Kitabı oku: «Ich höre, was die Seelen sprechen»
Das Buch
Als Kind lösten ihre Erzählungen über Gespräche mit den Seelen Verstorbener Erschrecken und Verwirrung aus. Vicki Monroe galt als "Spinnerin", misstrauisch beäugt von ihrer Umgebung – und die kleine Vicki beschloss zu schweigen.
Heute, gilt Vicki Monroe als eine der fähigsten "Seelen-Kommunikatorinnen" in den USA. Wissenschaftler, Zeitungen, TV- und Radiosender reißen sich um sie, der "Who is Who" zählt sie zu den 100 besten Medien der Welt. Denn Monroes Seelen-Botschaften, die sie in den sog. Readings einem neugierig-skeptischen Publikum vorträgt, überzeugen durch eines: Das Wissen der "Stimmen aus dem Jenseits" ist überaus persönlich, präzise bis ins Detail – und rundum nachprüfbar! Monroes Readings, denen kritische Beobachter einen Wahrheitsgehalt von weit über 90% zusprechen, lassen ein oft geschocktes, oft geläutertes Publikum zurück. Ein Reporter der "Portland Press": "Journalisten sind die größten Skeptiker. Aber man verlässt Vicki Monroe in voller Gewissheit. Selbst wenn nicht erklärbar ist, wie sie wissen kann, was sie weiß."
Die Autorin
Dr. Vicki Monroe, geb. 1962, ist Naturheilärztin. Als Kind wegen ihrer paranormalen Fähigkeiten ausgegrenzt, bricht sie 1998 ihr Schweigen und nutzt seitdem ihr Wissen als "Spirit Communicator" für ihre Patienten. In Ich höre, was die Seelen sprechen berichtet sie erstmals über ihre Erlebnisse aus der Welt "jenseits des Todes.
Dr. Vicki Monroe ist eine Seelenbotin, die in ihren öffentlichen Veranstaltungen im Radio und im Fernsehen die heilsame Botschaft verbreitet, dass das Leben unvergänglich ist. Sie gibt Privatsitzungen und Seminare auf der ganzen Welt.
Vicki Monroe
Ich höre,
was die Seelen sprechen
Selbst Skeptiker verlassen Vicki Monroe in voller Gewissheit.
Auch wenn nicht erklärbar ist, wie sie wissen kann, was sie weiß.
Übersetzt von Johanna Ellsworth

Inhaltsverzeichnis
Umschlag
Das Buch / Die Autorin
Titel
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1 Die Welt kann es nicht glauben
2 Der Tag, auf den die Seelen gewartet hatten
3 Der Anfang meiner Berufung
4 Eine Sitzung verändert mein Leben
5 Die vielen Gesichter des Zweifels
6 Wie ich lernte, meine Gabe richtig einzusetzen
7 Botschaften überbringen und Grenzen einhalten
8 Auftritte im Rundfunk
9 Live-Veranstaltungen auf der Bühne
10 Seelenbotschaften im Scheinwerferlicht
11 Häufige Fragen
12 Eine Gruppe von helfenden Seelen
13 Geburt und Tod
14 Meditation, um mit Seelen zu sprechen
15 Von »spukenden« Häusern
Impressum
Für meine Schwester Heather, die mich unendlich liebevoll führt. Selbst jetzt noch, nachdem sie von uns gegangen ist, bringt sie mich mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Humor zum Lachen!
Auch meinen geliebten Vater Charlie schließe ich in die Widmung mit ein. Mögen die Stadien, die du geliebt hast, und die Teams, die du bewundert hast, immer so große Sieger sein, wie du es für die Menschen warst, die du auf Erden gelehrt hast. Ich liebe euch beide sehr.
Vorwort
Es begann an einem ganz gewöhnlichen Tag. Ich stand um sechs auf, machte die Kinder fertig für die Schule, räumte auf, duschte, zog mich an und verließ das Haus. Ich freute mich auf meine halbe Stunde Fahrt zur Arbeit. Als Ärztin und Mutter von vier Kindern ist das oft die einzige Zeit am Tag, die ich für mich habe. Ich genoss die Auszeit im Auto. Während ich den mitgenommenen Becher Kaffee trank, drehte ich am Radio, bis ich einen geeigneten Sender fand. Bald darauf hörte ich interessiert einer Frauenstimme zu. Sie erzählte von einer Seelenbotin, die sie als Gast in ihrer Radiosendung haben würde. Da ich ein Theologiestudium absolviert habe und mich darüber hinaus mit Spiritualität und Sozialwesen beschäftigt habe, interessierte mich das Thema sehr. Ich war schon immer fasziniert von spirituellen Dingen, und so klang diese Seelenbotin faszinierend für mich. Ich beschloss, mir die Sendung anzuhören, und wurde nicht enttäuscht. Sie klang aufrichtig und ehrlich. Ich kann es nicht erklären, doch ich konnte dies schon allein an ihrer Stimme hören, während sie Botschaften von Geistern im Jenseits wiedergab. Sie war so exakt, dass es schon unheimlich war, und als sie erwähnte, dass sie auch Gruppensitzungen macht, meldete ich mich noch am selben Tag dafür an. Es war eine einfache Handlung, die mein Leben von Grund auf verändert hat.
Ein paar Wochen später ging ich zu der Gruppensitzung mit der Seelenbotin Vicki Monroe. Sie war ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hatte. Mir begegnete eine attraktive Rothaarige von ungefähr vierzig mit strahlend blauen Augen. Sie entsprach nicht im Geringsten meiner Vorstellung, wie ein Mensch mit so einer Begabung aussehen könnte. Sie wirkt nicht wie eine Mutter oder Ehefrau. Ich fühlte mich in ihrer Gegenwart auf Anhieb wohl, obwohl ich nicht jemand bin, der Fremden sofort vertraut. Ich bin eher vorsichtig in der Auswahl der Menschen, denen ich mich öffne. Für mich war dies also eine ungewöhnliche Erfahrung. Sie strahlte so viel Güte und Offenheit aus, dass mein natürliches Misstrauen sofort verschwand. Ich hatte das Gefühl, dass wir uns vertraut waren, und ich spürte, dass ich nichts zu befürchten hatte.
Als Vicki sich von einem Gast an den nächsten wandte und an jeden persönliche Botschaften übermittelte, staunte ich über ihre Genauigkeit. Als ich an der Reihe war, verwandelte sich mein Erstaunen in den totalen Glauben an ihre Fähigkeiten. Sie wusste, dass ich Ärztin war. Sie kannte den Namen meines Praxisleiters. Sie konnte mir den Namen meiner Großmutter nennen und wusste, dass meine Großmutter eine gute Köchin gewesen war. Sie wusste auch, dass meine Tochter autistisch ist. Obwohl wir uns noch nie begegnet waren, schien sie alles über mich zu wissen. Sie sagte, dass sie all diese Informationen von meiner Großmutter Mary hatte, die vor zehn Jahren verstorben war. Ich hatte sie sehr geliebt und hörte nun gebannt zu, da Vicki anscheinend alles über sie wusste. Während der Gruppensitzung erwähnte sie, dass sie auch Einzelsitzungen abhält. Ich spürte das starke Verlangen, allein mit ihr zu reden. Am nächsten Tag machte ich einen Termin für eine Einzelsitzung zwei Monate später aus. Ich ahnte nicht, dass ein simpler Anruf und eine Sitzung mein ganzes Leben verändern würden!
Dann kam der Tag, an dem ich meinen Termin bei ihr hatte. Es war ein kalter, grauer Dezembermorgen. An der Haustür empfing mich Vickis Mutter und führte mich in ein gemütliches Zimmer, in dem ich auf Vicki wartete. Als sie den Raum betrat, war sie leger in Jeans und Pullover gekleidet, und wir kamen nach einer kurzen Begrüßung gleich zur Sache. Ich bin sicher, dass sie sich seit der Gruppensitzung nicht mehr an mich erinnern konnte. Dazwischen lagen zwei Monate, in denen sie vermutlich hundert andere Klienten zu Gesicht bekommen hatte. Wieder waren ihre Aussagen unglaublich akkurat. Ich konnte laut und deutlich meine Großmutter wiedererkennen. Vicki wusste, dass ich vier Kinder habe, von denen drei aus Übersee sind und von uns adoptiert wurden. Sie wusste auch, dass ich seit zwanzig Jahren mit demselben Lebenspartner zusammen bin. Weiterhin wusste sie von den Personalproblemen in meiner Praxis. Doch das Erstaunlichste war, dass sie von einer verstorbenen Freundin wusste, die viel zu früh von uns gegangen war. Dory war mit siebenunddreißig an Dickdarmkrebs gestorben. Vielleicht war sie die beste Freundin, die ich je gehabt habe. Sie war auch Ärztin und mir ein paar Jahre in der Ausbildung voraus, und sie hatte mir gezeigt, wie man eine richtige Ärztin wird. Sie brachte mir Güte, Mitgefühl und praktisches Denken bei. Sie war mein Vorbild, und als sie starb, war ich völlig verzweifelt. Ich hatte nie gewusst, dass ich so um jemanden weinen könnte wie um sie. Sie war zehn Jahre vor der Begegnung mit Vicki gestorben und ich vermisste sie immer noch Tag für Tag. Intuitiv schien Vicki all das zu wissen. Sie schien die Leere zu spüren, die Dorys Tod in meinem Leben hinterlassen hatte. Freundlich und sanft versicherte sie mir, dass Dory immer noch jeden Tag bei mir war und über mich wachte.
Am Ende der Sitzung fragte Vicki mich, ob ich in meiner medizinischen Praxis neue Patienten aufnehmen würde. Ich bejahte das und sie wurde meine Patientin. Es schmeichelte mir, dass sie mich darum gebeten hatte. Ich verließ ihr Haus in einem Gefühl der Verbundenheit, doch ich hatte Angst, daran zu glauben. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine so begabte und erfolgreiche Frau wie sie Freundschaft mit einer einfachen Landärztin wie mir schließen wollte. Ich konnte nicht ahnen, dass auch sie nach jemandem suchte, der die Leere in ihrem Leben auffüllen würde, die durch einen zu frühen Verlust entstanden war.
Von dem Augenblick an, als ich Vickis Haus verließ, dachte ich ständig an diese Sitzung. Alles, was sie gesagt hatte, klang wahr. Zum ersten Mal spürte ich, dass meine Gefühle und Wahrnehmungen einen Sinn ergaben. Sie hatte viele Emotionen und intuitive Eingaben bestätigt, die ich zwar immer gefühlt, jedoch nie zuvor verstanden hatte. Ich hatte endlich das Gefühl, jemandem begegnet zu sein, dessen Weltansicht ich teile. Seit ich Dory verloren hatte, die mein Steuerrad und mein Kompass gewesen war, hatte ich mich wie eine Fremde auf dieser Erde gefühlt. Das Gefühl konnte ich nie jemandem wirklich erklären. Doch obwohl ich Vicki kaum kannte, war mir, als wären wir uns auf einer ganz tiefen Ebene begegnet. Doch Zweiflerin die ich bin, hatte ich Angst, ihr das zu sagen. Ich wollte zwar ihre Freundin sein, aber ich ging nicht davon aus, dass sie auch meine Freundin sein wollte.
Ein paar Wochen später, während ich immer noch über meine Sitzung nachdachte, schickte ich ihr eine E-Mail. Ich erwartete im Grunde keine Antwort. Vicki schien mir viel zu beschäftigt zu sein. Doch schon am nächsten Tag kam ihre Antwort. Wieder schickte ich ihr eine E-Mail und sie schrieb zurück. Bald darauf chatteten wir regelmäßig. Zuerst tauschten wir nur freundliche, belanglose Alltäglichkeiten aus, doch dann kamen wir rasch auf tiefsinnigere Themen zu sprechen. Wir tauschten uns über das Leben, Mutterschaft und Spiritualität aus. Wir diskutierten Liebe, Kinder, Arbeit und Politik. Wir staunten über unsere vielen Gemeinsamkeiten. Beide haben wir vier Kinder und eine langjährige Partnerschaft. Beide lieben wir Gartenarbeit und Italien, vor allem die Toskana.
Meine größte Überraschung kam, als Vicki mir verriet, dass auch sie einen Menschen verloren hat, der ihr sehr nahe stand. In ihrem Fall war es ihre Schwester Heather. Ihre Beziehung zu Heather ähnelte der engen Beziehung, die ich zu Dory hatte. Vicki liebte und vermisste Heather immer noch. Dorys Tod hatte eine Leere in meinem Herzen hinterlassen, die ich füllen musste. Wir hatten beide eine Leere in unserem Leben, die wieder gefüllt werden musste. Nachdem Vicki und ich stundenlang darüber gesprochen hatten, stellten wir fest, dass wir geistige Schwestern sind und uns genau im richtigen Augenblick unseres Lebens gefunden haben. Wir brauchten beide die Unterstützung, den Rat und die Liebe einer Schwester. Auch wenn wir ein erfülltes Leben mit liebevollen Partnern, Kindern und Freunden hatten, so spürten wir doch, dass eine Speiche im Rad fehlte. Wir hatten das Gefühl, im anderen das gefunden zu haben, wonach wir all die Jahre gesucht hatten.
Durch die Offenbarung, dass wir Schwestern sind, kam die Sicherheit, dass Dory und Heather unsere Begegnung und unsere Freundschaft arrangiert hatten. Noch immer wachten unsere geliebten Verstorbenen über uns, beschützten und sorgten für uns. Das Universum hatte uns beiden im richtigen Augenblick genau das gegeben, was wir brauchten. In den nächsten Monaten wurden Vicki und ich sehr enge Freunde. Wir wissen oft, was der andere denkt oder fühlt. Wir verbringen sehr viel Zeit damit, gegenseitig schallend über unseren Humor zu lachen. Wir unterstützen einander in schweren Zeiten und teilen unsere Freude in glücklichen Zeiten. Wie Schwestern teilen wir uns die Last des Lebens, wenn sie zu schwer scheint. Wir können uns gegenseitig alles anvertrauen und – was das Wichtigste ist – wir haben uns lieb, wie nur Schwestern sich lieben können.
Vicki sagte einmal zu mir: »Blut bedeutet nichts. Die spirituellen Verbindungen, die man knüpft, zählen.« Anders ausgedrückt besteht die Familie – ob Blutsverwandte oder Wahlverwandte – aus den Menschen, die einen lieben und unterstützen. Es ist unwichtig, ob man dieselben Eltern, denselben Namen oder die gleichen Gene teilt. Wichtig ist nur, dass Seelen sich verbinden und füreinander sorgen. Ich werde in diesem Leben und danach für meine Schwester Vicki sorgen. Unsere Seelen sind für immer miteinander verbunden, und ich weiß, dass ich nie mehr wie eine Fremde durchs Leben gehen werde. Ich liebe dich, Schwester!
Dies ist ein Bericht, den Dr. Elisabeth Delprete, M. D. für dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Dr. Delprete praktiziert seit einigen Jahren als Ärztin im Bundesstaat Maine und nahm an einem von Dr. Monroes Seminaren teil. Später machte sie einen Termin für eine Einzelsitzung bei Dr. Monroe aus.

1
Die Welt kann es nicht glauben
Wie engelsgleich kam ich doch her!
Wie strahlend hell ist alles hier!
Als ich inmitten seiner Schöpfung angekommen bin,
Ach, wie haben wir ihren Glanz gekrönt!
Die Welt ist seiner Ewigkeit so nah,
in der meine Seele schon mal ging,
Und alles, was mein Auge sah,
Sprach mich an.
Thomas Traherne
Es gibt wohl niemanden, der sein Lebensziel von Anfang an kennt. Das Leben ist eine Reihe von Erlebnissen, eine Blaupause, die wir selbst entwerfen. Unsere Seele haben sie schon entworfen, bevor wir in dieses und alle früheren Leben geboren wurden.
In meinem Fall dauerte es einige Zeit, mich an das Wissen zu gewöhnen, dass ich die Seelen Verstorbener sehen kann. Mir wurde nur langsam klar, dass dies keine Eigenschaft ist, die jedem gegeben ist. Es war etwas, das ich in den ersten zwölf Lebensjahren auf schwierige und peinliche Weise herausfand – und das nicht nur für mich selbst, sondern auch für meine Familie.
An einem kühlen Herbsttag spielte ich mit einer Freundin auf dem Schulhof. Gegenüber voneinander baumelten wir vom Barren und wetteten kichernd, wer von uns sich am längsten festhalten könnte. Plötzlich bemerkte ich einen Mann, der hinter meiner Freundin stand. Sie hatte mir vor kurzem erzählt, dass ihr Großvater krank sei und sie ihn nicht besuchen dürfte.
Als Kind glaubte ich noch, dass jeder das sehen könnte, was ich sah und dachte mir nichts dabei, den Mund aufzumachen und ihnen zu sagen, was ich sah und hörte. »Dein Großvater ist hier, um von dir Abschied zu nehmen«, sagte ich deshalb zu meiner Freundin. Ich war froh, ihr mitteilen zu können, dass sie sich jetzt keine Sorgen mehr um ihn machen musste. »Er sagt, solange du ihn brauchst, wird er dich beschützen. Und wenn du mit ihm reden willst, kann er dich in deinen Träumen besuchen.«
Ich war in diesem Augenblick so glücklich für sie, dass mir nicht auffiel, dass meine Freundin aufgehört hatte am Barren hin und her zu schwingen. Sie stand auf dem Boden und starrte zu mir herauf. »Solche Sachen darfst du nicht sagen«, meinte sie heftig. »Er ist nicht tot. Du bist ja bloß gemein und ich will nicht mehr deine Freundin sein!«
Ich sprang vom Barren herunter und sah sie mit großen Augen an. Ich verstand nicht, warum meine Botschaft sie so verstört hatte. Ich hatte doch nur das getan, was alle tun können, oder? Ihr stiegen die Tränen in die Augen, und bevor ich es erklären konnte, rannte sie zur Pausenaufseherin und erzählte ihr, was ich gesagt hatte. Daraufhin wurde meine Freundin ins Schulgebäude gebracht, während man mich auf dem Hof stehen ließ. Der Großvater war immer noch da und hatte die Arme um mich gelegt. Er sagte: »O je, Kleine, du hast nichts Unrechtes getan! Eines Tages wird sie begreifen, was du für sie getan hast. Aber du musst verstehen, dass nicht alle Menschen das können, was du kannst. Sie können die Seelen, die von einer Welt in die andere übergehen, nicht sehen. Du musst versuchen, deine Fähigkeit so gut es geht für dich zu behalten. Irgendwann, wenn die anderen dafür bereit sind, werden sie deine Botschaften hören wollen.« Dann kniete er sich hin und umarmte mich, doch ich dachte nur an meine Freundin. Was für seltsame Dinge hatte der Mann zu mir gesagt! Es klang, als wollte er mir einreden, ich sei ein Monster und anders als meine Klassenkameraden. Ich konnte nur den Kopf schütteln, während mir die Tränen aus den Augen strömten. Er wischte sie weg und verschwand. Ich blieb allein zurück und fühlte mich einsam und verwirrt.
Unseren Schuldirektor hatte ich noch nie gemocht wegen all der Gerüchte, dass er sehr streng und hart sein konnte. Nun bekam ich natürlich Angst. Frierend und wie betäubt wartete ich, bis die Pausenglocke klingelte. Dann reihte ich mich in die Schlange ein, die zurück ins Schulgebäude ging. Ich stand bei meiner Klasse und hoffte, nicht in sein Büro gerufen zu werden. Dabei überlegte ich besorgt, was meine Freundin wohl verraten haben könnte. Dann betrat ich das Klassenzimmer, hängte meinen Mantel auf und setzte mich. Kurz darauf schallte es über die Sprechanlage: »Würde Vicki Chadbourne bitte in das Büro des Direktors kommen?« Meine Lehrerin, die ich sehr mochte, sah mich erstaunt an und winkte mich an ihr Pult. »Ist alles in Ordnung, Vicki? Kannst du allein hingehen?« Ich nickte, doch sie kannte mich zu gut. Also nahm sie mich an der Hand und trug der Klasse auf, im Geschichtsbuch weiter zu arbeiten, bis sie in einer Minute wiederkäme.
Es war der unangenehmste Weg, den ich je zurückgelegt hatte. Die warme Hand meiner Lehrerin hielt tröstend meine kalte Hand. Ich war froh, dass sie mitkam und wurde ruhiger, während wir auf das Büro zugingen. »Was immer es ist, ich bin sicher, es wird in Ordnung kommen«, sagte sie. Ich hatte meine Zweifel daran.
Wir wurden sofort in das Vorzimmer eingelassen, und meine Lehrerin wurde gebeten, zurück ins Klassenzimmer zu gehen, da die Sache nicht sie betraf. Während ich ihr hinterher schaute, schnürte sich meine Kehle vor Panik zu und mein Magen verkrampfte sich. Meine einzige Verbündete war weggeschickt worden. Nun war ich allein. Ich wartete im Vorzimmer; es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Die Sekretärin beobachtete mich mit seltsamem Blick.
Schließlich öffnete sich die Tür zum Zimmer des Direktors. Ich sprang auf, als ich meine Freundin aus seinem Büro kommen sah. Wieder versuchte ich, ihr zu erklären, dass es mir Leid tat, sie so zu erschrecken. Doch hinter ihr tauchte ihre Mutter auf und brachte mich mit einem Wink zum Schweigen. »Ich finde, du hast genug Unheil angerichtet, Vicki. Ich möchte nicht, dass du weiterhin mit ihr redest. Ich weiß zwar nicht, was für einen schlimmen Streich du ihr gespielt hast, aber wir hatten gerade einen Todesfall in der Familie. Es war grausam von dir, ihr das zu sagen, ohne dass sie es wusste!«
Sie liefen hastig an mir vorbei. Ich spürte ihre Wut und Trauer. Es war wie ein Schlag in die Magengrube. »Vicki Chadbourne, bitte eintreten«, sagte eine Stimme aus dem Büro. »Und mach die Tür hinter dir zu.« Voller Angst spähte ich hinein. Ich wünschte mir sehnlichst, dass irgendjemand mir zu Hilfe käme.
Der Direktor stand hinter seinem Schreibtisch und kam mir vor wie ein Riese. Ich schluckte und setzte mich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Es schien eine Ewigkeit zu vergehen, bevor er anfing zu sprechen. »Ich kenne dich zwar noch nicht, Vicki, aber ich habe gehört, du seist ein nettes Mädchen. Was hat dich dazu gebracht, solche schrecklichen Sachen zu einer Mitschülerin zu sagen, die deine Freundin ist?« Dann wandte er sich mir zu und schaute mich fragend an. Meine Angst legte sich ein wenig und ich konnte ihm in die Augen sehen. Ich erzählte ihm, was ich gesehen und erlebt hatte. Während er hinter dem Schreibtisch auf und ab ging, hörte er mir aufmerksam zu. »Passiert dir das oft, dass du Verstorbene siehst?«, fragte er. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Am liebsten hätte ich laut heraus geschrien: »Ja, schon seit ich denken kann!« Ich erinnerte mich an den Altar in der Kirche, den ich im Alter von drei Jahren gesehen hatte, aber den hatten doch auch alle anderen sehen können! War ich wirklich verrückt? Bildete ich mir alles nur ein? Was stimmte nicht mit mir?
Zögernd versuchte ich, die Wahrheit zu sagen, ohne in noch größere Schwierigkeiten zu geraten. Ich fürchtete auch, dass alle Mitschüler es erfahren würden. Ich wusste, dass sich an unserer kleinen Schule ein Gerücht in Windeseile verbreiten konnte. Doch ich hatte gehofft, es so lange wie möglich für mich behalten zu können. Ich unterdrückte das Zittern in meiner Stimme, während ich sagte: »Ich sehe Leute, aber ich weiß nicht warum. Ich habe sie nicht gerufen, aber sie tauchen dauernd auf. Und dann soll ich jemandem, den sie lieb haben, überbringen, dass es ihnen gut geht. Ich hab gedacht, ich würde meiner Freundin helfen. Ich wusste nicht, dass es sie zum Weinen bringen würde. Ich wollte sie nicht zum Weinen bringen! Ich habe ihr bloß die Wahrheit gesagt!«
Nun hatte ich es getan. Ich hatte die Wahrheit ausgesprochen. Ich konnte mich nun zurücklehnen und mein Schicksal akzeptieren. Der Direktor ging aus dem Zimmer, und ich wartete, während er mit jemandem telefonierte. Ich konnte hören, dass es meine Mutter war. Gott sei Dank! Meine Mutter hatte schon immer von meiner Fähigkeit gewusst. Sie hatte noch nie ein negatives Wort darüber verloren und mich immer Ernst genommen. Ihre Liebe und Ermutigung waren wundervoll. Ich dankte Gott für meine Mutter. Wenn mir jemand zu Hilfe kommen konnte, dann war sie es.
Ich sprang auf, als der Direktor wieder das Büro betrat. Er ließ die Tür zuknallen und sein Gesicht war rot angelaufen. Ich ließ mich wieder auf den Stuhl sinken. »Deine Mutter hat den Quatsch, den du vorhin fabriziert hast, auch noch bestätigt! Sie behauptet, du hättest schon immer Verstorbene gesehen. Sie sagt, sie hätte den Fehler gemacht, dir nicht zu sagen, dass nicht jeder so etwas sehen kann.« Er starrte mich an und fragte: »Siehst du in diesem Augenblick jemanden hinter mir?«
Noch bevor ich die Frage bejahen konnte, sah ich eine hübsche junge Frau – seine Tochter – hinter ihm stehen. Doch er schnitt mir das Wort ab. »Genau das dachte ich mir! Du erfindest diesen Blödsinn, um Aufmerksamkeit zu erringen. Du kannst keine Toten sehen, das ist unmöglich. Was du deiner Freundin angetan hast, ist grausam. Da es keinen Grund dafür gibt, bin ich gezwungen, dich drei Tage von den Pausen auszuschließen.«
Ich seufzte, doch mir war klar, dass die Strafe viel schlimmer hätte sein können. Ich wusste, dass andere zuhörten, wenn meine Mutter die Wahrheit sagte, auch wenn sie nicht ihre Meinung teilten. »Du wirst dich bei der Familie deiner Freundin schriftlich entschuldigen. Ich brauche eine Abschrift für meine Unterlagen.« Dann schickte er mich zurück in mein Klassenzimmer. »Und verliere kein weiteres Wort darüber, verstanden?« Ich schüttelte den Kopf und ging schnurstracks zur Tür. »Vicki, wenn du dir weiterhin einbildest, Verstorbene zu sehen, wirst du ein sehr einsames Leben führen und oft zum Arzt gehen müssen. Das ist der falsche Weg, um Aufmerksamkeit zu bekommen«, sagte er zum Abschluss. Ich nickte und ging zu meiner Klasse zurück.
An diesem Tag konnte ich es kaum erwarten, bis endlich Schulschluss war. Dabei hatte der Tag wie jeder andere begonnen. Ich sprang aus dem Schulbus und rannte in unser Haus. Wie immer wartete meine Mutter schon auf mich. Ihre herzliche Umarmung ließ mich hoffen, dass alles bald vergessen sein würde. Ich wollte nie wieder jemanden sehen müssen, den ich nicht sehen wollte. Ich ahnte nicht, dass dies erst der Anfang meiner Begegnung mit den Verstorbenen war.
Die Schule wurde leichter, als ich gelernt hatte, mich unter Kontrolle zu halten. Ich war eine durchschnittliche Schülerin, die festgestellt hatte, dass das Zusammensein mit anderen viel mehr Spaß machte als Geometrie. Ich war die ganzen vier Jahre auf der Highschool die Anführerin der Cheerleaders. Meine beste Freundin allerdings war meine Schwester, denn der Altersunterschied zwischen ihr und mir betrug nur elf Monate. Keiner unserer Freunde erfuhr jemals von meiner spirituellen Fähigkeit oder dem Zwischenfall mit meiner früheren Freundin auf dem Schulhof. Ich behielt alles für mich und glaubte, die Fähigkeit zu verlieren, wenn ich sie nicht beachtete. Noch nicht einmal meine Geschwister wussten, dass ich ein großes Geheimnis vor der Welt versteckte. Ich hoffte und betete, dass niemand es je herausfinden würde.
2
Der Tag, auf den die Seelen gewartet hatten
Im Jahr 1982 heiratete ich Bret, den Mann meiner Träume. Ich liebte meinen Mann schon, als er noch nicht einmal wusste, wer ich war. In dem Augenblick, als ich ihn mit vierzehn bei einem Basketballspiel sah, verliebte ich mich in ihn. Er war damals sechzehn und ging auf die Highschool. Es dauerte noch viele Jahre, bis er mich als reife, attraktive Frau wahrnahm, mit der er eine Zukunft aufbauen könnte. Wir hatten beide schon den Highschoolabschluss und einen Job, als unsere Beziehung anfing. Auch wenn wir beide noch jung waren, heirateten wir mit Anfang zwanzig. Unser Hochzeitstag fiel auf den 11. September 1982 – wir ahnten nicht, was für ein tragisches Datum dies später für Amerika bedeuten würde. Für mich war es der glücklichste Tag meines Lebens.
Mein Mann ging bald darauf in die Navy. Er verpflichtete sich für ganze sechs Jahre. Das gab uns genügend Zeit, um eine Familie zu gründen. Da wir in Deutschland stationiert waren, hatten wir das Vergnügen, viele schöne und aufregende Orte in Europa kennen zu lernen. Während der Zeit in der Navy bekamen wir drei wundervolle und lebhafte Jungen, die wir geradezu anbeten. Ich war mit allen möglichen Jobs, Babysitten und meinem Haushalt vollauf beschäftigt. Bei all unseren Reisen wurde Deutschland mein Lieblingsland. Mich faszinierte die Geschichte dieses alten Landes, und ich genoss die Erlebnisse und Erfahrungen, die es mir bieten konnte. Wir flogen zwar so oft wir konnten nach Hause, doch wir freuten uns immer, wenn wir zu unserem geruhsameren Leben auf dem Land zurückkehrten. Wir hatten auch das Glück, in Deutschland viele gute Freundschaften zu schließen, die es leichter machten, weit weg von der Heimat zu sein.
1987 kündigte mein Bruder an, dass er und seine Frau uns in Deutschland besuchen wollten. Am 24. Mai würden sie ihren ersten Hochzeitstag feiern. Ich war überglücklich, da ich Tausende von Meilen von meiner Familie getrennt war und sie sehr vermisste. Ich komme aus einer engen Familiengemeinschaft und war es nicht gewöhnt, so lange von Zuhause weg zu sein. Die Vorstellung, meinen Bruder und seine Frau wiederzusehen, war himmlisch! Meine Schwägerin war eine gute Freundin von mir und ich konnte die Ankunft der beiden kaum erwarten. Wir alle freuten uns sehr darauf.
Nach ihrer sicheren Landung in Deutschland feierten wir das Wiedersehen. Sie erzählten mir alle Neuigkeiten über die Familie zu Hause. Wir nahmen sie mit zu Fußballspielen, machten Ausflüge und zeigten ihnen die Landschaft. Wir besuchten Schlösser, Geschäfte und die herrlichen kleinen Restaurants in der Gegend. Es war Ende Mai und das Wetter war mild. Ich war so glücklich. Alles schien vollkommen zu sein. Was könnte jetzt noch schief gehen?
Nach einem besonders ereignisreichen Tag kamen wir nach Hause zurück und gingen zu Bett. Die beiden Jungen schliefen sofort ein, und es dauerte nicht lange, bis auch die Erwachsenen fest schliefen.
Am nächsten Tag wachte ich auf und machte Frühstück. Es war ein ganz gewöhnlicher Tag, außer dass meine Verwandten zu Besuch waren. Wir frühstückten gemütlich und besprachen unsere Pläne für den Tag. Ich hatte gerade damit angefangen, das Geschirr abzuräumen, als das Telefon klingelte.
Nur wenige Minuten vorher hatte Linda sich im Bad die Haare getrocknet, während die beiden Jungen im Fernsehen Cartoons sahen. Ich ging gerade aus der Küche ins Schlafzimmer. Dort roch ich den starken Duft eines bestimmten Parfüms. Ich rief Linda und fragte sie, welches Parfüm sie verwendete. Als sie ins Schlafzimmer kam, sagte sie, dass sie kein Parfüm nach Deutschland mitgenommen hätte.
»Das ist doch Halston, oder?«, meinte sie.
»Weißt du, wer das immer benutzt?«
»Wer?«, fragte ich.
»Heather. Sie trägt das immer.«
Linda und meine jüngere Schwester Heather waren eng miteinander befreundet, und Linda war sicher, dass dies derselbe Duft war. Sobald sie es ausgesprochen hatte, klingelte das Telefon. Linda ging zurück ins Bad und ich nahm den Hörer ab. Es war mein Vater aus Maine.
»Es ist Dad«, sagte ich zu Bret und Chuck, die mich fragend anschauten.
»Ach, der Boss? Er will sicher wissen, wie es uns geht.« Doch dann starrte Bret mich erschrocken an. »Da drüben ist es jetzt drei Uhr morgens!«
»Ich habe eine schlechte Nachricht«, sagte mein Vater.
»Was ist es?«, fragte ich zögernd.
»Wir haben heute Nacht Heather und Tom verloren«, antwortete er. Tom war Heathers Mann.
Ich verstand nicht, was er damit sagen wollte. »Wie meinst du das - wir haben sie verloren?«
»Sie hatten einen tödlichen Autounfall, Liebling.«
Ich wiederholte die Worte meines Vaters laut, noch bevor ich ihre Bedeutung begriff.
»Heather und Tom sind heute Nacht bei einem Autounfall ums Leben gekommen.«
Dann setzte ich mich stumm und wie betäubt hin, den Hörer ans Ohr gepresst.
Mein Vater, der offensichtlich selbst immer noch unter Schock stand, sagte: »Es tut mir so Leid, Liebling. Ich kann jetzt nicht reden. Ich ruf dich wieder an, sobald wir mehr wissen.«
Ich antwortete: »Es ist okay, Dad. Alles wird gut sein.«
Während ich den Hörer auflegte, glaubte irgendetwas in mir tatsächlich, dass alles gut sein würde. Es war das erste Mal für mich, jemanden zu verlieren, der mir so nahe stand. Es schien undenkbar. Meine Eltern, Heather und dieser Unfall waren so weit weg von Deutschland, dass ich die Realität nur sehr schwer begreifen konnte. Bis zu diesem Augenblick hatte sich alles in meinem Leben immer wieder zum Guten gewendet, doch ich spürte, diesmal würde es anders sein. Ich fühlte, dass mein Leben sich auf mehr als eine Weise verändern würde und nichts mehr so sein würde wie vorher.
Zwei Tage lang war ich unfähig zu weinen. Wahrscheinlich war ich so viele tausend Meilen von zu Hause entfernt, dass ich keine Verbindung mehr spürte. Am zweiten Abend telefonierte ich mit meiner Mutter. Sie hatte erfahren, dass das kleine Auto von Tom und Heather nur wenige hundert Meter von ihrem Haus von einem anderen Wagen erfasst worden war. Ein Jugendlicher hatte den Unfallwagen gefahren. Er und seine drei Freunde hatten es anscheinend für cool gehalten, ohne Scheinwerfer durch ein Stoppschild zu rasen, und so war der Wagen mit der Längsseite von Heathers und Toms Auto kollidiert. Heather und Tom hatten sie noch nicht einmal kommen sehen und waren sofort tot. Der jugendliche Fahrer des anderen Wagens, der für den Unfall verantwortlich war, kam mit geringfügigen Verletzungen davon.
Der Klang der Stimme meiner Mutter brach den Damm. Endlich konnte ich weinen. Meine Tränenflut wollte gar nicht mehr aufhören.
»Wird das Leben je wieder so sein, wie es war?«, fragte ich sie schluchzend.
»Mit der Zeit wird es das«, sagte sie.
Ich glaubte ihr jedes Wort, wohl weil ich so verzweifelt daran glauben wollte. Jeder Gedanke an eine Zukunft ohne meine jüngere Schwester stach mir ins Herz, und plötzlich kamen mir tausend Fragen, auf die es keine Antwort gab. Warum ausgerechnet Heather? Warum musste sie so jung sterben? Hatten sie und Tom leiden müssen? Und wo waren sie jetzt?
Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Im Bett tröstete Bret mich, bis ich erschöpft in seinen Armen einschlief. Mitten in der Nacht wachte ich auf und hörte mich »Was?« fragen. Es war, als hätte jemand im Traum meinen Namen gerufen und meine Antwort hatte mich geweckt. Ich sah auf die Uhr; es war 2:45 Uhr morgens. Irgendwie wusste ich, dass ich aufstehen und ins Wohnzimmer gehen sollte. Zuerst versuchte ich, mich so leise wie möglich zu verhalten, um Bret nicht zu wecken. Aber ich spürte, dass er nicht aufwachen würde, egal wie laut ich wäre. Als ich ins Wohnzimmer kam, schliefen Chuck und Linda auf dem Ausziehsofa, das rechts stand. Wieder wusste ich irgendwie, dass sie nicht aufwachen würden. Ich warf einen Blick auf die Kuckucksuhr und sah, dass sie um genau 2:45 Uhr stehen geblieben war.
Es kam mir nicht wie ein Traum vor, auch wenn alles seltsam surreal wirkte. Ich spürte eine Gegenwart zu meiner Linken. Als ich den Kopf wandte, sah ich meine Schwester Heather, die in Brets Sessel saß. Ihr Mann Tom saß mit gekreuzten Beinen vor ihr auf dem Boden. Ich werde nie vergessen, was sie anhatte: eine pinkfarbene Bluse, dazu Bluejeans und pinkfarbene Stöckelschuhe. Tom trug einen weiten cremefarbenen Wollpullover, Jeans und Turnschuhe. Sie schienen auf mich gewartet zu haben.
Mein erster Gedanke war: »Gott sei Dank! Es ist nicht wahr! Ihr seid nicht gestorben.« Dann stand Heather auf und ich sah ein helles Schimmern um ihren Kopf. Beide hatten eine strahlende Schönheit, die übernatürlich war. Ich stand wie betäubt im Wohnzimmer und starrte die Vision an. Da wurde mir klar, dass sie wirklich von uns gegangen waren. Sie waren ganz offensichtlich nicht mehr auf dieser Erde.
Ohne etwas zu sagen, kam Heather auf mich zu und legte die Arme um mich. Während wir uns umarmten, konnte ich sie spüren, doch es war mehr als nur eine körperliche Berührung. Es war, als könnte ich ihr Wesen in allen Körperzellen wie eine tröstliche Energie aus Wärme, Liebe und Frieden fühlen. Während sie mich in den Armen hielt, kam mir sofort jede einzelne glückliche Erinnerung unseres ganzen gemeinsamen Lebens wieder in den Sinn. Ich spürte ihre tiefe Liebe zu mir und all die wunderbaren Gefühle, die wir geteilt hatten, in einem einzigen überwältigenden Augenblick. Ich wollte den Moment für immer festhalten. Freudentränen liefen mir über das Gesicht. Schließlich ließ Heather mich los und Tom stand langsam auf. Sie trat zurück, als er mich zur Begrüßung umarmte. Wieder spürte ich eine Welle der liebevollen Energie, auch wenn sie nicht so intensiv war wie die Energie, die von Heather ausgegangen war. Dann hörte ich seine Stimme in meinem Kopf, obwohl seine Lippen sich nicht bewegten. Er kommunizierte in Gedanken mit mir.
»Warum setzt du dich nicht, jetzt, da du weißt, dass wir hier sind? Wir müssen über ein paar Dinge reden«, sagte er ohne Umschweife. Er war sanft und zugleich ernst, so als müssten wir gleich zur Sache kommen. Ich sah Heather an. Sie nickte und beide setzten sich. Ich setzte mich auf ein Sofa, das nicht von Chuck und Linda benutzt wurde, die beide fest auf dem anderen Sofa schliefen. Ich kuschelte mich in ein paar Kissen und wischte mir die Tränen ab.
Hunderttausend Fragen schwirrten mir durch den Kopf. »Wie ist es passiert? War es Zeit für euch zu gehen? Musstet ihr leiden?«
Heather und Tom hörten meine Gedanken. »Beruhige dich«, sagte Heather. »Ja, unsere Zeit war gekommen. Als der Unfall geschah, habe ich sofort meinen Körper verlassen. Wir haben nicht gelitten. Das ist der Normalfall. Die Seele verlässt den Körper noch vor dem Zusammenprall, wenn der Tod unausweichlich folgen wird.«
«Seid ihr in ein Licht gegangen? Haben Verwandte schon auf euch gewartet? Ist euer Leben vor euren Augen wie ein Film abgelaufen? Wie ist es da, wo ihr jetzt seid?«
Tom sah mich liebevoll an und sagte: »Ja, das stimmt alles. Aber Vicki, das musst du doch nicht fragen – du kennst die Antworten längst. Kannst du dich noch an unsere Gespräche über das Leben nach dem Tod erinnern, und an den ganzen atheistischen Quatsch, den ich gesagt habe?«
Ich nickte. Ich konnte mich gut an die langen Gespräche erinnern, die ich mit Tom über Spiritualität und das Leben nach dem Tod geführt hatte.
»Du hattest so Recht«, sagte er nun. »Es tut mir Leid, dass ich dir nicht geglaubt habe. Durch deine Erfahrungen weißt du mehr, als dir bewusst ist, und das sollst du wissen. Vicki, du würdest nicht glauben, wie schön es hier ist.«
Ich weiß nicht, ob es sein Blick oder seine Worte waren, doch plötzlich wurde ich von Glückseligkeit überwältigt. Es war nicht, weil ich Recht behalten hatte und er sich über das Leben nach dem Tod geirrt hatte, sondern weil alles, an was ich bisher geglaubt hatte, nun von zwei Menschen bestätigt wurde, die ich liebte und denen ich vertrauen konnte.
Dann sagten mir Heather und Tom, dass sie gekommen waren, um mir über das Leben nach dem Tod und damit verbundene spirituelle Dinge zu berichten. Dies war der richtige Augenblick, um ihnen all meine Fragen zu stellen und von ihnen alle Antworten zu erhalten, die ich brauchte. Sie wollten mir helfen, das zu bestätigen, was ich im Grunde schon wusste, und die spirituellen Eingebungen, die ich aus meinen Erfahrungen mit Seelen, die ich gesehen hatte, auf eine neue Bewusstseinsebene zu bringen.
Schweigend saß ich auf dem Sofa und nahm alles in mich auf, als Heather das Gespräch unterbrach: »Willst du das Ganze nicht lieber aufschreiben?«
Sie zeigte auf einen Stift und einen Schreibblock neben mir. Ich weiß nicht, ob die Schreibutensilien schon dort gelegen hatten oder ob Heather und Tom sie irgendwie herbeigezaubert hatten, aber sie waren real. Ich fing an, alles aufzuschreiben, während ich ihnen in Gedanken Fragen stellte.
»Wie ist es dort, wo ihr seid?«, fragte ich.
»Kannst du dich denn nicht daran erinnern?«, erwiderte Heather.
»Nein, natürlich nicht.«
»Ja, das ist ein Teil des Problems«, sagte Heather. »Wir vergessen es. Am Anfang des Lebens erinnern wir uns als Kinder noch daran, doch wenn wir älter werden, vergessen wir es. Aber man muss es nicht vergessen. Wir vergessen es, weil wir nicht innehalten, um uns daran zu erinnern. Dies wird natürlich von einer Kultur gefördert, die uns nicht beibringt, uns zu erinnern. Es ist genauso, wie wenn man aus einem Traum aufwacht. Wenn man gleich aus dem Bett springt und in Bewegung bleibt, vergisst man, was man geträumt hat. Aber wenn man sich nach dem Erwachen einen Augenblick lang darauf besinnt, sich an den Traum zu erinnern und darüber nachzudenken, bleibt er einem für immer im Gedächtnis. Das ist sehr schade, denn wenn wir uns nicht mehr an den Frieden und das Glück unserer wahren Heimat erinnern, fühlen wir uns auf der Reise durch das Leben abgeschnitten und haben Angst. Aber wir sind nicht allein, Vicki. Wir sind viel mehr miteinander verbunden, als wir wissen, und du wirst in deinem späteren Dienst anderen dabei helfen, sich daran zu erinnern.«
Ich hatte keine Ahnung, was sie mit »Dienst« meinte, aber ich war sicher, dass es mir später klar werden würde.
Als ich mich an die Kommunikation über Gedanken gewöhnt hatte, merkte ich, dass man so viel schneller miteinander kommunizieren kann. Auf jede Frage folgte sofort die Antwort. Was gewöhnlich Minuten gedauert hätte, verbal zu äußern, wurde in Sekunden gedacht. Auch war dies eine völlig neue Lernmethode für mich. Es war nicht wie das Lernen aus einem Buch oder in einem Klassenzimmer, wo man Informationen durch ständiges Wiederholen aufnimmt. Ich nahm alles, was Heather und Tom mir beibrachten, sofort auf und wusste auch gleich, dass es die Wahrheit war. Obwohl ich ein paar Details aufschrieb, merkte ich, dass die Notizen mich behinderten, und so schrieb ich nur wenig nieder.
So vergingen drei Stunden. Sie kamen mir wie zwanzig Minuten vor. Ich hatte zwar mehrere Blätter mit Notizen voll geschrieben, doch ich fragte mich, wozu ich sie überhaupt brauchte, da alle Informationen in meinem Gehirn gespeichert waren. Es gab keinen Abschied von Heather und Tom. Mir war klar, dass ich sie wiedersehen würde, auch wenn ich nicht wusste wann. Gegen 5:45 Uhr morgens fand ich mich im Türrahmen zu unserem Schlafzimmer wieder. Mein erster Gedanke war, dass ich alles nur geträumt hatte. Dann sah ich den Schreibblock, den Stift und meine vielen Notizen. Darüber war ich so glücklich, dass ich Bret aufweckte und ihm von dem nächtlichen Besuch erzählte. Er schien mir zu glauben, doch vielleicht wollte er mich auch nur beruhigen, weil ich am Abend davor so verzweifelt gewesen war.
Seitdem habe ich Heather und Tom fünfzehn bis zwanzig Mal wiedergesehen. Wie oft kann ich nicht genau sagen, denn viele ihrer Besuche waren nur ganz kurz. Und dennoch erfüllte jeder ihrer Besuche einen Zweck. Einige Male lehrten sie mich nur etwas Bestimmtes, andere Male brachten sie mir viele verschiedene Dinge bei, doch keiner ihrer späteren Besuche war so überwältigend wie diese erste Begegnung.

3
Der Anfang meiner Berufung
Deine Seelenmission ist der Grund deines Daseins, dein Lebenssinn. Sie ist deine Berufung im Leben – zu wem du dich berufen fühlst, zu was du dich berufen fühlst.
Die Mission ist eine Energie, die durch dich fließt – eine Antriebskraft, Stimme oder Passion, die du nicht ignorieren kannst ... Sie ist das, was du im Innersten deines Herzens spürst ausleben zu müssen, wenn du inneren Frieden und Harmonie erfahren willst.
Alan Seale
Ein paar Monate nach Heathers und Toms erstem Besuch bei mir erhielt ich die Nachricht von Zuhause, dass mein Vater im Alter von neunundvierzig unheilbar an Knochenkrebs erkrankt war. Bret beantragte seine Versetzung in die Air Force, um zurück in die Heimat gehen zu können, und innerhalb von drei Monaten lebte ich wieder in den Vereinigten Staaten. In den nächsten Jahren machte ich Erfahrungen mit einer anderen Art von Sterben. Im Gegensatz zu dem plötzlichen und unerwarteten Tod meiner Schwester war der Tod meines Vaters langsam und schmerzhaft.
Die Erfahrungen mit dem Sterben meines Vaters und Heathers machten mich meiner Sterblichkeit sehr bewusst. Ich fing an, mich über den Sinn meines Lebens zu fragen. Ich hatte das sehr starke Gefühl, irgendeine Aufgabe zu haben, doch ich hatte keine Ahnung, was das für eine Aufgabe war. In den darauf folgenden Jahren gebar ich noch zwei Kinder. Bret und ich bauten ein Haus und ich machte eine Ausbildung zur Krankenschwester. Bald darauf arbeitete ich in einem Pflegeheim.
Die Arbeit als Krankenschwester in einem Altersheim war ganz anders als ich es mir vorgestellt hatte. Auch wenn ich sehr gern mit alten Menschen arbeitete, störte mich von Anfang an die Art, wie einige der Ärzte und Schwestern die Sterbenden behandelten. Viele der medizinisch ausgebildeten Fachkräfte zeigten weder Mitgefühl noch Interesse an den alten Menschen, die im Sterben lagen. Mir war zwar auch bewusst, dass sie nicht das Privileg meiner spirituellen Erfahrungen mit anderen Menschen hatten, doch sie wollten auch nichts davon hören. Wenn sie sahen, dass ich mich um die Sterbenden kümmerte und ihnen manchmal auch Botschaften von ihren Lieben überbrachte, deren Seelen auf sie warteten – was immer eine beruhigende und tröstende Wirkung auf die Patienten hatte –, mahnten sie mich ab oder machten sich über mich lustig.
Nach einem langen, frustrierenden Kampf mit dem Status Quo hängte ich den Beruf der Altenpflegerin an den Nagel, um der Frustration zu entgehen, die aus dem Wissen entstand, dass meine Begabung zwar Menschen Trost spenden konnte, doch dass mir nicht erlaubt wurde, sie zu nutzen. Ende der achtziger Jahre und Anfang der neunziger Jahre war es nicht gesellschaftsfähig, ein Medium zu sein. Es gab auch keine Fernsehsendungen, in denen ein Medium die spirituelle Kommunikation mit den Zuschauern demonstrieren konnte, und die meisten Leute wussten auch nicht, was der Unterschied zwischen einem Wahrsager und einem Medium ist. Meine Fähigkeit, mit Seelen zu kommunizieren, war für die meisten Leute noch nichts Interessantes, sondern eher etwas Merkwürdiges und Ungewöhnliches. Wenn sie damit konfrontiert wurden, wussten die Meisten nicht, was sie davon halten sollten.
Da ich den starken Drang verspürte, meiner Fähigkeit zu entrinnen, suchte ich nach einem Beruf, der eher physisch als metaphysisch war. So wurde ich Mechanikerin in einer Autowerkstatt. Ich machte Ölwechsel, wechselte Reifen und holte mir schwarze Fingernägel. Zuerst war es ein herrlicher Job, denn außer dem Mädchen am Empfang arbeitete ich ausschließlich mit einem Haufen Männer zusammen, die sich einen Dreck um meine übernatürlichen Erlebnisse scherten. Mir war zwar klar, dass dieser Berufswechsel etwas extrem war, doch ungewöhnliche Umstände rufen nach außergewöhnlichen Maßnahmen. Im Rückblick versuchte ich wahrscheinlich, den Konflikten aus dem Weg zu gehen, die durch das Sehen und Hören der Seelen verursacht wurden. Dieser Job war vermutlich so weit davon weg wie nur möglich. Das Komische am Schicksal ist jedoch, dass das Leben uns nicht nur eine Chance bietet, es zu ergreifen. Wenn wir eine Gelegenheit versäumen, unsere Aufgabe in diesem Leben zu erfüllen, warten die nächsten Chancen gleich hinter der nächsten Ecke auf uns. Es muss wohl nicht erwähnt werden, dass ich in dem Augenblick um die Ecke bog, in dem ich dies am wenigsten erwartete.
Ich genoss meinen neuen Job in der Autowerkstatt, ohne einen Gedanken an Seelen oder die spirituelle Welt zu verschwenden. Doch als ich eines Tages in das Auto eines Kunden stieg, um einen Ölwechsel vorzunehmen, war alles plötzlich wieder da. Ich wusste sofort, dass das Auto in einen Unfall verwickelt gewesen war, bei dem jemand verletzt worden war. Meine spirituellen Fähigkeiten meldeten sich wieder. Ein paar Tage später hörte ich die Stimme einer Frau, die auf der Toilette der Werkstatt sang. Das war nichts allzu Ungewöhnliches – bis ich merkte, dass ich die Einzige auf der Toilette war – das heißt, die einzige Frau in einem menschlichen Körper. Anscheinend war die Werkstatt auf dem ehemaligen Grundstück eines Privathauses erbaut worden und die Frau war auf dem Grundstück begraben worden. Wieder gaben meine Fähigkeiten mir Informationen, um die ich nicht gebeten hatte.
Bald stellte ich fest, dass ich meiner spirituellen Begabung nicht entfliehen konnte. Nachdem die Faszination des neuen Jobs verklungen war, holte mich der innere Drang, der mich zur Ausbildung als Krankenschwester und der Arbeit im Altersheim gebracht hatte, wieder ein. Ich wusste, es gab etwas, das ich tun sollte, doch ich hatte immer noch keine Ahnung, was es war. Vielleicht fragen Sie sich, warum mir meine Berufung zur spirituellen Kommunikation nicht längst klar war, warum ich meine Fähigkeit, mit Seelen zu sprechen, nie als Karrierechance ansah. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, meine Begabung in einem Beruf auszuüben, und wer würde mich dafür bezahlen, wenn so viele Leute mir nicht glaubten, dass ich Seelen hören und sehen konnte? In meinem Denken passten die Begabung, die ich gelernt hatte zu verbergen, und die Leere in meinem Leben, die ich füllen wollte, nicht zusammen. Obwohl es im Rückblick so offensichtlich erscheint, sah ich es damals noch nicht.
Also suchte ich mir wieder einen Job, von dem ich mir die Erfüllung erhoffte. Ich hatte schon immer Pferde geliebt und so wurde ich Verwalterin eines 300 Jahre alten Gestüts mit intakten Pferdeställen. Doch sobald ich mich dort eingelebt hatte, wurde mir die Vergangenheit des Gestüts bewusst. Das heißt, ich begann wieder, Seelen zu sehen. Ich sah Soldaten im Bürgerkrieg, Soldaten im Unabhängigkeitskrieg und eine Frau, die im Stall erhängt wurde. Ich sah, dass dort einst ein Feuer gewütet hatte. Hätte ich verstanden, dass all das eine Bedeutung für mich hatte, dass es eine Übung für das, was später kommen sollte, war, dann hätte ich die Erfahrung vielleicht positiver angesehen. Doch stattdessen verwirrten meine Visionen mich, und ich verstand nicht, warum ich Dinge sah, die kein anderer sehen konnte. Da die Menschen immer noch die Augen verdrehten, wenn ich über meine Erlebnisse redete, behielt ich sie meistens für mich. Wie zu erwarten war, konnte auch diese Arbeit das Gefühl in meinem Herzen nicht verdrängen, dass ich eigentlich etwas ganz anderes tun sollte.
Da ich auf der Schwesternschule gewesen war und mich schon immer für ganzheitliche Heilung interessierte, ging ich zurück auf die Schule, um Naturheilpraktikerin zu werden. Meine Studien der Naturheilkunde erfüllten mich mehr als alles, was ich bisher versucht hatte, und so tauschte ich während des Studiums meinen Job auf dem Gestüt gegen eine Stelle in einem Reformhaus ein.
Die Naturmedizin faszinierte mich, und mit den Kunden im Laden über das zu reden, was ich gerade lernte, befriedigte mich. Ich hatte das Gefühl, etwas zu erreichen, indem ich anderen helfen konnte. Nachdem ich den ersten Abschluss in Naturheilkunde in der Tasche hatte, arbeitete ich als Naturheilpraktikerin, während ich weiter studierte, um den Doktortitel zu machen. Alles fühlte sich richtig an, und ich glaubte, endlich meine Zukunft zu kennen.
Als Verkäuferin durfte ich keine ganzheitlichen Beratungen durchführen, doch der Geschäftsführer erlaubte mir, meine Geschäftskarten auf die Theke zu legen, auf denen ich meine Dienste als Naturmedizinerin anbot. Nun konnte jeder Kunde, der erfahren wollte, welche Vitamine, Mineralien, Kräuter und natürlichen Heilmittel seine Beschwerden erleichtern würden, mich für mein Wissen bezahlen. Innerhalb von ein paar Tagen steckte eine Kundin meine Karte ein und rief mich wegen einem Beratungstermin an.
Als Elisabeth in mein Büro kam, wollte sie nur eine ernährungswissenschaftliche Beratung. Doch während der Untersuchung hörte ich plötzlich einen lauten Schlag auf meinem Schreibtisch und fuhr zusammen. Interessant war, dass Elisabeth anscheinend nichts gehört hatte. Dann sah ich den Geist ihrer Großmutter. Sie versuchte, mich auf sich aufmerksam zu machen, indem sie mit ihrem Stock auf meinen Schreibtisch klopfte. Sie bestand darauf, dass ich Elisabeth sagen sollte, dass sie da war. Zuerst dachte ich: ›Redet diese Seele wirklich mit mir?‹ Außer den Seelen von Freunden und Verwandten hatte bisher noch keine Seele eines Fremden direkt zu mir gesprochen, das heißt, mich gebeten, jemandem eine Botschaft zu überbringen, den ich nicht kannte. Ich konnte es kaum glauben – und das während meiner ersten naturmedizinischen Beratung! Das behagte mir ganz und gar nicht. ›Auf keinen Fall‹, dachte ich. ›Hier sitzt meine erste Klientin. Sie wird mich für verrückt halten.‹ Ich versuchte, Elisabeths Großmutter zu ignorieren, doch sie blieb beharrlich. ›Sagen Sie ihr, dass ich hier bin‹, drängte sie. ›Sie muss es erfahren.‹ Als mir klar war, dass sie nicht verschwinden würde (das war, bevor ich lernte, bei Seelen Grenzen zu ziehen), fragte ich Elisabeth, ob sie eine Großmutter hätte, die verstorben war. Dann sagte ich ihr, dass ihre Großmutter hinter ihr stand und ihr vermitteln wollte, dass sie da war. Es stellte sich heraus, dass Elisabeth erfrischend offen für diese Information war, was mich immens erleichterte. Ich setzte die naturmedizinische Beratung fort, die sich als Erfolg erwies, doch es waren die Botschaften ihrer verstorbenen Großmutter, von denen Elisabeth später ihren Freunden erzählte. Bevor ich mich versah, schickte sie mir ihre Bekannten. Sie alle wollten keine Beratung in Ernährungsfragen, wofür ich jahrelang studiert hatte, sondern mit den Seelen ihrer Verstorbenen kommunizieren – das, was ich schon immer gekonnt hatte. Die Ironie des Ganzen entging mir nicht.
Elisabeth schickte mir eine Gruppe von drei Leuten, die sich eine Sitzung und das Stundenhonorar teilten. Das war ein so neues Terrain für mich, dass ich Angst hatte, die gerufenen Seelen könnten nicht erscheinen, doch ich beruhigte mich damit, dass ich kein Honorar verlangen bräuchte, wenn nichts passierte.
Die Seelen der Verstorbenen erschienen tatsächlich und ich überbrachte meinen Klienten ihre Botschaften. Einer meiner Klienten hieß Derek. Er war von der Sitzung besonders berührt. Ein paar Tage später empfahl er mich seinem Schwager, einem Mann, der mein Freund und Geschäftspartner wurde. Ich nenne ihn John.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.