Kitabı oku: «Liebe und Vernunft»

Yazı tipi:



Vorwort

AUFTAKT

Hinterlist mit Folgen

TEIL I

Lina Weissert aus Heilbronn

Ausbruch aus Altstetten: Die Grossfamilie Huber

Der Stammheimer «lingg Hauptmä»

Hans Conrad Huber und Anna Widmer – eine tumultuöse Beziehung

TEIL II

Sturm und Drang in Zürich

Bewegtes Familienleben in Zürich und Mutters Tod

Die Bollerei: Linas Lebensschule und zweite Heimat

Frau Keller oder Frau Huber? Werben um Lina

«Ihr Wille allein fehlt noch zur Ausführung»

Zwischen Ebbe und Flut, Hoffnung und Katastrophen

TEIL III

Die «Genferin» oder die Frau nach seinem Bilde

Der «unruhige Schwärmer»

Liebe – Freundschaft –Eifersucht: Otto Stoll

Linas Genfer Alltag

Wissenschaft – nichts als ein ferner Traum?

Verkümmerter Arm und kranke Füsse

Steiniger Weg zum Hochzeitsfest

TEIL IV

Frostiges Zürcher Intermezzo

«Du warst niemals so gerne in Trogen wie ich»

Zwischen Chance und Enttäuschung: die ersten Basler Jahre

Missstimmungen und neue Chancen: die letzten Basler Jahre

Endlose Geldnöte oder: wo blieb die «Besoldung, aus der man in unsern Kreisen leben kann»

Ihre glücklichste Zeit? Lina und Eugen Huber in Halle

TEIL V

Auf der Zielgeraden zum ZGB: die Berner Jahre

Eine ganz und gar unerwartete Tragödie

Lina oder die Sünderin von Bethanien

Dienstbare Geister und die Bewältigung des huberschen Alltags

TEIL VI

Gespräche mit der verstorbenen Lina – Blick durchs Schlüsselloch in Hubers Alltag

Im Schatten der Heimlichkeit – Marieli zwischen Hochschule, Ehe und Tochterpflichten

Hubers zweites Glück: Maria Schuler aus Glarus

Epilog: Leben im Korsett der Konvention – auf dem Weg in eine neue Zeit

Anhang

Anmerkungen

Zeittafel

Bibliografie

Namensregister

Stammbaum

Dank

VORWORT

Eugen Huber, der Schöpfer des Schweizerischen Zivilgesetzbuches, war eine Persönlichkeit des öffentlichen Interesses und sein Nachlass fand Eingang ins Schweizerische Bundesarchiv in Bern. Unter den Dokumenten befindet sich ein reicher Schatz von Briefen sowie Hubers Agenden mit allerlei privaten Notizen. Linas Tagebücher dagegen sind verschollen und es sind einzig Briefe überliefert, die sie an ihren Verlobten und späteren Gatten schrieb.

Keine Biografie ist objektiv, doch in diesem Fall kommt erschwerend hinzu, dass Lina aufgrund der überlieferten Papiere stets durch Eugen Hubers Brille gesehen wird. Ihrem Mann berichtete sie Dinge, von denen sie annahm, sie würden ihn interessieren. Was Lina sonst beschäftigte, wissen wir nicht. Einen Briefwechsel zwischen den beiden gab es zudem nur in Zeiten der Trennung. Bestimmte Lebensabschnitte sind deshalb weniger gut dokumentiert als andere. So kennen wir die schwierigen Kämpfe der Verlobungszeit, während die glücklichen Jahre in Halle kaum schriftliche Spuren hinterliessen.

Nach Linas Tod schrieb der einsame Witwer über sieben Jahre lang Lina täglich einen Brief – auch ein Ersatz für die gemeinsamen Gespräche am Mittagstisch. Sie geben einen vielleicht einseitigen, aber faszinierenden Einblick in die Alltagsgeschichte jener Epoche, und sie spiegeln darüber hinaus die Gedanken und Gefühle eines Mannes zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

AUFTAKT

HINTERLIST MIT FOLGEN

Sonntagmorgen, 16. November 1873, an der Schifflände in Zürich: Am Eingang des «Café Boller» – im Volksmund «Bollerei» genannt – meldet sich in aller Frühe Emil Zürcher bei der 22-jährigen Kellnerin Lina Weissert. Er überbringt ihr eine mündliche «Citation» auf das Obmannamt, die Staatsanwaltschaft. Um kein Aufsehen zu erregen, habe er auf eine formelle Vorladung durch den Weibel1 verzichtet. Lina solle sich um acht Uhr auf sein Büro bemühen, um «in einer eiligen Prozedur Auskunft zu geben». Das Obmannamt, keine zehn Minuten von Linas Arbeitsplatz entfernt, liegt am Rand der Zürcher Altstadt. Mit welchen Gefühlen sie sich wohl auf den kurzen Weg machte? Wie sie auf dem Amt eintrifft, empfängt der Jurist Zürcher Lina mit den Worten: «Fräulein, der Mensch wünscht sie zu sprechen, wollen sie ihm Audienz geben.»2 Verblüfft erkennt sie Eugen Huber und macht Zürcher ein Zeichen, er möge weg gehen.

Der 24-jährige Eugen Huber, auch er Jurist, war als Student regelmässiger Gast in der Bollerei, seit Kurzem arbeitet er in Bern. Über Freund Zürcher erhielt er einige Tage vorher endlich ein Bild von Lina, ein Zeichen ihres Wohlwollens, auf das er Jahre gewartet hatte. Erfüllten sich jetzt seine Hoffnungen? Huber mochte nicht schreiben, er wollte Linas Antwort auf der Stelle hören. Während der Fahrt von Bern nach Zürich überlegte er hin und her: Hätte er seiner Angebeteten nicht doch besser einen Brief gesandt? Was, wenn er sie missverstehen und sie ihm einen Korb geben würde? Kurz vor Zürich fiel ihm der rettende Plan ein, wie es anzustellen wäre, um mit Lina allein sprechen zu können.3 Die Samstagnacht verbrachte Huber bei Zürcher und sie heckten den «fidelen Bubenstreich»4 aus, am frühen Sonntagmorgen steht er dann «im kalten Wind»5 und beobachtet von fern die Szene an der Schifflände.

In der Amtsstube kommt Huber sofort zur Sache, bietet Lina das Du an, gibt ihr «halb elend, halb glücklich»6 den ersten Kuss und bittet sie, seine Frau zu werden. Lina, vom Gang der Ereignisse überrollt, lässt alles mit sich geschehen. Huber «ist selig»,7 glaubt sich am Ziel seiner Träume, er ist mit Lina verlobt: «Mir kam es vor», schreibt er ihr einen Tag später, «wir gleichen zwei Heimatlosen [und] wie wir auf dem Bureau unsres Freundes mit Küssen den Schwur besiegelten, zusammen uns eine Heimat zu gründen.»8

Kaum verlobt, hetzt Lina zur Arbeit zurück. Jetzt erst kommen Huber Zweifel. «Als du die Treppe herunter giengst, kam ich mir ganz elend vor, dass ich dich ins Obmannamt gerufen.»9 Fürs Sinnieren bleibt indessen keine Zeit, Zürcher warnt vor der drohenden Ankunft seines Chefs, des Staatsanwalts, die beiden jungen Männer machen sich aus dem Staub.

Von Hubers Aufenthalt in Zürich darf niemand etwas erfahren. So nehmen die Freunde den Zug nach Baden, spazieren «in traulichem Geplauder über unsere zukünftigen Frauen» durch die Stadt, essen zu Mittag, besteigen den Felsvorsprung oberhalb der Schlossruine und bewundern den schönen Abendhimmel. Huber denkt fast ununterbrochen an Lina und ist überglücklich.

Zurück im Wirtshaus kann Lina ihrer Chefin Frau Vontobel nur mit Mühe «eine scheinbar gleichgültige Antwort» geben. Sie sei gerufen worden «wegen einem Individuum, das seinerzeit Überröcke gestohlen habe und da meine Aussage nicht mit den polizeilichen Anzeigen stimmte, so wurde ich entlassen unter Verdankung der geleisteten Dienste».10

Lina ist in grosser Aufregung, doch richtet sich ihr Zorn nicht gegen Huber, sondern gegen Zürcher. In ihm sieht sie «die Quelle einer grossartigen Hinterlist, von der ich mich umzingelt glaubte; ich sagte mir, dass ich sozusagen wie ein armer Spatz in einem Netz gefangen wurde, ohne nur irgend eine Ahnung zu haben».11

In den folgenden Tagen erkranken die Wirtsleute Vontobel und Lina kümmert sich sowohl um die Gäste im Lokal wie um die beiden Patienten. Ihre privaten Sorgen rücken in den Hintergrund.

Hubers Hochstimmung bleibt indessen ungetrübt: «Wenn ich nur Worte finden könnte, dir zu sagen, wie klar? wohl es mir ist, seit ich weiss, dass du mich auch lieb hast – bist du nicht auch so glücklich? Ich danke dir unsäglich für deinen Entschluss, für deine Liebe. Mit jeder Stunde fühl ich es mehr, welche Lücke sie in mir ausfüllt, und hoffe nur eines, dass bei dir die gleiche Ruhe und Sicherheit obwalte.»12 Ungeduldig wartet er auf ein Lebenszeichen aus Zürich.

Als sich Lina vier Tage nach der Vorladung endlich einige Minuten für einen Brief stehlen kann, versetzen ihre Vorbehalte Huber in Panik. In der Zwischenzeit hat sie nachgedacht: «Das plötzlich unerwartete Zusammentreffen auf diese Weise raubte mir allen Halt, die Seelenangst in die ich in jener Stunde gerathen, wirkte zu sehr auf meine sonst schon empfängliche Natur. Erst jetzt wird mir klar, was ich Dir Alles gelobt, welch grosses Wort ich wagte auszusprechen und mein armer Verstand sucht jetzt einen Ausweg aus diesem Labyrinthe von Verwicklung.»13

War diese Verlobung ein grandioses Missverständnis? Oder Auftakt zu einer aussergewöhlichen Liebesgeschichte? Lina Weissert und Eugen Huber brauchten Jahre, um darauf eine gemeinsame, gültige Antwort zu finden.



TEIL I

LINA WEISSERT AUS HEILBRONN

Linas Kindheit liegt weitgehend im Dunkeln. In ihren Briefen tauchen vereinzelte Erinnerungen auf, kleine Geschichten aus der Schulzeit oder gelegentliche Episoden aus dem Leben ihrer Mutter, mehr nicht. Es ist anzunehmen, dass sie ihre ersten Jahre als Handwerkerkind in einer bescheidenen, jedoch wohlbehüteten Umgebung verbrachte. Erst der frühe Tod ihrer Eltern versetzte sie unvermittelt in ein fremdes Umfeld und eine unbarmherzige Arbeitswelt.

Als achtes Kind in der Ehe von Johannes Weissert und Johanna Barbara Rückert kam Lina am 6. August 1851 zur Welt (siehe Stammbaum auf S. 250/251). Heilbronn mit seinen rund 14 000 Einwohnern gehörte zum Königreich Württemberg, damals eine konstitutionelle Monarchie mit einer ausgeprägt liberal-demokratischen Opposition. Die Stadt schaute auf eine lange Tradition zurück und war auf dem Weg in eine neue Zeit: Tüchtige Unternehmer suchten den Anschluss an die Moderne. Auf dem Neckar erreichte am 7. Dezember 1841 das erste Dampfschiff von Mannheim herkommend Heilbronn,1 ein symbolischer Augenblick. Linas ältester Bruder Ernst war damals 10 Monate alt, ihre Schwester Pauline zwei Jahre alt.

Vater Johannes Weissert (1818–1865) stammte aus dem Dorf Stetten am Heuchelberg, im Januar 1840 erwarb er das Heilbronner Bürgerrecht.2 Am 2. Mai desselben Jahres folgte das Meisterrecht als Sattler. Schon am nächsten Tag verheiratete er sich mit der Heilbronnerin Johanna Barbara Rückert (1814–1864). Das Paar hatte in der Folge zwar elf Kinder, dennoch blieb die Familie klein – eine Folge der dramatischen Kindersterblichkeit selbst noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Wie sehr die fortwährenden Schwangerschaften die Gesundheit einer Frau beeinträchtigten, lässt sich nur erahnen.

Fünf der zwölf Kinder des Paares kamen tot zur Welt oder starben im Jahr ihrer Geburt. Ob Pauline Weissert, 1839 die Erstgeborene, Linas Schwester oder Halbschwester war, lässt sich nicht eindeutig bestimmen, die entsprechenden Dokumente sind verblasst und unlesbar.3 Sicher war sie eine Tochter von Linas Mutter.

Merkwürdigerweise erwähnte Lina ihre beiden jüngsten Geschwister Johanna Maria (1855–1856) und Adolf (1854–1856) nie. Bei deren Tod war sie bereits fünf Jahre alt und musste deren Krankheiten miterlebt haben. Anders verhielt es sich mit Ernst (1841–1859), dem Familienältesten, der 18-jährig starb. Mutter Weissert gelang es nicht, den tiefen Schmerz über den Verlust ihres Sohnes zu überwinden. An Ernsts 13. Todestag berichtete Lina im Brief an Huber: «Mit dem Tode dieses unvergesslichen Bruders begann der erste Schlag, der mir wirklich nahe ging, nicht nur einzig um des lieben Todten willen, sondern weil von da an meine Mutter untröstlich war, Tage, ja oft ganze Nächte hindurch weinte, und weder durch meinen Vater noch durch irgend Jemand Beruhigung finden konnte.» Umsonst schloss Lina ihre Mutter in die Arme, «zu trösten vermochte ich noch nicht».4

Lina stand ihrer Mutter sehr nahe. Mit der um ein Jahr älteren Schwester Emma (1850–1924) stritt sie sich, wer im Haushalt wie viel helfen dürfe. Die Mädchen trugen Wasser, wichsten Schuhe, machten Feuer, kurz, erledigten alle Arbeiten, für die sie gross genug waren. Lina nahm sich vor, sobald sie erwachsen sei, würde sie sich um die Mutter kümmern und diese müsse es schöner haben.5 Trotz allen Schwierigkeiten verstand es Johanna Weissert, den Kindern zum Beispiel an Weihnachten ein frohes Fest zu bereiten. Sie war überzeugt, dass die beiden Mädchen schliefen, wenn sie den Christbaum schmückte, doch die «kleinen Schelme» spähten durch den Vorhang, weil sie die «seligen Stunden» kaum erwarten konnten.6 1864 starb Johanna Weissert. Ihr einziger, letzter Kummer galt Lina. «Um mich war ihr bange, um die andern zwei Geschwister [Pauline und Emma] nicht, das sagte sie noch auf dem Totenbette.»7 Über Johanna Weisserts letzte Krankheit ist nichts Näheres überliefert.

Problemlos schaffte Lina die Schule. Später bedauerte sie, dass ihr das Lernen inzwischen schwerer fiel: «Ich habe nimmer die Leichtigkeit, die ich ehemals in der Schule besass.»8 Leicht habe sie auswendig gelernt, «wie selten eines in der Schule»,9 erinnerte sie sich stolz. Aus jener Zeit ist auch die Anekdote vom «furchtbar strengen Lehrer» der letzten Klasse überliefert. An ihn erinnerte sie sich «nicht anders als mit gewisser Furcht». Als er den Kindern das Aufsatzthema «Rom ist nicht an einem Tag erstanden» stellte, konnte niemand das Sprichwort deuten. «Und so diktierte uns der Lehrer, Rom ist nicht an einem Tag entstanden; es haben viele fleissige Leute Tage und Jahre lang daran gearbeitet und nicht nachgelassen bis die prächtige Stadt sich nach und nach erhoben; so ist Rom entstanden: Was Du zu thun beabsichtigst, mach’s auch so!» Dem Schulmeister war es gelungen, mit seiner Interpretation in Lina schwäbische Arbeitsmoral, Freude an Leistung und Erfolg einzupflanzen. Es war ein Satz, «der mir als Kind schon so wohl gefiel und den ich wohl nie vergessen werde»,10 schrieb sie Huber und ermunterte ihren Verlobten zum Durchhalten.

Nach dem Tod seiner Frau entschloss sich Johannes Weissert, mit Emma und Lina zur verheirateten Tochter Pauline in die Schweiz zu ziehen. Am 1. August 1864 traf das Trio in Zürich ein «und wir Kinder mit unsern naiven Ansichten glaubten, die grösste Stadt der Welt zu sehen. Wir taumelten in reinstem Glück …»11 Für Lina war es der endgültige Abschied von ihrer württembergischen Heimat. Die Faszination, die Zürich auf die Kinder ausübte, ist umso erstaunlicher, als Heilbronn damals grösser war und mehr Einwohner zählte. Immerhin war das erste Dampfschiff, die «Minerva», schon seit 1835 auf dem Zürichsee unterwegs.

Die beiden Mädchen lebten bei Schwester Pauline und Schwager Blatter an einem malerischen Platz in der Altstadt an der Oberen Zäune 66, der Vater hauste als Untermieter in der Nähe an der Niederdorfstrasse 47.12 Über Johannes Weissert berichtete seine Tochter kaum etwas. Mit einem einzigen Satz beschreibt sie in einem Brief die Welt ihres Vaters: «‹Nur immer kaltblütig›, waren die täglichen Worte meines Vaters, bei allem was Unangenehmes vorkam.»13 Drückt dieser Satz einen gewissen Gleichmut aus – oder war es Ergebenheit ins Schicksal?

Die Freude über das neue Leben war kurz. «Die erste Zeit gings natürlich schön, wir kamen überall herum, der gute Vater wurde mit allen Sehenswürdigkeiten der Stadt und Umgebung bekannt gemacht, und so verstrich ein schöner Theil der Zeit bis der Vater sah, dass er in Zürich nicht fand, was er suchte, eine Stellung die seinem Alter und seinem Handwerk entsprach, denn hätte ihm die Schwester nicht so grosse Versprechungen gemacht, er wäre nie mit uns Kindern nach der Schweiz gekommen. Des Suchens und Nichts Findens wurde er zuletzt überdrüssig und so sagte er denn Zürich Adieu, nachdem er einen schönen Theil seines Geldes verbraucht hatte. Er entschloss sich, mit Emma nach Heilbronn zurückzukehren, dort sein Geschäft wieder anzufangen und dann nachher mich nach Hause zu nehmen.»14 Wenige Wochen nach der Heimkehr starb Johannes Weissert am 12. Juli 1865. Lina, noch nicht 14-jährig, war nun Vollwaise, ihre Schwester Emma kam wieder nach Zürich.

Die 15-jährige Emma sollte sofort ihren Teil zum Familienbudget beitragen. Sie machte Wollarbeiten in einem Geschäft, doch das viele Sitzen bekam ihr nicht. Anderswo, als Botengängerin, klagte sie über schmerzende Füsse und gab auch diese Stelle auf.

Lina hatte miterlebt, wie Pauline und Johann Hartmann Blatter in stetem Unfrieden lebten. Regelmässig drohte die Gattin ihrem Mann, ihn zu verlassen. Eines Tages verschwand sie mit Emma und Lina, übernachtete bei einer Polizeidienersfrau und kehrte erst am folgenden Abend wieder heim.15 Im November 1865 wurde Lina Dienstbotin bei einer Wirtsfamilie, verliess diese aber nach drei Monaten und wohnte nochmals kurze Zeit bei Schwester und Schwager Blatter. Erst mit Antritt der Stelle in der Bollerei und der Beziehung zur Familie Vontobel wurde die Trennung endgültig.

Linas Verhältnis zu Pauline blieb auch nach ihrem Wegzug angespannt: «Ich mag noch schreiben wie ich will, ich werde immer falsch verstanden».16 Pauline habe seit jeher einen «neidischen Ton» ihr gegenüber gehabt und es gebe keine Briefe «ohne Zankereien»,17 beklagte sich Lina bei Huber. Allerdings war auch Lina zurückhaltend mit wichtigen Nachrichten. Sie informierte Familie Blatter nicht, bevor sie 1874 die Bollerei und Zürich verliess, wollte weder «Zu- noch Abratungen»18 hören und verbat sich jede Einmischung.

Linas Schwager Johann Hartmann Blatter – die Familie hatte eine Tochter Emma und wohnte inzwischen in Basel – war Mitglied des dortigen Polizeikorps. Im Oktober 1874 erhielt sie die Nachricht, er sei «schnell und unerwartet»19 gestorben. Erst Mitte November erfuhr Lina nähere Einzelheiten zu Blatters Tod. In der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 1874 hatte sich eine Tragödie abgespielt: Der Gefreite Blatter hatte sich auf dem Polizeiposten bei der Rheinbrücke mit seiner Dienstwaffe erschossen. Unmittelbarer Anlass war ein geringfügiges Vermögensdelikt. Im Abschiedsbrief an seinen Vorgesetzten Major Hoffmann beklagte er sich wortreich, dass er seit Längerem von einem gewissen Haller «verfolgt und sogar im Dienste mit Beschimpfungen beleidigt» worden sei. An die Adresse seiner Kollegen schrieb er in einem zweiten Brief: «Wünsche zu meinem Abschiede, dass jeder seinem Vorgesetzten den gehörigen Gehorsam leisten möge, jedoch sich nicht unterdrücken oder coujonieren lasse.» Waren es wirklich nur Probleme am Arbeitsplatz, die ihn in den Tod trieben? Trotz früherer Streitereien verabschiedete er sich von seiner Frau Pauline versöhnlich: «… ich weiss mit Wissen und Gewissen, dass du mir … stets eine treue und rechtschaffene Hausmutter warst. Leid thut es mir, dass ich mich auf eine solche Art und Weise von dir trennen muss. Wünsche dir und meinem kleinen Emma ein langes Leben, gute Gesundheit.»20

Paulines unglückliche Ehe hatte elf Jahre gedauert; Linas Schwester war jetzt mittellos. Sie wusste sich zu helfen, eröffnete eine Pension und kochte täglich für über 30 Kostgänger. – Huber war der Familie Blatter nicht gewogen – er fürchtete um Linas Ruf als unverheiratete Frau – und wohl nicht zuletzt um seinen eigenen.

Mit ihrer Schwester Emma (1850–1924) blieb Lina zeitlebens eng verbunden.21 Eine Frau wie Emma Weissert, ohne Ausbildung und Vermögen, hatte keine attraktiven Lebensperspektiven. In München wurde sie – ledig – schwanger, war also im Jargon der Zeit ein «gefallenes Mädchen». «Denke Geliebter, was ich mit meiner Emma durchgemacht, als ich die Nachricht erhielt, sie sei nach Basel gekommen, um dort ihr Kind zur Welt zu bringen. Wenn ich zurück denke, wird mir ganz schwarz vor Augen, wenn ich annehme, was für Zeiten schon hinter mir liegen.»22 Das Bébé Emma Weissert kam am 2. Juni 1871 in Basel zur Welt.23 Damals arbeitete Lina in der Bollerei und riskierte, dass jemand den Klatsch nach Zürich trug, mit katastrophalen Folgen für ihr eigenes Renommee.

1874 starb das kleine Mädchen an einer Lungenentzündung. «Wahrlich ein grosses Glück für Mutter und Kind; es ist traurig, dies zu sagen, aber es ist eben doch so.»24 Nun wollte sich Emma vom Geliebten trennen, der in seiner Wut keinen Spass verstand. Zornig forderte er nicht nur seine Geschenke zurück, sondern verlangte auch die Rückerstattung des Betrags, den er für das Kindbett ausgelegt hatte, selbst das Reisegeld, «womit das arme Mädchen von München nach Basel fuhr, um ihre Schande dort zu verbergen».25 In ihrer Verzweiflung suchte Emma Hilfe bei einem Anwalt, der sie beruhigte. Als der Bursche drohte, «er wolle nicht bürgen, dass es noch ein Unglück absetze, sobald er Emma antreffe»,26 flüchtete sie erneut zu Schwester Pauline und Schwager nach Basel.

Inzwischen hatte Emma einen braven Herrschaftskutscher kennengelernt, dem sein Patron jedoch die Ehe verbot. Emma nähte den ganzen Tag, verdiente aber nicht genug, um etwas auf die Seite zu legen. Endlich hatte der Patron ein Einsehen und erlaubte seinem Kutscher im Mai 1876 die Heirat.27 Als Lina zehn Jahre später auf der Durchreise in München ihre Schwester besuchte, war sie beeindruckt von deren stattlicher Erscheinung, sie kam ihr «wie eine Statue vor … so schön und gescheit schaute sie mich an».28 Materiell gelangten Emma und ihr Mann nie auf einen grünen Zweig. Bei finanziellen Engpässen mussten Lina und Eugen Huber unterstützend einspringen. Diese selbstverständliche Verwandtenpflicht führte nach Hubers Tod sogar zu Unstimmigkeiten unter seinen Erben. Trotz Hubers Wohlwollen blieb der Makel ihrer Jugendsünde an Emma haften. 1916 litt sie an einer Augenkrankheit und gelangte an ihren Schwager in Bern. «Sie mag gefehlt haben wie sie will, jetzt ist sie eine einsame Seele, der ich gerne die nötige Unterstützung zuwende»,29 kommentierte er. Emma Köhler-Weissert überlebte alle Verwandten ihrer Generation, sie starb am 18. Mai 1924 in München.30

Während Huber in ein enges verwandtschaftliches Netz eingebunden war, pflegte Lina im Lauf ihres Lebens nur mit ihrer Schwester Emma und der Tochter ihrer Schwester Pauline einen lockeren Kontakt. Onkel, Tanten, Vettern oder Cousinen spielten in ihrem Leben keine Rolle. Erklärt sich das mit ihrem frühen Wegzug aus Heilbronn? Oder wollte Huber, dass sie sich auf seine eigene Familie konzentrierte? Die Antwort ist nicht überliefert.

AUSBRUCH AUS ALTSTETTEN: DIE GROSSFAMILIE HUBER

Im Gegensatz zu Lina spielten familiäre Bindungen und Verpflichtungen in Hubers Biografie eine zentrale Rolle. Der junge Eugen profitierte von diesem engmaschigen Netz. In erster Linie kümmerte sich sein älterer Bruder August (1841–1914) um ihn. Ebenso durfte Huber stets auf die materielle oder zumindest moralische Unterstützung durch Onkel und Tanten zählen. Später, nachdem er selbst zu Ansehen und Wohlstand gekommen war, erwarteten vom Schicksal weniger begünstigte Verwandte ihrerseits seine Solidarität. Huber drückte sich nicht vor dieser Pflicht, half gerne mit Rat und notfalls auch mit finanzieller Tat. «Wenn es den einen Familienmitgliedern gut geht, und anderen schlecht, so gehört man doch zusammen, mag auch noch so sehr diese Verschiedenheit des Schicksals in den Vorzügen oder Mängeln der Personen begründet sein. Also nimmt man es hin wie anderes, das einem trifft.»31

Es wäre verfehlt, solch traditionelle Strukturen in allzu rosigem Licht zu sehen. Erbschaftsstreitigkeiten vergifteten Beziehungen, Mädchen wurden oft verheiratet, bevor sie die Volljährigkeit erreicht hatten, Geldgeber fühlten sich bemüssigt, bei den Empfängern ihre Vorstellungen vom richtigen Leben durchzusetzen. Finanzgeschäfte führten regelmässig zu innerfamiliären Konflikten. «Es ist eine dumme Geschichte, aber sie liesse sich voraus sagen. Drum wollen wir jeden Falls klug sein, keine zu grosse Freundschaft anfangen, dann kann man auch in keine Ungelegenheiten kommen»,32 kommentierte Hubers Schwester Anna den Streit zwischen dem Onkel in der Enge und der Familie der Tante in Wiedikon wegen eines Darlehens.

Ein Blick auf Hubers Stammbaum (siehe S. 250/251) soll helfen, die komplexen familiären Verhältnisse etwas zu entwirren. Sowohl Hubers väterliche wie die mütterlichen Vorfahren lebten auf dem Land. Vater Hans Conrad Huber (1813–1862) und Mutter Anna Widmer (1818–1869) verbrachten Kindheit und Jugend in ihrer Heimatgemeinde Altstetten, bis 1934 ein eigenständiges Dorf nahe der Stadt Zürich. Anlässlich der Volkszählung von 1836 lebten 992 Personen im Dorf, 1850 noch 959. Zu den Auswanderern zählten auch Hubers Angehörige.

Hubers Eltern kamen in der Epoche der städtischen Vorherrschaft zur Welt. Seit Generationen behinderten Gesetze zugunsten der Stadt die Landschaft in ihrer Entwicklung. Eifersüchtig verteidigte Zürich seine Privilegien, doch liess sich die Landbevölkerung im 19. Jahrhundert nicht mehr ohne Weiteres bevormunden. Am sogenannten Ustertag, dem 22. November 1830, versammelten sich rund 10 000 Männer zu einem Protestanlass in Uster und verlangten eine neue Verfassung. Es war die Wende zum modernen Kanton Zürich. Die Kantonsverfassung von 1832 sicherte die politische Gleichstellung von Stadt und Land, 1837 war der wirtschaftspolitische Einfluss der städtischen Zünfte endgültig gebrochen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Hubers Vater bereits seine erste Arzpraxis in Altstetten eröffnet. Der Aufstieg der Familie Huber ist typisch für die historische Entwicklung dieser Zeit.

Der Nachruf auf Hubers Vater aus der Feder seines Jugendfreundes Johannes Wyss-Schneebeli (1813–1898) gibt Auskunft über Hubers Grosseltern David (1786–1856) und Dorothea Huber (1790–1843): «Sein Vater war ein sehr ehrenwerther Arbeiter in einer Cattunfabrik, welcher gegen 40 Jahre täglich auf eine Stunde Entfernung in unentwegter Treue und mit der grössten Regelmässigkeit in dem nämlichen Geschäftshause seiner Arbeit und seinem mässigen Verdienste nachging.» Baumwolle, Cattun, war in unsern Breiten etwas Neues und fiel daher nicht unter die Regulierung durch die Zünfte. «Seine Mutter, eine stille, sorgsame Hausfrau und ihm vor allen verehrungswürdig.»33

Die Familie Huber lebte offenbar in engen materiellen Verhältnissen, dennoch finanzierte David Huber weitblickend seinen Söhnen das Erlernen eines Berufs. Damals schuldete der Lehrling dem Meister ein Lehrgeld und es spricht für die Offenheit der Eltern, dass sie in eine bessere Zukunft investierten und ihre Jungen nicht in die Fabrik schickten. Hans Conrad Huber, Eugens Vater, und seine Brüder Hans Heinrich (1814–1885) und David (1819–1880) nutzten die Chancen, die sich den Landbewohnern aufgrund der veränderten politischen Verhältnisse eröffneten. Die Brüder erlernten ein Handwerk. Hans Heinrich wurde Schreiner und blieb in Altstetten. Seine Geschwister wanderten in benachbarte Dörfer aus, die heute ebenfalls Teil der Stadt Zürich sind, Hans Conrad wagte sich gar bis ins Weinland. Der Jüngste der Familie, Spenglermeister David, lebte mit seiner Frau in der Gemeinde Enge und brachte es dort bis zum Friedensrichter.34 Da er kinderlos starb, ging ein Teil seines Erbes auf Kosten der Witwe an Neffen und Nichten, so schrieb es das Gesetz vor. Hubers Bruder August notierte zufrieden: «Ein über Erwarten günstiges Erbe.»35

Hubers Tante Regula (*1817), die einzige Tochter der Grosseltern David und Dorothea Huber, verheiratete sich mit Johannes Abegg aus Wipkingen. Auch sie verliess Altstetten, lebte in Wiedikon und starb früh. Regula Abeggs Nachkommen wurden erfolgreiche Kaufleute, die teils in Zürich, teils in Japan Karriere machten, es zu beträchtlichen Vermögen brachten und mit Huber lockere Kontakte aufrechterhielten.

Hans Conrad, Hubers Vater, der Älteste der Familie, verfolgte ehrgeizige Pläne: «In trautem Familienleben entwickelte sich rasch des lebhaften Knaben erste Anlagen; früh schon stand ihm als höchster Lebenswunsch das Ziel vor Augen, Arzt zu werden, und die begeisterte Ausdauer dieses jugendlichen Willens veranlasste denn auch seine Eltern, ihm alle zu jener Zeit [in den 1820er-Jahren] in ländlichen Verhältnissen mögliche Schulbildung zu theil werden zu lassen. Später lernte er dann als Externer eines Privatinstituts, welches ungefähr unseren jetzigen Secundarschulen entsprechen sollte, jedoch kaum die mittelmässigsten derselben erreichen würde, die Anfänge der lateinischen und französischen Sprache neben Fortbildung in der deutschen und in der Arithmetik.»36 Sein Fleiss ermöglichte ihm die Aufnahme an das medicinisch-chirurgische Institut in Zürich, wo er im Frühling 1830 als 17-Jähriger zu studieren begann.37 Den weiten Weg von Altstetten in die Stadt Zürich müssen die beiden Freunde Johannes Wyss und Hans Conrad Huber zu Fuss gemacht haben. Hans Conrad soll eine Vorliebe für Anatomie gehabt haben. «Sein eiserner Fleiss und sein glückliches Gedächtnis liessen ihn unter seinen Commilitonen bald eine hervorragende Stellung behaupten.» Der tüchtige Student erhielt im dritten Lehrjahr gar eine Prämie, wahrscheinlich ein Buchgeschenk. Im Frühling 1833 nahm die neu gegründete Universität Zürich den Unterricht auf. Zur Krönung seiner Studien schrieb sich der junge Mann als Nummer drei überhaupt und als zweiter Medizinstudent für ein Semester ein «und hier ging ihm ein neuer Gesichtskreis auf, mächtig ihn anregend nach allen Seiten hin. Vor allem aus fesselten ihn die Vorlesungen und die klinischen Vorträge Schönlein’s und förderten entschieden seine wissenschaftliche Anschauungsweise.»38

Die praktische Erfahrung eignete sich Hans Conrad Huber als «Gehülfe» bei Dr. Johann Jakob Hegetschweiler (1795–1860) in Rifferswil an. Hegetschweiler, Sohn eines Mediziners, hatte in Göttingen studiert; er durfte seine Ausbildung durchaus mit derjenigen seiner Stadtzürcher Kollegen vergleichen. Neben seiner Praxis führte er seit 1831 das Statthalteramt des Bezirks Knonau. Johann Jakobs bekannterer Bruder Johannes Hegetschweiler (1789–1839), ebenfalls Arzt, sprach als einer der Redner am erwähnten Ustertag 1830. Inzwischen war dieser Regierungsrat, das heisst Mitglied der Zürcher Exekutive geworden, trug als Mediziner massgeblich zur Berufung Schönleins an die Universität bei und ging als Gründer des Kantonsspitals, der Kantonsapotheke sowie der Tierarzneischule in die Zürcher Medizingeschichte ein.39 Beide Brüder waren nicht nur Ärzte und politisch engagierte Bürger, sondern auch begeisterte, fachkundige Botaniker. Landärzte stellten damals Medikamente selbst her. Johannes Wyss, Hans Conrad Hubers Jugendfreund berichtet, wie er als Bub mit seinem Vater Heilkräuter sammelte.40 Hubers Vater hatte auch in diesem wichtigen Bereich versierte Lehrmeister. In Rifferswil hatte Hans Conrad Huber nicht nur Gelegenheit, sein medizinisches Wissen zu vertiefen und mit Patienten zu arbeiten – er lebte in einem eleganten Umfeld, in dem die neuesten Ideen diskutiert wurden. Das herrschaftliche, 1827 erbaute «Doktorhaus» steht heute unter Heimatschutz.41

Nach einem Jahr kehrte Hans Conrad Huber 1834 in sein Heimatdorf Altstetten zurück und eröffnete eine Arztpraxis. 1836 heiratete er Anna Widmer (1818–1869). Diese hatte während zwei Jahren auswärts das Schneiderinnenhandwerk erlernt, war für ihre Zeit überdurchschnittlich gut ausgebildet.42 Für Hans Conrad Huber muss Anna Widmer eine gute Partie gewesen sein, düsterer sah es für die Braut aus, da sie als 17-jährige Waise gegen ihren Willen verheiratet wurde, wie Huber sich erinnerte.43

Über Hubers Vorfahren mütterlicherseits ist Folgendes bekannt: Im Alter von fünf Jahren hatte Hubers Mutter Anna ihren Vater Heinrich Widmer (1784–1823) verloren. Mit seinem Tod verschwand das Geschlecht der Widmer aus dem Dorf.44 Hubers Grossmutter Magdalena Widmer-Meyer (*1793) heiratete in zweiter Ehe einen Landwirt, Leonhard Weber, den späteren Gemeindepräsidenten. Es entstand eine Patchworkfamilie, wie man das heute nennen würde. Weber brachte aus erster Ehe die Tochter Küngold (1820–1880) mit. Das Paar hatte zudem ein gemeinsames Kind, Magdalena (1832–1876). Trotz des grossen Altersunterschieds stand diese jüngere Schwester Hubers Mutter sehr nahe, sie war Hubers Patin, das «Ebenbild seiner Mutter»,45 wie er sie Lina beschrieb.

Eugen Hubers Tante Magdalena Gwalter-Weber war die Vertraute seiner Mutter. Ihr Schicksal erlaubt einen Einblick in das Gefühlsleben der damaligen Zeit. Sie heiratete auf die andere Seite der Limmat ins Nachbardorf Höngg. Dort betrieb ihr Gatte Hermann Gwalter (†1877) eine erfolgreiche Landwirtschaft. Als sie im Alter von 44 Jahren an Herzversagen starb, hinterliess sie sieben Kinder, Sohn Emil stand vor dem medizinischen Abschlussexamen. Huber empfand den Onkel zwar als Ehrenmann, aber auch als barsch und hart. Nur 16 Monate später starb der Witwer an gebrochenem Herzen.46 Huber war überrascht, «wie ihm nun der Tod seiner Frau zu Herzen gieng, die er mit seiner Unerbittlichkeit so oft zur Arbeit getrieben, wenn sie fast nicht mehr konnte». Auch Huber quälten Schuldgefühle. «Es war nicht recht von mir, dass ich ihre mütterliche Zuneigung zu mir so wenig erwiderte –, aber früher hielt mich falsches Unabhängigkeitsgefühl und später der Plan, mit meiner lieben Frau zusammen das Versäumte nachzuholen ab, meine nächstliegenden Verwandten- und Gotteskindspflicht gehörig zu erfüllen.»47 Die Kontakte zwischen Zürich und «Höngg» waren stets sehr rege. Musste sich Mutter Huber über ihren Jüngsten ärgern, fand sie in der Familie ihrer Schwester stets ein verständnisvolles Ohr.

Eine ebenfalls sehr enge Beziehung verband Huber mit der Familie seiner anderen Tante. Küngold Weber heiratete 1837 Heinrich Gyr (1812–1888) aus Uster. Wie Hubers Mutter bei ihrer Trauung war auch sie erst 17 Jahre alt. Über Gyrs familiären Hintergrund ist nichts bekannt. Küngold und Heinrich Gyr suchten ihr Glück in der Fremde, sie wanderten nach Württemberg aus. Im Lauf seines langen Lebens machte der Unternehmer eine glänzende Karriere und erwarb ein enormes Vermögen. 1855 wurde Gyr Mitbegründer und von 1856 bis 1881 Direktor der Württembergischen Baumwollspinnerei. Diese lag in der Nähe von Esslingen auf einer Halbinsel am Neckar genannt «Brühl». 1871 erweiterte er die Unternehmung und kaufte die Mechanische Baumwollspinnerei in Bleichach/Allgäu hinzu.

Immer wieder verbrachten die Geschwister Huber Ferien bei Tante und Onkel Gyr in der Fabrikantenvilla. Als Huber kurz vor Abschluss des Gymnasiums in eine schwere Lebenskrise geriet, bat ihn seine Schwester Pauline, nicht die Nerven zu verlieren, und empfahl ganz selbstverständlich: «Gehe für einige Zeit zum Onkel in Esslingen oder auch vielleicht zum Onkel in der Enge.»48 Nach einem Fiasko in London lebte Pauline selbst 1874 einige Zeit bei den Gyrs, bis sie sich wieder aufgefangen hatte und nach Russland weiter zog. Wusste ein Familienglied nicht ein und aus, war der «Brühl» das letzte Refugium. Als Hubers Mutter 1869 gestorben und er Vollwaise war, fühlten sich Onkel und Tante zusätzlich in der Pflicht. «Ich führe hier ein Schlaraffenleben. Bald geht’s da, bald dorthin, ins Theater, auf Besuch»,49 berichtete Huber auf der Reise ins Studienjahr nach Berlin.

Heinrich und Küngold Gyr hatten nicht nur Söhne, die ins Geschäft eintraten, sondern auch mehrere Töchter; bei deren Verheiratung zählten nicht Gefühle, sondern wirtschaftliche Überlegungen. Huber sowie Lina blieben ein Leben lang mit der vorwitzigen Cousine Ida Gyr befreundet. Huber hatte gar kurz erwogen, um Idas Hand anzuhalten, sollte ihn Lina für immer abweisen.50 Trotz der in Aussicht stehenden guten Mitgift blieb sie unverheiratet. War daran ihr kaum sichtbarer kleiner Buckel schuld?51 Später empfingen Gyrs Eugen Hubers Frau Lina herzlich auf dem «Brühl» und zeigten weniger Vorbehalte als einige Angehörige in der Schweiz. Am Ende ihres Esslinger Besuchs 1883 notierte sie ihre Eindrücke. «Lebewohl du gastliches, strammes Haus, du blühender Garten, du traute Stille! Mit dankbarer Liebe will ich noch oftmals Euer gedenken, Ihr, die Ihr mich so freundlich aufgenommen und so weitherzig behandelt habt! Der Umgang mit Euch gab mir ein bisher noch nie empfundenes Bewusstsein, Freunde, wirkliche Freunde zu gewinnen, ist wohl eines der schönsten Ziele des Lebens und ein Kreis von lieben Bekannten mit allen ihren Licht- und Schattenseiten dient schon wesentlich dazu, uns das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu verleihen. Wir fühlen uns Mensch unter Menschen und die Kluft, die sich unwillkürlich bildet, wenn wir an ein abgeschiedenes Leben gewöhnt sind, schwindet allmählich dahin bei solchem Zusammenleben.»52

Heinrich Gyr war der begüterte Clanchef, der für die Grossfamilie einzustehen hatte. Dass er diese Aufgabe übernahm, ist aus heutiger Sicht umso erstaunlicher, als seine Frau mit der Familie Huber nicht blutsverwandt war. Der Selfmademan Gyr hatte Achtung vor der eigenständigen Leistung anderer, wie Huber nach dessen Tod erfuhr: «Er hat stets grosse Sympathie und Vorliebe für dich empfunden und seine Freude bezeugt über die bevorzugte Stellung, welche du dir durch eigene Arbeit und Tüchtigkeit errungen hast.»53 Als Vetter Conrad Gyr diese Zeilen schrieb, war Huber zwar erst Professor in Basel, sein eigentliches Lebenswerk lag noch vor ihm.

Hubers älteste Schwester Anna weilte im Juni 1871 zur Erholung in Esslingen. Bei der Gelegenheit wurde sie Zeugin eines Streiks: «Letzte Woche machten die Fabrikarbeiter auch Streike, sie wurden aber durch Oncles energisches Einschreiten bald wieder zur Vernunft gebracht. … Oncle ärgerte sich nachher sehr, dass die Kerle auf solch niederträchtige Art eine Lohnerhöhung erzwingen können; aber er sagte, nur einige Tage ohne Arbeit würde ihnen mehr schaden, als eigentlich die Summe der Lohnerhöhung ausmache; warum thuns auch die Herren nicht vorher, dann würde es gewiss nicht so weit kommen.»54 Der Onkel, «der neben bei gesagt von allen so ziemlich gefürchtet wird», war und blieb Respektsperson, selbst seine Kinder «[waren] alle viel fröhlicher und ungezwungener», wenn er aus dem Haus war.55

Der gyrsche Reichtum weckte zwiespältige Gefühle. Ohne Bedenken nahm Huber von Onkel Gyr zum Abschluss seiner Studien ein Geschenk von 1000 Franken an. Während Huber gelegentlich spitze Bemerkungen über die Millionäre in der Familie fallen liess, schien sein Bruder August eher Bewunderung zu hegen. Jedenfalls war er in grosser Sorge, als bekannt wurde, dass Onkel Gyr 150 000 Franken (von einem Gesamtkapital von 13 Millionen Franken) in die Nord-Ost-Bahn56 investiert hatte und diese vom Konkurs bedroht war.57

Gyrs Bedeutung für sein damaliges Umfeld lässt sich daran ermessen, dass es sowohl neben der Firma im «Brühl» (inzwischen gehört das Land Daimler-Benz) wie in Bleichach eine Heinrich-Gyr-Strasse gibt. Für die Angehörigen jedoch zählte weniger das unternehmerische Geschick als die Verlässlichkeit Küngold und Heinrich Gyrs, ihr offenes Ohr und das gastfreundliche Haus.

DER STAMMHEIMER «LINGG HAUPTMÄ»

Dem Dorf seiner Kindheit – Stammheim im Zürcher Weinland – bewahrte Eugen Huber Zeit seines Lebens eine treue Anhänglichkeit. Immer wieder reiste er in die alte Heimat zurück, etwa bevor er 1869 zum Studium nach Berlin fuhr. «Das war zu schön, die ganze Macht aller Empfindungen, die mir das Heimathland ja erregt, sind stürmisch neu erwacht.»58 Bis zum Tod soll eine Zeichnung der St.-Gallus-Kapelle in Oberstammheim über seinem Bett gehangen haben, die er einst in der Sekundarschule gemacht hatte.59 Am Doktorhaus, in dem Eugen Huber am 13. Juli 1849 zu Welt kam, erinnert eine Inschrift an den berühmten Bewohner. Heute ist die stattliche Liegenschaft an der Hauptstrasse durch Anbauten erweitert und dient als Altersheim für das Stammertal.

Auch im 21. Jahrhundert bezaubert der Dorfkern mit seinen Fachwerkhäusern den Besucher. Landwirtschaft und Rebbau prägen das Bild. Der Charme könnte eine heile Welt vortäuschen, doch blieb dieser malerische Flecken von historischen Umwälzungen nicht verschont.60 Politisch teilte Stammheim das Schicksal der Zürcher Landschaft; Jahrhunderte lang führten die «Gnädigen Herren» aus der Stadt ein mehr oder weniger strenges Regime. Die französische Revolution schien den grossen Um- und Aufbruch zu bringen. 1798 feierten die Stammheimer den Untergang der alten Staatsordnung mit einem Freiheitsbaum. Die Freude währte nur kurz, in den folgenden Jahren plünderten französische, österreichische und russische Armeen das Weinland. In guten wie in schlechten Zeiten drückten die Steuern. 1808 löste der Kanton Zürich die über 1000 Jahre alte Zehntenverpflichtung an das – inzwischen aufgehobene – Kloster St. Gallen für 200 000 Gulden ab. Die Gemeinde musste den Betrag bei der Zürcher Staatskasse in Raten abstottern, eine schwere Last für die lokalen Steuerzahler.

Was hatte Hubers Vater bewogen, im Alter von 25 Jahren Altstetten den Rücken zu kehren? Es gibt nur Vermutungen. An der Universität war einer seiner Kommilitonen der Theologiestudent Hirzel aus Stammheim, zudem soll Hans Conrad Huber das Dorf vom Militärdienst her gekannt haben. Als er 1838 seine Praxis ins Weinland verlegte, zählte Oberstammheim rund 800 Einwohner.61 Es waren unruhige Zeiten. In Erinnerung an den Ustertag vom 22. November 1830 organisierten die Stammheimer jeweils eine Gedenkfeier.62 Ein Jahr nach Hans Conrad Hubers Niederlassung in Stammheim erfolgte in der Hauptstadt der konservative Züriputsch, doch bald mussten auch diese Herren ihre Macht abgeben. Eugen Huber verarbeitete die Ereignisse später in einer unveröffentlichten Novelle.63

Auch wenn dank dem Aufstand eines Teils der Landbevölkerung die Konservativen in Zürich kurzfristig Oberwasser hatten, blieben die neuen Ideen in Stammheim gegenwärtig. Ende 1842 gründeten neun Männer aus Oberstammheim eine Gesellschaft zur Pflege der Geselligkeit. In einem Lokal, das den Mitgliedern täglich zur Benutzung offen stand, lagen unter anderem die «Neue Zürcher Zeitung», der «Landbote» aus Winterthur oder «Der Deutsche Bote».64 1843 wurde eine Volksbibliothek gegründet. Aberglaube, die Furcht vor Hexen, bösen Geistern und Gespenstern, die Anwendung von Beschwörungsformeln zur Heilung von Krankheiten bei Menschen und Tieren hätten zusehends an Bedeutung verloren, weiss Chronist Farner zu berichten65 – eine erfreuliche Folge der Bibliothek? Völlig gefeit vor Aberglauben war jedoch selbst der Doktorsohn nicht; bei Gelegenheit liess er sich die Zukunft voraussagen. 1875 hoffte Lina, Hubers Dorf sowie das Häuschen der alten Wahrsagerin einmal zu sehen und kommentierte deren etwas gewagte Prognose: «Ein ‹Vaterlandsverteidiger› bist du gewiss im schönsten Sinne des Wortes, wenn auch nicht mit Schwert und Degen.»66

1841 kaufte Hans Conrad Huber von seinem Vorgänger Dr. Hirzel ein Fachwerkhaus im Dorfzentrum. Freiwillig oder unfreiwillig investierte er in die Liegenschaft, sodass sie bereits wenige Jahre später um einiges wertvoller war als die umliegenden Gebäude: Chirurg Huber traute sich wirtschaftlich einiges zu.

Der Doktorsohn gehörte zur Dorfelite, eine Stellung, die Huber offensichtlich genoss und manchmal ausnützte. Hubers Spitzname – der «lingg Hauptmä», der linke Hauptmann der Oberstammheimer Buben – rührte von seinem gelähmten rechten Arm her.67 Trotz seiner Behinderung aus frühen Kindertagen war er der Anführer der Bubenspiele; bei Kämpfen bediente er sich jeweils geschickt des gesunden linken Arms. Huber berichtete Lina von einer Geschichte, wie er als «lingge Hauptmä» zusammen mit Besuchern aus Zürich die Unterstammheimer Buben besiegte. Mit seinem Schulfreund Schaggi zog er als Ritter aus und spielte Tournier. Eine junge Zürcherin setzt ihm den Siegeskranz auf, stolz und ein bisschen verliebt spazierte Huber am folgenden Tag mit ihr durchs Dorf.68

Im Alter fiel es Huber auf, wie unbestritten für ihn die besondere Stellung gewesen war. «Ich war ein ‹Doktors› Sohn auf dem Land, ich war mir in den jüngsten Jahren bewusst, eine hervorragende Stelle zu haben und zwar ungesucht, von selbst. Was ich als ‹linker Hauptmann› leistete, das war nur die Folge dieser Prärogative. Und an dieser Idee hielt ich nach dem Tode des lieben Vaters fest. Ich lebte in ihr am Gymnasium, ich empfand den Schulerfolg als etwas Selbstverständliches.»69

Hubers Freund Jakob Schnurrenberger, genannt Schaggi, war ein uneheliches Kind, das bei der Landschreiberfamilie im Nachbarhaus lebte. «Schaggi war gewissermassen mein Diener; er trug die Kleidlein, die mir Mutter nicht mehr flickte, und dieser Umstand, den ich gar wohl erfasste, reichte hin, in meinen Augen den Schaggi zum Vasallen herabzudrücken. … In der Schule war Schaggi geschickt, aber natürlich nach meinen Begriffen, unter mir, wenngleich viel fleissiger als ich.»70 Als Sekundarschüler rückte Schaggi zum Klassenbesten auf und überholte mit seinen guten Noten den Freund. Nun strengte sich Huber an. Der Tod seines Vaters und Hubers Umzug nach Zürich beendeten vorzeitig den Wettbewerb. Doch selbst von Zürich aus fühlte sich Huber befugt, Schaggi Vorschriften zu machen. Als ihm dieser in einem Brief erzählte, er habe mit dem jungen Orelli, dem Sohn des neuen Dorfdoktors gesprochen, wies ihn Huber zurecht. Schaggis Antwort war vorsichtig-kleinlaut, er pflege weder Freundschaft noch Feindschaft. «Nun wäre es mir sehr leid, wenn du glauben würdest, dass ich ein Freund Orellis sei. Das bleibe fern von mir, denn ich weiss wohl, dass ich euch dadurch beleidigen würde.»71

Allein oder mit der Familie ging Huber gelegentlich auf kleine Reisen. Seit der Lehre wohnte Bruder August in Zürich, im August 1861 durfte ihn Eugen besuchen. In einem Brief an August beschrieb Huber den Familienausflug nach Ermatingen und Konstanz, wo die Familie das Münster und den Schiffplatz besichtigte. Morgens um vier Uhr dreissig fuhren sie los, abends um acht Uhr waren sie in Stammheim zurück.72

In der Korrespondenz mit dem grossen Bruder fällt der etwas altkluge Ton auf. Als Bezirksrichter Schuler starb, wurden «durch dessen Tod 18 Aemter unbesetzt».73 Hinter Hubers Zeilen hört man die Gespräche der Erwachsenen, wie auch bei Hubers Kommentar zur Gründung einer Bank, der Leihkasse: «In Stammheim ist man im Begriff eine Leihkasse zu entrichten, was sicher, besonders für die Ärmere Klasse eine wahre Wohlthat wäre.»74

Huber liebte Brombeeren und diese erinnerten ihn stets an Stammheim. «Ich weiss noch, wie ich zu den ersten mit besondrem Bewusstsein gekommen. Ich kletterte an einem Sommermorgen als etwa siebenjährig im Dutteltal an einem hohen steilen Waldbord hinauf und gab nicht nach bis ich oben war. Da aber gelangte ich zufällig an einen Platz voll der köstlichen Beeren und ass nach Herzenslust, indem ich mir sagte, das sei die Belohnung für meine Ausdauer. Von wem Belohnung? Vom lieben Gott, der mich zu den Beeren geführt.»75 Noch folgte der Knabe Huber offensichtlich der väterlichen Weltanschauung.

Vater Hans Conrad Huber war nicht nur in Stammheim tätig. 1845 übernahm er die Stelle eines Adjunkten des Bezirksarztes im benachbarten Andelfingen. Nach einigem Zögern verzichtete er 1861 auf dessen Nachfolge, zu ungewiss schienen ihm seine Aussichten. In Andelfingen besuchte er auch einen medizinischen Lesezirkel. Dagegen kandidierte er nie für ein politisches Amt. «Er mochte sich keine Verbindlichkeiten auflegen, welche ihm die Zeit, welche vor allem seinen Kranken gewidmet und geheiligt war, durch anderweitige Verpflichtungen schmälern konnten.»76

HANS CONRAD HUBER UND ANNA WIDMER – EINE TUMULTUÖSE BEZIEHUNG

Hubers Elternhaus in Stammheim war alles andere als eine Biedermeieridylle. In einer Landpraxis des 19. Jahrhunderts bestimmte der anspruchsvolle, anstrengende Beruf des Vaters den Alltag der Familie. Tag und Nacht war der Dorfmediziner für seine Patienten da. Im Doktorhaus herrschte ständiger Trubel, es war ein Kommen und Gehen, die Leute erschienen unangemeldet, Krankenbesuche auf fernen Höfen waren die Regel, alle Angehörigen halfen mit.

Auch in Hubers Elternhaus war Kindersterblichkeit eine traurige Wirklichkeit, allerdings nicht ganz so dramatisch wie in Linas Familie. Die älteste Tochter Anna kam 1837 noch in Altstetten zur Welt. Das nächste Kind, Sohn Carl, starb im Jahr seiner Geburt 1838. Dann kamen Schlag auf Schlag Hubers drei Geschwister, Pauline (1840), August (1841) und Emma (1843), zur Welt. Ein ungetauftes Söhnchen lebte von 1846 bis 1847. Weshalb er nie getauft wurde und namenlos blieb, ist unklar. Den Schluss machte 1849 der kleine Eugen. Mutter Anna Huber war bei seiner Geburt knapp 31 Jahre alt.77 Die älteren Geschwister sollen über die Ankunft des Jüngsten wenig begeistert gewesen sein, die Mutter musste den Kleinen oft in Schutz nehmen.78

Johannes Wyss’ Nachruf zeichnet Vater Hans Conrads Porträt: «Seiner äussern Erscheinung nach war Huber eine jener sofort Herz gewinnenden Naturen, welche wir schon ihrer Seltenheit wegen beglückwünschen. Von mittlerer Grösse, hager und schmal gebaut, mit scharfem Profile (erst in den letzten Jahren wurden seine Gesichtszüge markig fest79) und lebhaftem Blick, etwas vorüber gebogen, sanguinischen Temperaments, mit leichtem aufbrechendem Benehmen begabt, war er ganz dazu angethan, rasch zu gehen, schnell zu prüfen, entschlossen zu handeln.»80 Ist unter «leichtem aufbrechendem Benehmen» jener Jähzorn zu verstehen, für den sein Jüngster bekannt war? Zwischen den Zeilen deutet Wyss auch autoritäre Charakterzüge des Verstorbenen an, während Hubers Mutter ihrerseits eine starke, streitbare Persönlichkeit war; die Folge waren lange Jahre häuslichen Streits.

«Seine liebste Erholung fand er überdies im Kreise seiner Familie, wo er, den ganzen Geschäftskreis der innern Angelegenheiten seiner trefflichen Gattin unbedingt überlassend, hinsichtlich … der Erziehung und Ausbildung seiner Kinder eine durchaus active Stellung einnahm.»81 Übersetzt bedeutet dies wohl, dass die ganze Mühe der Haushaltung an der Ehefrau hing, während wichtige Entscheidungen dem Mann vorbehalten waren. Zu Lebzeiten des Vaters erhielt tatsächlich nur Sohn August eine Ausbildung, Tochter Pauline durfte vielleicht einen Welschlandaufenthalt absolvieren. Jahre später beklagte Huber diesen Mangel gegenüber Lina. «Sie ist entschieden das talentvollste, in gewisser Beziehung, von uns allen fünfen. Aber eine Erziehung hat sie nie genossen.»82

Sogar bei der Weltanschauung gingen die Überzeugungen der Eltern auseinander. Anna Huber-Widmer war ein Freigeist. Bei ihrem Lehrmeister hatte sie nicht nur das Schneiderinnenhandwerk gelernt, sondern auch ihre religionskritischen Ansichten entwickelt. Eine mit ihr befreundete Familie Meier sei «ganz in diesem Fahrwasser gesegelt», schrieb der Sohn. Umsonst versuchte Vater Hans Conrad einmal wochenlang, bei den Kindern ein Tischgebet einzuführen, Mutter Anna wehrte sich erfolgreich dagegen, es blieb alles beim Alten.83

Zu seiner Mutter hatte Huber ein zwiespältiges Verhältnis. Er liebte und bewunderte sie, doch hätte er sich zwischen den Eltern mehr Harmonie gewünscht. War Anna Huber-Widmer zu eigenständig? Während seiner Verlobungszeit fürchtete Huber, Lina sei gar selbstständig, die Ehe seiner Eltern stand lebhaft vor seinen Augen. Warum «ich diesen Gedanken besonders rege in mir fühle, es ist weil ich aus eigener Anschauung erfahren, wie unglücklich dies eine Familie machen kann. Meine liebe Mutter war eine gescheite Frau und ein Herz voll Liebe und Poesie, aber dem Vater stand sie unnahbar gegenüber. Brachte er ihr ein Geschenk, so war’s nie recht, und so kam es, dass er ihr schiesslich allemal auf Neujahr nur das Geld gab, damit sie sich selber etwas kaufe.»84 Immerhin organisierte die Mutter für den Konradstag, den 26. November, ein Festessen, an dem auch die Kinder teilhatten. Es gab Hasenpfeffer oder eine gebratene Gans, «häufig auch ein Hühnchen, das die Mutter selbst mästete». Wochenlang lebte der Vogel im Waschhaus, der Vater sollte nichts davon merken. Der hölzerne Käfig wurde mit einem Tuch bedeckt, damit der Hahn nicht krähte. Vergass man das Tuch, krähte der Hahn schon um 7 Uhr, bevor der Vater in der Praxis war «und das Geheimnis war zur Belustigung aller, mit Ausnahme der Mutter, verraten».85

Anna Hubers Charakter passte schlecht ins damalige Bild der hingebungsvollen Ehefrau und aufopfernden Mutter. «Eigene Kinder sind nach den Worten der Mutter oft ein Unglück, ein Fluch»,86 notierte Huber im Alter von 63 Jahren. Anlässlich der Hochzeit seines Bruders August im Jahr 1874, fünf Jahre nach Mutters Tod, gingen Huber düstere Gedanken durch den Kopf. «Ich dachte daran, wie Mutter oft in ihrem Unglück gewünscht, wenn nur keines von uns je heiraten möchte; ich dachte daran, wie ich oft diesen Wunsch einer verzweifelten Mutter für einen Fluch unserer Familie gehalten und daran gezweifelt, ob je einem von uns je das Glück eines eigenen Herdes werde zutheil werden könne.»87 In der Rückschau entwickelte zumindest August ein gewisses Verständnis für die mütterlichen Klagen. Nachdem er selbst Vater geworden war, berichtete er Eugen von schlaflosen Nächten und wunderte sich. «Wenn ich mir vorstelle, wie unsere Mutter mit uns geplagt war, so muss ich sagen, dass sie eine recht zähe Natur war.»88

Offensichtlich war Anna Huber von ihrem Hausfrauendasein nicht erfüllt. Sie verfolgte literarische Träume. Im Alter erinnerte sich ihr Sohn, wie «die gute Mutter so eifrig und unverdrossen an ihren literarischen Versuchen arbeitete, in der Morgenfrühe sich aufmachte, um neben dem Haushalt ihren Plänen nachgehen zu können, von denen sie auch eine Besserung der ökonomischen Verhältnisse erhoffte! Das alles scheiterte, wann und wie und in welchem Umfang weiss ich nicht.»89 In einem wohlhabenden Bauernhaushalt aufgewachsen musste sie, neben allem anderen, sogar einen gewissen Wohlstand vermisst haben. Zudem fühlte sie sich nicht als Teil des Dorfes. «Warum bin ich so einsam?», fragte sich der 61-jährige Huber. «Das reicht in meine Jugendjahre zurück. Es rührt vielleicht von der Stellung her, in der sich meine Mutter den Stammheimer Leuten gegenüber fühlte.»90

Während Hubers Kindheit hatten sich die Eltern entweder gefunden oder hatten resigniert, er erlebte die schlimmsten Konflikte nicht mehr persönlich mit. «Ein unglückliches Familienleben wirkt auf empfindliche Gemüther unglaublich zerrüttend,» kommentierte er entschuldigend die späteren Probleme seiner Schwester Pauline. «Ihre Jugend fiel in die Zeit, da Vater und Mutter am ärgsten mit einander in Unfrieden lebten.»91 Mit 14 Jahren verliess Pauline Stammheim und die Familie für immer, das Nesthäkchen Eugen war zu dem Zeitpunkt 5 Jahre alt.

Vater Hans Conrad Hubers gesellige Art fiel bereits während seiner Studienzeit auf: «Sein jovialer Umgang machte jeden zu seinem Freunde, mit welchem er in gesellige Berührung kam … Niedrigkeit in der Gesinnung und Gemeinheit in den Handlungen waren ihm unausstehlich und er zog sich tief verletzt zurück, wo im Leben ihm solche als Antwort auf sein offenes Entgegenkommen begegneten.»92 Auch mit diesen Eigenschaften scheint Huber dem Vater ähnlich gewesen zu sein. Seine ausgeprägte Verletzlichkeit machte ihm den Umgang nicht nur mit Gegnern, sondern auch mit Freunden unendlich schwierig.

Hubers Vater war ein typischer Praktiker «und benutzte besonders und mit Vorliebe die Ergebnisse seiner französischen Lectüren. Weniger verwendete er seine Zeit auf rein wissenschaftliche Forschungen.»93 Seine Französischkenntnisse reichten demnach aus, um Fachliteratur in dieser Fremdsprache zu verstehen. Auf seine Art muss er ein gebildeter, interessierter Mann gewesen sein. Im Alter träumte Sohn Huber eines Nachts, man verkaufe seine [Hubers] Bibliothek, «und dabei plagte mich vor allem, dass die kleinen Büchelchen aus der Bibliothek meines Vaters, die deutschen Klassiker, verkauft worden waren, und ich dachte nach, wie ich sie zurückkaufen könnte».94 In jener Epoche war es keineswegs selbstverständlich, dass ein Kind in einer Familie aufwuchs, in der es Bücher gab, der Doktorbub war trotz allem privilegiert.

«Eine regelmässige, aber nicht ängstliche Lebensweise beobachtend, genoss er eine dauerhafte Gesundheit und ertrug alle Strapazen des landärztlichen Berufes.»95 Verbarg sich hinter der diplomatischen Formulierung einer «nicht ängstlichen Lebensweise» ein Hinweis auf Hans Conrad Hubers Trunksucht? Als Eugen Hubers älteste Schwester Anna später an einer Arbeitsstelle heimlich zur Flasche griff, klagte Bruder August «Es ist natürlich ein Erbstück. Allein man sollte eben gegen so was kämpfen.»96 Anna selbst hätte damals im Rausch zu andern gesagt, «sie mache es ihrem Vater nach».97

TEIL II

STURM UND DRANG IN ZÜRICH

Am 8. Dezember 1862 erkrankte Hans Conrad Huber an einer Lungenentzündung. Trotz seiner Schwäche machte er am folgenden Tag einen Krankenbesuch und rettete dem kleinen Patienten vermutlich das Leben. Umsonst liess er sich als Therapie Blutegel ansetzen. «Unerträglicher Schmerz und furchtbare Beängstigung wechselten mit lebhaften Delirien bis am 12. Abends; dann trat Ruhe ein und geistige Klarheit, aber auch das Vorgefühl des nahenden Endes, und mit hellem Geiste traf der Scheidende noch manche werthvolle Anordnung für das Wohl seiner zurückbleibenden Familie.»1

Huber beschrieb 50 Jahre später den Abschied vom Vater so: «Es schwebte mir heute immer jener trübe, nasse Dezembertag vor Augen, da unser Vater am Sterben lag … jedes Zeitalter muss für das Gute danken, das es bringt. Und ich danke meinem lieben Vater für das was ich geworden bin. Sagte er mir nicht beim Abschied: Werde was du willst, aber was du wirst, werde es mit ganzer Seele und ganzer Kraft! Wie sehr hatte ich gerade diesen Zuspruch nötig! Wie arg hat es mich herumgetrieben!»2

Für die Familie war der allzu frühe Tod eine Katastrophe, das bisherige Leben brach innert kürzester Zeit zusammen. August Huber gedachte jener Tage: «Wie schwer war es für die arme Mutter bei den bescheidenen Mitteln in die Zukunft zu blicken; im Alter von 44 Jahren bereits eine müde Frau sah sie für ihr Alter nicht Ruhe, sondern Mühe und Sorgen voraus. Auch für unsere Schwestern war es ein harter Schlag; das väterliche, heimelige Gut in Stammheim, das für sie doch immer ein Heim war, gieng auch für sie verloren.»3 Anna und Emma lebten damals zu Hause, Emma betreute die Apotheke.

Noch im Dezember 1862 musste das Doktorhaus verkauft werden. Ein Dr. Orelli interessierte sich für die Liegenschaft und versuchte, den Preis zu drücken. Ohne Wissen der Familie Huber übernachtete er im benachbarten Gasthof Schwert und beklagte sich über den hohen Preis. Spontan solidarisierten sich die Stammheimer mit der Witwe. Der auswärtige Gast «erhielt jedoch von allen Anwesenden die Antwort, das Haus und die schöne Praxis sei den besagten Preis von 16 000 Frs. wohl wert.»4 Im gleichen Brief teilte Huber seinem Bruder mit, ihre Mutter dürfe nicht allein entscheiden, sondern brauche einen Vormund.

Sein Bruder August war für Eugen ein Glücksfall. Unvermittelt wurde der junge kaufmännische Angestellte mit prekärer Gesundheit im Alter von nur 21 Jahren zum Familienoberhaupt. In dieser Rolle kümmerte er sich bis zu seinem Tod 1914 um das Wohlergehen seiner nächsten Umgebung.5

In Zürich galt es als Erstes, die Zukunft Eugens zu sichern. August Huber wollte ihm den Besuch des Gymnasiums ermöglichen und etwa vorhandene Lücken in der Vorbildung durch Privatstunden schliessen lassen. «Wegen der bisschen Mehrkosten hast du dir, liebster Bruder, keine Skrupel zu machen; ich habe ja schon mehreremal versprochen, dich ganz auf meine Kosten ausbilden zu lassen, und da es mir ja möglich ist, thue ich es ja recht gerne mit allen Freuden.» Konkret bedeutete dies, dass er während Jahren seine eigenen Ansprüche zurückstellen und auf vieles verzichten musste. August Huber hatte einen ausgeprägten Familiensinn. «Sieh es freut mich halt recht auf unser nahes Zusammenleben; ich nehme dann bei Herrn Boshard das grössere Zimmer; wenn es nöthig ist, bringst du dein Bett mit und dann haben wir es ja ganz gemüthlich.» Auch Mutters Gesundheit machte ihm Sorgen und er fuhr fort, er sehne sich «ungemein nach der Zeit, wo ich ihr alle meine Aufmerksamkeit schenken und sie mit Munterkeit und fröhlichem, zufriedenem Sinn aufheitern kann».6

«Meine Eintragungen betreffen fast nirgends die Arbeit»,7 konstatierte betroffen der ältere Huber, als ihm 1910 die Aufzeichnungen aus seiner Jugendzeit in die Hand kamen. Tatsächlich beschäftigten den jungen Huber ganz andere, für sein damaliges Alter typische Fragen, wie zum Beispiel die Suche nach der eigenen Identität. Sollte er Schriftsteller oder doch Staatsmann werden? Oder liess sich beides verbinden? Welche Rolle konnte er im Gymnasialverein spielen? Wer war sein Freund und wer sein Gegner? Vor allem aber: Was ist der Sinn des Lebens?

Kurz nach dem Umzug nach Zürich lernte Huber in der Nachbarschaft den künftigen Geologen Albert Heim kennen. Es war eine typische Bubenfreundschaft. Während Jahren ging Huber in Heims Familie ein und aus. Schliesslich verliebte er sich – nicht zur Freude des Bruders – in Alberts jüngere Schwester Helene. Bevor Huber irgendwelche Schritte unternehmen konnte, starb Helene unerwartet kurz nach der Konfirmation 1866, ein schwerer Schock auch für den schüchternen Verehrer. Mit Heim besprach Huber seine Sorgen, mit ihm machte er Bergtouren, die beiden Jungen bestiegen beispielsweise 1865 die Mythen. Die innige Freundschaft hielt bis zum Berliner Studienaufenthalt im Winter 1869/70, wo sich die jungen Männer ein Zimmer teilten. «Heim und ich führen ein herrliches Leben. Einer heitert den andern in trüben Stunden auf, und um ihn, das seh ich schon, kommt man ins Schaffen hinein. Er hat grossartige Pläne, die man in ihm nicht vermuthen sollte.»8 Nach der Berliner Zeit trennten sich ihre Wege, Huber beklagte die Entfremdung in einem Gedicht. «Du denkst an mich wohl selten, an dich denk ich so viel, Getrennt wie der Stern und die Erde, Ist unser beider Ziel. Doch möcht’ ich die beiden Welten durchziehen an deiner Hand, mit dir die Lüfte durchsegeln und gehen Land zu Land …»9 Dennoch lebte die Freundschaft bis zu Hubers Tod in veränderter Form weiter, er wurde gar Pate von Heims einzigem Sohn Arnold.

Mit einigen Kollegen, die Huber im Gymnasium traf, stand er Zeit seines Lebens in intensivem Austausch. Anfang Oktober 1868 bestanden in Zürich 29 Absolventen die Maturitätsprüfung. Hubers Jugendfreund Albert Heim hatte vorher in die sogenannte Industrieschule gewechselt, da ihm das Gymnasium mit Latein und Griechisch zu sprachenlastig war. Damals war der Besuch des Gymnasiums einigen wenigen jungen Männern vorbehalten. Deshalb überrascht es kaum, dass viele künftige Koryphäen der Wissenschaft gemeinsam die Schulbank drückten. Alfred Kleiner, der «Philosoph» und später engste Freund Hubers, wurde Professor für Physik. In die Wissenschaftsgeschichte ging er zwar nicht mit eigenen Entdeckungen, aber doch als Einsteins Doktorvater ein. Adolf Kägis10 Griechischlehrbücher waren bis in die 1970er-Jahre in Gebrauch. Seine Laufbahn hatte er als Hauslehrer bei Familie Wesendonck11 begonnen, später wurde er Professor für Vergleichende Sprachwissenschaft, Sanskrit und klassische Philologie in Zürich. Huber hatte allerdings «nicht die schönsten Erinnerungen» an ihn,12 was immer das heissen mochte. Der Historiker Wilhelm Oechsli,13 Professor am Polytechnikum (heute ETH), setzte neue, wegweisende Massstäbe in der Deutung der Schweizer Geschichte. Emil Zürcher, zeitweise sehr eng mit Huber verbunden, dozierte Strafrecht, und Otto Stoll14 Geografie und Völkerkunde. Moritz Schröter15 schliesslich machte Karriere als Professor für Theoretische Maschinenlehre in München. Von einigen Mitschülern ist in Hubers Briefen oder Notizen nie die Rede, etwa vom Theologen Walter Kempin,16 dessen Gattin Emilie Kempin-Spyri die erste Privatdozentin an der juristischen Fakultät Zürich war.

Viele Interessen, die Huber im Gymnasium entwickelte, pflegte er bis zu seinem Tod. Sein Tagebuch beschreibt die Faszination des Schachspiels. «Das Schachspiel wird eifrig betrieben; ich siege zwar mit meinen Kameraden meistens; aber mit August geht’s schon schwerer; ich will ein Virtuos geben im Schach, wo möglich nämlich; es ist halt doch das schönste Spiel, das es gibt.»17 Mit August spielte er regelmässig, nach Hubers endgültiger Rückkehr in die Schweiz sogar auf dem Korrespondenzweg. Postkarten der Brüder, auf denen sie jeweils die einzelnen Züge festhielten, reisten zwischen Zürich und Bern hin und her. Auch mit einem ehemaligen Kollegen aus Halle, Rudolf Stammler, spielte er brieflich.18 Etwas blieb in all den Jahren konstant: Gegen wen auch immer Huber spielte, er verlor ungern.

«Oh, Mathematik und Geschichte, und Poesie! Das ist mir die Freude auf dem Lebensweg.»19 Ein paar Tage später wiederholte er im Tagebuch. «Das ist’s, was mich zur Mathematik hinzieht, diese herrliche Logik! Die Geschichte und Poesie sollen dann das Gleichgewicht erhalten gegenüber dieser Logik, für’s Gemüth.»20 Mathematische Probleme löste Huber zur Entspannung bis ins hohe Alter. Noch als 61-Jähriger wird er seufzen: «Ich bin unglücklicherweise wieder einmal unter eine mathematische Zwangsvorstellung geraten und habe heute längere Zeit die Lösung gesucht – statt gescheiteres zu tun.»21

Mit knapp 18 Jahren war sich Huber sicher. «Ich kenne nun das Leben durch und durch … so kann ich hoffen, einstmals tüchtiger Jurist, Staatsmann und Dichter zu werden; wie ein Dante, ein Machiavelli oder so einer; ein Redner Thiers!22 Ah, das muss fein sein. So was zu werden!»23 «Mann sein und etwas Tüchtiges werden» ist ein Leitmotiv der Tagebucheinträge jener Zeit. Andererseits notiert er oft ein typisches Unbehagen. «Wieder Kämpfe – ich weiss nicht, was ich tun soll. In der Schule geht’s nicht wie’s sollte, zu Hause auch nicht, im Verein auch nicht; ich könnte mir die Haare ausraufen.»24

Im Januar 1867 wurde Huber Mitglied des Gymnasialvereins, einer Art Debattierclub. Huber war es ein Anliegen, sich im Hinblick auf eine staatsmännische Laufbahn in Rhetorik zu schulen. Dieser Kreis gab ihm den Spitznamen Schwärmer. «Es muss was Schwärmerisches an mir hangen, und dieses Schwärmerische macht gerade meine schwache Seite aus»,25 klagte er. Ein Höhepunkt seiner Schulzeit war die Aufführung von Schillers «Die Räuber» im Stadttheater26 am 21. Dezember 1867. Huber spielte den Karl Moor und verfasste für den Anlass einen Prolog. Erstmals wurde sein Name als Dichter in der Öffentlichkeit genannt. «Wenn’s einem so gut geht, so schreibt man weniger ins Tagebuch, wenn man dasselbe, wie ich, nur für Herzensergüsse braucht»,27 konstatierte er befriedigt. Drei Jahre später erinnerte er sich. «Jahrestag der Räuber. Vieles anders. Ob besser?»28 Inzwischen war seine Mutter gestorben und er hatte zwei Studiensemester in Berlin absolviert.

Hubers Traum von einer literarischen Laufbahn ging ebenfalls auf die Gymnasialzeit zurück. In der Schule schrieb er einmal statt eines Aufsatzes ein Drama, las es vor, der Lehrer schmunzelte, die Klasse applaudierte «und ich war stolz und hochmütig». «Ich dichtete bald, weil ich wirklich so gestimmt war, bald, weil ich nun glaubte, ein Dichter werden zu müssen»,29 schrieb er an Lina. Er verfasste ein neues Drama im Frühling 1864, vermutlich «Polycrates – Geschichtliches Trauerspiel in fünf Aufzügen»,30 dann einen langen Roman, den die Freunde sehr lobten, «Politisches Zeitgemälde aus der Schweiz anno 1839».31 Die Geschichte setzt sich mit der Epoche des Züriputsches auseinander. Sein Deutschlehrer, Pfarrer Spörri, war von dieser Produktion nicht eingenommen und noch im Alter beklagte sich Huber, dass er von ihm nicht verstanden und gefördert worden war.32

Musik war eine weitere wichtige Leidenschaft Hubers, der er bis ins hohe Alter treu blieb. Zeit seines Lebens besuchte er regelmässig Konzerte. Wegen seines gelähmten Arms kamen für ihn nur wenige Instrumente in Frage. Er entschied sich für die Flöte. Huber muss es recht weit gebracht haben, denn Freund Schaggi lud ihn zu Besuch bei seinem Dienstherrn auf der Kyburg ein, «wobei auch deine Flöte ja nicht fehlen darf, die du so ausgezeichnet gut zu handhaben weisst».33 In vorgerücktem Alter hatte sich der Zustand seines Arms derart verschlechtert, dass Huber nicht mehr selbt spielen konnte. Auf Musik wollte er nicht verzichten, und er schaffte sich ein Aeolion, ein mechanisches, selbstspielendes Musikinstrument an, das er wenn nötig eigenhändig reparierte. Hausmusik bedeutete ihm viel.

Kurz vor der Maturitätsprüfung gerieten mehrere Schüler aus Hubers Klasse in schwerste Krisen. Im Januar 1868 wollte Ritter, später Arzt in Uster, die Schule verlassen. Der Rektor hielt ihn zurück und erliess ihm den Griechischunterricht.34 Im März plante Huber eine Flucht ins ägyptische Alexandria zu seiner Schwester Pauline. Er fing sich wieder auf, doch einige Monate später spitzte sich die Lage erneut zu: Kleiner und Huber wollten gemeinsam in den Tod gehen. War es Alfred Kleiners Idee? In Hubers Nachlass finden sich einige Abschiedsbriefe, aber wie es zu diesem fatalen Wunsch Hubers kam, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Typisch sind seine Worte an Freund Schaggi: «Das ist der letzte Akt des Trauerspieles! Der Kummer, meine Ideen für unmöglich, mich für zu schwach zu erkennen, erdrückt mich … Ich sterbe – mein Freund und ich – wir thuen uns den letzten Dienst.»35 Offenbar kam Huber als erster wieder zu Vernunft und musste sich von Freund Kleiner übel beschimpfen lassen.

Nach zwei Monaten bestanden beide die Maturitätsprüfung und nahmen ihr Studium an der Universität Zürich auf. Kleiner begann mit Medizin und schloss dieses Fach auch ab, zur Physik kam er erst danach. Huber geriet mit der Berufswahl in eine Notlage, wie er meinte. Er wählte Jurisprudenz, weil er sich vorstellte, «es werde mir hier am ehesten möglich sein, meine eigentlichen Pläne, für welche ich einzig mich begeistert fühlte, durchzusetzen, das waren meine Dichterpläne».36

Im ersten Studiensemester verfasste Huber ein Versdrama in fünf Akten, «Der Landamman aus der March – Trauerspiel aus den letzten Tagen der alten Eidgenossenschaft».37 «Mit heiligem Schwur hatte ich gelobt, dieses Werk mit aller Reinheit meines Herzens zu beginnen, und hielt Wort.» Feierlich trug er in Zürchers Bude die Tragödie seinen Freunden Zürcher, Kleiner, Schröter und Heim vor. Sie waren nicht begeistert. «Mein Elend war grenzenlos. Ich war zu stolz, es zu zeigen, wie mich ihr Schweigen kränkte.»38 Die Geschichte hatte Jahrzehnte später ein Nachspiel. Beiläufig bemerkte 1917 Emil Zürcher bei einem Besuch in Bern, der «Landamman» habe ihm seinerzeit gefallen.39 Huber erinnerte sich, wie ihn der fehlende Beifall seiner Freunde, die Skepsis Professor Kinkels,40 dem er sein Werk offenbar gezeigt hatte, sowie die Bedenken der Mutter zu den Gesetzbüchern greifen liessen.

In der Familie erzählte man sich, Huber sei in jungen Jahren ein recht bequemer Bursche gewesen, der oft von seinem Bruder aus dem Bett gejagt werden musste, auf dass er pünktlich zum Unterricht erscheine.41 Hubers Alltag veränderte sich mit dem Übertritt an die Universität kaum. Die familiäre Überlieferung deckt sich mit Hubers Rückschau. «Ich habe diese Zeit übrigens auch in der Erinnerung als ein unglückliches Entwicklungsstadium. Ich war die ersten vier bis fünf Semester ein sehr unreifer Student. Erst mit dem Sommer 1871 wurde es besser, als ich meine Fusskrankheit herumschleppte und anfing zu lesen.»42 Schon während des Semesters 1872 in Wien dämmerte ihm allerdings die Einsicht, dass er allzu viel Zeit verloren hatte. «Zwei Semester gedichtet und spaziert, zwei mich getummelt und an Praxis gedacht, eines discutiert über Praxis und Politik, eines krank und elend, eines Arbeit – und nun, vor mir der Berg von Material, aus dem ich mein Wissen aufbauen soll!»43

BEWEGTES FAMILIENLEBEN IN ZÜRICH UND MUTTERS TOD

Huber war in der ersten Zürcher Zeit voll Bewunderung für seinen grossen Bruder. Was er zeichnete, komponierte oder malte, alles schenkte er August, der ihn ebenfalls nach Noten verwöhnte.44 Als Huber ins Teenageralter kam, änderte sich allmählich der Ton zwischen den Brüdern, Eugen wurde im Gespräch mit August aufmüpfiger. Als eines Tages eine unbeliebte Speise aufgetragen wurde, behauptete August moralisierend, «er glaube es wäre für den Charakter von höchst guter Wirkung, wenn man sich erst recht widrige Speisen geben liesse, dass überhaupt sich selbst Unangenehmes zuzufügen zur Stärkung des Charakters beitragen müsste». Von so viel Stärkung des Charakters wollte Eugen Huber nichts wissen. «Ich entgegnete darauf, da könnte man ja aus gleichem Grunde sich das Haus anzünden, damit man durch dieses ‹Unangenehme› gebessert würde.»45

Nach Pauline ging auch Emma ihren eigenen Weg. Ihr Abschied von der Familie war für Huber bestimmt schwierig, war sie doch seine Vertraute, seine Lieblingsschwester. Schon zu Lebzeiten des Vaters hatte Emma gewünscht, Diakonisse zu werden, doch waren die Regeln strikt. Sie durfte erst im 21. Lebensjahr ins Diakoniewerk Neumünster bei Zürich eintreten.46 Am 16. Dezember 1864 hatte sie ihr Ziel erreicht, sie wurde aufgenommen. Nach erfolgreicher Probezeit wurde Emma am 5. Mai 1867 eingesegnet. Die Mutter mit ihrer freigeistigen Weltanschauung war empört: «Der zweite Conflikt, den ich erlebte, war die leidenschaftliche masslose Bekämpfung der Mutter gegen das Orthodoxe Emmas und seinem Eintritt ins Asyl. Ich erinnere mich böser Stunden, und verstand damals von allem nichts»,47 erzählte Huber später Lina. Nun, Mutter Huber war nicht die einzige, die sich über Emmas Entschluss wunderte. Auch Schaggi konnte der Sache nichts abgewinnen. «Mich dauert, dass deine Schwester Emma in ein solches Leben eingetreten, sie, früher so lebhaft und heiter, soll sich so zurückziehen. Nehme dagegen auch Theil an der Freude, die euch durch die Heimkehr Pauline[s] bereitet worden ist.»48

Emma hatte ihre Berufung gefunden. Der Familie standen jedoch aufregende Zeiten bevor. Kurz nach Emmas Einsegnung wurde 1867 die hoch ansteckende Cholera in Zürich eingeschleppt. Das Diakoniewerk stellte ein Absonderungshaus zur Verfügung. Ein Los bestimmte, welche vier Pflegerinnen zum lebensgefährlichen Einsatz kamen. Die Leitung überliess Gott die Entscheidung, wer sich der Krankheit auszusetzen hatte, die Wahl fiel unter anderem auf Emma Huber. Alle vier Frauen überlebten. Dies war umso erstaunlicher, als jedes Jahr eine Anzahl junger Diakonissen starb, die sich in irgendeiner Form bei Patienten angesteckt hatten.49 Das Diakoniewerk stand deswegen immer wieder in der Kritik der Öffentlichkeit.

Besonders dramatisch war die Auseinandersetzung zwischen Mutter Huber und ihrem ältesten Sohn August. «Mit August betraf es eine Liebschaft mit einer netten Jungfer aus nicht gerade best beläumdeter Familie, aber einem braven Kind, das August seit der Industrieschule liebte und zwar treu und unschuldig, doch aber verständlich genug ihr von Liebe gesprochen und volle Gegenliebe erfahren hatte.»50 Mutter Huber konnte sich nicht mit dem Gedanken abfinden, August, das Familienoberhaupt, an eine ökonomisch zweifelhafte Partie zu verlieren. «Sie kämpfte dagegen mit allen Waffen und August war anfänglich hartnäckig», doch hielt er dem Druck nicht stand und die Beziehung kühlte ab. Er stürzte sich «in einen andern Strudel hinein», verlor dabei seine Gesundheit, «was ihn zwang, den Gedanken der Heirath auf Jahre hinauszuschieben».51 Erst zu diesem Zeitpunkt bereute Mutter Huber ihr abweisendes Benehmen.

Huber schrieb über diese Jahre später: «Es waren die Zeiten, da ich nach den glücklichen Schulanfängen anfieng, liederlich zu werden, allen fantastischen Erfolgen nachzujagen und anderes mehr. Meine Natur wehrte sich unter dem Einfluss der ruhelosesten häuslichen Vorkommnisse. Keine Liebe, kein Glück wurde mir zuteil.»52 Trotz allem ergriff Huber stets die Partei der Mutter.

Auch wenn Hubers Tagebuch vor allem unerfreuliche Vorkommnisse aufzeichnete, bestand sein Leben nicht nur aus Trübsinn. Mit seinen Freunden oder im Familienkreis unternahm er immer wieder kleinere oder grössere Reisen. Im Sommer 1866 begleitete er seine kränkliche Mutter nach Seelisberg. «Ich war nach Familienbeschluss zum Kavalier auserkoren, nahm voller Freude den Posten an.» Auf der Hinreise besuchten Mutter und Sohn in Luzern das Löwendenkmal. Gemeinsam fuhren sie auf das Rütli, «wo mich so recht die alt schweizerische Idee umwehte, wie sie alle, die Altväter da kamen und die Freiheit schworen, die wir Schweizer alle noch so tief lieben und für sie zu siegen, oder aber zu sterben bereit sind: wir schritten vorwärts, besuchten nacheinander die schönsten Plätze … von denen ich einige gezeichnet».53 Huber, ein typisches Kind seiner Zeit, liess sich von patriotischen Gefühlen hinreissen. Mit einem Urner Bergführer durfte er den Bauen besteigen. Als er nach dem Abstieg ins Hotel zurückkam, spielte jemand Klavier und Huber bedauerte, seine Flöte in Zürich gelassen zu haben.

Im Frühling 1868 richteten sich Mutters Zornesausbrüche unvermittelt gegen Eugen. Er beschloss, zu seiner Schwester nach Ägypten zu fliehen. «Es war alles angeordnet und das Geld schon gestohlen»,54 doch kam er mit seinen Plänen bei der Mutter schlecht an. «Da will ich ihr, der Mutter, ganz klar, die Gründe, anstatt nur den Plan angeben. Sie hört eine Weile – und dann werd ich Jesuit gescholten und verketzert. Auch August hilft! Ich bin ein Lümmel, gefehlter Bursche – und Herr Gott – so arg! Mit Prügeln hätte mich die Mutter traktiert, wenn ich nicht geflohen wäre! Und das um Nichts! Um die vernünftige Frage und Bitte!» Mutter Huber war derart aufgebracht, dass sie Trost bei ihrer Schwester in Höngg suchte «und erzählt die Sache dort natürlich nach ihrem Kopfe, mit ihrer Färbung. Auch dort hat sie mich als Jesuit verschrien! Oh! Oh! August verbietet mir, noch ein Wort von der Sache zu schwatzen. Mutter kommt und triumphiert, wie sie es denen in Höngg gesagt und sie ihr geholfen haben. – Oh das alles ertragen müssen an einem Tage! Wo ist ein Ausweg? Wo eine Rettung? Mich tödten? In die Limmath springen?»55 Nun, Huber beruhigte sich wieder. Typisch für die damalige Zeit und Mutters Einstellung ist auch die Verwendung des Begriffs «Jesuit» als Schimpfwort. Noch waren die Wunden des Sonderbundkriegs nicht verheilt.

Vor diesem Auftritt hatte Huber Pauline in Alexandria umsonst um Hilfe gebeten. «Wie erstaunt es mich, dass die Mutter wieder solche Scenen anfängt, besonders mit Dir, da Du ja bis dahin so bevorzugt warst. Diese Heftigkeiten sind eine Art Krankheit und es wird so Gott will, auch wieder ein Ende haben.» Interessant ist Paulines Vergleich von Männer- und Frauenkarrieren. «Du bist zu jung, um selbständiges Auskommen zu finden (die Frauen können das in deinem Alter, aber von den Männern wird mehr verlangt). Vor Allem … musst du an die Universität gehen, wenn das nicht geschieht, ist deine ganze Zukunft vernichtet.» Und dann spielte die Familiensolidarität. Pauline, die ihr Brot derart mühsam verdienen musste, erklärte sich bereit, 1000 Franken jährlich beizusteuern, damit Huber an einer Universität studieren könne. «Wie traurig ist unsere Familie, ich weiss, dass man so weit getrieben werden kann, dass man nicht mehr weiss, was man thut … ich würde Alles geben, dass du ein wahrhaft gebildeter junger Mensch wirst.56 Paulines Schreiben beruhigte Huber – wenigstens vorläufig. «Es hat mich dies wie der ganze Ton des Briefes ungemein gefreut und ich habe gleich geantwortet: ich erkenne, dass bei der Mutter diese Zornesausbrüche mehr Krankheit als bewusster Herzensakt seien, darum bleibe ich»,57 rapportierte er Kleiner. Ob Mutters Ausbrüche bereits Vorboten ihrer Krebserkrankung waren?

Huber beschrieb Lina, wie wenig er die Krankheit seiner Mutter verstand: «Da sie als Witwe an der grässlichen Krankheit von keinem ihrer erwachsenen Kinder begriffen, langsam, langsam dahin starb. Auch ich verstand sie zu spät, als sie mir sagte, sei brav – und weiter nichts.»58 Voll Hoffnung las er der Patientin sein neuestes Drama vor, «Die Böcke von Zürich, ein Schauspiel aus den Zeiten des alten Züricher Krieges». Die Mutter hatte alle ihre literarischen Arbeiten vernichtet und mochte ihren Sohn nicht aufmuntern. «Sie lag auf ihrem letzten Krankenlager, als ich ihr meine ‹Böcke› vorlas, und sie meinte, das sei alles recht hübsch, aber der Erfolg! Das sei eine bittere Sache.»59

Emma wurde zur Pflege der Todkranken nach Hause geholt. «Wir haben gar schon viel miteinander getheilt und die Zeit, die ich bei Hause zubrachte, als die liebe Mutter so todkrank und leidend war, wird mir unvergesslich bleiben, umso mehr, da ich spürte, dass du mit mir gefühlt hast, auch ohne Wort.»60 Die Erfahrung der entsetzlichen Krankheit schweisste Bruder und Schwester zusammen.

Im Alter von 20 Jahren war Huber nun Vollwaise. Im Gegensatz zu Lina hatte er dank Augusts Fürsorge ein Heim. Zudem erhielt er eine bescheidene Erbschaft. Er beschloss, das ganze Geld in sein Studium zu investieren. Kurz nach Mutters Tod verreiste Huber zu seinem Auslandjahr nach Berlin. Das Dichten gab er bis auf Weiteres auf.61 Ein neues Leben begann.

DIE BOLLEREI: LINAS LEBENSSCHULE UND ZWEITE HEIMAT

Am 14. März 1866 kam Lina zu Familie Vontobel in der Bollerei,62 ein «sehr besuchtes» Lokal, dessen «guter Mittagstisch und Bier» der Reiseführer anpries.63 Inzwischen war Lina etwas mehr als 14 Jahre alt und seit acht Monaten Vollwaise. Lina hatte genug vom täglichen Streit zwischen Schwester und Schwager, die sich «sogar einigemal schlugen. Du kannst dir kaum vorstellen», schrieb sie an Huber zurückblickend, «was ich damals gelitten, als Kind von 14 Jahren, ich zog daher vor, lieber zu ganz fremden Leuten zu gehen und kam so vom Regen in die Dachtraufe, zu H[errn] Vontobel».64

Der Einstieg in die Berufstätigkeit war schwer, das junge Mädchen erledigte die Arbeit einer Erwachsenen. Ihre ersten Erfahrungen geben einen traurigen Eindruck von der damals üblichen Kinderarbeit. Umsonst hatte sich Lina häuslichen Frieden erhofft. «Schon am ersten Samstag, den ich in der Bollerei verlebte, sollte ich ein Bild dieser Ehegatten mir entwerfen. Nach Feierabend etwa um ½ 12 Uhr fieng ich an, die Treppe nebst Hausgang zu fegen und putzen. Ich hielt während der Arbeit einigemal inne, denn ich hörte laut sprechen, machte aber wieder fort und kam so herab bis zur Stubenthüre; ich öffnete um fertig zu machen und hörte die rohesten Worte, die nur ein Fuhrmann sonst gewöhnlich gebraucht und die arme Frau V[ontobel] unter Thränen antworten: ‹Es ist ja schön, dass das junge Kind noch so spät arbeitet.› Nun wusste ich, um was es sich handelte. Dies war die erste Scene, die ich im Vontobelschen Haus erlebt, und nun nahm ich mir fest vor, die nächsten 8 Tage nimmer dort zu sein. Und doch wurden 8 Jahre daraus.»65

Schwester und Schwager wollten sie zurückholen, doch «so sagte ich mir, nein, lieber bei dieser Arbeit fast zu Grunde gehen, als in eurem Streit leben».66 Zu Beginn war Herr Vontobel unerbittlich. Schaute Lina zum Fenster hinaus, um zu sehen, wie Schwager Blatter als Kondukteur mit dem Omnibus der Linie Central-Tiefenbrunnen vorbeifuhr, rief sie der Wirt barsch zurück. «Ich begreife täglich weniger, wie ich in diesem Sklavendienst so lange ausgehalten. Wenn auch die letzten paar Jahre nimmer waren, was die früheren, so war doch Vieles zu wünschen»,67 kommentierte sie in der Rückschau. Als sich die Verhältnisse allmählich besserten, schuftete sie zwar weiterhin bis zur Erschöpfung und war oft kränklich, inzwischen jedoch anerkannten und schätzten Vontobels ihre Tüchtigkeit. «In den Räumen wirkte eine liebliche Erscheinung besonderer Art. Eine arme Waisentochter war von den Wirtsleuten sozusagen an Kindesstatt angenommen worden und wurde von ihnen gepflegt und besorgt»,68 berichtete Hubers Juristenfreund Emil Zürcher in einem Brief an seine Verlobte.

Ansehen genoss eine Kellnerin in der bürgerlichen Gesellschaft kaum, dieser Beruf lag nahe bei der Prostitution. Allein die Tatsache, dass eine Frau ausser Haus arbeitete, war für sie schlimm genug. Lina kannte die Vorurteile und achtete konsequent auf ihren guten Ruf. Das Schicksal ihrer Schwester Emma hatte ihr drastisch vor Augen geführt, in welch wirtschaftliche und soziale Bedrängnis eine junge Frau geriet, die vom Pfad der Tugend abkam. «In dieser … gewiss nicht immer angenehmen Stellung wusste sie sich mit einer solchen Würde zu bewegen, dass sie allen imponierte und … dass Niemand es gewagt hätte, in ihrer Nähe nur unziemlich zu denken, geschweige denn zu reden.»69 Als Fabrikarbeiterin hätte sie sich zwar nicht in gleichem Mass auf moralischem Glatteis bewegt, wäre jedoch ausschliesslich mit Frauen oder Personen aus ihrer eigenen sozialen Schicht in Kontakt gekommen. Selbst finanziell hätte sie sich um einiges schlechter gestellt.

Im Wirtshaus dagegen verkehrte Lina unter Männern und traf regelmässig auf interessante Persönlichkeiten in verantwortungsvoller Stellung. Die Bollerei wurde, wie Emil Zürcher schrieb, «von den geachtetsten Einwohnern Zürichs» besucht, etwa von Staatsschreiber Gottfried Keller, dem Präsidenten des Obergerichts Honegger, es kamen «Majoren und anderes Militär, Professoren», wie Stararchitekt Gottfried Semper vom Polytechnikum. Unternehmer vom linken Zürichseeufer, Politiker und Studenten tranken regelmässig ihr Bier an der Schifflände. Nach Linas Tod erinnerte sich Professor Escher an seine Jugendjahre und an «das Bild des feinen, schlanken Mädchens … das seinem zierlichen, freundlichen und doch so sicheren Wesens halber aller Liebling war».70 Oder nochmals Zürcher: «Sie war eine tüchtige Arbeiterin und ihre anmuthige Erscheinung hatte so manchen jungen und alten Mann an den Ort gefesselt und die Stube mit Stammgästen gefüllt.»

Nie hätte sich eine behütete höhere Tochter in einer solch vielfältigen, illustren Gesellschaft bewegen können. Bei Privateinladungen verabschiedeten sich die Herren nach dem Essen ins Raucherzimmer und führten dort ihre ernsthaften Gespräche, die Damen überliessen sie dem Kaffeeklatsch. Anders lag der Fall bei Lina. Während sie die Herrschaften bediente, hörte sie deren Diskussionen, Neckereien, Meinungsverschiedenheiten und oftmals auch mehr oder weniger alkoholbedingte Streitereien. Ihr wacher Geist erhielt unzählige Anregungen und entwickelte dabei Verständnis für politische Zusammenhänge. Der kritische Huber anerkannte rückblickend: «Du hast, meine Lina, den Menschenschlag der Politik in deiner früheren Stellung von einem eigenen Standpunkt aus zu beobachten Gelegenheit gehabt.»71

Vielen Gästen in der Bollerei war Lina mehr als eine Kellnerin; bei den einen erkundigte sie sich, wann ihr Schiff fahre, andere fragte sie, wann sie ins Theater oder ins Konzert wollten, um ihnen dann ihr Essen rechtzeitig zu bringen. Lina war sich ihres Ansehens bewusst: «Schon viele, viele Anträge sind mir gemacht worden in Hotels, Gasthöfen, Cafés, doch mein Plan, das Wirtschaftsleben aufzugeben, wird dadurch nicht geändert.»72 Sie träumte von einer leichteren Verkaufsstelle in einem Geschäft, wo sie auch das Handarbeiten erlernen könnte. Ihre Freude an solchen Arbeiten war auch den Gästen in der Bollerei bekannt. Der Mitarbeiter eines Seidengeschäfts brachte ihr jeweils kleine Restchen mit, die sie dann zum Beispiel in ein Fensterrouleau verarbeitete.73

Lina hatte einen lebensfrohen Charakter, wie ihre Schilderung der Silvesternacht 1873/74 belegt: «Und wage es auszusprechen, dass durch mich auch die allgemeine Fröhlichkeit bei den Gästen wachgerufen wurde.»74 Um halb sechs Uhr morgens kam sie endlich ins Bett, zweieinhalb Stunden später war sie wieder an der Arbeit.

Manchmal jedoch trauerte Lina ihrer verpassten Jugend nach: «Ich gelangte namentlich in jener Zeit zu der Einsicht, wie hart das Schicksal doch mit mir verfahren, wenn ich sah, wie viele junge Mädchen meines Alters in Zerstreuungen und Vergnügen ihre schönen Jahre verbrachten, während ich eigentlich so viel wie nichts vom Leben genossen.»75 In anderem Zusammenhang klagte sie: «Ich, die ich beinahe meine Gesundheit, meine schönen jungen Jahre dem Geschäft geopfert.»76

Lina beobachtete ihre Kunden scharf, und es ist zu vermuten, dass ihre verblüffende Menschenkenntnis auf die Erfahrungen im Wirtshaus zurückgeht. Typisch ist ihr Urteil über einen Herrn Zundel von der Bahnhofstrasse, mit dem Linas künftige Schwägerin Anna 1875 Probleme bekam. Während Familie Huber den Fehler bei Anna suchte, äusserte sich Lina skeptisch. Sie glaubte, «dass dieser Herr sicherlich nicht das Solideste sei in moralischer Beziehung». Zwar benahm er sich im Restaurant korrekt, «allein sein Blick, sein ganzer Körper, seine Sprache machten mich manchmal stutzen, weil ich es nicht im Zusammenhang mit seinen Reden fand; er wollte immer Moral predigen und das langweilte mich oft an ihm».77

In der Bollerei hatte Lina stille und weniger stille Verehrer. «Ich bewegte mich in einem Kreis, der wenngleich keineswegs beneidenswerth, doch derart war, mich meine verfehlte Erziehung nicht so fühlen zu lassen, wie ich erst später eingesehen. Ich hatte eine kleine Welt um mich gesammelt, die tagtäglich um mich war und sich bemühte, durch freundliche Worte, durch aufmerksame Bewunderung meines andauernden Fleisses und meines wenigstens äusserlich immer guten Humors, mich zu achten und zu bewundern. Das fühlte ich wohl, dass in dieser Art von Bewunderung immer ein klein wenig von Liebe vorhanden war, ist ganz klar, und in diesem Bewusstsein, geliebt und geachtet zu werden, trotz des schwierigen Berufes, vergingen die Tage.»78 Von ihrer Liebe zum Medizinstudenten Otto Stoll und von Gottfried Keller wird noch die Rede sein.79

Als Huber im November 1871 einen ersten schriftlichen Annäherungsversuch wagte, wimmelte ihn Lina energisch ab, seinen Schutz brauchte sie nicht. Ausführlich verwies sie auf das gute Verhältnis zur Familie Vontobel und insbesondere auf die enge Beziehung zur Wirtin. «Ich bin schon zu lange bei Herrn Vontobels, als dass ich denken müsste, wenns mit meiner Gesundheit schlimmer gienge, dass mich namentlich Frau Vontobel so gut als Ihr [sic] nur möglich, mich verpflegen würde …»80 Lina hatte nicht übertrieben. Im Juni 1872 schickten Vontobels sie zur Erholung ins sogenannte Nidelbad oberhalb von Rüschlikon. Die Wirtsleute kannten auch Linas kulinarische Vorlieben. «Wenn man mir in der Bollerei ein Fest machen wollte, so liess man mir nur eine grosse, mit viel Zwiebeln gebratene Bratwurst mit Blumenkohl oder Kartoffeln machen. Sowohl Herr als auch Frau V[ontobel] wussten das; und währenddem Fr. V. einmal eine Woche lang im Bett war, bestellte mir H[err] V[ontobel] jeden Abend das gleiche, so dass ich zuletzt so satt von Bratwurst war, dass ich lange keine mehr Essen [sic] mochte.»81

Nach der Vorladung Hubers ins Obmannamt war Lina zutiefst besorgt: «Seit Sonntag Nachmittag muss auch Fr[au] Vontobel ernstlich das Bett hüten. Es macht mich sehr bange um sie, denn sie liegt beständig in Fiebern, so dass der Arzt 2 bis dreimal täglich kommen muss.»82 Und am folgenden Tag: «Mit meiner armen Frau Vontobel stehts sehr schlecht, denn kaum noch glaubten wir gestern Abend, dass sie die Nacht noch verlebe. Heute früh ist sie sehr schwach, liegt in beständigem Fieberzustand von 39 bis 40 Grad. Die Arme, könnte ich ihr helfen. Herr V. geht’s auch sehr schlimm.»83 Während Huber in Bern auf Liebesbriefe hoffte, betreute Lina eine Sterbende. «Dieser Tag wird mir zeitlebens im Gedächtnis sein, denn jeder Augenblick drohte ihrem armen Leben ein Ende zu machen. … Um mich darfst Du Dir nicht bange sein, solange ich meine gehörige Nachtruhe habe so geht’s noch immer an. Es ist mir nicht möglich, länger zu schreiben, ich werde an die Arbeit gerufen.»84 Erst ein Jahr später fand sie in Genf die Kraft, Huber die schmerzlichen Stunden zu schildern: «Gegen 9 Uhr lag sie todt in meinen Armen, ich küsste ihre Leiche und war so betrübt, dass ich lebhaft wünschte mit ihr folgen zu können. Die vorhergehende Nacht wachte ich bis Morgens um 5 Uhr, nachdem den ganzen Tag in Angst und Kummer verbracht; die Diakonisse war so abgespannt, dass sie unmöglich eine 3te Nacht durchwachen konnte und so war ich gerne bereit sie abzulösen.»85 Friederike Vontobel-Boller starb im Alter von 50 Jahren.86 Lina hatte ihre mütterliche Freundin verloren. In ihrer literarischen Bildung und ihrem Umgang mit den Gästen war sie ein Vorbild für Lina. Lina kam nicht mehr dazu, mit ihr über ihre Beziehung zu Huber zu sprechen. Was hätte ihr wohl Frau Vontobel geraten?

Dank Gottfried Keller sind Einzelheiten aus dem Leben von Friederike Vontobel überliefert: Im Rahmen einer Publikation von Kellerbriefen veröffentlichte die Zeitschrift «Deutsche Dichtung» im Oktober 1890 eine Ode an Frau Vontobel. Am 26. Dezember 1873 hatte Keller diese Dichtung seinem Freund Friedrich Theodor Vischer87 zugeschickt, «ein wirkliches Biedermeierprodukt … vom rüden und borstigen Dr. Meyer genannt Schneckenmeyer»,88 kommentierte Keller boshaft. Arnold Meyer, Privatdozent am Polytechnikum, war Frau Vontobels Bewunderer.

«Nachruf an Frau Vontobel89

O Schicksal, an dem Menschenwille So schnell und unerwartet bricht!

Nun steht dies Herz für immer stille,

Das nur geschlagen für die Pflicht!

Du gehst dahin zum ew’gen Frieden

Als du ganz nahe sahest schon

Des Abends würdge Ruh hinieden

Als langen treuen Wirkens Lohn!

Geboren in des Wohlstands Schoosse,

Geadelt durch des Geistes Weh’n

Hast du, verfolgt von schlimmem Loose,

Das Glück stets nur von fern geseh’n.

Als Mädchen schon sahst du sie sterben

Die Rosen, die der Lenz uns bringt:

Kaum will dein Liebster um die werben,

Als seine Todtengloc’ erklingt.

Den Zweiten kannt’ ich: Freund der Wahrheit,

Als Mann noch voll von Ideal

War er erwacht zur Lebensklarheit

Als er erlag der Herzensqual.

Da weintest du; die letzte Flamme

Erlosch in dir mit seinem Tod;

Doch geistesstark wardst du zur Amme

Der Deinen nun, im Kampf ums Brod.

Und als sie beide leise wallten

Vom Lebe hin zur Ewigkeit

Sah man dich ruhlos um sie schalten,

Als Schwester der Barmherzigkeit.

Zum Abend wurde so dein Morgen,

Doch als du lebtest neuer Pflicht,

Beladen nun mit neuen Sorgen,

Ward deiner Gäste Kreis dein Licht.

Da kommen sie von allen Enden,

des Mittags und des Abends früh

Zum trauten Port der ‹…-Länden›

Zum Ausruhn von des Tages Müh.

Der Fabrikant, des Staates Leiter,

Der Studio voll der Illusion.

Der Philosoph, der Handarbeiter

Und auch der Schiffahrt derber Sohn.

Und soviel Freunde als der Gäste

Gewannst du dir, so schlicht und recht,

Denn jeden grüsstest du auf’s Beste,

Ob reich, ob arm, ob Herr, ob Knecht.

Gern nahmst du, wenn’s die Zeit erlaubte,

Theil an Gesprächen ernster Art;

Es sagte jeder, was er glaubte,

und widersprachst du, war es zart.

Und weisst du noch, vor vielen Jahren,

Als Vischer unsern Kreis beehrt,

Wie freudig überrascht wir waren,

Als du aus Klopstock ihn belehrt?

So warst du stets ein Bild der Milde,

Gekrönt durch edle Festigkeit.

Drum lieben wir dich noch im Bilde,

Fort, lange über deine Zeit.

So ruh denn sonst im Schooss der Erde,

Du wackre Wirthschaftsführerin;

So lange ich noch leben werde

Kommt ‹Rikli› mir nicht aus dem Sinn.»

Auf den 1. Januar 1874 übernahm eine neue Gerantin, Frau Weiss, das Lokal. Noch stand Lina der Abschied von Herrn Vontobel bevor. Dieser litt an einer schlimmen Erkrankung der Blase.90 Wiederum erlebte Lina Dramatisches: «Die Augen sind schon ganz trübe, die Kräfte nehmen von Stunde zu Stunde ab … Etwa um 1 Uhr in der Nacht ging ich noch zu ihm um zu sehen, wie es gehe und erhielt zur Antwort: Lina, ich muss bald sterben, es währt immer lang.»91 Der qualvolle Todeskampf zog sich über zwölf Stunden hin. David Vontobel war bereits bewusstlos, als sein Bruder auftauchte. Kaum hatte der Wirt den letzten Atemzug getan, nahm der ungebetene Besucher die Schlüssel ab, packte allerhand ein, selbst den Ehering der verstorbenen Frau Votobel liess er mitlaufen und wollte sich eben davon machen. Inzwischen war Lina aufs Waisenamt geeilt und kam mit dessen Direktor zurück. «O! es war grässlich solch ein Aufzug neben einer Leiche!»92 Der «schöne Bruder» musste seine Taschen leeren.

Ihre Wertpapiere hatte Lina bei Herrn Vontobel hinterlegt. Wenige Tage vor seinem Tod übergab er ihr die Unterlagen, ihren ausstehenden Lohn und ein Neujahrsgeschenk. Gross war Linas Überraschung, als sie einige Wochen später erfuhr, dass David Vontobel ihr testamentarisch tausend Franken vermacht hatte. Das war ein Drittel ihres Vermögens, das sie später in die Ehe einbrachte.

FRAU KELLER ODER FRAU HUBER? WERBEN UM LINA

Erst seit wenigen Jahrzehnten ist bekannt, dass Zürichs Staatsschreiber und bedeutendster Schriftsteller Gottfried Keller ebenfalls um Lina warb. Nach Kellers Tod gab sich Huber alle Mühe, diese Episode vergessen zu lassen. Deshalb lässt sich heute nicht mehr feststellen, wann genau Kellers Interesse an Lina erwachte.93

Während längerer Zeit muss Lina mit gesundheitlichen Problemen gekämpft haben. Auch Gottfried Keller war überzeugt, dass Linas Gesundheit ernsthaft bedroht war. Sie hustete und ihre Gäste fürchteten wohl, Lina sei an Tuberkulose erkrankt. In seinem ersten Brief an Lina vom Spätherbst 1871 nannte Huber für sein überstürztes Handeln unter anderem als Grund, «dass Ihre Gesundheit ein rascheres Vorgehen energisch gebietet … Ihre jetzige Stellung entspricht in keiner Weise Ihrer Gesundheit, und ich darf hinzufügen in keiner Weise Ihren Gemüths- und Geistesanlagen.»94 Er hatte sich mit seiner Schwester Emma beraten und schlug vor, Lina zur Erholung bei einer befreundeten Familie auf dem Land unterzubringen. Postwendend schrieb ihm Lina eine Absage.

Vontobels liessen die kranke Lina nicht fallen, wie sie zu Recht angenommen hatte, jedoch verzögerte sich ihre Genesung. Im Juni 1872 verbrachte sie einen Erholungsurlaub in der Umgebung der Stadt in einer bekannten Heilquelle, dem Nidelbad ob Rüschlikon. Schon 1553 listete der damalige Zürcher Stadtarzt und Naturforscher Conrad Gessner auf, für welche Krankheiten das Bad Heilung versprach.95 Zürcher rapportierte Linas Kuraufenthalt an Huber in Wien.96 Dies löste gleich eine eifersüchtige Reaktion aus: «Ich möchte wissen, in welcher Eigenschaft sie dort weilt, ob die Sache als ein Schritt zur Selbständigkeit aufzufassen ist, oder als ein ihrer Passivität von aussen aufgelegtes Palliativmittel, das sie schliesslich nur noch mehr an Vontobels bindet.»97

Linas Gesundheit blieb auch nach dem Kuraufenthalt angeschlagen, wie Keller Ende Jahr der befreundeten Marie Exner nach Wien berichtete. «Das gute arme Mädchen Lina in der ‹Bollerei› … sei immer noch ein braves, liebenswürdiges Kind, das des Nachts wegen des wiedergekehrten Hustens nicht mehr schlafen könne und sich doch den ganzen Tag durch plage und dabei blass und mager geworden sei.» Im selben Brief erwähnt Keller den Architekten Gottfried Semper. Lina «schreibe ihm eine Schachtel mit Handschuhen zu, die sie anonym durch die Post erhalten habe, und möchte ihm gerne dafür danken. Neulich kaufte ich ihr ein Ringlein, das sie mit einem von Semper geschenkten am kleinen Finger trägt, so dass sie beide Narren schön vereinigt mit sich führt. Sagen sie das aber Semper nur, wenn er guter Laune ist, sonst wird er wütend.»98

Der schüchterne Keller nützte Linas Abwesenheit von Zürich, um ihr anonym das Gedicht «Regenliedchen für Lina» «mit einem Korallenhalsband»99 zu schicken. Korallen waren damals sehr in Mode, Keller hatte Linas Sinn für Eleganz erkannt. Ob er sich tiefere Gedanken zu seinem Geschenk machte? Walter Morgenthaler, der Herausgeber der kritischen Gottfried-Keller-Ausgabe zitiert das Lexikon des deutschen Aberglaubens: «Korallenschnüre aber werden von der Braut getragen, der sie unheilabwehrende Schutzkraft verleihen.»100 Dass sich Keller vom Regen inspirieren liess, hatte handfeste Gründe. Im Brief, in dem Zürcher seinem Freund Huber von Linas Abwesenheit berichtete, klagte er: «Regenwetter haben wir auch, und zwar seit Wochen konstant», und einige Zeilen später sprach er gar von «apokalyptischem Wetter».101

«Regenliedchen für Lina

Für manchen Becher, den Du ihm

Mit Freundlichkeit gebracht,

hat jetzt ein guter alter Freund

still sinnend Dein gedacht.

Jetzt sitzt sie in dem Regengrau,

Das fern den Berg verhüllt;

Es bleibt ihr Wunsch nach Sonnenschein

Und Lenzluft ungestillt.

Doch bleib’ nur ruhig, gold’nes Kind,

Und lach’ den Regen an

Mit deinem Aug’ voll Sonnenschein

Den bösen Wassermann!

Und dankbar aus den Wolken bringt

Er dir Genesung her;

Dann rauscht er fort - und diese Schnur

Holt er Dir aus dem Meer!

Ein Zeichen, wie er sehr sich schämt,

Sei dir das tiefe Roth! Ach Gott!

wie rauscht und plätschert er,

Bald weint er sich zu todt!

Blick ihn nur an, so muss entsteh’n

Des Regenbogens Pracht,

dann hat dein sonnig’ Auge

den Regen weggelacht.»

Nach einem missglückten mündlichen Versuch machte Keller am Donnerstag vor Ostern, am 10. April 1873,102 Lina schriftlich einen offiziellen Heiratsantrag. Das – verschollene – Original schickte sie ihm wie gewünscht zurück, doch erstellte sie vorher eine Abschrift. Während der jugendliche Huber 1871 vor allem von seiner eigenen Zukunft gesprochen hatte, äusserte sich der 54-jährige Keller liebevoll väterlich-besorgt, über seine Stellung brauchte er nichts anzufügen:

«L. L.

Sie haben Gestern Abend wahrscheinlich gemerkt, wo ich hinaus wollte mit meiner ungeschickten Ankündigung. Ohne viele Worte zu machen, will ich Sie daher jetzt fragen, ob Sie nicht zu viel Widerwillen haben, meine Frau zu werden? Wenn Sie mich nicht mögen, so wissen Sie es jetzt schon u. ich bitte Sie in diesem Falle mir dieses Briefchen mit einem darüber od. darunter geschrieben Nein heute Abend noch zurückzustellen, damit wir dann über die Sachen lachen können wenn ich zurückkomme. Glauben Sie aber mit mir leben zu können u. wollen sie sich die Sache überlegen so können sie mir das an diesem Abende so zu verstehen geben, wie es Ihnen gefällt u. gut scheint. Vielleicht könnten Sie mir über die Ostertage Gelegenheit geben mich näher auszusprechen u. vielleicht würde J. V. Ihnen hiebei mit Ihrem Rath zu Seite sein da Sie sonst Niemand haben. Alle weitern bei solchen Anlässe übliche Redens Arten, will ich jetzt unterlassen einzig will ich Ihnen sagen, dass es mich sehr glücklich machen würde für Sie sorgen u. leben zu dürfen. Ihr Erg G K»

Linas Briefentwurf auf der Rückseite einer Menükarte ist in sehr viel herzlicherem Ton gehalten als ihre Antwort vom November 1871 an Huber.

«G. H. S. [vermutlich: Geehrter Herr Staatsschreiber] Ich kann nicht umhin Ihrem geschätzten Schreiben Einige Worte beizufügen. Genehmigen Sie vor allem meinen besten herzlichsten Dank, für Ihre überaus liebevolle Ansicht, die ebenso unerwartet, als unverhofft an mich gelangte. Der gestrige Abend war wohl derart mich verstehen zu lassen, was Sie mir hier mittheilen u. ich verhehle Ihnen keinen Augenblick, dass mich diese Nachricht (dennoch) ungemein überraschen musste. Allein Sie wissen ja wohl, dass in solchen Angelegenheiten nicht allein der Verstand sondern hauptsächlich das Herz reden soll u. daher zögre nicht länger mit der Antwort wenn Ihnen sage, dass ich auf Ihren wenn auch noch so edeldenckenden Antrag nicht eingehen kann. Genehmigen Sie die Versicherung

Meines herzlichsten Dankes

von Ihrer ergebenen

L. W.»103

Linas Absage, selbst wenn er sie erwartet hatte, ging Keller nahe. Voll Ironie beschrieb er einige Monate später der Sängerin Emilie Heim seine Verfassung: «Mir selber hat Gott Amohr [sic] wegen eines kleinen Schwabenmädgens noch einen späten Pfeil nachsenden wollen, so dass ich höchlich erschrocken mit dem Bein denselben hab’ abwehren müssen, wobei aber, da ich indessen auf dem andern Bein allein dastund, beinahe die Balance verloren hätte.»104 Da die Episode Keller-Lina in Vergessenheit geraten war, deutete Hans Wysling in seiner Biografie Kellers zu dessen 100. Todestag die Passage literarisch: «Warum aber ‹Schwabenmädgen›? Keller spielt damit auf Gottfried August Bürgers ‹Schwabenmädchen› an.»105 Mit wissenschaftlicher Gründlichkeit führt der Autor die Quellen dieses Gedichts auf, die zu jenem Zeitpunkt Keller zu Bürger bekannt sein konnten. Dass sich hinter der Briefstelle tatsächlich ein Schwabenmädchen verbarg, ahnte er nicht.

Lina bewunderte den Literaten Keller. Als sie 1875 in Genf die eben erschienene zweite Folge der «Leute von Seldwyla» las, war sie gefesselt von der Persönlichkeit der Regel Amrein und von deren «schützendem Engel» Fritzli: «Man sieht, dass Keller ein Mann ist, der das Leben versteht, und kennen gelernt hat, als das, was es ist; denn diese Scene ist keine blosse Einbildung, sondern tiefe Wahrheit, die sich oft genug darbietet.» Die Geschichte des einen Gesellen der «Drei gerechten Kammmacher», der in Seldwyla zurück bleibt, erinnerte sie an ihre Zeit in der Bollerei. «Ich finde in diesem Punkt eine ziemliche Ähnlichkeit mit meinem früheren Leben; ich blieb in der Bollerei sitzen im Gefühl, als wäre ich nun halt einfach dafür bestimmt, meine Jugend, meinen Fleiss, meine Kräfte, ja selbst meine Gesundheit zu opfern … Jetzt finde ich, dass in solch unbewusster Pflichttreue eine gewisse Beschränktheit liege.» In Kellers Erzählungen entdeckte sie Ähnlichkeit «mit unserm, namentlich aber mit meinem Leben».106 Gerne würde sie zusammen mit Huber «Romeo und Julia auf dem Dorfe» wieder lesen.

Während Lina die «Leute von Seldwyla» studierte, hatte Huber als Redaktor der «NZZ» endlich direkten Kontakt zum Schriftsteller. «Später kam ich selber einige Male mit Keller in nähere Berührung, meine Frau aber gar nicht mehr.»107 Sein Mentor Hans Weber, ein guter Freund Kellers, nahm ihn mit zu einem Umtrunk im – inzwischen nicht mehr existierenden – Restaurant zur Meise. Es war ein typischer Männerabend im kellerschen Stil, denn Huber berichtete Lina, «bei nur allzu reichlichem Trinkgelage»108 sei er erst um 1 Uhr morgens ins Bett gekommen.

Huber muss dem Schriftsteller gegenüber Andeutungen von seinen eigenen literarischen Hoffnungen und Versuchen gemacht haben. «Als ich in jungen Jahren einmal Gottfried Keller von dieser Tätigkeit sprach und beifügte, dass es wohl nicht das richtige [sic] sei, nur so nebenbei der Muse dienen zu wollen, unter Hinweis auf das, was er in seinem Störteler darüber gesagt habe, entgegnete er, so sei das nicht gemeint, es sei doch immer besser als jassen.»109 Mit dem Hinweis auf den Möchtegern-Schriftsteller-Dichter aus den «Missbrauchten Liebesbriefen» gab sich Huber betont bescheiden, während Keller mit seinem trockenen Humor Huber zumindest nicht entmutigte.

Jahrzehnte später lebte die Familie Huber in Halle. Durch die «NZZ» erfuhren Lina und Huber von Kellers Tod am 15. Juli 1890. Ebenfalls der Presse entnahm Huber, dass sein ehemaliger Professor Albert Schneider zum Testamentsvollstrecker bestimmt war. Nun ging es darum, alle Spuren von Gottfried Kellers Werben um Lina im Nachlass zu tilgen. Angeblich in Linas Namen schrieb Huber an Schneider: «In einer ganz vertraulichen Sache möchte ich dich hiemit um deinen gütigen Dienst ersuchen.» Zunächst schilderte er die Beziehung Kellers zu Lina: «Gottfried Keller war seinerzeit ein regelmässiger Gast des Caffe Boller an der Schifflände und war gegen meine 1. Frau während jenen langen Jahren stets besonders theilnehmend u. respektvoll. Dennoch war meine Frau weit entfernt das Verhältnis zu G. K. anders denn von irgend welchen Gedanken dass es sich um eine intime Beziehung handeln könnte, u. als zu einem … Freund aufzufassen u. dies auch dann noch nicht, als ihr Gottfried Keller ein hübsches Geschenk mit einem sehr schönen sinnigen Gedicht widmete.»110 Dann ging es um Kellers Vermächtnis. «Nun ist es ja leicht möglich, dass Keller hierüber Aufzeichnungen, vielleicht die zwei betr. Schriftstücke selbst hinterlassen hat, und so möchte ich dich im Namen meiner Frau angelegentlichst darum bitten, deren Interessen, soweit dies mit deiner Stellung als Kellers Vertrauensmann möglich ist, wahrzunehmen. Am liebsten wäre es ihr, das Schriftstück diese Briefe, wenn sie noch vorhanden sein sollten, zurückzuerhalten. Wir würden sie natürlich alles als pietätvoll aufbewahren. Vielleicht geben auch allfällige Aufzeichnungen Kellers Veranlassung, dafür Sorge zu treffen, dass nicht diese Beziehung, die bis jetzt von beiden Seiten glücklich geheim gehalten worden ist, durch vorzeitiges Bekanntwerden profaniert werde. Vielleicht auch hat Keller umgekehrt selber alles in dieser Hinsicht ausgelöscht und beseitigt, und dann betrachte dies als die Mittheilung eines Freundes, die ausser dir bis jetzt Niemand erhalten hat, und wir wollen dieses Schweigen gemeinsam fortsetzen.» Linas Meinung zu Hubers Vorgehen ist nicht überliefert. Am Ende des Schreibens fügte er bei: «Meine l. Frau hat unabhängig von mir heute morgen selber ein Brieflein an dich aufgesetzt, das ich beilege, um unser Gesuch zu verstärken.»111

Hubers Verschleierungspolitik hatte Erfolg. Kellers Beziehung zu Lina kam erst Ende des 20. Jahrhunderts im Rahmen der kritischen Kellerausgabe ans Licht. Die Dokumente in der Zentralbibliothek Zürich blieben offiziell bis 30 Jahre nach Hubers Tod gesperrt. Selbst Jonas Fränkel, Hubers Kollege an der Universität Bern, der in den 1920er-Jahren die erste Gesamtausgabe Kellers betreute, hatte ausdrücklich keinen Zugang zu diesen Akten.112

Warum liess es Huber nicht bei Linas persönlichem Brief an Schneider bewenden? Meldete sich der alte, eifersüchtige Verehrer zurück? Schneiders Reaktion lässt solches vermuten. Mit klaren Worten wies er seinen ehemaligen, nun arrivierten Schüler zurecht. «Freilich möchte ich dir doch sagen, dass die Werbung eines Mannes wie Gottfried Keller gewiss zu allen Zeiten nur als eine hohe Ehre erscheinen würde, so vernünftig es auch war, sie auszuschlagen, und so sehr auch diese Ablehnung nun wieder zu Gunsten derjenigen spricht, die sie ausgesprochen hat.»113

Wenige Tage vor ihrem Tod im April 1910 übergab Lina ihrer Adoptivtochter Marieli den Rubinring, den sie von Gottfried Keller geschenkt bekommen hatte. Den Opalring, ebenfalls ein Geschenk Kellers, sandte Huber an Linas Patenkind Mariechen Rümelin in Tübingen. Im Brief an seine verstorbene Frau deutete er jene ambivalenten Gefühle an, die er stets mit der Erinnerung an die Bollerei verband: «Den Ring trug ich noch ein paar Stunden an meinem kleinen Finger und betrachtete ihn nach allen Seiten, um ihn mir einzuprägen, bevor ich ihn weggebe. Ich hatte ihn nie so gründlich betrachtet, als du ihn noch etwa trugst. Und ich vergegenwärtigte mir, wie er dir seiner Zeit in deinem damaligen Kreis eine naive Freude bereitet hatte, wie du dafür dem grossen Dichter dankbar gewesen, wie das dich alles Öde der Umgebung überwinden und vergessen liess! Ach, es hat ja auch seine Kehrseite. Ich dachte daher an diesen Ring und anderes immer nur mit einem bangen Gefühl. Bei Mariechen besteht von alledem nichts, auch wenn ich es ihr später sage, dass Gottfried Keller den Ring für dich ausgewählt, wie du kaum neunzehn Jahre zähltest. Es wird Mariechen ein liebes Andenken sein an seine Pathin, und so erfüllt der Ring ein zweites Mal seine Bestimmung, edle Freude zu bereiten!»114

«IHR WILLE ALLEIN FEHLT NOCH ZUR AUSFÜHRUNG»115

Blenden wir ein wenig zurück, ins Jahr 1871, ein Schicksalsjahr in Hubers Leben. Am Neujahrstag stellte er das kommende Jahr unter das optimistische Motto «Es wächst der Mensch mit seinen grösseren Zielen». In den folgenden Monaten waren es allerdings nicht Ziele, sondern Schwierigkeiten, die ihn wachsen liessen: der Beginn seiner langjährigen, schmerzhaften Fussprobleme und die – vorläufig – unglückliche Beziehung zu Lina. Zudem brachte die europäische Geschichte seinen Alltag eine Zeit lang durcheinander.

«Der Nachtwächter singt und bläst sein Horn, die Glocken läuten – das neue Jahr beginnt und mein Streben frischer damit»,116 freute er sich im Tagebuch. Spaziergänge, Eislaufen, das Buchprojekt mit Schulkollege Stoll, diverse Briefe seiner Freunde in der Ferne, die Aufzeichnungen des Monats Januar widerspiegeln ein typisches Studentenleben. Dann beschäftigte ihn plötzlich die grosse Geschichte. Am 1. Februar notierte er: «Übertritt der Franzosen», zwei Tage später: «Mit Wittelsbach am Bahnhof. Kriegselend vor Augen.» In den folgenden Wochen verdrängten Zürcher Ereignisse alles Private aus Hubers Tagebuch.

Gegen Ende des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 stellte Frankreich die sogenannte Bourbakiarmee auf, um Belfort von den Deutschen zurückzuerobern, was misslang. In der Folge kamen vom 1. bis zum 3. Februar 87 000 französische Soldaten und 12 000 Pferde im Vallée de Joux über die Schweizer Grenze; die Zahl der Flüchtlinge entsprach drei Prozent der damaligen Schweizer Bevölkerung. Der junge Schweizer Staat stand vor einer gewaltigen humanitären Aufgabe; die zu betreuenden Soldaten waren schlecht ausgerüstet, unterernährt, viele waren krank. Möglichst rasch verteilte man die Internierten auf 190 Ortschaften in der Schweiz, der Kanton Zürich allein sollte über 12 000 Personen beherbergen bei einer Einwohnerzahl der Stadt von gerade mal gerade mal 20 760.117

Prominente Vertreter der deutschen Kolonie, unter anderem Linas Bewunderer Gottfried Semper sowie der Wagner-Mäzen Otto Wesendonck luden auf den 9. März zu einer Feier des deutschen Sieges in den alten Tonhallesaal118 ein. Während den begeisterten Siegesreden drangen französische Internierte in die Versammlung ein und zettelten eine Schlägerei an, draussen warfen Demonstranten Steine. Die anwesenden Deutschen und ihre Schweizer Freunde mussten diskret fliehen. Die Polizei brauchte Stunden, um Ruhe und Ordnung wieder herzustellen, der Zwischenfall hatte die Behörden völlig überrumpelt. In den folgenden Tagen bot Zürich Truppen auf, um jene in Schach zu halten, die die Verhafteten befreien wollten. Am 11. März starben vier teilweise unbeteiligte Personen, als das Militär gegen die Anführer der Krawallanten das Feuer eröffnete. Der Regierungsrat forderte Bundeshilfe an, am 12. März trafen vier Bataillone ein, worauf sich die Proteste legten, und am 19. März die letzten Truppen Zürich verliessen.119 Schon am 9. März hatte sich Huber einen Revolver gekauft und patroullierte an jenem Abend mit seinen Kollegen Stoll und Ziegler durch die Strassen.120 Tags darauf hielten Hubers Schulkollege Wilhelm Oechsli sowie ein Deutscher auf dem Lindenhof – erfolglos – eine beruhigende Rede.121 Am 11. März beschloss die Studentenversammlung eine Adresse an den Senat und beantragte «beim Polizeipräsidenten Mithelfen zu wollen gegen die Unruhestifter»,122 was der Stadtrat dankend zurückwies. Die Studenten verurteilten den Angriff auf das freie Versammlungs- und Vereinsrecht und drückten ihr Bedauern aus, dass ein Grossteil ihrer Lehrer «nicht von diesen rohen Angriffen verschont blieben».123 Auch unter Hubers Dozenten befanden sich deutsche Professoren. Am folgenden Tag notierte er: «Bummel in der Stadt. Keine Unruhen.» Der Spuk war vorüber, Huber wandte sich erneut seinen persönlichen Sorgen zu. Seinem Freund Kleiner, damals Student in Berlin, beschrieb er «die grosse Gefahr, das grosse Unglück», das Zürich getroffen hatte, und bedauerte die «Verletzung der schweizerischen Politik gegen aussen. Die Schweiz, eine internationale Republic im Kleinen, soll Völkersitte, Völkerrecht bilden und hat dies in Zürich verletzt und damit die Axt an ihre eigene Wurzel gelegt.»124

Kaum war in der Stadt die Normalität zurückgekehrt, verschlechterte sich Hubers Gesundheit rapide. «Im Bett. Gelenkentzündung.»125 Im zitierten Brief an Kleiner beschrieb er sein Elend, unfreiwillig habe er Zeit zum Nachdenken «wegen einer Entzündung am rechten Fuss, an der ich schon bald drei Wochen laboriere und nun bald acht Tage im Bett bleiben muss». Tag und Nacht sollte er ruhig bleiben «indem ich oft die Nächte vor Schmerz … am Fuss nicht schlafen konnte!» Im Tagebuch fehlte zunächst der Verlauf der Krankheit, Huber las «Die letzten Tage von Pompeji», dann am 18. April heisst es «immer im Bett», schliesslich «schlimmer». Ende Monat wurde er philosophisch. «Eine lange Krankenzeit wegen eines blossen Gelenkleins. Wäre nicht mein immer unerschöpfbarer Humor, ich vermöchte die Geduld nicht zu bewahren … Freilich in mir wächst manches während dieser stillen Zeit heran. Vielleicht noch lange schlimm, um nachher besser zu kommen.»126 Nicht einmal an der Verlobungsfeier Augusts nahm er teil.

Im Mai reiste Huber auf Empfehlung seines Hausarztes zu einer Kur nach Bex. «Allein, allein! Und so soll ich genesen?»127 Doch schon am folgenden Tag tönte es erfreulich anders. «Ich rede zum ersten [sic] mit ihr.» Und kurz darauf «Sie, nur Sie!». Huber hatte sich in eine Pariserin verliebt. Plötzlich war im Tagebuch das Elend seiner Füsse kein Thema mehr, über die Therapien schwieg er sich aus. Huber brachte «Camille» Blumen, ihrer kleinen Schwester «Louison» Schmetterlinge, sein Bruder schickte ihm ein Wörterbuch. Die Gruppe machte gemeinsame Ausflüge, Madame gab Huber Lesetipps. In Zürich wurde August misstrauisch. Mit einem undatierten Brief ermahnte er den Patienten, nur seiner Gesundheit zu leben, bald zurückzukommen und die Arbeit wieder aufzunehmen. «Du bist ja noch dorten gegangen, um gesund zu werden und diesem Zwecke muss natürlich manch Angenehmes geopfert werden.» Huber war so weit genesen, dass er auf der Heimreise vom 13. bis zum 15. Juni Genf besichtigen konnte. Kaum zu Hause beklagte er einen Rückfall. «In Kater zu Haus, kalt, wieder schlimmer.»128

Im Juli konsultierte Huber den Chirurgen Professor Edmund Rose, der ihm keine Hoffnung machte. «Mein Leiden sei quasi unheilbar. Also alles zerstört – Plan und Hoffnung? … Concert der Stuttgarter Virtuosen. Prachtvoll – aber Schmerz während. Was fang ich nun an?»129 Rose fand eine Operation zu gewagt, die Sache sei «nicht bedrückend» und vielleicht würden die Schmerzen mit der Zeit abklingen. Freund Kleiner klagte er sein Elend. «Ich muss meine ganze Lebensweise, vielleicht gar meinen Beruf ändern, vielleicht ja auch meiner gehofften öffentlichen carrriere entsagen», war sein Schicksal «eine stubenluftdurchwürzte ‹Gelehrten›laufbahn»? Freunde kamen selten zu Besuch, immerhin hatte er in Zürcher einen «fidelen Tröster».130 Der Patient erhielt Massschuhe, doch verfolgten und zermürbten ihn Schmerzen. Bei der Schmerzbekämpfung war die damalige Medizin beinahe hilflos. Selbst ein heute so alltägliches Medikament wie Aspirin kam erst 1897 auf den Markt. Im Alter erinnerte sich Huber, wie er sich durch die Krankheit veränderte und sein Studium ernster nahm. «Erst mit dem Sommer 1871 wurde es besser, als ich meine Fusskrankheit herumschleppte und anfing zu lesen und zu zweifeln, oft auch zu verzweifeln.»131

Ab Hochsommer 1871 verkehrte Huber häufiger in der Bollerei, im Tagebuch sind für den Monat August sechs und für September neun Besuche vermerkt. Es ist möglich, dass er im Jahr zuvor erstmals mit seinem Bruder in das Lokal kam,132 anschliessend verbrachte er mehrere Sonntagabende in Gesellschaft von Freunden in der Wirtschaft, einmal notierte er «viel Schach».133

1871 ging es nicht mehr ums Spiel, sondern um Lina. Er beobachtete sie und versuchte, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Zu ihrem Namenstag am 20. September schenkte ihr Huber ein goldenes Uhrenschlüsselchen. Merkte Lina nicht, worum es ging oder übersah sie diskret seine Avancen? Huber war zutiefst verliebt, «Bei Lina und Andeutungen an sie. Pläne!», dann war er niedergeschlagen, wohl weil er in einem andern Gast einen Rivalen vermutete. «Nach Concert Kneiperei in der Bollerei mit den dreien und Dr. Meier. Moralischen.» Die Dinge verliefen nicht nach seinem Wunsch. «Billet an Lina offeriert. Abschlag! Aufrechnung! Abends mit Schaer bei ihr. Beobachten – gegenseitig.» Im Anschluss an ein Konzert war er schon am folgenden Abend wieder im Wirtshaus. «Nachher mit Esslinger in der Bollerei. Tragisch!» Mit einem Freund unternahm Huber einen Ausflug nach Bern. «Geschenk an sie gekauft. Gedankenvolle Rückfahrt.» Mit seiner Gabe hatte er kein Glück. «Missglücken des Geschenkleins an sie. In der Bollerei. Unglückliches Zusammentreffen mit Körner.» Am nächsten Tag verpasste er Lina. Schliesslich: «Bei ihr. Mit Zürcher. Alles vergebens!!! Im Traum bei ihr.»

Huber gab sich nicht geschlagen. Im November schrieb er Lina einen ausführlichen Brief. In seiner gründlichen, umständlichen Art verfasste er keinen glühenden Liebesbrief, sondern ein keineswegs beschönigendes Lebensprogramm, selbst die Zukunft malte er nicht in rosigen Farben.

«Hottingen, den 10. Nov. 71 Abends

Hochzuverehrende Lina!

Nur nach langer tiefer Ueberlegung wage ich es, mit einer Angelegenheit an Sie zu treten, die in Ihre fröhliche sichere Herzensruhe vielleicht unruhige Stunden werfen mag. Ich thue es in der Ueberzeugung, dass in allen Dingen eine offene entschiedene Sprache zum besten Verständnis führt, und in der Ueberzeugung, dass Sie einer solchen Sprache niemals zürnen können. Wenn hinter dem Worte ein fester unerschütterlicher Entschluss begründet liegt, darf man wohl die Verantwortlichkeit auf sich laden, mit der Sprache herausgerückt zu sein. – Dass ich gerade heute vor Sie trete, ist doppelt begründet, einmal darin, dass Ihre Gesundheit ein rascheres Vorgehen energisch gebietet, und dann, weil ja auch später voraussichtlich mir nie ein anderes Mittel, mich Ihnen zu nähern, geboten würde, als das, das ich eben heute ergreife. Ich habe es versucht, Ihnen noch und noch näher zu kommen, und gewiss wäre es wünschenswerth gewesen, dass Sie mich, bevor ich Ihnen meine Gedanken eröffnete, genauer kennen gelernt hätten, aber Ihre aussergewöhnlichen Verhältnisse verlangen aussergewöhnliche Schritte und ich lebe der Hoffnung, dass es doch auch auf diesem Wege möglich gemacht werden kann, dass Sie mich begreifen und voll verstehen.

Hochverehrte Lina, es ist nun bald ein Jahr, seit ich Sie zum ersten Mal gesehen – und bald ein Jahr, dass eine Ahnung mein Herz befiel, hier was ich suche gefunden zu haben. Während dieses Jahres haben die Zeit, da ich abgeschlossen für mich die bange Sorge meine gesunden Glieder zu verlieren durchkämpfen musste, haben Beobachten und Nachdenken diese Ahnung in mir zur Gewissheit heranreifen lassen, den Plan, Ihr Schicksal mit dem meinen zu verbinden, war mit dieser Gewissheit in mir beschlossene Sache. Ihr Wille allein fehlt noch zur Ausführung, und diesen Willen zu erlangen, zu erlangen ehe es zu spät ist, ehe Ihre jetzige Lage auf Ihre Gesundheit unverbesserlich einwirkt, das, liebe Lina, nehmen Sie voraus an als die Seele dieses Briefes.

Auch ich bin ein Waise. Doch kannte ich wenigstens meine Mutter noch und lebte mit ihr bis vor wenigen Jahren und lebte mit ihr in innigem vertrauensvollen Zusammensein. Sie starb – mit ihr das einzige Wesen, an dessen Liebe ich mit ganzer Herzensmacht gehangen. Ich verliess wie ein Heimathloser, die Schweiz, soweit meine Mittel reichten, durchreiste ich fremde Länder, und unter Enttäuschungen und Erfahrungen aller Art bildete ich mir einen Lebensgrundsatz, den die Mutter mir schon ins Herz gepflanzt, im Wirken und Leben für die Mitwelt meine einzige Befriedigung zu suchen. Im Ringen, diesen Gedanken in mir zu läutern, in mir die Ausbildung zu erlangen, die uns erst volle Kraft gibt, auf unsre Umgebung einzuwirken, mitten in diesem Ringen traten Sie vor meine Augen. – Anstaunend sah ich hier eine selbstlose Pflichttreue, eine sich selber unbewusste Geistes- und Gemüthstiefe, die mich unwiderstehlich an verflossene Tage erinnern musste, in unzähligen Zügen Ihres Wesens weckten Sie in mir das Andenken an das theure Bild der Verstorbenen, fehlten auch Gelegenheit und gegenseitige Kentniss, um zu reden, zu fühlen, wie ich mit ihr es konnte, – diese kleinen und grossen Züge überzeugten mich doch, dass ich nicht irre, u. dass nur die Entwicklungsrichtung verschieden, der innerste Grund unserer Herzen aber verwandt sein müsse. Ich baute mir in Plänen das Glück aus, dass wir in gegenseitiger Liebe uns vereinen werden und dass wir in dieser Vereinigung uns helfend und unterstützend trotz aller Winkelzüge widrigen Geschickes, die ja nie zu fehlen pflegen, ein schönes Leben glücklich theilen und geniessen werden. Ich kann diese Liebe von Ihnen jetzt nicht verlangen: Sie kennen mich nicht. Aber das darf ich hoffen, dass Sie meiner Liebe vertrauen, dass Sie auf den Plan eingehen, wenn ich es möglich machen will, dass Sie an Ihrer Ausbildung denken und arbeiten können, um dann, wenn ich mir eine Existenz gegründet, und wenn Sie sich ein Urtheil über mich gebildet, von Ihnen frei die Antwort zu vernehmen, ob wir dannzumal nur Freunde bleiben wollen, oder ob Sie sich dann entschliessen können, mein liebes, treues Weib zu werden. –

Ich verhehle mir keinen Augenblick, welch eine schwere Aufgabe Sie auf sich laden würden. Sie hätten sich in neue Verhältnisse einzuleben, Sie hätten das Belächeln und Bespötteln einer herzlosen Welt zu ertragen, Sie hätten eine geistige Arbeit auf sich zu nehmen, die Ihnen nicht schwer, aber vielleicht doch oft unbequem sein möchte – und als mein Weib endlich stünde Ihnen ein Mann zur Seite, der wohl recht vom rauhen Treiben der Praxis erfasst werden wird, der kein sorgloses Leben bieten, vielmehr Sorgen aller Art wohl oft mit sich auch in den Familienkreis hinein bringen würde – ‹dem Weib die redliche Hälfte des Grames›134 – und für alles dies könnte ich Ihnen nur meine Treue, meine unerschöpfliche Liebe geben. Sie werden überlegen, Sie werden entscheiden, und Ihr Entschluss wird mir heilig sein, ich weiss ja, dass Sie ihn berathen dass Sie ihn getroffen haben.

Ich bin Ihnen noch schuldig, einiges Nähere über meinen Plan mitzutheilen, wie ich ihn mit meiner älteren Schwester berathen habe. Ihre jetzige Stellung entspricht in keiner Weise Ihrer Gesundheit, und ich darf hinzufügen in keiner Weise Ihren Gemüths- und Geistesanlagen. Wir kennen nun eine uns von den Eltern her befreundete Familie auf dem Lande, wo Sie in einem hübschen Hause, wie Tochter aufgenommen würden, und zwar nicht in meinem Namen, sondern als Freundin unserer Familie. Dort fänden Sie Zeit, endlich einmal sich zu erholen, Ihrer eigenen Entwicklung zu leben und sich in dem neuen Elemente sich zurecht zu finden. Unterdessen vollendete ich mein Studium, führte meine projektierten Reisen aus, gründete nach meiner Rückkehr in Zürich oder in Bern ein Advocaturbureau, und da ich Hoffnung haben kann, bald zu Praxis zu kommen, möchte in kurzem, drei oder vier Jahren das Ziel erreicht und die Zeit gekommen sein, wo dann endlich das gehoffte Glück sich verwirklicht und Lina mein Weib wird. Zwar möchten die Launen des Schicksals ja wohl dies oder jenes anders wenden – uns wenn das Wort gegeben ist, vermag nichts mehr zu trennen. Am Ende der mühsamen Anfangsbahn ein Herz, von mir geliebt, wie es kein Mann je tiefer lieben wird, mir treu ergeben, ganz mein zu wissen, spornte mich zur Spornung aller Kräfte an, und liebe Lina, wär des für Sie zu viel gewagt, diesem meinem Muthe Ihr Glück zu vertrauen?

Sie werden begreifen, dass ich Ihnen mit diesen Zeilen nur eine kurze offene Erklärung geben konnte. Sie wird, wenn Sie darauf nur ein ‹Nein› haben, genügen. Im anderen Falle aber – werden Sie Gelegenheit finden, dass wir uns einmal allein sprechen können, da wird es dann erst möglich sein, alles klar zu beurtheilen, und gemeinsam über die wichtigsten Wege zu entscheiden. Ich wiederhole, dass Sie sich damit nicht binden. In jedem Falle, glauben Sie mir, Lina, wird meine Verehrung für Sie in mir bleiben, sie ist zu tief gewurzelt um nicht dauernd sein zu müssen.

Um die Existenz dieses Briefes weiss ausser meiner Schwester und meinem Freund, der zu schweigen versteht, niemand etwas, es mag gut sein, wenn auch Sie ihn keinem Dritten zeigen. Dagegen kenne ich Ihre verschiedenen Beziehungen zu wenig, um Ihnen sonst vom Rathsholen abrathen zu dürfen. Ich weiss aber ja, dass Sie selbständig zu sein früh lernen und üben mussten.

Mit Ihrer Antwort eilen Sie nicht, ich werde, bringe sie mir Glück oder nicht, ruhig zu erwarten suchen.

In tiefster Verehrung Ihr ergebener Eugen Huber»

Linas Antwort dagegen war kurz und klar:

«Zürich d. Nov. 1871

Sehr werther Herr Huber!

Nach reiflicher Überlegung fühle ich mich veranlasst, Ihnen meine Ansicht kund zu geben. Ihre Meinung werther Herr Huber ist jedenfalls zu achten und zu anerkennen, jedoch werden Sie mir nicht zürnen, wenn ich gleich frei heraus die offene Wahrheit schreibe.

Mit meiner Gesundheit geht es, Gott sei Dank, wieder bedeutend besser, so dass ich mich nicht mehr so gezwungen fühle, wie noch vor kurzer Zeit, das Rauchzimmer zu verlassen, sondern werde suchen, so lange es mir möglich, in meiner jetzigen Lage zu verharren. Ich ersehe aus Ihrem werthen Schreiben, dass Sie sich sehr um mein Befinden interessieren und bin Ihnen deshalb zu vielem Dank verpflichtet; aber so sehr wohlmeinend Ihr Vorschlag ist, werde ich mich doch nicht dazu entschliessen können. Ich bin schon zu lange bei Herrn Vontobels, als dass ich denken müsste, wenns mit meiner Gesundheit schlimmer gienge, dass mich namentlich Frau Vontobel so gut als Ihr [sic] nur möglich, mich verpflegen würde. Glauben Sie mir zwar werther Herr Huber, dass ich seit dem Todte meiner lieben unvergesslichen Eltern schon manche schwere, bittere Stunden durchzukämpfen hatte, dass ich mich oft ganz verlassen ohne irgend einen Mütterlichen Rath befand; aber das muss ich gestehen, dass mir meine liebe Frau Vontobel treu zur Seite stand, und mich ganz als eigene Tochter unterstützte.

Ich bitte Sie deshalb herzlich dringend werther Herr Huber, zürnen Sie mir nicht, wenn ich Ihren gehegten Hoffnungen und Wünschen nicht entgegnen kann.

Suchen Sie diese Gedanken so leicht als möglich zu vertreiben und zu vergessen und seien Sie überzeugt, dass ich Sie aus Achtung und Dankbarkeit fortwährend in hohen Ehren halten werden. [sic]

Genehmigen Sie desshalb nochmals die Versicherung meiner Achtung und Freundschaft ganz ergebenst

Lina Weissert»

Lina täuschte sich nicht, Familie Vontobel sorgte für ihre Gesundheit. Im folgenden Jahr ging sie bekanntlich zur Erholung ins Niedelbad ob Rüschlikon.

«Antwort von Lina. Mein Glück ist zu Ende.» Nun machte Huber einen grossen Bogen um die Bollerei, schickte aber regelmässig Zürcher vorbei, auf dass er das Neueste von Lina berichte. Hubers Füsse wurden schlimmer, er musste gar das Bett hüten. Dann besuchte er andere Wirtshäuser: «Mit Z. im Grünen Glas. Gegensatz!» Ganz ohne war das «Grüne Glas» indessen nicht, hier hatte sich drei Jahre zuvor Wilhelm Conrad Röntgen mit Bertha Ludwig, der Tochter des Wirts verlobt.

Um endlich seine berufliche Zukunft zu sichern, stürzte sich Huber intensiv in die Arbeit, oder wie er es Kleiner gegenüber beschrieb: «Aber der Schmerz ist nicht ein wehmütiger Liebesschmerz gewesen, die Nacht über wurde ausgeweint, und den folgenden Tag ging ich an die Arbeit, das einzige zu thun, was mir blieb, mir nun möglichst schnell eine rechte Stellung zu verschaffen.»135 Innert weniger Wochen verfasste er seine juristische Doktorarbeit. Anschliessend plante er mit dem Rest seines Erbes einen längeren Auslandaufenthalt. Nicht nur im Fall von Lina, auch beruflich dachte Huber in grossen Dimensionen: «Wahrscheinlich besuche ich Wien, Berlin, Paris, London um mir Material zu einer Arbeit über die neueren Codificationen zu sammeln. Das würde dann nämlich eine Vorarbeit für’s künftige schweizerische Gesetzbuch.»

Am 23. Dezember hielt Huber fest: «An Kleiner Lina anvertraut.» Kleiner hielt nichts davon, unrealistischen Liebesträumen nachzutrauern. Wohl als Trost für Huber schrieb er ihm von «Blödigkeit und Spröde». Damit kam er schlecht an. «Spröde, blöd ist sie gar nicht, man darf sie recht lieb haben und mit ihr scherzen.» Linas Antwort begründete er mit ihrem «Gefühl der Dankbarkeit gegen ihre Pflegeeltern». Huber glaubte, Lina liebe ihn. «Sie weiss nicht, dass ein Mann, der sie liebt, und den sie liebt, die grössten Ansprüche auf sie hat, und drängt alles zurück, was ihre Pietät gegen besagte Leute verletzen könnte … Für mich ist die Situation drum nur um so schlimmer. Da hilft kein Mephistoteles, weil keine Grete zu gewinnen ist, sondern eine Frau, die sehr viel, sehr viel erlebt hat.» «Was ich zu thun gedenke, habe ich dir bereits gesagt – wenn sie so lange lebt, bis ich ihr klar zeigen kann, dass meine Liebe mehr ist als Schwärmerei, wenn sie unterdessen vielleicht doch zur Einsicht kommt, dass sie nirgendwo so gut aufgehoben ist als bei einem Mann, da mag mir der grosse Wurf am Ende doch noch gelingen.»

Linas Gefühle schätzte Huber völlig falsch ein. Dagegen verblüfft seine prophetische Schlussfolgerung. «Lina ist mir nicht nur die erste Liebe, sie ist mir mehr, ich weiss, dass sie mir geben könnte, was mir fehlt: praktischen Idealismus, der Thun und Denken durchdringt. Mit ihr möchte ich wohl mehr leisten, als ohne sie mir je möglich ist, sie liesse mich nie mehr rückwärts gleiten. Nun, komm’s heraus, wie’s will, jedenfalls will ich mein Möglichstes thun, sie doch zu erlangen.»136 Er hielt Wort. Das Tagebuch 1871 hatte er – trotz Linas eindeutiger Absage – mit dem Versprechen geschlossen «Lina ich bleib dir treu.»

ZWISCHEN EBBE UND FLUT, HOFFNUNG UND KATASTROPHEN

Nach Hubers erfolglosem Antrag gingen er und Lina nicht nur geografisch getrennte Wege. Sie arbeitete weiter in der Bollerei – mit einem kurzen Abstecher ins Nidelbad im verregneten Juni 1872. Huber dagegen zog es in die Ferne.

Lange gelang es Huber, die Illusion aufrecht zu erhalten, Lina verschmähe ihn einzig aus Rücksicht auf ihre Pflegeeltern. Nach ihrer Absage im November 1871 beendete er im Eiltempo sein Studium. Am 9. März 1872 feierte er seine Promotion als Dr. iur. Dann organisierte er sein Wanderjahr. Er brachte es nicht über sich, Zürich ohne einen Abschiedsgruss an Lina zu verlassen. Bevor er den Zug nach Wien bestieg, warf er den Brief im Bahnhof in einen Kasten. «Er rasselt in den Einwurf.»137

«Der Tag meiner Abreise rückt heran, ich gedenke übermorgen Zürich zu verlassen, um noch ein Jahr mich im Ausland umzusehen, da kann ich nicht anders als vor Anfang dieses neuen Lebensabschnittes noch einmal auf unsern kurzen Briefwechsel vom letzten November zurückzukommen. Schon lange drängt es mich, Ihnen zu sagen, dass ich Ihre gütige Antwort zu verstehen glaube, dass ich der letzte wäre, der die Gründe, die Sie anführen nicht, trotz allem, was sie mir brachten, hochzuschätzen vermöchte …» Den Plan ihrer Weiterbildung hatte er nicht aufgegeben, es war seine Pflicht, «darauf hinzuarbeiten, dass Sie sich einst in dem neuen Kreise vollständig wohl fühlten und die Gewissheit hätten, ihn nicht nur mit Geist und Herz, sondern auch mit Bildung mehr als auszufüllen – zu beherrschen!» Bei aller Achtung vor ihrer Entscheidung wollte er sie niemals ganz verlieren. «Legen Sie es mir nicht als Zudringlichkeit aus: es bedarf in mir der Ueberzeugung, dass unsere Naturen eben doch verwandt seien, bedarf der Erkenntniss, dass Gleichgeartete, um im Widerstreit gegen das herzlose Gemeine sich aufrecht zu erhalten, zusammen halten müssen, um nach Ihrer Antwort mich dazu zu drängen, Ihnen die Bitte auszusprechen: Betrachten Sie mich als Ihren Freund, lassen Sie mich das Glück empfinden, dass Sie an meine Freundschaft glauben, und wenn ich je mit Rath und That für Sie etwas thun kann – erinnern Sie sich meiner!» Er hatte sich Gewalt angetan und die Bollerei nicht mehr betreten. Mit Wünschen für Linas Gesundheit schloss er und sollte es sein, «dass unsere Bahnen doch noch einst sich näher kommen – dann rechnen Sie auf meine Treue und Ergebenheit!» – Hoffnungsvoll gab er Augusts Geschäftsadresse in der Kreditanstalt für eventuelle Kontakte an. Lina nutzte das Angebot nicht.

Huber unternahm eine ausgedehnte europäische Bildungsreise, unter anderem nach Mailand, Genf, Paris und London. Wien besuchte er, um einige wichtige Vertreter seine Fachs kennenzulernen. So sass er in den Lehrveranstaltungen Jherings,138 mit dem er auch privat verkehrte. «Prächtiger Abend bei diesem Heros»,139 notierte der junge Bewunderer des berühmten Gelehrten. Tomascheck bot Huber an, mit ihm die Herausgabe der «niederösterreichischen Weisthümer»140 zu bearbeiten, doch mochte sich Huber zu dem Zeitpunkt nicht für eine wissenschaftliche Laufbahn entscheiden. «Mit schwerem Herzen schlug ich aus, und werde hoffentlich nie bereuen, diese Gelegenheit, Schriftgelehrter zu werden, versäumt zu haben.»141 Neben den Lehrveranstaltungen nutzte der Besucher aus der Provinz fleissig das kulturelle Angebot der Grossstadt. Im Opernhaus begeisterte er sich für «Lohengrin» und «Tannhäuser», in den Museen für die grosse Malerei, regelmässig ging er auch ins Theater. Selbst eine Jesuitenpredigt stand auf seinem Programm. «Sehr populär, aber wie! Also das sind ihre Waffen!»142 Mit dem neuen Freund Frei und dem alten Schulkollegen Schröter erkundete er Prater und Bierhallen. Bei alledem vergass er Lina nie. «Ich denke immer und immer an Lina.»143 Er war enttäuscht, dass ihm seine Freunde kaum von ihr berichteten.

Von Wien reiste Huber über Triest nach Venedig. Für diese Stadt reservierte er sich acht Tage. In Hubers Geist war Lina mit dabei: «Lina gedenken.» Er hoffte, eines Tages all das Schöne mit ihr nochmals sehen zu können. Dann ging es weiter über Padua, Vicenza und Verona nach Mailand, wo ihn Archivstudien länger festhielten. Dort erreicht ihn auch jener Brief Stolls, der alles infrage stellte. Huber hatte eine Vorahnung: «Düster auch meine Gedanken. Mir ist es, ich hätte Lina verloren»,144 dann die Bombe: «Stolls Brief! Unerwartet. Erst Freudenglut, dann Schmerz. Er scheint mir krank zu sein, sonst hätte er nicht so schreiben können! O Lina, warum gerade der!»145 Huber erfährt von Stoll, dass sich Lina in ihn, Stoll, verliebt habe. Lina hatte Stoll Hubers «ersten Brief» – seinen Antrag – gezeigt. Stoll liess «einige Schnödigkeiten» fallen und kündigte an, er werde Huber nicht mehr schreiben, «da ich ja jedenfalls L. längst vergessen habe … Der Schmerz über diese Herzlosigkeit, über die Verletzung meiner besten Träume, wüthet nun ungehindert in mir und raubt mir Arbeit und Ruhe zusammen. Nun ist es aus mit der Bollerei, das seh’ ich ein, aber ein solches Ende hätte ich nicht erwartet und auch nicht verdient!»146 Zum Trost las Huber Molières «Tartuffe», die Geschichte des Scheinheiligen, der seinen Gastgeber beinahe um Haus und Herd bringt.147

«Jetzt, Lina entschwindest du mir mehr von Woche zu Woche, ich will, aber ich kann dich nicht vergessen. Und doch muss es sein!»148 Nach der Lombardei war das Tessin die nächste Station. In Bellinzona gelangen Huber wichtige Entdeckungen im Archiv für seine künftige Arbeit. In Hubers Tagebuch fehlt jeder Hinweis auf den Bau des Gotthardtunnels. Genau in jenen Tagen, am 13. September 1872, begannen die Arbeiten am Südportal.

Über Turin fuhr er zum Wintersemester nach Genf. Logis nahm er bei Mademoiselle Mayor. Seine Wirtin war eine gebildete Dame, die sich prompt in ihren Pensionär verliebte. «Mlle bringt Noten. Tinte verschüttet. Lampe umgeworfen. Sie und ich wie besinnungslos. Dies öffnet mir Augen.»149 Und am folgenden Tag. «Schwerer Kampf – ich besteh ihn fast nicht. Wie mags enden? Sie ist so lieb – und doch geht’s nicht. Sie sei meine Schwester!» Huber blieb standhaft, Sara Mayor prägte sein Frauenbild. Sie war wohl jene «Genferin», die dem jungen Mann künftig als Ideal vorschwebte. In der Pension freundete sich Huber zudem mit einem Amerikaner an. Fortan träumte er regelmässig vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten als Alternative zum helvetischen Elend.150

Huber beschloss, trotz allen Hindernissen auf die akademische Laufbahn zu setzen. «In mir Entschluss, das Ziel der Wissenschaft über das der Liebe zu setzen. Nichts mehr von Liebe, sondern nur Zweck und Mittel!»151 Er bereitete eine Habilitationsschrift und eine Probevorlesung für Zürich vor. Wie immer seine Vorsätze aussahen, die letzten Zeilen des Tagebuchs von 1872 galten Lina. «Dich lieb ich immer noch, die mir jetzt eben so treu im Geistesauge vorschwebt! Aber das Opfer wäre zu gross, das ich von dir verlangen müsste – Sei glücklich – auch ohne das Glück, das ich dir gerne gegeben hätte.» Ende Januar kam Huber zur Probevorlesung nach Zürich – und besuchte selbstverständlich die Bollerei. «Ich trete rasch voran ein. Lina erröthet. Grüsst mich … Frau Vontobel grüsst auch. Beim Abschied sagt Lina, sie danke mir für den Besuch, hoffe mich nochmals vor Abreise zu sehen. Im Sturm zurück.»152 Wie er am folgenden Tag Stoll antraf, überkam ihn ein «elender Moralischer». Nach der Probevorlesung traf er Kleiner. «Er rät mir von Lina ab. – Spät zu Hause, schlaflose Nacht.»153 Am 3. Februar war Huber in Genf zurück. «Erste Begeisterung für Lina, Sehnsucht. – Bei Ankunft in Genf aber Überlegung, dass ich meiner Ehre manches schuldig sei.» Die wissenschaftliche Laufbahn war auf die Schiene gesetzt, Huber durfte sich Entspannung gönnen. Die Bilanz seines Genfer Aufenthaltes war gemischt: «Adieu liebes, böses Genf.»154

Paris, zu jener Zeit noch ohne Eiffelturm, bot dem Touristen Huber faszinierende Kunst. Im Louvre kaufte er sich zur Erinnerung eine Venus von Milo,155 melancholisch verabschiedete er sich von den Gemälden im Palais du Luxembourg. «Adieu den lieben Gemälden.»156 All die Zeit liess ihn Lina nie los. Beim Besuch in Versailles entdeckte er eine Darstellung der Jungfrau von Orléans. «Gleicht sie nicht ihr? … schwärmerische blaue Augen, schlichtes blondes Haar, schmale hohe Stirne, edel, rein … ach, dass ich sie einmal im Leben finden könnte.»157

London war die letzte Station seiner Bildungsreise, damals die Metropole eines Weltreiches. Huber hatte sich mit seiner Schwester Pauline verabredet, die Begegnung begann in Eintracht. «Pauline lieb, gut schwesterlich – jetzt erst lerne ich sie kennen.»158 Tatsächlich hatten die beiden Geschwister nur wenige Jahre zusammengelebt. «Bis gegen Mitternacht Gespräch mit Pauline über Vergangenheit. Sie ist wie ich!»159 Es ist zu vermuten, dass genau dies die folgenden Spannungen auslöste. Pauline, erfolglos auf Stellensuche, wurde gegen ihren Bruder schnell giftig. Sollte er sofort abreisen? «Und doch würde dies ihr Übel sehr vermehren, sie ist ein Weib, ertragen wir den Schimpf.»160 Immer wieder hatte Pauline Anfälle von «Ausgelassenheit», griff zu Bier und Schnaps.161 «Sie redet über England und ihr Leiden, lachend meint sie, bald sei sie verrückt.» Huber forderte sie auf, sofort nach Zürich zurück zu kommen und Lehrerin zu werden. «Sie liebt meinen ‹Vortrag› nicht über das was sie tun soll.»162 Die geschwisterlichen Auseinandersetzungen trübten seine Faszination für London nicht. Die englische Kultur lag ihm stets näher als die französische.

Nach seiner Heimkehr häuften sich berufliche und private Sorgen. Für Hubers Vorlesung meldete sich kein einziger Student. Nun galt es, sich neu zu orientieren. Chefredaktor Weber bot ihm eine Stelle in der «Neuen Zürich Zeitung» an mit einem Gehalt von 2000 Franken. «Freude und doch Zweifel.»163 Er traf Stoll, der sich in der Lina-Geschichte aus der Verantwortung schleichen wollte. «Auf sechs Zusammenkunft mit Stoll. Er zeigt mir die Briefe und Photographie Linas, ganze Entwicklung, bis zur Katastrophe, worin er nun mit ihr steckt. Nachtessen in Bollerei mit Stoll genommen. L. und ich kälter.» Hubers Schlussfolgerung: «Nun ist alles gebrochen … Ahnung vielen Elends, das aus diesen unberechenbaren Leidenschaften entsteht.»164

In den folgenden Monaten muss es Huber ganz schlecht gegangen sein. Stoll reiste ins Ausland, Lina trug Trauer, von der Arbeit in der Redaktion wissen wir nichts. Vom 2. Juni bis zum 29. Oktober blieben die Tagebuchseiten leer, eine ausserordentliche Seltenheit in Hubers Leben. Erst zwei Tage vor seiner Übersiedlung nach Bern nahm er die Notizen wieder auf. Am Vorabend der Abreise zeigte er sich wieder einmal in der Bollerei. «Lina. Ihr Abschied. Weh im Herzen.»165 Selbst mit Emil Zürcher gab es Unstimmigkeiten. Dennoch erwartete Huber von seinem Freund Hilfe in Liebesangelegenheiten: «Wie kommt das mit Lina? Was wird Zürcher tun können? Wir verstehen uns nicht mehr recht.»166

Nach Rücksprache mit dem Erziehungsdirektor durfte Huber an der Universität Bern Vorlesungen halten, man hatte ihm am 11. November 1873 die Venia legendi erteilt.167 In der akademischen Welt hatte er wieder Tritt gefasst. Gleichzeitig trat im Liebesleben die grosse Wende ein. Ebenfalls am 11. November traf Linas Brief mit Bild ein: «Längst schon drängt es mich, meinem Versprechen nachzukommen. Die Gründe, die mich daran verhindert, sind Ihnen nicht bekannt; einmal weil nicht genügend Zeit gefunden, um eine neue Aufnahme zu bestellen, und dann, weil ich immer noch im Ungewissen war, ob selbiges noch von Interesse für Sie sein werde. Meine Zweifel hierüber waren gehoben durch die stete Theilnahme, die Sie für mich hegten und die mir auch jetzt noch nicht völlig erloschen schien. – Herrn Dr. Zürcher erbot mir Ihre Adresse, falls ich geneigt wäre, Ihnen beiliegendes eigenhändig zuzustellen, desshalb [sic] nahm ich mir die Freiheit.»168 Zürcher hatte sich erneut als Vermittler bewährt.

Dann ging Huber aufs Ganze und heckte zusammen mit Zürcher jenen «Lausbubenstreich» aus, der Lina für immer für ihn gewinnen sollte: Die Vorladung aufs Obmannamt und der hastige Antrag im Büro. Es folgten Hubers Glücksmomente und Linas Zweifel und in den folgenden Wochen abwechslungsweise Hochs und Tiefs.

Am 21. November glaubte Lina an ihre Liebe, doch schon am folgenden Tag quälte sie wieder Unsicherheit. «Ich war glücklich im Bewusstsein, Dich glücklich zu wissen, ich dachte an nichts anders, als Dir mein ganzes Leben zu weihen. Doch ach, wie kurz währte dieser Moment! Ich fühlte mich stark genug, allem Trotz zu bieten, Widerstand zu leisten, allem was da kommen möge und heute! Wie schwach bin ich wieder! O! dass ich anders wäre, dass ich das Leben nicht allzu schwarz mir ausmalte … so lange diese beständige Ungewissheit in mir wechselt, so lange ist es entschieden das Richtige nicht. Ich bitte, ich beschwöre Dich, nimm mein gestriges Wort nicht als bindend, lass mir noch meine Freiheit bis [ich] Dir ohne allen Einfluss äusserer Umstände das Jawort geben kann. Bis dahin gib Dich nicht etwa dem Schmerze des Verlustes preis, ich kann Dir unmöglich Nein sagen, doch ebenso wenig ein bindendes Ja.»169

Vier Tage später – Lina betreute die kranke Frau Vontobel – klang es wieder optimistischer. «Die bangen Zweifel über unsere Zukunft haben sich gemildert und ich sehe mit freudiger Zuversicht, mit Ruhe unseren Schicksalen entgegen.»170 Nach Frau Vontobels Tod, kam Huber – ausdrücklich gegen Linas Wunsch – nach Zürich, besuchte das Sterbezimmer und verabredete sich mit Lina im Asyl, dem Heim der Diakonissen. Er überreichte ihr die Ringe. Gegen Linas ursprüngliche Empfehlung nahm er an der Trauerfeier teil.171 An den folgenden Tagen fühlte er, wie sich Lina verändert hatte. «Neues Weh. Lina ist kälter.»172 Da sie fürchten mussten, in Zürich würde getratscht, klärte Huber vor der Rückfahrt nach Bern ohne Linas Wissen seinen Freund Alfred Kleiner über den Stand der Dinge auf.

Am 3. Dezember schrieb Lina jenen Brief, der Huber aus der Fassung brachte, tief verletzte und die Beziehung lange belastete. Grund ihrer schwankenden Gefühle war Hubers Behinderung: «Wir haben uns gelobt, gegenseitig frei und ohne Rückhalt alles mitzutheilen, was uns drückt oder freut, wir wollen uns selbst nicht schonen, möge daraus entstehen, was da wolle. Wohlan denn, zürne nicht wenn ich so rücksichtslos verfahre. – Du beschwörst mich, Dir den Grund zu sagen, der mich nie ruhig werden lässt, der stete Bangigkeit u. Beklommenheit in mir wach ruft. – Ich glaubte mich frei, von jedem sinnlichen Gedanken unedler Art, ich wähnte mich sicher, im Manne nur das zu sehen, was in geistiger Beziehung mich fesseln konnte. Bin ich so, fühlst Du diese Umänderung nicht selbst an mir?

Eugen, verzeih diese Schwäche, verkenne mich nicht um ihretwillen. Du wirst mich unmenschlich, ja grausam finden, dass ich Dir dies zugestehe, vielleicht wirst Du Deine Ansicht gegen mich ändern. Du kanntest mich bis dahin nicht von dieser Seite, Du glaubtest mich liebevoll, hingebend zu finden, jetzt siehst Du, welche unabsehbare Kluft sich zwischen uns gelegt. – Als ich Dir vor zwei Jahren jene kurze fast möcht ich sagen kalte Verneinung zusande [sic], da, ich wage es jetzt im ernsten Momente auszusprechen, da war es entschieden der Hauptgrund, zu dieser Antwort. Wäre ich weniger sinnlich, oder mit andern Worten Dir geistig näher, ich könnte ohne alles Bedenken dies unbeachtet lassen. Du hast recht gesehen, wenn Du glaubtest ich sei letzten Sonntag nach unserm Beisammensein wieder ernster, nachdenklicher geworden. Es war so; dasselbe Gefühl, das mich nie ruhig werden lässt, brach mit aller Macht über mich und machte mich zum Unglücklichsten [sic] Menschen. Ich sah Dich mühsam zur Nebenthüre aus- und eingehen und ach was kann ich es läugnen [sic], ich fühlte Mitleid mit Dir, allein anstatt dass gewöhnlich aus Mitleid Liebe entsteht, lief mir ein kalter Schauer durchs Gemüth; ich fühlte Dich und mich unglücklich. Ich bin eine Natur, die viel lieben kann, und mir wäre wohl besser wäre ich etwas kälter. Wars die tiefe Liebe, als ich zu Dir im Asyl jene Worte aussprach, Dein zu gehören, nein sie war es nicht und ich fühle es je länger je mehr, dass es nur die gewöhnliche Liebe war, die ich gegen jeden Menschen, dem ich mich zum Dank verpflichtet bin, war. Lass mich erst ruhiger werden, die Zeit des Übergangs wird bald da sein, wo ich ohne allen Einfluss zur eigentlichen Besinnung gelangen kann. Jetzt bin ich nicht fähig, nur über mich selbst ein Urtheil zu fällen.

Wenn Du mich aufrichtig liebst und ich zweifle keinen Augenblick, so wird Dir mein Lebensglück nicht gleichgültig sein. Und wenn nur Du glücklich bist und ich nicht so wie Du, so ist Dir dieses Glück peinlich. Darum lass mich erst in einen neuen Wirkungskreis eintreten, lass mich recht zur wahren Ruhe gelangen, bevor Du Dich schon ganz Deinem scheinbaren Glücke dahingiebst. Es ist mir unmöglich weiter zu schreiben. Sei Du so gut und schreibe mir bald wenn Du kannst. Doch auch unverhohlen Deine Ansicht.»

Kurz darauf bereute sie ihre Offenheit, doch der Schaden war angerichtet. «Verzeih, wenn ich Dir in meinem letzten Brief weh getan; war es doch geschrieben in einem Augenblick der äussersten Trostlosigkeit und Bangigkeit, verzeih lieber Eugen, denn die schwersten Vorwürfe peinigen mich und machen mich seitdem weit unruhiger als vorher. Du begreifst wohl wie schwer mir Dein langes Stillschweigen macht, ich bitte Dich herzlich, lass mir bald einige Trostesworte zukommen.»173

Huber brauchte eine gewisse Zeit, bis er sich gefasst hatte. Er war «bitter traurig», nahm mehrere Anläufe, um einen Brief zu verfassen. «Ich habe auch die Stunden, von denen Du klagst, dass Du darin Deine klare Besinnung verlierst, vielleicht hat sie jedes Herz, das auch der andern Seite dann wieder Stunden hat, wo alles in rosigem Schimmer vor uns glänzt – Fluth und Ebbe, wie Heine sagt.» Er erörterte, wie ungünstig die Prognosen für eine Beziehung wären, die nur auf sinnlicher Anziehung beruhte. «Nun gibt es aber auch eine andere Liebe, die ruht auf gegenseitiger Hochachtung, auf gegenseitiger Erkennung und schliesslich wenn sie ganz vollgültig da ist, auf gegenseitigem Vertrauen, so dass dabei Mann und Weib eins werden, dass sie ohne es zu wollen dasselbe denken, dasselbe lieben, dasselbe thun. Diese Liebe dauert. Das giebt die glücklichen Ehen.» Dann kam er auf Linas berufliche Leistung zu sprechen, für Huber eine Art Zukunftsgarantie. «Es ist nicht gerade Pflichtgefühl, das dich zwingt, deine Aufgabe möglichst gut zu lösen, sondern es ist etwas mehr: es ist die edle Selbstschätzung, du würdest es unter dir erachten, nicht deine Stellung, sei sie was sie sei, so auszufüllen, dass dich die Menschen, an denen dir etwas gelegen ist, achten und mit Achtung behandeln müssen. Wer aber diese Selbstschätzung hat, der kann sich nicht einem Gefühl des Augenblicks hingeben, der beherrscht die Sinnlichkeit, der beherrscht das Mitleid, der gibt sich nur da ganz hin, wo er ganz sich wieder findet. Gut denn, Lina, so lass uns prüfen und warten.»174

Schliesslich renkten sich die Dinge ein. Weihnachten verbrachte Huber in Zürich und sah so oft wie möglich Lina. Am Stefanstag, 26. Dezember, schrieb er gar von «Triumphstimmung». Tags darauf war er in der Bollerei – «Mittagessen und Nachtessen bei Lina. Innigkeit. Ich gedrückt. Sie tröstet mich.» Nun wurde Huber aktiv, er reiste nach Genf, um Linas Zukunft zu organisieren und lernte Familie Mermod kennen.

Sein Tagebuch schloss mit einer frohen Note. «Von Lina ein treuer, lieber Brief! Nun Sternlein bist du mir näher gerückt! Bald werd ich mit dir vereint sein. Auf diesen Tag will ich meine Kräfte prüfen und wirken so lange es Tag ist. Es muss gelingen!»

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