Kitabı oku: «Sie senden den Wandel»

Yazı tipi:

ibidem-Verlag, Stuttgart

Für alle, die den Mut haben zu träumen.

Vorwort

Mein erstes Buch, das ich im ibidem-Verlag veröffentlichen konnte, war meine Diplomarbeit zu „Freien Radios“: „Freie Radios als Ort der ‚Jugend-Medien-Arbeit‘“. Der Band ist immer noch erhältlich und meine Leidenschaft für einen Hörfunk, in dem Menschen zu Wort kommen, deren Stimmen sonst nicht gehört werden, ist geblieben. Auch die Vision eines Rundfunks, der kein Sprachrohr der „herrschenden“ Eliten und Parteien ist, sondern ein Medium für Menschen, die sich eine emanzipatorische Gesellschaftsordnung wünschen und dafür eintreten, ist geblieben. Diese Vision teile ich mit der Filmemacherin Viviana Uriona, der Autorin dieser Arbeit.

Ich freue mich deshalb sehr, ein Buch zu „nichtkommerziellem Rundfunk“, zu Bürgermedien, den sog. „Community-Radios“, in Argentinien herausgeben zu dürfen.

Die Autorin nimmt uns in ihrer Dissertation auf eine Reise mit nach Südamerika. Sie gibt einen Einblick in die „Community-Radios“, die sich in Argentinien als Medien für eine Transformation, die den Kapitalismus von unten überwinden möchte, begreifen. Sie sind im Vergleich zu den deutschsprachigen „Freien Radios“ offenbar sehr viel stärker in der lokalen Bevölkerung verankert, stehen mit dieser in einem ständigen funktionalem Austausch, der die Grenze zwischen der Produktion und Konsumtion von Medieninhalten verwischen lässt und verstehen sich – neben selbstverwalteten Fabriken und Landkommunen – als Akteure gesellschaftsverändernder Praxis.

Das deckt Viviana Uriona eindrucksvoll mithilfe von ethnografischen Methoden auf. Wie in einer wissenschaftlichen Arbeit üblich, stellt die Autorin die Methodik, die ihrer Untersuchung zugrunde liegt, ausführlich vor, um sie im wissenschaftlichen Diskurs nachvollziehbar zu machen. Für manchen Praktiker, manche Praktiker*in, der oder die lieber gleich zur Sache kommen möchte, mag der wichtigste Teil dieses Buch erst mit dem zweiten Kapitel, „Motivation“, beginnen. Ausgehend von der Geschichte der Radios der Minenarbeiter in Bolivien, welche Vorbildcharakter für die Community-Radios in Lateinamerika hatten, werden auch andere Formate wie „Bildungsradios“ und Bürgerradios skizziert, um danach das basisdemokratische Konzept der „Poder Popular“ (Populäre Macht) im Kontext einer emanzipatorischen Radiobewegung zu erläutern. In Anlehnung an das Hegemoniekonzept von Antonio Gramsci wird beschrieben, wie die „Community-Radios“ sich einen Platz in der argentinischen Medienlandschaft erkämpften. Dieser Kampf fand einen vorläufigen Höhepunkt, als während der Regierungszeit von Kirchner und Fernandez (2003 bis 2015) die selbstorganisierten sozialen Bewegungen ein neues Mediengesetz erstritten und mitgestaltet hatten.

Die vielen Statements aus den Interviews mit den Radioaktivist*innen, die die Autorin authentisch zu Wort kommen lässt, sind für mich als Herausgeber zweifelsohne das Herz dieser Arbeit und sie machen sichtbar, wie Menschen sich das Medium Radio aneignen und emanzipatorische Prozesse ausgelöst werden können.

Berlin, im Sommer 2020

Harald Hahn

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Hintergrund und Rahmenbedingungen

2. Angewandte Methode (Grounded Theory)

2.1. Die Wahl der Methode

2.1.1 Komparative Analyse

2.1.2 Kodieren nach der Methode des permanenten Vergleichs

2.1.3 Interviewführung und Wahl der Interviewpartner*innen

2.1.4 Gütekriterien und kritische Haltung zur Methode

2.2 Hinterfragung der gewählten Methode (Warum nicht Aktionsforschung?)

2.2.1 Darstellung der Aktionsforschung

3. Theoretische Rahmung

3.1 Begriff von Theorien und Theorie der Begriffe

4. Kritische Begrifflichkeiten: Kommunikation, Öffentlichkeit und »Kommunikation als Menschenrecht«

4.1 Zum Begriff der Kommunikation

4.2 Zum Begriff der Öffentlichkeit

4.3 Zum Begriff »Kommunikation als Menschenrecht«

2. Motivation

2.1 (Community)-Radios – ein kurzer Überblick über eine realexistierende Gegenhegemonie

3. Methodologie (Genese)

3.1 Methodologische Herangehensweisen

3.1.1 Eigene Verortung und äußere Rahmenbedingungen

3.1.2 Nördlicher ruraler Raum (Dokumentarfilm Sachamanta)

3.2 Quellen und der Umgang mit ihnen

3.2.1 Interview / Quellen

3.2.2 Vorgehensweise bei der Analyse der Interviews

3.2.3 Auswertungsverfahren (interpretativ)

4. Quellenanalyse und Theoriebildung

4.1 Radio – ein Begriff und viele Begriffsinhalte

*Radios Mineras

*Radios Educadoras

*Radios Propaladoras

*Radios Truchas

*Radios Populares

*Radios Ciudadanas

*Radios Alternativas (Alternative Radios)

*Radios Comunitarias (Community-Radios)

*Freie Radios (eine Abgrenzung)

4.2 Partizipation und ihre Räume

4.2.1 Radio als Teil des Ganzen

4.2.2 Radio als offener Raum

4.2.3 Identität (entlang der Praxis) gemeinsam (neu) finden

4.2.4 Das Radio als Werkzeug(kasten)

4.2.5 Entmystifizierung der Technologien als Empowerment-Mechanismus

4.3 Populare Macht (Poder Popular) als Produktionsstätte radikaler Alterität

4.4. Hegemonie und Gegenhegemonie

4.5 Objektive Berichterstattung

4.6 Öffentlichkeit ohne Raum – Raum der Öffentlichkeit

* (Alternative) Gegenöffentlichkeit gestalten

* Alternative Öffentlichkeit schaffen

*Authentische Öffentlichkeit herstellen

4.7 Recht auf Kommunikation

4.7.1 Kommunikationsbegriff

4.7.2 Kommunikation als (Menschen)Recht

5. Sozialer und politischer Druck von »unten« (Soziale Bewegungen)

5.1 Argentinien

5.1.1 »Sie sollen alle abhauen!« – die Emanzipation der Massen

5.1.2 Das Erstarken der gewerkschaftlichen Arbeiter*innenbewegung

5.1.3 Volksversammlungen

5.1.4 (Kleines) Fazit

5.2 Kontinentaler Kontext

6. Das argentinische Medienrecht im (rechts)historischen Kontext

6.1 Antidemokratischer Ursprung

6.2 Verlorene Jahre

6.3 Die Demaskierung der Hegemonie

7. Ein Gesetz für alle Stimmen

8. Ausblick

9. K[l]eine Kommentierung zum LSCA

1. Gliederung und Besonderheit

2. Erster Teil

3. Zweiter Teil

4. Dritter Teil

5. Vierter Teil

6. Fünfter Teil

7. Sechster Teil

8. Siebter Teil

9. Anmerkungen zu verbleibenden Teilen

Abkürzungsverzeichnis

Anhang

I. Inhaltsverzeichnis des LSCA

II. Codesbuch

Literaturverzeichnis

Einleitung
1. Hintergrund und Rahmenbedingungen

Auf dem lateinamerikanischen Kontinent im Allgemeinen – und im Besonderen in Argentinien – existiert eine nach europäischen Maßstäben schier unfassbare Anzahl an Radiostationen. Mehr als 25 000 Sender sind es in ganz Lateinamerika (Ballesteros, T.: https://radialistas.net/mapa-de-radios/1). Unter ihnen gibt es staatliche Sender, dezidiert öffentlich-rechtliche Sender und private Sender. In 2012 gab es nach Ballesteros allein in Argentinien ca. 8000 Sender. (Ballesteros, T. 2012: 35)

Diese hohe Anzahl an Radiostationen erklärt sich nicht allein durch ein anderes Medienkonsumverhalten oder kulturelle Besonderheiten. Es gibt auch deshalb so viele Radiosender in Lateinamerika, weil es einen Typ Radiosender gibt, der in Europa in dieser Form kaum existiert, in Lateinamerika aber eine enorme soziale und politische Bedeutung hat: das Community-Radio. Schätzungen zufolge werden allein in Argentinien zwischen 3000 und 6000 Community-Radios2 betrieben. (Ballesteros, T. 2012: 35) Der bürgerlichen Rechtsform nach handelt es sich bei diesem Radiotyp um eine private Station, also eine Station, die weder im Eigentum des Staates steht noch von diesem in Funktion gesetzt und unterhalten wird. Dennoch bestehen fundamentale Unterschiede zu den europäischen »Privatsendern« einerseits und zu den europäischen »Freien Radios« andererseits.

Erstens ist der »Privatbesitz« an einem Community-Radio ein gemeinschaftliches, egalitäres Eigentum einer relativ großen Gruppe von Menschen, die durch den Gebrauch des Eigentums keine Gewinnerzielungsabsicht verfolgen.3 Dies unterscheidet Community-Radios von typischen privaten Sendern. Zweitens sind die betreibenden Gruppen hierarchiearm organisiert, was sie von typischen privaten Sendern ebenso unterscheidet wie von vielen europäischen Freien Radios. Drittens beziehen die Stationen die lokale Bevölkerung in die Gestaltung des Programms und in die Entwicklung der Stationen aktiv ein, was beim europäischen »Freien Radio« allenfalls eine Zielstellung sein mag, die jedoch bislang meist ohne nennenswerten Erfolg blieb. Viertens erreichen Community-Radios – anders als die europäischen Freien Radios – eine enorme Zahl von Hörer*innen und sind wesentliche Akteure bei der politischen Ideenfindung und Willensbildung.

Die vorliegende Studie beschäftigt sich mit diesen argentinischen Community-Radios und untersucht sie und die sie tragende(n) Bewegung(en) als gegenhegemoniales Projekt, als ein gegen den Mainstream der Massenmedien gerichteten dauerhaften (und erfolgreichen) Versuch, (Gegen)Meinungen zu bilden, Gegen(Informationen) zu verbreiten und so zu einer (postkapitalistischen) gesellschaftlichen Transformation beizutragen. Die Untersuchung hat ein Motiv. Dieses besteht in dem Versuch zu der Debatte über »Bürger*innen-Medien« in Deutschland und Europa beizutragen, die bislang nicht zu klären vermochte, warum es hier nie gelang, zu einer massenwirksamen »Berichterstattung von unten« zu kommen.

Es lässt sich annehmen, dass es hierzulande die unzureichende materielle Ausstattung von Bürgermedien ist, ihre Benachteiligung bei der Vergabe von Frequenzen oder ihre mangelnde »Professionalität«, die ihre Wirksamkeit behindert. Und tatsächlich wird diese Studie zeigen, dass die argentinischen Community-Radios im Vergleich besser ausgestattet sind, bei der Frequenzvergabe bessere Rechte haben und den »Professionellen« in Staats- und Privatfunk nicht nachstehen. Dennoch ist diese Besserstellung nicht allein die Ursache der sozialen Wirksamkeit der argentinischen Community-Radios, sondern sie ist zugleich die Folge der sozialen Funktion dieser Radios, ihrer inneren Struktur und ihrer Verankerung in der Bevölkerung – und zwar von ihrem Beginn an und unter wesentlich schlechteren Bedingungen als heute. Diese Studie wird daher auch zeigen, dass es ursächlich das Selbstverständnis der argentinischen Community-Radios als Gesellschaftsveränderer ist, das ihnen in der Folge eine enorme Bedeutung im Medienspektrum verschafft hat.

Dieser Blick auf Ursachen und Folgen kann zudem völlig von dem konkreten untersuchten Medientyp unabhängig erfolgen. Die innere Struktur eines Medienbetriebes und der Grad seiner Verankerung in der Bevölkerung lassen sich ebenso gut für Fernsehstationen, Zeitungen oder Onlineangebote untersuchen.

Der Erfolg der argentinischen Community-Radios ist auch nicht radiotypisch zu erklären, also etwa über die Annahme, das Medium Radio eigne sich besonders gut für eine gesellschaftsverändernde Praxis oder garantiere sie sogar. Träfe dies zu, müssten europäische Stationen ähnlich erfolgreich sein. Die Radiowellen, Antennen, Sender und Empfangsgeräte in Argentinien unterscheiden sich aber technisch nicht von denen an anderen Orten der Welt. Nicht die Betrachtung des äußeren Aufbaus des Mediums trägt zur Analyse bei, sondern die Untersuchung des konkreten Gebrauchs des Mediums, mithin der innere Aufbau.

Der Erfolg der Stationen ist abstrakt betrachtet zunächst ein medientypischer Erfolg, dessen Analyse zu Erkenntnissen für das »Medienmachen« führt, die übertragbar sind auf alle anderen Formen von Medien. Diese übertragbaren Ursachen des Erfolges der argentinischen Community-Radios lauten überblicksartig: Selbstorganisation, eigene Produktionsmittel, hierarchiefreier Aufbau, Empowerment, Streben nach Aufhebung des Sender-Empfänger-Prinzips, Verwurzelung in der Community.

Auf all diese Bereiche wird diese Studie ausführlich eingehen. Sie stützt sich dazu auf Interviewanalysen nach der Grounded Theory und auf eine Vielzahl gesellschaftstheoretischer (poder popular), philosophischer (marxistischer), juristischer, historischer und medientheoretischer Überlegungen, die sie zum Verständnis des Datenmaterials heranzieht.

2. Angewandte Methode (Grounded Theory)

Der vorliegenden Untersuchung liegt die Methode der Grounded Theory zugrunde. Dies ist ein vor allem in der Sozialwissenschaft verwendeter Ansatz zur Auswertung qualitativer Daten, wie sie etwa bei der Interviewführung gewonnen werden, mit dem Ziel der Gewinnung von Theorien zum Forschungsgegenstand. In der englischen Sprache wird das Wort »Theory« sowohl im Sinne von »Methode« als auch im Sinne von »Theorie« verwendet. Nach deutscher Lesart ist die Grounded Theory selbst noch keine Theorie, sondern eine Methode zur Generierung von Theorien4. Sie ist überdies keine einheitliche Methode. Verschiedene Wissenschaftler*innen, die zur oder mit der Grounded Theory arbeiten, haben unterschiedliche Auffassungen zum Gehalt der Methode, die zum Teil zurückgehen auf die von den Urhebern Glaser und Strauss5 untereinander eröffnete Diskussion zum Verständnis der von ihnen vorgelegten Methode.

Allen diesen verschiedenen Ansätzen ist aber auch ein spezifisches Erkenntnisinteresse gemeinsam, auf das es mir für meine Forschungen entscheidend ankommt: Anstatt die im Datenmaterial erfassten subjektiven Sichtweisen zu rekonstruieren, kommt es darauf an, die sozialen (und m.E. auch materiellen) Phänomene herauszuarbeiten, die diesen Sichtweisen (ursächlich bzw. motivierend) zugrunde liegen.

2.1. Die Wahl der Methode

Während meiner universitäts-wissenschaftlichen Zeit habe ich bereits als Studentin, aber auch als Mitarbeiterin unterschiedlicher Lehrstühle jahrelange Erfahrungen mit unterschiedlichen Forschungsmethoden, sowohl quantitativer als auch qualitativer Forschungsdesigns, gesammelt. Diese Erfahrungen, die aus der Anfertigung kleiner, mittlerer und größerer Untersuchungsarbeiten sowie der Tätigkeit als Dozentin für diverse universitäre Seminare entstammten, ermöglichten mir, bereits im Frühstadium meines Forschungsvorhabens zu den Radiostationen (Exposé) eine genaue Vorstellung zu entwickeln, welche Methode genutzt werden sollte: die Grounded Theory.

Diese Methode ermöglichte es mir, für mein Forschungsdesign das Forschungsfeld der Radios mittels leitfadengestützter Interviews angemessen zu erheben und ganz nach (u.a.) Charmaz (1996) aus Versionen von Realität einen konsistenten Kern herausarbeiten zu können, als eine Version von Realität, d.h. als eine mögliche (wahre) Darstellung von Geschehnissen, denen eine (materielle) Ursächlichkeit zugrunde liegt. Die Entscheidung für eine bestimmte Forschungs- und Auswertungsmethode ist im Sinne von Schirmer (2009) das Ergebnis einer Kompromissfindung seitens der Forschenden. Sogleich erläutern werde ich, warum ich die so genannte Aktionsforschung als Methode weniger tauglich fand und daher auch nicht verwandte.

Das Erscheinen der ersten Publikationen6 zur Grounded Theory von Glaser und Strauss legte Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts einen neuen Grundstein in unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Disziplinen, der zahlreich adaptiert und verbreitet worden ist. (Lampert, C. 2005: 516-517) Relativ neu war dabei zum einen der Ansatz, nicht etwa (bestehende) Theorien anhand eines geschlossenen Datenmaterials aufzustellen oder zu überprüfen, sondern neue Theorien durch zyklische Datenerhebung aufzufinden, wobei die Theorien gleichsam im Datenmaterial »schliefen«.7 Zum anderen förderte m.E. die dem Ansatz inne liegende Logik eines abduktiven Schließens die Realitätsnähe bzw. Praxisnähe der Forschenden, weil sie diese in einen Kreislauf zwang, bei dem sie ihre aus den Hypothesen gefundenen Vorannahmen immer wieder faktisch überprüfen mussten und ihre Hypothesen entlang des Faktischen ggf. neu aufstellen, wenn die Überprüfung der aus ihnen abgeleiteten Vorannahmen zu keiner Bestätigung führte. Im Bereich der Naturwissenschaft entspräche die Grounded Theory gewissermaßen einem Ansatz, der z.B. die theoretische Physik aufforderte, von der Tafel und vom Simulationscomputer einen Schritt zurückzugehen und die Messinstrumente neu aufzubauen. Im Bereich der Sozialwissenschaft ist die Methode ein Ausfluss des Symbolischen Interaktionismus.

Wenn wir uns die Methode Grounded Theory als einen Werkzeugkasten mit verschiedenen Werkzeugen vorstellen (sowie Anleitungen zu deren Gebrauch), so enthielte der Kasten in etwa das Folgende:

 Die Erhebung eigenen Datenmaterials (hier Interviews) zur Interpolation der in ihm auffindbaren Realitätsgehalte zum Zwecke der Theorienbildung im Wege komparativer Analyse und permanenten Vergleichs (dazu sogleich) (Strübing, J. 2004: 13ff.)

 die Möglichkeit und sogar die Pflicht der Forschenden, sich selbst zu verorten8

 die Betrachtung und Thematisierung der äußeren Rahmenbedingen des Forschungsgegenstandes

 Die Heranziehung externer Materialien zur Theoriebildung (und Überprüfung)9

Insbesondere auf die Erfordernisse der komparativen Analyse und die Methode des permanenten Vergleichs möchte ich bereits hier näher eingehen.

2.1.1 Komparative Analyse

Glaser und Strauss empfahlen eine Vorgehensweise, die stark an die Idee der abduktiven Logik von Charles Sanders Peirce (1839–1914) angelehnt ist, ohne dies zu benennen und vielleicht sogar, ohne sich dessen bewusst zu sein. (Reichertz J. 2011: 208) Die Forschenden mögen sich zur Theoriebildung in einen zyklischen Kreislauf aus Erhebung von Daten, Analyse von Daten und Auswertung von Daten begeben. (Strübing, J. 2014: 15f)

So bin auch ich verfahren. Die für diese Arbeit geführten Interviews mit den Radiomacher*innen entstanden entlang einer sich stetig verfeinernden Theoriebildung zu den ideellen und materiellen Ursachen des Erfolges der Radios. Zugleich entwickelte ich die Theorie und deren Hypothesen entlang des in den Interviews aufgefundenen Datenmaterials durch Falsifikation oder Verifikation nach dessen Transkription und Kodierung.

Ich änderte dabei allerdings nicht die Struktur der leitfadengestützten Interviews, weil ich davon ausgehen durfte, dass mir die Interviewführung selbst genug Raum gab, um neu auftauchende Codes, Kategorien und Theorieansätze zu überprüfen.

2.1.2 Kodieren nach der Methode des permanenten Vergleichs

Mein Sampling umfasste 20 Interviews mit Radiomenschen aus urbanen und ruralen Zusammenhängen sowie ca. 24 weitere Interviews, die ausschließlich im ruralen Raum geführt wurden10, um einen maximalen Kontrast in der Datenerhebung hervorzurufen. Die Kodierung der Interviews erfolgte iterativ entlang der Führung neuer Interviews. Der stetig anwachsende Datensatz wurde zunächst einer offenen Kodierung unterzogen, um sich wiederholende bzw. wiederkehrende Phrasen (oder Wörter) zu identifizieren. Anhand von Kernvariablen (Verhaltensmuster) der interviewten Personen bildete ich dann Kategorien. Dabei wurden die Wertigkeit des Codes, die Relevanz der Kernvariablen und die Tauglichkeit der Kategorien durch fortlaufendes Erheben und Kodieren neuer Daten jeweils hinterfragt. Kategorien, die eher Bestand behielten, dienten bei der Codierung neuer Daten als jeweils maßgeblicher (selektive Kodierung). Die sich verstärkenden Kategorien dienten der Theoriebildung (unter Berücksichtigung der hinter ihnen stehenden Kernvariablen und unter Heranziehung philosophischer, sozialwissenschaftlicher und politikwissenschaftlicher Grundannahmen).

2.1.3 Interviewführung und Wahl der Interviewpartner*innen

Für die Durchführung der Interviews bediente ich mich der Haltung der ethnografischen Interviewerin. (Spradley, J. 197911) Damit war gewährleistet, dass die Bedeutung des »Fremden«, des von »außen Kommens« gewahrt blieb, obwohl ich sowohl eine argentinische Herkunft als auch einen Radiohintergrund habe.12 Selbstverständlich kann mein subjektives Vorverständnis aber nicht völlig ausgeblendet werden. Es hatte sicher Einfluss auf die Entscheidungen zu spezifischen Nachfragen oder Vertiefungen. Die interviewten Personen sind als »Teil des Handlungsfeldes« ganz im Sinne von Meuser und Nagel zu verstehen. (Meuser, M; Nagel, U. 2005: 73)13

2.1.4 Gütekriterien und kritische Haltung zur Methode

Schließlich sah ich mich bei der Forschung zu dieser Arbeit an grundsätzliche Parameter (Gütekriterien) gebunden, deren Wichtigkeit oft im Zusammenhang mit der Grounded Theory betont werden. Diese sind:

 die Pflicht zur Auswahl und zum Erfassen des Untersuchungsgegenstands in der bestmöglichen Art und Weise,

 die Nachvollziehbarkeit des Forschungsprozesses, indem dieser transparent und intersubjektiv vorgelegt wird,

 und schließlich das Ermöglichen der Nachvollziehbarkeit der Reflexion sowohl dieses Forschungsprozesses als auch seiner Ergebnisse. (Strauss, A. und Corbin, J. 1996: 214f.; Lampert, C. 2005: 522)

Darüber hinaus waren die Texte von Strübing (u.a. 2006) und Hildebrand (u.a. 2004) für mich aufschlussreich, um die Entwicklung und Auseinandersetzung der zwei Richtungen der Grounded Theory zu durchdringen14 und eine kritische Auseinandersetzung mit der Methode zu finden. Denn die Grounded Theory ist nicht nur eine Methode zur Generierung von Theorien. Sie ist eben auch eine Methode zur Hinterfragung von Methoden und das schließt sie selbst ein.

Ich finde es schwer vorstellbar, dass im Datenmaterial selbst bereits Erkenntnisse »schlummern«, die dort sozusagen objektiv bestehen und von jedem Forschenden gleichermaßen nur aufgefunden werden müssen, solange die Methode beachtet wird. Ich denke, im Datenmaterial schlummern vielmehr solche Erkenntnisse, die nach den ideellen Maßstäben, der sozialen Verortung, der Klassenzugehörigkeit und der Vorbildung des Suchenden dort spezifisch erkennbar werden. In diesem Punkt folge ich eher Strauss, der die Haltung vertrat, dass theoretisches Vorwissen in die Analyse der Daten notwendig einfließen müsse, wobei ich anmerken möchte, dass bereits das theoretische Vorwissen nicht allein gleichsam in der Summe des Gelesenen und Behaltenen besteht, sondern immer zugleich das »für richtig« und »für relevant« Gehaltene beinhaltet, das wiederum ohne Hinzuziehung der sozial-ökonomischen Verortung des Forschenden nicht sinnvoll bestimmt werden kann.

Ähnlich Strauss gemeinsam mit Corbin:

»Theory is not the formulation of some discovered aspect of a pre-existing reality ›out there‹ [...] Theories are interpretations made from perspectives as adopted or researched by researchers« (Strauss, A. und Corbin, J. 1994: 279)

Dazu schreibt Strübing aufschlussreich:

»Aus Daten allein ›emergiert‹ gar nichts, erst recht keine Konzepte. Zwar rekonstruiert der Kodierprozess in der Grounded Theory in der von Strauss und Corbin vertretenen Variante durchaus, doch ist der Prozess kein durchweg logischer, denn er kommt nicht ohne das kreative Zutun der Forschenden aus: Wir ›machen‹ Sinn aus den Daten, sie sprechen nicht zu uns. Auch wenn wir den Sinn der Interaktionen von Handelnden zu rekonstruieren versuchen, so ist der dabei zu leistende analytisch-interpretative Prozess doch kein logisch zwingender, sondern ein tentativ-experimenteller. Zwischen Daten und Konzepten liegen mühevolle Explikationen, die Aktivierung von alltags- und wissenschaftlichem Vorwissen und Heuristiken, Abduktionen, riskante, weil probabilistische Schlüsse und die fortgesetzte experimentelle Überprüfung vorläufiger Konzepte (Ad-hoc-Hypothesen) an systematisch ausgewähltem Datenmaterial.« (Strübing, J. 2006: 150)

Während der Analyse der Interviews sprachen die Daten also deutlich zu mir, während sie anderen Personen durchaus auch Anderes zu erzählen gehabt hätten. Die Daten gaben mir schon beim offenen Kodieren oft eine deutliche Richtung an, die ich dann durch das Heranziehen anderer Vergleiche und in zyklischer Form nicht selten validieren konnte (»Radio und sozialer Wandel«). Viele andere Codes (»Radio und Familie«), die bereits von Anfang an nicht relevant für die Analyse waren, validierten sich auch in ihrer Relevanzlosigkeit.

Diese notwendige Subjektivität besteht m.E. auch im Bereich der (zyklischen) Theoriebildung unter Berücksichtigung spezifischer Literatur. Für diese Arbeit habe ich eine Vielzahl von Literatur herangezogen, die vor allem im lateinamerikanischen Raum als relevant erachtet wird und im deutschsprachigen Raum bislang kaum bis gar nicht in der Sozialwissenschaft rezipiert wurde.

»People construct texts for specific purposes and they do so within social, economic, historical, cultural and situational contexts. Texts draw on particular discourses and provide accounts that record, explore, explain, justify, or foretell actions, whether the specific texts are elicited or extant.« (Charmaz, K. 2006: 35)

Viele der herangezogenen Texte lateinamerikanischer Autoren entstammen dem Feld eines kritischen dialektischen Materialismus. Es dürfte auf der Hand liegen, dass dessen Einbeziehung in die Theoriebildung deutlich andere Ergebnisse hervorbrachte, als es etwa im Falle der ausschließlichen Einbeziehung idealistischer (deutscher) Philosophie der Fall gewesen wäre.

»Es geht bei der Datenanalyse um die Dialektik von Daten und Theorie ebenso, wie von Feld und Forschenden.« (Strübing, J. 2006: 150)

Dimension sowie auch Relevanz des dialektischen materialistischen Aspekts werden in der vorliegenden Studie später vertieft (Kapitel 4: Quellenanalyse und Theoriebildung). Als ich meine Forschungen begann, kannte ich den ganz überwiegenden Teil der nun verwandten lateinamerikanischen Literatur selbst nicht. Ich las diese Literatur vielmehr erstmals entlang der Codierungen der Interviews. In weiten Teilen schien mir diese Literatur auch wesentlich geeigneter zur Theorienbildung als die (zum Teil) innerlich als untauglich verworfene europäische Literatur. In Teilen entsprach ich damit einer von Strauss und Corbin geforderten Haltung, wonach die Forschenden bereit sein müssten, vorhandenes Vorwissen auszublenden bzw. zu revidieren. (Corbin, J. und Strauss, A. 2008: 37-38)

2.2 Hinterfragung der gewählten Methode (Warum nicht Aktionsforschung?)

Intention der Aktionsforschung ist es (u.a.), praxisnahe Hypothesen aufzustellen, die zu Veränderungen im Sinne einer Problemlösung führen. Diese Studie sieht in der Hegemonie der klassischen Medien ein Problem, zu dessen Lösung sie beitragen möchte. Es wäre also zunächst nicht fernliegend, bei der Wahl der Methoden statt oder neben der Grounded Theory auch die Aktionsforschung15 einzubeziehen, zumal beide Methoden von einem starken Praxisbezug ausgehen. Beide Methoden können grundsätzlich ergänzend, also nebeneinander angewandt werden bzw. in einen befruchtenden Zusammenhang gebracht werden, wie unter anderem Dick feststellt.16 Dazu müssten dann m.E. aber auch für beide Ansätze die Minimalvoraussetzungen vorliegen. Dazu sogleich.

2.2.1 Darstellung der Aktionsforschung

Die Aktionsforschung versteht sich als eine problemlösende Forschungsstrategie, die die Akteur*innen und Forscher*innen gleichermaßen einbezieht. (Pieper, R. 1972)17 Von Anfang bis zum Ende eines Prozesses sollen Forscher*innen und Akteure Probleme feststellen und Lösungsansätze ausarbeiten, die entlang des realen Erlebens geschehen bzw. evident werden. Durch die zyklische Form des realen Prozesses (welche nicht zu verwechseln ist mit dem von der Grounded Theory angeratenen ideellen, zyklischen Durchlaufen abduktiver Logikkreisläufe) sollen Ergebnisse oder Lösungsansätze im konkreten Umfeld getestet bzw. ausprobiert werden.

»The research needed for social practice can best be characterized as research for social management or social engineering. It is a type of action-research, a comparative research on the conditions and effects of various forms of social action, and research leading to social action. Research that produces nothing but books will not suffice.«18 (Lewin, K. 1946: 202-203)

Bezüglich des Zyklischen benennt schon Moser im Jahr 1977 als Minimalkriterium, dass

»[...] ein Datenfeedback stattfinde[t]n soll, ein problematisierender Diskurs mit den Betroffenen.« (Moser, H. 1977a: 58)

Nach Moser ist die Aktionsforschung darauf ausgerichtet, auch die sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse der Forschenden dem Feedback der Akteure zu unterziehen. (Moser, H. 1977a: 59) Und tatsächlich ist dem Ansatz wohlwollend entgegenzubringen, dass die Sozialwissenschaft ein merkwürdiges Verständnis von sich selbst hätte, wenn sie an ihrem Echo in der (sozialen) Realität kein Interesse hätte. Doch der Imperativ der Aktionsforschung geht noch weiter:

»Aktionsforschung […] erfordert die zielbezogene Diskussion konkreter Forschungsmethoden, wobei insbesondere mitzureflektieren ist, auf welche Weise die sozialen Beziehungen durch die betreffende Methode mitbestimmt bzw. verändert wird [sic!].« (Moser, H. 1977a: 60)

Sogar die Methodenwahl der Forschenden kann gemeinsam kritisch evaluiert werden, bis hin zu deren Abwahl und der Neuausrichtung der Forschung. (Moser, H. 1977a: 61)

Seit Lewin und über Moser hinweg hat sich die Aktionsforschung stetig weiterentwickelt und sie ist heute als Methode (als Werkzeug) in bestimmten Forschungszusammenhängen stabil verankert. Die große Zahl an Dissertationsschriften, Forschungsarbeiten im Bereich Erziehung und Bildung (z. B. Altrichter, H. 1998) und Arbeiten im Bereich der Psychologie, die die Aktionsforschung zugrunde legen, zeigen nicht nur ihre Aktualität, sondern auch ihre Wertschätzung als Methode.

Ich schätze den kritischen Ansatz der Aktionsforschung wegen der durch sie angeordneten großen Nähe zwischen Forschenden und den Menschen, zu denen geforscht wird, und dies nicht nur deshalb, weil damit die künstlichen (Macht)Grenzen zwischen Beurteilenden und Beurteilten aufgehoben werden, sondern auch, weil die in der Methode angelegte inhärente Überprüfung wissenschaftlicher Ergebnisse die Sozialwissenschaft insgesamt bereichern dürfte.

Dennoch kam die Aktionsforschung als Methode für diese Arbeit nicht in Frage, und zwar weil mein Forschungsvorhaben den von Moser benannten »Minimalkonsens«19 für die Aktionsforschung in zwei Bereichen nicht erfüllte. Erstens bin ich kein gleichberechtigtes Teil der von mir untersuchten Bewegungen und musste mich auch nicht zu einem Teil machen. Dies wäre zweitens auch ganz sinnlos gewesen, denn in den untersuchten Gruppen bestand kein (gemeinsames) Problem, das wir hätten lösen können oder wollen. Die Untersuchten schilderten auch kein solches Problem, zu deren Lösung sie meine Mithilfe erfragt hätten.

Der Ausgangspunkt der Untersuchung lag nicht in einem Problem, sondern in der Suche nach den Ursachen eines »Nichtproblems«, nämlich der Suche nach den Gründen des Erfolges der Community-Radios, repräsentiert in ihrer großen Anzahl, ihrer großen Zuhörer*innenzahl und ihrer enormen sozialen Wirkung. Das zu lösende Problem bestand und besteht nicht in Argentinien. Es besteht in Deutschland und Europa.

3. Theoretische Rahmung

Durch das Herausarbeiten von Aussagen mit höheren Dichte (density20), welche in sich einen analytischen bzw. der Analyse zugänglichen Charakter trugen, entstand entlang der Auswertung der geführten Interviews (in zyklischer Form) die theoretische Rahmung dieser Studie. Mir war von Anfang an klar, dass ich mich auf die Suche nach prägender lateinamerikanischer Literatur machen musste. Diese Literatur beeinflusst bis heute maßgeblich Diskussionen um das Selbstverständnis der argentinischen (Medien-)Aktivist*innenszene. Darüber hinaus verfügt die untersuchte Szene über Kenntnisse und Durchdringungen der europäischen Literatur zum Thema. Diese Literatur wurde hier selbstverständlich auch herangezogen.

3.1 Begriff von Theorien und Theorie der Begriffe

Es ist natürlich unmöglich, beide Literaturkreise in inhaltlicher Hinsicht präzise voneinander abzugrenzen. Gleichwohl gibt es zwischen ihnen markante Unterschiede. Tendenziell pflegt die lateinamerikanische Literatur einen praktischen Umgang mit den von ihr behandelten medienpolitischen Themen. Sie ist agitativer, auf ihre Wirkung in der Medienwelt orientiert und legt weit weniger Wert auf begriffliche Diskussionen als in der europäischen Literatur üblich. Der Grund liegt wohl darin, dass sich die herangezogenen Autoren mit ihren Schriften sich auf eine lebendige Szene der gegenhegemonialen Praktiken stützen und abzielen können und ihre Werke daher zuerst für die Praxis und dann erst für die Universitätsbibliotheken schreiben. In dieser Literatur ist etwa die gelehrige Differenzierung zwischen Öffentlichkeit und Scheinöffentlichkeit oder die Abgrenzung von Öffentlichkeit als Zustand und Öffentlichkeit als Gruppe nicht besonders relevant. Dafür fragt sich diese Literatur aber beständig, wie sich die Öffentlichkeit als Menge der in irgendeiner Form erreichbaren und überzeugbaren Personen erreichen und überzeugen lässt oder wie hinsichtlich der Themensetzungen in den ersehnten Bereichen ein Höchstmaß an Öffentlichkeit (als Zustand) erzielt werden kann – ohne zwischen beiden Begriffen überhaupt zu unterscheiden. Es mutet seltsam an, die Qualität dieser Abhandlungen, die eine enorme soziale Wirkkraft haben, an ihrer begrifflichen Disziplin festmachen zu wollen.

Demgegenüber verfügen wir im europäischen Kontext über Arbeiten, die sich mit hoher sprachlicher Präzision seitenreich der Phänomenologie widmen, ohne die Vorstellungskraft oder Phantasie aufzubringen, wie sich die bestehenden Verhältnisse im Bereich der Themensetzungen dieser Arbeiten tatsächlich praktisch ändern ließen. Diese Arbeiten erreichen daher m.E. auch nur Menschen, die sie am Schreibtisch oder in der Bibliothek lesen, weil sie gerade selbst ähnliche Arbeiten verfassen. Diese Haltung des Scientia enim est solum scientia darf man kritisieren.

Für die Fertigstellung dieser Studie wählte ich einen Mittelweg zwischen lateinamerikanischer und europäischer Schule des wissenschaftlichen Schreibens. Ich verdichtete und kritisierte die europäischen Begrifflichkeiten in wiederkehrender Reflexion und im Kontrast zu der lateinamerikanischen Praxis. Feine begriffliche Differenzierungen nehme ich nur dort vor, wo sie zu einer (praktischen) Erkenntnis führen.

4. Kritische Begrifflichkeiten: Kommunikation, Öffentlichkeit und »Kommunikation als Menschenrecht«
4.1 Zum Begriff der Kommunikation

Wenn wir uns dem Begriff der Kommunikation etymologisch annähern, erfahren wir, dass das lateinische communicare »Teilen«, (sich) »Mitteilen« und »Teilnehmen« als eine Sozialhandlung bezeichnet. In dieser Studie gehe ich von der negativen Prämisse aus, dass die menschliche Kommunikation weder zum Selbstzweck geschieht, noch, dass sie gleichsam (Wesen des Menschen) als eine etwaige anthropologische Grundkonstante keiner materiellen Begründung mehr bedürfe. Ich gehe von der positiven Prämisse aus, dass communicare seine volle Bedeutung erst auf der Grundlage eines gemeinsamen Tuns erhält, auf das die Sprache gerichtet ist, ein Tun, das Prozesse vorantreibt und vervollständigt und auf Veränderung zielt. Kommunikation ist demnach für diese Studie ein (soziales) Mittel zur Gestaltung von Realität, ist mithin materiell orientiert und bemisst sich in ihrer Tauglichkeit daran, ob das gesetzte Ziel erreicht werden kann oder nicht.

Unter dem Zugang der Handlungstheorien wird Kommunikation auch (selbst schon) als soziales Handeln verstanden, dies aber selbstverständlich mit Ziele und Zwecken, die ihre Verortungen im Materiellen haben. Das übergeordnete Ziel ist die Entstehung neuer Gedanken, Ideen, Lösungen, welche die Realität (Wirklichkeit) als das Bezugsobjekt der Kommunizierenden betreffen. So schreibt John Dewey:

»communication can alone create a great community«21

Auch die Systemtheorie bringt nur einen sehr veränderten Blickwinkel, jedoch kein abweichendes Ergebnis mit sich. Die Autopoesis eines sozialen Systems erfordert selbstverständlich eine erfolgreiche Kommunikation, also eine Kommunikation der Systemteilnehmer*innen, die in der Folge die Funktionsgrundlagen des Systems betrifft, die eben nicht ideell, sondern materiell fundiert sind.

Weitere Theorien zu Kommunikation werden in die Arbeit einbezogen, die als aktuelle Weiterentwicklung der Chicagoer Schule22 der 1920er Jahre einzuordnen sind. Richtigerweise ordneten sie die Kommunikation in ihren sozialen Kontext ein und betrieben eine kritische Reflexion und Analyse der seinerzeit entstehenden mächtigen Medienmonopole. Diese Arbeiten untersuchen die Beziehungen zwischen Kommunikation, Demokratie und Gemeinschaft vor dem Hintergrund der Verteilung gesellschaftlicher materieller Ressourcen.

Im Rahmen des materiell eingefassten Verständnisses von Kommunikation, das dieser Studie zugrunde liegt, ließe sich freilich endlos differenzieren, wenn dazu nur die passenden Fragen gestellt werden: Sind Selbstgespräche Kommunikation oder braucht es mindestens zwei Teilnehmer*innen?23 Inwieweit ist ein Roman ein kommunikativer Akt, wenn ihn niemand liest?24 Kann Schweigen Kommunikation sein?25

Die für diese Arbeit entscheidenden Fragen sind aber ganz andere. Sie lauten etwa, unter welchen sozialökonomischen Bedingungen sich der an sich geklärte Inhalt des Kommunikationsbegriffes entfaltet oder nicht entfaltet. Wo wird Kommunikation behindert? Wo wird sie beherrscht und wo kann sie befreit werden (sogleich dazu: Kommunikation als Menschenrecht)? Woran liegt es, dass die Kommunikation einer gesellschaftlichen Klasse so viel wirksamer die gesellschaftliche Realität gestaltet (bzw.) reproduziert als es die Kommunikation einer anderen gesellschaftlichen Klasse vermag, diese Realität zu ändern?

Diese Fragen lassen sich selbst durch ein Höchstmaß an Differenzierungen innerhalb des Kommunikationsbegriff weder besser noch schlechter beantworten, weswegen diese sehr weitgehenden Differenzierungen für diese Arbeit auch unterlassen werden. Diese Fragen lassen sich aber beantworten durch die Hinzunahme von Theorien, die zwar von Kommunikation handeln, aber eben auch von Macht und Gegenmacht, von den Gründen von Ausbeutung und Unterdrückung und von Strategien weltverändernder Praxis, auf die daher allesamt in dieser Studie verstärkt abgehoben wird.

4.2 Zum Begriff der Öffentlichkeit

Bereits Negt und Kluge attestierten dem Begriff der Öffentlichkeit eine »bemerkenswerte Schwammigkeit« (Negt, O. und Kluge, A. 1972). Einige seitdem und zuvor in den Sozialwissenschaften immer wieder besprochenen Probleme im Umgang mit dem Begriff der Öffentlichkeit sind wohl rein sprachlicher Natur und dies insofern, als der Begriff je nach kontextuellem Bezug verschiedene Bedeutungen haben kann, die wir freilich mühelos unterscheiden können.

Beispiel: Wer in aller Öffentlichkeit nackt spazieren geht und keine öffentliche Persönlichkeit ist, muss kaum fürchten, dass die veröffentlichte Meinung darüber die Öffentlichkeit informieren wird, zu deren Existenz, Ansichten und Meinung in der Literatur durchaus verschiedene Meinungen von Sozialwissenschaftler*innen veröffentlicht werden.

Mit dem ersten unterstrichenen Wort ist der offene Raum jenseits von Umfriedung oder häuslicher Sphäre gemeint. Die »öffentliche Persönlichkeit« ist ein lebender Mensch, der eine Bekanntheit bei vielen Menschen erfolgreich sucht oder schlicht erfährt. Mit der »veröffentlichten Meinung« sind große Medien gemeint, deren Gebrauch der Meinungsfreiheit besonders wirksam ist. Das dann folgende Wort »Öffentlichkeit« bezeichnet (im Unterschied zum ersten) eine sehr große Zahl von Medienempfänger*innen, und »veröffentlicht« meint publizieren, also die Zugänglichmachung von perpetuierten Gedanken in medienspezifischer Form an einen nicht individualisierbaren Empfänger*innenkreis.

Allerdings hätte es dieser Definitionsversuche gar nicht bedurft. Der kurze Satz war auch für sozialwissenschaftliche Laien völlig verständlich. Die sozialwissenschaftliche Hoffnung, aus der Kritik von Begriffen Erkenntnisse zu gewinnen, ist groß, ihre Wirkung auf die außeruniversitäre Praxis dagegen gering. Viel weiter trägt dort die inhaltliche Kritik an denen mit den kritisierten Begriffen in Zusammenhang stehenden Medieninstitutionen und deren Rolle in der Gesellschaft. Jürgen Habermas stellte 1962 in seiner Arbeit zum historisch-systematischen Strukturwandel der Öffentlichkeit fest: »Öffentlich« und »Öffentlichkeit« entstammen

»[...]aus verschiedene(n) geschichtliche(n) Phasen und gehen, in ihrer synchronen Anwendung auf Verhältnisse der industriell fortgeschrittenen und sozialstaatlich verfaßten bürgerlichen Gesellschaft, eine trübe Verbindung ein.« (Habermas, J. 1990 [1962]: 54)

Das dem Zeitalter des bürgerlichen Liberalismus entstammende und dort einmal utopisch-kraftvoll gemeinte Verständnis des Begriffs »Öffentlichkeit«26 suggeriert uns heute fälschlich (nach Überwindung des Feudalismus) die Existenz einer Gruppe von untereinander approximativ gleichen Bürger*innen, die Adressat*innen, Interessent*innen und sogar gleichrangige Produzent*innen von Informationen und Meinungen sein könnten. Damit wird ein künstlicher Archetyp eines »Volkes der Öffentlichkeit« konstruiert, das ein »öffentliches Interesse« und eine »öffentliche Meinung« inne hat und auch Ansprüche, z.B. darauf, öffentlich informiert zu werden.

Aber:

»Wenn es gelingt, den Komplex, den wir heute, konfus genug, unter dem Titel ›Öffentlichkeit‹ subsumieren, in seinen Strukturen historisch zu verstehen, dürfen wir deshalb hoffen, über eine soziologische Klärung des Begriffs hinaus, unsere eigene Gesellschaft von einer ihrer zentralen Kategorien her systematisch in den Griff zu bekommen.« (Habermas, J. 1990 [1962]: 58)

Das heißt, diese behauptete Öffentlichkeit (der approximativ Gleichen) existiert real noch nicht. Sie ist Utopie geblieben und die Behauptung der Realität der Utopie behindert deren Umsetzung. Der bürgerliche Liberalismus hat eben nicht die Gesellschaft der Freien und Gleichen hervorgebracht, sondern mit dem Kapitalismus eine Gesellschaft geschaffen, in der die Ungleichheit unter den für alle gleichen Gesetzen perpetuiert wird.

Wir leben in einer Klassengesellschaft. Ihre Öffentlichkeit ist ebenso antagonistisch gespalten wie es die Interessen derjenigen sind, die diese Öffentlichkeit im Wege der Kommunikation beeinflussen wollen. Keine Information und keine Meinung kann separat gedacht werden von dem jeweiligen Nutzen oder Schaden, den sie vor dem Hintergrund entgegengesetzter systemischer materieller Interessenlagen bewirkt.

Die vom Medienbetrieb (Luhmann) beständig reproduzierte Behauptung einer Öffentlichkeit betrifft dessen Funktionserhalt unter den konkreten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Denn grundsätzlich geht es dabei um die Gestaltung eines gesellschaftlichen und politischen Narrativs im Interesse des Kapitals bzw. zum Zwecke der Erhaltung des kapitalistischen Systems. (Neidhardt, F. 1994: 10)27 Dennoch hat der Begriff auch einen wahren Gehalt. Dort, wo seine Verwender*innen die Klassenverhältnisse innerhalb des Publikums anerkennen oder zumindest erahnen, lässt sich eine Inhaltsverschiebung konstatieren. Öffentlichkeit wäre dann so etwas wie die Summe der Menschen – mit unterschiedlichen Klassen- und Interessenlagen –, die medial erreicht werden kann oder soll. Der Begriff wäre dann ein schiefes Synonym für: uneinheitliches Publikum mit uneinheitlichen Interessen.

Soweit nicht anders erläutert, liegt dieses Verständnis von »Öffentlichkeit« (als uneinheitliches Publikum) dieser Studie zugrunde.

4.3 Zum Begriff »Kommunikation als Menschenrecht«

Ein zentraler Begriff dieser Studie ist der von der Kommunikation als einem Menschenrecht. Die in den USA und Lateinamerika übliche sprachliche Phrase »Kommunikation als Menschenrecht« ist im europäischen Raum bislang weitgehend unbekannt geblieben. Es bestehen auch große Unklarheiten hinsichtlich der Bedeutung des Begriffs.

Teleologisch mag sich zunächst nicht erschließen, warum die menschliche Kommunikation durch irgendein Recht geschützt oder gestärkt werden müsse. Denn die Kommunikation scheint dem Menschen als Bedürfnis inne zu liegen. Doch so steht es ganz ähnlich mit dem Bedürfnis nach Nahrung. Die Tatsache, dass Menschen regelmäßig Hunger verspüren, macht sie noch nicht satt. Aus diesem Grund gewähren viele nationale Rechtsordnungen und auch bereits die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (Artikel 22) einen sozialen Schutz durch die Gesellschaft. Ein Recht auf Kommunikation hat teleologisch keine andere Funktion: Es würde einem menschlichen Bedürfnis zu einer (umfassenderen) Erfüllung verhelfen.

Juristisch-systematisch mag verwirren, dass einigen Rechten auch Pflichten gegenüber stehen. Wie müsste eine Pflicht zur Kommunikation aussehen? Allerdings sind die von Gesetzgeber, Rechtswissenschaft oder Gerichten ermittelten korrespondierenden Pflichten nur ganz selten exakte Spiegelbilder der Rechte.28 Selbstverständlich ist eine Pflicht zur Kommunikation ebenso abwegig wie die Pflicht, die eigene Meinung zu verkünden.

Juristisch-systematisch unklar erscheint weiterhin zunächst das Verhältnis zwischen dem in vielen nationalen Rechtsordnungen und den Menschenrechten historisch viel früher bereits anerkannten Recht der Meinungsäußerungsfreiheit sowie dem der Pressefreiheit29 einerseits und dem diskutierten Recht auf Kommunikation andererseits. Diese Verhältnis erhellt sich, wenn diese »älteren« Rechte als Teilmenge des neuen Rechtes eingeordnet werden, das insoweit weitgehender ist, als dass es das durchsetzbare Recht für eine wirksame Massenkommunikation für jeden Menschen beinhaltet und die Garantien der älteren Rechte beibehält. Das neue Recht wird dabei in kritischer Auseinandersetzung mit den realen Beschränkungen der alten Rechte diskutiert, wobei die Diskussion in inhaltlicher Hinsicht nicht erst seit kurzem stattfindet.

Der MacBride-Report30 problematisierte 1980 für diese Diskussion die relevanten Fragen: Wer hat die Meinungsmacht? Wer sendet wie für wen? Wer bleibt ungehört und wer wird gehört? Der Bericht rügte die Asymmetrie in der »öffentlichen« Kommunikation und regte ein »Recht auf Kommunikation« an, das auf symmetrische Kommunikation in allen Bereichen, in denen sie fehlt, zielte.

Die Pressefreiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung etablieren sich historisch mit dem Übergang des feudalistischen in das kapitalistische Zeitalter. Sie sind Geburtshelfer und Kinder des Kapitalismus zugleich. Geburtshelfer waren sie, weil die Ausübung dieser Rechte den Absolutismus als letzte Phase des Feudalismus zu erschüttern half. Kinder sind sie, weil erst die entwickelte Form des Kapitalismus eine umfangreiche Garantie dieser Rechte überhaupt leisten konnte. Nach der bürgerlichen Selbstwahrnehmung sind diese bürgerlichen Freiheitsrechte solche Rechte, die gleichermaßen jeden Bürger gegenüber dem Staat31 und gegenüber Privaten in mittelbarer Drittwirkung32 schützen.

Für die Ausübung der allgemeinen Meinungsfreiheit im privaten Bereich mag dies zutreffend sein. Mit Blick auf die die Meinungsfreiheit konkretisierende Pressefreiheit »genießt« die übergroße Zahl der Menschen dieses Recht nur als Empfänger*innen von Informationen, weil es ihnen an den materiellen Grundlagen für eine wirksame Massenkommunikation fehlt. Es ist nun nicht ungewöhnlich, dass in einer arbeitsteiligen Gesellschaft Wenige etwas Konkretes für Viele produzieren. Das stört für sich genommen auch nicht sonderlich, wenn es um Grünkohl, Taschenrechner oder Jeans geht. Der Medienbetrieb (re)produziert jedoch als Hegemonie die Informationen, die die kapitalistische Struktur der Gesellschaft betreffen.

Pressefreiheit ist das Recht von Wenigen, den Vielen die Welt zu erklären, und dies oft auch noch so, dass diese Vielen an dieser Welt besser nichts Entscheidendes ändern möchten. Was mögen sich dagegen wohl die Vielen zu erzählen beginnen, wenn sie sich gegenseitig zuhören könnten? Was würden sie dann verändern wollen? Es ist dieses Experiment eines symmetrischen Massen-Kommunizierens33, dem das Recht auf Kommunikation Vorschub leisten will.

1 Das Projekt umfasst Forscher*innen aus diesem Bereich, die aus allen Ländern des Kontinents Material und Ergebnisse beitragen.

2 Die genaue Anzahl an Stationen ist umstritten, weil man sehr unterschiedliche Kriterien an den Begriff »Community-Radio« anlegen kann, wobei strengere Kriterien zu eher 3000 Stationen führen und weichere Kriterien 6000 ergeben können.

3 Die Rechtsnatur des Eigentums und seine faktische Funktion müssen nicht übereinstimmen. Sind zum Beispiel alle Mieter eines Mietshauses zugleich Eigentümer desselben Hauses (wie etwa beim deutschen Miethäusersyndikatsmodell), so hat sich an der Rechtsnatur des Eigentums nach § 903 BGB nichts geändert, wohl aber an der faktischen Funktion. Es dient nun dem Interesse der Mieter*innen nach möglichst niedrigen Mieten, nicht mehr der Erzielung möglichst hoher Mieteinnahmen.

4 Im deutschsprachigen Raum hat mittlerweile eine Unterscheidung der Benennung der Methode als Grounded Theory sowie eine Bezeichnung ihrer Resultate als gegenstandsbezogene Theoriebildung ihren Platz gefunden. (Lampert, S. 2005: 516)

5 Glaser, B. G. und Strauss, A. (1967): The Discovery of Grounded Theory – Strategies of qualitative research.

6 In dieser Arbeit wird »The Discovery of Grounded Theory« aus dem Jahre 1967 in der deutschen Übersetzung von 1998 »Grounded Theory. Strategien qualitativer Forschung« herangezogen.

7 Legewie, Heiner und Schervier-Legewie, Barbara (2004): »Forschung ist harte Arbeit, es ist immer ein Stück Leiden damit verbunden. Deshalb muss es auf der anderen Seite Spaß machen«.

8 Zur Vertiefung der »Fremdheitsannahme« bzw. »Verfremdungshaltung« rekonstruktiver Sozialforschung, die überwiegend in der Ethnografie ausgearbeitet wurde, siehe: Hirschauer, S. und Amann, K. (1997).

9 Von Strauss eher betont als von Glaser.

10 Sie entstanden in Workshops entlang der partizipativen Dreharbeiten zu dem Dokumentarfilm »Sachamanta«.

11 Ein faszinierendes und praktisches Handbuch, das Schritt für Schritt Interviewtechniken darstellt.

12 Manche Interviewpartner*innen antworteten auf eine Frage etwa mit Bemerkungen wie: »Nun, das müsstest Du ja selbst wissen« oder »Du kennst das ja«. Meine Reaktionen lauteten dann durchweg: »Nein, ich kenne das nicht.« oder »Ich möchte es von dir und aus deiner Sicht wissen.«

13 Für eine weitere Vertiefung des Gegenstands und zum Umgang mit Leitfaden-Interviews empfehle ich Helfferich (2005).

14 Im Laufe der Differenzierung der Methode in verschiedene Methoden betonte Strauss stärker, dass die Forschenden notwendig theoretisch vorgeprägt sind. Glaser bestand darauf, dass sich die Theorienbildung allein aus den Daten zu ergeben habe. Bereits in ihrer gemeinsamen Arbeit war dieser Konflikt angelegt.

15 Aktionsforschung oder auch action research geht auf den Sozialpsychologen Kurt Lewin zurück. Der deutsch-jüdische Wissenschaftler floh vor dem Antisemitismus des deutschen Nazismus und entwickelte den Ansatz in den USA. Ein Teil seiner Arbeiten ist heute online abrufbar: http://gth.krammerbuch.at/sites/default/files/articles/Create%20Article/25_KL_F.pdf

Im deutschsprachigen Raum brauchte es fast 20 Jahre, bis nach dem Zusammenbruch Hitlerdeutschlands die Ansätze von Lewin wieder interdisziplinär diskutiert wurden. Weiterführende Lektüre bei: Unger, H. von (2014): Partizipative Ansätze. Einführung in die Forschungspraxis, Berlin.

16 Dick, B. (2007): »What Can Grounded Theorists and Action Researchers Learn from Each Other?«, in: Bryant, A. and Charmaz, K.: The SAGE Handbook of Grounded Theory, S. 398–416.

17 Pieper, R. (1972): »Aktionsforschung und Systemwissenschaften«, in: Haag, F. (Hg.): Aktionsforschung, München, S. 100–116.

18 Lewin, K. (1946): Action research and minority problems. In Resolving social conflicts: Selected papers on group dynamics. New York, 201–216.

19 Moser widmet dem Minimalkonsens ein ganzes Kapitel. (Moser, H. 1977b: 30–34)

20 Die Tabelle der density der Codes befindet sich im Anhang II: Codesbuch dieser Veröffentlichung.

21 Dewey, J. [1927] 1954: Neuauflage: John Dewey: The Public & its Problems. Athens, Ohio.

22 u.a. Charles Horton Cooley, Walter Lippmann und John Dewey.

23 Wenn das Selbstgespräch der Verdeutlichung von Handelsoptionen diente, ist es Kommunikation.

24 Dann wäre dieser Roman ein relativ erfolgloser kommunikativer Akt.

25 Vielleicht kommt es auf die Mimik an.

26 Selbstverständlich ist der Begriff selbst älter, aber unser Verständnis des Inhalts des Begriffs entstammt einer sehr viel jüngeren Epoche.

27 Was kein bewusstes Handeln erfordert, wie diese Studie später präziser ausführt.

28 Dem Recht der Eltern, ihre Kinder zu erziehen, entspricht spiegelbildlich die Pflicht, das auch zu tun. (Artikel 6, Absatz 2, Satz 1 Grundgesetz)

29 Pressefreiheit wird hier (nach der historischen Herkunft) synonym verwendet für alle Formen der Medienfreiheit. Das Grundgesetz erwähnt die Presse- und Rundfunkfreiheit. Im englischen Sprachgebrauch umfasst »Freedom of Press« grundsätzlich alle Bereiche der (Massen)Medien.

30 Der MacBride-Report aus dem Jahr 1980 ist Teil einer Untersuchung mit dem Titel »Many Voices, One World. Communication and Society Today and Tomorrow«. Er war ein wichtiger Versuch, das Verständnis von Kommunikation als Menschenrecht auf dem internationalen Parkett zu präsentieren und beinhaltet auch bereits den juristischen Term »Kommunikation als Menschenrecht« sowie dessen Herleitung aus der grundsätzlichen Funktion aller Menschenrechte, die den Menschen (in liberal-freiheitlicher, sozialer oder weiterer Weise) davor schützen soll, zum Objekt fremder Macht erniedrigt zu sein.

31 Der Staat darf unliebsame Meinungen oder Meinungen grundsätzlich nicht unterdrücken.

32 Der Staat darf im Verhältnis zwischen Privaten der Unterdrückung unliebsamer Meinungen oder Tatsachen grundsätzlich keinen Vorschub leisten.

33 Hier ließe sich naheliegend einwenden, dass zunächst kaum vorstellbar ist, wie für eine symmetrische Kommunikation die Vielzahl an Frequenzen, Stationen, Druckerpressen oder Servern bereit gestellt werden sollte. Doch das ist ein Scheinproblem. Diese Studie wird in den folgenden Kapiteln zeigen, dass es um die Ausübung von Kommunikationsrechten in Gruppen geht, denen die notwendigen Mittel an die Hand zu geben sind, um diese Rechte wahrzunehmen.

2. Motivation

»I'd sit alone and watch your light / my only friend through teenage nights / and everything I had to know / I heard it on my radio / You gave them all those old time stars / through wars of world invaded by Mars / you made 'em laugh you made 'em cry / you made us feel like we could fly radio / So don't become some background noise / a backdrop for the girls and boys / who just don't know or just don't care / and just complain when you're not there«

(Radio Gaga, Roger Taylor, Queen, The Works, 1984)

Ich gehör(t)e einer Generation und auch einer gesellschaftlichen Klasse in Argentinien an, bei der das Radio lange Zeit das einzige Medium war und noch längerer Zeit das wichtigste Medium blieb. Seit ich denken kann, war das Radio von frühmorgens, beim Aufstehen und Frühstücken, über das Nachmittagsprogramm bis spät in den Abend unser lautester bester Freund in der Familie. Das Radio erklärte uns die Welt und es war die politische Luft, die wir atmen konnten, atmen mussten, wenn wir nicht gleichsam politisch ersticken wollten.

Im Jahre 1983 verfügte meine Familie außerdem bereits über ein Fernsehgerät; doch als Argentinien in diesem Jahr den Falklandkrieg verlor, die Militärdiktatur bröckelte und aus der Geschichte verschwand, da verfolgten wir das Unvorstellbare täglich weiter im Radio, weil wir es den ganzen Tag hören konnten.

Das Bild von der geatmeten Luft trifft den Kern der Sache: Der Mensch muss den ganzen Tag, das ganze Leben lang ununterbrochen atmen – Radios gibt es auf Küchenanrichten, in Autos, in tragbarer Form im Bus, in der Schule und auf der Straße. Sie lassen sich am Abend auf dem Nachttisch einschalten und mischen sich in die Träume ein. Radios existieren an allen Orten und sie erlauben es unseren Beinen, Händen und Augen sich mit anderem zu beschäftigen, zu laufen, zu arbeiten, zu ruhen, während unsere Ohren dennoch weiter aufmerksam zuhören können. Das unterscheidet Radios von Fernsehern, Zeitungen oder Büchern. Diese gleichen – um im Bild des „Leben-müssens“ zu bleiben – dem zum Leben notwendigen Essen und Trinken, aber nicht der Atemluft.

Nicht nur für mich oder meine Familie, sondern für die argentinische Gesellschaft war das Radio das wichtigste Medium, um Informationen zu bekommen. Aber vor allem war es das wichtigste Medium, um analytisches und kritisches Denken zu erlernen und zu üben. Radio war ein Gleichmacher. Niemand musste lesen können, um es zu hören. Niemand musste reich sein, um es zu besitzen. Jeder musste gleichermaßen das eigene Vorstellungsvermögen trainieren, um dem Erzählten die passenden Bilder abzuringen, die Stimmen in Personen zu verwandeln, die Geräusche in Orte zu denken.

Das Radio war, besonders unmittelbar nach dem Ende der Diktatur, ein Labor der Medien und der Kritik der Medien. Viele Menschen, die heute in der argentinischen Medienlandschaft eine geachtete Rolle spielen, egal in welche politische Richtung sie sich mit den Jahren entwickelten, experimentierten und laborierten damals mit dem Radiomachen. Der Umbruch zur bürgerlichen Demokratie ließ eine zuvor nie geahnte Vielfalt politischer Sendungen entstehen, deren Grundlage und Grenzen natürlich in den materiellen Erfordernissen lagen, Technik, Sendeplatz und Personal bezahlen zu können. Auch das wissenschaftliche Nachdenken über das Medium Radio kam in Fahrt und hält bis heute an. Die Rolle des Radios in (insbesondere) der argentinischen Gesellschaft ist durch eine Vielfalt von Publikationen1 für weitere Generationen festgehalten worden. Sie falsifizieren das in Europa projektierte Bild der lateinamerikanischen TV-Familie2 und befassen sich mit der Entstehungsgeschichte und der Entwicklung des Mediums Radio von seinen Anfängen bis hin zum Ende der 1990er Jahre. Inhaltlich konzentrieren sie sich auf das Radio, das heute als etabliert verstanden wird, und zusammenfassend behandeln sie folgende naheliegende Schwerpunkte:

 Die Leidenschaft und Abenteuerlust der ersten Generation von Radiomachenden, die sich auf die Entwicklung des technischen Bereichs und des Radios als Gerät konzentrierten. (Los Locos de la Azotea3) (Ulanovsky, C. et al.: »Días de radio I« 2004: 13-28 und López Vigil, J. I. 2005: 11)

 Das Besondere der Live-Sendungen, entweder durch die Direktübertragung von Opernaufführungen oder durch die Vorbereitung von Radioabenden in großen Theatersälen.

 Die Rolle der Sendungssprecher*innen (Moderator*innen) und deren Verbindung mit der Hörerschaft, die sich zunächst durch Briefe und später über das Telefon an den Sender zu Wort meldeten.

 Das unmittelbare kollektive Gefühl einer Identifikation, bis heute können die meisten Argentinier*innen ohne Zögern auf die Frage antworten: »Welche Radiostation hören Sie gern?«

Die Antworten auf diese Frage fallen natürlich nach Region, Interessen, Musikgeschmack, politischer Verortung etc. ganz verschieden aus. In Argentinien wäre dies zunächst nicht anders als in der Bundesrepublik bzw. in Europa. Doch etwas wäre in Argentinien und in weiten Teilen Lateinamerikas ganz anders als hier in Europa. Viele antwortende Hörer*innen würden Sender nennen, die sich weder als öffentlich-rechtliche bzw. staatliche Sender noch als gewinnorientierte private Sender auffassen lassen. Es wären zahlreiche Sender unter den Nennungen, die einem bestimmten emanzipatorischen Projekt, einem selbstverwalteten Stadtteil, einer großen Fabrik in Arbeiter*innenhand oder einer sozialen Bewegung auf dem Land zugeordnet werden können. Menschen würden damit solche Sender nennen, deren Macher*innen sie häufig persönlich kennen, mit denen sie sich am Mittag oder Abend zum Essen treffen oder am Morgen in der Bürgerversammlung sitzen und die sie vermutlich schon mehrfach eingeladen haben, an der Programmgestaltung oder dem technischen Betrieb dieses Lieblingssenders mitzuwirken.

Einen Teil dieser Sender, die in der argentinischen und lateinamerikanischen Politik und Kultur eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen, sich aber in ihrer Funktion und Relevanz deutlich unterscheiden lassen von den im deutschen und europäischen Kontext (leider) weit weniger bedeutsamen »Freien Radios« fasse ich im Folgenden unter dem Begriff der »Community-Radios«4 zusammen. Ihre Absichten, ihre innere Aufstellung, ihr Selbstverständnis und ihre Funktion für antikapitalistische Transformation und dem Kampf gegen Entfremdung sind ebenso Gegenstände dieser Studie wie die zahlreichen Wechselwirkungen zwischen den Stationen und den sozialen Bewegungen5.

Als wichtiger Teil einer sehr agilen und wirksamen Gegenöffentlichkeit haben Community-Radios und ihre Aktivist*innen in Argentinien nicht nur den gesellschaftlichen Diskurs nach dem Ende der Militärdiktatur wesentlich mitbestimmt, waren Stimme und Zentrum für antikapitalistische und emanzipatorische Projekte, sondern sie haben auch eine wesentliche Rolle gespielt bei einer radikalen (und vorübergehend wieder gefährdeten) Umgestaltung der argentinischen Medienlandschaft.

Eine der europäischen und deutschen ähnlichen Diskussion über die (ungute) Dominanz der Massenmedien für den gesellschaftlichen Diskurs in der »Öffentlichkeit«6, die in Argentinien geführt wurde, endete im Dezember des Jahres 2009 für viele Beobachter*innen völlig überraschend mit einem Bundesgesetz, das nicht weniger als einen radikalen7 Umbruch der Medienlandschaft bedeutete. Staatliche Medien (öffentlich-rechtliche8) und gewinnorientierte (private) Medien sollten sich nun damit abfinden müssen, dass neben ihnen eine dritte Säule, eine dritte Art von Medien gleichberechtigt existieren würde und – das ist das Besondere – ein Drittel aller Sendeplätze und Frequenzen verlangen und zu ihrer Verwendung vom Staat die notwendigen materiellen Mittel fordern könnten. Diese dritte Medienart wird durch das neue Gesetz: private9 (aber) nicht gewinnorientierte Medien genannt.

Das Gesetz musste sich diese Gruppe der Medien nicht erst ausdenken. Diese Art der Medien existierte bereits. Ihre wirkmächtigste Form waren m.E. die Community-Radios. Aber auch andere Radios der dritten Art, erste Stadtteil- Fernsehsender und natürlich auch Zeitungen und Magazine10 dieser Art von Medien waren schon vor Inkrafttreten des Gesetzes zahlreich aktiv, engagierten sich seit Jahren für die Genese des neuen Gesetzes und erfuhren nun eine bis dahin unerhörte Aufwertung.

Die Gegenöffentlichkeit, die alternative Öffentlichkeit, die Gegenhegemonie wechselte aus dem Feld des gegen alle Widerstände dennoch möglich Gemachten hinüber in das Feld der vom Staat Gewollten und Geförderten. Die Kräfte der Veränderung und Überwindung der (kapitalistischen) Gesellschaft, der Entwicklung der Demokratie und der Humanität erhielten ein Drittel der medialen Potenz der Medienlandschaft des Landes als ihr Terrain und Schutzraum zugewiesen. Es war etwas geschehen, das in fast allen anderen Staaten der Welt derzeit vollkommen unmöglich erscheint. Wer es dort dennoch für sich wünscht, muss sich fragen: Wie wurde das Unmögliche möglich gemacht? Wie wurde es erkämpft? Was waren die gesellschaftlichen, sozialen und ökonomischen Momente, die für diesen Kampf hilfreich Pate standen? Was wurde bis heute in der Praxis aus diesem unmöglichen Gesetz umgesetzt? Auch diesen Fragen geht diese Studie umfassend nach.

Vor allen wissenschaftlichen Interessen, Neigungen und natürlich auch dem Streben nach persönlicher Entwicklung gab es ein überragendes Motiv für mich, diese Studie zu verfassen: Hoffnung. Ich habe die Hoffnung, dass linke und progressive Kräfte in Deutschland und Europa aus den jüngeren Entwicklungen in Lateinamerika lernen können, weil die Lust auf neues Wissen größer sein kann als die eurozentristische und westliche Arroganz, die dem Prozess des Lernens »vom Süden« einstweilen noch deutlich entgegensteht: Lateinamerika wird hierzulande mitunter beschaut, bestaunt oder bedauert, doch die dort real stattfindenden Hinwendungen zu einer postkapitalistischen Gesellschaft werden meist als ein für hiesige entwickelte Zustände kaum relevantes Aufbäumen der Unterdrückten der unterentwickelten Peripherie wahrgenommen. Eine Übertragung der dortigen Ideen, Analysen, Strategien und Taktiken ist aber nicht so sehr gehindert durch die Verschiedenheit der Verhältnisse, sondern eher durch die hiesige Hoffnungslosigkeit. Zu hart, zu verletzend, zu lähmend wiegen der ökonomische Untergang und die moralische (Selbst-)Entweihung des europäischen Sozialismus und zu offenbar, zu vernünftig, zu klar scheint die Erkenntnis, der Kapitalismus habe auf lange Zeit gesiegt. Es sind aber die Menschen, die ihre Geschichte machen, dies eben nicht nur unter den Umständen, die sie vorfinden, sondern die sie gestalten, die sie mit Mühe dem Vorgefundenen und sich selbst abringen müssen.11

Ohne Hoffnung hat diese Mühe keinen Anfang. Der deutsche Philosoph Ernst Bloch schrieb, es »kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern.« (Bloch, E. [1959] 1985: 1) Wer das Gelingen sucht, wer Hoffnung lernen will, braucht hoffende und handelnde Vorbilder. Die gibt es. Sie finden sich auf der ganzen Welt, und sie finden sich auch in Argentinien und in Lateinamerika.

Ich danke den Menschen, die sich in den Community-Radios und in den sozialen Bewegungen in Argentinien für eine postkapitalistische Gesellschaft engagieren. Ich danke den Dozenten der Universität Buenos Aires José Seoane, Claudio Vivori, Damián Loreti, Guillermo Mastrini und Santiago Marino, die mir erneut gezeigt haben, dass eine andere Universität möglich ist. Ich danke meiner Mitstudentin Ligia Nicolai, die mir bei der Transkription der Interviews unter die Arme griff und mit ihren Anmerkungen und Ideen die Analyse beflügelt hat. Ich danke der Rosa-Luxemburg-Stiftung, deren Stipendiatin ich zeitweilig war. Ich danke El Caminante und Marcus Wagner für das sorgfältige Lektorat. Ich danke all den vielen Menschen, die mich bei diesem Promotionsprojekt unterstützt haben, indem sie es durch ihre Kritiken und ihre Anregungen bereicherten.

Viviana Uriona, Berlin, Oktober 2016

2.1 (Community)-Radios – ein kurzer Überblick über eine realexistierende Gegenhegemonie

»Anfang 1987 wurden ca. 60 Radiostationen gezählt, 1988 waren sie auf so um die 1000 gestiegen und im Jahr 1989 sprach selbst der erste Direktor der Rundfunkanstalt in der Zeit der Regierung Menem schon von 2155 anerkannten Radiostationen«12, 13 (Rodriguez Esperón, C. 2000: 210)

Von Europa aus nur von Insider*innen der freien Radioszene bemerkt und von der politischen Wissenschaft, der Medienwissenschaft und den Sozialwissenschaften weitgehend übersehen, vollzog sich in Argentinien (und in anderen lateinamerikanischen Ländern) ab Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts eine mediale Revolution.

Selten legal14, meist halblegal15 und oft illegal16 wurden überall im Lande und mit wachsender Geschwindigkeit neue Radiostationen (nicht alle von ihnen Community-Radios17) eröffnet, die sich weder als private Radios noch als staatliche Sender qualifizieren lassen. Sie wurden oft von sozialen Gruppen gemeinschaftlich aufgebaut und betrieben, sendeten meist gegen den Mainstream an, erfanden nicht selten völlige neue Sendeformate, bezogen häufig die immer zahlreicher werdenden Hörer*innen in ihre Berichterstattung und Inhaltsgestaltung ein und woben ein dichtes Netz aus Gesellschaftskritik in den Äther hinein.

Die Erforschung (der Geschichte) dieser Radios der dritten Art ist auch in Argentinien erst in den letzten Jahren vertieft vorangetrieben worden und längst nicht abgeschlossen. Sicher scheint, dass die Zahl der Stationen zunächst stark anstieg und dann ab 1989 gleichsam durch einen genetischen Flaschenhals18 ging. Einem Text von Rodriguez Esperón sind dazu folgende Überlegungen zu entnehmen: Ohne Zweifel spielte die Demokratisierungsphase im bürgerlich-demokratischen Sinne eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Geschichte der Radios. Auch wenn einige Radiosender wenige Jahre zuvor und viele andere nach dieser Periode des Umbruchs aus der Diktatur in die Demokratie entstanden, ist die Zahl derjenigen gering, die sich über einen langen Zeitraum hinaus halten und weiterentwickeln konnten. Einige haben die Hyperinflation der 1990er Jahre nicht überstanden, andere fielen ihrem ungenügenden Partizipationscharakter zum Opfer. Denn auch, wenn die Notwendigkeit zu partizipieren bei den Stationen Mode war, ist Partizipation im eigentlichen, inneren Sinne schwer zu erlernen, ist etwas, was nicht von oben diktiert, nicht einmal empfohlen werden kann. Sie muss im Alltäglichen geübt werden, und wer übt, kann scheitern.

Rodriguez Esperón hebt einige Merkmale hervor, die uns helfen können, die anfängliche Explosion der Stationszahlen nachzuvollziehen (Rodríguez Esperón, C. 2000: 210):

1 Die Befreiung der (angestauten) Ausdrucksmöglichkeit nach vielen Jahren des Militärregimes.

2 Die relativ schnelle Erschöpfung des bürgerlichen Parlamentarismus19.

3 Die stetige Senkung der Kosten für die Einrichtung und den Betrieb der Sender.

4 Eine starke Zunahme der Einschreibungen an den medienwissenschaftlichen Fakultäten.

5 Und natürlich der kreative Geist der Menschen im Lande, ihr Sich-Ausdrücken-Wollen.

Eine Studie, die La Crujia bereits im Jahr 1984 veröffentlichte, liefert einen weiteren Anhaltspunkt. Von Anfang an kamen viele der neuen Radiostationen aus der Mitte der sozialen Bewegungen, Gewerkschaftsstrukturen, Gemeindezentren, Stiftungen, Clubs in den jeweiligen Vierteln etc. (Busso, M. C. 2003: 36). Wir können schlussfolgern: Gesellschaftlichen Gruppen, denen eine gewisse Art von Organisationsstruktur ohnehin nicht fremd war, übertrugen ihre Erfahrungen und Ideen auf den Prozess der Bildung einer eigenen (Radio-)Stimme.

All diese Faktoren sind wohl bis heute systemrelevant. Ein siebter Faktor kommt etwa ab den späten neunziger Jahren hinzu: die Digitalisierung. Zum Ersten wirkt sie weiter senkend auf die Kosten des Sendeequipments. Zum Zweiten ermöglichte sie die erleichterte Verwaltung des Audiomaterials (mp3). Zum Dritten und wohl am Entscheidendsten: Das Internet vereinfachte und verbreiterte den Zugang und den Austausch zu/von Informationen, die für die Stationen relevant sind, sowohl in inhaltlich-politischer als auch in technischer Hinsicht.

Diese erleichterten technischen Rahmenbedingungen haben zu einem erneuten Anwachsen der Stationen (hinter dem Flaschenhals) ganz sicher beigetragen. Auch das neue Mediengesetz hat den Prozess beflügelt. Noch entscheidender war aber ebenso sicher der Lernprozess. Die meisten heutigen Stationen vermeiden die Fehler der ersten Generation; sie arbeiten – was dargestellt werden wird – als emanzipatorische Projekte nach dem Prinzip des Empowerments, in dem die Partizipation gar konstitutiv ist.

Bis zum Jahr 2014 war die Anzahl von Radios der dritten Art wieder stark angestiegen und hatte das Hoch des Jahres 1989 bereits weit überflügelt. Allein die Anzahl der legalen Stationen betrug 3199. Dazu kamen 6520 Stationen ohne einen anerkannten Rechtsstatus. (Ballesteros, T. 2014: 35f) Auch die Anzahl der Community-Radios stieg wieder stark an und liegt zwischen 3000 bis 4000 Stationen20. Schon etwa ab dem Jahr 2005 begannen einige Forscher aus anderen Blickwinkeln andere Spuren dieser Radiogeschichte aufzunehmen und zu verfolgen. Spuren, die z.T. viel weiter zurückreichten als nur bis zum Jahr 1985 und auch zunächst nicht viel mit Kommunikation(swissenschaft) zu tun hatten: Spuren des Widerstandes21, der Klassenkämpfe, des Empowerments und des Prinzips der Poder Popular22. Ohne diese gesellschaftskritischen und -transformativen Spuren aufzunehmen, lassen sich m.E. weder das Phänomen der Community-Radios selbst noch der Sinn und Zweck ihres Sendens wirklich erhellen.

1 Matallana, A. (2006): »Locos por la radio«. Una historia social de la radiofonía en la Argentina, 1923–1947, Buenos Aires. Ulanovsky, C., Merkin, M., Panno, J. J. und Tijma, G. (2004): Días de radio I (1920–1959), Buenos Aires. Ulanovsky, C., Merkin, M., Panno, J. J. und Tijma, G. (2004): Días de radio II (1960–1995), Buenos Aires. Ulanovsky, C. 2007: »Siempre los escucho« Retratos de la radio argentina en el siglo XXI, Buenos Aires.

2 Das vor allem in Filmen oder Serien gezeichnete Bild zeigt meist die Küche einer Mittelstandsfamilie, in der ohne Unterlass die »Glotze« läuft. Dieses Bild stimmt nicht mit der breiten Realität überein, schon deshalb nicht, weil Millionen Lateinamerikaner*innen nicht dem Mittelstand zurechenbar sind. Das Radio hat auf dem Kontinent für die meisten Menschen eine viel größere Bedeutung als das Fernsehgerät.

3 Auf Deutsch: »Die Verrückten der Dächer.« So werden vier junge Männer in Erinnerung gehalten, die am 27. August 1922 vom Dach des damaligen Theater Coliseo die erste »Radiosendung« durchführten: der Arzt Enrique Telémaco Susini (25 Jahre alt) und die Medizinstudenten Miguel Mujica (18), César Guerrico und Luis Romero Carranza (22). Um 21 Uhr sendeten sie live die Oper Parzival von Wagner. Zu dieser Zeit gab es in der Stadt nicht mehr als 20 Radiogeräte, also nicht mehr als ca. 50 Zuhörer*innen, die sich um diese Geräte versammelten.

4 Der Begriff ist nicht gänzlich befriedigend und dennoch m.E. am geeignetsten, um eine Vielzahl verschiedener »Radios der dritten Art« zwar nicht unter einen Hut, aber unter eine Bezeichnung zu bekommen, während andere Radios der dritten Art bewusst nicht erfasst werden sollen. Das III. Kapitel gibt zu diesen Differenzierungen Auskunft.

5 Der Begriff der sozialen Bewegung ist für mich keine Hülle für einen beliebigen (politischen) Inhalt, sondern beschreibt in dieser Arbeit ausschließlich linke und progressive Gruppen. Es existiert eine Tendenz der antimodernen Umwidmung von Begriffen, auch in der Politikwissenschaft. Die Eigenbezeichnung von rechten oder konservativen Gruppen als »soziale Bewegung« darf nicht unkritisch reproduziert werden – dies aus denselben Gründen, wie etwa ein undemokratisches Konzept keine »Neue Demokratie«, ein Abbau von sozialen Standards keine »Reform« und im Ergebnis keine »Neue soziale Marktwirtschaft« ist. Es wäre eine große Hilfe für die humane Entwicklung nicht nur innerhalb der Konzepte der Wissenschaft, sondern innerhalb der Gesellschaft, wenn Wissenschaftler*innen sich darüber im Klaren wären, welche Verantwortung sie allein durch ihren Sprachgebrauch persönlich tragen – ganz nach Bourdieu durch die (Neu)Prägung von Begriffen und Diskursen.

(vgl.: Bourdieu, Pierre (2002): »Für eine engagierte Wissenschaft«, in: Le Monde Diplomatique [deutsche Ausgabe] vom 15. Februar 2002 oder auch hier zu finden: http://www.engagiertewissenschaft.de/de/inhalt/Fuer_eine_engagierte_Wissenschaft_Die_letzte_Rede_von_Pierre_Bourdieu. Letzter Zugriff am 29. Juli 2016.

6 Im Laufe dieser Studie werden die distanzierenden Anführungsstriche ersetzt werden durch eine kritische Inhaltsbestimmung des Begriffs.

7 radikal = von der Wurzel her.

8 In der Bundesrepublik Deutschland wird (nicht ganz ohne Grund) viel Wert darauf gelegt, dass es sich bei den öffentlich-rechtlichen Sendern nicht um staatliche Sender handele. Dies stimmt insofern, als dass sie (anders als lange Zeit in Lateinamerika üblich) nicht von der jeweiligen Mehrheitspolitik betrieben werden, sondern alle relevanten politischen Kräfte in ihren jeweiligen Kräfteverhältnissen abzubilden haben. Es stimmt insofern aber auch nicht, als dass das Spektrum der berücksichtigten politischen Ansichten den bürgerlichen Staat als solchen bejaht und systemüberwindende Kräfte fast nie positiv zu Wort kommen. So betrachtet handelt es sich bei den öffentlich-rechtlichen Medien um Medien des bürgerlichen Staates, mithin um Staatsmedien. Und um die Sache noch komplizierter zu machen: Auch in Argentinien und anderen lateinamerikanischen Ländern haben die Staatssender in den letzten Jahren tiefgreifende Veränderungen durchlaufen; die vorher üblichen Interventoren der Exekutive wurden abgewertet oder abgeschafft und es wurden Senderräte eingerichtet, die die Vielzahl der gesellschaftlichen Stimmen für die Inhaltsgestaltung berücksichtigen. Wenn sich somit die Begriffe »öffentlich-rechtliche Sender« und »Staatssender« sinnvoll abgrenzen lassen, so ist die zu bestimmende Grenze jedenfalls eine fließende.

9 Das Gesetz meint den Begriff des Privaten nicht in der Bedeutung von »persönlich«, sondern grenzt staatliches Eigentum von Privateigentum ab. Eine Gruppe von Radiomacher*innen eines Community-Radios hat (u.U. samt ihrer Community) insoweit privates Eigentum an ihrem Sender (und eine der Beleihung ähnliche Zuordnung der Frequenz) und nutzt dieses Eigentum gleichwohl als kollektives Eigentum.

10 Das Neue Audiovisuelle Mediengesetz (Ley de Servicios de Comunicación Audiovisual Nº 26.522 LSCA) umfasst nicht die Printmedien.

11 In Anlehnung an das bekannte Zitat: »Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alb auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neuen Weltgeschichtsszene aufzuführen.« (Marx, K. und Engels, F. 1972: 115–123)

12 »A principios de 1987 se calculaba la existencia aproximada de 60 emisoras, en 1988 el número se acercaba a 1000 y para 1989 el primer director de Radio y Televisión del gobierno menemista habalaba de 2155 emisoras reconocidas.«

13 Alle für diese Arbeit aus dem Spanischen übertragenden Teile sind von der Autorin übersetzt worden und werden mit Rücksicht auf die Lesbarkeit im Folgenden nur dann hinsichtlich der Übersetzung kommentiert, wenn dies wegen etwaiger Mehrdeutigkeit des Textes erforderlich ist.

14 Betrieben mit Genehmigung.

15 Betrieben ohne Genehmigung, aber geduldet.

16 Trotz Untersagung betrieben.

17 Die Begriffsbestimmung und Begriffsabgrenzung ist Gegenstand des folgenden Abschnitts.

18 Ein genetischer Flaschenhals ist die Reduktion der genetischen Variationsbreite innerhalb einer Art. Die Anzahl der Mitglieder dieser Art wird durch ein oder mehrere Ereignisse stark dezimiert. Hinter dem Flaschenhals kommen also nur wenige Mitglieder der Art wieder heraus, deren Gene fortan die verringerte Variationsbreite ausmachen. Das biologische Bild wurde hier gewählt, um den Lernprozess, also die kulturelle Genese der Radio-Stationen, zu verdeutlichen. Die Stationen, die das große »Radiosterben« überlebten, gaben die Erkenntnisse über die Gründe ihres Überlebens an die dann wieder erfolgreich wachsende »Population« weiter.

19 Gemeint ist die Enttäuschung über das System.

20 Die genaue Zahl hängt von der Enge oder Weite der Definition »Community-Radio« ab.

21 * ATRAPADOS EN LIBERTAD: Radio Patria Libre (Comando 17 de Octubre – UTURUNCOS): http://atrapadosenradio.blogspot.com.ar/2012/07/radio-patria-libre-comando-17-de.html. Letzter Zugriff am 26. Oktober 2016.

* Radio Liberación TV

* Bustos, E., Rodrigo, F., Romero, G., Sager, F. und Varela J. (2011): »Comunicación y praxis militante en Argentina (1955–1976). Elementos para una genealogía en torno al eje comunicación/política.« Facultad de Periodismo y Comunicación Social (UNLP) Cátedra Comunicación y Teorías (I) – 2011. Diskussions- und Arbeitspapier der Fakultät für Journalismus und soziale Kommunikation der Nationalen Universität La Plata.

Esquivada, G. (2004): El diario Noticias: los Montoneros en la prensa argentina, Buenos Aires.

22 Der Begriff wird in Kapitel III ausführlich erläutert.

3. Methodologie (Genese)

Zu Beginn meiner Forschung (2008) und in Anbetracht der damaligen Informationslage standen zunächst die inneren Phänomene der Radios im Fokus (Finanzierung, Gruppenprozesse, Partizipationserfahrungen, Technik usw.).1 Im Laufe der Untersuchungen leiteten mich aber deren Zwischenergebnisse, vor allem die Menschen, denen ich diese Ergebnisse verdankte, zu einem weiteren Blickwinkel, der den inneren Aufbau der Stationen zwar berücksichtigt, aber zugleich den äußeren gesellschaftlichen Rahmen untersucht, in den hinein die Stationen gleichsam senden und der ihnen dazu auch die Anlässe und Gründe gibt. Ähnlich wie bei einem beobachtenden Dokumentarfilm2 wollte ich nicht die Wirklichkeit auf der Basis zuvor unverrückbar beschlossener Maßstäbe untersuchen, sondern vielmehr die Maßstäbe meiner Beobachtung der zu entdeckenden Wirklichkeit abgewinnen. Dazu sind (neben dem Studium der einschlägigen Literatur und der analytischen Werkzeuge) hauptsächlich folgende Forschungsmethoden im engeren Sinne eingesetzt worden: Expert*inneninterviews und themenzentrierte Interviews3.

Diese Methoden waren zum einen mit Blick auf den Forschungsgegenstand geeignet, zum anderen entsprachen sie meiner wissenschaftlichen Erfahrung u.a. bei der Erarbeitung meiner Diplomarbeit. Als passende Instrumente für die Untersuchung sind qualitative Methoden der Sozialforschung gewählt worden. Im Vergleich zur quantitativen Forschung erlauben diese die Integration von Beobachtungs- und Befragungstechniken der Anthropologie und der Ethnologie und die Berücksichtigung von subjektiven Sichtweisen und des Handelns der Subjekte im Alltag. (Flick, U. 1999)

Es bot sich an, die empirische Forschung in zwei Teile zu gliedern:

Erstens: die Befragung von so genannten Expert*innen, d.h. von direkt Beteiligten der Radioprojekte und insbesondere solcher Beteiligten, die wechselseitig innerhalb sozialer Bewegungen und dem Radio partizipieren. (Flick, U. 1999: 109–110)

Zweitens: die Erfassung konkreter Erfahrungen von Aktivist*innen aus den sozialen Bewegungen. Die Mehrheit dieser Akteur*innen überschneiden sich in ihren Rollen. Sie sollten aus jeder Rolle heraus frei und nur mäßig gelenkt über Abläufe, Konzepte und Ziele, die sie selbst für relevant hielten, reden können.

Für die Expert*inneninterviews sind Leitfäden erarbeitet bzw. halbstandardisierte Interviews durchgeführt worden. Dies erschien mir notwendig, um die von mir im Vorfeld konzeptionell berücksichtigten Inhalte einiger Begriffe, wie der der Partizipation, des Empowerments und der Autonomie, zu erfassen, zu klären und zu hinterfragen. Auch konnte ich auf diese Weise viele relevante Informationen erhalten, die ich im Vorfeld nicht (vorrangig) konzeptionell berücksichtigt hatte. Teilweise bot es sich auch an, mit den Akteur*innen eine dem Forschungsgegenstand angepasste Version des themenzentrierten Interviews zu führen. Der Ansatz dreier zentraler Kriterien – Problemzentrierung, Gegenstands- und Prozessorientierung (Flick, U. 1999: 105f.) – wurde herangezogen. In den themenzentrierten Interviews sind Auffassungen zu verschiedenen Punkten erfragt worden, um die Bedürfnisse der Befragten nach alternativer Berichterstattung zu untersuchen. Die von mir zunächst festgelegten Schwerpunkte waren u.a. interne Organisation, Partizipation und Finanzierung. Weitere Schwerpunkte haben sich bei den ersten Interviews erst herausgebildet und blieben aber als Bestandteil der Interviewfragen bestehen, z. B. Identität und (Suche nach) Wahrheit(en).

Die Untersuchung konzentrierte sich darauf, so viele Erkenntnisse wie möglich aus dem erhobenen Material zu gewinnen. Von daher war es frühzeitig klar, dass die Instrumente der qualitativen Forschungsanalyse im Allgemeinen und die der Grounded Theory im Besonderen heranzuziehen waren. Mit diesen richtungsweisenden Methoden und Theorien führte ich die Auswertung mit einem computergestützten Programm (ATLAS. ti) durch. Grundsätzlich ging es mir darum, nicht nur Antworten auf Fragen zu erhalten, sondern eher Erkenntnisse zu sozialen Zusammenhängen durch Gespräche zu gewinnen.

Da das Hauptziel der Grounded Theory die Gewinnung von Theorien ist, wurden Fragestellungen benötigt, die die notwendige Flexibilität und Freiheit gaben, Phänomene in ihrer Tiefe zu erforschen. (Strauss, A. und Corbin, J. 1996: 22) Selbstverständlich fand sowohl während der Erstellung der Fragen über die Durchführung der Interviews bis hin zur Auswertung der Daten eine Fokussierung statt. (Strauss, A. und Corbin, J. 1996: 23)

Der Prozess der aus dem Datenmaterial betriebenen Theoriebildungen ist im Grunde zeitlich offen. So er an ein Ende gebracht wird, liegt dennoch kein endgültiges Ergebnis, sondern gleichsam ein festgelegtes Standbild in einem an sich endlos weiterlaufenden Film vor. In diesem Sinne ist der »Grounded Theory [...] kein perfektes Produkt [abzuringen], sondern nur ein Ausschnitt [aus einer permanenten Entwicklung] [...]«. (Glaser B. G. und Strauss, J. 1998: 41) Diese Entwicklung wiederum wird nicht nur durch die Umstände (Ort, Zeit, politische und soziale Rahmenbedingungen etc.) begleitet, sondern wird ja auch durch die Brille eines Menschen analysiert, unterliegt insofern subjektiven Unschärfen.

Von Anfang an motivierte mich zu dieser Arbeit die Absicht, Diskussionen im deutschsprachigen Raum anzustoßen. Selbstverständlich wirkt auch diese Absicht als subjektive Unschärfe im oben genannten Sinne.

Die »entdeckten« Theorien finden sich in Kapitel IV. dieser Arbeit.

3.1 Methodologische Herangehensweisen
3.1.1 Eigene Verortung und äußere Rahmenbedingungen

Meine jahrelangen Erfahrungen in der Interviewführung (als Radiomacherin) und meine autodidaktische Weiterbildung in diesem Bereich bewahrten mich vermutlich vor denen von Hopf beschriebenen typischen »Anfänger*innenfehlern«.4 (Hopf, Ch. 2006: 357–360) Ich nahm eine Haltung ganz im Sinne des ethnografischen Interviews ein: Das heißt, ich zielte darauf, die Bedeutung des »Fremden« und die in ihm verwandte Handlungspraxis zu verstehen und nachzuvollziehen.

Ich nehme (dennoch) an, dass meine Interviewpartner*innen mich gleichzeitig als Teil ihres Zusammenhanges und als Fremde zu diesem Zusammenhang wahrgenommen haben: Einerseits wurde mir z.B. viel Nähe und Freundlichkeit und auch Hilfe bei der Auffindung geeigneter (weiterer) Projekte und Interviewpartner*innen zuteil, andererseits spürte ich eine sanfte bis deutliche Zurückhaltung, wenn ich nach Interna fragte, die mich als Außenstehende nun einmal nichts angehen sollten. Einerseits wurde ich als Medienaktivistin und Radiomacherin, mithin als »eine von ihnen« wahrgenommen; andererseits war überdeutlich, dass ich die Gruppen in meiner Eigenschaft als Politik- bzw. Medienwissenschaftlerin aus dem europäischen Raum besuchte, was mich zu »einer von außen« machte. Eine Thematisierung dieser Wahrnehmungen vermied ich allerdings, weil ihre Erörterung auf der Metaebene m.E. die Struktur des ethnografischen Interviews gerade gestört hätte.

Die Interviews wurden, außer in zwei Fällen5, vor Ort in den Community-Radios durchgeführt. Die jeweiligen Interviewpartner*innen wurden zuvor gebeten, einen für sie geeigneten Raum und eine für sie angenehme Atmosphäre zu suchen bzw. zu schaffen. Die Interviewpartner*innen wurden im Vorfeld des Interviews über den Grund des Interviews, mein Forschungsvorhaben und die Tatsache informiert, dass die Interviews anonymisiert werden würden. Sie gaben dann ihr Einverständnis für die Durchführung und die Nutzung der auf Audio aufgenommenen Gespräche.6

Für die vorliegende Untersuchung waren zwei Forschungsaufenthalte in Argentinien notwendig, die der Recherche, dem Studium der nur vor Ort zugänglichen Publikationen und natürlich der Interviewführung dienten.

1 2009 (6 Monate)

2 2010 (6 Monate)

Die Auswahl der Interviewpartner*innen erfolgte nach zwei sehr einfachen Kriterien, die zugleich eine Art Zufallsprinzip in das Kaleidoskop (ein sampling aus 20 Interviews) brachte. Ich sprach mit Menschen, die erstens in den Radioprojekten fest involviert waren und zweitens mit mir reden wollten. Es ist m.E. das Weglassen weiterer Kriterien oder Bedingungen, die für eine wahrnehmbare gleichmäßige Mischung aus Geschlecht, Alter, Herkunft etc. sorgten.

Die so gewonnenen Interviews wurden durch ein zweites sampling ergänzt, dass jedoch nach anderen Methoden als den soeben geschilderten zustande kam. Dieses sampling entstand als Transkription der für den partizipativen Dokumentarfilm7 Sachamanta in Gruppenarbeit geführten Interviews.

3.1.2 Nördlicher ruraler Raum (Dokumentarfilm Sachamanta8)

Im Jahr 2009 und 2010 unternahm ich zwei Reisen in die nördliche Provinz Santiago del Estero9 als Teil eines Abschnittes der Forschung, der den ruralen Raum der argentinischen Radiolandschaft berücksichtigte sollte.10 In der Region existierten seinerzeit vier Community-Radios11, die ich besuchte. Neben den dort nach den unter 3.1.1 geschilderten Prinzipien geführten Interviews, die in die allgemeine Transkription einflossen, entstand ein zweites ergänzendes sampling während der Dreharbeiten zum Dokumentarfilm Sachamanta nach einer abweichenden Vorgehensweise.

In partizipativer Gruppenarbeit wurden die Interviews für den Film von den Befragten jeweils selbst auf Video erstellt. Die Vorgehensweise war dabei diese: Die »Betreiber*innen« erhielten von mir eine Liste mit Fragen, die in größeren Teilen den Standardfragen meines Interviewbogens entsprachen. Allerdings konnten sie diese Fragen beliebig um neue Fragen erweitern, die sie selbst relevant fanden. Dann wurden zwei Schachteln mit Zetteln auf den Tisch gestellt. Die erste enthielt die Namen der Teilnehmer*innen, die zweite Schachtel alle ursprünglichen und zusätzlich erarbeiteten Fragen. Es wurden zur Eröffnung zwei Namen aus der ersten Schachtel gezogen. Die erste gezogene Person übernahm die Kameraführung und die zweite Person beantwortete die erste der gezogenen Fragen. Danach stand es allen anderen Teilnehmer*innen frei, sich ebenfalls zu dieser Frage zu äußern. Danach wurde die erste Frage beiseitegelegt und die Kamera der Person übergeben, welche zuvor in der Antwortrolle war. Ein neuer Name und eine neue Frage wurden gezogen, die nächste Frage abgearbeitet usw.

Durch dieses System entstand zunächst ein Interviewarchiv, dessen Ordnung sich aus den jeweils verschiedenen Antworten (und ihren Übereinstimmungen) auf jeweils gleiche Fragen ergab. Aus diesem Archiv entstand dann der Original(interview)ton des Filmes.

3.2 Quellen und der Umgang mit ihnen
3.2.1 Interview / Quellen

»Jedes Interview ist Kommunikation, und zwar wechselseitige, und aber auch ein Prozess. Jedes Interview ist Interaktion und Kooperation. Das ›Interview‹ als fertiger Text, ist gerade das Produkt des ›Interviews‹, als gemeinsamer Interaktionsprozess, von Erzählperson und interviewender Person gemeinsam erzeugt – das gilt für jeden Interviewtypus.« (Helfferich, C. 2005: 10)

Die von mir selbst durchgeführten12 Interviews weisen mehrere Merkmale auf, die bei verschiedenen Experten der qualitativen Forschungsmethoden aufgelistet werden:

1) Alle meine Interviewpartner*innnen sind, im Sinne von Flick, als Experten*innen zu definieren. Sie stehen als Repräsentant*innen für die Handlungs- und Sichtweisen einer bestimmten Expert*innengruppe. Die gewonnenen Interviews sind somit in Bezug ihres Quellentypus als Experten*inneninterviews zu qualifizieren.

2) Für mein Forschungsdesign wurden leitfadengestützte Interviews erarbeitet und durchgeführt. Das bedeutet, dass die Struktur der Interviews nicht von starren Fragen abhing, sondern sich von einer Dialogsituation auf der Basis des Leitfadens ableiteten. Letzterer gewann allerdings immer an Verbindlichkeit, wenn die darin erfassten Schwerpunkte bzw. Themen von den Interviewpartner*innen nicht bereits von selbst an- und ausgesprochen wurden. Meist taten sie dies aber ohnehin und ergänzten um eigene Schwerpunkte und Themen. So entstanden Leitfadeninterviews, die später bei der Analyse überwiegend inhaltsanalytisch (Mayring, Ph. 2008) oder entsprechend des »Kodierparadigmas« der Grounded Theory (Strauss, A. 1991; Strauss, A. und Corbin, J. 1996) ausgewertet wurden. (Kleemann, F. et al. 2009: 209)

3) Für die themenzentrierten Interviews wurde maßgeblich, dass sich nach der Konzipierung, aber während der Interviewführungen die politischen Rahmenbedingungen13 so stark veränderten, dass meine Orientierung auf relevante gesellschaftliche Fragestellungen (Flick, U. 2006: 135) ebenfalls stark beeinflusst wurde.

3.2.2 Vorgehensweise bei der Analyse der Interviews

Die (schrittweise) Analyse der Interviews erfolgte entlang ihrer (schrittweisen) Transkription und (schrittweisen) Durchführung.14 Diese Schritte lassen sich als Phasen darstellen.

* Nach der Transkription der ersten fünf (5) Interviews:

Erste Phase:

»In Vivo« bzw. offenes Kodieren, wobei das offene Kodieren in überwiegendem Maße das »in Vivo« ablöste.

Zweite Phase:

Erste Gruppenbildung bzw. Kategorisierung der schon vorhandenen Codes. Erstellung von Familien- und Supercodes.

* Nach der Transkription weiterer acht (8) Interviews:

Dritte Phase:

Während dieser Phase fand offenes Kodieren mit Hinblick auf die schon vorhandenen Kategorien und eine Fokussierung der Kategorien statt.

* Nach der Transkription der neu geführten und letzten sieben (7) Interviews:

Vierte Phase:

Offenes Kodieren und Kategorisierung. Weitere Zuspitzung der Definition der Kategorien.

Das zunehmend offenere Kodieren innerhalb der ersten Phase, aber vor allem die Bildung von Familiengruppen und Kategorien waren eine große Hilfe, um zu sehen, welche Dichte (density) bei den einzelnen Codes vorlag. Dieses Verfahren ließ auch erkennen, welche Codes überhaupt keine größere Rolle spielten und welche relevanten Codes in welchen Milieus stärker oder schwächer gewichtet waren.

Zunächst erstellte ich die Codes auf Spanisch und nur teilweise auf Deutsch. Erst bei der Familienbildung und bei den ersten Schritten der Abstraktion – etwas, was ich früh begann – wurden die Codes auf Deutsch einheitlich festgehalten und bis zum Ende, mit wenigen Ausnahmen, identisch weitergeführt.

Nach dem offenen Kodieren und der Erstellung von Kategorien war es schwierig, weiterhin »in Vivo« zu kodieren. Dennoch führte ich diese insoweit wortinhaltspräzisere Kodierung an solchen ausgewählten Aussagen weiter durch, die besonders definierte, für sich bereits vorinterpretierte Inhalte betrafen und bei denen ich Sorge hatte, dass eine zu großzügige Interpretation die Analyse verfälschen könnte. Dies betraf Aussagen wie: Popular, Identität, Stimme, Wahrheit(en).

Auch wenn es eventuell wünschenswert gewesen wäre, mehr konstruktives Chaos beim »in Vivo«-Kodieren beizubehalten, gewann die Interviewanalyse über die Bildung der Kategorien schnell an Struktur. Die Theoriebildungen nahmen schon bei diesen Anfangsschritten Form(en) an. Die theoretische Sensibilität, von der Strauss und Corbin sprechen (Strauss, A. und Corbin, J. 1996: 25), war spürbar, leitend, und zwar durchgängig.

Aus der Interviewanalyse kristallisierten sich folgende Schwerpunkte heraus, wobei die Reihenfolge keine Wertung beinhaltet:

1 Ebene der Empathie (Gefühlsebene, Freude über die Radioarbeit und das darin neu erlangte Wissen)

2 Wem gehört das Radio? (Die Akteure*innen als Sonnensystem mit einem Kern [direkte Akteure*innen] und einem System mit mehreren fernen und näheren Akteure*innen, die als Satelliten agieren.)

3 Materielles (Geschichte der Entstehung der Sender. Senden sie selbst oder über andere Antennen? Sind sie offen oder geschlossen? Sind sie regional eingebunden (lokaler Bezug) oder ist ihre Community dezentral angesiedelt [sozial-politische-ideologische Gesinnung]?)

4 Themen/Ausrichtung der Radios (alternative Berichterstattung und/oder Counterinformation15)

5 Hegemonie vs. Gegenhegemonie (bei bestimmten Gruppen werden diese Begriffe nicht genannt, aber die Begriffsinhalte sind klar dekodierbar)

6 Radio als WerkzeugLokale alltägliche KommunikationAufklärungsarbeitPolitische MobilisierungVom Radio zur gesellschaftlichen Transformation (Poder Popular)

7 Subjektivität vs. Objektivität der Berichterstattung

8 Empowerment / Entmystifizierung der Technik

Diese Schwerpunkte bilden in großen Teilen die Vorlage und die Grundlage für die tiefere Analyse im vierten Kapitel, das die Theoriebildungen umfasst. Die verbleibenden »nicht genutzten« Schwerpunkte sind das dekodierte Ergebnis einer spezifischen Art der Interviewführung, bei der zur Auflockerung zu Beginn der Gespräche und auch während der Gespräche Fragen zu unverfänglichen Themen gestellt wurden.

3.2.3 Auswertungsverfahren (interpretativ)

Nachdem die Interviews in ATLAS. ti (Version 5) eingefügt wurden, begann ich mit der Analyse bzw. Auswertung des Materials. Das computergestützte Auswertungsverfahren vereinfachte die Interpretation der herausgearbeiteten, relevanten Aussagen für die Theoriebildung.

Im Mittelpunkt der Untersuchung stand der Forschungsbereich der Community-Radios in Argentinien in Wechselwirkung mit den sozialen Bewegungen. Dazu ergaben sich früh aus denen von den Interviewpartner*innen (insgesamt) für relevant erachteten Themenschwerpunkten und der damit verbundenen Ideen, Einsichten und Konzepte für die Theoriebildungen zwei Einhegungen und zwei Erweiterungen für den Raum der Theoriebildungen.

* Einhegungen

a. Die Interviews aus dem urbanen Raum und die Interviews aus dem ländlichen (ruralen) Regionen (Nord- und Südargentiniens) ergaben keine signifikanten Abweichungen hinsichtlich dieser geografischen Räume.

Die Arbeit der Radios, die gegenseitige Einbettung in sozialen Bewegungen, das (gegenhegemoniale, partizipative) Selbstverständnis der Radios, die Funktion des Empowerments, der transformative Anspruch u.v.m. wurden auf der abstrakten Ebene fast identisch benannt und bewertet. Verkürzt: Die regionalen Verhältnisse unterschieden sich, aber die Ansichten der Radiomacher*innen weitgehend nicht16.

b. Ganz ähnliches gilt für das Verhältnis von sozialschichtiger Einordnung und Schwerpunktsetzung. Ich sprach mit Arbeiter*innen, Akademiker*innen und Bäuer*innen, deren Sprache sich unterschied, die aber überwiegend übereinstimmende Schwerpunktsetzungen und Inhaltsbestimmungen vornahmen.

* Erweiterungen

c. Sämtliche Radios begriffen sich – in deutlich personeller Rollenüberschneidung – verbunden mit einer oder mehreren sozialen Bewegungen in ihren Regionen. Doch zum Ersten handelte es sich vielfach um neue soziale Bewegungen der Poder Popular17, die sich längst nicht mehr auf Protest gegen Missstände und deren Bekanntmachung richteten, sondern auf die aktive und demokratische Gestaltung der Lebensverhältnisse vor Ort und dieses Agieren durch die Radios (wie mit einem Transmissionsriemen) verstärkten. Zum anderen hatten die Gruppen zugleich weit größere Ansprüche. Schritt für Schritt wolle man allerorts die staatlichen Institutionen durch eigenes »Selbstverwalten« ersetzen, um aus der Schule des Regionalen heraus in einen breiten antikapitalistischen Transformationsprozess »von unten nach außen« einzutreten. Das neue Mediengesetz – das seinerzeit im Entwurf als Diskussionspapier die Runde machte – begriff man als einen wichtigen landesweiten Schritt auf diesem Weg.

d. Das Innenleben der Radiostationen (ihre personelle Zusammensetzung, ihre Regeln, der Grundsatz der Partizipation und die Bewältigung von Bildungserfordernissen für den Betrieb) ließ sich natürlich formal als Struktur auffassen, als ein bestimmtes System, das anfallende Aufgaben zur Erledigung bringt und Ziele verwirklicht. Aber inhaltlich lag ein Labor vor, in dem solche Lebensweisen und Prinzipien, die für eine Transformation der (gesamten) Gesellschaft relevant sind, bereits (im Kleinen) erprobt, geübt und weiterentwickelt wurden. Die Radios sahen sich in dieser Hinsicht nicht anders als die selbstverwalteten Fabriken oder die sozialen Gruppen, die sich um regionale Daseinsvorsorge kümmerten. Die zentrale Idee lautete: Der Mensch verändert sein Bewusstsein, wenn er sein Handeln in der Praxis ändert.

1 Im Anfangsstadium dieser Arbeit waren auch noch folgende Schritte geplant: Analyse der Institutionen COMFER und der überregionalen Vernetzungsgruppen wie FARCO, AMARC Lateinamerika, im Besonderen der Karibik, und das im Jahr 2010 gegründete AMARC Argentinien. Inhaltsanalyse der Programme der Community-Radios und Beobachtungen mit zwei verschiedenen Schwerpunkten: 1. Entscheidungsfindung und -treffen innerhalb ausgewählter Radioprojekte, 2. Entscheidungsfindung und -beschluss innerhalb des Prozesses für ein neues Mediengesetz. Auch diese Forschungsziele wurden zugunsten der dann faktisch vorliegenden nicht weiter verfolgt.

2 Ein beobachtender Dokumentarfilm kennt zwar ein Thema und auch eine Haltung, kommt aber während der Dreharbeiten ohne »Buch« aus. Die Dramaturgie erschließt sich erst im Nachhinein bei der Sichtung und Auswertung des Beobachteten (des gedrehten Materials) am Schnitttisch.

3 Hinzu kamen in Gruppenarbeit gewonnene Interviewaussagen, bei denen sich die Betroffenen gegenseitig interviewten und die diese Methodologie ergänzen. Dazu sogleich.

4 Solche Fehler sind z.B.: Ein zu häufiges Nachfragen, weil es die Tendenz eines dominierenden Kommunikationsstil in sich trägt. Die häufige Verwendung von bewertenden und kommentierenden Aussagen oder Gesten, auch wenn sie unterstützend gemeint sind, weil dadurch das Gespräch verzerrt gelenkt wird. Suggestive Vorgaben oder Interpretationen des eben Erfahrenen, weil auch dadurch die Ergebnisse des Interviews verfälscht werden. Zu häufiges Unterbrechen, weil dies den Gedankenfluss des Gegenübers hemmt.

5 Zwei Interviews fanden im privaten Wohnort der Interviewpartner statt.

6 Verwendet wurde ein tragbarer digitaler Audiorekorder.

7 Ein partizipativer Dokumentarfilm ist ein Dokumentarfilm, dessen Inhalt von den Protagonist*innen selbst gestaltet wird.

8 Release 2012, Kameradist*innen, ARG/D, 50 min., OmU, 4:3 / Der Film kann im Internet kostenlos angesehen werden: https://www.kameradisten.org/sachamanta-ansehen/

9 Die Provinz mit der gleichnamigen Hauptstadt befindet sich im Norden Argentiniens. Die geografische Distanz zur Landeshauptstadt Buenos Aires beträgt über 1000 km. Die Region um die Provinzhauptstadt ist von schweren Landkämpfen betroffen, bei denen es Tote und Verletzte gibt. Der Konflikt dreht sich um die Frage des Eigentums an Land, das einerseits mit seinem kargen Boden die Bauerngemeinden seit Jahrtausenden (Erste Völker) ernährt und andererseits ein Spekulationsobjekt geworden ist, seit genmodifiziertes Saatgut und darauf abgestimmte Herbizide den industriellen Anbau von Soja auch hier rentabel gemacht haben.

10 Der zweite vorwiegend rurale Raum in meinen Untersuchungen war der Süden des Landes.

11 Heute (2016) gibt es in dieser Region fünf feste Stationen und eine mobile Station.

12 Demnach gilt dies nicht für die unter 3.1.2. geschilderten Interviews aus partizipativer Gruppenarbeit.

13 Der von der Exekutive zur breiten Diskussion innerhalb der Bevölkerung freigegebene Mediengesetzentwurf beeinflusste, begeisterte, aktivierte die gesamte Radioszene stark.

14 Diese Vorgehensweise stützte sich auf die Idee, dass der suchende Mensch nur sieht, was schon ihr/ihm bekannt ist. Demnach ist es wichtig, (immer etwas mehr) zu wissen, bevor (etwas mehr) gesucht wird. Das zu Suchende ergibt sich so aus der Abstraktion des bereits Begriffenen und bereichert dieses. Beim Auftreten von Fehlern oder Widersprüchen muss natürlich abgebrochen und im Prozess zurückgegangen werden.

15 Zur Unterscheidung weiter unten.

16 Zu den Unterschieden vgl. Abschnitt 4.1. dieser Arbeit.

17 Die Poder Popular wird in Kapitel 4.3 umfassend behandelt.

4. Quellenanalyse und Theoriebildung

»Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.« (Marx, K. und Engels, F.: Werke, Band 8, 1972: 115)

»Inwieweit sind wir tatsächlich fähig gewesen, uns als Individuen, als Gemeinden, als soziale Gruppe auf dem Weg der Transformation, die unsere Geschichte verlangt hat, auszudrücken? Und inwieweit ist es uns gelungen, geeignete Mitteln dafür zu finden, so dass uns diese Transformation besser machen könnte?« (Carlos D. Mesa Gisbert, Ex-Präsident Boliviens, in: Gumucio-Dagron, Tufte, Th. 2008: 13)1

Für diese Studie sind theoretische Begriffe zentral, die im soziologischen, politischen und kommunikationswissenschaftlichen Sprachgebrauch uneinheitlich, mindestens aber mit unterschiedlichen Grundannahmen verbunden werden, z.B.: verschiedene Radiobegriffe, Partizipation, Hegemonie, Öffentlichkeit oder Poder Popular.

Diese und weitere Begriffe werden im Folgenden so reflektiert werden, wie sich ihre Bedeutung entlang der Auswertung der geführten Interviews herauskristallisierte. Das Augenmerk liegt dabei auf dem Herausarbeiten solcher mit höherer Dichte (density) gefundenen Aussagen, welche einen analytischen Charakter in sich tragen. Umgekehrt kommen (unabhängig von der density) für die Reflexion der genannten Begriffe solche Aussagen nicht zum Tragen, die weniger analytische als praktische Fragen berühren, wie u.a. die Entstehung der Radiosender oder deren Finanzierung.

Das Sampling umfasst 20 Interviews. Dazu kommen die Auswertungen von vier Workshops nach dem Empowermentansatz (»voneinander lernen«) mit jeweils sechs Interviewpartner*innen. Für Analyse und Theoriebildung wird also auf Interviewaussagen und »Workshopaussagen« gemeinsam aufgebaut. Darüber hinaus sind neben deutschen und europäischen Arbeiten bewusst solche Arbeiten von Autoren des spanischsprachigen Raumes genutzt worden, deren Ideen sich allgemein in den Diskussionen innerhalb der lateinamerikanischen und speziell der argentinischen (Medien-)Aktivist*innenszene widerspiegeln.

Nach meiner Auffassung ist der ideengeschichtliche, ursprüngliche Gehalt vieler der im Folgenden verwandten relevanten Begriffe in der deutschen Diskussion nahezu verloren gegangen, hat sich durch inflationären und interessengeleiteten Gebrauch jedenfalls stark gewandelt. Dennoch ist es weder das Ziel dieser Arbeit, diese ursprünglichen Bedeutungen der Begriffe umfassend darzulegen, noch eine Behandlung dieser Begriffe mit der Behauptung von wissenschaftlicher »Objektivität« zu unternehmen.

Die vorliegende Verdichtung ist vielmehr als (provokative) Einladung gemeint, über die genannten Begriffe (entlang ihrer praktischen Anwendung) zu diskutieren, sie in dialektischer Art weiterzuentwickeln, um zu einer sinnstiftenden Vervollständigung der genannten Begrifflichkeiten für die Transformation der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu gelangen, nicht allein in Argentinien oder Lateinamerika, sondern auch in der Bundesrepublik.2 Für die Rezeption der theoretischen Diskussionen konzentrieren sich die folgenden Ausführungen deutlich auf den spanischsprachigen, vor allem den lateinamerikanischen Raum – weil vorwiegend in diesen Räumen eine lebendige (also mit real ablaufenden Transformationsprozessen verbundene) Diskussion zum Thema geführt wird, während analoge Diskussionen in Europa heute sehr selten sind und zudem fast nie in der Praxis wirkmächtig werden. Dennoch beruht die lateinamerikanische Debatte selbstverständlich auf (älteren) europäischen Ideen und Impulsen, was die hier nicht näher belegte Annahme nährt, dass anderswo eine Ideengeschichte (in Auseinandersetzung mit der Praxis) fortgeschrieben wird, die hierzulande vorerst stillsteht.

Allein die Fülle an neuem Material zur Debatte, das bei den Recherchen in Argentinien, in Mexiko und in Venezuela zu finden war, muss als beeindruckend bezeichnet werden, vor allem deshalb, weil die Autor*innen und Herausgeber*innen dieser neuen Texte ihre Arbeit bewusst in eine Kontinuität zum europäischen Denken stellen. Nur ein Beispiel dafür ist die »Antología de Comunicación para el cambio social: Lecturas históricas y contemporáneas«, die von Alfonso Gumucio-Dagron und Thomas Tufte im Jahr 2008 kompiliert und herausgegeben wurde. Die 1500 Seiten umfassende Anthologie der Kommunikation für die gesellschaftliche Transformation mit 200 Texten von 150 Autoren beginnt mit Bertolt Brecht und seinem Text aus dem Jahre 1932 »Das Radio als Kommunikationsapparat« und »endet« in der heutigen Zeit. Sie enthält eine Fülle an Texten von Autoren, insbesondere von den 1960er Jahren an, die teilweise in Vergessenheit gerieten, weil sie eine kritische Haltung zum hegemonialen Charakter des Begriffes Kommunikation haben oder hatten, oder weil sie schlicht und einfach nicht auch in englischer Sprache publiziert wurden.

Weil diese Studie für den deutschsprachigen Raum verfasst wurde, nimmt sie zur Illustration, Abgrenzung und Durchdringung theoretischer Probleme immer auch hiesige Phänomene auf. Die philosophischen Grundannahmen spielen im Feld eines undogmatischen Marxismus. Geschichtliche, ökonomische und soziale Rahmenbedingungen Argentiniens und Lateinamerikas werden themenbezogen erörtert und zugleich durch die gesamte Studie als Darstellungen stetig neu aufgegriffen, erweitert und vertieft, um die Lesbarkeit zu erhöhen.

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
25 mayıs 2021
Hacim:
368 s. 14 illüstrasyon
ISBN:
9783838274645
Yayıncı:
Telif hakkı:
Автор
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