Kitabı oku: «FCKNG New Year», sayfa 2

Yazı tipi:

Suchend sehe ich mich um, um einen Anhaltspunkt zu erhalten, wo ich mich befinde. Nachdem ich ein Straßenschild und eine Hausnummer gefunden habe, angle ich mir mein Handy aus der Hosentasche und wähle Joshs Nummer. Er ist wie ich Prospect beim MC und wir halten zusammen, wo es geht. Zum Glück nimmt er ab. »Josh. Ich sitze in der Scheiße. Ich bin in Oakridge am anderen Ende der Stadt und das ohne mein Bike. Ice will das ich komme und er klingt ziemlich angepisst.«

»Mann, Alter«, gibt er gepresst von sich. »Hast du mal auf die verfickte Uhr geschaut?«

»Jep«, erwidere ich wahrheitsgemäß. »Also?«

Wieder stöhnt er. »Schreib mir die Adresse, ich beeile mich.«

»Dafür hast du was gut.«

Ohne zu antworten, legt er auf. Ich nutze die Wartezeit, um Carly zu antworten, und sehe mich ein wenig in der Gegend um. Die Straßen sind menschenleer bis auf vereinzelte Verrückte, die am Neujahrsmorgen noch vor dem Frühstück joggen gehen. Die Kälte kriecht mir erneut in die Knochen und friere. Mann, bin ich froh, wenn ich erst wieder im Clubhaus bin. Zuhause.

Ich bin froh, dass ich Jasmine meine Nummer nicht dagelassen habe, auch wenn ich kurz darüber nachgedacht habe. Den Toyboy für ein reiches, verwöhntes Mädchen zu spielen, steht mir nicht. Ich habe es wirklich nicht nötig, mich vorführen zu lassen. Was auch immer sie für ein Problem mit ihrem Stecher hat, es ist nicht meins.

Als Josh endlich auftaucht, bin ich halb erfroren, doch ich mache ihm keine Vorwürfe, sondern bin nur dankbar, dass er mein Freund ist.

»Spring rein, Alter!« Er ruckt mit dem Kopf in Richtung Rückbank, wo schon mehrere Papp Trays mit Kaffeebechern stehen. »Ich weiß ja, wie es läuft«, sagt er lapidar.

»Danke, Bruder!«

Er nickt zustimmend und fährt mit quietschenden Reifen los.

Ein letztes Mal drehe ich mich um und könnte schwören, dass sich im ersten Stock jemand am Fenster befindet. »Fuck«, murmle ich. Es ist höchste Zeit diese Nacht zu vergessen.


Es dauert eine kleine Ewigkeit, bis wir wieder in Downtown Eastside angekommen sind.

Der Schnee hat mittlerweile kein Erbarmen mehr und zuckert beinah die ganze Stadt. Es ist ungewöhnlich, dass es in Vancouver so viel schneit, denn obwohl wir in Kanada sind, gewinnt meistens der Regen in unserer Stadt.

Routiniert steuert Josh den alten Wagen seines Vaters durch das Tor, welches zum Glück offensteht. Vor dem Eingang reihen sich ein Dutzend Harleys und auch ein paar andere Motorradmarken. Mein Traum ist eine nagelneue Harley-Davidson Street Bob zu besitzen, doch dafür habe ich aktuell weder den Status noch das Geld. Wir Prospects dürfen die alten Bikes fahren, welche abgelegt werden. Zudem müssen wir in der angrenzenden Werkstatt mitarbeiten, um alles über Motorräder zu lernen. Früher war die Werkstatt sogar mal ein offizielles Geschäft, doch seitdem Ice und sein Bruder Snow an der Spitze des MC stehen, wird darauf verzichtet. Der Vancouver Venom MC befindet sich seit etlichen Monaten im Umbruch, da der alte President den Club ganz schön runter gewirtschaftet hatte. Ice und sein zwei Jahre jüngerer Bruder versuchen nun, alles ins Reine zu bringen und vor allem dafür zu sorgen, dass wieder Geld in die leeren Kassen des MC kommt. Der Pres ist ein ehemaliger SEAL, der gute Kontakte zu Waffenhändlern und einigen anderen Gewerken hat. Seit er sich um die Geschäfte kümmert, geht es steil bergauf. Das ein oder andere Mal hat er mich sogar zum Schutz mitgenommen, wenn er was zu regeln hatte. Daher wurde mir als Prospect schon eine große Ehre zuteil, den Pres begleiten zu dürfen. Und auch meine alten Kontakte helfen mir dabei, mich im Club zu etablieren.

Ein Schauder überläuft mich, als ich das Bike vom Pres entdecke. Ich habe Schiss vor dem Kerl, der seinen Namen nicht nur hat, weil er total blass und strohblond ist. Ice ist ein eiskalter Killer und nicht nur das. Es gibt haufenweise Gerüchte, die sich um den Veteranen ranken. Wer sich ihm in den Weg stellt, spürt seine Klinge. Er hat den Spleen, sein Messer, welches ihn schon in Afghanistan und Syrien begleitet hat, mit ins Bett zu nehmen. Messer ist untertrieben. Das Ding gleicht einer verdammten Machete und kann einen Mann wie ein Blatt Papier in zwei Teile schneiden.

»Wolltest du heute noch mal aussteigen?« Ratlos sieht Josh mich an und reißt mich aus meinen Gedanken. Mein Kumpel grinst schief und gibt mir stumm zu verstehen, dass es keinen Sinn macht, das Unvermeidliche weiter hinauszuzögern. Ergeben nicke ich und steige aus dem Wagen. Bevor ich mich in die Höhle des Löwen begebe, schnappe ich mir noch zwei der Papptabletts mit dem Kaffee und bitte Josh, den Rest mit reinzubringen. Dann atme ich tief durch und stiefele entschlossen durch die finster aussehende Menge an Bikern, die vermutlich alle noch nicht mal im Bett waren. Zum Glück geht es mir viel besser als gestern Nacht. Die anderen dürfen nie erfahren, dass mich dieser Snob Cole, oder wie er hieß, in dem Club fast in die Knie gezwungen hat. Aber das werden sie auch nicht.

»Morgen«, brumme ich zur Begrüßung. »Kaffee kommt.«

Ich bin einer der größten und stärksten Männer im Club und daher habe ich einen gehörigen Respekt-Vorschuss. Deswegen wurde ich schon oft mit eingesetzt. Leider bin ich dennoch nach knapp sieben Jahren als Hangaround und Prospect immer noch kein festes Mitglied. Der President-Wechsel hat auch nicht dazu beigetragen, dass es schneller geht. Ice scheint mir noch nicht genügend zu vertrauen, auch wenn er mich, als der ehemalige Sergeant at Arms des Clubs, schon lange kennt. Ich vermutete, dass er sogar ein wenig Angst vor meinem Potential hat. Trotz aller Schikane lasse ich ihn niemals hängen, obwohl ich ihn nicht mal mag und übe mich in Geduld. Ich habe ohnehin keine andere Wahl.

Als ich den verqualmten Vorraum des Clubs betrete, in dem sich auch direkt die Bar befindet, lasse ich mir meine Furcht nicht anmerken. Ein paar der Member schlafen auf dem Boden, während andere ihre Köpfe auf den versifften Tischen gebettet haben. Es stinkt und wirkt wie ein Schlachtfeld. Angewidert stelle ich fest, dass ich wohl die beste Nacht bei der reichen Tussi im Gästezimmer hatte. Jasmine. Obwohl mir die Braut völlig egal ist, frage ich mich, was sie wohl denkt, wenn sie ein leeres Zimmer vorfindet, nachdem sie aufgestanden ist.

»Da ist ja der kleine Pisser!« Ice fletscht die Zähne, was er immer tut, wenn er glaubt zu lächeln. Seine Pupillen sind kaum vorhanden, was nichts Gutes verheißt. Wie immer zolle ich ihm den nötigen Respekt, doch im Inneren halte ich wenig von ihm. Allerdings bin ich nicht in der Position, mich ihm entgegenzustellen. Ich wüsste nicht, was ich tun soll, wenn er beleidigt wäre und mich rauswerfen würde. Zwar verdient Carly mittlerweile gutes Geld, um für sich selbst zu sorgen, aber meine Mutter ist total abgewrackt und auf meine Unterstützung angewiesen, damit sie nicht auf der Straße landet.

»Ice!«, begrüße ich ihn und nicke ihm zu. Den Kaffee stelle ich auf den Tresen, an dem er sitzt und eine raucht. Dann fahre ich mir über den Kopf und sehe ihm direkt in die Augen. »Ich habe Scheiße gebaut. Was kann ich tun, um es gutzumachen?« Spiele zu spielen ist nicht mein Ding. Wenn man etwas tut, muss man immer mit den Konsequenzen leben.

»Wo ist Carly?« Reed mischt sich ein und funkelt mich böse an.

»Weg. Keine Sorge. Ihr werdet sie hier nicht mehr sehen.«

»Das will ich hoffen! Und wenn die kleine Schlampe sich doch hierherwagt, dann reiße ich dir deine Eier ab! Kapiert?«

Ich nicke lässig. »Sicher, Bruder.«

Ice beobachtet die Szene stumm. Er scheint noch immer zu überlegen, was die gerechte Strafe ist, wenn man seine Familie verteidigt. Denn auch er weiß, wie Reed tickt, und dass ich im Prinzip keine andere Wahl hatte, als mich mit Carly zu verpissen. Sein Bruder Snow, der ihm unheimlich ähnelt, aber viel weniger psychopathisch ist, gesellt sich zu uns. Snow ist weit weniger brutal, wie sein großer Bruder, aber nicht minder konsequent. Und nur deswegen ist er der Vice-President. Nicht, weil er der Bruder von ... ist. Ich straffe die Schultern und strahle Stärke aus, denn ich will mir nicht anmerken lassen, wie viel Schiss ich habe, rauszufliegen.

Ice drückt seine Kippe in einem bereits überquellenden Aschenbecher aus und fährt sich mit den Fingern nachdenklich über sein glattes Kinn. »Liebst du diesen Club, Paul?«

»Mehr als mein Leben«, versichere ich mit fester Stimme. Ich baue mich auf, so gut ich kann, um meinen Worten Gewicht zu verleihen. Immerhin warte ich sehnsüchtig darauf, ein Full-Member zu werden.

»Mehr als dein Leben.«

Sein eiskalter Blick bohrt sich in meinen und er erhebt sich. Langsam wie ein Raubtier, welches sich an seine Beute heranschleicht, kommt er auf mich zu. Er tippt mich provozierend auf den Brustkorb.

Angewidert blähe ich mit den Nasenflügeln, da er stinkt wie eine Schnapsfabrik. Ich hasse die sauren Ausdünstungen, die der Alkohol auf Menschen hinterlässt. Dazu sein ranziger Atem und ich würde ihm am liebsten vor die Füße kotzen. Doch ich stehe wie ein mächtiger Ahornbaum vor ihm und zucke nicht mit einer Wimper. Ice ist höchstens zehn Jahre älter als ich und schon so kaputt. Widerlich.

»Mehr als mein Leben«, wiederhole ich geduldig.

Wir liefern uns ein Blickduell und ich überlasse ihm den nächsten Schritt. Keine Ahnung, was ihm für eine Laus über die Leber gelaufen ist, aber offensichtlich hat er mich heute komplett auf dem Kieker.

Hinter uns räuspert sich Snow und spült seinen Frosch im Hals mit dem Kaffee, den ich dank Josh mitgebracht hatte, herunter. »Lasst die Scheiße! Sind wir im Kindergarten?«, blafft er. »Ice, sag dem Prospect, was du zu sagen hast und dann lass uns abhauen! Ich will nur noch pennen!«

Ice schubst mich von sich, doch zum Glück bleibe ich standhaft. Dass mein Herz wie wild schlägt, bekommt hoffentlich keiner mit, denn ich gebe mir Mühe, mir weiterhin nichts anmerken zu lassen. Doch statt Furcht ist es nun Wut, die meinen Körper durchflutet. Fuck, ich hasse nichts mehr, als mich sprichwörtlich herumschubsen zu lassen. Ich fange Snows Blick auf. Er zwinkert mir kurz zu und ich entspanne mich augenblicklich. Wir mögen uns, und wenn Snow etwas zu tun hat, darf ich ihn ebenso wie Ice begleiten.

Ice stiert mich an und ich rechne fest damit, dass er mich erneut angreifen wird. Vermutlich ist er high, so aggressiv wie er ist, und hat seit Tagen nicht geschlafen. Und genau wie ich dachte, stürmt er auf mich los und schlägt in Richtung meines Gesichtes. Auch wenn er der Pres ist – verdammt, ich ducke mich und schlage instinktiv zurück. Meine geballte Hand landet direkt in seiner Fresse und ich setze einen nach. Dann schnappe ich ihn mir und bringe ihn zu Boden. Gerade will ich ihm einen weiteren Kinnhaken verpassen, da fällt mir ein, wen ich da gerade aufmische. Ich spucke auf den Boden und lasse von ihm ab. Adrenalin jagt durch meinen Körper und ich muss meine ganze Willenskraft einsetzen, um mich nicht wieder auf ihn zu stürzen.

Perplex rappelt Ice sich auf und greift sich an seine nunmehr blutige Nase. Eigentlich würde ich ihm gern sein dummes Grinsen aus der Visage hauen, doch noch immer halte ich mich zurück. Sich zu verteidigen ist die eine Sache, dem President des MC die Fresse einzuschlagen, eine andere.

Die Atmosphäre ist zum Zerreißen gespannt und jeder anwesende Mann hält die Luft an. Eine unheimliche Stille liegt auf dem Clubhaus und mein Blick bohrt sich fest in den von Ice.

Snow, wie ich im Augenwinkel beobachte, kratzt sich seelenruhig mit seinem eigenen Messer den Dreck unter den Fingernägeln weg und beachtet uns scheinbar nicht. Das ist gut für mich. Denn meine Brüder würden Hackfleisch aus mir machen, wenn er ein Zeichen dazu geben würde. Doch ich würde sogar wagen, zu behaupten, dass Snow gefällt, was er sieht.

Ice berappelt sich und fuchtelt wild mit seinem Zeigefinger auf und ab. Er weiß, dass ich ihn fertigmachen könnte, daher ändert er scheinbar seine Strategie.

»Alle Achtung!«, brüllt er vermeintlich lässig und versucht so, sein Gesicht zu wahren. »Du hast den Test bestanden, Paul!« Er lacht dreckig und sieht dann Beifall erhaschend in die Runde.

Snow sieht kurz auf. Offenbar war es nicht das, was Ice mir ursprünglich sagen wollte, wenn ich Snows Gesichtsausdruck richtig interpretiere.

Ice lacht und kommt zu mir.

Verblüfft registriere ich, dass er mir die Hand reicht. Ich ergreife sie und kann nicht verhindern, dass ich ebenfalls ein Lächeln auf den Lippen verspüre.

»Wer die Eier hat, mir Paroli zu bieten, seine Cousine vor dem irren Reed verteidigt und trotzdem behauptet, den MC mehr als sein Leben zu lieben, der hat sich einen Platz bei uns verdient.« Ice lässt meine Hand los und sieht erneut in die Runde. »Ich denke, jetzt wo du endlich Eier zeigst, bist du bereit für die wirklich wichtigen Aufträge.« Ich fixiere meinen Anführer und bin gespannt, was nun kommt. »Wenn du das nicht verkackst, werden wir Ende des Monats darüber abstimmen, ob du aufgenommen wirst. Einverstanden?«

Dankbar, dass er fair ist und nicht etwa beleidigt, nicke ich. Wenn ich eher gewusst hätte, dass er nicht auf eine gewisse Unterwürfigkeit steht, hätte ich mich schon viel früher behauptet.

»Was soll ich tun?«

»Komm mit!«, fordert er mich auf und winkt in Richtung unseres Sitzungsraums, den ich eigentlich nicht betreten darf. Begleitet von Snow, Reed sowie ein paar bekannten Gesichtern mit bedeutenden Patches auf den Kutten betrete ich das Herzstück des MCs und setze mich an den Tisch. Ice zündet sich eine Zigarette an und spricht, als der Letzte die Tür fest verschlossen hat.

»Du wirst zusammen mit Bono und Stitch zu ›McLane, Tremblay & Bloomberg LLP‹ fahren und dort unsere Ware abholen. An Neujahr wird keiner von den Wichsern im Büro sein und ihr solltet unsere Ware ungesehen dingfest machen können.«

Ich nicke. So weit, so gut. Denn immerhin ist Xavier ein alter Bekannter von mir.

Ice pustet Rauch aus. Er wirkt viel entspannter als noch vor ein paar Minuten. Trotz seines Friedensangebotes ist er mir immer noch zuwider.

Als ich vor Jahren, während der Schulzeit, in einer Autowerkstatt meines Onkels gearbeitet habe, war mein Boss auch ein unerträglicher Choleriker. Damit muss man sich anfreunden, solange man nicht selbst der Chef ist. Dass er mein Onkel war, hat es nicht besser gemacht.

Mit fünfundzwanzig bin ich ohnehin zu jung für eine Führungsposition, muss noch viel lernen, sodass ich mich wohl noch eine Weile fügen muss, bis ich genug Erfahrung habe, um selbst Verantwortung übernehmen zu können.

Zunächst werde ich also jeden Job annehmen, den sie mir auftragen.

»Wenn ihr das Zeug habt, werdet ihr es aufteilen und verkaufen. Vergesst nicht, dass der Penner Thorne seinen Anteil bekommt, den ihr in der Kanzlei deponieren werdet. Immerhin hat er seinen Job bisher ganz gutgemacht.« Ice schnaubt angepisst und drückt die Kippe so fest aus, dass er sie komplett zermatscht. Mike Thorne ist sein ehemaliger Boss. Und genau so ein psychopathisches Arschloch wie er. Er war Kommandant in seinem SEAL Team und ist nicht der netteste Zeitgenosse, soweit ich es mitbekommen habe.

Scheiße regnet immer von oben nach unten, kein Wunder, dass Ice so ätzend ist. Er hat es selbst nie anders erfahren und offenbar kein Interesse daran, ein besserer Mensch zu sein. Ich sehe das anders und würde mich nie auf das Niveau meines cholerischen Bosses herablassen, wenn ich selbst mal dran bin, die Führung zu übernehmen.

Ice erklärt uns die Details, wie der Drogenumschlag ablaufen soll, und ich präge mir alles so gut, wie möglich ein. Ich will keinen Fehler machen, auch wenn es mir widerstrebt, was man mir aufträgt. Ich weiß allerdings von Carly, wie es abläuft und auch, dass der MC vorerst auf diese Einnahmequelle angewiesen ist. Dennoch kann mich niemand davon abbringen, dass ich Drogen und auch Alkohol hasse wie die Pest. Der Scheiß zerstört Leben.

Äußerlich cool, höre ich zu, nicke an den richtigen Stellen und träume von der Street Bob und dem besseren Leben, welches ich bald durch diese Aktion haben werde. Ich werde ordentlich beteiligt, was mich auf jeden Fall motiviert, über meine Prinzipien hinweg zu sehen.

Und warum auch immer, schiebt sich ein süßes Gesicht, umrahmt von blonden Haaren und mit lindgrünen Iriden, die von perfekt gezupften Brauen umrandet werden, vor mein inneres Auge.

Was Jasmine in meinen Tagträumen zu suchen hat, verstehe ich nicht, aber fuck, immerhin hat sie ein heißes Fahrgestell, und mein Schwanz vergisst nun mal ebenso wenig, wie mein viel zu wenig ausgelastetes Gehirn.


Nachdem die Sitzung beendet ist, fahren Bono, Stitch und ich zu ›McLane, Tremblay & Bloomberg LLP‹. Der verrückte Strafverteidiger mit der Automacke und seine schnöseligen Kollegen liegen sicher in einer teuren Hotelsuite, um ihren Champagner-Rausch auszuschlafen, und so können wir unsere Ware in aller Ruhe dort ausräumen. Soweit ich weiß, wissen die anderen beiden Clowns nichts von Xaviers kleinem Nebenverdienst, daher nutzen wir deren Abwesenheit. Zum Glück konnten wir ihm einen Schlüssel abnehmen, das macht alles einfacher.

Bono, als das ranghöchste Mitglied, kümmert sich darum, den Anteil für Thornes letzte Begleitfahrt im Aktenschrank zu deponieren. Außerdem teilt er die Drogen auf. Ein Teil geht an einen Michael Heat von der Highlights-Escort-Agentur.

Ächzend verstaue ich kiloweise Koks in unserem Van. Ich weiß gar nicht, was mich mehr ankotzt: Die Tatsache, dass ich den Scheiß zusammen mit den Dealern verkaufen muss, oder dass Carly da irgendwie mit drinhängt. Sie erzählt oft von den Proben, die auf diversen Partys an die Kunden verteilt werden.

Bisher war ich nicht wirklich ins Drogengeschäft involviert, weil das normalerweise Chefsache ist. Zwar war ich zu Beginn mit Ice bei Xavier, aber da ging es im Prinzip nur um … sagen wir, Formalitäten. Doch ich muss sagen, dass ich das eigentlich gut fand. Dieser Thorne, der plötzlich ständig seine Pfoten im Spiel hat, ist ein riesiges Arschloch und ich brauche wirklich nicht noch mehr davon in meinem Leben. Aber es nützt nichts. Auf meinem Weg mit meinem Ziel vor Augen, tue ich, was Bono sagt, und nicke alle Anweisungen bezüglich der Verkaufsstrategie ab.

Je schneller wir fertig sind, desto eher komme ich ins Bett. Mein Schädel dröhnt und ich könnte im Stehen einschlafen. Dank der Tabletten von Jasmine geht es, aber ich will diese blöde Erkältung so schnell wie möglich loswerden, um wieder voll einsatzfähig zu sein. Und Schlaf ist einfach die beste Medizin.

Es dauert bis in den frühen Nachmittag, als ich endlich die Kurve kratzen und nach Hause fahren kann. Und das auch nur, weil gestern alle kräftig Silvester gefeiert haben und damit heute einen höllischen Kater streicheln müssen. Auch wenn ich diesem Tag keine weitere Beachtung schenke, kommt es mir heute zugute. Denn normalerweise hätte ich mit Sicherheit noch losziehen und etwas an die Dealer verteilen müssen. Aber die Clubs und das öffentliche Leben haben an diesem verschneiten Samstag eine Pause, die mir ein paar Stunden Freiheit verschafft. Ich werde nie verstehen, warum alle einen Tag im Leben brauchen, um sich einzureden, dass sie sich endlich ändern wollen. Diese Narren! Gedanklich rede ich mich in Rage.

Mal ehrlich, was soll dieser Zirkus? Wenn du abnehmen willst – nimm ab! Du willst mit dem Rauchen aufhören? Fein! Tu es, verdammt! Kein beschissener Tag dieser Welt macht einen besseren Menschen aus dir, wenn du nicht einfach anfängst!

Ich atme tief durch und mahne mich selbst zur Ruhe. Gedanklich sage ich mir immer mein Mantra auf, um meine innere Unruhe einzudämmen. Oft kann ich nichts gegen meine aufwallende Aggression tun, aber manchmal hilft es mir, wenn ich mir die folgenden Worte aufsage:

»Wenn du den inneren Schmerz nur lang genug erträgst, wirst du eines Tages der Sieger sein.«

Das ist es, was ich will: zuerst der Anführer und dann der König sein. Denn dann wird niemand mehr über Paul Wilson lachen und ihn in der Gegend herumschubsen! Und inneren Schmerz habe ich weiß Gott genug, um damit der König der Welt werden zu können! Aber es bringt eben nichts, sich um andere Leute einen Kopf zu machen. Jeder soll tun, was er für richtig hält, und ich fokussiere mich ausschließlich auf mich.

Nachdem ich mich beruhigt habe, schnappe ich mir meinen Helm und die Schlüssel. Halbwegs gut gelaunt verabschiede ich mich von Josh und verabrede mich gegen acht mit ihm zum Essen.

Zum Glück darf ich mein Bike mitnehmen und erfahre keine weiteren Konsequenzen durch Reed. Zu meinem Appartement in Strathcona ist es nicht allzu weit und ich höre mein Bett schon rufen.

Kaum, dass ich mich auf das Bike geschwungen habe, ärgere ich mich über den verdammten Schnee. Eigentlich sind die Winter in Vancouver vergleichsweise mild, aber dieses Jahr ... Fuck. Fast rutsche ich weg. Konzentriert ordne ich mich in den fließenden Verkehr ein. Ein paar Minuten genieße ich den eisigen Fahrtwind, bis mir einfällt, dass ich seit Tagen nichts mehr von meiner Mom gehört habe. Ich halte kurz vor der Abzweigung, die ich hätte nehmen müssen und checke mein Handy. Leider ist keine Nachricht von Noreen Wilson dabei. Hätte ja sein können, dass ich sie im Suff übersehen habe.

»Verdammt Scheiße!«, fluche ich laut und sehe mich um. Als die Straße frei wird, brettere ich darüber, um statt nach Strathcona in die Nähe von Downtown zur East Hastings Street zu fahren. Krampfhaft versuche ich, mich zu erinnern, wann ich überhaupt das letzte Mal etwas von meiner Mom gehört habe, die ausgerechnet in diesem beschissenen Viertel, in Kanadas Drogenhochburg lebt.

Vor ihrem Appartementhaus angekommen, streife ich den Helm ab und blicke angewidert auf die schmutzigen Gestalten, die sich mitten auf der Straße einen Schuss setzen. Ich bin hier aufgewachsen, zwischen hunderttausend Junkies und Säufern. Ohne jede Perspektive oder Hoffnung. Einzig das Elend, was mich jeden Tag aus seinen fahlen Augen angestarrt hat, hat mich davon abgehalten, selbst zum Junkie zu werden, auch wenn ich natürlich mal was probiert habe, um all das hier ertragen zu können. Meine Mom war leider nie so stark und ist komplett abgerutscht. Und heute habe ich ein seltsames Gefühl, als ich bei ihr vor der Tür stehe.

Wie ein Irrer drücke ich den Klingelknopf. Nichts passiert, also krame ich den Schlüsselbund aus der Seitentasche meiner Cargohose und öffne mir selbst. Mein Herz schlägt noch ein wenig schneller als ich die Stufen zu der Dachgeschosswohnung hinaufjage. Ich rede mir ein, dass das nur an der blöden Erkältung liegt. Es wird schon nichts passiert sein. Immerhin ist Noreen wie Unkraut. Es vergeht nicht. Zwar säuft sie wie ein Loch, aber sie hat sogar noch einen Job an der Tankstelle, wo sie sich mehrmals die Woche hinschleppt.

Hastig poltere ich durch die Wohnung. Es stinkt und immer wieder muss ich würgen. Als ich das letzte Mal hier war, roch es zwar wie in der Schnapsfabrik, aber weder nach Urin noch nach Gras. »Mom?! Wo steckst du?«

Sie war vermutlich die schlechteste Mutter aller Zeiten, aber verfickte Scheiße! Sie ist meine Mutter! Und sie hat es immerhin versucht. Hat es sogar geschafft, mich an der Saint Patrick High School, eine der besten Schulen in der Nähe Downtown Eastsides, anzumelden. Ist ja nicht ihre Schuld, dass ich die kurz vor dem Abschluss geschmissen habe, um Geld zu verdienen.

Ich werde immer vorsichtiger, als ich die kleine Wohnung fast durchquert habe und auf ihr Schlafzimmer zusteuere. Früher war das mein Zimmer, aber seit ich dem MC beigetreten bin, habe ich es ihr überlassen und mir eine eigene Bude gesucht. Mein Puls galoppiert mir fast davon, als ich die leicht offenstehende Tür weiter aufdrücke. Erneut erfasst mich eine Welle der Übelkeit und fast kotze ich auf den ohnehin widerlichen Teppich. Die Gardinen sind verschlossen und eine Gestalt liegt regungslos auf dem unordentlichen Bett. Würgend trete ich an meine ehemalige Schlafstätte und berühre die Frau, die kaum noch Ähnlichkeit mit meiner Mom hat.

»Mom?« Ich rüttle vorsichtig an ihr, ob sie ansprechbar ist. Ihre Haut fühlt sich kalt und irgendwie schwammig an und ich kann nicht mehr verhindern, dass mich Panik erfasst. »Mutter! Ich bin’s Paul!« Sie rührt sich nicht.

Damit ich einen besseren Überblick bekomme, lasse ich von ihr ab, reiße die Gardinen auf und öffne das Fenster. Gierig sauge ich einen Schwall frische Luft ein, bevor ich den Atem anhalte und mich auf meine Erzeugerin stürze. Sie hat sich übergeben und wirkt komplett heruntergekommen. Da ich zumindest keine äußeren Verletzungen erkennen kann, hebe ich sie behutsam vom Bett und lege sie auf den Boden. Ich hole mein Handy heraus und halte es ihr vor den Mund. Es beschlägt. Sie atmet. Gott sei Dank. Sofort bringe ich sie in die stabile Seitenlage, auch wenn sie sich vermutlich nicht noch mal übergeben muss, und wähle den Notruf. Innerlich bin ich froh, keine Mund-zu-Mund-Beatmung machen zu müssen, wenn ich mir das Desaster um mich herum ansehe. Immer wieder checke ich ihren Puls, um ganz sicherzugehen, dass er noch da ist. Auch wenn er schwach ist, ist er vorhanden. Die Dame in der Notrufzentrale versichert mir, dass sofort ein Krankenwagen kommen wird, und fragt mich, ob sie dranbleiben soll, falls weitere Maßnahmen notwendig werden. Ich überzeuge sie, dass ich in Erste Hilfe ausgebildet bin und lege auf. Missmutig sehe ich mich um. Überall liegen Whiskyflaschen und Bierdosen herum. Sehr zu meinem Missfallen riecht es streng nach Gras und Zigaretten. Sicher, ich habe früher auch mal gekifft und war es, der das Zeug mit nach Hause geschleppt hat, aber Noreen ist doch eine erwachsene Frau, die es ihrem dämlichen halbstarken Sohn nicht hätte nachmachen sollen. Ich spüre, wie die Wut in mir fast überkocht, als ich zudem auch noch ein Tablett mit einer Nadel und weißen Pulverrückständen auf dem Bett finde.

»Verflucht, Mom«, murmle ich. Als wäre die Sauferei und Kifferei nicht schon schlimm genug! Ich hocke mich wieder neben sie und fahre mir mit den Händen über mein Gesicht. Fucking New Year. Genau das ... niemand ändert sich, nur weil ein neues Jahr mit ein paar Raketen begrüßt wird. Meine Wut verraucht dieses Mal fast von allein, dafür ist es eine tiefe Resignation, die mich überfällt. Zum Glück klingelt es an der Tür und die Sanitäter übernehmen. Ich fühle mich mies, frage mich, ob ich etwas hätte tun können, um das hier zu verhindern, aber verdammt, mir fällt nichts ein. Seit ich die Highschool geschmissen habe und dem MC beigetreten bin, geht es mir deutlich besser als zu der Zeit, in der ich bei Noreen gelebt habe. Wenn ich geblieben wäre und versucht hätte, ihr zu helfen, dann hätte diese toxische Umgebung mich bloß weiter in den Abgrund gezogen. Ich hasse Alkohol und verabscheue Drogen und doch ist mir beides leider nicht fremd.

Mit leerem Kopf beantworte ich die Fragen der Sanis und sehe zu, wie sie abtransportiert wird. Innerlich kapsle ich mich ab, denn ich will den ganzen Scheiß nicht. Will diese Gefühle nicht, die diese Situation in mir auslöst. Mein Leben lang schon, muss ich mir Sorgen um sie machen! Es ist zu viel!

So traurig ich auch bin und so sehr ich auch ein schlechtes Gewissen habe, weil ich mein Geld ebenso unter anderem mit dem Verkauf von Drogen verdiene, so sehr sage ich mir auch, dass jeder eine Wahl hat. Wenn ich mir die ekelhafte Wohnung meiner Mutter so reinziehe und das Elend unten in der Straße, stehe ich definitiv auf der besseren Seite. Nicht auf der Richtigen, aber immerhin.

Nachdem sie Noreen weggeschafft haben, sehe ich mich noch kurz etwas um. Offenbar hat sie alles zu Geld gemacht, was wir noch hatten, denn die Wohnung wirkt kahl und kalt. Ich stütze mich auf dem Küchentresen auf und überlege, was ich jetzt tun soll.

Schweren Herzens verlasse ich diese Bude, fast ohne jede Emotion. Es ist das fünfte Mal, dass ich ihr das Leben gerettet habe – ich denke, das reicht. Geld würde sie nur verprassen, jetzt, da sie offenbar auch Härteres braucht, um den Tag noch herumzukriegen.

Ich sehe ein letztes Mal mit einem mulmigen Gefühl zurück, als ich die Tür hinter mir zuziehe. Einzig meinen Schlüssel habe ich von meinem Bund abgemacht und ihr auf den Küchentresen gelegt.

Als ich auf die Straße trete, fällt mir wieder ein, wie sauber und rein das Appartementhaus war, in dem Jasmine lebt. Irgendwie hat mir das gefallen. Diese cleane Umgebung hat meinen Geist beruhigt und obwohl die Nachbarn vermutlich täglich die Bullen wegen eines tätowierten Arschlochs wie mir rufen würden, würde es mich reizen, in Oakridge zu wohnen. Ich ziehe mir den Helm auf, verscheuche einen Kerl, der mich um Geld anbetteln will, und fahre los. Immer wieder schiebt sich währenddessen Jasmines Gesicht in mein Gedächtnis. Ich verstehe gar nicht, warum es mir die Tussi so angetan hat, denn immerhin haben wir nicht mal gefickt. Ich weiß also gar nicht, ob sie es überhaupt wert ist. Vermutlich ist sie wirklich nur eine verwöhnte Göre, die ihrem Bubi-Freund eins reinwürgen wollte.

Klar, ich hätte nach ihrer Nummer fragen können, aber wer bin ich den, dieser Rich Bitch hinterherzulaufen?

Mein Mantra im Kopf aufsagend, erreiche ich endlich mein eigenes Zuhause. Auch ich lebe nicht sehr luxuriös, aber im Vergleich zu der Wohnung meiner Mom ist meine Einzimmerwohnung das reinste Paradies. Zweimal im Monat kommt Abbey, eine der Mädels aus dem Clubhaus, vorbei und hilft mir beim Saubermachen. Dafür revanchiere ich mich bei ihr mit einem selbstgekochten Abendessen und einem ausgiebigen Fick. Die Kleine steht total auf mich, aber sie respektiert, dass ich nichts Festes will.

Völlig erschöpft springe ich unter die Dusche und haue mich dann noch eine Stunde aufs Ohr. Die Verabredung mit Josh will ich auf keinen Fall sausen lassen, denn ich brauche heute wirklich noch einen Freund, mit dem ich quatschen und den Alltag etwas vergessen kann. Denn so sehr ich dem Ziel auch entgegenfiebere, der Weg dorthin ist nicht immer einfach.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺157,71

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
215 s. 26 illüstrasyon
ISBN:
9783754187098
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:
Serideki Üçüncü kitap "Bad Boys of Vancouver"
Serinin tüm kitapları