Kitabı oku: «Aus lauter Zorn»

Yazı tipi:


Valentine Imhof

Aus lauter Zorn

Aus dem Französischen von Ronald Voullié und Beate Braumann Herausgegeben von Wolfgang Franßen


Originaltitel: PAR LES RAFALES

Copyright: © Editions du Rouergue, 2018

Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2020

Aus dem Französischen von Ronald Voullié und Beate Braumann

Mit einem Nachwort von Ute Cohen

© 2020 Polar Verlag e.K., Stuttgart

www.polar-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Jutta Nickel/Gabriele Werbeck

Umschlaggestaltung: Robert Neth, Britta Kuhlmann

Coverfoto: © Tina Löhr/Adobe Stock

Autorenfoto: © Erwan Lefèbre

Satz/Layout: Martina Stolzmann

Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign

ISBN: 978-3-948392-06-2

eISBN 978-3-948392-07-9

Für meinen Schutzschatten …

Inhalt

Erster Teil

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Zweiter Teil

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Dritter Teil

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

NACHWORT zu Valentine Imhof Par les rafales

Literaturliste der Tattoos

need you

dream you

find you

taste you

fuck you

use you

scar you

break you

lose me

hate me

smash me

erase me

Trent Reznor, Eraser (in The Downward Spiral)

Davon kommen Frauen, vielwißende,

Drei aus dem See dort unterm Wipfel.

Urd heißt die eine, die andre Werdandi:

Sie schnitten Stäbe; Skuld hieß die dritte.

Sie legten Looße, das Leben bestimmten sie

Den Geschlechtern der Menschen, das Schicksal verkündend.

Völuspá, 20

Erster Teil

Werdandi

»Was ist«

Lebendig, doch in alten Höhlen angekettet, Schüttelt und verzehrt sich in seiner wilden Wut Loki, der letzte Sohn von Ymir, und verzieht seinen Mund; Während die Schlange mit ihren krampfhaften Knoten Die Erde mit massiven Felsen würgt, ohne sie zu erschüttern, Und Fenriswolf, seinen Rücken sträubend, Heult und weint, mit vor Hunger brennenden Augen.

Leconte de Lisle, »La Légende des Nornes« (Zweite Norne),

Poèmes barbares (1889)

Da geschieht es auch, dass das Schiff Naglfar losmacht; es ist aus den Nägeln von Toten gemacht worden […]. Und der Fenriswolf läuft mit aufgesperrtem Maul, der obere Kiefer berührt den Himmel und der untere die Erde.

Gylfaginning, Kapitel 51

Kapitel 1

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4. November 2006, Nancy, Hotel, Zimmer 107

Nun sind beide nackt. Klamotten liegen im ganzen Zimmer verstreut. Ein blödes Trinkspiel. Man gesteht etwas, das man gemacht hat und auf das man nicht stolz ist. Wenn der andere einen ähnlichen »Fehltritt« begangen hat, leert er sein Glas, eine Art von Geständnis, wenn nicht, trinkt der Erste und spielt die Partie weiter, indem er ein neues schändliches kleines Geheimnis preisgibt.

Alex hat die ganze Zeit geschummelt.

Es kommt nicht in Frage, irgendetwas Wahres mit diesem Typen zu teilen. Deswegen sind sie nicht hier, weder sie noch er. Sie hat ihm nicht einmal ihren Vornamen gesagt. Er hat sie übrigens auch nicht danach gefragt. Er kennt ihn bereits, das ist gewiss. Den Vornamen und all die Infos, die der andere Bastard ihm bestimmt gegeben hat.

Wie vereinbart holte er sie vor dem kleinen Bahnhof des Kaffs ab, dessen Namen sie ihm neulich Abend bei dem Konzert genannt hatte. Sie fuhren ein Stück mit seinem Mietwagen, der nach einem Autodeo roch, das zum Kotzen war. Um den Schein zu wahren, befragte sie ihn zu dem Artikel über Trent Reznor, den sie angeblich schreiben wollte.

Die Antworten des Typen waren ausweichend und zögerlich, doch sie spielte weiter das Groupie, das von den Pseudoerinnerungen fasziniert war, die er ihr auftischte, und machte sich daran, eifrig unlesbare Notizen in ihr Heft zu kritzeln. Dann schlug er vor, bei einem Café auf dem Land anzuhalten, um etwas zu trinken. Weil er sich freue, in Frankreich zu sein, das sich so sehr von den Vereinigten Staaten unterscheiden würde … Ja, sie weiß. Also gut.

Das Café des Amis. Ein gelber Plastiktresen, ein großer L’Héritier-Guyot-Frosch, der in der Mitte lächelt, drei rote Plastiktische, zwei Opas mit Hüten, die vor einem Blanc Limé stehen, eine Oma hinter der Theke.

Das ewige Frankreich, das der »Route nationale 7«. Alex wäre nicht erstaunt gewesen zu sehen, wie Charles Trenet aus einem Frégate oder einem DS steigt und hereinplatzt, um sein Lied vom verlorenen Glück anzustimmen. Die zwei Wochen bezahlten Urlaubs, die vergnüglichen Staus, in denen Spiele erfunden wurden, um die Kinder abzulenken, Paris zwei Tage Fahrt vom Mittelmeer entfernt … Ein Traum in Technicolor, den die drei Alten, die sie hereinkommen sahen, sicherlich erlebt hatten … Zwei Halbe und ein Schälchen Erdnüsse aus einem ebenfalls zeitlosen Automaten. Alex nahm die Atmosphäre des Raumes in sich auf. Die Sammlung von Sporttrophäen und Wimpeln, das Dutzend Postkarten, die hinter der Dame angebracht waren, darunter eine von der Basilika von Lourdes, auf der in Rosa auf marineblauem Hintergrund »LOURDES – Die 18 Erscheinungen« blinkte, eine Flasche Cynar mit einer knallgrünen Artischocke auf dem roten Etikett und der unentbehrliche Fernet Branca, das unfehlbare Heilmittel für die Folgen von Saufgelagen.

Als ihre Knie unter dem Tisch zusammenstießen, lenkte sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihren Gesprächspartner. Sicher hatten sie sich nicht zufällig berührt, und diese Unzweideutigkeit wurde verstärkt, als er seine Beine zwischen ihre zwängte.

Sie tat nichts, um sich zu befreien. Im Gegenteil. Sie antwortete mit einem streichelnden Blick, der ebenfalls unzweideutig war. Die Partie hatte gerade erst begonnen.

Da er spürte, dass sie auf derselben Wellenlänge waren, good vibes, und sich leidenschaftlich für Musik interessierten, schlug der Kerl vor, ein Hotel zu suchen und sich dort in Ruhe zu unterhalten, ein Gläschen zu trinken und etwas Gras zu rauchen. Just chill out, und vielleicht mehr …

Mit eindeutigen Signalen gab sie ihm zu verstehen, dass sie von Anfang an nichts anderes erwartet hatte … Sie hatte ihn an der Angel.

So machten sie sich auf den Weg. Er hielt bei einem Dorfladen, aus dem er mit Gin, Wodka und Whisky wieder herauskam. Das ganze Programm … Und offensichtlich nichts zum Verdünnen. Das würde voll reinhauen, aber sie war gut im Training. Dann fuhren sie weiter, ohne wirklich zu reden, während das Autoradio sämtliche Stücke von Robert Johnson herunterspielte.

Schließlich hielt er auf dem Parkplatz eines Hotels, das zu einer Kette gehörte, deren Häuser Tag und Nacht geöffnet haben, bei denen man keine Fragen stellt und Rang und Name keine Rolle spielen. Ideal für die erschöpfte Touristenfamilie, den Lkw-Fahrer auf der Durchreise, den Vertreter samt Musterkoffer, das unverheiratete Paar und einen schnellen Nachmittagsfick, Huren mit ihren Freiern … All das zu einem vernünftigen Preis, sauber und ohne dass einem einer am Eingang auf den Wecker ging. Einfach gut.

Alex fragte sich undeutlich, zu welcher Kategorie von Hotelgästen sie wohl gehörten, aber im Grunde war ihr das völlig egal. Bevor sie ausstieg, hatte sie ihre Kapuze übergezogen. Nach der wohligen Wärme im Wagen schlug ihr die Kälte wie eine Ohrfeige ins Gesicht. Doch sie wollte vor allem die Überwachungskameras vermeiden.

Das Zimmer erschien ihr eher klein, minimalistisch und anonym wie der Rest. Es gab nicht einmal die üblichen hässlichen Kunstdrucke, Blumensträuße, toskanische Landschaften oder venezianische Kanäle, sicherlich mit dem Mund und am Fließband von Behinderten in der Dritten Welt gemalt und in allen Motels und Altersheimen auf der ganzen Welt verbreitet. Wände beige, Decke beige, Tagesdecke beige. Neutral.

Das Bad sah aus wie eine nachgemachte Münztoilette, sie hatte sogar gedacht, dass es selbstreinigend sein könnte. Das Ganze wirkte auf sie wie eine Schiffskabine, eng, offensichtlich haargenau berechnet und höchst funktional. Sie war bereit, in See zu stechen, vielleicht für immer.

Der Typ erwies sich schnell als infantil und zeigte eine Vorliebe für Spiele. Jeder Art. Und so hatte er das Pseudowahrheitsspiel vorgeschlagen, das es ihnen ermöglichen sollte, das eine oder andere Glas zu trinken und sich besser kennenzulernen.

Sie erfindet die unglaublichsten Geschichten, und so wie er sich zuschüttet, vermutet sie, dass auch er schummelt. Das passt zu ihm. Das ist eine Strategie. Um die Sache in Fahrt zu bringen, beginnen sie, unterstützt von den Joints und der Hitze, sich zu entblättern. Für jedes Lügenmärchen ein Kleidungsstück weniger. Und bei der Geschwindigkeit, in der sie lügen, geht das ziemlich schnell …

Als sie ihr T-Shirt auszieht, trifft ihn fast der Schlag. Und die Überraschung lässt ihn noch idiotischer aussehen. Das hat er anscheinend nicht erwartet.

Eine junge Frau mit komplett tätowiertem Körper, wie in schwarze Tinte gekleidet, alles geschrieben.

Da er kaum glauben kann, was er sieht, steht er auf, um sie zu berühren. Über sie gebeugt, versucht er, den Text aus der Nähe zu entziffern wie ein Kurzsichtiger, doch die kleinen und eng zusammenstehenden Buchstaben entziehen sich der Lektüre. No Access. Daher setzt er sich wieder hin und erinnert sich in einem bunten Durcheinander an einen Dokumentarfilm über die Yakuza und daran, wie sehr er gelitten hatte, als er sich bei einem Spring Break in Cancun eine Eidechse aufs Schulterblatt tätowieren ließ, und auch ziemlich vage an einen japanischen Erotikfilm, bei dem er gewichst hatte, als er noch ein Teenager war. Und er ist stark erregt. Diese Schnalle ist bestimmt saugeil, sie macht sicher eine Reihe von verrückten Sachen im Bett. Um das rauszukriegen, muss er die Partie beschleunigen.

So finden sie sich nach schamlosen Lügen schnell auf den Laken wieder, mitten im Vorspiel. Drängende Zungen, erkundende Küsse, lüsterne Liebkosungen, gierige Umarmungen. Alles scheint gut zu laufen, als der Typ abrupt innehält, plötzlich unruhig …

»Wo ist meine Krawatte?«

Alex erstarrt auch sofort, ernüchtert. Doch er kümmert sich nicht um sie, springt aus dem Bett, rennt im Zimmer hin und her, fiebrig, die Augen auf den Boden gerichtet, wie ein Bluthund.

Auf einmal ist ihr klar, was er mit ihr vorhat. Er will sie erwürgen.

Sie richtet sich auf und sitzt auf dem Bett, bereit, ihn zu empfangen. Ihr Herz pumpt schwarzes, mit Adrenalin angereichertes Blut. Sie atmet tief durch, ruhig, beherrscht, will ihm allen Widerstand entgegensetzen, zu dem sie in der Lage ist, und ihre letzten Kräfte für diesen ultimativen Kampf mobilisieren. Das lässt sie nicht mit sich machen, das nicht!

Er findet schließlich, was er sucht, kehrt zum Queensize-Bett zurück und schickt sich an, vor ihr stehend und mit einem triumphierenden Lächeln, nach allen Regeln der Kunst die Krawatte um den eigenen Hals zu binden.

Dieser Typ mit seinem herabbaumelnden Pimmel und seiner gestreiften Krawatte bietet aus der Froschperspektive alles andere als einen prächtigen Anblick. Doch sie betrachtet ihn, ohne sich etwas anmerken zu lassen, mit einem lüsternen Ausdruck, den er als Ermutigung versteht, da er sogleich wieder einen Ständer bekommt. Sie verliert ein wenig von der Spannung, die sie zusammenpresst, und stellt für einen Augenblick ihr Erwürgeszenario zurück. Das Programm geht anscheinend weiter.

»Vertrau mir, du wirst es mögen!«

Sie ist eher skeptisch, will aber sehen, was kommt.

Als er sich auf ihr ausstreckt, berühren die beiden Enden seiner Krawatte sanft ihre Brust. Wie zwei lange, nach der Paarung erschöpfte Mollusken.

»Greif zu! Nimm die Enden und zieh sie fest. Das wird eine Wahnsinnserektion auslösen, wie du sie noch nie gesehen hast. Das wird dir gefallen, ich werde dich so richtig rannehmen! Ich bin sicher, dass du noch nie so gefickt worden bist!«

Alex wäre es lieber, wenn er die Klappe halten würde. Was das Ficken betraf, so war sie schon auf ihre Kosten gekommen, und nicht nur ein wenig. Und der Versager, der auf ihr liegt, ist wirklich nicht besonders ausgestattet, das ist gewiss …

Ein roter Schleier zieht an ihren Augen vorbei. Sie würde ihm am liebsten die Faust in die Fresse rammen und ihm die Eier mit den Zähnen abreißen. Um ihm eine Vorstellung von dem zu geben, was sie ihr in der Hütte angetan haben, und auch von dem, was sie dort getan hat. Ihr Blick vernebelt sich, ihr Herz rast und pumpt schweres Blut der Wut durch den Körper. Sie beißt die Zähne zusammen und atmet langsam durch die Nase, um sich zu beruhigen, um sich zurückzuhalten. Nicht jetzt. Nicht sofort. Sie muss sich noch ein bisschen kontrollieren.

Es gelingt ihr, die Bestie zum Schweigen zu bringen und sie wieder ganz unten in ihren Käfig einzuschließen. Dann spielt sie ihre Rolle weiter. Die einer leicht verrückten und beschränkten jungen Frau, zu allem bereit für einen Scoop, selbst dazu, backstage einer ganzen Clique einen zu blasen, um ein einziges Autogramm zu kriegen.

Sie führt seine Anweisungen buchstäblich aus, wickelt die beiden Enden aus Moiréstoff um ihre Fäuste, um einen festen Griff zu haben, und beginnt zu ziehen.

Aus Neugier. Um an einer Art Experiment teilzunehmen. Ein wenig so wie die Assistentin eines Zauberers, die wie eine Idiotin weiterlächelt und fröhlich mit der Hand winkt, während er sie bei lebendigem Leib zersäbelt. Und damit dieser Arsch aufhört, große Reden zu schwingen, und endlich zur Sache kommt. Er wird offensichtlich immer hitziger.

»Komm schon, los! Sei nicht schüchtern! Hab keine Angst! Ich werd dich zum Schreien bringen, du Schlampe, und du wirst nach mehr verlangen!«

Nein, bestimmt nicht, sie hat keine Angst. Schon gar nicht vor diesem armseligen Typen, der sie als Schlampe beschimpft, um seine Männlichkeit auf Touren zu bringen. Und nein, keine Chance, dass sie ihn bittet, es noch einmal zu machen. Daher beschränkt sie sich darauf, die Ratschläge zu befolgen, und zieht noch stärker. Er schließt die Augen, völlig mit seinen Empfindungen beschäftigt.

Sie betrachtet sein Gesicht, das langsam rot anschwillt. Er beginnt übermäßig zu schwitzen und flüstert ihr wie ein Asthmatiker weiter seine ekelhaften feuchten und heißen Anfeuerungen ins Ohr, während er sich faul an ihrem Bauch reibt. Sie spürt, wie sein Schwanz härter wird. Sein Stöhnen verwandelt sich in schmerzhaftes Keuchen und dann in ein Röcheln.

Mit am Körper anliegenden Armen und angewinkelten Ellbogen hält Alex vorsichtig die Spannung der Schlinge aufrecht. Er spreizt ihre Beine etwas mehr und beginnt, sich einen Weg in sie zu bahnen.

Sie schließt die Augen, um ihn nicht zu sehen, und hebt ein wenig das Becken, um ihm die Aufgabe zu erleichtern. Mit den Schenkeln drückt sie seine Hüften zusammen, er findet allmählich, crescendo, seine Betriebsgeschwindigkeit und nagelt sie auf dem Bett fest wie ein Presslufthammer.

Sie löst sich von ihrem Körper. Gewinnt an Höhe und beginnt, im Zimmer zu schweben. Sieht sich auf den Laken, stöhnend, auseinandergerissen. Wie ein hirnloser Laborfrosch, der zu seiner Vivisektion aufgespießt wird.

Dann wird sie in die Hütte versetzt und trifft dort das kleine, vor Entsetzen heulende Tier, das sie aus ihr gemacht haben.

Der Typ kriegt kaum noch Luft. Er erstickt, sein Körper wird auf ihr immer schwerer. Der Rhythmus der Nähmaschine wird langsamer, unregelmäßiger, zerfällt. Er gibt ein langes katarrhalisches Röcheln von sich und bricht plötzlich auf ihr zusammen.

Es wird wieder still. Er rührt sich nicht mehr. Nur sein Herz pocht noch schwach in seiner Brust und übermittelt sein Wummern an Alex’ Körper. Er hat das Bewusstsein verloren.

Sie lockert ihren Griff nicht und zieht die Garotte weiter zu. Bis sie den Nacken wie morsches Holz knacken hört. Dann spürt sie, dass der Hass, den sie seit Stunden in sich trägt, anschwillt und sie überschwemmt. Sie kann ihn nicht mehr eindämmen und lässt ihn aus allen Poren schießen.

Dieser Hurensohn wollte sie erst vögeln und dann umlegen! Er war sich nicht zu blöd dafür! Und hat sich für einen Gratisfick in einem schäbigen Hotel zum Idioten gemacht!

Dann stützt sie den Kopf des Saukerls mit ihrer rechten Hand und schlägt ihm mit der linken Faust ins Gesicht, mit harten, gezielten Schlägen, die in der Stille knallen und Augenbraue, Nase und Wangenknochen zerschmettern. Sie will das Gesicht verschwinden lassen, auslöschen, in Luft auflösen. Ihre Finger, deren bleiche Knöchel mit Blut bedeckt sind, sind immer noch in die Krawatte gewickelt.

Sie wechselt die Hand und nimmt sich die andere Seite des Gesichts vor. Ein Arsch weniger, der nicht mehr in sein schlammiges Nest zurückkehren wird, um dem anderen zu erzählen, wie er sie gefunden und welche Schweinereien er mit ihr im Bett angestellt hat, bevor er mit ihr abrechnete.

Sie schnappt mit offenem Mund nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ihr Körper droht zu explodieren. Sie schluchzt, schlägt aber weiter zu. Ein Schlag, dann noch einer. Und dann nichts mehr.

Kapitel 2

quedefoisjaiepielacouleuvresurlesplagesembourbeesdesau lonsquinentendentquelecrimonotonedelafoulqueetlege missementfunebredugrebequedefoisjaietoiledunebou gielesgrottessouterrainesdasnieresoulastalactitedistillea veclenteurleternellegouttedeaudelaclepsydredessieclesque defoisjaihurledelacornesurlesrocsperpendiculairesdeche vremorteladiligencegravissantpeniblementlecheminatrois centspiedsaudessousdemontronedebrouillardsetlesnuits memelesnuitsdetebalsamiquesetdiaphanesquedefoisjaigi guecommeunlycanthropeautourdunfeuallumedanslevalher buetdesertjusquacequelespremierscoupsdecogneedubuche ronebranlassentleschenesahmonsieurcombienlasolitudea dattraitspourlepoetejauraiseteheureuxdevivredanslesboiset denefairepasplusdebruitqueloiseauquisedesalterealasource quelabeillequipicorealaubepineetqueleglanddontlachutecre velafeuillee

4. November 2006, Metz, Le Donjon

Anton geht in die Kneipe, in der die Stammgäste bereits die volle Länge der Theke einnehmen. Er setzt sich ans Ende, neben die Tür zur Küche. Dann begrüßt er den Wirt, der gerade Gläser spült.

»Hallo, Fred! Hast du Alex heute schon gesehen?«

Er versucht, einen entspannten Ton anzuschlagen, doch seine tonlose Stimme verrät seine Sorge.

»Ja, sie ist heute Morgen vorbeigekommen, gegen zehn Uhr, für ihre übliche Kaffee-Zeitungs-Arbeit. Sie hat fast eine Stunde hinten in der Nische gesessen, da, wo sie immer ihre Artikel schreibt, gegenüber vom Fenster. Eines Tages werde ich eine Tafel mit ihrem Namen an der Bank anbringen, weißt du, in etwa so wie an der Kirche! Sie hat ihren Text über das Konzert neulich getippt, Coco Robicheaux in der Chapelle de la Meuse. Ein echter Knaller! Was für ein Mann und was für eine Atmosphäre! Ich bedaure, dass ich die Bar nicht zugemacht habe … Wir beide hätten zusammen hingehen können. Ich sag dir, Anton, da haben wir echt was versäumt! Alex hat mir erzählt, dass sie ihn schon kennt, seitdem sie in Louisiana war … Hat sie dir das erzählt? Und sie hat einige Porträts über ihn gemacht, die sie in mehreren Magazinen untergebracht hat. Stell dir mal vor, sie will ihr Interview Rock & Folk oder der Libération anbieten! Unsere Alex schreibt in der Libé! Sie hat es super drauf, Atmosphären einzufangen! Als sie mir ihren Artikel vorgelesen hat, ist mir ein Schauder über den Rücken gelaufen … Aber heute Morgen wirkte sie etwas angespannt, ein bisschen gehetzt … Kurz vor Mittag ist sie gegangen und hat mir gesagt, sie müsse einen Zug kriegen. Und seitdem ist sie nicht wiedergekommen.«

Fred zwinkert ihm zu, sein freundliches Gesicht strahlt Anton an. Dann wendet er sich wieder dem Abwasch und seinen Gästen zu.

Anton stürzt sich erneut in seine trüben Gedanken. Verdammt! Was macht sie? Wo ist sie? Alex, die er Sascha nennt, wenn sie allein sind, sollte ihn am Nachmittag in seiner Wohnung treffen, nach einem Interview mit einem Musiker, einem ehemaligen Mitglied von Option 30, der ersten Gruppe von Trent Reznor. Ein Typ, den sie am Abend des Cajun-Konzerts getroffen hat. Sie hat ihm nicht mal die tägliche Mail geschickt. Um abzusagen, um zu berichten oder um ihm einfach zu sagen, wo sie ist …

Fred sieht, wie Anton düster in seiner Ecke hockt, und kommt näher.

»Zieh nicht so’n Gesicht, Anton! Alex ist ein großes Mädchen. Ich wette, sie taucht bald auf. Sie gehört nicht zu denen, die uns an einem Samstagabend sitzen lassen. Ich glaub nicht, dass sie viele ausgelassen hat, seitdem wir sie kennengelernt haben! Also, hör auf, darüber nachzudenken. Ich bring dir einen Bushmills, der wird dich wieder aufmuntern!«

Anton weiß sehr wohl, dass Sascha es nicht mag, wenn er zu sehr an ihr klebt. Sie hat ihm bereits vorgeworfen, er würde sie überwachen, ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass er sich nicht zu sehr an sie klammern soll und dass es keinen Vertrag zwischen ihnen gibt. Sie hat auch die Manie, fast jeden Tag ihre Zugangsdaten zu ändern, was es oft unmöglich macht, sie zu erreichen. Nach einem dämlichen Streit ist sie schon einmal über eine Woche verschwunden, ohne dass er wusste, wo sie steckte. Er hat sie übrigens nie danach gefragt. Zu glücklich, dass sie völlig unerwartet wiederkam. Zu ängstlich, dass sie für immer geht.

Fred stellt ihm einen zweiten Whisky hin, eine Runde auf Kosten des Hauses. Dann beugt er sich zu Anton vor, den er an diesem Abend besonders missmutig findet.

»He, du hast doch eine Katze … Du kommst doch nicht auf die Idee, ihr ein Halsband anzulegen und mit ihr spazieren zu gehen … Und wenn sie sich drei, vier Tage herumtreibt, um ihr Katzenleben zu leben, klingelst du nicht bei den Nachbarn und fragst, ob jemand sie gesehen hat. Du wirst nie jeden Schritt deiner Herumtreiberin kennen, auch nicht all ihre nächtlichen Streifzüge, und du hast dich daran gewöhnt! Und genau so, wie sie ist, liebst du sie! Sonst hättest du einen Yorkshire, einen Pudel oder einen Bichon! Nun, mit Alex ist es so ähnlich. Hübsch, sympathisch und sogar liebevoll, wie du weißt, aber auch sehr unabhängig, voller Geheimnisse und Mysterien … Manchmal verschwindet sie für eine Weile, damit muss man leben, denn man weiß ja, dass sie immer wieder auftaucht … Weil es Leute wie uns gibt, die sie mag … Und wir sind damit zufrieden! Also Don’t worry, be happy, und zieh nicht so ein Gesicht!«

Anton weiß, dass Fred recht hat. Fünfundzwanzig Jahre hinter einer Theke, zuhören, teilhaben, trösten, da bekommt man schon eine gute Menschenkenntnis, das macht einen zum Psychologen und Philosophen, der kompetenter und fähiger ist als alle Hochschulabsolventen mit ellenlangen Abschlüssen. Fred ist so gut, dass er glatt Doctor honoris causa in diesen Fächern sein könnte. Das ist ihm zur zweiten Natur geworden. Manchmal amüsiert Anton sich damit, ihn Macha Grégoire zu nennen. Nur, um ihn lächeln zu sehen. Denn Fred hat eine Glück bringende Zahnlücke.

Und es stimmt, wenn seine Katze Pandora ohne Vorwarnung fortgeht, um sich mit allen dreckigen Katern des Viertels herumzutreiben, muss er sich damit abfinden. Und wenn sie völlig zerzaust von ihrer Tour durch die Mülleimer zurückkommt, sich schnurrend an seinen Beinen reibt und ihn mit ihren zauberhaften himmelblauen Augen anschaut, macht er sich daran, sie zu streicheln und ihr alle möglichen lächerlichen Namen zu geben. Sie lässt sich das gefallen, aber mit Sicherheit denkt sie sich ihren Teil. Und hält ihn vermutlich manchmal für geistig zurückgeblieben. Doch wenn sie zurückkommt, eilt er in die Küche und füllt ihren Fressnapf. Eine gute Dose, um ihre Rückkehr zu feiern. Ah, die Schmusekatze …

»Los, Anton, hör auf zu grübeln und wähl die 22-01, die 07-12 und die 33-07!«

Er nimmt die Münze für die Musikbox, die Fred ihm hingelegt hat, und tippt die Zahlen einer erfolgreichen musikalischen Dreierwette ein. Der Kneipenphilosoph setzt noch einen drauf, die Therapie geht weiter: »Heart of Gold« von Neil Young, »Dust in the Wind« von Kansas und »Black Magic Woman« von Santana … Anton wirft ihm einen Seitenblick zu, hebt den Daumen, um ihm zu zeigen, dass er die Botschaft verstanden hat, und bestellt dann einen dritten Bushmills, sicher, dass damit seine Sorge einen Dämpfer bekommen wird.

Kapitel 3

assezmedisaisjeamoimemeengravissantpeniblementleflanc dunemontagneescarpeequiselevaitdepuislesrivesdunfleuve paisibleassezmerepetaijeenhumantlhaleinerésineusedunbos quetdesapinsparticulierementodorantedanslafraicheurdu crepusculeassezmedisjedenouveauenmasseyantsuruntertre moussuquisurplombaitlefleuvelesyeuxfixessurlesvagues sombresetparesseusesquedominaientlestigesvertclairdes joncsassezassezremueassezerreilesttempsderentrerensoime medeseprendrelateteadeuxmainsetdordonnerasoncoeurde neplusbattre

4. November 2006, Nancy, Hotel, Zimmer 107

Ein widerlicher Geschmack nach Schlamm im Mund. Hände schwer auf ihren Schultern, die sie unter das braune, undurchdringliche, dickflüssige Wasser drücken. Ihr aufgelöstes Haar bildet einen dunklen Schleier über ihrem Kopf und verwehrt ihr den Blick auf die Oberfläche. Ihre Lunge ringt mit dem Tod, glühend. Ein Schluck Luft. Nur einer. Sie stirbt. Sie kämpft. Ihre Beine wirbeln das schmuddelige Wasser auf, panisch. Vergeblich. Ein letztes Aufbäumen ihres erstickten Körpers befreit sie schließlich. Sie kommt hoch, taucht auf und schnappt gierig nach Luft. Schlägt die schwarzen Augen auf.

In der Mitte einer traurigen Decke aus beigefarbenen Platten hängt eine gefälschte Inox-Designerleuchte, die kaum größer als die ausgeschaltete Glühlampe ist, die sie umhüllt, und ihr sehr nah und drückend erscheint. Die Luft ist muffig, stickig und abgestanden, ranzig wie schlechter Mundgeruch. Das Atmen fällt schwer. Abgestandener Alkohol, kalter Tabak, Sex.

Auf dem Tisch, der unter das einzige Fenster des Zimmers geschoben ist, langweilen sich zwei halb geleerte Gläser, in denen Zigarettenkippen und aus Pappe gerollte Filter von Joints schwimmen, ein überquellender Aschenbecher und drei Flaschen, die zwar nicht ganz leer sind, aber guten Zuspruch gefunden haben. Ein schlecht komponiertes, unausgewogenes und versifftes Stillleben.

Das enge Zimmer ist überheizt und feucht. Das weiße Licht einer Parkplatzlaterne dringt durch die Lamellen der herabgesenkten Jalousien und zerreißt das Halbdunkel.

Ein Körper liegt auf ihr. Er zerquetscht ihre Brust und ihren Brustkorb mit all seiner abgestumpften Trägheit. Sie muss ihn loswerden, sie erstickt. Sie befreit sich, indem sie ihn zur Seite schiebt, und verharrt fasziniert in einem prekären Gleichgewicht zwischen Kontemplation und Ekel.

Es gelingt ihr nicht, den Kerl wiederzuerkennen, mit dem sie erst vor ein paar Stunden in dieses Zimmer und dann in dieses Bett gekommen ist. Oder vielleicht gestern. Er ist ihr nicht entwischt. Sie hat ihn kaltgemacht.

Sein Gesicht, aufgebläht, angeschwollen, mit starren und verdrehten Augen, hat nichts Menschliches mehr. Eine echte Karnevalsvisage, grotesk. Eine grinsende und lüsterne Maske, die eine für ihren Mund zu dicke lila Zunge ausstreckt und sie geil, schmierig und sabbernd anstarrt. Die um seinen Nacken geschlungene Krawatte verschwindet fast in den Falten seines Fleisches, sodass sein Hals wie eine leicht vorgeneigte Sanduhr aussieht.

Alex’ Blick wandert nach unten und bleibt am Bauch des Typen hängen. Sie stößt einen langen bewundernden Pfeifton aus, als sie das immer noch gespannte, riesige, deplatzierte, irreale, schändliche Geschlecht entdeckt.

Sie erinnert sich nun an die höllische Erektion, mit der er angegeben hatte, und wie er in die ewigen Jagdgründe eingegangen ist mit seiner Wettkampfkeule, die von stark vorspringenden und fast platzenden Adern bedeckt war. Eine Anomalie, ein verstopftes Monster, eine Art Riesenwurm aus den Abgründen, den sie ungläubig anstarrt. Sie ist erstaunt über diesen aberwitzigen Irrtum der Natur, buchstäblich gefangen in seiner Betrachtung.

Und sie fragt sich, durch welches Wunder sich dieses abstoßende Ding in einem Hotel befinden kann, in diesem Bett, so weit weg von den unergründlichen Tiefen der Meere … Dann erschüttert sie ein heftiger Brechreiz: Sie realisiert, dass dieses Ding auch in sie eingedrungen ist! Sie kotzt auf die Laken, ein heißer und scharfer Strahl, und wird sich plötzlich der Situation bewusst.

Raus hier, und zwar schnell.

Sie lässt sich aus dem Bett rollen und sammelt auf allen vieren ihre Klamotten ein, die überall im Zimmer verstreut sind. Der Teppich stinkt und scheint an ihren Knien zu kleben. Sie stellt sich vor, dass er mit allen möglichen Flüssigkeiten getränkt ist, die von den Gästen verschüttet und abgesondert wurden, die in diesem Scheißzimmer aufeinander gefolgt sind, voller Schuppen, belebt von Milbenkolonien, die sich davon ernähren.

Neuerliche Übelkeit. Sie zieht sich an und schlüpft in ihre Doc-Martens-Schuhe, ohne die unbewegliche Gestalt aus den Augen zu lassen, die sich schamlos auf dem Bett zur Schau stellt. Sie schnappt sich ihren Rucksack, stopft die Haare in die Kapuze ihrer Sweatjacke, die sie über die Stirn zieht, öffnet geduckt die Zimmertür und schließt sie wieder hinter sich, bevor sie sich mithilfe der Türklinke aufrichtet.

Ein neuerlicher Schwindelanfall. Alles beginnt zu schwanken. Sie lehnt sich an die Wand, schließt die Augen und atmet vorsichtig, um zurückzudrängen, was wie der Beginn von Unterzuckerung wirkt. Der THC-Effekt. Das ist wirklich nicht der Moment, auf diesem vergammelten Flur zusammenzubrechen, mit der Leiche hinter der Tür. Andere Typen werden sich um die Abwesenheit von dem da Gedanken machen.

Bloß weg, abmarschieren, sich an den geometrischen Mustern des Teppichs ausrichten, um den Weg zu finden. Doch das ist keine gute Idee. Das zwingt sie, zu schielen, den Kopf zu verdrehen. Daher schließt sie die Augen und geht weiter, indem sie mit dem Körper an der Wand entlanggleitet, mit einer vorwärtstastenden Hand, wie eine Blinde.

Niemand, kein Gast, kein Rezeptionist in diesem Selbstbedienungs-Low-End-Hotel, in dem eine Kreditkarte als Tag-und-Nacht-Portier dient. In der Eingangshalle mit einem einzigen braunen Skailedersessel, in der sich weder Rezeption noch Empfang befinden, werfen ihr zwei Chips- und Schokoriegelautomaten mit ihrem weißen Neonlicht verführerische Blicke zu. Sie hätte gern ein bisschen Zucker, um ihr System in Schwung zu bringen, da sie seit zwei Tagen nichts Ordentliches gegessen hat. An der Stelle ihres Magens klafft ein Loch, außerdem hat sie Gummibeine und ein Gehirn, das wie Wackelpudding in ihrem Schädel schwappt.

Ein Gefühl von Seekrankheit … nur ohne See.

Alles, worauf es ankommt, ist, hier zu verschwinden, bevor die anderen aufkreuzen. Also drückt sie den Schließmechanismus der Tür auf und findet sich draußen wieder, benommen, gebeutelt von der eisigen Luft und dem Verkehrslärm auf der Kreuzung, dem grellen Licht der Scheinwerfer.

Überall um sie herum erheben sich Wohnblöcke, die sie noch nie aus der Nähe erblickt hat. Doch sie kennt sie. Aus der Ferne, von unten, hat sie sie schon Hunderte Male gesehen, von der Autobahn aus, die durch das Tal führt. Eine Skyline in 2-D, pastellfarbene, horizontale und vertikale Rechtecke, die sich den bewaldeten Hügel hinaufziehen. Es gab auch eine nächtliche Expedition mit einem Kollegen von der Uni, um Gras in einer der Hochhauswohnungen zu kaufen. Hier oder vielleicht woanders. Aber diese Viertel sehen alle gleich aus, sie kann sich irren.

In ihren Taschen tastet sie nach einer Schachtel Zigaretten. Noch zwei Kippen, völlig zerknittert. Hastig zieht sie eine heraus und rollt sie zwischen ihren schmerzenden Fingern. Der erste Zug schießt ihr direkt in den Kopf. Erneut Übelkeit. Sie schließt die Augen, möchte sich liebend gern hier hinlegen, direkt auf den Asphalt. Der warme Schlamm des Sumpfes, den sie am liebsten nie verlassen hätte, kommt ihr in den Sinn. Sie wünscht, sie könnte sich darin einrollen, einkuscheln, sich hineinversenken. Um nichts mehr zu spüren und alles vergessen zu können. Verschwinden, ein für alle Mal. Damit die Jagd aufhört. Vorhang. Endlich.

Ein wütendes Hupen lässt sie wieder die Augen öffnen und reißt sie brutal aus ihrem Traum vom Nichts. Sie ist nur noch angewidert. Angewidert von dem, was sie ihr angetan und was sie sie zu tun gezwungen haben.

Ein flüchtiger Gedanke an das arme Mädchen, das morgen früh Zimmer 107 putzen muss und den priapischen Satyr finden wird, ausgestreckt auf den schmutzigen Laken. Ein überarbeiteter Manet. Olympia. In männlicher Version. In Trash-Version. Sie hätte ihn zudecken sollen, bevor sie ging. Oder ihn auf den Bauch drehen. Egal. Zu spät. Es kommt nicht in Frage, dorthin zurückzukehren. Sie muss den Parkplatz des Hotels verlassen, diesem beschissenen Tag den Rücken zuwenden und nach Hause gehen.

Nach der ungesunden und fiebrigen Hitze im Zimmer lähmt die Kälte sie, lässt sie die Zähne zusammenbeißen. Nur ihre trockenen Lippen öffnen sich, um an der glühenden Kippe zu ziehen.

Sie hat keine Ahnung, wie spät es ist. Wie lange sie wohl im Koma gelegen hat? Keine Uhr, kein Handy. Dieser Tag scheint sich zu strecken. Oder sich zusammenzuziehen. Sie ist sich über nichts mehr sicher.

Sie sieht sich wieder in ihrer Bude heute Morgen, ihren Kaffeebecher und die Beschwörungsmusik von Joy Division. Und nun ist es dunkle Nacht.

Anfang November. Es könnte sechs oder sieben Uhr am Abend sein, und all diese Leute im Auto kommen vom Einkaufen oder von einem Kinobesuch am Nachmittag zurück. Oder es ist bereits neun oder zehn Uhr, und die Leute brechen auf in ein Restaurant oder zu einem Kneipenbummel. Und wenn das der Fall ist, sind die Chancen, einen Zug nach Hause zu erwischen, nicht sehr groß …

Sie muss sich in Bewegung setzen. In dieser Kälte, die ihre Füße steif werden lässt und zum Angriff auf die Knöchel übergeht, wird sie es nicht lange aushalten. Sich konzentrieren, in die Stadt hinuntergehen, am Bahnhof ankommen, bevor die Kumpel des Toten auftauchen.

Ein Blick nach rechts zeigt ihr eine erleuchtete Bushaltestelle. Ein Leuchtfeuer in diesem Ozean aus Beton. Sie tritt die Kippe aus, zieht den Reißverschluss ihrer Sweatjacke hoch, steckt den Kopf zwischen die Schultern, vergräbt die schmerzenden Fäuste in den engen Taschen ihrer Jeans. Los geht’s.

Einhundertfünfzig, zweihundert Meter bis zu der Glashütte. Eine Odyssee. Wie ein betrunkener Seemann, der mit den Windböen auf einem überschwemmten Pier einen Pas de deux tanzt, taumelt sie vorwärts, indem sie von Schräglage zu Schräglage einen Schritt nach dem anderen macht. Die Zunge zwischen die Lippen geklemmt, um aufmerksam zu bleiben, bemüht sie sich, entlang der geraden Linie des Rinnsteins Kurs zu halten. Ein kleiner Alter, der seinen Hund ausführt, macht einen großen Bogen, um ihr aus dem Weg zu gehen, und erwürgt fast seinen kleinen Liebling, als er brutal an der Leine zieht … Sie muss furchterregend sein. Das ist gar nicht so schlecht.

Sie geht auf das Leuchtfeuer zu, den einzigen Orientierungspunkt in der Dunkelheit. Koste es, was es wolle. Instinktiv. Wie eine Motte, die vom Licht angezogen wird. Der Reiz der Glühbirne. Egal. Selbst wenn sie im Schatten bleiben muss, um sich zu verbergen. Denn sie sind da, nicht weit weg. Sie sind ihretwegen gekommen.

Endlich das Licht. Und ein Fahrplan, den sie nur schlecht lesen kann. Ihr verschwommener Blick wird vom Neonlicht geblendet, ihre Pupillen sind nicht in der Lage, sich auf einen Punkt zu konzentrieren. Samstagabend. Alle halbe Stunde ein Bus. Hoffentlich hat sie nicht falsch geguckt. Sie zieht sich in der eisigen Luft zusammen, die sie allmählich erstarren lässt. Die Kälte umklammert nun ihre Kniescheiben.

Sie stampft mit den Füßen, um die Durchblutung ihrer Beine zu aktivieren, bläst kleine Wolken aus warmem Nebel in die Hände. Dann zählt sie im Kopf bis sechzig, immer wieder, um die Minuten zu messen und einen Anschein von Kontrolle über die Zeit zu bekommen, die ihr den Tag über entglitten ist und ihr nach und nach die Möglichkeit nimmt, den letzten Zug zu erreichen, der sie nach Hause bringen soll.

Drei junge Typen kommen zu ihr in die gläserne Schutzhütte. Mustern sie einen Moment, beratschlagen, drängen sich zusammen und bauen sich vor ihr auf. Rücken ihr auf die Pelle.

»He, du Tussi! Hat dir keiner gesagt, dass es nicht schlau ist, sich nachts ganz allein in dieser Gegend rumzutreiben?«

Ihnen eine hammerharte Antwort geben, ihnen ein Ding verpassen, das ihre Schnäbel zunagelt und sie alle drei pulverisiert. Pffft! Das würde sie gern tun. Aber reden ist im Moment nicht drin.

Also hebt sie den verstörten Blick und ihr aufgedunsenes, nahezu verwüstetes Gesicht. Und das genügt, ihnen ihr blödes Grinsen und ihr zweitklassiges Machogefasel zurück ins Maul zu stopfen. Sicher werden sie sich bald fragen, wer mehr in Gefahr ist. Sie sieht sie weiter an, ihr schwerer Blick wandert von einem zum anderen. Auch streicht sie über ihre Fäuste, deren aufgeschlagene Gelenke sie sehen, und strafft die Wangen, indem sie die Zähne zusammenbeißt. Bis sie aufgeben, in die andere Ecke der Haltestelle abziehen und anfangen, über Musik zu sprechen, indem sie die Ohrstöpsel eines Mini-Headsets austauschen.

Sicherlich wohnen sie in der Gegend und kennen zwangsläufig die Abfahrtszeiten. Das beruhigt sie. Der Bus müsste bald kommen. Sie setzt sich und beginnt wieder zu zählen, von eins bis sechzig, so wie man einen Rosenkranz herunterbetet, mechanisch, wie eine Litanei.

Ängstlich schaut sie zum oberen Ende der Straße, darauf gefasst, ein Auto auftauchen zu sehen, das vor ihr anhält, aus dem ein Fiesling springt und sie zwingt einzusteigen, ohne dass sie sich dagegen wehren könnte. Doch es ist der Bus, den sie an der Kreuzung auftauchen sieht. Hell erleuchtet kommt er den Hügel herunter, und ihr Herz beginnt ein wenig schneller zu schlagen.

Als er anhält, lässt sie die drei Typen vorgehen, die dem Fahrer ihre Dauerkarten zeigen und sich nach ganz hinten verziehen. Mit tauben Fingern zählt sie fieberhaft ihr Geld, kauft ein Ticket und stellt eine kurze und höfliche Frage. Ja, er hält am Bahnhof. Neuer Aufruhr im Inneren. Kleine Blasen der Erleichterung, die überall in ihrem Schädel knistern.

Sie setzt sich nach vorn, direkt hinter die Scheibe, die sie vom Fahrer trennt, schließt die Augen, um dem grellen Licht zu entgehen, und versucht, die sich anbahnende Unterzuckerung einzudämmen. Der Bus ist gut geheizt, und die sanfte, pulsierende Wärme, die aus einem Gitter unter ihren Füßen aufsteigt, hilft ihr, sich zu entspannen.

In den Tiefen ihrer Tasche findet sie einen alten Kaugummi. Das Alupapier ist zerrissen, teilweise verklebt, und Tabakkrümel kleben an dem grünen Streifen. Schmerzhaft beleben sich ihre Speicheldrüsen beim Kontakt mit der mentholhaltigen Süße. Die Kiefer sind im Kaumodus, aber noch nicht bereit zu kauen. Nach und nach wird ihr Körper weicher.

Eingelullt vom Geräusch des Motors, dem sanften Schaukeln, den undeutlichen, aber beruhigenden Gesprächsfetzen, die sie erreichen, könnte sie beinahe einschlafen … Diskret massiert sie ihre Fingergelenke, die langsam anschwellen und blau werden.

Bei jeder Haltestelle füllt sich der Bus etwas mehr mit jungen Leuten, die die Schlafstädte verlassen, um sich in der Stadt auszutoben. Sie hat nun das flüchtige Gefühl, wieder zu dieser kosmopolitischen Gruppe zu gehören, die sich darauf freut, an einem Samstagabend auf die Piste zu gehen. Für ein paar Stunden der Unbeschwertheit würde sie alles geben, für eine Ruhepause, dafür, dass sie aufhören, sie zu quälen, dass sie nicht ständig auf der Hut sein muss. Doch all dies ist vorbei. Zu spät.

Draußen wird die Stadtlandschaft immer vertrauter. Ihr Herz beginnt höherzuschlagen, als sich die Gebäude abzeichnen, die den Bahnhofsplatz überragen. Bald muss sie aufstehen und zur Ausstiegstür gehen. Sie setzt die Ellbogen ein und stürzt nach draußen. Davon hängt ihr Leben ab.

Ein neuer Schlag eisiger Luft. Es friert an diesem Abend. Nicht der Moment, hier hängen zu bleiben. Obdachlose krepieren auf den Bänken. Und wenn es nicht die Kälte ist, die sie umbringt, sind es die Arschlöcher, die Spaß daran haben, ihnen Rohrreinigungsmittel in Gesicht, Mund und Ohren zu gießen. Das hat sie letzte Woche in den Nachrichten gehört. Genau hier ist das passiert, ein paar Schritte weiter. Was für eine Scheißwelt!

In der grell erleuchteten Bahnhofshalle haben das Relay H und die überfüllte Brasserie noch geöffnet. Angespannt wirft sie einen Blick auf die große Uhr in der Mitte. Wie vor der Verkündung eines Urteils.

21.37 Uhr! Sie kann den 21.41er noch erreichen. Doch ihre Erleichterung hält nicht lange an. Der Bus hat sie zwar ein wenig aufgemöbelt, aber sie fühlt sich nicht in der Lage, gegen die Zeit zu rennen. Nicht heute Abend. Doch der Zug, den sie nicht verpassen darf, wird als abfahrbereit angekündigt. Auf Gleis 7. Jetzt ist nicht die Zeit, auf der Strecke zu bleiben. Sie hat das Gefühl, alles zu geben und trotzdem nicht voranzukommen. Die Treppe nach unten ist endlos, und die untere Ebene wird immer größer. Wie in den Alpträumen. Nach einem verzweifelten Rennen springt sie schließlich in den erstbesten Waggon, der sich anbietet, und landet außer Atem, am Ende ihrer Kräfte, mit rasendem Herzen und zitternden Beinen auf einem der Klappsitze. Das Abfahrtssignal ertönt. Hinter ihr schließen sich die Türen.

Verdammt! She made it! Sie ist ihnen entkommen! Ein weiteres Mal! Mit Parkinson’scher Hand fischt sie in den Tiefen ihrer Tasche nach der Fahrkarte. Und nach ihrem MP3-Player. Sie muss jetzt dringend Musik hören. Um sich zu beruhigen, um sich zu erholen. »Water« von PJ Harvey, das während der dreißig Minuten Fahrzeit in einer Endlosschleife läuft.

Sie lässt sich verschlingen, aufsaugen von der hypnotischen und eigenwilligen Basslinie, einhüllen von der eindringlichen Stimme, die fleht, wimmert, beruhigt und erzählt. Die Hybris von Ikarus. Der unausweichliche Absturz. Die Rettung im Wasser. Die Anziehung der Tiefe. Sich in den Abgrund stürzen und jede Phase genießen können, die einen dem Grund näher bringt …

Als sie aussteigt, ist sie erholt und sogar gestärkt. Gewaschen, erfrischt, wie neu. Ihr Gang ist wieder geschmeidig geworden. Sie schwebt auf dem Asphalt wie auf Luftkissen.

Die kleinen Fenster an der Fassade des Donjon sind mit Feuchtigkeit bedeckt. Bruchstücke von lebhaften Gesprächen erreichen sie. Es ist voll heute Abend. Jeff Beck elektrisiert die Jukebox. Es ist ein bisschen so, als ob sie nach einer langen Reise nach Hause käme. Die Rückkehr der verlorenen Tochter zu den Ihren. Sie schluckt ihren Hass hinunter, atmet tief durch und zwingt sich zu lächeln. Die Nacht ist jung. Sie hat heute einen Mann getötet. Den dritten. Doch es ist ihnen gelungen, sie wiederzufinden.

Kapitel 4

chaquematinquandlesoleilselevepourlesautresenrepandant lajoieetlachaleursalutairesdanslanaturetandisquaucundemes traitsnebougeenregardantfixementlespacepleindetenebre saccroupiverslefonddemacaverneaimeedansundesespoir quimenivrecommelevinjemeurtrisdemespuissantesmains mapoitrineenlambeauxpourtantjesensquejenesuispasattein tdelaragepourtantjesensquejenesuispasleseulquisouffre pourtantjesensquejeresirecommeuncondamnequiessaieses musclesenreflchissantsurleursortetquivabientotmonterale chafauddeboutsurmonlitdepaillelesyeuxfermesjetournelen tementmoncoldedroiteagauchedegaucheadroitependantdes heuresentieresjenetombepasraidemort

4. November 2006, Metz, Le Donjon

Die Tür öffnet sich, und Alex erscheint. Ihr Auftritt trifft die Bar wie ein elektrischer Schlag.

Die meisten Leute, die an der Theke hocken, richten sich auf oder versuchen es zumindest. Anton bildet keine Ausnahme. Er hebt den Kopf, reckt die Schultern und zieht den Bauch ein. Ein Reflex. Er spannt die Bauchmuskeln – oder zumindest sein »Abdal«-Shirt – an, die Sascha liebevoll ihr »Schokoruhekissen« nennt.

Sie hat schon mal besser ausgesehen. Er entdeckt sogar einen fiesen Zug in ihrem Gesicht. Sie wirft einen schnellen Blick über die Tische und dann auf die Theke. Er versucht, ihren Blick einzufangen. Magisches Denken, Telepathie: Wenn er sie intensiv genug fixiert, wird sie den Kopf in seine Richtung drehen und zu ihm kommen. Er hält sich für Mesmer. Doch sein Magnetismus funktioniert nicht, er hat an diesem Abend nicht das Fluidum … Ihr Blick schweift über ihn hinweg, ohne ihn zu beachten, wie über alle anderen. Sie befreit ihr Haar von der Kapuze und steigt auf einen Hocker.

Fred wirft Anton aus der Ferne einen Blick zu, der bedeutet »Ich hab’s dir ja gesagt!«, und beugt sich auf den Zehenspitzen über die Theke, damit Alex ihm ein Küsschen geben kann. Er serviert ihr einen Picon Bière, stellt ihr Notebook vor sie hin und verschwindet in der Küche.

Sie spricht mit ihren Nachbarn, dann mit den Typen, die ihre Dartpartie unterbrochen haben, um sie zu begrüßen, gibt eine Runde aus, stößt mit ihnen an und macht sich hungrig an einen Teller mit dampfenden Nudeln, den Fred ihr gebracht hat. Noch immer kein Blick für Anton.

Er fühlt sich unsichtbar, vergessen, leer und versackt wieder in seinem Bushmills. Man kann nichts erzwingen, das weiß er, nichts beschleunigen, nichts auslösen … Sie würden sich an diesem Abend schon noch begegnen.

Dann erklingt Alex’ Stimme, ein wenig rau, erkennbar unter allen anderen, leicht verführerisch.

»Hallo Leute! Will mich einer im Billard besiegen?«

Ein Dutzend Typen geht in Habachtstellung. Bereit für das Erschießungskommando, lösen sie ein Ticket für ihre eigene Hinrichtung. Und einige werden nach mehr verlangen. Für das Vergnügen, sie spielen zu sehen, so konzentriert, so zielgerichtet und vertieft, in der Lage, unmögliche Stöße über mehrere Banden mit unglaublichen Effets anzukündigen, die immer von Erfolg gekrönt sind. Ein Depp, der glaubt, sie in die Schranken weisen zu müssen, pflanzt sich vor ihr auf und wirft in die Runde:

»Ich mach dich fertig, wo du willst und wann du willst! Und nicht nur beim Billard …«

Anton, plötzlich wieder belebt, wäre zwar gern aufgesprungen, um ihm seine Faust in die Fresse zu schlagen, aber er weiß, dass der Typ schnell mit eingeklemmtem Schwanz von der Bildfläche verwinden wird, nachdem sie ihn abgezockt hat. Kriegsbeute.

Die dämliche Bemerkung dieses Irren, der in seiner Kneipenmännlichkeit vernagelt ist, scheint sie zu amüsieren. Sie zwinkert ihm verschwörerisch zu und lädt ihn mit einem vernichtenden Blick ein, sie zum grünen Tisch zu begleiten. Anton weiß, dass sie ihn auseinandernehmen wird, und beschränkt sich daher darauf, das Schauspiel zu genießen.

Er wird nicht müde zu sehen, wie sie sich am Tisch bewegt, ohne sich um ihre Gegner zu kümmern. No quarter asked, none given! Sie ist gnadenlos.

Im Allgemeinen lässt sie den Typen das Dreieck aufsprengen und gibt ihm somit die Chance, einen Vorteil zu erringen. Und wenn, unglücklicherweise für ihn, sein erster Stoß schlecht ausgeht und alle Kugeln auf dem Tisch bleiben, kommt er nicht mehr ins Spiel.

Cut-throat. Mindestens zwei Banden. Sie räumt den Tisch auf, indem sie mit der Spitze des Queues die Bahn der Kugel und das anvisierte Loch beschreibt. Die Ganzen und dann die Halben, in der aufsteigenden Zahl der Nummern, die eine nach der anderen verschwinden, wie sie es vorgesehen hat. Die 8, aufgehoben bis zum Schluss, bekommt in der Regel eine Sonderbehandlung, noch unglaublicher als die vorherigen, einen Mordsstoß, der die Typen erstarren lässt.

Sie ist göttlich. Derartig ins Spiel vertieft, dass sie nicht die Aufmerksamkeit bemerkt, deren Gegenstand sie ist. Eine Partie folgt auf die andere, der Verlierer zahlt seine Schuld, und das kann den ganzen Abend dauern.

Anton hat sich schon oft gefragt, wie sie mit derselben chirurgischen Präzision weiterspielen und dabei noch trinken kann. Auch das gehört zu ihren Geheimnissen …

Schließlich beendet sie das Massaker, gibt den Tisch frei, und zum ersten Mal an diesem Abend kreuzen sich ihre Blicke. Ein wenig schwankend kommt sie ihm entgegen. Ein schnelles Küsschen. Sie bestellt ihnen ein Glas.

»Du hattest wohl keine Lust auf ein kleines Duell auf dem grünen Tuch?«

Er selbst war zu Anfang, häufiger, als ihm lieb war, ein bereitwilliger Kandidat für diese nicht besonders spannenden, aber dennoch faszinierenden Billardpartien gewesen. Und er glaubt, dass er besser geworden ist, indem er ihr zuschaute und versuchte, hier und da bestimmte ihrer Stöße nachzuahmen. Doch jetzt überlässt er das lieber anderen und zieht entschieden ihre kleinen Duelle vor, die nicht in einer überfüllten Kneipe stattfinden …

Da er nicht weiß, was er sagen soll, beschränkt er sich darauf, sie zu beobachten. Sie wirkt ausgesprochen angespannt, sieht erschöpft aus. Daher ergreift er die Initiative.

»Willst du bei mir schlafen?«

Sie klebt sich an ihn, nimmt seine Hand und leert ihr Glas in einem Zug. Das heißt: Ja.

Kapitel 5

tousleshommespresentaientlaformerondeilsavaientledose tlescotesrangesencerclequatrebrasquatrejambesdeuxvisage sattachesauncourondetparfaitementsemblablesuneseuletete quireunissaitcesdeuxvisagesopposeslunalautrequatreoreilles deuxsexesleurscorpsetaientrobustesetvigoureuxetleurscou rageselevescequileurinspiralaudacedemonterjusquaucielet decombattrecontrelesdieuxceuxcinepouvaientsupporteru netelleinsolencealorszeussexprimaencestermesjecroisavoir trouveditilunmoyendeconserverleshommesetdelesrendre plusretenuscestdediminuerleursforcesjelessepareraiendeux parlailsdeviendrontfaiblesaprescettedeclarationledieufitlase parationquilvenaitderesoudrecettedivisionetantfaitechaque moitiecherchaitasunirdenouveauaveccelledontelleavaitetese pareeetlorsquellessetrouvaienttouteslesdeuxsenlaçaientmu tuellementardemmentdansledesirdeseconfondreanouveaue nunseuletredelavientlamourquenousavonsnaturellementle sunspourlesautresilnousrameneanotrenatureprimitiveilfait toutpourreunirlesdeuxmoitiesetpournousretablirdansno treancienneperfectionpourguerirnotrenaturehumaine

5. November 2006, Metz, Antons Wohnung

Pandora begrüßt sie an der Tür mit einer Reihe von energischen Miaus und einigen Tanzschritten.

Sicherlich findet sie, dass es nicht die rechte Zeit ist, nach Hause zu kommen, und Anton in Begleitung von Alex kommen zu sehen, begeistert sie nicht wirklich. Sie muss ihn heute Abend mit ihr teilen. Doch das hindert sie nicht, sich gut zu betragen und zu schnurren, während sie sich an den Beinen der beiden reibt.

Anton fühlt sich ein bisschen idiotisch, weil er Sascha den ganzen Tag mit ängstlichen Mails bombardiert hat.

»Du kannst alles löschen, was ich dir heute geschrieben habe. Du kennst mich ja … Wir wollten uns treffen, du bist nicht gekommen, und ich habe mir alle möglichen Dinge vorgestellt, und …«

»Mach dir keine Sorgen, ich habe bestimmt nichts gekriegt … Du hast ja meine neue Adresse nicht!«

Antons Gesicht verzieht sich zu einem komischen Ausdruck, eine subtile Mischung aus Erleichterung – Alex wird nie erfahren, dass er ihr über ein Dutzend Mails geschickt hat – und Verärgerung; sie hat es an diesem Morgen nicht für nötig gehalten, ihm ihre neue Mailadresse zu geben. Und sie hat sich auch unerreichbar gemacht, indem sie ihr Notebook im Donjon ließ …

Eher schlecht als recht gibt er sich einen Anschein von Unbekümmertheit.

»Und dein Interview mit dem amerikanischen Musiker? Hat das was gebracht?«

»Nichts! Nada! Nib! Ich hab schnell gemerkt, dass dieser elende Wicht mir etwas vorgemacht hat und dass er genauso wenig wie ich in Option 30 mit Reznor gespielt hat! So haben wir uns ein bisschen in einer Kneipe unterhalten, nicht lange, und als ich genug von seinem Gelaber hatte, hab ich mein Glas ausgetrunken, und Ciao! Dann hab ich mich, um den Tag nicht völlig zu verlieren, in einigen Läden mit alten Platten umgeschaut, du kennst mich ja … Und schließlich hab ich mich vom ersten Set einer irischen Gruppe im Pub am Bahnhof verlocken lassen, während ich darauf wartete, in den letzten Zug zu springen und dich im Donjon zu treffen. Das waren meine aufregenden und gefährlichen Abenteuer des Tages! Erlaubst du, dass ich nach alldem unter die Dusche gehe?«

»Na klar! Geh duschen!«

Alex füllt das Waschbecken mit eiskaltem Wasser, taucht ihre Hände hinein und fühlt ein schmerzhaftes Stechen. Sie bewegt ihre Finger einige Minuten wie auf einer Tastatur und spürt, wie die Kälte sie ein wenig erleichtert. Anscheinend nichts gebrochen, aber ihre Finger sind ganz schön geschwollen und sehr empfindlich.

Dann springt sie unter die heiße Dusche, die sie von diesem Scheißtag reinwäscht. Sie leert die halbe Gelflasche und benutzt einen Luffaschwamm als Waschlappen, schrubbt sich kräftig ab, um das kleinste Teilchen des Namenlosen zu beseitigen, mit dem sie den Nachmittag verbracht hat. Es kommt nicht in Frage, dass auch nur ein Atom in Antons Bett gelangt. Sie rubbelt sich kräftig ab und würde am liebsten die Haut austauschen. Sich häuten. Damit alles im Abfluss verschwindet. Der Typ, die Erinnerung an ihn. Und sie gleich mit.

Als sie das Bad verlässt, hat sie eine Gänsehaut, nimmt sich aber nicht die Zeit, sich abzutrocknen. Sie macht einen schnellen Umweg über die Anlage, um Caravanserai aufzulegen, das Album von Santana, das ihr am besten gefällt, weil es einen Einschlag von experimentellem Jazz hat und die Gitarre nicht zu sehr in den Vordergrund stellt. Und vor allem die ruhige, luftige und bezaubernde Ballade am Anfang, bei der sie jedes Mal bedauert, dass sie nicht länger ist, weil sie beim Hören so schön in die Ferne schweifen kann. Play.

Sie schlüpft unter die Bettdecke, wo Anton sie erwartet, und kuschelt sich rückwärts an ihn, an die Wärme seines Bauches und seiner Schenkel. Er erbebt seinerseits, hebt ihr Haar hoch und drückt einen leichten Kuss auf ihren Nacken.

Die Grillen von »Eternal Caravan of Reincarnation« beginnen mit ihrem Zirpen, dem sich bald das Saxofon anschließt, leicht dissonant wie die Klage eines Tieres. Dann die Basslinie, einfach, ein langsamer Rhythmus des Kamelreitens, die kleinen Glocken, die flüssige Gitarre, die Echos des Nachhalls, das Klavier. Sie hebt sofort ab und stellt sich vor, wie sie in einer Hängematte liegen, die sanft über den Baumkronen schaukelt, oder wie sie auf einem fliegenden Teppich ausgestreckt sind, der über Dünen schwebt …

Nun führt sie Anton sanft in sich hinein. Er bewegt sich nicht, lässt sie machen. Sie stecken zusammen, unbeweglich. Eine einzige Haut. Ein einziger Körper. Ein einziges Herz. Siamesische Zwillinge. Nur ihre Atemzüge, zurückgehalten, die sich beruhigen, um nur einen einzigen zu bilden. Sie bilden einen festen, dichten Block, der durch ihre vier Hände zusammengehalten wird. Weder Stöhnen noch unnütze Worte.

Kapitel 6

hrymrvientdelorientlamersenflejormungandsetorddans saragedegeantleserpentsoulevelesflotslaiglepousseuncride joielebecjaunedechirelescadavresnaglfarestlancelenavire vientdelorientlesfilsdemuspellvoguentsurmerlokitientle gouvernaillaraceentieredumonstrenavigueavecleloupsur turselancedumidiaveclesflammestremblanteslesoleilres plenditsurlesglaivesdesdieuxguerrierslesrocherscraquent lesgeantstremblentlhommesuitlechemindelenferetleciel sefendlemondedesgeantsmugitlesherosensanglantenttous lacolonnedumondelesoleilcommenceasenoircirlaterresaf faissedanslamerlesetoilesbrillantesdisparaissentduciellafu meeflotteautourdufeudestructeurdumondelaflammegigan tesquemontejusquauciel

5. November 2006, Gent

Alex hat den größten Teil der Fahrt geschlafen. Ein unruhiger, anstrengender Schlaf mit der übermächtigen Präsenz des Kerls von gestern. Mit seinem ekelhaften Grinsen, seiner Prahlerei, seiner widerlich geschwollenen Zunge, seinem für alle Zeiten monströs angespannten Schwanz, dem Gestank seines Schweißes, seines Spermas.

Sie wacht mit einem Ruck auf und stößt heftig seinen fidelen Leichnam zurück, der sie wieder besteigen will. Sogleich entschuldigt sie sich für den Tritt ans Schienbein, den sie dem ihr gegenübersitzenden Reisenden versetzt hat. Er bedeutet ihr lächelnd, dass ihm nichts passiert sei.

Sie fährt nach Gent, um Abstand zu gewinnen. Die haben sie wiedergefunden, kommen näher. Sie muss Bilanz ziehen. Die sind hinter ihr her. Sie weiß weder, wie viele ihr Junior dieses Mal hinterhergeschickt hat, noch, wann sie zuschlagen. Und noch weniger, wie sie es immer wieder schaffen, sie trotz aller Vorsichtsmaßnahmen aufzuspüren. Manchmal denkt sie, dass sie ihr einen Chip eingepflanzt haben, als sie ohnmächtig war, und das macht ihr Angst.

Am Bahnhof nimmt sie eine Straßenbahn in Richtung Patershol und zum Hostel, das in der Nähe der Wassergräben von Gravensteen liegt, der Burg der Grafen von Flandern. Sie hat dort für zehn Nächte ein Zimmer reserviert. Hier kommt sie oft unter, vor allem bei ihren regelmäßigen Treffen mit Bernd.

Sie lässt ihre Tasche im Zimmer und bricht zu einem Spaziergang in die Stadt auf. Angespannt ist sie, vergiftet von den Bildern des Hotels, von dem, was sie dort getan hat, von all den Erinnerungen, die zurückkommen, um sie anzugreifen und brutal wieder die Kontrolle zu übernehmen.

Der Tag ist grau und kalt. Es ist zwar erst Anfang des Nachmittags, doch schon bevor er richtig angefangen hat, neigt sich der Tag dem Ende zu. Sie macht einen Schlenker über den Groentenmarkt und geht dann ins Groot Vleeshuis, ein imposantes mittelalterliches Haus der Fleischergilde, in dem sich heute eine große Markthalle befindet.

Zerstreut durchstreift sie die Gänge und landet an einem Fischstand. Die toten Fische sehen sie mit ihren verwirrten und glänzenden Augen an. Am Ende der Auslage entdeckt sie eine riesige Holzschüssel, die mit lebenden Aalen jeder Größe gefüllt ist.

Und ihr Flanieren findet ein jähes Ende. Unterbrochen von diesem alptraumhaften und faszinierenden Anblick einer Hydra mit tausend Augen und einer Unmenge von Körpern, die sich ständig verflechten und voneinander lösen, sich zu einem labyrinthischen und unentwirrbaren Strang zusammenfügen. Sie beugt sich über die wimmelnde, fließende und kompakte Masse. Ein Schwindelgefühl. Sie sieht, wie sie in die Schüssel fällt. Und wie schlangenartige Kreaturen über sie herfallen und in sie eindringen, sie von innen auffressen, aus ihrem Bauch herauskriechen und wieder in ihn eintauchen. Wie sie nach und nach in der Mannigfaltigkeit ihrer gefräßigen Mäuler verschwindet, verschlungen und verdaut wird.

»Goedemiddag, kan ik u helpen?«

Sie kommt wieder zu sich, taucht aus der schleimigen Masse auf und kreuzt den klaren Blick des Fischhändlers, dann, auf dem Hauklotz vor ihr, den einer gevierteilten und vervielfachten enthaupteten Gorgo. Die Überreste von etwa fünfzehn Aalen, deren ausgewaidete Körper im Waterzoï landen werden, aber deren Köpfe weiter zwischen den Häuten und den noch zuckenden Eingeweiden zappeln.

Speichelfluss. Sie ist kurz davor, sich zu übergeben, und läuft schnell weg. Nein, da kann ihr nichts und niemand helfen. Direkt vor dem Eingang spuckt sie einen dunklen Strahl aufs Pflaster. Den Automatenkaffee, den sie in der Bar des Hostel De Draecke getrunken hat, bevor sie aufbrach.

Ihr ist kalt, ihr Kiefer ist wie erstarrt, sie hat einen ekelhaften Schlammgeschmack im Mund. Sie braucht einen Muntermacher. Steckt sich eine Lucky an und geht taumelnd zum Quai hinunter.

Sie geht ins ’t Dreupelkot, eine kleine Kneipe, kleiner noch als ihre Bude, in der es aber mehrere Hundert Genever gibt. Es ist gerade Gästeflaute. Ein Gast döst im Ledersessel am Fenster vor sich hin. Der beste Platz, direkt neben dem Radiator. Zwei Gäste stehen an der Theke.

Sie setzt sich auf einen Strohhocker an der Theke, hinter der Joos, der Wirt, seines Amtes waltet, und nimmt die Aromatisierten in Angriff. Einen mit Ingwer und einen mit Pfeffer, um sich aufzuwärmen. Die Gläser sind großzügig eingeschenkt, laufen fast über. Sie beugt sich vor und schlürft vorsichtig den ersten Schluck. Der Alkohol verbreitet sich schnell in ihrem Körper und tötet die Aale, die noch in ihren Eingeweiden stecken.

Langsam kommt sie wieder zu Kräften. Zwei weitere, um die Wirkung zu unterstützen, dann geht sie zu Oude Jenever nach Art des Hauses über. Frank’s Wild Years von Tom Waits läuft leise im Hintergrund und trägt zur Gemütlichkeit des Ortes bei. Sie saugt die Worte auf, singt den Refrain von »I’ll Be Gone« mit, indem sie kaum die Lippen bewegt, und denkt an morgen früh … Ja, es könnte gut sein, dass sie auch gegangen sein wird. Ohne Vorwarnung. Weder Flucht noch Finte. Ein schlichtes und einfaches Verschwinden, mit Leib und Seele, wie bei einem Schiffsuntergang … Einfach Schluss, endlich.

Bei den ersten Takten von »Yesterday Is Here« muss sie lächeln. Weil es nichts gibt, was wahrer ist. Diese einfache, ruhige, des-illusionierte Ballade beruhigt sie. Es gibt kein Heute mehr, kein Zu-Spät, nichts zu erwarten oder zu erhoffen, wenn das Gestern alles verdunkelt. Gestern, da, ständig, und an all den Gestern ihres beschissenen Lebens, in denen sie feststeckt, die sie festhalten, sie ersticken, sie jeden Tag etwas mehr nach unten ziehen. Ihre Erinnerungen sind eine Last, sie wird gehemmt von schlechten Entscheidungen und falschen Wegen, die sie eingeschlagen hat und die ihr um die Ohren fliegen. Jeden Tag etwas mehr. Sie kann nicht mehr.

Als Tom Waits wie ein erleuchteter Prediger die Mahnrufe von »Way Down in the Hole« ausstößt, verzieht Alex das Gesicht, und ein Schauder läuft ihr über den Rücken. Ihr ganzer Körper zieht sich zusammen. Sie macht sich klein. Ihr Teufel hat zwei Köpfe, deren eiskalte blaue Augen auf sie gerichtet sind. Ständig. Selbst wenn sie die Augen schließt. Er ist in sie eingedrungen und nie wieder hinausgegangen, begleitet sie seit dem Bayou bei jeder Bewegung. Warum soll sie sich also darauf versteifen, vor ihm wegzulaufen?

Noch zwei alte Genever, in einem Zug runtergekippt, dann macht sie sich in der Dämmerung auf den Weg. Ihre Pupillen haben Schwierigkeiten, sich anzupassen, alle Lichter funkeln, sind von einem Glorienschein umgeben.

Der Nieselregen macht das Pflaster rutschig. Sie steckt sich eine Kippe an, zieht die Kapuze hoch und geht in Richtung t'Zuid. Hoogpoort, dann nach rechts auf den Botermarket, wo sie einen ersten Zwischenstopp vor einer Kneipe einlegt. Im Schaufenster zwinkern ihr eine Gulden-Draak-Werbung, ein goldener Drache und eine rote Neonleuchtschrift tückisch zu. Und beamen sie im Nu auf die Shetlandinseln, zum Up Helly Aa, dem letzten Abend des Wikingerfestes. Zur Verbrennung des Drakkar. Ihr Blick vernebelt sich. Flammen beginnen, hypnotisch vor ihren Augen zu tanzen. Sie hört das Knistern und tritt zurück, um sich von der Hitze des Brandes zu entfernen, als das flehende Miauen einer Katze, die sich an ihren Knöcheln reibt, sie auf den Gehsteig nach Gent zurückkehren lässt. Sie streichelt das kleine nasse Tier, schüttelt sich, um die letzten Teilchen der Erinnerungen zu vertreiben, und stößt die Tür des kleinen Stadtteilcafés auf, das an diesem Sonntagabend ganz ruhig ist. Am Tresen bleibt sie stehen, bestellt ein Duvel, noch ein Gläschen Genever, und verleibt sich beides schnell ein. Als sie geht, stellt sie sich einige Minuten in eine schützende Toreinfahrt und dreht sich einen Stick.

Aus dem Nieseln ist ein feiner, anhaltender und durchdringender Regen geworden. Sie erreicht die Limburgstraat, kommt an St.-Bavo vorbei, geht die Vlaanderenstraat entlang, dann den Brabantdam. Dann zeichnen sich im Regen die Lichter des Rotlichtviertels ab.

Die überdachte Passage der Glazen Straatje bietet einen vorübergehenden und willkommenen Schutz. Die meisten Schaufenster sind erleuchtet, die Vorhänge geöffnet, ein Mädchen sitzt im Inneren. Alex zündet den Joint an und schlendert gemächlich in eine Richtung, dann in eine andere, unter einigen Touristen, die sich die Augen aus dem Kopf gaffen, und einer Handvoll von potenziellen Freiern.

Sie bleibt einen Moment stehen, um eine Verhandlung zu beobachten, und versucht, die Codes, Gebärden und Zeichen zu verstehen, die auf beiden Seiten des Schaufensters ausgetauscht werden. Anscheinend vierzig Euro (vier Finger) für einen Blowjob (explizite Mimik, die Faust vor den offenen Mund gelegt, die Zunge in die Wange geklemmt) und Liebe »eine Stellung« (ausgestreckter Zeigefinger für die Eins), das Ganze in einer Viertelstunde, inklusive Aus- und Anziehen (zehn plus fünf mit beiden Händen und dem Zeigefinger, der auf die Uhr klopft). Der Handel ist schnell abgeschlossen (hochgereckter Daumen des Freiers), das Mädchen im pinkfarbenen Minibikini steht vom Hocker auf, schließt die Vorhänge und öffnet dem Kerl die Tür.

Dann wird Alex’ Aufmerksamkeit abgelenkt und buchstäblich von einem Paar heliumverstärkter Brüste gepackt, die in einen Leopardenbody gezwängt sind, der nicht einmal mehr versucht, sie zurückzuhalten. Und sie bleibt sprachlos stehen, wie festgeklebt vor dem Fenster.

Ihre Vorstellungskraft beginnt zu rasen und projiziert vor ihr ein animiertes Bild in Technicolor auf einem fliesengroßen Stück Zelluloid. Darauf erkennt sie eine kleine Mücke mit Brille, die herumfliegt und knattert wie ein altes Moped. Sie muss schlecht sehen oder abgelenkt sein, denn sie hat nicht die Heroine bemerkt, die verzierte Nachahmung einer Riesenskulptur von Niki de Saint Phalle, und steckt aus Versehen ihren kleinen Saugrüssel in einen der beiden Euter! Zwei, drei Sterne, die über ihrem Kopf umherwandern, weil sie ziemlich angeschlagen ist, und dann dringt ein beunruhigendes Pffft in den Soundtrack ein. Und das aufgeblasene Leopardenmädchen beginnt mit einem langen Zischen, die Luft zu verlieren. Und damit setzt ein Festival ein. Zuerst wirbelt sie sehr schnell und in alle Richtungen zwischen den vier Ecken des Bildes umher. Sie verbindet Längen, Diagonalen und Figuren auf völlig unvorhersehbare Weise und springt willkürlich in alle Dimensionen ihres Glaswürfels. Dann wird ihr verrückter Sprint langsamer, und bald ist sie nur noch eine leere Hülle, die langsam, wie in Zeitlupe, herunterfällt wie ein abgestorbenes Blatt oder eine Feder, bis ihre Haut, die jetzt im Body schwebt, schlaff und flach auf dem Teppich landet. The End.

Heftige Schläge an die Schaufensterscheibe reißen Alex aus ihrem Cartoon heraus, bringen sie auf ihre Seite des Bürgersteigs zurück und lassen vor ihren Augen wieder das Mädchen in all seiner vollen Üppigkeit erscheinen. Die Frau wirft ihr einen finsteren Blick zu, der Mund formuliert Beleidigungen, die sie nicht versteht, unterstrichen von einem Stinkefinger, der »Verpiss dich!« bedeutet. Alex erwidert ihren Gruß mit dem Mittelfinger, sogar mit beiden. Auf jeden Fall muss sie gehen.

Der Regen ist stärker geworden und sickert langsam in ihre Sweatjacke. Sie setzt ihren Weg vom Zentrum zum Stadtrand fort.

Kurs Babylon, der alternative Club in einem Außenbezirk, eine Lagerhalle, die fast unverändert gelassen wurde und in der man am Wochenende Punkgruppen, Hardcore, Thrash Metal oder Industrial sehen kann, oft gut und vor allem sehr laut. Die Eingänge bewacht ein rasierter Koloss, ganz in Leder, Typ Biker, mit einem zu einem Zopf geflochtenen Bart, der bis zum Bauch hinunterhängt. Von Weitem beeindruckend, doch recht freundlich, wenn man sich nähert. Sie bekommt sogar ein zum Teil zahnloses Lächeln.

Es ist noch früh, und die große Halle wirkt fast verlassen. Gedämpftes Licht, dicke Ventilatoren an der Decke zwischen einem Gewirr von Stahlrohren, Betonfußboden. Zwei Theken, die sich auf den Längsseiten gegenüberliegen. Die Bühne, sehr hoch, nimmt den ganzen Hintergrund ein und scheint auf einer Wand von Lautsprechern zu ruhen, die sich über die volle Breite des Raums erstreckt. Heute Abend auf dem Programm eine Industrial-Trash-Punk-Band aus Lothringen. Das wird bestimmt der Hammer, und genau deshalb ist Alex da.

Im Moment dröhnt Psalm 69 von Ministry aus den Lautsprechern, und das tut ihr so richtig gut. Sie geht zur Theke auf der linken Seite, die von blauen Neonleuchten hervorgehoben wird, und bestellt ein Kasteel Donker. Allmählich hat sie ganz schön einen im Kasten. Die 11 % ihres Bieres nähren weiter das Feuer, das sie schon am frühen Nachmittag gelegt hat. Und die Musik von Al Jourgensen lässt eine kochende, mit Schwermetallen aufgeladene Flüssigkeit durch ihren Körper strömen.

Nach und nach füllt sich der Saal. Ein zweites Bier. Dann ein drittes mit Schuss. Und Pretty Hate Machine von NIN, während sie all dies in sich reinschüttet. Sie liebt diesen Ort definitiv. »Head Like a Hole«, »Terrible Lie«, »Down in It«. Diese Stücke versetzen sie um Jahre zurück, in ihr früheres Leben, das jetzt so fern ist, dass es anscheinend von einer anderen gelebt wurde … Sie fragt sich sogar, ob es nicht völlig erfunden wurde …

Die Musik wird in der Mitte von »Sin« unterbrochen. Die Halle ist schnell in Dunkelheit getaucht, und das Bild eines Turmes, eines mit rostigen Geländern versehenen Wachtturms, zeichnet sich ab, wird auf einen riesigen Bildschirm projiziert, der die ganze Wand hinter der Bühne bedeckt. Sie verlässt die Theke und nähert sich dem Schlachtfeld.

Drei Typen mit Sturmhauben und Bauhelmen auf dem Kopf erscheinen. Der Gitarrist und der Bassist schließen ihre Instrumente an und stellen die Höhe ihrer Mikros ein, während der Dritte sich hinter einer Reihe von Tastaturen und Samplern niederlässt, die ihn fast vollständig verbergen. Der Saal hält den Atem an. Rote und orangefarbene Scheinwerfer beginnen das Halbdunkel zu durchdringen.

»Wie ihr wisst, nennen wir uns Muckrackers, und was ihr da hinten seht, ist ein Hochofen. UND WIR HABEN EINEN IM KOPF!!!!!«

Der Gitarrist, der das geschrien hat, nimmt nun ein Riff mit drei Beats und Loops in Angriff, das durch und durch geht. Der Titel des Stücks, »Konkassor«, blinkt auf dem Bildschirm, und das Erlebnis wird total.

Ein langer Rückkopplungseffekt verfeinert sich zu einem Bohrgeräusch, das an den Nervenwurzeln zerrt, dann explodiert das tonale Chaos, und Eisenschmelze strömt in großen Blasen von der Bühne, setzt die Lautsprecher in Flammen, fließt auf die Tanzfläche, füllt den Saal wie eine Flutwelle und schleudert Myriaden von glühenden Funken in den Raum, eine brennende Wolke, die beim Aufprall alles verzehrt. Das Geschrei des Sängers vermischt sich mit Samples aus alten Radio- oder Fernsehnachrichten, in denen Streiks in den Minen und Stahlwerken Lothringens kommentiert werden, während Bilder in einer schnellen, ruckartigen, stroboskopischen Montage vorbeiziehen, die wahllos Arbeiter bei der Arbeit, den Abbruch von Industrieanlagen, Explosionen, Bombardierungen, Trümmerhaufen, von der Anstrengung zerfurchte Gesichter und von Menschenfressermaschinen versklavte Körper miteinander verbinden.

Nach und nach kommt Alex in Einklang mit diesen Visionen eines heillosen Chaos, mit diesen ohrenbetäubenden Dampfhämmern, diesen brennenden Schwefel- und Phosphorstrahlen. Sie schließt die Augen und stößt einen heiseren Schrei aus, ein wildes Heulen, das aus ihrem Bauch aufsteigt und jede Zelle ihres Körpers vibrieren lässt.

Der Weltuntergang hat begonnen. Das ist der Anfang von Ragnarök! Die Zeit der furchtbaren Stürme und der Wölfe, die das All verschlingen. Die letzte große Schlacht vor der Vernichtung. Sie muss kurz lächeln, als sie die singende Stimme ihrer Großmutter Hjördis hört, die ihr die großen Mythen aus ihrer Heimat Norwegen erzählt. Der Lärm schlägt sie in seinen Bann, sie kann darin das Geschrei der Krieger vernehmen, die vor dem letzten Angriff mit ihren Äxten auf die Schilde schlagen. Und der Deich, der all ihren Hass eindämmt, diese schwarze Galle, die sie seit Monaten ständig ausscheidet, zerbröckelt, bekommt Risse und bricht schließlich zusammen. Loki, der Lügengott, der Verräter, der vor Wut Schäumende, begleitet sie. Sie verlässt sich auf ihn, streicht sich über den Hinterkopf, auf dem die vier Runen seines Namens tätowiert sind, und stürzt sich wutentbrannt in den Kampf.

Kopfüber wirft sie sich in die barbarische Schlägerei, die den ganzen Platz einnimmt. Das kompakte Handgemenge ist eine monströse mythologische Kreatur, deren vielfältige Körper sich gegenseitig zerfleischen, deren unförmige Köpfe ihr Gebrüll ausstoßen, deren Pfoten auf den Boden schlagen, sich anrempeln und umstoßen. Als ob man unter dem Fleischklopfer gelandet wäre. Fußtritte, Ellbogenstöße, Fausthiebe, Schulter- und Kopfstöße. Alex teilt blind aus und steckt ein, betäubt von Lärm, Erregung, Joints und Alkohol, gedopt mit Adrenalin und Verzweiflung, geschützt von ihrem zerstörerischen Gott, unverwundbar in diesem apokalyptischen Kampf. Die Zusammenstöße und Reibereien erzeugen die dunkle Energie, die die Raserei der Horde nährt. Der makabre und brutale Tanz reißt alle mit in eine ständige Bewegung. Dieser unbändige, epileptische Sabbat wird bis zum Ende der Zeiten dauern.

Ein harter Schlag mitten ins Gesicht unterbricht abrupt ihren Stammestanz.

Alles bleibt stehen. Alex hat den Sound verloren. Das Bild auch. Sie bleibt einen Moment in der Luft hängen, aufrecht gehalten von der Masse der anderen sich bewegenden Körper, dann fällt sie auf den Boden des Mörsers, und das Stampfen geht weiter. Rückkehr des Lärms und der Wut. Sie kauert sich zusammen, benommen. Schluckt warmes Blut und versteht, dass alles zu Ende gehen kann. Hier und jetzt. Endlich.

Dann entspannt sich ihr ganzer Körper und überlässt sich dem Stampfen. Sie wird zu einer schlaffen Masse, die keinen Widerstand mehr leistet. Ein formloses Gelee, in das die Schläge eindringen. Sie macht sich in die Hose. Gibt nach und lässt alles über sich ergehen. Getrampelt, zertreten, am Boden, erledigt. Brei, Matsch, eine große ekelhafte Pfütze. Man braucht das Ganze nur noch aufzuwischen, in einen Eimer auszuwringen und in die Gosse oder ins Klo zu schütten. Sie wird verschwinden. Spurlos. Die werden sie nie wiederfinden.

Als sie sich die Vollendung dieses finalen Szenarios ausmalt, lächelt sie über die Art und Weise, in der sie sie ficken wird, Junior und die Meute, die er auf sie angesetzt hat. Doch plötzlich greift ihr jemand unter die Achseln und zieht sie aus dem Getümmel heraus. Sie schreit, will, dass man sie zufriedenlässt, und vor allem, dass man sie krepieren lässt. Man soll sie nicht retten. Nicht jetzt, wo alles seinen Abschluss findet. Doch ihre Schreie bringen nicht mehr als ihre schwachen Versuche, sich gegen die Hilfe zu wehren.

Bald liegt sie ausgestreckt auf dem Boden, die rechte Wange badet in einer kleinen, sich langsam ausbreitenden Pfütze aus Rotz und Sabber. Zopfbart beugt sich über sie. Er lächelt nicht mehr so wie am Eingang. Sieht eher besorgt aus. Will ihren Samariter spielen. Scheißfreundlich! Sie hat ihn um nichts gebeten. Der Blödmann hat sie um ihr Halali gebracht. Ihren Abgang vermiest.

Der Rausschmeißer wischt Alex’ Gesicht mit einem feuchten und kalten Lappen ab, der danach blutig ist. Sie sagt sich, dass man ihr wahrscheinlich die Fresse eingeschlagen hat, aber sie spürt nichts davon. Jedenfalls im Moment. Sie kann nur das linke Auge öffnen. Er hebt sie hoch wie eine Feder und trägt sie zur Seite. In seinen großen Armen fühlt sie sich ganz klein und schwach. Sich so zerbrechlich und verletzlich zu fühlen, ist ihr ein Horror.

Sie wehrt sich, versucht sich zu befreien, aber er hält sie fest und bringt sie in ein Zimmer, das von grellem, aggressivem Neon erleuchtet und in dem das Getöse des weitergehenden Konzerts nur noch gedämpft zu hören ist. Zumindest nimmt Alex das so wahr, denn ihre Trommelfelle haben auch was abgekriegt.

Ihr Bernhardiner setzt sie in einem alten Clubsessel ab und holt einen Erste-Hilfe-Kasten. Die beiden sprechen nicht. Sie, weil sie sich ein wenig matschig fühlt, und auch weil sie nichts Besonderes zu sagen hat, und vor allem nicht Danke. Er, weil er die Schnauze voll hat von durchgeknallten Gästen, die sich aufs Maul hauen, und weil er sich auf das konzentriert, was er tut. Ein antiseptischer Verband. Ihr tut noch immer nichts weh. Dann schnelle Blicke zwischen ihrem blutigen Gesicht und der Schachtel mit den Pflastern: ein kleines für den Nasenrücken, ein mittleres für den rechten Mundwinkel und ein großes für die linke Augenbraue.

Dann fragt er, wo sie wohnt, und sie zieht aus der Tasche ihrer Sweatjacke einen Schlüsselbund vom Hostel De Draecke. Er nimmt sie wieder auf die Arme, um sie zu seinem Wagen zu tragen, und fährt sie nach Patershol. Kaum eine Viertelstunde Fahrdauer, der Verkehr ist flüssig. Alex schließt die Augen. Sie reden kein Wort.

Er bringt sie bis zu ihrem Zimmer, indem er sie am Ellbogen festhält wie eine kleine alte Oma, der man über die Straße hilft. Dann gibt er ihr den Schlüssel, zieht die Tür zu und geht.

»Slaap lekker!«

»Ja, du hast recht! Gute Nacht, Arschloch!«

Alex, mit dem ausgestreckten Mittelfinger hinter der Tür, sagt sich, dass Zopfbart einen verdammt guten Sinn für Humor hat: Sie wird bestimmt eine außergewöhnliche Nacht verbringen.

Ihr ist kalt, und der Schmerz macht sich nun im ganzen Körper in kleinen heimtückischen Wellen bemerkbar, die immer stärker werden. Wie ein Häufchen Elend hockt sie an der Tür und versucht, sich aus den feuchten und blutigen Klamotten zu schälen, die nach Kippen und Pisse stinken.

Alles fällt ihr schwer. Ihre Bewegungen sind langsam und ungeschickt. Die Doppelknoten der Schnürsenkel haben sich im Regen zusammengezogen, und sie bräuchte jemanden, der ihr hilft, die hohen Doc Martens auszuziehen, die scheinbar hauteng an ihren Füßen festgeschweißt sind.

Sie schlägt sich mit den Knöpfen am Hosenschlitz herum. Fünf, die sie schließlich mit letzter Kraft überwindet. Die Jeans, durchnässt und stinkend, klebt ihr an der Haut. Sie muss sie bis zu den Knöcheln auf links drehen, um sich von ihr zu befreien. Plötzlich hat sie das ekelhafte Bild eines Aals vor Augen, dem man die Haut abzieht und der sich windet. Das ist wirklich nicht der richtige Moment dafür. Sie muss sich übergeben.

Die Arme zu heben und das T-Shirt über den Kopf zu ziehen, ist eine Tortur. Ein oder zwei Rippen sind bestimmt gebrochen. In ihren Schläfen hämmert es.

Ihr Schädel scheint anzuschwellen und aus der Form zu geraten. Sie sieht sich mit einem Wasserkopf voller Auswüchse à la Joseph Merrick. Und sie denkt, dass sie mit alldem und ihren Tätowierungen eine Hauptattraktion in der verdammten Freak Show bilden würde.

Ihre Speicheldrüsen spielen verrückt. Nackt wie ein Wurm kriecht sie über die ein Meter fünfzig, die sie von der Toilette trennen, und, festgeklammert am Klodeckel, den Kopf in der Schüssel, spuckt sie, wie es ihr scheint, literweise eine bittere Brühe aus. Jeder neue Brechreiz entreißt ihr ein dumpfes animalisches Wimmern, wie bei einem gebärenden oder sterbenden Tier. Sie verliert das Bewusstsein.

Als sie flach auf dem Bauch auf den kalten Kacheln erschöpft wieder zu sich kommt, gelingt ihr nicht die geringste Bewegung. Nach einer Weile, vielleicht zehn Minuten, einer Viertelstunde, einer Stunde, öffnet sie, zu Eis erstarrt, wieder das Auge und schafft es, sich langsam kriechend und unter starken Schmerzen zur Dusche zu schleppen, sich dort aufzusetzen und auf den Druckknopf zu drücken. Der Wasserdruck auf ihrer geschundenen Haut ist zu stark. Sie beißt die Zähne zusammen und überlässt sich dem Strahl, erst kalt, dann wärmer und schließlich heiß. Und dann nichts mehr.

Kapitel 7

unepiqurelegerepointmechantecuisanteapeinepourlesma ladroitsetsoudainlecharmeopereuneondevousenveloppe cestlalunedemieldanscetteperiodeelevatoirelesideesaffluent lesoeuvressebauchentlaparolesurabondelivresseemportel hesitationetlatimiditeuneeurythmieclairvoyanteharmonise lapenseeleschagrinssontenfuiteetlessensabolisdanslapleni tudeheureusedesaforceetdesajoielhommesesentdevenirdieu cestleflambeaudepsychequisallumeauplusprofonddeletreet faitpalpiterasalumierelechatoiementdestresorsensevelisbien totcependantlesbrumesiriseeslesflottantesgazesepaississent leurrideaulebrouillardquipretaitalexistencelecharmedescon toursindeterminesdevientunmurimpenetrableuncachotdou leprisonniernesevaderaquauprixdexécrablesdouleurs

9. November 2006, Lerwick, Shetlandinseln, Polizeirevier

Die halten sie tatsächlich alle für blöd. Kelly schimpft und tobt im verlassenen Polizeirevier. Wütend brüllt sie die letzte Strophe von Nick Caves »Red Right Hand«. Eine völlig neue Version, noch beängstigender und bedrohlicher als das Original. Sie ist schwer am Grübeln, könnte um sich beißen. Seit drei Wochen guckt sie sich acht Stunden am Tag die Augen aus dem Kopf, um fotokopierte Listen und Informationsdateien zusammenzustellen. Listen mit allen Ein- und Ausreisen seit dem letzten 1. Januar, Tausende Namen von Leuten, die seit Anfang des Jahres die Fähre oder das Flugzeug genommen haben, und auch alle Hotelregister und Bed-&-Breakfasts der Inselgruppe. Sie hat den Eindruck, dass es sich um reine Schikane handelt und dass sie sich kaputtlachen.

Ihre Kollegen auf dem Revier haben ihr das übergeben, als ob sie ihr eine Freude machen würden, doch dämlich ist sie nicht, Detective Kelly McLeish, neunundzwanzig Jahre, seit Kurzem Sergeant, gerade von der Polizeischule in Edinburgh gekommen und seit Mitte Oktober auf die Shetlandinseln versetzt. Zehn Monate lang sind die Spürhunde dieses Lochs am Arsch der Welt kein Jota mit dem Mord in der Nacht ihres Lichtfestes weitergekommen und haben ihr das Baby in den Schoß gelegt.

Sie haben ihr die Nummer mit der weiblichen Sensibilität und Intuition vorgespielt und, Heuchler, die sie sind, ihre nagelneue Ausbildung als Ermittlerin und Absolventin des Criminal Investigation Departments gepriesen. Sie haben auch stark auf ihren Blick von außen abgehoben, der nützlich sein könne, um etwas zu sehen, was ihnen entgangen sein könnte. Sie haben sie gebeten, »den Fall neu aufzurollen«.

Alles Schwachsinn! Sie hat ihnen ihr Gewäsch keine zwei Minuten abgekauft. Sie wollen sie testen und dazu bringen, ihre Zeit zu verplempern, indem sie sie in ein unterirdisches Büro einsperren, obwohl sie draußen vor Ort sein müsste. Und sie müssen sich schön scheckig lachen, diese Arschlöcher! Die haben bestimmt Wetten über sie abgeschlossen, davon ist sie überzeugt. Wie viele Wochen sie hier durchhält. Das ist so die Art all dieser Spinner. Und bestimmt gibt es nicht wenige, die ihr kaum bis Weihnachten geben, bis sie wieder nach Hause geht. Da ist sie sich sicher. Sie ist die einzige Frau in diesem Kommissariat am Ende der Welt, und sie ist nicht von hier, also muss sie sich beweisen, und das nicht nur ein bisschen.

Genau genommen ist die Untersuchung an einem toten Punkt angekommen.

Es hat keinen Zeugen gegeben, als Richard McGowan, einundvierzig Jahre alt, am Abend des Up-Helly-Aa-Festivals mit siebzehn Messerstichen in den Unterleib niedergestochen wurde. Der Ort war menschenleer und die Straßenbeleuchtung erloschen. Alle Bewohner hatten sich auf der Esplanade King George V zur Verbrennung des Drakkar versammelt. Und keiner hat gesehen, was in der kleinen Straße von Lerwick passiert ist, in der ein Touristenpaar am 31. Januar um 23.30 Uhr bei einem Spaziergang vor der Rückkehr ins Hotel die Leiche entdeckte.

Der einzige an der Leiche gefundene Hinweis ist ein langes schwarzes Haar, dessen DNA-Analyse nur ergeben hat, dass es von einer Frau stammt. Doch bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt konnte nichts Greifbares von diesem Haar abgeleitet werden, das der Mann im Laufe des Abends überall bekommen haben konnte, vor allem wenn er sich unter die Menge gemischt hatte, die das Fest miterleben wollte …

Das Opfer, ein Shetlander, der auf der Insel Bressay wohnte, hatte am Abend seines Todes viel Alkohol im Blut. Kelly kann sich gut vorstellen, dass das Trinken hier ein verbreitetes Freizeitvergnügen ist, weil man sich auf dieser Inselgruppe zu Tode langweilen muss, vor allem im Winter … Der Mann hat keine Vorgeschichte, keine bekannten Freunde, und Raub war kein Motiv, denn man hat seine Brieftasche samt Papieren und allem Geld gefunden, eine hübsche Summe.

Das sieht aus wie ein zufälliger Überfall, der von einem Gespenst begangen wurde. Und wenn die Schotten neben dem Haggis noch eine Spezialität haben, dann sind es Gespenster!

Doch Kelly hat die zehnjährige Ausbildung nicht gemacht, um zu einem verdammten Ghostbuster zu werden oder um sich von einer Horde von Hinterwäldlern aus dem Norden, die halb Bullen und halb Wikinger sind, herumschubsen zu lassen.

Also wird sie sich ihre dämlichen Listen, die sich seit Tagen weigern, mit ihr zu sprechen, zum x-ten Mal vornehmen. Und bei all den Touristen, die kommen und gehen, vor allem in den Wochen vor und nach dem Fest, ist das kein Vergnügen. Als Nick Cave beginnt, mit seiner ernsten und dunklen Stimme »Let Love In« anzustimmen, begleitet sie ihn. Und wie bei ihm gibt es wirklich Tage, an denen sie das Gefühl hat, dass man sie dazu verdammt, lebenslänglich Konfetti vom Boden eines Betonlochs aufzukehren …

Kapitel 8

jemeursdeseufaupresdelafontainechaultcommefeuettrem bledentadentenmonpaissuisenterreloingtainelezungbra sierfrisonnetoutardentnucommeungvervestuenpresidentje risenpleursetattenssansespoirconfortreprensentristedeses poirjemesjouisetnayplaisiraucunpuissantjesuissansforceet sanspovoirbienrecueiullydeboutedechascunriennemestseur quelachoseincertaineobscurforscequiesttoutevidentdoub tenefaisforsenchosecertainesienstiensasoudainaccidentje gaignetoutetdemeureperdentaupointdujourdisdieuvous dointbonsoirgisantenversjaygrantpaourdecheoirjaybiende quoyetsinenaypasung

11. November 2006, Metz, Le Donjon

»Ist das nicht irre? Man könnte meinen, die Haare einer Toten …«

Fred hält ihm die Keksdose unter die Nase, in der er Alex’ Zopf aufbewahrt, und Anton ist kurz davor zusammenzubrechen. Schwarze Schmetterlinge flattern vor seinen Augen. Freds Satz hallt in seinem Kopf wider, und beim Anblick von Saschas zu einer Spirale aufgerolltem Haar auf dem Boden der runden Dose wird ihm ganz schlecht.

Es ist wahr, dass sie tot sein könnte und er nichts davon wüsste. Keiner würde auf die Idee kommen, Kontakt mit ihm aufzunehmen, um ihm zu sagen, dass Alex etwas zugestoßen ist. Seiner Sascha, die seit letztem Sonntag von seinem Radar verschwunden ist. Seit sechs Tagen.

Das macht ihn verrückt. Die Sorge frisst ihn auf. Er kann nicht klar denken, sich nicht auf seine Arbeit konzentrieren. Er dreht durch, im Kopf und in seiner Bude. Schaut alle fünf Minuten in seine Mailbox, und jedes Mal, wenn sie leer ist, wird der Knoten enger, der ihm den Magen abschnürt. Er möchte doch nur ein Zeichen haben. Ein kleines Wort. Wie etwa »Bis bald«, »Mach dir keine Sorgen« oder »Ich komme zurück«. Damit wäre er zufrieden. Sie soll ihm nur sagen, dass es ihr gut geht. Dass sie an ihn denkt in den wenigen Sekunden, die sie braucht, um das zu tippen. Doch ihr hartnäckiges Schweigen und ihre Abwesenheit machen ihn ganz kirre.

Er wünscht, er könnte heulen, bis ihm die Adern platzen, um den Druck zu lindern, er könnte mit Faustschlägen Mauern umhauen, oder er hätte sich für Bodybuilding entschieden und könnte Tonnen von Gusseisen hochwuchten, bis er verblödet. Irgendwas, um das Ohnmachtsgefühl zu vertreiben, das ihn erstickt. Es gibt keine Möglichkeit zu erfahren, wo sie ist. Damit kann er sich nicht abfinden.

Man könnte meinen, die Haare einer Toten.

Fred hat, ohne es zu ahnen, eine echte Katastrophe ausgelöst. Anton, der sowieso schon auf dem höchsten Ast der Angst sitzt, stürzt sich in morbide Gedankengänge hoch zehn.

Bilder der toten Alex und von gewaltsamen Todesfällen gehen ihm durch den Kopf wie eine schreckliche Diashow, wie eine Reihe von Pulp- oder Trash-Aufnahmen, die auf ihn einprasseln, ihn zu Eis erstarren lassen und erdrücken. Sascha erwürgt in einer Gasse, ausgestreckt zwischen zwei Müllcontainern. Sascha in einer Badewanne voller Blut, mit aufgeschnittenen Handgelenken. Sascha von einem Auto über den Haufen gefahren, ihr zertrümmerter Körper in einem nassen Graben. Sascha in einem leeren Krankenhauszimmer, die Nullinie und der Dauerpiepton des Monitors. Sascha zerschmettert in den zusammengepressten Blechen eines gegen einen Baum geknallten Wracks. Sascha zerfetzt auf den Gleisen, nachdem ein Zug vorbeigekommen ist.

Diese letzte Vision treibt ihn zum Kotzen auf die Toilette. Er hat Schluckauf, ist mit den Nerven am Ende. Er klappt den Deckel runter, setzt sich und versucht, sich zu erholen und sich wieder unter Kontrolle zu kriegen.

Wieder denkt er an Samstagabend.

Saschas späte Ankunft, wie kaputt sie aussah, ihre geschwollenen und geschundenen Fingergelenke, als ob sie sich geprügelt hätte. Er hat aber nichts dazu gesagt, weil er nicht als Inquisitor erscheinen wollte. Als er am Sonntag aufwachte, war sie bereits gegangen. Und zwar nicht, um Baguette und warme Croissants fürs Frühstück zu holen. Er hat mit ihr noch nie dieses vertrauliche morgendliche Tête-à-Tête geteilt. Im Allgemeinen zieht sie sich an, wenn sie Liebe gemacht haben, und geht nach Hause. Oder, wenn sie doch einmal bei ihm schläft, verschwindet sie am frühen Morgen, ohne ihn zu wecken, ohne ein Wort zu hinterlassen.

Und später am Tag, als er im Donjon ein Gläschen getrunken hat, sagte Fred ihm, dass sie kurz vorbeigekommen sei, bevor sie in einen Zug sprang. Überstürzter Abgang. Und weg war sie.

Seit Sonntag denkt er immer wieder über das nach, was Fred ihm erzählt hat. Um in all dem einen Sinn zu sehen, um irgendeinen Hinweis aus diesen Informationen zu bekommen, irgendetwas, das es ihm ermöglicht, irgendwo zu suchen, ganz gleich wo. Und noch immer nichts.

Er hört noch einmal, was Fred ihm gesagt hat, als ob es eine Aufzeichnung wäre. Er sieht seine besorgten Augen wieder, seine Aufregung, die Worte, die sich überstürzten und ineinanderflossen, erinnert sich an seine tonlose, angespannte und verknotete Stimme.

»Alex ist heute Morgen vorbeigekommen. In Eile. Sie hatte ihr Haar zu einem langen Zopf geflochten. Und ich hab ihr gesagt, dass ihr das gut steht, dass es mir gefällt. Sie hat geantwortet, ich solle den Anblick noch schnell genießen, da sie einen kurzen Haarschnitt brauche, auf der Stelle, bevor sie in zwanzig Minuten in den Zug steigt. Du kannst dir vorstellen, dass ich geschockt war. Mir war nicht danach, ihr die Haare abzuschneiden. Aber sie hat nicht nachgegeben, also hab ich die Küchenschere für den Zopf genommen. Und über dem Gummiband abgeschnitten. Hab ihn übrigens aufgehoben, konnte ihn nicht wegwerfen. Ich hab ihn in eine Keksdose gelegt, auf Seidenpapier, falls Alex ihn wiederhaben will, wenn sie zurückkommt. Und dann hat sie mich gebeten, den Rest mit dem Rasierapparat abzuschneiden, mit einem 5-mm-Abstandhalter. Das hat mich wieder geschockt. Ich hab vorgeschlagen, die Länge auf einen Zentimeter einzustellen, aber es war nichts zu machen. Und dann kam die nächste Überraschung. Weißt du, was sie hinten auf dem Schädel tätowiert hat, unten in der kleinen Aushöhlung? Vier seltsame kleine Zeichen. Guck mal, ich hab versucht, sie zu zeichnen.«

Anton sieht immer wieder Freds Gesichtsausdruck, seinen besorgten Blick. Er war erregt, weniger gelassen als gewöhnlich. Und so geht es schon die ganze Woche. Das hat zu seiner Angst beigetragen.

Er dreht und wendet den Bierdeckel, auf den die vier kabbalistischen Zeichen gekritzelt sind, zwischen den Fingern. Er hat Stunden damit verbracht, die Zeichen im Netz zu suchen, aber bis jetzt nichts gefunden.

Als Fred ihm von Alex’ Tätowierung erzählte, hat er den Ahnungslosen gespielt. Doch er weiß natürlich, dass Alex tätowiert ist. Und nicht nur ein bisschen. Nicht die Art von Tattoo, die man sich an einem Strand machen lässt, einen Delfin, eine Sonne oder einen Schmetterling, um eine Erinnerung an die Ferien mitzunehmen. Jenes, das Fred freigelegt hat, als er ihren Kopf rasierte, hat er noch nicht gesehen, aber was die anderen betrifft … Er wird nicht müde, sie zu überfliegen, sie zu entziffern und zu verstehen, sobald sie ihm Gelegenheit dazu gibt. Er denkt sogar, dass er sein Leben damit verbringen könnte, so fasziniert ist er von diesen Texten. Und bei diesem Gedanken muss er wieder an ihre allererste Nacht denken. Diese Erinnerung lenkt ihn vorübergehend ab und lindert seine Besorgnis ein wenig.

Schon seit einigen Wochen hatte er Alex aus der Ferne beobachtet. Wie viele Typen in der Bar fragte er sich, ob sie mit jemandem zusammen war, und er hatte sich sogar bei Fred danach erkundigt, der ihm aber nur sagen konnte, dass er sie nie in Begleitung im Donjon gesehen hatte. Im Gegenteil, sie schien alle Typen auf Distanz zu halten. Sodass einige, die eine Abfuhr bekommen hatten oder beim Billard regelmäßig eine Niederlage einsteckten mussten, das Gerücht aufgebracht hatten, sie würde eher auf Frauen stehen.

Sie hatten sich schon öfter an der Theke unterhalten, sie und er, und einige Gemeinsamkeiten entdeckt. Eine ganze Menge sogar. Vor allem literarische und musikalische Bezugspunkte und auch viele Reisen wegen ihrer jeweiligen Jobs, er als Fotograf, sie als Freelancer, ständig auf der Suche nach Artikeln und Reportagen über verschiedene kulturelle Themen, die sie meistens verkaufen konnte. Es gab zwischen ihnen eine Art von unmittelbarer Vertrautheit, und etwas an Alex’ Körpersprache hatte ihn darauf gebracht, dass er Chancen bei ihr hätte.

Und eines Abends, nach einigen Whiskys, hatte er sich ein Herz gefasst. Was konnte schon passieren. Es klang ein wenig aufgesetzt, aber er schlug ihr vor, bei ihm ein letztes Glas zu trinken. Und dann, er konnte es kaum glauben, hatte sie Ja gesagt. Wie selbstverständlich.

Sie fanden sich schnell in seiner Wohnung wieder. Alex sah die CD-Stapel durch und wählte ein Album von Akosh Szelevényi aus. Pannonia. Sie unterhielten sich bei einem Glas weiter über Musik und alles andere, getragen von den exzentrischen, disharmonischen und einlullenden Spiralen des Saxofons. Bis sie aufstand und ihn küsste. Ein fester, drängender und verschlingender Kuss, dessen Intensität und Plötzlichkeit ihn überrascht hatten.

Dann hatte sie sich in aller Ruhe rittlings auf ihn gesetzt und sich ausgezogen, indem sie zunächst den Reißverschluss ihrer Sweatjacke öffnete, unter der sie nichts trug. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, mit einem etwas seltsamen Ausdruck im Blick, gespannt auf seine Reaktionen. Und dieses Mal war sie wohl nicht enttäuscht.

Er brauchte eine Weile, um zu begreifen, was er sah. Das gedämpfte Licht und vor allem die Regelmäßigkeit der Zeichnung ließen ihn denken, dass sie ein dünnes und enges T-Shirt trug, dessen durchsichtiger Stoff die Rundung ihrer Brüste, den leicht gewölbten Bauch und die Aushöhlung des Bauchnabels sehen ließen. Dann hatte er seine leicht zitternden Hände auf ihre Brust gelegt und war, etwas idiotisch, überrascht, als er die warme und weiche Haut und ihre Brustspitzen, die sich unter seinen Handflächen verhärteten, und all diese kleinen schwarzen Buchstaben berührte, die nicht auf Stoff gedruckt, sondern auf ihren ganzen Oberkörper, ihre Schultern und die Oberarme tätowiert waren.

Sie war in ein fröhliches, kindliches Lachen ausgebrochen, in das eines schelmischen Kindes, erfreut über den Streich, den es gerade gespielt hat, und das hatte ihn aus dem Zustand der Verwirrung oder vielmehr der Erstarrung, in den sie ihn versetzt hatte, herausgerissen. Dann hatte sie ihn erneut stürmisch geküsst, und sie hatten sich in dieser Nacht mit einer brutalen, tierischen Inbrunst, die von ihr ausging, geliebt.

Und diese junge Frau, die ihn schon von Weitem fasziniert und dann interessiert hatte, seit sie miteinander sprechen konnten, ist aus der Nähe noch faszinierender geworden …

Eine vollständig beschriebene Frau, eine Buch-Frau, direkt einem Comic von Bilal entsprungen, bedeckt mit einem dichten Text, in Schönschrift mit winzigen Buchstaben wie in einem mittelalterlichen Manuskript, ohne Punkt, Komma oder Akzent, ein Text, bei dem man weder Anfang noch Ende erkennen kann, der sich in einer ununterbrochenen Linie über den ganzen Oberkörper, den Hintern und die Schenkel schlängelt. Ein Text, der keinen Zugang bietet, auf den er sich seit jetzt vier Monaten konzentriert und für den er einen Schlüssel zu finden hofft, der es ihm ermöglicht, einige von Saschas Geheimnissen zu lüften.

Mehrere Male hat er, als sie schlief, ohne ihr Wissen Fotos von ihrem Körper gemacht. Ein paar Nahaufnahmen, die er vergrößert hat, die er zu entziffern versucht. Und das ist alles, was ihm jetzt von ihr bleibt.

Dieses Mosaik von Fragmenten ihrer Haut, die er in den letzten Nächten immer wieder angeschaut hat, bis ihm die Augen brannten, um eine Antwort auf seine Angst zu bekommen. Er hat diese auf trügerisch glänzendem Papier gedruckten Stücke von Saschas Haut gestreichelt. Trügerisch wie ihre Abwesenheit, trügerisch wie ihr Schweigen, trügerisch wie die Idee, dass sie vielleicht irgendwo gestorben ist und er sie nie wiedersehen kann.

»He, Anton, alles in Ordnung?«

Fred hämmert an die Tür, weil er fürchtet, dass Anton nicht mehr aus dem Klo rauskommt.

»Die Mädchen stehen draußen Schlange, es wäre nicht schlecht, wenn du ihnen Platz machst, sonst muss ich den Wischlappen rausholen!«

Kapitel 9

jetefrapperaisanscolereetsanshainecommeunbouchercom memoiselerocheretjeferaidetapaupierepourabreuvermonsa harahjaillirleseauxdelasouffrancemondesirgonfledespe rancesurtespleurssalesnageracommeunvaisseauquiprendle largeetdansmoncoeurquilssouleronttescherssanglotsreten tirontcommeuntambourquibatlachargenesuisjepasunfau xaccorddansladivinesymphoniegracealavoraceironiequime secoueetquimemordelleestdansmavoixlacriardecesttout monsangcepoisonnoirjesuislesinistremiroiroulamegerese regardejesuislaplaieetlecouteaujesuislesouffletetlajouejesuis lesmembresetlaroueetlavictimeetlebourreaujesuisdemon coeurlevampireundecesgrandsabandonnesaurireeternel condamnesetquinepeuventplussourire

11. November 2006, Gent, Hostel De Draecke

Der Schmerz strahlt aus, ist kaum zu ertragen. Ihr ganzer Körper ist zerschlagen, zerschmettert, verwüstet. Sie ist in Stein verwandelt. Eine leidende Grabfigur, ausgestreckt in ihrem Schlafsack wie in einem Kokon.

Der Sturm von Sonntagabend ist vorbei. Ein heftiger Sturm, nun haben sich die Wogen geglättet, aber ihre blauen Flecken, Wunden und Beulen zeugen davon, dass es sie getroffen hat. Fast ein Schiffbruch.

Seitdem sie Montag vor fünf Tagen wieder zu sich gekommen ist, führt sie ein quasi vegetatives Leben. Sie schläft viel und denkt gern, dass ihr Körper sich im Schlaf erholt und heil wird. Sie stellt sich eine Kohorte von winzig kleinen Arbeitern vor, die zerrissene Taue spleißen, Löcher verstopfen, an den Pumpen stehen, hobeln, kalfatern, den Ballast wieder ins Gleichgewicht bringen. Und sie stellt Tag für Tag die Fortschritte auf der großen Miniwerft fest.

Die beiden ersten Tage verließ sie ihre Koje nur, um pinkeln zu gehen, kurz zu duschen und ihren Körper wiederzubeleben, indem sie ihn erst kaltem, dann lauwarmem und dann heißem Wasser aussetzte.

Mittwoch versuchte sie zum ersten Mal auszugehen und schleppte sich, so gut sie konnte, bis zur Cafeteria des Hostels, um sich dort hinzusetzen, einen abgestandenen Kaffee zu trinken, dann einen zweiten, und auch um sich an dem Automaten zu vergreifen, den sie von seinem Mars-Vorrat befreite. Nur die Riegel mit Schokomousse, keine Nuts und keine Snickers. Nüsse und Erdnüsse kann sie noch nicht kauen.

Gestern ist sie zu dem Typen am Empfang gegangen und hat ihm einen Geldschein gegeben, damit er ihr eine Flasche Genever besorgt. Fachleute für Entziehungskuren würden ihre Alkohol-Joints-Schokoladen-Diät sicher verurteilen, doch sie spürt, dass es ihr allmählich besser geht. Und dieser Cocktail hilft ihr zu schlafen, einen schweren, tiefen Schlaf, ohne Träume und Alpträume. Schwarz und dicht wie das Vergessen und das Nichts, in dem Junior sie nicht erwischen kann.

Seit diesem Morgen muss sie ständig an Bernd denken und an ihre Verabredung in zwei Tagen. So lange kann sie nicht warten. Sie wird ihn heute Nachmittag aufsuchen. Diese vier Wände geben ihr das Gefühl, im Krankenhaus oder sogar im Knast zu sein. Sie ist in Isolationshaft und bekommt keinen Besuch. Die Einsamkeit und das Schweigen machen sie langsam verrückt. Sie muss hier weg.

Während sie darauf wartet, sich aus ihrem Sarkophag-Schlafsack zu schälen, denkt sie wieder an ihr Treffen im letzten Jahr, im Juli, beim Gentse Feesten, dem großen Fest von Gent. Ein zehn Tage dauerndes Fest mit Konzerten an verschiedenen Orten der Stadt.

Es war drückend, stürmisch, und sie verbrachte den Abend am Bierstand, von dem aus man einen guten Blick auf die Bühne hatte, die auf dem Korenmarkt errichtet worden war. Sie hörte PPz30, eine belgische, eher verrückte Fusion-Funk-Band, während sie einige kühle Duvels schlürfte und mit einer gewissen Ungeduld auf den Auftritt von Pigalle und François Hadji-Lazaro wartete.

Sie hatte bereits beschlossen, das letzte Konzert wegzulassen, Zachary Richard, dessen Name auf den Plakaten sie fast zum Kotzen gebracht hätte. In ihrem früheren Leben hatte sie den Sänger der Cajun-Kultur gemocht. Doch heute war Schluss damit. Louisiana, Zydeco, die Bayous, »Les Haricots Sont Pas Salés«. Vorbei. In einer Kiste, versiegelt, verplombt. Eine echte Büchse der Pandora. Und immer noch dieser verdammte Schlammgeschmack im Mund, der sie nicht mehr verlässt und den sie an diesem Abend in Gent mit Bier wegspülte.

Als sie sich umdrehte, um noch ein Duvel zu bestellen, stieß sie auf diesen großen Kerl, der hinter ihr lehnte, die Musik auch lieber aus einer vernünftigen Entfernung genoss und Erfrischungen bevorzugte. Sie hatten sich zugenickt und sogar angelächelt.

Sie fand gleich, dass er gut aussah mit seinen leicht verschwommenen grünen Augen, umringt von einer kleinen Schildpattbrille, seinem kurzen Irokesenputz und dem Grübchen am Kinn. Dann wurde ihr Blick von Tätowierungen angezogen, die unter den Ärmeln seines T-Shirts auftauchten und seine Arme bis zu den Handgelenken bedeckten. Ein dichtes Geflecht, wie mit schwarzer Tusche und einem feinen Pinsel gezeichnet, von dem sie nicht wusste, ob es Rinde oder Stein war, Pelz, Feder oder Faser, Wasser, Erde oder Feuer. Vielleicht eine Mischung aus alldem, wie eine Schimäre, die alle Elemente der Schöpfung kombinierte, eine ursprüngliche Kreatur, Matrix der Welt.

Von dieser kosmogonischen Bildwelt beflügelt, war ihr Geist abgeschweift, weit weg von den stinkenden Swamps und vom Korenmarkt. Sie fand sich in Norwegen wieder, in Aglen bei ihrer Großmutter, und war aufgebrochen, um mit ihr das Astwerk von Yggdrasil zu erforschen, des ersten aller Bäume, der großen immergrünen Esche, die die neun Reiche der nordischen Mythologie trägt. Ausgestreckt auf einem Ast über der Leere, betrachten sie beide lachend den verrückten Lauf von Ratatöskr, dem Eichhörnchen, sein wütendes Kommen und Gehen auf dem ehrwürdigen Baumstamm, um dem namenlosen Adler die Schmähungen von Niddhöggr, der Schlange, zu überbringen. Und umgekehrt.

Klirrende Gläser. Der große Typ hatte gerade mit dem Bier angestoßen, das sie in der Schwebe gelassen hatte, und sie auf den Korenmarkt zurückgeholt, neben sich und sein Lächeln.

»Hi, ich bin Bernd.«

»Hi, Alex.«

Er erzählte ihr, dass er Tätowierer sei, nicht weit von hier, aber auch Illustrator von Kinderbüchern und Zeichner von Storyboards. Das Eis war gebrochen. Sofort.

Und als der Sturm, der den ganzen Tag drohte, schließlich ausbrach, packte er sie an der Schulter, und sie rannten zum ’t Dreupelkot, fanden Zuflucht in dieser winzigen Arche und sahen zu, wie der schwarze Regen fiel, ohne ein Glas bestellen zu können, da es brechend voll war.

Also zogen sie weiter, er nahm sie an der Hand, und sie liefen zu ihm nach Hause, unter warmen Wasserfluten, im auf dem Pflaster fließenden Wasser, durch Pfützen. Vom Sturm berauscht, von der Spannung ihrer eng verschlungenen Körper in der dichten Menge der Genever-Bar und von der Elektrizität dieser improvisierten, unerwarteten Begegnung.

Sie gingen ins Tattoo-Studio, in dem eine Tür im Hintergrund zu einer Treppe führte, die zu seiner Wohnung hinaufging. Sie befreiten sich von ihren nassen Schuhen, ohne sie aufzubinden, stiegen aus den Jeans, indem sie sie auf die Knöchel hinunterschoben, ohne sich aus den Augen zu lassen, sich gegenüberstehend, ohne aufzuhören zu lächeln. Dann beugte er sich über sie, gab ihr einen schnellen Kuss und zog ihr das T-Shirt aus.

Und die freudige, beinahe übersprudelnde Energie sackte plötzlich ab. Alex sieht deutlich wieder den bestürzten Blick, den Bernd an diesem Abend auf ihren geschundenen Körper warf. Sie hatte sofort verstanden, dass er verstand. Dass sie diese blassen Sonnen, die ihre Brust verunstalteten, und alle erloschenen Sternbilder, die ihren Bauch, ihre Arme, ihre Schenkel überzogen und sich rund um ihre Scham konzentrierten, dass sie sich all diesen Schmerz nicht selbst zugefügt hatte.

Er erstarrte, sein grüner Blick versank in Alex’ Augen, ernst, düster, bewegt, verschämt. Wie ein Nichteingeweihter, der einen Ort voller Mysterien und Geheimnisse betritt. Er schloss die Augen.

Also stellte sie sich auf die Zehenspitzen und gab ihm leichte Küsse auf sein Grübchen, seine Lippen und Augenlider. Dann streckten sie sich aus, Alex nahm Bernds Hände und legte sie auf sich. Er streichelte ihren Körper, so wie man eine trostlose Landschaft, ein verwüstetes Land erkundet, das vom kalten Licht des Mondes beleuchtet wird und in dem sich unter der Heide ein mikroskopisches und unterirdisches Leben regt. Er liebkoste sie mit seinem Atem, berührte sie, streifte sie kaum. Mit den Fingerspitzen wanderte er hin und her, kostete sie mit der Zungenspitze, und überraschend wurde Alex von Lust ergriffen. Lange, heftige, blaue Entladungen, die aus der Tiefe ihres Leibes kamen und sich in ihrem ganzen Körper ausbreiteten, um die kleinsten Muskeln, die kleinsten Nerven wiederzubeleben. Sie fühlte sich plötzlich lebendig und vibrierte in allen Zellen. Und sie erinnert sich, dass sie damals an die Verlobte von Frankenstein gedacht hat, eingepuppt in vernarbtes Fleisch, wiederbelebt auch sie, durch einen Blitz an einem stürmischen Abend.

Und sie wusste, dass sie ihre Haut Bernd anvertrauen wollte. Dass er die Spuren beseitigen konnte. Dass er ein unauslöschliches Verlies aus Tinte schaffen würde, um darin ihre Erniedrigungen und Schrecken einzuschließen. Eine schwarze und dichte Masse, die sie für immer einsperrt, die sie verschwinden lässt.

Kapitel 10

jesuislapourjamaislevelesyeuxetvoissurtonfrontlecolos seomerauxrudesvoixquemimporterugistonneeclabousse grondejesuisenracinedanslecranedumondecommelemontos sacommelemontathosetlaseulestatueayantdeuxpiedestaux cestmoijebravehadesetjevaincraisaturneonmanommesoleil maislebronzeestnocturnevulcainforgeadelombreetfitlairain jaibeaujetersurloceanlefrissondunflambeaujaibeauporterau poinguneflammequiguidelhommebattudesmersdanscette nuitliquideautourdemoisurlileetsurleauclairmiroirlaubea beauresplendirjesuislegeantnoirjailadureeobscureetlourde destenebresjesenslenigmeenmoilieeamesvertebresetpanmys terieuxmetsaforceenmesreinsjevislestenebreuxsontaussiles sereins

11. November 2006, Gent, Bernds Tattoo Shop

Als sie im Shop ankommt, erkennt Bernd sie fast nicht wieder. Schlanker als beim letzten Mal vor kaum einem Monat, und dann sieht er sie ohne ihr Haar. Ihr Gesicht ist eingefallen, ihre Augen scheinen größer geworden zu sein. Sie hat einen Kopf wie ein Federgewichtsboxer, der von einem Superwelter umgehauen wurde. Er schenkt ihr ein Lächeln. Sie sieht aus, als ob sie unter einen Bus geraten wäre.

Er schlägt dem Typen, an dem er gerade arbeitet, vor, eine Pause zu machen, gibt ihm ein Bier und begrüßt Alex. Küsst sie auf die Stirn. Sie gehen nach hinten, und er schiebt sie die Treppe zur Wohnung hinauf. Als sie im Zimmer sind, schließt er sie in die Arme, nicht zu stark, da er denkt, dass es noch weitere Wunden gibt. Er küsst sie und streichelt ihren Kopf, den er samtweich findet, und sie gibt sich seinen Armen hin, erschöpft von der Einsamkeit.

Er fragt sie nicht, was ihr zugestoßen ist. Sie erzählt ihm, dass sie Sonntagabend ein bisschen zu stark im Babylon herumgetobt hat. Er lässt sie reden und die starke Frau spielen, merkt aber an ihrer Aussprache, dass ihr das Sprechen noch schwer fällt. Er setzt sie aufs Bett, zieht ihr Schuhe und Klamotten aus. Sie lässt ihn gewähren, gefangen von seinen sicheren, aber vorsichtigen Handgriffen, der Falte zwischen seinen Brauen und dem klaren Blick seiner grünen Augen.

Er zieht sich ebenfalls aus und trägt sie zur Dusche, wo er sie beide unter dem warmen Guss einschließt. In seinen Händen schäumt er das Duschgel auf und seift sie ein, um ihren Körper zu untersuchen und die Schäden zu ermessen. Er entdeckt die vier Runen an Alex’ Hinterkopf und liest sie eine nach der anderen mit den Fingerspitzen.

»Warum Loki?«

Sie antwortet ihm nicht, etwas benommen, eingehüllt in die Blase des Wohlgefühls, die er mit seinen Zärtlichkeiten erschafft und die sie so schnell nicht verlassen will. Schließlich dreht sie sich um.

»Weil sie mich wie Loki gezwungen haben, das Gift zu trinken, das mich mit Zorn erfüllt und meine Vorliebe für Gemetzel und Zerstörung nährt. Weil ich wie er ein Monster bin, aber maskiert losziehe, mich verstelle, hintergehe, betrüge. Weil ich wie er von Rachegelüsten, Apokalypsen und Träumen vom Weltuntergang lebe …«

Den besorgten Blick, den Bernd ihr zuwirft, sieht sie nicht. Sie ist bereits wieder in die mineralische Landschaft aufgebrochen, die den ganzen Oberkörper des Tätowierers bedeckt. Eine Urwelt, übersät mit erratischen Felsblöcken, steilen Abhängen und Überresten, die in den Bruchstücken ihrer Ruinen eine komplexe Architektur voller Türme, Treppen und Untergründe erkennen lässt. Eine stille Welt, durchstreift von Wolfsrudeln, die den verstohlenen Flug von Nachtvögeln begleiten. Sie entdeckt eine Schleiereule, die auf seinem Schlüsselbein balanciert, und streichelt mit dem Finger ihr sanftes Mondgesicht. Die war im letzten Monat noch nicht da.

Er hilft ihr aus der Dusche, wickelt sie in ein Badetuch ein und trägt sie ins Zimmer. Dort gibt er ihr als Nachthemd ein altes langärmeliges T-Shirt – die Leningrad Cowboys on Tour ’96 – und hilft ihr, es anzuziehen. Sie sieht schlecht aus.

»Du musst unbedingt wieder etwas zunehmen, Alex. Wenn du weiter wegschmilzt, kriegt deine Haut Falten, und ich muss Knochen tätowieren. Ich übernehme keine Verantwortung, wenn dir das Ergebnis nicht gefällt. Du bist der Chef, aber ich mache die Arbeit, und ich mache mich erst wieder ans Werk, wenn du dich erholt hast. Du siehst von Kopf bis Fuß blauviolett aus, wir müssen die für dieses Wochenende vorgesehene Sitzung vielleicht verschieben, bis alles weg ist. Wenn du einverstanden bist, hätte ich es gern, dass du eine Weile hier bei mir bleibst. Ich könnte auf dich aufpassen, und du weißt, dass mir das nicht unangenehm ist, und ich wüsste dann auch, dass du nicht wieder in Schwierigkeiten gerätst.«

Er täuscht Lässigkeit vor, spielt den großen Bruder, den Beschützer und Ratgeber, doch er fühlt sich nicht wirklich wohl, seit er sie kommen sah. Eine eisige Strömung verbreitet sich in seinem ganzen Körper. Er sieht, dass irgendetwas, irgendjemand sie einmal mehr aus der Bahn geworfen hat. Sie ist wieder in ihre Alpträume eingetaucht und nicht viel weitergekommen. Und das macht ihn wütend, denn er weiß, dass der Pflastereffekt der Tätowierung verpufft und die Tarnung nicht ausreicht. Es war illusorisch zu glauben, dass dieser so feine, so immaterielle Schleier aus Tinte sie wieder ins Gleichgewicht bringen könnte. Er wollte daran glauben wie sie. Für sie.

Aber in Alex ist etwas zerbrochen. Sie ist abgestürzt, und er würde sie gern retten, doch das liegt außerhalb seiner Fähigkeiten als Zeichner. Er würde ihr Kettenhemd weiter vervollkommnen, sie weiter in Worte hüllen, auch wenn er sich bewusst ist, dass diese sie nicht vor all den Schweinehunden schützen werden, die sie fertigmachen wollen. Und noch weniger vor ihr selbst …

Er kocht einen russischen Tee, dreht einen Joint, steckt ihn an und gibt ihn ihr. Legt eine LP auf den Plattenteller, J. J. Cale, Naturally, und geht hinunter, um zu arbeiten. Sie kuschelt sich unter die Bettdecke und schläft vor dem Ende der ersten Seite ein.


Als Alex die Augen aufschlägt, erkennt sie die bewegende Stimme und die Mundharmonika von John Mayall. »Medicine Man« aus dem Album Blues from Laurel Canyon. Fast ein A-cappella-Lied mit seiner minimalistischen Rhythmik, einer diskreten Tabla und den angeschlagenen Saiten einer Gitarre. Schwebend wie das ganze Album. Musik, die beruhigt und heilt. Bernd ist über sein Zeichenbrett gebeugt. Sie nähert sich ihm von hinten, umarmt ihn und legt ihr Kinn auf seinen Kopf. Er bewegt sich nicht, konzentriert auf eine riesige Trauerweide, die den Schleier ihrer länglichen Blätter in einem Fluss spiegelt.

Sie verfolgt die schnellen Federstriche mit den Augen, den riesigen Stamm, dessen zahllose Wurzeln wie Arme aussehen, die in knotigen Händen enden, welche in die Welle eintauchen und aus ihr herauskommen. Sie sieht die runden Pupillen einer Vipernnatter, die mit dem Kopf durch die Wasseroberfläche bricht und sicherlich zu ihrem Nest eilt, irgendwo in einer Aushöhlung des gewaltigen Stammes.

Sie küsst Bernd auf den Kopf, nimmt sich eine der vielen Zeichenmappen, die im Zimmer herumliegen, und setzt sich wieder aufs Bett. Auf der Bettdecke breitet sie alle Schwarz-Weiß-Entwürfe aus und steht auf, um die B-Seite von John Mayall aufzulegen. »The Bear«.

Dann bricht sie in Bernds Universum auf. Düster, ohne finster zu sein, denn man sieht eine Komplizenschaft aller Elemente, eine beruhigende Form von Harmonie, von Symbiose zwischen Steinen, Bäumen und all den kleinen Tieren, die dort hausen, nisten, schlafen.

Die Federführung ist so klar und fein, dass sie die Daunen und Federn eines Eisvogels, die sich in den vervielfältigten Augen einer Spinne spiegelnde Landschaft und die kleinen nadelartigen Härchen am Stiel einer Nessel erkennen kann.

Bernd macht den Strahler aus, unter dem er gearbeitet hat, und setzt sich zu ihr aufs Bett. Er streichelt ihr den Rücken. Sie reden nicht miteinander, doch dieses Schweigen ist wohltuend. Gemeinsam betrachten sie die Zeichnungen, die naturwissenschaftliche Stiche aus einer alten Enzyklopädie sein könnten. Dann steht er auf.

»Wollen wir etwas essen? Ich würde gern eine kleine Tom Kha mit Crevetten machen, wär’ das was für dich?«

Alex weiß, dass er ihre besondere Vorliebe für die thailändische Küche kennt, und vor allem für diese milde, leicht gewürzte und doch scharfe Suppe. Sie legt alle Blätter wieder in die Mappe und folgt ihm in die Küche. Auf dem Weg legt er Led Zeppelin auf den Plattenteller, das erste gleichnamige Album, dann öffnet er für sie beide zwei Bier und macht sich am Herd zu schaffen.

Er pflückt einen Zitronengrasstängel in seiner Hausplantage, einem Topf, dessen lange Blätter einen Vorhang vor dem Fenster an der Spüle bilden. Er nimmt nur das zarte Innere, das er kleinhackt. Dann schneidet er fast durchsichtige Streifen Thai-Ingwer, mörsert Korianderwurzeln und zerreibt einige Blätter Kaffirlimette, deren Duft sich bereits überall in der Küche ausbreitet. Zum Durchziehen legt er alles in Kokosmilch, die mit Gemüsebrühe verlängert wird. Dann legt er kleine rote Pfefferkörner auf die Arbeitsplatte und wirft Alex einen fragenden und verschwörerischen Blick zu.

»Wie viele soll ich nehmen? Eins? Zwei? Drei?«

»Nimm ruhig drei, wir wollen es heute Abend extra hot haben!«

»Pass auf, was du sagst, du könntest mich da auf Ideen bringen …«

Alex’ Gesicht nimmt einen scheinbar empörten Ausdruck an, und sie schaut zu, wie er drei kleine Teufelchen zerkleinert, die bald mit ihren ungeschützten Geschmacksknospen spielen werden. Seine Handgriffe sind genau, ruhig und präzise. Die Konzentration, die er bei allem, was er macht, an den Tag legt, fasziniert sie. Schließlich schält und putzt er die Crevetten, die in der duftenden Brühe schwimmen werden, dreht den Herd herunter und gesellt sich mit zwei weiteren Bieren zu Alex.

Sie steht auf und fischt aus ihrem Rucksack eine Ausgabe von Bukowskis Liebe ist ein Höllenhund, die sie ihm gibt.

»Schau mal, ich hab dir ein bisschen Lektüre mitgebracht. Ich möchte, dass du den Sammelband durchguckst und eine Stelle aussuchst. Die du dann auf mich kopierst. Eine, die dir gefällt. Ich mag sie jedenfalls alle.«

Er nimmt das rote Buch und betrachtet einen Moment die seltsame Illustration auf dem Cover, eine weiße, zittrige Zeichnung auf schwarzem Untergrund, die ein kleines Flugzeug zu zeigen scheint, das gerade abstürzt.

»Ich mag Buko sehr. Ich habe die Stories vom täglichen Wahnsinn gelesen, und vor allem die Leiden von Chinaski. Der Mann mit der Ledertasche, Faktotum und Das Schlimmste kommt noch. Ich kenne seine Gedichte nicht, aber da sie aus derselben Feder stammen, sind sie bestimmt nicht schlecht …«

Er steht auf, holt den Suppentopf und serviert ihnen zwei dampfende Schalen, die sie mit berauschenden Düften umhüllen. Die Stärke des Pfeffers hält, was sie versprochen hat, und fordert ein weiteres Bier.

Dann gehen sie schlafen. Alex schmiegt sich an seinen Rücken, der mit einem dichten Wald bedeckt ist, dessen verschiedene Bestandteile sie bereits entzückt identifiziert hat. Sie kuschelt sich an die große Eiche, die Wange an den Windungen der Rinde, die sie an ein komplexes Labyrinth oder an die Wirbel eines sehr großen Fingerabdrucks erinnert, der sicherlich von einem Riesen stammt. Dann schläft sie unter dem Katzenblick eines Uhus ein, der die ganze Nacht Zeit hat, die düsteren Texte zu überfliegen, die ihren Körper bedecken.

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