Kitabı oku: «Blaublütig»

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1 Kapitel

Ehemaliges deutsches Gebiet. Aus den Unruhen der 1940er Jahre entstand das vereinte Kaiserreich deutscher Nation, welches in sieben Reichsgebiete aufgeteilt wurde. Die Hauptstadt war Berlin, von wo aus die Kaiserin mithilfe des Parlamentes regierte. Jedes Reichsgebiet stand unter der Kontrolle einer Familie aus dem Hochadel. Die Bevölkerung war ab dem 30. Lebensjahr dazu verpflichtet, sich aller fünf Jahre eine Impfung gegen den Alterungsprozess geben zu lassen. Dadurch verfügte das vereinte Kaiserreich über genügend Soldaten und Arbeiter im Reich, denn dadurch lag die Lebenserwartung bei 130 Jahren. Sicher, dass vereinte Reich hatte so seine Mängel und es herrschte in den Lehnsgebieten Korruption, aber dadurch kam Adolf Hitler nie an die Macht. Und wer weiß? Vielleicht konnte man dadurch einen weiteren Weltkrieg verhindern?

Grundstück derer zu Millburgh am Wannsee/ Berlin Ende Juli 2020

Anastasia von Millburgh, Kurfürstin der Pfalz und liebevoll Pia genannt, kannte ihre rothaarige Gattin. Diese funktionierte wie ein Uhrenwerk. Also saß sie mit einer Zeitung bewaffnet in der Küche und wartete. Das was in der Zeitung stand interessierte sie kein bisschen. Hier ein Krieg, da ein Konflikt, dort ein Skandal und irgendwo ein Aufstand im Westen. Die Zeitungen wurden auch immer unkreativer von Jahr zu Jahr. Vor allem spiegelte sich mittlerweile der sinkende Bildungsstand in deren Worten wieder. Sie hätte sich genauso gut einen Rotstift nehmen können und alle Fehler anstreichen und das korrigierte Blatt zum Verlag zurückschicken können. Schließlich war sie Schriftstellerin und hatte Journalismus studiert. Leise gähnte sie in ihre Hand. Normalerweise würde sie um solch eine Uhrzeit noch im Bett liegen und nicht in der Küche sitzen, um den rothaarigen Lockenkopf eine Lektion zu erteilen. Oder wenigsten ein bisschen Aufmerksamkeit zu erhaschen. Zeitweise hasste sie es das Regina ständig beschäftig war. Wenigsten hatte diese dadurch keine Zeit fremdzugehen. Eine Sorge weniger in ihrem Kopf. Sie schaute an sich her runter und tippte mit ihren Finger in ihren Bauch. Da war ein wenig Luft bis sie die Muskeln spürte. Noch immer hatte die gebürtige Russin ihr wellendes, langes brünettes Haar. Es gab Tage da zweifelte sie an ihrem Aussehen, obwohl sie mit Regina schon 43 Jahre zusammen war. Ihre Göttergattin, welche eine gebürtige Adlige war, hatte immer noch ihren muskulösen Körperbau und diese breiten Schultern, wo sie sich gerne nachts ran kuschelte. Wenn sie denn mal neben ihr lag! Und sie selber hatte immer noch ihre Kurven, manchmal ein wenig mehr und manchmal ein wenig weniger. Sie weiß dass sie unfair war, aber wenn sie nicht ihre regelmäßige Aufmerksamkeit bekam, plagten sie enorme Selbstzweifel, welche sich zeitweise in irrationale Eifersuchtsszenen spiegelten. Zum Leidweisen des gemeinsamen Geschirrs und den Nerven ihrer Frau. Aber sie konnte sich immer auf sie verlassen, denn schon hörte sie die Schritte auf der Treppe. Punkt auf die Minute genau betrat Regina Antonia von Millburgh, Ahnherr und Kurfürstin der Pfalz, die gemeinsame Küche. Zielstrebig steuerte sie das Tee Regal an – die Brünette beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Der Lockenkopf verzog noch nicht einmal überrascht das Gesicht, als sie ihre Gefährtin am Tisch sitzen saß, sondern öffnete unbeirrt die Tür des oberen Küchenschrankes. Für ein paar Sekunden herrschte absolute Stille.

„Darling? Hast du unser Tee Regal aufgefüllt?“ fragte die Adlige.

„Ja. Du hast mich darum gebeten.“

„Okay, aber seit wann trinkst du denn Tee??“ Rote Locken schüttelten sich vor Lachen.

„Tee soll gesund sein.“

„Heiße Liebe? Pure Lust? Sweet Kiss? Was willst du mir mitteilen?“ ihr Ton klang amüsiert und schließlich schloss sie die Türen des oberen Schrankes. Stattdessen ergriff sie nun das Kaffeepulver und füllte den Filter mit dem braunen Gold bis zum Rand. Noch immer stand sie mit dem Rücken zur Brünetten. Noch immer saß Pia am Tisch und beobachtete, wie sie nun eine Kanne Wasser in die Maschine füllte und dann den Anschaltknopf drückte.

„In unserem Tee Regal geht ja mehr ab, als in unserem Schlafzimmer.“ schmollte die exzentrische Schriftstellerin.

„Um mir diesen subtilen Hinweis zu geben, hast du alle möglichen Teesorten gekauft, nur nicht mein Earl Grey?“ Endlich drehte sie sich um und verschränkte in typischer Manier die Arme vor der Brust.

„Ja! Andere Hinweise nimmst du ja nicht wahr! Aber in das Tee Regal schaust du ja regelmäßig hinein.“ Pia ließ sie Zeitung fallen und fixierte ihre Partnerin.

„Welche Hinweise habe ich nicht wahrgenommen?“

„Ich stand nackt vor dir und du hast mir meinen Morgenmantel gereicht!“

„Pia! Ich war auf den Sprung zu einem Geschäftsessen. Woher sollte ich wissen, dass du kurz vor einem Essen Sex willst?“

„Ich will immer Sex!“

„Und ich möchte immer meinen Tee!“

„Kein Tag ohne deinen geliebten Tee!“ wetterte die brünette Schönheit. Regina lehnte sich gegen die Arbeitsplatte und strich sich über den Nasenrücken.

„Heute schon. Ich wünsche dir viel Spaß mit deiner „Heißen Liebe“, die dir „Pure Lust“ verschaffen und dies alles mit einem „Sweet Kiss“ abschließen wird. Es wird bestimmt eine heiße Angelegenheit!“ smaragdfarbene Augen zwinkerten ihr zu und sie lachte dabei, während sie zum Kühlschrank lief, um sich Milch für ihren Kaffee zu nehmen. Kurz hielt sie inne und fragte: “Erwartet mich jetzt hier eine nackte Hähnchenbrust oder so was ähnliches?“ Noch immer funkelten ihre smaragdfarbene Augen vor Amüsement.

„Sehr witzig. Und?“ Die Aufmerksamkeit für den Kaffee war wieder einmal wichtiger, als eine ernsthafte Angelegenheit zu besprechen. Beispielsweise ihre sexuellen Frustrationen, wofür ihre Gattin eindeutig zuständig war. Irgendwo stand doch was von ehelichen Pflichten geschrieben!

„Und was?“ kam die abwesende Frage des Lockenkopfes.

„Was wirst du dagegen tun?“

„Dich mit deinem Tee alleine lassen? Ich würde bei deinen sexuellen Eskapaden nur im Wege sein.“ Sprach es und nahm ihren Kaffee und verließ die Küche, um sich allen Anschein nach wichtigeren Dingen zu kümmern, als sich ihrer Frau zu widmen. Sofort sprang die brünette Russin auf und hörte noch immer das Lachen, als sie das Wohnzimmer betrat. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Der Wohnzimmertisch drohte unter den ganzen Papierkram zu zerbrechen. So wie es ausschaute hatte die Fürstin den Abend davor damit noch angefangen. „Dafür kam sie so spät ins Bett?? Das ist nicht ihr Ernst!! Ich lag verführerisch inmitten des Bettes! Nackt!! Und sie arbeitet im Wohnzimmer an irgendwelchen Unterlagen??“ rannte es ihr durch den Kopf.

„Hast du gestern schon wieder Arbeit aus deinem Büro mitgebracht?“ fragte sie verärgert. Ihre Stimmung drohte den Gefrierpunkt zu erreichen und wenn Regina nicht bald angemessen reagierte, würde ihre Kaffeetasse die nächste Wand sehen, wenn sie ihr diese aus der Hand reißen würde. Oder der Kaffee landete auf den Unterlagen. Doch stattdessen wühlte sich diese abwesend durch den Haufen links von ihr, bis sie schließlich fand was sie suchte und zeigte ihr es anschließend.

„Was ist das?“ Pia schaute noch nicht einmal auf das Papier.

„Deine Kreditkartenabrechnung vom letzten Monat, Darling.“ In der Regel nahm Regina nur die Kassenzettel und Abrechnungen entgegen und heftete diese ordnungsgemäß ab. Nur in diesem Monat hatte Anastasia eine Unsumme ausgegeben, dass ihr die Haare zu Berge standen.

„Du kümmerst dich sonst auch nicht um meine Ausgaben. Schnüffelst du mir hinterher?“ verteidigte sie sich und griff zeitgleich an. „Verlasse dich auf Pia, um darauf den Fokus zu legen!“ Der Rotschopf holte tief Luft und ließ diese leise entweichen.

„Du denkst ich schnüffele dir hinterher? Hast du mir nicht gerade in der Küche subtil mitgeteilt untervögelt zu sein, weil ich in deinen Augen nicht genug Zeit für dich habe? Was denkst du was ich in der Zwischenzeit gemacht habe? Dir hinterher geschnüffelt?? Wenn ich dafür Zeit gehabt hätte, dann wärst du nicht untervögelt!“ erwiderte sie gereizt.

So eloquent und majestätisch ihre Frau auch sein konnte, so konnte sie auch wie ein Seemann fluchen. Was in diesem Fall bedeutete, dass sie ihr Temperament verlor und Pia für die kommende Nacht auf die Couch verfrachten würde.

„Entschuldige.“ Mummelte die Schriftstellerin und ergriff die Hand des Lockenkopfes und setzte sich mit ihr auf die Couch. Willig setzte diese sich ebenfalls und nahm einen Schluck Kaffee.

„Zu meiner eigentlichen Frage. Du hast diese Summe wirklich ausgegeben, ja? Deine Kreditkarte wurde nicht gestohlen?“ Anastasia kümmerte sich nie um die Finanzen. Sie war nur gut darin dieses Vermögen auszugeben. Irgendjemand musste in dieser Familie ja wenigsten etwas Geld ausgeben. Die drei Millburghs waren bodenständiger und sparsamer als ein Bettler auf der Straße.

„Warum fragst du?“ sie lehnte ihren Kopf gegen die Schulter der Adligen.

„Du hast über 5000 Goldmark in einem Sexshop ausgegeben! Ich hatte schon die Sorge, dass eine Nymphomanin deine Karte gestohlen hat.“ Hastig ergriff die Brünette die Abrechnung und überprüfte ob da auch noch stand was sie nun genau gekauft hatte. Zum Glück nicht. Das Geld gehörte Pia und war damit ihre eigene Angelegenheit.

„Muss ich mir Sorgen machen?“ fügte der Rotschopf hinzu. Ah ja, sie hatte darauf gewartet. Regina ihre Gehirn arbeitete auf Hochtouren und es war nur eine Frage der Zeit bis die logische Schlussfolgerung kommen würde.

„Eröffnest du demnächst ein Bordell oder hast du ein paar Liebschaften neben mir zu laufen?“ fragte diese schließlich. Lachend stieß sie die Fürstin zur Seite. Da war die subtile Unsicherheit ihrer Gefährtin, welche fast nie zum Vorschein kam. Pia entspannte sich und atmete erleichtert aus.

„Babe, dann wäre ich nicht untervögelt, oder? Und ja. Ich eröffne ein Edelbordell für die Aristokratie. Die adligen Damen würden Unsummen für dich ausgeben.“

„Gut zu wissen welchen Wert ich für dich habe.“ Die Russin lehnte sie zu ihr und ergriff ihr kantiges Kinn, um ihr Gesicht näher zu sich heranziehen zu können.

„Unbezahlbar. Ich wäre deine einzige Kundin.“ hauchte sie gegen verführerische Lippen. „Wäre das so, ja?“ hörte sie die heisere Antwort.

„Hm. Wie lange brauchst du noch mit den Finanzen?“

„Ich kann mir eine Pause gönnen, um meine ehelichen Pflichten nachzukommen.“ Ihre Lippen vereinten sich zu einem leidenschaftlichen Kuss. Die brünette Schönheit beende ihn atemlos und legte ihre Hände auf den Brustkorb der Adligen, um sie ein Stück von sich weg schieben zu können.

„Das klingt verlockend, aber deine Gattin ist verabredet. Sophie wartet auf mich und du bist zum Golfen verabredet. Gehe mit den Jungs danach keinen trinken und du kannst mich später vernaschen. Deal?“ Jetzt bereute es die Brünette, dass Spiel je begonnen zu haben. Wann würde sie es lernen und ihren Löwen nicht herauszufordern? Zumal sie vorher wusste, dass sie beide verabredet waren. Grüne Augen verengten sich sofort zu Schlitzen.

„Thomas feiert seinen Geburtstag. So schnell komme ich nicht weg. Du weißt was es bedeutet, wenn die Jungs Geburtstag feiern.“

„Ein Strip-Club. Natürlich.“ stöhnte sie auf. „Kannst du nicht wie andere auch mit Frauen befreundet sein? Frauen gehen wenigstens nicht regelmäßig in einen Strip-Club.“ Fügte sie noch hinzu.

„Jaqueline hast du gehasst. Und Bettina. Vor allem aber war dir Angela ein Dorn im Auge.“

„Sie wollten dich alle nur für ihr Bett!“ zischte sie.

„Irrelevant. Trotzdem waren sie meine Freundinnen. Zum Sex gehören immer noch zwei.“

„Du hast immerhin Hanna. Die mag ich.“

„Sie ist die Kaiserin! Was willst du gegen sie unternehmen?“

„Gar nichts. Da du mit mir verheiratet bist, kann sie dich nie zum Kaiser machen.“

„Kaiserin.“ korrigierte die Fürstin sofort und verdrehte die Augen.

„Wenn Ihre Majestät den Strip-Club auslässt, dann könnten wir zusammen schauen, was ich im Sexshop für uns gefunden habe.“ flüsterte sie ihr ins Ohr und streichelte mit ihrem Zeigefinger die Knopfleiste des blauen Oxford-Shirts nach. Ihr Blick fiel zum wiederholten Male auf sinnliche Lippen. Sie sah wie grüne Augen ihren Finger bis zum Gürtel folgten. Schließlich legte sie ihre rechte Hand auf den jeansbekleideten Oberschenkel ab und streichelte langsam weiter nach oben.

„Ich befürchte deine kleine Folterkammer mit den Handschellen muss warten. Ich kann unmöglich zu Thomas sagen, dass ich nicht mit zum Feiern kommen kann, weil meine Frau einen Sexshop leer gekauft hat. Nicht schon wieder!“ sie stoppte die wandernde Hand, als diese gefährliche nahe zu ihren Schritt glitt. Doch Pia sah wie schwer sie schlucken musste und schmunzelte. Ganz so kalt, wie sie immer den Anschein erweckte, ließ sie das Spiel dann doch nicht. Noch immer grinsend näherte sie sich ihr weiter, ergriff die linke Hand und führte diese zu ihrem Busen. Ohne einen BH spürte die Adlige den erregten Nippel.

„Komm, koste von der verbotene Frucht.“ lockte sie, ergriff eine Handvoll roter Locken und presste den willigen Mund zu ihrem Busen. Lippen umschlossen den sensiblen Nippel und saugten leidenschaftlich daran. Sophia würde es ihr verzeihen, wenn sie später kommen würde. Sie war auch nur eine Frau, welche Bedürfnisse hatte, die gerade erfüllt werden sollten. Bei solch einer Gelegenheit musste sie zugreifen. So ließ sie sich auf den Rücken fallen und empfang die kräftige Hüfte zwischen ihren Beinen. Der raue Stoff der Jeans rieb gegen ihre dünne Stoffhose an genau der richtigen Stelle und sie umschlang mit ihren Beinen die kreisende Hüfte. Nicht das Regina ihre Sinne wiedererlangen und sich an das verabredete Golf Spiel erinnern würde. Zur Feier wäre sie ja dann da und schließlich ging es Thomas nur darum. Also wanderten ihre Hände unter das Shirt und mit ihren Fingernägeln kratzte sie lustvoll über den muskulösen Rücken. Regina zögerte keine Sekunde und half ihr aus dem T-Shirt, während ihre Lippen noch immer über einen wollüstigen Busen küssten. Ihre eleganten Finger fanden das Ziel und ungeduldig drängte sich Pia ihr entgegen.

„Babe! Es gibt den richtigen Zeitpunkt um Sex zu zelebrieren. Dieser hier ist es gerade nicht. Dieser schreit nach einem Quickie! Also verliere dein Shirt und nimm mich endlich!“ Heiseres Lachen ließen ihr einen Schauer über den Rücken jagen.

„Wenn ich schon zu spät komme, dann nehme ich mir jetzt ausgiebig Zeit um von deiner verbotenen Frucht zu kosten.“ Pia ergab sich ihrem schweren Schicksal und lieferte sich dieser süßen Tortur aus. Die Fürstin würde dafür später bezahlen.

Sophia Louise Baronin von Wolfenstein war es gewöhnt dass Pia zu spät zu ihren gemeinsamen Treffen kam. Wann war sie denn mal nicht zu spät? Zumal sie nie ein Frühaufsteher war und nicht vor 11:00 Uhr das Bett verließ. Aber als sie dann über eine Stunde gewartet hatte und sie über das Handy auch nicht erreichen konnte, fuhr sie schließlich zu dem inoffiziellen Anwesen derer zu Millburgh. Das Restaurant, die „Villa am See“, war mittlerweile offen und einige Gäste tummelten sich auf dem Grundstück herum. Aber der rote Mustang und der schwarze Porsche standen auf ihren vorgesehenen Plätzen. Verwundert lief sie erst einmal zum Restaurant, denn wenn es voll war würde es erklären warum beide Autos noch auf dem Grundstück standen. Sie warf einen flüchtigen Blick in den großen Salon, doch dieser war bis auf zwölf Gäste leer. Madeleine und Katja schafften das alleine, so dass die Beiden zumindest nicht im Restaurant aushelfen mussten. Also lief sie zum vorderen Teil des Restaurants und schaute ob das Büro offen war. Manchmal vergaß Regina ihre Treffen und steckte ihren Kopf in unterschiedliche Unterlagen und Ordner, wenn niemand sie daran erinnerte, dass es noch ein Leben außerhalb der Arbeit gab. Überraschenderweise war dort ebenfalls die Tür zu.

„Baronin von Wolfenstein? Mit Ihnen habe ich heute nicht gerechtet.“

„Oh Madeleine! Sie sollen mich doch Sophia nennen. Ich suche Pia oder wenigsten Gin.“ Madeleine lächelte und schüttelte ihren Kopf.

„Frau von Millburgh hat sich für zwei Tage Urlaub verabschiedet. Es ist Ende August und die wichtigen, adligen Hochzeiten sind durch, so dass sich beide Zeit für sich nehmen wollten. Sie befürchtete das Pia unruhig wird, weil sie in den letzten Tagen solange im Büro saß.“ Sophie versteckte ein Lächeln hinter ihrer Hand. Woher auch immer Regina wusste, welche Gedankengänge ihre Frau gerade so plagten. Pia vergaß regelmäßig, dass sie eine umsichtige und rücksichtsvolle Frau geheiratet hatte.

„Also sind beide noch auf dem Grundstück? Und Pia ist nicht krank?“ Wenn Pia krank war blieb Regina wenigsten für einen Tag zu Hause und kümmerte sich um sie. Egal welche Treffen zu diesem Zeitpunkt in ihrem Planer standen, denn die Brünette war unerträglich wenn es ihr nicht gut ging. Regina machte diesen Fehler nur zweimal und ließ sie am ersten Tag alleine, um dann später nach Hause zu kommen und etliche Vorwürfe an den Kopf geworfen zu bekommen. So dass sie freiwillig auf der Couch schlief, um der unendlichen Diskussion ein Ende zu setzen. Die Baronin verabschiedete sich von Madeleine und lief langsam zum Herrenhaus. Noch einmal versuchte sie Regina anzurufen, die wieder nicht an das Telefon ging. In ihrem Fall war es ungewöhnlich, bei Pia war es keine Seltenheit das sie das Handy nicht mehr finden konnte. Sophia war sich ziemlich sicher dass Regina mit Michael und Thomas zum Golfen verabredet war, weswegen Pia sich mit ihr so früh treffen wollte. Also klingelte sie schließlich und hörte sofort Hamlet bellen. Nur bis die Tür geöffnet wurde dauerte es eine Weile. Und dann stand die Fürstin vor ihr und die hochgezogene, rote Augenbraue sagte ihr alles was sie wissen musste. Die Baronin grinste breit, vor allem als dann Pias: „Babe! Wer es auch ist! Schick ihn weg! Ich bin noch lange nicht fertig mit dir!“ ertönte. Regina atmete hörbar aus.

„Darling, das muss warten. Es sei denn du benötigst Zuschauer?!“

„Och. Lasst euch nicht von mir stören. Ich schau auch zu.“ flüsterte Sophie.

„Nicht schon wieder! So komme ich nie auf meine Kosten! Ich möchte endlich deinen Körper haben!“ winselte die Russin noch immer im Hintergrund. Die Fürstin sah auch nicht begeistert aus, dass sie gerade gestört worden. Mehr als die Hälfte der Knöpfe waren an ihrem Shirt offen und der Gürtel baumelte nur noch in den Schlaufen. Sophie wusste genug von ihren Sex-kapaden um zu wissen, dass Pia recht früh abgelenkt wurde, wenn der Lockenkopf noch immer die Klamotten am Körper hatte.

„Wer ist es denn?“

„Deine Baronin.“ Kam es genauso genervt als Antwort.

„Gin!! Mach dein Hemd zu! Hi Sophia!“ Plötzlich erschien Pia hinter ihrer Frau.

„Nur keine Umstände. Ich genieße die Aussicht. Anscheinend war der horizontale Walzer wichtiger, als mich zu treffen?“ fragte sie selbstgefällig.

„Tretet doch ein, werte Baronin.“ Bot der Lockenkopf sarkastisch an und machte den Weg frei. Pia noch immer gegen ihren Rücken gepresst.

„Danke, Kurfürstin.“ Die kleinere blonde Frau umarmte den Rotschopf und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

„Ich habe mir Sorgen gemacht. Wir waren vor fast zwei Stunden verabredet.“ Erklärte sie ihr ungeplantes Erscheinen.

„Sophia! Hände weg von meiner Frau! Das ist alles meins!“ Pia kam endlich – Gott sei Dank in ein langes T-Shirt gekleidet – auf sie zu und umarmte sie liebevoll.

„Ich wollte euch nicht stören. Wollen wir unser Treffen verschieben?“ Die Bürgerliche schüttelte ihren Kopf und zog ihre Freundin ins Wohnzimmer. Wenn sie vorher gewusst hätte, dass beide frei haben dann wäre sie nicht zum Anwesen gekommen. Schon allein die Tatsache, dass Regina zwei freie Tage genommen hatte, zeigte ihr, dass wohl Pias Frustrationen ihren Höhepunkt gefunden hatten. So sehr sie ihre Freundin auch liebte, sie war zeitweise wie ein brodelnder Vulkan. In den 26 Jahren, die sie sich kannten, hatte sich dieser Aspekt ihrer Persönlichkeit nie verändert. Natürlich war die Fürstin auch nicht perfekt. Niemand war perfekt. In Sophie ihren Augen arbeitete sie zu viel, war stur wie ein Bock und spielte gerne mit dem Feuer, wenn sie Pia bis an ihre Grenzen reizte. Oft hatte sich die Baronin gefragt, wie die Beiden die 43 Jahre miteinander überlebt hatten, und dann tat Pia oder Gin irgendwas klischeehaftes süßes – was beide abstreiten würden – und sie sah die tiefe Verbundenheit und Liebe der Beiden.

„Es tut mir Leid, Sophie. Gin fand die Kreditkartenabrechnung von diesem Monat und hatte diesbezüglich ein paar Fragen. Na ja und was soll ich sagen? Ich hatte Bedürfnisse.“ Verteidigte sie sich.

„Du hast immer Bedürfnisse. So viele Bedürfnisse wie du hast, bringst du noch Gin in ein frühes Grab. Gib ihr mal ´ne Pause!“

„Ja, ja, ja.“ Beide beobachteten die Adlige wie sie die Unterlagen sortierte, ihre Kaffeetasse nahm und anschließend ihrer Frau einen Kuss gab und danach im Flur verschwand. Die kleine Blonde setzte sich auf die Couch und wartete bis Pia sich zu ihr setzte.

„Gin fragt dich doch nie wofür du Geld ausgegeben hast.“

„Es waren über 5000 Goldmark in einem Sexshop.“ Sie erzählte es so als ob sie ein paar Gurken einkaufen war.

„Über 5000 Goldmark?? Hast du den Laden leer gekauft?“ Die Bürgerlich stieß ihre Freundin zur Seite.

„Gott, du reagierst wie Gin! Nein, ich habe uns eine schöne Kollektion zusammengestellt.“

„Wozu?? So wie ich dich gerade sehe, hat dir Gin genau das gegeben was du offensichtlich gebraucht hast. Warum dann also Sex Spielzeug? Du schwärmst doch ständig von ihren Liebhaber Qualitäten. Du hast mich so neugierig gemacht, dass ich diese Qualitäten gerne mal erleben würde.“ Pia warf ihr einen verspielten giftigen Blick zu.

„Hach! Für einen Moment sah ich deine Eifersucht! Du entwickelst dich dann zum Tier! Also, warum das Spielzeug?“

„Ähm, seit einiger Zeit habe ich Träume, mit Gin […]“ sie errötete bis zu ihren Ohrenspitzen. „Von wem auch sonst? Ich schwöre dir, du bist die einzige Frau die Sex mit ihrer Partnerin hat und auch noch erotische Träume von dieser!“

„Und? Gin hat sich bereit erklärt einige dieser Träume auszuprobieren und dafür muss ich vorbereitet sein.“

„Du bist unmöglich! Wolltest du dich deswegen mit mir treffen?“

„Ja klar. So was muss doch geplant werden! Aber jetzt geht es nicht mehr. Thomas hat Geburtstag.“

„Ah ja, der jährliche Strip-Club. Wie oft haben Thomas und Michael für Gin Lap-Dances gekauft?“

„Unzählige Male und kein einziges Mal hat sie darauf reagiert.“ Plötzlich sprang die Russin auf.

„Oh Gott! Ich bin gar nicht dazu gekommen sie zu vernaschen! Sie wird sexuell frustriert in einen Strip-Club gehen!“

„Ja. Und die erst beste Stripperin vernaschen. Gefolgt von drei Anderen. Ist das jetzt dein Ernst?“ Sophia ergriff ihren Arm und zog sie zurück zur Couch.

„Du bist nicht hilfreich.“ Schmollte die Bürgerliche.

„Nein. Ich bin rational. Sie wird nicht zum ersten Mal sexuell frustriert in einen Strip-Club gehen. Stell dich lieber auf eine lange Nacht ein, denn sie holt sich den Appetit und wird dann zu Hause essen.“ Beide lachten leise.

„Du hast Recht. Wollen wir den Tag in der Stadt verbringen? Und danach ein gutes Essen genießen?“

„Ich habe Zeit. Eduard sitzt heute in unzählige Meetings drin.

„Dein Mann hat sich das von Gin abgeschaut.“

„Wenn er sich nur noch ein wenig mehr abschauen würde. Feuer, Leidenschaft oder ein Rückgrat.“

„Du bist nie zufrieden.“

„Da gebe ich meiner Frau Recht.“ Ertönte es aus der Küche und die Adlige kam zurück in das Wohnzimmer gelaufen. Sie wechselte in eine schwarze Anzugshose und rotes Shirt. Über ihrer linken Schulter hang das Equipment für ihr Golfspiel. „Ich bin weg. Michael hat ebenfalls mein Handy mit Nachrichten und Anrufen bombardiert. Wir sehen uns heute Abend, ja?“ Sie beugte sich zur Schriftstellerin und gab ihr einen innigen Kuss.

„Pass auf dich auf, ja? Und rase nicht wieder in die Stadt. Gib Kriminalhauptkommissarin Miller keinen Grund dich aus dem Verkehr zu ziehen!“

„Ja. Macht euch einen schönen Tag und Sophia […]!“ Diese lächelte nur unschuldig.

„Keine Dummheiten. Ich habe keine Lust euch zum wiederholten Male aus dem Gefängnis zu befreien. Das nächste Mal kann euch Eduard abholen, weil ihr zu tief ins Glas geschaut habt. Mein Mustang musste sehr lange gereinigt werden.“

„Aber wenn wir dich nicht anrufen, müssen wir Strafe zahlen.“ Schmollte die Baronin.

„Dann macht es doch einfach nicht! Oder feiert doch mal in deiner Stadtvilla zur Abwechslung.“ Kam die leicht unterkühlte Antwort.

„Als ob Pia dich hier alleine lassen würde. Mach dich nicht lächerlich!“

„Da hat sie Recht, Babe. Du musst los. Ich sehe dich heute Abend.“ Ohne ein weiteres Wort verschwand sie aus der Eingangstür. Hamlet, welcher die ganze Zeit auf seine Herrin gewartet hatte lief zur Tür und winselte.

„Hamlet braucht noch seinen Spaziergang und dann muss ich in sein Körbchen ein Hemd von Gin hineinlegen. Sonst gibt der kleine Wanst keine Ruhe.“

„Na los. Ich kümmere mich um ihn. Geh duschen und dann machen wir in aller Ruhe los.“

„Auch wenn Gin dich als Ausgeburt der Hölle sieht, ich liebe dich Sofi!“

Zwei Wochen später

„Mache mich endlich zu deiner Fürstin!!“ forderte Pia, welche aus unerfindlichen Gründen zu tief ins Glas geschaut hatte. Doch Regina lief unbeirrt in das gemeinsame Haus und drehte sich dann verdutzt im Flur zu ihr herum. Schließlich schüttelte sie ihre roten Locken und betrat ohne ein weiteres Wort in das Wohnzimmer. Diese Diskussion führten sie bereits seit zehn Minuten und die Adlige verlor so langsam ihre Geduld. Denn sie feierten erst vor zwei Wochen ihre Silberne Hochzeit und solange trug die Russin auch ihren Adelstitel. Überraschend wurde sie am Arm gepackt und herum gerissen.

„Ich rede mit dir! Du hast heute geflirtet!“ kam es angriffslustig von der brünetten Schönheit.

„Ich habe heute geflirtet? Und das stört dich, weil […]?“ fragte sie irritierend und sah wie der Arm von ihrer Partnerin zuckte. Sie warf ihr einen warnenden Blick zu und fügte hinzu: „Ich bin mit dir verheiratet. Warum stört es dich das ich mit dir flirte?“ Pia entwich sämtliche angehaltene Luft und schließlich ließ sie ihre Gattin los.

„Ich rede doch nicht von mir! Du kannst mit mir jederzeit flirten. Ich rede von Katja!“

„Welche Katja?“ Wieder zuckte der Arm der Brünetten.

„Ich warne dich! Zügel dein Temperament! In den letzten 43 Jahren hast du immer den Kürzeren gezogen.“ Die harten Linien im Gesicht der Adligen wichen einem weichen Ausdruck.

„Darling, gibt es irgendeinen Grund warum du heute getrunken hast?“ Jedoch konnte die exzentrische Schriftstellerin den Impuls nicht vollständig kontrollieren und presste ihre Gefährtin gegen die Wand. Leise stöhnte der Lockenkopf auf, als die Kratzspuren auf ihren Rücken mit der Wand in Kontakt kamen. Sie war nicht ignorant, wenn es um das Verhalten ihrer Frau ging. Bisher fand sie keine Zeit mit ihr in Ruhe darüber zu sprechen, obwohl Pia schon eine Weile wieder in ihre alten Verhaltensweisen fiel und vor allem ihre besitzergreifenden Tendenzen sich bemerkbar machten. Im Bett sorgte dies für ein ordentliches Feuerwerk, aber auf der Arbeit hatte dies nichts zu suchen.

„Lass mich los! Ich bin nicht in der Stimmung mit dir das Schlafzimmer aufzusuchen. Rede mit mir und erkläre mir bitte von welcher Katja du sprichst! Denn wir befinden uns inmitten einer Hochzeitsfeier und irgendjemand sollte das Brautpaar betreuen.“ Erinnerte der Rotschopf an das aktuelle Problem. Denn nebenan, in ihren Restaurant der „Villa am See“, fand eine Hochzeitsfeier statt wofür beide als Geschäftsführerinnen verantwortlich waren. „Unsere Kellnerin Katja.“ Stieß die Brünette aus und ihre haselnussbraunen Augen funkelten vor Zorn.

„Was? Machst du Witze? Sie ist über zwanzig Jahre jünger als ich! Vor zwei Wochen feierten wir unseren 25. Hochzeitstag und du bist eifersüchtig auf unsere Kellnerin?“

„Sie hatte dir schon schöne Augen gemacht, als sie im Vorstellungsgespräch war.“ Schmollte sie jetzt.

„Ja, vor zehn Jahren! Deswegen hatten wir sie aber nicht eingestellt. Und ja, ich bin mir dessen bewusst, dass in letzter Zeit ihr Verhalten sonderbar ist. Aber heute ist es besonders bizarr. Und als ich sah das dein Temperament mit dir durchging, wollte ich mich mit dir kurz zurückziehen und erst zum Feuerwerk zurückkehren.“ Pia ließ ihre Schultern fallen und schaute beschämt zum Boden.

„Oh. Du hast es bemerkt. Warum hast du nichts dagegen gemacht? Ich habe euch beobachtet.“ Smaragdfarbende Augen verdrehten sich gen Himmel. Ein sicheres Zeichen dafür, dass die Adlige ihre Geduld verliert..

„Gut zu wissen. Während ich arbeitete hast du die Zeit genutzt und uns beobachtet und dabei zu tief ins Glas geschaut, ja?“ fragte sie mit einem schneidigen Unterton.

„Ja! Es tut mir ja Leid. Aber du hättest jederzeit etwas gegen ihre Annährungsversuche unternehmen können!“

„Und was hätte ich tun sollen? Sie fiel mir in die Arme, weil sie angeblich gestolpert sei. Hätte ich zur Seite springen sollen und so tun als ob ich es nicht gesehen hätte? Sie blieb mit ihrer Hand in meiner Anzugsjacke hängen! Wenn sie gefallen wäre hätte ich vermutlich nicht nur eine kaputte Anzugsjacke gehabt!“

„Gutes Argument. Und als sie dir an den Hintern ging?“

„In meinen Händen war ein Tablett mit Gläsern voller Champagner! Das war der Empfang! Ich verschwende doch nicht guten Champagner, nur weil meine Angestellte der Meinung war, dies sei der richtige Moment, um mir an den Hintern zu gehen. Ich kann froh sein, dass ich das Tablett nicht vor Schreck fallen ließ.“

„Geizhals! Ich hätte das Tablett fallen gelassen und ihr eine Ohrfeige gegeben.“

„Ja, ich weiß. Denn wie oft hat dein impulsives Verhalten dazu geführt, dass wir in den Schlagzeilen gelandet sind?“ Ihre Diskussion wurde durch das Klingeln von Reginas Handy unterbrochen. Pia fischte es aus der Hosentasche ihrer Partnerin und schaute auf das Display. Zornig verzog sie ihr Gesicht zu einer Grimasse und zeigte es der Adligen. „Katja“ stand dort und ungeduldig ging schließlich die Brünette ran.

„Ja? Was willst du? Falls es dir entfallen ist, ich bin ebenfalls eine Frau von Millburgh. Ich bin mit ihr seit 25 Jahren verheiratet! Jetzt pass mal […]!“ Regina riss ihr das Handy aus der Hand. „Katja? Was gibt es? Ich sagte doch dass wir uns zurückziehen. Nein, ich muss noch einmal ins Büro. Pia wird stattdessen kommen.“ Sie legte auf und erwartungsvolle haselnuss-braune Augen schauten sie an.

„Tut mir Leid Darling, aber unsere Diskussion muss auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Ich muss ins Büro, um unsere Fahrt nach Dresden zu planen und die Einkäufe der nächsten Woche müssen noch zusammengestellt werden. Gehst du bitte zu Katja? Die Braut möchte ihren Strauß werfen und es war ausgemacht, dass es danach noch einmal Champagner gibt. Und reiß dich bitte zusammen. Ich verspreche dir, wir reden darüber und du wirst es nicht bereuen.“

„Babe! Wir wollten ein wenig Zeit miteinander verbringen.“ Winselte die exzentrische Schriftstellerin. Regina zog sie sanft zu sich heran und die Russin küsste sie voller Ungeduld. Vergnügt zuckte diese danach mit ihren Augenbrauen.

„Und was meinst du? Wollen wir doch noch schnell einen Tango auf der Couch tanzen?“

„Du, meine Liebe, bist eine russische Verführung.“ Schnurrte die Fürstin und ließ sie schließlich los.

„Und ja, wir reden noch darüber, warum du heute getrunken hast. Komm dann ins Büro, ja?“

„Okay.“ Pia schaute ihr noch einen Moment hinterher und hörte dann ein leises gähnen. Ihr Blick fiel auf den Hundekorb.

„Jetzt wirst du wach? In der Zeit hätten Einbrecher unser Haus leer geräumt.“ Hamlet wedelte nur mit seinem Schwanz und drehte sich auf den Rücken. Sie streichelte ihn kurz und versuchte sich innerlich zu beruhigen. Katja war tatsächlich schon seit ein paar Jahren angestellt und eigentlich gehörte sie in den Service, welchen grundsätzlich Pia managte. Regina war vor allem für die Organisation, den Einkauf und für die Küche zuständig. Aber sie repräsentierte auch das Haus und begrüßte die Gäste, so dass sie zwangsweise ebenfalls im Service zu tun hatte. Eigentlich war vor allem Madeleine der Ansprechpartner für Regina, aber in letzter Zeit war immer wieder Katja zur Stelle und Pia gefiel diese Entwicklung nicht. Am Anfang, als sie nur Madeleine eingestellt hatten, verlief es wenigsten ruhiger. Chaotischer und unorganisierter, aber ruhiger. Als sie die „Villa am See“ eröffnet hatten, war es nicht geradeso als ob sie Ahnung von der Gastronomie hatten. Sie verdienten ihr Geld mit der Schriftstellerei und Filmen und lebten einige Jahre in Paris. Erst als die Verpflichtungen anriefen, mussten sie zurück in das Herzstück des Kaiserreiches kommen. Eigentlich waren es Reginas Verpflichtungen die anriefen, aber der Drang nach Unabhängigkeit ließ beide überlegen, wie sie die Verpflichtungen erfüllen konnten und trotzdem unabhängig blieben. Also kauften sie am Wannsee ein riesiges Grundstück mit drei Häusern darauf und einem direkten Zugang zum See. Im Herrenhaus lebten sie und aus der Villa machten sie das Restaurant. Das dritte Haus blieb am Anfang unberührt. Irgendwann konnten sie die Villa nicht mehr alleine stemmen und stellten schließlich das erste Personal ein. Ein Koch unterstützte Regina in der Küche und Madeleine leitete mit Pia zusammen das Restaurant. Nach vielen Fehlern, mittleren und schweren Katastrophen bauten sie sich so ein kleines Imperium auf. Aus dem kleinen Imperium wurde ein sehr großes Imperium, nachdem Regina 1995 das Erbe antrat. Danach war vor allem der Adel regelmäßig zu Gast und die adligen Hochzeiten brachten das Geld rein. Denn im Kerngebiet des vereinten Kaiserreiches waren am Anfang ihre gemeinsamen Bücher nicht so erfolgreich und Regina benötigte dringend eine Aufgabe. Ihr unruhiger Löwe hatte sie fast in den Wahnsinn getrieben. Pia dagegen, hätte weiterhin damit leben können zu schreiben und in den Tag hinein zu leben. Im Nachhinein war sie froh darüber, dass sie diesen sonderbaren Weg gegangen sind, auch wenn sie sich regelmäßig mit Katja auseinandersetzen musste. Unrecht hatte ihre Frau aber nicht. Katja stellten sie vor zehn Jahren ein, aber warum diese plötzlich so enorm die Nähe zu Regina suchte, war ihr ebenfalls ein Rätsel. Davor war sie wenigsten subtiler in ihrem Verhalten, was sie trotzdem ärgerte, aber nicht in diesem Ausmaß. Sie seufzte leise, straffte ihre Schultern, holte tief Luft und machte sich auf den Weg zur Villa. Dort wurde sie sofort mit: „Frau Piatrova, schön, dass Sie auch schon kommen.“ begrüßt. „Frau von Millburgh.“ Korrigierte sie automatisch und dies schon seit zehn Jahren! Nie sprach Katja sie mit ihren richtigen Namen an. Nicht, dass sie eine besonders hohe Meinung über den Adel hatte, aber sie musste lange warten um Regina ihre Frau nennen zu dürfen.

„Kommen Sie. Ist der Champagner vorbereitet?“

„Natürlich, Frau Piatrova. Die Chefin hatte explizite Anweisungen hinterlassen. Wo ist sie?“

„Arbeiten. Bringen wir es hinter uns.“ knurrte sie, aber Katja ließ nicht locker.

„Ja, ja, das Alter, nicht wahr? Nicht jeder kann so robust und ewig jung bleiben, wie die Chefin. Und irgendwann wird sie sich jemanden suchen, der mit ihr mithalten kann. Vor allem eine deutsche Frau und keine Ausländerin, die ausgerechnet aus Russland kommt.“ Stichelte sie unbeirrt weiter. Pia ballte ihre Hände zu Fäusten. Gestern musste sie schon diesen unwiderstehlichen Drang unterdrücken, Katja ein High Five zu geben. Ins Gesicht. Mit ihrer Faust. Denn der gemeinsame Abend mit ihrer Frau fiel ins Wasser. Schon wieder.

Und der heutige Morgen fing auch nicht besser an. Wie immer war Regina auf den Beinen, als sie gegen Mittag aus dem Bett fiel. Nachdem sie ihre drei Tassen Kaffee getrunken hatte lief sie langsam zur Villa herüber. Natürlich war Hamlet nicht mehr im Haus. Wie immer folgte er seiner rothaarigen Herrin, die ursprünglich mit ihm überhaupt nichts zu tun haben wollte. Sie schlüpfte in den Seiteneingang, durchquerte den Weinkeller und kam dann in der Küche wieder raus. Ihr Küchenchef Daniel bereitete das Menü für den Abend vor und die bestellte Hochzeitstorte war ebenfalls schon da. Regina würde später in der Küche das Regime übernehmen, dass das Essen ohne Probleme die Küche verließ. Die drei großen Salons waren leer und sie traf weder auf Madeleine noch auf Katja und betrat ungesehen das Büro ihrer Gefährtin. Diese saß hinter einem großen Mahagoni Schreibtisch und ertrank in einem Haufen von Unterlagen.

„Ich habe dich gestern Abend vermisst. Wir wollten gemeinsam einen Film schauen.“ Fing sie ohne Umschweife an und verzichtete auf eine Begrüßung.

„Guten Morgen Darling. Meine Nacht war zu kurz, aber ich schlief sehr gut. Danke der Nachfrage. Wie geht es dir?“ kam die trockene Antwort, ohne ihre Augen von den Dokumenten zu nehmen. Unbeeindruckt blieb die Brünette vor dem Schreibtisch stehen, bis die Fürstin sie anschaute.

„Darling, es tut mir Leid. Ich wurde im Büro aufgehalten und kam erst gegen drei ins Bett.“

„Von Katja?“ fragte die Russin schneidig, doch der Rotschopf war zu sehr abgelenkt, als das ihr der Unterton auffiel. Oder ignorierte ihn gekonnt und sagte stattdessen: “Nein. Daniel und ich gingen noch einmal das Menü durch.“ Sie streckte ihre Arme gen Himmel und versuchte die Verspannungen in den Schultern zu lösen. Instinktiv trat Pia näher heran und legte ihre Hände auf besagte Schultern und massierte diese leicht.

„Komm, lass uns noch mal ins Bett gehen. Ich verwöhne dich ein wenig, so dass du dich richtig entspannen kannst.“ Flüsterte sie ihr ins Ohr. In der Regel trennte der Lockenkopf rigoros die Arbeit von dem Privaten. Aber ab und zu konnte sie dem Charme ihrer Frau nicht widerstehen. Als sie sinnlich ihren Kopf nach hinten fallen ließ und ihre Augen schloss, wusste die Russin, dass es die richtige Taktik war. Doch mit einem Male wurde die Tür aufgerissen und Katja stand inmitten des Büros. Ohne anzuklopfen, versteht sich von selbst. „Frau von Millburgh, können wir jetzt den Ablauf der Feier besprechen?“ Die Bürgerliche wusste, dass sie auf gar keinen Fall gemeint war. Unbeirrt blieb Pia trotzdem hinter dem Lockenkopf stehen.

„Katja! Wie oft denn noch? Anklopfen und danach betreten! Die Besprechung mache ich mit Madeleine, aber das wissen Sie doch! Außerdem müssen Pia und ich noch einige Details für unsere Lesung in Dresden klären.“ Normalerweise schob sie diese Art von Gespräche nie auf und das Katja kam, lag wohl daran das Madeleine mit einer anderen Angelegenheit beschäftigt war, aber sie war willig Zeit mit Pia zu verbringen.

„Bei all dem nötigen Respekt, aber die Gäste kommen in drei Stunden.“ Argumentierte Katja dagegen. Regina schaute überrascht auf die Uhr. Schließlich fühlte sich die Aristokratin genötigt, die Besprechung sofort zu führen und die Russin verließ brodelnd das Büro. Natürlich hätte sie bleiben können, aber sie ertrug die bloße Anwesenheit von Katja einfach nicht. Am liebsten hätte sie Regina in der Luft zerrissen, auch wenn sie den Kürzeren gezogen hätte und diese überhaupt keine Schuld traf. Tatsächlich tauchte ihre Gattin erst kurz vor 15:00 Uhr aus dem Büro auf, nahm eine schnelle Dusche und wechselte in einen schwarzen Anzug, um rechtzeitig die Gäste begrüßen zu können. Und zu allem Überfluss war Katja überall. Egal wo sich auch Regina befand, die junge Frau war immer in ihrer Nähe. Sei es um ihr ein Glas zu reichen und nebensächlich einen Haufen Fragen zu stellen. Unentwegt beobachtete Pia dieses Schauspiel und achtete nicht darauf was sie so alles trank. Es war süß, schmeckte gut und hatte jede Menge Alkohol drin. Nachdem sie dann auch noch sehen musste, wie Katja den Kragen der Bluse richtete, wurde es ihr zu bunt. Sie wartete bis Regina in die Villa zurückging und konfrontierte ihre Angestellte.

„Was spielst du eigentlich für ein Spiel??“ zischte sie leise.

„Von was reden Sie, Frau Piatrova?“ dabei grinste das blonde Gift sie spöttisch an.

„Was willst du von meiner Frau? Denkst du nicht das sie ein wenig zu alt für dich ist?“

„Ich bitte Sie, was hat denn heutzutage das Alter damit noch zu tun?“

„Glaubst du wirklich, dass sie nach so vielen Jahrzehnten alles über den Haufen werfen wird, um mit dir etwas anfangen zu können?“

„Sind wir nicht ein wenig sensibel? Fühlen Sie sich etwa in ihrer Ehe so unsicher, dass Sie überall potenzielle Liebhaberinnen sehen? Oder zweifeln Sie an Ihrem Aussehen? Sie sind nicht mehr so knackig, wie Sie es vielleicht vor 20 Jahren waren.“ Provozierte Katja weiter. Pia packte ihren Arm grob, als plötzlich Regina hinter ihnen auftauchte.

„Pia! Lass sie los! Was ist in dich gefahren?“ sie berührte den rechten Arm ihrer Frau und ergriff ihre Hand, als sie die gemeinsame Angestellte losließ.

„Katja, rufen Sie mich bitte an, wenn die Braut den Strauß werfen möchte. Wir ziehen uns für einen Moment zurück.“ Wandte sie sich an ihre Angestellte, nachdem Pia ihr eine Antwort schuldig blieb.

„Ja, Frau von Millburgh.“ Hörten es beide noch, aber Pia war mehr damit beschäftigt herauszufinden wie wütend ihre Frau war. Das sie unüberlegt gehandelt hatte, war ihr in dem Moment klar als die Fürstin auftauchte. Wenigsten war die Feier im Garten und niemand konnte akustisch verstehen über was sie sich mit Katja stritt. Die Kaiserin bat darum, dass sie für eine Weile nicht in den Schlagzeilen landeten. Wenn irgendjemand das mitbekommen hätte, dann wäre am nächsten Tag die Überschrift: „Streit um die Kurfürstin von der Pfalz. Gattin griff Angestellte aus Eifersucht im Garten an. Bedeutet dies das Ende der Ehe? Schon wieder?“ gewesen. Das Schweigen ihrer Frau war noch unerträglicher, als wenn mit ihr das Temperament durchging. Also entschloss sie sich für den Angriff und forderte: „Mache mich endlich zu deiner Fürstin!!“ als sie das Haus betraten.

Dies alles ging der Brünetten durch den Kopf, als sie es ernsthaft in Erwägung zog, den Konsequenzen zum Trotz, zum High Five anzusetzen. Mit ziemlicher Sicherheit konnte sie sagen, dass es Regina bestimmt bereute sie zu Katja geschickt zu haben. Auf der anderen Seite war es besser, bevor Katja noch ganz andere Verhaltensweisen aufzeigte, um den Lockenkopf für sich zu gewinnen. Zwar keine Spur nüchterner und immer noch borderline verdächtig aggressiv, aber sie schluckte es herunter und entschied sich für: “Das werden wir noch sehen.“ In ihren Gedanken ging sie schon ihre Argumentation durch, um Katja endlich gekündigt zu kriegen. Bis jetzt weigerte sich der Lockenkopf standhaft, weil sie tatsächlich gut arbeitete und eine Entlastung in der Villa war. Zumal die Saison noch nicht zu Ende war und dies ein sehr schlechter Zeitpunkt, um Personal zu verlieren. Aber in der Not würde auch Pia ihre Motivation für triviale Arbeit finden und helfen, wenn sie dadurch das blonde Gift loswerden konnte. Gott sei Dank war das neue Buch fertig und sie befanden sich auf Lesungen durch das ganze vereinte Kaiserreich. Bei diesem Gedanken fiel ihr wieder ein, warum sie Katja nicht vorzeitig kündigen konnten. Mit den laufenden Lesungen waren sie viel unterwegs, während die Hochzeiten in der Villa weiterhin stattfinden mussten. Die Adlige war sowieso schon während der Saison gestresst und die Brünette bat sie damals schon darum, etwas kürzer zu treten. Immerhin befand sie sich nur noch in der Küche, um den Ablauf zu überwachen oder in der Not unter die Arme zu greifen. Dadurch wurde Daniel Küchenchef wurde und mit Martina hatten sie einen weiteren sehr guten Koch eingestellt. Innerlich stöhnte die Russin auf. Sie musste noch bis Ende Oktober Katja ertragen oder aber auf ihre Zweisamkeit verzichten. Diese Entscheidung fiel ihr leicht, also änderte sie im Kopf ihre Argumentationskette, so dass sie die Adlige davon überzeugen konnte, Katja nach Oktober zu kündigen.

Unterdessen hatte Regina unbehelligt ihr Büro erreicht und ließ ihren Kopf gegen die Tür fallen, als sie endlich alleine war. Es war nicht so, als ob sie die Ängste von Pia nicht verstehen würde. Immerhin fing ihre Beziehung recht ungewöhnlich an. Auch war sie sich dessen bewusst, dass sie ihrer Frau zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte, weil die ganze Woche schon besonders stressig war. Die Mutter der Braut ließ sie keine Minute alleine und änderte ständig irgendwelche Details der Hochzeit. Manchmal war es einfacher, wenn Bürgerliche eine Hochzeit in der Villa feierten, als wenn es der Adel tat. Bei den Aristokraten drehte sich alles um Prestige, Ruhm und Ansehen. Und in der Villa des Erzmarshalls des vereinten Kaiserreichs eine Hochzeit zu feiern, erfüllte alle drei Kriterien. Zum Leidwesen von Regina, jedoch sehr gut für das Geschäft. Allgemein war diese Saison besonders viel mit Aufträgen gefüllt. Vielleicht lag es auch daran, dass sie durch die Veröffentlichung des neuen Romans regelmäßig nebenbei die Lesungen gaben und Autogrammwünsche erfüllten. Oder sie wurden einfach nur alt, allerdings erwähnte sie dies nie in der Gegenwart ihrer Frau. Diese reagierte allergisch, wenn man sie auf ihr Alter ansprach. Sie reagierte auch auf alles Weibliche allergisch, welches sich in einem 50 m Radius zu ihr befand. Pia fühlte sich schon eine ganze Weile von jüngeren Frauen bedroht, wenn es um die Gunst des Rotschopfes ging, vor allem als sie immer älter wurde. Aber was bedeutete schon das Alter, wenn man nicht so aussah? Nach dem Weltkrieg floss sehr viel Geld in medizinische Erneuerungen. Ab den Jahr 1950 wurde die Genetik des Menschen so manipuliert, dass alle folgenden Generationen immer älter werden konnten. Der jetzige medizinische Stand war, dass im Durchschnitt ein Mensch 130 Jahre alt werden konnte. Katja sah mit ihren Anfang 40 wie Mitte 20 aus. Als ob sich Regina diese ganzen Jahrzehnte die eifersüchtigen Szenen angetan hätte, um jetzt noch die Stute zu wechseln. Aber es war jedes Mal erschreckend wie rücksichtslos und respektlos Menschen sein konnten, wenn sie etwas wollten. Bei jeder Autogrammstunde wurden ihr unmoralische Angebote ins Ohr geflüstert, obwohl die Gattin daneben stand. Oder manch einer hatte eine ganz besondere Vorstellung, wo er nun sein Autogramm haben wollte. Wenn es nach Regina gegangen wäre, dann hätten sie nie wieder ein neues Buch veröffentlicht. Die Familie war für die kommenden Generationen abgesichert, aber Pia lebte für die Schriftstellerei. Sie blühte regelrecht auf, neue Geschichten zu verfassen und benötigte diese Welt wie die Luft zum Atmen. Regina würde ihr das nie nehmen wollen, zumal Pia eher widerwillig ein Restaurant eröffnen wollte und trotzdem nie von ihrer Seite wich, wenn sie sie brauchte. Also würde der Rotschopf ebenfalls nicht von ihrer Seite weichen, bis Pia der Meinung war, dass nun Schluss sei. Auch wenn es bedeutete Autogramme geben zu müssen, ständig in die Kamera zu lächeln und so tun als ob es das Schönste auf der Welt war. Sie schüttelte ihren Kopf und stieß sich von der Tür ab. Beim Anblick ihres Schreibtisches würde sie sich lieber wieder umdrehen und das Angebot mit dem horizontalen Tango annehmen. Außerdem machte sich ein ungutes Gefühl in ihr breit, ob die Entscheidung Pia und Katja alleine zu lassen, wirklich die Beste war. Auf jeden Fall würde Pia zum wiederholten Male die Kündigung fordern und so langsam gingen ihr die Argumente aus, um den Willen ihrer Frau nicht umzusetzen. Sie ließ ihren Blick über den Schreibtisch schweifen und ergriff schließlich den Planer. Der Trip nach Dresden musste noch geplant werden, denn in drei Tagen war bereits die Lesung. Die Zustände in Dresden waren beunruhigend, denn an jeder Ecke flammten Aufstände auf. Wenn Dresden nicht in den Schlagzeilen war, dann war es Schleswig-Holstein. Was auch immer die betroffenen Lehnsherren taten, offensichtlich gefiel es dem Volk nicht. Der sächsische König versicherte ihr aber, dass sie von der Leibgarde und der Polizei geschützt werden. „Hoffentlich. Sonst stehen wir wieder in den Schlagzeilen und Hanna wird das auf Dauer nicht tolerieren.“ Ging es ihr durch den Kopf. Sie mochte ihn nicht besonders. Einmal im Monat trafen alle Lehnsherren am Hof ein, um die aktuelle Lage zu besprechen und die Absprachen mit dem vereinten Kaiserreich einzuhalten. Zwar einte die Kaiserkrone das Reich, aber die Lehnsherren herrschten über ihre jeweiligen Gebiete. Er war unerträglich in seiner Haltung und seinen veralteten Ansichten. Die Tochter des sächsischen Königs war ihr lieber, aber die junge Frau sah sie zum letzten Mal vor zehn Jahren. Der Gedanke an dem Hof erinnerte sie daran, dass sie zum Maskenball erscheinen mussten. Die letzten Einladungen ignorierte sie gekonnt, aber an bestimmten Bällen mussten sie erscheinen. Müde und genervt ließ sie ihren Kopf auf die Tischplatte fallen und schloss für einen winzigen Augenblick die Augen. Als sich ihre Tür noch einmal öffnete bekam sie es nicht mehr mit.

Katja betrat das Büro und schloss leise die Tür. Es war nicht leicht den Argusaugen von Pia zu entkommen. Doch als diese in ein Gespräch verwickelt wurde, nutzte sie die Chance. Sie wusste nicht wie oft sie die Fürstin schlafend auf den Schreibtisch gefunden hatte. Ihr war es jedes Mal ein Rätsel wie sie sich aus der Affäre ziehen konnte, wenn Pia wieder einmal einer ihrer gefürchteten Momente hatte. Die ganze Ehe war ihr ein Rätsel. Jeder normale Mensch hätte bei dieser Anzahl der „Momente“ die Füße in die Hand genommen und wäre geflüchtet. Als sie mit der Arbeit anfing, hatten sich die Beiden regelmäßig in den Haaren. Nicht das dies nachgelassen hätte, aber wie durch ein Wunder hatte keine von den Beiden die Scheidung eingereicht. Katja ahnte nicht wie schwer es sein würde, die Beiden auseinander zu bringen. Ursprünglich spekulierte sie auf Pias ungezügelte Eifersucht – denn Regina konnte man nicht aus der Reserve locken. Während die Bürgerliche sämtliche Emotionen zeigte, ließ sich die Fürstin nie in die Karten schauen. Selbst wenn Pia ihr eine Szene machte, verriet ihr Gesicht keine einzige Emotion. Sie hörte sich alles geduldig an, wich ab und zu einer Ohrfeige aus, ergriff schließlich die Hand ihrer Frau und beide verschwanden. Egal wie eifersüchtig Pia sein konnte, sie hielt fest zu ihrer Frau. Manchmal fragte sich Katja ob diese ganzen Szenen bei denen Vorspiel war und wenn sie verschwanden, den Hauptakt dann vollführten. Zu ihrer eigenen Überraschung stellte sie sich sehr oft vor, wie die Beiden den horizontalen Walzer tanzten. Nur kurz verschwand sie in ihrer Fantasiewelt. Dann fokussierte sie sich auf den Lockenkopf. Ihre blauen Augen beobachteten das tiefe und ruhige atmen, wie das Gesicht der Adligen zur Hälfte in ihren verschränkten Armen versteckt war und sie hielt für einen Moment inne. Es wirkte so einfach eine eindeutige Szene zu initiieren, so dass bei Pia alle Sicherungen durchbrennen würden, aber aus einem ihr unerfindlichen Grund zweifelte sie am Erfolg dieses Szenarios. Trotzdem trat sie näher an den Schreibtisch heran und streichelte mit ihrer Hand den linken Arm der Adligen entlang. Regina hatte die Angewohnheit die Ärmel ihrer Hemden und Blusen hochzukrempeln, egal ob sie darüber eine Anzugsjacke oder die Jacke der Uniform trug, so dass sich auf ihren Arm eine Gänsehaut bildete. Jedoch reichte die kleine Berührung aus und sie schreckte aus dem Schlaf hoch. Dafür dass sich Pia immer darüber beschwerte dass Regina wie ein Stein schlief, war diese gerade eben sehr schnell wach geworden.

„Katja? Was machen Sie in meinem Büro? Ich kann mich nicht daran erinnern Sie hinein gebeten zu haben.“ Um ein wenig Abstand zu gewinnen, ließ sie sich gegen die Lehne fallen. In ihren smaragdfarbene Augen lagen Skepsis und Misstrauen.

„Ich habe Sie gesucht.“

„Das beantwortet nicht meine Frage, warum Sie in meinem Büro sind.“

„Entschuldigen Sie, aber ich wollte Sie für das Feuerwerk holen.“

„Warum? Haben Sie meine Frau nicht gefunden? Als ich ins Büro ging, haben Sie doch mit Pia noch einmal Champagner verteilt.“

„Sie wurde in ein Gespräch verwickelt.“

„Katja, auch wenn Sie es nicht glauben wollen, aber Pia ist kompetent und kann anstatt meiner Entscheidungen treffen. Und wenn Sie niemanden von uns finden, dann ist immer noch Madeleine da. In Zukunft möchte ich, dass Sie niemals dieses Büro betreten, wenn Sie nicht hinein gebeten werden. Haben wir uns verstanden? Benötigen Sie ein paar Tage um darüber nachzudenken?“ Regina wusste nicht was es war, aber plötzlich war ihr Katjas Nähe unangenehm und beunruhigte sie.

„Es wird nie wieder passieren, Frau von Millburgh.“ Antwortete die Kellnerin, die sehr froh darüber war nicht ihrem Impuls gefolgt zu sein.

„Und erinnern Sie sich bitte daran, dass meine Frau die gleiche Anrede hat.“

„Ja. Natürlich. Es tut mir Leid.“

„Sie müssen sich nicht bei mir entschuldigen. Wenn Sie das nicht in den Griff kriegen, dann sehe ich mich gezwungen Sie zum Ende der Saison zu kündigen. Sie arbeiten gut, aber trennen Sie bitte das Private von der Arbeit.“

„Ja. Ich werde daran arbeiten.“ Keiner von den Beiden hatte bemerkt, dass Katja noch immer ihre Hand auf der Schulter der Adligen hatte. Bis Pia das Büro betrat.

„Nimm deine Finger von meiner Frau!“ Fauchte sie, doch so schnell konnte sie gar nicht schauen, wie Regina zwischen den beiden Frauen stand.

„Katja, Sie können Feierabend machen. Wir sehen uns dann am Freitag.“

„Aber […].“

„Sie waren uns heute eine sehr große Hilfe. Genießen Sie ihre freien Tage, aber gehen Sie jetzt!“ drängte der Lockenkopf. Ohne ein weiteres Wort verließ sie das Büro, während Pia ihr nonverbal das Messer in den Rücken jagte.

„Hör auf so zu funkeln! Davon wird sie nicht tot umfallen. Obwohl dein Blick beeindruckend ist.“ Ein kleines Lächeln huschte über das kantige Gesicht. Die Russin widmete sich ihrer Partnerin.

„Du alter Charmeur. Deine Taktik ist gut, aber was wollte sie schon wieder?“

„Angeblich hatte sie wohl Sehnsucht nach mir und suchte mich. Das Feuerwerk startet gleich?“

„Babe, das ist längst vorbei. Madeleine und ich beaufsichtigten es noch, weil Katja plötzlich verschwunden war. Ich wollte dich abholen.“ Kurz überlegte sie, dann holte sie tief Luft. „Nope. Noch nicht.“ Schnitt ihr der Lockenkopf das Wort ab.

„Ich weiß und ich habe sie noch einmal in die Schranken gewiesen. Ja, ich gebe dir Recht und ich bin am Überlegen ob wir sie zum Ende der Saison kündigen, wenn sich ihr Verhalten nicht bessert. Ich vertraue ihr nicht mehr. Irgendwas stimmt nicht mit ihr.“ Erzählte sie hastig, bevor die brünette Schönheit sich in Rage reden konnte. Sie tigerte das Büro auf und ab. Etwas sprachlos ließ die Brünette die angehaltene Luft entweichen und beobachtete ihre Frau, wie diese ungeduldig durch das Büro lief. Sie war definitiv aufgebracht und irritiert, aber die Bürgerliche wusste nicht ob sie sauer war.

„Wie meinst du das genau? Du traust ihr nicht mehr? Ich bin geschockt, dass du ihr je vertraut hast!“

„Pia! Wirklich? Darauf legst du deinen Fokus? Mein Leben hätte ich ihr nicht anvertraut, wenn du darauf spekulierst. Ihr Verhalten ist seit den letzten Wochen schon so ungewöhnlich.“ Noch immer lief sie hin und her.

„Sie wollte dich als Bettwärmer seit sie angefangen hat hier zu arbeiten. Und du denkst, dass ihr Verhalten erst seit den letzten Wochen ungewöhnlich ist? In meinen Augen fehlen ihr ein paar Tassen im Schrank.“ kam es trocken von der Brünetten. Endlich hielt die Fürstin inne und verdrehte ihre Augen. Pia nahm ihre Hand und führte sie zu ihrem Sessel.

„Setz dich. Ich würde dir einen Whiskey geben, aber du wirst ihn eh ablehnen, weil du zu müde bist.“ Wortlos ließ sie sich fallen und Pia setzte die Massage vom Mittag fort.

„Ich sage nicht das du Unrecht hast, aber warum zehn Jahre warten wenn ihre Intension von Anfang an Sex war?“ Der Rotschopf ließ ihren Kopf auf ihre Arme fallen, welche auf dem Tisch lagen.

„Vielleicht hoffte sie, dass wir uns scheiden lassen. Da wäre sie nicht die Erste die das denken würde. Warum denken die Leute ständig, dass wir uns scheiden lassen? Wir diskutieren doch wie jedes andere normale Paar!“ Platzte es aus der brünetten Schönheit heraus.

„Darling, wir sind ja vieles aber normal sind wir nicht.“ Regina hatte Mühe ihr Lachen zu unterdrücken. Denn niemand ging davon aus, dass sie normal waren. Die Art und Weise wie sie diskutierten, mit allem Drum und Dran war nicht normal. Sie waren beide starke Frauen mit einem eigenen Kopf, ausgeprägter Dominanz und keine von beiden schreckte vor einer Herausforderung zurück. Es war normal das ihre Persönlichkeiten aufeinanderprallten und das nicht zu selten, aber sie hatten für sich Wege gefunden um miteinander auszukommen. Auch wenn jeder dachte, dass sie kurz vor einer Scheidung standen, so können beide nicht ohne die Andere leben. Sicher gab es Beziehungen die harmonischer verliefen, aber Regina bevorzugte das Feuer. Pia hatte sie von Anfang an herausgefordert und sie liebte sie dafür.

„Na komm, sag schon. Was ist dein Plan? Damit du dich endlich entspannen kannst, denn deine Muskeln sind so hart wie Stein. Ein Wunder das du noch keine Migräne bekommen hast.“ Unterbrach Pia die Stille.

„Wir lassen die Saison so aus laufen, weil wir sie brauchen. Wenn sich ihr Verhalten nicht ändert, dann unterschreibe ich die Kündigung. Du weißt was das für dich bedeutet?“ Pia gab ihr einen Kuss in den Nacken.

„Ja. Ich muss mehr in der Villa arbeiten. So dass du dich in dein Büro zurückziehen kannst. Du bist mir danach etwas schuldig. Was tue ich nicht alles für dich?“ sagte sie dramatisch. „Dramaqueen. Wir reden hier von zwei Monaten und nicht von zwei Jahren. Und ich bin dir überhaupt nichts schuldig. Das ist deine Strafe dafür, weil du mir zum wiederholten Male eine Szene gemacht hast, ohne vorher mit mir darüber zu reden. Ich weiß, ich bin großartig aber Gedanken kann ich noch immer nicht lesen. Und zum Höhepunkt des Abends hast du eine Angestellte angegriffen und betrunken bist du auch noch, wofür du mir immer noch eine Erklärung schuldig bist.“ Regina drehte sich zu ihr herum und packte liebevoll ihre Hände. „Ich verlasse dich nicht für eine Jüngere. Du bist genauso sexy und attraktiv wie vor 43 Jahren.“

„Du weißt, dass es mir Leid tut. Du kannst nicht immer überall sein, aber sie provozierte mich. Vor allem degradierte sie mich gerne! Sie war der Meinung das meine Zeit abgelaufen ist und das du dir jemand Jüngeres suchen wirst.“ Irritiert zog sich eine rote Augenbraue hoch und schließlich umarmte sie ihre Frau.

„Hast du deswegen getrunken?“

„Das war Zufall. Ich stand an diesem Tisch und griff wahllos irgendein Glas. Es war süß. Ich dachte nicht daran das es Alkohol beinhalten könnte.“

„Der Tisch mit den alkoholfreien Cocktails war nebenan. Aber ich vermute dann hättest du uns nicht beobachten können.“

„Das muss ich mir jetzt noch die nächsten Tage anhören, oder?“

„Ja. Das nächste Mal sei etwas rationaler, Darling. Frauen in unserem Alter sind viel zu wählerisch. Unser Alter weiß was es möchte. Ich wollte dich damals und ich will dich heute noch.“

„Du und dein Charme! Ich kenne keine andere Frau die solch ein Lausbuben Lächeln besitzt. Und du brichst heute noch Herzen. Wage es dir ja nicht etwas anderes zu behaupten.“

„Hhm.“ Regina unterdrückte ein Gähnen. Sie hätte genauso gut den Whiskey nehmen können, so müde und kaputt wie sie sich fühlte.

„Babe? Lass uns in Bett gehen.“ Schlug schließlich Pia vor, als sie für einen Moment ihre Frau beobachtete.

„Ich kann noch nicht ins Bett. Ich muss noch so viel erledigen.“ Sie jammerte fast dabei. „Muss das denn heute fertig werden? Morgen ist Mittwoch und wir haben ausnahmsweise mal keine Verpflichtung. Dresden kannst du morgen früh planen. Das Auto packe ich besser als du.“

„Hey! Das stimmt überhaupt nicht. Oder vielleicht doch. Wenn ich es heute liegen lasse, dann können wir erst später in den Urlaub fahren.“ Murmelte der Lockenkopf.

„Urlaub? Was für ein Urlaub?“ Sofort strahlten Pias Augen.

„Das war eine kurzfristige Entscheidung. Aber eine Woche mal von der Villa weg, wird uns nicht schaden.“

„Wie jetzt? Du möchtest inmitten der Saison fahren?“

„Ich dachte an Samstag, aber jetzt wird es erst Sonntag.“ Sie war noch immer in Gedanken versunken, als Pia sie plötzlich ganz fest an sich drückte.

„Ich liebe dich! Du bist die Beste. Und wir haben keine weiteren Verpflichtungen?“ Pia konnte es gar nicht glauben. Noch nie hatte die Adlige inmitten der Saison einen Urlaub gelegt.

„Ein paar Hochzeiten. Allerdings bürgerliche, so dass Anton auch darüber schauen kann.“

„Du könntest unserem Sohn schon ein bisschen mehr zutrauen.“

„ Tue ich. Ich versprach ihm, ihn so lange wie möglich vom Hof fernzuhalten. Das bedeutet keine adligen Hochzeiten für ihn.“

„Du bist solch ein Softie.“

„Der Urlaub soll uns stärker binden, denn ich weiß dass ich dich vernachlässigt habe und du deswegen so unsicher bist.“ Sanft umfasste die Brünette ihr Gesicht und küsste sie langsam. „Ich weiß dass ich dich manchmal nicht verdient habe. Lass uns in Bett gehen. Deine Unterlagen rennen nicht weg. Ich gab Madeleine Bescheid, dass wir uns zurückziehen.“ Hand in Hand liefen sie zur Tür, als sie ein leises Winseln hörten und ihr cremefarbener Puggle unter dem Schreibtisch hervor kam.

„Du hast Hamlet in deinem Büro?“

„Wenn du bis Mittag schläfst, muss ja jemand für ihn da sein. Er ist viel zu jung um allein gelassen zu werden.“ Verteidigte sich der Rotschopf.

„Er ist sechs Monate alt.“ Kam es trocken von ihrem Gegenüber.

„Mein Rede.“ Die Fürstin öffnete die Tür und beide verschwanden aus der Villa. Langsam gingen sie den Weg zu ihrem Haus zurück.

„Fahren wir in die Berge?“ fragte die Brünette hoffnungsvoll, als sie gemeinsam die Treppen zum Schlafzimmer hochgingen.

„Nope. Ich sprach von Urlaub. Ich dachte an Rügen.“

„Das ist in Schleswig-Holstein. Liest du keine Nachrichten?“ Sie wusste dass dies eine rhetorische Frage war, denn jeden Morgen saß Regina in der Küche mit der Zeitung bewaffnet. „Dresden ist auch nicht sicherer. Außerdem fahre ich nicht in Uniform. So wie wir beide rumlaufen, kommt niemand auf die Idee das wir das Kurfürstenpaar von der Pfalz sind.“

„Ich bin mir sicher, dass in deiner Aussage irgendwo ein Kompliment war.“ Zielstrebig steuerte die Adlige das Bett an und ließ sich darin fallen. Hamlet legte seinen Kopf auf ihren Brustkorb ab. Leise ließ Pia die Tür in das Schloss fallen.

„Babe, ich weiß das du müde bist. Du möchtest aber nicht im Anzug schlafen. Komm, dusche um den Stress loszuwerden und am Morgen kümmere ich mich um dich.“ In der Zwischenzeit zog sich Pia aus und verschwand kurz im Bad, aber ihre Gattin folgte ihr nicht. Wieder im Schlafzimmer fand sie den Anzug auf den Boden und Regina unter der Decke. Eigentlich hatte sich die Russin diesen Abend anders vorgestellt. Zwar wären sie irgendwann auch ins Bett gefallen, aber sie hatte andere Pläne mit Regina. Pläne die mehrere horizontale Tänze involvierten, denn sie sehnte sich nach den Berührungen ihrer Frau. Sex war für sie nicht einfach nur eine Nebensächlichkeit. Die Verbindung zweier Körper bedeutete ihr sehr viel mehr. Auf dieser Ebene zeigte sie ihre bedingungslose Liebe zum Lockenkopf. Sie konnte sich fallenlassen, weil sie wusste, dass der Rotschopf sie immer auffangen würde. Diese Ebene hatte keine Schranken und sie musste sich nicht verstecken. Auf der verbalen Ebene vernachlässigte sie gerne Regina. Verbale Anerkennung und Bestätigung zu geben, gehörten nicht zu ihren Stärken. Sie sprach mit ihrem Körper, denn auf der sexuellen Ebene konnte sie ihre Gefühle frei entfalten. Der Urlaub würde ihr dafür genügend Gelegenheit geben, auch wenn ihre Gattin die ersten zwei Tage im Bett verbrachte. Das war das Ziel von Pia, allerdings bevorzugte sie Regina aktiv und nicht in einer Traumwelt gefangen. Mit Vergnügen stellte sie fest, dass die Adlige auf ihren Pyjama verzichtete – eine Seltenheit – und kuschelte sich dichter an sie heran. Innerhalb weniger Sekunden wurde sie in eine feste Umarmung gezogen. Instinktiv, denn die Adlige war schon längs abgedriftet. Es war ein Unterschied ob sie mit den warmen, muskelösen Körper ihrer Gattin einschlief oder nur deren Kissen umarmte. Noch einmal atmete sie den wohlbekannten Duft ein, dann schloss sie ihre Augen. Denn die nächsten Tage würden anstrengend werden und die Fürstin weiß noch nichts von ihrem Glück. Das war immer eine üble Kombination. Diese Brücke würde sie in den nächsten Tagen überqueren, denn jetzt wollte sie das Hier und Jetzt genießen.

Konzentriert saß am nächsten Tag die Fürstin im Büro. Seit den frühen Morgenstunden hatte sie sich in ihr Büro der Villa zurückgezogen. Mittlerweile war es draußen warm und sonnig und sie würde lieber in der Hängematte liegen, als den angestauten Papierkram abzuarbeiten. Gegen Mittag kam sogar Pia zum Helfen und heftete erledigte Dokumente ab, nur um dann einen weiteren Stapel gereicht zu bekommen. Die Tatsache, dass ihre Frau im Büro war, glich dem achten Weltwunder. Noch mehr verwundert war sie darüber, dass Pia so ruhig und ausgeglichen wirkte. Normalerweise ertrug sie es nicht irgendeine langweilige Arbeit nachgehen zu müssen und versuchte Regina eher von der Arbeit abzulenken, als sich dieser andauernden Monotonie hingeben zu müssen. Allerdings wurde sie das Gefühl nicht los, dass sie für diese Stille noch teuer bezahlen würde. Unerwartet ertönte plötzlich: „[…] You´re the hottest Bitch in this place […]“ und keine von beiden ergriff das Handy.

„Babe, es ist dein Handy. Verrate mir bitte noch wer die „Hottest Bitch in this place“ ist, denn offensichtlich rufe ich dich nicht an.“ Kam es schneidig. Rote Augenbrauen schossen bis zum Haaransatz hoch und sie fand ihr Handy unter einen weiteren Ordner.

„Ach? Nicht einmal ein Name?“ Die Brünette stand neben ihr, als auf dem Display „Hottest Bitch“ nur angezeigt wurde.

„Millburgh? Sophia??“ Regina nahm irritiert das Handy von ihrem Ohr.

„Warum ruft mich die verrückte Baronin an? Woher hat sie meine Nummer? Das ist deine Freundin! Leider!“ Das waren zwei sehr gute Fragen, worauf selbst die Russin keine Antwort hatte.

„Ey! Millburgh! Mehr Respekt für die Aristokratie!“ erklang es durch das Handy.

„Ich gebe dir Pia.“ Sie war im Begriff das Handy weiterzureichen, als Sophia dies plötzlich verneinte.

„Sophia, ich habe keine Zeit. Wegen meiner schnapp dir Pia und macht was immer ihr wollt. Aua!“ Besagte Ehefrau gab ihr einen Klaps gegen die Schulter.

„Danke! Deine Liebe mir gegenüber ist heute wieder einmal überwältigend.“ Schnaubte sie beleidigt.

„Wollt ihr nicht später zum Yachthafen kommen? Ein wenig grillen und danach noch ins Kino?“ fragte die Baronin unbeirrt.

„Zum Yachthafen? Unser Segelboot liegt hier vor dem Steg. Was sollen wir am Yachthafen? Grillen kann ich zu Hause und Filme laufen im Fernseher.“ Schmetterte sie ihre Antwort ins Handy.

„Du hast Pia nicht einmal gefragt!“

„Sie kann sehr gerne gehen. Solange ich nicht gehen muss.“ Dem zweiten Klaps wich sie gekonnt aus. In Pias haselnussbrauen Augen funkelte schon ein Feuer, doch die Adlige zuckte nur mit den Schultern.

„Sophia, warum muss ich mitkommen? Eduard hat Rückgrat bewiesen, ihr hattet tollen Sex und damit ist meine Arbeit getan.“ jammerte sie.

„Wir könnten einen Pärchen-Abend machen.“ Schlug sie stattdessen vor. Die Baronin verfügte über die gleiche Sturheit, wie der Lockenkopf und diese war bereits genervt. Normale Menschen hätten den Wink mit dem kompletten Zaun verstanden. Aber nein, die Baronin von Wolfenstein natürlich nicht. Sie hörte nur das was sie hören wollte.

„Wozu ein Pärchen-Abend? Ich muss dich oft genug auf unserem Grundstück ertragen.“

„Um Spaß zu haben. Du weißt noch was das ist, oder?“

„Das wird völlig überbewertet.“ Pia hatte die Nase voll und riss ihrer starrsinnigen Partnerin das Handy aus der Hand und nahm in deren Schoß Platz.

„Hey!“ Regina versuchte nach ihrem Handy zu greifen, doch Pia drückte sie zurück in die Lehne.

„Ich kümmere mich um sie. 17:00 Uhr? Wir werden da sein.“ Sie schielte zu ihrer Gefährtin und sah nur hochgezogene Augenbrauen. Ungeachtet ließ sie das Handy auf die Schreibtischplatte fallen und wedelte mit ihren Finger vor dem Gesicht der Fürstin herum. „Seit Stunden lässt du mich in diesem Büro schuften! Draußen scheint die Sonne, da könntest du wenigsten am Abend mich zum Yachthafen ausführen, oder?“ Ungläubig blinzelte der Lockenkopf.

„Mit diesem Argument möchtest du mich davon überzeugen, die Baronin zu treffen? Du bist gerade einmal zwei Stunden im Büro, weil du mittags aus dem Bett gefallen bist und danach ausgiebig frühstücken wolltest. Und dann bist du zu mir gekommen und hast mir deine Hilfe angeboten, weil du mit mir Zeit verbringen wolltest. Wofür ich sehr dankbar bin, aber jetzt ist es meine Schuld, das du hier festsitzt?“ fragte sie fassungslos.

„Ja! Warum musstest du ausgerechnet heute ins Büro gehen? Seit Wochen erzähle ich dir, dass der Yachthafen heute eine Party veranstaltet mit meiner Lieblingsband und du bist nicht einmal auf die Idee gekommen mich zu fragen ob ich vielleicht gehen möchte? Du bist solch ein unromantischer Klotz!“ jammerte die Brünette.

„Eine Party ist für dich romantisch?“

„Babe! Hör auf analytisch zu argumentieren und stimme dem einfach zu.“ Regina stieß die angehaltene Luft aus, beugte sich nach links um in eine Schublade zu greifen und warf danach frustriert einen Umschlag auf den Tisch.

„Was ist das?“ fragte Pia und fand im Umschlag die Eintrittskarten für die Party am Abend. „Eduard rief verzweifelt an und erzählte das Sophia unbedingt zu dieser Band möchte und flehte mich an ihn zu begleiten, dass er sich nicht völlig überflüssig vorkam. Es war eine Frage der Zeit wann du damit anfangen würdest. Also besorgte ich rechtzeitig die Karten und ging heute früher ins Büro, um den Abend mit dir verbringen zu können.“

„Du hattest die ganze Zeit die Karten?? Warum hast du Sophia abblitzen lassen?“

„Wo bleibt denn mein Spaß? Als ob ich es ihr jemals leicht gemacht hätte. Eduard hatte ihr offensichtlich die Karten noch nicht gezeigt, warum sollte ich dann nachgeben?“ jetzt grinste sie zufrieden.

„Ihr zwei seid so schlimm! Hinter unserem Rücken den kompletten Abend geplant, nur das ihr später eure Ruhe haben könnt.“ Endlich huschte ein Lächeln über ihre Lippen. „Deine Intelligenz ist atemberaubend und es turnt mich jedes Mal an, wenn du mich austrickst.“ Flüsterte die brünette Schönheit in ihr Ohr.

„Ja, ja. Unromantischer Klotz. Fehlte nur noch der Vorwurf, dass ich dir nicht zuhören würde.“

„Was würde ich ohne dich machen?“

„Mich suchen? Jemand muss ja Rationalität in deine Emotionalität bringen. Sonst wäre keine von uns im Gleichgewicht.“

„Hattest du das mitbekommen, dass du mich angeturnt hast?“ hakte sie noch einmal nach.

„Ja, du wirst dich in Geduld üben müssen. Denn ich muss wirklich das hier noch beenden. Na los, verschwinde in dein Atelier und schreibe. Das ist doch das was du am liebsten machen würdest.“

„Ja, aber ich bin noch lieber in deiner Nähe. Ich helfe dir, dann können wir uns schneller mit dem angenehmen Dingen des Lebens beschäftigen.“ Übermütig küsste sie ihre Gefährtin und sprang dann von deren Schoß auf, um die nächsten Dokumente abheften zu können. Die Stimmungsschwankungen ihrer Frau glichen immer zwei Jahreszeiten. Winter und Sommer. Dazwischen gab es bei ihr nichts.

Der nächste Morgen brachte einige Überraschungen mit sich. Zum einen lag Regina noch immer neben ihr. Vielleicht lag es auch daran, dass Pia deren Wecker einfach ausgestellt hatte. Kein normaler Mensch stand an einem freien Tag um 6:00 Uhr auf! Also kuschelte sie sich tiefer in die warme Umarmung in der Hoffnung noch ein wenig schlafen zu können. Sie wurde bitter enttäuscht. Denn als Hamlet übermütig das Gesicht seiner Herrin abschleckte, wurde diese wach und war verwundert darüber, dass Pia schon wach war.

„Du hast meinen Wecker ausgestellt! Pia, ich wollte am Vormittag die Unterlagen machen und nicht im Bett liegen.“

„Deine Unterlagen laufen nicht weg. Das sagte ich dir schon vor zwei Tagen.“

„Und ich sagte wohlweislich nichts dazu. Denn die Bestellung für die Lieferungen muss ich am Vormittag machen.“

„Du hast die Händler um deinen Finger gewickelt. Für dich machen sie eine Ausnahme. Du alter Sturkopf.“ Argumentierte die Russin und zog ihre Gattin noch einmal ganz fest an sich.

„Ja, und stolz darauf. Ich setze einen Kaffee an und bin dann im Büro.“ Sie küsste ihre Wange und verschwand aus dem Schlafzimmer. Innerhalb von fünf Minuten war sie angezogen und selbst der bequeme Hund folgte ihr die Treppen hinunter.

„Sie sollte dringend ihre Prioritäten überdenken.“ Frustriert ließ sich die Brünette in das Kissen fallen und schloss noch einmal die Augen. Trotzdem saß die Fürstin erst eine Stunde später im Büro. Jeder wusste, dass Pia dieses nur betrat wenn sie etwas wollte. Also war sie alleine und stand vor dem großen Aktenschrank und suchte den Ordner der Rechnungen für das Jahr 2020 heraus, um die neuen ordnungsgemäß abheften zu können. Die Überweisungen hatte sie getätigt und die neue Lieferung war natürlich bestellt. Gerne schob sie diese trivialen Aufgaben Anton zu. Er hatte einfach mehr Geduld und Ruhe. Sie wollte nur fertig werden, weil noch dreißig andere Dinge auf sie warteten. Reginald Anton von Millburgh war mittlerweile ein junger Mann mit einem eigenen Leben und Karriere. Nichtsdestotrotz übernahm er gerne die Vertretung seiner Eltern in der Villa und war der Verbindungsmann zwischen Berlin, Frankfurt und dem Millburgh Schloss. Ohne ihn könnte sie nicht einmal die Hälfte der Arbeit bewältigen. Und ohne Franz-Joseph hätte sie noch mehr Arbeit in Frankfurt. Ihr Bruder war der Vizepräsident der Holding und kümmerte sich darum das sie nicht ständig als Präsidentin in der Holding in Frankfurt sitzen musste und regulierte den täglichen Betrieb. Interessenten und Geschäftspartner delegierte er sowieso zu seiner Schwester nach Berlin, allerdings nur vielversprechende Angebote. Wenn sie vor Jahren gewusst hätte, dass sie doch das dusselige Millburgh Erbe antreten würde, dann hätte sie die Villa am See nie eröffnet. Nein, hätte sie doch. Die Villa, Bücher, Drehbücher und Filme hatte sie sich gemeinsam mit ihrer Frau aufgebaut und das würde sie für nichts auf der Welt aufgeben. Niemand konnte ihr das nehmen. Falls die Holding doch mal pleitegehen sollte, musste sie sich um die Zukunft ihrer Familie keine Gedanken machen. Schließlich fand sie den richtigen Ordner, als mit einem Mal ihre Tür aufgerissen wurde und der Teufel durchkam. Das war ihr erster Gedanke, so rot wie ihre Frau im Gesicht angelaufen war bzw. die Art und Weise wie sie durch die Tür gestürmt kam. Als ob der Leibhaftige hinter ihr her war und seine rechtmäßige Herrscherin auf den Thron holen möchte.

„Gin!!! Ich muss mit dir reden!“ schnaufte Pia. Jahrelanges Training verhinderte, dass der Lockenkopf vor Schreck den Ordner fallen ließ.

„Was es auch ist! Ich war es nicht!“ verteidigte sie sich, ohne zu wissen um was es ging. Aber somit war sie schon einmal auf der sicheren Seite. Sie wurde an ihren Schultern herumgerissen, so dass sie beinahe doch noch den Ordner fallen ließ.

„Seit wann denn das? Du steckst doch immer dahinter. Auch wenn ich es nicht immer beweisen kann.“ Plötzlich riss die Adlige ihre Augen auf.

„Pia, du warst aber nicht in der Küche, ja?“ Die dunkle Schönheit holte aus und gab ihrer Frau einen Klaps gegen den Bauch.

„Einmal! Es war nur ein einziges Mal!“

„Aua! Ja, ein einziges Mal hat meine Küche ein Vermögen gekostet! Nie wieder! Wir mussten die Feuerwehr rufen.“ Beide funkelten sich für einen Moment an.

„Willst du gar nicht wissen um was es geht?“

„Nope. Schlimmer als eine abgebrannte Küche kann es ja kaum sein.“ Die Russin holte noch einmal aus, aber diesmal wich Regina elegant aus.

„Muss ich es wissen? Bei dir ist es manchmal ratsamer es vorher nicht zu wissen. Es wird mir nicht gefallen und das ist der Grund warum du es nicht einfach getan hast.“ Ihre Augen flackerten auf und ein verwegenes Grinsen schob sich auf ihre Lippen.

„Und was wenn doch?“ die Bürgerliche zog ihrerseits eine Augenbraue herausfordern hoch.

„Millburgh!!! Wo steckst du denn schon wieder??“ ertönte es durch die ganze Villa. Grüne Augen weiteten sich und sie sah wie zum wiederholten Male ihre Bürotür aufgerissen wurde. Neben ihrer Frau konnte nur noch die Baronin einen bühnenreifen Auftritt hinlegen.

„Auf gar keinen Fall! Nein! Nicht schon wieder! Womit habe ich das verdient?“ vehement schüttelte sie den Kopf und wich der Umarmung aus, um sich hinter ihrem Schreibtisch in Sicherheit bringen zu können.

„Du weißt noch nicht einmal um was es geht.“ Stöhnte Pia.

„Was es auch ist […]!“ sie zeigte mit ihren Finger auf die Baronin.

„[…] wenn sie involviert ist, kann es nichts Gutes bedeuten.“ Sie ließ den Ordner auf den Schreibtisch fallen. Wie immer ließ sich Sophia nicht beirren, schlang ihre Arme um die Fürstin und zog sie fast über den halben Schreibtisch zu sich heran.

„Ah … du liebst mich!“ säuselte sie ihr in den Nacken.

„Ja, wie die Pest! Lass mich los, du royale Nervensäge. Warum bist du schon wieder da?“

„Gin!“ mahnte die exzentrische Schriftstellerin.

„Du hast Sophia das letzte Mal vorgestern gesehen.“

„Und ?? Meine Rede! Warum ist sie schon wieder hier? Nächstes Jahr wäre noch früh genug gewesen.“ Den letzten Teil murmelte sie. Unbeeindruckt drückte Sophia noch einmal kräftig zu und ließ sie schließlich los.

„Ich habe dich auch vermisst, Grumpy-Pants.“

„Ich dich nicht. Und die Antwort bleibt „nein“.“ Damit setzte sie sich auf ihren Stuhl und sah das beide Frauen non-verbal kommunizierten.

„Gin, das wird bestimmt lustig.“ Fing die Baronin an.

„Das kommt mir wage bekannt vor.“ Doch Pia ignorierte ihren Einwand und setzte fort: „Wir hatten schon lange keinen Spaß mehr.“

„Doch. Erst vor zwei Tagen.“ Für einen kurzen Moment hielt die Bürgerliche inne: „Oh ja, aber ich rede nicht von unserem Spaß.“

„Hatten wir nicht erst vorgestern Spaß gehabt, weil ihr die Band hören wolltet?“

„Ich meinte Spaß mit anderen Leuten. Nicht nur zu viert.“ Nun zog die Fürstin argwöhnisch die Augen zu Schlitzen zusammen. Als sie „Leute“ hörte wusste sie in welche Richtung das gehen würde. Sie fühlte das Déjà-vu regelrecht auf sich zukommen. Dieses Gespräch hatten sie bereits vor ein paar Monaten gehabt.

„Nope. Schlagt euch das sofort aus dem Kopf. Keine Party! Sophia, nimmt euer eigenes Grundstück dafür. Deine adligen Freunde können woanders feiern. Wir bereiten uns auf die Winterpause vor.“ Sie ließ sich in ihren Sessel fallen.

„Anfang September?“ fragte die Baronin ungläubig.

„Man kann nie früh genug damit anfangen.“

„Ein wenig Stimmung würde diesem alten Schuppen bestimmt nicht schaden.“ Die Baronin ließ nicht locker.

„Ein wenig Stimmung? Ein wenig Stimmung?? Wir hatten den gesamten Sommer „Stimmung in diesem alten Schuppen“. Darling, lass uns den Abend gemeinsam verbringen.“ Sie spielte ihre Trumpfkarte aus. Sophia stöhnte laut auf.

„Pia! Lass dein Blut wieder in dein Gehirn fließen. Du hast es mir versprochen!“

„Ja, aber […].“

„Kein Aber! Du hast es versprochen und behauptet, dass Gin einlenken würde.“

„Ach? Würde ich das?“ kam es schneidig vom Schreibtisch. Die Baronin nickte heftig mit ihren Kopf. „Ja, du seist ein Löwe der nur brüllt, aber in Wirklichkeit eine Schmusekatze ist.“ Regina wusste nicht ob sie aufspringen soll um Sophia selber zu würgen oder sie vor ihrer eigenen Frau zu retten.

„Sowas würde ich nie behaupteten! Ich bin doch nicht lebensmüde und unterschätze die Starrköpfigkeit meiner eigenen Frau!“ protestierte die Russin. Die Fürstin ließ ihren Kopf auf die Tischplatte fallen.

„Ihr treibt mich in den Wahnsinn! Diese Rechnungen müssen noch abgeheftet werden, also kommt zum Punkt. Wann soll es stattfinden?“

„Morgen um 17:00 Uhr. Eine Grill- und Poolparty.“ Sprudelte es aus Pia heraus.

„Ich muss den Grill noch einmal anwerfen?“ Pia lief um den Schreibtisch herum und legte ihre Hände auf die verspannten Schultern ihrer Frau.

„Einmal wirst du ihn nochmal anmachen müssen, Babe.“

„Eduard grillt. Ich besorge das Fleisch. Könnt ihr jetzt bitte gehen? Ich bin mir sicher, dass die Baronin noch eine Weile bleiben wird.“

„Darauf kannst du dich verlassen, Grumpy-Pants. Kann ich dich noch um einen Gefallen bitten?“

„Nein. Ich kann es nur einer Person pro Tag Recht machen. Heute ist nicht dein Tag. Und Morgen sieht es auch nicht gut aus. Darling, hole mich bitte erst vom Büro ab, wenn die wandelnde Katastrophe unser Grundstück verlassen hat.“ Den letzten Satz flüsterte sie Pia ins Ohr.

„Sei nett! Sie hat Morgen Geburtstag. Und ich versprach es wirklich. Ich vergaß nur mit dir darüber zu reden. Verzeih mir, okay?“

„Ich weiß das sie Geburtstag hat.“ knurrte sie leise.

„Du alter Softie.“ Pia gab ihr einen leidenschaftlichen Kuss und folgte ihrer Freundin aus dem Büro. Hamlet schaute sie vorwurfsvoll an. „Bin ich nicht!“ verteidigte sie sich vor einem leeren Büro.

Gegen 11:00 Uhr räkelte sich Pia zum zweiten Mal im Bett. Sie war bereits gegen 6:00 Uhr wach geworden, als ihr Kuscheltier, nicht Hamlet, das Bett verlassen wollte und sie sich an dessen Nachtshirt gekrallt hatte. Warum konnte die Adlige nicht wie jeder andere normale Mensch um 11:00 Uhr aufstehen?? Egal wann sie zu Bett gingen, punkt 6:00 Uhr wurde sie wach und dann unruhig im Bett. Es sei denn sie war wirklich übermüdet und die brünette Schönheit stellte heimlich den Wecker aus. Aber so lebensmüde war sie den Abend davor nicht, denn ihre Frau würde auch so keine gute Laune haben. Nicht einmal der Hund blieb im Bett! Dafür, dass Regina immer so auf Regeln bestand durfte Hamlet so ziemlich alles. Natürlich war sie gegen einen Hund, wie sollte es denn auch anders sein? Selbst Lana ihre großen Augen konnten die Fürstin nicht davon überzeugen, einen Hund zu kaufen. Aber seit wann hörte Pia auf ihre Frau? Kurz entschlossen besorgte sie vor ein paar Monaten den Puggle Welpen mit den niedlichen Falten im Gesicht und dem gekringelten Schwanz. Die kleine Promenadenmischung, welche als bequem und ruhig verkauft wurde, entpuppte sich als kleiner Teufel. Am liebsten rannte er Runden um Regina herum und versuchte sie zum Spielen zu animieren. Völlig unbeeindruckt und kein bisschen dem Kindchen Schema verfallen ignorierte sie ihn einfach. Für ein paar Stunden. Die Tatsache das er im Bett schlafen durfte, schien ein Zeichen dafür zu sein das der Lockenkopf ihn akzeptierte. Oder sie konnte sein winseln nicht mehr ertragen und hob ihn deswegen eines Nachts ins Bett. Pia warf sich noch einmal in das Kissen der Adligen, atmete deren Duft tief ein und stand schließlich auf. Auf dem Balkon blieb sie stehen und sah, dass Regina die Gartenmöbel aus den Schuppen geschleppt hatte und diese mit einem Lappen abwusch. Zumindest hatte sich diese ihrem Schicksal ergeben, dass sie heute Abend mit Sophia, Eduard und eine Anzahl Unbekannter einen Grillabend verbringen musste. Wie jedes Jahr, und unter lauten Protest von Regina, feierte Sophia ihren Geburtstag bei ihnen auf dem Anwesen. Mit all ihren geladenen Gästen, welche vor allem aus dem aristokratischen und unternehmerischen Bereichen kamen. Für Regina eine reine Tortur, denn sie konnte nicht einfach verschwinden. Sie repräsentierte das Haus Millburgh, zumal die Kaiserin ebenfalls geladen war. Die Bürgerliche zuckte mit ihren Schultern. Die Adlige würde es schon überleben und Pia hatte einige Asse im Ärmel um ihr die Zeit zu versüßen. Blindlings griff sie nach einem Shirt, zog es sich über und lief langsam die Treppen hinunter. In der Küche fand sie ihre Tasse Kaffee und folgte dann den lauten Geräuschen. Hamlet lag im Schatten und würdigte ihr keinen einzigen Blick.

„Babe. Dein Hund respektiert mich nicht.“ Der Lockenschopf schaute über ihre rechte Schulter.

„Und das verwundert dich? Du verwöhnst ihn ohne das er dafür was machen muss. Das wäre so als ob ein Löwe auf der Jagd wäre und sich seine Beute vor ihn werfen würde und darum bettelt gefressen zu werden.“ Sie arrangierte die Stühle um den Tisch herum.

„Was machst du eigentlich? Sophia kommt doch nur mit ein paar Freunden.“ Die Brünette setzte sich in einen Stuhl.

„Ein paar Freunde? Sie schickte mir per E-Mail eine Liste mit 50 Mann. Erinnere mich daran ihr Hausverbot zu geben. Unser Haus ist kein Treffpunkt, wo sie ihre Partys schmeißen kann.“ Haselnussbraune Augen verdrehten sich gen Himmel und so stand sie auf und umarmte ihre gereizte Gattin.

„Ach, komm schon Grumpy Pants. Daniel könnte doch grillen.“

„Darling, Daniel ist unser Koch für das Restaurant und nicht unser Butler. Ich fahre jetzt in die Stadt und besorge das Grillfleisch, die extra Wünsche für Sophia und die Getränke. Kannst du das hier bitte noch beenden?“

„Ja. Beeile dich, okay? Anton und Lana kommen am Nachmittag vorbei.“ Erinnerte sie ihre Frau.

„Ich muss davor noch etwas erledigen. Vor 16:00 Uhr bin ich nicht zurück. Danke das du den Rest fertig machst.“ Sie gab ihr einen Kuss auf die Stirn und schon war der Wirbelwind verschwunden. Einen kurzen Augenblick schaute die Russin ihr hinterher.

„Woher nimmt sie die Energie? Ich bekomme kaum meine Augen auf und sie blüht wie das strahlende Leben. Total unfair.“ murmelte sie vor sich hin und trank erst einmal in aller Ruhe den Kaffee aus. Manchmal wäre es schön gewesen einen Butler oder ein Hausmädchen für die Häuser zu haben. Schloss Millburgh hatte nicht nur einen Butler und Zimmermädchen, sondern auch Gärtner und Koch. Aber warum sollte auch ausgerechnet das Familienoberhaupt Butler und Zimmermädchen auf dem inoffiziellen Sitz der Familie haben? Sie erinnerte sich noch daran wie beleidigt Butler Detlef war, weil er in Frankfurt bleiben musste und nicht seiner Herrin nach Berlin folgen durfte. Er beschwerte sich mehrmals bei Pia, denn er diente bereits Regina ihrem Vater und Großvater. Doch ihre resolute Frau blieb standhaft und betonte mehrmals, dass sie keinen Butler brauchte. Pia wären spontan eine Handvoll Gründe eingefallen einen Butler auf dem gemeinsamen Anwesen zu haben. Aber auf der anderen Seite war sie froh das sie nicht ständig gestört wurden, wie gesagt nur manchmal wäre es schön gewesen. Und da Sophia ihr Geburtstag auf einem Donnerstag fiel, konnte sie auch nicht auf Madeleine greifen, denn die „Villa am See“ war durch die Feier heute geschlossen. Normalerweise war die Villa von Donnerstag bis Sonntag für Gäste geöffnet. Alle anderen Tage waren reserviert für die Hochzeiten oder freie Tage. Als sie Anfang der 90iger Jahre eröffnet hatten stand Regina in der Küche und Pia machte den Service. Zu dieser Zeit hatten sie die Schriftstellerei an den Nagel gehangen und gingen davon aus, dass ihre Karriere beendet war. Ihre Romane, welche bereits in den 80iger Jahren einen subtilen lesbischen Hauch hatten und vor allem im französischen Königreich verkauft und verfilmt wurden, fanden keinen richtigen Anklang im Kernstück des Kaiserreichs. Homosexualität war bekannt und wurde auch nicht mehr strafrechtlich verfolgt, aber die Menschen waren noch nicht bereit ihre Gesellschaft dafür zu öffnen. Erst als Kaiser Henrik das Gesetz zur gleichgeschlechtlichen Ehe durch das Parlament brachte und die ersten Hochzeiten stattfanden, öffnete sich die Gesellschaft dem mehr und fing an Literatur zu suchen. Ende der 90iger Jahre waren ihre ersten beiden Bücher Bestseller geworden und die beiden Filme, wo sie selbst in die Rollen der Protagonistinnen schlüpften, ein riesiger Erfolg. Bis es zu ihrem abgelegenen Anwesen am See gelang, dauerte es noch eine ganze Weile. In den adligen Kreisen tauschte man sich darüber aus, die ersten homosexuellen Beziehungen wurden öffentlich gezeigt. Jeder wusste wer die Hauptrollen spielte, aber niemand wer denn die Bücher geschrieben hatte. Zur Veröffentlichung nutzten sie damals ein Pseudonym, aber ab 2001 sammelten sich Anfragen nach Fortsetzungen und die Beiden wurden unfreiwillig in das Rampenlicht zurück katapultiert. Pia war Feuer und Flamme und Regina war das kalte Wasser. Die Brünette lebte nur für das Schreiben, auch wenn ihr Restaurant sehr gut lief und sie damit zufrieden war, aber es fehlte ihr in fremde Welten zu tauchen. Schließlich lenkte Regina ein. Es wurde mehr Personal eingestellt und das Restaurant von Montag bis Mittwoch geschlossen, um Zeit zum Schreiben zu haben. Ihrer Ehe gab dies eine neue Wendung und einen weiteren Schwung, auch wenn die Fürstin zeitweise sich die Nächte um die Ohren schlug, um die Arbeit im Büro bewältigen zu können und Pia im Atelier saß und die letzten Texte kontrollierte. Pia beendete ihre Tagträume und schaute sehnsüchtig zum Himmel. Ein paar Wolken hatten sich gebildet und sie hätte gerne noch ein wenig getrödelt, aber Anton war genauso pünktlich wie seine rothaarige Mutter und bis dahin sollte sie mit den Gartenstühlen fertig sein.

Grüne Augen weiteten sich, als Anton das Herrenhaus seiner Eltern betrat. Seine leibliche Mutter bat ihn früher zu kommen, um einige Details zu klären. Das sie inmitten der Saison einen Urlaub einlegen würden, kam unerwartet. Seine Tochter Lana wäre darüber weniger erfreut. Noch befand sie sich in den Ferien, aber wenn sie erfuhr, dass ihre Großeltern Zeit hatten, dann würde sie solange betteln bis beide sie in den Urlaub mitnehmen würden. Keine Seltenheit und kam schon öfters vor. Lana konnte sturköpfig sein und vor allem ihren Willen durchsetzen. Eine Eigenschaft die er nicht von dem Ahnherrn des Hauses geerbt hatte. Als er mit seinem Auto geparkt hatte, rief seine Mutter an und entschuldigte sich dafür, dass es länger dauern würde. Anstatt in das Büro zu gehen, betrat er das Herrenhaus und fand seine russische Mutter in der Küche. Anton war sich nicht sicher was sie vorhatte. Er wusste nur, dass es nicht gut enden würde.

„Mamutschka, ich denke das ist wirklich eine ganz schlechte Idee.“ Fragwürdig starrte Anton seine russische Mutter an.

„Warum? Vertraust du mir nicht?“ Wie oft hatte er seine rothaarige Mutter erlebt, welche jedes Mal in diese verbale Falle getappt war? Egal was man jetzt antworten würde, es wäre definitiv falsch gewesen.

„Nein, das tue ich tatsächlich nicht. […].“ fing er diplomatisch an. „[…] Es wäre ratsam auf Mom zu warten.“

„Siehst du deine Mutter hier irgendwo?“ sie deutete auf die leere Küche und zog provozierend eine Augenbraue hoch. Ein Merkmal welches sie sich von Regina abgeschaut hatte.

„Sie rief an und sagte, dass es später werden würde. Sie hat dir explizit verboten, es zu tun.“ Warnte er.

„Die Gäste kommen in einer Stunde und es ist nichts vorbereitet.“ Tatsächlich wusste er, dass seine Mutter am Morgen alle Gartenmöbel abgewischt und die Tische und Stühle für den Abend angeordnet hatte. Zusätzlich war der Grill ebenfalls vorbereitet, so dass sie ihn später nur noch anmachen musste.

„Wir können die Tische decken und die Getränke aus dem Keller holen. Sie wird sich um den Rest kümmern.“ schlug er vor.

„Deine Mutter hat in dieser Ehe nicht die Hosen an!“ Anton sein Gesicht verzog sich zu einem amüsierten Grinsen.

„Wenn du das sagst, Mamutschka.“

„Junger Mann, wische dir dieses spöttische Grinsen aus dem Gesicht! Deine Mutter verwendet es immer wenn sie mir nicht glaubt, aber ihre Ruhe haben will.“ Wetterte sie weiter.

„Was immer du sagst. Komm, ich hole die Getränke und du deckst die Tische?“ er drehte sich um und wollte die Küche verlassen, als er hörte: „Lass es uns gemeinsam versuchen, ja? So schwer kann es nicht. Du bist ein Mann, beweise ihr das du dazu fähig bist.“ Ermutigte sie ihn. „Mom hatte Recht! Du benutzt wirklich die Geschlechterrollen und appellierst an mein Ego als Mann! Im Gegensatz zu euch, kann ich Knöpfe annähen und Löcher stopfen. Geschicklichkeit und handwerkliche Fähigkeiten haben nichts mit dem Geschlecht zu tun.“ Empörte er sich lautstark.

„Schon gut. Zeig ihr das du ein ebenbürtiger Nachfolger bist?“ änderte sie die Taktik. Seine Kinnlade fiel nach unten.

„Das ist kein Deut besser! Wir wissen das Lana ihre Nachfolgerin wird.“ Beleidigt verschränkte er seine Arme vor der Brust. Pia lenkte ein und zog ihn in eine Umarmung. „Mein Schatz, es tut mir Leid. Ich wollte dich nicht kränken oder gar emotional manipulieren. Aber du bist der Sohn deiner Mutter. Warum kannst du keinen Grill anwerfen?“

„Mom glaubt nicht an Genetik. Und ich bin schließlich auch dein Sohn. Sie denkt ich habe deine nicht vorhandenen Küchentalente geerbt.“ Misstrauisch beäugte sie ihn.

„Was hast du in Brand gesteckt? Sie hat das nicht ohne Grund gemacht.“

„Erinnerst du dich noch daran, dass du vor vielen Jahren keine Pancakes zum Geburtstag bekommen hast?“

„Ja klar. Das aller erste Mal. Deine Mutter sagte, dass sie es zeitlich nicht geschafft hatte. Hm, im Nachhinein ergibt das keinen Sinn.“

„Ich wollte dich überraschen und hatte versucht den Teig herzustellen, um selber Pancakes für dich zu machen.“ Fing er vorsichtig an.

„Uh uh. Was hast du getan?“

„Der Teig war irgendwie zu klebrig und alles lief über die heißen Herdplatten. Ich war überrascht als plötzlich Mom in der Küche stand und nicht du.“

„Deine Mutter hat einen siebten Sinn für ihre Küche. Das Haus könnte über sie zusammenfallen und sie würde nicht wach werden, aber Gnade dir Gott du bist in ihrem Heiligtum und etwas brennt an.“ Sie lachten beide über die Theatralik von Regina.

„Wir sollten es trotzdem versuchen. So schwer kann es nicht sein. Was soll schon passieren?“ Schlussfolgerte die Russin. Die berühmten letzten drei Worte. Er riss seine Augen auf.

„Das letzte Mal hat das Haus beinahe Feuer gefangen, weil du zu viel Grillanzünder verwendet hast! Wenn Mom dich nicht rechtzeitig vom Feuer gestoßen hätte, dann hättest du auch in Flammen gestanden. Ich fasse es nicht an!“ Damals kam seine rothaarige Mutter von der Gartenarbeit herein und fragte wo seine Mamutschka steckte. Der Schweiß lief ihr Gesicht herunter und sie legte ihre Arbeitshandschuhe auf die Kommode ab.

„Hat es dir die Sprache verschlagen?“

Er stotterte: „Mom! Was machst du schon hier?“ Gleichzeitig sprangen ihre roten Augenbrauen bis zum Haaransatz.

„Entschuldige bitte, ich wohne hier.“

„Ich dachte du wolltest später kommen.“ Nervös schaute er nach hinten in den Garten.

„Was hat sie diesmal angestellt?“

„Ich wollte sie davon abhalten! Sie bestand darauf, dass sie dich überraschen […].“ Bei dem Wort „überraschen“ verlor der Lockenkopf sämtliche Farbe im Gesicht.

„Garten.“ sagte er nur noch, bevor sie an ihm vorbei flitzte, mit der Geschmeidigkeit einer 16 Jährigen. Er hörte nur ein lautes „Nein!“ und folgte dem Schrei. Im Türrahmen blieb er stehen und hatte sichtlich Mühe gehabt, nicht in schallendes Gelächter zu fallen. Im Grill loderte eine riesige Flamme, die Häuserwand unterhalb des Grills war schwarz verfärbt und die Flasche Spiritus lag daneben. Seine Mutter lag auf seiner Mamutschka, das Haar leicht angesengt und sie schüttelte ihre Locken und drehte sich auf den Rücken. Beim Anblick der Häuserwand jammerte sie laut.

„Pia! Wer hat dir erlaubt den Grill anzumachen?!“

„Du hast gesagt ich darf nicht kochen und hast mich aus der Küche verbannt.“

„Deine Steaks haben in der Pfanne Feuer gefangen! Die Feuerwehr musste dein kleines Lagerfeuer löschen. Wie kommst du auf die Idee, dass du bessere Ergebnisse mit einem Grill erreichen wirst? Du hast eine Flasche Grillanzünder in die Flamme gekippt! Schau dir unsere Häuserwand an!“

„Ich wollte dich überraschen.“

„Warum? Es ist doch Gott sei Dank noch nicht Valentinstag und ich erhole mich immer noch von deiner letzten Überraschung!“

„Danke, dass du mich gerettet hast. Ohne dich wäre ich vermutlich ein verbranntes Fischstäbchen. Sorry wegen deinen Haaren. Du wolltest ja eh zum Friseur.“

„Meine Haare??“ Anton erinnerte sich das seine Mom plötzlich wieder einen Kurzhaarschnitt hatte. Er kam in die Gegenwart zurück als er hörte: „Du übertreibst maßlos. Sie wirft auch nur Holzkohle rein, tränkt alles in Grillanzünder und wirft ein Streichholz hinein.“ Sie wedelte abwertend mit ihren Händen. Er hielt abwehrend seine Hände nach oben.

„Wenn du dein Leben riskieren möchtest, dann versuch es ruhig ein zweites Mal. Es sollte wenigsten ein Erbe übrig bleiben und wenn sie mit dir fertig ist, bin ich wenigstens noch da.“

„Ein wenig Vertrauen in meinen Fähigkeiten könntest du ruhig stecken.“ Sie fing an zu schmollen. Anton umarmte seine Mutter liebevoll.

„Mamutschka, ich habe sehr viel Vertrauen in deinen anderen Fähigkeiten. Aber Kochen und Handwerk sind bei dir suboptimal ausgebildet.“

„Hey! Meine Löcher die ich gebohrt habe waren spitze!“

„Nachdem Mom alles wieder mit Gips verschlossen hatte, weil du zeitweise durch die dünnen Wände gebohrt hast!“

„Ja, damit man von beiden Seiten einen Nagel rein hämmern kann. Aber das Tapezieren war okay.“

„Mom und Opa mussten alles entfernen und von vorne anfangen.“ Argumentierte er dagegen.“

„Rasen mähen?“

„Du hast die Kontrolle über den Rasenmäher verloren und zwei Beete ruiniert. Ich hatte Angst das Mom einen Herzinfarkt bekommt!“

„Unkraut zupfen?“

„Nope. Du hast alles rausgerissen was grün war.“

„Das war doch der Sinn davon!“

„Nope. Bevor etwas blühen kann ist es in der Regel grün. Du hast alle Tulpen rausgerissen.“

„Hach! Aber Möbel konnte ich aufbauen!“ sie grinste triumphierend.

„Die Schränke sind in ihre Einzelteile zerfallen und hätten beinahe Opa unter sich begraben. Zusätzlich hättest du ihn fast mit einem Hammer erschlagen. Und der Kleiderschrank brach inmitten der Nacht in sich zusammen. Du hattest den Klebstoff vergessen, um alles zu verbinden.“

„Aber die Wände konnte ich prima einreißen!“

„Ja, wenn es die richtigen Wände gewesen wären. Erinnere dich daran, dass die Villa diesen Durchgang zum Salon nicht hatte.“ Ertönte es hinter ihnen. Regina trat in die Küche. In den Händen eine Unzahl an Tüten, welche sie auf die Arbeitsplatten stellte. Ihrer Frau gab sie einen Kuss und ihrem Sohn ein High Five.

„Danke. Ich befürchtetet wirklich, dass diesmal unser Haus Feuer gefangen hätte, wenn sie noch einmal versucht hätte, den Grill anzuzünden.“ murmelte sie ihm ins Ohr.

„Oder zuerst den Garten und dann das Haus. Du hast den Grill inmitten des Gartens bauen lassen, so dass nicht mehr alles Feuer fangen kann, sollte sie es nochmal versuchen.“

„Ich erinnere mich mit Schaudern an die Stichflamme, die unsere Hauswand schwarz verfärbte.“

„Was tuschelt ihr Beiden wieder?“ fragte die Bürgerliche.

„Oma!!“ ertönte eine Kinderstimme und Pia hatte noch genug Zeit, ihre Enkelin aufzufangen. „Mein Spatz! Ich dachte du bist noch bei deinen Freunden.“ Sie drückte ihre Enkelin an sich und ließ sie schließlich runter.

„Ja, aber ich wollte nicht zu spät kommen. Grandma hat mich abgeholt, weil jemand auf dich aufpassen musste.“ Sagte diese unbekümmert und streichelte Hamlet, welcher ihr freudestrahlend folgte. Genervt drehte sie sich zu ihrer Familie um. Da standen sie nun. Drei Generationen der Familie von Millburgh. Die Originalversion dieser starrköpfigen Bande hatte es tatsächlich geschafft, zwei Mini-me Versionen zu erschaffen. Alle drei mit roten Locken, smaragdfarbene Augen und einer ausgeprägten Kinnlade, welche auch noch Lana entwickeln würde, ausgestattet. Offensichtlich zeigte sich die Starrköpfigkeit in den Genen, denn anders konnte sich Pia das nicht erklären.

„Darling, möchtest du die Musik vorbereiten? Anton gehst du die Getränke holen? Lana und ich bereiten das Essen vor. Nicht wahr, Prinzessin?“

„Jap!“ Die Kleine ergriff bereits die Tomaten und spülte diese ab.

„Du bist nicht so subtil wie du denkst, Babe.“

„Das war nicht meine Intension. Wir wissen, dass du eine Katastrophe in der Küche bist. Ich liebe dich trotzdem.“ Erwiderte die Aristokratin und ergriff ein Messer. Wortlos ging die Brünette aus der Küche. Regina war noch immer leicht gereizt und würde dies erst ablegen, wenn sie den Rücken von Sophia sehen würde. Zu dumm das Pia dieser versprochen hatte, dass sie und Eduard übernachten konnten. Auch diese Brücke würde sie überqueren wenn es Abend war. Bis dahin würde sich der Lockenkopf beruhigt haben. Zumindest hoffte sie es.

Sophia sah die Fürstin am Grill stehen und rannte voller Freude zu ihr.

„Wenn du was umarmen willst, dann geh einen Baum umarmen!“ sagte der Rotschopf, ohne sich umgedreht zu haben.

„Ich habe dich auch vermisst, Grumpy Pants!“ Die Baronin umarmte sie von hinten und ließ ihren Kopf gegen das Schulterblatt der älteren Frau fallen. Für ein paar Augenblicke blieben beide ruhig bis Regina: „Alles Liebe zum Geburtstag, du royale Nervensäge.“ flüsterte. „Danke Grumpy. Du weißt gar nicht was mir das bedeutet.“ flüsterte sie zurück.

„Ich habe eine Ahnung.“

„Kann ich eine dumme Frage stellen?“

„Ich kenne niemanden der das besser könnte, als du.“ Sophia gab ihr einen Klaps gegen das Schulterblatt und kuschelte sich danach wieder ran.

„Weißt du was mein größter Wunsch ist?“

„Natürlich! Die Antwort bleibt ein „nein“.“

„Das ist dein Lieblingswort, oder? Nur um mich zu ärgern. Komm, einmal! Es ist mein 45iger Geburtstag. Du kennst die Meinung von Eddie.“ drängte die Baronin.

„Ja. Leider! Ich wünschte mir, er hätte nein gesagt.“ Sophia hauchte ihr einen Kuss in den Nacken.

„Du kannst den ganzen Abend darüber nachdenken. Eddie und ich übernachten ja, so dass du jederzeit deine Meinung ändern kannst.“ Mit diesen Worten ließ sie los und fing an ihre Gäste zu begrüßen.

„Was??“ Ruckartig drehte sich der Lockenkopf herum, aber sie war in der Menge verschwunden. Stattdessen tauchte Hanna neben ihr auf und umarmte sie liebevoll.

„Sie hat dich wieder gefragt, nicht wahr? Und deine Antwort war immer noch ein nein.“

„Meine Kaiserin das sind private Diskussionen. Ja, um beide Fragen zu beantworten.“ Regina nahm das Glas mit dem Whiskey an sich und beide stießen an.

„26 Jahre und sie hat immer noch nicht locker gelassen. 26 Jahre und du sagst immer noch nein. Wer hätte gedacht, dass du auf jemanden triffst der genauso starrköpfig ist wie du?“

„Und dann auch noch die beste Freundin von Pia.“ jammerte der Lockenkopf.

„Wo sind deine Schatten?“ Ihre grünen Augen suchten die Gäste ab und einige Gesichter kamen ihr bekannt vor.

„Auf ihre Posten. Aber mein bester Mann ist unter den Gästen.“ flüsterte Hanna.

„BP? Du verlässt dein Schloss nie ohne BP. Ich dachte das er für den Geheimdienst arbeitet.“

„Tut er auch. Aber nimmt gerne den Posten als Bodyguard an, wenn ich mal ungestört eine Party feiern gehen möchte.“ Sie zwinkerte ihr zu.

„Und George?“ Beide drehten sich vom Grill weg und beobachteten die Gäste.

„Wollte unbedingt mit, konnte aber nicht. Er befindet sich in England und besucht die Verwandtschaft.“

„Wer weiß? Vielleicht kannst du dich lange genug von BP los reißen und vielleicht triffst du heute die große Liebe.“

„Dein Zynismus wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Und glaube mir, BP wäre ein Fang. Aber junge Fische sollte man schwimmen lassen. Du bist mir – wie immer – einen Tanz schuldig. Vergiss das nicht.“ Regina deutete nur eine Verbeugung an und widmete sich wieder ihrem Grill.

Eduard Ferdinand Baron von Wolfenstein straffte seine schmalen Schultern, holte einmal tief Luft und schritt dann resolut zum Grill. Von seiner Frau hatte er erfahren, dass die Fürstin alles besorgen würde, aber er müsste sich um den Grill kümmern. Regina und er hatten eine ungewöhnliche Freundschaft. Wobei er sich nicht immer sicher war, ob sie wirklich eine Freundschaft hatten. Regina konnte besser mit seiner Frau umgehen, als er selbst. Die Aristokratin setzte energisch Grenzen, welche Sophia mit einer kindlichen Freude puschte. Er ließ sie einfach gewähren. Seine Sophia wusste was sie wollte und hatte keinerlei Probleme damit ihre Wünsche zu äußern. Er war immer wieder erstaunt, dass sie ihn wirklich geheiratet hatte, denn sie hatte schon immer eine Schwäche für die Fürstin. Als sie das Paar als junge Frau kennengelernt hatte, war sie hin und weg von den Beiden. Erst viel, viel später lernte er offiziell die Millburghs kennen, nachdem er sich in Sophia verliebt hatte. Leider war Sophia zu dieser Zeit mit Pia sehr eng befreundet und es war nur eine Frage der Zeit, wann er auf Regina treffen würde. Diese blieb grundsätzlich den Treffen der Freundinnen fern oder verschwand, sobald sie den grünen Aston Martin in der Einfahrt sah. Irgendwann kamen die Damen des Hauses auf die Idee, Pärchen-Abende zu veranstalten. Da standen sie dann zusammen in der Einkaufsmeile in Berlin, während ihre Frauen die Boutiquen stürmten. Die Fürstin war unwillig irgendetwas zu sagen und er war eingeschüchtert, allein schon von der Ausstrahlung des Lockenkopfes. Geduldig brachten sie die ersten Einkaufstüten zum Pickup zurück. Beim zweiten Mal warf Regina die Tüten genervt in den Kofferraum und stieg bei der Fahrerseite ein. Ohne ein Wort deutete sie ihn an, einzusteigen und dann gab sie Gas. Er wurde beim dem Gedanken kreidebleich, seine Frau alleine in der Stadt zurück zu lassen. Niemand mehr da um ihre Tüten zu tragen und ihre Laune wäre im Keller. Noch bleicher wurde er bei dem Gedanken, dass die Gattin der Fürstin einer ihrer berühmten Wutanfälle bekommen könnte. Seit diesen Tag an bewunderte er die Fürstin, unabhängig davon das sie als Kriegsheld und Legende bekannt war, für ihre Stärke. Die exzentrische Schriftstellerin war nicht nur für ihre Wutanfälle bekannt, berüchtigt war sie vor allem für ihre legendären eifersüchtigen Ausbrüche. Wo viele Männer und Frauen die Flucht ergriffen hätten, stand der Lockenkopf inmitten dieses Sturmes, mit gehobenem Haupt und bereit den Stier bei den Hörnern zu packen. Eduard wusste, dass sie nicht unterschiedlicher hätten sein können, aber er konnte sich immer auf Regina verlassen. Am Anfang half sie ihm aus Mitleid, weil er eine Frau wie Sophia heiraten musste. Denn wenn sie in dieser Situation gewesen wäre, dann wäre sie freudestrahlend in einen Degen gelaufen. Ihre Worte, nicht seine. So ungewöhnlich diese Freundschaft war, beide respektierten und schätzten sich. Vor allem als er Vizepräsident des Handels und Verkaufes in der brandenburgischen Holding wurde, arbeitete er oft mit Regina zusammen, um einige Projekte mit der Holding der Pfalz zu verbinden. Die Fürstin zeigte sich erkenntlich und sie fingen an Golf spielen zu gehen oder trafen sich für eine Partie Schach. Dadurch lernte er Michael und Thomas kennen, Uni Freunde des Lockenkopfes, welche eine Vorliebe für Strip-Clubs hatten. Natürlich wusste er das Sophia und Pia gnadenlos auf den Lockenkopf eingeredet hatten, bis sie sich bereit erklärte mit ihm überhaupt einen Abend zu verbringen. Letztendlich war sie seine Trauzeugin als er Sophia ehelichte. Bevor er seinen Mund öffnen konnte, wurde sein Blick von grünen Augen gefangen.

„Ich fragte mich schon wie lange du noch warten wolltest.“ Wurde er begrüßt.

„Ich freue mich auch dich zu sehen, Gin.“

„Ich hätte mich mehr gefreut, wenn wir uns unter anderen Umständen gesehen hätten. Wir mussten uns schon vorgestern durch den Abend quälen.“

„Ich weiß. Eigentlich sollte es mir leidtun, aber sie macht das seit 26 Jahren. Sie bestand darauf. Sie sagte es sei Tradition. Wenigsten können wir Zeit miteinander verbringen. Wenn ihr in der Saison seid, hast du weniger Zeit.“

„Danke dafür! Wie schlimm wäre es den Abend mit 50 Fremden zu verbringen? Oh, warte das tue ich ja bereits.“ Gab sie als bissige Antwort. Plötzlich ließ die Anspannung in ihren Schultern nach.

„Es tut mir Leid. Die letzten Wochen waren stressig. Pia und ich fahren am Sonntag nach Rügen. Ich beschloss einen Kurzurlaub mit ihr zu machen.“

„Wirklich? Du machst freiwillig Urlaub? Alles in Ordnung bei dir?“

„Ja. Mache dir keine Gedanken. Einfach mal ein paar Tage abschalten. Am Donnerstag kommen wir wieder zurück. Freitag früh hätte ich für zwei Stunden Zeit. Wollen wir zum Golfplatz gehen?“

„Das klingt gut. Vormittag habe ich keinen Termin. Hier, ich brachte dir einen weiteren Whiskey mit. Die Kaiserin gab dir einen, aber ich sah das du ihn in einen Zug getrunken hast.“ Endlich lächelte sie.

„Danke. Ich bin zu nüchtern, um deine Frau zwei Abende hintereinander und noch am Morgen ertragen zu müssen.“

„Und ich bin zu nüchtern für deine Frau.“ Beide stießen an und schwiegen für einen Moment. „Danke, dass du die Karten für die Band besorgt hattest. Ohne dich wäre ich vorgestern aufgeschmissen gewesen.“

„Natürlich. So panisch wie du geklungen hast, dachte ich, dass ein weiterer Krieg ausbrechen würde. Gehe zu deiner Frau und genieße den Abend. Ich mache das schon.“ Bot sie ihm an und arrangierte auf einer Seite des Grillrostes das Fleisch und auf der anderen Seite die Gemüsespieße.

„Lass mich dir wenigsten helfen. Du richtest jedes Jahr ihren Geburtstag aus und ich habe mir einige Tricks von dir abgeschaut.“

„Wenn du dir den Trick mit dem „Nein-Sagen“ auch abgeschaut hättest oder „wie-ziehe-ich-Grenzen, dann wäre ich richtig stolz auf dich.“

„Sie fragte wieder nach einer gemeinsamen Nacht?“

„Du klingst so überrascht. Sie tut das jedes Jahr und deine Meinung hat sich ja nicht geändert. Kannst du nicht wie jeder andere eifersüchtig sein?“

„Warum? Ohne dich wäre unsere Hochzeitsnacht ins Wasser gefallen. Du hast mir […].“

„Ah! Ah! Ah! Wir haben gesagt wir reden nie wieder darüber. Ich versuche immer noch dieses Gespräch zu vergessen.“

„Ich sage ja nur, dass es mich nicht stören würde. Du bist die einzige Schwäche von ihr und meine „Schwäche“ haben wir bereits erlebt.“

„Das sind zu viele Informationen. Danke Ed. Was würde ich nur ohne dich machen?“ sie grinste ihn schief an.

„Ich bin mir sicher, dass du ganz gut alleine klar kommst.“ Er stieß ihr gegen die Schulter. „Gut, dann zeige mal was du gelernt hast, ja? Ich muss schnell nach Lana schauen und später kommt Anton und löst uns ab.“

„Aye, Aye mein General!“ er salutierte und sie verdrehte ihre Augen. Das Lächeln auf ihren Lippen sah er noch, bevor sie sich abwandte.

Es war gegen Mitternacht als Pia nach ihrer Frau suchte. Großteil des Abends sah sie den Rotschopf am Grill stehen, selbst als ihn Anton übernahm. Nie war sie alleine, denn eine Traube Menschen kreisten sie ein und verwickelten sie in unterschiedliche Gespräche. Wie immer war sie der perfekte Gastgeber, setzte ihr charmantes Lächeln auf und erfüllte die Wünsche der Gäste. Zwischenzeitlich wurde die Tanzfläche eröffnet, wofür Pia unterschiedliche Playlisten erstellt hatte und am Anfang noch selbst die Rolle des DJane einnahm. Dadurch sah sie, dass Regina mehrmals auf der Tanzfläche war. Sie erfüllte den Wunsch der Kaiserin, was selbst am Hof Tradition war. Der erste Tanz des Balles gehörte immer der Kaiserin mit ihrem ausgewählten Tanzpartner. In den letzten Jahren war es immer Regina gewesen und Pia wünschte sich, dass Hanna endlich wieder einen Partner finden würde. Natürlich griff Sophia mehrere Tänze mit der Fürstin ab. Aber sie tanzte auch mit ihren Mann und Eduard bemühte sich. Nur Pia kam noch nicht dazu mit ihrer Gattin zu tanzen. Also lief sie über die Tanzfläche und wurde unerwartet an der Hüfte gepackt und herumgerissen. Eine ihr völlig unbekannte Frau, welche nur noch ein Auge hatte, versuchte sie zum Tanzen zu animieren. Das Schlüsselwort lag bei „versuchen“, denn ihr Tanz ähnelte einem Balztanz irgendeiner verstorbenen Vogelrasse, welche sich aufgrund dieses Tanzes nicht fortpflanzen konnten, weil es niemand als attraktiv ansah.

„Nachdem ich das hier gesehen habe möchte ich mir mit einem Löffel die Augen auskratzen.“ Hörte sie es leise und blickte endlich in funkelnde grüne Augen.

„Ich habe dich gesucht.“

„Und du hast mich mit ihr verwechselt?“ Pia ihre Hand wanderte ihren rechten Oberarm hinauf, bis hin zu ihrer Schulter und legte sich schließlich in ihren Nacken, als sie spürte wie kraftvoll sie gegen den drahtigen Körper ihrer Frau gedrückt wurde. Unbekümmert ließ sie sich über die Tanzfläche führen. Regina wusste was sie tat und die Brünette hatte Zeit ihre Augen auf Wanderschaft zu schicken. Die Hälfte der Geburtstagsgesellschaft starrte die Beiden an. Entweder aus Neid oder voller Sehnsucht.

„Babe, wie kommt es das du gelernt hast im Tanz zu führen? Ich dachte deine Mutter schickte dich auf eine Tanzschule für Mädchen?“

„Eben. Außerdem übte ich mit Franz oft das Tanzen. Nur das dieser gerne geführt wurde und ich dadurch erlernt habe, eine Dame über das Parkett zu führen.“

„Franz ist keine Dame.“

„Er wäre es gerne gewesen.“

„Ich bin auch keine Dame.“

„Ich weiß. Gott sei Dank.“

„Danke. Ich werde dich für deine Qualen ausreichend entschädigen.“

„Auch für die Qualen, die ich noch am Morgen ertragen muss?“

„Woher weißt du das schon wieder?“

„Die royale Nervensäge konnte ihren Mund nicht halten. Sie erwähnte es, nachdem ich zum wiederholten Mal einen Dreier plus Zuschauer abgelehnt habe.“ Pia schüttelte sich vor Lachen und vergrub ihr Gesicht in dem Hals der Aristokratin.

„Sie wird nie locker lassen. Das habt ihr gemeinsam.“ Sie streichelte über ihr weiches Gesicht und verlor sich in den haselnussbraunen Augen.

„Komm, noch ein Tanz und dann fängt das Feuerwerk an.“

„Was für ein Feuerwerk? Gin!“

„Lass dich überraschen, Darling.“

Wie immer verließen sie das Grundstück zu spät. Erst konnten sich Sophia und Eduard nicht verabschieden und dann musste Regina immer noch die Übergabe mit Anton machen. Dadurch verschwanden sie im Büro, während Lana ihre russische Großmutter bearbeitete, sie mit in den Urlaub zu nehmen. Was diese ablehnte, so dass die Kleine wütend in ihr Zimmer stampfte. Pia konnte machen was sie wollte, die kleine Fürstin kam nicht aus ihrem Zimmer heraus. Schließlich gab sie es auf und verschwand im Atelier. um die Taschen für die Lesung zu packen. 18:00 Uhr mussten sie in Dresden sein, denn 19:00 Uhr begann die Lesung und sie wusste, dass der Saal ausgebucht war. Nachdem Pia alles zusammen hatte und den Mustang packte, war Lana noch immer in ihrem Zimmer. Schließlich betrat Regina alleine das Haus und Pia unterrichtete sie über den Vorfall. Keine fünf Minuten später strahlte Lana über das ganze Gesicht. Verabschiedete sich von Pia und lief dann mit Hamlet zur Villa rüber. Doch die Russin hatte keine Zeit zu fragen, denn noch immer musste sie sich fertigmachen. Während die Adlige die Kleidung für die Lesung zum Auto brachte, duschte sie schnell und warf ein wenig Make-up in das Gesicht. Endlich im Auto war es dann schon 16:00 Uhr und der Lockenkopf drückte auf das Gas. Eine Stunde später, kurz vor der Grenze zu Sachsen ertönte das Blaulicht. Genervt ließ Regina ihren Kopf auf das Lenkrad fallen. Erst vor ein paar Wochen wurden sie von Kriminalhauptkommissarin Miller angehalten. Pia war sich sicher, dass es sich um reine Schikane handelte, denn die Polizei arbeitete für den Staat und diese zogen bevorzugt Adlige aus dem Verkehr. Das Regina einen Bleifuß hatte, war nicht unbekannt, aber das sie jedes Mal von der Kriminalhauptkommissarin angehalten wurden, das schon. Hatte diese sich das Nummernschild von dem roten Mustang auf den Arm tätowiert, dass sie jetzt immer aus dem Verkehr gezogen wurden? Die Russin konnte es nicht einmal mehr an einer Hand abzählen, wie oft sie im letzten Jahr angehalten wurden, wegen angeblichen Kontrollen. Umso öfters sie halten mussten, desto unsympathischer wurde ihr diese Kommissarin. Nicht, dass sie von Anfang an sympathisch gewesen wäre, aber ihre Augen funkelten immer mit einer sadistischen Vorfreude auf, wenn sie Regina sah. Letztes Mal fuhr die Schriftstellerin von Frankfurt zurück, weil der Lockenkopf von einer starken Migräne geplagt wurde. Ausnahmsweise war sie zu schnell unterwegs, als hinter ihr Blaulicht erklang. Regina wurde dadurch geweckt und schaute sich befremdet um.

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