Kitabı oku: «ShadowPlay - Entblößt», sayfa 3

Yazı tipi:

Der Kleinbus hielt gerade an, da trabte Ryan schon die Stufen der Gangway hinunter.

»Na, ihr Schlafmützen, auch aus dem Bett gefunden?«

Liebevoll nahm er Elena in den Arm, die peinlich berührt den Kopf einzog.

»Fi erwartet dich bereits in der Kabine. Mach es dir bequem, um das Gepäck kümmern wir uns.«

Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Worauf Ryan mit seiner Bemerkung anspielte, war klar – und genau so klar war, dass sie keine Lust hatte, das Thema mit ihm zu diskutieren. Im Grunde genommen hatte sie noch nicht mal das Verlangen, es mit ihrer besten Freundin zu besprechen. Sie wollte diese Schmach am liebsten ganz schnell vergessen. Ob David Gentleman genug war, um ebenfalls zu verschweigen, dass sie die Nacht nicht gemeinsam verbracht hatten, konnte sie nach seinem Handstreich im Auto nur hoffen.

Neugierig erklomm Elena die chromblitzenden Stufen. Als Australierin waren ihr Privatflugzeuge nicht unbekannt. Aber im Outback bewegte man sich mit kleinen Propellermaschinen, nicht mit zwölf Meter langen zweistrahligen Düsenjets. So einen Luxusflieger wie diesen hatte sie noch nie von innen gesehen, geschweige denn, dass sie schon einmal damit geflogen wäre.

Als ihre Augen sich an das angenehme Dämmerlicht im Inneren gewöhnt hatten, materialisierten sich die Konturen einer eleganten Bordküche. Dunkles Edelholz, Milchglas, blaue Hintergrundbeleuchtung – und das Wichtigste: Frühstück! Doch die große Platte mit belegten Brötchen war leider noch unter Folie vor unbefugten Zugriffen gesichert. Es war unmöglich, sich im Vorbeigehen unauffällig eine der Verlockungen in den Mund zu schieben.

»Herzlich willkommen in meiner armseligen Behausung!«, rief Fiona ihrer Freundin entgegen. Elenas ehrfurchtsvoller Blick war ihr nicht entgangen. »Hat schon was der Flieger, nicht wahr?«

»Das kannst du aber laut sagen!« Bewundernd glitten die Finger der Australierin über das weiße Leder der breiten Sitze, die an Fernsehsessel der Luxusklasse erinnerten. »Ich glaube es ja nicht, eine richtige Edelcouch für drei Personen!«

Fiona setzte sich auf das Sofa und klopfte einladend auf den Platz neben sich. »Ich wiederhole mich nur ungern, aber nochmals: Willkommen in meinem fliegenden Wohnzimmer«, grinste sie frech. »Endlich haben wir Zeit alles in Ruhe zu besprechen! Ich habe dich so vermisst!«

Elena griff sich eines der komfortablen Riesenkissen und klemmte es sich in den Rücken. »Ich dich auch! War das wirklich erst gestern Vormittag, als du aus dem Haus gegangen bist? Und ein paar Stunden später kommt der Anruf, dass Ryan zurück ist und ich ins Penthouse kommen soll, Verlobung, Hochzeit …«

Fiona ergriff Elenas Hand, legte sie auf ihren Bauch und strich nachdenklich darüber. »Erst jetzt realisiere ich langsam, was da gestern geschehen ist. Ryan lebt, er ist zurück. Zurück bei mir und Hope.« Tränen traten in ihre Augen.

»Oh Süße, es ist doch alles gut, alles gut!« Plötzlich wurde Elena bewusst, dass Fiona und sie sich in den vergangenen Wochen gegenseitig etwas vorgespielt hatten: Tief im Innersten hatte jede für sich ständig gegen die Angst gekämpft, dass der Mann, den die Schwangere liebte, nicht lebend von seinem Auslandseinsatz in Syrien zurückkehren würde. Doch keine von beiden hatte gewagt, es auszusprechen.

Und aus Furcht, dass die Freundin unter der enormen Last zusammenbrechen – und damit auch das ungeborene Kind gefährden – könnte, hatte Elena ihre Mitbewohnerin in den letzten zwölf Wochen kaum eine Minute aus den Augen gelassen.

Drei Monate ohne ein Lebenszeichen von Ryan. Drei Monate, in denen die werdende Mutter sich die Schuld gegeben hatte, dass er sich überhaupt auf den lebensgefährlichen Auslandseinsatz eingelassen hatte, um Davids Bruder und andere entführte Geiseln zu befreien. Doch jetzt war es Zeit, den Schuldkomplex, unter dem die Schwangere immer noch litt, ein für alle Mal aufzulösen. »Du fühlst dich immer noch verantwortlich für alles, was geschehen ist, nicht wahr?«, fragte Elena behutsam.

»Natürlich«, schniefte Fiona. »Ich habe ihn doch dorthin getrieben – zu dem, was er Gottesurteil nennt, weil er dachte, ich hätte mich gegen unser Kind entschieden.«

»Bullshit!«, wetterte Elena. »Ryan ist nicht der Typ, der das Leben auf so eine Weise herausfordert. Dafür ist er viel zu verantwortungsbewusst. Er ist vor allem gegangen, um seinem besten Freund David und dessen Familie zu helfen.«

»Glaubst du wirklich?«, fragte Fiona kleinlaut.

»Na logisch!«

»Ryan hat gestern auch versucht, mich zu überzeugen …«

»Was hat er denn gesagt?«

»Dass ich mir diesen Schuh von wegen Schuld nicht anziehen soll. Und warum er sich nach seinen traumatischen Erlebnissen bei den Special Forces und dem Geheimdienst entschlossen hatte, doch wieder an einem Einsatz teilzunehmen: Er musste für sich herausfinden, ob er endlich mit seiner militärischen Vergangenheit abschließen kann. Er macht sich immer noch Vorwürfe, als Führungsoffizier das Töten angeordnet, und auch selbst getötet zu haben.«

»Ryan hat schreckliche Dinge erlebt. Es muss verdammt schwer sein, damit fertig zu werden. Zu welchem Ergebnis ist er gekommen?« Erwartungsvoll sah sie die Schwangere an.

»Er macht eine Therapie. Die grausame Zeit lastet immer noch bleischwer auf seiner Seele. Aber er hat endlich verstanden, dass er kein Mörder ist, sondern uns alle durch seine Einsätze beschützt hat. Und er hat mir versprochen, dass er nie wieder an einem Einsatz teilnimmt!«

»Und mit seiner Vergangenheit als Escort hast du ja sowieso keine Probleme.«

»Um Gottes willen, nein!«, bestätigte Fiona sofort vehement. »Und jetzt wo ich begriffen habe, dass dieser extreme Lebenswandel mit der käuflichen Liebe nur sein Weg war, um die schreckliche militärische Vergangenheit zu verdrängen, erst recht nicht. Aber weißt du was? Ryan und ich haben beschlossen, nur noch nach vorne zu sehen. Und das sollten wir jetzt auch tun!« Der enorme Druck, unter dem die werdende Mutter gestanden hatte, entlud sich ohne Vorwarnung in einem Bach von Tränen.

Wie aufs Stichwort stand Ryan plötzlich neben ihnen und ging vor seiner Verlobten in die Hocke. »Alles okay bei euch, Prinzessin?«

»Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch und bitte, hör doch auf zu weinen!« Sanft wischte er mit seinen Daumenkuppen die Tränen von ihren Wangen – und war wieder fasziniert und verunsichert zugleich über die die tiefe Emotionalität der Schwangeren. Niemals zuvor hatte er sie zerbrechlicher und gleichsam stärker erlebt als in dieser besonderen Zeit – und niemals schöner!

Wie er ihr Gesicht in die Hände nahm und sie küsste … das war wirklich gelebte Liebe und Zärtlichkeit. Elena wendete diskret den Kopf zur Seite und sah direkt in ein Paar schwarze Augen, die sie fixierten. Irritiert senkte sie den Blick. Warum wusste sie selbst nicht genau. Als sie wieder aufblickte, stand David immer noch mit verschränkten Armen auf der Gangway an den Rumpf der Maschine gelehnt und sah ins Innere – genau auf sie. Und wieder durchlief sie dieser unangenehme Schauer, weil sie das Gefühl hatte, er könne ihr bis auf den Grund der Seele blicken.

»Kann ich dich mit Elena alleine lassen, ich möchte David …«

»Aber natürlich, Darling! Es sind doch nur Freudentränen. Weil ich so dankbar bin, dass du wieder da bist, dass du gesund bist, dass du uns liebst!«

»Prinzessin«, flüsterte Ryan strahlend und küsste ihre Nasenspitze.

»Nun geh schon«, schob sie ihn sanft von sich und nickte in Richtung der Gangway. »David wartet auf dich.«

Jede in ihre eigenen Gedanken versunken, sahen die Frauen den Männern hinterher, die lachend aus ihrem Sichtfeld verschwanden.

»Ich habe riesigen Hunger, wie sieht es mit dir aus?« Die Schwangere wartete die Antwort nicht ab und holte das Tablett mit den belegten Brötchen. Sie deutete auf die sich gegenüberstehenden Ledersessel. »Kannst du bitte den Tisch ausklappen? Einfach auf den Knopf neben der kleinen Lampe drücken.«

Wie von Geisterhand öffnete sich eine Klappe, die in der dunklen Verkleidung unterhalb der Fenster eingelassen war. Amüsiert sah Elena zu, wie eine Platte aus hochglanzpoliertem Edelholz sichtbar wurde, die sich langsam senkrecht herausschob und in die Horizontale umklappte.

»Du kennst dich hier ja schon gut aus«, grinste sie und nahm das Tablett von Fiona entgegen.

»Ryan hat es mir vorhin erklärt. Er hat bestimmt schon geahnt, dass ich mit dem Essen nicht warten kann. Er weiß ja, wie verfressen ich bin – und jetzt sogar gleich doppelt«, grinste sie und strich sich über den Bauch.

»Ich finde es erstaunlich, was du alles ohne Konsequenzen in dich reinschaufeln kannst!« Sehnsüchtig betrachtete Elena die Kurven der Freundin. Wie schaffte sie es, in der Schwangerschaft ausschließlich an den richtigen Stellen zuzunehmen? »Wenn ich nur an das denke, was du isst, platze ich schon aus allen Nähten.« Bedauernd zuckte sie die Schultern und ließ die Hände über ihre Hüften gleiten.

»Also ich kann beim besten Willen kein überflüssiges Pfund an dir erkennen.« Fiona sah sie frech an. »Kann es sein, dass du dir seit exakt vierundzwanzig Stunden verstärkt Gedanken um das Thema machst?« Noch bevor Elena antworten musste, schob sie eine unverfängliche Frage hinterher: »Was möchtest du trinken? Kaffee, Kakao, Champagner?«

»Champagner, wie dekadent um diese Uhrzeit!« Sie folgte ihrer Freundin zur Bordküche. »Aber ehrlich gesagt wäre mir ein Kakao am liebsten.«

Auf dem Rückweg zum Tisch nutze Elena die Gelegenheit, um noch einmal aus der Tür zu sehen, doch weder hier noch durch die Fenster konnte sie einen Blick von David erhaschen.

»Suchst du was?«, stichelte Fiona scheinheilig. Als sie Elenas bekümmerten Blick sah, tat es ihr sofort leid. »Hey, was ist denn mit dir? So kenne ich dich ja gar nicht. War es nicht schön mit David? Also ich meine …«

»Es war nichts.«

»Du wolltest nicht?«

»Er wollte nicht.«

Die Becher landeten so schwungvoll auf dem Tisch, dass der Kakao quer durch die Kabine spritzte. »Mist, es ist doch nichts auf die Sessel gekommen?« Panisch inspizierte Fiona die hellen Sitzflächen.

Dankbar, der Inquisition auf diese Weise zu entkommen, sprintete Elena zur Bordküche, um ein feuchtes Tuch zu holen. »Flecken entdeckt?«

»Zum Glück nicht, das wäre mir ziemlich peinlich.« Bittend hielt die Schwangere die Hand auf, doch die Freundin winkte ab.

»Setz du dich hin und suche dir das erste Brötchen aus.«

Geschickt umfuhr sie mit dem Tuch die Tassen und Teller im Slalom.

»Seit du schwanger bist, bist du hungrig noch weniger zu ertragen als ohnehin schon!«, feixte Elena, beförderte den Lappen mit einem gekonnten Wurf in die Spüle und ließ sich in ihren Sessel fallen. Um nicht wieder auf die Nacht, die es nicht gegeben hatte, zurückkommen zu müssen, ergriff sie das Wort, bevor ihre Freundin den Mund geleert hatte. »Aber jetzt erzähle doch mal, was gestern eigentlich passiert ist! Also ich meine vor deinem Anruf.«

Augenblicklich strahlte Fiona übers ganze Gesicht. »Du weißt ja, dass ich ins Penthouse gefahren bin, weil ich so Sehnsucht nach Ryan hatte … Seine Möbel, seine Kleidung, all die vielen Kleinigkeiten, die ihn ausmachen. Ich hatte gerade meine Nase ganz tief in ein Plaid vergraben – in der Hoffnung noch einen Hauch von seinem Duft finden zu können –, da ging die Tür auf. Ich dachte, es sei seine Schwester Charlotte, und als ich mich umgedreht habe, stand Ryan plötzlich selbst vor mir! Ich weiß nicht, wer von uns beiden erschrockener war.«

»Und dann?«, bohrte Elena atemlos nach. »Wie ging es weiter? Was hat er gesagt? Was hast du gesagt?«

»Ryan ist auf seine Knie gefallen und hat vor Glück geweint, als er gesehen hat, dass ich noch schwanger bin. Diesen starken Mann dort am Boden zu sehen, weinend vor Glück … Ich kann es überhaupt nicht in Worte fassen … Alles, was zwischen uns gestanden hat war plötzlich weg. Alles, was uns getrennt hat war so gleichgültig. Es gab nur noch uns: Ryan, Hope und mich.«

»Oh mein Gott, wenn ich mir das bildlich vorstelle … Du musst dich doch gefühlt haben wie im Märchen. Und wie ging es dann weiter? Erzähl, erzähl!« Elena hüpfte vor Aufregung auf ihrem Sitz auf und ab. »Klasse Federung«, bemerkte sie beiläufig.

Fiona senkte den Blick und grinste feist vor sich hin. Sie genoss es, die Neugierige noch ein wenig auf die Folter zu spannen und pustete in aller Seelenruhe ein Muster in den Schaum ihres Kakaos.

»Fi, ich platze gleich! Erzähl doch endlich weiter!«

»Nun ja, was soll ich sagen? Nachdem Ryan mir klipp und klar gesagt hat, dass er keine Zärtlichkeiten mehr mit mir austauscht, ehe ich nicht seinen Namen trage …«

»Das ist ja unerhört!«, empörte sich Elena breit grinsend. »Er hat dich also quasi zur Ehe genötigt?«

»Könnte man so sagen! Und um seiner Drohung Nachdruck zu verleihen, ist er vor mir auf die Knie gefallen und hat mir mit dem Verlobungsring seiner Mutter einen Heiratsantrag gemacht!«

»Oh mein Gott, ist das romantisch! Aber apropos Hochzeit: Wo sind deine Eltern, Ryans Schwester, ihr Mann und Liam samt Frau?«

»Die kommen alle übermorgen nach. Und ehrlich gesagt finde ich es klasse! So haben wir noch mehr Zeit alles vorzubereiten. Du hilfst mir doch?«

Der vorwurfsvolle Blick sprach Bände. »Sag mal, was denkst du denn von mir? Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen!«

»Das ist wunderbar. Mein größtes Problem wird sein, ein passendes Outfit zu finden, in das Hope und ich zusammen reinpassen …«

»Hm«, bestätigte Elena abwesend – den Rest von Fionas Ausführungen hörte sie schon gar nicht mehr.

Was macht David da draußen?

Aufmerksam umrundete er das Flugzeug, klemmte etwas unter seinen Arm und fummelte an einer Manschette herum. Wie er die Ärmel langsam hochkrempelte, das hatte etwas von einem sinnlichen Ballett. Der Anblick seiner langen schlanken Finger in Aktion genügte, um sofort wieder die sehnsuchtsvolle Glut in ihrer Körpermitte zu entzünden. Elenas Blick wanderte hinauf zu seinen vollen Lippen, mit denen er sie heute Nacht beinahe an den Rand des Wahnsinns getrieben hatte … Beim Sprechen verzog er sie immer wieder leicht. Genau wie eine Augenbraue. Offenbar war David bester Laune und da draußen nicht allein. Außerhalb ihres Sichtbereiches musste noch jemand sein, mit dem er offensichtlich Informationen austauschte. Wiederholt sagte er etwas zu dem anderen und machte sich dann Notizen auf seinem Klemmbrett. Plötzlich veränderte sich der gelassene Ausdruck in seinem Gesicht. Geschmeidig sank er in die Hocke und schnellte wieder hoch. Der Gegenstand, den er aufhob, schien ihn zu beunruhigen. Sorgsam betrachtete er ihn von allen Seiten.

Ob das eine Schraube ist?

Der Pilot reckte sich nach oben Richtung Tragfläche und untersuchte eine Stelle. Seine verfinsterten Züge hellten sich auf. Offensichtlich hatten sich seine Bedenken in Luft aufgelöst. Mit der flachen Hand strich weiter über die Tragfläche, als würde er sie liebkosen. Plötzlich sah er in das Fenster hinein …

Elena schreckte zurück und presste sich tief in den Sitz, um nicht von ihm entdeckt zu werden. Sie bebte am ganzen Körper. Alles, was er ausgezogen hatte, waren zwei kleine goldene Knöpfe und eine smaragdgrüne Krawatte. Doch das war der beste Striptease, den sie jemals gesehen hatte.

»Miss Pasley, ich wollte mit dir meine Hochzeit besprechen … Rede und rede und was machst du? Schaust aus dem Fenster und antwortest nicht!«

Sonst nie um eine Ausrede oder einen passenden Spruch verlegen, blickte Elena die Braut jetzt lediglich unangenehm berührt an.

»Er hat es dir ganz schön angetan, was?«, fragte die Schwangere liebevoll.

Hilflos zuckte Elena die Schultern. »Ich weiß auch nicht.«

»Er hat dich mit seinem Verhalten verletzt …«

»So einen Mann wie ihn habe ich noch nie kennengelernt«, gestand die Blonde kleinlaut.

»Was genau meinst du?«

»Können wir später darüber sprechen? Ich weiß das alles noch nicht einzuordnen und ich möchte es auch nicht.« Beinahe flehentlich sah sie Fiona an und starrte dann so intensiv in den Kakaobecher, als würde sie in dem Getränk nach etwas suchen. Sie atmete einige Male tief durch, um mit fester Stimme weiter sprechen zu können. »Ich möchte mich genau wie du ganz und gar auf deine Hochzeit konzentrieren. Das sollen schließlich die schönsten Tage deines Lebens werden.« Strahlend streckte sie der Freundin die Hände entgegen und zog sie in ihre Arme. »Ich freue mich so sehr für dich, dass du deinen Mann, deine Familie gefunden hast und ich wünsche euch alles Glück der Welt!«

»Ach, hör auf. Wenn du so etwas Schönes sagst, muss ich sofort wieder heulen!«, schluchzte Fiona herzzerreißend.

»Ich auch!«, stimmte Elena jammernd ein.

»Ladys, seid ihr startklar?« Ryan sah die Frauen fragend an und kratzte sich am Kopf. »Warum weint ihr denn jetzt? Sollen wir vielleicht noch ein wenig warten … Gibt es noch etwas zu klären?« Er sah Fiona mit gespielter Verzweiflung an. »Gib es zu: Wir können gar nicht heiraten, weil du vergessen hast, mir zu sagen, dass du schon verheiratet bist!« Nach seiner Bemerkung ging er sofort in Deckung, als würde er befürchten, seine Zukünftige könnte ihren Becher jeden Moment in ein Wurfgeschoss verwandeln.

»Du Blödmann!« Mehr konnte Fiona nicht sagen und trompetete lautstark in ihre Serviette.

»Auch wenn du es nicht verdient hast«, murmelte Ryan und küsste sie zärtlich. »Wieder okay?«, vergewisserte er sich, bevor er sich aufrichtete. Nach ihrem Nicken wandte er sich wieder beiden Frauen zu. »Bitte schnallt euch an, wir werden gleich starten.« Noch ein liebevoller Blick in Richtung seiner Verlobten, dann räumte er den Tisch ab und marschierte zum Eingang, um die Treppe einzufahren und die Tür zu verriegeln.

»Ist Ryan jetzt der, der geflüchtet ist?«, frotzelte Elena, als er nicht zurückkam.

»Nein, er fliegt vorne mit. Direkt hinter dem Cockpit gibt es noch einen Sitz. So haben wir Zeit für uns und können alles besprechen.«

»Du heiratest wirklich einen Gentleman und Frauenversteher«, bekannte Elena neidlos.

»Ja, das ist er in der Tat.« Der süffisante Blick verriet, wie gut er Fiona verstand.

Die Frauen mussten lachen.

»Männer!«

»Männer!«, bestätigte Fi.

Verschleierungen

Proportional zu dem steigenden Tempo, mit dem die Bäume und Büsche am Fenster vorbeiflogen, stieg auch Elenas Erregungslevel. Doch mit dem Abheben, hatte die freudige Aufregung nichts zu tun. Es war eine so schwer in Worte zu fassende, eine unwirkliche Vorstellung, dass vorne im Cockpit David saß und diese Maschine flog. Der Gedanke übte eine ebenso magische Faszination auf sie aus wie zuvor der Blick aus dem Fenster, als er den Jet für den Sicherheitscheck umrundet hatte. Auch wenn sie es sich selbst nicht eingestehen wollte: Dieser Mann zauberte trotz seiner unberechenbaren Art ein sanftes Kribbeln in ihren Bauch und – wenn sie nicht höllisch achtgab – ein versonnenes Lächeln in ihr Gesicht. Allerhöchste Zeit für eine Ablenkung! »Ich freue mich auf Venedig«, seufzte Elena und wandte sich vom Geschehen außerhalb des Flugzeugs und ihrem bewegten Inneren ab und wieder der Freundin zu.

»Dann wirst du dich noch etwas gedulden müssen. Wir fliegen zuerst nach Mailand, damit ich mir noch ein Brautkleid aussuchen kann.«

»Wow! Ich darf dir sogar helfen, dein Brautkleid auszusuchen?«

»Du darfst nicht«, empörte sich Fiona. Beide Zeigefinger wiesen ähnlich einem Fluglotsen bei der Einweisung auf dem Rollfeld rhythmisch auf ihre Kugel. »Du musst!«

»Und Ryan?«

»Der kommt natürlich nicht mit. Es bringt doch Unglück, wenn er das Kleid vor der Trauung sieht!«

Elena prustete los. »Das weiß ich doch! Ich meinte eigentlich, was der Bräutigam zur Hochzeit trägt.«

»Ganz traditionell, einen mittelgrauen Cut, Stresemann Hose und hellgraue Weste. Männer haben es da ja relativ einfach. Er hat mich nur gebeten, ihm ein Hemd mitzubringen, damit es farblich zum Brautkleid passt – weil ich noch nicht sicher bin, ob ich weiß nehme.«

Elena war mit ihren Gedanken schon wieder ganz woanders. »Wie hat Ryan das eigentlich so schnell mit dem offiziellen Aufgebot und mit diesem Jet hinbekommen?«

»Das verdanken wir David. Dieser Jet gehört zur Flotte der israelischen Regierung und der israelische Außenminister ist mit David oder seinen Eltern befreundet oder so was. Auf jeden Fall hat der Minister seinen italienischen Amtskollegen um Hilfe gebeten … wegen der Blitztrauung.«

»Ich kommentiere das alles nicht mehr. Ich muss mich daran gewöhnen, dass Ryan so hochrangige Kontakte und so eine illustre Gesellschaft von Freunden hat.«

»Ich möchte nicht neugierig sein, aber du hast da vorhin angedeutet, dass es Spannungen zwischen dir und David gibt?« Obwohl ich drauf wetten könnte, dass ihr am liebsten übereinander herfallen würdet, verkniff Fiona sich, weil Elenas Gesichtsausdruck bei diesem Thema ständig undefinierbar zwischen selig grinsend und angewidert ablehnend schwankte. Aber zumindest musste sie sicher sein, dass sie von der Freundin nichts Unmögliches verlangte. »Ist es denn überhaupt noch okay für dich, wenn ihr gemeinsam Trauzeugen seid?«

Elena kam ins Schwimmen, weil sie die Situation zurzeit selbst nicht einschätzen konnte. Und so wiegelte sie generös mit einer kleinen Schwindelei ab. »Ach was, das ist nur ein wenig schwierig mit der Planung …«

»Mit welcher Planung?«

»Na, weil … weil … weil wir aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen stammen.«

»Ja?« Fiona zog das A so lang, dass es einer ganzen Serie von Fragen gleichkam.

»Ja«, wiederholte Elena und gab darüber hinaus nur noch unkontrollierte Laute von sich, die einfach keine Worte bilden wollten. Das schlechte Gewissen stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Endlich kam die Erlösung.

»Ihr plant irgendwelche Streiche für uns! Mensch, sag das doch! Und ich bohre und bohre. Klar, dass du mir das nicht verraten kannst.«

»Genau!«, stieß Elena erleichtert hervor und lenkte das Gespräch schnell in eine andere Richtung, bevor der Israeli wieder im Mittelpunkt des Interesses stand. »Kennst du dich in Mailand aus?«

»Kein Stück«, musste Fiona bekennen. »Ich weiß nur, dass es eine wunderschöne Stadt mit vielen historischen Sehenswürdigkeiten ist, und dass es dort ein Modeviertel gibt, in dem alle namhaften Designer ansässig sind.«

»Hattest du da an etwas ganz Bestimmtes gedacht?«, fragte Elena irritiert. Wenn Fiona auch einen reichen Mann heiratete, passte ein Designerbrautkleid doch so gar nicht zu ihren sonstigen Gewohnheiten.

»Ja«, erklärte sie mit feistem Grinsen und strich über ihren Babybauch, »an etwas das passt. Und Ryan meinte, da werde ich bei einem namhaften Label sicher die größten Chancen haben, etwas zu finden. Und falls nicht, haben die Designer-Boutiquen die besten Schneider vor Ort, die das Kleid sofort für mich ändern könnten.«

»Das macht Sinn«, musste Elena zugeben und blickte versonnen aus dem Fenster in das strahlende Blau des Himmels. »Was trägt denn der Trauzeuge?«

Der Versuch gleichmütig zu klingen, weckte erst recht Fionas Skepsis. Die Freundin gab sich so viel Mühe, Desinteresse zu demonstrieren, dass sie damit quasi zugab, wie sehr sie das Thema beschäftigte.

»Habt ihr euch nicht abgesprochen?«, fragte die Braut schelmisch.

»Nein!«, gab die Trauzeugin verdattert zurück. »Nein, dazu hatten wir noch keine Zeit.«

»Vielleicht solltet ihr euch noch einen Moment alleine gönnen, bevor wir in Mailand ankommen.«

Ehe Elena abwinken konnte, war Fiona schon aufgesprungen und marschierte Richtung Cockpit.

Keine zwei Minuten später stand der Pilot vor ihrem Sessel und sah arrogant auf sie hinab.

»Du möchtest mich sprechen?«, fragte er so unterkühlt, dass die Temperatur in der Kabine augenblicklich in den Frostbereich fiel.

Warum hatte dieser Mann mit den glühenden schwarzen Augen eine so einschüchternde Wirkung auf sie? Und gleichzeitig weckte er die wilde Bestie in ihr, die ihn mit Haut und Haar verschlingen wollte.

Warum fühle ich mich in seiner Nähe wie ein triebgesteuerter Teenager, der nicht in der Lage ist, seinen Verstand zu benutzen?

»Wir hatten noch keine Gelegenheit uns abzusprechen … unseren Dresscode abzusprechen, also ich meine als Trauzeugen«, schickte Elena schnell hinterher und spürte das Pochen von flammend roten Hektikflecken auf ihren Wangen.

»Ich werde einen traditionellen Cut tragen wie Ryan auch. Seiner ist mittelgrau, meiner dunkelgrau, aber ansonsten identisch.«

Hielt er sie etwa für einfältig? In seinem Tonfall schwang eindeutig Spott mit. So als würde er sich wundern, wie sie überhaupt auf die Frage kommen konnte. Elena beschloss, diese Herausforderung zu ignorieren, und fragte nicht minder herablassend zurück. »Ryan richtet sich mit seinem Hemd farblich nach Fionas Kleid. Hast du ein Hemd oder möchtest du, dass wir für dich auch ein passendes mitbringen?«

Lässig stützte er sich auf den Lehnen ihres Sessels ab. Das leise Knirschen seiner Designerjeans durchschnitt das gleichförmige Surren der Triebwerke wie ein Störfeuer, als er sich hinunterbeugte, bis er ihr gerade in die Augen sehen konnte. »Kennst du denn meine Größe?«, fragte er süffisant.

»Wahrscheinlich ist dein Mundwerk um einiges größer, sonst hättest du wohl schon blank gezogen!«, rutsche Elena heraus. Trotzig hielt sie seinem folternden Blick ungeachtet der einsetzenden Panikattacke stand, die ihr das Atmen erheblich erschwerte.

Zu ihrer Überraschung ließ er den Kopf in den Nacken fallen, stieß geräuschvoll die Luft aus und lachte laut auf. »Ja, es wäre in der Tat nett, wenn ihr mir auch ein Hemd mitbringt. Dann habe ich den Rücken frei, um mit Ryan noch etwas Wichtiges zu erledigen.«

»Etwas erledigen?«

»Männersache«, sagte er schlicht, zog sie aus ihrem Sessel hoch und eng an sich. »Hast du mir immer noch nichts anzubieten?« Sein Blick bohrte sich erschreckend tief in Elenas Lustzentrum und schaltete ihren Verstand auf Stillstand. Plötzlich war da nur noch gähnende Leere – die er mit einem leidenschaftlichen Kuss ausfüllte.

Wegschubsen und zutexten in Richtung »Du überheblicher Blödmann!«, wäre die angemessene Antwort auf seinen Überfall, doch sie schaffte es nicht, sich loszureißen. Außer Atem landete Elena wieder im Sessel und strich sich versonnen über die Lippen, die immer noch von seinem Kuss prickelten. Stumm blickte sie dem großen Mann hinterher. Seine geschmeidige Art sich zu bewegen und die frische Erinnerung an den Kuss jagten einen Anflug von Gänsehaut über ihren Körper.

»Meine Güte, du bist ja ganz blass«, drang plötzlich Fionas erschrockene Stimme aus weiter Ferne zu ihr durch. »Was ist geschehen? Ihr habt doch eben noch zusammen gelacht …«

»Was? Wie bitte?«

»Ist dir schlecht?« Besorgt ergriff die Schwangere die Hand ihrer Freundin und streichelte sie. »Du bist ja eiskalt!«

»Nein, alles gut.« Elena lächelte verlegen. »Wirklich!«, schickte sie energisch hinterher, als sie dem besorgten Blick begegnete. »Ich habe wohl zu wenig gegessen.« Sie musste unbedingt ein wenig Zeit gewinnen, um sich zu sortieren. Sie sprang auf und nahm Kurs auf die Bordküche. »Sind noch Brötchen da?« Essen war eine gute Ablenkung, die sie gleichzeitig von der leidigen Pflicht befreite, antworten zu müssen.

»Meine Damen, wir befinden uns im Anflug auf den Flughafen Mailand«, schmeichelte Davids Stimme verführerisch aus den Lautsprechern. »Ich möchte Sie bitten, Ihre Sitze einzunehmen, die Rückenlehnen aufrecht zu stellen und die Gurte anzulegen. Es freut mich, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie frühlingshafte Temperaturen von einundzwanzig Grad bei strahlendem Sonnenschein erwarten. Ich danke Ihnen, dass Sie mit uns geflogen sind, und wünsche Ihnen ein besonders schönes Shopping-Erlebnis.«

Elena stopfte den letzten Bissen in sich hinein und ließ den Teller in der Schublade für schmutziges Geschirr verschwinden, bevor sie sich wieder gegenüber von Fiona setzte und ihren Gurt straff zog. Erwartungsvoll blickten die Frauen aus dem Fenster.

***

Via Monte Napoleone!, war alles, was Elena von Fionas Gespräch mit dem Taxifahrer verstand. Hatte schon Vorteile im Ausland eine Freundin an der Seite zu haben, die fließend Spanisch, Französisch und die Landessprache Italienisch sprach. »Wie lange fahren wir?«, erkundigte sie sich.

»In einer guten halben Stunde sind wir im Zentrum«, berichtete Fiona nach einem erneuten Wortwechsel mit dem Fahrer. »Zeit genug …«, sie verstummte und sah ihre Freundin erwartungsvoll an, die sofort reflexartig den Kopf einzog. Eigentlich hatte die Braut ein ganz anderes Thema ansprechen wollen, aber Elenas Reaktion ließ ihr keine Wahl. »Es ist dir unangenehm, über David zu sprechen?«

»Nein … ja.«

»Was ist denn los? Ist irgendetwas vorgefallen? Es ist doch nicht nur eure Geheimniskrämerei wegen der Hochzeitstreiche. Langsam mache ich mir Sorgen.«

»Ich habe dir doch schon im Flugzeug gesagt, dass er nicht wollte.«

»Es kann doch nicht wahr sein, dass er dich zurückgewiesen hat!«

»Geht es noch ein bisschen lauter?«, entrüstete sich Elena, die den aufmerksamen Blick des Fahrers im Rückspiegel auffing.

Auch wenn Fiona bezweifelte, dass der Dritte im Taxi etwas von der Unterhaltung verstand, senkte sie mit Rücksicht auf das durcheinandergewirbelte Gefühlsleben ihrer Sitznachbarin die Stimme. »Wir haben uns doch immer alles erzählt … Ich habe den Eindruck, du verschweigst mir etwas.« Mit unsicherem Blick musterte die Schwangere ihre Freundin. »Ich weiß gar nicht, wie ich mich benehmen soll. Was darf ich fragen und was nicht? Entschuldige, es steht mir nicht zu, so penetrant …«

»Nein, du musst dich nicht entschuldigen!«, fiel Elena ihr ins Wort. »Denn du hast recht! David bringt mich durcheinander. Zusätzlich bin ich noch mit meinem halben Hirn in London: Morgen bekomme ich Nachricht, ob der Kunde die PR-Kampagne abgenommen hat. Falls nicht, muss ich sofort nach der Hochzeit wieder zurück. Ich stehe einfach ein wenig unter Strom und möchte vor allem Eines: Dass ihr eine unvergesslich schöne Zeit habt!«

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
480 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783738081343
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:
Serideki Birinci kitap "ShadowPlay"
Serinin tüm kitapları