Kitabı oku: «Tragödie im Courierzug»
Uwe Schimunek

Von Gontards achter Fall
Criminalroman
Jaron Verlag
Uwe Schimunek, Leipziger Journalist und Autor, schreibt Kurzgeschichten und Kriminalromane. Er liest regelmäßig bei den jährlich stattfindenden Ostdeutschen Krimitagen. Für die Reihe »Es geschah in Preußen« verfasste er die Bände »Attentat Unter den Linden« (2012, zusammen mit Jan Eik) und »Die Leiche im Landwehrkanal« (2013). Im Jaron Verlag veröffentlichte er außerdem mit Arno Specht das Buch »Geisterstätten Leipzig« (2014).
Originalausgabe
1. Auflage 2014
© 2014 Jaron Verlag GmbH, Berlin
Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt.
Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer+Möring, Berlin
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014
ISBN 978-3-95552-037-3
In Gedenken an Thomas Kulich
1968 – 2014
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Eins
13. Januar, ½ 11 Uhr morgens
Zwei
13. Januar, 12 Uhr mittags
Drei
13. Januar, ½ 3 Uhr nachmittags
Vier
13. Januar, 4 Uhr nachmittags
Fünf
13. Januar, 5 Uhr nachmittags
Sechs
13. Januar, 6 Uhr abends
Sieben
13. Januar, ¾ 10 Uhr abends
Acht
13. Januar, ¾ 11 Uhr abends
Neun
13. Januar, 12 Uhr nachts
Zehn
14. Januar, 1 Uhr nachts
Elf
14. Januar, ½ 2 Uhr nachts
Zwölf
14. Januar, ½ 4 Uhr nachts
Dreizehn
14. Januar, 4.10 Uhr nachts
Vierzehn
14. Januar, ½ 5 Uhr nachts
Fünfzehn
14. Januar, ¾ 5 Uhr nachts
Sechzehn
14. Januar, ¼ 6 Uhr morgens
Siebzehn
14. Januar, 6 Uhr morgens
Achtzehn
14. Januar, ½ 7 Uhr morgens
Neunzehn
14. Januar, 7 Uhr morgens
Zwanzig
14. Januar, ½ 9 Uhr morgens
Einundzwanzig
14. Januar, 9 Uhr morgens
Zweiundzwanzig
14. Januar, ½ 11 Uhr morgens
Dreiundzwanzig
17. Januar, 4 Uhr nachmittags
Es geschah in Preußen …
Eins
13. Januar, ½ 11 Uhr morgens
Ferdinand von Gontard duckte sich, wich dem Hieb aus und täuschte einen Stich an. Der Gegner antwortete mit einer Parade. Daraufhin zog Ferdinand den Degen blitzschnell zurück. Die Finte wirkte. Der Kontrahent stolperte zur Seite. Einen Augenblick wartete Ferdinand, dann drehte er seine Waffe und hieb mit der flachen Klinge nach dem Gegner. Das Metall klang sekundenlang nach, als es auf die Waffe des anderen traf. Der hatte den Hieb tatsächlich pariert. Ferdinand startete die Kombination, an der er die letzten Tage geübt hatte. Er machte einen Schritt rückwärts. Prompt lief der Kontrahent in die Falle und stieß seinen Degen nach vorn. Ferdinand reagierte mit einem Sprung zur Seite. Nun war seine Position optimal. Er drehte die Waffe erneut und schlug mit der flachen Klinge gegen den Helm des Gegners. Die Haube flog im hohen Bogen in den Schnee.
»Autsch!«
»Sie könnten tot sein, Quappe.« Ferdinand lachte.
Quappe rieb sich die Stirn. Er sah aus, als wolle er noch etwas sagen, doch er schüttelte nur den Kopf und hob wortlos den Helm auf.
»Los, wir fechten noch eine Runde!« Ferdinand begab sich in die Ausgangsstellung.
»Och nee! Muss det sein?«, quengelte Quappe.
»Ich möchte den Sprung mit dem anschließenden Ausfallschritt noch einmal üben, diese Balestra.«
»Da krieg ick doch nur wieda det Ding anne Omme.« Quappe zeigte mit seinem Degen auf Ferdinands Waffe.
»Los jetzt!«
»Könn’ wa nich wenigstens erst ma een paar Meter Richtung Heimat laufen?«
Ferdinand seufzte. »Meinetwegen. Aber nur so weit, dass uns von der Neustadt aus keiner sehen kann.« Das fehlte ihm gerade noch, dass einer der Vorgesetzten aus der Breslauer Garnison ihn hier bei seinen heimlichen Fechtübungen mit dem Stallburschen beobachtete.
»Det is doch klar, Herr Ferdinand.« Schon trabte Quappe los.
Ferdinand lief hinterher. An diesem Freitagmorgen war er froh, dass der Vater dem Burschen nach einigem Betteln den Posten im Stall der Breslauer Garnison verschafft hatte. Selbst das Stapfen im tiefen Schnee fiel mit einem Bekannten aus der Heimat leichter. Bei jedem Schritt versanken die Stiefel bis zum Knöchel. Durch den Wind, der Ferdinand ins Gesicht blies, fühlte sich die Luft an, als wolle sie sich in die Haut fressen. Dabei konnte es so kalt gar nicht sein. Die Oder floss zäh vor sich hin. Kurz bevor Ferdinand zu Weihnachten nach Berlin gereist war, hatte noch eine dicke Eisschicht den Fluss bedeckt. Nun weilte Ferdinand schon wieder über eine Woche in Breslau, fern der Familie. Mit jedem Abschied wurde die Reise in die Garnisonsstadt, in der er seit ein paar Monaten seine erste Dienststelle als Offizier Seiner Majestät hatte, mehr zur Gewohnheit. Seit der Schnellzug zwischen Berlin und Breslau fuhr, schien auch die Entfernung geschrumpft.
Sie erreichten die Flussbiegung. Hier war der Blick auf die Oderbrücke durch einen Hügel mit Sträuchern verdeckt. In der verschneiten Winterwelt wirkte das Gestrüpp wie eine bizarre Festungsanlage für Gnome.
»Hier üben wir weiter!«, befahl Ferdinand.
»Aba …«
»Jetzt!« Ferdinand hob den Degen.
Quappe verdrehte die Augen und tat es ihm gleich. Die Klingen kreuzten sich.
Ferdinand ließ es ruhig angehen. Mit einfachen Stößen hielt er Quappe in Schach, so dass der Bursche seinerseits zu keinem Angriff ansetzen konnte. Schritt für Schritt trieb Ferdinand Quappe den Hügel hinauf in Richtung des Gestrüpps. Dort waren ihre Übungen gut vor etwaigen Passanten verborgen.
Ein paar Meter vor den Sträuchern verstärkte Ferdinand seine Vorstöße. Dennoch gelang es Quappe, sie zu parieren und Ferdinands Klinge geradezu mustergültig zu binden. Der Stallbursche schien mindestens genauso von den Zusatzübungen zu profitieren wie er selbst, stellte Ferdinand fest. Das brachte einerseits Vorteile mit sich, denn so lohnte sich das Üben, und die Fortschritte stellten sich schneller ein. Andererseits zweifelte Ferdinand zunehmend an seinem Talent für die Fechterei, wenn schon ein Bursche, der im Stall der Breslauer Garnison zum wiederholten Male Anlauf für eine militärische Laufbahn nahm, zu einem ernsthaften Gegner heranreifen konnte.
Ferdinand wehrte einen Angriff Quappes gerade so ab. Er durfte nicht träumen. Nach einem Ausfallschritt startete er eine Serie von Stößen. Quappe wich zurück. Lange würde Ferdinand diese Intensität im Kampf nicht durchhalten, aber der Knecht stand bereits beinahe mit dem Rücken zum Gestrüpp.
Quappe schien den Hieben kaum noch etwas entgegensetzen zu können. Wie schnell sich das Blatt doch drehte! »Junger Herr, haltet ein!«, quetschte Quappe heraus.
Ferdinand setzte zu dem Sprung an, den er unbedingt noch üben wollte. Doch zu spät, Quappe stolperte rücklings in die Sträucher. Als er zu Boden ging, jaulte der Knecht wie ein Hund, dem man auf den Schwanz getreten hatte. Sein Gestrampel bot ein bizarres Bild. Plötzlich verstummte er und hielt in der Bewegung inne.
Schwungvoll stieß Ferdinand seinen Degen in den Schnee und eilte zu Quappe.
Der Knecht lag im Geäst und rührte sich nicht. Seine linke Hand umklammerte etwas. Es sah aus, als versuche Quappe, sich an einem Stück Erdreich festzukrallen. Nein, eher erinnerte die braune Masse in seiner Hand an ein Pfund Sülze. Oder an Grützwurst – mit einem Stück Knochen darin.
»Wat is denn det?«, schrie Quappe ein wenig angewidert. Er rollte zur Seite, von der Sauerei weg, und wischte beim Aufstehen mit der Hand einzelne Klumpen von seiner Uniform.
Ferdinand schaute in das Gestrüpp. Dort, wo Quappe durch seinen Fall den Schnee beiseitegedrückt hatte, war noch mehr von der brauen Masse zu sehen. Es musste sich um Kot von einem Pferd handeln. Doch welcher Gaul kackte Knochen? Ein solcher lag zweifelsohne inmitten des Haufens. Wie sollte ein Pferd außerdem so weit vom Weg abkommen und in diesem Gestrüpp landen?
»Ick will hier weg!«, jammerte Quappe.
Ferdinand schüttelte den Kopf, nahm seinen Degen und stocherte vorsichtig in dem Brei herum. Unter dem Schnee lag gefrorenes Herbstlaub. Es pappte so fest zusammen, dass Ferdinand fast den Eindruck hatte, eine Holzplatte wegschieben zu müssen. »Helfen Sie mir doch mal, Quappe!«
»Machen Se det nich, junger Herr!«
»Haben Sie sich nicht so mädchenhaft, Quappe!«
Der Bursche brabbelte etwas Unverständliches, nahm aber seine Waffe und half, das Laub beiseitezuschieben. Darunter kamen noch mehr Brei, Knochen und Klumpen zum Vorschein.
»Weiter! Aber vorsichtig!«, befahl Ferdinand.
Quappe stöhnte. Stück für Stück entfernten sie Schnee, Eis und Laub. Zeichneten sich dort Fetzen von Kleidungsstücken an einem verwesten Leib ab?
»Reicht det nich?«
»Da oben muss der Kopf sein. Ich glaube, in dem Gebüsch liegt ein toter Mensch.« Ferdinand stocherte an einem kleinen Erdhügel herum. Das Gemisch aus Schnee, Eis und Laub war an dieser Stelle besonders hartnäckig und zu ungünstig der Winkel, aus dem Ferdinand es zu entfernen versuchte.
Ferdinand stapfte um die Sträucher herum, bis er eine Lücke im Geäst fand. Dann trat er eine Schneise ins Gesträuch. Die Äste splitterten zur Seite. Dennoch kam er dem Ziel nur langsam näher. Zudem ließ er Vorsicht walten. Wenn hier tatsächlich eine Leiche lag, wollte er keine Spuren verwischen. Also kämpfte er sich mit Geduld vorwärts. Die restlichen Teile des Gehölzes entfernte er mit der Klinge. Er beugte sich nach vorn, und es gelang ihm, die Schneedecke von hier aus mit dem Degen zu entfernen.
Unter dem Weiß bot sich ihm ein grauenhafter Anblick. Da lag ein Schädel. Die Augenhöhlen waren leer, und doch schienen die schwarzen Löcher zum Himmel zu starren. An den Seiten des Kopfes erinnerten die Haarsträhnen an modriges Stroh. Die Wangen waren eingefallen, der Mund war fratzenhaft verzerrt und schien sich nicht entscheiden zu können, ob er grinsen oder die Zähne fletschen wollte. Ferdinand schluckte und sagte: »Kommen Sie, Quappe. Das müssen wir melden!«
Oberst-Lieutenant Christian Philipp von Gontard betrat den Hörsaal in der Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule. Die dicken Wolken über Berlin verdunkelten den Raum und ließen die jungen Offiziere an den Studierbänken grau und damit um einiges älter erscheinen. Gontard wollte lieber nicht wissen, wie er selbst aussah. Der Winter raubte ihm die Lebensfreude, von Jahr zu Jahr mehr. Und bis zum Frühling blieben wenigstens noch zwei Monate.
Die Offiziere standen stramm. Gontard gab den Befehl zum Setzen, und die Männer fielen in sich zusammen, als hätte jemand die Luft aus ihnen herausgelassen. Einer in der letzten Reihe, ein dicklicher Kerl von altem Adel aus dem pommerschen Hause derer von Ahlewitz, gähnte sogleich. Das konnte ja eine heitere Vorlesung werden!
Gontard schlug sein Skript auf. In letzter Zeit hielt er sich bei den Vorlesungen immer mehr an seine Blätter, besonders an Tagen wie diesen. Er strich über das oberste Blatt und begann seinen Vortrag. »Wie Sie wissen, soll es heute um den Einsatz neuartiger Waffen in Sinope am Schwarzen Meer gehen. Mit den Bombenkanonen, die der französische General Paixhans konstruiert hat, haben die Russen im November des vergangenen Jahres die Seeschlacht gegen die Osmanen für sich entschieden.« Gontard referierte über die eingesetzten Geschosse, die ein Kaliber von knapp einer Elle aufwiesen. Ihre glattläufigen Rohre hatten sogar eine Länge von bis zu zehn Fuß. Ahlewitz gähnte erneut. »Können Sie die Verwendung der Waffen bei Sinope näher erläutern, Herr Lieutenant?«
Ahlewitz schreckte hoch, als habe ihn jemand in den Rücken gepikt. Das hätte Gontard dem vierschrötigen Kerl gar nicht zugetraut. Das Gestammel, das der junge Offizier von sich gab, stand allerdings in erheblichem Widerspruch zu seiner aufrechten Körperhaltung. »Kann jemand helfen?«, erlöste Gontard den armen Kerl.
Lieutenant Colder aus der ersten Reihe sprang auf und ergriff das Wort. Augenscheinlich hatte er nur darauf gewartet, sein Wissen zum Besten zu geben. »Die französischen Sprenggranaten der Russen haben die osmanischen Schiffe reihenweise in Brand gesetzt. Mehrere explodierten, andere wurden auf die Felsen getrieben.« Colders Worte klangen ihrerseits, als seien sie mit Kanonen abgeschossen. Die Rede hatte der junge Mann sicher auswendig gelernt. »Innerhalb von nur zwei Stunden waren sämtliche Schwadronen der Osmanen vernichtend geschlagen. Lediglich ein einziges Schiff konnte sich der Vernichtung entziehen und rettete sich gen Konstantinopel.«
»Sehr gut, Lieutenant Colder.« Gontard sprach betont langsam. Besonders Junkerssprösslingen von den großen Landgütern im Osten des Preußenreiches fiel es häufig schwer, allzu flotten Vorträgen zu folgen. Ahlewitz glotzte prompt wie ein Ochse.
»Das Gefecht bei Sinope war die erste Seeschlacht, bei der Sprenggranaten in so großem Umfang eingesetzt wurden«, fuhr Colder unbeirrt fort. »Durch den Erfolg der Russen lässt sich prognostizieren, dass künftige Kämpfe zur See regelmäßig mit diesen Waffen ausgefochten werden.«
Besser hätte Gontard es auch nicht sagen können. Colder schaute ihn an wie ein Rappe, der nach einem gelungenen Sprung auf ein Stück Zucker wartete. Gontard war lange genug sowohl Reiter als auch Lehrer, um zu wissen, dass eine kleine Gratifikation fällig war. So sagte er: »Ich danke Ihnen für Ihre vorzüglichen Ausführungen, Herr Lieutenant Colder. Daran können Ihre Kommilitonen sich ein Beispiel nehmen. Mit Ihrem Fleiß werden Sie es in der Armee Seiner Majestät weit bringen.« Das war eine Übertreibung an der Grenze zur Lüge, das wusste Gontard. Für eine große Karriere beim Militär fehlte Colder der Adelstitel. Der Junge müsste sich das »von« vor dem Nachnamen schon durch eine Heirat beschaffen. Aber selbst das würde nur helfen, wenn die Erwählte aus einer Familie mit besten Kontakten zum Militär stammte. Eher würde dieser träge Fettsack von Ahlewitz höhere Positionen einnehmen.
Gontard lobte den Fleiß bürgerlicher Studenten eigentlich nur, um Dummköpfe wie den hier in der letzten Reihe zu reizen. Tatsächlich schnappte Ahlewitz nach Luft wie ein Fisch. Gontard verkniff sich ein Grinsen. Er kehrte zum Thema seiner Vorlesung zurück und referierte über die Bedeutung der Telegraphie für den noch jungen Krimkrieg. Vor nicht einmal einem Vierteljahr hatten die Osmanen den Russen den Krieg erklärt, in Sinope war es zur besagten Seeschlacht gekommen. Derzeit zogen die Diplomaten der europäischen Mächte im Hintergrund ihre Fäden, dazu brauchte es vor allem genaue Informationen.
Colder meldete sich, kaum dass Gontard eine längere Atempause eingelegt hatte, und fragte: »Werden wir in diesen Krieg eingreifen, Herr Oberst-Lieutenant?«
Da stellte der junge Mann vielleicht eine Frage! Gontard kramte in seinen Papieren auf dem Pult, in denen selbstverständlich keine Antwort stand. Aber es verschaffte ihm Zeit. »Ich denke, auch unsere Diplomaten werden die Verhandlungen genau verfolgen und alle Seiten unter strikter Beobachtung halten.« Gontard sah auf. Ein paar Studenten folgten seinen Ausführungen, die meisten aber räkelten sich in ihren Bänken. Ausgerechnet Ahlewitz blies seine Backen auf wie ein Frosch. Bald hatte der Kerl das ostpreußische Tierreich durch. Laut fragte Gontard: »Sie möchten etwas zum Thema beitragen, Lieutenant von Ahlewitz?«
Erneut schoss der Dicke in der letzten Reihe hoch. »Mein Vater sagt, dass es sich für eine Großmacht wie unser glorreiches Königreich nicht geziemt zu kuschen.«
Gontard wusste von den konservativen Kräften im Militär, die Preußen gern an Russlands Seite im Krieg gesehen hätten. Vorerst sah es aber nicht danach aus, als könnten diese Männer beim König viel ausrichten. »Seine Majestät hat die Neutralität unseres Landes allseits zugesichert. Bitte erarbeiten Sie bis zur nächsten Woche einen Vortrag, in dem Sie denkbare Ereignisse darlegen, die Seine Majestät von diesem Standpunkt abbringen könnten! Sie haben zu Beginn der nächsten Stunde zehn Minuten Zeit für Ihre Darlegungen, Lieutenant von Ahlewitz.«
Ach, die alte Tante Voss … Gontard saß in seinem Bureau und legte die Königlich privilegierte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen, wie die Vossische ganz offiziell hieß, auf den Schreibtisch und blätterte weiter. Den riesigen Artikel über den neuen preußisch-dänischen Postvertrag hatte er nur überflogen. Bestimmt gab es Geschäftsleute, die sich sehr dafür interessierten, dass ein Brief zwischen Berlin und Kopenhagen fünf Groschen kostete. Gontard kannte niemanden in der dänischen Hauptstadt. Seine Groschen brachte er auch fürderhin lieber in die Schankwirtschaft.
Auch die nächsten Spalten las er nur flüchtig. Die Kohlenausbeute der preußischen Bergwerke nimmt sowohl in Schlesien als am Rhein mit jedem Tage zu. Nach den Meldungen der letzten Tage über dramatisch steigende Getreidepreise schien sich zumindest hier etwas in die richtige Richtung zu entwickeln. Inmitten der Nachrichten entdeckte er die Armenstatistik des Königreichs. Gontard wollte schon weiterblättern, blieb dann aber bei der Zahl von 567 659 Almosenempfängern hängen. Über eine halbe Million, das war halb Berlin – oder mehrmals Breslau. Die Summe aller in diesem Jahre zur Unterstützung der Armen verausgabten Gelder belief sich auf 5 481 317 Thlr. 8 Sgr. 9 Pf. Das waren unvorstellbare Mengen Geld. Wie zu erwarten, fand man die Armen vor allem in den großen Städten vor. Gontard dachte an die vielen mittellosen Schlucker, die in den neuen Stadtteilen Berlins zusammengepfercht hausten. Die Welt drehte sich immer schneller. Telegraphenleitungen und Eisenbahnschienen zogen sich kreuz und quer durch das Land. Postsendungen sausten nach Kopenhagen und in andere große Städte im gesamten Europa. Viele Vorgänge wurden inzwischen von Maschinen erledigt, neuerdings sogar der Krieg. Zugleich hatten über eine halbe Millionen Preußen buchstäblich nicht genug Geld fürs Fressen. Kam es Gontard nur so vor, oder spielte die Welt mit jedem Tag mehr verrückt?
Es klopfte an der Tür. Nach Konversation mit Studenten stand Gontard jetzt nicht der Sinn – nicht mit einem Schlaumeier wie diesem Colder und erst recht nicht mit Strohköpfen wie von Ahlewitz. Sollte er so tun, als sei er nicht da?
Der Störenfried klopfte erneut, diesmal noch eine Spur lauter. Wollte da jemand das Holz zertrümmern?
»Ja, ja.« Gontard schob die Vossische beiseite. »Nun kommen Sie schon herein!«
Die Tür sprang auf, und ein Sergeant stand im Rahmen. »Entschuldigen Sie die Störung, Herr Oberst-Lieutenant!«
»Es ist gut, Herr Sergeant. Treten Sie ein! Was ist Ihr Begehr?«
Der Sergeant kam zum Tisch. Sein Gang war wankend, als habe er zum Frühstück mehrere Humpen Bier getrunken. Er blieb vor dem Schreibtisch stehen und reichte Gontard ein zusammengefaltetes Papier herüber. Gontard fiel erst jetzt auf, dass der Sergeant winzig war. Der Mann stand vor dem Tisch und musste beinahe zu ihm aufschauen, dabei saß Gontard bequem hinter dem Secretär. Vielleicht ging der Sergeant wegen seiner kurzen Beine so unsicher.
»Ich danke Ihnen, Sie können wegtreten, Herr Sergeant«, sagte Gontard, als er das Papier in der Hand hielt.
Der Kleine erstarrte, sagte aber kein Wort.
Gontard sah den Mann scharf an. »Ist noch etwas?«
»Verzeihen Sie untertänigst, Herr Oberst-Lieutenant! Herr Generalmajor von Schnöden befahl mir, auf Ihre Bestätigung zu warten.«
Gontard lehnte sich auf dem Stuhl zurück. »Was soll ich denn bestätigen? Etwa, dass ich dieses Papier erhalten habe?«
»Ich bitte erneut um Verzeihung. Das weiß ich nicht.« Der Kleine begann zu zittern wie Espenlaub. »Herr Generalmajor von Schnöden trug mir auf, Ihnen dieses Schreiben zu überbringen, und hieß mich, unbedingt zu warten, bis Sie eine Bestätigung geäußert haben. So lautete der Befehl, Herr Oberst-Lieutenant.« Die letzten Worte hatte der Sergeant beinahe gehaucht. Groteskerweise schien der kleine Mann lauter auszuatmen, je leiser er sprach. Nach den letzten Worten blieb Gontard kein Zweifel mehr: Der Sergeant war besoffen, voll wie eine frisch geladene Muskete. Er gab ein Bild des Jammers ab. Wurde der Kerl immer kleiner? Gontard beschloss, den Unteroffizier nicht weiter zu quälen, und entfaltete das Papier.
Sehr geehrter Herr Oberst-Lieutenant von Gontard,
ich habe einen wichtigen Auftrag in einer delikaten Angelegenheit. Sie scheinen mir die einzig passende Person für diese Causa zu sein. Bitte sorgen Sie dafür, dass Sie am Wochenende abkömmlich sind! Alles Weitere erkläre ich Ihnen am Nachmittag. Finden Sie sich zu diesem Behufe bitte gegen vier Uhr in meinem Bureau ein. Hochachtungsvoll
Generalmajor von Schnöden
Das klang freundlich, ließ aber kaum Widerrede zu. Gontard hatte nicht die geringste Vorstellung, was der Schulleiter der Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule von ihm wollte. Er drehte das Blatt herum. Auf der Rückseite stand selbstverständlich auch keine Erklärung. Gontard richtete sich auf und sagte: »Herr Sergeant, informieren Sie Herrn Generalmajor von Schnöden, dass ich zum gewünschten Zeitpunkt bei ihm sein werde! Und jetzt dürfen Sie wegtreten.«
Zwei
13. Januar, 12 Uhr mittags
Ferdinand von Gontard lief den Flur der Kommandantur des Grenadierregiments König Friedrich Wilhelm II. Nr. 10, genannt 1. Schlesisches, hinunter. Der Gang flößte ihm Respekt ein. Oft kam er als kleiner Lieutenant nicht in diesen Teil der Kasernenanlage, und wenn es jemanden aus dem Fußvolk hierher verschlug, dann drohte nicht selten Ärger.
Wen Ferdinand von seinen Vorgesetzten auch ansprach wegen des Leichenfundes, alle wimmelten ihn ab und verwiesen auf den Kommandeur des 1. Bataillons, Generalmajor Meinrad von Frohwitz. Bei dem liefen alle Fäden der Garnison in Breslau zusammen, er war nur noch dem Kommandeur des gesamten Grenadierregiments, von Kortzfleisch, unterstellt. Also blieb Ferdinand nichts anderes übrig, er musste zum »Alten«, wie Frohwitz in der gesamten Garnison genannt wurde. Wer immer über den Bataillonskommandeur redete, sprach dessen Spitznamen mit einer Mischung aus Spott und Ehrfurcht aus. Frohwitz’ offensichtlicher Gebrechlichkeit bei Appellen stand sein scharfer Verstand gegenüber. Altgediente Offiziere behaupteten gar, Frohwitz könne Gedanken lesen. Das hielt Ferdinand zwar für übertrieben, aber es war auch ihm in den wenigen Begegnungen mit Frohwitz bisher schwergefallen, dessen durchdringendem Blick standzuhalten.
Im ersten Stock hingen die Porträts verdienter Offiziere der Garnison. Die Uniformen auf den Gemälden waren über und über mit Orden, Ehrenzeichen und Kordeln besetzt. Da erzählten die alten Offiziere immer etwas von Blut und Treue, und dann behängten sie sich mit opulentem Glitzerkram wie Weiber. Ferdinand dachte an seinen Vater, der sich über die hohen Offiziere und deren pompöse Abbildungen stets lustig machte. An dieser Galerie hätte er seine helle Freude gehabt. Ferdinand dagegen bekam bei jedem weiteren ernsten Gesichtsausdruck ein mulmigeres Gefühl.
Am Ende der Galerie bog der Gang zu Frohwitz’ Dienstzimmer ab. An der Ecke saß ein Corporal und gähnte.
»Ich möchte zu Herrn Generalmajor von Frohwitz, um eine Meldung zu machen«, sagte Ferdinand.
»Geht nicht«, nuschelte der Mann.
Ferdinand zögerte einen Augenblick. Vor ihm saß zwar lediglich ein Corporal, dem eine solch unhöfliche Rede einem Lieutenant gegenüber nicht zustand, aber immerhin handelte es sich um den Diensthabenden vor dem Zimmer des Bataillonskommandeurs. Zudem war der Kerl bestimmt zehn Jahre älter als Ferdinand. Wie würde sein Vater, der Oberst-Lieutenant von Gontard, sich in dieser Situation verhalten? Zumindest würde er sicher nicht vor einem Corporal kuschen.
»Ich habe etwas Wichtiges zu melden, Herr Corporal.« Ferdinands Stimme wurde mit jedem Wort fester. »Und reden Sie gefälligst in vollständigen Sätzen mit mir!«
Der Corporal guckte wie ein Saufkumpan kurz vor einer Kneipenschlägerei. Wenigstens gähnte er nicht mehr, sondern sagte laut: »Ich habe meine Befehle, Herr Lieutenant. Der Generalmajor möchte nicht gestört werden.«
»Was ist denn das für ein Gebrüll?«, hallte es aus dem Gang.
Ferdinand erkannte die Stimme des Kommandeurs. Der Alte klang müde, so als habe er gerade ein Vormittagsschläfchen beendet. Frohwitz näherte sich mit gemessenen Schritten – oder schlurfte er?
Der Corporal sprang auf und zeigte auf Ferdinand. »Der junge Lieutenant missachtet Ihre Befehle, Herr Generalmajor!«
»Mit Verlaub, ich habe eine wichtige Meldung zu machen.« Ferdinand wandte sich direkt dem Alten zu. »Ich habe nur versucht, das dem Corporal zu vermitteln.«
»Hm.« Der Alte schaute Ferdinand eindringlich an. Da war er wieder, dieser forschende Blick. Nach einem Moment fuhr der Kommandeur fort: »Dann kommen Sie doch mit, Herr Lieutenant!« Frohwitz trottete gen Dienstzimmer, und Ferdinand folgte ihm.
Der Corporal hätte mit seinem Blick das Fegefeuer einfrieren können. Ferdinand genoss den Erfolg.
Im Dienstzimmer setzte sich der Kommandeur hinter einen barocken Secretär und sagte: »Sie müssen dem Corporal sein ungehobeltes Verhalten verzeihen. Wenn die Diensthabenden nicht so abweisend wären, fände ich nie Ruhe.«
Ferdinand merkte, wie seine Kinnlade herunterklappte. Grinste der Alte ihn an?
»Nun, mein junger Herr Lieutenant, ich habe gehört, Sie haben interessante Neuigkeiten.«
Wusste der Alte schon Bescheid? Und wenn ja, woher?
»Berichten Sie!«
»Ich habe an der Oderwiese eine Leiche entdeckt.«
»Das ist mir bekannt, Herr Lieutenant.«
Also tatsächlich … Ferdinand wusste nicht, was er dem Kommandeur noch berichten sollte. Er sagte: »Ich bin nicht sicher, ob ich die Zivilbehörden unterrichten soll. Ich habe meinen direkten Vorgesetzten bereits über den Fund informiert, aber keine klare Anweisung erhalten.«
Frohwitz hob einen Brieföffner vom Schreibtisch und richtete die Klinge auf Ferdinand. »Haben Sie bei der Leiche Hinweise auf eine Zugehörigkeit zur Armee Seiner Majestät gefunden?«
»Nein, Herr Generalmajor. Wobei die Kleidung kaum noch zu erkennen war. Einen Helm habe ich jedenfalls nicht entdeckt.«
Der Kommandeur tippte mit der Spitze des Brieföffners gegen den Zeigefinger seiner linken Hand. »Bei einem toten Zivilisten gäbe es keinen Zweifel, den würden wir den Zivilbehörden überlassen. Bei einem Armee-Angehörigen würden wir uns hingegen der Sache annehmen …«
»Ich kann Ihnen dahingehend leider keine zuverlässige Auskunft geben.«
Frohwitz legte den Brieföffner zurück auf die Tischplatte und schaute auf wie ein Großvater vom Märchenbuch. »Ihrem Vater eilt der Ruf voraus, solchen Fällen selbst auf den Grund zu gehen. Sie haben keine derartigen Ambitionen?«
»Sie meinen …«
»Ich würde sagen, Sie melden sich am Nachmittag wieder bei mir, Herr Lieutenant, und dann sehen wir, welche Informationen Sie zusammengetragen haben. Bis dahin behandeln wir die Sache vertraulich.«
Christian Philipp von Gontard lief die Linden entlang. Um genau zu sein, drängte er sich durch das Gewimmel – zwischen den Waschweibern mit ihren Körben hindurch, vorbei an Lumpensammlern, Bürgersleuten und Landeiern, die auf der Suche nach Halt in der großen Stadt waren. Alle paar Schritte bot ein Kolporteur brüllend seine Ware feil. Und das war nur das Fußvolk, das sich die Straße mit den Kutschen, Reitern und Pferdeomnibussen teilen musste. Gontard kam es so vor, als ob der Verkehr im Herzen der Residenzstadt immer dichter würde. Die Menschen schienen kaum zum Luftholen zu kommen vor lauter Eile. Wurde er einfach zu alt für diesen Trubel?
An der Friedrichstraße hatte sich ein Menschenauflauf gebildet. Ein fliegender Händler pries eine Zeitschrift an: Die Gartenlaube. Vor allem einfaches Volk umringte den Kolporteur und riss ihm die Blätter förmlich aus der Hand. Gontard kannte Die Gartenlaube von der Küchenmamsell. Die hatte das illustrierte Familienblatt im vergangenen Jahr erstmals mitgebracht und in jeder freien Minute darin geschmökert. Inzwischen kaufte sogar Gontards Frau Henriette gelegentlich die Zeitschrift. Er selbst hatte einzelne Artikel überflogen und für harmlos befunden. Sollten die Frauen ihren Spaß haben. Wenn ihm die vielen Käufer nur nicht den Weg versperrten! »Platz da!«, rief er.
Tatsächlich versuchten einige der Mamsellen, zur Seite auszuweichen. Nur war da kein Platz. Die Frauen zeterten wie aufgescheuchte Hühner. Doch als sie zu Gontard glotzten, riefen sie eilig Entschuldigungen.
Gontard lief einen großen Bogen um den Pulk und trat auf die Friedrichstraße. Hier bewegten sich die Fuhrwerke im Schritttempo durch das Gedränge. Auf der anderen Straßenseite sah es kaum besser aus. Erst in Richtung der Dorotheenstraße wurde die Menge lichter. Zum Glück war das sein Weg. Gontard legte einen finsteren Blick auf, und tatsächlich machten ein paar arme Schlucker Platz. Mit jedem Schritt kam er leichter voran. Nach ein paar Metern achtete er gar auf einzelne Gesichter in der Masse. War das nicht … Oje!
»Herr Oberst-Lieutenant, was für ein schöner Zufall!« Criminal-Commissarius Waldemar Werpel kam ihm entgegen und war so gut gelaunt, als sei er auf dem Weg zu seiner Beförderung.
»Herr Criminal-Commissarius, ich bin etwas in Eile«, flunkerte Gontard. Eigentlich war es egal, ob er in fünf, zehn oder zwanzig Minuten zum Mittagessen in seinem Haus um die Ecke ankam.
»Ach, ich dachte, Sie wollen vielleicht etwas über die aktuellen Criminalfälle hören …« Werpels Grinsen wurde immer breiter.
»Gibt es etwas zu berichten?«, fragte Gontard und fand, dass er eine Spur zu interessiert klang.
»Gestern stand der Tagelöhner Helm vor Gericht und wurde verurteilt.«
Gontard kannte die Geschichte aus der Gerichts-Zeitung. Der Arbeiter hatte einen Kollegen erstochen, ein anderer Arbeitskamerad hatte danebengestanden und alles bezeugen können. Die Tat war vor ein paar Monaten geschehen, gar nicht weit von hier, in der Großen Friedrichstraße No. 219. Im Hof des Geheimen Justizraths Bode hatten die drei Tagelöhner Holz geschlagen, als es zu dem Streit gekommen war. Da hatte es nicht viel zu ermitteln gegeben.
»Stellen Sie sich vor, Herr Oberst-Lieutenant, der Kerl hat noch in der Verhandlung das Unschuldslamm gespielt, obwohl er längst überführt war!« Werpel stemmte seinen rechten Arm in die Seite.
Gontard fiel auf, dass der Polizist immer dicker wurde – noch ein paar Pfund mehr, und er würde den Arm strecken müssen, um bis zum Gürtel zu gelangen. »Wie hat dieser Helm denn versucht, sich aus der Sache herauszuwinden?«, fragte Gontard. »Der Fall lag doch ziemlich klar.«
»Der Beschuldigte hat angegeben, vom Opfer und dem Zeugen angegriffen worden zu sein und in Notwehr gehandelt zu haben.« Werpel hob die Hand und fuchtelte mit dem Zeigefinger herum. »Doch von seiner Aussage kurz nach der Tat ist ein genaues Protokoll vorhanden. Im Verhör hatte Helm mir gegenüber zugegeben, dem Opfer zugerufen zu haben: ›Siehst du, Schweinehund, das geschieht dir recht!‹ In der Verhandlung hat er davon nichts mehr wissen wollen und sich als Unschuldslamm gegeben.«
Eine solche Wandlung kannte Gontard nur zu gut. In der Zelle hatten selbst die übelsten Gesellen genug Zeit, nach einer Ausrede zu suchen.
»Der Richter hat sich von dem Burschen nicht blenden lassen. Fünf Jahre darf der Kerl hinter Gittern schmoren.« Werpels Brust schwoll vor Stolz. Das machte allem Anschein nach sogar Eindruck auf die Passanten. Sie strömten herbei und ließen dabei einen ehrfürchtigen Abstand zu Gontard und Werpel von bestimmt einer halben Elle.
Gontard fand das Gehabe des Commissarius übertrieben. Der hatte lediglich einen Hitzkopf seiner gerechten Strafe zugeführt. Gontard dachte an die Criminalfälle, die er selbst in den vergangenen Jahren gelöst hatte. Bei den Tätern hatte es sich um ganz andere Kaliber gehandelt, Verbrecher, die nicht einfach vor Zeugen zustachen und sich alsbald von herbeigerufenen Polizisten in die Vogtei abführen ließen. In diesen Fällen hatte der Commissarius selten eine so selbstgefällige Miene aufgesetzt wie jetzt. Werpel übte sich bei kniffligen Angelegenheiten eher in der Kunst des Im-Weg-Stehens.
»Und Sie, Herr Oberst-Lieutenant, ermitteln Sie derzeit in einem Criminalfall?«, fragte Werpel gut gelaunt.
»Ach, Herr Commissarius«, antwortete Gontard, »ich habe derzeit viel zu tun. Seit mein neuer Bursche krank daniederliegt, merke ich, dass mir der Strohkopf bei allem Ärger doch das Leben erleichtert hat. Selbst wenn ich über eine Leiche stolpern würde, bliebe mir keine Zeit für Ermittlungen. Vermutlich würde ich mich einfach an Sie wenden.«
Die Küchenmamsell wuchtete den Suppentopf auf den Tisch in der Essküche. Sie verteilte die Portionen: eine Kelle für Henriette von Gontard, eine halbe für Luise, die Tochter des Hauses, und drei für Gontard. Es roch nach Kartoffeln, und Gontard verspürte Hunger.
Die Mamsell verließ die Küche. Henriette faltete die Hände zum Gebet. Gontard tat es seiner Frau gleich und blickte zu Luise. Die war mit ihren siebzehn Jahren eine junge Frau geworden. Gontard staunte beinahe jeden Tag über seine herangewachsene Tochter. Er wunderte sich nicht nur über die rundlichen Formen seiner Kleinen, noch mehr verwirrten ihn die erwachsenen Gesichtszüge Luises. In ihrem Antlitz zeichnete sich durchaus Anmut ab, aber für Gontards Geschmack hätte seine Tochter öfter lächeln dürfen.
Nach einem kurzen Nicken von Henriette sprach Gontard das Tischgebet, dann aßen alle. Gontards Hunger schien eigentümlicherweise mit jedem Löffel größer zu werden. Er zwang sich, die Suppe nicht hinunterzuschlingen, und blickte zu seiner Frau.
Vielleicht deutete Henriette das als Aufforderung, etwas zu sagen. »Es sind milde Tage«, stellte sie fest.
Luise nickte so ernsthaft, als sei sie in einer Behörde für Wetterangelegenheiten beschäftigt.
Gontard löffelte die Suppe. Draußen auf der Straße lag kein Schnee, aber immer wenn er ins Haus kam, war er doch froh über die wohlige Wärme des Heimes. In der Küche reichte der Herd sogar, ihn ins Schwitzen zu bringen. Gontard öffnete einen Knopf seiner Uniformjacke. Die Blicke von Frau und Tochter ruhten auf ihm. Er hielt das Wetter nicht für ein passendes Gesprächsthema, insbesondere wenn es nur um den Austausch von Belanglosigkeiten ging. Mit Schweigen würde er jedoch allem Anschein nach nicht davonkommen. Also erwiderte er: »Wenn ich den Himmel anschaue und den Wind bedenke, steht wohl Kälte bevor.« Damit schien alles gesagt. Sie aßen schweigend weiter. Mit jeder Minute erschien Gontard die Stille drückender. Noch vor einer halben Stunde hatte ihm die Hektik Unter den Linden fast die Nerven geraubt, und nun ertrug er die Ruhe nicht.
Luise hatte ihre Mahlzeit bereits beendet und legte den Löffel zur Seite.
Gontard überlegte, ob das Mädchen genug aß, war aber dann sicher, dass Henriette sich um so etwas kümmerte.
»Hast du nach dem Mahl noch Zeit, das neue Klavierstück anzuhören, das deine Tochter gerade lernt?«, fragte Henriette und schob dabei ihren leeren Teller beiseite.
»Selbstverständlich. Was spielst du gerade, Luise?«
Die Tochter schluckte.
»Sie übt am ersten Satz der Schumann’schen Phantasie. Ich finde, sie macht das ganz bezaubernd.«
Gontard teilte Henriettes Enthusiasmus für Luises Klavierspiel nur selten. Eine Clara Schumann würde sie wohl nicht werden. Allerdings spielte sie gut genug, um später in der eigenen Familie zu feierlichen Anlässen ein Ständchen zu geben. Das war zu begrüßen, wie er fand, auch wenn die Kleine sich für seinen Geschmack mit der Familiengründung noch ein paar Jahre Zeit lassen konnte.
»Sie hat mich heute Morgen ganz vorzüglich mit ihrem Spiel unterhalten«, fuhr Henriette fort.
Luise hob den Kopf, als wolle sie etwas sagen, hielt die Worte aber zurück.
»Auch die schwierigen Phrasen in d-Moll klingen nun gut. Ich bin so stolz auf unsere kleine Pianistin.«
»Mutter, bitte!«, zischte Luise.
Henriette zuckte zusammen und schaute zu ihrer Tochter. Plötzlich sah sie müde aus und alt. Sie drehte den Kopf und blickte fragend zu Gontard. Sekunden verronnen. »Luise, kannst du mir bitte erklären, was das soll?«, fragte Henriette, ohne ihren Kopf zu wenden.
»Entschuldige bitte. Es ist doch nur …« Luise vollendete den Satz nicht.
»Ich weiß manchmal nicht, was mit ihr los ist«, sagte Henriette.
Vermutlich sollte Gontard als Familienvorstand jetzt eingreifen und ein Machtwort sprechen. Doch zum einen fiel ihm nichts ein, was er hätte sagen können, und zum anderen wusste er nicht einmal, an wen er seine Worte hätte richten sollen. Worum ging es hier überhaupt? Luise sprach schon seit Jahren nicht allzu viel mit ihm. Gontard fragte seine Tochter gelegentlich nach ihrem Befinden, und sie erklärte in hübscher Regelmäßigkeit, ihr gehe es ausgezeichnet. Henriette hatte bislang nicht von Sorgen berichtet, was ihre Tochter anging, deshalb beließ Gontard es beim Schweigen.
»Mutter, ich bitte noch einmal um Verzeihung, aber ich fühle mich noch nicht so weit, die Phantasie jemandem vorzuspielen.«
War er denn ein Fremder?, fragte sich Gontard.
Henriette sah ihn unentwegt an, als erwarte sie etwas von ihm. Auch Luises Blick wanderte von der Mutter zu ihm.
»Lass das Mädchen doch!«, sagte Gontard.
Das schien nicht der rechte Satz gewesen zu sein. Sowohl Henriette als auch Luise runzelten die Stirn. Dabei sahen sie einander so ähnlich, dass Gontard beinahe lachen musste.
Drei
13. Januar, ½ 3 Uhr nachmittags
Hier muss es doch irgendeinen Hinweis geben«, sagte Ferdinand von Gontard.
»Ick kann hier überhaupt nix erkennen.«
Der Leichnam lag nach einer halben Stunde Buddelei weitgehend frei. Doch noch immer ließen sich keine Details ausmachen. Freilich handelte es sich um eine ordentliche Sauerei. Die Maden hatten im vergangenen feuchten Herbst ganze Arbeit geleistet. Von dem Mann, der vor ihnen ruhte, konnten sie sich kaum ein Bild machen. Die Stofffetzen der Hose mochten von einer Uniform stammen, am Oberkörper hatte der Tote vielleicht ein grobes Hemd getragen. Zumindest eines stand fest: Wenn er einen Waffenrock sein Eigen genannt hatte, musste er diesen vor seinem Tod abgelegt haben. Von einer Pickelhaube gab es ebenfalls nach wie vor keine Spur.
»Vielleicht kieken wa mal drum rum«, schlug Quappe vor.
»Das ist keine schlechte Idee.« Ferdinand stapfte los. Mit jedem Schritt versank er tiefer im Schnee. Das Gehölz endete an der flussabgewandten Seite an einem Waldstück. Zwischen den Buchen wucherten im Sommer bestimmt die Farne, jetzt ragten die Bäume kahl aus dem glatten Weiß. Bis zu den ersten Buchen ging es leicht bergan.
»Scheiße!«, brüllte Quappe. Der Bursche war bis zur Hüfte in einer Schneewehe versunken. Er wühlte sich aus dem Loch und jaulte dabei wie ein Köter unter der Knute. »Ick gloob, mein Fuß fällt ab.«
Ferdinand reichte Quappe die Hand, zog ihn hoch und wies mit einem Nicken nach rechts. »Da vorn liegt ein Baumstamm, dort können Sie sich hinsetzen.«
Der Stallbursche legte Ferdinand die Hand über die Schulter. Gemeinsam bewältigten sie so den Weg zum Baumstamm. Ferdinand kam sich vor wie ein Soldat, der einen Verwundeten vom Schlachtfeld schleppte. Hoffentlich hatte Quappe sich nicht das Bein gebrochen.
»Aua! Verdammta Mist!«, jammerte Quappe. Er saß auf dem Stamm und zerrte an seinem Stiefel.
Ferdinand überlegte schon, ob er Quappe aus dem Schuhwerk helfen sollte. Doch der bekam den Fuß glücklicherweise allein frei. Unter den groben Lappen, die Quappe als Fußwickel benutzte, wurde eine ordentliche Schwellung sichtbar. »Legen Sie doch ein bisschen Schnee auf den Knöchel, Quappe! Das kühlt.«
Mit einem Wimmern bückte Quappe sich und pappte Klumpen für Klumpen Schnee auf seinen Fuß, bis dieser nicht mehr zu sehen war. Er drückte die weiße Masse fest und nörgelte: »Ick werd mir bestimmt erkälten.«
»Später, Quappe«, sagte Ferdinand. »Vorerst bleiben Sie hier sitzen! Und ich schaue mich noch mal im Dickicht um.«
»Sein Se vorsichtig!«
Ferdinand lachte und hob die Hand zu einem militärischen Gruß. Für den Weg zurück zum Gestrüpp nutzte er die bereits in den Schnee gedrückten Spuren. Als er den verletzten Quappe zum Stamm geschleppt hatte, war ein richtiger Pfad entstanden. Am Rande der Hecke untersuchte Ferdinand die Wehe näher, in der Quappe versunken war. Mit festen Stiefeltritten stieß er den Schnee beiseite. Darunter verbargen sich eine Kuhle oder ein Graben. Der Boden war braun und hart. Der Schnee stob unter Ferdinands Tritten in alle Richtungen. Jetzt erkannte Ferdinand, dass weder Kuhle noch Graben zu seinen Füßen lagen, sondern eher eine Art Trampelpfad.
Der Pfad führte in das Gestrüpp. Ferdinand kämpfte sich vorwärts. Vorsichtshalber schob er den Schnee vor jedem Schritt beiseite. In seinem Rücken jammerte Quappe schon wieder herum, und zumindest einer sollte gut zu Fuß bleiben. Nach ein paar Schritten gabelte sich der Pfad: Nach rechts führte er in den Wald hinauf, links teilte er die Sträucher. War der Mann an dieser Stelle ins Gebüsch gelangt? Ferdinand folgte dem Pfad ins Innere des Gestrüpps. Nach drei Schritten musste er sich bücken, da die Äste im Wipfel ineinandersteckten und eine Art Dach bildeten.
»Is allet jut bei Ihnen?«
»Ja!«, rief Ferdinand über die Schulter. »Von hier hinten müsste ich an die Leiche herankommen.«
»Sein Se achtsam!« Quappe wimmerte ohne Unterlass.
»Ja, ja.« So kurz vor dem Ziel hatte Ferdinand keine Zeit für die Sorgen des Stallburschen. Er brach ein paar nach unten ragende Äste ab und quetschte sich weiter durch das Gestrüpp. Drei Fuß vor der Fundstelle häufte sich Schnee an einem Strauch. Für ein bisschen Laub darunter war der Batzen zu groß. Ferdinand trat vorsichtig gegen den Schnee. Grobes Gewebe kam zum Vorschein. Ein Kleidungsstück? Ferdinand bückte sich und zog vorsichtig an dem Stoff. Der steckte fest. Als Ferdinand kräftiger zerrte, riss das Gewebe, und er hielt einen Fetzen in der Hand. Der Lappen war lehmbraun und augenscheinlich vermodert, bevor der Frost ihn unter dem Laub eingefroren hatte. Nun zerfiel das Textil bei der geringsten Beanspruchung. Er musste auf anderem Weg an das mutmaßliche Kleidungsstück herankommen. Vorsichtig legte Ferdinand seinen Fund mit den Händen frei. Weiter unten schien der Stoff besser erhalten zu sein. Es handelte sich um einen Waffenrock, das wurde immer deutlicher. Unter einem Ärmel lugte eine Pickelhaube hervor.
Christian Philipp von Gontard genoss die Ruhe in der Lesestube der Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule. Nur ein weiterer Offizier saß am anderen Ende des Raumes und studierte schweigend eine Zeitschrift. Gontard hielt seine Pfeife in der linken und die Illustrirte Zeitung in der rechten Hand. Das Blatt aus dem sächsischen Leipzig schaffte Wundersames: Es wurde von Männern und Frauen gelesen. Gontard fesselten die langen Texte über politische, militärische und technische Themen, während die Abbildungen der neuesten Mode aus ganz Europa Henriette und seine Tochter gleichermaßen begeisterten. Dabei war die Illustrirte Zeitung keines dieser billigen Familienblätter, wie es die Kolporteure feilboten.
Gontard blätterte auf die zweite Seite, die den Nachrichten aus deutschen Landen und Europa vorbehalten war. Über Preußen gab es in dieser Woche nur einen kleinen Absatz. Gontard las: Die Festzeit hat eine politische Stille im Gefolge, die nur durch Gerüchte, Muthmaßungen und Besprechungen unterbrochen wird, welche wir übergehen müssen. In der Folge behandelte der Nachrichtenüberblick den Tod des Generals von Radowitz und ging auf den persönlichen Kondolenzbrief Seiner Majestät ein. Dass der Leichnam des Generals nach Erfurt überführt worden war, wusste Gontard schon. Dort diente Radowitz’ ältester Sohn als Offizier beim 31. Infanterieregiment, und in der Garnisonsstadt konnte der alte Radowitz seine Ruhe neben der bereits zuvor verstorbenen Tochter finden.
Danach berichtete der Absatz zu Preußen über einige Wirtschaftsangelegenheiten. Gontard überflog die Zeilen bis zu diesem Satz: Ein Erlass des einstweiligen Polizeidirektors in Stettin, Assessor Rudolff, wodurch der Ostseezeitung sehr enge Grenzen bei der Besprechung des russisch-türkischen Streits gesetzt worden waren, ist vom Minister des Inneren nicht gebilligt worden. Gontard stutzte. Innenminister Ferdinand von Westphalen galt weiß Gott nicht als Garant für Pressefreiheit. Sein Ministerium unterhielt das berüchtigte preußische Spitzelwesen. Gerüchten zufolge ließ er sogar Prinz Wilhelm wegen dessen kritischer Haltung zum Krimkrieg überwachen. Ausgerechnet dieser Minister sorgte nun dafür, dass die Stettiner ausgewogen informiert wurden – das war kaum zu glauben.
Gontard las in diesen Wochen die Illustrirte Zeitung aus dem Sächsischen intensiver als sonst, weil sie über die Krim berichtete. Er blätterte um, und sogleich begannen die ausführlichen Reports. Unter der Überschrift Vom Kriegsschauplatze fasste das Blatt die letzten Ereignisse zusammen: die Geländegewinne der Russen bei Poschow und unweit von Eriwan, die Hoffnung der Türken auf die Erhebung der Tschetschenen im Kaukasus, die Truppenkonzentration und einzelne Gefechte an der Donau, die Verschiebung von russischen Armee-Einheiten in die Walachei … Allerorten standen sich gigantische Truppen gegenüber, so verzeichnete der Bericht auf türkischer Seite allein längs der Donau und außer den stark besetzten Positionen von Schumla und Varna 123 000 Mann, während die Russen nur 110 000 zählen, bei einem Angriffe aber auf einem Punkte leicht mehr Truppen concentriren können, als ihnen der Feind dort gegenüber zu stellen hat. Welch ein Irrsinn, wie viele dieser Soldaten mit Hilfe der modernen Waffentechnik verheizt wurden!, dachte Gontard. Dafür hatten deutsche Dichter Shakespeares Wendung food for powder mit dem viel treffenderen Begriff Kanonenfutter übersetzt und in die deutsche Sprache aufgenommen.
Nach dem Überblick befasste sich die Illustrirte Zeitung mit der Schlacht von Oltenitza und dem Seekampf vor Sinope en détail. Mehr noch als der Text faszinierte Gontard die halbseitige Abbildung der Flottenverbände auf dem Schwarzen Meer. Das Bildnis war aus einer Perspektive von der offenen See her gefertigt. Im Vordergrund hatten mehrere Dutzend Kriegsschiffe die Segel gesetzt, zwischen den gewaltigen Dreimastern kreuzten kleinere Schiffe und auch eine Handvoll Boote mit Männern an den Rudern. Im Hintergrund, zu Lande, ragte die Festung von Sinope in die Höhe und sah imposanter aus als das Gebirge am Horizont.
Der Krieg war nicht nur durch die Flotte sichtbar, sondern schlich sich auch in Weiß ins Bild: in Form von Qualm. Die weißen Wolken auf dem Bild krochen über die spiegelglatte Wasserfläche wie die pure Unschuld. Die schiere Größe ließ allerdings auf den Schrecken gewaltiger Explosionen schließen. Gontard fuhr ein Schauer über den Rücken. Hinter der erhabenen Darstellung ahnte er den Tod in einer neuen, industriellen Form. Die Wolken auf dem Bild nahmen den armen Seelen das Gesicht und ließen sie im Zahlenwerk der Berichte verschwinden. Auch aus den Schornsteinen der Fabriken und Lokomotiven entwich solcher Qualm. Die neuen Formen von Krieg, Arbeit und Verkehr versteckten Schweiß und Blut zugunsten von Bilanzen …
Der Sergeant des Schuldirektors trat herbei und beugte sich zu ihm hinunter. »Der Herr Generaloberst von Schnöden würde Sie jetzt empfangen.«
»Ick würde jetzt lieber nach Hause jehn«, quengelte Quappe.
»Wir nehmen nur diesen winzigen Umweg und befragen die Männer dort«, bestimmte Ferdinand von Gontard und zeigte zum Oderufer. Gleich neben einem Wellenbrecher saßen zwei Angler und guckten über ihre Ruten auf den Fluss.
»Muss det sein?«
»Nun machen Sie mal halblang, Quappe! Wenn ich Sie erst nach Hause bringe und dann wiederkomme, sind die beiden Männer sonst wo.«
Quappe stützte sich auf einen großen Ast, den Ferdinand ihm vor ihrem Aufbruch aus dem Wald geholt hatte.
Ferdinand sah, wie Quappe das Bündel mit dem Waffenrock und der Pickelhaube schulterte und so langsam loshumpelte, als müsse das verletzte Bein sofort amputiert werden. Am liebsten hätte er den Kerl mit einem kräftigen Tritt in den Hintern geheilt. Aber nein, Ferdinand ließ sich nicht von einem Stallburschen provozieren. Er lief los, überholte den Hinkenden und drehte sich nicht mehr um. Bis zu den Anglern war noch ein Stück Weg zurückzulegen. Er hatte nicht ewig Zeit, schließlich erwartete der Bataillonskommandeur seinen Bericht schon an diesem Nachmittag.
Der Pfad am Ufer war festgetrampelt. Auf dem Marsch flussaufwärts blies Ferdinand der Wind ins Gesicht. Das verhieß nichts Gutes, aus dem Osten kam zumeist Kälte nach Breslau. Von der Aue wehten Schneekristalle herüber und bissen in die Gesichtshaut, als wären sie winzige Insekten. Ferdinand lief schneller, dabei beugte er den Oberkörper gegen die Brise. Eine Rute zum Stützen wäre nicht schlecht gewesen. Er hätte einen zweiten Ast abbrechen sollen, dachte Ferdinand. Doch nun blieben bis zu den beiden Männern nur noch wenige Schritte.
Die Angler starrten auf den Fluss, vermutlich hörten sie die Schritte gegen den Wind nicht.
»Guten Tag, die Herren!«, rief Ferdinand, um die Fischer mit seinem plötzlichen Auftauchen nicht zu erschrecken.
Die beiden drehten ihre Köpfe gleichzeitig zu ihm, besser hätten geübte Tänzer das auch nicht gekonnt. Eine Antwort bekam Ferdinand nicht.
»Ich habe ein paar Fragen an Sie.«
Die beiden glotzten, als wären sie selbst Fische.
»Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit nicht über Gebühr beanspruchen. Es dauert wirklich nur einen Augenblick.« Ferdinand sprach gegen den Wind an und rief sich zugleich ins Bewusstsein, dass er ein Offizier Seiner Majestät in Uniform war. Deshalb beschloss er, den freundlichen Ton abzulegen, sollten die Angler nicht bald zuvorkommender reagieren. Zunächst versuchte er, einen respekteinflößenden Gesichtsausdruck zu machen.
»Guten Tag, Herr Offizier!«, sagte der Angler, der näher zu Ferdinand saß, und erhob sich.
Warum nicht gleich so?, dachte Ferdinand und betrachtete den Mann. Der Fischer war in mehrere Lagen schäbiger Kleidung eingepackt. Aus dem Mantel mit den zahllosen Flicken guckten eine Joppe und ein grobes Hemd heraus. Alle Kleidungsstücke mussten ihre Farbe bereits vor Jahren verloren haben. Der Angler trug außerdem eine Mütze aus derber Wolle, aus welcher der graue Zottelbart direkt herauszuwachsen schien. Der Graue zog die Mütze und schaute zu seinem Kumpel. Der sah ebenso ärmlich aus, sein Bart war allerdings von sattem Schwarz. Vermutlich zählte der zweite Mann zehn, fünfzehn Jahre weniger. Er nahm seine Mütze ebenfalls ab, deutete einen militärischen Gruß an und schwieg.
»Beißen die Fische?«, fragte Ferdinand.
»Es könnte besser sein, Herr Offizier«, antwortete der Graue und zeigte auf einen Eimer, der lediglich klares Wasser enthielt.
»Fischen Sie hier des Öfteren, meine Herren?«
Die beiden sahen sich an, als befürchteten sie, etwas Falsches zu sagen. Sie schwiegen erst einmal. Dabei war das Angeln hier nicht verboten, schließlich handelte es sich nicht um ein privates Flussufer.
»Ich ermittle in einer militärischen Angelegenheit und erbitte lediglich ein paar Auskünfte.« Ferdinand dachte daran, wie er bei der Begrüßung der beiden Männer erst nach dem bösen Blick eine vernünftige Reaktion erhalten hatte, und fügte hinzu: »Die Informationen sind mir allerdings sehr wichtig.«
Der Alte zog den Kopf ein, der Jüngere starrte auf den Boden. Die beiden sahen aus, als trauten sie sich nicht einmal, im Erdboden zu versinken.
»Fischen Sie immer an dieser Stelle?«
Der Alte schaute zum Jüngeren, der hob den Kopf. War das ein Nicken? Nach einigem Zögern antwortete der Alte: »Wenn es wärmer ist, gibt es eine Menge Leute, die hier fischen. Gelegentlich sitzen wir daher auch weiter stromaufwärts.«
»Wie viele Angler gibt es denn hier gewöhnlich, sagen wir, im Spätsommer?«
Der Alte seufzte. »Puh … Bei gutem Wetter vielleicht ein paar Dutzend. Auf dieser Seite des Flusses.«
»Kennen Sie die anderen Angler alle?«
»Nicht alle, aber die meisten. Wenngleich wahrlich nicht alle unsere Freunde sind.« Der Alte wiegte den Kopf. »Sehr viel zu reden gibt es beim Fischen auch nicht.«
»Sitzen Sie gelegentlich auch dahinten?« Ferdinand zeigte stromabwärts, zu der Biegung, wo sich das Gestrüpp mit dem Leichnam befand.
»Dort?« Die Frage klang wie: Sind Sie noch bei Sinnen? Der Alte schlug prompt die Hand vor den Mund.
Ferdinand reagierte mit einem scharfen Blick.
»Es ist nur so«, half der Jüngere seinem Kompagnon, »dass dort unten der Fluss schmaler und daher die Strömung stärker wird. An dieser Stelle beißen die Fische nicht. Da treffen sich eher Liebespaare. Oder Ihresgleichen, wenn es einen Disput auszutragen gilt.«
Ferdinand hatte von den Duellen gehört, die zwar illegal, aber zumeist geduldet waren. Dass in unmittelbarer Nähe eines beliebten Ortes für die Zweikämpfe ein toter Offizier lag, ließ den Leichenfund in einem neuen Licht erscheinen.
Vier
13. Januar, 4 Uhr nachmittags
Zu Gesprächen in das Bureau des Schuldirektors ging Oberst-Lieutenant Christian Philipp von Gontard auch nach all den Jahren an der Lehranstalt immer noch mit einem Gefühl der Unsicherheit. Das galt insbesondere, wenn Generalmajor von Schnöden ihn so überraschend zu einem Termin einbestellte. Gontard hatte sich nichts zuschulden kommen lassen. Selbst besonders dumme Studenten wie der dicke von Ahlewitz konnten sich kaum über eine ungerechte Behandlung beklagen. Andererseits ließen sich ostpreußische Junker bei der Unterstützung ihrer degenerierten Nachkommen nicht lumpen. Erwartete Gontard eine Warnung? Wollte von Schnöden den väterlichen Freund spielen, der auch nichts für die Dummheit in der Welt konnte, ihn aber um Obacht im Umgang mit den Strohköpfen bat? Für solche Albereien fühlte Gontard sich zu alt. Daher klopfte er an die Tür, dass es krachte.
Der Diensthabende öffnete, als habe er dort gewartet. »Ich werde den Herrn Generalmajor umgehend über Ihr Kommen unterrichten«, sagte er aus dem Vorzimmer heraus. Der dürre Kerl sah aus wie einer von denen, die jeden Abend soffen, denn er trug schon mit seinen jungen Jahren eine purpurrote Nase. Diese verharrte regungslos, bis Gontard nickte. Dann flitzte der Mann los.
Gontard trat ins Vorzimmer und schaute dem Gefreiten hinterher, der im Bureau des Generalmajors verschwand. Kaum einen Wimpernschlag später tauchte die Schnapsnase wieder auf. »Der Generalmajor erwartet Sie.«
Gontard dankte mit einem Handzeichen und schritt durch das Vorzimmer zur offenen Tür des Schuldirektors.
»Da sind Sie ja!«, sagte von Schnöden und blickte von Gontard zur Wanduhr, die gerade vier Mal schlug. »Pünktlich wie die preußische Post. Das lob ich mir, mein lieber Herr Oberst-Lieutenant. Nehmen Sie doch Platz!«
Gontard setzte sich auf den Sessel neben dem kleinen Teetisch, und auch der Generalmajor ließ sich ins Polster fallen. Obschon sich der Schuldirektor auf einem höheren Sitz niedergelassen hatte, wirkte seine Gestalt gebeugt, als drücke eine Last auf seine Schultern. »Wie geht es der werten Familie, Herr Oberst-Lieutenant?«
»Alle sind wohlauf«, sagte Gontard und dachte an die Form der Einbestellung mittels Bote und Schriftstück. So einen Aufwand betrieb keiner, um sich nach dem Befinden der Familie zu erkundigen. Dennoch klang von Schnödens Freundlichkeit echt.
Der Schuldirektor schien sich mit der Antwort nicht zufriedenzugeben und schaute aufmunternd.
Also fuhr Gontard fort: »Meine Frau und die Tochter hüten das traute Familienheim. Und mit meinem Sohn in der Breslauer Garnison correspondiere ich.«
Von Schnöden setzte ein verständnisvolles Großvaterlächeln auf und fragte: »Meldet er sich denn regelmäßig? Man hört ja viel über das mangelhafte Verhältnis der jungen Leute zum geschriebenen Wort.«
»Ich kann nicht klagen, beinahe jede Woche trifft Post von ihm ein.« Gontard fühlte sich ein wenig verschaukelt. Was sollte dieses Geplauder?
»Das freut mich.« Von Schnöden strich sich durch seinen eisgrauen Schnurrbart, als müsse er das Lächeln wegwischen. »Dennoch ist es wohl an der Zeit, dass Sie Ihren Filius wieder einmal persönlich beehren, lieber Herr Oberst-Lieutenant.«
Gontard merkte, wie die Spannkraft aus seinen Gesichtsmuskeln zu entschwinden drohte. Gerade so konnte er verhindern, dass ihm die Kinnlade herunterklappte.
»Ich sehe schon, Sie fragen sich, was es mit meiner Bemerkung auf sich hat.«
Gontard fand keine Worte. Immerhin gelang es ihm, die Augenbrauen zu heben. So hatte er wenigstens das Gefühl, nicht wie ein Narr auszusehen.
Das großväterliche Lächeln im Gesicht des Schuldirektors wurde immer breiter. »Am besten, Sie nehmen gleich heute Nacht den Schnellzug.«
»Heute Nacht?« Gontard merkte, dass er die Worte geradezu gerufen hatte, eine Spur zu laut.
»Ja.« Von Schnöden wurde mit einem Schlag ernst.
Gontard kannte die Angewohnheit des Schuldirektors, in Rätseln zu sprechen. Er ließ auch nicht mit sich diskutieren, wenn er eine Order von oben hatte – und genau darauf deutete das geheimnisvolle Verhalten von Schnödens hin.
»Sie müssten sich das Wochenende freihalten, mein lieber Oberst-Lieutenant. Es geht um einen Auftrag, zu dessen Erledigung ich eine Person brauche, der ich restlos vertrauen können muss.« Das klang wie ein Kompliment. Das Antlitz des Schuldirektors wirkte plötzlich so wichtig wie seine Uniform.
Gontard schwieg.
»Ich kann Ihnen keine Details nennen«, fuhr von Schöden fort und zog ein Couvert aus seinem Waffenrock. »Dieses Schreiben muss auf Geheiß von ganz oben Generalmajor von Frohwitz übergeben werden. Ungeöffnet und persönlich. Daher möchte ich jemanden schicken, auf dessen Loyalität ich mich blind verlassen kann.«
Wohl eher jemanden, der keine Fragen stellt, dachte Gontard. Er sagte: »Ganz oben heißt …« Von Schnöden nickte und schwieg.
Bei Seiner Majestät oder der königlichen Familie wollte Gontard nicht zwischen irgendwelche Fronten geraten, da stand man zu schnell auf der falschen Seite. Daher murrte er: »Nun, mein Bursche ist krank, und eigentlich wollte ich am Wochenende …«
»Ach, hören Sie auf, mein lieber Herr von Gontard«, unterbrach ihn der Schuldirektor. »Wenn Sie jemanden brauchen, der Ihre Bagage trägt, dann verpflichten Sie doch einen Ihrer Lieutenants. Sie kennen mich lange genug und sollten wissen, dass ich mit so einem Anliegen nur an Sie herantrete, wenn eine außerordentliche Dringlichkeit vorliegt.«
»Also gut.« Gontard streckte die Hand nach dem Schreiben aus. Von Schnöden ließ ohnehin nicht mit sich reden. Deshalb beschloss Gontard, das Positive an der Sache zu sehen: Er würde Ferdinand auf Kosten Seiner Majestät besuchen.
Von Schnöden übergab Gontard das Couvert und sagte: »Hierüber verlieren Sie kein Wort! Sie fahren aus privaten Gründen zu Ihrem Sohn in die Garnison. Verstanden?«
Ferdinand von Gontard schritt den Exerzierplatz entlang. Ein Zug Rekruten übte unter den Befehlen eines Gefreiten den Marsch im Stechschritt. Ansonsten herrschte Ruhe – endlich. Quappe saß beim Feldscher und jammerte dem bestimmt die Ohren voll. Nach der ersten Einschätzung des Militärarztes hatte der Knecht sich das Bein nicht gebrochen, sondern nur verstaucht. In ein paar Tagen sollten die Schmerzen nachlassen. Vermutlich würde Quappe dennoch den ganzen Winter hindurch auf seine Verletzung verweisen, um seine Dienstpflichten so weit wie möglich zu umgehen.
Das Bündel mit den Fundstücken drückte immer mehr auf Ferdinands Schultern. Der Stoff taute offenbar auf, und die abgestandene Nässe kroch in Ferdinands Waffenrock. Das Zeug roch nach vermoderten Pilzen. Diesen Geruch sollte seine Uniform nicht annehmen. Also lief Ferdinand schneller, ließ die Befehle und Stechschritte hinter sich.
Auf dem Kasernenhof schlitterte er über ein vereistes Stück des freigeschaufelten Weges. Er ruderte mit den Armen, das Bündel fiel zu Boden, doch er selbst konnte sich aufrecht halten. Dabei kam er sich vor, als balanciere er über Murmeln. Er rutschte immer schneller. Gerade noch schaffte es Ferdinand, mit einem Satz zur Seite zu springen. Im Schnee fand er schließlich Halt. Die Knie zitterten noch, aber die Gefahr war gebannt. Glück gehabt! Verletzt wäre er kein guter Ermittler gewesen. Auch wenn er nicht so ein Theater wie Quappe veranstalten würde. Nicht einmal, wenn eines seiner Beine beim Feldscher geblieben wäre. Obwohl, dann vielleicht schon … Ferdinand schob den Gedanken beiseite, befreite sich aus dem Schnee und hob das Bündel auf, um durch den Tiefschnee neben dem Pfad zur Unterbringung für niedere Offiziere zu stapfen.
Auf der Treppe zu seiner Stube hinterließ jeder seiner Schritte eine Pfütze. Zum Glück musste er nur bis ins erste Obergeschoss. Ferdinand nahm je zwei Stufen mit einem Schritt, bog in den Gang ein und riss die Tür zum Zimmer auf. Obwohl der Ofen nicht befeuert war, überwältigte ihn die Wärme. Es fühlte sich nicht wie Frühling an, auch nicht wie Sommer – ein Zuhause war so etwas wie eine Jahreszeit für sich, dachte Ferdinand. Selbst wenn es sich nur um eine Bude in der Kaserne handelte.
Gewöhnlich teilte Ferdinand sich das Zimmer mit einem anderen Lieutenant. Der, ein schweigsamer und nicht besonders heller junger Mann namens Alfons von Zwiewitz, hatte gerade Sonderurlaub und weilte in seiner oberschlesischen Heimat, da sein Vater im Sterben lag. So hatte Ferdinand die Bude für sich allein und konnte sich ausbreiten. Er legte das Bündel auf den Tisch und breitete das Textil aus. Einzelne Stofffetzen brachen sogleich aus dem Überzieher. Ferdinand legte die Pickelhaube, welche die Witterung gut überstanden hatte, zur Seite und wandte sich den Resten des Waffenrocks zu. Die Platte reichte für den modrigen Stoff kaum aus, also stapelte er die Stücke, die zu zerfallen drohten, am Rand. Doch auch beim Rest waren Farbe und Form kaum auszumachen. Nicht einmal die Waffengattung konnte er anhand der Schulterklappen identifizieren. Wie sollte er da Rückschlüsse auf den ehemaligen Träger des Kleidungsstücks ziehen?
Ferdinand zog den Schemel herbei und setzte sich. Der Stoff auf dem Tisch sah aus wie direkt aus dem Komposthaufen gezogen. Genauso roch es inzwischen in der gesamten Stube. Abgesehen von dem Helm und dem zerfallenden Waffenrock, hatte Ferdinand keinerlei Hinweise darauf, wessen Leichnam in der Hecke an der Oderaue lag und vor sich hin verweste. Offenbar handelte es sich um einen Soldaten Seiner Majestät. Doch davon gab es allein in Breslau Tausende. Möglicherweise hatte der Mann auch gar nicht in Breslau gewohnt, sondern war zu Besuch in der Stadt gewesen. Wo sollte Ferdinand unter diesen Umständen mit seinen Nachforschungen anfangen? Vielleicht führten diese Gedanken aber auch zu weit, und es war am besten, er suchte die Lösung weiterhin vor sich auf dem Tisch, auch wenn sie in einem Haufen Kleidung steckte, der seinerseits einen ziemlich aufgelösten Eindruck machte. Ferdinand musste bei dem Gedanken schmunzeln, dass sich die Lösung gerade vor seinen Augen auflöste. Doch vielleicht wies das Wortspiel durch die innere Logik, die Grotesken so häufig innewohnte und den Scherz erst ermöglichte, auf etwas hin.
Ferdinands Aufmerksamkeit hatte bisher dem Äußeren des Waffenrocks gegolten. Aber womöglich sollte er eher im Innern nach einem Hinweis suchen. Ferdinand riss Stück für Stück den Stoff von dem Kleidungsstück und legte die Fetzen zum Moderkram am Rand der Tischplatte. Da war etwas! Im Futter der Brustpartie fühlte er einen Gegenstand. Ein Etui? Unter dem Futter befand sich eine Tasche. Ferdinand riss einen Streifen Stoff ab, und Leder wurde sichtbar. Das Fundstück hatte die gleiche Farbe angenommen wie die Textilien, ein Braungrau, als wäre der gesamte Fund von einem zu groß geratenen Regenwurm verdaut worden. Ferdinand hob den Gegenstand vorsichtig hoch. Es handelte sich nicht um ein Etui, sondern um ein Notizbuch. Der Einband zeigte keinen Aufdruck, weder Initialen noch ein Wappen oder Ähnliches. Auf der ersten Seite konnte Ferdinand die Schrift allenfalls erahnen, zu verblichen war die Tinte und zu verlaufen auf dem klammen Papier.
Es klopfte an der Tür.
»Ja, ja!«, rief Ferdinand und sprang auf.
Ein junger Corporal polterte ins Zimmer und meldete: »Herr Lieutenant von Gontard, mich schickt die Poststelle mit einer telegraphischen Nachricht.«
Ferdinand merkte, wie sein Herz ein wenig schneller schlug.
Der Junge reichte ihm einen Zettel.
Ferdinand las:
Komme zum Wochenende – Stopp – Ankunft morgen mit Schnellzug – Stopp – Vater – Stopp
Wenn Quappe stand, sah er völlig gesund aus. Ein ganz anderes Bild gab sein Gang ab. Der Stallbursche hinkte nicht einfach nur, seine ganze Körperhaltung wirkte, als bewältige er seine letzten Schritte. Ferdinand ging dieses Verhalten auf die Nerven. Vielleicht wäre ein Mädcheninternat die bessere Adresse für den Kerl! Doch Ferdinand ertrug das Gehabe, denn er wollte unbedingt mit jemandem reden, bevor er erneut zu Generalmajor von Frohwitz ging.
»Und Sie bezahlen det Bier?«, vergewisserte Quappe sich.
»Wenn wir jemals in der Wirtschaft ankommen, dann ja.«
Prompt humpelte Quappe schneller. Sie schritten am neuen Schauspielhaus vorbei, über die Schweidnitzer Straße in Richtung Großer Ring. Der Verkehr wurde immer dichter, daher drängten sie an den äußersten Wegesrand. Hier standen zwar Bettler und Kolporteure herum, aber Quappe hätte den Droschken und Reitern in der Straßenmitte mit seinem verletzten Fuß nicht schnell genug ausweichen können.
Vor der Brücke über die Ohle kam ihnen eine Gruppe Nonnen entgegen. Die Frauen schritten stumm, und dennoch machten alle Passanten sofort Platz. Quappe und Ferdinand waren gezwungen, kurz anzuhalten. Der Stallbursche rollte mit den Augen. Ferdinand wusste, dass Quappe mit dem Verkleidungsbohei der Katholiken nichts anfangen konnte, aber Breslau war Bischofssitz, da liefen eben Nonnen durch die Stadt. Immerhin beeilte Quappe sich in der Folge noch etwas mehr.
Nach der kleinen Brücke über den Fluss wurde die Straße ein wenig breiter, und gleich nach dem alten Schweidnitzer Thor hatten sie es geschafft. Während die Massen zu Fuß, zu Pferde oder im Wagen weiter in Richtung Großer Ring strömten, bogen sie in die Junckherrngasse ein. Dabei sah Ferdinand aus dem Augenwinkel einen Soldaten in der Menge. Den kannte er doch! Woher, fiel ihm aber nicht ein.
Quappe humpelte hurtig vornweg, sicher zog ihn das Bier an.
Ferdinand blieb keine Zeit, weiter über den Mann in Uniform nachzudenken. Schon nach ein paar Schritten in der Junckherrngasse erreichten sie die Wirtschaft »Zur Goldenen Gans«. Es handelte sich um eine bei Soldaten beliebte Bierschenke. Ferdinand und Quappe tranken hier des Öfteren ein Glas zusammen. Auch in dieser Kneipe lauschten natürlich die Ohren Seiner Majestät, dennoch verkehrten aufgeklärte Geister wie die Dichterin Friederike Kempner in der »Gans«. Vielleicht lag es am Schankwirt, denn der achtete strikt darauf, dass jeder trank – immer. Ferdinand wusste nicht, warum, aber nie wagte ein Gast zu widersprechen. Lieber verließen die grauen Gestalten das Lokal.
Ferdinand öffnete die Tür, und ein Schwall Kneipenluft schlug ihm entgegen. Es roch, als sei eine ganze Lieferung Tabak verbrannt worden. Er trat in die Wolke, Quappe folgte ihm.
In der Wirtschaft schlugen vielleicht ein Dutzend Männer den Nachmittag tot, eine eigentümliche Mischung aus Offizieren und Schutzmännern mittleren Ranges, Bürgersleuten und Gesindel. In der Ecke brüllten ein paar Studenten, die Schärpen einer Verbindung trugen. In wenigen Stunden würden sie aus der Vielzahl der abendlichen Kneipenbesucher kaum noch herauszuhören sein.
Ferdinand mied normalerweise die Nähe zu den jungen Verfechtern der deutschen Sache nicht, doch jetzt hatte er etwas Dringendes mit Quappe zu besprechen und nahm an einem Tisch in der gegenüberliegenden Ecke Platz. Kaum saßen sie, stellte der Wirt zwei Humpen Bier auf den Tisch. Ferdinand bedankte sich und zog das Notizbuch aus dem Waffenrock.
»Nun machen Se ma nich so hastig! Ick hab Durst.« Quappe hob schon beim Sprechen seinen Krug in die Höhe.
Er hatte ja recht, Leichen liefen nicht weg, aber Bier wurde schal. So ließ Ferdinand seinen Humpen gegen Quappes Krug krachen. Als ihm der Gerstensaft die Kehle herunterrann, stellte er einmal mehr fest, dass die Breslauer sich aufs Bierbrauen verstanden. In Berlin gehörte eine gewisse Kennerschaft dazu, eine Wirtschaft mit gutem Bier zu finden – hier an der Oder bekam man nur mit viel Pech ein schlechtes. Ferdinand stellte den Krug ab und legte das Notizbuch auf den Tisch.
Quappe fragte: »Und det ham Se im Waffenrock von dem Toten jefunden?«
Ferdinand nickte. »Die Seiten sind klamm und lassen sich kaum umblättern. Bis jetzt habe ich kein einziges Wort entziffern können.«
»Det heißt, wir wissen so jut wie nix.«
Ferdinand trank einen Schluck Bier. Wussten sie wirklich nichts?
»Na ja, immerhin könn’ wa sagen, det da ’n Soldat liegt. Schon wejen die Pickelhaube.«
Daran bestand kein Zweifel. Nur half ihnen diese Information nicht allzu viel, wie Ferdinand schon in seiner Stube festgestellt hatte.
»Und von hier is er bestimmt och nich«, mutmaßte Quappe und trank einen großen Schluck.
»Wie kommen Sie zu der Annahme?«, fragte Ferdinand.
»Der liegt da ja schon ’ne Weile, und inne Garnison jibt et keene Vermissten. Det hätten wa doch jehört.«
»Da haben Sie recht«, pflichtete Ferdinand dem Burschen bei und nahm den Biernachschub vom Wirt entgegen.
»Det kann also irjendeena aus irjendeenem Truppenteil im Reich von Seina Majestät sein. Wenn wa doch nur det Buch trocken kriejen würden …« Quappe kippte sein Bier weg, als wolle er heute noch den gesamten Vorrat der Kneipe zunichtemachen.
»Wir bräuchten einen sehr warmen Raum.«
»Inne Küche is et warm.«
»Aber zu feucht.«
»Det stimmt.«
Schweigend tranken beide.
»Ich hab’s!« Ferdinand verschluckte sich beinahe bei den Worten. »Sie müssen doch in der Bäckerei immer die Reste für die Fütterung im Pferdestall der Garnison holen.«
Fünf
13. Januar, 5 Uhr nachmittags
Meine über alles verehrte Luise,
welcher Dichter könnte beschreiben, welche Wärme ich in diesem Winter verspüre. Nur ein Gedanke an Dich zaubert mich in den heißesten Sommer auf Erden. Die Sonne scheint vielleicht gerade nicht über der Residenzstadt, aber in meinem Herzen brennt ein Licht, heller, als es je ein Mensch erblickt hat.
Wohl nur die allergrößten Meister fänden Worte für mein Glück. Ich hingegen muss es bei diesen bescheidenen Zeilen belassen. Was wünschte ich mir in diesem Moment, so geistreich zu sein wie Clemens Brentano, der an seine Geliebte schrieb: »Solch Leid und solche Freude ist mir aus keinem Brunnen gequollen, als von Deiner Lippe, aus Deinen Augen.« Wie schade, dass diese Beteuerung nicht von mir ist. Dabei kann kein Dichter, kein Ritter und wohl überhaupt kein Mann auf Erden stärker empfinden als ich.
Die Zeit bis zu unserem nächsten Treffen will mir unendlich lang erscheinen. Ach, wäre doch nur schon Samstag! Was würde ich darum geben, mit Dir durch den Thiergarten spazieren zu können und einen Moment der Zweisamkeit auf den abgeschiedenen Wegen zu genießen, geschützt vor den Augen all dieser Menschen, die Dich an meiner Seite erkennen könnten.
Sicher wird der Tag kommen, an dem ich Deinem Vater unsere besondere Bekanntschaft offenbaren darf. Es sind ja nur noch ein paar Monate, bis ich das Studium beschließe. Sicher werde ich in der Folge eine Stellung bekommen, die es mir ermöglicht, eine Familie zu gründen. Dann werde ich auch würdig sein, Dich, meine Liebe, in aller Öffentlichkeit an meiner Seite zu wissen. Solch ein vollendetes Glück wage ich mir kaum vorzustellen. Allein, wo ist der Mensch frei, wenn nicht in seinen Träumen? In meiner Einsamkeit bleiben mir die Vorstellung einer wundervollen Zukunft und das Papier, auf dem ich meine Sehnsüchte mir Dir teilen kann.
Im Übrigen erscheint mir Dein Vater nicht als der strenge Mensch, den Du in ihm siehst. Mir deucht, er hat ein großes Gespür für die rechtschaffenen Dinge im Leben. Freilich, sein Auftreten gebietet Ehrfurcht, und bevor ich ihn in einer persönlichen Causa zu sprechen wagte, würde ich mir sicherlich mehr Gedanken machen als vor der schwierigsten Prüfung. Bei aller Strenge präsentiert Dein Herr Vater sich bei Lehrveranstaltungen aber auch als aufmerksamer Zuhörer. Dass es Kommilitonen gibt, deren Dummheit gerade dadurch offenbar wird, verschafft mir – so ehrlich bin ich – durchaus Genugtuung. Es gibt Studenten, die den Zorn Deines Herrn Vaters mit vollem Recht zu spüren bekommen.
Doch ich schweife ab, verzeih mir dies, meine Herzallerliebste. Ich will Dich nicht mit den profanen Angelegenheiten eines Ingenieurstudiums langweilen. Lieber schwöre ich Dir bei allem, was mir heilig ist, wie sehr ich mich nach Dir verzehre. Wenngleich mir dafür wiederum die Worte fehlen, weil es einfach unbeschreiblich ist. In Hoffnung auf Dein Verständnis verbleibt in Liebe
Dein Claudius
»Da junge Herr Offizia is uff seine Bude.« Die Alte klang nicht nur wie eine Hexe, sie sah auch aus wie eine. Mit ihren knochigen Fingern zeigte sie die Treppe hinauf.
Christian Philipp von Gontard zögerte. Die Stufen machten den Eindruck, als seien sie für die nächsten Tage als Brennholz vorgesehen.
»Det hält schon seit Jaahn«, krächzte die Alte.
Nun, Dinge gingen zumeist kaputt, nachdem sie jahrelang gealtert waren. Der Hinweis der Frau beruhigte Gontard also nicht. Aber nur diese Treppe führte zu Lieutenant Colders Behausung. Vorsichtig nahm Gontard Stufe für Stufe und klammerte sich dabei an das Geländer. Das wirkte genauso morsch wie die gesamte Treppe. Bei jedem Schritt ächzte das Holz, als liege das ganze Haus im Sterben. Aber wie durch ein Wunder hielten die Stufen. Gontard erreichte den ersten Stock und blickte fragend zur Alten hinunter.
Die Vermieterin zeigte auf die Tür der rechten Kammer und schlurfte davon. Behutsam klopfte Gontard an die Tür. Nicht, dass die noch aus den Angeln fiel! Drinnen blieb es ruhig. Also schlug er fester auf das Holz.
In der Kammer grummelte jemand ein »Hm«, das klang, als wolle er nicht gestört werden. Das galt wohl der Alten, mutmaßte Gontard, und öffnete die Tür.
Colder saß an seinem Secretär und blickte zur Tür. Er schaute, als bekomme er Besuch von einem Gespenst. Während sein Kopf wie festgenagelt zur Tür gerichtet blieb, kramte er mit den Händen auf dem Secretär herum, steckte zwei Blätter in einen Stapel Papier und legte Bücher obendrauf.
Wollte der junge Lieutenant etwas vor ihm verstecken? Gontard fiel beim besten Willen nichts ein, was Colder zu verbergen haben könnte. Die Leistungen und das Verhalten des Studenten ließen keine Wünsche offen. Alle anderen Belange interessierten Gontard nicht.
Colder hatte sein Gewühle in den Papieren beendet und schoss so schnell hoch, als wolle er die Trödelei am Schreibtisch beim Aufspringen wettmachen.
Gontard sagte: »Begrüßt hatten wir uns heute schon in der Lehrveranstaltung, Herr Lieutenant, also komme ich gleich zur Sache. Ich habe ein Anliegen.«
»Selbstverständlich, Herr Oberst-Lieutenant. Wie kann ich Ihnen zu Diensten sein?«
»Vielleicht sollten wir uns zunächst setzen.«
Colder schnappte seinen Schemel und eilte um den Tisch herum. Er bewegte sich steif, seine Bewegungen sahen aus, als versuche er im Stechschritt zu rennen. Zum Glück schaffte er die vier, fünf Schritte, ohne zu stürzen. Der Lieutenant wies auf einen weiteren hölzernen Stuhl. »Eine bessere Sitzgelegenheit habe ich leider nicht zu bieten, Herr Oberst-Lieutenant.«
»Danke sehr.« Gontard spürte seine schweren Beine. Das Laufen im Berliner Gedränge strengte ihn stets an. Da war ihm sogar der harte Holzstuhl recht.
Colder blieb stehen und setzte sich auf ein Zeichen Gontards. Der Lieutenant sah aus, als erwarte er eine Belobigung.
»Es ist so, dass mein Knecht derzeit leider unabkömmlich ist.«
Colders Blick fehlte jegliches Verständnis.
Diese Miene kannte Gontard an dem jungen Mann noch gar nicht. »Ich habe eine dringende Mission zu erfüllen und benötige dafür die Assistenz eines zuverlässigen Mannes.«
Colders Gesichtsausdruck hellte sich auf, dennoch sagte er: »Ich verstehe nicht …«
»Nun, Herr Lieutenant, ich würde gern auf Ihre Dienste zurückgreifen.«
Dem jungen Lieutenant gelang es, noch aufrechter zu sitzen als zuvor. Ob der durch die Decke wachsen konnte?
»Die Mission würde noch heute beginnen.«
»Es ist mir eine große Ehre, Ihnen dienen zu dürfen, Herr Oberst-Lieutenant.«
»Gut, dann packen Sie bitte Ihre Garderobe zusammen. Sie sollte für zwei bis drei Tage reichen.« Gontard zog seine Taschenuhr hervor und klappte sie auf. »Schaffen Sie es, sich gegen neun Uhr abends in meinem Hause in der Dorotheenstraße einzufinden?«
»Eine Reise …« Colder sank in sich zusammen.
»Mit der Eisenbahn«, bestätigte Gontard.
»Aber ich wollte doch …« Colder verschluckte den Rest des Satzes.
»Es geht nach Breslau, mit dem neuen Schnellzug«, sagte Gontard aufmunternd.
Colder schwieg. In seinem Gesicht verrichteten die Muskeln Schwerstarbeit.
Gontard klappte seine Uhr zu. Bei dem Geräusch musste er immer an eine Wasserblase denken, die auf der Oberfläche eines Sees platzte. Manchmal schaute er nur nach der Uhrzeit, um das Chronometer zu öffnen und wieder zu schließen. Während er die Uhr zurück in die Tasche steckte, blickte er zu Colder und sagte: »Wenn Sie absolut unabkömmlich sind, würde ich auch eine andere Lösung finden.«
»Nein, nein. In der Dorotheenstraße soll ich mich einfinden, sagten Sie. Um neun?«
Gontard nickte.
»Ich werde selbstverständlich pünktlich sein.«
Ferdinand von Gontard spazierte mit Quappe am Stadtgraben entlang. Das Bier schien heilsame Wirkung zu haben: Quappe lief zwar nicht gerade wie ein junger Hengst, aber das Humpeln war kaum noch zu erkennen. Vielleicht lag das auch am schummrigen Licht. Die Bäume standen kahl wie Skelette und warfen lange Schatten auf den Weg. Es war noch nicht einmal halb vier, und trotzdem begann es schon zu dämmern. Wie viel der zwanzig Minuten frühere Sonnenuntergang im Vergleich zu dem in Berlin ausmachte, merkte Ferdinand vor allem in der Winterzeit. Im Januar war der Mittag kaum vorüber, und der Tag schien schon wieder vergangen.
Sie kamen am neuen Gefängnis vorbei, das gerade erst eingeweiht worden war. Die beiden Türme um das Haupttor gaben dem Carré etwas Kathedralenhaftes. Überhaupt schien Geheimrath Busse, als er die Pläne für den Komplex gezeichnet hatte, vor allem die Demonstration behördlicher Allmacht im Sinne gehabt zu haben: Wie eine Trutzburg ragte der Bau neben dem friedlichen Stadtgraben auf. Im Innern fanden nicht nur die Zellen für die Delinquenten Platz, sondern auch das Stadtgericht mitsamt seinen Bureaus und dem Archiv. Zudem hatte die hiesige Inquisition hier ihren Sitz, so dass eine Kirche ebenfalls nicht fehlen durfte. Der Südflügel, den sie nun erreichten, war jedoch den weltlichen Büßern vorbehalten. Ferdinand hatte gelesen, dass der Gefängnistrakt sich über drei Etagen erstreckte. Dabei maß eine einzelne Zelle ganze sieben mal zehn Fuß. An Stangen konnten die Insassen des Nachts Hängematten befestigen. Diese wurden morgens eingezogen, und dann blieb den Häftlingen als Abwechslung in dem kahlen Raume nur der Lokus. Lediglich die Zellen für die besseren Häftlinge verfügten zusätzlich über einen Schemel und einen Tisch. Das war auch nicht gerade als Luxus zu bezeichnen, aber immerhin besser, als den ganzen Tag im Kreis zu laufen.
Ferdinand merkte, wie sich die Härchen auf seinem Arm aufstellten – und das führte er nicht auf die Kälte zurück. Eine Berührung an der Schulter riss ihn aus seinen Gedanken.
Quappe tippte ihn unaufhörlich an. Dabei wies der Stallbursche mit dem Kopf gen Schweidnitzer Thor.
Von dort kam der Soldat herbeigeeilt, den Ferdinand auf dem Weg zur Schankwirtschaft schon einmal gesehen hatte. Nun erkannte Ferdinand ihn: Es war der Diensthabende des Bataillonskommandeurs von Frohwitz. Verfolgte der Mann sie? Hier am Stadtgraben konnte er nicht in der Masse untertauchen. Die Zahl der Passanten hielt sich in Grenzen, und die kahlen Bäume und Hecken boten auch kaum die Möglichkeit, sich zu verbergen. Ferdinand blieb stehen und wandte sich dem Gefreiten zu. Der nickte ihnen zu und näherte sich mit schnellem Schritt.
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