.«
»Doch!« Der Kerl machte Wank verrückt.
»Ich schließe mich einem Fußballverein an.«
»Was tust du?« Wank lachte.
»Ich habe heute mit den Kameraden trainiert und bin ihrem Fußballverein beigetreten. Wir beteiligen uns alsbald am ordentlichen Spielbetrieb.«
»Ordentlicher Spielbetrieb? Mit einem Verein? Thomas, glaubst du, das ist etwas für dich?« Wank bemühte sich, nicht vor Lachen vom Stuhl zu kippen. »Wahrscheinlich habt ihr euch vorhin im Park getroffen, und alle außer dir waren Studenten.«
Kutschers Miene wurde grimmig – dem Jäger war das Wild wohl entkommen. »Diese Studenten betreiben ihren Sport ernsthaft, Edgar! So auch ich!«
»Das ist doch diese Fußlümmelei, bei der Männer in kurzen Hosen einem Ball hinterherrennen und sich in einem fort englische Wörter zurufen. Thomas, das kann doch nicht dein Ernst sein! Du bist 24 Jahre alt, fängst lauter Dinge an und bringst nichts zu Ende.« Wank kam sich vor, als rede er wie sein Großvater.
Kutscher ging indes nicht auf die Kritik ein, sondern erwiderte: »Wir schießen ins Goal, wenn unsere Backs die Stürmer nicht daran hindern. Das Spiel teilt sich in zwei Halfs. So heißt das eben beim englischen Sport. Wir laufen dem Ball außerdem nicht nur hinterher, wir kicken ihn uns zu. Wir nennen das Pass.«
»Pass. Wie im Gebirge?«
Kutscher nickte.
»Und müsst ihr auch bergauf rennen?« Wank lachte selbst über seinen Witz.
»Mach dich nur lustig, mein Freund! Du wirst sehen, wie der englische Sport in der Stadt an Ansehen gewinnt, wenn der Verein für Bewegungsspiele Deutscher Meister wird.« Kutscher stemmte seinen Krug in die Höhe wie eine Trophäe.
»Im Fußball? Oder im Streichholzwerfen oder Murmeln?«
»Der VfB fährt am nächsten Wochenende zum Endspiel nach Altona.« Kutscher setzte den Krug an und trank, als begieße er schon den Sieg. »Die Mannschaft spielt gegen den Deutschen Fußballklub aus Prag. Im dortigen Tagblatt wird über den Fußballsport schon eifrig berichtet.«
»In der Zeitung?«, staunte Wank und merkte, wie ihm das Lachen im Hals steckenblieb.
»Ja.« Kutscher kostete seinen Triumph aus, indem er erneut den Krug in die Höhe hielt.
»Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Schliemeyer auch nur ein Wort über deinen englischen Sport verliert. Für ihn gibt es nur Pferderennen, Pferderennen und Pferderennen.« Wank dachte an das Treiben in der Redaktion der Leipziger Zeitung. »Vermutlich würde der Direktor für solche Moden auch kein Verständnis aufbringen.«
»Diese alten Säcke, sollen sie doch zum Pferderennen gehen!«
Wank winkte dem Ober, lachte und rief: »Wir brauchen dringend kaltes Bier, damit mein Hitzkopf von Freund sich wieder beruhigt!«
Der Ober guckte, als überlege er, den seltsamen Freund samt Wank des Lokals zu verweisen, sagte aber: »Sehr wohl, mein Herr.«
»Du glaubst wohl, ein weiterer Humpen ändert meine Meinung? Was auch immer die Alten tun, sie werden das Neue nicht aufhalten. Das sage ich dir, mein Freund.«
Wank schob den leeren Krug an den Rand des Tisches und versuchte, einen versöhnlichen Ton anzuschlagen. »Thomas, es handelt sich lediglich um ein Spiel im Park.«
Der Ober brachte das neue Bier und zog zwei Striche auf dem Zettel.
»Auf das Neue!« Kutscher hob seinen Humpen.
»Auf die Weitsicht, das Wesentliche zu erkennen!«
Sie stießen an und tranken.
»Vielleicht«, sagte Kutscher, »schreibt nicht der Sportredakteur über den Verein für Bewegungsspiele, sondern du.«
»Ist das Betreiben des Fußballsports neuerdings ein Verbrechen?« Wank merkte, wie seine Worte ein wenig zu höhnisch klangen. Denn Kutscher meinte es offenbar ernst.
»Nein, gegen den Ball zu treten ist erlaubt. Ich meine natürlich den mysteriösen Todesfall.«
Wank fragte nicht nach. Ihm fielen zwar eine Reihe spöttischer Bemerkungen ein, etwa über die Gefahr, die mit jeglicher Bewegung einherging. Doch der Freund hatte diese feierliche Miene aufgesetzt, die Menschen zeigen, wenn sie ein Geheimnis verraten wollen.
»Ich habe die Kameraden befragt. Sie sind allesamt höchst verwundert über den Tod des VfB-Spielführers. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr!«
Da hatte Kutscher recht. Doch Wank tat dem Freund nicht den Gefallen, ihn zu drängeln.
»Der Mannschaftsführer erschien einfach nicht zum Training und wurde schließlich tot aufgefunden. Und das alles kurz vor den Finalspielen!« Kutscher lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.
Wank überdachte die Nachricht kurz und erwiderte: »Es kommt vor, dass Menschen sterben. Bedauerlicherweise trifft es bisweilen auch junge Leute.«
»Überleg mal, Edgar! Das war nicht irgendein junger Mann. Es handelt sich um einen Sportler in voller Manneskraft. Seine Kameraden haben zu ihm aufgesehen, und auch seine Gegner sprachen von seiner Ausdauer stets voller Bewunderung.« Kutscher hob den Finger wie ein Lehrer. »An dieser Sache ist etwas faul, mein Freund. Das sage ich dir.«
Vielleicht sollte er dem Fall tatsächlich nachgehen, überlegte Wank.
Drei
Sonnabend, 23. Mai 1903, morgens
Willibald Gelsenrath breitete die Pläne für das Haus in der Reitzenhainer Straße auf dem Zeichentisch aus. Paul Möbius weilte bereits ebenfalls im Büro in der Frankfurter Straße. Gelsenrath schätzte die Expertise des großen Architekten, zugleich flößte ihm dessen Strenge aber Respekt ein. Also überließ er nichts dem Zufall.
Mit einem Bleistift markierte Gelsenrath auf dem Plan die Stellen, an denen die Handwerker gerade den Innenausbau erledigten. Derzeit brachten die Stuckateure die Verzierungen an die Zimmerdecken an. Insbesondere die Rosetten gerieten prächtig. Wenn Gelsenrath über genug Berufserfahrung für die Eröffnung eines eigenen Architekturbüros verfügte, würde er sparen, um sich selbst eine solche Wohnung zu leisten. Dort ließe es sich prächtig mit einer Familie leben – etwa mit Fräulein Rosalinde und später einer ganzen Kinderschar.
Gelsenrath stellte sich vor, wie er nach getaner Arbeit, wenn die Sprösslinge in ihren Bettchen ruhten, mit Rosalinde in der Loggia bei einem Glas Rotwein saß und über Kunst philosophierte. Sicher käme seine Frau dazu, sich neben den häuslichen Pflichten ab und an dem Zeichnen zu widmen. Ihre Werke würde er in seinem Büro ausstellen und die Kundschaft beeindrucken. Dafür lohnte es sich schon jetzt, bei seiner ersten Anstellung, ein höchstes Maß an Pflichtbewusstsein an den Tag zu legen.
Möbius riss ihn aus seinen Träumen. Der Architekt stapfte schweren Schrittes an den Tisch und brummte unter seinem gezwirbelten Schnurrbart hervor: »Ich sehe, Sie sind vorbereitet, Herr Gelsenrath. Bringen Sie mich auf den neuesten Stand!«
»Sie sehen hier die einzelnen Etagen. Die Stuckateure sind im ersten Obergeschoss am Werke. Der Zimmermann arbeitet im Treppenhaus.«
Möbius beugte sich über den Tisch, setzte den Kneifer auf seine Nase und fuhr mit dem Finger über die Zeichnung. Ohne aufzuschauen, fragte er: »Sie haben den Zeitplan im Blick, junger Mann?«
»Ich denke, die Stuckateure werden pünktlich fertig sein. Gleich am Montag werde ich den Fortgang der Arbeiten wieder überprüfen. Mit dem Fahrrad bin ich ja schnell dort.«
»Sie mit Ihrem Fahrrad!« Möbius rückte den Zwicker auf der Nase zurecht. »Sie müssen Obacht geben, dass die Handwerker Sie nicht für einen Studenten halten und es an Respekt mangeln lassen.«
Der Herr hat Sorgen, dachte Gelsenrath, aber er nickte beflissen.
»Die jungen Leute denken immer, sie müssten alles ganz anders machen.« Möbius strich mit der Hand durch seinen Bart und guckte wie ein strenger Lehrer. »Doch Sie müssen bedenken, dass die Zeit ohnehin nicht stillsteht. Und häufig sind es die Menschen mit einem großen Maß an Wissen und Lebenserfahrung, die Neues erschaffen.«
Gelsenrath dachte an die Häuser, die Möbius baute. Mit ihrer Pracht prägten sie nicht selten das Bild einer ganzen Straße. Dennoch fehlte ihnen der Pomp älterer Bauwerke. Möbius baute mit Stil, ohne falsche Bescheidenheit, aber mit sicherem Geschmack – und das überall in der Stadt. Nun ging Möbius sicher auf die vierzig zu und machte mit seinen unübersehbaren Geheimratsecken alles andere als einen jugendlichen Eindruck. Doch der Mann veränderte das Stadtbild mehr als die Studenten mit ihrer modischen Kleidung.
»Es ist natürlich für mein Büro von großem Vorteil, dass Sie mit Ihrem Fahrrad in Minutenschnelle an die Baustelle gelangen, ohne weitere Kosten zu verursachen«, fügte Möbius hinzu. Er klang dabei wie ein Jockey, der einem Gaul nach einer schwierigen Übung ein Zuckerstück reichte. »Lassen Sie es die Handwerker einfach nicht bemerken!«
»Sehr wohl, Herr Möbius.«
Möbius strich sich erneut durch den Schnurrbart und wandte sich zum Gehen. Nach ein paar Schritten blieb er an der Tür stehen und wies auf den Zeichentisch. »Sie haben einen feinen Strich, möchte ich noch anmerken. Wie mir scheint, sind Sie nicht nur den Leibesübungen zugetan, sondern auch den schönen Künsten. Ist es an dem, Herr Gelsenrath?«
»In der Tat verkehre ich mit einigen jungen Malern und besuche regelmäßig die Galerien der Stadt.«
Möbius wiegte den Kopf, als suche er nach den rechten Worten. Für einen Augenblick blieb die Zeit stehen. Gelsenrath traute sich kaum noch zu atmen.
»Es ist Folgendes, Herr Gelsenrath.« Möbius sprach die Worte so langsam aus, dass seine Stimme noch tiefer klang. »Die Familie Kronenbaum lädt am Abend in den Salon. Der Herr des Hauses trat an mich mit dem Ansinnen heran, ihm neue Gäste zu empfehlen.«
Gelsenrath merkte, wie er auf einmal gerade stand. Fast kam es ihm so vor, als wüchse er und blicke von weit oben über den Zeichentisch.
»Also, was sagen Sie? Nehmen Sie sich heute Abend die Zeit?«
»Selbstverständlich, nichts lieber als das!«
»Sehr gut.« Möbius nahm den Kneifer von der Nase und drehte sich zum Flur.
Gelsenrath dachte an Rosalinde. Sicher wäre sie beeindruckt von einem Salonabend in der Kronenbaum-Villa. Möbius stapfte derweil bereits aus dem Raum. Es galt, allen Mut zusammenzunehmen. Schnell!
»Herr Möbius …«, sagte Gelsenrath, etwas zu leise, wie er selbst fand. Hoffentlich hörte Möbius gut.
»Ja, bitte?« Der Architekt blieb tatsächlich stehen und blickte fragend vom Flur herein.
»Darf ich in Begleitung kommen?«
»Aber sicher.« Unter dem Schnurrbart huschte ein spöttisches Lächeln über Möbius’ Gesicht. »Dann können wir immerhin ausschließen, dass Sie mit dem Fahrrad anreisen.«
Edgar Wank schritt die Stufen zum Polizeiamt in der Wächterstraße hinauf. Sein Kopf schmerzte, die Glieder fühlten sich an, als steckten vertrocknete Äste und nicht etwa Knochen in ihnen. Er hätte sich den Krug Bier zu Hause sparen sollen – nach dem Reinfall am Abend.
Vor dem Künstlereingang am Alten Theater hatte er sich mit seinem Blumenstrauß in einer langen Schlange von Verehrern wiedergefunden. Eleonore Rada gewährte jedem der Männer fünf Minuten. Wank hatte die Blumen nach einer guten Stunde Warten in die Ecke gepfeffert und war in die Wirtschaft geeilt, um noch einen Humpen Bier zu bekommen.
Vom Trost des Alkohols spürte er nichts mehr, den Kopfschmerz dafür umso mehr. Wank trat in das Gebäude.
In den Fluren des Polizeiamtes herrschte zur morgendlichen Stunde eisige Stille, nur seine Schritte hallten durch den Gang. Der Diensthabende erkannte ihn und winkte ihn durch, ohne ein Dokument sehen zu wollen. Die meisten Beamten kannten Wank. In der Regel wurde er behandelt, als sei er selbst ein Angehöriger der Polizei.
Die Treppe ins Obergeschoss war so breit, dass die Schutzmänner vermutlich ganze Banden von Delinquenten auf einmal hinauf- und hinabbefördern konnten. Die Stufen kamen Wank an diesem Morgen höher vor als sonst.
Im ersten Stock schnaufte er. Zum Glück waren es nur ein paar Schritte bis zum Dienstzimmer von Hauptwachtmeister Machuntze. Wank klopfte an die schwere Holztür und trat, nachdem er ein Gebrummel von drinnen vernommen hatte, ein.
»Herr Wank, das is mir ja eene Freude!«, rief Machuntze im Dialekt des Leipziger Umlands.
»Ganz meinerseits, Herr Hauptwachtmeister.«
»Nu kommen Se rein. Setzen Se sich!« Machuntze sprang von seinem Stuhl auf. Der Hauptwachtmeister reichte Wank allenfalls bis zur Schulter. Der Polizist ließ sich seine Uniformen bestimmt vom Änderungsschneider bearbeiten, denn Wank fiel auf, dass der Beamte sehr kurze Beine hatte. Der Hauptwachtmeister wies auf einen Schemel vor dem Schreibtisch. Wank nahm Platz. Im Sitzen sah die Welt schon viel besser aus. Wenn er gänzlich stillhielt, spürte er nicht einmal mehr Schmerzen im Kopf.
»’s is gut, dass Se heute doch vorbeigekommen sind, Herr Wank!« Der Polizist nahm auf seinem Dienstsessel Platz und hob ein Blatt Papier in die Höhe. »Ich habe noch was für Se. Das is ’ne Geschichte, sag ich Ihnen!«
»Doch nicht etwa ein Mordfall?« Wank hob den Kopf und spürte sofort einen Stich hinter der Stirn. Also verharrte er einen Augenblick und ließ den Kopf dann langsam wieder sinken.
»Na, das nu nich gleich«, antwortete Machuntze ohne den Blick von seinem Papier zu lassen. »Aber wir ham einen ordentlichen Strolch erwischt. Einbruch in Taucha, am Brühl, in der Katharinenstraße und bestimmt noch e paar mehr. Wir ham Kleidung im Wert von vielen Tausend Mark und nochemal so viel Bargeld bei dem Kerl gefunden.«
Wank zog Notizbuch und Stift aus dem Jackett, langsam und ohne überflüssige Bewegungen zu machen. Er überprüfte die Spitze des Crayons – der Bleistift war für die Konversation präpariert.
»Geht es Ihnen gut?«, fragte Machuntze, dabei schaute er ihn über das Blatt hinweg an wie bei einem Verhör.
»Ja, ja. Es ist noch zeitig, und die Woche schon lang«, erwiderte Wank.
Der Polizist schaute wieder auf sein Blatt und sprach, als diktiere er. »Der Täter ist ’n 26-jähriger Bäckergeselle. Wir haben ihn in Braunsbedra bei Eckartsberga verhaftet.«
Wank notierte die Fakten. »Das ist eine schöne Geschichte. Da wird mein Herr Direktor sich freuen – zumal wir einen Erfolg der Beamten vermelden können.«
Machuntze legte das Blatt auf den Schreibtisch und zögerte einen Moment. Dann sagte er: »Ich werde am Nachmittag versuchen, dem Herrn Polizeidirektor die Leipziger Zeitung zukommen zu lassen. Bei der Gelegenheit würde ich ihn über unsere hervorragende Zusammenarbeit in Kenntnis setzen. Das wäre doch auch in Ihrem Sinne, Herr Wank?« Das Fragezeichen schwebte durch den Raum, vielleicht auch deshalb, weil Machuntze die letzten Worte so leise gesprochen hatte, als verabrede er eine Verschwörung.
»Selbstverständlich, Herr Hauptwachtmeister! Ganz in meinem Sinne. Ich werde versuchen, noch einmal bei meiner Leitung vorstellig zu werden.« Wank überlegte kurz, ob er das Treffen der beiden Direktoren erwähnen sollte. Er entschied sich dagegen, denn der Polizist wusste offenbar Bescheid. Ihre Übereinkunft bedurfte keiner weiteren Worte.
Auch für Machuntze schien das Thema erledigt zu sein, denn der Hauptwachtmeister widmete sich wieder seinen Papieren.
»Was gibt es noch?«, fragte Wank.
Der Polizist blätterte und zählte auf. »’ne Kindesaussetzung, ’n schweren Unfall in der Augenheilanstalt an der Liebigstraße … Nichts besonders Aufregendes.« Machuntze nahm die nächsten Blätter vom Stapel und murmelte: »Die Beamten melden sogar ’nen Diebstahl von Fahrradwerkzeug am Sportplatz draußen in Lindenau. Ein Fünfzehnjähriger wurde uff frischer Tat ertappt.«
»Am Sportplatz?«, fragte Wank. Ihm fiel Kutschers Geschichte vom toten Fußballer wieder ein.
»Ja, warum?«, fragte Machuntze.
Wank berichtete in kurzen Sätzen vom plötzlichen Tod des VfB-Mannschaftsführers.
Machuntze legte seine Unterlagen beiseite und öffnete seinerseits ein Notizbuch. »Wie, sagten Se, hieß der Mann – Schöpf?«
»Thoralf Schöpf«, bestätigte Wank.
»Das klingt tatsächlich e weng seltsam. Ich werde bei den zuständigen Beamten Erkundigungen einholn.«
Thomas Kutscher eilte die Katharinenstraße entlang. Wie konnte die Zeit nur so schnell verfliegen? Er hatte extra zusätzliche Zeit für die Morgentoilette eingeplant, die Uhr mit der Kette am Spiegel befestigt und höchste Eile an den Tag gelegt. Allerdings schmerzten seine Beine bei jeder Bewegung. Noch am Abend hatte er lediglich ein leichtes Ziehen in den Oberschenkeln verspürt. Beim Aufstehen und am Waschbecken wurde der Muskelkater beinahe unerträglich. Deshalb brauchte er auch für den Weg zur Katharinenstraße erheblich mehr Zeit, und nun zeigte der unerbittliche große Zeiger, dass er fast eine Viertelstunde zu spät war – für zehn war er verabredet gewesen.
Mit Schwung öffnete er die Tür zum Kaffeehaus und schaute sich im Gastraum um. Beinahe alle Plätze waren besetzt – ältere Damen, Gigolos mit ihren Eroberungen und natürlich Darsteller, Bühnenbauer, Maskenbildner und so weiter vom Alten Theater. Allein Walter Zeitlitz weilte nicht unter den Gästen. Kutscher überlegte, ob der Dramaturg wegen seiner Verspätung bereits wieder gegangen war.
»Warten Sie schon lange? Ich wurde im Theater aufgehalten.«
Kutscher drehte sich herum. Zeitlitz stand in der Tür. In der Hand hielt er eine goldene Taschenuhr. Er steckte den Chronometer zurück in seine Tasche, die Weste schlotterte an dem hageren Mann.
»Das macht mir keinerlei Umstände.« Kutscher suchte nach Worten, die seine eigene Verspätung nicht verrieten. »Ich war noch dabei, mir einen günstigen Platz zu suchen.«
»Lassen Sie uns nach hinten ins Separee gehen! Da haben wir unsere Ruhe.« Zeitlitz schritt durch den Gastraum und hatte einen regelrechten Hindernisparcours zu bewältigen. Ein Händeschütteln hier, ein flüchtiger Gruß dort. Eine Schauspielerin umarmte ihn gar überschwänglich.
Kutscher trottete hinter dem Dramaturgen her und versuchte dabei das Humpeln zu verbergen. Auch er kannte viele der Gäste und grüßte in die Runde. Zum Glück wurde ihm nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit zuteil wie dem Dramaturgen.
Auch der Ober nahm Zeitlitz wahr und eilte herbei, kaum dass der Dramaturg das Separee erreichte. Der Mann wartete neben dem Tisch, bis sie Platz genommen hatten, und notierte die Bestellung von zwei Tassen Kaffee.
Zeitlitz strich sich über den Vollbart, so als sei der Tag bereits jetzt ein besonders guter. Sein Rauschebart reichte bis zur Anzugweste, das Gestrüpp blieb die einzige Extravaganz, die der Dramaturg sich leistete. Der dunkelgraue Anzug hingegen folgte der allerneuesten Mode und fiel leicht, aber faltenfrei wie frisch vom Bügelbrett.
»Ich habe Ihre Skizze gelesen.« Zeitlitz hob seine Hand und kratzte über die grauen Schläfen. »Ich weiß nicht, ich weiß nicht … Künstlerstücke sind gerade in Mode – aber braucht es noch eines?«
Kutscher schwieg. Er hatte den ersten Akt des Stückes eigens verfasst, weil eine Komödie über das Leben der Boheme angefragt worden war – von Zeitlitz selbst.
»Das Bild des armen Künstlers wurde für meinen Geschmack etwas zu oft gezeichnet. Da fehlt mir das Außergewöhnliche.«
Der Ober trat an den Tisch und stellte die beiden Tassen ab. Der Kaffee duftete frisch.
»Ich gestehe gern, dass Ihre Dialoge Witz und Esprit haben, aber …« Zeitlitz ließ das Gesagte im Raum stehen und nahm einen Schluck Kaffee. »Ach herrlich, was für ein Getränk!«
Kutscher verspürte keine Lust, über Kaffee zu plaudern, also trank er ebenfalls.
»Zurück zu Ihrem Text«, sagte Zeitlitz und stellte die Tasse ab. »Ich würde mir wünschen, dass Sie bei der Wahl des Milieus etwas mehr Fantasie walten ließen.«
Fantasie!, höhnte Kutscher in Gedanken. Bislang hatte Zeitlitz alle seine Arbeiten abgelehnt, weil sie zu extravagant seien. Stets wusste der Dramaturg ganz genau, in welchen Bahnen die Geschichte verlaufen müsste. Kutscher kam es vor, als solle er etwas ganz Neues schreiben, das zugleich den klassischen Mustern und der aktuellen Mode folgte.
»Überlegen Sie doch einmal, ob Sie eine spannende Geschichte über diese jungen Leute mit ihrem Sportfimmel finden!«
Kutscher schossen die Wörter »Fußball«, »Schöpf« und »plötzlicher Tod« durch den Kopf. Er blickte den Dramaturgen an. Dessen Gesicht strahlte. Kutscher zögerte. Zeitlitz schien das zu bemerken und nickte ihm zu.
»In der Tat habe ich jüngst etwas ganz Bemerkenswertes erfahren. Stellen Sie sich vor, ein junger Sportler ist vor wenigen Wochen unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen!«
»Hah!« Zeitlitz klopfte auf den Tisch. »Die besten Geschichten schreibt das Leben. Man muss sie nur aufheben und in die richtige Form bringen.«
Und eine Komödie wie alle anderen daraus machen, ergänzte Kutscher in Gedanken. »Vielleicht kann ich mein Stück tatsächlich umarbeiten. Auch unter den Sportlern sind viele verwegene junge Männer. Zudem tragen sie Wettkämpfe aus. Jede Menge Konflikte …«
Zeitlitz strich sich erneut über den Bart, doch dieses Mal wirkte es nachdenklich, als wolle er mit der Bewegung seine Gedanken in Schwung bringen.
Kutscher fuhr fort: »Vielleicht kämpfen sie gar um Leben und Tod. Das bietet den Stoff für eine Groteske.«
»Ach, junger Mann«, sagte Zeitlitz so langsam, als wäge er jedes Wort vorm Aussprechen, »Sie müssen sich schon entscheiden, ob Sie eine Tragödie oder eine Komödie verfassen wollen! Und seien wir ehrlich, niemand tötet nur wegen eines sportlichen Wettstreits.«
Es gab im Grunde kein Motiv, aufgrund dessen ein zivilisierter Mensch töten würde. »Nichtsdestotrotz ist der besagte Fußballer tot«, sagte Kutscher jedoch.
»Ein Fußballer!« Zeitlitz lachte, als ob er gerade beobachtet hätte, dass jemand im Gastraum auf einer Bananenschale ausgerutscht wäre. »Das ist dann doch ein wenig abseitig. Sie dürfen nicht aus dem Blick verlieren, dass wir für ein erwachsenes Publikum spielen!« Der Dramaturg hob die Kaffeetasse an, trank aber nicht, sondern redete weiter. »Lassen Sie Ihre Figur doch Pferdejockey sein oder meinethalben auch Turner, und dichten Sie ihm eine hübsche Liebesgeschichte an! Dann reicht sicher auch eine nicht unerhebliche Verletzung, damit Sie sich den Kuss zum Abschied nicht verbauen. Das wäre doch ein feines Lustspiel. Haben Sie einfach Fantasie!«
Edgar Wank schlenderte über den Augustusplatz. Die frische Luft tat ihm gut. Seltsamerweise störte ihn heute auch der Trubel nicht. Das Gewimmel der Menschen lenkte ab, verscheuchte gar seinen Kopfschmerz. Außerdem drängten die Massen in die Stadt, vor dem Neuen Theater wurde es ruhiger. Jetzt, da er mehr Platz hatte, verlangsamte Wank seine Schritte und schlenderte am prunkvollen Theatergebäude mit seinen riesigen Säulen im Obergeschoss des Vorbaus vorbei.
An der Bahnhofstraße blieb er unter einem Baum stehen und ließ eine Straßenbahn passieren. Vor einem Lastfuhrwerk eilte er übers Pflaster. Der Kutscher brüllte einen Fluch vom Bock herunter – Wank verstand kein Wort, sprang aber beiseite. Vermutlich ging es dem Kerl auf dem Fuhrwerk auch gar nicht um bestimmte Inhalte – wenn er nur bellte wie ein tollwütiger Hund, bekam er die Straße frei. Auch aus der Gegenrichtung raste eine Droschke heran. Doch Wank erreichte die andere Straßenseite, bevor der nächste Schreihals zu Wort kam.
An der Ecke zur Poststraße verfiel Wank wieder ins Schlendern. Bis zum Redaktionsgebäude mit der Hausnummer 5 blieben nur ein paar Schritte, ein paar Augenblicke Zeit zum Verschnaufen, bevor er die Schreibstube erreichte.
Selbstverständlich würde er Machuntzes Wunsch erfüllen und die Erfolge der Polizei vermelden. Eine Bitte um Mithilfe hatte der Hauptwachtmeister ihm auch noch auf den Weg mitgegeben. Die Polizisten suchten nach einem Knaben, der fälschlicherweise eine Posaune bei einem Musikalienhändler abgeholt hatte. Das war kein Thema, das es unter normalen Umständen in Wanks Rubrik geschafft hätte, aber am heutigen Tage galt es für eitel Sonnenschein zwischen dem Amtsblatt Seiner Majestät und den Behörden zu sorgen. Im Kopf hatte Wank seinen Text bereits vollendet.
Er erreichte das Redaktionsgebäude. An der Haustür kam ihm Schliemeyer entgegen. Der Sportreporter hob die Hand zum Gruß, dabei stapfte er den Absatz herab wie ein alter Ackergaul. Vermutlich hatte er zu lange die Ergebnisse von Pferderennen niedergeschrieben.
Wank grüßte und ging an Schliemeyer vorbei ins Haus. Als er den Türgriff in der Hand hielt, kam ihm der tote Fußballer wieder in den Sinn. Abrupt drehte er sich um und rief: »Herr Schliemeyer, warten Sie doch bitte einen Moment!«
Der Reporter blieb stehen, zog beim Umdrehen seinen Überzieher bis unters Kinn und guckte müde unter seinem Hut hervor.
Seit wann war der Mann schon auf den Beinen?, fragte sich Wank. »Ich brauche nur einen Augenblick für ein paar Fragen«, bat er.
Schliemeyer zuckte mit den Schultern.
»Haben Sie Informationen über die Fußballmannschaft vom Verein für Bewegungsspiele?«, fragte Wank, während er zum Sportreporter trat.
»Ja, natürlich. Die Herren vom VfB haben in der vorigen Woche das Halbfinale zur Deutschen Meisterschaft gewonnen. Mit 6 : 3 gegen Altona. Irgendwas an dem sportlichen Wettkampf war seltsam. Mir will nicht einfallen, was …«
Wank spürte, wie er aufgeregt wurde. »Der plötzlich verstorbene Spielführer?«
»Thoralf Schöpf, ich erinnere mich. Das war allerdings schon vor vielen Wochen. Nein, es war noch etwas anderes. Aber was?« Schliemeyer rückte seinen Hut zurecht.
»Sie kannten Schöpf?«, fragte Wank.
»Ja, selbstverständlich. Sein Name ist unter allen Sportlern in Leipzig ein Begriff gewesen. Schöpf war auch ein ausgezeichneter Läufer und hat mal ein Rennen gewonnen. Ich müsste in meinen Unterlagen schauen … Eine tragische Sache ist da geschehen.«
»Wissen Sie, woran er gestorben ist?«
»Hm. Das Herz? Überanstrengung? Ich weiß es nicht.«
»Ein junger Sportler, ein ausgezeichneter Läufer – und der soll an Überanstrengung gestorben sein?«
Schliemeyer wiegte den Kopf. Nach einem Moment sagte er: »So selten kommt das nicht vor. Ich habe schon Jockeys zusammenbrechen sehen. Diese Sportler sind oft besessen vom Ehrgeiz. Auch wenn sie kränkeln, lassen sie nicht von ihren Übungen ab und bestreiten sogar Wettkämpfe. Das kann schnell auf Kosten der Gesundheit gehen.«
Ganz überzeugte Wank das nicht. Doch Schliemeyer schien nicht zu weiteren Diskussionen über den verblichenen Sportler aufgelegt zu sein. Daher wechselte er das Thema. »Da war aber noch etwas anderes, das Ihnen bei dem Spiel bemerkenswert erschien …«
»Ja. Da war etwas mit der Ansetzung der Halbfinals seltsam, aber mir will nicht einfallen, was. Vielleicht betraf es auch gar nicht dieses Spiel, sondern das zweite Halbfinale zwischen Karlsruhe und Prag …«
Das führte zu nichts. Schliemeyers Augen wurden zu schmalen Schlitzen. Wenn der Reporter noch zwei Minuten länger nachdachte, würde er vermutlich im Stehen einschlafen. »Falls es Ihnen in der nächsten Zeit einfällt, wäre es ganz wunderbar, wenn Sie mir das mitteilen könnten«, sagte Wank.
»Das mache ich gern.« Der Sportreporter gähnte und wandte sich zum Gehen.
»Ach, eines noch!«, rief Wank eilig. »Lohnt es sich, im Archiv nach Artikeln über den VfB zu suchen?«
»Nein, das hätte keinen Zweck.« Schliemeyer winkte ab. »Wann immer ich Direktor Richter den Vorschlag unterbreitete, einen Beitrag über Fußball zu schreiben, hat er es abgelehnt.«
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