Kitabı oku: «Assassin's Breed»
Assassin’s Breed
Tödliches Spiel
Ein Kriminalroman von
Veit Beck

Veit Beck
Assassin’s Breed
Kriminalroman
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ISBN E-Book 978-3-96136-078-9
ISBN Print 978-3-96136-077-2
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Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Kapitel 85
Kapitel 86
Kapitel 87
Kapitel 88
Kapitel 89
Kapitel 90
Kapitel 91
Kapitel 92
Kapitel 93
Kapitel 94
Kapitel 95
Kapitel 96
Kapitel 97
Kapitel 98
Kapitel 99
Kapitel 100
Kapitel 101
Kapitel 102
Kapitel 103
Kapitel 104
Kapitel 105
Kapitel 106
Kapitel 107
Kapitel 108
Kapitel 109
Kapitel 110
Kapitel 111
Kapitel 112
Kapitel 113
Kapitel 114
Kapitel 115
Kapitel 116
Kapitel 117
Kapitel 118
Kapitel 119
Kapitel 120
Kapitel 121
Kapitel 122
Kapitel 123
Kapitel 124
Kapitel 125
Kapitel 126
Kapitel 127
Kapitel 128
Kapitel 129
Kapitel 130
Kapitel 131
Kapitel 132
Kapitel 133
Kapitel 134
Kapitel 135
Kapitel 136
Kapitel 137
Kapitel 138
Kapitel 139
Kapitel 140
Kapitel 141
Kapitel 142
Kapitel 143
Kapitel 144
Kapitel 145
Kapitel 146
Kapitel 147
Kapitel 148
Kapitel 149
Kapitel 150
Kapitel 151
Kapitel 152
Kapitel 153
Kapitel 154
Kapitel 155
Kapitel 156
Kapitel 157
Kapitel 158
Kapitel 159
Kapitel 160
Kapitel 161
Kapitel 162
Kapitel 163
Kapitel 164
Kapitel 165
Kapitel 166
Kapitel 167
Kapitel 168
Kapitel 169
1.
Strecker saß grinsend auf der Couch. „Das ist nicht Dein Ernst. Ausgerechnet ich? Da ist wohl einem der Kollegen in der Verwaltung eine Verwechslung unterlaufen?“
„Nein“, antwortete Kriminalrat Brandt. „Das ist keine Verwechslung. Und ich muss es wissen. Genau genommen, war es meine Idee, die zu dem Angebot geführt hat. Also, was meinst Du?“
„Dass das eine Schnapsidee ist“, antwortete Hauptkommissar Strecker. „Was soll ich da? Ich bin seit über 30 Jahren hier in Köln. Und habe nur noch ein paar Jahre. Was soll ich auf meine alten Tage noch bei diesen Technik-Freaks? Von dem ganzen Kram verstehe ich nichts. Und ich will es auch gar nicht mehr verstehen. Die können mich doch gar nicht gebrauchen. Und ich brauche die übrigens auch nicht.“
„Bernd“, setzte der Kriminalrat nach. „Du hast doch früher schon einmal mit den Kollegen zusammengearbeitet. Und sie dabei wirklich beeindruckt. Mich im Übrigen auch. Und wenn Du ehrlich bist, warst Du doch damals auch der Ansicht, dass sie es nur mit ihren, sagen wir, modernen Mitteln, nicht geschafft hätten. Dass es ohne Instinkt nicht geht. Deshalb wärst Du eine Bereicherung für sie.“
„Das …“, setzte Hauptkommissar Strecker zur Gegenrede an, wurde aber sofort vom Kriminalrat gestoppt.
„Nein Bernd, ich bin noch nicht fertig. Ich hatte eigentlich gehofft, dass ich uns die andere Seite der Argumentation ersparen könnte, aber offenbar geht das nicht. Die Alternative ist Deine Versetzung in den Innendienst oder den vorzeitigen Ruhestand. Hier in Köln gibt es keinen Kollegen mehr, der bereit wäre mit Dir zu arbeiten. Also stellt sich für Dich nur die Frage nach einem neuen Anfang oder einem Ende. Ein schnelles durch den Ruhestand oder ein quälend langes im Archiv. Ich hatte gehofft, Dir das mit meinem Vorstoß ersparen zu können. Es liegt nun an Dir. Du wirst Deinen Schreibtisch hier räumen müssen. Die Entscheidung ist gefallen. Aber wohin es geht, das liegt an Dir.“
„Das ist dann also das Ende? Nach so vielen Jahren?“, erwiderte Strecker in einem Tonfall, irgendwo zwischen Wut und Resignation.
„Es kann auch ein Anfang sein“, setzte Kriminalrat Brandt nach. „Bernd, hör zu. Ich mache Dir jetzt einen Vorschlag. Du versuchst es. Du wirst noch nicht versetzt, wir stellen Dich noch einmal ab. Für etwa drei Monate. Danach kannst Du Dich entscheiden, ob Du dort weitermachen willst oder wir wirklich das Ende einleiten. Aber Deinen Schreibtisch musst Du räumen. Dein Nachfolger wird in wenigen Tagen seinen Dienst antreten.“
„Na gut“, resignierte der Hauptkommissar. „Wann soll ich bei den Technokraten anfangen?“
„Morgen“, antwortete sein Vorgesetzter. „Sie haben einen dringenden Fall, bei dem Sie Deine Hilfe gut gebrauchen können. Für die, nennen wir sie Probezeit, werden sie Dir eine Wohnung in der Umgebung von Meckenheim stellen. Bitte räume Deinen Schreibtisch noch heute Nachmittag aus. Und falls Du keine Verwendung für die angebrochene Flasche Wodka haben solltest, kannst Du sie mir ruhig hochbringen. Ich habe auch meine schweren Tage. Bernd! Das ist eine Chance. Das wird Dir guttun.“
„Auf jeden Fall ist es gut für Dich“, sagte er dem Kriminalrat, während er sich erhob und grußlos den Raum verließ.
2.
Er erinnerte sich nur lückenhaft. In dem Trubel war er von den anderen getrennt worden. Plötzlich war er allein gewesen, inmitten des Chaos, das sie angerichtet hatten. Bei jedem Schritt knirschte das Glas unter seinen Füßen, vor jedem Schritt musste man aufpassen, um nicht über einen umgestoßenen Tisch oder Stuhl zu stolpern. Das alles machte seine Flucht noch schwieriger. Das Ausweichen machte ihn langsamer und das Knirschen leichter auffindbar. Zwar waren die meisten Lampen zerstört worden, doch das restliche Licht hatte ausgereicht, um zusammen mit dem Geräusch jeden Schrittes, den Verfolgern ein deutliches Ziel zu bieten. Und auch er hatte sie deutlich erkennen können. Sie förmlich spüren können, wie sie ihm im Genick saßen, näher gekommen waren und etwas in ihm hervorgerufen hatten, was er nicht erwartet hatte, was er nicht hatte zulassen wollen. Er hatte Angst gehabt. Ob ihn die Angst abgelenkt hatte oder er sich einfach zu lange umgedreht hatte, daran konnte er sich nicht mehr erinnern. Daran, dass er völlig unvorbereitet in etwas Weiches gelaufen war, daran erinnerte er sich aber noch sehr genau. An mehr allerdings nicht, denn gleich darauf war es dunkel geworden, stockdunkel. Jedes Gefühl war weg gewesen, auch die Angst.
Jetzt war sie aber wieder da. Die Angst. Obwohl es sich für ihn nicht geziemte. Nicht für einen seines Standes, für einen seiner Position. Angst kann man bekämpfen, Angst kann man besiegen, Angst muss man besiegen. Das hatte man ihn gelehrt. Und er hatte das geglaubt, er hatte es geschafft. Auch daran hatte er geglaubt. Aber offenbar hatte er sich geirrt. Das wusste er jetzt, wo er allein war mit seiner Angst in der Dunkelheit. Er fror, saß irgendwie fixiert auf einem Stuhl, konnte die Füße und die Hände nicht bewegen. Sein Hintern schmerzte, im Schritt war es feucht. Hoffentlich hatte er sich nicht eingenässt. So war er aufgewacht, so wartete er nun bereits seit einer Ewigkeit in der Dunkelheit, die Stille nur unterbrochen von seinem Schluchzen und seinen Atemgeräuschen. Gut, dass ihn sein Meister und seine Kameraden nicht sahen. Sie hätten sich noch mehr für ihn geschämt, als er sich seiner selbst schämte.
Was war das? Das Krächzen der sich öffnenden Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Er hob den Kopf, Hoffnung flammte auf, um gleich wieder zu erlöschen, als er sah, wie sich eine Gestalt im Türrahmen aufbaute. Sie war, gegen das aus dem Raum hinter der Tür scheinenden Licht, zwar nur als Schatten zu erkennen, aber dass sie eine Art Kapuze trug, war deutlich genug zu sehen. Das war kein Retter, das war eine Bedrohung. Die Hoffnung war wieder weg, die Angst hatte sie verdrängt, denn die war wieder da.
„Na? Aufgewacht?“, rief die Gestalt, während sie den Raum betrat und sich kurz nach rechts wandte. Unmittelbar darauf begann ein Flackern an der Decke, dass sich schnell in ein grelles Licht verwandelte. Unwillkürlich musste er, geblendet von der plötzlichen Helligkeit, die Augen schließen. Als er sie nur wenige Sekunden später wieder öffnete, immer noch gegen die Helligkeit anblinzelnd, stand die Gestalt auch schon vor ihm. Und zwei weitere Maskierte, die unbemerkt von ihm ebenfalls in den Raum gekommen waren.
Er fühlte sich bedroht, wagte es nicht den Maskierten in die Augen zu sehen, sondern blinzelte, den Kopf gesenkt nach links und rechts. Der Raum schien fensterlos, die Wände kahl und leer, lediglich rechts von ihm war ein Regal an der Wand befestigt, unter dem ein langer Tisch längs an der Wand stand. Als sein Blick zurückkehrte, auf den Boden unmittelbar vor seinen Füßen, registrierte er noch, dass seine Arme an den Handgelenken an die Stuhllehne gefesselt waren. Seine Fußgelenke konnte er nicht sehen, er wusste aber auch so, dass sie wohl an den Stuhlbeinen fixiert waren. Seine erfolglosen Versuche Hände und Füße zu bewegen, bestätigten seine Eindrücke und Vermutungen.
Plötzlich verspürte er eine Berührung. Den Druck einer Fingerspitze unter seinem Kinn. Zuerst ganz leicht, dann fester, sodass er schließlich gezwungen war den Kopf zu heben und die vor ihm stehende Gestalt anzublicken.
„Bist Du denn gar nicht neugierig?“, fragte die Gestalt, als sie Augenkontakt hatten. Das war gar keine Frage, jedenfalls wartete der vermummte Mann keine Antwort ab, bevor er fortfuhr. „Wir sind neugierig. Darauf, was Du uns jetzt gleich erzählen wirst. Insbesondere interessieren wir uns dafür, wer Dich überredet hat unseren Club zu überfallen. Und warum Ihr das gemacht habt? Und natürlich wollen wir auch wissen, wer die anderen waren. Willst Du uns das erzählen?“
„Nein“, antwortete er. Nicht leise, sondern überraschend fest und deutlich, allerdings begleitet von einem kräftigen Schlucken.
„Nein?“, fragte der Maskierte überrascht nach. Wegen der Maske konnte man sein Lächeln nicht erkennen, aber alle im Raum schienen es zu spüren. „Nein?“, wiederholte der Mann, wobei er sich zu den anderen Maskierten umdrehte und die Arme in die Höhe hob.
Für einen Moment war er stolz auf sich. Das hätte ihm niemand zugetraut, das hätte er sich selbst nicht zugetraut. Sein Meister wäre stolz auf ihn.
Doch das Gefühl war kurz, denn als die drei Maskierten in Gelächter ausbrachen, kamen ihm Zweifel. Ob Stolz die richtige Reaktion und ob „Nein“ die richtige Antwort gewesen war.
„Das ist gut. Das ist sehr gut“, antwortete der Maskierte. „Denn darauf sind wir vorbereitet. Nicht wahr?“ Bei dieser Bemerkung drehte er sich wieder zu seinen beiden Kumpanen um, wobei er einem von den beiden leicht zunickte. Dieser setzte sich in Bewegung und ging zwei bis drei Schritte, bis er den Tisch unter dem Regal erreichte und sich an einem kleinen Kasten zu schaffen machte.
Erst jetzt bemerkte er ein Kneifen an seinen Brustwarzen. Und die Kabel, die zu dem Kästchen führten. Aber bevor er weiter darüber nachdenken konnte, riss ihn ein jäher Schmerz aus allen Gedanken. Er bäumte sich auf, soweit die Fixierung seiner Glieder dies zuließ. Als der Schmerz langsam abebbte, bemerkte er Blut in seinem Mund. Und Schmerzen. Er hatte sich auf die Zunge gebissen.
„Stopp!“, rief der direkt vor ihm stehende Maskierte. „Wir müssen noch einige Vorkehrungen treffen. Ohne Zunge kann er uns nichts mehr sagen. Und er wird uns viel erzählen wollen. Mehr als uns interessieren wird.“
Wieder wurde er am Kopf gepackt, sein Kopf nach oben gedrückt und sein Mund durch einen leichten Druck auf seine Wangenknochen geöffnet. Bevor er etwas sagen konnte und er wollte eigentlich unbedingt etwas sagen, spürte er schon, wie etwas Weiches in seinen Mund geschoben wurde. Reflexartig versuchte er das Material auszuspucken, hatte aber keinen Erfolg, weil sich irgendetwas gegen seinen Mund presste.
Der Maskierte hielt seine linke Hand über den Mund des Gefangenen, während er mit seiner rechten fordernd in Richtung seiner Kumpanen wedelte. Es dauerte nur Augenblicke, bis ihm der noch hinter ihm stehende Kumpan eine Krawatte in die freie Hand drückte. Diese fixierte der Maskierte geschickt über dem Mund seines Opfers, sodass dieses nicht in der Lage war, das in seinem Mund befindliche Material auszuspucken.
Noch während das Opfer darüber nachdachte, wie er denn mit dem Knebel im Mund die Fragen beantworten sollte, bekam er auch schon die Erklärung.
„Dann wollen wir Dich mal ermutigen uns auch wirklich alles zu erzählen. Ich hoffe, Du hast Dir die Fragen gemerkt. Ich gehe vor die Tür und rauche eine Zigarette. Währenddessen leisten Dir meine beiden Freunde hier Gesellschaft und verschaffen Dir die nötige Energie.“
Bei diesem Wort hielt der am Tisch stehende Maskierte den Kontakt an die auf dem Tisch stehende Autobatterie.
3.
Er hatte nicht lange im Foyer des BKA-Gebäudes in Meckenheim warten müssen. Doch Strecker waren selbst diese wenigen Minuten lang vorgekommen. Er hatte sich nicht wohl gefühlt, schon bei der Anfahrt. Das war nicht seine Heimat. Schon dieses, wie von einem anderen Stern anmutende Gebäude inmitten einer ansonsten von Obstplantagen dominierten Gegend. Nicht das man das Gebäude als modern oder gar futuristisch, wenn man von den zahllosen Antennen auf dem Dach einmal absah, hätte bezeichnen können. Sein entscheidendes Merkmal war, dass es einfach nicht in diese Landschaft passte. „So wenig, wie ich selbst hierher passe“, hatte er resignierend festgestellt.
„Herzlich willkommen“, begrüßte Hauptkommissar Faber seinen Kölner Kollegen und riss ihn aus seiner Trübseligkeit. „Ich bin sehr froh, dass Sie unser Angebot, künftig für das BKA zu arbeiten, angenommen haben. Bitte folgen Sie mir. Ich stelle Sie gleich Ihren neuen Kollegen vor. Na ja, einige von ihnen kennen Sie ja bereits. Die Herren Sehlmann, Wolf und Marten sind dabei. Und zwei weitere Kollegen mit speziellen technischen Kenntnissen, die insbesondere Herrn Marten unterstützen. Zusammen mit Frau Köster, die uns in allen organisatorischen Dingen unterstützt, Ihnen und mir, als Leiter, ist unsere neue Einheit auch schon komplett.“
Während er dies erläuterte, hatte er seinen neuen Kollegen aus dem Foyer des Bundeskriminalamtes in Meckenheim abgeholt, ihn in den Aufzug und über einen langen Flur im 1. Stock geführt.
„Er hat sich überhaupt nicht verändert“, dachte Strecker. „Schlank, dynamisch, sympathisch! Noch immer wie die Idealbesetzung eines Polizisten für jede Fernsehserie. Jedenfalls in den 70er Jahren. Heute sind da ja andere Typen gefragt. Zumindest skurril, am besten kaputt und vornehmlich mit sich selbst beschäftigt.“
Sie hatten ungefähr den halben Flur abgeschritten, als Faber stehen blieb, mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand auf ein Schild neben einer Tür zeigte. „1.07 HK Strecker“ stand auf dem Schild. „Doch bevor Sie Ihr neues Reich besichtigen, folgen Sie mir noch kurz in unseren Besprechungsraum. Dort warten die Kollegen, um Sie zu begrüßen. Und da wären wir auch schon“, schloss er und bog nach links ab.
Faber klopfte an, schob die nur angelehnte Tür auf und trat, Hauptkommissar Strecker im Schlepptau, in den Raum.
Sie betraten ein langgestrecktes Zimmer, die Wände kühl und weiß, ohne Fenster, aber mit einem geräumigen rechteckigen Tisch in der Mitte, der mindestens 12 Personen Platz bot. Fünf der um den Tisch stehenden Stühle waren besetzt, vier Männer und eine Frau saßen dort, in ein Gespräch vertieft, das sie im Moment des Eintretens der beiden Gäste unterbrachen.
„Frau Köster, Herr Strecker, Herr Strecker, Frau Köster“, stellte Hauptkommissar Faber dem neuen Kollegen die einzige Frau des Teams vor. Sie war in etwa Mitte dreißig, so schätzte Hauptkommissar Strecker, groß, mindestens 1,80 Meter, schlank, brünett mit einem extrem kurzen burschikosen Haarschnitt und einem umwerfenden Lächeln. „Ein würdiger Ersatz für Frau Meier-Uhland“, dachte sich Strecker.
„Angenehm“, sagte Hauptkommissar Strecker und steuerte anschließend auf die Kollegen Wolf, Sehlmann und Marten zu, um diese ebenfalls zu begrüßen. Hauptkommissar Faber hatte Mühe, Strecker zu folgen, erreichte ihn aber rechtzeitig, um ihm den letzten Anwesenden vorzustellen.
„Das ist Kommissar Schmiede, einer unserer IT-Spezialisten. Sein Kollege, Dr. Brick hat leider einen konkurrierenden Termin, ihn werden Sie erst morgen kennenlernen können“, schloss Hauptkommissar Faber die Vorstellungsrunde ab.
„Frau Köster, meine Herren, vielen Dank und an die Arbeit. Ich hatte Sie ja schon informiert, dass wir Verstärkung aus Köln bekommen werden. Hauptkommissar Strecker ist ein sehr erfahrener Kollege, der uns mit seinen langjährigen Erfahrungen in der Polizeiarbeit sicher gut unterstützen kann. Sie werden den neuen Kollegen bald besser kennenlernen können. Herr Marten wird ihm helfen, sich in den aktuellen Fall einzuarbeiten. Herbert kümmerst Du Dich bitte wie besprochen um den Kollegen Strecker. Danke.“ Damit verschwand er durch die Tür, dicht gefolgt von den übrigen Beamten. Nur Kommissar Marten blieb sitzen und sah Hauptkommissar Strecker mit einem breiten Lächeln an.
„Auch keine Veränderung“, dachte Strecker. „Noch immer etwas zu klein, etwas zu dick, zu wenige Haare, dafür einen dichten struppigen Bart.“
„Ich hätte nicht erwartet, dass wir uns so schnell wiedersehen“, sagte der Kommissar und riss damit Strecker aus seinen Gedanken. „Und schon gar nicht in dieser Konstellation. Aber ich freue mich. Sie werden uns guttun. Mit Ihrem Instinkt.“
„Warten wir es ab“, erwiderte Strecker. „Also, worum geht es bei dem neuen Fall?“
„Wir untersuchen eine Reihe von Überfällen, Anschlägen und ein Tötungsdelikt von denen wir annehmen, dass sie in einem Zusammenhang stehen. Offenbar werden die Tatverdächtigen über das Internet rekrutiert und gesteuert. Aber ehrlich gesagt, wissen wir noch nicht viel. Wir haben den Fall erst am Ende der letzten Woche übernommen. Was wir wissen, finden Sie in dem Aktenberg auf Ihrem Schreibtisch. Ich habe es ausdrucken lassen. Extra für Sie. Bitte sehen Sie sich das Material an. Wenn Sie durch sind oder Fragen haben, geben Sie mir Bescheid. Dann sprechen wir über den Ermittlungsstand. Okay? Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr Büro.“
Ohne eine Reaktion seines Gesprächspartners abzuwarten, stand Marten auf und schickte sich an, den Raum zu verlassen. Strecker blieb nichts anderes übrig, als sich ebenfalls zu erheben und Marten zu folgen, der erstaunlich zügig den Flur hinunterging. Ohne den ihm folgenden Strecker anzusehen, informierte er den Neuen über die Räumlichkeiten.
„Dort hinten links ist eine kleine Küche“, bemerkte Kommissar Marten, begleitet von einer leichten Drehung des Kopfes zur linken Seite. „Am anderen Ende des Flurs, gleich vor dem Treppenhaus, finden Sie die Toiletten. In Raum 1.03, zweite rechts nach dem Treppenhaus, sitzt Frau Köster. Ah, da sind wir schon.“
Marten öffnete die Tür des Raumes 1.07, trat zur Seite und forderte Strecker mit einer ausladenden Armbewegung auf, einzutreten.
„Pure Sachlichkeit“, dachte Strecker, als er eintrat und seinen Blick durch den Raum schweifen ließ. Hatte er sich in seinem Kölner Büro beinahe zu Hause gefühlt, ja zeitweilig sogar fast darin gelebt, so war dies hier unmöglich. Funktional und rational. Denn es gab weder ein Sofa, noch eine Sitzecke, nur einen kahlen Raum, wenn man von den zwei sich gegenüberstehenden Schreibtischen in der Mitte absah. Gut, zwei Bürostühle waren auch noch vorhanden, aber das, abgesehen von den zwei Computermonitoren und Schreibtischlampen, war es auch schon. Nicht mal Telefone. Kein Bild, kein Kalender an der Wand und hinter den Fenstern keine Spur von pulsierendem Großstadtleben, sondern lediglich eine, von Obstplantagen nur dürftig kaschierte, öde Landschaft.
Streckers Blick blieb auf dem linken Schreibtisch haften. Jedenfalls vermutete er einen Schreibtisch unter den Stapeln von Aktenordnern, die sich dort türmten.
„Ich vermute, das ist mein Platz“, sagte der Hauptkommissar und deutete mit seinem linken Zeigefinger auf den Aktenberg. „Dafür, dass Sie den Fall noch nicht lange bearbeiten, haben Sie aber schon eine Menge Papier verbraucht“, frotzelte er.
„Normalerweise arbeiten wir hier nicht viel mit Papier. Aber ich kenne ja Ihre Aversion gegen Computerarbeit. Deshalb habe ich extra für Sie die Akten ausdrucken lassen. Als Begrüßungsgeschenk sozusagen. Bitte behandeln Sie sie pfleglich, denn nachdem Sie damit durch sind, wandern die Dokumente in das Archiv. Das finden Sie im Übrigen ganz hinten im Flur, direkt gegenüber der Kaffeeküche. Wenn Sie keine Fragen mehr haben, lasse ich Sie jetzt allein.“
Kommissar Marten wartete noch eine Sekunde, ob nicht doch noch eine Frage oder ein Dankeschön von seinem neuen Kollegen kam. Dann verließ er, ebenfalls wortlos, den Raum und schloss die Tür.
4.
Die Mannschaft wuchs. Das Geschäftsvolumen wuchs. Mittlerweile wurden die Tage häufig länger, als ihm lieb war. Bald war es zu viel für eine Person. Aber an Verstärkung wagte er vorerst nicht zu denken. Woher sollte sie denn kommen? Er konnte ja nicht einfach ein Inserat aufgeben und seine bisherigen Mitstreiter kamen für diese Aufgabe auf keinen Fall infrage. Also musste er alles alleine stemmen. Marketing, Rekrutierung, Personalverwaltung, Auftragsannahme, Planung, Qualitätssicherung, Finanzmanagement. Und die ganze Technologie. Insbesondere das Webmanagement. Sein Verbrauch an Websites und Kommunikationsforen war gigantisch. Er musste immer schnell und aufmerksam sein, durfte nie zu lange an einem Ort verweilen. Andererseits durfte die Kommunikation zu seinen Kunden und Mitarbeitern nicht abreißen. Und er musste das Ganze auch noch dokumentieren. Denn jeder Kunde, jede Aktivität hatte ihre eigenen Kommunikationskanäle und natürlich die für die Durchführung der Aufgabe disponierte Mannschaft. Mit deren Mitgliedern er leider auch nicht über einen gemeinsamen, sondern über jeweils personenspezifische Kanäle kommunizieren musste. Denn dass keiner keinen kannte, dass nur er die Zusammenhänge zwischen den Kunden und den Aufträgen und zwischen den Aufträgen und den Durchführenden kannte, dass die Durchführenden sich auch nicht untereinander kannten, war eines der unverrückbaren Prinzipien seines Geschäftsmodells. Am aufwendigsten jedoch war die Personalbetreuung. Jeder Mitarbeiter brauchte eine individuelle Ansprache, eine ganz spezifische Führung. Je nach Alter, Charakter, Einsatzmöglichkeiten und Fantasien. Denn er zahlte ja keine Gehälter. Die Motivation der Mitarbeiter war abhängig von deren Enthusiasmus, von ihrem Glauben das Richtige zu tun, Erfüllung und Anerkennung zu bekommen, wenn sie seine Aufträge erledigten. Dazu musste er ihre individuellen Bedürfnisse, ihre Lebensumstände, berücksichtigen und mit den Einsätzen in Einklang bringen. Und das bei zumeist jungen Menschen, eher schwierigen, häufig labilen Charakteren. Denn gerade das war ja eines der wesentlichen Merkmale, die sie für ihn geeignet machten. Und auch um diese Leute zu finden, musste er viel Zeit investieren, sich in Onlineportalen herumtreiben, potenzielle Kandidaten finden, ansprechen, antesten, überprüfen. Die Ausschussquote war hoch, auch weil er vorsichtig sein musste.
Und weil er das alles unmöglich im Kopf behalten konnte, musste alles aufgezeichnet und dokumentiert werden. Das war nicht nur mühsam und zeitraubend, sondern auch gefährlich. Wenn sie ihn eines Tages doch erwischen sollten, würde er ihnen die Beweise quasi mitliefern. Also musste er auch hier jeweils zeitnah die Spuren verwischen. Er konnte nur das behalten, was das laufende Geschäft betraf. Erledigte Vorgänge musste er so schnell wie möglich löschen. Konsequent und nachhaltig, sodass die Daten nicht rekonstruiert werden konnten.
Kein Wunder, dass er für nichts mehr Zeit hatte, den ganzen Tag nur noch vor dem Rechner verbrachte, kaum noch die nötige Zeit zum Schlafen fand. Und vier Kilo abgenommen hatte er auch schon. Nicht, dass das nicht lukrativ war, aber gesund war sie nicht, seine derzeitige Lebensweise.
Natürlich hätte er auch Aufträge ablehnen können. Aber das war gefährlich, denn derzeit war sein Geschäftsmodell noch relativ neu. Irgendwann würde auch jemand anders auf diese Idee kommen. Und die Idee war der eigentliche Schlüssel zum Erfolg. Den Rest konnte man lernen. Den Verlockungen würden viele nicht widerstehen können. Man brauchte nicht viel Kapital, musste nicht viel investieren. Viele würden den Aufwand unter- und die Margen überschätzen. So wie es auch ihm ergangen war. Nein, Aufträge ablehnen war keine Option, auch weil die Kunden treu waren und gerne Folgeaufträge platzierten.
Nein, er würde expandieren müssen. Aber das hieß, einen oder besser gleich mehrere Partner finden.
5.
Strecker ging langsam zu seinem Stuhl. Strich dabei mit seiner rechten Hand sanft über die Aktenordner, streichelte sie beinahe. Von einem leichten Seufzer begleitet, ließ er sich in seinen Stuhl fallen und begann die Schubladen des Rollcontainers zu durchsuchen, der sich rechts unter seinem Schreibtisch befand. Alle leer, fast steril, mit Ausnahme der obersten Schublade, die so etwas wie eine Grundausstattung bestehend aus Stiften, Block, Radiergummi, Locher und Hefter enthielt. Und ein Mobiltelefon. Ein Smartphone, schlank, scheinbar nur aus Glas bestehend, lag samt Ladekabel und einer kurzen Beschreibung neben den anderen Utensilien. Hauptkommissar Strecker fingerte die Lesebrille aus seinem Jackett, griff sich Beschreibung und Telefon und begann die Inbetriebnahme. Doch es funktionierte nicht. So oft er auch auf den Einschaltknopf drückte, das Gerät funktionierte einfach nicht. Dann ging ihm ein Licht auf. Laden! Er musste es erst aufladen. Er zog das Kabel aus der Schublade, kroch unter den Schreibtisch, wo er wie vermutet eine Steckdose fand, in die er den Netzstecker des Ladekabels steckte. Nachdem er das andere Ende des Kabels mit dem Telefon verbunden hatte, drückte er erneut den Einschaltknopf. Dann klapperte er Punkt für Punkt der Beschreibung ab, PIN-Eingabe, die PIN las er von dem neben dem Smartphone liegenden Zettel ab, Passwortvergabe, Passwortwiederholung und schon blickte er auf ein mit Icons überfrachtetes Display. Er erinnerte sich, warum er diese Dinger nicht mochte. Und auch der Anblick der Aktenstapel auf seinem Schreibtisch ließ keine Freude aufkommen. Er stand auf, ließ seinen Blick wiederholt über den Schreibtisch gleiten, nahm Ordner in die Hand, legte sie wieder zurück, versuchte krampfhaft das System der Ablage zu verstehen, suchte nach einem Plan, wie er sich durch den Berg wühlen konnte. Hatte er anfangs noch gezweifelt, ob man ihm mit den Ausdrucken einen wirklichen Gefallen tun wollte, war er nun eher der Ansicht, dass man ihm eine Lektion erteilen wollte, ihm zeigen wollte, dass seine Vorgehensweise antiquiert und nicht mehr zeitgemäß sei. Aber was sollte er dann hier? Er fing gerade an, sich in seine Wut einzugraben, als es an der Tür klopfte. Bevor er antworten konnte, ging die Tür auch schon auf und Frau Köster betrat den Raum.
„Entschuldigen Sie“, begann sie das Gespräch. „Aber ich habe hier noch den Schlüssel für Ihr Dienstapartment. Das Gebäude, in dem unsere Apartments für Mitarbeiter liegen, ist gute fünf Minuten Fahrt mit dem Auto entfernt. Auf dem Blatt hier finden Sie die Adresse und eine Anfahrtsskizze. Alles Weitere erfahren Sie aus einer Infomappe, die im Apartment liegt.“
„Danke“, erwiderte der Hauptkommissar. Das schaffte er sogar mit einem Lächeln, was ihm angesichts der Sekretärin noch nicht einmal schwerfiel. „Muss ich bis zu einer bestimmten Zeit da sein?“, fragte Strecker und lenkte die Aufmerksamkeit von Frau Köster auf seinen überladenen Schreibtisch. „Es wird heute wohl etwas später werden.“
„Ich habe Herr Marten gleich gesagt, dass er Sie nicht sofort mit allen Details behelligen sollte. Aber er meinte, Sie müssten möglichst schnell alle Informationen bekommen. Es gibt im Übrigen, wo ist es doch gleich …“ Bei diesen Worten begann sie, den Blick konzentriert auf den Schreibtisch gerichtet, Ordner in die Hand zu nehmen und deren beschriftete Rücken zu studieren. Es dauerte nur wenige Augenblicke und sie reichte dem Hauptkommissar einen dünneren Ordner. „Ja, hierin finden Sie einen Zwischenbericht, den die Kollegen gestern für den Chef erstellt haben. Das sollte Ihnen einen ersten Überblick geben und den Einstieg in den Fall erleichtern. Ansonsten sind die Akten chronologisch geordnet. Aber nach meiner Ansicht keine gute Arbeitsgrundlage. In der elektronischen Akte gibt es Verlinkungen nach unterschiedlichsten Kriterien. Damit fällt einem die Recherche deutlich leichter. Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen unser System morgen ausführlich. Heute …“, ergänzte sie mit einem Blick auf ihre Armbanduhr, „schaffe ich das leider nicht mehr.“
„Gerne“, erwiderte der Hauptkommissar. „Morgen früh? Wann immer es Ihnen passt.“ Und er lächelte schon wieder. Und es fiel ihm immer weniger schwer. Engel müssen nicht zwangsläufig blonde Locken haben.
„Sagen wir um 8:00 Uhr?“, bot Frau Köster an. „Die Morgenbesprechung ist um 9:00 Uhr. Wenn wir bis dahin noch nicht durch sind, machen wir anschließend weiter.“
„Ja, gerne“, stimmte Strecker zu.
„Dann nochmals herzlich willkommen und bis morgen“, verabschiedete sich die Sekretärin und verließ, ohne eine Antwort abzuwarten, den Raum.
Strecker erwiderte die Abschiedsfloskel mit Verzögerung, jedoch nicht, weil er wieder in alte Verhaltensmuster abgeglitten war, sondern weil er bereits neugierig auf den Fall fokussiert war. Und das trotz der Erscheinung von Frau Köster. Er ließ sich wieder in seinen Bürostuhl fallen und machte sich gierig über den Zwischenbericht her.
6.
Sein Herz fing an zu rasen. Sie hatten ihn entdeckt. Und jetzt waren sie hinter ihm her. Waren schon dicht hinter ihm. Er rannte durch die Gassen, wagte kaum sich umzusehen, weil er dadurch langsamer werden würde. Also rannte er geradewegs weiter, bewegte sich so schnell er nur konnte. So schnell konnte es also gehen, wurde man vom Jäger zum Gejagten. Schneller als sein Herz waren nur noch seine Gedanken, beständig auf der Suche nach dem Fehler, nach dem Grund, der ihn in diese missliche Lage gebracht hatte. War er ungeduldig gewesen? Hatte er zu schnell zuschlagen wollen, anstatt auf einen besseren Moment zu warten? Er schüttelte den Kopf, weniger um sein Versagen zu leugnen, als vielmehr um diese Gedanken generell aus dem Kopf zu bekommen. Er musste, zumindest für den Moment, die Vergangenheit ruhen lassen, um noch eine Zukunft zu haben. Warum waren eigentlich die vielen Gestalten, die ihm entgegenkamen, die ihm im Weg standen, die er zum Teil rüde anrempelte, um an ihnen vorbeizukommen, so gleichgültig? Sie mussten doch sehen, dass er in Schwierigkeiten war. Sie schauten kurz auf, gingen dann weiter, ohne sichtbares Interesse an seinem Schicksal. Anders seine Verfolger, die er immer noch im Nacken spürte, die spürbar näher kamen, die die Lücken in der Menge nutzen konnten, die er sich und somit auch ihnen aufbrechen musste. Er musste ausweichen, auf weniger frequentierte Wege kommen, um seinen Nachteil zu verringern. Schweiß rann ihm über die Stirn, tropfte in seine Augen, verschlechterte seine Sicht. Urplötzlich bog er nach links ab, in eine schmale Gasse, verlassen und dunkel, weil kein Sonnenlicht über die hohen Gebäude zu ihren Seiten bis auf den Boden drang. Im letzten Moment erkannte er das Hindernis, eine Kiste oder ähnliches und setzte mit einem Satz darüber hinweg. Und das war sein Glück gewesen. Denn für seine Verfolger, die ihm so nahe gekommen waren, dass sie schon ihre Hände nach ihm ausstrecken wollten, kam sein Manöver überraschend. Sie bemerkten das Hindernis zu spät, fielen darüber und übereinander. Das verschaffte ihm Luft. Er bog nach rechts ab, in eine noch kleinere Gasse und bemerkte sogleich und doch zu spät, dass er einen Fehler gemacht hatte. Die Gasse war kurz, so kurz, dass er ihr Ende sehen konnte, sein Ende voraussehen konnte, denn es war eine Sackgasse. Und die Mauern waren zu hoch, um dort emporzuklettern. Zwar gab es eine Reihe von Türen in den wenigen Häusern, die die Gasse rechts und links umgaben, doch sie schienen verschlossen. Und er hatte keine Zeit, die Türen zu probieren oder gar gewaltsam zu öffnen. Nur eine Chance, eine Hoffnung blieb ihm noch. Wenige Meter vor ihm rechts stand ein Stapel Kisten. Dahinter konnte er sich verbergen. Und hoffen, dass seine Verfolger sein Abbiegen nicht bemerkt hatten, an der Gasse und an ihm vorbeilaufen würden. Kaum hatte er sich hinter die Deckung gekauert, hörte er sie auch schon vorbeilaufen, keuchend und fluchend. Doch was war das? Die Geräusche wurden wieder lauter, wandelten sich zu einem Gemurmel, ihre Schritte waren langsamer geworden. Im Gegensatz zu seinem Herzschlag.
„Er sitzt in der Falle“, hörte er einen der Verfolger sagen. Wie hatten sie ihn entdeckt? Wieso hatten sie ihn entdeckt? Wie konnten sie sich so sicher sein?
Jetzt würde er kämpfen müssen. Hoffen, dass er über sich hinauswachsen und es irgendwie schaffen könnte. Aber sie waren viele. Zu viele? Zum Zählen war er gar nicht gekommen. Das müsste er nun nachholen, um seine Chancen abwägen zu können. Aber dazu müsste er die Deckung verlassen und sich stellen, den Verfolgern und seinem Schicksal in das Antlitz blicken.
Also erhob er sich, blickte auf den Eingang zur Gasse und erschrak. So viele? Mindestens sechs Verfolger bewegten sich langsam in seine Richtung. Dabei konnte er noch nicht einmal ausschließen, dass es noch mehr werden würden. Dass noch weitere Gegner in der Nebenstraße waren, die die Gasse und sein Sichtfeld noch nicht erreicht hatten. Er konzentrierte sich auf seine sichtbaren Gegner, fokussierte insbesondere die vorderste Gestalt.
Doch was war das? Etwas lenkte ihn ab. Er registrierte ein leises Quietschen. Das Licht hatte sich verändert. Es war heller geworden. Und dann erkannte er den Grund für die Veränderung. Eine Tür hatte sich geöffnet. Zuerst nur einen Spalt, dann immer mehr. Der Grund für die zunehmende Helligkeit war ein Lichtschein, der durch die geöffnete Tür zu ihm drang.
7.
„Scheiße!“ Er hatte sich festgebissen. Hatte den Zwischenbericht gelesen, immer wieder nach Details in den Unterlagen gesucht und dabei zwar ein Gefühl für den Fall entwickelt, die Zeit darüber aber vollständig vergessen. Insofern erschrak Strecker heftig, als er auf die Uhr blickte. Fast 21:00 Uhr. Und er hatte keine Ahnung, wo genau seine neue Wohnung war, wie er da hinfinden sollte und was ihn da erwartete. Und Hunger hatte er auch noch, großen Hunger. Begleitet von einem tiefen Seufzer fuhr er den Rechner runter, klappte den Laptop zu, stand auf und schnappte sich Mantel und Reisetasche. Beinahe fluchtartig verließ er den Raum und hetzte zum Parkplatz. Nur wenige Minuten später hatte er das Navi auf sein neues Zuhause programmiert und machte sich auf den Weg. Regen peitschte auf die Scheibe, er konnte kaum etwas sehen, zudem wechselte sein Blick ständig zwischen Frontscheibe und Navi. Und zu essen musste er auch noch was finden. Irgendetwas. Da. Sein Blick blieb an einer Lichtreklame haften, die auf eine große Imbisskette hinwies. Eigentlich passte das nicht mehr zu seinen Vorsätzen. Ja, er hatte sich wirklich vorgenommen, die neue Stelle mit einem erweiterten Neustart zu verbinden. Also auch im privaten Umfeld einiges zu verändern. Die Ernährungsgewohnheiten zum Beispiel. Und auch den Alkoholkonsum, weshalb er auch darauf verzichtet hatte, die Flasche Wodka einzupacken. Apage satanas. Aber bevor er das Risiko einging, noch lange durch die Gegend zu irren und dann doch in einem drittklassigen Imbiss zu enden, entschied er sich für die sichere Option. Zu seinem Glück gab es auch einen Drive-In-Schalter. Dann brauchte er bei dem Scheißwetter noch nicht einmal mehr auszusteigen. Er musste aber irgendetwas bestellen, was er kannte. Aber das war kein Problem. Pommes gingen immer und einen dazugehörigen Hamburger würde er auch noch herunterwürgen können. Das war in der Vergangenheit ja auch immer gut gegangen. Und ein Getränk war auch noch im Preis enthalten. Er bestellte, zahlte, nahm seine Tüte entgegen, parkte den Wagen am Straßenrand und machte sich über den Inhalt der Tüte her. Keine fünf Minuten später waren der Inhalt der Tüte und der Hunger weg. Letzteren hatte er allerdings gegen ein Völlegefühl tauschen müssen. Er hatte den letzten Bissen noch nicht heruntergeschluckt, als er den Motor anließ und sich wieder in den Verkehr einfädelte. Nicht nur sein Hunger, auch der Regen war verschwunden. Das Navi leitete ihn durch die verschlafene Kleinstadt auf einen Parkplatz vor einem vierstöckigen Wohnblock. Er prüfte nochmals die Adresse, suchte noch aus dem Wagen heraus nach der richtigen Hausnummer, seufzte zufrieden und stieg aus. Nach einem kurzen Stopp am Kofferraum machte er sich mit seiner Tasche und hochgezogenem Mantelkragen auf den Weg zur Tür, fingerte den Wohnungsschlüssel aus der linken Hosentasche und öffnete die Tür. Er eilte, soweit seine Konstitution dies zuließ, durch den Hausflur, arbeitete sich von Wohnungstür zu Wohnungstür vor, bis er im 2. Stock rechts die Nummer 7 an der Tür prangen sah. Seine neue Heimat. Vorläufig. Er öffnete die Tür, schaltete das Licht ein und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Zweckmäßig, so war sein Urteil. Schon wieder. Ein Zimmer, eine abgetrennte Kochnische und hinten rechts eine Tür. „Die wird wahrscheinlich in das Bad führen“, dachte er. Strecker betrat das Zimmer, schloss die Tür, stellte die Tasche auf den Tisch und drehte eine Runde durch den Raum.
Rechts neben der Tür war eine kleine Sitzecke, davor ein Couchtisch. Daneben, Richtung Stirnwand, ein Esstisch mit vier Stühlen, dahinter eine kompakte Theke, die die Kochnische vom übrigen Raum trennte. An der Wand, die die Kochnische nach hinten begrenzte, befanden sich, von rechts nach links eine Spüle, der Kühlschrank, ein Herd und daneben noch ein Putzschrank. Über der Zeile war eine Schrankreihe an der Küchenwand befestigt. Der Hauptkommissar ging aus der Küchenzeile heraus nach rechts, öffnete die Tür und trat, wie erwartet in ein kleines Bad. Wie die übrige Wohnung, schmucklos aber funktionell. Rechts von der Tür die Dusche und eine Toilette, links ein Waschbecken, daneben ein Behälter für Schmutzwäsche oder ähnliches. Ein kleiner Badezimmerschrank hing über dem Waschbecken. Das Bett mit einem daneben stehenden Nachttisch stand links direkt neben der Tür. Ein Schrank zwischen dem Fußende des Bettes und der Badezimmerwand komplettierte die Einrichtung. Auch einen Fernseher gab es noch, er hing an der Wand, über dem Bett.
Strecker räumte seine Tasche aus, warf diese unten in den Schrank und deponierte seine Waschutensilien im Badezimmerschränkchen. Es war mittlerweile schon weit nach 22:00 Uhr. Er warf noch einen Blick in den Kühlschrank. Der würde seinen Beitrag zur Gewichtsreduktion leisten, war er doch gähnend leer. Also ohne Betthupferl und Nachttrunk zu Bett. Ohne Nachttrunk? War es ein Fehler gewesen, den Wodka nicht einzupacken? Nein, er verspürte nicht einmal ein kurzes Bedauern. Stattdessen war er beinahe ein wenig stolz auf sich. Den Fernseher würde er erst morgen ausprobieren. Und vorher noch einkaufen gehen. Der morgige Tag würde anstrengend werden. Und interessant. Er hatte viele Fragen. Auf die er Antworten haben wollte.
8.
„Du weißt also nicht, wer Dich beauftragt hat?“
„Nein. Wie oft soll ich das denn noch sagen. Sie müssen mir glauben“, bettelte er. Er konnte kaum noch sprechen, sein Hals schmerzte vom Schreien und Schlucken. Er musste bereits Unmengen von Blut und Speichel heruntergeschluckt haben.
„Das kann ich nicht glauben. Kein Mensch kann so blöd sein und die Befehle eines Unbekannten befolgen. Eines Irren, den man nicht kennt. Also denk noch einmal nach. Du sagst es uns ja doch. Früher oder später. Also noch einmal. Wer hat Dich beauftragt?“
„Bitte“, kam es wieder schluchzend aus seiner Kehle. „Glauben Sie mir. Ich würde es Ihnen sagen, wenn ich es wüsste.“
„Ja, das würdest Du“, dachte er sich. Aber mit der Geschichte, die ihm der Junge erzählt hatte, würde er seine Auftraggeber nicht zufriedenstellen können. Denn er kannte seine Auftraggeber. Im Gegensatz zu dem Jungen. Und mit diesem Ergebnis konnte er denen nicht kommen. Aber was sollte er tun? Sie hatten dem Jungen nun schon dreimal den Strom durch den Körper gejagt. Schon nach dem ersten Mal hatte er geredet wie ein Buch. Ihnen Dinge erzählt, die sie nicht verstanden.
Etwas von Briefkästen, Befehlen, einer Gemeinschaft, einer Mission. Aber die entscheidende Frage hatte er nicht beantwortet. Mittlerweile glaubte er dem Jungen. Aber wenn er ihn nicht verstand, half ihm das nichts. Und dem Jungen auch nicht. Er konnte den Worten seines Opfers zwar folgen, aber nichts damit anfangen. Er würde Verstärkung benötigen. Einen Spezialisten, einen, der mehr von dem Thema verstand. Erst danach würden sie wissen, woran sie waren. Und ob Sie den Jungen noch weiter brauchen würden.
Er stopfte seinem Gefangenen den Knebel wieder in den Mund und fixierte ihn wieder mit der Krawatte. Dann fummelte er sein Mobiltelefon aus seiner Jackentasche, wählte eine Nummer, hielt sich das Gerät an das Ohr und wartete.
„Ich brauche Deine Hilfe“, sagte er schließlich. „So schnell wie möglich. Ja, in der Werkstatt. In Köln. Erst übermorgen? Morgen wäre mir lieber. Versuch, ob es nicht früher geht. Bis dann. Danke.“
9.
Das Aufwachen war kein Problem. Das Aufstehen schon. Strecker hatte schlecht, nach seinem Gefühl sogar so gut wie gar nicht, geschlafen. Lag das an der unvertrauten Umgebung oder hatte ihm schlichtweg sein Schlaftrunk gefehlt? Mit noch geschlossenen Augen tastete er auf dem Nachtschränkchen herum, suchte nach seinem Mobiltelefon und öffnete die Augen erst, als er es in den Fingern hatte und das Display schon über seinem Gesicht schwebte.
Fast 7:00 Uhr. Dafür, dass er gemeint hatte, die ganze Nacht wach zu liegen, hatte er es erstaunlich lange ausgehalten. Nun war Eile geboten. Also schlug er die Decke beiseite, schwang zuerst die Beine und dann den restlichen Körper aus dem Bett. Er eilte in das Bad, setzte sich auf das Klo, entleerte seine Blase und machte sich, nachdem er die Spülung betätigt hatte, daran, sein Gesicht gesellschaftsfähig zu machen. Zum Duschen blieb ihm keine Zeit, also musste er sich damit begnügen, sich mit einem Waschlappen den Hals, die Brust und unter den Achselhöhlen zu waschen. Das hat ja früher auch gereicht, bevor tägliches Duschen zum Gewohnheitsbzw. sogar Pflichtprogramm ernannt wurde. Noch etwas Deo unter die Achseln gesprüht. Fertig! Anschließend fuhr er sich noch mit dem Elektrorasierer durch das Gesicht und schon war seine Erscheinung für die Öffentlichkeit freigegeben. Kurz zögerte er, neue Unterwäsche und Socken anzuziehen. Die ausgefallene Dusche lieferte eigentlich ein gutes Argument für einen Verzicht, aber gestern war schon ein guter Vorsatz über Bord gegangen. „Apage satanas“, dachte er sich, kramte die Sachen aus dem Schrank hervor und zog sie an. Auch ein frisches Hemd gönnte er sich, kontrollierte, soweit ihm möglich, beim Anziehen nochmals schnüffelnd seinen Achselgeruch und streifte schließlich das Hemd zufrieden über seine Schultern. Eine frische Hose wäre zu viel des Guten gewesen und auch das Jackett vom Vortag hatte sich über Nacht ausreichend glatt gehangen. Ohne Frühstück, aber samt Mantel und Handy, die er noch vom Haken bzw. Schreibtisch nahm, verließ er seine Dienstwohnung und fuhr zügig Richtung BKA. Für ein Frühstück hatte er keine Zeit mehr. Noch nicht einmal, um unterwegs irgendwo anzuhalten und etwas zum Mitnehmen einzukaufen. Da konnte er nur auf die Kantine des BKA bauen. Immerhin schaffte er es so, vor 8:00 Uhr in seinem neuen Büro zu sitzen. Pünktlich. Noch ein guter Vorsatz, der noch am Leben war.
Um 8:00 Uhr klopfte es an der Bürotür und unmittelbar nach seinem „Herein“ öffnete sich die Tür und Frau Köster betrat mit einem freundlich, fröhlichen „Guten Morgen“ auf den Lippen das Zimmer. „Kaffee?“, fragte sie in seine Richtung blickend und hielt dabei mit der rechten Hand eine dampfende Tasse in die Höhe.
Strecker rückte, nachdem er ihren Gruß erwidert hatte, mit seinem Stuhl zur Seite, zog einen Stuhl an einen Schreibtisch heran und forderte die Sekretärin mit einer ausladenden Geste auf, neben ihm Platz zu nehmen.
„Na, dann wollen wir Sie mal in die Geheimnisse des BKA einführen“, sagte Frau Köster, als sie die Kaffeetasse auf Streckers Schreibtisch abstellte und auf dem dargebotenen Stuhl Platz nahm.
„Darf ich?“, fragte sie rhetorisch, weil sie die Antwort schon dadurch vorwegnahm, dass sie sich der Tastatur und der Maus seines Rechners bemächtigte.
Eine knappe Stunde später war der Hauptkommissar nicht nur Frau Köster, rein kollegial natürlich, sondern auch der kriminalistischen Arbeit mit elektronischen Hilfsmitteln näher gekommen. Mehr sogar noch. Neben neuem Wissen hatte er auch noch an Überzeugung gewonnen und dafür Vorbehalte verloren. Die noch immer den Großteil seines Schreibtisches verdeckenden Aktenstapel würde er nicht mehr benötigen.
10.
Die Sitzung der Ermittler hatte nicht lange gedauert. Das war zwar gut für Frau Köster, weil das Protokoll entsprechend knapp ausfallen konnte, aber natürlich kein gutes Zeichen für das Fortkommen der Ermittlungen. Es gab weder neue, berichtenswerte Erkenntnisse, noch neue Ansatzpunkte. Die einzelnen Dezernatsmitglieder, mit Ausnahme von Hauptkommissar Strecker, berichteten kurz von ihren Aktivitäten am Vortag und den nächsten, anstehenden Schritten, aber wirklich hilfreich waren die jeweiligen Informationen für die Kollegen nicht. Immerhin war auch Dr. Brick anwesend, sodass Strecker nun alle seine neuen Kollegen kannte. Dr. Brick schien zu dem eher unscheinbaren Teil der Menschheit zu gehören. Klein, schmächtig, die Frisur kurz, braun und unspektakulär, genauso wie sein gesamtes Auftreten. Daran konnte auch die antiquiert erscheinende randlose Brille mit runden Gläsern, die eher an eine misslungene Bastelarbeit eines Oberschülers, denn an ein modisches Accessoire erinnerte, nichts ändern. Hätte Frau Köster Dr. Brick und HK Strecker nicht explizit miteinander bekannt gemacht, hätte letztgenannter ihn wahrscheinlich geflissentlich übersehen.
„Okay“, resümierte Hauptkommissar Faber sichtbar resigniert. „Erkennbare Fortschritte haben wir gestern wohl nicht gemacht. Also weiter wie besprochen. Herr Marten, Sie unterstützen unseren neuen Kollegen Strecker. Ab morgen soll er einsatzfähig sein. Dazu muss er alles wissen, was wir bisher wissen. Fragen?“
Wie gewöhnlich schien Faber keine zu erwarten, denn unmittelbar darauf stand er auf, schob seinen Stuhl an den Tisch und verließ den Besprechungsraum. Die übrigen Kollegen folgten seinem Beispiel, sodass wieder nur Kommissar Marten und Hauptkommissar Strecker im Raum zurückblieben.
„Gehen wir in Ihr Büro?“, fragte Marten. „Dann können wir für Sie hilfreiche Informationen gleich an Ihrem Arbeitsplatz platzieren.“
„Einverstanden“, antwortete der Hauptkommissar. „Wenn es Ihnen Recht ist, möchte ich vorher noch der Kantine einen kurzen Besuch abstatten. Ich bin noch nicht zum Frühstücken gekommen. Und das soll angeblich ja die wichtigste Mahlzeit des Tages sein. Treffen wir uns doch in 30 Minuten bei mir im Büro.“
Strecker war schon da, als Kommissar Marten gegen 10:00 Uhr an der Bürotür von 1.07 klopfte. Eine Minute später saß Marten dort, wo vor gut einer Stunde noch Frau Köster gesessen hatte.
„Warum ist das überhaupt ein Fall? Und warum ist das ein Fall für uns?“ Mit diesen Fragen begann der Hauptkommissar das Gespräch.
„Gute Fragen“, entgegnete Marten. „Lassen Sie mich zuerst die erste Frage etwas pauschal beantworten. Ob bzw. dass das ein einziger Fall ist, wissen wir noch nicht, vermuten es aber. Wie Sie den Akten vielleicht schon entnommen haben, wurden in den vergangenen Monaten mehrere Taten von unterschiedlichen Behörden verfolgt. Die Erkenntnis oder um genau zu sein, muss ich eigentlich sagen, die Vermutung, dass die Dinge zusammenhängen, ergab sich erst in der letzten Woche. Durch eine Vermisstenmeldung aus Köln. Die Mutter eines 16-jährigen Schülers namens Marc Johann hatte eine Vermisstenanzeige erstattet. Der Junge hatte am späten Nachmittag des 15.11., einem Mittwoch, das Haus verlassen und war abends nicht nach Hause gekommen. Seine Mutter hatte noch am späten Abend damit begonnen in seinem Freundeskreis herumzutelefonieren. Sie konnte seinen Aufenthaltsort aber nicht ermitteln. Dabei erfuhr sie allerdings, dass ihr Sohn bereits seit längerem den Kontakt mit seinen früheren Freunden nahezu eingestellt hatte. Als der Junge am nächsten Morgen immer noch nicht zu Hause war, hat sie im nächsten Revier in der Stolkgasse eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Die Familie wohnt in der Allerheiligenstraße im Kunibertsviertel. Die Gegend kennen Sie ja. Unsere Kollegen haben dann in der Schule angerufen und die Einlieferungen in die Kölner Krankenhäuser gecheckt. Aber keine Spur von dem Jungen gefunden. Am Nachmittag haben dann zwei Kollegen von der Kripo die Eltern aufgesucht. Bei der Gelegenheit hatte die Mutter erwähnt, dass der Junge in der letzten Zeit ständig vor seinem Computer herumgehangen hatte. Daraufhin haben die Kollegen die Eltern gebeten, ihnen den Computer mitzugeben. Und dessen Auswertung hat uns dann in das Spiel gebracht. Denn auf dem Computer hatten die Kollegen von der Kriminaltechnik in Köln Informationen gefunden, hauptsächlich in Form von Screenshots und Chatprotokollen auf denen unsere Theorie fußt. Demnach vermuten wir, dass der Junge Mitglied irgendeiner Sekte oder so etwas war, die sich als sogenannte Gemeinschaft von Assassinen bezeichnet. Wohl in Anlehnung an ein beliebtes Computerspiel namens „Assassin’s Creed“. Davon gibt es schon etliche Fortsetzungen. Dabei geht es darum, dass die Spieler spezielle Missionen erfüllen müssen, häufig geht es sogar darum gezielt Anschläge oder Morde durchzuführen. Natürlich sind die Spieler die Guten und die Anschlagsziele die Bösen. Irgend jemand hat dieses Prinzip mutmaßlich in die Realität transportiert. Offenbar heuert er über das Internet Spieler an, manipuliert sie und stiftet sie an, bestimmte Straftaten zu begehen. Und um die Gemeinschaft zu unterstreichen, tragen sie eine Art Uniform. Graue Kapuzenpullis. Und das brachte uns auf den Zusammenhang, denn es gab eine Vielzahl von Meldungen über in der jüngeren Vergangenheit verübte Straftaten, bei denen die Täter graue Kapuzenpullis getragen hatten. Und damit wurde es unser Fall.“
„Das ist doch nicht Ihr Ernst, oder?“, fragte Strecker nach.
„Leider ja. Wir haben mittlerweile mehr als ein Dutzend Straftaten, hinter denen wir diese Gemeinschaft vermuten. Hauptsächlich Überfälle, aber auch Erpressungen und sogar einen Mordanschlag. Unsere Indizienlage ist noch dürftig, eigentlich haben wir nur die Kapuzenpullis als Bindeglied, aber wir sind uns relativ sicher, dass wir es hier mit einer größeren Sache zu tun haben.“
„Und was ist mit dem verschwundenen Jungen?“, wollte Strecker wissen.
„Der ist wie vom Erdboden verschluckt. Soweit wir den auf dem Computer gespeicherten Informationen entnehmen konnten, sollte er an dem Abend, an dem er verschwand, an einer Mission teilnehmen. Worum es sich dabei handelte, haben wir bisher nicht herauskriegen können. Nur, dass er sich um 19:00 Uhr an dem Abend am Ebertplatz einfinden sollte. Und dass er den Kapuzenpulli tragen sollte.“
„Das heißt, irgendjemand rekrutiert Verbrecher über das Internet? Wie soll das denn gehen?“, fragte der Hauptkommissar.
„Nun, Rekrutierung über das Internet ist heutzutage absolut üblich“, erläuterte Kommissar Marten. „Firmen und Bewerber kontaktieren sich über das Internet, tauschen Informationen aus. Entweder über spezielle dafür errichtete Webseiten der Unternehmen oder indem typische Bewerbungsunterlagen per E-Mail versendet werden. Selbst viele Bewerbungsgespräche finden dann online statt. Das spart den Unternehmen viele Kosten ein, die sie sonst für die Reisen der Bewerber bezahlen müssten.“
„Aber das ist doch was ganz anderes. Da stellen Firmen Anzeigen in das Internet und die Bewerber suchen danach und bewerben sich. In unserem Fall hat doch aber wohl niemand eine Anzeige in das Netz gestellt und nach Freiwilligen gesucht, die Straftäter werden wollen?“, protestierte Strecker.
„Nein, aber gegeben hat es auch das schon“, antwortete Marten. „Der IS zum Beispiel betreibt eine Menge von Webseiten auf denen er sich präsentiert, teilweise mit aufwendig gemachten Filmen, und über die er Kontaktmöglichkeiten propagiert. Viele Dschihadisten wurden auf diese Art und Weise angeworben und mobilisiert. Natürlich laufen verstärkende Maßnahmen durch telefonische oder persönliche Kontakte, aber viele Erstkontakte wurden auf diese Art und Weise generiert. Unser Täter hatte noch bessere Gelegenheiten. Viele Onlinespiele werden durch Chatmöglichkeiten unterstützt. Dabei können Spieler während des Spiels miteinander kommunizieren. Das ist teilweise sogar für den Spielablauf nötig. Bei vielen Spielen kann oder muss man Allianzen bilden, um Gegner mit anderen Spielern gemeinsam bekämpfen zu können. Dazu muss man kommunizieren. Idealerweise über Chaträume, die während des Spiels von den Spielern benutzt werden. Die Spieler kennen sich natürlich nicht mit ihren richtigen Namen, sondern sprechen mit oder über ihre Avatare, also die Rollen, die sie im Spiel einnehmen. Wir vermuten, dass der Kopf der Bande so seine Kandidaten gefunden hat. Indem er sie während der Rollenspiele kontaktierte, sie zum Beispiel lobte, auf mehr neugierig machte und in seinen Bann zog.“
„Und was wissen wir bis jetzt über diesen Kopf?“
„Das ist das einzige was wir genau wissen. Nämlich nichts. Wir haben die Aufzeichnungen von dem verschwundenen Jungen. Er nennt ihn Meister. Kommuniziert wurde über Websites oder Chaträume im Darknet. Die Seiten oder Räume existieren längst nicht mehr. Alles was wir haben, sind die Screenshots. Dass wir die haben, weiß der Meister hoffentlich nicht. Und wenn, dürfte er sich mächtig ärgern. Denn ohne die abgespeicherten Bildschirminhalte hätten wir keine Spur, wüssten nichts über seine Existenz und sein, sagen wir mal, Geschäftsmodell.“
„Gibt es beim Hersteller dieses Spiels keine Aufzeichnungen mehr?“, fragte Strecker nach.
„Natürlich haben wir dort angefragt. Eine Antwort steht noch aus. Aber der Junge hat mehrere derartige Spiele gespielt. Das hat die Auswertung der Screenshots ergeben. Die stammen von verschiedenen Herstellern, größtenteils handelt es sich dabei um amerikanische Firmen. Und bei entsprechenden Nachfragen in der Vergangenheit haben wir ja erfahren, wie viel Hoffnungen wir da auf brauchbare Antworten setzen können. ‚Assassin’s Creed‘ habe ich nur als Beispiel aufgeführt, weil es eines der bekannteren Spiele ist und so gut zum Vorgehen des Täters passt.“
„Was hat die Auswertung der früheren Fälle ergeben?“, war Streckers nächste Frage.
„Auch nichts. Unsere Kollegen haben die Fälle tagelang miteinander verglichen. Nach Vorgehen, Zeitabläufen, Zielgruppen, Größe. Was weiß ich nicht alles. Aber nichts. Der einzige Zusammenhang sind die grauen Kapuzenpullis der Täter. Aber vielleicht finden Sie ja etwas. Ich bitte Sie, sich die Fälle im Nachgang zu unserem Gespräch anzusehen. Sie finden die Dokumentationen in der Fallakte. Wenn Sie keine weiteren Fragen mehr haben, würde ich Sie nun gerne allein lassen. Mit der Fallakte. Wir haben um 16:00 Uhr nochmals eine kurze Besprechung. Falls noch Fragen aufkommen, können Sie die dann stellen. Oder einfach vorher bei mir vorbeischauen.“
11.
Die sich öffnende Tür hatte ihn irritiert. Nur einen Augenblick, aber letztlich doch zu lange. Und seine Feinde, die hatten sich nicht ablenken lassen und sein Zögern eiskalt ausgenutzt. Was kurzfristig wie eine Chance schien, entpuppte sich als Gegenteil. Er hatte nicht rechtzeitig auf den Angriff reagiert, die Initiative der Gegner verpasst, das Schwert nicht kommen sehen, den Hieb nicht rechtzeitig pariert.
„Dieter! Das Essen ist fertig. Ich rufe schon die ganze Zeit. Bist Du schon wieder am Daddeln?“, rief seine Mutter durch die geöffnete Tür. Es war das Licht aus dem Flur, welches sein Zimmer geflutet hatte. „Hast Du schon Deine Hausaufgaben gemacht?“, setzte die Mutter nach, ohne eine Antwort auf ihre vorherige Frage abzuwarten.
Jetzt, erst jetzt hatte er verstanden, war er aus der virtuellen Realität zurück im wahren Leben. Tot war er nur im Spiel. Ihretwegen.
Der Junge drehte sich wütend um. Blinzelnd blickte er in das ihn blendende Licht. „Leck mich“, war seine Antwort.
„Das sage ich Deinem Vater“, war ihre.
„Ist mir egal“, erwiderte er. Und das war die Wahrheit. Sie hatten ihm lange genug sein Leben zur Hölle gemacht. Versucht, aus ihm besser funktionierende Kopien ihrer selbst zu machen. Er hatte versucht sie zu ignorieren. Sein eigenes Leben gegen ihren Widerstand zu führen. Doch nun war Schluss. Er würde es Ihnen zeigen, Ihnen und dem Rest der Welt. Sie würden es noch bereuen, dass sie ihm sein Leben versaut hatten. Und sein Spiel. Und er wusste auch schon wie. Er wurde schon lange umworben, hatte bisher gezögert, hatte Skrupel gehabt, vielleicht auch Angst. Aber das war nun vorbei. Er beendete das Spiel, ohne den Score eines Blickes zu würdigen, startete den TOR-Browser und rief die Website auf, deren Adresse er schon so lange im Gedächtnis hatte. Er positionierte den Cursor auf der Zeile „Ich bin bereit“, die sich am rechten Rand oben auf der Seite befand, betätigte die linke Maustaste und trug seinen Codenamen in das Eingabefeld ein. Die Antwort würde er sich gleich nach dem Abendessen ansehen.
12.
„Er weiß wirklich nicht mehr“, resümierte der von seinen Freunden und Feinden nur „Consultant“ genannte Mann.
Er sprach leise, war fast nicht zu verstehen. Weil er die Lippen kaum auseinander bekam. Irgendwie passte das zu seiner Erscheinung. Der schlanken, fast zerbrechlich wirkenden Gestalt. Den grauen, zum kurzen grauen Haar passenden Augen. Und zu seiner Kleidung, ganz in Schwarz. Schuhe, Hose, Rollkragenpullover und dem beinahe knöchellangen Mantel. Wie immer hatte er bei seinen Arbeitsbesuchen alles, auch Hut und Handschuhe, anbehalten
Sie hatten dem Jungen nach seiner Ankunft nochmals einige, sogar noch höher dosierte Stromstöße versetzt. Nicht weil sie daran glaubten, dass sie dadurch Neues erfahren würden, sondern eher, um dem Consultant zu demonstrieren, dass sie das Verhör mit dem gebotenen Nachdruck geführt hatten. Nachdem der Junge sich einigermaßen erholt hatte, hatte er dem Consultant nochmals seine gesamte Geschichte erzählt. Immerhin schien der Consultant zu verstehen worum es ging, wie es wahrscheinlich gelaufen war.
„Wir brauchen den oder die Computer des Jungen“, stellte der Consultant fest. „Wenn der Junge nichts weiß, finden wir vielleicht Spuren von seinem Auftraggeber oder seinen Kumpanen auf den Geräten. Erledigt das so schnell wie möglich und gebt mir Bescheid, wenn Ihr das Zeug habt. Ich organisiere in der Zwischenzeit einen Spezialisten. Einen IT-Spezialisten. Und beeilt Euch. Der Boss ist ungehalten, wie man hört. Kein Wunder. Der Überfall hat ihn eine Menge Geld gekostet. Die Zerstörungen und der Betriebsausfall waren schon teuer genug, aber noch schlimmer ist der Verlust an Renommee.“
Dass man sich in einem Etablissement von Dimitri nicht mehr sicher und ungestört amüsieren konnte, war keine Werbung. Dieser Imageschaden musste so schnell und so konsequent wie möglich behoben werden. Und dazu mussten die Verursacher gefunden und entsprechend behandelt werden. Nur wenn publik wurde, dass es ein Fehler ist, die Geschäfte von Dimitri zu stören, konnte der Vertrauensverlust beseitigt werden. Sollte dies nicht kurzfristig gelingen, bestand die Gefahr eines Flächenbrandes. Weitere Konkurrenten könnten übermütig werden. Daher war Eile geboten.
„Was? Geht zu dem Jungen nach Hause und holt seinen Computer“, herrschte der Consultant sie an.
„Ihr habt ihn noch nicht gefragt, wie er heißt und wo er wohnt?“, ergänzte er irritiert, als er die verstörten Gesichter seiner Kumpanen sah. „Da können wir ja von Glück sagen, dass er bei der Behandlung nicht krepiert ist. Und behandelt ihn von jetzt an pfleglich. Wir werden schneller finden, was wir suchen, wenn er uns unterstützen kann. Und Du wirst uns doch unterstützen, oder?“, fragte er in Richtung des Jungen, dem es trotz seines Zustandes irgendwie gelang noch mit dem Kopf zu nicken.
„Und wie heißt Du?“
„Marc. Marc Johann“, stammelte der Junge.
13.
Strecker holte sich noch einen Kaffee und machte sich dann über die Akten her.
Der erste Fall, den die Ermittler der Bande zurechneten, datierte aus dem Sommer 2017.
Am 27.06.2017, einem Dienstag, wurde in den frühen Abendstunden eine Trinkhalle in Duisburg-Wanheimerort, Ecke Düsseldorfer Str. und Nikolaistraße überfallen. Gestohlen wurden, soweit das überhaupt feststellbar war, außer ein paar Zigarettenschachteln und Schokoriegeln so gut wie nichts. Selbst die Kasse ließen die Täter unangetastet. Umso mehr Mühe verwendeten die Täter darauf, möglichst großen Schaden anzurichten. Die Frontscheibe wurde zertrümmert, zahlreiche Regale umgerissen, nahezu alle Glasbehälter zerstört. Zu guter Letzt hatten sie noch versucht, die Zeitschriften bzw. den Kiosk anzuzünden. Der Kioskbesitzer wurde tätlich angegriffen, konnte aber fliehen, bevor er ernsthaft verletzt wurde.
Von ihm und weiteren Zeugen wurde übereinstimmend ausgesagt, dass die Tat von einer Gruppe mit grauen Kapuzenpullis bekleideten Jugendlichen begangen wurde. Es handelte sich um, hier gingen die Aussagen der Zeugen auseinander, vier bis acht Täter. Einige hatten Knüppel oder Stangen dabei. Die gesamte Tat dauerte weniger als fünf Minuten. Bevor die, von mehreren Zeugen alarmierte Polizei am Tatort eintraf, waren die Täter bereits verschwunden.
Die zweite Tat, aus chronologischer Sicht, wurde am 15. August in Hamburg verübt. In der Straße „Lange Reihe“ wurde ein vor einem italienischen Restaurant geparkter Lamborghini abgefackelt. Laut den, auch hier zahlreich vorhandenen, Zeugenaussagen hatte ein mit einem grauen Kapuzenpulli bekleideter Mann einen Molotowcocktail auf den Wagen geschleudert. Der Täter entkam zu Fuß in Richtung Danziger Straße. Das Kraftfahrzeug brannte vollständig aus. Personen kamen nicht zu Schaden.
Der nächste Vorfall ereignete sich bereits am Folgetag, dem 16. August, einem Donnerstag. Tatort war ein Club in der Koblenzer Ernst-Abbe-Straße. Auch hier handelte es sich um einen Brandanschlag. Zwei Täter, wieder mit grauen Kapuzenpullis bekleidet, hatten Molotowcocktails in den Club geworfen. Glücklicherweise wurde der Brand von den Gästen schnell gelöscht, sodass es zu keinerlei Personenschäden kam. Auch der Sachschaden blieb gering.
Dann wurde am Montag, dem 11. September, in Frankfurt in der Holbeinstraße, ein Rentner im Flur eines Mietshauses überfallen und zusammengeschlagen. Der Rentner selbst hatte den Täter nicht gesehen, aber auch hier gab es wieder Zeugen, die ausgesagt hatten, dass ein mit einem grauen Kapuzenpulli bekleideter Mann vom Tatort weggelaufen war.
Die Akte enthielt ein halbes Dutzend weitere, ähnlich gelagerte Fälle, verteilt über die ganze Bundesrepublik.
Neben den grauen Kapuzenpullis war den Fällen gemein, dass die meisten Opfer, wenn auch in unterschiedlicher Weise und aus verschiedenen Motiven, vermutlich vorher unter Druck gesetzt oder bedroht wurden. Und dass es in keinem der Fälle brauchbare Ermittlungsergebnisse gab. Nicht einer der Täter hatte ermittelt, geschweige denn festgenommen werden können.
Das traf auch auf den bisher gravierendsten Fall zu, der auch der letzte in der Akte war. Die Tat war am 7.12. in Essen begangen worden. Auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Kennedyplatz war ein Mann erstochen worden. Der Täter hatte ihm gegen 20:00 Uhr abends mit einem Messer in den Rücken gestochen. Mehrere Besucher hatten ausgesagt, dass sich ein junger Mann, bekleidet mit einem Kapuzenpulli, zum Tatzeitpunkt und in der Nähe des Tatorts auffällig aggressiv einen Weg durch die Menge gebahnt hatte. Er war nicht aufgehalten worden, da offenbar bis dahin niemand die Straftat bemerkt hatte. Bei dem Mordopfer handelte es sich um einen Essener Geschäftsmann, der unter anderem mehrere Restaurants und Bars betrieb. Neben Essen auch an anderen Orten im Ruhrgebiet, wie Bochum oder Dortmund. Er war für die Polizei kein Unbekannter, wurde er doch seit längerem mit Drogengeschäften und Geldwäschedelikten in Verbindung gebracht. Bisher konnte ihm aber nichts nachgewiesen werden.
Strecker war sich sicher, dass die Kollegen alles in ihrer Macht Stehende unternommen hatten und darüber hinaus eventuell übersehene Spuren mittlerweile erkaltet waren.
Daher und nicht nur aus einem Heimatgefühl heraus, beschloss er, sich auf den aktuellen Kölner Fall zu konzentrieren.
14.
Das Essen hatte ihn in seinem Entschluss bestärkt. Während der ganzen Mahlzeit hatte seine Mutter ihn genervt, mit ständigen Vorwürfen, vermeintlich gut gemeinten Ratschlägen und blödsinnigen Appellen an seine Vernunft. Ja, früher mag es anders gewesen sein, aber da gab es die heutigen Möglichkeiten ja noch nicht. Da musste man ständig beieinander hocken oder miteinander telefonieren. Dass man heute nicht zwangsläufig vereinsamte, wenn man nicht ständig miteinander quatschte, das bekam seine Mutter nicht in ihren Schädel. Dazu fehlte es ihr an Verstand und Verständnis. Im Gegenteil, er war bereits seit langem Mitglied einer großen Gemeinschaft. Auch wenn er seine Brüder nicht persönlich kannte, ihre Namen nicht wusste, war er doch mit ihnen verbunden, enger als mit dem, was seine Mutter ständig als Familie bezeichnete. Denn was waren sie schon? Seine sich im Haushalt langweilende Mutter, die ihm ständig auf die Nerven ging. Sein meist abwesender Vater, der, wenn er nicht gerade am Steuerknüppel eines Flugzeuges saß, irgendwo in der Weltgeschichte auf seinen nächsten Flug wartete. Oder sein schwachsinniger kleiner Bruder Thomas, der ständig vor dem Fernseher hockte und sich Zeichentrickfilme reinzog und dessen größter Spaß darin bestand zuzusehen, wie ihre Mutter ihm, seinem größeren Bruder, das Leben zur Hölle machte. Aber schon bald würde er selbst zum Mitgestalter der Hölle werden.
Neugierig, der Teller war noch nicht einmal halb leer, verzog er sich, die Drohungen und Beschimpfungen seiner Mutter einfach ignorierend, in sein Zimmer. Hatte er schon eine Antwort oder sogar einen Auftrag? Schon bevor er sich überhaupt hinsetzte, hatte er stehend über die Tastatur gebeugt, den Rechner entsperrt und die Webseite, über die er seine Bereitschaft erklärt hatte, wieder aufgerufen und nach einer Antwort geschaut. Und tatsächlich. Es gab eine Antwort. Aber noch keinen Auftrag. Jedenfalls keinen Auftrag, wie er ihn sich vorgestellt, wie er ihn sich gewünscht hatte. Stattdessen forderte der Meister ihn auf, ihm Informationen über ihn zu geben. Namen, Geburtsdatum, Namen von Familienmitgliedern und Freunden bzw. Schulkameraden, Schulnoten, eine Aufzählung der Orte, an denen er bereits gewesen war. Und aktuelle Fotos, von sich und anderen Familienmitgliedern wollte er auch noch. Wozu der Meister all das brauchte? Das hatte man ihm nicht offenbart und zu fragen getraute er sich nicht. Er musste Vertrauen haben, sollte keine Fragen stellen, sondern die Anweisungen befolgen. Das hatten sie ihm schon mitgeteilt, als sie ihn instruiert hatten, sich und seinen Rechner vorzubereiten. Auf die Kommunikation mit der Gemeinschaft.
Zuerst hatte er ein UNIX-System auf einem USB-Stick installieren müssen. Dann hatte er ein VPN aufgebaut, um die initiale eigene IP-Adresse zu verschleiern. Anschließend wurde der TOR-Browser installiert und um sich besser orientieren zu können nach dem „Hidden Wiki“ gesucht. Dann war er stundenlang auf den dunklen Seiten des viralen Universums herumgeirrt, hatte sich informiert, noch ziellos, nur von Neugierde getrieben, Link für Link ausprobiert. Mit der Zeit war er sicherer geworden, die Orientierungslosigkeit nahm ab, seine Kenntnisse nahmen zu. Sogar für die Dunkelheit gab es Suchmaschinen, zum Beispiel „Not Evil“ oder „Torch“, die einem halfen zu finden, was man finden wollte. Nur schauen, nichts kaufen, keine Daten preisgeben. Das Darknet ist voller Fallen. Voller Betrüger, die Waren anbieten, aber nach der Bezahlung nie zu liefern gedenken. Auch dafür gibt es Listen, die die Betrüger benennen, doch bevor ein Name auf die Liste kommt, hat es immer mindestens schon ein Opfer gegeben. Deshalb muss man vorsichtig sein. Wo Strafverfolgung nicht möglich ist, wo sich die Kommunikationspartner nicht persönlich oder auch nur namentlich kennen, ist Vertrauen umso wichtiger.
Das alles hatte man ihm bereits beigebracht. Deshalb zögerte er, als man ihn aufforderte, die Daten über sich selbst preiszugeben. Aber wenn er seinem Meister nicht vertrauen konnte, was hatte er dann im Darknet verloren.
15.
„Sie?“, fragte Hauptkommissar Strecker verdutzt nach. Ihren Anruf hatte er wahrlich nicht erwartet. „Sie werden doch keine Sehnsucht nach mir haben? Oder vielleicht doch?“
„Nicht direkt, aber sehen würde ich Sie trotzdem gerne“, war ihre Antwort. „Bitte kommen Sie umgehend nach Köln. In die Allerheiligenstraße, in die Wohnung der Familie Johann. Dort ist eingebrochen worden. Und ich dachte, das würde Sie interessieren. Auch, wenn das ja nun nicht mehr Ihr Revier ist.“
„Aber Ihres oder was?“, war seine schnippische Antwort.
„Das erkläre ich Ihnen besser hier vor Ort. Kann ich mit Ihnen rechnen?“, fragte sie nach.
„Ich bin so gut wie unterwegs. Bis gleich.“ Er beendete das Gespräch, erhob sich, griff sich seinen Mantel und verließ beinahe fluchtartig das Büro. Er war eigentlich schon an der Tür des Sekretariats vorbei, als er nochmals kehrtmachte, anklopfte und den Kopf zur Tür hindurch streckte. „Ich bin zu einem Außentermin nach Köln. In die Wohnung Johann. Ich denke nicht, dass ich heute nochmals in die Zentrale zurückkomme. Wenn was sein sollte, ich bin telefonisch erreichbar. Bitte entschuldigen Sie mich bei den Kollegen in der Nachmittagskonferenz.“
Bevor Frau Köster eine Chance zu antworten hatte, war die Tür wieder zu.
Eine knappe Stunde später kutschierte Strecker seinen Dienstwagen durch das Kunibertsviertel. Er hatte den Stadtverkehr vermieden, war rechtsrheinisch über die Flughafenautobahn nach Köln gefahren und den Rhein über die Severinsbrücke überquert. Dann war er über die Nord-Süd-Fahrt Richtung Ebertplatz gefahren und kurz vorher in das Viertel abgebogen. Hoffnung auf einen dem Ziel nahen Parkplatz hatte er nicht, aber er hatte noch nie ein Problem damit gehabt, in der zweiten Reihe zu parken. Das war in der Allerheiligenstraße aber auch wirklich kein Problem, denn es war eine Sackgasse. Und die war durch zahlreiche Einsatzfahrzeuge ohnehin schon verstopft. Der Hauptkommissar parkte seinen Wagen hinter dem Pulk, stieg aus, hielt einem ihm eifrig entgegeneilenden Schutzpolizisten seinen Dienstausweis vor das Gesicht und betrat durch die geöffnete Tür den Hausflur. Sie stand in der Wohnungstür im 1. Stock, zwar mit dem Gesicht in Richtung Wohnung, aber er erkannte sie auch von hinten. „Frau Garber. Was treibt eine Düsseldorferin nach Köln?“, fragte der Neuankömmling.
„Gehen wir kurz nach oben. Da können wir uns in Ruhe unterhalten. Ich würde Ihnen gerne einige Informationen geben, bevor wir uns mit dem Einbruch beschäftigen. Eigentlich hatte ich erwartet, dass Ihr Chef Sie informiert, aber …“
„Machen Sie es nicht so spannend“, unterbrach sie der Hauptkommissar. „Kommen Sie auf den Punkt.“
„Ich bin Ihre Nachfolgerin.“
Das kam unerwartet. Ganz genau erinnerte sie sich noch an ihre erste Begegnung, an ihren Disput, wie sie ihn vor versammelter Mannschaft, vor seinen Kollegen, zurechtgewiesen hatte. Damals in Bonn. Zwar hatte sich ihr Verhältnis danach entspannt, aber eine echte Partnerschaft hatte sich nicht entwickelt. Und nun hatte sie seinen Posten übernommen. Sie gab ihm einige Sekunden die Nachricht zu verdauen, bevor sie versuchte, ihm mit einer Erklärung zu helfen.
„Sie wissen ja, wie schwierig es für uns ist, neben dem Beruf ein privates Umfeld zu behalten. Und für Bundes- oder Landesbeamte ist das noch schwieriger, weil sie auch noch ständig unterwegs sind. Deshalb trug ich mich schon länger mit dem Gedanken, mir eine Stelle zu suchen, die mit weniger Reisetätigkeit verbunden ist. Als ich gehört habe, dass Ihre Stelle frei wird, habe ich Kriminalrat Brandt angerufen. Er kannte mich ja bereits vom Fatebug-Fall. Und jetzt bin ich hier.“
„Da hat der Kollege Brandt aber wirklich einen guten Griff getan“, returnierte Strecker. „Nein wirklich“, setzte er nach, als er ihren fragenden Blick sah. „Dass ich wegmusste, hat mir der Brandt ja klargemacht. Und im Nachhinein bin ich ihm dankbar. Ich war unzufrieden, mit der Situation und mit mir. Die Veränderung sehe ich als echte Chance. Und wenn eine …“, fuhr er mit einem Augenzwinkern fort, „die Lücke schließen kann, die ich hinterlassen habe, dann Sie. Und außerdem: Köln ist …“ Er stockte einen Moment. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, gehen wir jetzt an die Arbeit.“
„Ja. Köln ist gerade für mich die richtige Stadt. Jedenfalls musst Du das denken“, dachte sie sich, drehte sich um und ging die Treppe herunter in den ersten Stock. Der Strecker, den sie von früher kannte, hätte den Rest des Satzes nicht verschluckt.
Die Wohnung bot das übliche Bild der Verwüstung. Typisch für einen Einbruch, bei dem die Täter etwas suchten, aber nicht oder zumindest nicht gleich fanden. Sie hatten sich nicht damit zufriedengegeben, die Wohnung zu durchsuchen, sondern sie hatten sie völlig zerlegt. Schränke waren umgerissen, Schubladen und Wände zertrümmert, Polster aufgeschlitzt und ausgeweidet, selbst Herd und Kühlschrank hatten sie nicht verschont.
„Was haben die wohl gesucht?“, fragte Hauptkommissarin Garber.
„Etwas, was sie nicht finden konnten. Weil wir es haben“, antwortete Strecker. „Einen Laptop.“
„Wer hat den Einbruch gemeldet?“, wollte der Hauptkommissar wissen.
„Der Vater des vermissten Jungen. Werner Johann. Er ist gegen 11:00 Uhr von einer Dienstreise zurückgekommen. Er musste außerplanmäßig die Nacht in München verbringen, weil er seinen Flug verpasst hatte. Dienstreisen nach München sind nichts Außergewöhnliches, sein Arbeitgeber hat dort seine Zentrale. Herr Johann wollte eigentlich nur schnell seine Sachen wechseln, um dann in der Kölner Geschäftsstelle seines Arbeitgebers weiterzuarbeiten. Die ist ganz hier in der Nähe, in der Domstraße.
Als er zu seiner Wohnung kam, fand er dieses Chaos vor und hat die Polizei alarmiert.“
„Kann ich ihn sprechen?“, fragte der Hauptkommissar.
„Das ist im Moment schlecht. Er steht unter Schock. Wir mussten ihn ins Krankenhaus einliefern lassen, da er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte.“
„Dann fahre ich in das Krankenhaus. Wohin hat man ihn gebracht?“
„Ich begleite Sie gleich. Aber erst einmal muss ich mich hier kurz umsehen“, antwortete Frau Garber.
„Was wollen wir noch hier? Ist das hier nicht eher ein Platz für die Spurensicherung?“
„Schon, aber ich versuche noch Anhaltspunkte und Erklärungen für eine andere Sache zu finden. Wahrscheinlich die eigentliche Ursache für den Zusammenbruch von Herrn Johann. Seine Frau ist unauffindbar. Sie hätte zu Hause sein müssen. Er war schon den ganzen Morgen in Sorge, da seine Frau nicht auf seine Anrufe reagiert hatte. Deshalb ist er vom Flughafen auch gleich in die Wohnung gefahren. Als er das Chaos dort sah, hat er die 110 angerufen. Er hat dann die Wohnung durchsucht, aber keine Spur von seiner Frau gefunden. Die Streife war gerade eingetroffen, als er versuchte seine Frau auf ihrem Handy anzurufen. Und als es plötzlich in der Wohnung klingelte, ist er zusammengeklappt. Die Kollegen haben dann den Notarzt alarmiert, sich um den Mann gekümmert und uns alarmiert.“
„Sie vermuten, die Einbrecher haben die Frau mitgenommen?“, fragte der Hauptkommissar.
„Eine andere Erklärung habe ich im Moment nicht. Sie hätte zu Hause sein müssen und soweit wir bis dato wissen, hätte sie auch gestern Abend bzw. in der Nacht hier sein müssen. Und wenn sie bei dem Einbruch zu Hause war und jetzt unauffindbar ist, ist eine Entführung die wahrscheinlichste Erklärung“, sagte die Hauptkommissarin Garber.
„Das klingt nicht gut“, resümierte Strecker.
„Und deshalb müssen wir schleunigst ein Foto von ihr finden. Und sie zur Fahndung ausschreiben. Kommen Sie, helfen Sie mir suchen. Hier brauchen wir kaum Angst zu haben, dass wir Spuren verwischen könnten.“
Ein Foto hatten sie schnell gefunden. Aber sonst fanden sie nichts. Zumindest nichts Brauchbares.
„Fahren wir in das Krankenhaus. Vielleicht kann uns der Ehemann noch einige Hinweise geben. Oder zumindest uns die Aktualität des Fotos bestätigen“, schlug Strecker vor.
„Er liegt im Elisabethkrankenhaus. Das ist gleich …“
„Ich kenne mich hier aus“, unterbrach Strecker die Hauptkommissarin. „Wir treffen uns dort im Foyer.“ Dann war er auch schon weg.
Der Besuch war nicht ganz ergebnislos. Zumindest konnte Herr Johann bestätigen, dass das Foto seiner Frau einigermaßen aktuell war. Für diese magere Information hatten sie viel kämpfen müssen, denn die Ärzte wollten ihren Patienten völlig abschirmen, wollten absolut keinen Kontakt zulassen. Doch letztlich hatte Hauptkommissarin Garber den Stationsarzt überzeugen können, dass es für die Fahndung und wahrscheinlich das Überleben der Frau wichtig war, dass sie ihm zumindest das Foto zeigen konnten. Leider sollte der Arzt Recht behalten. Herr Johann schaffte es zwar noch, sich das Foto anzusehen, doch unmittelbar nach seinem auf die Frage der Hauptkommissarin folgenden Nicken, begannen die Monitore, mit denen sein Gesundheitszustand überwacht wurde, beinahe verrückt zu spielen. Noch während er eine Beruhigungsspritze aufzog, komplimentierte der Arzt sie aus dem Krankenzimmer.
„Ich fahre nochmals zurück zum Tatort“, sagte Frau Garber. „Vielleicht haben die Kollegen von der Spurensicherung ja noch etwas gefunden.“
„Kommen Sie doch morgen früh nach Meckenheim. Zum BKA“, schlug Strecker vor. „Dann können Sie uns gleich auf den aktuellen Stand bringen. Und wir können die Fahndungsmaßnahmen koordinieren.“
„Zum BKA?“, fragte die Hauptkommissarin unsicher zurück.
„Ja. Nach Meckenheim. Das kennen Sie doch. Bis morgen“, schloss Strecker, drehte sich um und ging, ohne zu ahnen, was er angerichtet hatte.
16.
Das hatte er sich ganz anders vorgestellt. Zwei Tage hatte er gebraucht um seinen Rechner zu konfigurieren, die ganzen Sachen über sich aufzuschreiben und an der vereinbarten Stelle im Darknet zu hinterlegen. Und jetzt das. Sein erster Auftrag. So hatte er sich seine ruhmreiche Zukunft nicht vorgestellt. Aber es könnte ja auch ein Test sein, eine Art Aufnahmeprüfung. Außerdem dürfte es kaum schwer werden, den Auftrag zu erledigen. Und eins muss man dem Meister lassen. Er hat ihn unter Beobachtung, hat unmittelbar auf seine Nachricht reagiert und ihm diesen ersten Auftrag erteilt. Ganz präzise hatte der Meister beschrieben, was er tun sollte, wo er es tun sollte, bis wann er den Job erledigen sollte und ihm zudem noch Tipps gegeben. Dass er vorher einen Fluchtweg auskundschaften sollte, dass er vorsichtig sein und die Tat nur ausführen sollte, wenn er sicher war, nicht beobachtet zu werden und natürlich, dass er sich nicht erwischen lassen sollte. Und wenn man ihn erwischen sollte, sollte er sagen, dass es eine Dummheit war, dass er sauer war, frustriert und sich irgendwie abreagieren musste. Dass er den Laden zufällig ausgewählt hatte. Dass es ihm leidtäte, er so etwas nie wieder tun würde.
Außerdem musste er noch einige Regeln lernen. Die erste bestand darin, zu beachten, dass er nie etwas aufschrieb, dass er keine Kopien oder Fotos machte, dass er alles auswendig lernte. Und dann natürlich auch noch, dass er mit niemandem, wirklich niemandem über die Bruderschaft, seine Mitgliedschaft und über seine Aufträge sprechen durfte. Aufmerksam sollte er sein, keine Fragen stellen und generell nichts infrage stellen. Gehorsam und Zuverlässigkeit waren die Säulen der Bruderschaft. Es gab keine zweite Chance. Beim leisesten Anzeichen von Ungehorsam oder Unzuverlässigkeit würde er sofort ausgeschlossen. Oder sogar ausgeschaltet. Zudem galt, dass er alles anziehen dürfte, außer einem grauen Kapuzenpulli. Denn das Recht den zu tragen, musste er sich erst verdienen.
Die Instruktionen fand er in einem Dokument, dass der Meister an einer speziellen Stelle im Darknet positioniert hatte. Er hatte ihm nur wenig Zeit gegeben, die Instruktionen zu lesen. Denn als er nach zwei Stunden nochmals nachsah, nicht weil es nötig gewesen wäre, sondern weil es ihn irgendwie stolz machte, weil er einfach den Auftrag noch einmal sehen wollte, da war schon alles weg. Die Nachricht, die er erhalten hatte, führte nun ins Nichts.
17.
Nun war es also passiert. Natürlich hätte sie dem ausweichen können. Aber das hätte die Spekulationen nur angeheizt und wäre auch nur ein Aufschieben gewesen. Dieser Fall hätte nicht passieren dürfen. Wie konnte sie auch nur so naiv gewesen sein? Wie konnte sie geglaubt haben, einer erneuten Begegnung aus dem Weg zu gehen? Um eine wirkliche Chance zu haben, hätte sie ganz woanders hingehen müssen. Nicht nach Köln. Gerade mal 20 Kilometer Luftlinie von Meckenheim entfernt. „Aber auch im hintersten Winkel der Republik“, tröstete sie sich, „wäre sie nicht sicher gewesen. Der Zuständigkeitsbereich des BKA war groß, so groß wie die Republik. Es hätte überall passieren können.“
Die Rückkehr in die Wohnung der Johanns hätte sie sich sparen können. Selbst, wenn ihre Kollegen noch eine Spur gefunden hätten. Sie wäre nicht in der Lage gewesen zuzuhören, Schlüsse zu ziehen und Anweisungen zu erteilen. Doch Gott sei Dank blieb ihr das erspart.
Das andere konnte sie sich nicht ersparen. Sie konnte auch nicht bis zum Morgen warten, durfte nicht riskieren, dass es zu einem überraschenden Wiedersehen kommen würde. Also musste sie ihn anrufen.
Die Nummer kannte sie noch auswendig. Sie musste es lange klingeln lassen. Eigentlich hatte sie sich schon mit der Mailbox abgefunden, als er sich doch noch meldete. War er beschäftigt oder nicht in der Nähe des Handys gewesen? Hatte er ihre Nummer oder gar ihren Namen im Display gesehen und sich nicht getraut das Gespräch anzunehmen? Egal, letztlich hatte er das Gespräch angenommen.
„Faber“, meldete er sich kurz.
„Ich komme morgen zur Frühbesprechung nach Meckenheim. Dienstlich. Strecker hat mich eingeladen. Ich konnte nicht absagen. Das ist alles“, antwortete sie. Dann legte sie auf. Mehr brauchte sie nicht zu sagen. Sie war sich sicher, dass Faber wusste, wie er sich zu verhalten hatte.
Das hatte sie auch von sich gedacht. Aber nun war sie sich nicht mehr so sicher. Wie sie in ihrem Bett lag, seit Stunden nicht einschlafen konnte. Schon als Strecker sie eingeladen hatte, fing sie an zu zweifeln. Und der Anruf hatte alles schlimmer gemacht.
Sie hatten gewusst, worauf sie sich einließen. Hatten gewusst, was sie riskierten. Es hatte seit dem ersten Treffen, damals in Meckenheim geknistert. Trotzdem hatten sie widerstanden. Den ganzen Fall hindurch. Hatten schon gedacht, sie hätten es überstanden. Dann waren sie sich unvermutet in Karlsruhe begegnet. Die Bundesanwaltschaft wollte sie wegen der Fahndung nach Fatebug sprechen, hatte sie eingeladen. Unabhängig voneinander, am selben Tag. Ohne sie gegenseitig zu informieren. Wozu auch? Und dann waren sie sich in der Hotelhalle über den Weg gelaufen, vollkommen unvorbereitet, ungeschützt, ohne ihre emotionalen Rüstungen.
Zwei Blicke trafen sich. Die Verabredung stand. Ohne ein Wort gingen sie zum Lift. Die Tür glitt auf, beim Einsteigen streiften sich zwei Körper. Nur ganz leicht. Faber drückte auf die „Zwei“. Sie standen nebeneinander. Den Rücken zum Spiegel, der die hintere Wand des Aufzugs bildete, die Gesichter zur Tür. Zwei Hände berührten sich, Finger verschränkten sich. Hand in Hand schlüpften sie aus dem Lift, rempelten fast gegeneinander, weil sie es nicht erwarten konnten, bis die Tür sich vollständig geöffnet hatte. Er zog sie nach links, nur zwei oder drei Meter den Gang hinunter. Dann blieb er vor einer Tür stehen, nestelte mit seiner freien, rechten Hand in seiner Hosentasche, holte die Schlüsselkarte heraus und zog sie durch den Schlitz der Türschließanlage. Das Licht am Türschloss flackerte kurz auf. Zweimal. Gemeinsam drängten sie sich durch die Tür. Wieder prallten ihre zwei Körper gegeneinander. Zwei Schritte bis zum Bett, jeweils zwei Hände, die Bluse und Hemd über die Köpfe streiften. Zwei Paar Schuhe fielen auf den Boden. Zwei Gürtel wurden geöffnet, zwei Hosen abgestreift, zwei Körper fielen auf das Bett. Zwei Augenpaare, die sich anblickten, die sich schlossen, als sich zwei Lippenpaare trafen, vier Hände, die über zwei Körper glitten, gierig, zu gierig für Zärtlichkeit. Dafür hatten sie zu lange gewartet. Zwei Finger glitten zwischen zwei Schenkel. Zwei Körper rieben sich aneinander, glitten aufeinander, prallten gegeneinander. Küsse, Speichel floss. Dann, unmöglich zu sagen, wie viel Zeit verstrichen war, rollten sie auseinander. Lagen jeder auf einer Seite jeweils am Rande des Doppelbettes. Zwei nackte Körper, voneinander abgewandt. Sie wussten, dass sie zwei Beziehungen ruiniert hatten. Und ahnten, dass sie keine Zukunft hatten. Zumindest keine gemeinsame Zukunft. Mit schlechtem Gewissen, aber immer noch gierig, rollten sie aufeinander zu. Da es keine Zukunft gab, war der Augenblick umso kostbarer.
Doch sie hatten den Augenblick verlängert. Die Begierde hatte über den Verstand gesiegt. Fast drei Monate mit verstohlenen Treffen in gestohlenen Momenten. Dann war Schluss. Nicht, dass die Begierde verloren gegangen wäre, aber die Vernunft gewann an zusätzlichen Argumenten. Das Leben in der Zeit ohne den anderen wurde immer unerträglicher, weil sie selbst immer unerträglicher wurden, gegenüber Freunden, Familienmitgliedern oder Kollegen. Und irgendwann neigte sich die Waage, konnten die wenigen Momente des gemeinsamen Glücks die Unerträglichkeit des Alltags nicht mehr aufwiegen. Sie beendeten die Affäre.
Danach hatten sie sich nicht wiedergesehen. Hatten nicht einmal miteinander telefoniert, waren sich bewusst aus dem Weg gegangen. Natürlich hatte er gehofft, dass sie sich auf die Stelle in der neuen Einheit bewerben würde und hatte gewusst, dass sie es nicht tun würde. Und er wusste, dass das richtig gewesen war. Wie hätte das gehen sollen, nach der Nacht in Karlsruhe? Nach den Nächten danach.
Die Tage waren vergangen, sie versuchten einander zu vergessen. Nun wusste sie, dass das nicht gelungen war, in dieser Nacht vor dem Wiedersehen, als sie keine Ruhe, keinen Schlaf finden konnte.
18.
„Das ist nicht euer Ernst?“ Er konnte es nicht fassen, als er wieder in die Werkstatt kam. Eigentlich war er guter Dinge gewesen, war zufrieden, als ihn die Nachricht seiner Kunden schon am Folgetag erreicht hatte. Sie hatten den Einbruch im Zuhause des Jungen bereits in derselben Nacht erledigt, ihn am frühen Morgen angerufen und ihn in die Werkstatt bestellt. Er war nicht darauf eingerichtet, hatte sich aber gleich auf den Weg gemacht. Denn er wusste, wie wichtig es war den Auftraggeber des Jungen zu finden und zur Strecke zu bringen. Er hatte das am Vortag nicht einfach so erzählt, er hatte aus tiefster Überzeugung gesprochen. Und es war gut gewesen, sich gleich auf den Weg zu machen. Wenn auch aus einem anderen Grund, denn es gab nun ein Problem, das er sich nicht hatte ausmalen können.
„Was sollten wir machen?“, fragte der Anführer der Gruppe. „Sie hat uns überrascht. Wir waren nicht maskiert, weil wir dachten, es wäre niemand in der Wohnung. Wir haben die Wohnung den ganzen Tag beobachtet, keiner ging rein, keiner ging raus und den ganzen Abend hatte kein Licht gebrannt. Aber kaum waren wir drin, da stand sie in der Tür.“
„Und dann nehmt ihr sie einfach mit?“, fragte der Consultant.
„Was sollten wir sonst tun? Wenn wir sie umgebracht hätten, wären die Bullen gleich aufgeschreckt worden, sobald sie ihre Leiche gefunden hätten. So haben wir zumindest das Timing in der Hand.“ Dass aus dem unvermeidbaren Mord nun ein Doppelmord werden müsste, war auch dem Consultant klar.
„Und was ist mit dem Computer des Jungen? Habt ihr den wenigstens?“
„Leider nein. Den haben wir nicht gefunden. Den konnten wir gar nicht mehr finden, weil er nicht mehr in der Wohnung war. Seine Mutter hat uns mittlerweile erzählt, dass die Polizei alle Geräte mitgenommen hatte, nachdem sie ihren Sohn vermisst gemeldet hatte.“
Dass dies die Wahrheit war, bezweifelte der Consultant keine Sekunde. Er brauchte sich die Frau nur anzusehen, wie sie dasaß. Zusammengesunken und festgebunden auf einem Stuhl, der Vis-a-vis gegenüber dem Stuhl stand, auf dem ihr Sohn fixiert war. Sie hatten ihm die Elektroden abgenommen und sie stattdessen an den Brustwarzen der Frau befestigt. Sie hatten sich nicht die Mühe gemacht ihre Bluse aufzuknöpfen, sondern sie ihr einfach, ebenso wie den BH heruntergerissen, sodass beide Kleidungsstücke nun knapp über ihrem Schoß hingen.
„Wisst ihr, auf welchem Revier sie die Anzeige erstattet hatte?“, fragte der Consultant.
„Ja. Auf dem Revier nicht weit von ihrer Wohnung. In der Stolkgasse. Warum?“
„Wir brauchen den Scheiß Computer trotzdem“, erklärte ihm der Consultant. „Ich habe keine Idee, wie wir den Auftraggeber sonst finden können.“
„Du willst bei der Polizei einbrechen?“, fragte sein Kumpan und schaffte es dabei zu grinsen. „Das kannst Du vergessen. Die Bullen, die das Zeug abgeholt haben, waren vom BKA. Das finden wir nie.“
Das war ihm nun auch klar. Die Geräte könnten in jedem Labor oder jeder Asservatenkammer des BKA sein. Selbst wenn sie den Ort finden würden, kämen sie dort nicht hinein. Diese Option war nicht mehr gegeben. Die einzige Spur, die sie noch hatten, waren die Ermittlungen der Polizei. Er musste mit Dimitri sprechen, ob er sich damit zufriedengeben würde, auf die Polizei zu vertrauen und den Fall, sprich den Auftraggeber nach seiner Festnahme zu erledigen. Das sollte in jedem Gefängnis klappen und würde sicher drastisch genug sein. Wenn da der Faktor Zeit nicht wäre. Denn er und Dimitri wussten, dass der Fall schnell erledigt werden musste. Und konnten sie sich da auf die Beamten verlassen? Aber sei´s drum. Er musste zu Dimitri, auch mit diesen schlechten Nachrichten.
„Was sollen wir mit den beiden machen?“ Die Frage seines Kumpans riss ihn aus seinen Gedanken.
„Na, was wohl. Wenn wir den Rechner nicht bekommen können, hat der Junge seinen Wert für uns verloren. Das Password oder sonstige Hilfe brauchen wir nicht mehr. Beide haben uns gesehen. Nehmt Plastiktüten und seht zu, dass sie eine ganze Weile nicht gefunden werden. Aber macht es so, dass es überraschend für sie kommt. Und so, dass sie sich nicht dabei ansehen können. Wir sind ja keine Unmenschen.“ Und deshalb hatte er auch darauf geachtet, dass die beiden Opfer ihre Unterhaltung und insbesondere seine letzten Anweisungen nicht hören konnten.
19.
„Frau Garber. Lydia. Schön Dich wiederzusehen.“ Hauptkommissar Faber begrüßte ihren Gast beinahe überschwänglich. Er erhob sich, als sie den Raum betrat, ging auf sie zu und gab ihr die Hand. Dann lotste er die Kölner Ermittlerin zu einem freien Platz, zog den Stuhl ein wenig zurück und bot ihr mit einer ausladenden Geste der rechten Hand den Platz an.
„Guten Morgen, liebe Kollegen“, eröffnete Hauptkommissar Faber die Sitzung. „Wir begrüßen heute hier unsere Kollegin, Frau Lydia Garber, bis vor kurzem noch Mitarbeiterin beim LKA, jetzt bei der Kripo in Köln und zuständig für den Fall Johann. Viele von uns kennen sie ja noch von gemeinsamen Ermittlungen aus der jüngeren Vergangenheit, deshalb und aus Zeitgründen, möchte ich auf eine förmliche Vorstellungsrunde verzichten und Frau Garber direkt bitten, uns über den Stand der Kölner Ermittlungen zu informieren.“
Die Hauptkommissarin bedankte sich, begrüßte ihrerseits die Runde und gab einen kurzen Bericht über den Stand ihrer Erkenntnisse.
Nachdem Hauptkommissar Strecker und sie sich am Vortag getrennt hatten, war sie sowohl nochmals am Tatort, als auch im Krankenhaus bei Herrn Johann gewesen. Wie sie befürchtet hatte, konnte Werner Johann ihr nicht viele hilfreiche Informationen geben. Lediglich seine Aussagen, dass seine Frau niemals ohne Handy aus dem Haus gehen würde und dass sie üblicherweise zuverlässig und regelmäßig auf Nachrichten reagierte, halfen, ihre Vermutung, dass die Frau die Wohnung nicht freiwillig verlassen hatte, zu bekräftigten. Zudem bestätigte er nochmals, dass das von den Ermittlern aus der Wohnung mitgenommene Foto seine Frau zeigte und ziemlich aktuell war. Die Fahndung nach Frau Johann war mittlerweile offiziell eingeleitet. Hinweise dazu waren bis dato nicht eingegangen. Auch die Befragung der Nachbarschaft hatte keine nennenswerten Ermittlungsansätze ergeben. Niemand hatte etwas gehört oder gesehen.
„Also“, kam Frau Garber zum Fazit ihres Berichtes, „keine Spur. Nicht von Ilse Johann und auch nicht von ihrem Sohn Marc.“
„Irgendetwas von den anderen Fällen?“, fragte Hauptkommissar Faber in die Runde. Keine Wortmeldungen. Sie traten auf der Stelle. „Wie sieht es mit den Anfragen an die Spieleanbieter aus?“
„Bisher nichts“, antwortete Kommissar Marten. „Keine Reaktion, nicht einmal negative Antworten.“
„Unser erster Fall. Die Bewährungsprobe für unser Dezernat und wir kommen keinen Schritt voran“, dachte Faber. „Zwei Menschen sind verschwunden und wir haben keinerlei Spur, noch nicht einmal eine Idee, wie wir sie finden könnten“, sinnierte er weiter.
Fast hätte er die Frage von Hauptkommissar Strecker überhört.
„Was hat der Junge denn vor seinem Verschwinden in Köln angestellt?“, wollte der neue Kollege wissen.
„Das wissen wir bis heute nicht genau. Es hat keinen Alarm oder eine Anzeige gegeben, die wir mit dem Treffen der Bande in Zusammenhang bringen konnten.“ Es war Franz Sehlmann, der Fallanalyst, der die Frage beantwortet hatte.
„Ist denn diese Versammlung der Bande am Ebertplatz von irgendwelchen Zeugen bestätigt worden?“, hakte Strecker nach.
„Ja.“ Wieder war es Kommissar Sehlmann, der das Antworten übernahm. „Zwei Streifenbeamte, die eigentlich gegen den am Ebertplatz grassierenden Rauschgifthandel vorgehen sollten, ist eine Gruppe von mit grauen Kapuzenpullis bekleideter Jugendlicher aufgefallen. Anlass zum Einschreiten oder die Gruppe genauer zu betrachten, gab es seinerzeit nicht, weshalb die Beamten auch keine detaillierten Beobachtungen machten. Die Gruppe schätzten sie auf sechs bis acht Personen.“
„Ist die Gruppe weiteren Passanten aufgefallen?“, fragte Hauptkommissar Strecker.
„Nein“, antwortete wiederum der Fallanalyst. „Auch die Auswertung der Kameras aus den U-Bahnen und Bussen, die zum fraglichen Zeitpunkt in der Nähe des Ebertplatzes eingesetzt wurden, hat nichts gebracht. Die Gruppe hat kein öffentliches Verkehrsmittel benutzt. Wenn der Anlass für das Treffen nicht in der Nähe lag, müssen sie zu Fuß zu ihrem Ziel gegangen sein.“
„Das klingt nach einem Anlass für einen ausgedehnten Stadtspaziergang“, dachte sich Strecker und verzichtete auf weitere Nachfragen zu dem Vorgang. Ein weiterer Aspekt beschäftigte ihn allerdings noch.
„Ich würde gerne noch besser verstehen, was es mit dieser Gemeinschaft auf sich hat, dieser ‚Assassin’s Breed‘. Ich denke, dass dies ein legitimes Interesse ist und auch für Frau Garber interessant sein dürfte“, hob er verteidigend an, als er die Reaktionen seiner Kollegen registrierte.
„Nein, absolut“, beschwichtigte Hauptkommissar Faber. „Die Kollegen schauen nur so ent- oder besser begeistert, weil Sie mit einem kleinen Versprecher den Nagel auf den Kopf getroffen haben. Das Computerspiel, das wir als Muster für das Vorgehen der Bande betrachtet haben, heißt eigentlich ‚Assassin’s Creed‘. Aber Sie haben natürlich recht, in Anbetracht des Tätigkeitsfeldes der sogenannten Gemeinschaft ist ‚breed‘ sicher die treffendere Bezeichnung. Auch was Ihr Anliegen angeht, liegen Sie richtig. Da die Mehrheit der Anwesenden mit der Thematik aber schon hinreichend vertraut ist, schlage ich vor, dass Kollege Marten Sie und Frau Garber im Anschluss an dieses Treffen separat umfassend informiert. Okay?“
Da es keine weiteren Wortmeldungen gab, erhoben sich die Anwesenden bis auf die Hauptkommissare Garber und Strecker, sowie Kommissar Marten.
20.
„Leo, schön dass Du mal wieder für uns arbeitest. Und ich meine das ehrlich, auch wenn es mich immer eine Stange Geld kostet, wenn ich Dich brauche.“
„Dimitri. Du weißt doch, dass ich für Komplimente nichts übrig habe. Und billiger wird es dadurch auch nicht.“
Normalerweise war es fast unmöglich, überhaupt einen Termin bei Dimitri zu bekommen. Kurzfristige Termine waren eigentlich ganz unmöglich. Aber wenn Leo einen Termin beim Botschafter brauchte, wusste Dimitri dass es wichtig war. Auch für ihn.
Leo war der Consultant. Ein Titel, den er sich dadurch verdient hatte, dass er für jedes Problem eine Lösung fand. Nicht, weil er ein Könner in einer oder mehreren Disziplinen war. Das traf auf Leo nicht zu. Er war der Mann für alle Fälle. Er war auch Dimitris Mann für alle Fälle. Und im Moment hatte er wieder einen solchen Fall.
Dimitri war der Botschafter. Der Botschafter der russischen Mafia für die Bundesrepublik Deutschland.
„Dieser Überfall ist ein schwerwiegendes Problem für mich“, räumte Dimitri ein. „Nicht, dass viel kaputtgegangen wäre. Und selbst wenn. Das lässt sich reparieren, das braucht nur ein wenig Zeit und eine angemessene Menge Geld. Aber der Reputationsschaden, den dieser Vorfall verursacht hat, der lässt sich nicht so einfach mit Geld reparieren. Das schadet unserem Ansehen, das gefährdet unser Geschäft, das ermutigt unsere Konkurrenten. Und wenn unser Geschäft gefährdet ist, bin auch ich gefährdet. Ich habe meine Vorgaben. Auch ich bin nur ein ausführendes Organ. Und wie für jedes Organ gilt auch für mich: Fehler werden nicht toleriert. Und für den Botschafter gilt, dass er, wenn er die Ziele nicht erreicht, abberufen wird. Und Leo, Du weißt was das bedeutet, wenn der Botschafter abberufen wird. Der Ruf bedeutet das Aus. Und häufig nicht nur im geschäftlichen Sinn.“
„Und was erwartest Du von mir?“, fragte Leo.
„Leo. Ich möchte wissen, wer das war. Wer das gemacht hat und wer das beauftragt hat. Und ich möchte das bald wissen, sehr bald.“
„Das wird nicht billig“, startete der Consultant.
„Leo“, unterbrach ihn der Botschafter. „Ich kenne Deinen Preis. Und ich gehe davon aus, dass Du meine Situation nicht als Notlage betrachtest, die Du ausnutzen kannst.“
„Nein. So meine ich das nicht“, antwortete der Consultant. „Wir werden investieren müssen. In Technologie, externen Sachverstand und Informanten. Wir müssen in Regionen forschen, in denen wir nur begrenzte Erfahrungen und Freunde haben.“
„Etwas hat uns der Junge, den wir geschnappt haben, ja schon verraten“, setzte Leo fort, nachdem ihn der Botschafter nur fragend angesehen hatte. „Er hat den Auftrag über das Internet bekommen. Das Darknet, um genau zu sein. Er wurde dort online rekrutiert, hatte nur online Kontakt mit seinem Auftraggeber und hat auch seinen Auftrag auf diesem Weg bekommen. Und daher werden wir im Internet nach den Antworten auf Deine Fragen suchen müssen. Deine Hausaufgaben hast Du schon gemacht?“, wandte sich der Consultant an den Botschafter.
„Natürlich. Die Videos aus dem Club haben wir ausgewertet, allerdings keine brauchbaren Hinweise erhalten. Hereingekommen sind sie durch die Tür. Ob der Doorkeeper mit ihnen gemeinsame Sache gemacht hatte oder nur unaufmerksam war, haben wir bereits recherchiert. Er wurde verhört. Ich denke, er hat sich nur überrumpeln lassen. Daher bekam er einen schnellen Tod. Auch den Sicherheitschef haben wir entsorgt. Er hatte einen Mann an die Tür gestellt, von dem wir kein Pfand in der Heimat hatten. Keine Eltern, Geschwister, Kinder, Frau, Freundin, nichts. Ein nicht entschuldbarer Fehler. Alle anderen, die dort beschäftigt waren, sind in die Heimat versetzt worden, die Mädchen haben wir weiter verkauft, nach Südeuropa. Aber wir kennen von allen den Aufenthaltsort, falls Du noch mit einer von ihnen sprechen willst. Aber setze nicht zu viele Hoffnungen da hinein. Wir waren schon gründlich. Aber Du hast gesagt, er hat sie online rekrutiert und geführt. Wie geht das denn?“
„Es hat mich auch überrascht. Das war auch für mich neu. Zumindest in diesem Zusammenhang. Online-Rekrutierung? Okay! Aber für die Verpflichtung und Steuerung von Gesetzesbrechern? Das scheint mir wirklich neu. Und wir müssen herausbekommen, wie er das macht, wie das funktioniert. Vielleicht lernen wir ja auch noch was für unser Geschäft. Mafia 2.0. Aber erst müssen wir investieren. Wie ich Dir schon gesagt hatte.“
„Ich gebe Boris Bescheid. Sag ihm, was Du brauchst. Er wird sich darum kümmern.“
21.
Das war nun also sein neues Leben. Stundenlang durch die feuchte Kälte latschen. Kaum jemand sonst schien sich dies anzutun, jedenfalls war die Gegend beinahe menschenleer. Was konnte man auch erwarten, es war ein lausiger Novembermorgen in Köln, in einer Gegend, in der man um diese Tageszeit nicht viel zu erwarten hatte. Für Party zu spät, zum Shoppen zu früh. Eigentlich war es schön, zumindest war es anders, als er es sonst kannte. Natürlich war er schon hier gewesen, hundertmal, tausendmal, wer zählt das schon. Zu Zeiten, in denen die Straßen gut frequentiert waren, manchmal so gut, dass es fast kein Durchkommen gab. Doch irritierender als die Leere war die Stille. Nichts, außer von leise und aus der Ferne kommendem Gemurmel, Gebrumme und Geklapper, verursacht durch die Straßenreiniger und ihre Maschinerie, war zu hören. Er schlug den Kragen hoch und die Mütze tiefer in das Gesicht, konnte aber die Kälte nicht aussperren. Mehr als eine Stunde schlich er nun schon um die Häuser. Doch er kämpfte nicht nur gegen die Kälte und die Müdigkeit, da war mehr, da war noch Angst. Der Meister hatte ihn instruiert, dass sie kommen würde, ihn beruhigt, dass sie unnötig wäre und ihm gesagt, wie er sie bekämpfen sollte. Leicht gesagt, leichtgläubig gehört. Schwer getan. Die Angst erwischt zu werden, war nicht das dominierende Kriterium. Nein, die Angst zu versagen, ließ ihn zittern, ließ ihn zaudern. Er hatte nur diese eine Chance, sein Leben zu ändern, ihm einen Sinn zu geben, Teil von etwas Großem zu werden. Diese Gedanken gaben ihm den entscheidenden Impuls.
Er beschleunigte seine Schritte. Noch zwanzig Meter. Seine Hand umklammerte den Gegenstand, den er schon die ganze Zeit in seiner Jackentasche verborgen hatte. Noch fünfzehn Meter. Sein Atem ging schneller, seine Sinne fokussierten sich nur auf das Eine, auf das Ziel. Seine Umwelt nahm er nur noch am Rande wahr, als wenn sie in einer Schneekugel gekapselt wäre. Noch zehn Meter. Seine Hand packte den Gegenstand in seiner Tasche noch kräftiger, sodass seine Finger förmlich schmerzten. Er beschleunigte nochmals, brachte sich auf Angriffsgeschwindigkeit. Noch fünf Meter. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Er zog seine rechte Hand aus der Tasche. Dazu musste er den Griff um den Gegenstand etwas lockern. „Verliere ihn bloß nicht“, ermahnte er sich selber. Alles gut. Er hob den Arm. Den Gegenstand nun wieder fest in der Hand umklammert, fixierte das Ziel, bewegte den Arm mit maximaler Geschwindigkeit Richtung Ziel und ließ den Gegenstand zum exakt richtigen Zeitpunkt los. So wie er es trainiert hatte, immer wieder. Ein ohrenbetäubender Knall, gefolgt von einem infernalischen Scheppern rief ihn zurück in die Realität. Er hatte die Scheibe mit dem Stein ziemlich genau in der Mitte getroffen. Die Aufschlaggeschwindigkeit und das Gewicht waren völlig ausreichend gewesen. Der Stein hatte ein mehr als faustdickes Loch in die Scheibe geschlagen, die darauf gesplittert war und sich in unzählige Bestandteile zerlegt hatte, deren Kontakt mit dem Boden das Scheppern verursacht hatte.
„Nichts wie weg!“, sagte er zu sich selbst, drehte sich nach rechts und rannte, so schnell er konnte. Er nahm den ersten Abzweig, den er erreichte, es ging nach rechts, aber die Richtung war ihm egal. Er wollte nur aus dem Sichtfeld des Tatorts heraus. Was ihm gelang, auf dem Weg, den er sich vorher ausgeguckt hatte. So wie der Meister es ihm empfohlen hatte. Noch ein kurzer Sprint in den nächsten Abzweig nach links, dann verlangsamte er sein Tempo. Er war weit genug weg, drehte sich sicherheitshalber nochmals um, um festzustellen, ob er verfolgt wurde. Nein. Dann galt es nun nur noch nicht aufzufallen. Erst jetzt registrierte er, dass sein kleines Herz scheinbar bis zum Hals schlug. Doch das beruhigte sich schnell, der Blutdruck sank mit jedem Schritt. Genauso wie sein Stolz mit jedem Meter wuchs, den er sich mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht weiter vom Tatort entfernte. „Gut!“ Es war nur eine kleine Aufgabe gewesen. Aber er hatte die Mission erfolgreich abgeschlossen, sich als verlässliches Mitglied der Gemeinschaft gezeigt und sich für weitere Missionen empfohlen.
22.
„Es hatte doch so ausgesehen, als wäre alles glattgelaufen“, dachte er sich. Kurz nach dem geplanten Termin des Anschlags waren zwei positive Rückmeldungen gekommen. Beide Assassinen hatten übereinstimmend gemeldet, dass der Club vorschriftsmäßig zerstört wurde. Na ja. Vorschriftsmäßig ist vielleicht nicht das ideale präzisierende Adjektiv für eine Zerstörung. „Ein Spaziergang“, „überraschend einfach“ und „hat Spaß gemacht“ waren andere Teile der Vollzugsmeldungen, die er erhalten hatte. Soweit so gut. Wenn da nicht die fehlende, dritte Rückmeldung wäre. Auch der Novize, Marc Johann war der Name, wenn er sich recht erinnerte, hätte eine Rückmeldung geben sollen. Hatte er aber nicht, jedenfalls bis jetzt nicht. Und einfach vergessen hatte der Junge das bestimmt nicht. Denn natürlich hatte er schon nachgehakt. Immerhin war der Überfall jetzt schon mehr als drei Tage her. Und schon vorgestern hatte er versucht, Kontakt mit dem Jungen aufzunehmen. Doch das Ergebnis war das Gleiche wie gestern und heute. Nichts. Der Junge hatte einfach nicht reagiert. Obwohl er ihn über alle ihm zur Verfügung stehenden Kanäle angefunkt hatte. Eigentlich war das unvorsichtig gewesen. Aber der Meister brauchte Klarheit. „Was konnte passiert sein?“, fragte er sich, spielte immer wieder alle ihm erdenklichen Szenarien durch. Er hatte zwischenzeitlich auch mittels aller ihm verfügbarer Medien und Wege recherchiert und keine diesbezüglichen Meldungen gefunden. Zuerst war er nur wütend, anfänglich auf den Jungen, ob seiner Fahrlässigkeit in puncto Kommunikation, dann auf sich selbst, weil er Zeit, viel Zeit für die Recherchen verschwendete, ohne den geringsten Hinweis zu finden. Dann fing er an, sich Sorgen zu machen. Zuerst nur um den Jungen. Was, wenn er verletzt oder gefangen war? Dann über die Auswirkungen auf sein Geschäft. Was, wenn er redete? Was wusste er? Was konnte er verraten? Plötzlich wechselte die Sorge zu Panik. Denn ihm war etwas aufgefallen. Er hatte nicht nur nichts über den Jungen finden können, nein, der gesamte Überfall war nirgends erwähnt worden. So, als hätte er nie stattgefunden. Unmöglich. Seine Gefolgsleute waren zuverlässig, würden nie lügen. Doch heutzutage wurde doch über alles berichtet. Jeder Einsatz von Polizei, Feuerwehr oder anderen Einheiten tauchte irgendwo auf. Es sei denn, es hätte gar keinen Einsatz gegeben. Aber ein brachialer Überfall auf einen renommierten Club. Wenn da die Alarmglocken läuten, ist doch auch die Journaille gleich vor Ort. Es sei denn, die Glocken hätten gar nicht geläutet. Vielleicht waren die Einsatzkräfte nie alarmiert worden. Aber warum nicht? Keine Polizei, keine Schadenmeldung an die Versicherung, kein Schadenersatz. Wer …? Die Panik schwoll an.
Mit unglaublicher Geschwindigkeit flogen seine Finger über die Tasten, sein Blick wechselte ständig zwischen Bildschirm und Tastatur. Und mit jeder Website, die er aufrief, wuchsen Panik und Gewissheit. Die Gewissheit, dass die Panik zu Recht vorhanden war. Es hatte keine zehn Minuten gedauert und er wusste, was er besser schon vorher recherchiert hätte. Bevor er den Auftrag für den Überfall angenommen hatte. Jetzt konnte er sich vorstellen, was dem Jungen passiert sein könnte. Jetzt konnte er nur hoffen, dass sie ihn nicht lebend gefangen hatten. Er konnte aufhören nach dem Jungen zu suchen. Und er musste prüfen, dass es wirklich keine Spuren zu ihm und anderen Mitgliedern der Gemeinschaft gab. Und ab jetzt musste er vorsichtiger sein, die Aufträge kritischer prüfen. „Noch mehr Arbeit“, stöhnte er vor sich hin.
23.
„Das Darknet ist so etwas wie der Wilde Westen des Internets“, erklärte Kommissar Marten seinen beiden Kollegen. „Eigentlich funktioniert es genauso, wie das gewöhnliche Internet, nur ist im Darknet die Anonymität noch größer.“
„Aber wir hatten doch im Fatebug-Fall schon hauptsächlich mit der Anonymität der Nutzer in den Netzwerken zu kämpfen. Geht es denn noch schlimmer?“, fragte Hauptkommissar Strecker.
„Leider ja“, erwiderte Marten. „Im gewöhnlichen Internet können sich zwar Nutzer von Anwendungen, wie Facebook, Google und Co., auch anonyme Profile anlegen und diese zur Verschleierung ihrer Identität nutzen, aber immerhin kennen die Anbieter der Netzwerke die technische Identität des Nutzers. Das ist seine sogenannte IP-Adresse, eine eindeutige Kennung eines technischen Zugangspunktes des jeweiligen Nutzers zum Internet. Und diese IP-Adresse kann man einem physikalischen Ort zuordnen, einem Netzwerkzugang, sei es ein Router oder eine sonstige technische Einheit. Da die Besitzer dieser Einheiten offiziell oder den Dienstleistern bekannt sind, besteht zumindest aus kriminalistischer Sicht ein Ansatz für die Ermittlung des jeweiligen Nutzers. Schwierig wird es natürlich, wenn der Zugang öffentlich ist, deshalb haben wir uns auch nicht über die Öffnung vieler WLAN-Zugänge als sogenannte Hotspots gefreut, über die viele Nutzer gleichzeitig über eine IP-Adresse in das Internet gehen. Aber zumindest besteht auch hier die Möglichkeit, sich die Gerätenummern zu beschaffen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt den Hotspot benutzt haben. Die sozialen Netzwerke kann man prinzipiell mit so einem Hotspot vergleichen. Da hat nur der Netzwerkanbieter die Informationen, über welche IP-Adresse welches Profil angelegt wurde.
Das Problem im Fatebug-Fall war, dass sich die Netzwerkanbieter geweigert hatten, uns die bei ihnen gespeicherten Daten zur Verfügung zu stellen. Vereinfacht dargestellt, kommunizieren im Internet immer zwei IP-Adressen über eine, für die Dauer der Kommunikation stabile Verbindung miteinander. Oder plastischer beschrieben, gibt es einen, die beiden Kommunikationspartner direkt verbindenden Draht. Peer to Peer nennen die Spezialisten das. Im Darknet ist das insofern anders, als dass dieser Kommunikationskanal nicht direkt ist, sondern die Verbindung wird über unterschiedliche Einrichtungen, mit jeweils eigenen IP-Adressen aufgebaut. Es gibt also keine direkte Leitung, sondern mehrere Stücke, die nur zusammengestöpselt die Verbindung zwischen den beiden Kommunikationspartnern möglich machen. Eine Verbindung besteht also aus mehreren Teilstrecken und über jeden Knoten sind mehrere User mit jeweils eigenen IP-Adressen und eigenen Zieladressen eingeloggt, sodass es sehr aufwendig ist, das Ziel eines verdächtigen Nutzers zu finden.
Und perfiderweise haben wir dafür auch nicht viel Zeit, weil das System die Teilstrecken, über welche die Verbindung letztlich hergestellt wird, immer wieder neu zusammensetzt. Fazit: Eine Ermittlung der Zieladresse, mit der unser Verdächtiger kommuniziert, ist faktisch kaum möglich.
Um diese verschleierten Kommunikationsmöglichkeiten nutzen zu können, müssen die Nutzer spezielle Browser einsetzen. Der bekannteste dieser Browser heißt TOR. Ach ja, natürlich wird auch die gesamte Kommunikation verschlüsselt, sodass ein Mitlesen ebenfalls nicht möglich ist. Eine weitere Besonderheit des Darknet ist die Intransparenz der Inhalte. Für das gewöhnliche Internet gibt es ja Suchmaschinen, wie Google oder Bing. Diese erstellen automatisch ein Verzeichnis anhand dessen man Inhalte, die einen interessieren finden und anspringen kann. Dadurch hat man eine Art Navigationssystem, das dem Nutzer hilft, seine potenziellen Ziele zu finden. Die Suchmaschinen erstellen eine Art dynamische Landkarte, anhand derer der Nutzer sich einen Überblick über den Inhalt des Netzes zu einem Thema verschaffen kann. Eine derartige komfortable Unterstützung gibt es im Darknet nicht. Die meisten Inhalte des Darknets sind selbst von den speziellen Suchmaschinen nicht zu finden. Der Nutzer muss eigenständig zum Ziel fahren, das heißt er muss den Weg zum Ziel selber kennen. Wer den Weg nicht kennt, findet das Ziel bestenfalls zufällig. Und in Anbetracht der Millionen von Seiten im Darknet, ist die Wahrscheinlichkeit des glücklichen Zufalls nahezu null. Daher weiß auch niemand, was so alles im Darknet publiziert und angeboten wird. Man weiß, dass es alles gibt: Drogen, Waffen, Kinderpornografie, Menschenhandel, Hehlerware, aber in welchem Umfang, das wissen wir nicht.“
„Aber wie finden die Interessenten denn die Inhalte?“, fragte Frau Garber nach. „Die haben doch auch, zumindest am Anfang, das Problem, dass sie vor einem Universum von Möglichkeiten stehen und nicht wissen, wo sie hinmüssen.“
„Ganz archaisch“, antwortete der Experte. „Einerseits über Flüsterpropaganda. Innerhalb der Interessengruppen gibt es Bekanntschaften, in der Regel natürlich nur über ihre Avatare, wo der eine dem anderen Tipps oder Empfehlungen gibt. Darüber hinaus gibt es Chatgruppen, Foren und sogar Marktplätze für bestimmte Güter. Wenn man einmal drin ist, ist es einfach. Deshalb ist eine der klassischen Ermittlungsmethoden auch hier die Einschleusung von V-Leuten oder einfach mitzuspielen, sich also als Käufer für bestimmte Artikel auszugeben.“
„Aber irgendwann muss doch Ware geliefert und bezahlt werden?“, hakte die Hauptkommissarin nach.
„Hier kommen Kryptowährungen, wie Bitcoin und Treuhandbörsen in das Spiel“, erläuterte Kommissar Marten. „Der Käufer kauft, hinterlegt einen bestimmten Betrag in einer Kryptowährung beim Treuhänder, der das Geld erst für den Käufer freigibt, sobald der Käufer die Ware erhalten hat. Die eigentliche Lieferung erfolgt über den Postweg. Um Zufallsfunde oder Pannen bei der Übergabe an den Käufer zu minimieren, kommen vermehrt auch Paketboxen in das Spiel, in die der Verkäufer liefern lässt und aus denen sich der Käufer die Ware später abholt.“
„Und was hat das konkret mit unserem Fall zu tun?“, wollte Strecker nun wissen.
Kommissar Marten hatte Mühe seine Verwunderung in den Griff zu bekommen. Ein Stirnrunzeln konnte er angesichts der aus seiner Sicht naiv anmutenden Frage nicht vermeiden. Immerhin gelang es ihm ruhig und sachlich zu antworten. „Nun der Führer der Gruppe nutzt das Darknet für die Steuerung der Mitglieder. Er hinterlässt Nachrichten für die Mitglieder in im Darknet hinterlegten Dateien. Auch die Chaträume dort nutzt er. Wir haben zwar keine dieser Dateien gefunden, da er sie offenbar recht kurzfristig wieder löscht, wissen aber durch die auf dem Computer des verschwundenen Jungen gefundenen Informationen, dass sie existiert haben müssen. Was wir nicht wissen, aber vermuten, ist, dass er auch mit den Kunden der Gemeinschaft über das Darknet kommuniziert. Wahrscheinlich irgendwo über einen Shop seine Leistungen anbietet, Aufträge erhält und wahrscheinlich auch den Zahlungsverkehr abwickelt.“
„Fragen?“, hakte Kommissar Marten nach, „Wenn nicht, schlage ich vor, dass wir eine kurze Pause machen und uns danach über das Thema Computerspiel unterhalten.“ Als von seinen beiden Zuhörern nur Schweigen als Antwort kam, stand er auf und sagte: „Dann machen wir jetzt 15 Minuten Pause“ und verließ das Büro.
24.
„Du bist verrückt! Das ist doch Wahnsinn!“
„Nur weil es schwierig scheint, können wir das Naheliegende nicht sein lassen!“
„Aber beim BKA einbrechen“, setzte Boris mit einem ungläubigen Kopfschütteln fort. „Wie sollen wir das denn bewerkstelligen? Die hocken doch in einer Festung, die sind doch gegen alles abgesichert.“
Boris war der operative Chef der russischen Mafia in der Bundesrepublik. Er war zuständig für die Verwaltung der Finanzen, die Führung der laufenden Geschäfte und für das Personal. Seine Aufgaben- und Machtfülle war immens. Verglich man die Mafia mit einem normalen Konzern, war er CFO, COO und HR-Leiter in Personalunion. Und das immerhin in einer Organisation mit mehreren tausend Mitarbeitern. Und da er diese Aufgaben schon seit einigen Jahren erfolgreich meisterte, in einer Organisation, die Fehler nicht tolerierte, war man gut beraten, seine Meinung ernst zu nehmen.
Der Consultant wusste das. Er schätzte den kleinen, korpulenten Mann. Boris war höchstens 1,65 Meter groß, brachte dafür aber wahrscheinlich um die 100 Kilo auf die Waage. Da sich die Mehrheit seiner Kilos in Hüfthöhe befand und dann nach unten wie oben abnahm, drängte sich das Bild einer Kugel förmlich auf. Nein, zwei Kugeln, denn auf der größeren unteren Kugel jonglierte er eine zweite kleinere, mit einem kleinen, mit erstaunlich vollen Lippen umrahmten Mund, einer kleinen, spitz zulaufenden Nase und zwei ebenfalls kleinen, wachen, braunen Augen. Seine erstaunlich buschigen, tiefschwarzen Augenbrauen konnten das fehlende Haupthaar über seiner hohen Stirn allerdings nicht kompensieren. Nur an den Seiten des Kopfes sprossen noch Haare, allerdings in zunehmendem Grau, das seine ehemals pechschwarzen Haare mehr und mehr verdrängte.
„Sie haben das, was wir brauchen“, setzte Leo fort. „Was wir unbedingt brauchen, weil es unsere letzte Spur sein dürfte. Alle anderen Möglichkeiten hat Dimitri schon durch seine Untersuchungen ausgeschlossen. Also bleibt uns nur das digitale Vermächtnis des Jungen.“
„Und wie hast Du Dir das vorgestellt?“, fragte Boris und legte seine hohe Stirn in Falten.
„Da bin ich offen für Vorschläge“, spielte der Consultant den Ball mit einem Lächeln zurück.
„Da Du mich mit Deinem Vorhaben zugegebenermaßen überrascht hast, muss ich darüber noch nachdenken. Bevor wir uns da festlegen, sollten wir auch noch Erkundigungen einziehen. Wir müssen uns den Laden erst ansehen, Sicherheitseinrichtungen, Zuständigkeiten und den ganzen Kram. Wir sind ja nicht die Polizei, können da nicht mit einem Durchsuchungsbeschluss einmarschieren, die Bude auf den Kopf stellen und mitnehmen, was uns interessiert.“
„Wie lange wirst Du brauchen?“, fragte Leo.
„Keine Ahnung. Und erspare uns Deine Vorgaben oder Wünsche“, ergänzte Boris mit leicht angehobener Lautstärke, als der Consultant ansetzte ihn zu unterbrechen. „Ich weiß, dass wir es eilig haben. Deshalb verschwinde jetzt und lass mich meine Arbeit machen. Du bekommst Bescheid, sobald ich genügend Informationen habe. Es war mir ein Vergnügen.“
„Ich erwarte Deinen Anruf“, sagte der Consultant. Er erhob sich, reichte Boris die Hand über den sie trennenden Schreibtisch und verließ den Raum.
25.
Endlich! Er hatte gefühlt schon mindestens fünfzigmal in dem geheimen Briefkasten nachgesehen. Der Meister war nervös gewesen, hatte Zweifel gehabt, wusste, dass er sich nicht die eigentlich notwendige Zeit bei der Auswahl genommen hatte. Musste er den Neuen auch abschreiben, genauso wie diesen Marc Johann? Denn der würde nicht mehr zurückkommen. Nachdem er Tage auf ein Lebenszeichen gehofft hatte, musste er jetzt hoffen, dass Marc tot war und sein Geheimnis, ihr Geheimnis mit in sein Grab genommen hatte. Das war schade. Weil er Potenzial in dem Jungen gesehen hatte. Drei Aufträge hatte er für ihn schon ausgeführt. Richtige Aufträge, keine Probearbeiten, kein bloßes Einwerfen der Scheibe eines Ladenlokals, wie es der Nachfolger heute Morgen machen sollte. Aber immerhin hatte der Nachfolger die regionale Lücke geschlossen. Das war auch ein Parameter bei der Auswahl seiner Gefolgsleute, die Regionalität. Er versuchte mit seinen Jüngern, ein die Bundesrepublik möglichst überspannendes Netz zu bekommen. Das vermied lange Reisen. Nicht, dass es ihm um das Sparen von Reisekosten gegangen wäre. Die zahlten seine Gefolgsleute selber. Aber Auswärtseinsätze waren langwieriger in der Vorbereitung. Natürlich wollten und sollten, die mit der jeweiligen Ausführung der Taten beauftragten Jünger sich die Ausführungsorte vor der Tat ansehen. Nach Deckungen und Fluchtmöglichkeiten suchen, möglichst gute Zeiten für die Durchführung ausbaldowern. Insbesondere letzteres konnte, zum Beispiel wenn Personen das Anschlagsziel waren, schon einiges an Beobachtungszeit erfordern. Um die Lebensgewohnheiten der Zielpersonen kennenzulernen, mussten sie beschattet werden. Und das war nicht einfach für einen Jugendlichen in einer fremden Stadt, insbesondere, wenn er morgens zur Schule musste. In seiner Heimatstadt.
Da! Endlich hatte sich der Neue zurückgemeldet. Hastig überflog der Meister den Bericht in dem Briefkasten.
„… erfolgreich ausgeführt!“, waren die letzten Worte. Damit war er zufrieden, aber der Rest des Berichts zeigte ihm, dass der Neue noch nicht so weit war. Drei Stunden war der Junge laut seinem Bericht um sein Ziel herumgeschlichen, zu einer Zeit, in der es in der Nähe des Tatortes, wie es ebenfalls in dem Bericht stand, „gottverlassen“ war. Da wäre es besser gewesen, schnell zuzuschlagen, anstatt zu riskieren, durch immer neue Annäherungen an das Ziel aufzufallen. Im ungünstigsten Fall sogar noch gefilmt zu werden. Es gab immer mehr Kameras und die wurden immer kleiner, konnten häufig nur mit Mühe und Glück entdeckt werden. Doch egal. Grübeln half hier nichts mehr. Er würde abwarten müssen, ob der Junge erwischt werden würde. Bis dahin würde er ihn in Ruhe lassen müssen, schon zur Sicherheit, um keine aktuellen Bande zwischen ihnen zu etablieren, die für Verfolger zur Spur werden könnten. Nur eines blieb im Moment noch zu tun. Den Neuen an sich zu binden, ihn zu belohnen, ihn in die Gemeinschaft aufzunehmen. „Gut gemacht!“, schrieb er in einen neuen, extra für die Antwort erstellten Briefkasten.
„Kauf Dir einen grauen Hoodie. Aber in einem großen Geschäft. Nicht im Internet bestellen. Ich melde mich für einige Zeit nicht. Sieh aber täglich nach, ob wir Dich brauchen.“
26.
Es hätte nicht passieren dürfen, aber natürlich war es passiert. Sie hatte ihn getroffen. In der Kaffeeküche. Und hatte sie es schon als schwierig empfunden, ihre Gefühle im Besprechungsraum zu kontrollieren, so erschien ihr dies nun rückwirkend als leichte Übung. Dort war sie vorbereitet gewesen, geschützt auch durch das Korsett der Öffentlichkeit. Diese Hilfen gab es in der Kaffeeküche nicht, dort war sie ungeschützt, überrascht. Als sie um die Ecke bog, die Gedanken auf den Fall gerichtet und dann so plötzlich in ein Chaos stürzte. Da waren sie wieder, die Gefühle aus der Vergangenheit. Die Begierde war wie ein Tier, hatte das in Sekunden freigescharrt, was sie über Monate zu vergraben versucht hatte. Sofort hatten sich ihre Augen getroffen. Und was sie gesehen hatte oder zu sehen geglaubt hatte, hatte ihre Gefühlswelt in ein noch größeres Chaos gestürzt. Schmerz, Trauer, Hoffnung und Angst, alles in einem Blick, in zwei Augenpaaren.
„Hallo“, hatte sie gestammelt und so ein Gespräch eröffnet, das nicht zu ihrer beider Gedanken und Gefühlen passte. Belangloses Geschwätz über den Fall, um abzulenken von den eigentlichen Gefühlen, um sie zu unterdrücken, nicht gleich zu kapitulieren. Fast war sie froh gewesen, als Strecker hinzukam und die Intimität des Augenblicks sprengte. Überrascht, fast beschämt hatten sie ihre Köpfe gesenkt, den Blickkontakt abgebrochen und begonnen, sich auf ihr Gespräch zu konzentrieren. Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit hatte sie dann die Flucht ergriffen. Doch es war zu spät. Es war als hätte eine Harpune ihr Herz getroffen und je weiter sie sich von ihm wegbewegte, desto straffer wurde das Seil, desto schwerer wurde die Last, desto größer wurde der Schmerz.
Jetzt saß sie wieder mit Marten und Strecker im Büro. Doch nur körperlich, ihre Gedanken waren woanders, kreisten um ihn, gleich Trabanten, die ihren Planeten umkreisen, ihn aber nicht erreichen können.
Nur gedämpft, wie durch eine dicke Watteschicht, vernahm sie die weit entfernte Stimme von Kommissar Marten, der versuchte, ihnen die Welt zu erklären. Die Welt der Spiele, die nichts mit ihrem Leben und ihren Gefühlen zu tun hatte. Denn das war kein Spiel.
„Viele Spiele werden heutzutage online gespielt“, erläuterte der Kommissar. „Das impliziert, dass die Spielprogramme nicht auf den Rechnern der Spieler installiert sind, sondern auf den Servern der Anbieter. Bevor Missverständnisse auftreten. ‚Assassin’s Creed‘ ist gar kein typisches Onlinespiel. Die dritte oder vierte Ausgabe hatte zwar eine entsprechende Erweiterung für das Zusammenspiel mehrerer Spieler enthalten, doch andere Spiele setzen deutlich mehr auf Kooperation der Spieler. Aber ‚Assassin’s Creed‘ passt halt gut von der Geschichte her. Eine verschworene Gemeinschaft, die Anschläge ausführt, eben ganz wie in unserem aktuellen Fall. Zusammenarbeit wird am intensivsten in Kriegsspielen genutzt, insbesondere in solchen, in denen kleine militärische Spezialeinheiten schwierige Aufträge durchführen. Typische Vertreter heißen ‚Counterstrike‘, ‚Call of Duty‘. Natürlich gibt es auch Sport- und Rennspiele oder auch Mischformen, wie ‚Grand Theft‘. Es gibt Hunderte solcher Spiele und täglich kommen neue hinzu. Der vermisste Junge hat aber fast ausschließlich Kampfspiele gespielt. Viele dieser Spiele bieten neben dem eigentlichen Spiel Funktionen, mittels derer die Spieler während des Spiels miteinander kommunizieren können. Aber diese spielspezifischen Kommunikationshilfen braucht man gar nicht unbedingt, denn es gibt auch eigenständige Programme, die die Kommunikation zwischen den Nutzern während des Spielens ermöglichen. In der Regel über Chat- oder Sprachkanäle. Das wahrscheinlich meist genutzte Werkzeug heißt ‚Teamspeak‘, aber derzeit boomt ein neues namens ‚Discord‘. Auch diese beiden Programme, das hat die Analyse seines Rechners gezeigt, hat Marc Johann benutzt. Ihr seht, das Feld ist groß und wird täglich größer. Aber Details müsst Ihr wahrscheinlich gar nicht kennen, nur dass man heutzutage jederzeit von jedem Ort mit Internetzugang mit jedwedem beliebigen anderen Spieler zusammenspielen und dabei per Sprache oder Chat kommunizieren kann. Das ist unsere Aufgabe, die der IT-Spezialisten, diese digitale Welt zu durchsuchen und Spuren zu finden. Spuren, die in die reale Welt führen, wo Ihr sie dann weiterverfolgen könnt.“
27.
Diesmal war es anders. Er fühlte sich anders. Größer. Hatte er sich früher nur mit Widerwillen, fast mit Angst auf den Weg gemacht, so konnte er es dieses Mal kaum erwarten hinzukommen. Dass das Wetter widerwärtig war, dass es stürmte und es regnete, war ihm egal. Der Regen perlte an ihm ab, der Wind biss, aber er ignorierte den Schmerz. Er hatte sich eingehüllt in seine Gedanken, fühlte sich mächtig und unangreifbar. Was konnte ihm da so ein bisschen Wetter schon anhaben. Im Bus saß er wie immer schweigsam auf seinem Platz. Die Augen starr auf das Display seines Handys gerichtet, den Rest der Außenwelt sperrten seine Kopfhörer aus. Auf seinem Smartphone lief zwar ein Video, aber davon bekam er eigentlich gar nichts mit. Denn in seinem Kopf lief ein ganz anderer Film ab. Immer wieder sah er den Stein auf die Scheibe aufschlagen und zurückprallen, sah das kleine Loch in der Scheibe, die sich schnell ausdehnenden Risse und hörte das ohrenbetäubende Getöse, als alles undurchsichtig wurde und das Glas in tausend kleine Stücke zerbrach und mit lautem Geschepper auf die Straße und in die Auslage fiel.
Fast hätte er seinen Halt verpasst. Gerade noch rechtzeitig bemerkte er, dass alles um ihn herum in Bewegung geraten war, sich eine Unmenge von Leibern, drängelnd und fluchend in Richtung der Türen bewegte und sich in den, sich aus mehreren Bussen nährenden Strom von Schülern mischte, der sich langsam über den Hof auf den Eingang des Schulgebäudes zubewegte. Rasch raffte er seine Utensilien zusammen, verstaute das Handy in der Jackentasche, warf sich seinen Rucksack über die rechte Schulter und schloss sich der Prozession an. Er war einer von Vielen, obwohl er nun gar nicht mehr so recht dazugehörte, denn er war nun auch einer von Wenigen, einer der Auserwählten. Gestern hatten sie sich noch über ihn lustig gemacht, aber schon bald würden sie ihn fürchten. „Ein Wolf unter Lämmern“, dachte er sich, während er sich die Kapuze über den Kopf zog. Und der Wolf, der war er.
28.
Boris hatte keine Zeit verloren. Denn er wusste, dass die Angelegenheit drängte. Er war als umsichtig bekannt, versuchte die Zukunft zu antizipieren und hatte seinen Chef schon zahlreiche Male damit überrascht, ihn verblüfft, wie schnell die Organisation handlungsfähig war. Aber einen Einbruch beim BKA, wie hätte er den voraussehen und vorbereitende Maßnahmen treffen können? Aber er hatte. Natürlich hatte er keine Baupläne, Schlüssel oder Zugangscodes. Aber einen Informanten, den hatte er. Und er war, rückblickend betrachtet, gar nicht teuer gewesen. Gestern hätte Dimitri die Angelegenheit wahrscheinlich noch anders beurteilt. Was Boris durchaus hätte nachvollziehen können, denn wenn du jeden Monat 1000 Euro an jemanden zahlst und keinerlei Gegenleistung dafür bekommst, dann sieht das erst einmal nach einer schlechten Investition aus. Das war im Übrigen nicht die einzige Position dieser Art in ihrem Budget. Und viele dieser Positionen hatte er in der Vergangenheit gegenüber Dimitri verteidigen müssen. Was meist schwierig war, denn wenn man Geld für Vorsorge ausgibt, hat man erst einmal nichts davon. Jetzt etwas geben, um später vielleicht davon zu profitieren, fällt vielen schwer. Er hatte immer damit argumentiert, dass diese Positionen wie Versicherungen zu betrachten sind. Dargestellt, dass man jetzt ein wenig gibt, um später im Bedarfsfall den Schaden zu minimieren. Aber eine solche Argumentation bleibt natürlich immer hypothetisch. Es sei denn, du bekommst einen Präzedenzfall. Und den hatte Boris jetzt.
„Nein, Du suchst ihn noch heute auf und erklärst ihm, was wir erwarten. Und morgen Abend habe ich das Ergebnis. Als Erstes möchte ich nur wissen, wer sich um den Fall kümmert. Das ist doch wohl nicht zu viel verlangt“, sprach Boris in die Muschel seines Telefons. „Morgen Abend“, setzte er fort, nachdem er einige Sekunden schweigend zugehört hatte. „Mach ihm klar, dass wir es nicht dabei belassen, die Zahlungen einzustellen, wenn er nicht pünktlich liefert.“
Bevor sein Gesprächspartner noch weitere Erläuterungen geben konnte, um ein potenzielles Scheitern zu rechtfertigen, beendete Boris einfach das Gespräch. Solche Menschen konnte er nicht leiden. Die, anstatt zu überlegen, wie man erfolgversprechend vorgehen könnte, gleich tausend Gründe suchten und erläuterten, die zum Scheitern führen konnten. Was machte das denn für einen Unterschied? Am Ende zählte immer nur das Ergebnis. In allen Organisationen. Natürlich hatte ein Scheitern in ihrer Organisation meist besonders unangenehme Konsequenzen für die Verantwortlichen. Aber das wussten sie alle, im Voraus. Und außerdem hatten sie bei der Umsetzung ihrer Maßnahmen auch mehr Möglichkeiten, wurden nicht durch Gesetze oder Vorschriften unnötig eingeengt. Morgen Abend würde er mit den notwendigen Informationen beliefert, um sie am Morgen darauf dem Consultant liefern zu können. Er war mit sich zufrieden und auch Dimitri und der Consultant würden mit ihm zufrieden sein.
29.
Das war die Art von Arbeit, die er liebte. Vor Ort schnüffeln, mit Menschen reden, Verdächtige und Zeugen befragen, rhetorische Fallen stellen und sich Tatorte und Umgebungen ansehen. Oder nach Tatorten suchen, so wie er es im Augenblick tat. Seit zwei Stunden streifte Hauptkommissar Strecker jetzt schon durch die Kölner Innenstadt, durch die nördliche Innenstadt um genau zu sein, durch die Gegend um den Ebertplatz. Wenn sich ein Rudel junger Menschen trifft, um eine Straftat zu begehen, ist es doch unwahrscheinlich, dass sie sich an einem Ort treffen, der nichts mit dem eigentlichen Zielort zu tun hatte. Sie konnten ja schlecht mit den Öffentlichen zum vorgesehenen Tatort fahren, riskieren aufzufallen oder von den Kameras in den Fahrzeugen aufgenommen zu werden. Nein, der Ort, den er suchte, musste hier ganz in der Nähe sein. Aber es ist schwierig etwas zu finden, wenn man eigentlich gar nicht weiß, wonach man sucht. Neben dem sich entwickelnden Frust, ob seiner Erfolglosigkeit, machte ihm auch die Kälte zunehmend zu schaffen. „Jetzt mal analytisch“, ermahnte er sich gedanklich selbst. „Wenn eine solche Horde junger Menschen aktiv wird, bleibt das doch nicht unbemerkt. Das wird hektisch, das wird laut, das muss doch jemandem auffallen. Dadurch fühlt sich doch irgendjemand gestört. Und vielleicht hat sich dieser Jemand beschwert.“
Strecker kramte mit klammen Fingern sein Handy aus der Manteltasche und wählte eine ihm mehr als vertraute Nummer.
„HK Garber“, kam aus dem Lautsprecher.
„Strecker hier“, antwortete er. „Ich wildere in Ihrem Revier und brauche Ihre Hilfe. Genau genommen suche ich den Ort an dem Marc Johann und seine Kumpanen aktiv geworden sind. Könnten Sie mal die Leitstelle anrufen und nachfragen, ob in der Nähe des Ebertplatzes, sagen wir mal im Radius von einem Kilometer und innerhalb einer Zeitspanne von vielleicht zwei Stunden nach dem beobachteten Treffen, irgendwelche Meldungen eingegangen sind? Notrufe, Beschwerden über Ruhestörungen, einfach alles. Bitte schicken Sie mir das Ergebnis auf mein Handy.“
„Gut“, antwortete die Hauptkommissarin. „Ich kümmere mich gleich darum. Brauchen Sie Unterstützung?“
„Danke, nein“, sagte er. „Ich werde hier nicht verloren gehen. Höchstens erfrieren, wenn es zu lange dauert.“
„Das ‚Café Schmitz‘ soll geheizt sein“, bemerkte Frau Garber. „Es sollte aber nicht lange dauern. Ich melde mich.“
„Danke. Ich warte. Voller Ungeduld“, antwortete er, beendete das Gespräch und spazierte, mit hochgezogenem Mantelkragen den Ring herunter, Richtung Café. „Wirklich schön warm“, dachte er, nachdem er das Café betreten hatte. Strecker fand einen freien Platz an einem Tisch mit Fensterblick, öffnete den Mantel und ließ sich in den bequemen Stuhl fallen. Während er auf seinen Kaffee, schwarz und ohne Zucker wartete, blickte er gedankenverloren aus dem Fenster. „Irgendwo dort draußen liegt der Anfang zu der Spur zu Marc Johann“, sinnierte er. „Jetzt fange ich auch schon an mit dem Smartphone zu spielen, meine Zeit mit dem Betrachten von unnützen Bildern und unnötigen Nachrichten zu vergeuden“, dachte er und legte das Handy, mit dem er fast unbemerkt zu hantieren begonnen hatte, neben die Kaffeetasse auf den Tisch.
Doch besser fühlte er sich nicht. Das Warten zerrte an seinen Nerven. Geduld war noch nie seine Stärke gewesen. In seinen Gedanken ging er immer wieder durch die Gegend rund um den Ebertplatz. Wozu braucht man eine Gruppe von Jugendlichen?
Er hatte keinen Schimmer. Keine diskrete Aktion, wie die Beschädigung eines geparkten Fahrzeugs. Kein Anschlag auf eine Person. Das hätte zu viel Aufmerksamkeit erregt. Was es auch war, es musste sich irgendwo innerhalb eines Gebäudes abgespielt haben.
Ein „Ping“ seines Handys riss ihn aus seinen Überlegungen. Er griff sich das Telefon, öffnete die Nachricht und hatte die Lösung. Strecker erhob sich, knöpfte den Mantel zu, warf drei Münzen auf den Tisch, verstaute das Handy in der Manteltasche und stürmte grußlos aus dem Café. Er war sich sicher, musste das aber noch verifizieren, nicht für seine Überzeugung, sondern für die Kollegen. Bis in die Sudermannstraße waren es nur zwei Minuten. Genauso wie es auch nur zwei Minuten vom Ebertplatz zur Sudermannstraße waren. Dann stand er auch schon vor dem „Queens“, einem Lokal mit wechselhafter Geschichte, mit wechselnden Besitzern und wechselnden Angeboten. Aktuell war das Angebot auf den anspruchsvollen Gentleman ausgerichtet und die Besitzer waren, wenn man den einschlägigen Gerüchten glaubte, Mitglieder der russischen Mafia. Und ohne noch mit dem Bewohner aus dem gegenüberliegenden Mietshaus, der ungewöhnlichen Lärm am Tatabend gemeldet hatte, sprechen zu müssen, waren nun zwei Dinge klar. Erstens: Der Club war wegen Renovierung geschlossen. Wahrscheinlich war er durch einen Überfall beschädigt worden. Zweitens: Der Überfall war nicht angezeigt worden. Folglich gehörte der Club jemandem, der an Ermittlungen der Polizei nicht interessiert war. Vielleicht auch deshalb, weil er etwas mit dem Verschwinden von Marc Johann zu tun hatte. Vielleicht, weil der Junge dabei helfen sollte, die anderen am Überfall Beteiligten zu finden. Was auch den Einbruch bei den Johanns erklären dürfte. Das Puzzle fügte sich zusammen. Ein Teil jedoch würde aber künftig mit Sicherheit nicht mehr dazugehören. Sofern seine Theorie richtig war, musste man davon ausgehen, dass sie Marc Johann nicht mehr lebendig auffinden würden. Und seine Mutter war wahrscheinlich ein weiteres, auf ewig fehlendes Puzzleteil.
30.
„Das hätte nicht passieren dürfen“, dachte Hauptkommissar Faber, während er sich selbst im Spiegel betrachtete. Müde Augen, wirres Haar und ein zerknittertes Gesicht zeigten ein deutliches Resultat der letzten Nacht. Einer weiteren Nacht, in der er kaum Schlaf gefunden hatte, weil er dem Schlaf keine Chance gegeben hatte, weil er zu sehr mit Grübeln beschäftigt war. Über Monate hatte er gegen die Gefühle angekämpft, versucht vernünftig zu sein, sich einzureden, dass es besser war, vernünftig zu sein und geglaubt, dass er auf einem guten Weg war. Er hatte versucht, sich auf seine Familie zu konzentrieren, wollte ein Teil der Familie sein. Oder es, um ehrlich zu sein, wieder werden. Denn für einige Wochen war er raus gewesen. Nicht einmal mehr Teil der bereits zur Routine gewordenen Abläufe. Denn er war bei ihr gewesen. Häufig an diversen Orten im Ruhrgebiet, in Cafés, Restaurants und zumeist in Hotelzimmern. Die restliche Zeit in Gedanken, gefangen in einem quälenden Sehnen, nach dem nächsten Treffen gierend. Das begann bereits in dem Moment, in dem er sie verließ, sich von ihr entfernte und es steigerte sich, bis zu dem Tag, an dem das nächste Treffen anstand, bis er sich in seinen Wagen setzte und das Sehnen durch Vorfreude abgeschwächt wurde. Die Tage dazwischen waren eine stetige Qual für ihn, ein nicht enden wollendes Schauspiel, in dem er in der Rolle des Familienvaters gefangen war.
Natürlich blieb seiner Frau seine Veränderung nicht verborgen. War er, beruflich bedingt schon immer oft abwesend, die vielen Dienstreisen ließen seine Abwesenheit für seine erotischen Ausflüge leicht erklärbar machen, so war er jetzt sogar nicht präsent, wenn er zu Hause war. Es waren nur Kleinigkeiten, Antworten und Gesten die Sekundenbruchteile zu spät kamen, Termine, die er vergaß. Selbst ein Heimspiel seines geliebten FC hätte er vielleicht sogar verpasst, wenn ihn sein Sohn nicht daran erinnert hätte. Natürlich fiel auch ihm auf, dass es anders war, dass er anders war. Er zwang sich zu funktionieren. Wie immer, wie vorher, musste sich aber eingestehen, dass ihm dies nicht gut gelang. Also versuchte er Nebelkerzen zu zünden, Ablenkungsmanöver zu gestalten, ihren Blick auf vermeintliche berufliche Probleme zu lenken, ihr von den aktuellen Fällen zu erzählen. In der Hoffnung, dass sie keinen Verdacht schöpfte. Ob das gelang, wusste er nicht. Sie fragte ihn nicht, sie kommentierte nichts, sie beklagte sich nur. Leise, aber beständig. Die Situation wurde unerträglich für ihn, ruinierte sein Leben, beeinträchtigte ihn auch im Beruf. Auch im Dienst war er abgelenkt, unkonzentriert, machte Fehler, reagierte unbeherrscht, unberechenbar. Für einen Bruch, für eine Flucht hatte er keinen Mut. Ein weiter so, war aber auch nicht möglich. Also beendete er die Affäre, er litt wie ein Hund, war aber auch stolz auf sich, dass er es gewagt hatte, dass er es versuchte. Und mit der Zeit wurde es einfacher. Die Erinnerung verblasste, das Sehnen ließ nach, der Alltag gelang ihm nach und nach besser. Er wurde nicht glücklich, aber die Ruhelosigkeit ließ nach, er konnte wieder leben, denken. Der Kopf steuerte, nicht mehr der Unterleib. Bis gestern. Die Besprechung hatte er noch einigermaßen überstanden. Er war vorbereitet, gefasst, konzentriert, hatte sich selbst hypnotisiert, versucht, seine Gefühle zu kontrollieren. Und er war stolz. Weil es ihm gelungen war. Erst gegen Ende der Besprechung fing er an zu wanken, konnte die Besprechung aber beenden, bevor seine Rüstung barst, konnte fliehen, in der Hoffnung es wäre überstanden. Natürlich mussten sie weiter zusammenarbeiten, aber weitere Treffen waren nicht zwingend nötig. Und falls doch, er glaubte, dass er widerstehen konnte. Bis zu dem Moment in der Kaffeeküche. Da war er unvorbereitet, wie damals in Karlsruhe. Es brauchte kein Wort, nur einen Blick und die Flamme brannte wieder. Er wusste, dass er alle belogen hatte, seine Frau, seinen Sohn und sich selbst. Es würde wieder von vorne anfangen. Das wusste er. Alles, was er noch nicht wusste, wo genau vorne war, an welcher Stelle es wieder anfangen würde.
31.
Das war genau der Auftrag, den er sich nicht gewünscht hatte. Nichts passte. Aber auch gar nichts. Weder die Art des Auftrags, noch der Ort. Die Neigung, den Auftrag abzulehnen, nur diesen einen, nur dieses eine Mal, war groß. Warum schon wieder in Köln? Und dann noch ein Mord. In aller Öffentlichkeit. Die Polizei würde sofort erkennen, dass es seine Handschrift war, dass es sein Werk war, falls er den Auftrag annahm und er ausgeführt würde. Aber wem sollte er den Auftrag geben? Ein Mitglied hatte er in Köln verloren. Und der Neue? Der war noch nicht so weit. Der hatte gerade mal eine Scheibe eingeworfen. Der kam also nicht infrage. Also muss ich einen Ortsfremden auswählen. Das bedingt Reisen, braucht einen längeren Vorlauf, erhöht das Risiko. Er hatte ein schlechtes Gefühl. Aber der Preis war gut. Ein Mord war am teuersten, ein Mord auf eine bestimmte, auf eine bestellte Art und Weise, erhöhte den Preis sogar noch. Und wenn es dann noch öffentlich passieren sollte, war das extrem teuer für den Kunden. Für ihn war es demgemäß extrem lukrativ. Trotzdem hatte er ein ungutes Gefühl, nachdem er den Auftrag angenommen, die Bestätigung und die Modalitäten für die Anzahlung versandt hatte.
32.
„Die Kölner Polizei hat die Nachbarschaft rund um das ‚Queens‘ erneut befragt. Es gibt zwar keine eindeutigen Angaben, jedoch meinen die meisten, sich daran zu erinnern, dass der Club unmittelbar nach dem fraglichen Datum geschlossen wurde. Das beweist zwar nichts, aber ich bin mir sicher, dass der Club das Ziel der Truppe war. Und genauso sicher bin ich mir, dass der Club der russischen Mafia gehört. Dafür gibt es zwar auch keine Beweise, aber eigentlich auch keine Zweifel“, erläuterte Hauptkommissar Strecker auf der morgendlichen Konferenz der Ermittler des BKA.
„Dann lassen wir den Club durchsuchen“, schlug Kommissar Marten vor.
„Das bringt nichts. Dort werden wir keine Spuren mehr finden. Die sind im wahrsten Sinne des Wortes gestrichen worden. Und auf Zeugenaussagen brauchen wir dort auch nicht zu hoffen. Erstens sagen die sowieso nichts und zweitens sind alle Zeugen mittlerweile wahrscheinlich weg. Jenseits des Ural, wenn sie Glück gehabt haben. Nein, das sollten wir schön für uns behalten. Dass wir das wissen und die Mafia das noch nicht weiß, ist das einzige Kapital, das wir aus meinem Ausflug herausschlagen können. Vorausgesetzt, die Kölner Kollegen waren bei ihren aktuellen Befragungen hinreichend diskret. Sonst bleibt uns nicht einmal das“, konterte Strecker.
„Was schlagen Sie stattdessen vor?“, fragte Hauptkommissar Faber.
„Wir müssen sie beobachten“, sagte Hauptkommissar Strecker. „Die Spitze. Eigentlich alle, zumindest den Botschafter.“
„Den Botschafter?“, unterbrach Kommissar Schmiede.
„So nennen sie den Chef, den für die deutschen Aktivitäten Verantwortlichen. Sein Name, zumindest der Name unter dem er in der Öffentlichkeit agiert, ist Dimitri Petrovic, wohnhaft in Köln, in einer Villa im Hahnwald und beruflich Geschäftsführer einer Im- und Exportfirma, sowie einer Firma, die Immobiliengeschäfte betreibt. Die Mafia ist sicher auch hinter unserer Bande her. Einen derartigen Angriff können sie nicht unbeantwortet lassen. Vielleicht ist die Mafia ja schneller und erfolgreicher als wir. Und führt uns so auf die Spur der Bande.“
„Viel ist das nicht. Und teuer“, erwiderte Faber. „Dieser sogenannte ‚Botschafter‘ wird sich ja kaum selbst die Finger schmutzig machen. Und wir können ja nicht alle beschatten, die bei ihm ein- und ausgehen. Aber mehr haben wir im Moment nicht. Und bis dahin stellen wir dem Konsul zwei Aufpasser vor die Tür. Rund um die Uhr. Marten, bitte veranlassen Sie das. Und schärfen Sie den Kollegen ein, dass sie nicht auffallen dürfen. Sonst ist dieser Strohhalm auch nichts mehr wert. Und was machen wir im Hinblick auf die Suche nach dem Jungen und seiner Mutter?“, fragte Faber in die Runde.
„Die können wir einstellen“, antwortete Strecker.
„Einstellen?“, erwiderte Hauptkommissar Faber ungläubig.
„Ja einstellen, die sind tot und wenn sie es noch nicht sind, werden sie es bald sein. Zumindest bevor wir sie finden werden“, retournierte Strecker.
„Das akzeptiere ich nicht. Nur weil Sie meinen, die Mafia zu kennen, weil Sie resignieren, werde ich die Hoffnung nicht aufgeben. Nicht so lange wir keine verlässlichen Beweise haben. Bis dahin werden wir alles tun, um die Vermissten zu finden. Ist das klar? Im Gegenteil: Ich werde die Einrichtung einer SOKO beim Kriminalrat beantragen. Wenn wir die Entführten finden wollen, brauchen wir mehr Personal. Viel mehr Personal. Strecker und Marten, Sie kommen nach der Besprechung mit in mein Büro. Wir besprechen die Einzelheiten. Haben wir sonst noch etwas?“, fragte Faber in die Runde, begleitete die Frage aber durch einen intensiven, eindeutigen Blick in Richtung Hauptkommissar Strecker. Der verstand und schwieg.
„Nein. Nichts“, erwiderte Dr. Brick. „Wir suchen im Darknet weiter nach passenden Informationen, haben aber bisher noch nicht einen Shop gefunden, der auch nur einer näheren Überprüfung wert wäre. Wir beteiligen uns an Spielen und den zugehörigen Chats und versuchen auf diese Art und Weise Kontakt zu der Gemeinschaft zu bekommen. Ob wir auf diesem Weg je weiterkommen, kann ich nicht abschätzen. Es gibt Tausende von Spielen die prinzipiell infrage kommen und zu jedem mehrere Kommunikationskanäle bzw. Gruppen von Spielern. Wir haben zwar Programme geschrieben, die relevante Adressen automatisch durchsuchen und vermeintliche Treffer selektieren. Da wir aber im Prinzip gar nicht wissen, wonach wir eigentlich suchen, mussten wir das Netz mit den Suchmustern, also den Begriffen, die wir suchen, recht grobmaschig knüpfen. Dementsprechend bekommen wir also auch recht viele der vermeintlichen Treffer. Und die müssen wir uns alle ansehen. Und abschätzen, ob wir sie weiterverfolgen oder nicht. Die Weiterverfolgung ist meist ziemlich zeitaufwendig, bei Chats von Spielen können wir uns nur in die Spiele schalten, am Chat teilnehmen und hoffen, dass sich die Verdächtigen wieder zuschalten. Das dauert zumeist Stunden, pro Spiel. Wir müssen ja auch mitspielen oder zumindest so tun. Sonst fallen wir auf und verbrennen unsere Avatare, also die künstlichen Namen unter denen wir an den Spielen teilnehmen.
Und was die verdächtigen Webshops angeht: Da müssen wir schnell sein, denn die Shops ziehen schnell um, auf neue Webadressen. Dann sind sie für uns verloren. Und auch die Beschäftigung mit den Shops ist zeitaufwendig. Zumeist verwenden sie für ihre Produkte Codenamen. Das macht die Analyse des Angebotes schwieriger. Und wenn wir danach immer noch der Ansicht sind, dass es ein Kandidat sein könnte, müssen wir Testkäufe simulieren. Das bedingt natürlich wieder die Schöpfung und Nutzung von fiktiven Nutzern mit deren Identitäten sie agieren. Und das alles müssen wir ja auch noch im Blick behalten. Also müssen wir es dokumentieren und so weiter und so weiter. Vermutlich brauchen wir Unterstützung von Kommissar Zufall. Sonst wird das nichts.“
„Scheiße“, resümierte Faber. „Entschuldigung, Ingrid“, schob er halbherzig hinterher. „Aber auch damit machen wir weiter. Wir haben ja sonst nichts. Ingrid, meine Herren, an die Arbeit. Strecker, Marten, bitte kommen Sie mit.“
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