Kitabı oku: «Mimi und die kalte Hand»
Viveca Lärn
Mimi und die Kalte Hand
Deutsch von Angelika Kutsch
Saga
Mehr aus Mimis Tagebüchern findet ihr in
Mimi und das Monster im Schrank
Mimi in der ersten Klasse
Meine Freundin Roberta und der König
Roberta, mein Tagebuch und ich
Mimis allerbester Freund
und in dem BilderbuchMimi und die Keksfabrik
Vorwort
Heute ist der 5. Januar, und ich bin acht Jahre alt und achtundsiebzig Tage.
Rate mal, was ich in der Hand habe?
In der Hand habe ich ein ganz neues, glänzendweißes Tagebuch. Ein Tagebuch so weiß wie Schnee.
Da fällt mir ein, ich möchte mal wissen, wann denn der richtige Schnee endlich vom Himmel fällt. Die Wolken sind den ganzen Tag so schwer gewesen. Sie sehen aus wie Papas graue Jogginghose, wenn er sie auf die Wäscheleine auf unseren Balkon gehängt hat.
Das ist das erste Tagebuch, das ich mir für mein eigenes Geld gekauft habe. Es hat sechsunddreißig Kronen gekostet. Jetzt hab ich nur noch vierzehn Ein-Kronen-Stücke in meiner Kassenschublade und einen russischen Knopf.
Wenn man etwas für sein eigenes Geld gekauft hat, darf man damit machen, was man will.
Deswegen hab ich das Wort Tagebuch mit einem roten Farbstift ausgestrichen.
Statt dessen hab ich Kapitelbuch darübergeschrieben. Das ist viel frecher.
Außerdem hab ich Bücher mit vielen Kapiteln sehr gern.
Morgen fang ich an, in mein Kapitelbuch zu schreiben.
Mimi
Erstes Kapitel
Ich wurde wach, weil es schneite.
Viele Leute glauben, das ist unmöglich. Es ist nicht unmöglich, daß es schneit, aber daß man davon wach wird. Die Leute, die das glauben, sind noch nie in der Stadt gewesen. Auf dem Land schneit es vielleicht ganz still, und alles andere wird auch ganz still, denn der Schnee legt sich wie Watte auf alle Felder und Äcker. Auf dem Land gibt es ja Hähne, die krähen um sieben Uhr, aber die hört man auch fast gar nicht, wenn es schneit.
Aber in der Stadt ist was los, wenn es schneit!
Nicht die Schneeflocken haben mich geweckt, sondern ein Haufen Männer, die schippten und fluchten und versuchten, ihre Autos zu starten. Ich sprang aus dem Bett und guckte aus dem Fenster. Es sah sehr lustig aus da unten. Die Autos rutschten auf der Straße, und Leute versuchten, Autos anzuschieben, die steckengeblieben waren. Die Frau aus dem Blumengeschäft stand auf einer Leiter mitten in einer Schneewehe und versuchte, den Schnee von der grünen Markise überm Schaufenster wegzufegen. Bestimmt wünschten sich viele, die vorbeigingen, daß sie von der Leiter fallen sollte, und das war gar kein wirklich böser Wunsch, man fällt schließlich ziemlich weich im Schnee.
Vor dem Tabakladen stand mein Papa und schob sich eine Prise Schnupftabak in die Nasenlöcher. Ich glaub, er hat sich Silvester vorgenommen, damit aufzuhören.
Ich machte das Fenster auf und rief ihn.
Er winkte fröhlich und schrie: »Fängt heute nicht wieder die Schule an, Mimi?«
»Ja, um zehn Uhr!« rief ich zurück.
»Willst du, daß ich mit dir komme?« schrie er, daß der Schnupftabak nur so spritzte.
Ich machte das Fenster mit einem Knall zu und sank auf mein Bett. Jetzt war man mal wieder in der ganzen Straße blamiert, und es war nicht das erste Mal. Wenn die Schule in der zweiten Klasse nach den Weihnachtsferien wieder anfängt, dann ist es sozusagen schon das dritte Mal, daß man wieder in die Schule geht. Mindestens. Da brauchen doch Papa oder Mama nicht mehr mitzugehen. Die meisten Eltern haben das kapiert.
Auf meinem Schreibtischstuhl lagen ein Haufen Kleider und ein Blatt Papier.
Hallo, Mimi, Hier sind deine sachen für den schulanfang heute. Das frühstück machst du dir doch selbst? Weck mich, wenn es nötig ist. Küsschen! Mama.
Mama bildet sich wahrscheinlich ein, daß sie sehr ordentlich gewesen ist, weil sie heute nacht in meinem Zimmer rumgestöbert hat, als sie von der Arbeit nach Hause kam. Mein blauer Jeansrock und die rosa Bluse mit den Rüschen lagen ordentlich auf dem Stuhl. Ich ging ins Schlafzimmer und kitzelte sie am Ohr.
»Hallo, Mimi«, murmelte sie. »Mir ist gerade noch rechtzeitig eingefallen, daß heute die Schule wieder anfängt.« Sie drehte sich um und schlief wieder ein und sah dabei sehr zufrieden aus.
»Ja, aber jetzt ist Winter und nicht Sommer!« schrie ich in ihr Ohr. Meine Mama ist so. Aber sie kann sehr gut Kleider für meine Anziehpuppen zeichnen.
Wenn man nun schon zum drittenmal nach den Ferien wieder in die Schule geht, findet man es etwas albern, daß es mit dem Aufruf anfängt. Mein Nachname fängt mit Lan, weil ich Ljung mit Nachnamen heiße, und da muß man ziemlich lange warten, bis man an die Reihe kommt, und das ist langweilig. Das dachte ich jedenfalls, als ich morgens dasaß und mein Frühstück mit den armen paar Zähnen, die ich noch habe, knabberte. In den Weihnachtsferien hab ich nämlich zwei Zähne verloren.
Aber es kam alles ganz anders, als ich dachte.
Auf dem Schulhof war es noch wie immer. Die Jungen standen in einem unordentlichen Haufen zusammen und spielten verrückt. Das taten die Mädchen natürlich nicht. Die standen wie immer zwei und zwei nebeneinander. Linda und Janna flüsterten und amüsierten sich sehr, besonders als sie mich entdeckten. Ich hatte meine neue blaue Mütze auf, die Tante Anna gestrickt hat. Echt Stenmark. Ich dachte also, das wäre okay. Aber weil Linda und Janna so sehr kicherten, stopfte ich sie in die Tasche. Ich hab ja keine Angst davor, Schnee ins Haar zu bekommen. Angelica und Jessica gingen Arm in Arm über den Schulhof und machten lustige Fußspuren in den Schnee. Beim Fahnenmast standen Maria und Maria Magnusson und tauschten ihre Fäustlinge.
Ich wollte den Schnee nicht von meinem Kopf wegwischen, aber er wurde doch ein bißchen schwer und naß, und langsam lief es kalt in meinen Jackenausschnitt am Hals.
Ich beugte mich zurück, so daß der Schnee statt auf meinen Kopf in meinen Mund fiel. Das hat die Zahnärztin jedenfalls noch nie verboten. Übrigens hab ich zwei Fluortabletten auf meinem Wurstbrot für die Frühstückspause.
Da klingelte es. Das war ein sehr schönes Geräusch, das ich schon lange nicht mehr gehört hab. Zuletzt im letzten Jahr, genauer gesagt. Alle stürzten zum Eingang. Ich wollte auch losstürzen, aber in dem Augenblick kam Roberta Karlsson angeschlendert, ganz allein.
»Hallo, Mimi!« rief sie.
Mehrere aus meiner Klasse guckten mich bewundernd an. Roberta Karlsson ist nämlich schon ziemlich groß.
»Hallo«, sagte ich lässig.
»Hast du Post von Lasse aus Norrland?« rief sie.
Ich mußte lachen. »Nee, du«, sagte ich. »Lasse kann ja kaum schreiben. Und wenn er was schreibt, dann bestimmt keine Briefe. Höchstens Autonummern. Jungs schreiben keine Briefe.«
»Ach«, sagte Roberta und zog an ihren Ohrringen, so daß ihre Ohrläppchen ganz lang wurden. »Komisch, daß ich sogar zwei Briefe gekriegt hab! Mit ganz vielen Autonummern aus Norrland.«
Roberta Karlsson ist wirklich ein hoffnungsloser Fall.
»Ich muß rein«, sagte ich. »Gleich werden wir aufgerufen.« »Ja, ja, lauf nur, du Zwerg«, sagte Roberta Karlsson.
Unsere goldige Lehrerin, die Frau Svensson heißt, glitzerte wie eine Wunderkerze, als sie uns guten Tag sagte. An einer Hand trug sie einen dicken Ring aus echtem Gold, aber das hab bestimmt nur ich gesehen.
Wir gingen an ihr vorbei und setzten uns auf unsere alten Plätze. Sobald Frau Svensson sich hinter das Pult gesetzt hatte, schlug sie das Klassenbuch auf und rief unsere Namen auf.
»Arne Andersson!« rief sie.
Ich fiel fast rückwärts vom Stuhl. Ein Glück, daß ich es nicht getan hab, es ist nämlich verboten, in der zweiten Klasse mit dem Stuhl zu wippen.
In der dritten Klasse wird es noch schlimmer. Dann darf man nicht rauchen, und in der vierten dürfen die Mädchen keine Shorts tragen, wenn es auch noch so warm ist. Ja, echt wahr! Und tatsächlich war es Arne Andersson. Oder Arne Schmidt, wie er früher hieß. Oder Arne von Schmidt. So heißt er wirklich, hat er früher behauptet. Arne und ich sind zusammen in die Vorschule gegangen, als wir sechs Jahre alt waren. Und Arne hat mir mal geholfen, ein Monster zu befreien, das im Büro von unserer Lehrerin eingesperrt war. Das war früher in der Vorschule. Dann ist er verschwunden. Und jetzt, in der zweiten Klasse, war er also plötzlich wieder da. Mit den selben dunklen Locken und mindestens genauso vielen Sommersprossen. Aber lang wie eine Lauchstange war er geworden, Arne Andersson von Schmidt.
Zweites Kapitel
Arne wohnt sehr weit weg, nicht mehr in dem gelben Haus am Marktplatz, wo er früher gewohnt hat, als wir noch in die Vorschule gingen. Er ist der einzige aus unserer Klasse, der mit dem Schulbus zur Schule kommt.
»Wohnst du immer noch in Stockholm?« fragte Janna, und Linda kicherte so, daß sie nur noch auf einem Bein stehen konnte.
»Leider nicht«, sagte Arne. »Bis Stockholm sind es ja fünfhundert Kilometer.«
»Aber das wißt ihr wahrscheinlich gar nicht«, sagte Jorma.
»Ihr seid ja noch nie in Stockholm gewesen.«
Jorma hält zu Arne, egal, was Arne tut.
»Ich bin doch schon mal in Stockholm gewesen. Im Tierpark mit meiner Oma«, sagte Janna und plusterte sich auf.
»Das kann ich mir vorstellen, da paßt du genau hin. Zu den affen«, sagte Arne lachend. Er hat auf fast alles eine Antwort.
Gestern hat unsere Lehrerin gesagt, wir sollen besonders nett zu Arne sein, weil er doch neu in der Klasse ist, aber heute sah sie aus, als ob ihr das wieder leid täte.
Arne kennt fast alle, und als es heute nach der großen Pause klingelte, da hat er sich was Lustiges einfallen lassen.
Das hat er in Stockholm gelernt.
Wir gingen nicht in den Klassenraum wie sonst, sondern hüpften alle in einer Reihe auf einem Bein. Aber unsere Lehrerin fand das überhaupt nicht witzig.
Sie fragte uns ziemlich ärgerlich, was wir uns dabei gedacht hätten, so ins Klassenzimmer zu hüpfen. Aber niemand antwortete ihr. Dann fragte sie, wer sich das ausgedacht hätte, und da antwortete auch niemand. Da fragte sie Linda, die ihr am nächsten stand, ob sie etwas von diesem Gehüpfe wisse. Linda schüttelte ängstlich den Kopf.
Aber Maria Magnusson sagte: »Das war doch noch gar nichts. In Stockholm machen sie das jeden Tag.«
Einen Augenblick war es still. Dann guckte Frau Svensson auf ihren Goldring und sagte: »Was für ein Glück, daß wir in unserer netten kleinen Stadt wohnen, wo man sich auch benimmt wie in einer netten kleinen Stadt.«
Das gefiel Linda so gut, daß sie Beifall klatschte, und das tat sie eine ganze Weile.
Um drei Uhr war die Schule erst aus, und da war es schon fast dunkel.
»Es ist ungerecht«, sagte Janna, »daß es im Winter in Schweden so selten hell ist.«
»Und wenn es schon mal hell ist, ist man in der Schule«, sagte Maria Magnusson.
»In Stockholm war es den ganzen Tag dunkel«, sagte Arne.
»Wirklich«, sagte Jorma, »stimmt das?«
»Jedenfalls wenn man in der Untergrundbahn ist«, sagte Arne.
Wir wurden ganz still. Ich glaub nicht, daß jemand aus meiner Klasse jemals mit der U-Bahn gefahren ist. Einige sind mit der Berg-und-Tal-Bahn in unserem Vergnügungspark gefahren, der heißt Liseberg. Aber da ist es nicht dunkel. »Wie viele Male am Tag bist du mit der U-Bahn gefahren, Arne?« fragte Krille.
»Zweimal«, sagte Arne. »Manchmal fünfmal. Kam ganz darauf an, wer an der Sperre saß. Oh, da kommt mein Bus. Tschüs.«
Arne sprang in den Schulbus und drehte sich nicht mehr nach uns um, als der Bus abfuhr. Das war auch gut so. Fast die ganze Klasse stand mit offenem Mund da.
»An der Sperre«, sagte Jorma bewundernd.
»Was heißt das schon, an der Sperre«, sagte Linda mit piepsiger Stimme.
Ja, das möchte ich wirklich wissen. Als ich mit Papa zusammen Mittag aß (braune Bohnen, erinnert mich bloß nicht daran!), fragte ich ihn, was das mit der Sperre bedeutete.
»Hum«, machte Papa. Er blätterte gerade in einer Zeitschrift, in der Stockrosen abgebildet waren. Im Frühling wollte er Stockrosen in unserem Schrebergarten pflanzen. »Aha«, sagte ich, »Sperre ist also so was wie hum. Sehr interessant!«
»Hum«, machte Papa wieder.
Meine Mama sagt, daß man beim Essen nicht lesen darf, außer man ißt ganz allein. Aber mein Papa hat das noch nicht begriffen. Vielleicht denkt er aber auch, daß es kein Lesen ist, wenn er sich ein paar alte Rosen anguckt.
»Was ist eine Sperre, Papa?« fragte ich.
»Hum«, machte er, »hum, hum.«
»Sperre!« schrie ich.
»Hum ... hum, hum«, machte Papa.
Da stand ich auf und sagte: »Papa, gibst du mir bitte fünfhundert Kronen, damit ich mir ein Seeräuberschiff Marke Playmobil kaufen kann?«
»Bist du verrückt«, sagte Papa blitzschnell. »Woher soll ich fünfhundert Kronen nehmen, und du hast doch noch nicht mal Geburtstag!«
»Ich wollte nur wissen, ob du noch lebst«, sagte ich.
Papa schüttelte den Kopf. Ich stellte meinen Teller in das Spülbecken und überlegte, ob ich nicht lieber an der Sperre sitzen wollte statt Hirnchirurg zu werden. Oder Schwimmlehrerin. Oder Delphinzähmerin. Ich weiß nicht, aber wenn ich mal heirate, dann will ich einen Mann haben, der gut hören kann.
Drittes Kapitel
Als wir heute aus der Schule kamen, stand der Schulbus schon da und brummte. Der Schneehaufen auf dem Bürgersteig war kaum zu sehen vor lauter Abgasen.
Das würde dem Hausmeister nicht gefallen.
Aber Busfahrer haben vermutlich keine Angst vor Hausmeistern, denn der Fahrer saß ganz ruhig da und las in einer Zeitung.
Hinten im Bus saßen einige aus der Sechsten und schliefen mit offenem Mund, und die Türöffnung war verstopft von den Erstkläßlern, die gerade einsteigen wollten. Das muß schon besonders schlimm sein, wenn man Erstkläßler Und auch noch vom Lande ist.
»Die warten wohl nur noch auf dich«, sagte Jorma bewundernd und versetzte Arne einen Stoß in die Seite.
Aber Arne warf nur einen verächtlichen Blick auf den Bus und warf seinen Rucksack in die Luft.
»Oh, ich glaub, ich fahre heute nicht nach Hause.«
»Was, was, was, bist du verrückt?« piepste Linda. »Was sagen denn deine Mama und dein Papa? Und der Busfahrer. Und Frau Svensson? Beeil dich und steig ein, Arne.«
Sie war so nervös, daß sie sich in die Handschuhdaumen biß.
»Hat jemand Lust und macht mit? Irgendwas Lustiges?« fragte Arne und hob seinen Rucksack mit einem Fuß hoch. »Ja, ja, ja!« schrien mehrere, meistens Jungs.
Der Fahrer faltete die Zeitung zusammen und steckte sie hinter die Sonnenblende oben an der Windschutzscheibe und fuhr los.
»Aber ich muß zu meiner Tagesmama«, sagte Krille.
»Und ich ins Freizeitheim«, sagte Jorma enttäuscht.
»Ich muß nach Hause, essen«, sagte Maria Magnusson.
Arne guckte niemanden an. Er ging langsam los.
»Entscheidet euch!« rief er über die Schulter.
Alle redeten durcheinander. Ich hatte es fast am besten, denn ich hab keine Tagesmama und kein Freizeitheim, und auf mich wartet niemand mit dem Essen. Ich hab einen eigenen Schlüssel und kann machen, was ich will. Das kommt daher, daß mein Papa immer irgendwann nach Hause kommt, wenn er die Post ausgetragen hat, und dann kann ich auch wieder nicht machen, was ich will.
In dem Augenblick kam Roberta Karlsson. Sie ging an mir vorbei, und ich dachte schon, sie hat mich nicht gesehen, da haute sie mir einen großen Atlas auf den Kopf und sagte: »Komm nachher zu mir, Mimi. Ich bin allein zu Hause. Wir können Popcorn machen.«
Jetzt wurde es wirklich spannend.
Roberta verschwand wie der Blitz, aber Arne ließ sich Zeit. Fast die ganze Klasse latschte hinter ihm her.
»Was wollen wir denn machen, Arne?« fragte Jorma.
»Tja, was wollen wir machen«, sagte Arne. »Was macht ihr denn sonst in diesem Kaff?«
Arne ist wirklich ein komischer Typ. Sogar Björn Axelsson lachte so, daß er in einen Schneehaufen fiel, und wir mußten ihn wieder hochziehen. Björn Axelsson ist sonst so einer, der nur über seine eigenen Witze lacht. Er findet sie jedenfalls selbst witzig.
»Wir gehen ins Freizeitheim und spielen Ball und so was«, sagte Janna.
»Oder wir gucken uns Schaufenster an«, sagte Linda.
»Ich geh in die Küche vom ›Goldenen Schwan‹ und hol mir Fleischklößchenteig«, sagte ich.
»Wenn die Eisbahn geöffnet ist, spielen die Jungs Eishockey«, sagte Ralf Jonsson.
Aber Arne schüttelte dauernd den Kopf. »Stinklangweilig.« Wir waren ziemlich still. In großen Abständen segelten dicke Schneeflocken durch die Luft, und ich schaffte es, drei mit dem Mund aufzufangen. Aber es hatte wohl niemand gesehen.
»Jetzt gehen wir zu meiner Tagesmama«, sagte Janna, nahm Linda am Arm und haute ab.
»Feiglinge!« rief Jorma ihnen hinterher.
Maria und Maria Magnusson gingen in eine andere Richtung weg, ohne ein Wort zu sagen.
»Spielt ihr denn nie in der Burg?« fragte Arne plötzlich.
»Burg, welche Burg?« fragten wir durcheinander und blieben stehen.
Arne zeigte stumm auf die Festung oben auf dem Hügel.
»Ach so, die Festung«, sagten wir. »Das ist doch nur eine alte Festung, keine Burg.«
Die Festung ist eine riesige Ruine, liegt hoch oben auf einem Hügel auf einer Halbinsel zwischen den beiden Flüssen, die um unsere Stadt herum fließen. Die Festung ist siebenhundert Jahre alt und riesengroß, aber wir sind so an sie gewöhnt, daß wir sie gar nicht mehr sehen. Nur die Touristen sehen sie und Leute, die in Stockholm gewesen sind. In der Festung gibt es drei kaputte Türme und einen, der noch fast heil ist. Also nichts Besonderes. Aber es ist ganz lustig, daß im Sommer alte Schafe auf den Wiesen um die Festung grasen. Aber das interessiert niemanden aus meiner Klasse.
»In Stockholm heißt das jedenfalls Burg«, sagte Arne.
»Dann gehen wir doch mal hin«, sagte Krille eifrig.
»Das könnt ihr ja machen«, sagte Arne, »wenn ihr Lust habt. Aber ich hab jetzt Hunger. Ich geh nach Hause.« Und dann drehte er sich um und rannte in die andere Richtung los, so schnell er konnte.
»Wie will er denn jetzt nach Hause kommen?« murmelte Jorma besorgt. »Der Schulbus ist doch weg.«
»Vielleicht fährt er als Anhalter«, sagte ich. »Das ist gefährlich. Einer, der mit meiner Mama zusammen arbeitet, ist mal als Anhalter gefahren, und der, der das Auto fuhr, hat ihm alles Geld weggenommen.«
»Wieviel?« fragte Ralf Jonsson. »Fünfzig Öre, was?«
»Nein, stell dir vor, es war viel mehr«, sagte ich. »Französisches Geld. Und als der Fahrer alles Geld genommen hat, hat er den, der mit meiner Mama zusammen arbeitet, durchs Schiebedach rausgeworfen. Als Anhalter fahren ist wirklich sehr gefährlich.«
Im selben Augenblick kam ein riesiger blauer Laster angefahren und bremste haargenau bei Arne. Der nahm seinen Rucksack und warf ihn auf die Ladefläche, riß die Tür auf und stieg ein. Und sofort fuhr der Laster weiter. Das ging so schnell, daß es niemand schaffte, die Autonummer aufzuschreiben.
»Er brauchte nicht mal den Daumen hochzuheben«, sagte Jorma und seufzte. »Er ist per Anhalter gefahren, ohne daß man es gemerkt hat.«
»Du bist ja doof«, sagte ich. »Das war ein Kidnapper. Sonst wär der doch nicht so schnell wieder losgefahren. Hat sich jemand die Autonummer gemerkt?«
Allgemeines Schweigen. Die in meiner Klasse sind offenbar Amateure, wenn es um Autonummern geht. Ich kenn einen Jungen, der ist Profi. Aber er wohnt leider in Norrland.
»Ach, jetzt gehen wir zum Freizeitheim und spielen was«, sagte Krille.
»Laß uns doch mal zur Burg gehen«, sagte Jorma.
»Burg, welche Burg?« brüllte Ralf Jonsson. »Hier gibt’s doch keine Burg!«
»In Stockholm heißt es Burg«, sagte Jorma unsicher.
Das klang so komisch, daß alle anfingen zu lachen. Einige fielen in den Schnee. Gerade da kam unsere Lehrerin mit kleinen schnellen Schritten in braunen hochhackigen Stiefeln vorbei.
»Na, ihr habt aber Spaß«, sagte sie freundlich. »Darf ich auch mitlachen?«
Da hörten wir sofort auf zu lachen, und jeder ging in eine andere Richtung davon.
Viertes Kapitel
Als wir uns heute in einer Reihe vor unserem Klassenzimmer aufstellten, fehlte Arne.
»Was hab ich gesagt, er ist gekidnappt worden«, sagte ich. »Das habt ihr nun davon, daß ihr euch keine Autonummern merken könnt.«
»Du hättest dir die Autonummer ja selber merken können, wenn es so wichtig ist«, sagte Janna.
»Genau«, sagte Linda.
»Aber du bist es wahrscheinlich gewöhnt, daß ein Junge mit Segelohren die Autonummern für dich aufschreibt«, sagte Janna kichernd.
»Einer aus Norrland«, sagte Linda und verdrehte die Augen.
Ich wußte genau, wen sie meinten, denn ich kenn einen Jungen, der sehr hübsche abstehende Ohren hat, und er ist aus Norrland, und als er mich in den Weihnachtsferien besucht hat, hat er ziemlich viele Autonummern in einem Buch aufgeschrieben, und das scheint manchen Leuten nicht zu passen.
Zum Glück kam Arne in dem Augenblick.
»Hallo, Arne«, schrie Krille. »Bist du gestern gekidnappt worden?«
»Klar«, sagte Arne und guckte komisch. Wahrscheinlich wußte er nicht, was kidnappen heißt. Aber dann kam unsere goldige Lehrerin, und erst beim Essen im Schulspeisesaal erzählte Arne, daß der blaue Laster seinem Papa gehört. Jorma war so beeindruckt, daß er Messer und Gabel fallen ließ. Es klapperte ordentlich, so daß sich unsere Lehrerin am Eßtisch der Lehrer aufrichtete und Jorma einen strengen Blick zuwarf.
»Hat er denn einen Führerschein für den Laster?« fragte Krille.
»Was denkst du denn«, sagte Arne, ohne von seinem Teller aufzuschauen.
Es wurde still.
»Übrigens hat er auch einen Führerschein für Traktor und Flugzeug«, fügte Arne hinzu und verdrückte den achten Fischkloß.
Ich kenn niemanden, der so gern das Schulessen ißt wie Arne. Seit er in unsere Klasse geht, essen die anderen auch viel mehr. Seitdem reicht das Essen kaum noch.
»Flugzeug!« sagte Krille. »Das ist ein Ding.«
»Dann hat wohl dein Papa das Flugzeug geflogen, als wir nach Torremolinos geflogen sind«, sagte Janna. »Er fliegt ziemlich wacklig, was?«
»Ich möchte gern Stewardess werden«, sagte Linda. »Wenn ich darf, nehm ich meine Katze mit.«
»Hauskatzen, wie doof«, sagte Arne. Er streckte die Gabel aus und klaute sich blitzschnell einen Fischkloß von Krilles Teller.
Linda wurde ganz rot vor Wut.
»Nur Wildkatzen sind toll«, sagte Arne. »In Stockholm wimmelt es auf den Hinterhöfen von roten Wildkatzen. Die leben von Mäusen und Papageien.« Er war schon an der Tür. »Wer kommt heute mit rauf zur Burg?« schrie er über die Schulter.
Mehrere riefen »Ich«, obwohl die meisten nach der Schule was anderes vorhatten und erst was essen mußten. Um vier Uhr wollten wir uns treffen.
»Wo willst du denn essen?« fragte Linda besorgt. Sie hatte schon wieder vergessen, daß Arne ihre Katze beleidigt hatte.
»Och«, sagte Arne, »es gibt ja Bratwurstbuden.«
In dem Augenblick klingelte es, und wir mußten zurück in die Klasse. Auf dem Flur sah ich Roberta Karlsson angeschlendert kommen. Leider erwischte sie mich doch noch, als ich gerade um die Ecke flitzen wollte.
»Paß auf, meine Jacke«, sagte ich.
»Warum bist du gestern nicht gekommen?« sagte Roberta zwischen den Zähnen. »Du hast es doch versprochen!«
»Das hab ich überhaupt nicht versprochen«, sagte ich, und ich hörte, daß meine Stimme richtig jämmerlich klang. Ich gab mir also einen Ruck und fügte keck hinzu: »Ich hab’s vergessen. Man hat schließlich ziemlich viele Hausaufgaben in der zweiten Klasse.«
Roberta lachte hohl. »Dann vergißt du wohl auch, mit mir in den Sportferien in die Alpen zu fahren. Falls ich dich also frage, ob du mit willst.«
»Fährst du in die Alpen?« antwortete ich blöd. »Das hast du mir nicht erzählt. Was sind eigentlich Alpen?«
Roberta verdrehte die Augen. »Nichts für kleine Kinder jedenfalls.«
Auf dem Weg in die Klasse fragte ich Maria Magnusson, ob sie wußte, was Alpen sind.
»Ich glaub, das ist ein Käse«, sagte sie.
»Kann Mimi heute nicht ihren Platz finden?« fragte unsere Lehrerin ironisch. Sie hatte recht. Ich hatte total vergessen, wo ich saß. Das ganze Klassenzimmer drehte sich vor meinen Augen. Ich mußte mich an der Wand festhalten, und ich konnte nur noch Die Burg und Die Alpen und Vier Uhr denken. Ganz versteinert war ich.
»Dein Gedächtnis streikt heute wohl, Mimi Ljung«, sagte Frau Svensson boshaft.
Ich nickte stumm und dachte, es wäre leichter, wenn sich endlich alle hinsetzten. Dann müßte ja ein Platz freibleiben.
»Aber du sitzt doch da, Mimi!« rief Linda und zeigte auf meine Bank in der zweiten Reihe am Fenster.
Ich lief sofort hin, und unsere Lehrerin schüttelte den Kopf und sagte, wir sollten die Mathebücher vornehmen.
Wir sind jetzt schon so alt, daß wir mit Geometrie anfangen. Da lernt man, was ein Quadrat, ein Dreieck und ein Kreis sind. Ein Quadrat sieht aus wie ein Viereck, ein Dreieck sieht aus wie ein Dreieck und ein Kreis wie ein Ball. Ich hab mal einen Schuhverkäufer gekannt, der hieß Enok, und sein Kopf sah aus wie ein Ball. Aber er ist leider tot.
Fünftes Kapitel
Jetzt versuch ich schon seit tausend Stunden einzuschlafen, oder mindestens drei. Aber wer kann schon schlafen, der einmal in einer Festung war und die Seufzer von Gefangenen gehört hat, die schon dreihundert Jahre tot sind. Dabei hab ich das gar nicht gehört. Ich hab nur den Kopf voller schrecklicher Seufzer, und es ist wirklich unmöglich einzuschlafen, wenn so viele alte Seufzer im Weg sind.
Morgen bin ich bestimmt ganz bleich und matt in der Schule, weil ich nicht geschlafen habe. Vielleicht falle ich nach der Sportstunde auch in Ohnmacht im Umkleideraum. Oder sogar vorher, dann brauch ich mich wenigstens nicht umzuziehen. Aber das hilft nun nichts. Ich muß auf jeden Fall erzählen, was heute abend draußen vor der Burg passiert ist.
Viele glauben wahrscheinlich, daß es gar keine Burg in unserer Stadt gibt, sondern nur eine alte Festung. Aber es ist wirklich eine Burg, denn das sagen alle in Stockholm.
Stockholm liegt fünfhundert Kilometer von unserer Stadt entfernt. In Richtung Keksfabrik. Das ist ja wohl klar. Wenn man fünfhundert Kilometer in die entgegengesetzte Richtung mißt, landet man im Meer, und nicht jeder kann auf dem Wasser gehen, wie unsere Lehrerin in Religion erzählt hat.
Wir wollten uns um vier Uhr treffen, und da war es schon dunkel. Ich war die erste. Ich komme immer als erste oder als letzte, wenn etwas ist. Meine Mama ist genauso. Sie sagt, das kann man sich nicht abgewöhnen.
Ich guckte zur Festung hinauf, und zuerst fand ich, daß sie genau wie immer aussah. Dicke graue Mauern – die meisten ziemlich kaputt. Aber ein Turm ist noch heil. Er hat ein grünes Dach. Und dann gibt es ein paar tiefe Fensterlöcher in dem Turm, und jetzt kam es mir so vor, als ob sich dort etwas bewegte.
Ich guckte und guckte, und da bewegte es sich wieder. Ich lachte vor mich hin, denn es kann sich ja nichts bewegen in einem Fenster in einer Festung, wenn im Winter geschlossen ist. Das Tor ist verschlossen, und am Kartenhäuschen hängt ein Schild, auf dem steht, daß die Festung vom 15. Mai bis zum 15. September geöffnet ist.
Ich kann schon ziemlich gut lesen.
Ich guckte wieder zu dem Fensterloch hoch oben hinauf, und jetzt sah ich etwas Weißes in dem schwarzen Loch flattern.
»Läufst du immer mit offenem Mund rum?« hörte ich jemanden fragen. Es war Arne.
Ich machte sofort den Mund zu.
»Wonach guckst du?« fragte er weiter.
»Nichts«, sagte ich, denn jetzt bewegte sich nichts mehr in dem Fenster, und man will ja schließlich nicht ausgelacht werden.
»Ich hab was mitgebracht«, sagte Arne.
Das sah ich jetzt. Es war eine Art Bruder. Ein ganz kleiner mit schwarzen Haaren, die überall unter der Mütze hervorstanden. Er hatte das schmalste Gesicht, das ich je gesehen hatte. Zum Glück war die Nase sehr klein, sonst wäre kein Platz mehr für die Augen gewesen.
»Hallo«, sagte ich.
»Das ist Eddie«, sagte Arne, »mein kleiner Bruder.«
»Heigentlich heiß ich Hedmund«, sagte der Junge mit ganz piepsiger Stimme.
»Rede anständig«, sagte Arne und trat ihn gegen das Schienbein.
»Heigentlich heiß ich Horvar«, sagte der Junge.
Da kamen die anderen alle angelaufen.
»Wer ist das denn?« fragte Jorma und zeigte auf Eddie.
»Eddie«, zischte Arne. »Wer soll das sonst sein?«
Jorma blieb die Spucke weg. Er fing an, den schmalen Pfad zum Festungstor raufzugehen. Wir anderen trabten hinterher.
Jorma rüttelte am Tor. Aber das war wirklich abgeschlossen. Ich zeigte zu dem Fensterloch oben im Turm.
»Da hat sich vorhin was bewegt.«
»Klar bewegt sich was«, sagte Arne. »In jeder alten Burg bewegt sich was. Das sind Fledermäuse und Skelette und was so da drinnen rumschwebt.«
»Das ist mir gar nicht aufgefallen«, sagte Krille. »Und ich hab doch schon zweimal mit meinem Papa eine Führung durch die Burg mitgemacht. Die haben nur von Soldaten und Kanonen erzählt und daß kein Feind es jemals geschafft hat, da reinzukommen.«
»Du büffelst zuviel«, sagte Arne ruhig. »Streber.«
»Ein Streber, was ist das denn?« Krille wandte sich an mich.
»So was haben die in Stockholm, ist doch klar«, sagte ich und zuckte mit den Schultern.
Arne guckte mich bewundernd an.
»Mich friert«, sagte Janna. »Wie sollen wir nun reinkommen?«
»Hat denn keiner einen Dietrich?« fragte Maria Magnusson kichernd.
»Wir gehen mal drum herum. Vielleicht finden wir irgendwo ein Loch«, sagte Arne.
Man muß sehr weit laufen, wenn man um die Burg herumgeht, fast wie wenn man um eine Stadt herumgeht, nur viel anstrengender und komplizierter. Da gibt es einen Haufen Büsche und Äste und alte Bierdosen und kaum einen Weg. Und wenn mal ein Weg da war, war es auch nicht besser, denn der war ganz vereist. Nachdem wir schon furchtbar lange gegangen waren, hatten wir erst die Hälfte geschafft. Wir waren auf der Seite angekommen, von wo man auf den großen Fluß schaut.
Linda und Eddie stöhnten am meisten.
»Jetzt kehr ich um«, sagte Linda.
»Du bist wohl ein Schwächling, was?« sagte Jorma.
»Jetzt kehr ich um«, piepste Linda wieder.
»Dann tu das doch, Schwächling«, riefen mehrere.
»Aber ich trau mich nicht allein«, sagte Linda. »Und guckt mal meine neuen rosa Handschuhe. Sie sind ganz schmutzig.«
Alle lachten, nur Linda nicht.
»Ich hab Hunger«, sagte Eddie.
»Halt’s Maul«, sagte Arne.
Das hier war wirklich echt toll. Keine Expedition für Blödmänner. Mein Papa hat mir mal eine Geschichte von einem Mann vorgelesen, der zum Nordpol gefahren ist, und das war ungefähr genauso hart. Der Mann ist erst in einem Luftballon geflogen und dann mit einem Hundeschlitten gefahren. Aber er hatte ein Gewehr und ein Klavier dabei. Er hat sich also nie gelangweilt. Um die Burg herumzugehen wurde allerdings ziemlich langweilig, und ich hatte überhaupt kein Gefühl mehr in den Zehen. Aber ich bin ja kein Schwächling und sag so was nicht laut. Übrigens hat mein Papa ein elektrisches Fußbad. Ich weiß also, daß ich jederzeit mein Gefühl in den Zehen wiederkriegen kann.
»Jetzt reicht’s mir«, sagte Arne plötzlich. »Wer ist eigentlich auf die blöde Idee gekommen?«
Alle schwiegen.
»Das war doch deine Hidee, du Holzkopf«, sagte Eddie und boxte Arne in den Bauch.
»Ach ja, natürlich«, sagte Arne und fing an zu lachen.
Wir trabten denselben Weg zurück, den wir gekommen waren.
Als wir wieder vor dem Tor standen, sagte Arne: »Wir forschen ein andermal weiter.«
Ich guckte zum Fensterloch hinauf, das in der Dunkelheit kaum zu erkennen war. Und dann zeigte ich hinauf und schrie plötzlich. Die anderen fingen auch an zu schreien.
Da war tatsächlich was Weißes, zum Beispiel ein Gesicht.
Sechstes Kapitel
»Jetzt lernt ihr was Neues, das vermutlich nicht ganz leicht ist«, sagte Frau Svensson heute und wollte etwas an die Tafel schreiben. »Ach du liebe Zeit!« rief sie. »Die Kreide ist alle. Mimi, lauf zum Hausmeister und kauf neue.«
»Kaufen!« sagte Björn Axelsson. »Hat der Hausmeister jetzt einen Laden?«
Alle schrien vor Lachen, Arne auch, und Björn strahlte über das ganze Gesicht wie eine Sonne.
Aber unsere Lehrerin wurde rot vor Ärger. »Jeder kann sich ja wohl mal versprechen«, sagte sie böse. »Darüber lacht man nicht.«
Wirklich schlimm, was für schlechte Laune sie in der letzten Zeit hat.
Ich stand jedenfalls auf und lief los, um die Kreide zu holen. Fast jedesmal, wenn etwas vom Hausmeister zu holen ist, muß ich das tun. Rate mal, warum. Weil er mich mag. Wenn zum Beispiel Linda zu ihm gehen würde, würde er sicher behaupten, daß er gerade kein Stückchen Kreide mehr hat. Aber ich krieg alles, was ich will.
»Mimi ist in den Hausmeister verknallt!« rief Janna mir nach.
»Ruhe!« brüllte unsere Lehrerin.
Sie ist tatsächlich sehr alt und sauer geworden, seitdem sie sich verlobt hat, dachte ich, während ich den ganzen Korridor entlang auf einem Bein zum Hausmeister hüpfte.
Der Hausmeister sah wirklich freundlich aus, als er mich entdeckte. Er sagte nicht so was wie »Satansbraten«.
»Ich möchte gern Kreide holen, unsere ist alle«, sagte ich schnell, damit er nicht doch noch so was wie »Satansbraten« sagte.
»Freßt ihr die Kreide, oder was?« sagte der Hausmeister mürrisch und zog eine Schublade in seinem Schreibtisch heraus.
»Ja, das scheint so«, sagte ich.
Der Hausmeister lachte und guckte mich bewundernd an. »Als ich klein war, haben wir Kreide gegessen, damit wir nicht mitsingen mußten«, sagte er und reichte mir eine Schachtel mit Kreide, nachdem er genau gezählt hatte.
»Hat das nicht scheußlich geschmeckt?« fragte ich.
Ich versuchte mir vorzustellen, wie der Hausmeister ausgesehen hat, als er klein war. Seine braune Baskenmütze muß damals sehr klein gewesen sein und sein grauer Kittel winzig.
»Scheußlich? Ich weiß nicht«, sagte er verständnislos.
Ich machte einen tiefen Knicks. Denn das mag unser Hausmeister. »Wir haben einen neuen Jungen in der Klasse«, sagte ich. »Arne Andersson.«
»Erzähl mir lieber etwas, was ich noch nicht weiß«, sagte der Hausmeister und fing an, Bleistifte zu spitzen.
Ich lief zurück zu unserer Klasse, klopfte an und ging rein.
»Danke schön«, sagte Frau Svensson, »dann können wir ja endlich anfangen.« Als ob ich schuld wäre!
»Ich hab die Kreide doch nicht aufgegessen«, sagte ich.
Die ganze Klasse lachte, aber unsere Lehrerin schüttelte den Kopf und knallte die Kreideschachtel auf den Tisch. »Ruhe!« schrie sie. Dann drehte sie sich um und schrieb etwas an die Tafel.
Mündliche darstellung
Das stand da. Es war schwer zu lesen und überhaupt nicht zu verstehen.
In der zweiten Klasse ist es wirklich schwer.
Unsere Lehrerin setzte sich zufrieden auf ihren Drehstuhl. »Jetzt seid ihr aber neugierig, was?« sagte sie albern.
»Ich nicht«, sagte Arne.
»Ach, das ist gut. Dann kannst du der Klasse ja erklären, was eine mündliche Darstellung ist.«
»Ich hab bloß gesagt, daß ich nicht neugierig bin«, sagte Arne mürrisch.
Frau Svensson lächelte sanft. Dann erklärte sie uns, daß wir üben müssen, aufzustehen und selbst kleine Reden und Vorträge zu halten. Das nennt man agieren. Die ganze Klasse muß zuhören, und man muß selbstbewußt geradeaus schauen. Aber manchmal muß man runtergucken auf ein kleines Stück Papier, auf dem ein paar Stichworte stehen für den Fall, daß man vergißt, was man sagen wollte.
»Fast wie im Theater«, flüsterte Linda.
Unsere Lehrerin lächelte und war beinah wie früher, als sie noch nicht verlobt und so schlechter Laune war.
Und dann sagte sie, daß sich jeder ein Thema ausdenken sollte, mit dem er sich die ganze Woche beschäftigte. Danach sollte jeder einen kleinen Vortrag vor der ganzen Klasse halten.
Linda meldete sich eifrig.
»Ich will davon erzählen, wie Katzen riechen.«
»Das ist gut, Linda«, sagte Frau Svensson und schrieb es in ein Buch. Dabei sagte sie vor sich hin: »Linda. Katzen.«
Sonst meldete sich niemand mehr, obwohl unsere Lehrerin sagte, wir dürften reden, worüber wir reden wollten.
»So viele Themen gibt es ja nicht auf der Welt«, brummte Janna.
»Aber denk mal ein bißchen nach«, sagte Frau Svensson eifrig. »Vielleicht möchtest du über Spanien reden, Arne möchte vielleicht von Stockholm erzählen.«
»Ich möchte über Räuber reden«, sagte Arne.
»Ausgezeichnet«, sagte unsere Lehrerin. »Kannst du das ein bißchen präzisieren?«
»Wie bitte?« sagte Arne.
»Oh, entschuldige«, sagte Frau Svensson und wurde rot.
»Ich rede ja nicht mit meinem Verlobten.«
»Nein, Wirklich nicht«, sagte Arne.
Alle lachten, sogar unsere Lehrerin.
»Ich meine«, sagte sie, »an was für Räuber denkst du? Ali Baba und die vierzig Räuber oder Seeräuber auf dem Meer oder an Räuber, die hinter Felsen in einer öden Gegend Kutschen auflauern?«
»Das werden Sie ja sehen«, sagte Arne geheimnisvoll.
Wir waren fast alle sehr beeindruckt und versuchten, uns ein Thema einfallen zu lassen, während unsere Lehrerin aufschrieb: »Arne. Über Räuber.«
Nach einer Weile hatte Jorma die Idee, daß er über Banditen reden wollte. Aber das durfte er nicht, und da nahm er Finnlands Seen. Maria Magnusson nahm Über Gummibärchen und Jessica Über meinen reichen Onkel. Einige entschieden sich für ziemlich langweilige Themen wie zum Beispiel Heiße Autos (Krille) und Hübsche Kleider (Angelica). Zwei Mädchen wählten Pferde, und Björn Axelsson entschied sich für norwegischen Humor (sein Papa ist aus Oslo).
»Du kannst uns ja einen Vortrag über den Hausmeister halten«, flüsterte Janna mir zu.
»Oder über Flügelschrauben«, piepste Linda.
Ich biß die Zähne zusammen. Jetzt mußte ich mich ganz schnell für ein Thema entscheiden, bevor sie mich noch mehr ärgerten. Ich kniff die Augen fest zu. Vor meinen geschlossenen Augen flimmerten viele Bilder vorbei. Unser Vergnügungspark und ein Segelboot und ein Globus und Lasagne und Norrland und mein rosa Schlitten und das Restaurant »Goldener Schwan«, wo meine Mama arbeitet. Als ich meine Augen wieder öffnete, sagte Frau Svensson gerade: »Und was ist mit dir, Mimi?«
Ich räusperte mich und sagte mit klarer Stimme:
»Ich werde über die Festung reden und darüber, daß es dort spukt.«
Durch die Klasse ging ein Raunen.
Siebtes Kapitel
»Wollen wir uns jeden Donnerstag um vier Uhr bei der Burg treffen?« fragte Jorma in der Pause.
Die Jungen spielten mit einem alten Tennisball Fußball, und alle Mädchen standen drum herum und guckten zu. Nur ich nicht. Ich dachte gerade über eine geheime Erfindung nach.
»Ist doch klar«, sagte Arne. »Darüber brauchen wir doch gar nicht zu reden. Abgemacht.«
»Wer hat das abgemacht?« fragte Janna. Sie schnappte sich blitzschnell den Tennisball und lief damit weg. Alle Jungen rannten hinter ihr her und schrien. Sie warf den Ball über den Zaun in die Blumenbeete vom Hausmeister, und dann kam sie ganz ruhig zu uns zurückgeschlendert.
»Du mußt ihn wiederholen, Janna«, sagte Krille.
Alle gaben ihm recht.
»Pöh, das mach ich doch mit links«, sagte Janna und öffnete das Gartentor des Hausmeisters.
Alle hielten die Luft an, denn der Hausmeister ist während der großen Pause immer drinnen in seinem Haus. Da lauert er auf all die schrecklichen Kinder, die er so verabscheut. Man weiß nie, an welchem Fenster er späht und guckt. Manchmal steht er an allen Fenstern gleichzeitig.
Janna konnte den Ball anscheinend nicht finden. Wir hingen über dem Gartenzaun und verfolgten ihre Sucherei. Sie pustete und stöhnte irgendwo an der Erde unterm Rhododendronbusch, der seine Blätter traurig hängen ließ. »Findest du den Ball nicht, Janna? Soll ich ein Vergrößerungsglas holen?« fragte Björn Axelsson.
Wir lachten, daß uns weiße Wölkchen vorm Mund standen. Es war wirklich ein besonders kalter Wintertag.
Aber Janna stöberte in dem harten Schnee unterm Busch herum und jammerte: »Hier ist er nicht. Ihr müßt herkommen und suchen helfen.«
»Niemals!« riefen wir alle im Chor.
»Aber meine Mama sagt, man muß hilfsbereit sein, dann bekommt man auch Hilfe, wenn man sie selbst braucht«, sagte Linda.
»Dann geh doch rein und hilf ihr.«
»Nein, ich möchte meine Strumpfhosen nicht schmutzig machen«, sagte Linda.
Plötzlich rief Janna: »Hier ist ein Loch, ein tiefes Loch!«
»Komisch«, sagte Arne. »Der Hausmeister hat doch keinen Hund.«
»Es ist furchtbar tief!« schrie Janna. »Mein ganzer Arm paßt rein. Aber einen Ball fühl ich nicht.«
Da waren wir alle so neugierig, daß wir in den Garten stürzten.
Mit einem Krach flog ein Fenster in der Hausmeisterwohnung auf. Die lange Nase vom Hausmeister ragte unter seiner braunen Baskenmütze hervor.
»Was treibt ihr da, Satansbraten!« schrie er. »Verlaßt aber mal wuppdiwupp meinen Garten, ihr verflixten Wüstenratten!«
In dem Augenblick klingelte es, und wir brauchten ungefähr dreieinhalb Sekunden bis zu unserem Klassenzimmer. »Heute habt ihr es aber eilig, in die Mathestunde zu kommen«, sagte unsere Lehrerin und lächelte.
Gegen Ende der Stunde gähnte ich über einer besonders schweren Aufgabe, als ein Papierbällchen mitten auf meinem Rechenheft landete. Ich guckte rasch auf, aber alle beugten sich über ihre Hefte – außer unserer Lehrerin natürlich. Sie hatte einen kleinen Spiegel aus ihrer Handtasche genommen und besah sich ihre Zähne.
Vorsichtig rollte ich das Stück Papier auf.
Auf ihrem kopf sitzt eine spinne, stand darauf.
Ich guckte Janna an. Sie war rot vor unterdrücktem Lachen. Und dann wollte ich gerade nach der Spinne Ausschau halten, da sagte unsere Lehrerin mit harter Stimme:
»Mimi, kommst du bitte mal nach vorn und zeigst mir den Zettel, den du liest, anstatt deine Aufgaben zu rechnen?«
Alle waren sehr dankbar für die Unterbrechung. Sie hörten auf zu rechnen und beobachteten interessiert meinen Gang zur Lehrerin nach vorn.
Sie wickelte das Stück Papier auf und las. Dann schaute sie hoch. Über ihrem Kopf hing tatsächlich eine kleine dicke schwarze Spinne an einem Faden.
Ich wußte nicht, ob ich noch bei ihr stehenbleiben mußte.
Also ging ich schnell zurück zu meinem Platz.
»Wer hat das hier geschrieben?« fragte unsere Lehrerin ruhig.
Niemand antwortete, aber Janna war so rot, daß unsere Lehrerin sie besonders lange ansah.
»Ich war’s«, sagte Janna.
Alle saßen ganz still da.
»Ach, so ein Quatsch«, sagte plötzlich jemand mit einer piepsigen Stimme. Es war Linda. Sie stand auf, ging mit energischen Schritten nach vorn, zog die Schuhe aus, kletterte auf den Stuhl unserer Lehrerin und von da auf das Pult. Dann fing sie die Spinne in ihrer gewölbten Hand, kletterte wieder runter und ging zum geöffneten Fenster. Vorsichtig ließ sie die Spinne frei, zog ihre Schuhe wieder an, ging zurück zu ihrem Platz und rechnete weiter.
Fast alle starrten Linda mit offenem Mund an.
»Danke, Linda«, sagte unsere Lehrerin mit beherrschter Stimme. »Und du, Janna, merk dir, in diesem Fall heißt es nicht ›auf ihrem Kopf‹, sondern ›Über ihrem Kopf‹. Zu der Zeit, als ich klein gewesen bin, hättest du jetzt nachsitzen und hundertmal auf deine Tafel ›Über Ihrem Kopf Sitzt Eine Spinne‹ schreiben müssen.«
»Das tu ich aber nicht, ich hab nämlich Reitunterricht, wenn die Schule aus ist«, sagte Janna.
»Ja, und außerdem leben wir jetzt nicht mehr in der Steinzeit, nicht wahr?« sagte unsere Lehrerin und klappte ihre Handtasche mit einem Knall zu.
In dem Augenblick klingelte es. Die Schule war zu Ende. Unsere Lehrerin sollte ihre Handtasche öfter zuknallen.
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