Kitabı oku: «Kulturtheorie»
Wolfgang Müller-Funk
Kulturtheorie
Einführung in Schlüsseltexte der Kulturwissenschaften
3., aktualisierte und erweiterte Auflage
A. Francke Verlag Tübingen
Umschlagabbildung: Nora Bachel, aus der Serie „Ornament nach Labyrinth“ 2012, Zeichnung, Kugelschreiber auf Chinapapier, 35 x 30 cm
Prof. Dr. Wolfgang Müller-Funk war Professor an der Universität Wien. Seit 2018 hält er eine internationale Lehr- und Forschungstätigkeit, zuletzt am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM), Wien sowie an der Universität Sapienza in Rom.
Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
utb-Nr. 2828
© 2020 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen
ePub-ISBN 978-3-8463-5627-2
Inhalt
Die Politik ist die ...
Notiz zur dritten Auflage
Vorwort zur 2. Auflage
Einleitung: Kultur, Kulturwissenschaften, Kulturtheorie
Kapitel 1 Überlegungen zum Kulturbegriff: T.S. Eliots Spuren in den angelsächsischen Kulturwissenschaften Kritikpunkte und Anmerkungen Literatur
Kapitel 2 Psychoanalyse als Kulturtheorie: Sigmund Freud Kritikpunkte und Anmerkungen Literatur
Kapitel 3 Philosophische Grundlagen der Kulturanalyse: Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen Formen Kritikpunkte und Anmerkungen Literatur
Kapitel 4 Giambattista Vico, Johann Gottfried Herder und die Folgen: Von der Neuen Wissenschaft über die gemeinschaftliche Natur der Völker zur aufklärungskritischen Kulturphilosophie Kritikpunkte und Anmerkungen Literatur
Kapitel 5 Georg Simmel: Geld und Mode Kritikpunkte und Anmerkungen Literatur
Kapitel 6 Kritische Theorie als Kulturtheorie: Dialektik der Aufklärung und Pariser Passagen Kritikpunkte und Anmerkungen (1) Kritikpunkte und Anmerkungen (2) Literatur
Kapitel 7 Roland Barthes: Von den Mythologies zur Semiotik der Kultur Kritikpunkte und Anmerkungen Literatur
Kapitel 8 Michel Foucault: Diskurs als kulturelle Macht Kritikpunkte und Anmerkungen Literatur
Kapitel 9 Pierre Bourdieu: Von den symbolischen Formen zu den sozialen Feldern Kritikpunkte und Anmerkungen Literatur
Kapitel 10 Clifford Geertz: Dichte Beschreibung Kritikpunkte und Anmerkungen Literatur
Kapitel 11 Opfer, Mimesis und verborgene Gewalt: Von der Literaturwissenschaft zur Kulturtheorie René Girards Kritikpunkte und Anmerkungen Literatur
Kapitel 12 Cultural Studies als offenes Theorieprojekt: Stuart Hall Kritikpunkte und Anmerkungen Literatur
Kapitel 13 Zur Narrativität von Kulturen: Paul Ricœurs Zeit und Erzählung Kritikpunkte und Anmerkungen Literatur
Kapitel 14 Michail Bachtin: Chronotopischer „turn“ und „Hybridität“ Kritikpunkte Literatur
Kapitel 15 Mieke Bal: Das Briefje. Alteritäre Strukturen in Literatur und kulturellen Artefakten Kritikpunkte Literatur
Kapitel 16 Jurij Lotman: Kultur als semiotischer Raum Kritikpunkte: Literatur
Auswahlbibliographie
Personenregister
Sachregister
Die PolitikPolitik ist die KunstKunst, Kunstwerk des Möglichen.
Das ganze LebenLeben, Lebens-, -leben ist Politik.
(Cesare Pavese, Das Handwerk des LebensLeben, Lebens-, -leben 1935–1950)
Den Studentinnen und Studenten meiner Vorlesungen in Innsbruck, Mumbai, Neu Delhi, Szeged und Wien mit Dank für ihre Neugierde gewidmet
Notiz zur dritten Auflage
Dass dieses Buch nun in die dritte Auflage geht, ist Anlass, dieser eine kurze Notiz vorauszuschicken, hat es doch in der internationalen Lehrtätigkeit des Verfassers eine nicht unerhebliche Rolle gespielt. Die plurale und polyperspektivische Anlage dieses Buches mag zum Teil dem intellektuellen Temperament des Autors geschuldet sein, spiegelt aber zugleich die Spannbreite heutiger kulturtheoretischer und kulturanalytischer Ansätze wider.
Die Kulturwissenschaften haben stets auch metapolitische Bezugnahmen auf all die medialen Auskristallierungen, Produkte, Prozesse und Relationen, die sich unter dem Begriff Kultur fassen lassen, genommen. Wie der gegenwärtig grassierende Kulturalismus und die ihn begleitende Identitätspolitik anschaulich machen, besteht dabei durchaus die Gefahr, kulturtheoretische Theorien in diversen Kulturkämpfen rhetorisch zu überdehnen. Die Einsicht, dass die Beschreibung kultureller Phänomene das Beschriebene verändert und damit eine politische Bedeutung hat, darf nicht dazu führen, Wissenschaft für vordergründige politische Kämpfe zu instrumentalisieren und sie damit ihrer reflexiven Kraft zu berauben und universale Diskursregeln von wissenschaftlicher Rationalität – Stichwort cancel culture – beiseite zu schieben.1
Die vorliegende Auflage ist eine Aktualisierung und Erweiterung der Buchversion von 2010. Sie nimmt dort, wo es sinnvoll und nötig ist, Hinzufügungen vor. Die Bibliographie der einzelnen Kapitel und die Gesamtbibliographie wurden entsprechend aktualisiert. Neu gegenüber der Zweitauflage ist ein Kapitel über die Kultursemiotik von Jurij Lotmann, deren wachsender Bedeutung in der einschlägigen wissenschaftlichen Gemeinschaft Rechnung getragen wird.
Was die zunehmend eingeforderte Sensibilität für sexuelle Differenz und Diversität – ein gewiss gewichtiges theoretisches und moralisches Anliegen – betrifft, hat sich der Verfasser dafür entschieden, diese etwa durch die Verwendung geläufiger männlicher wie weiblicher Bezeichnungen zu markieren. Auf eine solche explizite Markierung wird dann verzichtet, wenn diese Thematik nicht im Zentrum der Überlegungen steht.
Bevorzugt werden generell neutrale Bezeichnungen und ein neutrales Verständnis des grammatischen Geschlechts. Eine durchgängige Genus- und Geschlechtsmarkierung, ob mit Stern, Doppelpunkt, Unterstrich, Schrägschriften oder Binnen-I, erweckt den – falschen – Eindruck, dass alle Probleme und Phänomene dieser Welt vornehmlich unter der Perspektive des Geschlechtlichen zu sehen sind.
Ausdrücklich bedanken möchte ich mich bei meinem Kollegen und Freund Gottfried Schnödl für seine klugen Kommentare und sein genaues Lektorat.
Drosendorf/Wien/Cerovica im Sommer 2021
Vorwort zur 2. Auflage
Das Interesse an fachübergreifenden Fragestellungen, die sich an einem neu gewonnenen Begriff von ‚Kultur‘ orientieren, lässt sich an der Resonanz ablesen, den diese Einführung seit 2006 erfahren hat. Sie hat Anteil an dem Bestreben, das Studium und die Erforschung von kulturellen Phänomenen, synchron wie diachron, auf eine methodisch transparente und nachvollziehbare theoretische Basis zu stellen, was Experiment, theoretisches Spiel und neue Denkweisen nicht ausschließen muss und keineswegs eine Rückkehr zu einem kruden Szientismus intendiert.
Die zweite Auflage ist gegenüber der ersten um zwei Kapitel erweitert worden: Ein eigenes Kapitel ist Michael M. Bachtin, das andere Mieke Bal gewidmet, Autoren in diesem Feld, denen auf eine je eigene Weise eine wegweisende Bedeutung in den sich national wie disziplinär überlagernden und verschränkenden Diskursen der Cultural StudiesCultural Studies und der Kulturwissenschaften zukommt.
Bei den Kriterien für die Auswahl der Autoren folge ich der Argumentation, die bereits der ersten Auflage zugrunde gelegen hat: Zum einen habe ich Theoretikerinnen und Theoretiker bevorzugt, die im Sinne FoucaultsFoucault, Michel als Diskursbegründer angesehen werden können (womit dieser Theorieband auch eine explizite historische Note erhält), zum anderen – und das gilt selbstredend für Bal und Bachtin – diskutiere ich Theorien im Hinblick auf ihre Anwendbarkeit und nicht zuletzt auch im Hinblick auf eine narrative Kulturtheorie, deren Stellenwert in der internationalen Diskussion meines Erachtens noch immer unterschätzt wird.
Die Bibliographie zu den einzelnen Kapiteln, die benutzerfreundlich und exemplarisch gehalten ist, sowie die Schlussbibliographie wurden ausgeweitet, ohne eine lexikalische Dimension für sich zu beanspruchen.
Die Überarbeitung der Kulturtheorie ist mir nicht zuletzt durch einen Forschungsaufenthalt am Graduate Centre for the Study of Culture der Universität Gießen möglich gewesen. Bedanken möchte ich mich insbesondere beim Direktor des Instituts, Ansgar Nünning, sowie bei Leora Auslander, Doris Bachmann-MedickBachmann-Medick, Doris, Sibylle Baumbach, Hubertus Büschel, Francesca Fulminante, Daniela Meinhardt, Birgit Neumann und Thomas Weber und bei den agilen Doktorandinnen und Doktoranden meiner Meisterklasse über Bachtin sowie der Workshops zu Michel Foucault und zum Thema Narrative und Medien. Sie alle haben mir auf die eine oder andere Weise, direkt wie indirekt, Anregungen gegeben, die in die Neuauflage eingegangen sind.
Gießen/Wien im Sommer 2009
Einleitung: Kultur, Kulturwissenschaften, Kulturtheorie
Von Anfang an war die kulturelle Wende in den Humanwissenschaften von Aufbruchsstimmung, aber auch von einer tiefgreifenden Skepsis begleitet. Zu unbestimmt blieb, was der Begriff Kulturwissenschaft eigentlich meinen sollte. Was die einen als neue Offenheit priesen, wurde andernorts verächtlich als Vagheit und als Abschied von den sicheren Beständen der jeweils eigenen Disziplin abgetan. Die Antworten auf diese Fragen reichen von der Ausweitung des Themenbereichs, die angesichts eines rapiden Kulturwandels als unabweislich erscheint, bis zum dramatischen Appell einer thematischen Neuorientierung der Humanwissenschaften. Erschwert wird die Unübersichtlichkeit in diesem Feld noch durch die Tatsache, dass mit der angelsächsischen post-marxistischenMarxismus, marxistisch Kulturforschung (Cultural StudiesCultural Studies) und den deutschen, eher historisch orientierten, methodisch nicht selten antiquierten Kulturwissenschaften zwei unterschiedliche Typen von Theoriebildung vorliegen, die sich hinsichtlich ihrer methodischen Präferenzen, ihres intellektuellenIntellektueller, intellektuell Temperaments, ihrer GeschichteGeschichte, ihres (politischen) Selbstverständnisses, ihrer Themenwahl und hinsichtlich ihrer Positionierung im Feld der Kultur gravierend voneinander unterscheiden.
Der Terminus Kulturwissenschaften ist so mehrdeutig wie der Kulturbegriff, auf den sich diese beziehen. Er meint zum einen in einem schieren Akt der Umbenennung das Ensemble der bisherigen human- bzw. geisteswissenschaftlichen Fächer, zum anderen aber auch ein transdisziplinäres Bündel von Fächern, die sich in der Erforschung des mehrdimensionalen Phänomens der Kultur zusammenschließen (Ethnologie, Literaturwissenschaften, GeschichteGeschichte, Volks- und Völkerkunde), er meint aber auch eine institutionell verankerte, in sich selbst transdisziplinäre Einzeldisziplin (Kulturwissenschaft; Cultural StudiesCultural Studies). Der Autor des Buches bekennt, dass er mit dem Vorschlag der niederländischen Kulturforscherin Mieke BalBal, Mieke sympathisiert, den Begriff der KulturanalyseKulturanalyse im Sinn eines konsistenten transdisziplinären Projekts ins Spiel zu bringen, um sowohl der RhetorikRhetorik der reinen Umbenennung als auch dem Dilemma einer neuen Superdisziplin, die mehr verspricht als sie halten kann, zu entgehen.
Der kulturelle Wandel umfasst, wie gesagt, inhaltliche wie formale Aspekte, neue Themen wie GeschlechtGeschlecht (Gender), Geschlecht-,, PostkolonialismusPostkolonialismus, postkolonial, NationalismusNation, Nationalismus, national, aber auch die Erforschung neuer medialer Formate und Inszenierungsformen (digitale MedienMedien, Medien-, -medien, medien-, Museum als MediumMedium, Ausstellungen etc.). Pointiert gesprochen sind die traditionellen Literaturwissenschaften tendenziell zu historischen Disziplinen geworden, weil das Medium BuchBuch (als Medium) in der Kultur der HypermoderneModerne, modern, -moderne ein Medium unter vielen geworden ist und damit seinen privilegierten Standort im kulturellen Gesamthaushalt endgültig eingebüßt hat. Die methodische Neubestimmung wiederum zielt auf die mittlerweile modisch gewordenen, von den verschiedensten Forschungsgruppen und claims ausgerufenen Wenden, Volten und turns. Diese reichen bekanntlich von der linguistischen, über die mediale bis zur performativen oder spatialen Wende.
Unbestritten in ihrer Bedeutung ist indes die linguistische WendeLinguistische Wende, die sich zumal im deutschsprachigen akademischen Milieu niemals – als unhintergehbares Paradigma – durchsetzen konnte und bis zu einem gewissen Grad eine Randerscheinung geblieben ist. Im Hinblick auf das Verständnis von sprachlichem SymbolismusSymbolismus und seinem konstruktiven, weltaufbauenden Charakter lassen sich grob gesprochen Typen von Kulturtheorien unterscheiden: jene traditionellen Theorien, die vornehmlich mit dem binären Gegensatz von Kultur und NaturNatur operieren, und solche, die den konstruktiven Charakter der Kultur hervorheben. In diesen Konzepten von Kultur verschwindet der traditionelle Gegenbegriff der Natur fast vollständig. Im Gegensatz hierzu und in Abgrenzung zu einem radikalen Konstruktivismus begreift der Autor Begriffe wie Natur, Wirklichkeit und Realität als unabdingbare Grenzwerte gerade im Hinblick auf die politische Dimension der kulturellen Wende. Die zunehmende Bedeutung diverser MedienMedien, Medien-, -medien, medien- kann im Lichte eines semiotischen Verständnisses von Kultur erfasst und analysiert werden.
Die vorliegende Einführung, die an einigen Stellen an das methodische Grundlagenwerk Die Kultur und ihre NarrativeNarrative (2002/2008) anschließt, möchte nicht die vorhandenen Einführungen in die Kulturwissenschaften (→ Bibliographie) um ein weiteres BuchBuch (als Medium) vermehren, sondern einen Einblick in jene Theorien geben, die im KontextKontext der kulturellen Wende in den Human- und Sozialwissenschaften von Belang sind. Dieses Buch geht auf Lehrveranstaltungen zurück, die der Verfasser zwischen 2002 und 2005 in Wien, Szeged, Innsbruck, Neu Delhi und Mumbai (Bombay) gehalten hat. Der Begriff Kulturtheorie wurde bewusst gewählt, nicht nur um den schwammig gebliebenen Begriff der Kulturwissenschaften zu umgehen, sondern vor allem, um den Studierenden einen Einstieg in relevante Theoriebildung im Umfeld der neuen kulturwissenschaftlichen DiskurseDiskurs zu ermöglichen. Eine theoretische Orientierung scheint heute in dem durch den Terminus Kultur beschriebenen Forschungsfeld ein Gebot der Stunde.
Bei einer Einführung bleibt die Qual der Wahl. Der Verfasser hat sich auf Theorien konzentriert, die einen expliziten theoretischen Anspruch verfolgen und die eine Methodologie entwickelt haben, die für die Analyse kultureller Phänomene – synchron wie diachronDiachronie, diachron – adaptierbar sind. Er versteht diese methodischen Zugänge im Sinne von intelligenten Werkzeugen zur Orientierung, Analyse und ReflexionReflexion. Dabei wird en passant deutlich, dass die Fokussierungen, die heute das Gütesiegel des Kulturwissenschaftlichen erhalten, sehr viel älter sind als die Bezeichnung.
Ausgeschieden aus den Diskursgeschichten der Kulturtheorie wurden insbesondere thematische Schwerpunktbildungen, die heute zwar zentral in den Kulturwissenschaften sind, über die es aber entsprechende Einführungen gibt: Geschlechterforschung, InterkulturalismusKulturalismus, -kulturalismus, Nationalismusforschung, PostkolonialismusPostkolonialismus, postkolonial, GedächtnisGedächtnis und ErinnerungErinnerung, Neue MedienMedien, Medien-, -medien, medien-. Sie sind in den letzten Jahren ausführlich in Überblicksdarstellungen zusammengefasst worden. Auf sie wird im vorliegenden Band indes immer wieder als relevante Forschungsfelder verwiesen.
Dem Autor war es, im Unterschied zu vielen verfügbaren Einführungen in das kulturwissenschaftliche Studium, wichtig, sowohl relevante Theorien aus dem deutschsprachigen wie aus dem frankophonen oder englischsprachigen KontextKontext vorzustellen.
Das heißt nun nicht, dass sich das vorliegende BuchBuch (als Medium) nicht mit anderen Einführungen verbinden und kombinieren ließe. Im Gegenteil. Jedes Kapitel ist so konzipiert, dass es sich auf einen programmatischen Aufsatz bzw. ein exponiertes Kapitel und auf einen Theoretiker konzentriert, der eine konstitutive Rolle in dem jeweiligen, durch ihn geprägten DiskursDiskurs spielt. Was das Buch befördern will, ist die Fähigkeit abstrakte Texte – ohne simplifizierende Schaubilder – intensiv zu lesen und zu hinterfragen. Das scheint mir gerade angesichts der dramatischen medialen Veränderungen nötig, die einschneidende Folgen für die Lehr- und Unterrichtspraxis haben. Angesichts der Möglichkeit, ganze Bücher und Aufsätze aus den digitalen Netzwerken herunterladen und entsprechend frisieren zu können, kommt der Vermittlung elementarer KulturtechnikenTechnik, -technik wie der exakten Lektüre und dem aneignenden Kommentieren zentraler Texte und Passagen eine enorme Bedeutung zu. Überblicksdarstellungen neigen nicht selten zu einer panoramischen Überschau, in der die Denkweise einzelner Theoretiker und Theoretikerinnen sich verliert. Die jeweils verschiedene Denkweise von Autorinnen und Autoren im Feld von Kulturwissenschaft und KulturanalyseKulturanalyse deutlich zu machen und damit einen Beitrag zur Vertiefung kulturwissenschaftlichen Denkens zu leisten, ist erklärtes Anliegen dieses Buches. Die Bibliographie am Ende der Kapitel beschränkt sich ganz bewusst auf wenige Primär- und Sekundärwerke. Sie dienen der Intensivierung der betreffenden programmatischen Lektüren.
Die Studierenden sollen ermutigt werden, Theorie als eine spannende perspektivische Sichtung kennen zu lernen; angestrebt wird, sie dabei nicht mit der Fülle von Verweisen und Referenzen zu erschlagen. Der vorliegende Band ist als Arbeitsbuch für Anfänger wie für Fortgeschrittene gedacht. Sie sollen vor allem zum Selbstdenken angeregt werden. Diesem Ziel dient auch der Kritik- und Fragenkatalog am Ende jedes Kapitels. Bei der Fertigstellung des Manuskripts kam auch die Frage auf, ob dieser Katalog nicht auch positive Kommentare enthalten solle, also Hinweise, inwiefern, wie und wo die betreffende Theorie Denkanstöße im Bereich der kulturwissenschaftlichen Analyse leistet. Ich bin von einer solchen Idee wieder abgekommen, zum einen, weil die Bedeutung der jeweiligen Konzepte in der Diskussion und Kommentierung einzelner Passagen ohnedies überdeutlich ist und gar nicht in Frage gestellt wird, zum anderen aber auch, weil Kritik und nicht Lob das konstituierende Prinzip von Wissenschaft und gesellschaftspolitischer PraxisPraxis ist. Von daher hätte ein positiver Katalog allenfalls jene rhetorische FunktionFunktion, wie sie von angelsächsischen Tagungen und Konferenzen geläufig ist, wenn nach der Diskussion eines Vortrages nach einer kurzen anerkennenden Bemerkung das unvermeidliche but ertönt. Um dieses Aber, das es den Studierenden erleichtert, sich nicht von theoretischer Größe beeindrucken und in Beschlag nehmen zu lassen, ist es dem Verfasser in dieser Einführung zu tun. Von daher fallen Wertschätzung und Kritik tendenziell in eins. Was Friedrich SchlegelSchlegel, Friedrich unter Berufung auf LessingLessing, Gotthold E. und im Hinblick auf die literarische Kritik gesagt hat, gilt cum grano salis auch für die wissenschaftliche: Kritik soll „mit Zweifeln bewundernd gegen den Meister“ sein, respektvoll, aber nicht unterwürfig.1
Jede Theorie hat ihre perspektivische GrenzeGrenze. Diese ist durch den gewählten Blickpunkt gegeben, durch das, was man im Bereich der Literaturtheorie als FokalisierungFokalisierung bezeichnet (BalBal, Mieke, Genette). Überhaupt gibt es wohl Grenzen von theoretischen Konzepten, die sich in Paradoxien, Zirkeln und reflektierten Widersprüchen artikulieren. Ein solches Verständnis von Theorie und – damit verbunden – von PluralismusPluralismus, pluralistisch mag insbesondere der deutschen Leserschaft auf den ersten Blick fremdartig anmuten, weil sich darin auch ein gewisser Pragmatismus im Umgang mit dem manifestiert, was im Englischen metaphorisch so unnachahmlich präzise als methodological tools bezeichnet wird. Dies ermöglicht die Einsicht in den Zusammenhang von Produktivität und Beschränktheit von Theorien generell und begreift diese selbst als eine Form von PraxisPraxis. So wird, wie der amerikanische Philosoph John Dewey ausführt, „unsere wirkliche ErkenntnisErkenntnis“ Form eines Handelns, indem unsere jeweiligen epistemischen Optionen auch entsprechende Konsequenzen zeitigen, für die wir Verantwortung tragen.2 Ein solches Selbstverständnis impliziert eine Absage an jedwede Vorstellung einer perfekten, fehlerfreien und im pathetischen Sinn ‚wahren‘ Theorie, ohne in jene Art eines alles relativierenden raisonnements zu verfallen, das nur zur Entmutigung führen kann.
Besonders wichtig erschien mir die historische Tiefendimension, das heißt die Entwicklungsgeschichte eines bestimmten Theorie-Diskurses: Denn der historische Zugang eröffnet auch ein Verständnis einer Theorie im Sinne einer Orientierung.
Eine Einführung in die Kulturtheorie ist kein Handbuch, um sich mechanisch Begriffsapparaturen anzueignen, sondern um zu verstehen, wie und warum die betreffenden Theoretiker bzw. Theoretikerinnen auf ihre Begriffe gekommen sind, warum sie diese oder jene Denkform ausgebildet haben.
Der Band ist so angelegt, dass er das gesamte Spektrum der Diskussion sichtbar werden lässt. Er umfasst – exemplarisch – Theorien, die aus dem deutschsprachigen, dem frankophonen sowie dem angelsächsischen Bereich kommen. So hat T.S. EliotEliot, Thomas S. mit seiner Definition von Kultur ganz unbeabsichtigt die Cultural StudiesCultural Studies beeinflusst, Sigmund FreudFreud, Sigmund wiederum hat Kultur im KontextKontext des UnbewusstenUnbewusste, das, Unbewusstheit geortet und dessen Regulierung analysiert. Unverzichtbar erscheinen aus der Perspektive des Verfassers auch die sehr verschiedenen und zugleich doch komplementären Ansätze von Georg SimmelSimmel, Georg und Ernst CassirerCassirer, Ernst. Während CassirerCassirer, Ernst mit seiner Theorie der symbolischen FormenFormen, symbolischFormen, symbolische die wohl einzige systematische philosophische Begründung von Kulturtheorie vorgelegt hat, ist SimmelSimmel, Georg unter anderem wegen seiner Analyse des GeldesGeld, seines Begriffs des LebensstilsLeben, Lebens-, -leben und seiner Betonung des Relationalen und Funktionalen von zentraler Bedeutung. Ein Rückblick auf Vordenker wie VicoVico, Giambattista und HerderHerder, Johann G. eröffnet nicht nur eine historische Tiefendimension, er lässt auch einige problematische Seiten des KulturalismusKulturalismus, -kulturalismus zutage treten, die – man denke nur an das BuchBuch (als Medium) von Samuel HuntingtonHuntington, Samuel – bis zum heutigen Tage wirksam sind. Im KontextKontext der Kritischen TheorieKritische Theorie sind die theoretischen Impulse, die von Walter BenjaminBenjamin, Walter ausgegangen sind, im internationalen DiskursDiskurs bis zum heutigen Tage aktuell geblieben.
Die SemiotikSemiotik von Roland BarthesBarthes, Roland, das Konzept der symbolischen FeldFeld (symbolisches)erFeld (symbolisches von Pierre BourdieuBourdieu, Pierre sowie die Diskursanalyse im Stile FoucaultsFoucault, Michel sind heute unverzichtbares methodologisches Arsenal in der internationalen Debatte über das Großphänomen Kultur. Das gilt ebenso für die Theorie des NarrativenNarrative, die hier durch Paul RicœurRicœur, Paul vertreten ist, sowie für das Konzept der „dichten Beschreibung“, wie es Clifford GeertzGeertz, Clifford in Auseinandersetzung mit dem dominanten ethnologischen Fachdiskurs entwickelt hat. Das MimesisMimesis-Konzept von René GirardGirard, René, das im Spektrum der kulturwissenschaftlichen Debatte vielleicht randständig ist, wurde nicht zuletzt deshalb gewählt, weil es in so mancher Hinsicht Gegenpositionen etwa zu den Cultural StudiesCultural Studies bezieht. Diese sind wiederum durch einen Schlüsseltext von Stuart HallHall, Stuart repräsentiert, in dem der Autor Rechenschaft über das theoretische patchwork der englischen postmarxistischen Theoriebildung ablegt.
Um diese dreizehn DiskurseDiskurs und ihre Repräsentanten gruppieren sich weitere Theoretikerinnen und Theoretiker, so dass die Studierenden mit weiteren wichtigen Repräsentanten der internationalen Diskussion, unter anderen Mieke BalBal, Mieke, AlthusserAlthusser, Louis, GramsciGramsci, Antonio, SaussureSaussure, Ferdinand de, ButlerButler, Judith, SaidSaid, Edward oder BhabhaBhabha, Homi K. bekannt gemacht werden. Wichtiger als eine oberflächliche Gesamtschau erschienen dem Verfasser der exemplarische Überblick und die vertiefende Lektüre. Die Auswahl mag subjektivSubjektivität, subjektiv sein und die intellektuellenIntellektueller, intellektuell Präferenzen des Verfassers widerspiegeln. Insofern ist es nicht nur eine, sondern seine Einführung. Bei der Wahl der betreffenden Texte haben indes durchaus auch ‚objektiveobjektiv, Objektiv-‘ Kriterien eine wichtige Rolle gespielt, etwa der Stellenwert dieser Theorien in den einschlägigen Diskursen, die Bedeutung des Textes im Hinblick auf die Begründung neuer Fragestellungen und Fokusbildungen. Vor allem aber wurden Konzepte bevorzugt, die für die Anwendung in einem bestimmten Themengebiet geeignet sind.
Kulturtheorie lehrt uns, aufmerksam mit Differenzen umzugehen, in der KulturanalyseKulturanalyse wie in der politischen PraxisPraxis. Zu den spezifischen Empfindlichkeiten gehört in diesem Fall die Verwendung von Geschlechtermarkierungen. Der Verfasser ist dabei so vorgegangen, dass er häufig neutrale Begriffe bevorzugt hat (Publikum, Leserschaft), ansonsten aber die einschlägigen grammatischen Geschlechtsbezeichnungen verwendet, in die freilich immer beide Geschlechter einbezogen sind. So ist, um einmal umgekehrte Beispiele zu bemühen, die Person oder die Figur sowohl männlich als auch weiblich decodierbar. In allen Fällen, wo die Geschlechterdifferenz von Belang ist, wird sie ausdrücklich markiert.
Bedanken möchte ich mich bei den Mitgliedern der Arbeitsgruppe des Studienschwerpunktes Kulturwissenschaften/Cultural StudiesCultural Studies an der Universität Wien, bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Mitteleuropa-Forschungsprojekte („Selbst- und Fremdbilder“; „Zentren und Peripherien“), bei den Kolleginnen und Kollegen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Abt. Kulturwissenschaften und Theatergeschichte und namentlich bei Roland Albrecht (Museum der unerhörten DingeDinge, Berlin), Anna Babka, Anil Bhatti, Moritz Csáky, Walter Famler, Heinz Fassmann, Wladimir Fischer, Angelika Fitz, Jiři Grusa, Endre Hárs, Viktorija Hryaban-Widholm, Edit Király, Christina Lutter, Alexandra Miller, Manfred Moser, Andrea Pribersky, Marc Riess, Clemens Ruthner, Ursula Reber, Reinhard Sieder, Peter Stachel, Heidemarie Uhl und Birgit Wagner.
Ganz herzlichen bedanken möchte ich mich bei Angelika Pfaller für das ausgezeichnete Lektorat und wichtige Anregungen sowie bei Ursula Reber, Anna Müller-Funk und Lea Müller-Funk, die das Manuskript noch einmal durchgegangen sind und mir bei der Formatierung geholfen haben.
Kapitel 1 Überlegungen zum Kulturbegriff:
T.S. EliotsEliot, Thomas S. Spuren in den angelsächsischen Kulturwissenschaften
Die kulturelle Wende (cultural turn) in den Human- und Geisteswissenschaften hat neue Perspektiven und Forschungsfelder eröffnet, zugleich aber eine nachhaltige Verunsicherung erzeugt, die ganz offenkundig mit der begrifflichen Unschärfe von Termini wie Kulturwissenschaften und Cultural StudiesCultural Studies zusammenhängt. Inhalt, Bandbreite und Methodik dieser neuen Wissenschaftsfelder sind unbestimmt, um nicht zu sagen ausufernd. Das schlägt sich auch in den verschiedenen disziplinären Bezeichnungen nieder: Kulturwissenschaften, KulturanalyseKulturanalyse, Kulturanthropologie, Kulturtheorie, Kulturphilosophie, Kulturgeschichte. Diese Bezeichnungen sind keine Homonyme, sie haben Familienähnlichkeiten im Sinne WittgensteinsWittgenstein, Ludwig, aber es gibt keinen Oberbegriff, der all diese neuen binnen-, trans- und außerdisziplinären Fokussierungen angemessen zu einem Ganzen zusammenzufassen vermöchte.1
Besonders verschwommen und deshalb auch fortgesetzt ObjektObjekt zünftig-traditioneller Kritik ist der Terminus Kulturwissenschaft, der bekanntlich im Singular wie im Plural gebräuchlich ist. Insbesondere im Singular legt er die Idee einer neuen avancierten Disziplin oder gar Leitdisziplin nahe, während er im Plural zudem noch zwei weitere Bedeutungen umfasst. Zum einen die Idee einer Umwandlung bzw. bloßen Umbenennung aller bisherigen human- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen, zum andern aber die Idee eines transdisziplinären Netzwerkes, das – wie im Fall der angelsächsischen Cultural StudiesCultural Studies – die Human- und gegebenenfalls auch die Sozialwissenschaften im Hinblick auf das Makrophänomen Kultur integriert.2
Der im Deutschen wenig gebräuchliche Terminus Kulturstudien nimmt sich demgegenüber viel bescheidener und punktueller aus und bezieht sich – in Analogie zu den angelsächsischen Cultural StudiesCultural Studies – auf neue Themenfelder wie PopularkulturPopularkultur, Neue MedienMedien, Medien-, -medien, medien-, GeschlechtGeschlecht (Gender), Geschlecht-, (Gender) und InterkulturalitätInterkulturalität, interkulturell.3 Aber es ist gerade mit Blick auf den angelsächsischen RaumRaum unverkennbar, dass sich die Cultural Studies zu einer einflussreichen Alternativ-Disziplin im akademischen Milieu entwickelt haben, die in einem schwer zu definierenden Grenzgebiet zwischen Sozial- und Humanwissenschaften anzusiedeln ist (→ Kap. 12).4
Den Begriff KulturanalyseKulturanalyse hat die niederländische Literatur- und Kunstwissenschaftlerin Mieke BalBal, Mieke nicht zuletzt in Auseinandersetzung mit den Kulturstudien angelsächsischer Provenienz und den deutschen Kulturwissenschaften geprägt. BalBal, Mieke teilt den kritischen politischen Impetus der Cultural StudiesCultural Studies, auch ihre implizite Einsicht, dass die Analyse von kulturellen Phänomenen immer einen konstitutiven Bestandteil des Analysierten darstellt. Sie moniert indes deren einseitige Parteinahme für die ‚moderneModerne, modern, -moderne‘ PopularkulturPopularkultur sowie ihre mangelnde methodische Stringenz. Weder hätten die Cultural Studies eine verbindliche Methodologie entwickelt, noch hätten sie eine ausreichende Theorie der Inter- bzw. Transdisziplinarität entfaltet. Dadurch gerieten sie in Gefahr, den Anspruch wissenschaftlicher IntersubjektivitätIntersubjektivität und Rationalität dem kulturellen und politischen Engagement (etwa für ethnischeEthnie, ethnisch oder sexuelleSexuelle, das, sexuell Minderheiten, Frauen, Popular- und Sonderkulturen) unterzuordnen (→ Kap. 12, 15).5
Man tut gut daran, eine solche Kritik ernst zu nehmen, gerade um die reflexiven – politischen, wissenschaftlichen und intellektuellenIntellektueller, intellektuell – Möglichkeiten zu bewahren und das kulturelle Paradigma gegen eine fortgesetzte traditionelle Kritik argumentativ zu verteidigen und vor einem kulturalistischen Zugriff zu bewahren. Wenn hier dem Begriff Kulturtheorie gegenüber dem der KulturanalyseKulturanalyse der Vorzug gegeben wird, so im Hinblick auf die Einsicht, dass kulturwissenschaftliche Ansätze nur – in der Forschung wie in der Lehre – durch eine Theorie legitimiert werden können, in welcher der Begriff der Kultur, einer der schwierigsten, verwirrendsten und vielfältigsten Termini überhaupt, angemessen geklärt und expliziert wird.6
Eine solche Kulturtheorie wird vorab darauf verweisen, dass die neue Unübersichtlichkeit im Gefolge der kulturellen Wende ganz offenkundig mit der schillernden Bedeutungsvielfalt des Begriffs Kultur zu tun hat. Die HeterogenitätHeterogenität, heterogen, die kulturellen Phänomenen eigen ist, scheint ihren Niederschlag in eben diesen vielfältigen Betätigungsfeldern zu haben, die oben zitiert worden sind. Der Begriff Kultur ist nach innen wie nach außen multipel. Kultur setzt die VielfaltVielfalt von Kulturen kategorisch stets voraus. Vermutlich konstituieren, wie das Beispiel der angelsächsischen Kulturstudien und der deutschen Kulturwissenschaften zeigt, verschiedene (akademische) Kulturen auch unterschiedliche Typen von Wissenschaften, die sich mit dem Großphänomen Kultur befassen.
Kultur lässt sich von ihrer inhaltlichen wie von ihrer formalen Seite her bestimmen, inhaltlich als ein Insgesamt von PraktikenPraktiken, TechnikenTechnik, -technik, Überlieferungen und Artefakten, formal als ein Ensemble von Formgebungen und Medialisierungen. Die medialen Revolutionen des frühen und des späten 20. Jahrhunderts haben unser Augenmerk auf die medialen Aspekte kulturellen Geschehens und Tuns gelegt, auf die Tatsache, dass der Mensch immer schon in einer symbolischsymbolisch (allgemein) vermittelten Welt lebt: Zeichen, LautLaut(form), Schrift, PiktogrammPiktogramm, ‚BildBild‘ sind solche Formen der Wirklichkeitsgestaltung, die unser Sein in der Welt erschließen und unser Tun in ihr leiten und bestimmen. Was die heutige Kulturtheorie von ihren Vorläufern unterscheidet, ist vor allem dieser veränderte semiotische Blickwinkel: Die linguistischen, medialen und ikonographischen Fokalisierungen, all diese inflationär gewordenen Wenden (turns) sind Detailaspekte eben jener kulturellen Wende. In ihrem Kern beinhaltet jene die anthropologische Aussage, dass der Mensch, wie es Ernst CassirerCassirer, Ernst in seinem Spätwerk dargelegt hat, ein auf symbolische VermittlungVermittlung, symbolische angewiesenes Lebewesen darstellt.7
Im Sinne einer ersten heuristisch tastenden Denkbewegung lassen sich zunächst einmal drei unterschiedliche Begriffe von Kultur beschreiben, die auf ganz unterschiedlichen Ebenen angesiedelt sind. Sie gehen nicht ineinander auf und sie verhalten sich auch nicht wie jene Spiele, die Ludwig WittgensteinWittgenstein, Ludwig als Beispiel für sein Konzept der FamilienähnlichkeitFamilienähnlichkeit vorgestellt hat: Denn hier geht es um die Frage, ob die Mengen aller Spiele überhaupt eine Gemeinsamkeit besitzen oder ob sie nicht vielmehr zu einem Begriff zusammengefasst werden, weil sie ein Verwandtschaftssystem beinhalten, ohne das jedes Spiel einen abstrakten Wesenszug mit allen anderen gemeinsam hätte.
Obschon es also sehr bemerkenswerte Verbindungen zwischen Spiel und Kultur gibt,8 verhalten sich die DingeDinge in Bezug auf den Begriff Kultur doch etwas anders. Während das Spiel die Summe aller möglichen Spiele und Spieltypen umfasst – vom Maskenspiel bis zum Schach, vom Fußball bis zum Patiencenlegen – variiert der Begriff Kultur in seiner Reichweite beträchtlich: Kultur kann holistisch und allumfassend, Kultur kann aber auch partikulär und exklusiv verstanden werden.
Um den Begriff Kultur9 handhabbar zu machen, reichen also klassische Definitionsversuche, wie sie immer wieder – von der Ethnologie bis zur SemiotikSemiotik – unternommen wurden, ebenso wenig aus wie WittgensteinsWittgenstein, Ludwig logisch pfiffiges Konzept der FamilienähnlichkeitFamilienähnlichkeit. Eine Möglichkeit, diesem Dilemma zu begegnen, besteht darin, aus der Not eine Tugend zu machen und Kulturtheorie zu einer „fröhlichen Wissenschaft“ ohne Methodenzwang zu machen. Anything goes.10 Wen diese Beliebigkeit, die in der Tat interessante empirische Kulturstudien möglich macht, nicht befriedigt, der wird zu einem anderen Verfahren greifen müssen: Er oder sie wird die verschiedenen Bedeutungen von ‚Kultur‘ sondierend erschließen und die verschiedenen Bedeutungen von Kultur sorgfältig unterscheiden, aber auch in ihrem Zusammenhang sehen. Für die konkrete KulturanalyseKulturanalyse kommt es darauf an, dass man weiß, mit welchem Begriff von Kultur man im Augenblick operiert. Mit dem späten WittgensteinWittgenstein, Ludwig und der ordinary language-Bewegung gesprochen, fragen wir danach, wie Menschen – im AlltagAlltag, Alltagskultur, Alltags- wie in der Wissenschaft – den Begriff Kultur verwenden.11
Ganz klein kann Kultur jenen Sektor bezeichnen, den man soziologisch als ein soziales FeldFeld (soziales) oder kulturwissenschaftlich vielleicht als einen symbolischen RaumRaum (symbolischer) wird bezeichnen können. Er umfasst ein Segment, einen mehr oder minder ausdifferenziertenAusdifferenzierung, ausdifferenziert Sektor einer bestimmten GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich, die Welt der Künste mit ihren Veranstaltungen und den ihm entsprechenden Sektor in den MedienMedien, Medien-, -medien, medien- (FeuilletonFeuilleton, Kultursendungen). Dieser Sektor hat seine ganz spezifischen Gesetze und Spielregeln und grenzt sich von anderen Bereichen ab (→ Kap. 5, 9).12 Dieses gesellschaftliche Partialsystem lässt sich erweitern, wenn man den Bereich der PopularkulturPopularkultur und des kommerziellen FilmsFilm als massenkulturellesMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen-, gegen die ‚HochkulturHochkultur‘ gerichtetes subkulturelles System innerhalb dieser ‚KunstKunst, Kunstwerk-Kultur‘ begreift. Zu dieser Kultur gehören die mittlerweile divergierenden literarischen, musikalischen, filmischen und künstlerischen Kulturen. Dabei geht es sowohl um die Produkte (Bücher, CDs, ArtefakteArtefakte) als auch um die Prozesse (InszenierungInszenierung, inszeniert, Produktion, Distribution) von Kultur. Sie ist dadurch charakterisiert, dass sie räumlich, zeitlich und modal festgelegt ist. Deren FunktionFunktion im Hinblick auf IdentitätIdentität und InnovationInnovation, innovativ ist eigens zu bestimmen. Es ist an dieser Stelle unübersehbar, dass die modernenModerne, modern, -moderne Kulturstudien diesen gegenüber anderen Feldern exklusiven Bereich beträchtlich ausgeweitet haben.
Ein zweiter Begriff von Kultur ergibt sich, wenn man die verdächtige Neigung des Begriffs Kultur betrachtet, sich in eine Liaison mit anderen Begriffen zu begeben und sich in einem Doppelnamen zu vereinigen: Ich meine solche Begriffe wie politische Kultur, Esskultur, Spielkultur, Weinkultur, Dialogkultur, erotische Kultur. Die Liste ließe sich beinahe beliebig erweitern. Ganz offenkundig handelt es sich hier um einen anderen Begriff von Kultur, den ich als ubiquitärubiquitär bezeichnen würde: Das heißt, es gibt Phänomene in nahezu allen Bereichen der GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich, die man mit dem Phänomen des Kulturellen belegt. Dabei geht es um angelernte Fertigkeiten, Verhaltensweisen, eingeübte Selbstverständlichkeiten, kurz um kulturelle SozialisationSozialisation. Ubiquitär kommt aus dem Lateinischen und meint: überall. Kultur in diesem Sinn wäre nicht mehr nur etwas Exklusives, sondern etwas, das sich überall findet. Eine Parlamentsdebatte, eine Preisverleihung oder ein Staatsbegräbnis haben bestimmte Formen der RepräsentationRepräsentation, sie werden medial vermittelt, sie haben bestimmte RitualeRitual. Aber das macht sie noch lange nicht zu einem KunstwerkKunst, Kunstwerk, dessen symbolische Geltungsymbolisch (allgemein) auf das ihm zugeschriebene Feld begrenzt ist. Mit anderen Worten: Hier bildet die Kultur die formale Seite eines Geschehens, eines Ablaufs, eines Produktes, eines Materials, das selbst nicht Kultur ist, wenigstens nicht im engeren Sinn des Wortes.
Die kulturelle Wende, so lässt sich jetzt schon behaupten, ist dadurch charakterisiert, dass sie zum einen den partikularen Bereich der Kultur im engeren Sinn des Wortes erweitert (etwa um Popularkulturen, FilmFilm, MedienMedien, Medien-, -medien, medien-) und dass sie zum anderen diesem mittleren ubiquitärenubiquitär Bereich von Kultur erhöhtes Augenmerk schenkt.
Die dritte Bedeutung von Kultur erschließt sich, wenn wir uns Redewendungen wie die „Kultur der Griechen“, die „Kultur der Mayas“ oder auch die durch HuntingtonHuntington, Samuel bekannte Formel vom „Kampf der KulturenKampf der Kulturen“ vor Augen halten. Hier wird Kultur – noch immer im Schatten HerdersHerder, Johann G. und VicosVico, Giambattista und damit einer Tradition des 19. Jahrhunderts – als ein umfassendes Ganzes verstanden. Hier ist Kultur der Inbegriff dessen, was Menschen gemacht, hergestellt, erzeugt, erfunden haben, vom Rad bis zur agora, vom Weinbau bis zu Beethovens 9. Symphonie. Als Gegenbegriff bleibt hier nur der Grenzbegriff der NaturNatur als das, was nicht von Menschen gemacht ist.
Kultur leitet sich vom lateinischen Verbum colere pflegen, bearbeiten ab. In diesem Sinn bedeutet Kultur Arbeit an der NaturNatur. Heute wird dieser Gegensatz zuweilen ganz aufgelöst, indem die Natur ebenfalls als KonstruktKonstrukt, Konstruktion des Menschen angesehen wird. Das mag man für spitzfindig halten und bis zu einem gewissen Grad ist es das auch. Aber dass zum Beispiel der menschliche KörperKörper, körperlich nicht bloß ‚Natur‘, sondern auch ‚Kultur‘ darstellt und dass es gar nicht so einfach ist, dessen natürliche und kulturelle Seite voneinander zu scheiden, ist augenfällig.13
Dieser umfassende, holistischeholistisch Begriff von Kultur hat den Nachteil, dass er nur mehr zwei Unterscheidungen kennt: NaturNatur und Kultur. Man kann aber auch Kulturen gegeneinander stellen. Denn Kultur bedeutet immer, dass es mehrere Kulturen gibt, mehrere Sprachen, mehrere Religionen, verschiedene Künste, unterschiedliche Formen von TechnikTechnik, -technik. Kultur ist – auf allen Ebenen – ein Produzent von HeterogenitätHeterogenität, heterogen, VielfaltVielfalt und DifferenzDifferenz. Erst durch diese Differenz wird Kultur als menschlicher Prägefaktor perspektivisch erfassbar. Eine homogeneHomogenität, homogen, statische universale Monokultur, die ohne Vergleich wäre, würde wesentliche Bestimmungen des Kulturellen einbüßen: KontingenzKontingenz, kontingent, ArbitraritätArbitrarität, arbiträr, Produktion von Differenz, Mischung, Vielfalt.
Es gibt eine von HerderHerder, Johann G. initiierte, spezifisch deutsche Tradition, die mit diesem umfassenden, holistischenholistisch Begriff von Kultur operiert und die im Sinne einer MorphologieMorphologie kultureller Gebilde Kulturen vergleicht und miteinander kontrastiert. Sie tendiert dazu, diese Makrokulturen als mehr oder weniger homogeneHomogenität, homogen, d.h. in sich kompakte symbolische WeltenWelten, symbolische zu betrachten, während umgekehrt in den Cultural StudiesCultural Studies und den empirischen Kulturwissenschaften unserer Tage die Tendenz vorhanden ist, angesichts von Phänomenen wie GlobalisierungGlobalisierung, global und gesellschaftlicher AusdifferenzierungAusdifferenzierung, ausdifferenziert gerade das HeterogeneHeterogenität, heterogen großer (nationalerNation, Nationalismus, national und supranationaler) Kulturen zu akzentuieren.
Vereinfacht gesprochen, lassen sich also drei Ebenen von Kultur unterscheiden. Sie sind alle sinnvoll und keine hebt die andere auf. Anstatt des unsinnigen, (weil auch) vergeblichen Versuchs, eine Definition von Kultur fest- bzw. vorzuschreiben, kommt es darauf an, sich klar zu machen, welche Ebene von Kultur gemeint ist, wenn von Kultur die Rede ist. Es versteht sich von selbst, dass die Untersuchung kultureller Phänomene sich höchst selten nur auf einer Ebene abspielt. Das folgende Schema versteht sich als ein Hilfsmittel der Analyse. Wir beginnen mit dem umfassendsten Begriff, den wir zuletzt diskutiert haben, während Kultur II den mittleren, ubiquitärenubiquitär und Kultur III den exklusiven Begriff des Phänomens beschreibt:
Kultur I: Kultur als umfassendes Ganzes (alles ist Kultur außer der NaturNatur).
Kultur II: Kultur als Insgesamt symbolischer FormenFormen, symbolische und habitueller PraktikenPraktiken (Kultur ist überall, aber nicht alles).
Kultur III: Kultur als geschlossenes System (Kultur ist ein beschränkter, mehr oder weniger genau definierter Bereich).
An dieser Stelle ist es vielleicht angebracht darauf zu verweisen, dass der Begriff von Kultur I sich in einem erstaunlichen Verhältnis zum Begriff der ZivilisationZivilisation befindet. Denn es ist ganz evident, dass der Begriff der Kultur in diesem weiten, inklusiven Sinn tendenziell mit jenem Begriff der Zivilisation verschmilzt. Denn auch im Begriff der Zivilisation sind all jene Phänomene mitverstanden, die nicht Kultur im engeren Sinn von Kultur II und Kultur III sind: TechnikTechnik, -technik, Industrie, Zivilgesellschaft, Sitten und Gebräuche, Unterwerfung der NaturNatur, der inneren wie der äußeren. In der Tat wird der Begriff Zivilisation im Englischen und Französischen in diesem Sinn verstanden, und zwar zunächst als Inbegriff der modernenModerne, modern, -moderne (westlichen) Kultur. Wenn Sigmund FreudFreud, Sigmund, der nicht zuletzt ein Sohn der AufklärungAufklärung, aufklärungs- war, in seiner berühmten Abhandlung Das Unbehagen in der Kultur diese als Sublimation, aber auch als Einschränkung menschlicher Libido analysierte und beschrieb, dann verwendete er den Begriff der Kultur im Sinne von Zivilisation. Die englischen und französischen Übersetzer haben dem insofern Rechnung getragen, als sie das deutsche Wort „Kultur“ mit civilisation übersetzt haben. Demgegenüber gibt es eine spezifisch deutsche Tradition, in der Zivilisation und Kultur ausdrücklich und beinahe polemisch unterschieden werden (→ Kap. 2).14 Im Gefolge von KlassikKlassik, IdealismusIdealismus (philosophisch) und RomantikRomantik wird Kultur in einem inneren Sinn mit Persönlichkeit und BildungBildung gleichgesetzt, während die Zivilisation ‚nur‘ den äußeren technischen Aspekt meint. Diese Unterscheidung wird natürlich – Produktion der DifferenzDifferenz – gegen die AndereAndere(r), der, die, dasn gewendet: Die Anderen, das sind die Franzosen oder auch die Engländer, haben ‚nur‘ Zivilisation, aber die Deutschen haben zudem ‚Kultur‘. Norbert EliasElias, Norbert hat diesen Unterschied in seinem bahnbrechenden Werk Der Prozess der Zivilisation wie folgt festgehalten:
Der Begriff ‚ZivilisationZivilisation‘ bezieht sich auf sehr verschiedene Fakten: auf den Stand der TechnikTechnik, -technik, auf die Art der Manieren, auf die Entwicklung der wissenschaftlichen Erkenntnisse, auf religiöseReligion, religiös Ideen und Gebräuche. Er kann sich auf die Art des Wohnens oder des ZusammenlebensLeben, Lebens-, -leben von Mann und Frau, auf die Form der gerichtlichen Bestrafung oder der Zubereitung des Essens beziehen, genau besehen gibt es beinahe nichts, was sich nicht in einer ‚zivilisierten‘ und in einer ‚unzivilisierten‘ Form tun ließe […]
Aber ‚ZivilisationZivilisation‘ bedeutet verschiedenen NationenNation, Nationalismus, national des Abendlandes nicht das gleiche. Vor allem zwischen dem englischen und französischen Gebrauch dieses Wortes auf der einen, dem deutschen Gebrauch auf der anderen Seite besteht ein großer Unterschied. Dort faßt der Begriff den Stolz auf die Bedeutung der eigenen Nation auf den FortschrittFortschritt des Abendlandes und der Menschheit in einem Ausdruck zusammen. Hier, im deutschen Sprachgebrauch, bedeutet ‚Zivilisation‘ wohl etwas ganz Nützliches, aber doch nur einen Wert zweiten Ranges, nämlich etwas, das nur die Außenseite des Menschen, nur die Oberfläche des menschlichen Daseins umfasst. Und das Wort, durch das man den Stolz auf die eigene Leistung und das eigene Wesen in erster Linie zum Ausdruck bringt, heißt ‚Kultur‘.15
Eine direkte Bestätigung der Beobachtung EliasElias, Norbert‘ lässt sich in einem der folgenreichsten kulturphilosophischen Werke deutscher Zunge finden, dessen Einfluss sich bei HuntingtonHuntington, Samuel16 ebenso nachweisen lässt wie in der spekulativen Kulturphilosophie eines Peter SloterdijkSloterdijk, Peter.17 Die Rede ist von Oswald SpenglerSpengler, Oswald. In seinem berühmten Werk Der Untergang des Abendlandes spitzt SpenglerSpengler, Oswald, der Schüler GoethesGoethe, Johann W., HerdersHerder, Johann G. (→ Kap. 4) und NietzschesNietzsche, Friedrich, die DifferenzDifferenz von Kultur und ZivilisationZivilisation zu, wenn er Letztere als eine Form kulturellen NiedergangsNiedergang beschreibt:
Der Untergang des Abendlandes […] bedeutet nichts Geringeres als das Problem der ZivilisationZivilisation. […] Die Zivilisation ist das unausweichliche Schicksal einer Kultur. […] Zivilisationen sind die äußersten und künstlichsten Zustände, deren eine höhere Art von Menschen fähig ist.18
SpenglerSpengler, Oswald schöpft den etymologischen Gegensatz voll aus, indem er an die städtische Assoziation des Wortes „ZivilisationZivilisation“ und an die rurale, bäuerliche Konnotation des Wortes „Kultur“ erinnert. So wird der Gegensatz von innerer BildungBildung vs. äußerer TechnikTechnik, -technik durch jenen von Land und Stadt komplementiert.
Der Begriff Kultur ist also nicht so unschuldig, wie er tut. Dass die Kultur, auf die die gebildeten Deutschen so stolz waren, den „ZivilisationsbruchZivilisationsbruch“ der Shoah nicht verhindern konnte, hat diesen unbeschwerten kulturellen Selbststolz einigermaßen gründlich untergraben. Hinzu kommt, dass der Begriff der ZivilisationZivilisation sehr viel stärker auf den prozessualen Aspekt von Kultur verweist als der deutsche Begriff von Kultur I, der sich wesentlich auf die Produkte und Spitzenleistungen konzentriert. Diese Ähnlichkeit zwischen dem traditionellen Begriff der Zivilisation und modernenModerne, modern, -moderne Kulturkonzepten hat diesen freilich nicht akademisch reputationsfähig gemacht, vermutlich deswegen, weil die Zivilisation sich nicht mit Kultur II und Kultur III umstandslos verbinden lässt. Es gibt keine Pop-Zivilisation und auch keine Weinzivilisation.
Immerhin macht dieser Exkurs eines sinnfällig: dass nämlich beide Begriffe, Kultur und ZivilisationZivilisation, einen höchst normativennormativ Charakter haben. Sie teilen die Menschheit – wenigstens aus der Perspektive jener, die für sich eine besonders ‚hohe‘ Kultur respektive Zivilisation reklamieren – in zwei KlassenKlasse von Menschen: in solche, die Kultur haben, die also kultiviert sind, und in solche, die unkultiviert sind bzw. ‚nur‘ Zivilisation haben. Aber auch der Begriff der Zivilisation wirkt ähnlich diskriminierend, wenn er Zivilisierte und Unzivilisierte als zwei Gruppen von Menschen unterscheidet.
Kultur ist also keineswegs arg- und harmlos, sondern – und das wusste auch schon die Kritische TheorieKritische Theorie – im höchsten Maß konstitutiv für die Etablierung von DiskriminierungDiskriminierung und HerrschaftHerrschaft. Oder um bei der etymologischen Bedeutung des Wortes zu bleiben: Diskriminierung heißt zunächst Unterscheidung, aber diese Unterscheidung impliziert im nächsten Schritt, was wir als Diskriminierung bezeichnen. Kulturen auf allen Ebenen ist es inhärent, dass sie Rangordnungen etablieren. Das hängt damit zusammen, dass es sich bei Kultur um keinen rein deskriptiven oder analytischen, sondern um einen im höchsten Grad normativennormativ Begriff handelt. Wertung und Abwertung des/der AnderenAndere(r), der, die, das bedingen einander. Wer weniger kultiviert ist, der kann nur geringe Ansprüche geltend machen. In Gestalt des Rückständigen, Wilden, Barbaren wird er zum ObjektObjekt der Zivilisierung bzw. Kultivierung. Die Formel von der Bürde des weißen Mannes, die der englische Schriftsteller und Indien-Reisende Rudyard Kipling zum geflügelten Wort gemacht hat, gehört ebenso zu dieser selbstverständlich eingenommenen Herrenpose, wie die Äußerung des damaligen Premierministers Tony Blair vor dem 2. Irakkrieg, man dürfe den Irakern nicht die Errungenschaften modernerModerne, modern, -moderne westlicher DemokratieDemokratie, demokratisch vorenthalten.
Nebenbei bemerkt, haben der KolonialismusKolonialismus, kolonialisiert und die Kultur indem schon erwähnten lateinischen Wort colere einen gemeinsamen Bezugspunkt.19 Indem also Kultur Abstände markiert, Differenzen setzt, Unterscheidungen trifft, wird Kultur zu einem Phänomen, das gleichsam als ÜberbauÜberbau nicht nur MachtMacht und HerrschaftHerrschaft legitimiert, sondern in das diese darüber hinaus auch eingeschrieben sind. Sie verbinden sich mit anderen Formen von MachtMacht: ökonomischer, sozialer, politischer.
Eine kritische Aufgabe im Bereich von KulturanalyseKulturanalyse und Kulturwissenschaft muss also darin bestehen, diese verstohlenen Formen der MachtMacht in der Kultur ausfindig und transparent zu machen. Insofern die englischen Cultural StudiesCultural Studies – etwa im Bereich der postkolonialenPostkolonialismus, postkolonial Studien (Postcolonial StudiesPostcolonial Studies) – sich selbstkritisch unter Berücksichtigung des historischen Kontexts mit der kolonialen Vergangenheit auseinandersetzen, in der die narrative MatrixMatrix von FortschrittFortschritt und ZivilisationZivilisation eine zentrale Rolle spielt, ist der umfassende Kulturbegriff (Kultur I) auch in diesem Bereich unverzichtbar und unhintergehbar, wenn auch vornehmlich als kritisch zu hinterfragender, dekonstruierbarer Gegenbegriff; für die eigene Analyse viel entscheidender sind freilich die Weitungen, die der klassische Kulturbegriff in den diversen kulturwissenschaftlichen Ausprägungen erfahren hat. Diese betreffen vor allem die Kultur III, die KunstKunst, Kunstwerk-Kultur und auch jene ubiquitärenubiquitär symbolischen Formensymbolisch (allgemein)Formen, symbolische (Kultur II).
Es ist nicht ganz ohne IronieIronie, dass es ein politisch konservativer Dichter war, der den neo- bzw. postmarxistischen Proponenten der frühen Cultural StudiesCultural Studies und dem Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) die Stichworte geliefert hat: Thomas Stearns EliotEliot, Thomas S. (1882–1965). Als Vertreter des New Criticism stand der einflussreiche Kritiker, Essayist, Dramatiker und Lyriker T.S. EliotEliot, Thomas S. naturgemäß auf der anderen Seite der intellektuellenIntellektueller, intellektuell und akademischen Barrikade. Der Diskursbegründer der modernenModerne, modern, -moderne Kulturtheorie – neben dem Kommunisten Antonio GramsciGramsci, Antonio (→ Kap. 12) – war ein anglikanischer Tory.
EliotEliot, Thomas S. ist außerhalb des anglistischen Milieus nur mehr wenig bekannt, vielleicht am ehesten noch durch sein Drama Mord im Dom (Murder in the Cathedral, 1935), einem Stück, das im Milieu des renouveau catholique der Nachkriegszeit zum Klassiker avancierte. EliotEliot, Thomas S., in CanettisCanetti, Elias nachgelassenen Londoner Erinnerungen als „abgrundschlecht“ verunglimpft,20 war ein doppelter Konvertit: ein Amerikaner, der zu einem konservativenkonservativ Europäer und Engländer mutiert war. Er war eine Schlüsselfigur des literarischen und intellektuellenIntellektueller, intellektuell LebensLeben, Lebens-, -leben seiner Wahlheimat. Das Entstehen seines Buches Notes Towards the Definition of Culture, das so wichtige Theoretiker wie Raymond WilliamsWilliams, Raymond beeinflussen sollte, geht auf drei in deutscher SpracheSprache gehaltene Rundfunkvorträge über die Einheit der europäischen Kultur zurück. Ihr historischer KontextKontext war die Rückbesinnung auf die abendländischAbendland, abendländisch-europäischen Werte nach der Katastrophe des NationalsozialismusNationalsozialismus. Auch im KulturkonservativismusKulturkonservativismus EliotsEliot, Thomas S. schlummert der Gegensatz von Kultur und ZivilisationZivilisation, so etwa wenn EliotEliot, Thomas S., hier in seiner FeindbildlichkeitFeindbild(lichkeit) ganz ähnlich wie SpenglerSpengler, Oswald, im Hinblick auf die moderneModerne, modern, -moderne Motorisierung „von den barbarische[n] Nomaden […] in ihren vollmechanischen Wohnwagen“ spricht.21
EliotEliot, Thomas S. unterscheidet drei Ebenen von ‚Kultur‘:
die Kultur des Einzelnen
die Kultur einer Gruppe
die Kultur einer gesamten GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich
Die Unterscheidung EliotsEliot, Thomas S. ist nicht identisch mit der oben getroffenen. Sie ist eine primär soziologische. Dabei steht die Interdependenz zwischen IndividuumIndividuum, Gruppe und GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich im Mittelpunkt. EliotEliot, Thomas S. geht davon aus, dass die jeweils kleinere Kultur von der größeren abhängig ist, also die Kultur des Einzelnen von der Kultur der Gruppe, diese wiederum von der Kultur der Gesellschaft:
It is part of my thesis that the culture of the individual is dependent upon the culture of a group or class, and that the culture of the group or class is dependent upon the culture of the whole society to which that group or class belongs.22
Immerhin nimmt EliotEliot, Thomas S. an, dass es einen mehr oder minder homogenenHomogenität, homogen kulturellen Rahmen gibt, in den die Kultur der Gruppe und, über sie vermittelt, die Kultur des IndividuumsIndividuum eingebunden sind.
Auf der anderen Seite besitzt die Kultur einer Gruppe eine definitive Bedeutung. Das gleiche gilt für die Kultur des IndividuumsIndividuum („the self-cultivation of the individual“)23, die EliotEliot, Thomas S. positiv gegen die sich damals entwickelnde neue MassenkulturMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen- abhebt. Diese Massenkultur wird als eine Kulturform gesehen, in der die Selbst-Kultivierung des Einzelnen unterbleibt. In dem bis heute wieder und wieder aufgelegten BuchBuch (als Medium) liefert EliotEliot, Thomas S. mehrere Definitionen von Kultur. Die erste ist normativnormativ und zielt auf die FunktionFunktion der Sinngebung:
Culture may even be described simply as that which makes life worth living. And it is what justifies other peoples and other generations in saying, when they contemplate the remains and the influence of an extinct civilisation, that it was worthwhile for that civilisation to have existed.24
Kultur wird hier als ein normativesnormativ SymbolsystemSymbolsystem gesehen, das der Welt der menschlichen Erfahrungen Sinn verleiht. An diesem Punkt nähert sich EliotEliot, Thomas S. einem modernenModerne, modern, -moderne österreichischen Dichter, nämlich Hermann BrochBroch, Hermann, dem zeitweiligen Weggefährten CanettisCanetti, Elias, der, nicht zuletzt unter dem Einfluss SpenglersSpengler, Oswald, die moderne Welt in seinen Romanen und in seinem essayistischen Werk als Wert- und Sinnvakuum beschreibt.25 Unüberhörbar auch das kulturelle Pathos bei EliotEliot, Thomas S., wenn er einen nachzeitigen Beobachter konstruiert, der beim Anblick der Überreste dieser inzwischen verloschenen Kultur konstatiert, dass die Menschen in dieser nicht umsonst gelebt hätten. Auch hier liegt der Unterschied zwischen ZivilisationZivilisation und Kultur auf der Hand: Kultur ist in DifferenzDifferenz zu „Zivilisation“ sinn- und wertstiftend. Und nur diese Sinngebung ermöglicht symbolische Teilhabe an der Welt.
So betrachtet, liegt es nahe, ReligionReligion, religiös als das Fundament jedweder Kultur anzusehen. ‚Kultur‘ und ‚Religion‘ sind nur zwei Seiten ein und derselben Medaille. Die Kultur stellt dabei den materialen, die Religion den ideellen Aspekt dar. EliotEliot, Thomas S. benützt in diesem Zusammenhang den aus dem christlichen Traditionsfundus stammenden Begriff der Inkarnation. Kultur ist Fleisch gewordene Religion.26
Modern an dieser Auffassung ist die Überlegung, dass die MachtMacht der Glaubensanschauungen, IdeologienIdeologie und Weltbilder sich nicht auf den geistesgeschichtlichen Ideenhimmel beschränkt, sondern dass sie in die gelebte Kultur der Menschen eingeht. An dieser Stelle vollzieht EliotEliot, Thomas S. sozusagen eine kulturelle Wende: keine Kultur ohne religiöseReligion, religiös SinnstiftungSinnstiftung, aber keine Religion ohne kulturelle Verankerung im konkreten, körperlichenKörper, körperlich Menschen.
Aus dieser zunächst sehr konventionell anmutenden ersten Definition von Kultur entfaltet T.S. EliotEliot, Thomas S. eine weitere, die insbesondere in der Version von Raymond WilliamsWilliams, Raymond27 berühmt geworden ist, freilich ohne die positive Bezugnahme auf die christliche ReligionReligion, religiös und ohne Polemik gegen die moderneModerne, modern, -moderne MassenkulturMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen-. EliotEliot, Thomas S. schreibt in seinem Essay von 1948:
Yet there is an aspect in which we can see a religion as the whole way of life of a people, from birth to the grave, from morning to night and even in sleep, and that way of life is also its culture. And at the same time we must recognise that when this identification is complete, it means in actual societies both an inferior culture and an inferior religion.
Ungeachtet seiner konservativenkonservativ und elitärenElite, elitär Grundhaltung vertritt EliotEliot, Thomas S. – etwa gegen Matthew ArnoldsArnold, Matthew kanonischem Text Culture and Anarchy (1867) – einen geweiteten Begriff von Kultur, der diese nicht auf KunstKunst, Kunstwerk und intellektuelleIntellektueller, intellektuell Betätigung beschränkt. Was EliotEliot, Thomas S. hier sinnfällig macht, ist die Allgegenwärtigkeit des Kulturellen im alltäglichen LebensvollzugLeben, Lebens-, -leben. In diesen LebensvollzugLeben, Lebens-, -leben sind auch die Bereiche des UnbewusstenUnbewusste, das, Unbewusstheit (Schlaf) einbezogen. Diese praktische und implizite, der Selbstwahrnehmung entzogene Kultur bezeichnet er als ‚niedere‘ Kultur (resp. ReligionReligion, religiös). Kultur wird als ModusModus, -modus des LebensLeben, Lebens-, -leben bestimmt, und dieser Modus ist in allen gesellschaftlichenGesellschaft, gesellschaftlich Aktivitäten gegenwärtig. In einem zweiten Schritt werden sie denn auch exemplarisch benannt:
It includes all the characteristic activities and interests of a people: Derby Day, Henley Regatta, Cowes, the twelfth of August, a cup final, the dog races, the pin table, the dart board, Wensleydale cheese, boiled cabbage cut into sections, beetroot in vinegar, nineteenth-century Gothic churches and the music of Elgar. The reader can make his own list.28
Die bunte Mischung ist Teil der rhetorischen Absicht, das Offene und HeterogeneHeterogenität, heterogen der Kultur herauszustreichen. Eine Weitung bezieht sich auf einen Bereich, der sich im Nahbereich der Kultur III, der KunstKunst, Kunstwerk-Kultur befindet: den Sport. Dieser ist in der Aufzählung mehrfach vertreten. Daneben wird die (englische) Esskultur bemüht, um sodann beide mit zwei Produkten der HochkulturHochkultur, neugotischen Kirchen und der Musik des englischen Klassikers David Elgar zu konfrontieren. Es ließe sich also sagen, dass EliotEliot, Thomas S. den Kulturbegriff zweifach weitet: indem er den klassischen Kunst-Kulturbegriff um neue populäre Formen und Ereignisse erweitert und indem er Momente jenes mittleren Kulturbegriffs entfaltet, in dem es um die kulturelle Formierung und Formatierung des privaten LebensvollzugsLeben, Lebens-, -leben zur LebenskulturLeben, Lebens-, -leben geht. Kultur, als gelebte „ReligionReligion, religiös“ ereignet sich im Vollzug des AlltagsAlltag, Alltagskultur, Alltags-. EliotEliot, Thomas S. ist auch hierin wegweisend, da er darauf aufmerksam macht, dass die „Haltungen“ der Menschen niemal „pur“ und homogenHomogenität, homogen sind, sondern stets Mischformen darstellen.
EliotEliot, Thomas S. hatte eingangs die Kultur auf drei sozialen Ebenen eingeführt. Nun führt er in seinem Essay noch eine weitere Unterscheidung ein, die ganz offenkundig mit seiner Definition der Kultur als „way of life“ zusammenhängt. Er unterscheidet nämlich zwei Manifestationsformen von Kultur:
eine niedere und unbewussteunbewusst Ebene von Kultur
eine höhere und bewusste Ebene von Kultur
In ihrem alltäglichen Vollzug sind Kultur und ReligionReligion, religiös unbewusstunbewusst, das heißt, die Bedeutungen, Werte, die ihren Handlungen zugrunde liegen, sind nicht manifest, sondern latent, das heißt aber auch, sie kommen von ZeitZeit zu Zeit, nur unter ganz bestimmten kulturellen Umständen, zum Vorschein:
[…] people are unconscious of both their culture and their religion. Anyone with even the slightest religious consciousness must be afflicted from time to time by the contrast between his religious faith and his behaviour; anyone with the taste that individual or group cultures confer must be aware of values which he cannot call religious. And both ‚religion‘ and ‚culture‘, besides meaning different things from each other, should mean for the individual and for the group something towards which they strive, not merely something which they possess.29
Im intellektuellenIntellektueller, intellektuell Haushalt des 20. Jahrhunderts ist der Terminus des UnbewusstenUnbewusste, das, Unbewusstheit durch den DiskursDiskurs der PsychoanalysePsychoanalyse bestimmt und besetzt. Aber bei EliotEliot, Thomas S. meint er etwas gänzlich anderes. Das Unbewusste bei FreudFreud, Sigmund ist eine Dimension unseres durch den KörperKörper, körperlich bestimmten Daseins, die uns zwangsläufig entgeht und die sich nur indirekt (durch Symptome) mitteilt. Das Unbewusste ist das, was dem BewusstseinBewusstsein, bewusst unzugänglich bleibt. Natürlich ist das Reden über dieses Unzugängliche – bei FreudFreud, Sigmund wie bei LacanLacan, Jacques – höchst paradox, denn es wird über etwas gesprochen, über das sich eigentlich nicht sprechen lässt – wenn es dieses unzugänglich Unbewusste ist. Dieses Unbewusste wird als etwas Quasi-Natürliches gesehen, das sich der kulturellen Formung entzieht. Das Unbewusste hat keine GeschichteGeschichte.
Das UnbewussteUnbewusste, das, Unbewusstheit, wie es EliotEliot, Thomas S. versteht, ist latent Bewusstes, etwas, das eingelernt und (sodann) automatisiert worden ist. Es kann vergessen werden, weil es gleichsam internalisiert worden ist. Das führt uns zu einem erstaunlichen Befund, dass nämlich ein Gutteil dessen, was wir unter ‚Kultur‘ verstehen, gar nicht bewusst und explizit, sondern vielmehr unbewusstunbewusst und implizit ist, unserem alltäglichen BewusstseinBewusstsein, bewusst entgeht. Kultur lässt sich als etwas bestimmen, dass Unbewusstheit produziert.
Das lässt sich an einem Beispiel veranschaulichen. Wir haben alle das Autofahren gelernt. Irgendwann einmal ist uns diese KulturtechnikTechnik, -technik zur Selbstverständlichkeit geworden. Wir denken nicht daran, wie wir unsere Beine zwischen Gaspedal, Kupplung und Bremspedal hin- und herbewegen, wir schalten automatisch oder schauen wie von selbst in den Rückspiegel. Deshalb auch ist es uns möglich, uns mit unseren Beifahrern und Beifahrerinnen zu unterhalten.
Wie gründlich wir vergessen haben, was wir tun, tritt zutage, wenn wir jemandem das Autofahren beibringen wollen und z.B. die Tochter aufgeregt fragt, ob sie erst auf die Kupplung und dann auf die Bremse treten soll, und sich damit präzise nach der korrekten Reihenfolge der Bewegungsabläufe erkundigt.
In dieser erstaunlichen Situation, in der der Lehrende länger darüber nachdenken muss, was er denn eigentlich tut, wenn er Auto fährt, fällt ihm dann auch jenes Phänomen auf, das EliotEliot, Thomas S. als Kontrast zwischen religiösemReligion, religiös GlaubenGlaube und praktischem Verhalten beschrieben hat. Der religiöse Glauben ist hier die Allgemeine Straßenverkehrsordnung, deren Regeln die lernende Tochter sehr viel bewusster wahrnimmt als der fahrtüchtige Vater, der sich anhören muss, wie oft er – ein klein wenig – gegen den Katechismus des modernenModerne, modern, -moderne Straßenverkehrs verstößt. Als Postskript sei angeführt, dass sich Kulturen auch darin unterscheiden, wie sehr sie diese DifferenzDifferenz von formal festgelegtem Katechismus und der informellen OrdnungOrdnung, ordnungs- der DingeDinge akzeptieren oder sanktionieren.
Für die These, dass Kultur in einem weiteren Sinn UnbewusstheitUnbewusste, das, Unbewusstheit erzeugt, lassen sich viele Beispiele anführen, so etwa auch die SpracheSprache. Um einen wohlgeformten Satz im Deutschen zu schreiben, bediene ich mich nicht des Katechismus der Grammatik. Ich habe den Satz, den ich gerade – vor einigen Sekunden – geschrieben habe, nicht damit begonnen, mir zu überlegen, dass ich ihn mit einem infinitivischen Nebensatz mit „um“ beginne, der mich zu einer ganz bestimmten Wortstellung (Akkusativ vor Infinitiv) verpflichtet und der mir fernerhin vorschreibt, in dem sich anschließenden Hauptsatz – entgegen der üblichen Vorschrift – das Verb („bediene“) vor das SubjektSubjekt („ich“) zu stellen. Ich habe auch keine Sekunde daran gedacht, dass das Akkusativ-ObjektObjekt („mich“) dem Genetiv-Objekt vorangestellt worden ist. Mein BewusstseinBewusstsein, bewusst hat auch nicht realisiert, dass das Verb „bedienen“ wie einige andere Verben im Deutschen eines Genetiv-Objekts („des Katechismus“) bedarf. Um Studierenden, die des Deutschen nicht mächtig sind, die grammatikalischen Regeln zu erklären, die zu der Ausformung dieses Satzes geführt haben, bedürfte es nicht weniger Stunden Unterricht.
Die spannende Frage ist nun, wann Kultur aus dem Dornröschenschlaf selbstverständlich vollzogener UnbewusstheitUnbewusste, das, Unbewusstheit erwacht. Die Situation des Lernens, der Weitergabe von KulturtechnikenTechnik, -technik (SchuleSchule, Tradition) wäre eine solche Situation. Damit verwandt, aber doch ganz anders, ist die Situation, wenn ich auf den Vertreter einer Kultur treffe, der weder das Fortbewegungsmittel Auto noch die Allgemeine Straßenverkehrsordnung kennt. Und eine dritte ist denkbar, dann nämlich, wenn sich die Bedingungen der Fortbewegung ändern und Vorschläge für die Änderung des Straßenverkehrs zur Diskussion stehen. Die vielen Kreisverkehre (oder die neuen Rechtschreibregeln), die in den letzten Jahren eingeführt worden sind, besitzen für eine gewisse ZeitZeit noch immer ein Irritationspotenzial.30
Das bewusste Moment in der Kultur ist gewissermaßen die Spitze eines Eisberges, die aus dem Meer des UnbewusstenUnbewusste, das, Unbewusstheit lugt. Aber so klein der Anteil des Bewusstseins auch sein mag, für das Schicksal der jeweiligen Kultur ist die bewusste Ebene von Kultur – etwa in Gestalt von KunstKunst, Kunstwerk, Wissenschaft, MythosMythos, Mythologie, mythologisch und GlaubenGlaube – von zentraler Bedeutung. Denn in diesen „symbolischen Formensymbolisch (allgemein)Formen, symbolische“ (CassirerCassirer, Ernst → Kap. 3) werden die Veränderungen der kulturellen Landkarten durchgesetzt und ausgehandelt. Unter den Bedingungen der ModerneModerne, modern, -moderne werden Kunst und Wissenschaften zu Produzenten kulturellen Wandels. Aber immerhin könnte es auch zutreffen, dass Veränderungen statthaben, die sich in unserer alltäglichen Fahr- und Sprachpraxis vollziehen und die erst viel später dem BewusstseinBewusstsein, bewusst unserer Kultur zugänglich werden.
EliotEliot, Thomas S. projiziert die beiden Aspekte von Kultur auf die soziale Ebene. Die verschiedenen Elemente von Kultur korrespondieren mit dem Gegensatz zwischen MasseMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen- und EliteElite, elitär, wobei die eine die Trägerin der bewusstlosen AlltagskulturAlltag, Alltagskultur, Alltags-, die andere jene der bewussten HochkulturHochkultur darstellt. Als Konservativer ist EliotEliot, Thomas S. von der Notwendigkeit einer hierarchisch geordneten GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich und einer entsprechend geordneten Kultur überzeugt. Für ihn steht außer Zweifel, dass es die (christlich-abendländischeAbendland, abendländisch) Hochkultur ist, die ‚lebenswertLeben, Lebens-, -leben‘ ist.
What is important is a structure of society in which there will be, from ‚top‘ to ‚bottom‘, a continuous gradation of cultural levels: it is important to remember that we should not consider the upper levels as possessing more culture than the lower, but representing a more conscious culture and a greater specialisation of culture. The levels of culture may also be seen as levels of powers, to the extent that a smaller group at a higher level will have equal power with a larger group at a lower level; for it may be argued that complete equality means universal irresponsibility; and in such a society as I envisage, each individual would inherit greater or less responsibility towards the commonwealth, according to the position in society which he inherited – each class would have somewhat different responsibilities.
A democracy in which everybody had an equal responsibility in everything would be oppressive for the conscientious and licentious for the rest.31
In EliotsEliot, Thomas S. Argumentation dient Kultur der Legitimation von HierarchieHierarchie und HerrschaftHerrschaft. Weil es in nationalenNation, Nationalismus, national Binnenkulturen nämlich verschiedene Ebenen von Kultur gibt und geben muss, existieren auch verschiedene soziale RepräsentationenRepräsentation, die diese kulturellen Abstufungen widerspiegeln. Kulturelle und soziale Ungleichheit bedingen einander. Immerhin ist EliotEliot, Thomas S. insofern kein Kultur-‚Romantiker‘, als er den Zusammenhang zwischen Kultur und MachtMacht unumwunden zugibt. Eine kleine Gruppe, die eine höhere Ebene von Kultur repräsentiert, verfügt über dieselbe MachtMacht wie eine große Gruppe auf einer niedrigeren Ebene. EliotsEliot, Thomas S. Konzept von DemokratieDemokratie, demokratisch enthält einen kulturaristokratischen Akzent. Es ist die EliteElite, elitär, die Trägerin auch der bewussten Kultur, die Verantwortung trägt. Demokratie bedarf der Elite, der Menschen, die Verantwortung übernehmen. Das ist wohl auch der Grund, warum viele, gerade jüngere Menschen die ’HochkulturHochkultur‘ ignorieren und verachten.
Der höhere Grad von BewusstseinBewusstsein, bewusst, die HochkulturHochkultur und ein Mehr an MachtMacht und Verantwortung bedingen sich bei EliotEliot, Thomas S. wechselseitig. An diesem OrdnungsidealOrdnung, ordnungs- einer hierarchisch geschichteten GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich gemessen, müssen die nivellierenden Tendenzen modernerModerne, modern, -moderne MassenkulturMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen- zwangsläufig als negativ und als SymptomSymptom, symptomatisch für kulturellen NiedergangNiedergang gedeutet werden.
Es ist vielleicht abschließend interessant, EliotsEliot, Thomas S. Konzept mit jenem der Frankfurter SchuleFrankfurter Schule einerseits und der Cultural StudiesCultural Studies andererseits zu vergleichen. Zwar teilen HorkheimerHorkheimer, Max und AdornoAdorno, Theodor W. mit EliotEliot, Thomas S. die Ablehnung und Geringschätzung der modernenModerne, modern, -moderne MassenkulturMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen-, aber ihr KulturkonservativismusKulturkonservativismus ist mit einem ‚linken‘ gesellschaftskritischen Impuls verbunden. Sie sehen in der klassischen Moderne eines BeckettBeckett, Samuel oder KafkaKafka, Franz eine Form von bewusster Kultur, die die herrschenden Verhältnisse zwar nicht zum Tanzen bringt, aber doch die Verblendungs- und Verfremdungszusammenhänge aufzeigt und durchschaubar macht. Die Cultural Studies, die zunächst durchaus auf AdornosAdorno, Theodor W. und HorkheimersHorkheimer, Max Analyse der Kulturindustrie zurückgegriffen haben, betonen demgegenüber die progressiven Seiten der modernen Massenkultur (PopularkulturPopularkultur) und würdigen deren innovativeInnovation, innovativ und demokratischeDemokratie, demokratisch Impulse. Seit dem Erscheinen von EliotsEliot, Thomas S. Essay und infolge der kulturellen Veränderungen seit den 1970er Jahren hat sich das Verhältnis von HochkulturHochkultur und Massenkultur dramatisch zugunsten der Letzteren verschoben und es bleibt die Frage, ob diese Demokratisierung der Kultur mitsamt den damit verbundenen Machtverschiebungen nicht am Ende zu Lasten der Qualität der Künste (Kultur III) gegangen ist. Nicht nur schätzen wir heute den emanzipatorischen Impuls der völlig durchkommerzialisierten Popularkultur sehr viel geringer ein als in den frühen 1970er Jahren, vielmehr können wir heute den Preis ermessen, der mit der Marginalisierung ‚elitärer‘ Kultur, wie er nicht zuletzt in der allgemeinen Schulbildung auffällig wird, entrichtet worden ist.
Es ist erstaunlich, wie weit T.S. EliotEliot, Thomas S. von Raymond WilliamsWilliams, Raymond und Antonio GramsciGramsci, Antonio hinsichtlich des weltanschaulichen Hintergrunds voneinander entfernt und wie nahe sie sich doch zuweilen sind, denn die „Einsicht in den materiellen Charakter kultureller Praxen und deren zentrale Rolle im gesellschaftlichenGesellschaft, gesellschaftlich Zusammenhang“32 findet sich – natürlich nicht mit einem marxistischenMarxismus, marxistisch Vokabular – auch bei EliotEliot, Thomas S.. Der Programmatiker der europäischen ModerneModerne, modern, -moderne, der zuweilen auch soziologisch argumentiert, konzediert den Zusammenhang von Kultur und MachtMacht, bewertet ihn aber in umgekehrter affirmativer Richtung, geht er doch im Kontrast zum Egalitarismus marxistischer Provenienz von der Notwendigkeit hierarchischer StrukturenStrukturStruktur, strukturiert, strukturell auch innerhalb demokratischer Kulturen aus, die durch die höhere, bewusste Kultur abgesichert und legitimiert werden.
Dagegen haben die Cultural StudiesCultural Studies nach WilliamsWilliams, Raymond und GramsciGramsci, Antonio ihr Hauptaugenmerk auf die neuen Popularkulturen des okzidentalen KapitalismusKapital, Kapitalismus, kapitalistisch gesetzt. Die gesellschaftlichenGesellschaft, gesellschaftlich Folgen dieses Kulturwandels sind nicht eindeutig: Mittlerweile hat die PopularkulturPopularkultur die bürgerliche Kultur hinsichtlich ökonomischen Einfluss und kultureller HegemonieHegemonie marginalisiert, die subversiven Impulse sind freilich längst durch eine neue Form des Kapitalismus neutralisiert.
Kritikpunkte und Anmerkungen
Eliots Konzept ist aus heutiger Warte ambivalent. Es war für die Cultural StudiesCultural Studies bedeutsam. Zugleich ist es aber einem Kulturkonservatismus verpflichtet, dem wir heute nicht mehr ohne weiteres beipflichten können, und zwar nicht nur wegen der Werte, die er präferiert, sondern weil er sich auch perspektivisch Zugänge auf neue kulturelle Phänomene verstellt.
Eliots Konzept von „Kultur“ ist normativnormativ; es gibt keine Kriterien für diese Normen an und vermengt Deskription und Wertung.
Eliots Begriff von Kultur ist ethnozentrisch; er setzt Kultur im Wesentlichen mit Europa gleich.
Eliots Begriff von Kultur ist ähnlich jenem in den Cultural StudiesCultural Studies allumfassend, dafür aber nicht spezifisch.
Eliots Begriff von Kultur steht im Widerspruch zum heutigen Selbstverständnis modernerModerne, modern, -moderne westlicher Gesellschaften (Netzwerk, sanfte Hierarchien, Gleichberechtigung von einzelnen Kulturen, InterkulturalismusKulturalismus, -kulturalismus).
Eliots Begriff von Kultur beleuchtet indirekt den intrinsischen Zusammenhang von Kultur, Macht und HerrschaftHerrschaft, übersieht aber deren destabilisierende Momente oder – positiv ausgedrückt – das Veränderungspotenzial und die reflexive FunktionFunktion von kulturellen Mechanismen und Phänomenen.
Eliots Vorstellung von der unbewusstenunbewusst Kultur ist theoretisch nicht expliziert.
Eliots Analyse von Kultur liefert kein methodologisch stringentes Konzept der KulturanalyseKulturanalyse.
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Kapitel 2 Psychoanalyse als Kulturtheorie:
Sigmund FreudFreud, Sigmund
Die Frage, ob die PsychoanalysePsychoanalyse in ihren verschiedenen Ausprägungen – FreudFreud, Sigmund, JungJung, Carl G., LacanLacan, Jacques – implizit auch eine Theorie der Kultur darstellt bzw. beinhaltet1, ist nicht leicht zu beantworten. Noch schwieriger gestaltet sich die Frage, welchen Beitrag sie zu einer zeitgemäßen Theorie von Kultur leisten kann und in welchem Verhältnis sie zu heutigen semiotischen Konzepten von Kultur steht.
Eine pragmatische Antwort lässt sich allemal geben, nämlich die, dass die PsychoanalysePsychoanalyse in all ihren Varianten in den westlichen Kulturen Europas, Amerikas und Australiens präsent ist, übrigens am wenigsten im psychologischen Fachdiskurs, dem sie ursprünglich entsprang, doch dafür in der Philosophie und allen Human- und Kulturwissenschaften. Sie ist bis heute tonangebend; Begriffe, die ihr entstammten, sind, ihres ursprünglichen Kontextes beraubt, selbstverständlicher Teil der DiskurseDiskurs des AlltagsAlltag, Alltagskultur, Alltags-, der MedienMedien, Medien-, -medien, medien- und der PolitikPolitik geworden: Verdrängung, Projektion, Narzissmus, Verarbeitung, Trauerarbeit, Übertragung. Es wäre lohnend, im Rahmen einer kulturwissenschaftlichen Studie den Prozess dieser Verankerung zu untersuchen. EliotEliot, Thomas S. folgend (→ Kap. 1), ließe sich behaupten, dass die PsychoanalysePsychoanalyse eine Zivilreligion des Alltags geworden ist und dass sie den einen Prozess durchlaufen hat, den man als Produktion von UnbewusstheitUnbewusste, das, Unbewusstheit bezeichnen könnte. Wir verwenden den Diskurs der PsychoanalysePsychoanalyse so selbstverständlich, dass wir gar nicht mehr wissen, woher all diese zentralen Begriffe stammen. Autoren wie FreudFreud, Sigmund, JungJung, Carl G. und LacanLacan, Jacques haben großen Einfluss auf Denker ausgeübt, die man ohne Umschweife als Kulturtheoretiker wird bezeichnen können: die archetypischen WunschbilderWunschbild BenjaminsBenjamin, Walter (→ Kap. 6) und BlochsBloch, Ernst, sozusagen die imaginären Überschüsse der jeweiligen Kultur2, die Diskurse über die Alterität und den Blick des AnderenAndere(r), der, die, das3, die Kulturkritik der Frankfurter SchuleFrankfurter Schule (→ Kap. 6), sie alle sind kaum denkbar ohne die Leihgaben, die sie jeweils von C.G. JungJung, Carl G., LacanLacan, Jacques oder FreudFreud, Sigmund bezogen.
Mit FoucaultFoucault, Michel (→ Kap. 8) gesprochen, ist FreudFreud, Sigmund ein Autor insofern, als er einen DiskursDiskurs eröffnet, einen Diskurs über Phänomene, die bis dahin mehr oder weniger sprachlos waren4 und die im Näheren wie im Weiteren um die menschliche – männliche, weibliche – SexualitätSexualität kreisen. Von ihrem Ausgangspunkt ist die PsychoanalysePsychoanalyse, übrigens auch jene LacansLacan, Jacques, die diese mit dem StrukturalismusStrukturalismus versöhnte (indem sie das UnbewussteUnbewusste, das, Unbewusstheit als eine Art SpracheSprache ansah)5, keine Kulturtheorie sui generis. Denn dieses Unbewusste wird nicht als historisch, d.h. kulturell veränderlich gedacht; FreudsFreud, Sigmund Triebtheorie hat alle Züge einer metahistorischen und metakulturellen Anthropologie. Es gibt bei dem Begründer der PsychoanalysePsychoanalyse keinerlei Hinweis darauf, dass Libido und Aggressionstrieb kulturellem Wandel unterliegen. Der Mensch, dem die PsychoanalysePsychoanalyse in seinen heimlichsten Neigungen auflauert und dessen Obsessionen sie durch die Geschwätzigkeit des TraumesTraum, Traum-, -traum und des Dialogs ans Tageslicht zerrt, gehört ganz und gar – wenigstens in der klassischen Selbstdeutung der PsychoanalysePsychoanalyse – auf die Seite der NaturNatur.
Insofern ist insbesondere das Denken FreudsFreud, Sigmund ganz dem traditionellen Gegensatz von NaturNatur und Kultur verpflichtet, wobei die Natur die feindliche Außenwelt wie die übermächtige Binnenwelt der menschlichen Triebe – die MetapherMetapher selbst hat biologische Konnotationen – meint. Der Psychoanalytiker, ein HybridHybrid, Hybridität aus zeitgenössischem Naturwissenschaftler und spekulativem Philosophen, ist und wird auf Schritt und Tritt mit kulturellen Phänomenen konfrontiert. Natürlich spielt auch – etwa in Totem und Tabu6 – der Ehrgeiz hinein, die neue Disziplin vermochte auch andere Bereiche zu erhellen, die nicht unmittelbar Gegenstand des psychoanalytischen Diskurses sind. Phänomene wie MassenMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen-, die ReligionReligion, religiös oder auch die Kritik an der eigenen Kultur sind Themenkomplexe, die für die PsychoanalysePsychoanalyse eine Herausforderung darstellen. In einem Analogieschluss wird nicht mehr der einzelne Mensch, sondern die westlich-abendländischeAbendland, abendländisch Menschheit und damit die Kultur in ihrem umfassenden Sinn (Kultur I → Kap. 1) zum Gegenstand von Beobachtung, Diagnose und – verfänglich genug – der Therapie. Dieser vom Einzelnen auf die GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich übertragene Anspruch der Heilung hat der PsychoanalysePsychoanalyse allgemeine Beachtung, aber auch Kritik und Skepsis eingetragen.
Mit dieser Vorbemerkung befinden wir uns bereits mitten in jenem Text, der für die Profilierung der PsychoanalysePsychoanalyse als Kulturtheorie zentral geblieben ist, der Schrift Das Unbehagen in der Kultur, die erstmals 1930 erschien und insgesamt zu den wichtigsten und wirkungsmächtigsten Werken FreudsFreud, Sigmund zählt.7
Dieser Text, der heute in seinen definitorischen Bestimmungen von ‚Kultur‘ auf den ersten Blick traditionell anmuten mag, ist speziell im kulturwissenschaftlichen DiskursDiskurs, nicht zuletzt unter dem Einfluss des PoststrukturalismusPoststrukturalismus, eher unterbelichtet geblieben, während kleinere Texte wie jener über den Wunderblock und vor allem jener über das Unheimliche8 sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen. Das Neue, das in ihm zutagetritt, findet sich dabei scheinbar am Rande.
Wie jeder geniale Titel enthält auch jener der Schrift von 1930 bereits die wichtigsten Elemente der Argumentation. Förmlich ins Auge springen dabei wohl drei Elemente: der Terminus des Unbehagens, die befremdliche Präpositionalkonstrukion „in“ sowie der paradoxe Zusammenhang zwischen Unbehagen und Kultur.
Das Unbehagen, das mit der Vorsilbe „Un-“ die Behaglichkeit negiert, bildet eine konnotative Familie mit Ausdrücken wie ungemütlich, unkomfortabel, unheimisch, unvertraut und – um ein Wort aus einem anderen berühmten Aufsatz von FreudFreud, Sigmund zu zitieren – unheimlich.9 Was durch all diese Worte negiert wird, ist ein Grad von Selbstverständlichkeit: Gemütlichkeit, Behaglichkeit, Heimat. Das Unbehagen, um das es zu gehen scheint, ist also nicht bloß eine intellektuelleIntellektueller, intellektuell Unzufriedenheit, sondern eine tief im Menschen verankerte Disposition, eine innere Verstimmung.
Das wird nicht zuletzt an der außergewöhnlichen Präpositionalkonstruktion „in“ deutlich, die nicht einfach an die Stelle jener geläufigen anderen („an“) tritt. Das Substantiv „Unbehagen“ verlangt üblicherweise ein präpositionales ObjektObjekt, gleichsam ein Attribut. Dieses bleibt im Titel ausgespart, d.h. es fehlt. Das Unbehagen hat gleichsam sein Objekt verloren und man könnte mutmaßen, dass gerade darin das Ungemütliche besteht. Die Präposition „in“ ersetzt die fehlende („an“) nicht, die im KontextKontext mit dem Unbehagen keine wirklich räumlich-lokale, sondern eine metaphorische Bedeutung hat. Demgegenüber verortet die Präposition „in“ das Unbehagen schlechthin. Der Ort dieses Unbehagens ist die Kultur.
Über diesen Umweg kann man schließen, dass dieses Unbehagen, das in der Kultur ist, womöglich auch eines an der Kultur ist.
Kommen wir nun zum dritten Aspekt des Titels: der Gegenüberstellung von Unbehagen und Kultur. Der traditionelle Kulturbegriff legt – übrigens auf allen drei Bedeutungsebenen (Kultur I, II, III → Kap. 1) – die Vorstellung nahe, dass Kultur etwas ist, das Sinn stiftet, sekundäre Heimat schafft, kurzum Behagen produziert. Aber, so suggeriert die Überschrift, das Gegenteil scheint der Fall zu sein.
Oder, um die Pointe vorwegzunehmen: Das, was intentional Behagen erzeugt, schafft paradoxerweise gerade dadurch und zugleich Unbehagen. FreudsFreud, Sigmund mit allen rhetorischen Wassern gewaschener Text10 beginnt aber nun keineswegs mit der Erörterung dieser Frage, sondern betritt sein Thema auf einem Seitenweg. Gegenstand der vorangegangen Abhandlung Die Zukunft einer Illusion (1927) war das Thema ReligionReligion, religiös gewesen. Aus ihr hatte sich eine kontroverse Korrespondenz zwischen dem französischen Schriftsteller Romain RollandRolland, Romain und FreudFreud, Sigmund ergeben. RollandRolland, Romain hatte darauf verwiesen, dass Religion keineswegs bloß eine menschliche Illusion darstelle, sondern auf einer Grunderfahrung, auf einem elementaren „ozeanischen Gefühl“ beruhe, das FreudFreud, Sigmund in seiner Replik mit einem Vers aus Grabbes Drama Hannibal („Ja, aus der Welt werden wir nicht fallen. Wir sind einmal drin.“) kommentiert. Dieses ursprüngliche Einheitserlebnis, das schon in SchleiermachersSchleiermacher, Friedrich D.E. Reden über die Religion (1799)11 eine zentrale Rolle spielte, wird von FreudFreud, Sigmund rundweg in Abrede gestellt:
Die Idee, dass der Mensch durch ein unmittelbares, von Anfang an hierauf gerichtetes Gefühl Kunde von seinem Zusammenhang mit der Umwelt erhalten sollte, klingt so fremdartig, fügt sich so übel in das Gewebe unserer Psychologie, dass eine psychoanalytische, d.i. genetische Ableitung eines solchen Gefühls versucht werden darf.12
Der Einwand des französischen Schriftstellers zwingt zur Selbstpositionierung. Lassen wir einmal dahingestellt, ob das „ozeanische Gefühl“ wirklich schon die Existenz eines Ichs voraussetzt, das „Kunde von seinem Zusammenhang mit der Umwelt“13 hat, oder ob dieses nicht viel eher im Zwischenbereich dessen angesiedelt ist, was FreudFreud, Sigmund mit dem Es und dem Ich bezeichnet. In jedem Fall bezieht FreudFreud, Sigmund systemlogisch, wie er selbst zu Recht feststellt, eine skeptische Gegenposition zur romantischen Annahme ursprünglicher Einheit und authentischen Daseins. Modern an FreudFreud, Sigmund scheint hier, dass er eigentlich von einem nie ganz reparablen Fremd-Sein des Menschen in der Welt ausgeht. Aus FreudsFreud, Sigmund Perspektive kann der Mensch sehr wohl aus der Welt fallen, weil er nie ganz in ihr ist. Gerade weil dies so ist, gewinnt Kultur im Fortgang der Argumentation eine zentrale Rolle.
FreudFreud, Sigmund steht im Einklang mit den Ideen der Denker und Dichter der Wiener Jahrhundertwende – mit MachMach, Ernst, SchnitzlerSchnitzler, Arthur, HofmannsthalHofmannsthal, Hugo von und MusilMusil, Robert –, wenn er konstatiert, dass das Ich keine ursprüngliche Größe und keine selbständige, gegen alles andere abgegrenzte Instanz darstellt.
Es verfügt über keine scharfen Grenzen, nach innen wie nach außen. Verliebtheit ist ein exemplarisches Beispiel dafür, wie die Grenzen zwischen Ich und ObjektObjekt verschwimmen. Viel wichtiger aber ist, dass das Ich im Gegensatz zum Es, dem „unbewusstenunbewusst seelischen Wesen“, eine (Kultur-)GeschichteGeschichte hat. In heutigen Worten formuliert, ist das Ich eine kulturelle KonstruktionKonstrukt, Konstruktion, oder, wie es FreudFreud, Sigmund formuliert, ein Scharnier zwischen Innen- und Außenwelt, zwischen Lustprinzip und Realität. Nun kann FreudFreud, Sigmund die Standardversion des psychoanalytischen Narrativs (→ Kap. 13) erzählen: die GeschichteGeschichte vom Säugling, für den Innenwelt und Außenwelt ungeschieden sind. Das Ich ist das Resultat einer Entwicklung, an deren dramatischem Ausgangspunkt die drohende und bedrohliche Außenwelt steht. Es ist ein Ich, das auf kindliche, unbändige Weise seine Lust gegen die Außenwelt geltend macht und sich gegen diese und deren Zumutungen abgrenzt.
Das „ozeanische Gefühl“ lässt sich anhand dieser ErzählungErzählung(en) als ein Rückgriff auf eine „frühe Phase des Ichgefühls“14 zurückführen, als Tendenz des erwachsenen Menschen, in diesen vermeintlich idyllischen Zustand zurückzukehren. Das Stichwort lautet Regression. Im Gegensatz zum heute geläufigen Wortgebrauch bezeichnet es eine unvermeidliche Rückbewegung, eine imaginäre Rückkehr zur Kindheit, die FreudFreud, Sigmund hier mit dem Erinnern verbindet. Die Regression ist aber auch ein Regress, eine Entschädigung, ein Ausgleich. Diese Vorstellung von Entschädigung ist zentral für FreudsFreud, Sigmund Konzept von Kultur. FreudFreud, Sigmund wendet diesen ontogenetischen Befund phylogenetisch und archäologisch:
Unser heutiges Ichgefühl ist also nur ein eingeschrumpfter Rest eines weit umfassenderen, ja eines allumfassenden Gefühls, welches einer innigeren Verbundenheit des Ichs mit der Umwelt entsprach.15
So interpretiert FreudsFreud, Sigmund biologisch-psychologischer MaterialismusMaterialismus das heutige Ich analog als einen evolutionären Restposten: Das heutige Ich verhält sich zu jenem archaischen Ich, das jedes Erdenkind, auch das moderneModerne, modern, -moderne, noch einmal durchläuft, wie die Echsen zu den Dinosauriern oder das gegenwärtige Rom zur antiken Metropole. In Kultur ist also immer ein Moment von Regression und Regress, von Vergessen und Erinnern eingeschrieben. ReligionReligion, religiös wird dabei als eine ReaktionsbildungReaktionsbildung, als ein kultureller Effekt verstanden, somit als integraler Bestandteil von Kultur. Es basiert auf einer ErinnerungErinnerung an ein ‚primitives‘ Ich und stellt eine Rückkehr zu „uralten, längst überlagerten Zuständen des SeelenlebensLeben, Lebens-, -leben“ dar, in ein Dunkel, das FreudFreud, Sigmund mit Verweis auf SchillersSchiller, Friedrich Gedicht Der Taucher16 als monströs und unheimlich apostrophiert.
Kein Zweifel, dass FreudFreud, Sigmund in der Tradition hellenistischer und aufklärerischer Skepsis steht, aber an einer entscheidenden Stelle geht er über sie hinaus, wenn er ReligionReligion, religiös nämlich weniger als ein mentales, sondern vielmehr als ein kulturelles Phänomen deutet, das Teil des LebensvollzugsLeben, Lebens-, -leben ist. In seiner genetischen Argumentationsweise ist die Religion nicht einfach Lug und Trug, sondern vielmehr Teil eines menschlichen Dramas, das sowohl physisch wie kulturell ist. Anders gesagt: Sie ist im Körperlichen verankert. Was Kulturwissenschaften jedweder Provenienz FreudFreud, Sigmund zu verdanken haben, ist die Überwindung von Kulturkonzepten, die den Einfluss und den Ort der Kultur auf den Kopf des Menschen beschränken wollen.
Mit diesem Befund im Rücken kann sich FreudFreud, Sigmund nunmehr seinem eigentlichen Thema, der Kultur, widmen. Bevor er dies tut, räumt er einen zweiten Stein aus dem Weg, nämlich die Frage nach dem Sinn und „Zweck“ des LebensLeben, Lebens-, -leben; er überführt sie in jene nach den Absichten, die der Mensch durch sein praktisches Verhalten ‚erkennen‘ lässt. FreudFreud, Sigmund nimmt gleichsam eine ethnologische und zugleich kriminologische Position ein: Er misstraut den schönen Selbstaussagen, die die Menschen von sich geben. Diese sind Rationalisierungen ihrer wahren Absichten. Letztere möchte die PsychoanalysePsychoanalyse erschließen. Als Kern dieser Rationalisierungen bestimmt FreudFreud, Sigmund das Streben nach Glück:
„Das Prinzip [das Lustprinzip, Anm. d. Verf.] beherrscht die Leistung des seelischen Apparates von Anfang an.“17 Wobei dieses Glück – dem klassischen philosophischen DiskursDiskurs entsprechend – immer zwei Seiten hat: positiv das Erlebnis intensiver Lustgefühle, negativ die Abwesenheit von Schmerz und Unlust. Dieses Streben wiederum ist biologisch-natürlich im Menschen als Programm verankert. Seine stärkste Manifestation erfährt es in der geschlechtlichengeschlechtlich Liebe.
Soweit der Befund einer quasi naturwissenschaftlich unterlegten Kulturanthropologie. Aber diesem ‚natürlichen‘ Streben nach Glück steht – so die tragische Pointe der ErzählungErzählung(en) FreudsFreud, Sigmund von der Genese der Kultur – die Realität entgegen:
Das LebenLeben, Lebens-, -leben wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben.18
Das Programm des Lustprinzips ist
im Hader mit der ganzen Welt […] Es ist überhaupt nicht durchführbar, alle Einrichtungen des Alls widerstreben ihm; man möchte sagen, die Absicht, dass der Mensch ‚glücklich‘ sei, ist im Plan der ‚Schöpfung‘ nicht enthalten.19
Dramatisch effektvoll verweist FreudFreud, Sigmund auf jene Momente, durch die der glücksbegierige Mensch bedroht ist:
durch den eigenen KörperKörper, körperlich, das heißt durch Verfall, Auflösung, Schmerz und Angst;
durch die zerstörerischen Kräfte der Außenwelt (NaturNatur);
durch die Beziehungen zu anderen Menschen und zur GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich;
durch die Kurzfristigkeit des Glücks.
Was tun in dieser vertrackten Situation, die durch permanente Frustration und Überforderung charakterisiert ist? FreudFreud, Sigmund gibt hier eine Antwort, die der Anthropologie Plessners und Gehlens20 beträchtlich nahe kommt, auch wenn diese anders als FreudFreud, Sigmund nicht das Lustgefühl in den Mittelpunkt rücken, sondern von vornherein Entlastung und Kompromiss in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellen. Kulturen, so könnte man sagen, lassen sich als symbolische Hilfsprogramme und Ersatzkonstruktionen des LebensLeben, Lebens-, -leben begreifen, um den Abgrund, der sich zwischen Glücksanspruch und Realität auftut, zu überbrücken. Die Ermäßigung des „Glücksanspruchs“ erscheint aus dieser Perspektive unvermeidlich; lakonisch urteilt FreudFreud, Sigmund, dass „uneingeschränkte Befriedigung“ triebökonomisch nicht optimal sei, weil das hieße, „den Genuss vor die Vorsicht“ zu „setzen“.21 Kultur bedeutet von daher stets Einschränkung des Natürlichen im Menschen und des Naturwesens Mensch selbst.
FreudFreud, Sigmund unterscheidet dabei unter Verweis auf drei Schriftsteller – VoltaireVoltaire, FontaneFontane, Theodor und BuschBusch, Wilhelm – drei verschiedene Hilfskonstruktionen und kulturelle Ablenkungen:
1 Die VoltaireVoltaire’sche, die Geringschätzung des Elends, Arbeit und Wissenschaft impliziert: Am Ende seines Romanes Candide oder der Optimismus (1758) meint einer der Romanprotagonisten: „Arbeiten wir also, ohne viel zu grübeln […], das ist das einzige Mittel, um das LebenLeben, Lebens-, -leben erträglich zu machen.“22
2 Die FontaneFontane, Theodor’sche, die Verringerung des Elends durch die „Hilfskonstruktion“ weise Resignation und durch KunstKunst, Kunstwerk empfiehlt, so wie Geheimrat Wüllersdorf Effi Briests Gatten, dem Baron von Instetten, am Ende von FontanesFontane, Theodor berühmten Roman.23
3 Die BuschBusch, Wilhelm’sche (aus der Frommen Helene), die Unempfindlichkeit gegenüber dem Elend durch die Einnahme von „Likör“ empfiehlt („Wer Sorgen hat, hat auch Likör“).24
Die Bezugnahme auf literarische Texte mit skeptisch-aufklärerischer Tendenz (um die Literatur seiner ZeitZeit macht FreudFreud, Sigmund einen großen Bogen) hat dabei nicht nur illustrative, sondern konstitutive Bedeutung. Die Literatur wird als ein MediumMedium angesehen, das die verschwiegenen Motive in der Psyche des einzelnen Menschen und kulturelle Effekte in plastischer Konkretheit ans Licht befördert. Im Fortlauf des Textes variiert und erweitert FreudFreud, Sigmund diese aus der Literatur bezogene Typologie folgendermaßen:
Geringschätzung des Elendsdurch Abschottung (Eremit)durch zivilisatorisches Engagement
Unempfindlichkeit gegen das Elenddurch äußere Manipulation (Drogen)durch asketische PraktikenPraktiken und Senkung der Libido (Yoga)
Verringerung des Elends (Ersatzbefriedigung)Verschiebung (Wissenschaft)Verfeinerung (KunstKunst, Kunstwerk)
Im Anschluss an die Typologie kultureller Hilfskonstruktionen entfaltet FreudFreud, Sigmund auch eine Typologie des Kulturmenschen, die freilich nicht vollständig mit der obigen Typenreihe übereinstimmt:
der aktive Mensch,
der erotische Mensch,
der narzisstische Mensch.
In gewisser Weise bleibt der erotische Mensch, der das Glück in der Libido findet, das freilich unerreichbare Vorbild, der Maßstab des Glücks, der auch den Horizont aller Hilfskonstruktionen bildet:
[…] eine der Erscheinungsformen der Liebe, die geschlechtlichegeschlechtlich Liebe, hat uns die stärkste Erfahrung einer überwältigenden Lustempfindung vermittelt und so das Vorbild für unser Glücksstreben gegeben.25
Aber dem steht eine lebenspraktischeLeben, Lebens-, -leben Beobachtung entgegen:
Niemals sind wir ungeschützter gegen das Leiden, als wenn wir lieben, niemals hilfloser unglücklich, als wenn wir das geliebte ObjektObjekt oder seine Liebe verloren haben.26
Es bleibt der Zwiespalt, dass einerseits das Programm, das uns das Lustprinzip „aufdrängt“, unerfüllbar ist, dass man es aber nicht ohne Strafe negieren kann. Kultur, so ließe sich nun behaupten, stellt so betrachtet eine KompromissbildungKompromissbildung dar: Sie repräsentiert einerseits die Außenwelt, aber sie vermittelt auch zwischen dem Drängen des Lustprinzips und den Realitäten der Außenwelt. FreudFreud, Sigmund präferiert offensichtlich die LebensmaximenLeben, Lebens-, -leben des vorsichtigen Kaufmanns, der versucht, das Lustprinzip und das Bedürfnis nach Sicherheit auszutarieren. Kultur lässt sich als ein System von Einschränkungen definieren, das das Lustprinzip (auch im wörtlichen Sinn) beschneidet und dem Menschen zugleich Sicherheit und OrdnungOrdnung, ordnungs- beschert. FreudFreud, Sigmund denkt Kultur also vom IndividuumIndividuum her: „Der Kulturmensch hat für ein Stück Glücksmöglichkeit ein Stück Sicherheit eingetauscht.“27
Die Grenzen sind natürlich fließend, etwa zwischen dem zivilisatorischen Engagement und dem Einsatz für die Wissenschaft. Aufschlussreich ist FreudsFreud, Sigmund Einschätzung der KunstKunst, Kunstwerk (Kultur III). Aber auch zwischen den künstlichen Welten der Literatur und jenen des Rausches besteht ein unübersehbarer Zusammenhang. Ähnliches gilt wohl auch für das mönchische Dasein und diverse asketische PraktikenPraktiken.
Die Künste gelten dem Begründer der PsychoanalysePsychoanalyse als „milde Narkose“. KunstKunst, Kunstwerk und Literatur gestatten– dem Autor wie den Rezipienten – „den Genuss einer eigenen fremden Phantasiewelt. In der Kunst und partiell auch in der Wissenschaft wird die „Befriedigung […] aus Illusionen gewonnen, die man als solche erkennt, ohne sich durch deren Abweichung von der Wirklichkeit im Genuss stören zu lassen.“28 Kunst und Literatur ermöglichen den Genuss in einer eigenen, von der realen Welt verschiedenen Phantasiewelt („Verschiebung“). Die Schaffung dieser Welten bedeutet eine sekundäre Lustbefriedigung („Sublimierung“). Der Kompromisscharakter besteht darin, dass die Befriedigung keine primäre, sondern eine sekundäre darstellt, die immer auch mit Anstrengung und Arbeit, d.h. mit Aufschub verbunden ist. Mit anderen Worten: Eine glückliche, paradiesische Menschheit dichtete ebenso wenig wie sie Wissenschaft betriebe. Das reine Glück ist traumlos.
Demgegenüber interpretiert FreudFreud, Sigmund die ReligionReligion, religiös als eine Form von Illusion, die undurchschaubar bleibt. FreudFreud, Sigmund stuft sie – genauso wie das revolutionäre Verhalten – als eine Form des „MassenwahnsMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen-“, als ein kollektives Wunschdenken ein, das seine gefährliche Wirksamkeit gerade auf Grund seines kontrafaktischen und irrealen Charakters hat. FreudFreud, Sigmund übernimmt die Idee, dass Religion ein gefährliches, strukturellStruktur, strukturiert, strukturell psychotisches Opiat darstellt, von MarxMarx, Karl; er überträgt diesen Befund jedoch, ohne dies näher auszuführen, auch auf die revolutionären IdeologienIdeologie seiner ZeitZeit (MarxismusMarxismus, marxistisch, NationalsozialismusNationalsozialismus).
Mit einem Seitenblick auf die Literatur der ZeitZeit lässt sich behaupten, dass derlei Diagnosen nicht sehr weit entfernt sind von denen zweier großer österreichischen Autoren, die genau eine Generation jünger sind als FreudFreud, Sigmund: MusilMusil, Robert und BrochBroch, Hermann. Aber insbesondere BrochBroch, Hermann zieht eine klare Trennungslinie zwischen verschiedenen Formen von Religionen: Er unterscheidet solche, die das Irrationale integrieren, von Formen des MassenwahnsMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen-, die eine Desintegration von Rationalität zur Folge haben. MusilMusil, Robert, der FreudFreud, Sigmund näher steht als er wahrhaben will, vertraut nicht mehr auf die sublimierende Kraft von KunstKunst, Kunstwerk und Wissenschaft und lässt die in sich symbolisch zerfallende Welt in Krieg und MassenwahnMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen- enden. FreudsFreud, Sigmund Schrift über das Unbehagen in der Kultur und Der Mann ohne Eigenschaften, fast zeitgleich erschienen, zehren von denselben kulturellen Erfahrungen: dem Zerfall der Donaumonarchie, dem Ersten Weltkrieg und der Krisenhaftigkeit der 1920er Jahre.
Ziehen wir an dieser Stelle unserer intensiven Lektüre (close reading) eine erste Zwischenbilanz: ‚Kultur‘ wird in FreudsFreud, Sigmund Schrift über einen Umweg eingeführt. Sie ist das Produkt eines menschlichen Dramas, der Kluft zwischen einem unermesslichen Glücksverlangen und einer Realität, die dieses abweist. Kultur bedeutet, diese Kluft zu überbrücken, eine Hilfskonstruktion über einen Abgrund, eine KompromissbildungKompromissbildung. Von dieser skeptisch-negativen Anthropologie aus erscheint Kultur nicht so sehr als ein System der SinnstiftungSinnstiftung und nicht einmal primär als unhintergehbare Arbeit an der NaturNatur, sondern stellt vielmehr ein Überlebensprogramm dar, das Trieb und Realität miteinander versöhnt. Der Mensch tauscht dabei, wie wir noch sehen werden, den Verzicht auf Glück gegen eine gewisse Sicherheit ein. LebensphilosophischLeben, Lebens-, -leben besehen bedeutet das eine Neuformulierung der Philosophie Epikurs, die der Minimierung von Leid gegenüber der Maximierung von Lustbefriedigung den Vorzug gibt.
Kulturtheoretisch von Belang ist, dass jene FunktionenFunktion von Kultur, die gemeinhin als primär gelten – symbolische Partizipation an der Welt, Bearbeitung von NaturNatur (→ Kap. 1) – auf merkwürdige Weise in die zweite Reihe rücken. Das liegt an FreudsFreud, Sigmund spezifischem Fokus: Die Welt des Menschen, die Kultur, wird aus dem Blickwinkel des libidinösen Ich betrachtet. Wendet man das erzähltheoretische Werkzeug, wie es Gerard Genette und Mieke BalBal, Mieke entwickelt haben (→ Kap. 13), auf FreudsFreud, Sigmund Schrift an, so wählt der Autor, der mit der Stimme eines kulturwissenschaftlichen Erzählers spricht, eine überaus originelle FokalisierungFokalisierung: Erzählt wird die GeschichteGeschichte nämlich aus der Perspektive des libidinösen Ich, dessen Irrfahrten die Abhandlung wiedergibt. Deren unsicherer, ungeschützter Hafen ist die Kultur.
Aus dieser Perspektive entstehen KunstKunst, Kunstwerk und Dichtung nicht aus dem Wunsch, der Welt einen gültigen Sinn zu verleihen, sondern aus dem Drang eines Lustprinzips, das sich unter widrigen Umständen seinen Weg bahnt. Ganz Ähnliches gilt für die TechnikTechnik, -technik, das Engagement für die ZivilisationZivilisation. Auch hier tritt das Argument, dass es sich um eine kollektive Veränderung natürlicher Gegebenheiten und – damit verbunden – der Verbesserung menschlicher LebensbedingungenLeben, Lebens-, -leben handelt (so die geläufige Selbstinterpretation der Technik in der modernen westlichen Kultur), hinter die Vorstellung zurück, Technik entstehe dadurch, dass das Lustprinzip sich angesichts des Elends dieser Welt gegen Frustration und Enttäuschung abhärtet. Kultur- und geistesgeschichtlich betrachtet sind auch in diesem Skeptizismus heroisch-männliche Elemente, wie sie wohl für FreudsFreud, Sigmund Epoche charakteristisch waren, unübersehbar: der GlaubeGlaube an Technik und Wissenschaft, die vormoderneModerne, modern, -moderne Vorstellung von Kunst und Literatur als schönen Entschädigungen für das Grau des AlltagsAlltag, Alltagskultur, Alltags-.
Beinahe heldisch kapituliert und resigniert der FreudFreud, Sigmund’sche Mensch vor der Unhintergehbarkeit einer widrigen Realität. Die List dieser Kapitulation – FreudsFreud, Sigmund List der Vernunft29 – besteht darin, dass der moderneModerne, modern, -moderne Kulturmensch produktiv resigniert und die Kapitulation zu seinem Nutzen wendet. Kultur ist hier nicht so sehr ein schöner Luxus, sondern die Frucht des dramatischen, todgefährlichen Unternehmens, auf der Welt zu sein. Es zeugt von heroischer Nüchternheit, sich dem Realitätsprinzip zu stellen und den Zwiespalt von Lustprinzip (LacanLacan, Jacques wird später mit Rückgriff auf HegelHegel, Georg W.F. vom BegehrenBegehren sprechen) und feindlicher Umwelt anzuerkennen. Dieser Zwiespalt wird in und durch Kultur real und symbolisch bearbeitet und geregelt. Dabei fungieren die engeren Bereiche von ‚Kultur‘ als neurotische Reaktionsbildungen, die den tiefen Abgrund, der sich zwischen dem BegehrenBegehren und dem Begehrten auftut, abmildern.
Aber so versöhnlich endet FreudsFreud, Sigmund Kulturtheorie mitnichten. FreudFreud, Sigmund hat seine Schrift mit einem Umweg begonnen. Nachdem er eine erste Bestimmung der Kultur als eines existenziellen Hilfsprogramms vorgestellt hat, forciert er zunächst nicht seine theoretischen Bemühungen um einen stringenten Begriff von Kultur, sondern wählt abermals einen Umweg. Anstatt direkt auf sein Ziel, die Entfaltung einer psychoanalytischen Theorie von Kultur, zuzusteuern, wendet er sich der Frage zu, warum es in der modernenModerne, modern, -moderne Welt eine anhaltende Feindschaft gegen die Kultur gibt: Unbehagen an der Kultur in der Kultur. FreudFreud, Sigmund diskutiert das Thema der Kultur nunmehr nicht primär aus eigener Perspektive, sondern aus der Fremdperspektive, aus dem Blickwinkel der Kritiker. Dabei wird schnell deutlich, dass es sich nicht um ‚Kultur‘ schlechthin handelt, sondern um die okzidentale Kultur. Diese Kritik hat – kulturgeschichtlich besehen – einen unverkennbar deutschen Einschlag. Dieser kulturkritische DiskursDiskurs reicht von einer intensiven Rousseau-Rezeption, über HerderHerder, Johann G. und die RomantikRomantik bis in die Gegenwart FreudsFreud, Sigmund: LebensreformbewegungLeben, Lebens-, -leben, Oswald SpenglersSpengler, Oswald und Ludwig KlagesKlages¸ Ludwig‘ Abgesänge auf die westlich-abendländischeAbendland, abendländisch Kultur. Diese Kulturkritik erlangt schon vor dem Ersten Weltkrieg eine gewisse kulturelle HegemonieHegemonie oder – um mit FoucaultFoucault, Michel zu sprechen – Diskursmacht, sie wird tonangebend und setzt – links wie rechts – revolutionäre meta-politische Suchbewegungen in Gang, in denen sich Konzepte von kultureller und gesellschaftspolitischer Revolution überkreuzen. Mit Diskursmacht (→ Kap. 8; Hegemonie → Kap. 12) ist nun nicht gemeint, dass eine ganze Epoche mit dieser radikalen Kulturkritik einverstanden ist, sondern vielmehr der Umstand benannt, dass sie so sprachmächtig und auch – im doppelten Sinn des Wortes – sprachgewaltig ist, dass man sich mit ihr auseinandersetzen muss. Selbstredend gibt es in diesem Zusammenhang im psychoanalytischen Lager solche radikalen Bestrebungen, Wilhelm ReichReich, Wilhelm und die Sexpol-Bewegung der 1920er Jahre sind die bekanntesten Beispiele für diesen anti-ödipalen Effekt.
So besehen, liegt es nahe, sich mit dieser Kulturkritik eingehend auseinanderzusetzen. Symptomatisch ist jedoch wiederum die Art und Weise, wie FreudFreud, Sigmund das tut. Er widerlegt diese Kritik nicht etwa theoretisch, sondern fasst ihre Pointe im Sinne einer Diagnose zusammen:
Die Behauptung […] lautet, einen großen Teil der Schuld an unserem Elend trage unsere sogenannte Kultur; wir wären viel glücklicher, wenn wir sie aufgeben und in primitive Verhältnisse zurückfinden würden. Ich heiße sie erstaunlich, weil – wie immer man den Begriff Kultur bestimmen mag – es doch feststeht, dass alles, womit wir uns gegen die Bedrohungen aus den Quellen des Leidens zu schützen versuchen, eben der nämlichen Kultur zugehört.30
FreudFreud, Sigmund operiert auch weiterhin nicht als theoretischer Opponent, sondern als Kulturhistoriker, der diese erstaunliche Feindschaft gegenüber der Kultur historisch verortet:
Die asketische Revolte: „Sieg des Christentums über die heidnischen Religionen“.
Die kulturalistisch-anarchistische Revolte: die Idee des edlen Wilden im Gefolge der Kulturbegegnung mit der Neuen Welt.
Die psychoanalytische Revolte in der ModerneModerne, modern, -moderne: „Man fand, dass der Mensch neurotisch wird […].“31
Die erste Revolte, die sich gegen das Realitätsprinzip und gegen den Kompromiss wendet, wie ihn Kultur generell darstellt, hat unzweifelhaft asketischen Charakter. Die zweite Revolte lässt undurchschaute (illusionäre) Wunsch- und Gegenwelten entstehen, während die dritte sich im IndividuumIndividuum selbst vollzieht, als ein Protest der Libido gegen die Hilfskonstruktionen der Kultur, ein Protest, der individuellindividuell wie kollektiv neurotische Störungen hervorruft.
Auch wenn FreudFreud, Sigmund diese Revolte nicht teilt – das gilt insbesondere für die ersten beiden Versionen –, nimmt er dieses Unbehagen ernst. Er greift es als einen Befund auf, der durch kein Gegenargument aus der Welt geschaffen werden kann. Insbesondere das zeitgenössische Unbehagen an der Kultur sieht er im Zusammenhang mit einer nachvollziehbaren und verständlichen Enttäuschung darüber, dass die moralische und gesellschaftlicheGesellschaft, gesellschaftlich Entwicklung mit dem technischen FortschrittFortschritt nicht Schritt hält.
FreudsFreud, Sigmund Begriff von Kultur, der NaturNatur und Kultur, Primitivität und Sublimierung kontrastiert, ist traditionell und eurozentrischEurozentrismus, eurozentrisch; er konstituiert sich durch binäre Oppositionen. Er ist umfassend und schließt den Bereich der GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich mit ein. FreudFreud, Sigmund bezieht sich nicht auf den mit BildungBildung aufgeladenen Kulturbegriff, wie ihn IdealismusIdealismus (philosophisch), KlassikKlassik und RomantikRomantik in Deutschland mit jeweils unterschiedlicher Färbung programmatisch aufgefasst haben. Die fast absolute Positivität eines solchen Begriffs von Kultur rührt daher, dass diese als der Ermöglichungsgrund der freien Persönlichkeit gesehen wird. Demgegenüber bezieht sich FreudsFreud, Sigmund nüchterne Auffassung von Kultur, die diese als kollektive Selbsteinschränkung begreift, sehr viel mehr auf den Zivilisationsbegriff angelsächsischer Provenienz, wie die folgende Definition von Kultur sinnfällig macht:
‚Kultur‘ bezeichnet „die ganze Summe der Leistungen und Einrichtungen […], in denen sich unser LebenLeben, Lebens-, -leben von dem unserer tierischen Ahnen entfernt und die zwei Zwecken dienen: dem Schutz des Menschen gegen die NaturNatur und der Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander.“32
FreudFreud, Sigmund operiert also, wie beinahe alle älteren Konzepte von Kultur, mit einem umfassenden Begriff: Kultur = ZivilisationZivilisation + GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich + KunstKunst, Kunstwerk. Neu und folgenreich ist der Einschluss der inneren psychischen Konditionierung des Menschen durch Kultur. Noch BourdieusBourdieu, Pierre Kulturtheorie (→ Kap. 9) verdankt dieser Einsicht in den Zwangs- und Disziplinierungscharakter von Kultur unendlich viel.
Dass sich FreudsFreud, Sigmund Verständnis von Kultur nicht auf den emphatisch-idealistischen Begriff von Kultur stützt, sondern auf englische und französische Vorbilder, zeigen auch die literarischen Referenzen: Jonathan SwiftsSwift, Jonathan Gullivers Reisen (1726) und François RabelaisRabelais, François‘ Gargantua und Pantagruel (1558). Die Protagonisten dieser Romane sind Repräsentanten einer ungehemmten Libido. Kein Zufall, dass FreudFreud, Sigmund sich auf jene Episode aus Gullivers Reisen bezieht, wo Gulliver als Riese mit seinem ungebremsten Urinstrahl die Feuersbrunst im Palast seiner winzigen Gastgeber löscht. Zwar rettet Gulliver durch seine Tat den Palast, aber sein Tun bleibt anstößig. Was an diesem Triumph der Libido Anstoß nimmt, ist die ZivilisationZivilisation.33
Wenn Kultur also nicht so sehr den Freiraum von persönlicher Freiheit, sondern sehr viel eher den RaumRaum ihrer Beschränkung darstellt, dann werden die wiederum kulturellen und psychologischen Motive dieser Feindschaft zumindest nachvollziehbar. FreudFreud, Sigmund benennt insgesamt drei Ursachen:
Kultur bedeutet Verzicht auf Glücksmaximierung (wie sie durch literarische Figuren wie Pantagruel und Gulliver sinnfällig wird).
Kultur bedeutet Beschneidung der individuellenindividuell Freiheit.
Kultur bedeutet HerrschaftHerrschaft und Beherrschung.
Wir kommen damit zur zweiten Zwischenbilanz unserer Neulektüre (reécriture) von FreudsFreud, Sigmund durch und durch ambivalenter Schrift. Schien es auf den ersten Blick so, dass die KonstruktionenKonstrukt, Konstruktion der Kultur tragfähig sind, so macht der Verweis auf das Unbehagen in der Kultur in Gestalt periodisch wiederkehrender Kulturkritik deren Fragilität sichtbar. Es handelt sich im Falle kultureller Erscheinungen um Provisorien, eben um Hilfskonstruktionen. Diese sind zwar unabdingbar zur Überbrückung des tragischen Grundkonflikts, der aller Kulturbildung zugrunde liegt, aber sie bürden dem Menschen zu viele Verzichtsleistungen auf, die ihm unzumutbar erscheinen. Die PsychoanalysePsychoanalyse etabliert sich als Kulturtheorie, indem sie dieses Unbehagen nicht widerlegt sondern analysiert, und dabei auch ihre neurotischen Symptome ins Blickfeld rückt. In dieser Version wird die andere Seite unserer ZivilisationZivilisation sichtbar, die Gegenstand einer Kulturkritik ist, die ohne utopischen Ausweg auskommt (vgl. die Analysen in den frühen Arbeiten Michel FoucaultsFoucault, Michel → Kap. 8).
Der von FreudFreud, Sigmund nicht beschriebene, aber angedeutete Kulturations- bzw. Zivilisationsprozess hat einen doppelten Aspekt:
einen technischen (Werkzeuge, Wohnstätten, Zähmung des Feuers),
einen auf den Menschen bezogenen (Vervollkommnung der menschlichen Organe).
Der Mensch wird zum sich selbst bezähmenden Prothesengott. Die Kulturkritik lässt sich auch so formulieren, „dass der heutige Mensch sich in seiner Gottähnlichkeit nicht glücklich fühlt.“34
Kultur bedeutet auf den Ebenen I (Kultur als Insgesamt) und II (Kultur als LebensformLeben, Lebens-, -leben):
Herstellung von OrdnungOrdnung, ordnungs- (Regelmäßigkeit),
Herstellung von Reinlichkeit (Hygiene),
Herstellung von Schönheit.
Damit gehen das Entstehen der Künste, die Organisation des Politischen und die Konditionierung der Menschen (etwa in Familie und SchuleSchule) einher:
Pflege von künstlerischen und intellektuellenIntellektueller, intellektuell Leistungen (Kultur III),
Regelung von sozialen Beziehungen (Schaffung von Gemeinschaft),
Einschränkung von Freiheit und Individualismus,
Bearbeitung des Menschen.
Den nachhaltigen Eingriffen in das InnenlebenLeben, Lebens-, -leben der Menschen steht ein Zugewinn an Sicherheit gegenüber, der sekundäre Möglichkeiten eröffnet. Kultur bedeutet ein System von Selbst- und Fremdregulation, von (Selbst-)Beherrschung und HerrschaftHerrschaft. Wenn FreudsFreud, Sigmund Theorie der Kultur als ambivalent bezeichnet wurde, dann wegen ihres unbestechlichen Sinns für eine Unentschiedenheit, die weniger der Person des Autors und seinem Temperament geschuldet ist, sondern vielmehr im untersuchten Phänomen selbst ihren tieferen Grund hat. Es geht nicht um die Abwägung der positiven und der negativen Seiten, sondern darum, dass beide untrennbar miteinander verbunden sind. Von FreudsFreud, Sigmund Schrift aus lässt sich Norbert EliasElias, Norbert‘ an Max WeberWeber, Max geschulte positive ErzählungErzählung(en) der neuzeitlichen ZivilisationZivilisation ebenso nachvollziehen wie Michel FoucaultsFoucault, Michel durch und durch polemische Interpretation (→ Kap. 8).
In seiner Kulturtheorie unterscheidet FreudFreud, Sigmund Formen der Niederhaltung des individuellenindividuell Begehrens:
Umformung, Kanalisierung, Transformation (z.B. der frühkindlichen Analerotik in soziale Tugenden wie Sparsamkeit, OrdnungssinnOrdnung, ordnungs- und Reinlichkeit),
Verschiebung (Triebsublimierung durch Wissenschaft, KunstKunst, Kunstwerk und IdeologienIdeologie),
Triebverzicht, direkte Repression (Unterdrückung und Verdrängung).
Diese Formen der Konditionierung des IndividuumsIndividuum sind unabdingbar für die Produktion der für Kultur konstitutiven Momente: die Umformung für die Herstellung von Hygiene und OrdnungOrdnung, ordnungs-, die Verschiebung und Sublimierung für die Erzeugung des Schönen, die Unterdrückung für die Durchsetzung von Ordnung.
Spätestens an dieser Stelle wird die doppelte Position der PsychoanalysePsychoanalyse deutlich: Sie fungiert im Text als eine exemplarisch vorgeführte Kulturtheorie, aber sie ist zugleich auch ein SymptomSymptom, symptomatisch des Unbehagens an einer Form von Unterdrückung, die die Menschen neurotisch macht. Insofern ist die PsychoanalysePsychoanalyse als Kulturtheorie ein Bestandteil jener, die sie durch ihre radikale Diagnose selbst verändert. Der Sprecher des folgenden Satzes unterscheidet sich deshalb durchaus von dem vorsichtig-skeptisch abwägenden, dem wir über weite Teile des Textes begegnet sind. Über die Kultur seiner ZeitZeit, die HomosexualitätHomosexualität, homosexuell, vorehelichen und außergenitalen GeschlechtsverkehrGeschlecht (Gender), Geschlecht-, ächtet bzw. strafrechtlich verfolgt, urteilt der Text unmissverständlich:
Dabei benimmt sich die Kultur gegen die SexualitätSexualität wie ein Volksstamm oder eine Schicht der Bevölkerung, die eine andere ihrer Ausbeutung unterworfen hat. Die Angst vor dem Aufstand der Unterdrückten treibt zu strengen Vorsichtsmaßregeln.35
Kultur ist im Hinblick auf die SexualitätSexualität des Menschen herrschaftsförmig: Der Zusammenhang, den FreudFreud, Sigmund herstellt, ist höchst aufschlussreich, vergleicht FreudFreud, Sigmund doch hier die Unterdrückung der Sexualität einerseits mit der Klassenherrschaft und andererseits mit der kolonialen Unterdrückung. Das ist mit Blick auf die Entstehungszeit der Schrift nicht weiter verwunderlich. FreudFreud, Sigmund ist Zeuge heftigster Klassenauseinandersetzungen und Massenaufmärsche. Zugleich aber ist die Welt anno 1929/30 noch vollständig von der englischen und französischen Kolonialherrschaft bestimmt.
Aber dieser Vergleich hat eine weitere Konnotation, die FreudFreud, Sigmund womöglich entgangen sein dürfte. Im interkulturellenInterkulturalität, interkulturell Konflikt und in der kollektiven Phantasie anderer ‚primitiver‘ Kulturen, die man zu ihrem eigenen Vorteil unterdrückt, spielt SexualitätSexualität eine enorme Rolle: Die eigene Kultur wird als zivilisiert empfunden, weil sie Sexualität dadurch zu beherrschen trachtet, dass sich das einzelne Mitglied der Kultur selbst beherrscht. Diese Selbstbeherrschung gilt als Ausweis von Zivilisiertheit, die gegenüber den anderen kolonialisiertenKolonialismus, kolonialisiert Kulturen hervorgehoben wird und die einen normativennormativ Abstand setzt. Diejenigen, die sich und ihre Sexualität nicht beherrschen können, sind nach dieser Selbstinterpretation der ‚höheren‘ Kultur mit Fug und Recht beherrschte Subjekte, eben weil sie sich selbst nicht beherrschen können. Im traditionellen Narrativ von ZivilisationZivilisation und FortschrittFortschritt (→ Kap. 13) spielt der Stolz auf die offiziell demonstrierte (de facto freilich nie durchgehaltene und durchhaltbare) Sexualbeherrschung eine prominente Rolle.
Die andere Kultur wird vornehmlich, abschätzig oder lüstern, als eine solche – positiv wie negativ – imaginiert, die die SexualitätSexualität nicht unter Kontrolle hält und die weniger rational und zivilisiert ist. Während der Mann der primitiven Kultur als sexuellSexuelle, das, sexuell übermächtig imaginiert wird, gilt die fremde wilde Frau als Ausbund der Sinnlichkeit, was sie von der sexuellen Keuschheit der ‚eigenen‘ Frauen abhebt. Solche DiskriminierungenDiskriminierung im doppelten Sinn des Wortes beziehen sich nicht nur auf die außereuropäischen, sondern auch auf die innereuropäischen Kulturen z.B. im slawischen RaumRaum.36 FreudsFreud, Sigmund Haltung gegenüber der Kultur und der Kulturkritik ist ambivalent. Während er die Kultur, eben jenes Unbehagen in der Kultur neutral und distanziert beschrieb, konstatiert er nunmehr – im Gestus des Therapeuten: „Das SexuallebenLeben, Lebens-, -leben der Kulturmenschen […] ist schwer geschädigt[.]“37 FreudFreud, Sigmund benennt die charakteristischen Gebote des Sexuallebens in seiner Epoche:
Verbot des Inzests,
geregelte Partnerwahl, Verbot und Einschränkung der Promiskuität,
Verpönung der kindlichen SexualitätSexualität,
Tabuisierung der HomosexualitätHomosexualität, homosexuell,
Verpönung der außergenitalen Befriedigung,
Monogamie,
Fokussierung der SexualitätSexualität auf die Reproduktion.
FreudFreud, Sigmund erwähnt hingegen nicht – und das ist einigermaßen erstaunlich und vom FeminismusFeminismus der 1970er Jahre zu Recht kritisiert worden – die Unterdrückung der Frau und ihre Verbannung aus der ‚Kultur‘. Das hat womöglich damit zu tun, dass in FreudsFreud, Sigmund Kulturtheorie nicht nur der avancierte psychoanalytische Diagnostiker, sondern auch der Zeitgenosse mit seinen typischen MentalitätenMentalität(en) und Habitualisierungen zu Wort kommt.
Das zeigt sich nicht zuletzt an seinem BildBild der Familie, die das private Spiegelbild der Kultur darstellt. FreudFreud, Sigmund begreift sie – wie die Kultur selbst – als ein Kompromissprodukt, eine Hilfskonstruktion aus Eros und ananke.
Auf der Ebene der Familie reproduziert und wiederholt sich der krasse Gegensatz, den FreudFreud, Sigmund schon zuvor ganz generell festgemacht hat, jener zwischen dem libidinösen Ich und einer ihm feindlichen Realität, die sich nicht ohne Strafe ignorieren lässt. Im innerfamiliären Drama konkretisiert sich gleichsam der Konflikt zwischen IndividuumIndividuum und GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich.
Die Herstellung gemeinschaftlicher Beziehungen zwischen den Menschen impliziert – so die Argumentation FreudsFreud, Sigmund – eine Schwächung der sexuellenSexuelle, das, sexuell Bande zwischen zwei Individuen. Die beiden Ansprüche stehen strukturellStruktur, strukturiert, strukturell im Gegensatz zueinander: hier die ausschließliche Beziehung zweier Menschen, die sich womöglich gegen die Außenwelt abschirmen, dort die Kultur als „Arbeitsgemeinschaft“, die stets eines Dritten bedarf. FreudFreud, Sigmund konstatiert,
dass die sexuelleSexuelle, das, sexuell Liebe ein Verhältnis zwischen zwei Personen ist, bei dem ein Dritter nur überflüssig und störend sein kann, während die Kultur auf Beziehungen unter einer größeren Menschenanzahl ruht.38
FreudFreud, Sigmund, der die dramatische Akzentuierung liebt, geht davon aus, dass die „Kulturgesellschaft“ daher beständig vom Verfall bedroht ist und zwar wegen der MachtMacht des Lustprinzips. Intimität und Liebe erfordern Exklusivität und das heißt auch Konzentration von ZeitZeit und Energie auf sich selbst. Ludwig TieckTieck, Ludwig hat in seiner späten postromantischen Novelle Des LebensLeben, Lebens-, -leben Überfluß (1839) die moderneModerne, modern, -moderne Form der romantischen selbstgenügsamen Liebe mit romantischer IronieIronie kommentiert. Die ErzählungErzählung(en) führt zwei Liebende vor, die buchstäblich nur von ihrer Liebe zehren, sich vollständig abschotten von ihrer Umwelt und am Ende das eigene Stiegenhaus, den einzigen Zugang zur Außenwelt, zu Brennmaterial machen, um nicht in der Kälte des Winters zugrunde zu gehen.39
Die unromantische Familie – so lautet die stoische Schlussfolgerung – stellt einen vernünftigen, wenn auch fragilen Kompromiss dar, insofern nämlich, als sie sowohl der Liebe als auch der Notwendigkeit frönt. Diese KonstruktionKonstrukt, Konstruktion ist nur um den Preis einer traditionellen Rollenaufteilung der Geschlechter möglich. In ihr repräsentiert der Mann den Kulturbringer, der der ananke folgt und zeitweilig der Privatheit der Liebe entrinnt, die Frau ebenjene private Sphäre der Familie und Liebe. FreudFreud, Sigmund entgeht freilich nicht die Brüchigkeit, die aus diesen Rollenzuweisungen erwächst:
Da der Mensch nicht über unbegrenzte Quantitäten psychischer Energie verfügt, muß er seine Aufgabe durch zweckmäßige Verteilung der Libido erledigen. Was er für kulturelle Zwecke verbraucht, entzieht er großenteils den Frauen und dem SexuallebenLeben, Lebens-, -leben: das beständige Zusammensein mit Männern, seine Abhängigkeit von den Beziehungen zu ihnen entfremden ihn sogar seinen Aufgaben als Ehemann und Vater. So sieht sich die Frau durch die Ansprüche der Kultur in den Hintergrund gedrängt und tritt zu ihr in ein feindliches Verhältnis.40
Wenn sich heute in den westlichen Kulturen Frauen zunehmend weigern, einseitig diese private Rolle zu übernehmen, so bedeutet dieser kulturelle Wandel keineswegs, dass die von FreudFreud, Sigmund beschriebene Kluft zwischen Liebe, Eros und IndividuumIndividuum auf der einen, GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich, Kultur und Ökonomie auf der anderen Seite, dadurch automatisch sistiert ist. Im Gegenteil. Kulturell besehen, lassen sich die unübersehbaren Verfallserscheinungen der Familie nicht nur als eine Folge von FeminismusFeminismus und individualistischem Selbstbestimmungsanspruch, sondern auch als ein Charakteristikum einer vom Ökonomischen bestimmten Kultur begreifen, in der die Familie tendenziell dysfunktional wird, weil sie zuviel Energie abzieht, die der ökonomische Bereich herrisch einfordert, vom Karrieremann ebenso wie von der Karrierefrau. Das Pendant zur ananke der kapitalistischenKapital, Kapitalismus, kapitalistisch Kultur ist, wenigstens auf den ersten Blick, das frei verfügbare, nicht familiär gebundene Lebewesen.
Die Kultur ist aber nicht nur vom Übermaß unseres maßlosen Glücksverlangens und der Sehnsucht nach Zweisamkeit bedroht, in der die Libido einen einigermaßen ungestörten Auftritt hat, vielmehr sieht sie sich – so das düstere Finale von FreudsFreud, Sigmund kulturkritischer Schrift – einer weiteren, womöglich noch dramatischeren Gefährdung gegenüber. Bekanntlich hat FreudFreud, Sigmund im Gefolge des Ersten Weltkriegs sein monistisches System durch ein dualistisches System ersetzt, in dem die Libido, das Glücksverlangen, nunmehr einen dramatischen Gegenspieler erhielt: den Aggressions- und Todestrieb. Diese Modifikation der eigenen Auffassungen, wie sie FreudFreud, Sigmund in Jenseits des Lustprinzips vorgenommen hat, muss auch Folgen für eine psychoanalytische Theorie der Kultur haben.
Kultur bedeutet auch eine Besänftigung und Funktionalisierung des neben dem Lustprinzip wichtigsten menschlichen Triebs, der Neigung des Menschen zur Aggression. Die Kultur muss also nicht nur die SexualitätSexualität mit all ihren anarchischen, anti-gesellschaftlichenGesellschaft, gesellschaftlich Impulsen, sondern auch die Aggression in Schach halten. Expressis verbis kritisiert FreudFreud, Sigmund den KommunismusKommunismus, weil dieser die Neigung des Menschen zur Aggression negiere. Demgegenüber beharrt die Schrift auf die Unhintergehbarkeit des menschlichen Aggressionstriebs, dessen Anwesenheit in der Kultur für den genauen Beobachter nicht zu übersehen ist. Um die Aggression von der eigenen Kultur abzulenken, stellt es einen weit verbreiteten Mechanismus dar, die innere Aggression nach außen zu richten.
Es gibt Beispiele in Hülle und Fülle, wie Kulturen interne Aggression nach außen verlagern. Historisch bekannt ist das Phänomen des Sündenbocks, das im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts virulent geworden ist: der Sündenbockmechanismus, wie er durch Judenpogrome, im zaristischen Russland und später – in ungleich katastrophalerer Dimension – im nationalsozialistischen Deutschland anzutreffen ist. Als zweites, vergleichsweise harmloses Beispiel nennt FreudFreud, Sigmund den Narzissmus der kleinen Unterschiede, in dem die ethnischeEthnie, ethnisch DifferenzDifferenz gegenüber dem Nachbarn künstlich vergrößert wird. Heute spricht man in diesem Zusammenhang von der Produktion von FremdheitFremdheit und Differenz. Dass dieser Narzissmus nicht zwangsläufig harmlos sein muss (wie in der Differenzproduktion zwischen Deutschen, Österreichern und Schweizern oder auch innerhalb der Deutschen) zeigt das Beispiel der Balkankriege der 1990er Jahre, in denen die ausbrechende Aggression eines jeden gegen jeden mit der Produktion von Differenzen einherging, die zuvor nicht in ihrer Schwere historisch zum Tragen kamen: Differenzen der SpracheSprache wie Differenzen im Religiösen, die in einer vornehmlich laizistischen GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich wie der jugoslawischen lebenspraktisch (Kultur II) ausgeräumt erschienen waren.
Wie FreudFreud, Sigmund scharfsinnig beobachtet, ist die Aggression, die tendenziell selbstzerstörerische und autodestruktive Wirkungen nach sich zieht, im kulturellen Gesamtgefüge imstande, zwischen den Menschen soziale Bande herzustellen. Mittels der umgelenkten Aggression wird es möglich, dass Menschen freiwillig Triebverzicht üben und ihre Libido auf Gemeinschaft und GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich hin orientieren und größere Gruppen libidinös miteinander dadurch zu verbinden, dass ein anderer – ein Einzelner, eine Gruppe – vorhanden ist, an dem sich die Gewalt entladen kann. Gruppen werden nicht nur libidinös zusammengehalten, sondern durch eine gemeinsame Aggression gegen den Fremden (vgl. die Figur des Sündenbocks. (→ Kap. 11)
Die Kultur schwächt die Aggression, indem sie sich ihrer bedient. Aber die Mittel, die sie zu diesem Zweck benutzt, sind pragmatisch und – mehr noch – moralisch betrachtet, fragwürdig und unsicher. Der Preis der AmbivalenzAmbivalenz in der FreudFreud, Sigmund’schen Kulturtheorie ist eine gewisse Ratlosigkeit, die im Fall des Aggressionstriebs noch offensichtlicher zutage tritt als bei der SexualitätSexualität. Offenkundig hat die Moral zwar eine FunktionFunktion in diesem kulturellen Geschehen, aber sie ist ein dynamischer Faktor der FreudFreud, Sigmund’schen Kulturtheorie selbst, wie FreudsFreud, Sigmund Behandlung des Gewissens, dessen Existenz er letztendlich und höchst spekulativ aus der Ermordung des Urvaters durch die Urhorde ableitet, anschaulich macht:
Die Kultur bewältigt also die gefährliche Aggressionslust des IndividuumsIndividuum, indem sie es schwächt, entwaffnet und durch eine Instanz in seinem Inneren, wie durch eine Besatzung in der eroberten Stadt, überwachen lässt.41
Diese Instanz ist das vom gestrengen Über-Ich ins IndividuumIndividuum eingepflanzte SchuldbewusstseinSchuldbewusstsein. Wie schon bei der SexualitätSexualität dominieren hier die MetaphernMetapher von Krieg und Unterdrückung. Wie FreudFreud, Sigmund deutlich macht, gelingt es der Kultur niemals vollständig, diese Kontrolle über Lustprinzip und Aggressionslust auszuüben. Zugleich aber wird der immense Preis sichtbar, den die kulturelle Bearbeitung kostet. Das Unbehagen in der Kultur ist so ein unvermeidlicher Aspekt in der Kultur selbst, ihr nichts Äußerliches.
Die Gedankenfigur, die FreudFreud, Sigmund in diesem Text entwickelt, hat durch die globalenGlobalisierung, global Ereignisse der Corona-Pandemie 2020/2021 eine überraschende Aktualität erfahren. Denn die Konflikte, denen sich gerade demokratischeDemokratie, demokratisch Kulturen gegenübersehen, hängen damit zusammen, dass sie, wie von den Bürgerinnen und Bürgern auch erwartet, Sicherheit und Schutz durch entsprechende Maßnahmen herzustellen versuchen, die wiederum die Freiheit der Menschen eklatant, wenn auch im Rahmen bestehender Gesetzgebung einschränken. Dieser Tausch, Sicherheit gegen Einschränkung, wird nicht von allen akzeptiert. Jene, die dagegen protestieren, haben dieses Unbehagen zwar nicht erfunden, machen es aber durch ihre Verweigerung des ‚Deals‘, die in diesem Fall auch eine der ReflexionReflexion ist, manifest. Interessant ist, wie dieses Unbehagen, das etwa zu Anfang von ‚linken‘ Philosophen wie Giorgio Agamben formuliert wurde, in den meisten Ländern ganz weit nach Rechts gewandert ist, wie die sogenannten Anti-Corona-Demonstrationen sinnfällig gemacht haben. Insofern wirft die Corona-Krise ein scharfes Licht auf unsere modernenModerne, modern, -moderne Kulturen und zugleich auf die Hellsichtigkeit von FreudsFreud, Sigmund ambivalenter Analyse.
Kritikpunkte und Anmerkungen
FreudFreud, Sigmund polarisiert zu stark Kultur und NaturNatur. Zugleich operiert seine Kulturtheorie mit einer statischen biologischen Anthropologie.
FreudsFreud, Sigmund Kulturkonzept ist ethno- bzw. eurozentrischEurozentrismus, eurozentrisch. Es reproduziert deren SelbstbildSelbstbild und Abgrenzungsmechanismen (Kulturmensch vs. primitiver BarbarBarbar, Barbarei, Narrativ des FortschrittsFortschritt).
FreudsFreud, Sigmund Konzept von Kultur missachtet die DifferenzDifferenz von Kulturen in RaumRaum und ZeitZeit.
FreudFreud, Sigmund hat keinen analytischen Begriff von den spezifischen Besonderheiten der okzidentalen ModerneModerne, modern, -moderne.
FreudFreud, Sigmund übersieht den Zusammenhang zwischen SexualitätSexualität und modernemModerne, modern, -moderne Individualismus. Sexualität ist nicht so sehr ein Charakteristikum des sog. Primitiven, sondern des modernen westlichen IndividuumsIndividuum, wie es sich in FilmFilm und Literatur präsentiert.
FreudsFreud, Sigmund Konzept ist anthropologisch zu fixiert, sein Triebkonzept zu statisch. Es missachtet andere anthropologische Realien (z.B. Hunger, Armut).
FreudsFreud, Sigmund Konzept reproduziert traditionelle GeschlechtsbilderGeschlecht (Gender), Geschlecht-,.
FreudsFreud, Sigmund Theorie unterschlägt die Veränderungspotenziale in der Kultur (PsychoanalysePsychoanalyse, KunstKunst, Kunstwerk).
FreudsFreud, Sigmund Theorie der KunstKunst, Kunstwerk bezieht sich einseitig auf deren traditionelle FunktionenFunktion.
Literatur
Freud, Sigmund, Das Unbehagen in der Kultur, Frankfurt/Main: Fischer 1994.
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Köhler, Thomas, Freuds Schriften zu Kultur, Religion und Gesellschaft. Eine Darstellung und inhaltskritische Bewertung, Gießen: Psychosozialverlag 2006.
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Marcuse, Herbert, Triebstruktur und Gesellschaft. Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud. Deutsch von Marianne von Eckardt-Jaffe, 16. Auflage, Frankfurt/Main: Suhrkamp 1990.
Müller-Funk, Wolfgang, Theorien des Fremden, Tübingen und Basel: Francke/UTB 2016, S. 73–92.
Schülein, Johann August, Das Gesellschaftsbild der Freudschen Theorie, Frankfurt/Main: Campus 1979.
Kapitel 3 Philosophische Grundlagen der KulturanalyseKulturanalyse: Ernst CassirersCassirer, Ernst Philosophie der symbolischen Formensymbolisch (allgemein)Formen, symbolische
Offenkundig fällt es nicht leicht, den Gegenstand kultureller Forschung zu bestimmen. Ähnliches gilt wohl auch für ihre Methodologie, d.h. für das theoretische Rüstzeug, das Instrumentarium der Analyse und Interpretation kultureller Phänomene. Im Prinzip teilt sie das Schicksal der Literaturwissenschaft, deren Spektrum hermeneutischeHermeneutik, hermeneutisch, strukturalistische und semiotische, diskurstheoretische, dekonstruktivistische und poststrukturalistische Richtungen, Positionen und Ansätze umfasst. Die Situation kompliziert sich indes durch die VielfaltVielfalt und HeterogenitätHeterogenität, heterogen von Themen und disziplinären Zugängen. Zudem lassen sich Kulturwissenschaft bzw. Kulturwissenschaften formal auch dadurch bestimmen, dass sie sich nicht auf das MediumMedium der Schrift beschränken, sondern visuellevisuell, auditive und vor allem synästhetische MedienMedien, Medien-, -medien, medien-, die BildBild, Schrift und Ton miteinander verknüpfen, umfassen. Das gilt für die Wahl der Objekte wie für die Form der Darstellung.
Wenn es also keine einheitlich verbindliche Methodologie gibt, so heißt das nicht unbedingt, dass es nicht erkenntnistheoretische Grundlagen der Kulturwissenschaften geben könnte. Einen solchen bislang einzigartig gebliebenen Versuch hat der deutsche Philosoph Ernst CassirerCassirer, Ernst in seinem kompendialen Werk Philosophie der symbolischen Formensymbolisch (allgemein)Formen, symbolische vorgelegt. CassirersCassirer, Ernst Einfluss auf die heutige kulturwissenschaftliche Forschung ist schwer abzuschätzen: Er ist vielleicht kein Diskursbegründer von vergleichbarer Mächtigkeit wie FreudFreud, Sigmund oder FoucaultFoucault, Michel. Immerhin sind die Verbindungslinien zwischen der Theorie der symbolischen Formensymbolisch (allgemein) und BourdieusBourdieu, Pierre Konzept der sozialen FeldFeld (soziales)er (→ Kap. 9) und LotmansLotman, Jurij SemiotikSemiotik (→ Kap. 16) unübersehbar. Außer Zweifel steht auch der enge theoretische Konnex, der zwischen CassirersCassirer, Ernst und Aby WarburgsWarburg, Aby Erneuerung der Kunstgeschichte besteht,1 wie Letzterer sie in seinem berühmten Mnemosyne-Atlas entfaltet hat.2 CassirerCassirer, Ernst wird nicht selten auch als Vorläufer der linguistischen Wende (linguistic turn) verstanden. An seine erkenntnistheoretische Position lässt sich denn sowohl aus semiotischer wie auch aus hermeneutischer Perspektive anschließen. Sein Beitrag zur Kulturtheorie kann vorab als eine Denkbewegung beschrieben werden, die Kulturwissenschaft aus der Erkenntnistheorie und über sie hinaus systematisch zu denken sucht und die auf verblüffende Weise KantsKant, Immanuel transzendentalen IdealismusIdealismus (philosophisch) mit der kulturellen Wende verbindet und zusammenbringt. Kulturwissenschaft beginnt nämlich nicht erst mit der Analyse kultureller Phänomene, sondern das wissenschaftliche Denken selbst ist bereits eine Form kulturellen Tuns. Oder um CassirersCassirer, Ernst Terminus zu verwenden: eine symbolische Form. CassirersCassirer, Ernst Kulturphilosophie ist nicht denkbar ohne jene Renaissance des Kantischen Denkens, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts einsetzt und mit der Marburger SchuleSchule und deren wichtigsten Repräsentanten Paul Natorp und Hermann Cohen3 verbunden ist. Ziel dieser Denkschule war die Neuformulierung der Philosophie KantsKant, Immanuel angesichts der dynamischen Entwicklung der modernenModerne, modern, -moderne Naturwissenschaften. Vor und zum Teil parallel zum Positivismus wird hier der Versuch unternommen, Philosophie noch einmal als eine Meta-Theorie der Wissenschaften zu konzipieren. Die Philosophie der symbolischen Formensymbolisch (allgemein) erschien 1928, kurze ZeitZeit vor Sigmund FreudsFreud, Sigmund Unbehagen in der Kultur, gut zehn Jahre nach WittgensteinsWittgenstein, Ludwig Tractatus (1917), fast zeitgleich mit Martin HeideggersHeidegger, Martin Sein und Zeit (1927), und beinahe parallel zu Aby WarburgsWarburg, Aby Theorie der KunstKunst, Kunstwerk.
Ernst CassirerCassirer, Ernst (1874–1945), mit dem Kunstsammler Paul CassirerCassirer, Ernst verwandt, wurde als erster jüdischer Gelehrter zum Professor für Philosophie an die Universität Hamburg (1919) berufen. Später lehrte er in Berlin und Marburg. Berühmtheit erlangte er auch als Kontrahent HeideggersHeidegger, Martin in der berühmten Davoser Debatte (1929).4 1933 ging er ins Exil, sein Spätwerk hat er auf Englisch verfasst.
Er beschäftigte sich zunächst mit Grundfragen der Erkenntnistheorie in den modernenModerne, modern, -moderne Naturwissenschaften, was auch in seinem kulturphilosophischen Hauptwerk sichtbar wird. Er war mit einem anderen Gelehrten gut bekannt, mit dem Philosophen und Soziologen Georg SimmelSimmel, Georg (→ Kap. 5), der heute wegen seiner Philosophie des GeldesGeld und seiner Analyse der ModeMode zu Recht als einer der wichtigsten Diskursbegründer der Kulturwissenschaften im deutschsprachigen KontextKontext gilt. Theoretisch beeinflusst ist CassirerCassirer, Ernst von KantKant, Immanuel, HusserlHusserl, Edmund und GoetheGoethe, Johann W.. KantKant, Immanuel verdankt CassirerCassirer, Ernst die erkenntnistheoretischen Leitfragen, von GoetheGoethe, Johann W. ist der Terminus der symbolischen Formensymbolisch (allgemein)Formen, symbolische entlehnt, sowohl der Symbolbegriff als auch das Konzept einer morphologischen Formenreihe. Beeinflusst ist CassirerCassirer, Ernst, insbesondere im mythentheoretischen Teil seines Werkes, auch von SchellingsSchelling, Friedrich W.J. Philosophie der MythologieMythos, Mythologie, mythisch. Denn es war SchellingSchelling, Friedrich W.J., der dem MythosMythos, Mythologie, mythologisch seine Dignität zurückerstattete, indem er diesen als ein Phänomen sui generis analysiert hat, das sich nicht auf PoesiePoesie, Proto-Philosophie und Protowissenschaft reduzieren lässt:
[…] die MythologieMythos, Mythologie, mythisch war so, wie sie ist, als Wahrheit gemeint; dieses ist aber schon gleich der Behauptung: die MythologieMythos, Mythologie, mythisch ist ursprünglich als Götterlehre und Göttergeschichte gemeint, sie hat ursprünglich religiöseReligion, religiös Bedeutung […].5
In der Sache ganz ähnlich formuliert CassirerCassirer, Ernst ein Dreivierteljahrhundert später:
Die Welt des MythosMythos, Mythologie, mythologisch ist kein bloßes Gebilde der Laune oder des Zufalls, sondern sie hat ihre eigenen Fundamentalgesetze des Bildens, die durch alle ihre besonderen Äußerungen hindurchwirken.6
Diese Autonomie des MythosMythos, Mythologie, mythologisch, seine Unabhängigkeit von anderen Formen der Welterfassung – etwa Philosophie, Wissenschaft und PoesiePoesie – ist eine Grundeinsicht, die sich auch am Eingang von CassirersCassirer, Ernst mehrbändigem Werk findet, das sich immer wieder auf SchellingSchelling, Friedrich W.J. beruft. Die Philosophie der symbolischen Formensymbolisch (allgemein)Formen, symbolische ist – vereinfacht gesprochen – CassirersCassirer, Ernst Hauptwerk. Sie stellt den einzigen geschlossenen Versuch einer idealistischen, am SubjektSubjekt orientierten Erkenntnistheorie der Kulturwissenschaften dar.
Die programmatische Einleitung beginnt mit einem idealtypischen Abriss der GeschichteGeschichte der Philosophie: Das klassische Thema der Philosophie seit ihren Anfängen ist – so konstatiert CassirerCassirer, Ernst in Einklang mit HeideggerHeidegger, Martin – das Verhältnis des Seins zur Fülle des Seienden. Oder anders gefragt: Was verbürgt die Einheit aller Phänomene dieser Welt? Was ist das Sein, das allem Seienden, der Fülle der Erscheinungen als ein gemeinsames Drittes zugrunde liegt?
Wenn CassirerCassirer, Ernst nun die GeschichteGeschichte der Philosophie Revue passieren lässt, so geht es ihm weniger um diese selbst. Vielmehr will er die kulturelle Wende in der Philosophie, die er mit seinem opus magnum vornimmt, historisch einordnen. Deshalb beansprucht sie auch keinerlei Vollständigkeit. Die Philosophie der symbolischen Formensymbolisch (allgemein)Formen, symbolische erzählt die GeschichteGeschichte der abendländischenAbendland, abendländisch philosophischen episteme mit einem klaren Fokus: Es geht um die GeschichteGeschichte der idealistischen Philosophie als einer Denkbewegung, die über den antiken IdealismusIdealismus (philosophisch) PlatonsPlaton und den transzendentalen IdealismusIdealismus (philosophisch) KantsKant, Immanuel in die transzendentale Kulturphilosophie der symbolischen Formensymbolisch (allgemein) einmündet.
CassirerCassirer, Ernst greift dabei auf die Anfänge der abendländischenAbendland, abendländisch Philosophie zurück. Die Vorsokratiker, so z.B. die Pythagoräer hätten ein bestimmtes, sichtbares, konkretes Seiendes aus der Fülle des Seienden herausgegriffen und es zum Grund des Seins gemacht. Daraus entstand die Lehre von den Elementen: Wasser, Feuer, Licht, Äther, Erde. Oder man ging, wie bei den frühen Materialisten, davon aus, dass alles Seiende aus kleinsten, unteilbaren Elementen (atomoi, Atome) zusammengesetzt ist. CassirerCassirer, Ernst zufolge geht es hier um einen sehr rudimentären Akt von Abstraktion. Das Sein wird hier mit einem oder auch mehreren elementaren Erscheinungen gleichgesetzt.
Es handelt sich – so CassirerCassirer, Ernst – um Mythen, um „bloße ErzählungenErzählung(en) vom Sein“.7 Ein einzelnes, besonderes und beschränktes Seiendes wird herausgegriffen, um aus ihm alles andere genetisch abzuleiten und zu ‚erklären‘. Der Hinweis, dass es sich dabei um Erzählungen handelt, ist aufschlussreich und verweist auf den mythischen Grundgehalt eines solchen frühen philosophischen Denkens. Wenn man den Schöpfungsbericht in der Bibel aufschlägt oder auch andere kosmogonische mythologischeMythos, Mythologie, mythisch Texte liest, dann beginnen diese Geschichten ebenfalls mit der Erwähnung und Gegenüberstellung von Grundelementen, von Formen des Seienden: Wasser, Licht, Erde usw.; nur dass diese mythologischenMythos, Mythologie, mythisch Texte darauf verzichten, die Fülle der DingeDinge und Erscheinungen dieser Welt logisch und genetisch aus einem Ur-Seienden abzuleiten. Die vorsokratische Philosophie, könnte man sagen, ist selbst mythologisch, nicht philosophisch oder gar wissenschaftlich. Das heißt nicht, dass ihr keine symbolische Bedeutung zukäme. Im Gegenteil. Was sie indes vom MythosMythos, Mythologie, mythologisch unterscheidet, ist, dass sie dessen impliziten gedanklichen Gehalt explizit und rational macht.
Die nächste Stufe in CassirersCassirer, Ernst Schema einer philosophischen Denkentwicklung stellt die idealistische Philosophie PlatonsPlaton dar. In den Augen CassirersCassirer, Ernst markiert PlatonPlaton mit seinem Begriff des Seins als Idee eine dramatische Kehre in der GeschichteGeschichte der Philosophie, eine idealistische Wende. Das Denken
geht jetzt nicht mehr lediglich neben dem Sein einher, es ist kein bloßes Reflektieren ‚über‘ dasselbe, sondern seine eigene innere Form ist es, die ihrerseits die innere Form des Seins bestimmt.8
Das Sein, das alles Seiende durch ein abstraktes Band verbindet, ist nicht länger eine konkrete, sichtbare Erscheinung, nicht länger ein wahrnehmbares, äußeres Etwas, das man ‚fassen‘ kann. Es ist gewissermaßen in ein unsichtbares Jenseits gerückt. Die DingeDinge und Erscheinungen dieser Welt sind ein Abglanz eines Seins, das als eine Art von Ideenhimmel begriffen wird. Entscheidend für CassirerCassirer, Ernst ist jedoch der Abstraktionsgrad, der in PlatonsPlaton Philosophie erreicht wird, und die Hinwendung vom Seienden zum Denken.
In einem Tigersprung von 2000 Jahren verknüpft CassirerCassirer, Ernst PlatonsPlaton Philosophie mit jener KantsKant, Immanuel. Die ‚Revolution der Denkart‘, die KantKant, Immanuel innerhalb der theoretischen Philosophie durchführt, beruht auf dem Grundgedanken, dass das Verhältnis, das bisher zwischen der ErkenntnisErkenntnis und ihrem Gegenstande allgemein angenommen wurde, einer radikalen Umwendung bedürfe. Statt vom Gegenstand als dem Bekannten und Gegebenen auszugehen, müsse vielmehr mit dem Gesetz der Erkenntnis als dem allein wahrhaft Zugänglichen und als dem primär Gesicherten begonnen werden:
Bisher nahm man an, alle unsere ErkenntnisErkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche, über sie a priori etwas durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnis erweitert würde, gingen unter dieser Voraussetzung zunichte. Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserer Erkenntnis richten, welches so schon besser mit der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis derselben a priori zusammenstimmt, die über Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll.9
KantsKant, Immanuel Philosophie verabschiedet sich von einer Frage, die die Philosophie jahrhundertelang beschäftigt hat, von der Frage nach dem Verhältnis von Sein und Denken, von Gegenstand und Begriff, die die Professionalisten des Denkens in Nominalisten und Realisten gespalten hat. Über dieses Verhältnis lässt sich nämlich gar nichts sagen, weil uns das Seiende nur durch unser Denken zugänglich ist. Also liegt es nahe, sich nicht länger mit dem Seienden und seinem Verhältnis zum Denken zu beschäftigen, sondern sich allein Letzterem zuzuwenden. Dies hat KantKant, Immanuel bekanntlich in seiner Kritik der reinen Vernunft unternommen. PlatonPlaton hat – so lässt sich dies im Nachhinein aus der Sicht CassirersCassirer, Ernst erzählen – diese Wende in gewisser Weise vorbereitet, indem er die Welt der Ideen zum ZentrumZentrum der Philosophie gemacht hat. PlatonPlaton selbst hat freilich an der Korrespondenz von Idee und Realität festgehalten, wenn er Letztere – nicht nur im berühmten Höhlengleichnis – als schattenhaftes Abbild einer ‚wahren‘ Ideenwelt begriffen hat. Womit er nicht nur an der Idee der kosmischen Harmonie und Vollkommenheit festhielt, sondern dieser erst zu ihrem philosophischen Prestige verhalf.
Diese Korrespondenz ist seit KantKant, Immanuel zerbrochen. Der Ideenhimmel befindet sich im Kopf des Menschen und wir sind Alleinunterhalter im Weltall. Der Kosmos und die DingeDinge sprechen nicht.10 Nur wir sprechen und konstruieren das Seiende, das bei KantKant, Immanuel zum Ding an sich zusammenschrumpft, über das sich nichts sagen lässt, weil es von uns immer schon ein Besprochenes und Gedachtes ist. Es war nicht nur die Komplexität des Kantischen Denkens, das Lichtenberg, GoetheGoethe, Johann W. und KleistKleist, Heinrich von zur Verzweiflung brachte, sondern auch die unerbittliche Konsequenz, die in seinem Denken begründet liegt, die dem Werk seine geistesgeschichtliche Bedeutung verleihen: dass es keine ‚Heimat‘ des Menschen jenseits seines rationalen Vermögens gibt, OrdnungOrdnung, ordnungs- zu stiften. KantsKant, Immanuel Werk heißt bekanntlich nicht Die reine Vernunft, sondern Kritik der reinen Vernunft, das heißt, es erörtert die Bedingungen der Möglichkeit (und ihre Grenzen), die Welt in ihrer VielfaltVielfalt denkend zu erfassen. Würden wir anders denken als wir denken, was wohl für uns undenkbar ist, dann würden wir das Seiende anders kategorisieren und denken. Der verzweifelte KantKant, Immanuel-Leser KleistKleist, Heinrich von hatte also recht mit seinem Gläser-Vergleich. Wenn wir grüne oder rote Brillengläser trügen (was uns natürlich nicht bewusst wäre), dann würde sich die Welt auf Grund unserer verschobenen Wahrnehmung ändern. Womit, und das war der Kern von KleistsKleist, Heinrich von Verzweiflung, jede Vorstellung einer Wahrheit unabhängig von unserer SubjektivitätSachregisterSubjektivität, subjektiv und unserem kognitiven, ästhetischen und emotionalen Vermögen denkunmöglich geworden ist. Seit KantKant, Immanuel hat der RelativismusRelativismus, relativ eine gediegene philosophische Plattform. Die Wesen vom anderen Planeten, die in der Science-Fiction-Literatur sehnsüchtig oder abgründig herbeigeschrieben werden (um unsere Spezies von ihrer anscheinend quälenden kosmischen Einsamkeit zu erlösen), könnten also nicht bloß real, sondern auch symbolisch in einer ganz anderen Welt leben und wir könnten uns womöglich mit ihnen – anders, aber doch mit anderen Lebewesen vergleichbar – gar nicht über die Beschaffenheit des Seins und des Seienden verständigen und austauschen. Oder definieren wir das Mensch-Sein von vornherein so, dass es sich dabei um Lebewesen mit prinzipiell gleicher Ausstattung in puncto KognitionKognition, Wahrnehmung und Emotion handelt?
Hans BlumenbergBlumenberg, Hans hat, übrigens zu Recht, die häufig verwendete formelhafte Analogie zwischen der Kopernikanischen und der Kantischen Wende in Abrede gestellt. Denn Erstere hat den Menschen mitsamt seinem lächerlich winzigen peripheren Planeten aus dem Mittelpunkt gerückt, während die Philosophie im Gefolge KantsKant, Immanuel das menschliche Gehirn zum Mittelpunkt des Weltalls machte.
KantKant, Immanuel hat sich bekanntlich vornehmlich auf die Kategorien des Denkens konzentriert und dabei RaumRaum und ZeitZeit als eine entscheidende Bedingung der Möglichkeit des Denkens gesehen. Aber dieses Denken ist an Formen gebunden, an Zeichen und Symbole. In einem letzten Zwischenschritt kommt CassirerCassirer, Ernst deshalb nun auf die modernenModerne, modern, -moderne Naturwissenschaften seiner Zeit zu sprechen. Diese haben CassirerCassirer, Ernst zufolge, wie schon zuvor ansatzweise bei Wilhelm von HumboldtHumboldt, Wilhelm von, gleichfalls die „naive Abbildtheorie der ErkenntnisErkenntnis“ verabschiedet und sind auf die Zeichenhaftigkeit unseres Welterfassens gestoßen. Sie gehen davon aus, dass ihre „Mittel“ keineswegs „Abbilder eines gegebenen Seins, sondern […] selbstgeschaffene Symbole“ seien. CassirerCassirer, Ernst zitiert aus Heinrich HertzHertz, Heinrich‘ Prinzipien der Mechanik (1894), wo es unter anderem heißt:
Die Bilder, von welchen wir reden, sind unsere Vorstellungen von den Dingen; […] es ist für ihren Zweck nicht nötig, dass sie irgendeine weitere Übereinstimmung mit den Dingen haben.11
Anders als in der Wahrnehmung der GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich, bezieht sich eine naturwissenschaftliche Disziplin wie die moderneModerne, modern, -moderne, mathematisierte Physik nicht auf eine gegenständliche NaturNatur, sondern konstruiert diese vielmehr als einen mathematisch-symbolischen, zeichenhaften RaumRaum, der mit der realen Welt nicht sehr viel zu tun hat.
Das ist für CassirerCassirer, Ernst aber die entscheidende Pointe. Indem die Erkenntnistheorien KantsKant, Immanuel und der modernenModerne, modern, -moderne Naturwissenschaften traditionelle Abbildtheorien verabschieden, betonen sie fast zwangsläufig die aktive Rolle der ErkenntnisErkenntnis als eines kulturellen und ästhetischen Tuns. Sie konstituieren und ‚erfinden‘ die Realität.
Diese erkenntnistheoretische Wende, die KantKant, Immanuel eingeleitet hat, zieht drei zentrale Konsequenzen nach sich:
eine semiotische Wende: Das Hauptaugenmerk der Philosophie muss sich auf die Beschaffenheit eben jener „Bilder“, „Symbole“ und „Zeichen“ konzentrieren und deren besondere Formgebungen analysieren. Sie gewinnt damit zwangsläufig eine ästhetische bzw. – wie wir heute sagen würden – eine medientheoretische Dimension. Wie wir noch sehen werden, findet sich in CassirersCassirer, Ernst Werk bereits in nuce die Idee, Kulturtheorie als SemiotikSemiotik zu begreifen;
eine epistemologischeepistemologisch Wende: die (NaturNatur-)Wissenschaft muss ihren Anspruch eines unmittelbaren Zugangs zum „Wirklichen“ aufgeben;
eine pluralistischePluralismus, pluralistisch Wende: Wenn Wissenschaft und Philosophie Zeichen und Bilder zur Voraussetzung haben und wenn sie umgekehrt eine symbolische Form ausbilden, dann liegt es nahe, die Wissenschaft als eine symbolische Sonderform neben anderen zu begreifen und deren Verhältnis zu anderen Formen zu bestimmen und zu analysieren.
Die Philosophie der symbolischen Formensymbolisch (allgemein)Formen, symbolische überschreitet den Gegenstandsbereich des klassischen philosophischen Denkens, das sich im Wesentlichen auf den Bereich wissenschaftlicher Weltinterpretation konzentriert hat. Programmatisch schließt es jede andere, und dabei gerade die nicht-wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Weltbeständen ein. Solche Auseinandersetzungen und Zugangsweisen sind nicht von- bzw. auseinander ableitbar, sondern haben ein je eigenes formales Gefüge. Kultur lässt sich demnach als die VielfaltVielfalt dieser verschiedenen, zum Teil auch miteinander rivalisierenden Weltbezüge verstehen. Durch die Gleichstellung und Berücksichtigung der anderen Weltbezüge wird zugleich manifest, dass auch das Denken nicht reine Betrachtung, sondern eine Tätigkeit, ein Handeln, ein Tun ist. „Die Kritik der Vernunft transformiert sich zur Kritik der Kultur“. Auf die Philosophie bezogen heißt dies, dass Philosophie nur mehr als Philosophie der symbolischen Formensymbolisch (allgemein) zu begreifen ist. An die Stelle der ‚Welt‘ als Referenzpunkt tritt die Kultur.12
CassirerCassirer, Ernst selbst hebt hervor, dass das „rein wissenschaftliche, exakte Weltbegreifen“ bereits in der Philosophie seit KantKant, Immanuel vielfach reflektiert worden ist. Die Pluralisierung meint daher, sich jenen symbolischen Formensymbolisch (allgemein)Formen, symbolische zuzuwenden, die bislang – weil epistemisch13 als eher ‚minderwertig‘ angesehen – vernachlässigt worden sind. Die Abwendung von einem rein szientistischen, d.h. auf Wissenschaftlichkeit beruhenden Weltverständnis und der PluralismusPluralismus, pluralistisch der symbolischen Formensymbolisch (allgemein) provozieren den Vergleich zwischen diesen, die sich prinzipiell des gleichen symbolischen Materials bedienen.
Insofern markiert allein diese Pluralisierung eine pragmatische, kulturwissenschaftliche Wende: Wenn Wissenschaft als eine KonstruktionKonstrukt, Konstruktion von Wirklichkeit angesehen wird, dann liegt es nahe – hier gibt es eine gewisse Ähnlichkeit mit dem ansonsten philosophisch ganz anders ausgerichteten amerikanischen Pragmatismus –, Philosophie und ErkenntnisErkenntnis als ein „Tun“, als einen Akt, eine HandlungHandlung zu begreifen. Was CassirerCassirer, Ernst hier – vorsichtig, aber doch einigermaßen konsequent – verabschiedet, ist die Vorstellung des philosophischen Denkens als reiner Betrachtung. Das wissenschaftliche Denken organisiert und konstituiert, anders und doch vergleichbar mit ReligionReligion, religiös, MythosMythos, Mythologie, mythologisch, SpracheSprache und KunstKunst, Kunstwerk, die „Wirklichkeit“, es bildet sie nicht ab, sondern gestaltet sie als soziale und kulturelle Welt.
Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger als einen Bruch mit dem kontemplativen Selbstverständnis der Philosophie. Theorie ist nicht länger ein Gegenstück zur PraxisPraxis, sondern wie im amerikanischen Pragmatismus eine ganz spezifische Form von kulturell durchaus relevantem Handlungsvollzug. Wie alle Praxis gibt es in ihr ein Moment von Entscheidung und vor allem Verantwortlichkeit für das eigene Tun. Kulturtheoretisch gewendet, könnte man behaupten, dass die Erforschung, Analyse und Beschreibung von Kultur niemals wertneutral und unpraktisch ist, sondern diese Kultur immer selbst verändert. Das ist ein Moment von ReflexionReflexion, das den Einzelwissenschaften oftmals entgeht. Der MarxismusMarxismus, marxistisch als Gesellschaftstheorie oder die PsychoanalysePsychoanalyse – als Therapieform wie als Anthropologie und Kulturtheorie – haben die GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich, auf die sie sich bezogen, nachhaltig verändert. In Umkehrung der berühmten These zu Feuerbach, lässt sich gegen MarxMarx, Karl behaupten, dass die Interpretation der Welt selbst eine Veränderung, also ein Handeln, darstellt.
Neue Theorien und Disziplinen bringen stets neue Blickwinkel hervor. Im Fall von CassirerCassirer, Ernst ist es die Hinwendung zur ‚Form‘, aber auch die Betonung des Funktionalen. Das Grundprinzip des kritischen Denkens, des Vorrangs der FunktionFunktion gegenüber dem Gegenstand (und damit auch das Primat des Prozesses gegenüber dem Produkt), wird über Philosophie und Wissenschaft hinaus auf Kultur und GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich ausgeweitet:
Neben der reinen Erkenntnisfunktion gilt es, die FunktionFunktion des sprachlichen Denkens, die Funktion des mythisch-religiösenReligion, religiös Denkens und die Funktion der künstlerischen Anschauung derart zu begreifen, dass daraus ersichtlich wird, wie in ihnen allen eine ganz bestimmte Gestaltung nicht sowohl der Welt, als vielmehr eine Gestaltung zur Welt, zu einem objektivenobjektiv, Objektiv- Sinnzusammenhang und einem objektiven Anschauungsganzen sich vollzieht.14
Das eine Sein lässt sich nicht mehr statisch festhalten, sondern manifestiert sich in der „unreduzierbaren Mannigfaltigkeit der Wissensmethoden und der Wissensgegenstände“. Der PluralismusPluralismus, pluralistisch, die Vielheit der Weltzugänge, wird hier in einem schwerwiegenden Sinn verstanden. Denn unter dem Pluralismus zerfällt das eine Sein, auf das hin sich das westlich-abendländischeAbendland, abendländisch Denken stets ausgerichtet hat. Oder um bei obigem Beispiel mit den Menschen vom anderen Planeten zu bleiben: In gewisser Weise gibt es – gegen die HegelHegel, Georg W.F.’sche DialektikDialektik, die ReligionReligion, religiös und KunstKunst, Kunstwerk als Vorformen des reinen Wissens (miss-)versteht – diese Inkompatibilität auch ohne die phantasierten kosmischen Fremdlinge. Denn der jeweilige Weltzugang des mythischen Menschen, des modernenModerne, modern, -moderne Künstlers und des Atomphysikers sind nicht zur Deckung zu bringen, obschon ihre kognitive, ästhetische und affektive Ausstattung wenigstens potenziell dieselbe ist. Es mag Überschneidungen und auch Rivalitäten geben, schon deshalb, weil sie sich desselben semiotischen Materials bedienen. Aber sie leben, jedenfalls solange sie beten, komponieren oder vor dem Elektronenmikroskop sitzen, in völlig verschiedenen Welten, die keinen gemeinsamen Nenner haben. In der Vielheit zu leben, bedeutet – schon in einer Binnenkultur – auf Einheit zu verzichten, jedenfalls auf eine Einheit die ontologisch verbürgt wäre. So sind intra- und interkulturelleInterkulturalität, interkulturell Phänomene in einer oftmals als homogenHomogenität, homogen gedachten Kultur unter den Bedingungen von Modernität unvermeidlich.
Die Einheit lässt sich nur mehr formal herstellen, nur durch den Rekurs auf die Formen und Mittel, deren sich die verschiedenen Objektivierungenobjektiv, Objektiv- einer Kultur (Wissenschaft, MythosMythos, Mythologie, mythologisch und ReligionReligion, religiös, SpracheSprache, KunstKunst, Kunstwerk) bedienen. Der Mensch wird als ein Symbole schaffendes Lebewesen bestimmt, das heißt als ein Wesen, das Kultur hervorbringt und hervorbringen muss. Der Mensch ist ein kulturelles Wesen nicht nur durch die werkzeughafte Bearbeitung von NaturNatur (wie das ein älteres Kulturverständnis nahelegt), sondern durch seine sprachliche und semiotische Bearbeitung derselben. Im Kontrast zu traditionellen Kulturbegriffen schrumpft erkenntnistheoretisch ein Begriff wie „Natur“ auf den Status einer freilich notwendigen Grenzmarke des Denkens ein (so wie die Realität in dieser Perspektive zum „Ding an sich“ wird). Denn ‚Natur‘, das ist unter diesem forcierten erkenntnistheoretischen Blickwinkel, der zugleich kulturwissenschaftlich changiert, eine KonstruktionKonstrukt, Konstruktion durch die symbolischen Formensymbolisch (allgemein)Formen, symbolische einer Kultur. Mit diesem Hinweis kommen wir in die Nähe eines Disputs, wie er etwa in der Geschlechterforschung (GenderGeschlecht (Gender), Geschlecht-, Studies) virulent ist: In radikalen konstruktivistischen, sozusagen hyper-kantianischen Geschlechtertheorien15 wird der binären Geschlechterdifferenz jegliche natürliche Realität abgesprochen und diese als bloße Konstruktion aufgefasst, die durch die symbolischen Formensymbolisch (allgemein) der Kunst und Wissenschaft generiert wird. Eine solche Form von post-kantianischem KulturalismusKulturalismus, -kulturalismus und Konstruktivismus bildet die Kehrseite der kulturellen Wende, weshalb deren Kritiker auch nicht selten vom linguistischen Idealismus, der die Realität auf Symbolsysteme reduzieren möchte, sprechen. Im Fall der menschlichen Natur gibt es jedoch nicht nur so etwas wie eine Binnenbefindlichkeit des Leiblichen, vielmehr ist der Umkehrschluss, den ein solcher Konstruktivismus vornimmt, fragwürdig: Zwar muss es keine Koinzidenz zwischen ‚Realität‘ und symbolischen Formensymbolisch (allgemein) geben, ob aber die symbolischen Formensymbolisch (allgemein) über die MachtMacht verfügen, durch ihr bloßes Dasein Phänomene wie Tod und SexualitätSexualität beliebig zu modellieren, erscheint zweifelhaft. Die symbolischen Formensymbolisch (allgemein) sind Bedingungen der Möglichkeit, in der Welt zu sein, aber damit nicht automatisch, diese nach Belieben zu verändern.
Schon KantKant, Immanuel hat nach den Bedingungen der Möglichkeit von ErkenntnisErkenntnis gefragt und sich dabei nicht auf die physikalisch-mathematischen Wissenschaften beschränkt, wie seine Kritik der praktischen Vernunft und die Kritik der Urteilskraft deutlich machen. In der kulturellen Wende, wie sie nun CassirerCassirer, Ernst im philosophischen Rahmen des transzendentalen IdealismusIdealismus (philosophisch) vornimmt, werden Zeichen, MedienMedien, Medien-, -medien, medien-, SpracheSprache, symbolische FormenFormen, symbolische zu den Bedingungen der Möglichkeit von Welterfassung und -konstruktion. In diesem Sinn ist CassirerCassirer, Ernst der Vordenker der semiotischen Wende der zu Kulturwissenschaften mutierten Humanwissenschaften. Dabei kommen Symbolik und SemiotikSemiotik eine maßgebliche Bedeutung zu.
[…] so fährt die Theorie der ‚Zeichen‘ […] fort, die SpracheSprache der Abbildtheorie der ErkenntnisErkenntnis zu sprechen; – aber der Begriff des ‚Bildes‘ hat nun in sich selbst eine innere Wandlung erfahren. Denn an die Stelle einer irgendwie geforderten inhaltlichen Ähnlichkeit zwischen BildBild und Sache ist jetzt ein höchst komplexer logischer Verhältnisausdruck, ist eine allgemeine intellektuelleIntellektueller, intellektuell Bedingung getreten, der die Grundbegriffe der physikalischen Erkenntnis zu genügen haben. Ihr Wert liegt nicht in der Abspiegelung eines gegebenen Daseins, sondern in dem, was sie als Mittel der Erkenntnis leisten, in der Einheit der Erscheinungen, die sie selbst aus sich herausstellen.16
Was CassirerCassirer, Ernst zu Eingang des Zitates festhält, ist bemerkenswert und gilt bis heute: Während wir heute wissen, dass das Denken die Welt nicht abbildet, sondern semiotisch konstruiert und erfasst, sind wir in unserem Alltagsdenken Abbildtheoretiker geblieben. Die Analogie mit der kopernikanischen Wende drängt sich auf: Körperlich und alltäglich verhalten wir uns als Ptolemäer, als Anthropozentriker, obschon wir doch wissen, dass die Sonne sich nicht um die Erde und somit nicht um uns dreht. Alltagswahrnehmung und komplexe Theorien kommen nicht zur Deckung: Wir sehen eine Frau oder einen Mann als eine plastische Epiphanie und nicht eine semiotisch vermittelte, mit unserem Wahrnehmungsapparat korrespondierende, durch bestimmte Traditionen der symbolischen Formensymbolisch (allgemein)Formen, symbolische unserer Kultur bedingte KonstruktionKonstrukt, Konstruktion eines an sich unbestimmten, symbolisch offenen Seienden.
Unermüdlich betont CassirerCassirer, Ernst den Entwurfscharakter jener Mittel der Weltschaffung, ohne dass ihm freilich eine konsistente Zeichentheorie als Grundlage einer modernenModerne, modern, -moderne Kulturtheorie gelänge. Im Gefolge von Heinrich HertzHertz, Heinrich definiert er das SymbolSymbol als ein „Scheinbild“, „um die Welt der sinnlichen Erfahrung zu beherrschen und als gesetzlich-geordnete Welt zu übersehen“, dem „aber in den sinnlichen Daten selbst unmittelbar nichts entspricht“.17
Lange hat die SpracheSprache als bloßer Ausdruck, als Hülle und Gewand, als neutrales MediumMedium des Denkens bzw. des Seins gegolten, das auch unabhängig von ihm gegeben ist. CassirerCassirer, Ernst hingegen spricht dem Zeichen im Hinblick auf die Erfassung der Welt eine konstituierende Rolle zu:
[…] das Zeichen ist keine bloß zufällige Hülle des Gedankens, sondern sein notwendiges und wesentliches Organ. Es dient nicht nur dem Zweck der MitteilungMitteilung eines fertiggegebenen Gedankeninhalts, sondern ist ein Instrument, kraft dessen dieser Inhalt selbst sich herausbildet und kraft dessen er erst seine volle Bestimmtheit gewinnt.18
Was CassirerCassirer, Ernst entgeht, ist indes, dass das sprachliche Zeichen, so wie es Ferdinand de SaussureSaussure, Ferdinand de als erster Sprachphilosoph in dieser Schärfe analysiert hat, zwar keine zufällige Hülle des Gedankens, wohl aber zufällig in seiner Gestalt ist, kontingentKontingenz, kontingent und arbiträrArbitrarität, arbiträr. In den Symbolischen Formen wird zwar eine Theorie des Zeichens, eine SemiotikSemiotik also, eingefordert, doch findet sich bei CassirerCassirer, Ernst weder eine systematische Analyse des Zeichens noch eine Unterscheidung von sprachlichen und explizit visuellenvisuell Zeichen. Der schwankende Gebrauch von oftmals synonym gebrauchten Begriffen wie „Scheinbild“, „Zeichen“, „MediumMedium“ und „SymbolSymbol“ macht dies sinnfällig. Deshalb fällt es CassirerCassirer, Ernst schwer, die Ebene der Zeichen und die der verschiedenen Weltzugänge zunächst einmal analytisch zu unterscheiden. So werden die symbolischen Formensymbolisch (allgemein)Formen, symbolische einigermaßen nebulös als Ausdruck wohl ein und derselben geistigen Energie verstanden, die einen intellektuellenIntellektueller, intellektuell Bedeutungsinhalt an ein konkretes Zeichen bindet. Dabei ist unübersehbar, dass CassirerCassirer, Ernst an einer gewissen Form des IdealismusIdealismus (philosophisch) festhält, wenn er etwa schreibt:
In diesem Sinn bedeutet jede neue ‚symbolische Form‘, bedeutet nicht nur die Begriffswelt der ErkenntnisErkenntnis, sondern auch die anschauliche Welt der KunstKunst, Kunstwerk, wie die des MythosMythos, Mythologie, mythologisch oder der SpracheSprache nach dem Wort GoethesGoethe, Johann W. eine von dem Inneren an das Äußere ergehende Offenbarung, eine ‚Synthese von Welt und Geist‘, die uns der ursprünglichen Einheit beider erst wahrhaft versichert.19
Wissenschaft (und TechnikTechnik, -technik), MythosMythos, Mythologie, mythologisch und ReligionReligion, religiös, KunstKunst, Kunstwerk sowie SpracheSprache werden als je eigene ModiModus, -modus der Wirklichkeitskonstruktion, wenn auch als Ausformung einer geistigen Energie verstanden. Dabei wird deutlich, dass die Wissenschaft selbst eine symbolische Form und eine semiotische „Objektivierungobjektiv, Objektiv-“ darstellt, so wie alle anderen symbolischen Formationen auch. Auch sie ist das – im Übrigen historisch späte – Ergebnis einer schöpferischen EinbildungskraftEinbildungskraft, auf deren Bedeutung bereits KantKant, Immanuel hingewiesen hatte. Die Kritik der Kultur ist zwangsläufig ästhetisch amalgamiert. Ästhetik meint hier, wie schon gesagt, nicht länger eine Unterdisziplin der Philosophie, sondern wird konstitutiv für eine Philosophie der symbolischen Formensymbolisch (allgemein)Formen, symbolische. Mit der ästhetischen Wende in der Epistemologie geht zwangsläufig ein PluralismusPluralismus, pluralistisch einher: KantKant, Immanuel, von GoetheGoethe, Johann W. aus gesehen. Denn was CassirerCassirer, Ernst hier vorstellt, ist eine Art MorphologieMorphologie des Geistes:
Nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der SpracheSprache, dem MythosMythos, Mythologie, mythologisch, der KunstKunst, Kunstwerk, der ReligionReligion, religiös ist es eigen, dass sie die Bausteine liefern, aus denen sich für uns die Welt des ‚Wirklichen‘ wie die des Geistigen, die Welt des Ich aufbaut. Auch sie können wir nicht als einfache Gebilde in eine Welt hineinstellen, sondern wir müssen sie als FunktionenFunktion begreifen, kraft deren je eine eigentümliche Gestaltung des Seins und je eine besondere Teilung und Scheidung desselben sich vollzieht.20
Was entsteht, ist eine Kultur, die in sich gegliedert und – im Gefolge der Systemtheorie würde man sagen – ausdifferenziertAusdifferenzierung, ausdifferenziert ist. Kultur lässt sich mit CassirerCassirer, Ernst als Gesamtheit symbolischer FormenFormen, symbolische, Prozesse und Akte begreifen und bestimmen. Ob es noch mehr als diese vier Formen gibt, die von CassirerCassirer, Ernst erwähnt werden, ist nicht ganz klar. Ausgearbeitet hat CassirerCassirer, Ernst in seinem voluminösen Werk vor allem die symbolischen Formensymbolisch (allgemein) MythosMythos, Mythologie, mythologisch, SpracheSprache und ErkenntnisErkenntnis, während – die rekonstruierte Bibliographie zum Werk, die zahllose philosophische, sprachtheoretische und ethnologische Standardwerke enthält, macht dies überdeutlich – die KunstKunst, Kunstwerk nur marginal und ganz am Rande behandelt wird. Ausgespart bleibt daher nicht nur die moderneModerne, modern, -moderne abstrakte Kunst, die sich doch, wie später der amerikanische Kunsttheoretiker Clement GreenbergGreenberg, Clement21 zeigen sollte, wie eine Parallelaktion zur Kantischen Philosophie (nämlich als selbstreferenzielles Tun, das sich mit den Bedingungen der Möglichkeit bildender Kunst wie Form und Farbe auseinandersetzt) ausnimmt, es fehlt – und das ist 1928 schon einigermaßen erstaunlich – jeglicher Hinweise darauf, wie man kulturelle Phänomene wie Photographie, FilmFilm oder Radio, ohne die KulturanalyseKulturanalyse heute undenkbar ist, den vier symbolischen Formensymbolisch (allgemein) zuordnen soll.
Man tut CassirersCassirer, Ernst theoretischer Reputation nicht Unrecht, wenn man ihn als Vorläufer begreift, der zwar im Ansatz eine atemberaubend neue Philosophie vorlegt, die ihrer ganzen Anlage nach bereits eine semiotisch orientierte Kulturtheorie ist; anders als SimmelSimmel, Georg (→ Kap. 5), Arnheim22 oder der späte BenjaminBenjamin, Walter (→ Kap. 6) hat CassirerCassirer, Ernst jedoch nicht jene aufregenden medialen und symbolischen Veränderungen in der modernenModerne, modern, -moderne Kultur in Augenschein genommen. Er ist als ein Denker des Übergangs zu begreifen, der zwar das Tor zu einem ganz neuen Verständnis von SpracheSprache und Zeichen aufgestoßen hat, dem es aber nicht gelingt, eine konsistente Zeichentheorie zu entfalten (obschon er die Ideen von PeircePeirce, Charles S., nicht aber jene von Saussure gekannt hat).
Zwiespältig bleibt CassirersCassirer, Ernst Verhältnis auch im Hinblick auf das, was man heute als LogozentrismusLogozentrismus, logozentrisch bezeichnet. Vermutlich kann er die neukantianische Idee von der Inkompatibilität und Gleichwertigkeit nicht durchhalten, weil er insbesondere den MythosMythos, Mythologie, mythologisch trotz Rückgriffen auf die zeitgenössische ethnologische Literatur im Sinne der klassischen philosophischen Tradition vom Logos her liest und begreift. CassirerCassirer, Ernst möchte auf der einen Seite die verschiedenen ModiModus, -modus der Welterfassung (symbolische FormenFormen, symbolische) in ihrer je spezifischen Eigenart belassen und ihre Irreduzibilität hervorheben, auf der anderen Seite zielt seine Philosophie der symbolischen Formensymbolisch (allgemein) darauf ab, sie auf einer formalen, semiotisch-symbolischen Ebene in ein System zu fassen. Schon in der Einleitung wird deutlich, dass der MythosMythos, Mythologie, mythologisch als eine naive symbolische Form anzusehen ist. Insofern folgt CassirerCassirer, Ernst durchaus dem traditionellen Narrativ ‚vom MythosMythos, Mythologie, mythologisch zum Logos‘. Der MythosMythos, Mythologie, mythologisch gilt als der Ausgangspunkt aller symbolischen Formensymbolisch (allgemein). Er ist unhintergehbar insofern, als sich auch die anderen symbolischen Formensymbolisch (allgemein) desselben semiotischen Materials bedienen wie er selbst.
Die verschiedenen Erzeugnisse der geistigen Kultur, die SpracheSprache, die wissenschaftliche ErkenntnisErkenntnis, der MythosMythos, Mythologie, mythologisch, die KunstKunst, Kunstwerk, die ReligionReligion, religiös werden so, bei all ihrer inneren Verschiedenheit, zu Gliedern eines einzigen großen Problemzusammenhangs, – zu mannigfachen Ansätzen, die alle auf ein Ziel bezogen sind, die passive Welt der bloßen Eindrücke, in denen der Geist zunächst befangen scheint, zu einer Welt des reinen geistigen Ausdrucks umzubilden.23
Der MythosMythos, Mythologie, mythologisch wird zum einen als eine spezifische symbolische Form sui generis angesehen, zum anderen aber auch als Ausgangspunkt aller symbolischen Formensymbolisch (allgemein)Formen, symbolische. In ihm manifestiert sich auf pathetische Weise der synthetische Anspruch, den mannigfaltigen „Eindrücken“ einen kollektiv gültigen Ausdruck zu verschaffen. So finden sich bereits in der Einleitung zwei argumentative Strategien, die eine, die die Diversität der symbolischen Formensymbolisch (allgemein) etwa gegen HegelsHegel, Georg W.F. Geschichtsphilosophie betont, die andere, die letztlich doch die VielfaltVielfalt der symbolischen Formensymbolisch (allgemein) aus einer gemeinsamen geistigen Quelle genetisch herleitet – und das ist in der Tradition insbesondere der deutschen Philosophie der MythosMythos, Mythologie, mythologisch.
Folgt man dieser ErzählungErzählung(en), dann bleibt die Frage, wo heute der Ort der symbolischen Form des MythosMythos, Mythologie, mythologisch sein soll, jenes MythosMythos, Mythologie, mythologisch, der im Laufe der geschichtlichen Entwicklung SpracheSprache, ErkenntnisErkenntnis und KunstKunst, Kunstwerk aus sich entlassen haben soll. Zwar lässt sich – BlumenbergBlumenberg, Hans hat dies auch getan – darauf verweisen, dass der MythosMythos, Mythologie, mythologisch nicht ans Ende zu bringen ist, weil es Grenzen der Erkenntnis gibt.24 Oder man mag argumentieren, auch dieses Argument findet sich bei BlumenbergBlumenberg, Hans, dass gerade die moderneModerne, modern, -moderne Kunst sich durch den Rückgriff auf mythische Elemente konstituiert. Aber dessen zentrale Bedeutung für die KonstruktionKonstrukt, Konstruktion nationalerNation, Nationalismus, national IdentitätIdentität und für die AlltagskulturAlltag, Alltagskultur, Alltags- – BarthesBarthes, Roland Mythen des Alltags (→ Kap. 7) – kann nicht aus einer rein philosophisch-geistesgeschichtlichen Perspektive erfasst werden.
Kritikpunkte und Anmerkungen
CassirerCassirer, Ernst unterscheidet nicht hinreichend zwischen verschiedenen Ebenen (MedienMedien, Medien-, -medien, medien-, symbolische Systeme): So sind „SpracheSprache“ und „MythosMythos, Mythologie, mythologisch“ – so wichtig beide für den Gesamtkomplex „Kultur“ auch sein mögen – ganz unterschiedliche Großphänomene.
Casssirer vernachlässigt die materielle Seite der „symbolischen Formensymbolisch (allgemein)Formen, symbolische“ (MedienMedien, Medien-, -medien, medien-).
CassirerCassirer, Ernst verfügt über keine systematische Sprachtheorie, in der SpracheSprache und Zeichen als kontingentKontingenz, kontingent und konventionell bestimmt werden (Saussure, PeircePeirce, Charles S.).
CassirersCassirer, Ernst Begriff der symbolischen Formensymbolisch (allgemein)Formen, symbolische betont zwar die aktive Seite der symbolischen Formensymbolisch (allgemein), aber sein Ansatz vermittelt diese nicht mit LebensformenLeben, Lebens-, -leben und LebenshaltungenLeben, Lebens-, -leben („HabitusHabitus“, Kultur II → Kap. 9).
Seine „symbolischen Formensymbolisch (allgemein)Formen, symbolische“ sind zu homogenHomogenität, homogen konzipiert, so als ob keine Mischformen möglich wären.
CassirersCassirer, Ernst Ansatz ist rationalistisch („logozentrischLogozentrismus, logozentrisch“) und sieht MedienMedien, Medien-, -medien, medien- und symbolische FormenFormen, symbolische noch immer als Instrumente zur Artikulation eines vorgegebenen rational fassbaren Inhaltes. Das gilt auch für seine Gegenüberstellung von Gefühl/Sinnlichkeit (passiv) und Gedanken/Sinn (aktiv).
Trotz seines programmatischen Lobs der VielfaltVielfalt läuft sein Konzept auf
eine Hierarchisierung des szientistischen Wissens hinaus, weil er den MythosMythos, Mythologie, mythologisch wesentlich als eine symbolische Urform fasst und dessen gemeinschaftsstiftende Rolle hintan stellt.
CassirersCassirer, Ernst Begriff von Kultur verbleibt im geistesgeschichtlichen Rahmen
und schließt die materielle Seite des SubjektsSubjekt (Körperlichkeit, AlltagAlltag, Alltagskultur, Alltags-) ebenso aus wie die Frage kollektiver Identitäten. Sein Kulturbegriff ist sehr eng und beschränkt sich auf das Segment der Künste und der Wissenschaft.
Sein PluralismusPluralismus, pluralistisch steht in einem unverkennbaren Spannungsverhältnis zu seinen systematischen und synthetischen Versuchen, letztendlich doch ein gemeinsames Band aller symbolischen Formensymbolisch (allgemein)Formen, symbolische zu finden.
Literatur
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Kapitel 4 Giambattista VicoVico, Giambattista, Johann Gottfried HerderHerder, Johann G. und die Folgen: Von der Neuen Wissenschaft über die gemeinschaftliche NaturNatur der Völker zur aufklärungskritischenAufklärung, aufklärungs- Kulturphilosophie
Es gibt im KontextKontext der abendländischenAbendland, abendländisch Geistesgeschichte Denker, deren langfristige Bedeutung weithin unterschätzt wird; diese ist nur einer kleinen Schar von profunden Kennern gewärtig. Entscheidend verantwortlich für diesen Umstand ist, dass viele kulturwissenschaftlichen Konzepte die diachroneDiachronie, diachron Dimension auch im Hinblick auf die GeschichteGeschichte von Theoriebildung systematisch ausblenden. So hat Endre Hars etwa auf eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen HerderHerder, Johann G. und Homi K. BhabhaBhabha, Homi K. hingewiesen.1 Dass ihr Einfluss notorisch unterbewertet wird, lässt sich für beide Philosophen, den Neapolitaner VicoVico, Giambattista ebenso wie für den Ostpreußen HerderHerder, Johann G., behaupten. Zusammengenommen haben sie entscheidend zu einem Typus von Kulturtheorie beigetragen, der über Deutschland hinaus wirksam geworden ist. An dieser Stelle darf nicht verschwiegen werden, dass diese Wirksamkeit auch ihre fatalen Seiten hatte. Insbesondere HerderHerder, Johann G. wurde zum Stichwortgeber für Theoretiker der Konservativen Revolution und des nationalsozialistischen Umfeldes. Als prominenteste Beispiele sind hierbei Oswald SpenglersSpengler, Oswald MorphologieMorphologie der Weltkulturen Der Untergang des Abendlandes (→ Kap. 1) und NadlersNadler, Josef Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften oder – um eine aktuelle Debatte zu zitieren – HuntingtonsHuntington, Samuel BuchBuch (als Medium) über den Zusammenstoß der Kulturen zu nennen.2 Dass es sich dabei nicht um direkte Übernahmen, sondern um Rekontextualisierungen handelt, wird am Ende dieses Kapitels aufgezeigt. Aber wie immer es mit der intellektuellenIntellektueller, intellektuell Verantwortung für das eigene Denken und Schreiben steht – ist man verantwortlich für seine unverantwortlichen Leser? –, bestätigt dieser Einfluss, den VicoVico, Giambattista und HerderHerder, Johann G. auf die Entwicklung der abendländischen Kultur und auf die europäische PolitikPolitik hatten, die These, wonach die theoretische Erfassung von Kultur und Kulturen diese selbst verändert.
Gut drei Generationen trennen HerderHerder, Johann G. von VicoVico, Giambattista. HerderHerder, Johann G. wurde in dem Jahr geboren, in dem VicoVico, Giambattista starb, 1744. Giambattista VicoVico, Giambattista kam 1670 in Neapel als Sohn eines Buchhändlers zur Welt. Es ist das Zeitalter der jesuitischen Gegenreformation. VicoVico, Giambattista, der sich eingehend mit der Renaissance und mit der Philosophie DescartesDescartes, René‘ beschäftigte, kann man nicht ohne Einschränkungen einer bestimmten philosophischen Richtung und Denktradition zuordnen. Was ihn beispielsweise von den Denkern der Renaissance trennt, ist ein ganz wichtiger Punkt: Der neapolitanische Gelehrte lebt in einer Welt, die viel größer geworden ist und in der Europa Erfahrungen mit anderen, bis dahin unbekannten Kulturen gemacht hat. Diese Erfahrung mit anderen Kulturen, mit denen die europäisch-christliche bis dahin nicht in Berührung gekommen ist, provoziert den Vergleich und ermöglicht perspektivisch den Blick auf die eigene Kultur.
Neapel, das erst von den spanischen, dann von den österreichischen Habsburgern und zuletzt von den Bourbonen regiert wurde, war zu jener ZeitZeit eine Kulturhauptstadt Europas, mit einer glanzvollen Opernkultur (die BalzacBalzac, Honoré de ebenso fasziniert hat wie die Gegenwartsautorin Margriet de Moor3) und einer angesehenen Universität. An dieser absolvierte VicoVico, Giambattista das Studium der Klassischen Philologie und war anschließend Hauslehrer in der Toskana. VicoVico, Giambattista gehört – wie MontaigneMontaigne, Michel de, BaconBacon, Francis oder eben DescartesDescartes, René – zu den Pionieren des frühneuzeitlichen Denkens in Europa. Er ist vielleicht der letzte von ihnen. Später hatte er einen Lehrstuhl für RhetorikRhetorik an der Universität Neapel inne. Da er nur eine Handvoll Studenten hatte, blieb ihm genügend Zeit für ein ungestörtes Gelehrtendasein.
Die Nuova Science erschien zum ersten Mal im Jahre 1725, als VicoVico, Giambattista bereits 55 Jahre alt war. Es ist an dieser Stelle unmöglich, alle Nuancen und Facetten eines Werkes darzulegen, das noch ganz im Geist einer RhetorikRhetorik geschrieben ist, in der die Renaissance nachhallt. Im Rahmen dieser Einführung sollen vor allem drei zentrale Punkte erwähnt werden, die für die Kulturtheorie bis heute relevant geblieben sind: das VicoVico, Giambattista-Theorem, die Rehabilitierung des MythosMythos, Mythologie, mythologisch und die Lehre von den drei FunktionenFunktion der Kultur.
Das VicoVico, Giambattista-Theorem besagt, dass die NaturNatur dem Menschen immer bis zu einem gewissen Grad verschlossen bleiben wird, weil sie nicht von ihm selbst hervorgebracht worden ist; die Kultur hingegen ist für den Menschen verstehbar, weil sie von ihm selbst geschaffen ist. Die neue Wissenschaft ist eben die Wissenschaft von den Dingen, Institutionen und Einrichtungen, die der Mensch selbst hervorgebracht hat.
Doch in dieser Nacht voller Schatten, die für unsere Augen das entfernteste Altertum bedeckt, erscheint das ewige Licht, das nicht untergeht, von jener Wahrheit, die man in keiner Weise in Zweifel ziehen kann: dass diese historische Welt ganz gewiß von den Menschen gemacht worden ist: und darum können (denn sie müssen) in den Modifikationen unseres eigenen menschlichen Geistes ihre Prinzipien aufgefunden werden. Dieser Umstand muss jeden, der ihn bedenkt, mit Erstaunen erfüllen: wie alle Philosophen voll Ernst sich bemüht haben, die Wissenschaft von der Welt der NaturNatur zu erringen; welche, da Gott sie geschaffen hat, von ihm allein erkannt wird; und vernachlässigt haben nachzudenken über die Welt der NationenNation, Nationalismus, national, oder historische Welt, die die Menschen erkennen können, weil sie die Menschen geschaffen haben.4
Die Passage verdient einen ausführlichen Kommentar. Zunächst einmal wird in gerader Umkehr zu BaconsBacon, Francis Novum Organum, in dem ja eine neue Epistemologie der Naturwissenschaft umrissen wird,5 eine prinzipielle Unterscheidung zwischen Human- und Naturwissenschaften getroffen. Es ist das erste Mal in der GeschichteGeschichte der Wissenschaften, dass dieser Gegensatz zwischen ihren beiden Kulturen (C.P. Snow6) so markant beschrieben wird. Die ganze nachfolgende Untersuchung VicosVico, Giambattista macht indes deutlich, dass sich die neue Wissenschaft nicht auf die Geisteswissenschaften oder auf philologische Exegese und Kommentar beschränkt, sondern auf einen weiten Begriff von Kultur (Kultur I → Kap. 1) abzielt, der auch die Bereiche von PolitikPolitik und GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich, ja sogar das Recht umfasst.
Die Pointe von VicosVico, Giambattista Theorem besteht aber darin, dass die Wissenschaft von der menschlichen Kultur keine prinzipiellen erkenntnistheoretische Schranken setzt, während die Naturwissenschaften ihren Gegenstand niemals voll erfassen können. Etwas von dem Gegensatz zwischen Verstehen und Erklären, wie er seit Wilhelm Dilthey7 gang und gäbe ist, ist hier bereits vorgedacht. Denn Kulturwissenschaft wird auch bei Dilthey als eine Form von Selbsterkenntnis, Selbstverständnis und Selbstverständigung gedacht. Von einem solchen Prozess kann im Falle der NaturNatur nicht die Rede sein: Das BuchBuch (als Medium) der NaturBuch (der Natur) ist geschlossen. Die Natur bleibt das prinzipiell Fremde, das nicht durch den Bezug auf den Menschen erkannt werden kann. Deshalb fehlt den Naturwissenschaften jener für die Kultur- und Humanwissenschaften eigentümliche Selbstbezug. „Erkennen“ ist hier in einem starken Sinn zu begreifen: als etwas, das man kennt, mit dem man vertraut ist, usw. In jedem Fall entfaltet VicoVico, Giambattista einen über Jahrhunderte maßgeblichen Begriff von Kultur, der diese gleichsam ex negativo definiert: Kultur ist all das, was nicht Natur ist. Natur wiederum ist alles, was der Mensch nicht geschaffen hat. Somit umfasst die KulturanalyseKulturanalyse alle DingeDinge und Einrichtungen dieser Welt, die der Mensch selbst geschaffen hat.
Was nun das Erstaunen darüber betrifft, warum die Menschen sich erst so spät – eben mit VicosVico, Giambattista programmatischem BuchBuch (als Medium) – mit dem vom Menschen Geschaffenen, der Kultur im weitesten Sinn (Kultur I), beschäftigt haben, so lässt sich dies womöglich, von heute aus betrachtet, durch ein Charakteristikum von Kultur relativRelativismus, relativieren. Denn wie wir bereits gesehen haben, produziert Kultur UnbewusstheitUnbewusste, das, Unbewusstheit, d.h. eine Form reflexionsloser, unbedachter Selbstverständlichkeit, die den menschlichen Einrichtungen und Artefakten den Schein von Natürlichkeit verleihen. Im mythisch-religiösenReligion, religiös Denken wird Gemeinschaft als eine göttliche Stiftung angesehen. Dass die Regeln des Gemeinwesens und Einrichtungen wie Familie, Kirche oder Militär historisch und veränderbar sind, ist das Ergebnis einer späten Einsicht. Noch die Abneigung des konservativenkonservativ Milieus gegen moderneModerne, modern, -moderne Disziplinen wie die Soziologie, die automatisch mit einem linken Projekt von Gesellschaftsveränderung gleichgesetzt wurde, belegt den stummen Widerstand gegen das Erkennen all jener Phänomene, die das Zeichen menschlicher Gestaltung tragen. Wider das Erstaunen VicosVico, Giambattista über die Vernachlässigung der Erforschung der menschlichen Kultur kann man also einwenden, dass DingeDinge, die uns so nah und alltäglich sind, sich zunächst einmal dem Erkannt-Werden entziehen.
Offen bleibt in seiner Unterscheidung inwiefern der Mensch selbst NaturNatur oder Kultur bzw. Natur und Kultur ist. In VicosVico, Giambattista eigener Logik könnte man sagen, dass sich der Mensch primär, d.h. biologisch nicht selbst geschaffen hat und eine Hervorbringung Gottes bzw. der Natur ist. Sofern er Natur ist und Gegenstand der Naturwissenschaften (geworden) ist, gilt auch für den Menschen das Verdikt des Unbekannten.
VicosVico, Giambattista zweiter wichtiger Beitrag zur Kulturtheorie stellt die Rehabilitierung des MythosMythos, Mythologie, mythologisch dar. Lange vor der RomantikRomantik und vor SchellingSchelling, Friedrich W.J. (→ Kap. 3) hat VicoVico, Giambattista den MythosMythos, Mythologie, mythologisch als ein ernstzunehmendes kulturelles KonstruktKonstrukt, Konstruktion begriffen. Das ist erstaunlich in einer ZeitZeit – man braucht sich nur die barocken Ansichten der klassischen griechischen Mythen zu besehen –, in der der griechische MythosMythos, Mythologie, mythologisch nur mehr allegorisches Beiwerk zur Darstellung menschlicher Empfindungen darstellt oder eine schiere ästhetische List, den entblößten KörperKörper, körperlich zu präsentieren.
Für VicoVico, Giambattista ist HomerHomer der erste Autor, der menschlich zu denken begann. Aber der MythosMythos, Mythologie, mythologisch ist nicht bloß eine hübsche Erfindung zur ästhetischen Unterhaltung des Publikums, sondern integraler Bestandteil der Kultur. Der MythosMythos, Mythologie, mythologisch ist die „wahre und strenge GeschichteGeschichte der Sitten bei den ältesten Völkern Griechenlands“.8 Es wäre lächerlich, die Wahrheit des MythosMythos, Mythologie, mythologisch im Faktischen zu suchen, um ihn dann als ein reines Hirngespinst, als bloße Dichtung oder als kontrafaktisches Erklärungssystem unwissender Menschen zu begreifen. Vielmehr erinnert uns VicoVico, Giambattista daran, dass der MythosMythos, Mythologie, mythologisch mit den Sitten, d.h. mit den Festsetzungen unseres LebensalltagesLeben, Lebens-, -leben, unseres „whole way of life“ (→ Kap. 1) zu tun hat. Wobei VicoVico, Giambattista freilich entgeht, dass sich die Dimension des Mythischen auch in der Neuzeit nicht völlig aufgelöst hat:
Die heroischen Mythen waren wahre Geschichten der Heroen und ihrer barbarischen Sitten, wie sie bei allen Völkern in ihrer barbarischen ZeitZeit blühten; so dass die beiden Gesänge HomersHomer sich erweisen als zwei große Schatzkammern für Entdeckungen über das natürliche Recht der griechischen Stämme, als sie noch Barbaren waren.9
MythosMythos, Mythologie, mythologisch und PoesiePoesie werden hier als kulturelle Manifestationen verstanden, deren Wahrheit nicht so sehr eine faktische ist, sondern die uns die Sitten und Gebräuche früherer Epochen und anderer Räume erschließen. Einen zentralen Stellenwert bei der Konstitution von Kultur nimmt für VicoVico, Giambattista die ReligionReligion, religiös ein. Damit greift VicoVico, Giambattista Gedankengängen vor, wie sie dann im 19. Jahrhundert von SchellingSchelling, Friedrich W.J. und BachofenBachofen, Johann J.10 fortgeführt werden. KunstKunst, Kunstwerk (Kultur III → Kap. 1) wird als expliziter Ausdruck von gelebter Kultur verstanden. Nicht ihre philologische Erschließung, sondern ihre kulturwissenschaftliche Auswertung als Quelle steht im Mittelpunkt.
Anders als im philosophischen DiskursDiskurs über den MythosMythos, Mythologie, mythologisch, wie er im deutschsprachigen RaumRaum Tradition hat, wird dieser nicht so sehr als ein frühes, primitives geistiges Produkt analysiert, sondern im Hinblick auf seinen kulturellen und gesellschaftlichenGesellschaft, gesellschaftlich Verweischarakter. Der MythosMythos, Mythologie, mythologisch erscheint hier als ein sinnstiftendes Prinzip kultureller PraktikenPraktiken, der alltäglichen wie der rituellen. Seine Wahrheit besteht weder in seinem Welterklärungswert noch in seiner Bezugnahme auf eine einmalige historische Realität, sondern in seiner kulturellen FunktionFunktion. Dass die „Geschichten der Heroen“11 wahr sind, könnte man heute auch dahingehend interpretieren, dass diese die jeweilige Kultur begründen.
Bei VicoVico, Giambattista ist ein Blick bereits ausgebildet, den man als ethnographisch bezeichnen kann. Dabei wird der MythosMythos, Mythologie, mythologisch zu einem Schlüssel, der uns fremde Kultur – hier eine fremde Kultur in der ZeitZeit, nämlich die vorklassische, ‚barbarische‘ griechische Kultur – näher bringt. In den Mythen werden auch jene drei FunktionenFunktion in der Kultur benannt, die VicoVico, Giambattista als charakteristisch für jedwede Art von Kultur ansieht. Sie bilden die Grundelemente aller menschlichen Kultur. Ihre Herkunft leitet VicoVico, Giambattista aus der Epiphanie des Göttlichen, aus „den göttlichen Dingen“12 ab, über die die Welt des MythosMythos, Mythologie, mythologisch berichtet. Ganz offenkundig werden sie in VicosVico, Giambattista allegorischer Mythen-Deutung als gleichnishafte Darstellungen allgemeiner Sachverhalte und abstrakter Begriffe verstanden. Diese werden in der „Neuen Wissenschaft“ im rhetorischen Stil, wie ihn die Renaissance hervorgebracht hat, mnemotechnisch allegorisiert und sichtbar gemacht. VicosVico, Giambattista neue „kritische KunstKunst, Kunstwerk“ möchte die philologische Methode kritisch hinterfragen und zugleich die Philosophie für jene dunklen Themen öffnen, die ihr bislang verschlossen geblieben ist. Sie begreift sich als eine Lehre „von all den Dingen, die vom menschlichen Willen abhängen, wie die GeschichteGeschichte der Sprachen, der Sitten und der Ereignisse, sowohl im Krieg wie im Frieden der Völker“.13
Das erste Grundelement der Kultur ist nach VicoVico, Giambattista die Ehe. Sie stellt gleichsam das symbolische BandBand, symbolisch zwischen den Lebenden und den Geschlechtern dar. Mit ‚Ehe‘ ist hier nicht nur die FunktionFunktion des Vertraglichen, sondern auch der ganze SymbolismusSymbolismus und das RitualRitual, der feierliche Akt als solcher gemeint. Er wird in VicosVico, Giambattista Bildkomplex durch das Feuer auf dem Altar, durch die Fackel, durch Wasser und Feuer versinnbildlicht. Er gilt als göttliche Zeremonie, womit auch erklärlich wird, dass dieses symbolische BandBand, symbolisch, dessen Stiftung den Göttern zugesprochen wird, nicht so ohne Weiteres auflösbar ist.
Das zweite Grundelement der Kultur ist das Begräbnis, das symbolische BandBand, symbolisch zwischen Lebenden und Toten. Es korrespondiert mit dem Bildkomplex der Aschenurne und der Inschrift und beschwört die Unsterblichkeit der Seelen. Es verweist auf jenen Themenkomplex, der in den Kulturwissenschaften unserer Tage mit dem Thema GedächtnisGedächtnis und ErinnerungErinnerung verknüpft ist.
Das dritte Grundelement ist das symbolische BandBand, symbolisch des Eigentums, der Teilung der Felder. All diese Grundelemente haben einen funktionalen und einen symbolischen Aspekt.14 Nur in diesem untrennbaren Konnex entfaltet sich ihre suggestive Kraft, jene kulturelle Energie, denen sich die Menschen einer Gemeinschaft unterwerfen. Der SymbolismusSymbolismus dieser feierlichen DingeDinge umreißt den kulturellen Aspekt (Kultur II), der Vertrag den sozialen (GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich). Der selbstverständliche RaumRaum dieses Geschehens wäre die Gesamtkultur (Kultur I → Kap. 1).
In eine moderneModerne, modern, -moderne SpracheSprache übersetzt, stellt die erste FunktionFunktion paradigmatisch den synchronenSynchronie, synchron Aspekt jeder Kultur dar, eben das symbolische BandBand, symbolisch zwischen den Lebenden, das durch die Geschlechterbeziehung seine prominenteste und exponierteste, ‚tiefste‘ Formgebung erhält. Es stiftet Zusammenhang und IdentitätIdentität und weist so über die rein funktionale Absicht hinaus. Dass dieses Bedürfnis auch in modernen Gesellschaften fortlebt, kann man sich an zwei Beispielen anschaulich machen. Das erste betrifft die Forderung homosexueller Gruppen in den westlichen Gesellschaften nach einer symbolischen Anerkennung homosexueller Paare in Form der Ehe. Diese Forderung hat, von der praktischen Seite (Erbschaft, Steuer) einmal abgesehen, mit der kulturellen Anerkennung und dem sozialen Prestige der traditionellen Ehe zu tun, die sie ungeachtet oder gerade trotz ihrer unverkennbaren Krisensymptome noch immer zu besitzen scheint. Aber ganz offenkundig besteht in Kulturen ein Bedürfnis, der eigenen LebenspraxisLeben, Lebens-, -leben Gültigkeit zu verschaffen und sie symbolisch-mythisch zu bearbeiten. Nur so ist es zu erklären, dass auch unverheiratete Paare ganz eigene private RitualeRitual entwickeln, um ihre Zusammengehörigkeit jenseits staatlicher Beglaubigung einander zu versichern und zu verbürgen.
Die zweite FunktionFunktion verweist auf den diachronenDiachronie, diachron Aspekt von Kultur und symbolisiert den Umgang mit dem Tod, darüber hinaus auch den Umstand, dass Kultur etwas darstellt, das den Tod des Einzelnen übersteigt. Hier ist ein wichtiger Unterschied zwischen den sich überschneidenden Begriffskomplexen ‚Kultur‘ und ‚GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich‘ auffällig: Während ‚Gesellschaft‘ in den Sozialwissenschaften vornehmlich als ein abstraktes, ausdifferenziertesAusdifferenzierung, ausdifferenziert, funktionales synchrones Gebilde angesehen wird (in dem Tradition allenfalls ein Faktor unter vielen ist), als ein System, das nicht selten als Maschine metaphorisiert wird, enthält ‚Kultur‘, jedenfalls in klassischen Konzepten wie in jenen VicosVico, Giambattista, HerdersHerder, Johann G. oder GoethesGoethe, Johann W. eine gegenläufige Konnotation: Kultur wird als konkretes, holistischesholistisch, organisches Gebilde verstanden, das eine unverzichtbare diachroneDiachronie, diachron Achse besitzt. Im Unterschied zu Gesellschaft ist Kultur stets als eine Gemeinschaft von Lebenden und Toten imaginiert. In jeder katholischen Messe wird die Anwesenheit der verstorbenen Mitglieder der Gemeinde angerufen und imaginiert. Das symbolische BandBand, symbolisch zwischen Lebenden und Toten hat eine strukturellStruktur, strukturiert, strukturell religiöseReligion, religiös und mythische Dimension. Das Erinnern und Gedenken steht von daher nicht umsonst im ZentrumZentrum heutiger Kulturwissenschaften. Es verbürgt und beschwört die kollektive IdentitätIdentität einer kulturellen Entität (Familie, Stamm, Volksgruppe, NationNation, Nationalismus, national, Großkultur). Kultur meint jene Dimension des LebensLeben, Lebens-, -leben, die wir selbstverständlich vorfinden. Wir sind nicht in die Welt geworfen,15 wir sind in eine Welt geraten, die immer schon eine kulturelle ist. Keine Generation muss Kultur neu erfinden. TechnikenTechnik, -technik, PraktikenPraktiken, ErzählungenErzählung(en), Einrichtungen – sie sind alle bereits vorhanden. Wenigstens potenziell überdauert die Kultur den Einzelnen. Vermutlich wird in 100 Jahren keiner der heute lebenden Menschen in Deutschland oder Österreich oder sonst wo noch am LebenLeben, Lebens-, -leben sein. Aber wir gehen von der Möglichkeit aus, dass die kulturelle Entität ‚Deutschland‘ oder ‚Österreich‘ oder die ‚Fidschi-Inseln‘ Bestand hat. Natürlich werden die Menschen in diesem geographischen wie symbolischen RaumRaum (symbolischer) ihre jeweilige Kultur verändert haben, aber zumindest leben wir in der Erwartung, dass es auch dann noch Deutsche, Österreicher und Fidschi-Insulaner geben wird. Zwischen diesem Versprechen der Kultur als Garant stabiler, die ZeitenZeit überdauernder Identität und der realen Wandlungsfähigkeit von kulturellen Gemeinschaften besteht gerade im Hinblick auf eine wandlungsfreudige ModerneModerne, modern, -moderne eine gewisse Kluft.
Verläuft der Wandel indes zu dramatisch, dann sind mit einiger Gewissheit Reaktionsbildungen zu erwarten, die die jeweilige IdentitätIdentität sicherstellen. Die kulturkritischen Reaktionen auf die GlobalisierungGlobalisierung, global stellen zweifelsohne einen solchen Reflex symbolischer Selbstversicherung dar. Mythische Gesellschaften lassen sich dadurch kennzeichnen, dass ihre ErzählungenErzählung(en) mehr implizit als explizit kulturellen Wandel zu unterbinden versuchen. Die Wiederholung der zentralen mythischen Geschichten bezieht sich auf die Beschwörung der mit ihnen einhergehenden alltäglichen Sitten und Gebräuche, aber auch auf die festlichen Zentralereignisse (Initiation, Bestattung, Hochzeit).
In jedem Fall darf man die ‚göttliche‘ Stiftung und Einrichtung des Begräbnisses nicht nur in einem engen Sinn begreifen. Der moderneModerne, modern, -moderne Totenkult umfasst zum Beispiel die säkularen Heiligenkalender, sprich Geburts- und Todestage der jeweiligen Großen und Größen der NationNation, Nationalismus, national, Straßennamen, Briefmarken, Photos, Filme, sämtliche Formen von Archiven, Museen und Bibliotheken, die feierliche Bezeichnung von bestimmten Orten, Bücher, Dokumentationen – die Liste ließe sich fast beliebig fortsetzen.
Aber auch das Band der Ehe steht für eine ganze Reihe von Verbindungen, die geregelt und symbolisiert sind. Wie wir bei Sigmund FreudFreud, Sigmund gesehen haben (→ Kapitel 2), beinhaltet dieses symbolische BandBand, symbolisch der GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich auch ganz bestimmte Regeln des Ausschlusses: Nicht jeder darf jeden heiraten (Inzest, Exklusion von HomosexualitätHomosexualität, homosexuell → Kap. 2). Das Verhältnis von Ehe, Liebe und SexualitätSexualität ist ebenso geregelt und bestimmt wie der AlltagAlltag, Alltagskultur, Alltags- des intersexuellen ZusammenlebensLeben, Lebens-, -leben: die Organisation von Intimität und Öffentlichkeit, von Arbeit und Kindererziehung und Etliches mehr.
Was die exogame Ehe als symbolische Hilfskonstruktion überbrückt, ist FremdheitFremdheit in der eigenen Klein- oder Großkultur: zum einen die Fremdheit der Geschlechter, zum anderen aber die Fremdheit einander zunächst unbekannter Menschen, Familien und Sippen. Die Ehe ist aber auch deshalb ein kulturelles Grundelement, nämlich insofern, als die binäre Opposition der Geschlechter in allen Kulturen dieser Welt das tragende Bauelement der soziokulturellen Architektur darstellt. Es gab vom Amazonen-MythosMythos, Mythologie, mythologisch bis zum radikalen FeminismusFeminismus immer wieder das Bestreben, dieses soziale Band der Geschlechter zu zerschneiden. Damit einher geht die auf den Amazonen-Mythos zurückgehende Utopie einer klaren und kompromisslosen Trennung der Geschlechter, die einigermaßen endgültig getrennt voneinander in verschiedenen Stadtteilen leben sollten.
Die dritte FunktionFunktion kombiniert den synchronenSynchronie, synchron und den diachronenDiachronie, diachron Aspekt und symbolisiert die Eigentumsverhältnisse. Vermutlich lässt sie sich von den beiden anderen Grundfunktionen ableiten. Eigentumsverhältnisse ändern sich, weil Menschen, die vorher voneinander getrennt waren, miteinander ein symbolisches BandBand, symbolisch (Ehe) eingehen. Eigentumsverhältnisse ändern sich, weil Menschen sterben, Häuser, GeldGeld oder Felder dabei übrig bleiben. Die Veränderungen, die durch die beiden ersten Grundelemente notwenig bewirkt werden, bedürfen klarer, verlässlicher Spielregeln und entsprechender symbolischer Formgebungen und Sinnstiftungen. Auch hier wird sichtbar, dass Kultur das Versprechen von Stabilität oder, anders gewendet, die Drohung der Unentrinnbarkeit in sich trägt. Sobald Kultur einmal gestiftet ist, wirkt sie zunächst konservativkonservativ. Kultur ist also tendenziell etwas, was die LebenszeitLeben, Lebens-, -leben des einzelnen Menschen überdauern will.
VicosVico, Giambattista Einfluss auf die Kulturgeschichte und die Kulturwissenschaften ist bis heute latent vorhanden, gleichsam unterirdisch spürbar. Er gilt als Begründer der Kulturgeschichte und als Vorläufer der Ethnologie. Als erster hat VicoVico, Giambattista den Kontrast der Wissenschaftskulturen präzise beschrieben und hat auch Gedankengänge von Rousseau und HerderHerder, Johann G., sowie der RomantikRomantik und des HistorismusHistorismus vorweggenommen. Zur Eigenart der auf ihn gründenden Kulturtheorie gehört ihr höchst eigenartiger Konnex mit der Geschichtsphilosophie. Der panoramische Blick auf die Kulturen, die als eine Größe im RaumRaum und in der ZeitZeit bestimmt werden, scheint zur geschichtsphilosophischen Spekulation einzuladen. Wenn es stimmt, dass die schiere Existenz miteinander inkompatibler Kulturen zum RelativismusRelativismus, relativ führt, dann besteht im DiskursDiskurs über Kultur und nicht erst in einem radikalen KulturalismusKulturalismus, -kulturalismus strukturellStruktur, strukturiert, strukturell die Möglichkeit, das GeschichtsbildGeschichtsbild der eigenen Kultur radikal in Frage zu stellen: Das ist mit dem Eintritt in jene so schön mehrsinnige ‚Neuzeit‘ die Idee des FortschrittsFortschritt. Schon bei VicoVico, Giambattista ist ein kontrastives Geschichtsbild zur nachfolgenden AufklärungAufklärung, aufklärungs- vorgezeichnet.
VicosVico, Giambattista neue Wissenschaft möchte der Philosophie neue Themen erschließen und die klassische Philologie dadurch zur „Form der Wissenschaft“ zurückführen, auf dass sie den „Plan einer ewigen idealen GeschichteGeschichte entdeckt“, nach der die Geschichten aller Völker in der ZeitZeit verlaufen. Diesen Plan identifiziert HerderHerder, Johann G. mit dem theologisch besetzten Begriff der „Vorsehung“. Die GeschichteGeschichte aller Völker – und hier nimmt VicoVico, Giambattista entscheidende Gedanken späterer Denker wie HerderHerder, Johann G., SpenglerSpengler, Oswald oder ToynbeeToynbee, Arnold J. vorweg – verläuft nach dem Schema von Aufstieg, FortschrittFortschritt, Verfall und Ende.16 Bei HerderHerder, Johann G. wird, wie wir noch sehen werden, dieser Zyklus, den einzelne Kulturen durchlaufen, in einer organischen Metaphorologie gefasst: Alle Völker, aber auch Partikularkulturen durchlaufen „eine Periode des Wachstums, der Blüte und der Abnahme“.17
Zugleich aber findet sich bei VicoVico, Giambattista noch ein anderes, auf antike Denkmuster zurückzuführendes geschichtsphilosophisches Konzept, das die Idee der ewigen Wiederkehr modifiziert. Es ist die Idee der drei Stadien, und sie führt vom Zeitalter der Götter (Stadium 1) über das Zeitalter der Heroen (Stadium II) zum Zeitalter der Menschen (Stadium III). Damit einher geht eine Abfolge von Sprachen – die SpracheSprache der Hieroglyphen, die Geheimsprache (Stadium I), symbolische SpracheSprache (Stadium II), die Vulgärsprache (Stadium III) – sowie eine Abfolge politischer Systeme: Die HerrschaftHerrschaft des göttlichen Orakels wird abgelöst von der aristokratischen Republik und diese wiederum von der „volksfreien Republik“ bzw. von der Monarchie.18
Mit diesem typologischen Denken finden wir uns schon ganz nahe der Gedankenwelt HerdersHerder, Johann G.. Johann Gottfried HerderHerder, Johann G. wurde 1744 in der Provinzstadt Mohrungen in Ostpreußen geboren und starb 1803 in Weimar. Nicht leicht zu sagen, was dieser Sohn eines pietistischen Kantors und Lehrers gewesen ist: Literaturkritiker, mit dem Ehrgeiz, der Nachfolger LessingsLessing, Gotthold E. zu werden, Theologe, Philosoph, Volkskundler, Autor, Verfasser eleganter und gefühliger Liebesbriefe. HerderHerder, Johann G. begann seine intellektuelleIntellektueller, intellektuell Karriere als Student der Medizin und der Theologie in Königsberg. Sein Interesse galt aber offenkundig der Philosophie und ihrem schon zu Lebzeiten berühmten Repräsentanten: Immanuel KantKant, Immanuel. Anfänglich scheint HerderHerder, Johann G. dessen glühender Anhänger gewesen zu sein; mehr und mehr ging er, nicht zuletzt unter dem Einfluss des mit ihm befreundeten Sprachphilosophen Johann Georg Hamann und intensiver Rousseau-Lektüre, auf Abstand zu dieser rationalistischen Philosophie der Spätaufklärung. Mit dieser Wende wurde HerderHerder, Johann G. einer der ersten Philosophen nach der AufklärungAufklärung, aufklärungs-.
Zunächst war HerderHerder, Johann G. als Prediger an der Domschule in Riga, 1769 geht er, 25-jährig, auf Reisen. Zu diesem Zeitpunkt weiß er noch nicht, dass es ein Abschied für immer sein wird. Aber die Erfahrungen, die er in Ostpreußen und im Baltikum gemacht hat, führt HerderHerder, Johann G. als geistiges Gepäck mit sich. Dazu gehört vor allem die Kenntnis eines mehrsprachigen und multikulturellen Ortes. Denn die Gegend, aus der HerderHerder, Johann G. stammt, ist ein kultureller Kreuzungspunkt deutscher, slawischer und baltischer Kulturen.
Die Reise führt ihn nach Deutschland, in die Niederlande und nach Frankreich. Der Aufenthalt im Land der AufklärungAufklärung, aufklärungs- war – nach der Abkehr von KantKant, Immanuel – das zweite einschneidende Erlebnis seines intellektuellenIntellektueller, intellektuell LebensLeben, Lebens-, -leben. In seinen Briefen beschreibt er die geistige Atmosphäre in der Welt der philosophes als kalt und hochmütig. Er hat Frankreich neugierig, wenn auch nicht im Überschwang betreten, er wird es als deklarierter Gegner der Aufklärung verlassen, der doch nicht von ihrem DiskursDiskurs los kommt. In Straßburg macht er die Bekanntschaft mit dem damals gänzlich unbekannten, fünf Jahre jüngeren GoetheGoethe, Johann W., die, im Nachhinein überhöht, für seinen weiteren LebenswegLeben, Lebens-, -leben entscheidend sein sollte. Nach einem kurzen Intermezzo im Fürstentum Oldenburg wird er nicht zuletzt auf Betreiben GoethesGoethe, Johann W. 1776 Generalsuperintendent in Weimar. Diese Position als höchster Repräsentant der protestantischen Kirche in einem Kleinstaat macht es ihm möglich, den eigenen intellektuellen Neigungen nachzugehen und sein Werk zu komplettieren. HerderHerder, Johann G. hat sich im Laufe seiner Karriere als Literaturkritiker, als Übersetzer und Liedersammler hervorgetan. Zu seinen wichtigsten Werken zählen die Abhandlung über den Ursprung der SpracheSprache (1770), die Streitschrift Auch eine Philosophie der GeschichteGeschichte zur BildungBildung der Menschheit (1774) sowie die Ideen zur Philosophie der GeschichteGeschichte der Menschheit (1784–1791).
Die Streitschrift von 1774, die schon im Titel den Kontrast zum Narrativ der AufklärungAufklärung, aufklärungs- hervorhebt, darf man als Summa seiner intellektuellenIntellektueller, intellektuell Erfahrungen mit dem philosophischen Frankreich lesen, auch wenn in ihr nur selten deren Vertreter genannt werden oder zu Wort kommen. Der ausrufende emotionale Tonfall der Schrift, die ihre Herkunft aus dem pietistischen Milieu schwerlich verleugnen kann, präsentiert sich rhetorisch als Gegenmodell zur kühlen IronieIronie der französischen Spätaufklärung. HerderHerder, Johann G. war ein vielfach begabter Mensch, aber er besaß keinen Sinn für Humor und IronieIronie. Auch darin ist er unglücklicherweise stilbildend für eine spezifisch deutsche Kulturtheorie geworden. Aus den Worten der Schrift sprechen Aufruhr, Anklage und Empörung. Eine Orgie von Ausrufezeichen in einem Text, der den Gestus der mündlichen Auseinandersetzung nachahmt. Als ersten Punkt in seinem Duell mit den arroganten philosophes nimmt er sich deren GeschichtsbildGeschichtsbild vor, das das MittelalterMittelalter in Bausch und Bogen als finster verwirft. HerderHerder, Johann G., der mit GoetheGoethe, Johann W. im Straßburger Münster die Gotik neu entdeckt hat, verdammt die Verdammnis dieses Mittelalters, das eine so imposante Kultur hervorgebracht hat. Dieses MittelalterMittelalter ist ein Zerrbild, eine Erfindung der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, um sich selbst ins rechte Licht zu rücken:
Wie töricht, wenn du diese Unwissenheit und Bewund[e]rung, diese Einbildung und Ehrfurcht, diesen Enthusiasmus und Kindessinn mit den schwärzesten Teufelsgestalten deines Jahrhunderts, Betrügerei und Dummheit, Aberglaub[en] und SklavereiSklaverei brandmarken, dir ein Heer von Priesterteufeln und Tyrannengespenstern erdichten will[st], die nur in deiner Seele existieren! Wie tausendmal mehr töricht, wenn du einem Kind deinen philosophischen Deismus, deine ästhetische Tugend und Ehre, deine allgemeine Völkerliebe voll toleranter Unterjochung, Aussaugung und AufklärungAufklärung, aufklärungs- nach hohem Geschmack deiner ZeitZeit großmütig gönnen wolltest!19
Es geht in diesem Text um nichts Geringeres als die Zerstörung des Selbstbildes der AufklärungAufklärung, aufklärungs-, HerdersHerder, Johann G. Schrift hält ihr sozusagen ihr wahres BildBild entgegen, und das ist alles andere als schmeichelhaft. Was HerderHerder, Johann G. an der Aufklärung so reizt, ist ihr Hochmut. Die Toleranz, auf die sich die Aufklärer so viel einbilden, ist für HerderHerder, Johann G. nichts anderes als Ausübung von MachtMacht und HerrschaftHerrschaft. Damit erinnert HerderHerder, Johann G. nicht ganz zu Unrecht an die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Toleranz“: Duldung, Erlaubnis von oben. Das Wort, das er verwendet, heißt: Gönnen. Der UniversalismusUniversalismus, so lässt sich zwischen den Zeilen lesen, bedeutet eine Missachtung anderer, zeitlich früherer oder räumlich entfernter Kulturen im Namen der sich selbst zugeschriebenen, perspektivischen intellektuellenIntellektueller, intellektuell Überlegenheit. Der Universalismus der westlichen ZivilisationZivilisation, so lautet der überraschend aktuelle Befund, trägt die Tendenz in sich, andere Kulturen zu missachten, sie nicht zu respektieren und sie zu unterdrücken. In diesem Sinn hat das Narrativ (→ Kap. 13) der Aufklärung im Zeitalter des KolonialismusKolonialismus, kolonialisiert aber auch noch im PostkolonialismusPostkolonialismus, postkolonial seine Wirksamkeit entfaltet, von der Bürde des weißen Mannes bis zur amerikanischen Mission in der Welt, wie sie etwa ein FukuyamaFukuyama, Francis20 predigt.
Zornig ist der junge Philosoph – was hier vor sich geht, ist ein klassischer Generationsbruch – aber auch auf die AufklärungAufklärung, aufklärungs-, weil sie blind ist, weil sie die Konkretheit und VielfaltVielfalt dieser Welt übergeht. Sie hat keinen Blick für die Fülle der sichtbaren Phänomene in RaumRaum und ZeitZeit. Gegen die Abstraktion seiner theoretischen Gegner setzt HerderHerder, Johann G. auf ein sinnliches Denken:
[…] ein Gewirre von Szenen, Völkern, Zeitläufen – lies erst und lerne sehen! Übrigens weiß ich’s wie du, dass jedes allgemeine BildBild, jeder allgemeine Begriff nur Abstraktion sei – der Schöpfer allein ist’s, der die ganze Einheit, einer, aller NationenNation, Nationalismus, national in ihrer Mannigfaltigkeit denkt, ohne dass ihm dadurch die Einheit schwinde.21
In der frühen Streitschrift wird bereits der Grundriss von HerdersHerder, Johann G. späterer Denkarchitektur sichtbar. So impliziert die Kritik am BildBild der finsteren Vergangenheit seitens der AufklärungAufklärung, aufklärungs- einen dezidierten historischen und kulturellen RelativismusRelativismus, relativ. Die ZeitZeit kann ebenso wenig wie der RaumRaum als ein Gradmesser für den ‚FortschrittFortschritt‘ angesehen werden. Eine gewisse Unentschiedenheit ist indes beim frühen HerderHerder, Johann G. nicht zu übersehen. Es ist nicht ganz klar, ob HerderHerder, Johann G. die Bewertung etwa des Mittelalters durch die Aufklärung konkret ablehnt oder ob er derartige Beurteilungen im Hinblick auf Kulturen generell für problematisch hält. Offenkundig beides. Daraus folgt ein zweiter Kritikpunkt: Die Aufklärung privilegiert sich historisch, sie nimmt sich zu wichtig, sie ist das OpferOpfer einer perspektivischen (Selbst-)Täuschung. Sie konstituiert sich als zeitliche Zentralperspektive, von der aus der Ablauf der GeschichteGeschichte aus konstruiert wird. In HerdersHerder, Johann G. Abrechnung mit dem UniversalismusUniversalismus spielt schon ein Motiv herein, dass heute, gerade im Bereich der Cultural StudiesCultural Studies von großer Bedeutung ist: der Vorwurf des Ethnozentrismus, der Verabsolutierung der eigenen kulturellen Werte, die zum Maßstab der Bewertung aller Kulturen erhoben werden (→ Kap. 12). Mit dem universalen Narrativ (→ Kap. 13) vom Fortschritt der Menschheit hat der Westen zum ersten Mal einen scheinbar objektivenobjektiv, Objektiv- Maßstab gefunden, an dem sich die Rückschrittlichkeit und Fortschrittlichkeit aller Kulturen ‚exakt‘ bemessen lässt. Demgegenüber beharrt HerderHerder, Johann G. darauf, dass jede Kultur ihre eigenen Maßstäbe in sich trage und nur aus diesen heraus verstanden und gewürdigt werden könne. Wiederholt kritisiert der Autor, dass seine Epoche andere, räumlich oder zeitlich entfernte Kulturen an ihren eigenen, aufklärerischen Idealen messe.
Daraus ergibt sich nahtlos ein dritter kritischer Einwand. Der im universalistischen Pathos verschwiegene Ethnozentrismus der AufklärungAufklärung, aufklärungs- ist gar nicht so tolerant, wie es den Anschein hat, wobei wie oben erläutert der Begriff der Toleranz, der Duldung, einen herrschaftlichen Gestus mit sich bringt. Das aufgeklärte Europa ist intolerant, weil es seine eigenen Werte verabsolutiert. Aus dieser Kritik erwächst viertens ein Gegenmodell, das das Verhältnis von Einheit und VielfaltVielfalt in neuer Form denkt. Gegen den abstrakten UniversalismusUniversalismus formuliert der junge Philosoph aus Mohrungen sein Lob der Vielfalt. Er tut dies programmatisch gegen eine Haupttendenz in der Aufklärung. In der Tat stellt die Kultur aus kosmopolitischer Sicht, so wie sie sich als ein Ensemble von Partikularitäten präsentiert, ein Ärgernis dar, einen überflüssigen Zaun, der eine weltweite friedliche KommunikationKommunikation verhindert. Eingestanden oder nicht, zielt der Universalismus darauf ab, Verhältnisse herzustellen, die ihm günstig sind. Die Partikularität der Kulturen stellt wenigstens auf den ersten Blick ein Hindernis für einen universalistischen Kosmopolitismus dar.
Um also das Lob der VielfaltVielfalt anzustimmen, bedarf es eines Argumentes, dass dieser Vielfalt der Einheit der Menschen keinen Abbruch tut und zugleich die kollektive SelbstbildungSelbstbildung der Menschheit befördert. An dieser Stelle vollzieht HerderHerder, Johann G. eine schroffe anthropologische und eine theoretische Wende, eine anthropologische insofern, als er von der menschlichen Unvollkommenheit und damit auch von der Unvollkommenheit der verschiedenen Kulturen ausgeht. Die Vollkommenheit, die HerderHerder, Johann G. nun, durchaus im Einklang mit der AufklärungAufklärung, aufklärungs- zumindest anstrebt, ist niemals in einer Kultur anzutreffen. Daraus ergibt sich als theoretische Begründung der Bedeutung von Vielfalt, dass Vollkommenheit, wenn überhaupt, nur in der Vielfalt der Kulturen dieser Welt zu erreichen ist. Das wäre die theoretische Wende. Das heißt also: Auch wenn man die Werte und Ziele der Aufklärung, nicht aber ihre Mittel und ihr SelbstbildSelbstbild teilt, dann muss man statt eines abstrakten UniversalismusUniversalismus, der unterschiedslos von der Menschheit spricht, einen KulturalismusKulturalismus, -kulturalismus der Vielfalt propagieren, der einzig und allein das Ziel der menschlichen BildungBildung und Vervollkommnung anvisiert. In diesem Sinn präsentiert sich HerdersHerder, Johann G. Position als eine Alternative, die nicht hinter die Aufklärung zurückfallen, sondern über sie hinaus gehen möchte. Dies bringt das umständliche, aber zugleich selbstbewusste ‚Auch‘ im Titel der Schrift zum Ausdruck: Auch der HerderHerder, Johann G.’sche Text redet einer universalen Philosophie der GeschichteGeschichte zur Bildung der Menschheit das Wort.
Der fünfte Punkt betrifft HerdersHerder, Johann G. Kritik am abstrakten Geschichtsentwurf der AufklärungAufklärung, aufklärungs-. Dieser sieht von der spezifischen kulturellen Befindlichkeit des Menschen und vom Eigensinn der Kulturen einigermaßen programmatisch ab. Die Aufklärung ist schlecht abstrakt. An dieser Stelle wird sichtbar, wie sich Kulturtheorie durch philosophische Kritik konstituiert. Denn um der Konkretheit der Kultur gewahr zu werden, bedarf es einer bestimmten Art von Theorie, einer Theorie der Kultur, die zugleich Kulturanthropologie ist. HerderHerder, Johann G. bestimmt Kultur als eine sinnliche und organische Einheit, ja als ein metaphysisches Mega-SubjektSubjekt, das wie schon bei VicoVico, Giambattista der Kreisbewegung folgt: Wachstum, Blüte, Abnahme. Diese Kultur wird wie bei SpenglerSpengler, Oswald, ToynbeeToynbee, Arnold J. oder HuntingtonHuntington, Samuel als Gesamtkomplex (Kultur I) holistisch (miss)verstanden.
In seiner Version einer BildungsgeschichteBildungsgeschichte des Menschen spielt – und das wäre die sechste und letzte Kernthese – die Unvollkommenheit des Menschen eine prominente Rolle. Die Unmündigkeit des Menschen, war nicht, wie KantKant, Immanuel in seiner AufklärungsschriftAufklärung, aufklärungs- schneidig formulierte, selbstverschuldet, sondern unverschuldet. In seinem großen Werk Ideen zur GeschichteGeschichte der Menschheit wird HerderHerder, Johann G. den Gedanken formulieren, dass es – paradox gesprochen – keine freie Entscheidung des Menschen war, frei zu sein. In Auseinandersetzung mit der Aufklärung entwirft HerderHerder, Johann G. eine Kulturanthropologie, die den Menschen nicht als ursprünglich frei und vernünftig begreift, sondern als ein Wesen, das zur Freiheit gezwungen, in die Freiheit entlassen wird.
Aus heutiger Sicht lässt sich HerderHerder, Johann G. als Theoretiker dadurch anschaulicher machen, dass man ihn mit einem Ökologen vergleicht, der den Schwund der Artenvielfalt in der NaturNatur beklagt und theoretische wie praktische Schritte setzt, die Mannigfaltigkeit der Erde zu erhalten. HerderHerder, Johann G. ist ein Ökologe der Kulturen, der die VielfaltVielfalt nicht als Hindernis, sondern als Voraussetzung für ein friedliches Miteinander sieht. Oder anders ausgedrückt: Vielfalt gilt ihm als ethischer, ästhetischer und kultureller Wert. Weltkultur bedeutet demnach Vielfalt in der Einheit, Einheit in Vielfalt (heute ein Leitspruch der Europäischen Union). Offenkundig legitimiert sich die hohe Wertigkeit der Vielfalt dadurch, dass sie Vervollkommnung ermöglicht. Aber schwierig bleibt immerhin der ethische Grenzkonflikt: Was, wenn der Wert der Vielfalt in Konflikt gerät mit anderen Werten, die wir zumeist mit den Menschenrechten in Verbindung bringen? HerdersHerder, Johann G. Kulturökologie hat praktische Folgen gezeitigt, auch bedenkliche. Der Denker auf dem philosophischen Nebengleis wurde zum Promotor der Erhaltung des Kulturguts der bedrohten, damals staatenlosen Völker etwa in Osteuropa. HerderHerder, Johann G. geht es aber nicht so sehr darum, diese zum politischen SubjektSubjekt zu erheben, sondern vielmehr um die Rettung untergehender Volkskulturen, deren Produkte liebevoll gesammelt werden, um sie dem Vergessen zu entreißen. Im ZentrumZentrum steht die Sammlung ihrer Liedkultur und die Bewahrung ihrer SpracheSprache. Mit dieser Geste nimmt HerderHerder, Johann G. vorweg, was Heerscharen von Volkskundlern, Sprach- und Märchenforschern im 19. Jahrhundert tun werden. Ihre emsige philologische Sammeltätigkeit geht Hand in Hand mit jenem kulturellen Projekt, das wir mit Benedict AndersonAnderson, Benedict als Erfindung der NationNation, Nationalismus, national bezeichnen können.22 NietzscheNietzsche, Friedrich hat diese antiquarischen Historiker in seinen Unzeitgemäßen Betrachtungen mit bösem Spott übergossen, aber er hat vergessen, welch eminent un-antiquarische und durchaus unselige Wirkungen diese Kultur- und Volksökologen gehabt haben.23 HerderHerder, Johann G. und auch schon VicoVico, Giambattista sind von der inneren Einheitlichkeit (Homogenität) von Kulturen ausgegangen. Vielfalt von Kulturen gibt es immer nur auf einer globalenGlobalisierung, global Ebene; die einzelnen nationalen Kulturen, historische und geographische Versionen von Kultur I, werden mehr oder weniger als kompakt angesehen. Der Begriff Volksseele wurde eigentlich erst nach HerderHerder, Johann G. geprägt, aber er bildet das unausgesprochene ZentrumZentrum von HerdersHerder, Johann G. Kulturkonzept. In dieser Metaphysik verschmilzt der Begriff Kultur und Volk zur meta-politischen Kategorie des Kulturvolkes. Jedes von ihnen ist unverwechselbar und klar abgegrenzt vom jeweils anderen. Nur so kann die einzelne Kultur einen Beitrag zur gesamten menschlichen Kultur leisten.
Hier kommt ein gewisser Systemzwang zum Tragen. Denn es ist gerade der metaphysische Aspekt von HerdersHerder, Johann G. Kulturtheorie, der es ihm möglich macht, seinen Kulturrelativismus mit der großen ErzählungErzählung(en) von FortschrittFortschritt, BildungBildung und Humanität zu versöhnen. Die einzelnen Kulturen, die wie Subjekte agieren, sind in sich unteilbar und von einer unerhörten Beharrlichkeit. HerderHerder, Johann G. ist ein Vertreter von AufklärungAufklärung, aufklärungs- und HumanismusHumanismus, insofern er seine Kulturtheorie mit dem Humanismus der Aufklärung letztendlich versöhnt.
Dass dies nicht immer leicht vonstatten geht, zeigt der Kulturvergleich zwischen den Einwohnern Feuerlands und der Kultur, die einen Newton oder einen Fenelon hervorgebracht hat. Es gibt nur eine Menschheit, aber diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie in einer Vielheit von Kulturen lebt:
[…] so ist der Mensch im Irrtum und in der Wahrheit, im Fallen und Wiederauferstehen Mensch, zwar ein schwaches Kind, aber doch ein Freigeborner: wenn noch nicht vernünftig, wenn noch nicht zur Humanität gebildet, so doch zu ihr bildbar. Der Menschenfresser in Neuseeland und Fenelon, der verworfene Pescherei (ein Indianer aus Feuerland, Anm. d.Verf.) und Newton sind Geschöpfe Einer und derselben Gattung.24
Wie erklärt sich HerderHerder, Johann G. nun diese Multikulturalität im globalenGlobalisierung, global Maßstab? Eine Rechtfertigung dieser VielfaltVielfalt haben wir bereits gehört, ihr Beitrag zur Perfektion des Menschen: friedlicher Wettkampf der Völker um das gleiche humane Ziel. Aber dies lässt sich nur von einem übergeordneten, universalen Standpunkt außerhalb der einzelnen Kultur sagen. Dieses Ziel ist nicht Teil einzelkultureller Selbstbegründung. Immerhin lassen sich – praktisch und handfest – Gründe angeben, warum Kulturen in dieser Welt in verschiedenen Versionen und Variationen entstanden sind. HerderHerder, Johann G. führt insgesamt drei Gründe an:
Ethnische VielfaltVielfalt ergibt sich aus der DifferenzDifferenz der Klimata und LebensbedingungenLeben, Lebens-, -leben.
Ethnische VielfaltVielfalt ergibt sich aus dem unterschiedlichen Grad der menschlichen Entwicklung.
Ethnische VielfaltVielfalt ist das Resultat der Unvollkommenheit des Menschen.
Retrospektiv ließe sich sagen, dass die vormodernenModerne, modern, -moderne Kulturen nicht über die medialen, administrativen und polizeilich-militärischen Möglichkeiten verfügten, um immer größere Räume sprachlich und kulturell zu vereinigen. Heute ist die Schaffung einer monokulturellen Menschheitskultur, Hoffnung für die einen, Horror für die anderen, technisch besehen machbar. Sehr wahrscheinlich ist sie, ungeachtet gewisser Nivellierungstendenzen, nicht. Nicht nur ist, wie schon mehrfach erwähnt, mit kulturellen Gegenbewegungen zu rechnen, die wir ja bereits heute übrigens nicht nur in der islamischen Welt am Werk sehen. Zum anderen hat ‚Kultur‘ in all ihren Bedeutungsvarianten eine so furchtbare wie fruchtbare FunktionFunktion: Durch und nur durch Kultur, d.h. durch die Ausbildung je eigener Symbole, kann DifferenzDifferenz gesetzt werden, jene Form von Differenz, die den Bestand von IdentitätIdentität und Identitäten garantiert, von Jugendkulturen bis zu den Manifestationen von ganzen Bevölkerungsgruppen und von Angehörigen bestimmter NationenNation, Nationalismus, national.
Kulturen sind also verschieden, und weil wir verschieden sein wollen, gibt es singuläre Kulturen. HerderHerder, Johann G. betont die Selbstgenügsamkeit der Kultur und die Autonomie jeder Binnenkultur:
[…] jede NationNation, Nationalismus, national hat ihren Mittelpunkt der Glückseligkeit in sich, wie jede Kugel ihren Schwerpunkt!25
Mit dem Glück kommt indes ein neues Kriterium ins Spiel, ein Kriterium, dessen moralische Qualität der strenge Philosoph aus Königsberg in Abrede gestellt hat, das aber im KontextKontext der französischen AufklärungsphilosophieAufklärung, aufklärungs- – man denke etwa an VoltairesVoltaire Candide (→ Kap. 2) – eine zentrale Rolle spielt: die bonheur. An diesen DiskursDiskurs anschließend stellt HerderHerder, Johann G. die riskante These auf, dass die Beschränktheit, die jeder Kultur eigentümlich ist, glücklich macht. HerdersHerder, Johann G. Wertschätzung der kulturellen VielfaltVielfalt ist mit dem Lob partikularer Borniertheit verquickt. Aus olympischer, d.h. unbeteiligter Perspektive – Kulturtheorien wie jene HerdersHerder, Johann G. und später SpenglersSpengler, Oswald bevorzugen diesen narrativen Aussichtspunkt – mag es schon sein, dass der kulturelle Wettbewerb anspornt. Aber aus dem Blickfenster der singulären Kultur ist die glückselig machende Selbstgenügsamkeit mit der Exklusion erkauft, mit der realen („Ausländer raus“), aber auch mit der symbolischen in Gestalt jener diskriminierenden Fremdbilder, die im Deutschen den etwas missverständlichen Namen „Vorurteile“ tragen (so als handle es sich um einen vorschnellen Akt, der sich rational aufklären ließe). HerdersHerder, Johann G. Argumentation mündet in fataler Konsequenz und ganz ironisch in ein Lob der Dummheit ein, wie sie jedem PartikularismusPartikularismus eigen ist:
Das Vorurteil ist gut, zu seiner ZeitZeit: denn es macht glücklich. Es drängt Völker zu ihrem Mittelpunkt zusammen, macht sie fester auf ihrem Stamme, blühender in ihrer Art, brünstiger und also auch glückseliger in ihren Neigungen und Zwecken. Die unwissende, vourteilendste NationNation, Nationalismus, national ist in solchem Betracht oft die erste: das Zeitalter fremder Wunschwanderungen und ausländischer Hoffnungsfahrten ist schon Krankheit, Blähung, ungesunde Fülle, Ahndung des Todes.26
Wenn das Glück einer partikularen Kultur, die ja nicht selten das Unglück einer anderen mit sich bringt, zum Maßstab wird, dann gibt es keinen Maßstab mehr: Das nazistische ‚Glück‘ der Deutschen war das Unglück ihrer Nachbarn und des europäischen Judentums, das ‚Glück‘ der Kolonialherren das Unglück der kolonialisiertenKolonialismus, kolonialisiert Völker. KantKant, Immanuel hatte vermutlich übertrieben, als er das Glück per se als unmoralisch verwarf, er war aber sehr wohl im Recht, als er bestritt, dass das Glück eine moralische Kategorie darstellt.
Es gibt nicht einen Theoretiker HerderHerder, Johann G., es gibt deren mindestens zwei: einen, der seine Kulturtheorie in Einklang mit dem humanistischen DiskursDiskurs seiner ZeitZeit zu bringen trachtet, und einen anderen, der das Loblied auf das Glück von PartikularismusPartikularismus, Ethnozentrismus und Selbstgenügsamkeit singt. Einen HerderHerder, Johann G., der sich für die VielfaltVielfalt der Kulturen stark macht und einen, der diese Vielfalt innerhalb der singulären Kulturen ignoriert. Die DekonstruktionDekonstruktion hat uns beigebracht, unser Hauptaugenmerk nicht auf die Konsistenz und innere Stimmigkeit von Texten zu legen, sondern auf ihre Brüche.
Betrachten wir vor diesem Hintergrund HerdersHerder, Johann G. Kulturanthropologie, in der anthropologische und philosophische Gesichtspunkte miteinander verschmelzen. Letztendlich bildet – argumentativ ganz verschieden von FreudFreud, Sigmund, aber strukturellStruktur, strukturiert, strukturell ganz ähnlich – die Anthropologie bei HerderHerder, Johann G. das Fundament seiner Kulturtheorie. HerdersHerder, Johann G. zentraler Befund lautet: Der Mensch kommt phylogenetisch wie ontogenetisch nicht fertig auf die Welt. GeschichteGeschichte ist daher immer schon eine BildungsgeschichteBildungsgeschichte des Menschen. Freiheit wird aus Not geboren: Denn schon HerderHerder, Johann G. zeichnet den Menschen, auch wenn er den Ausdruck (noch) nicht gebraucht, als ein sinnliches Mängelwesen. Der Mensch macht aus der Not eine Tugend und das Kind, das dieser Not entspringt, ist eben die Freiheit.
Kultur, und hier vor allem die SpracheSprache, deren expressive und emotive FunktionFunktion HerderHerder, Johann G. hervorhebt, wird als MediumMedium der Selbstentfaltung begriffen. Wie die betreffende Kultur, so existiert auch der Mensch nicht abstrakt, sondern immer in seiner Einmaligkeit, nur als Thema mit unendlicher Variationsbreite in einem unverwechselbaren, je eigenen konkreten und historischen KontextKontext. Auch in seiner Kulturanthropologie versucht HerderHerder, Johann G., zwei NarrativeNarrative (→ Kap. 13) miteinander zu versöhnen: das lineare Fortschrittsnarrativ, das hier in der Variante der Erziehungs- und BildungsgeschichteBildungsgeschichte auftaucht (LyotardLyotard, Jean F. zufolge ist dies die deutsche Variante der großen ErzählungErzählung(en) der AufklärungAufklärung, aufklärungs-27), mit dem ‚labyrinthischen‘ Narrativ von VielfaltVielfalt und Relativität. Während also die Menschheitskultur, die es stets nur im Plural gibt und niemals als globaleGlobalisierung, global Monokultur, letztendlich doch dem Vektor des FortschrittsFortschritt folgt, bewegen sich die singulären Kulturen in einer Kreisbewegung. Ihr Untergang schafft RaumRaum für neue Kulturen, die den Fortschritt vorantreiben. Das lineare (besser vektoriale) und das zyklische BildBild von GeschichteGeschichte und Kultur stehen unvermittelt nebeneinander.
Letztendlich triumphiert aber die Idee des Wandels und der BildungBildung über das Lob einer in sich beharrenden Selbstgenügsamkeit. Der Mensch ist ein gewordenes Wesen, das stets im Wandel befindlich ist. HerderHerder, Johann G. plädiert, unter Zuhilfenahme der Etymologie auf eine Vernunft, die das Konkrete vernimmt und die mehr ist als bloße Zweckrationalität, das, was Max HorkheimerHorkheimer, Max viel später als „instrumentelle Vernunft“ bezeichnen wird:
Hieraus erhellet, was menschliche Vernunft sei: ein Name, der in den neuen Schriften so oft als ein angebornes Automat gebraucht wird und als solches nichts als Mißdeutung giebet. Theoretisch und praktisch ist Vernunft nichts als etwas Vernommenes, eine gelernte Proportion und Richtung der Ideen und Kräfte, zu welcher der Mensch nach seiner Organisation und LebensweiseLeben, Lebens-, -leben gebildet worden […] die Vernunft des Menschen ist menschlich.28
Die Vernunft HerdersHerder, Johann G. ist dynamisch und plastisch. HerdersHerder, Johann G. Vorliebe für das Konkrete und für die kulturelle VielfaltVielfalt bedingen einander. Der Vernunft der AufklärungAufklärung, aufklärungs- in ihrer Hauptströmung fehlt dieses kulturelle Sensorium HerderHerder, Johann G. zufolge. Mit der Philosophie der Aufklärung und gegen den faktischen frühkolonialistischen RassismusRassismus, Rasse seiner ZeitZeit geht HerderHerder, Johann G. davon aus, dass es nur eine Menschheit gibt, aber die Menschheit kommt nur in der Vielheit vor. Der Mensch, Produkt und Produzent von Kultur, ist von NaturNatur aus ein physisch schwaches Wesen („zur zartesten Gesundheit“), das seine Schwäche durch Kultur, um einen Ausdruck von Arnold Gehlen zu verwenden, kompensiert. Die hohe Sensitivität des Menschen, die für das Phänomen Kultur eine entscheidende Rolle spielt, ist das Ergebnis seiner langen natürlichen und kulturellen Geburt (der Biologe Adolf PortmannPortmann, Adolf wird den Menschen später als Nesthocker beschreiben29).
Das menschliche Kind kommt schwächer auf die Welt, als keins der Tiere: offenbar weil es zu einer Proportion gebildet ist, die im Mutterleibe nicht ausgebildet werden konnte.30
Der Mensch, und das ist bemerkenswert neu, wird als ein Wesen verstanden, das unfertig auf die Welt kommt. Diese Unvollkommenheit ist die eigentliche Ursache für Kultur: für die SymbolbildungSymbolbildung durch die SpracheSprache. Durch die Kultur schafft sich der Mensch ein zweites Mal: Der Mensch ist ein künstliches Wesen.
Wie schon bei VicoVico, Giambattista ist auch bei HerderHerder, Johann G. ein merkwürdiger Widerspruch vorherrschend: Einerseits gibt es da, vor allem bei HerderHerder, Johann G., eine durchaus irdische Vorstellung vom Menschen, ja fast so etwas wie einen kulturellen MaterialismusMaterialismus, andererseits operiert seine anthropologisch untermauerte Kulturtheorie mit einer Metaphysik, die noch immer mit der göttlichen Vorsehung rechnet: HerdersHerder, Johann G. „List der Vernunft“ ist die VielfaltVielfalt. Die Vielfalt der Kultur.
HerderHerder, Johann G. ist fasziniert von der Volkskultur, gerade von fremden Sprachen und der Polyglossie seiner Heimat. Er sammelt das Fremde in der eigenen Kultur und den Nachbarkulturen. Der Philosoph aus der PeripheriePeripherie ist ein Metaphysiker der Popularkulturen seiner ZeitZeit. Den MythosMythos, Mythologie, mythologisch, der in der Kulturtheorie so eine prominente Rolle spielt, feiert er als Vereinigung von PoesiePoesie und ReligionReligion, religiös. Er, der Liebhaber des Ossian, den er wie viele andere auch für echt hält, sieht in der Volkskultur das Echte, Ursprüngliche, Authentische. Gefeiert wird das Gefühl, das stets dem Konkreten zugewandt ist und das noch nicht in den Sog irrationalistischer Theoreme geraten, sondern mit der Vernunft verbunden ist. All diese Momente haben HerderHerder, Johann G. unter veränderten kulturellen, politischen und geistigen Gegebenheiten zu einer wichtigen intellektuellenIntellektueller, intellektuell Bezugsgröße für die Erfinder der ‚uralten‘ NationenNation, Nationalismus, national in Europa gemacht, die beim Lauschen der alten Weisen das neue Gefühl des Nationalismus, eine Kultur, die programmatisch partikularistisch ist, erprobt und realisiert haben.
Volkskultur ist für HerderHerder, Johann G. aber nicht nur eine ursprüngliche Kultur, sondern eine Kultur gegen die Unterdrückung. HerderHerder, Johann G. darf man sich nicht als einen politischen Reaktionär und preußischen Krautjunker vorstellen, er war selbst eher ein ‚Progressiver‘, kein Nationalist, wenigstens nicht im heutigen Sinn; seine Liebe als Sammler und Kulturökologe galt den sogenannten staatenlosen Kulturen Osteuropas (Polen und dem Baltikum), die von Preußen unterdrückt und dominiert wurden. HerderHerder, Johann G. war ein scharfer Kritiker von KolonialismusKolonialismus, kolonialisiert und SklavereiSklaverei:
Je mehr wir Europäer Mittel und Werkzeuge erfinden, euch andern Weltteile zu unterjochen, zu betrügen und zu plündern – vielleicht ist es einst eben an euch zu triumphieren.31
Mit scharfen Worten attackiert er etwa den Genozid an den slawischen Pruzzen durch die deutschen Ordensritter im Gefolge der Kolonisation in Osteuropa, die sich den Namen der von ihnen Ermordeten aneigneten.
Wenn HerdersHerder, Johann G. Kulturtheorie – vorsichtig formuliert – gleichwohl reaktionären, nationalistischen und protofaschistischen Denkern den Weg bahnte, dann lässt sich das schwerlich aus der Intention, sondern viel eher aus den Widersprüchen, AmbivalenzenAmbivalenz und Unentschiedenheiten seines Denkens ableiten. Der Widerspruch zwischen UniversalismusUniversalismus und KulturalismusKulturalismus, -kulturalismus, um den sein Denken kreist, ist bis heute ein theoretisches und praktisches Problem geblieben. So verstummt unser Lob der kulturellen DifferenzDifferenz, wenn uns die betreffende Kultur als gewalttätig, frauenfeindlich und undemokratisch erscheint. Im Spannungsfeld des Respekts für andere Kulturen und des Insistierens auf Menschenrechten ist eine dritte Position zu formulieren, die die verschiedenen Kulturen durch das gemeinsame Band einer weltweiten Zivilgesellschaft verbinden will und abweichende Interpretationen ebendieser Menschenrechte konzediert. Ob diese Kompromissformeln tragfähig sind, bleibt abzuwarten. Aber in all diesen Debatten murmelt, um einen Ausdruck FoucaultsFoucault, Michel zu gebrauchen, die Stimme HerdersHerder, Johann G. mit und nach.
HerderHerder, Johann G. ist einer der einflussreichsten Denker im KontextKontext von Nachaufklärung und ModerneModerne, modern, -moderne, wie der folgende Überblick illustriert:
RomantikRomantik: Neue MythologieMythos, Mythologie, mythisch, Volkslied, Volksmärchen, PopularkulturPopularkultur,
HistorismusHistorismus (Ranke: Alle Epochen sind gleich zu Gott),
NationalismusNation, Nationalismus, national und KommunismusKommunismus,
Konservative Revolution (Oswald SpenglerSpengler, Oswald, Der Untergang des AbendlandsAbendland, abendländisch, Arnold Josef ToynbeeToynbee, Arnold J., Der Gang der Weltgeschichte32),
Josef NadlersNadler, Josef Konzept der Literaturgeschichte als Kulturgeschichte der deutschen Stämme,
Samuel HuntingtonHuntington, Samuel, Der Kampf der KulturenKampf der Kulturen.
Die gegenwärtigen Identitätsdiskurse, die mittlerweile gesellschaftspolitisch durchschlagen, verraten eine strukturelleStruktur, strukturiert, strukturell Ähnlichkeit mit HerdersHerder, Johann G. KulturalismusKulturalismus, -kulturalismus. Sie postulieren die Vermehrung kultureller Differenzen, die sich nicht auf universale, sondern auf partikulare Anerkennung, auf ein Recht nach IdentitätIdentität berufen.33
Kritikpunkte und Anmerkungen
HerdersHerder, Johann G. Kulturkonzept ist, wenigstens dem Ansatz nach, radikal relativistisch.
HerdersHerder, Johann G. Konzept von Kulturen ist ähnlich wie jenes von VicoVico, Giambattista metaphysisch.
HerdersHerder, Johann G. Konzept übersieht, dass ein Wert wie VielfaltVielfalt niemals partikular sondern stets nur universal zu begründen ist. Umgekehrt ist sein KulturalismusKulturalismus, -kulturalismus mit einem humanistischen IdealismusIdealismus (philosophisch) verknüpft, der universalistisch ist.
HerdersHerder, Johann G. Konzept von Kultur ist naturalistisch, organizistisch und deterministisch.
HerdersHerder, Johann G. Konzept ist strukturellStruktur, strukturiert, strukturell kulturpessimistisch.
HerdersHerder, Johann G. Lob der ethnischenEthnie, ethnisch VielfaltVielfalt verkehrt sich in ein Lob des Ethnozentrismus.
HerderHerder, Johann G. und VicoVico, Giambattista fassen EthnienEthnie, ethnisch als in sich geschlossene, homogeneHomogenität, homogen Entitäten (Einheiten) auf. In der heutigen Kulturforschung wird aber der Akzent eher auf die HeterogenitätHeterogenität, heterogen und HybriditätHybrid, Hybridität von Kulturen gelegt.
Literatur
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Kapitel 5 Georg SimmelSimmel, Georg: GeldGeld und ModeMode
Bei der Beschäftigung mit der Theorie der Kulturwissenschaft – und als solche wird Kulturtheorie in diesem BuchBuch (als Medium) verstanden – stellt sich eine fortwährende Verunsicherung ein, für die die Begriffe des Transdisziplinären oder Interdisziplinären gar nicht hinreichen. Denn Interdisziplinarität beschreibt das Verhältnis zweier mehr oder weniger kompakter und gut voneinander abgegrenzter Wissenschaftsdisziplinen. Transdisziplinarität wiederum meint ein Überschreiten der disziplinären Grenzen in einem Niemandsland, einer Art terra incognita. Die Verunsicherung, um die es hier geht, reicht tiefer: Man weiß nicht mehr, auf welchem Feld und in welcher Disziplin man sich gerade aufhält. Aus heutiger Warte ist gänzlich unklar und kaum entscheidbar, ob man sich in SimmelsSimmel, Georg Werk auf kultursoziologischem, kulturphilosophischem oder eben kulturwissenschaftlichem Boden befindet. Sein Werk entzieht sich einer eindeutigen Beschreibung. Vielleicht ist es ein Charakteristikum der heutigen Kulturwissenschaften, dass sie nicht auf trittfestem Gelände agieren, dass sie zusammengesetzte ad hoc-Disziplinen hervorbringen und sich zudem nur schwer von jenen transdisziplinären Anstrengungen abgrenzen können, die sich seit den 1970er Jahren um das Makrophänomen ‚GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich‘ herum gebildet haben.
In jedem Fall ist SimmelsSimmel, Georg Werk in dem unsicheren Zwischengebiet angesiedelt, das sich durch drei Zuschreibungen umreißen lässt: Philosophie, Soziologie und Kulturtheorie. SimmelSimmel, Georg beginnt seine Karriere als Philosoph in einem akademischen Milieu, in dem sich die Soziologie noch nicht etablieren konnte. Zudem hat seine jüdische Herkunft seinen akademischen Aufstieg überschattet, erschwert und verzögert, obschon die Vorlesungen des Privatdozenten in Berlin enormen Zulauf erfahren haben.
Was SimmelSimmel, Georg jedoch fast lebenslang zum akademischen Außenseiter gemacht hat, ist seine assoziative, konkrete SpracheSprache, das Pendeln zwischen beobachtender Assoziation und eingehender Analyse, seine Abwehr des Deduktiven, seine induktive analytische Phantasie und Gesinnung. Nicht selten beginnt er mit unscheinbaren, geringfügigen, ‚irdisch‘-alltäglichen Dingen und Phänomenen. Oder anders formuliert: SimmelSimmel, Georg ist ungeachtet seiner enormen analytischen Schärfe kein Systematiker, sondern ein Essayist des Konkreten. Sowohl seine Themen (KunstKunst, Kunstwerk, GeldGeld, Phänomene wie BriefBrief, GeschlechtGeschlecht (Gender), Geschlecht-,, Geheimnis, Ruine, ModeMode) als auch seine Methode der genauen Beobachtung der Erscheinungen der modernenModerne, modern, -moderne Welt, „die Anknüpfung der Einzelheiten und Oberflächlichkeiten des LebensLeben, Lebens-, -leben an seine tiefsten und wesentlichsten Bewegungen“,1 machen ihn zu einem Vorläufer und Anreger der Kulturwissenschaften sowie zu einem der fruchtbarsten Kulturanalytiker.
Ähnlich wie bei FreudFreud, Sigmund, sind seine expliziten Aussagen und Begriffsbestimmungen im Hinblick auf ‚Kultur‘ aus heutiger Sicht vergleichsweise traditionell, operieren sie doch nicht selten vonehmlich mit der binären Opposition von Kultur und NaturNatur, auch wenn er dabei betont, „daß Kultur und Natur nur zwei verschiedene Betrachtungsweisen eines und desselben Geschehens sind“.2
Das Innovative seiner Überlegungen kommt zumeist in seinen kleinen essayistischen Medaillons zum Vorschein, etwa in seiner Analyse von scheinbar nebensächlichen Gegenständen, Vorrichten und Artefakten wie dem Bilderrahmen, dem Henkel, dem Fenster, der Tür oder der Brücke, die allesamt einen Schlüssel zu SimmelsSimmel, Georg Verständnis von Kultur als einem prozessualen, relationalen und medialen Großphänomen beschreiben, das durch Mechanismen wie Öffnen und Schließen, durch Exklusion und Inklusion, durch mediale An- und Abwesenheit oder durch Kontextualität bestimmt ist.
Zugleich und anders als viele traditionelle aber auch gegenwärtige Denker in diesem Feld ist SimmelSimmel, Georg einer der wichtigsten Theoretiker der ModerneModerne, modern, -moderne und ihrer ganz spezifischen kulturellen und gesellschaftlichenGesellschaft, gesellschaftlich LebensbedingungenLeben, Lebens-, -leben. Der Begriff der Modernität, der in den angelsächsischen Kulturstudien wie in den deutschen Kulturwissenschaften eher unterbelichtet geblieben ist, umfasst mehrere Bereiche, den gesellschaftlichen, den kulturellen und den philosophischen. Die zentrale Frage SimmelsSimmel, Georg lautet: Was macht diese moderne Kultur aus, was macht sie eigentlich so unvergleichlich?
In gewisser Weise hat sein Kulturbegriff, der dezidiert über den engen Bereich der KunstKunst, Kunstwerk-Kultur hinausgeht (Kultur III → Kap. 1), Ähnlichkeiten mit jenem EliotsEliot, Thomas S. (der, wenn auch aus konservativer Perspektive, durchaus das Phänomen der modernenModerne, modern, -moderne Kultur ins Auge fasst) und Raymond WilliamsWilliams, Raymond: Kultur bedeutet symbolische und reale Ausgestaltung der LebensweltLebenswelt, die sich in unverwechselbaren LebensstilenLebensstil manifestiert, die wiederum durch die moderne Welt geprägt sind – durch sich wechselseitig bedingende Phänomene wie GeldGeld, IndividualitätIndividualität, ModeMode und Rationalität.
Georg SimmelSimmel, Georg (1858–1918) war – wie Ernst CassirerCassirer, Ernst – jüdischer Herkunft, ein Freigeist, ein Sammler; er unterhielt enge Beziehungen zum kulturkonservativen George-Kreis, war aber wohl selbst eher ein Liberaler und darüber hinaus ein keineswegs polemischer oder respektloser Kritiker des MarxismusMarxismus, marxistisch. Philosophisch steht er dem Neukantianismus und der PhänomenologiePhänomenologie nahe. Das lässt sich an den Leitmotiven seiner Kulturtheorie sehr gut demonstrieren: Dignität der einfachen DingeDinge. Schlüsselbegriffe seines Denkens sind ferner Begriffe wie FunktionFunktion, RelationRelation und Wert. SimmelSimmel, Georg hat auch als Erster jenes Phänomen beschrieben, das man in der Systemtheorie als AusdifferenzierungAusdifferenzierung, ausdifferenziert bezeichnet. Es besagt, dass moderne Gesellschaften, die in mancher Hinsicht kulturell womöglich homogener sind als vormoderneModerne, modern, -moderne (SpracheSprache, allgemeine BildungBildung), funktional besehen komplexer sind und im Verlauf ihrer Entwicklung immer neue gesellschaftlicheGesellschaft, gesellschaftlich Subsysteme mit eigenen Spielregeln hervorbringen. Die gegenwärtige Aktualität SimmelsSimmel, Georg hat freilich auch mit einer Haltung zu tun, die seit der PostmodernePostmoderne, postmodern nicht nur in intellektuellenIntellektueller, intellektuell Diskursen auffällt: AmbivalenzAmbivalenz. Dieser Terminus meint nicht einfach ein Sowohl-als-Auch, schon gar nicht eine bloße Kompromisshaltung, sondern eine Unentschiedenheit, die daher rührt, dass man sich einer Welt gegenüber sieht, deren produktive und problematische Aspekte nur zwei Seiten ein und derselben Sache sind. Zum Beispiel wird nicht selten, zumeist von konservativer Seite der Orientierungs- und WerteverlustWerteverlust in den modernen Zivilgesellschaften des Westens beklagt, aber zugleich ist dieser RelativismusRelativismus, relativ SimmelSimmel, Georg zufolge der Ausgangspunkt für unsere verhältnismäßig hohe Friedfertigkeit. SimmelsSimmel, Georg Radikalität als Kulturtheoretiker besteht gerade darin, an dieser Ambivalenz unbeirrbar festzuhalten. Sie bezeichnet die unmögliche dritte Position zwischen der Affirmation des Bestehenden und jenem pauschalen Unbehagen an der Kultur, das gerade in Deutschland – politisch rechts wie links – so prominent und prekär gewesen ist. Vor diesem Hintergrund ist jene IronieIronie zu verstehen, jener Vorbehalt gegenüber der Wirklichkeit, der diese vielleicht nicht vernichtet, aber doch relativiert. Georg SimmelsSimmel, Georg Theorie der modernen Kultur unterschlägt nicht den Preis, den wir für sie bezahlen.
Die wichtigsten Arbeiten SimmelsSimmel, Georg sind in den letzten Jahren des 19. und den ersten des 20. Jahrhunderts entstanden. Das Verblüffende an ihnen ist, dass sie ungeachtet der zeitlichen Distanz, die wesentlichen Momente der modernenModerne, modern, -moderne liberalen, durch GeldGeld und Markt geprägten Kultur und die wichtigsten Vollzugslogiken unserer modernen LebensweiseLeben, Lebens-, -leben beschreiben. Sie lassen sich noch immer als eine theoretische Landkarte unserer Kultur lesen. Um diese erstaunliche Aktualität zu begreifen, braucht man nicht auf irgendeine Genialität zu verweisen, obschon SimmelsSimmel, Georg Originalität, sein Gespür für die inneren Befindlichkeiten und Verschiebungen in der modernen Kultur beeindruckend sind. Vielleicht als Erster hat er das Neue an dieser modernen Kultur des Geldes, die sich nach den historischen Krisen und Katastrophen (Erster Weltkrieg, StalinismusStalinismus, FaschismusFaschismus, NationalsozialismusNationalsozialismus) wieder etabliert und entwickelt hat, erfasst, zu einem Zeitpunkt, als dieses Neue noch wahrnehmbar gewesen ist. Heute fällt es uns schwer, diesen dramatischen Wandel überhaupt zu erfassen, den SimmelsSimmel, Georg Schriften so penibel beschreiben und analysieren. Aber noch jede postmodernePostmoderne, postmodern soziologische Analyse über die Erlebnis-, die Risiko- oder die Multioptionsgesellschaft3 argumentiert, explizit oder nicht, im Schatten Georg SimmelsSimmel, Georg. Im Rückblick lässt sich sogar behaupten, dass die von SimmelSimmel, Georg beschriebenen allgemeinen Tendenzen der modernen, durch das MediumMedium Geld gesteuerten Kultur erst heute voll zum Tragen kommen, unmittelbarer als zu seiner ZeitZeit, als die kulturellen Verhaltensmodalitäten aus vorangegangenen Zeiten noch nachwirkten und der LebensstilLebensstil nur an den urbanen ElitenElite, elitär der Zeit ablesbar waren. Der Untergang des ‚realen SozialismusSozialismus‘ hat entscheidend zur Beschleunigung der ökonomischen wie kulturellen Eigenlogik der HerrschaftHerrschaft des Geldes beigetragen.
Die entscheidende Pointe von SimmelsSimmel, Georg Kulturtheorie besteht darin, dass er GeldGeld als kulturelles Phänomen und als MediumMedium, als ein Mittel begreift, das zwischen DingeDinge und Menschen tritt. Wobei dieses Medium nicht einer spezifischen, ethnischEthnie, ethnisch, religiösReligion, religiös oder sprachlich bestimmbaren Kultur (Kultur I → Kap. 1) zugeschrieben und auch nicht in seiner historischen Genese beleuchtet wird. Das Geld ist schlicht die Münzprägung einer voll entwickelten, kulturell scheinbar unspezifischen Modernität.
SimmelSimmel, Georg untersucht das GeldGeld als ein ‚MediumMedium‘ des modernen LebensLeben, Lebens-, -leben, das nicht nur die Welt der Ökonomie bestimmt, sondern eine ganz spezifische Kultur beinhaltet. Er abstrahiert, anders als etwa VicoVico, Giambattista und HerderHerder, Johann G., von der ethnischenEthnie, ethnisch DifferenzDifferenz ganzer umfassender Kulturen (Kultur I). Der – kontrastive – Zusammenhang zwischen der vormodernenModerne, modern, -moderne okzidentalen und der modernen, sich globalisierenden Geldkultur wird nicht hinterfragt; von daher lässt sich auch kaum die Frage stellen, warum bestimmte Gruppen nicht nur in der arabischen Welt die westlich-amerikanische Kultur ablehnen, weil sie als ‚modern‘ oder weil sie als kulturell different, d.h. als unvereinbar mit den Werten der eigenen Kultur empfunden wird. Im ersten Fall interpretiert man diesen Konflikt als ein Drama der Moderne, im zweiten als einen (medial inszeniertenInszenierung, inszeniert) Konflikt von Mega-Kulturen. SimmelsSimmel, Georg Analyse der modernen Kultur abstrahiert also – im Gegensatz etwa zu SpenglerSpengler, Oswald – von deren raumzeitlichem, d.h. kulturellem und historischem KontextKontext und folgt damit bis zu einem gewissen Grad dem SelbstbildSelbstbild einer Moderne, die sich als universal und globalGlobalisierung, global versteht und missversteht.
Im ersten Teil der Philosophie des GeldesGeld entfaltet SimmelSimmel, Georg eine Theorie des Wertes. Er beschreibt dies als einen Perspektivenwechsel, der sich zunächst innerhalb der Philosophie vollzieht. Die traditionelle Frage der Philosophie richtet sich auf die Beschaffenheit der DingeDinge und der Möglichkeit ihrer ErkenntnisErkenntnis. Diese Frage tritt bei SimmelSimmel, Georg in den Hintergrund, zugunsten einer ganz neuen Frage, nämlich der Frage unseres Verhältnisses zu den Dingen. An die Stelle eines substanziellen Denkens, das eben nach dem Seinsgrund der Dinge fragt, tritt also ein funktionales und relationales Denken, das die vielfältigen Beziehungen untersucht, die wir zu ihnen unterhalten. Das, was der Mensch bislang für wesentlich hielt, tritt in den Hintergrund. Die Frage der Wertigkeit der Dinge bildet demgegenüber den philosophischen Nucleus der Philosophie des Geldes. SimmelSimmel, Georg legt dabei nahe, dass dieser Übergang vom Sein zum Wert, von der Substanz zu RelationRelation und FunktionFunktion idealtypisch den historischen Weg in die moderneModerne, modern, -moderne GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich beschreibt.
Nun erfolgt der nächste Schritt in SimmelsSimmel, Georg Gedankengang. SimmelSimmel, Georg stellt sich nämlich die Frage, was es heißt, den Dingen einen Wert zuzuschreiben. Seine Antwort lautet verblüffend einfach: Werten bedeutet immer, eine RelationRelation herzustellen, sich in Beziehung zu etwas oder jemandem zu setzen. Der betreffende Gegenstand, weit entfernt davon, nur ein Gegenstand interesselosen Wohlgefallens zu sein, ist mir etwas wert, d.h. ich möchte ihn gerne haben, besitzen. So beschreibt der Wert eine Beziehung zwischen Mensch und Gegenstand.
Entscheidend ist dabei mein jeweiliges BegehrenBegehren. Das BegehrenBegehren des SubjektsSubjekt nach dem Gegenstand manifestiert sich demnach im Wert. Die heutige WerbungWerbung, die genau um dieses Zusammenspiel von BegehrenBegehren und Wert weiß, drückt dies direkt in ihren Slogans aus, so etwa wenn das deutsche Modell Claudia Schiffer – die Bezeichnung Modell beschreibt übrigens höchst exakt den formenden Aspekt – im Anschluss an eine Werbung für teure Kosmetika in entwaffnend naiver Weise sagt: Weil ich es mir wert bin. Hier wird übrigens schon ein Moment magischer Verdopplung sichtbar: Es geht um den Begehrens-Wert eines kosmetischen Produkts, der sich auf das Subjekt überträgt, das – so lautet wenigstens die Logik im Verhältnis von Mensch und AlltagsAlltag, Alltagskultur, Alltags--ArtefaktArtefakte – damit nicht nur das betreffende Kosmetikum, sondern zugleich dessen vermeintliche Exklusivität begehrt und mit dem Kauf seinen Eigenwert erhöht.
SimmelSimmel, Georg ist der klassische Vertreter einer subjektivenSubjektivität, subjektiv Werttheorie, die den Wert im BegehrenBegehren des einzelnen Menschen verortet. Ein Gegenstand, den niemand begehrt, verliert seinen Wert und verschwindet als nutzloser Plunder vom Markt, wobei er als nostalgischer Tand wiederum ‚attraktiv‘ werden kann. Aber er hat damit seinen Charakter völlig geändert. Ein anderes anschauliches Beispiel liefert das Phänomen der Kunstauktion. Wenn ein Bieter unbedingt einen Goya, einen Schiele, einen van Gogh oder einen Cezanne sein eigen nennen möchte, dann steigert sich analog zu diesem BegehrenBegehren der Wert des betreffenden Gemäldes und wird ihn – bei entsprechendem Geldpolster – dahin bringen, ein Vielfaches des ursprünglichen Mindestgebots zu bezahlen. Dass heute die schillernden Produkte der Bildenden KunstKunst, Kunstwerk an Repräsentativkraft etwa das BuchBuch (als Medium) oder eine digitale Schallplatte (CD) weit übertreffen, hat mit der Einmaligkeit des auratischen DingeDinges – des bildenden Kunstwerks – zu tun.
Es ist aufschlussreich, SimmelsSimmel, Georg Theorie des GeldesGeld mit jener von MarxMarx, Karl zu vergleichen. Ganz offenkundig stellt seine Theorie ganz bewusst ein Gegenmodell zu dessen objektiverobjektiv, Objektiv- Geldtheorie dar. MarxMarx, Karl‘ Theorie ist bekanntlich dualistisch: Jede Ware hat einen Gebrauchs- und einen Tauschwert. Ohne Gebrauchswert kein Tauschwert. Aber der Wert einer Ware bemisst sich für MarxMarx, Karl, den revolutionären Schüler des liberalen schottischen Ökonomen Adam Smith, nicht nach dem subjektivenSubjektivität, subjektiv BegehrenBegehren. Das Maß für den Wert eines Gegenstands auf dem Markt liefert die (gesellschaftlichGesellschaft, gesellschaftlich durchschnittliche) Arbeitszeit, die zu seiner Herstellung benötigt wurde, weshalb man diese Theorie des Werts auch Arbeitswerttheorie nennt. Während MarxMarx, Karl den Wert vom Standpunkt der Produktion aus sieht und in der Distribution ein variables Epiphänomen betrachtet, konzentriert sich SimmelsSimmel, Georg Philosophie des Geldes genau auf den Bereich, wo das Verhältnis des Menschen zu den Dingen sichtbar in Erscheinung tritt: auf die Distribution. BegehrenBegehren, sagt man, macht blind. Aber der Mensch, dieses nach den Dingen greifende und begehrende Lebewesen, ist keineswegs verrückt, auch wenn er etwa als Modenarr bezeichnet wird; vielmehr ist sein irrationales BegehrenBegehren mit einem durchaus kühlen und logischen Kalkül gepaart.
Die SubjektivitätSachregisterSubjektivität, subjektiv des Menschen in der Geldkultur geht mit einer wachen und wachsenden Zweckrationalität einher. Das GeldGeld, das den direkten Warentausch überwindet, ist selbst schon ein Abstraktum, dessen einziger Wert darin besteht, wie MarxMarx, Karl zu Recht betont, dass es ein universelles Tauschmittel ist. Oder anders, nämlich kulturwissenschaftlicher formuliert: Es ist das MediumMedium unseres Begehrens.
Die erste ‚Abstraktion‘ besteht also darin, dass ich für etwas arbeite, das ich selbst nicht begehre, das aber andere begehren, so dass ich mir das kaufen kann, was ich eigentlich wirklich begehre. Es sind aber andere Abstraktionen im zeitlichen Maßstab denkbar. Ich möchte unbedingt einen Gegenstand – ein Luxusauto, eine schöne Wohnung, den neuesten Computer –, aber ich habe nicht das entsprechende GeldGeld, um mein BegehrenBegehren zu stillen: Miete, Kredit und Leasing machen das Unmögliche möglich.
In diesem dynamischen Prozess zunehmender Abstraktion wird die Barzahlung zum steinzeitlichen Akt deklariert (wie in einer WerbungWerbung für die Visa-Card); das GeldGeld verflüchtigt sich imaginär in die Visakarte. Die Karte, die das Geld unsichtbar macht, wird mit dem Akt des Sehens verknüpft, das im Wort „Visum“ steckt. Die Visa-Karte ist ein kultureller Sichtvermerk für die mit dem Geld vollzogene kulturelle Abstraktion. Dabei wird der durch das Geld repräsentierte Prozess des Wertens und Tauschens zum Selbstzweck. Im Tausch manifestiert und inszeniertInszenierung, inszeniert sich das BegehrenBegehren dessen, der es sich leisten und der es realisieren kann.
Im zweiten Teil untersucht SimmelSimmel, Georg nun den modernenModerne, modern, -moderne Stil des LebensLeben, Lebens-, -leben. Das schließt die These mit ein, dass das GeldGeld, weit davon entfernt, ein neutrales MediumMedium zu sein, selbst ein kulturell prägender Faktor ist, der nicht nur das WirtschaftslebenLeben, Lebens-, -leben und die PolitikPolitik bestimmt, sondern auch unsere LebensformenLeben, Lebens-, -leben nachhaltig beeinflusst, ja konstituiert. Geld, so könnte man sagen, ist ein Medium, zumindest im Sinne eines weit gefassten Begriffs von Medium:4 Es ist Medium eines kommunizierten Begehrens. Jedes Geldstück in meiner Hosen- oder Rocktasche sagt potenziell zu jedem möglichen Gegenstand des Begehrens: Ich will Dich. SimmelSimmel, Georg untersucht also das Geld vornehmlich unter kulturellen Gesichtspunkten. Geld ist in seinen Augen das wichtigste Medium der modernen Kultur, wichtiger als alle Kommunikations- und InformationsmedienMedien, Medien-, -medien, medien-, in die vielfach die StrukturStruktur, strukturiert, strukturell des universellen kommunizierten Begehrens eingeschrieben ist. Dass dieses individuelleindividuell BegehrenBegehren konformistisch ist, besagt nichts gegen den soziokulturellen Tatbestand, dass jeder Akt des Begehrens individuell vollzogen werden muss.
SimmelsSimmel, Georg Werk richtet sich expressis verbis gegen den ökonomischen DeterminismusDeterminismus des orthodoxen MarxismusMarxismus, marxistisch:
In methodischer Absicht kann man diese Grundabsicht so ausdrücken: dem historischen MaterialismusMaterialismus ein Stockwerk unterzubauen, derart, dass der Einbeziehung des wirtschaftlichen LebensLeben, Lebens-, -leben in die Ursachen der geistigen Kultur ihr Erklärungswert gewahrt wird, aber eben jene wirtschaftlichen Formen selbst als das Ergebnis tieferer Wertungen und Strömungen, psychologischer, ja, metaphysischer Voraussetzungen erkannt werden.5
Mit dem Terminus historischer MaterialismusMaterialismus ist hier die marxistischeMarxismus, marxistisch Geschichts- und Gesellschaftstheorie gemeint. Diese ist marxistisch, weil sie dem Bereich des Ökonomischen, insbesondere der Produktion (Produktivkräfte, Produktionsverhältnisse), eine determinierende Rolle zuschreibt. Die Produktionsökonomie steuert gleichsam alle anderen Bereiche der GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich: Staat, Recht, Kultur, ReligionReligion, religiös. Die Ökonomie der Produktion stellt von daher die BasisBasis, alle anderen gesellschaftlichen Bereiche den sogenannten ÜberbauÜberbau in der Architektur der Gesamtgesellschaft dar, schon die Metaphorik weist auf die statische Sichtweise der MarxMarx, Karl’schen Theorie (→ Kap. 6, 12).
SimmelSimmel, Georg greift nun diese Haus-MetapherMetapher auf, indem er das Haus durch einen Unterstock, einen kulturellen Keller gleichsam komplettiert. Dieses neue Stockwerk wäre die Kultur. Die Erscheinungsformen des Ökonomischen, und das ist bei SimmelSimmel, Georg vornehmlich das kommunizierte Begehrensmedium GeldGeld, werden selbst „aus psychologischen, ja metaphysischen Voraussetzungen“ erklärt,6 MarxMarx, Karl ist ein ökonomischer, SimmelSimmel, Georg ein kultureller Materialist. Im Vorgriff auf spätere Kulturtheorien kann man füglich behaupten, dass viele von ihnen, gerade jene kritisch-linker Provenienz, aus dem Unbehagen an dem ökonomischen DeterminismusDeterminismus hervorgegangen sind, den der MarxismusMarxismus, marxistisch entfaltet und ausgebildet hat.
Pointiert gesagt, legt der orthodoxe MarxismusMarxismus, marxistisch die Idee nahe, dass Kultur keinen eigenständigen Bereich darstellt, sondern mehr oder weniger nur ein Reflex ist, ein Abbild, ein Spiegel, ein ÜberbauÜberbau auf einem Fundament.7 Nicht wenige Kulturtheorien des 20. Jahrhunderts – Cultural StudiesCultural Studies, Frankfurter SchuleFrankfurter Schule, AlthusserAlthusser, Louis, GramsciGramsci, Antonio – zeichnen sich dadurch aus, dass sie diesen Ökonomismus kritisch hinterfragt und revidiert haben (→ Kap. 6, 12).
SimmelSimmel, Georg interessiert sich vor allem für die kulturellen Veränderungen, die mit dem Triumph des GeldesGeld als eines für alle verbindlichen MediumsMedium einhergehen. Er benennt sie zunächst einmal, um sie an späterer Stelle ausführlich zu analysieren. Es geht ihm dabei nicht um die Einstellungen und Gesinnungen einzelner Menschen, sondern um eine kollektive Formung des Menschen unter den Bedingungen einer durch das Geld bestimmten Kultur. Diese besitzt eine entschieden eigene Logik, das heißt aber auch, dass sie eine ganz bestimme Kultur repräsentiert. An dieser Stelle wird deutlich, was kultureller MaterialismusMaterialismus bei SimmelSimmel, Georg bedeutet: Die Veränderung der MentalitätenMentalität(en), Einstellungen und Verhaltenswerte ist weniger den diversen intellektuellenIntellektueller, intellektuell und geistigen Programmen und Manifesten geschuldet, die Menschen – Dichter, Philosophen, Politiker – formulieren, sondern liegt im Wesen des Geldes begründet, das auf einmalige Weise subjektivesSubjektivität, subjektiv BegehrenBegehren steuert und mit einem rationalen Kalkül verbindet. SimmelSimmel, Georg benennt diese Phänomene der modernenModerne, modern, -moderne Geldkultur in loser summarischer Abfolge: Charakterlosigkeit, Intellektualisierung, Kult und Kultur der DingeDinge (Kultur der), wachsende Bedeutung der Präsentation, Kult der Person, IndifferenzIndifferenz, ‚KommunismusKommunismus‘, Pazifismus, Abschwächung der Gefühlsfunktionen, Wandel der Geschlechterbeziehungen.
Diese Auflistung ist keineswegs zufällig, sondern macht die Bandbreite der Wirkung des MediumsMedium GeldGeld plastisch. Die Verschiedenheit hat einen gemeinsamen Nenner: das kommunizierte BegehrenBegehren, das in seinem Einsatz der Mittel von großer Rationalität getragen ist. Bemerkenswert ist aber auch das, was ich die radikale AmbivalenzAmbivalenz im Denken SimmelsSimmel, Georg nennen möchte: Die Angehörigen der Geldkultur haben keine Wahl zwischen deren positiven und deren negativen Aspekten, denn beide Seiten bilden eine unzertrennliche Einheit. So ist der charakterlose Mensch der Kultur des Geldes keineswegs nur negativ, ihm sind nur die festen Grundlagen des Seins abhanden gekommen, deshalb fällt es ihm – so jedenfalls das Argument von SimmelSimmel, Georg – leichter, friedfertig zu sein.
Betrachten wir also noch einmal etwas genauer die Phänomene des Begehrens und Wertens. Wie wir schon gesehen haben, hat MarxMarx, Karl bekanntlich den Wert der Ware an die durchschnittlich in dieser vergegenständlichten Arbeit geknüpft.8 Wenn die Arbeit jenes Element ist, das den Wert einer Ware konstituiert, liegt es nahe, das Hauptaugenmerk dieser Produktionsstätte nicht nur der modernenModerne, modern, -moderne Waren, sondern auch ihres Wertes zuzuwenden. Kurzum, der von MarxMarx, Karl initiierte DiskursDiskurs ist auf die Produktion, nicht auf die Distribution und die medialen Interaktionen und Inszenierungen gerichtet. Mit dieser so produktiven wie unproduktiven Blickverengung hängt ursächlich zusammen, dass der orthodoxe MarxismusMarxismus, marxistisch niemals eine anspruchsvolle Kultur-, geschweige denn eine MedientheorieMedien, Medien-, -medien, medien- hervorgebracht hat. Dass der Realsozialismus zum Zeitpunkt einer medialen Revolution, der des Computers, in sich zusammensackte, war also kein reiner historischer Zufall.
SimmelSimmel, Georg hingegen interessiert sich für die PhänomenologiePhänomenologie des Tausches. Für ihn ist der Wert an ein begehrendes Ich geknüpft, das den Abstand zum begehrten ObjektObjekt (im realen wie im übertragenen Sinn) zu überwinden sucht, um dieses als Besitzer in Händen zu halten. Aber nicht alle DingeDinge dieser Welt begehrt jeder von uns in gleicher Weise, um sie sodann – wirklich oder vermeintlich – genießen zu können. Es gibt da individuelleindividuell Unterschiede: Was für den einen der BMW, ist für den anderen die große Weltreise, das Glück des Eigenheims, wertvoller Schmuck, teure Gemälde. Aber die individuelle DifferenzierungDifferenzierung, die durch die Kultur des GeldesGeld eingeleitet wird, hat noch einen anderen Aspekt. Wir vergleichen die Dinge, die uns die moderneModerne, modern, -moderne Kultur anbietet. Wir stellen – mit oder ohne Fee, die uns drei Wünsche frei stellt – eine implizite oder explizite Prioritätenliste auf, sozusagen die Top Five unserer Begehrens-Hitparade: Wir unterscheiden Dinge, die wir begehren, von Dingen, die uns vollkommen gleichgültig sind. Den Objekten fließt also Wert nur deshalb zu, weil sie Objekte eines – meines – subjektivenSubjektivität, subjektiv Begehrens sind. Geld ist MediumMedium und Motor der Selbstdarstellung und Selbstkonstruktion des modernen Individualismus. Dass diese Objekte ihren Wert auf Grund unserer eigenen Wertsetzung besitzen, dass also Geld etwas zutiefst ‚Menschliches‘, durch uns Geschaffenes ist, entgeht uns im AlltagAlltag, Alltagskultur, Alltags- einigermaßen gründlich, wir
empfinden […] Dingen, Menschen, Ereignissen gegenüber, dass sie nicht nur von uns als wertvoll empfunden werden, sondern wertvoll wären, auch wenn niemand sie schätzte.9
Was SimmelSimmel, Georg hier anspricht, hat Karl MarxMarx, Karl im prominenten Warenkapitel im ersten Kapitel des ersten Bandes seines Hauptwerks Das KapitalKapital, Kapitalismus, kapitalistisch mit Scharfsinn und Witz als „FetischcharakterFetisch(ismus), Fetischcharakter der Ware“ beschrieben:10 Den Gegenständen wird eine geheimnisvolle Kraft zugeschrieben, die sie von sich aus gar nicht besitzen (→ Kap. 6).
Ganz analog zu KantKant, Immanuel, der nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung gefragt hatte, stellt SimmelSimmel, Georg die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeiten des Begehrens: Die Gegenstände zeichnen sich dadurch aus, dass sie uns – zumindest zunächst – nicht zur Verfügung stehen, sondern sich uns entziehen:
Das so zustande gekommene ObjektObjekt, charakterisiert durch den Abstand vom SubjektSubjekt, den dessen BegehrenBegehren ebenso feststellt wie zu überwinden sucht –, heißt uns ein Wert.11
An die Stelle eines statisch-kontemplativen Verhältnisses zwischen SubjektSubjekt und ObjektObjekt tritt eine dynamische und funktionale Beziehung. Steht für die klassische Philosophie das Sein der DingeDinge, das Verhältnis des Seienden (in seiner Mannigfaltigkeit) zum Sein, im Mittelpunkt allen Fragens, so werden in der Philosophie des GeldesGeld der Wert der Dinge und die daraus erwachsenen RelationenRelation (BegehrenBegehren, Tausch) zur treibenden Kraft der Kultur. Das Geld überlagert auch all jene Elemente, die VicoVico, Giambattista für konstitutiv gehalten hat: Familie und Genealogie, Vertrag und Totenkult. Nicht, dass es auch in anderen Kulturen Tausch gibt, sondern dass der Tausch selbst zum Charakteristikum der Kultur wird, ist die Pointe von SimmelsSimmel, Georg Kulturtheorie.
Die moderneModerne, modern, -moderne WerbungWerbung zitiert diesen Sachverhalt, den SimmelSimmel, Georg als Erster genauer analysiert hat, tagtäglich: In der medialisierten Werbung ist dieser Abstand auch durch die traditionellerweise weiblichen Repräsentantinnen des Wertes gut sichtbar markiert. Im BildBild des lockenden Abstandes wird auch die Psychomotorik des Begehrens sichtbar: Der Abstand scheint nur da zu sein, um ihn zu überwinden. Mit dem Begriff des Abstandes liefert SimmelSimmel, Georg also einen Schlüssel zur PhänomenologiePhänomenologie des Begehrens: Abstand bedeutet einen Entzug, der das BegehrenBegehren erst in Gang setzt. Von SimmelsSimmel, Georg kulturellem MaterialismusMaterialismus aus betrachtet ist es also kein Zufall, dass die Kultur des GeldesGeld ihrer ganzen StrukturStruktur, strukturiert, strukturell nach ‚erotisch‘ ist. Denn Erotik meint ja keineswegs blinde Emotionalität oder Gefühlsseligkeit, sondern ein Spiel mit Abständen, in dem zweckrationale Strategien ersonnen werden, um den Abstand zu tilgen. BegehrenBegehren heißt also: das Glück der Überwindung. Von daher ist das Glück fragwürdig, das uns das märchenhafte oder auch kommunistische Schlaraffenland bietet, diese utopische Landschaft, in der sich uns alles aufdrängt. Zumindest entbehrt es des Vorhandenseins von BegehrenBegehren, das ohne die Erfahrung des bittersüßen Entzugs undenkbar ist. Unter den Bedingungen der Moderne ist es das Geld, das als kalkulierbares Zaubermittel fungiert.
Dieses Zaubermittel gebiert wiederum einen völlig neuen LebensstilLebensstil. GeldGeld ist, wie schon gesagt, nicht bloß ein ökonomischer, sondern ein kultureller Faktor, der die conditio humana formt, modelliert und konditioniert. Diese Modellierung bezeichnet SimmelSimmel, Georg im Geist seiner ZeitZeit als „Stil“. So hat SimmelSimmel, Georg den von NietzscheNietzsche, Friedrich adaptierten Begriff systematisch für die Analyse der Kultur entfaltet, der bis heute in der Soziologie aber auch in der Alltagssprache geläufig ist. Vermutlich ist LebensstilLebensstil die eleganteste Übertragung der englischen Wendung way of life, und T.S. EliotEliot, Thomas S., der argwöhnische Kulturkonservative, hatte wohl gleichfalls den modernenModerne, modern, -moderne LebensstilLebensstil im Sinn, als er seinen weit gefassten Begriff von Kultur (Kultur II) prägte (→ Kap. 1). Das Wort „Stil“ leitet sich vom lateinischen Wort stilum ab und meint eigentlich einen Griffel, ein mittlerweile längst verschwundenes Schreibwerkzeug, das Generationen von Schülerinnen und Schülern zum Schreiben auf eine Schiefertafel benutzt haben. In der heutigen Verwendung bezeichnet es eine ästhetische Formgebung, wofür wir heute gerne den englischen Begriff Design verwenden (von lat. designare bezeichnen, mit einem Zeichen versehen). Aber es gibt da doch einen entscheidenden Unterschied. Im Begriff des Stils steckt eine positive Aufladung. Wenn der Mensch nämlich Stil ist, dann ist es der Stil, der einen zum Menschen macht. Wenn einem Mann oder einer Frau Stil zugeschrieben wird, dann ist das keine neutrale Beschreibung, die trivial ist, weil ja jeder irgendwie einen LebensstilLebensstil hat, sondern schließt ähnlich wie beim Menschen, der Kultur besitzt, die Wertschätzung mit ein. Der expressionistische Lyriker und NietzscheNietzsche, Friedrich-Schüler Gottfried Benn, der zeitlebens die Stillosigkeit seiner Landsleute beklagt hat, hat sich zu der Aussage verstiegen, im Zusammenhang mit dem FaschismusFaschismus von „RasseRassismus, Rasse mit Stil“ zu sprechen.12
Auffällig ist, dass SimmelSimmel, Georg, von einer Leidenschaft nüchterner Neugierde getrieben, den Begriff Stil des LebensLeben, Lebens-, -leben (SimmelSimmel, Georg verwendet zunächst diese Bezeichnung für LebensstilLebensstil) in einem völlig neutralen Sinn verwendet. Unklar bleibt auch, wer da formt, der Mensch oder die selbstläufig gewordenen kulturellen Kräfte, die er entbunden hat, allen voran das GeldGeld. Dieses bringt nämlich eine spezifische Form des LebensstilsLeben, Lebens-, -leben hervor. Aber eigentlich ist das Phänomen des LebensstilsLeben, Lebens-, -leben selbst – so wie das Phänomen der ModeMode – neu. Es hat auf den ersten Blick keinen Sinn, vom LebensstilLebensstil der antiken Griechen, der Mayas oder der Menschen im MittelalterMittelalter zu sprechen. LebensstilLebensstil bedeutet nämlich ein ästhetisches Verständnis und Selbstverständnis des Menschen, das vor der ModerneModerne, modern, -moderne einigermaßen fremd war. SimmelSimmel, Georg beschreibt verschiedene zentrale, für den modernen Stil des LebensLeben, Lebens-, -leben charakteristische Merkmale:
1 Der LebensstilLebensstil hat keine ‚Tiefe‘, keine Authentizität, er ist arbiträrArbitrarität, arbiträr und „charakterlos“. Arbiträr, vom lateinischen arbitrari, glauben, meinen abgeleitet, verweist auf die Tatsache, dass unser LebensstilLebensstil einigermaßen willkürlich gesetzt ist und zum Teil auch so verstanden wird. Er resultiert nicht länger aus der Befolgung heiliger, von göttlichen Instanzen eingesetzter Regeln, Geboten, Verboten, Vorschriften. Charakterlos meint auch, dass dieser LebensstilLebensstil sich ändern kann und dass ihm gegenüber kein Treuegebot gilt. Ein 68er Linker, ein Punk oder eine Grün-Alternative muss seinen bzw. ihren LebensstilLebensstil nicht das ganze LebenLeben, Lebens-, -leben hindurch tragen, er/sie kann ihn ändern, ohne irgendwelche Sanktionen befürchten zu müssen und ohne dass ihm/ihr Schuldgefühle nahegelegt werden.
Die Pluralität der heutigen Lebensstile lässt sich als Auswirkung der Vorläufigkeit modernerModerne, modern, -moderne Existenz begreifen. Ihr offenkundiger Mangel, ihre Unverbindlichkeit und geringe soziale Bindekraft erzeugt, verschärft durch das Abgrenzungsbedürfnis der nachfolgenden Generationen, immer neue Lebensstile, die strukturellStruktur, strukturiert, strukturell verblüffend ähnlich sind.
In diesen Zuschreibungen der modernenModerne, modern, -moderne Kultur des GeldesGeld treten Phänomene zutage, die man seit den 1980er Jahren gern als postmodern bezeichnet: eine Form von Selbstzuschreibung, die kontingentKontingenz, kontingent, das heißt zufällig und nicht zwingend ist. Damit steht der moderne LebensstilLebensstil im krassen Gegensatz zur klassischen ‚Persönlichkeit‘ des 18. und 19. Jahrhunderts, deren zentrales Bestreben die Entdeckung und Entfaltung des wahren Selbst ist.
1 Der moderneModerne, modern, -moderne Stil des LebensLeben, Lebens-, -leben ist durch das Primat des Verstandes geprägt: Das BegehrenBegehren eines Menschen nach einem bestimmten Produkt mag subjektivSubjektivität, subjektiv, unvernünftig, ja sogar irrational sein, aber die Art und Weise, es in seinen Besitz zu bekommen, ist zweckrational. Das ist, wie SimmelSimmel, Georg ausführt, die Folge des „Mittelcharakters des GeldesGeld“. Das Geld ist ein MediumMedium, es tritt dazwischen. Aber das Dazwischentreten des Geldes hat weitreichende Folgen, für den Einzelnen wie für die Kultur. Das BegehrenBegehren wird aufgeschoben. Es entsteht eine lange Reihe von Mitteln und Zwecken. Das strategische Denken wird zur vorherrschenden Mentalität unseres kulturellen und gesellschaftlichenGesellschaft, gesellschaftlich LebensLeben, Lebens-, -leben. Das Geld wird zum Mittel der Gestaltung unseres Willens im KontextKontext der gesellschaftlichen Verhältnisse, die wiederum durch die Verbindung zwischen subjektivem Willen und absolutem Werkzeug geschaffen werden. Durch das Medium Geld tritt das Prozesshafte der Kultur vollends zutage.13
Aber damit modifiziert sich der Wille als solcher, er rationalisiert sich durch die Beziehung zum Mittel, dessen er sich zur Durchsetzung bedient. Der Wille ist, bemerkt SimmelSimmel, Georg an einer Stelle, blind wie der des „geblendeten Cyclopen“, der „aufs Geratewohl losstürmt“14. Was ihm fehlt, ist ein Inhalt, ein Zweck und die strategische Wahl der Mittel. Woran es ihm mangelt, ist, um die Anspielung aus der Odyssee aufzugreifen, die List des Odysseus, die HorkheimerHorkheimer, Max und AdornoAdorno, Theodor W. in ihrer Lesart des Homerischen Epos kulturkritisch und antikapitalistisch wenden werden (→ Kap. 6).
Der moderneModerne, modern, -moderne LebensstilLebensstil ist subjektivSubjektivität, subjektiv, begehrlich und zugleich rational-strategisch. Er impliziert ein Zurückdrängen all jener Bereiche, die man als Gemüt und Gefühl bezeichnet. In der Umgangssprache werden sie mit dem Begriff des Romantischen belegt. Zur Veranschaulichung sei hier ein Beispiel aus der österreichischen Literatur zitiert, der erste Roman von BrochsBroch, Hermann Trilogie Die Schlafwandler. Er trägt den Titel Pasenow oder Die RomantikRomantik. Der romantische junge Pasenow, der für eine junge Varietéschauspielerin und Halbweltdame entflammt ist und am Ende die standesgemäße Nachbarstochter ehelicht, verkörpert einen untergehenden Typus, für den noch alles in OrdnungOrdnung, ordnungs- ist und in Ordnung aufgeht. Demgegenüber verkörpert sein liberaler und melancholischer, unternehmerischer Jugendfreund den neuen rastlosen urbanen LebensstilLebensstil des GeldesGeld. Mobilität geht immer auf Kosten der Treue.15 Auf das Verhältnis der beiden ungleichen Freunde lässt sich SimmelsSimmel, Georg folgende Anmerkung blendend zur Anwendung bringen:
Wie der, der das GeldGeld hat, dem überlegen ist, der die Ware hat, so besitzt der intellektuelleIntellektueller, intellektuell Mensch als solcher eine gewisse MachtMacht gegenüber dem, der mehr im Gefühle und Impulse lebt. Denn soviel wertvoller des letzteren Gesamtpersönlichkeit sein mag, so sehr seine Kräfte in letzter Instanz jenen überflügeln mögen – er ist einseitiger, engagiert, vorurteilsvoller als jener, er hat nicht den souveränen Blick und die ungebundenen Verwendungsmöglichkeiten über alle Mittel der PraxisPraxis wie der reine Verstandesmensch.16
Wichtig ist hier festzuhalten, dass diese Überlegenheit zunächst einmal eine rein praktische und keineswegs eine moralische ist. Im Gegenteil. Ein klein wenig suggeriert SimmelSimmel, Georg den Eindruck, dass diese Überlegenheit möglicherweise moralisch durchaus fragwürdig ist. Mit dem GeldGeld umgehen zu können, ist also eine KulturtechnikTechnik, -technik, die Menschen erst erlernen müssen. Sie setzt die Kenntnis von Kalkülen und die Rechtfertigung von diversen Operationen voraus. Diese ‚mediale‘ Rationalität konzentriert sich auf den ökonomisch effizienten Mitteleinsatz zur Erreichung eines bestimmten Zieles. Das gilt nicht nur im Bereich der Ökonomie, sondern in allen relevanten Bereichen der GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich. In dieser Konzentration liegt freilich, wie SimmelSimmel, Georg später zeigen wird, auch ein verkehrendes Moment: dass nämlich wie bei Dagobert Duck in Entenhausen das Mittel alles, nämlich zum Ziel wird.
1 Aus der Rationalität des modernenModerne, modern, -moderne LebensstilsLebensstil resultiert, dass er intellektuellIntellektueller, intellektuell, d.h. charakterlos ist. Aber das Wort „charakterlos“ erfährt hier ebenso wie das Adjektiv „intellektuell“ eine verschobene Bedeutung. Es meint nicht, dass alle Mitglieder der modernen Geldkultur moralisch defizitär wären, es meint auch nicht, dass alle Menschen zu Intellektuellen würden. Und es bedeutet auch nicht, dass Intellektuelle charakterlos in moralisch abwertendem Sinn sind – Zuschreibungen, die von radikalen linken wie rechten Denkern immer wieder vorgebracht worden sind. Simmel schreibt diesbezüglich:
Der IntellektIntellekt, seinem Begriff nach, ist absolut charakterlos, nicht im Sinne des Mangels einer eigentlich erforderlichen Qualität, sondern weil er ganz jenseits der auswählenden Einseitigkeit steht, die den Charakter ausmacht.17
Das Wort „Charakter“ kommt aus dem Altgriechischen. Sein Bedeutungsumfang lässt sich durch Worte wie Gepräge, Ritzung, Zauberzeichen, amtliche Eigenschaft, Rang, Stand beschreiben. Der „charakterlose“ LebensstilLebensstil ist ambivalent und widerspricht dem berühmten Lutherischen Diktum: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“. In den KontextKontext des (post-)modernenModerne, modern, -moderne LebensstilsLeben, Lebens-, -leben gestellt, bedeutet er demgegenüber: Hier bin ich gerade, ich kann auch anders. Die heute allseits beschworene Biegsamkeit (Flexibilität), die geschickt der sozialen Unterwerfung des einzelnen Menschen unter die Logik des KapitalsKapital, Kapitalismus, kapitalistisch einen dynamisch-erotischen ‚Kick‘ verleiht, weist genau in diese Richtung: Bereitschaft zur permanenten Veränderung, zum Wechsel der eigenen IdentitätIdentität.
Überhaupt ist es sinnvoll, SimmelsSimmel, Georg Begriff der Charakterlosigkeit mit den Identitätsdebatten unserer Tage in Verbindung zu bringen. Charakterlos bedeutet auch, die Einbuße, die Unmöglichkeit, den (scheinbar) freiwilligen Verzicht auf eine fixe, unveränderliche IdentitätIdentität, freiwillig zu akzeptieren. Nicht nur haben wir verschiedene Identitätsoptionen – nationaleNation, Nationalismus, national, geschlechtlichegeschlechtlich, berufliche, regionale usw. – wir ändern womöglich auch unsere Identität im Laufe unseres LebensLeben, Lebens-, -leben. Diese Form von verflüssigter Identität wird in der modernenModerne, modern, -moderne Kultur offenkundig vorgezogen.
Um sich dies anschaulich vor Augen zu führen, kann man auch einen Blick von SimmelsSimmel, Georg opus magnum auf ein literarisches Werk werfen, auf Robert MusilsMusil, Robert Roman Mann ohne Eigenschaften, der sich – nebenbei bemerkt – als eine KulturanalyseKulturanalyse mit literarischen Mitteln lesen lässt. Der schon im Titel des Buches angesprochene Mangel an Eigenschaften des Sohnes, der im Kontrast zum Vater, dem Mann mit Eigenschaften steht, korrespondiert ganz offenkundig mit der SimmelSimmel, Georg’schen Charakterlosigkeit.
SimmelSimmel, Georg zielt auf etwas, das MusilMusil, Robert als Eigenschaftslosigkeit bezeichnet. Der Protagonist Ulrich entspricht wenigstens zu Anfang des Romans mit all seiner nüchternen Distanz, seinem Faible für Körperertüchtigung, seiner IronieIronie und seinem Konsumverhalten der Charakterlosigkeit des SimmelSimmel, Georg’schen Menschen. Er ist dessen spezifisch österreichische Variante, womöglich in DifferenzDifferenz zum realen Autor.
Mit der Eigenschaftslosigkeit ist offenkundig jene Einbuße an Selbstverständlichkeit im Hinblick auf die eigene Person gemeint, der Verlust des GlaubensGlaube an die Verfügbarkeit über die eigene Person, die der klassische HumanismusHumanismus wenigstens nahelegt. Es geht nicht darum, dass Ulrich jedwede Spezifität und Besonderheit eingebüßt hätte, sein Bedürfnis nach aristokratischer DifferenzDifferenz gegenüber dem aufkommenden MassenmenschenMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen- ist ohnehin unübersehbar. Aber was ihm abhanden gekommen zu sein scheint, das ist eben jene selbstverständliche IdentitätIdentität mit sich selbst. Das LebenLeben, Lebens-, -leben des modernenModerne, modern, -moderne Menschen ist immer auf Vorbehalt angelegt und gerade deshalb ist es ihm möglich, immer wieder die Rollen zu wechseln.
1 Mit diesem Vorbehalt sich selbst gegenüber und mit der Intellektualität unmittelbar verbunden ist jenes Phänomen, das SimmelSimmel, Georg als „eigentümliche Abflachung des Gefühlslebens“ bezeichnet. Die Dämpfung des emotionalen LebensLeben, Lebens-, -leben ist eine direkte Folge jener Distanz, die durch das Dazwischentreten des GeldesGeld im zwischenmenschlichen Umgang eingeübt wird. Im strategischen Handeln ist es nicht klug, Gefühle zu zeigen. Noch zu Ende des 18. Jahrhunderts etwa war es in Deutschland üblich, Gefühle in der Öffentlichkeit zu zeigen. So wurde es in der Epoche der Empfindsamkeit zum kulturellen Gebot, im Theater öffentlich zu weinen. Ein Begriff wie Herzensbildung erscheint uns heute unerträglich pathetisch. Die Abneigung gegen Sentimentalität und Pathos, die Aufladung des eigenen Selbst im und durch das Gefühl zeigt sich bis vor kurzem auch in der programmatischen Unterkühltheit (coolness) der Jugendkulturen; die spezifische Verwendung des amerikanischen Englischen leistet dabei einen entscheidenden symbolischen Beitrag. Die kulturell eingeübte Kühle in den westlichen Kulturen Nordamerikas und Westeuropas, die von Angehörigen anderer Kulturen nicht selten als unerträgliche Kälte beschrieben wird, hat natürlich auch ihre Kehrseite. Die Berufsgruppe, die uns beibringen möchte, zu unseren Gefühlen zu stehen, Gefühl zu zeigen, unsere Emotionen neu zu entdecken, der Bereich der Psychotherapie im weitesten Sinn, wächst mit dem kulturellen Imperativ, als Agent der Geldkultur kühlen Kopf zu bewahren. In gewisser Weise lässt sich mutmaßen, dass die von SimmelSimmel, Georg beschriebene Tendenz der Emotionsverringerung auch kontrafaktisch ist.
2 Wo es nicht um oder an das persönlich Eingemachte geht, wo die eigene Überzeugung wenig, aber die Einigkeit über bestimmte rationale Prozeduren viel zählt, da stellt sich jenes Phänomen ein, das SimmelSimmel, Georg als „Leichtigkeit intellektueller Verständigung“ beschreibt. Man kann sich einigen, weil für alle Beteiligten nicht allzu viel auf dem Spiel steht, außer der eigenen Selbstbehauptung. Es geht nicht – um einen alten Pop-Song zu zitieren – um All or Nothing. Kein Zufall, dass in dieser Kultur eine Berufsgruppe auf dem internationalen Parkett zunehmend an Bedeutung gewinnt: die Diplomatie. Sie ist die hohe SchuleSchule des Kompromisses, der Gewandtheit und der Mediation, die mittlerweile Teil unseres gesellschaftlichenGesellschaft, gesellschaftlich AlltagsAlltag, Alltagskultur, Alltags- geworden ist, und zwar auf allen Ebenen unserer Kultur: privat wie öffentlich. Um in diesem Spiel zu bestehen, bedarf es eben eines gewissen Maßes an Charakterlosigkeit, eines Mangels an eigenen inneren Überzeugungen. Denn solange sich die eigene IdentitätIdentität aus solchen inneren ‚tiefen‘ Überzeugungen und Gefühlen bestimmt und speist, so lange wird jeder Kompromiss zwangsläufig zu einem Verrat an sich selbst. Als 1989 die Grenzen zwischen Ost- und Westeuropa fielen, konnte man die von SimmelSimmel, Georg beschriebene kulturelle DifferenzDifferenz sehr gut wahrnehmen, hier die gewandten, emotional ‚abgeflachten‘ Westeuropäer, dort jene Menschen, die über Standpunkte, Emotionen, Ecken und Charakter verfügten und diese auch in ihrem Handeln ins Spiel brachten, übrigens mit nicht selten bedenklichen Folgen. Der Überzeugungstäter ist die Gegenposition zum überzeugungslosen Diplomaten, so wie sich Helden und Händler – die beiden Gegenpole bei Werner SombartSombart, Werner – ausschließen.18
Hinter SimmelsSimmel, Georg Argument steckt aber indirekt eine wichtige These, nämlich die Auffassung, dass Emotionen eine wichtige Rolle für die eigene Selbstversicherung spielen. Die vorbehaltliche und provisorische IdentitätIdentität und die Abkühlung der eigenen Emotionen bedingen einander. Auf paradoxe Weise hat – so wenigstens das SelbstbildSelbstbild – der emotional distanzierte Mensch ohne fixe Identität eine weit höhere Verfügungsgewalt über sich selbst als der Mensch, der aus seinen Emotionen eine starke Identität bezieht, aber diesen zugleich ausgeliefert ist. Ihm ist der Kompromiss wesensmäßig fremd. Demgegenüber attestiert SimmelSimmel, Georg dem charakterlosen Menschen der Geldkultur eine „Tendenz zur Versöhnlichkeit“.19 Das hängt mit einer weiteren Facette seiner kollektiven Disposition zusammen, die man heute als IndifferenzIndifferenz bezeichnet, als GleichgültigkeitGleichgültigkeit. SimmelSimmel, Georg bescheinigt dem Menschen der modernenModerne, modern, -moderne Kultur „Gleichgültigkeit gegenüber den Grundfragen des Innenlebens“,20 damit aber auch eine Gleichgültigkeit sich selbst und dem anderen gegenüber. Diese Gleichgültigkeit hat mehrere Aspekte. Zunächst einmal bedeutet die Gleichgültigkeit positiv gesehen, dass mein Gegenüber, ungeachtet seiner Herkunft und seines GeschlechtsGeschlecht (Gender), Geschlecht-,, gleich gültig ist, seine Besonderheit interessiert mich nicht weiter. GeldGeld ist ein radikaler leveller, hat MarxMarx, Karl einmal attestiert.21 Etwas von dieser Gleichgültigkeit des Geldes ist in die modernen zwischenmenschlichen Beziehungen eingeschrieben. Was übrigens nicht bedeutet, dass in dieser Kultur der Einzelne gänzlich wertlos wäre, ganz im Gegenteil. Vielleicht lässt sich zur Illustration für diese kulturelle Befindlichkeit noch ein weiterer berühmter Autor aufrufen, nämlich Milan KunderaKundera, Milan, der die geniale Formel von der „unerträglichen Leichtigkeit des Seins“ zum Titel seines wohl prominentesten Romans gemacht hat. Um sich leichtfüßig zu bewegen, muss man möglichst viel Ballast abwerfen, die Schwere des Gefühls, der Metaphysik, der eigenen Person. Freilich legt allein schon der Romantitel nahe, dass diese Leichtigkeit am Ende unerträglich sein könnte und – mit SimmelSimmel, Georg gesprochen – das BegehrenBegehren nach Schwere auslöst.22
Programmatisch und selbstbildhaft bleibt hingegen die unpersönliche Sachlichkeit, wie sie uns aus unzähligen Stellenausschreibungen, den medialen Manifestationen des ökonomischen Bereichs aus Karrierebeschreibungen oder aus medialen RepräsentationenRepräsentation als Ausweis von Professionalität entgegenschlägt. Es handelt sich dabei um eine Form von Moderatheit, die durch das GeldGeld ‚moderiert‘ wird. Wenn SimmelSimmel, Georg in diesem Zusammenhang von der „Objektivitätobjektiv, Objektiv- dieser Lebensverfassung“23 spricht, dann meint er nicht, dass die moderneModerne, modern, -moderne Kultur ein stabiles ‚objektives‘ Fundament besitzt, sondern vielmehr, dass die Welt der durch das Geld vermittelten DingeDinge und Einrichtungen eine Objektivitätobjektiv, Objektiv- erzeugt, an die wir uns in unserem Verhalten gleichsam anschmiegen. Das Geld etabliert insofern eine Art von leerer Objektivitätobjektiv, Objektiv-, indem es Sachzwänge schafft, denen wir uns nicht nur fügen, sondern die wir in unserem Verhalten verinnerlichen. Kultur ist jener wundersame Bereich, in dem es nicht um Verbote und Repression geht, wie im Feld von PolitikPolitik und GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich, sondern um die Frage der Selbstkonditionierung, einer Form von mehr oder weniger unbewusstunbewusst verlaufender kultureller SozialisationSozialisation, die, wie Pierre BourdieuBourdieu, Pierre gezeigt hat, viel effektiver ist als der schiere Zwang, die bloße Repression, die schlichte Gewalt (→ Kap. 9).
Zusammenfassend lässt sich im Hinblick auf die inneren, ‚unsichtbaren‘ Tendenzen des modernenModerne, modern, -moderne LebensstilsLeben, Lebens-, -leben sagen, dass das GeldGeld kulturell betrachtet ein janusköpfiges Phänomen darstellt. Es ermöglicht die Präsenz des IndividuumsIndividuum um den Preis seiner rigorosen Selbstbeschneidung. Im Gegensatz zum üblichen Binarismus – hier Individualismus, dort Kollektivismus – geht SimmelSimmel, Georg davon aus, dass der moderne Stil des LebensLeben, Lebens-, -leben sowohl individualistisch als auch kollektivistisch ist.
Das GeldGeld ist, wie sein theoretischer Reflex, die rationalistische Weltauffassung, eine SchuleSchule des neuzeitlichen Egoismus und des rücksichtslosen Durchsetzens von IndividualitätIndividualität gegen die traditionellen Mächte der Gemeinschaft. In diesem Zusammenhang prägt SimmelSimmel, Georg die paradoxe Formel von der „Majorisierung des Einzelnen“. Das Geld besitzt eine individualistische Komponente: Es ‚objektiviert‘ zwar die „impulsiv-subjektivistischeSubjektivismus, subjektivistisch“ „in überpersönliche und sachlich normierte Verfahrungsweisen“, aber es gibt dem Einzelnen überlegene Strategien an die Hand, seinen Willen und seine Ziele durchzusetzen. Der „kommunistische“ Charakter des Geldes, den SimmelSimmel, Georg ironisch, aber zugleich ganz ernst gemeint, gegen den SozialismusSozialismus seiner ZeitZeit setzt, ergibt sich hingegen aus dem „nivellierten“ Charakter des Geldes, für das alles gleichgültig (im Doppelsinn des Wortes) und allgemein mitteilbar ist. Das Geld macht alles theoretisch für alle zugänglich, es ist „allgemein mittelbar“.24
Andy WarholWarhol, Andy, ein praktischer Soziologe mit künstlerischen Mitteln, hat dies ganz ähnlich gesehen wie SimmelSimmel, Georg. Er hat sich mit massenwirksamen Symbolen beschäftigt, so auch mit Hammer und Sichel, dem SymbolSymbol des offiziellen marxistischenMarxismus, marxistisch KommunismusKommunismus. Diesem hat er die Cola-Flasche gegenübergestellt, die er – so ironisch wie unironisch – als ein unsentimentales SymbolSymbol einer demokratischenDemokratie, demokratisch PopularkulturPopularkultur gefeiert hat: Jeder, auch die Queen trinkt Coca Cola, textet WarholWarhol, Andy in seiner Hommage auf den KommunismusKommunismus der verallgemeinerten Geldkultur, jeder trinkt unabhängig von Herkunft, GeschlechtGeschlecht (Gender), Geschlecht-, und KlasseKlasse Coca Cola.25
Die Geldkultur ist, wenn man sie seitlich anleuchtet, also durchaus attraktiv, gerade weil sie individualistische und ‚kommunistische‘, d.h. egalitäre Momente miteinander verknüpft. Nicht, weil die USA der mächtigste Staat dieser Welt sind, sondern weil die Vereinigten Staaten diesen Kommunismus des GeldesKommunismus (des Geldes)Geld – mit all seinen Facetten – perfekt zu verkörpern scheinen (denn die gesellschaftlicheGesellschaft, gesellschaftlich Realität dürfte sich von diesem Selbst- und FremdbildFremdbild unterscheiden), ist Amerika, ungeachtet eines weltweiten Anti-Amerikanismus, jene Kultur des Westens, die noch immer die mächtigste Anziehungskraft auf breite Schichten der außeramerikanischen Welt ausübt, eben weil sie beides verspricht, IndividualitätIndividualität und egalitären Konformismus.
Aus diesen beiden gegenläufigen Momenten ergibt sich eine weitere Form des modernenModerne, modern, -moderne LebensstilsLeben, Lebens-, -leben, der Atomismus der modernen GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich. Die Masse tritt in dieser Kultur höchst selten in geballter Form, als Mega-KörperKörper, körperlich auf, wie es die diversen MassentheorienMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen- marxistischer, psychoanalytischer und kulturanthropologischer Provenienz dargelegt haben, sondern zumeist handelt es sich um eine virtuelle Masse, in der jeder für sich allein ist:
Die Allgemeingültigkeit der Intellektualität ihren Inhalten nach wirkt, indem sie für jede individuelleindividuell Intelligenz gilt, auf eine Atomisierung der GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich hin, sowohl vermittels ihrer wie von ihr aus gesehen erscheint jeder als ein in sich geschlossenes Element neben jedem anderen, ohne dass diese abstrakte Allgemeinheit irgendwie in die konkrete überginge, in der der Einzelne erst mit den anderen zusammen eine Einheit bildete.26
SimmelSimmel, Georg zählt weitere Charakteristika auf, die mit den oben beschriebenen Tendenzen direkt zusammenhängen. Für den heutigen Leser ist die Mischung aus Vertrautem und Befremdlichem verblüffend. So spricht SimmelSimmel, Georg von der modernenModerne, modern, -moderne Kultur als einer Kultur des Messens, was sich im Umgang mit GeldGeld aber auch mit ZeitZeit sinnfällig demonstriert. In der modernen Kultur dominiert das Phänomen der Verflüssigung, des Prozessualen, demgegenüber das Statische und das Produkt zurücktreten. SimmelSimmel, Georg zufolge handelt es sich dabei um eine „Verdichtung der rein formalen Kulturenergie, die jedem beliebigen Inhalt zugeordnet werden kann“.
Ziehen wir eine erste Zwischenbilanz, so lässt sich sagen, dass SimmelsSimmel, Georg Analyse in der Tat einem kulturellen MaterialismusMaterialismus verpflichtet ist, der bestimmte Denkformen, Haltungen und LebensformenLeben, Lebens-, -leben, das Hervortreten neuer symbolischer FormenFormen, symbolische wie der modernenModerne, modern, -moderne KunstKunst, Kunstwerk vornehmlich nicht dem Entstehen neuer Ideen und Konzepte zuschreibt. Deren Durchsetzung ist nur möglich mittels der medialen Eigendynamik des GeldesGeld. Von allen Medien ist Geld das kulturell nachhaltigste und durchschlagendste. Alle nachfolgenden technischen KommunikationsmedienMedien, Medien-, -medien, medien- tragen dessen StrukturStruktur, strukturiert, strukturell in sich. Aus dieser Perspektive sind politische Phänomene wie Pazifismus, FeminismusFeminismus sowie politischer und sozialer Egalitarismus nicht so sehr geistesgeschichtliche Ereignisse, sondern Effekte der modernen, von der Struktur des Geldes bestimmten Lebensstilkultur. Die Devise des amerikanischen MedientheoretikersMedien, Medien-, -medien, medien- Marshall McLuhan The medium is the message gilt ganz besonders für das Geld.27
Der Pazifismus z.B. ist in dieser Argumentation nur möglich, weil die moderneModerne, modern, -moderne Kultur die Tendenz beinhaltet, weltanschauliche Gegensätze zurückzustellen, und einen Menschentypus hervorbringt, der seinem ganzen Verhaltenskodex nach versöhnlich ist. Der FeminismusFeminismus ist nicht zuletzt auch das Ergebnis eines Egalitarismus, der im GeldGeld verankert ist und der GleichgültigkeitGleichgültigkeit mit sich bringt. Unter den Bedingungen des ‚Kommunismus‘ des GeldesKommunismus (des Geldes) ist jedes IndividuumIndividuum ein gleichberechtigter Konsument, unabhängig von seinen spezifischen und inneren Besonderheiten, von denen die moderne Kultur ebenso wie das Geld abstrahiert.
Bezeichnend ist SimmelsSimmel, Georg extreme AmbivalenzAmbivalenz: Man kann seine Beschreibung der modernenModerne, modern, -moderne westlichen, durch das MediumMedium GeldGeld gesteuerten Kultur wie ein Kippbild betrachten. Dann sehen wir auf der einen Seite das positive SelbstbildSelbstbild unserer gegenwärtigen Kultur – des LebensLeben, Lebens-, -leben, der PolitikPolitik und der Künste – und auf der anderen Seite jene problematischen Aspekte, die stets – um mit FreudFreud, Sigmund (→ Kap. 2) zu sprechen – „Unbehagen“ hervorrufen (RelativismusRelativismus, relativ, Zynismus, Egoismus, Verlust an sozialer Verbindlichkeit usw.). Die radikale Pointe dieser Ambivalenz liegt indes darin, dass SimmelsSimmel, Georg Analyse der modernen Kultur uns zwingt, uns einen Spiegel vorzuhalten, in den wir üblicherweise nicht schauen mögen. Denn bei aller Attraktivität der modernen Kultur möchten wir uns nicht als Menschen begreifen, die maßgeblich von der Kultur des Geldes geprägt und habitualisiert sind. In diesem Sinn zieht SimmelSimmel, Georg eine verfängliche Bilanz; auf befremdliche Weise führt er uns unsere Kultur in ihrer latenten Programmatik vor, ohne in antimodernistische Ressentiments zu verfallen, die nahezu alle kulturrevolutionären oder -konservativenkonservativ Bewegungen des abgelaufenen Jahrhunderts begleitet und die verfängliche, aber auch korrigierende Wirkungen hervorgebracht haben. Was SimmelSimmel, Georg offenkundig anstrebt, ist eine möglichst ungeschminkte und distanzierte Form der Diagnose. Im Gegensatz zu FreudFreud, Sigmund richtet sich das nicht so benannte „Unbehagen“ in der Philosophie des Geldes nicht gegen die Kultur schlechthin, sondern gegen eine ganz spezifische Kultur: die Welt der westlich-kapitalistischenKapital, Kapitalismus, kapitalistisch Kultur und ihre Universalität. Dieses Unbehagen findet seine symbolische ‚Nahrung‘ in den Gegenwelten anderer, vor allem außereuropäischer Kulturen (→ Kap. 2).
Diese moderneModerne, modern, -moderne LebenskulturLeben, Lebens-, -leben beschreibt sehr neutral und im Unterschied zur marxistischenMarxismus, marxistisch Diagnose die EntfremdungEntfremdung als eine „Kultur der DingeDinge (Kultur der)“:28
[…] die DingeDinge, die unser LebenLeben, Lebens-, -leben sachlich erfüllen und umgeben, Geräte, Verkehrsmittel, die Produkte der Wissenschaft, der TechnikTechnik, -technik, der KunstKunst, Kunstwerk – sind unsäglich kultiviert; aber die Kultur der Individuen, wenigstens in den höheren Ständen, ist keineswegs in demselben Verhältnis vorgeschritten, ja vielleicht sogar zurückgegangen.29
Die Schere zwischen dem technischen FortschrittFortschritt im Bereich der Welt und dem kulturellen Fortschritt des Menschen klafft auseinander. An diesem Punkt stimmt SimmelsSimmel, Georg Skepsis mit jener FreudsFreud, Sigmund überein. Das Problem sind nicht die DingeDinge, sondern die Menschen, die mit dem technischen Fortschritt in der Welt der Dinge nicht zu Rande kommen. Der Ausdruck „Kultur der DingeDinge (Kultur der)“ hat bei SimmelSimmel, Georg eine dreifache Bedeutung:
Anwachsen der Welt der DingeDinge und Gerätschaften (TechnikTechnik, -technik, moderneModerne, modern, -moderne MassenprodukteMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen-),
zunehmendes Dazwischentreten von rationalen, sachlichen und ‚objektivenobjektiv, Objektiv-‘ Mitteln und MedienMedien, Medien-, -medien, medien- zur Durchsetzung individueller Interessen (GeldGeld: „die allgemeinste TechnikTechnik, -technik des äußeren LebensLeben, Lebens-, -leben“),
Versachlichung des modernenModerne, modern, -moderne LebensLeben, Lebens-, -leben.
Die Bedeutung der KunstKunst, Kunstwerk in der ModerneModerne, modern, -moderne liegt darin, dass sie die widersprüchliche Kultur der DingeDinge (Kultur der) und der Stilisierung vorführt. Die moderne Kunst ‚zeigt‘, wie die künstliche Welt von heute funktioniert. Sie ist nicht ihr Anderes, sondern ihr expliziter Ausdruck (gerade in ihren avancierten Formationen):
Alle KunstKunst, Kunstwerk verändert die Blickweite, in die wir uns ursprünglich und natürlich zu der Wirklichkeit stellen. Sie bringt sie uns einerseits näher, zu ihrem eigentlichen und innersten Sinn setzt sie uns in ein unmittelbares Verhältnis, hinter der kühlen Außenwelt verrät sie uns die Beseeltheit des Seins, durch die es uns verwandt und verständlich ist. Daneben aber stiftet jede Kunst eine Entfernung von der Unmittelbarkeit der DingeDinge, sie läßt die Konkretheit der Reize zurücktreten und spannt einen Schleier zwischen uns und sie, gleich dem bläulichen Duft, der sich um ferne Berge legt. […] die bloße Tatsache ist an sich schon einer der bedeutsamsten Fälle von Distanzierung. Der Stil in der Äußerung unserer inneren Vorgänge besagt, dass diese nicht mehr unmittelbar hervorsprudeln, sondern in dem Augenblick ihres Offenbarwerdens ein Gewand umtun. Der Stil, als generelle Formung des Individuellen, ist für dieses eine Hülle, die eine Schranke und Distanzierung gegen den anderen, der die Äußerung aufnimmt, errichtet.30
Das Lebensprinzip der KunstKunst, Kunstwerk sei, „dass sie uns in eine Distanz von ihnen stellt“.31 Der SubjektivismusSubjektivismus, subjektivistisch des neuen LebensstilsLeben, Lebens-, -leben hat SimmelSimmel, Georg zufolge ein vergleichbares Grundmotiv: Wir gewinnen paradoxerweise ein „innigeres und wahreres Verhältnis zu den Dingen“, indem wir uns in uns selbst zurückziehen und von ihnen abrücken oder die zwischen ihnen und uns bestehende Distanz bewusst anerkennen. Entgegen des erstmals in der romantischen AvantgardeAvantgarde formulierten TraumsTraum, Traum-, -traum von der Wiederherstellung der Einheit von Kunst und LebenLeben, Lebens-, -leben insistiert SimmelSimmel, Georg darauf, dass die Kunst sich immer weiter von diesem ‚LebenLeben, Lebens-, -leben‘ entfernt und sich als eigenes Feld (Kultur III) in der Kultur etabliert und ausdifferenziertAusdifferenzierung, ausdifferenziert (→ Kap. 2).
Den entscheidenden Punkt bildet dabei die Distanz. Wie jeder Besucher von Ausstellungen und Museen weiß, herrscht bei diesen ein generelles Verbot: Noli me tangere. Nicht Berühren. Das gilt für den auferstandenen Christus wie für die modernenModerne, modern, -moderne Werke der Künste, gerade für jene, die die Nähe von KunstKunst, Kunstwerk und LebenLeben, Lebens-, -leben so suggestiv vortäuschen. In seinem Fragment über den Henkel hat SimmelSimmel, Georg diese DifferenzDifferenz mit unbestechlicher Eleganz vorgeführt: Die Vase ist gleichsam ein kultureller HybridHybrid, Hybridität, der in der Kunst-Kultur ebenso beheimatet ist wie in der AlltagskulturAlltag, Alltagskultur, Alltags-. Der Henkel ist das sichtbare Phänomen des praktischen Gebrauchs. Diese Gebrauchsfunktion wird in jenem Moment annulliert, wenn es sich um einen etruskischen, kretischen oder griechischen Krug aber auch um ein ready made handelt, das in einem Museum steht.32 Die Vitrine markiert gleichsam die Durchstreichung der Henkelqualität.
Distanz hat in diesem Zusammenhang also mehrere Aspekte:
Die KunstKunst, Kunstwerk der klassischen ModerneModerne, modern, -moderne bildet mimetisch die Distanz zwischen Menschen und Dingen und zwischen Menschen und Menschen nach und stellt so eine kulturelle SozialisationSozialisation in die Kultur der Moderne dar.
Das ArtefaktArtefakte der KunstKunst, Kunstwerk im Kultraum Museum/Ausstellung erhält im Gegensatz zum Gebrauchsgegenstand einen Abstand zum SubjektSubjekt. Es ist das Ding, das sich nicht (so ohne Weiteres) vereinnahmen lässt. Insofern bricht es das selbstverständliche BegehrenBegehren des modernenModerne, modern, -moderne Menschen.
Diese Widersetzlichkeit schafft dem modernenModerne, modern, -moderne Menschen einen inneren Freiraum, eine Nische.
Gerade durch diese Distanzierung wird „unter günstigen Bedingungen“ „eine Reserve des Subjektiven, eine Heimlichkeit und Abgeschlossenheit des persönlichen Seins“ möglich, eine SubjektivitätSachregisterSubjektivität, subjektiv, die an den religiösenReligion, religiös LebensstilLebensstil früherer ZeitenZeit erinnert, eben dadurch, dass das GeldGeld den modernenModerne, modern, -moderne Menschen die DingeDinge vom Leib hält sowie die „Beherrschung und Auswahl des uns Zusagenden unendlich erleichtert“.33 So führt uns SimmelSimmel, Georg in eigener Person und Sache die Zwiegespaltenheit des modernen Menschen vor.
Mit dem modernenModerne, modern, -moderne Stil des LebensLeben, Lebens-, -leben eng verwandt ist die ModeMode. Sie ist die adäquate Form der Präsentation und RepräsentationRepräsentation des modernen LebensstilsLeben, Lebens-, -leben, indem sie auf geniale Weise konformistisches Verhalten und individualistische Verfügung miteinander verschränkt. Die Mode repräsentiert dabei nicht nur einen bestimmten kulturellen oder gesellschaftlichenGesellschaft, gesellschaftlich Bereich des LebensLeben, Lebens-, -leben, sondern sie ist ein Prinzip, das in alle Bereiche der modernen „nervösen“34 Kultur eindringt. Sie basiert auf der modernen Lebensstilkultur, in der „[…] die großen, dauernden, unfraglichen Überzeugungen mehr und mehr an Kraft verlieren“.35 Sie verkoppelt zwei entscheidende Momente, das (traditionelle) Moment der NachahmungNachahmung mit jenem der Originalität: Der Reiz der Nachahmung besteht darin, dass
[…] sie uns ein zweckmäßiges und sinnvolles Tun auch da ermöglicht, wo nichts Persönliches und Schöpferisches auf den Plan tritt. Man möchte sie das Kind des Gedankens mit der Gedankenlosigkeit nennen. Sie gibt dem IndividuumIndividuum die Beruhigung, bei seinem Handeln nicht allein zu stehen, sondern erhebt sich über den bisherigen Ausübungen derselben Tätigkeit wie auf einem festen Unterbau, der die jetzige von der Schwierigkeit, sich selbst zu tragen, entlastet.36
Der Akzent liegt dabei auf dem „Bleibenden im Wechsel“.37 Für den modernenModerne, modern, -moderne Menschen ist IndividualitätIndividualität ein hohes Gut. Eine solche IdentitätIdentität als IndividuumIndividuum erfordert die fortgesetzte Produktion von DifferenzDifferenz, die für das Phänomen Kultur so charakteristisch ist. Bloße, sichtbare NachahmungNachahmung ist im Fall der individuellenindividuell DifferenzierungDifferenzierung, „des Sich-abhebens von der Allgemeinheit“ kontraproduktiv. Es ist, wie SimmelSimmel, Georg sich ausdrückt, „das [zu] negierende und hemmende Prinzip“. Die ModeMode, die die Setzung von Differenz verspricht, versöhnt zwei DingeDinge, die ansonsten unversöhnlich aufeinander treffen:
den Konformismus und die Sehnsucht nach Verbindung: „bei dem Gegebenen zu verharren und das Gleiche zu tun und zu sein wie die anderen“,
das Bedürfnis nach Originalität und Neuerung und die Sehnsucht nach Absonderung und Trennung „zu neuen und eigenen LebensformenLeben, Lebens-, -leben voranschreiten“.38
Die ModeMode ist nun beides. Sie ist die Durchbrechung des bisher Gültigen (DifferenzDifferenz), aber im Gefolge einer vorgegebenen Richtung (NachahmungNachahmung). Ihr Vollzug ist immer ein individueller und das heißt auch – wenigstens formell – ein freiwilliger:
Die LebensbedingungenLeben, Lebens-, -leben der ModeMode als einer durchgängigen Erscheinung in der GeschichteGeschichte unserer Gattung sind hiermit umschrieben. Sie ist NachahmungNachahmung eines gegebenen Musters und genügt damit dem Bedürfnis nach sozialer Anlehnung, sie führt den Einzelnen auf die Bahn, die Alle gehen, sie gibt ein Allgemeines, das das Verhalten jedes Einzelnen zu einem bloßen Beispiel macht. Nicht weniger aber befriedigt sie das Unterschiedsbedürfnis, die Tendenz auf DifferenzierungDifferenzierung, Abwechslung, das Sich-abheben.39
Die Exponiertheit ist immer eine relativeRelativismus, relativ, die mindestens von einer Gruppe von Menschen getragen wird, die zur neuen ModeMode entschlossen ist:
Die Aufgeblasenheit des Modenarren ist so die Karikatur einer durch die DemokratieDemokratie, demokratisch begünstigten Konstellation des Verhältnisses zwischen dem Einzelnen und der Gesamtheit.40
Die ModeMode ermöglicht einen „sozialen Gehorsam“, der zugleich „individuelleindividuell DifferenzierungDifferenzierung“ ist. Die Menschen fügen sich in ein kulturelles Muster ein, ohne dass dazu Befehl und Gehorsam vonnöten wäre. Diese kongeniale Überbrückung der feindlichen Gegensätze gelingt der Mode durch:
den unbekümmerten Umgang mit Inhalten, Motiven und Überzeugungen,
durch ihren zeitlichen – transitorischen – Charakter: „Das Wesen der ModeMode besteht darin, dass immer nur ein Teil der Gruppe sie übt […]“ – wenn die Mehrheit auf den Geschmack der jüngsten Mode einschwenkt, ist die Mode längst weiter,
durch ihre „völlige GleichgültigkeitGleichgültigkeit gegen die sachlichen Normen des LebensLeben, Lebens-, -leben“.41
In ihrem Hang zum Hässlichen und Extravaganten dokumentiert die ModeMode sowohl diese IndifferenzIndifferenz als auch den vermeintlichen Wagemut gegenüber den anderen. Zugleich aber schützt die Mode noch den extravagantesten Auftritt vor dem peinlichen Reflex, den das Ich potenziell bei der Zurschaustellung seiner/ihrer selbst erleidet: der Scham. Ich muss mich nicht schämen, weil es alle anderen – auch – tun. Ich muss mich nicht rechtfertigen, ein Lacanianer, eine Poststrukturalistin oder ein Kulturwissenschaftler zu sein, denn es gibt andere, ich bin Teil eines Trends, einer Mode, die mich schützt. Das gilt übrigens auch für das scheinbare und schiere Gegenteil von Bekleidung: die Nacktheit, die sich als Aura des Natürlichen oder der sexuellenSexuelle, das, sexuell Befreiung seit der letzten Jahrhundertwende großer Beliebtheit erfreut. So ist das Nacktbaden am mediterranen Nudistenstrand (wo es von der ansässigen Bevölkerung bestenfalls toleriert wird, was den Reiz, anders zu sein, beträchtlich erhöht) oder in der Wiener Lobau eine Mode der longe durée, der ich mich anschließen kann (oder nicht), womit sich der Anschluss an eine kulturelle Gruppe eröffnet, die sich als progressiv und sexuell nicht prüde begreift.
Sehr viel riskanter ist es hingegen, gegen den Strom zu schwimmen, etwa als Lehrende oder als Studierender an heißen Sommertagen nackt die Universität zu betreten, denn dafür gibt es bislang keinen Modetrend. Solange diese Einschränkungen wirksam sind, ist – vom Nudistenreservat abgesehen – die Provokation des nackten KörpersKörper, körperlich wirksam, ob in aktionistischen Opern- und Theaterinszenierungen oder als politische Provokation wie weiland an der Frankfurter Universität in den ZeitenZeit der Studentenbewegung, wo durch die Entblößung des Oberkörpers durch weibliche Studierende (en groupe) dem betroffenen Meisterphilosophen T.W. AdornoAdorno, Theodor W. seine mangelnde politische Radikalität und sein traditionelles Frauenbild buchstäblich durch die Präsentation entblößter weiblicher Oberkörper vorgeführt wurde.
Wo die Welt der ModeMode aufhört, beginnt die Welt des riskanten Einsatzes. Das gilt übrigens nicht bloß für die Mode, für Autos, für Architektur, sondern auch für das Denken und die KunstKunst, Kunstwerk. Heute sind die Grenzen zwischen den sogenannten Transavantgarden und der Mode sichtbar fließend geworden. Auch der akademische Betrieb unterliegt mittlerweile diversen Moden. Nicht nur, dass Denkschulen kommen und gehen. Wenn der Einsatz des Computers zum Ausweis von Modernität wird, dann wird die Power-Point-Präsentation zur soziokulturellen Pflicht, unabhängig davon, ob sie medial stimmig ist oder nicht. Sobald dies aber alle Lehrenden tun, verliert die Verwendung des Computers ihren spezifisch luxurierenden Nutzen. Mit dem Einsatz des digitalen Geräts ist nunmehr kein Differenzgewinn zu erzielen. Ähnliches gilt auch für das Denken selbst: Wenn ein innovativesInnovation, innovativ Denken zum AlltagAlltag, Alltagskultur, Alltags- geworden ist, verblasst sein Glanz des Besonderen, das sich abhebt von all den anderen denkmodischen Langeweilern.
Der im Vergleich zu SimmelsSimmel, Georg ZeitZeit heute überwältigende PluralismusPluralismus, pluralistisch der ModenMode und der unterschiedlichen medialen Formate und Inszenierungen in allen Bereichen von Kultur und GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich modifiziert das kulturelle Großphänomen Mode, ist aber letztendlich nur die logische Konsequenz dieses paradoxen Phänomens. Weil es andere Moden gibt, für die ich mich hätte entscheiden können, wächst das Gefühl der individuellenindividuell Wahlfreiheit ebenso wie das Glück der DifferenzDifferenz, das Glück, beispielsweise ein Fan von Rasta-Musik und keiner von Hip-Hop oder Punk zu sein.
Kritikpunkte und Anmerkungen
SimmelsSimmel, Georg Konzept hat stark deterministische und lineare Züge.
Er analysiert nicht die sich abzeichnenden Gegenbewegungen in ihrer FunktionFunktion und Bedeutung für die moderneModerne, modern, -moderne Kultur.
Seine Analyse kann nicht die starken affektiven und archaischen Energien in der ModerneModerne, modern, -moderne erklären (NationalismusNation, Nationalismus, national).
Seine Analyse erklärt nicht hinreichend das Aufkommen ideologischer post-religiöserReligion, religiös Bewegungen.
SimmelSimmel, Georg spezifiziert weder zwischen den diversen europäischen Kulturen noch zwischen der modernenModerne, modern, -moderne westlichen Kultur und den nicht-okzidentalen Kulturen.
Seine Analyse ist ahistorisch.
Phänomene wie MachtMacht und HerrschaftHerrschaft bleiben weithin außer Betracht.
Zwischen seinem Befund der „Kultur der DingeDinge (Kultur der)“ und der Betonung des Flüssigen und Flüchtigen (Tempo und Rhythmus) bleibt ein gewisser, nicht ausdiskutierter Gegensatz.
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Kapitel 6 Kritische TheorieKritische Theorie als Kulturtheorie: DialektikDialektik der AufklärungAufklärung, aufklärungs- und Pariser Passagen
Dass die Kritische TheorieKritische Theorie im Umfeld der Frankfurter SchuleFrankfurter Schule eine Kulturtheorie darstellt, steht wohl außer Zweifel. Mehr noch: Mindestens zwei Jahrzehnte lang war sie tonangebend, und zwar nicht nur in Deutschland. In fast allen englischsprachigen Einführungen in die Cultural StudiesCultural Studies findet sich deshalb ein ausführliches Kapitel zur Kritischen Theorie.1 Dabei wird vor allem auf ihre kritische Analyse der modernenModerne, modern, -moderne Kulturindustrie hingewiesen. BenjaminsBenjamin, Walter Aufsatz über Das KunstwerkKunst, Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen ReproduzierbarkeitReproduzierbarkeit hat ungeachtet seiner methodisch-theoretischen Schwächen seine Stellung als diskurs-initiierender Text im Bereich der MedientheorieMedien, Medien-, -medien, medien- fast unagefochten bewahren können. Gleichwohl ist es unübersehbar geworden, dass der Kritischen Theorie heute nicht mehr jene primäre Stellung zukommt, die sie in den 1970er und 1980er Jahren eingenommen hat. Das hat verschiedene Gründe. Philosophisch geriet sie in die Defensive, weil sie trotz aller Kritik am klassischen MarxismusMarxismus, marxistisch und an HegelHegel, Georg W.F. in vielfacher Weise an Positionen, Prämissen und Denkweisen des deutschen IdealismusIdealismus (philosophisch) festgehalten hat, die von Philosophen in der kritischen Nachfolge HeideggersHeidegger, Martin (Jacques DerridaDerrida, Jacques ist hier nur der bekannteste) und vom französischen PoststrukturalismusPoststrukturalismus generell in Frage gestellt worden sind.2 In Deutschland war es vor allem Jürgen Habermas, der die radikale Kultur- und Gesellschaftskritik HorkheimersHorkheimer, Max und AdornosAdorno, Theodor W. in eine Theorie der kommunikativen und intersubjektiven Vernunft transformiert hat. Die Kulturkritik HorkheimersHorkheimer, Max und AdornosAdorno, Theodor W. geriet aber auch von einer anderen Seite her in die Defensive: Die einseitige Verdammung der PopularkulturPopularkultur wird heute weder in den Künsten noch im kulturwissenschaftlichen Bereich geteilt. Es waren ja gerade die englischen Kulturstudien (John FiskeFiske, John), die gegen die Literaturtheoretiker der HochkulturHochkultur den demokratischenDemokratie, demokratisch und emanzipatorischen Charakter der neuen Popularkultur der 1970er Jahre hervorgehoben haben. Mittlerweile gehört indes auch dieses überschwängliche Abfeiern der modernen MassenkulturMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen- der Vergangenheit an. Es ist zu offenkundig, dass diese in ihrer ökonomischen Dimension und StrukturStruktur, strukturiert, strukturell jedenfalls nicht pauschal als ‚systemkritisch‘ bezeichnet werden kann.
Insbesondere für AdornoAdorno, Theodor W. stellt die KunstKunst, Kunstwerk der, wie man heute einigermaßen paradox sagt, klassischen ModerneModerne, modern, -moderne – AdornosAdorno, Theodor W. bevorzugte Autoren sind KafkaKafka, Franz, BeckettBeckett, Samuel, ProustProust, Marcel und JoyceJoyce, James – das wesentliche kritische Potenzial gegenüber einer GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich dar, die sich im Zustand einer fast vollständigen Selbstverblendung befindet. AdornosAdorno, Theodor W. Ästhetik ist modernistisch, insofern sie sich als eine Philosophie der modernen Kunst versteht, aber sie ist kulturkonservativ, insofern sie, trotz einschlägiger Kritik an der bürgerlichen Kultur, an einem elitärenElite, elitär Kunstbegriff festhält und jedwede Art von popularer Kultur als Regression und Manipulation abstuft. Die Kulturphilosophie von AdornoAdorno, Theodor W., HorkheimerHorkheimer, Max, MarcuseMarcuse, Herbert und ihrem Umfeld ist eine kritische Theorie, nicht nur in dem selbstverständlichen Sinn, dass Theorie prinzipiell eine hinterfragende und reflexive FunktionFunktion hat, wie sich das ja auch in KantsKant, Immanuel Verwendung des Begriffs niederschlägt, in der es um die Hinterfragung (der reinen und der praktischen Vernunft oder Urteilskraft) geht. Das Werk von AdornoAdorno, Theodor W., HorkheimerHorkheimer, Max oder auch BenjaminBenjamin, Walter ist kritisch in einem ganz dezidierten Sinn: Es positioniert sich in prinzipiellem Gegensatz zur kapitalistischenKapital, Kapitalismus, kapitalistisch Gesellschaft und deren kulturellen Formationen (bürgerliche Klassenkultur, MassenkulturMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen-).
Die Kritische TheorieKritische Theorie ist auch deshalb eine Kulturtheorie, weil sie sich auf die kulturellen Phänomene der kapitalistischenKapital, Kapitalismus, kapitalistisch GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich konzentriert, auf jene Bereiche, die der standardisierte, ästhetisch und kulturell überaus konservativekonservativ MarxismusMarxismus, marxistisch so sträflich vernachlässigt hat. Diese Fokussierung bringt es beinahe automatisch mit sich, dass sie, ähnlich wie GramsciGramsci, Antonio, AlthusserAlthusser, Louis und die Vertreter der Cultural StudiesCultural Studies (→ Kap. 12), das klassische BasisBasis-ÜberbauÜberbau-Modell modifiziert, ja verwirft. In gewisser Weise radikalisiert die Kritische Theorie den marxistischen Befund der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft: Diese wird zu einem unentrinnbaren inneren wie äußeren Gefängnis, sie wird zu einer realen Dystopie, in der sich all jene Momente und Motive finden, die wir aus den großen Anti-Utopien des 20. Jahrhunderts, HuxleysHuxley, Aldous Brave New World und Orwells 1984, kennen. Aus dieser Perspektive wird unabweislich, dass wir nicht nur in einer Welt falschen BewusstseinsBewusstsein, falsches, sondern in einer verkehrten Welt leben. Aber damit verengt sich auch jedwede Möglichkeit des politischen Eingriffs, denn das Proletariat, der historische Hoffnungsanker des klassischen Marxismus, ist in denselben kulturellen Verblendungszusammenhang eingesponnen wie alle anderen Bewohner dieses ökonomischen und symbolischen Gefängnisses. Lediglich Autoren wie KafkaKafka, Franz und BeckettBeckett, Samuel, die – so die Interpretation AdornosAdorno, Theodor W. – diese totalitäre und unentrinnbare Kultur als den Ort menschlicher Verzweiflung beschrieben haben, sind imstande, diese Verblendung zu durchbrechen. AdornosAdorno, Theodor W. Blick in die Welt der modernenModerne, modern, -moderne Kultur ist schwärzer als der, der durch PlatonsPlaton Höhlengleichnis, einer zentralen ErzählungErzählung(en) abendländischer Philosophie, vorgegeben ist.3 Denn hier leben die Menschen noch in einem Schattentheater, wobei die Schatten so etwas wie den Abglanz des Wahren darstellen.
Insbesondere bei AdornoAdorno, Theodor W. ist das Ganze der Wahrheit fragmentiert und zertrümmert. Sein Blick auf die Welt der modernenModerne, modern, -moderne Kultur ähnelt strukturellStruktur, strukturiert, strukturell dem der Gnosis. Der Gnostiker weiß, dass er in einer falschen, dämonischen Welt lebt, sie ist das Werk eines falschen Gottes, aber es glimmt in ihm, dem gnostischen Menschen, ein Fünkchen der wahren Welt, die er wie einen Schatz in sich trägt. Er lebt in dem BewusstseinBewusstsein, bewusst, dass seine wahre Heimat ganz woanders ist.4 Jene AdornosAdorno, Theodor W. liegt in der klassischen Moderne, die sich – so die Deutung AdornosAdorno, Theodor W. – bewusst von der Welt abwendet.
In der Kritischen TheorieKritische Theorie verschwimmen die Grenzen zwischen den Termini Kultur und GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich. Das hängt nicht zuletzt mit dem marxistischenMarxismus, marxistisch Erbe zusammen, das die Kritische Theorie verschoben und mehr oder weniger durch Anleihen bei der PsychoanalysePsychoanalyse erweitert hat. Schon seit den 1930er Jahren galt das Interesse HorkheimersHorkheimer, Max, AdornosAdorno, Theodor W., FrommsFromm, Erich oder MarcusesMarcuse, Herbert nicht so sehr der Analyse der ökonomischen Verhältnisse, aber diese werden nichtsdestotrotz als omnipräsent gesehen. Sie haben eine direkte und eine indirekte Wirkung auf die Kultur, direkt durch die MachtMacht des Ökonomischen, indirekt durch eine Form von Vernunft, die alle DingeDinge dieser Welt zum Mittel der kapitalistischenKapital, Kapitalismus, kapitalistisch Verwertung macht. HorkheimerHorkheimer, Max wird sie später als instrumentelle Vernunft bezeichnen. Entscheidend für die Verblendung der Welt ist aber jenes Phänomen, das MarxMarx, Karl in Anlehnung an die Ethnologie als FetischcharakterFetisch(ismus), Fetischcharakter der Ware bezeichnet hat, als ein strukturellStruktur, strukturiert, strukturell falsches BewusstseinBewusstsein, falsches: Die in Waren und Geldwert verwandelten Dinge sind wie magisch aufgeladen und die Verhältnisse, die die Menschen letztendlich ja selbst geschaffen haben, erscheinen ihnen als eine Bewegung magischer Dinge. Die Kritik richtet sich also auf zwei Momente:
auf das kollektiv falsche BewusstseinBewusstsein, bewusst, das sich in allen Bereichen, insbesondere in der Kultur, den Wissenschaften und in den MedienMedien, Medien-, -medien, medien- niederschlägt,
auf eine Form von totaler MachtMacht und Beherrschung, der die Menschen ausgeliefert sind.
Zielt die erste Kritik also auf unsere kulturelle Befindlichkeit (Kultur II) und auf den Kulturbetrieb (Kultur III), so ist die zweite gegen das Gesamtsystem der GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich gerichtet, wobei HorkheimerHorkheimer, Max und AdornoAdorno, Theodor W. insbesondere in der DialektikDialektik der AufklärungAufklärung, aufklärungs- auch auf das Spezifische der westlich-abendländischenAbendland, abendländisch Kultur eingehen und ihre Kulturkritik bewusst jener von SpenglerSpengler, Oswald und Klages5 entgegenstellen (Kultur I → Kap. 1).
Lange vor FoucaultFoucault, Michel (→ Kap. 8) haben AdornoAdorno, Theodor W. und HorkheimerHorkheimer, Max, wenn auch, etwa im Vergleich zu FoucaultFoucault, Michel, einigermaßen unsystematisch, den Gedanken formuliert, dass das Denken selbst machtförmig ist. Analytische Philosophie und die gängigen Sozialwissenschaften reproduzieren das verdinglichte BewusstseinBewusstsein, bewusst, insofern sie die GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich in ihrer scheinhaften Objektivitätobjektiv, Objektiv- unhinterfragt als gegeben annehmen.
Sie exemplifizieren dies auch in ihrer Kritik an der HegelHegel, Georg W.F.’schen Philosophie, die das Besondere stets dem Allgemeinen unterstellt. Hier wird ein MachtMacht- und Unterwerfungsverhältnis festgelegt, das auch in anderen Bereichen der GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich wirksam ist. Diese Machtförmigkeit traditionellen Denkens lässt sich nur unterlaufen, indem man das Besondere aus seiner HerrschaftHerrschaft mit dem Allgemeinen, seiner falschen IdentitätIdentität mit ihm befreit. AdornosAdorno, Theodor W. Essayismus,6 sein Sprachdenkstil wie seine Denkweise, ist von der Strategie durchdrungen, das Besondere in DifferenzDifferenz zum Allgemeinen zu setzen. Systeme und Begriffe sind wie eine Armee von Soldaten, hat Friedrich SchlegelSchlegel, Friedrich einmal formuliert: „Ein Regiment Soldaten en parade ist nach der Denkart mancher Philosophen ein System.“7
Man muss – so lautet die Denkstrategie der Kritischen TheorieKritische Theorie – das Denken gleichsam entwaffnen. Damit ist eine Einsicht formuliert, die heute nicht laut aber doch vernehmlich den DiskursDiskurs im Bereich der Human- bzw. Kulturwissenschaften bestimmt: Es geht nicht nur um neue Inhalte, sondern auch um neue Formen des Denkens, die das prekäre Verhältnis von Begriff und Gegenstand sprachlich, rhetorisch und gedanklich reflektieren.
Mit diesem Befund befinden wir uns schon ganz in der Nähe jenes Werkes, das bis heute einen wichtigen Stellenwert in verschiedensten Diskursen einnimmt: HorkheimersHorkheimer, Max und AdornosAdorno, Theodor W. Gemeinschaftswerk Die DialektikDialektik der AufklärungAufklärung, aufklärungs-, das vor dem Hintergrund des nahen Kriegsendes eine düstere Gesamtbilanz der Aufklärung und der abendländischenAbendland, abendländisch Denkweise (episteme) zieht. Das Werk ist fragmentarisch in einem doppelten Sinn. Der letzte Teil ist bruchstückhaft geblieben, eine Sammlung aus Aphorismen und Marginalien. Aber das Fragmentarisch-Ausschnitthafte ist zugleich Programm eines Werkes, das gegen die Idee des geschlossenen Werkes gerichtet ist. Das BuchBuch (als Medium) kulminiert in einer Kritik an den Wissenschaften; deren GlaubenGlaube an die Begrifflichkeit der SpracheSprache wird in kritischer Volte gegen BaconsBacon, Francis berühmten Satz Wissen ist MachtMacht als mythisch und machtförmig denunziert. Im zweiten Teil wird Odysseus als ArchetypArchetyp bürgerlicher Vernunft beschrieben, dessen List darin besteht, alles zum Mittel der Durchsetzung seines strategischen Kalküls zu machen. Höhepunkt dieser Analyse ist der kritische Kommentar zum Abenteuer Odysseus‘ und seiner Gefolgsleute mit dem einäugigen Riesen Polyphem. Der einäugige Riese ist der monströse Fremde, ein Hirngespinst der griechischen Eindringlinge, ein symbolisches Produkt aus deren Welt. Polyphem verkörpert den unterdrückten Autochthonen, den die beiden Autoren in die Nähe des modernenModerne, modern, -moderne OpfersOpfer der neuzeitlichen Kolonisation rücken. Mit Seitenblick auf SimmelSimmel, Georg (→ Kap. 5) ließe sich sagen, dass Polyphem seinem BegehrenBegehren blind ausgeliefert ist, er kann dieses nicht rational geltend machen, ganz im Gegensatz zu Odysseus, der ihn durch sein intellektuellesIntellektueller, intellektuell Kalkül überrumpelt und blendet. Odysseus‘ List deckt sich weithin mit dem strategischen Kalkül, das SimmelSimmel, Georg dem Menschen der modernen Geldkultur zugeschrieben hat. Die beiden philosophischen Interpreten bürsten HomersHomer Epos gewissermaßen gegen den Strich und drehen die Perspektive um; sie nehmen Partei für den schmählich Unterworfenen und Getäuschten, der sich womöglich nur aus dem hochmütigen und herablassenden Blick des griechischen Herrn so hässlich und monströs ausnimmt. Insofern lässt sich dieses Kapitel aus der Dialektik der Aufklärung auch als ein hochkarätiger Beitrag zu einer Theorie des KolonialismusKolonialismus, kolonialisiert und PostkolonialismusPostkolonialismus, postkolonial (→ Kap. 12) lesen. Schon in HomersHomer Epos wird, AdornoAdorno, Theodor W. und HorkheimerHorkheimer, Max zufolge, die Auseinandersetzung zwischen Odysseus und Polyphem unter dem Gegensatz zwischen ZivilisationZivilisation und BarbareiBarbar, Barbarei gefasst. Der Riese Polyphem trägt „das rädergroße Auge“ „als Spur […] der Vorwelt“.8 Die Primitivität des AnderenAndere(r), der, die, das, des Menschenfressers, seine Gesetzlosigkeit liefert die Legitimation dafür, ihm Gewalt anzutun. Die für sich reklamierte zivilisatorische Überlegenheit liefert so die Begründung für MachtMacht- und Gewaltausübung. In der ungleichen Begegnung trifft physische Überlegenheit auf ein Übermaß an Rationalität. Die körperlicheKörper, körperlich Stärke wird dem „Primitiven“ zum Verhängnis: Sie macht ihn vertrauensselig, sich selbst und anderen gegenüber: „Die physische Rohheit des Überkräftigen ist sein allemal umspringendes Vertrauen.“9
Die List des Odysseus, das Spiel mit seinem Namen, bei dem er seinen Namen mit dem im Griechischen ähnlich klingenden Oudeis (Niemand) vertauscht, nimmt schon jene Listen vorweg, mit denen die okzidentalen Kolonisatoren Jahrtausende später den autochthonen Völkern Amerikas begegnen werden: falsche Namen, falsche Perlen, ungleicher Tausch. Odysseus’ „Selbstbehauptung aber ist […], wie in aller ZivilisationZivilisation, Selbstverleugnung.“10 Seine „List, die darin besteht, dass der Kluge die Gestalt der Dummheit annimmt, schlägt in Dummheit um, sobald er diese Gestalt aufgibt.“11 In dieser Analyse der List klingt ein Motiv an, das uns bereits in SimmelsSimmel, Georg Philosophie des GeldesGeld begegnet ist, wenn SimmelSimmel, Georg davon spricht, dass der Mensch der kapitalistischenKapital, Kapitalismus, kapitalistisch Geldkultur im Akt des Tausches dem vormodernenModerne, modern, -moderne Menschen strategisch überlegen ist, weil er in längeren Reihen des Kalküls zu denken vermag (→ Kap. 5).
In einem dritten Teil werden KantKant, Immanuel und de SadeSade, Marquis de als theoretische Doppelgänger einer AufklärungAufklärung, aufklärungs- verstanden, die den Menschen vergegenständlicht und reglementiert. Auch hier ist eine Nähe zu Überlegungen, wie sie Michel FoucaultFoucault, Michel – etwa im Hinblick auf Wahnsinn und Vernunft – angestellt hat, bemerkenswert. (→ Kapitel 8) In der DialektikDialektik der Aufklärung geht es aber auch um die formale Gleichheit des neuzeitlichen Subjektes, wie sie in KantsKant, Immanuel Moralphilosophie und in de SadesSade, Marquis de bürokratischer Sexualphilosophie zutage tritt, um den Preis von Verfügbarkeit. In der Aufklärung selbst steckt also jenes totalitäre Potenzial, das im 20. Jahrhundert virulent werden sollte. Weitere Themen sind der Antisemitismus und die Kulturindustrie, die HorkheimerHorkheimer, Max und AdornoAdorno, Theodor W. als Regression betrachten, nicht nur im Sinne FreudsFreud, Sigmund als zuweilen unvermeidliche Rückkehr in ein infantiles Stadium, sondern als ein Zurückfallen hinter jenen Ausgangspunkt des Menschenmöglichen, wie es in der Aufklärung aufgeleuchtet hatte. Es braucht eigentlich nicht eigens hervorgehoben zu werden, dass all diese Themen bis heute im Brennpunkt nicht nur des kulturwissenschaftlich orientierten Diskurses stehen. Das gilt insbesondere für den Bereich von MassenmedienMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen- und Kulturindustrie, der von HorkheimerHorkheimer, Max und AdornoAdorno, Theodor W. im Sinn einer radikalen Ökonomisierung der Kultur analysiert wird. Deren tiefster Antrieb ist Objektivierungobjektiv, Objektiv- und Verdinglichung. Insofern gehen ökonomische Effizienz und kulturelle Standardisierung Hand in Hand:
Die traumlose KunstKunst, Kunstwerk fürs Volk erfüllt jenen träumerischen Idealismus, der dem kritischen zu weit ging. […] Nicht nur werden die Typen von Schlagern, Stars, Seifenopern zyklisch als starre Invarianten durchgehalten, sondern der spezifische Inhalt des Spiels, das scheinbar Wechselnde ist selber aus ihnen abgeleitet. Die Details werden fungibel.12
Die modernenModerne, modern, -moderne Massenkulturen sind aber nicht bloß eine Ansammlung von stereoytpisierten Gemeinplätzen, sondern vielmehr ein strukturellerStruktur, strukturiert, strukturell Betrug, der AufklärungAufklärung, aufklärungs- und damit Freiheit unterminiert. Kulturindustrie bedeutet die Verschmelzung von Kultur, MedienMedien, Medien-, -medien, medien- und ReklameReklame zu einem Gesamtkomplex. Die vermeintliche Konsumfreiheit „strahlt“ immer schon als „wirtschaftlicher Zwang“ „zurück“, sie ist eine „Freiheit des Immergleichen“. Die Kulturindustrie wird so zu einer gesellschaftlichenGesellschaft, gesellschaftlich Sozialisierung, die indes hinter den Ansprüchen, Erwartungen und Prämissen von Aufklärung und Freiheit zurückbleibt, ja sie am Ende dementiert:
Die Art, in der ein junges Mädchen das obligatorische date annimmt oder absolviert, der Tonfall am Telephon und in der vertrautesten Situation, die Wahl der Worte im Gespräch […] bezeugt den Versuch, sich selbst zum erfolgsadäquaten Apparat zu machen, der bis in die Triebregungen hinein dem von der Kulturindustrie präsentierten Modell entspricht. Die intimsten Reaktionen des Menschen sind ihnen gegenüber so vollkommen verdinglicht, dass die Idee des ihnen Eigentümlichen nur in äußerster Abstraktheit noch fortbesteht: personality bedeutet ihnen kaum mehr etwas anderes als blendend weiße Zähne und Freiheit von Achselschweiß und Emotionen. Das ist der Triumph der ReklameReklame in der Kulturindustrie, die zwanghafte MimesisMimesis des Konsumenten an die zugleich durchschauten Kulturwaren.13
Verbunden werden diese auf den ersten Blick heterogenen Themen durch eine gedankliche Klammer, die dem BuchBuch (als Medium) den Titel gegeben hat, die Formel von der DialektikDialektik der AufklärungAufklärung, aufklärungs-, die längst – wie andere renommierte Titel auch – zu einem Stichwort geworden ist, das sich verselbständigt hat. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, auf die Bedeutung dieser Formel für den gesamten Text selbst einzugehen. Denn beide Begriffe, Aufklärung und Dialektik, werden in einer verschobenen bzw. erweiterten Bedeutung verwendet. Das Wort Dialektik, mit dem DialogDialog verwandt, kommt von dem griechischen Wort dialegesthai, das so viel wie sich unterhalten, miteinander reden, etwas durchbesprechen bedeutet. Ihre philosophische Premiere hat die Dialektik in diesem dialogischenDialog, dialogisch, Dialogizität Sinn in PlatonsPlaton Schriften erfahren. Der DialogDialog folgt immer dem Schema von Rede und Gegenrede. Er ist aber zugleich eine Art von Unterrichtsmethode, die der Platonische Sokrates benutzt, um seinen Schüler, aber auch seine Kritiker zu belehren. Der Ausgang des jeweiligen Dialoges steht dabei von vornherein fest: Die Widerlegung der möglichen Einwände und Argumente ermöglicht es dem Platonischen Sokrates am Ende, seine eigene Position zu illustrieren.
Im Gegensatz zur Platonischen DialektikDialektik ist jene HegelsHegel, Georg W.F. keineswegs dialogischDialog, dialogisch, Dialogizität. Dialektik ist hier nicht bloß eine Form des Denkens, sondern wird vornehmlich als eine StrukturStruktur, strukturiert, strukturell der natürlichen oder geschichtlichen Wirklichkeit selbst begriffen. So taumelt gleichsam das anfänglich seiner selbst nicht bewusste SubjektSubjekt in der PhänomenologiePhänomenologie des Geistes durch ein System von Widerständen (Anti-Thesen) zu immer neuen Synthesen empor, denen immer wieder neue Antithesen gegenüberstehen, bis es dann den Gipfelpunkt des absoluten Daseins als Geist schlechthin erreicht. HegelsHegel, Georg W.F. Philosophie ist eine spezifische Variante jener großen ErzählungenErzählung(en), von denen LyotardLyotard, Jean F. in seinem BuchBuch (als Medium) über die condition postmodernePostmoderne, postmodern14 spricht: Es handelt sich um eine große Erzählung, eine BildungsgeschichteBildungsgeschichte des Menschen, eine Art von philosophischer Autobiographie des Mega-Subjekts Menschheit (→ Kap. 13).
AdornoAdorno, Theodor W. und HorkheimerHorkheimer, Max beziehen sich zwar auf HegelsHegel, Georg W.F. Begriff der DialektikDialektik als einer Bewegung in der GeschichteGeschichte, aber sie drehen dessen Bedeutung radikal um. Die Dialektik verliert ihre positive Konnotation, wird zu einer Verfehlung, zu einer Umkehrung, zu einem Umschlag ins Negative – ohne versöhnliche Synthese. Zu einer Dementierung, ja Selbstdementierung der großen ErzählungErzählung(en) von BildungBildung und FortschrittFortschritt:
Der MythosMythos, Mythologie, mythologisch geht in die AufklärungAufklärung, aufklärungs- über und die NaturNatur in bloße Objektivitätobjektiv, Objektiv-. Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer MachtMacht mit der EntfremdungEntfremdung von dem, worüber sie MachtMacht ausüben. Die Aufklärung verhält sich zu den Dingen wie der Diktator zu den Menschen. Er kennt sie, insofern er sie manipulieren kann. Der Mann der Wissenschaft kennt die DingeDinge, insofern er sie machen kann. Dadurch wird ihr An sich Für ihn. In der Verwandlung enthüllt sich das Wesen der Dinge immer als je dasselbe, als Substrat von HerrschaftHerrschaft.15
HorkheimerHorkheimer, Max und AdornoAdorno, Theodor W. spitzen diesen Sachverhalt noch insofern zu, als sie davon ausgehen, dass die moderneModerne, modern, -moderne kapitalistischeKapital, Kapitalismus, kapitalistisch Kultur die Menschen verdinglicht, also zu Dingen macht, die fast beliebig „gemacht“ und „manipuliert“ werden können. Wenn sie behaupten, dass der Mann der Wissenschaft – analog zur Logik der kapitalistischen Ökonomie – die „DingeDinge an sich“ zu Dingen „für ihn“ macht, dann spielt das auf ein Grundmuster in HegelsHegel, Georg W.F. DialektikDialektik an, auf die Bewegung des An sich zum – höheren – Für-sich-Sein. Aber gerade in dieser Bewegung kommt es zu jener frappanten negativen Verkehrung und EntfremdungEntfremdung, zur Enteignung des Menschen durch gesellschaftlicheGesellschaft, gesellschaftlich Mächte, die den mythischen Zwang der Naturmächte reproduzieren. Die ManipulationstechnikenTechnik, -technik der kapitalistischen Unterhaltungsindustrie sind in den Augen HorkheimersHorkheimer, Max und AdornosAdorno, Theodor W. nur ein schlagendes Beispiel für die Selbstverkehrung der neuzeitlichen AufklärungAufklärung, aufklärungs-. Übrigens diskutieren die beiden Autoren den Antisemitismus und sein letztes Kapitel im Sinn einer fehlgegangenen europäischen Aufklärung. Die Judenvernichtung ließe sich demnach – das wird in der Dialektik der Aufklärung nicht ausgeführt, ist aber in der Logik des Werkes angelegt – als die mörderischste historische Version einer Verdinglichungstendenz begreifen, die der „Aufklärung“ inhärent war: Vernichtung als radikalste Form der Verdinglichung.16
HorkheimerHorkheimer, Max und AdornoAdorno, Theodor W. verändern aber auch – und das ist nicht selten moniert worden – den Begriff AufklärungAufklärung, aufklärungs-. Sie meinen damit nicht so sehr eine bestimmte historische Epoche (das 18. Jahrhundert bis zur Französischen Revolution) oder ein bestimmtes Land (Frankreich), sondern begreifen vielmehr Aufklärung als ein Langzeit-Projekt, das in der abendländischenAbendland, abendländisch Kultur schon früh angelegt war. Deshalb sind nicht bloß KantKant, Immanuel und de SadeSade, Marquis de, sondern auch, übrigens in verzerrter und einseitiger Form, BaconBacon, Francis oder gar HomersHomer Odysseus repräsentative Figuren der Aufklärung und der von ihr verursachten Demontage des Menschlichen, das historisch freilich immer nur als utopische Möglichkeit und als Anspruch bestanden hat.
Denn die Bezugnahme auf die AufklärungAufklärung, aufklärungs- besagt doch, dass diese auf eine wenn auch sehr indirekte Weise den Maßstab für die kulturtheoretischen Befunde der beiden Autoren bildet. Denn ihre Utopie und ihre Vision waren ja die Herstellung menschenwürdiger Verhältnisse, die Abschaffung von Ausbeutung, die Beseitigung von Armut, Not und Unterdrückung,17 die Herstellung einer entfalteten, unentfremdeten Menschlichkeit, die Überwindung von MythosMythos, Mythologie, mythologisch und AberglaubenAberglaube. Nur die tiefe Kluft zwischen diesen unbescheidenen Erwartungen und einer epochalen Katastrophe wie Auschwitz lässt die Dimension jener DialektikDialektik sichtbar werden, um die es AdornoAdorno, Theodor W. und HorkheimerHorkheimer, Max geht, einer Katastrophe, die das bisher Vorstellbare übersteigt und auch so eine Herausforderung nicht nur für die KunstKunst, Kunstwerk, sondern auch für das Denken darstellt.
Die DialektikDialektik der AufklärungAufklärung, aufklärungs- ist ein zutiefst radikales und in dieser Radikalität anfechtbares kulturpessimistisches Werk, das sich durchaus in ein merkwürdiges, spezifisch deutsches Unbehagen an TechnikTechnik, -technik und Wissenschaft einordnen lässt. Es unterscheidet sich indes dadurch, dass es sich – das ist in der Auseinandersetzung mit Ludwig KlagesKlages¸ Ludwig, einem der Stichwortgeber der Konservativen Revolution gut ablesbar – jedweder Art von Romantisierung vormodernerModerne, modern, -moderne Zustände widersetzt. Die beiden Autoren werden nicht müde, die heimlichen und auch offenen Befürworter des MythosMythos, Mythologie, mythologisch an dessen Blutspur in der GeschichteGeschichte zu erinnern. Auf paradoxe Weise behalten sie letztendlich jenen Maßstab bei, der durch die historischen Ereignisse in sein Gegenteil verkehrt worden ist: den der Aufklärung und des kritischen Denkens, das sich nun gegen die Aufklärung selbst richtet. Der Umschlag der Aufklärung in ihr Gegenteil wird im BuchBuch (als Medium) auf verschiedenen Ebenen thematisiert.
Die Verkehrung der Wissenschaft in ihr Gegenteil, in MythosMythos, Mythologie, mythologisch und magisches Denken. So wie das magische Denken den Dingen eine geheimnisvolle MachtMacht zuspricht, so die Wissenschaft dem Begriff, mit dem sie die Wirklichkeit darunter zu fixieren trachtet. Die Wissenschaftsgläubigkeit der modernenModerne, modern, -moderne (westlichen) Kultur erweist sich also als eine Variante magischen Denkens.
Die Verkehrung von Befreiung in HerrschaftHerrschaft: Ziel der AufklärungAufklärung, aufklärungs- war die Beseitigung von Herrschaft, wie sie im Kampf gegen das ancien régime zum Ausdruck kommt. Diese Abschaffung der Herrschaft von Menschen durch Menschen sollte durch die Beherrschung der NaturNatur bewerkstelligt werden. Aber diese Herrschaft über die Natur, wie sie, HorkheimerHorkheimer, Max und AdornoAdorno, Theodor W. zufolge, BaconBacon, Francis schon früh zum Programm erhoben hat, schlägt in ihr Gegenteil um: in die Herrschaft der GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich, des technisch-ökonomischen Komplexes über den Menschen. Mit dieser Kritik an der Ausbeutung der Natur, die ihre Folgen für Mensch und Natur zeitigt, haben AdornoAdorno, Theodor W. und HorkheimerHorkheimer, Max Ideen der Ökologie vorweggenommen, die in den 1980er Jahren dann öffentlich wirksam geworden sind.
Die Mündigkeit des Menschen war – in allen Versionen der AufklärungAufklärung, aufklärungs- – ein erklärtes historisches Ziel. Aber diese Freiheit schlägt in EntfremdungEntfremdung und Objektivierungobjektiv, Objektiv- um: Der Mensch wird gleichsam zum OpferOpfer seines eigenen Freiheitsprojektes. Der Mensch wird zum reinen Mittel reduziert.
Ob es an den falschen ‚Methoden‘ lag oder ob die Ziele von vornherein schon suspekt waren, das wird nicht näher ausgeführt, bleibt ebenso offen wie die Frage nach der Möglichkeit einer alternativen Form von AufklärungAufklärung, aufklärungs-. Eine solche zeichnet sich allenfalls als ästhetische ReflexionReflexion ab.
Wenn Rationalität selbst zu einer raffinierten und unentrinnbaren Herrschaftspraxis mutiert, dann müsste es eine andere Form von kritischem Denken sein, das diesen Automatismus von Rationalität und Beherrschung – von Dingen, Tieren wie von Menschen – durchbricht. AdornosAdorno, Theodor W. RhetorikRhetorik, seine Programmatik einer essayistischen Schreibweise, ist als der Versuch zu verstehen, einen Sprachwechsel vorzunehmen, der am kritischen Impuls des Denkens festhält, aber zugleich die Machtförmigkeit der begrifflichen SpracheSprache zu unterlaufen sucht. Insbesondere AdornosAdorno, Theodor W. Wertschätzung der KunstKunst, Kunstwerk, ein Erbe der RomantikRomantik, hängt damit zusammen, denn Kunst ist nicht etwas, das die Welt und die Wirklichkeit in den Griff zu bekommen versucht, sondern sich ihr gleichsam ausliefert.
Die DialektikDialektik der AufklärungAufklärung, aufklärungs- ist ein kulturphilosophisches Schlüsselwerk, das bis heute wichtige Impulse im kulturwissenschaftlichen DiskursDiskurs liefert. Die Bewertungen und die pointierten Aussagen über den Zustand der okzidentalen Kultur oder über die PopularkulturPopularkultur muss man heute nicht mehr teilen: Zu offenkundig ist, dass es auch schon vor der kapitalistischenKapital, Kapitalismus, kapitalistisch Ökonomie Volks- und Popularkulturen mit standardisierender Wirkung gegeben hat und dass kulturelle Programmierung womöglich ein Grundelement menschlichen Daseins darstellt. Allein der Versuch, im Bereich der Kulturtheorie eine dritte Position jenseits von blanker Bejahung des Bestehenden und Nostalgisierung der Vergangenheit einzunehmen, ist bedenkenswert genug. Angesichts der ganz offenkundigen Kehrseiten der modernenModerne, modern, -moderne Popularkultur, ihrer weithin entpolitisierenden Wirkung, ihrer Unbeeindrucktheit gegenüber BildungBildung, ihrer konsumistischen Grundhaltung, lassen sich manche Befunde AdornosAdorno, Theodor W. über die moderne Kulturindustrie noch immer mit Gewinn lesen, auch wenn ein Nachteil AdornosAdorno, Theodor W. etwa gegenüber SimmelSimmel, Georg (→ Kap. 5) oder Roland BarthesBarthes, Roland (→ Kap. 7) unübersehbar ist: Mangel an Unvoreingenommenheit, fehlende Neugierde den Phänomenen gegenüber, vorschnelles Urteil. Die moderne westliche Kultur, wie sie die Emigranten HorkheimerHorkheimer, Max und AdornoAdorno, Theodor W. in den 1930er und 40er Jahren in den Vereinigten Staaten kennengelernt haben, wird letztendlich aus der Perspektive eines kulturellen Milieus vorgenommen, das, wie oft vermerkt worden ist, großbürgerlichen Zuschnitts ist.
Kritikpunkte und Anmerkungen (1)
Die Kritische TheorieKritische Theorie ist eine Kritik der okzidentalen Kultur. Sie kritisiert nicht bloß und auch nicht so sehr die ökonomischen, politischen und gesellschaftlichenGesellschaft, gesellschaftlich Verhältnisse im modernenModerne, modern, -moderne KapitalismusKapital, Kapitalismus, kapitalistisch des 20. Jahrhundert, sondern, ganz im Sinne der Kultur I, insbesondere die Bereiche der modernen Wissenschaft, der MedienMedien, Medien-, -medien, medien- und der modernen Kulturindustrie. Die Fehlentwicklung der okzidentalen Kultur, wie sie in der DialektikDialektik der AufklärungAufklärung, aufklärungs- beschrieben und untersucht wird, ist gleichsam in die StrukturStruktur, strukturiert, strukturell westlichen Denkens eingeschrieben, das sich spätestens seit der Neuzeit seine Bahn bricht. Diese Fehlentwicklung des Denkens hat für die Entwicklung von Kultur und Gesellschaft fatale Konsequenzen: Letztendlich ist Auschwitz auch das Ergebnis einer instrumentellen Vernunft, die den Menschen als bloßes verfügbares Material behandelt. Damit hat die Kritische Theorie eine Selbstkritik der modernen Kultur entwickelt, die in ihrer Radikalität singulär ist.
Die Kritische Kultur ist eine Kulturtheorie, weil sie neue Phänomene wie die moderneModerne, modern, -moderne MassenMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen-- und PopularkulturPopularkultur, die psychoanalytische Therapie oder das Fernsehen in ihrer Eigenart und FunktionFunktion in der modernen Welt kritisch beleuchtet (Kultur II).
Die Kritische TheorieKritische Theorie ist eine Kulturtheorie, weil sie die KunstKunst, Kunstwerk der klassischen ModerneModerne, modern, -moderne als eine symbolische Gegenwelt zur bestehenden Kultur ansieht, die es ermöglicht, den Verblendungszusammenhang zu durchstoßen. Sie weist ihr damit eine reflexive und verändernde FunktionFunktion zu (Kultur III → Kap. 1).
In den diskursiven Zusammenhang der Kritischen TheorieKritische Theorie gehört selbstverständlich auch das Werk von Walter BenjaminBenjamin, Walter (1892–1940). Zugleich ist aber dessen Sonderstellung unübersehbar. Im Gegensatz etwa zu HorkheimerHorkheimer, Max ist BenjaminBenjamin, Walter erst sehr spät und durch die Vermittlung seiner Geliebten Asja LacisLacis, Asja auf die MarxMarx, Karl’sche Theorie gestoßen, die er sodann auf originelle Weise adaptiert und weiterentwickelt hat. Am wirksamsten hat sich im Rahmen von BenjaminsBenjamin, Walter Version einer materialistischen Ästhetik der Aufsatz Das KunstwerkKunst, Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen ReproduzierbarkeitReproduzierbarkeit erwiesen1, auch im Hinblick auf die angloamerikanische Diskussion. Im heutigen Jargon gesprochen, analysiert BenjaminBenjamin, Walter hier die grundlegenden Folgen der Photographie und auch des Kinos im Hinblick auf die bestehende Kultur. „Technische Reproduzierbarkeit“ ist für BenjaminBenjamin, Walter jene Eigenschaft, die das Photo vom klassischen Tafelbild unterscheidet. Über BenjaminBenjamin, Walter hinaus betrachtet, gilt diese Eigenschaft der technischen Reproduzierbarkeit für viele technische MedienMedien, Medien-, -medien, medien-, das Tonband, die Schallplatte, genauer für alle Konserven der Kultur, die uns heute am Eingang des 21. Jahrhunderts zur Verfügung stehen.
BenjaminBenjamin, Walter greift ein für ihn entscheidendes Merkmal heraus, das das Photo vom gemalten BildBild unterscheidet: Das technisch hergestellte Bild existiert beinahe beliebig oft, das gemalte Bild nur einmal; denn selbst eine Kopie hat noch einen Rest von Einmaligkeit und DifferenzDifferenz. Mit der Einmaligkeit verbindet BenjaminBenjamin, Walter den Begriff der Aura. Damit zielt BenjaminBenjamin, Walter auf jene Ausstrahlung, die das einzelne KunstwerkKunst, Kunstwerk besitzt und zu dem man hinpilgert wie zu einem Heiligtum. Die Bilder der Photographie und des FilmsFilm kommen – und das wird im Zeitalter des Computers auf radikale Weise kulturelle Wirklichkeit – hingegen frei ins Haus. Sie haben keine Aura. So vollzieht sich beim Übergang von gemalten Bild zum chemisch hergestellten, beliebig kopierbaren Photo eine Art SäkularisierungSäkularisierung, denn die Aura des traditionellen Bildes verbindet diese Art von Kunst noch mit dem Sakralen, das Photo hingegen ist seiner ganzen StrukturStruktur, strukturiert, strukturell nach ein säkulares technisches Produkt, das ArtefaktArtefakte einer entzauberten Welt. Im Unterschied etwa zu AdornoAdorno, Theodor W. sieht BenjaminBenjamin, Walter in diesem Triumph des Photographischen keineswegs nur ein Verhängnis, sondern zugleich eine Chance für eine demokratischeDemokratie, demokratisch MassenkulturMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen-, in der breiten Schichten der Bevölkerung jene Kunst zugänglich wird, die bislang einer kleinen EliteElite, elitär vorbehalten war. Obschon sich BenjaminBenjamin, Walter über weite Strecken seines Aufsatzes auf diesen Aspekt der technischen ReproduzierbarkeitReproduzierbarkeit beschränkt, klingt doch am Ende der GlaubeGlaube durch, dass die neuen technischen MedienMedien, Medien-, -medien, medien- gegen die Ästhetisierung der PolitikPolitik, wie sie FaschismusFaschismus und NationalsozialismusNationalsozialismus entwickelt haben, gerichtet werden können.
So steht BenjaminsBenjamin, Walter Vision einer progressiven linken MassenkulturMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen- in einem unüberhörbaren Gegensatz zu einer Melancholie, die post-romantisch den wirklichen oder auch vermeintlichen Verlust der Aura beklagt. Von dieser ambivalenten Haltung ist BenjaminsBenjamin, Walter gesamtes Œuvre gezeichnet.
So lässt sich BenjaminsBenjamin, Walter poetisches Werk Berliner Kindheit um 19002 nicht nur als ein Rückblick auf das Wilhelminische Berlin um die Jahrhundertwende lesen, sondern sehr viel mehr als eine Rekonstruktion der damaligen kindlichen Wahrnehmung. Das Kind fungiert im Text als kultureller Sonderbeobachter, der die Architektur des 19. Jahrhundert, den Anhalter Bahnhof mit der staunenden Unkenntnis des kindlichen Blicks betrachtet. Noch im Nachhinein erzeugt der kindliche Blick ein Fremd-Werden der scheinbar selbstverständlichen Welt, deren Details und Oberflächen mit dem unwissenden Auge gleichsam abgetastet werden.
Vorbild dieses Verfahrens ist zweifelsohne Marcel ProustsProust, Marcel imposanter Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen ZeitZeit3, neben BaudelairesBaudelaire, Charles schmalem Œuvre4 das wohl wichtigste literarische Werk, das er zum Ausgangspunkt seiner Kulturtheorie nimmt. Insbesondere in den ersten Teilen dieses gigantischen mnemotechnischen Unternehmens wird die entschwundene Zeit der Kindheit nahezu ausschließlich aus dem befangenen Blick des Kleinkindes und später des Jugendlichen gesehen. Die Zeit ist keineswegs die ‚objektivobjektiv, Objektiv-‘ messbare, lineare Größe, die seither vergangen und unwiderruflich verloren ist, es ist vielmehr die subjektiveSubjektivität, subjektiv innere Zeit: die Zeit der Kindheit mit der ihr ganz eigenen Logik, die Welt in ihrer Unverständlichkeit, Rätselhaftigkeit und Unvertrautheit.
Die Untersuchung über Paris, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, Exposé des unvollendeten Passagenwerks, bildet, ungeachtet seiner Fragmentarität das Kernstück des kulturwissenschaftlichen Projektes BenjaminsBenjamin, Walter. Es ist avancierte Kulturtheorie und angewandte KulturanalyseKulturanalyse in einem. Der Paris-Essay ist gleichsam ein komprimiertes Fragment des geplanten Werkes, das die wichtigsten methodischen Prämissen enthält. Es gliedert sich in sechs thematische Abschnitte, die verschiedene Aspekte der modernenModerne, modern, -moderne urbanen kapitalistischenKapital, Kapitalismus, kapitalistisch Kultur beleuchten. Jedem Abschnitt wird dabei eine charakteristische Persönlichkeit zugeordnet: der Frühsozialist Fourier den neuen Einkaufspassagen, die Figur Daguerres dem Panorama und den Weltausstellungen, der Bürgerkönig Louis Philippe dem Phänomen von Sammlung und Interieur, die Lyrik BaudelairesBaudelaire, Charles der Erfahrung von Straße, Anonymität und Menge, der Stadtplaner Haussman der architektonischen Umgestaltung und Stadtplanung im Paris der zweiten Jahrhunderthälfte.
Warum und inwiefern ist Paris, die Stadt, die FlaubertFlaubert, Gustave, Hugo, BaudelaireBaudelaire, Charles und ProustProust, Marcel immer aufs Neue literarisch erfunden und entdeckt haben, die Hauptstadt Europas? Sie ist es, ließe sich sagen, deswegen, weil hier zum ersten Mal der Weg einer historischen Stadt in die ModerneModerne, modern, -moderne sichtbar wird. BaudelaireBaudelaire, Charles ist unter anderem auch der historische Zeuge der Zerstörung des alten Paris und der Entstehung einer neuen Stadt im Zeitalter des KapitalismusKapital, Kapitalismus, kapitalistisch. Paris ist die historische Metropole der Revolution, man braucht bloß an die Jahre 1789, 1848 und 1870/71, die ZeitZeit der Pariser Kommune zu denken. Paris ist aber auch die Hauptstadt Europas auf Grund seiner Vorbildhaftigkeit in der Stadtarchitektur wie im Bereich der Neuen MedienMedien, Medien-, -medien, medien- und Kunstentwicklungen. Das moderne Wien der Jahrhundertwende, das Wien der Ringstraße und vermutlich auch das Wilhelminische Berlin sind gleichsam kulturelle Reaktions- und Nachbildungen, Triumph des mimetischen BegehrensBegehren, mimetisch.
Eine der auffälligsten Erscheinungen modernerModerne, modern, -moderne marktkapitalistischer UrbanitätUrbanität sind die Einkaufspassagen, die für BenjaminBenjamin, Walter das spezifisch Neue der kapitalistischenKapital, Kapitalismus, kapitalistisch Kultur versinnbildlichen. Sie sind in der Tat ganz neu und unterscheiden sich von den traditionellen Märkten und Kontoren. Es handelt sich um prachtvolle Durchgänge, deren Reste man heute noch in vielen europäischen MetropolenMetropole, deren Hochblüte ins 19. Jahrhundert fällt, bewundern kann, sozusagen von Birmingham in England bis zu der spät entstandenen ungarischen Metropole Budapest, der zweiten Hauptstadt des Habsburgerreiches. Man braucht nur die Einkaufsarchitektur im ZentrumZentrum des wiedervereinten Berlins oder die Kärntner Ringpassage in Wien zu betrachten, um zu sehen, dass die PostmodernePostmoderne, postmodern die kulturelle Energie der Passagen und das Versprechen, das sie beinhalten, wiederentdeckt hat.
Bei dieser reichen Einkaufsarchitektur, die damals wie heute die globalisierte Warenwelt präsentiert, bleibt der Blick an der Oberfläche der Erscheinungen haften. Ähnlich wie im Märchen Schwan, kleb an kann sich der Betrachter nicht losreißen von dieser Welt und diesem fortwährenden Fest der ausstaffierten Ware; es handelt sich um Erscheinungsformen, die programmatisch mit dem Wesen des modernenModerne, modern, -moderne KapitalismusKapital, Kapitalismus, kapitalistisch auf verschlungene, aber auch auf programmatische Art und Weise korrespondieren.
In den Augen BenjaminsBenjamin, Walter sind diese Einkaufspassagen des Jahrhunderts, diese Prachtstraßen der Waren und des Kommerzes, Monumente des schönen KapitalismusKapital, Kapitalismus, kapitalistisch. Üblicherweise neigt die Theorie dazu, in die Tiefe zu gehen; sie gönnt sich keinen Blick auf das Augenscheinliche. Aber gerade im Hinblick auf die Kultur, die der Kapitalismus in immer neuen Schüben hervorbringt, ist es wichtig, beim Augenschein zu verweilen. Die Literatur ist darin gleichsam eine Lehrmeisterin. So wie sich Dante bei seinem Durchgang durch die Unterwelt einen Reisegefährten wählt, so hat auch BenjaminBenjamin, Walter bei seinem Durchgang durch das Paris der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seine Begleiter: Fourier, den ekstatischen Sozialisten, BaudelaireBaudelaire, Charles, den anarchisch-melancholischen Lyriker des urbanen Umbruchs, BalzacBalzac, Honoré de, FlaubertFlaubert, Gustave und ProustProust, Marcel, den monomanen Erinnerungskünstler. Wenn es eine spezifisch kapitalistische Kultur gibt, dann muss man sie sichtbar machen. So abstrakt sich die kapitalistische Ökonomie mit ihren verschwiegenen Regeln auch ausnehmen mag, die kulturelle Erscheinungswelt der Ware ist auffällig, glitzernd und zuweilen auch pompös. Triumph der Oberfläche.
Der klassische MarxismusMarxismus, marxistisch hat den KapitalismusKapital, Kapitalismus, kapitalistisch als ökonomisch-gesellschaftlichesGesellschaft, gesellschaftlich System, als Produktions- und wirtschaftliche Verkehrsform zu ergründen versucht (→ Kap. 12). In dieser theoretisch gleichsam nachgeholten post-marxistischen KulturanalyseKulturanalyse geht es darum, die wesentlichen Phänomene der kulturellen Selbstdarstellung kapitalistischer Ökonomie zu erfassen und diese Welt verheißungsvoller Oberflächen mit den hintergründigen ökonomischen Bewegungsgesetzen des Kapitals zu verknüpfen.
BenjaminsBenjamin, Walter ambitioniertes Projekt einer von MarxMarx, Karl inspirierten, aber über ihn zugleich hinausweisenden Kulturwissenschaft hält eine wichtige Prämisse fest, die wohl für jedwede theoretische Durchdringung von Kultur gilt: KulturanalyseKulturanalyse lebt von einer Perspektive, die nichts selbstverständlich nimmt und die so ein Gespür für das Befremdliche, Nichtwahrgenommene der eigenen Kultur entwickelt. Das kann wie bei ProustProust, Marcel oder in BenjaminsBenjamin, Walter Berliner Tableaus der staunende Blick des Kindes sein, aber es gibt auch andere Möglichkeiten verfremdender Wahrnehmung: die Position des kulturell Fremden, der verstohlene weibliche Blick in eine Männerwelt, die Sichtweise der kulturellen Außenseiter. In BenjaminsBenjamin, Walter Fall ist es insbesondere der Blickwinkel des Flaneurs, wie ihn BaudelaireBaudelaire, Charles eingenommen hat, jenes Flaneurs, der ziellos durch die Stadt streift und für den der Konsum des ästhetischen Scheins der Warenwelt zum einzigen Konsum wird, weil er sich das, was in den teuren Einkaufspassagen angeboten wird, ohnehin nie wird leisten können. Die moderneModerne, modern, -moderne Warenwelt und ihre Verpackungen sind seine Obsession, aber als SubjektSubjekt verhält er sich kontrastiv zum kaufenden Wirtschaftssubjekt, indem er, aus seiner Not eine Tugend machend, die Warenwelt ausschließlich als ein einziges ästhetisches Spektakel betrachtet.
In der Einkaufspassage imaginiert sich der aufkommende KapitalismusKapital, Kapitalismus, kapitalistisch auf einer sinnlichen Oberfläche als eine einzigartige Erfolgsgeschichte in Gestalt eines prächtigen Warenlagers, einer Welt des Verfügbaren. Noch in den großen Einkaufshäusern der Zwischenkriegszeit wird diese Strahlkraft, diese Aura der Warenpaläste manifest. Wobei die Verbindung zwischen der Ware und dem Palast höchst ironisch ist, werden hier doch zwei gegenläufige Kulturen – aristokratisch-elitärer Reichtum und demokratischeDemokratie, demokratisch, allseits verfügbare Konsumwelt – scheinbar bruchlos miteinander verschmolzen. Diese schöne neue Welt hat einen semiotischen Überhang (→ Kap. 7, 15), sie ist übersät mit Zitaten aus anderen, fremden ZeitenZeit und exotischen Welten. Aus heutiger Perspektive lässt sich auch sagen, dass die Einkaufspassage den überhöhten Ausdruck einer GlobalisierungGlobalisierung, global darstellt, wie sie im 19. Jahrhundert nicht zuletzt durch den klassischen KolonialismusKolonialismus, kolonialisiert möglich geworden war. Für die Entfaltung dieser Pracht ist der Gestus wichtig, dass Waren aus aller Herren Länder scheinbar für alle verfügbar sind. Als wichtige Voraussetzung für diese neue Kultur des Kaufens, in der sich Exklusivität und Inklusivität eigentümlich verbinden – jeder kann kaufen, er braucht dafür nur die entsprechende Menge an GeldGeld – sieht BenjaminBenjamin, Walter gerade im Hinblick auf Paris den Aufstieg der Textil- und Bekleidungsindustrie. Es gibt, nebenbei bemerkt, einige europäische Städte, die ihren Aufstieg der Textilindustrie verdanken, Lyon und Manchester zum Beispiel oder auch die mährische Metropole Brünn.
Neben der Obsessivität, mit der die globalGlobalisierung, global gewordene Warenwelt feilgeboten wird, ist die Verquickung von Industrie und Kultur, wie sie die technischen KonstruktionenKonstrukt, Konstruktion des 19. Jahrhunderts sichtbar machen, die ‚Ehe‘ zwischen Ingenieurskunst und Ästhetik, ein zweites konstitutives Merkmal des KapitalismusKapital, Kapitalismus, kapitalistisch als Kultur. FlaubertFlaubert, Gustave hat diese Tendenz in seiner Éducation sentimentale bereits festgehalten. (→ Kapitel 9) BenjaminBenjamin, Walter, der Zitate sehr strategisch einsetzt, bezieht sich indes auf Fourier, den utopischen Sozialisten, der die Rivalität zwischen KunstKunst, Kunstwerk und Industrie hervorhebt, die aber auch, wie das architektonische Design von Paris, von den Mietshäusern Haussmanns über die Straßenplanung und die Einkaufspassagen bis zu den neuen Prachtbauten, zeigt, eine Indienstnahme des Ästhetischen durch den funktionalen Industrialismus bedeutet:
De ces palais les colonnes magiques
A l’amateur mointrent les toutes parts Dans les objets, qu’etalent leurs portiques Que l’industrie est rivale des arts.5
Der Aufstieg der kapitalistischenKapital, Kapitalismus, kapitalistisch Ökonomie und deren Ausbreitung bilden die eine Voraussetzung für die moderneModerne, modern, -moderne urban-kapitalistische Kultur, die andere technische BasisBasis bildet die Entwicklung neuer ‚künstlicher‘ Baustoffe. Hierzu zählt das Eisen, das völlig neue Konstruktionsmöglichkeiten eröffnet, später das Glas, das sich mit diesen tragenden Eisenkonstruktionen auf geniale Weise verbinden lässt, später kommen Beton und Asphalt hinzu. Im Klassizismus und im frühen HistorismusHistorismus des Empire sind diese neuen Materialien gleichsam noch unter dem Alten versteckt: Die Bahnhöfe sehen häufig noch so aus, als wären sie Backsteinkirchen. Nicht selten nämlich bleiben die neuen Eisenkonstruktionen verdeckt. Erst die Glaspaläste und die Architektur der Weltausstellungen bringen hier eine Wende, sind sie doch eine Schau der neuen Materialien. Indem sie das neue Material schamlos und unversteckt zeigt, wird die große ErzählungErzählung(en) manifest, die mit dieser Kultur einhergeht: die Selbstfeier des FortschrittsFortschritt.
Das neue Material Eisen korrespondiert, so lautet die These BenjaminsBenjamin, Walter, auf geheimnisvolle Weise mit kollektiven WunschbildernWunschbild. Die moderneModerne, modern, -moderne KonstruktionKonstrukt, Konstruktion aus Eisen „nimmt die Rolle des Unterbewusstseins ein“.6 Die kollektiven WunschbilderWunschbild grenzen sich zum einen von der jüngsten Vergangenheit ab und setzen zum anderen ein archaisches Potenzial in Gang.
Die äußere wie die innere Architektonik dieser Kultur hat aber nicht nur eine manifeste Botschaft, FortschrittFortschritt und Reichtum, sondern etabliert Wunschwelten.
Wieder platziert BenjaminBenjamin, Walter geschickt ein Zitat um seine zentrale Gedankenfigur. Es stammt von dem prominenten Historiker Michelet: „Chaque époque rève la suivante.“7 Jede Epoche träumt von der ihr nachfolgenden, nimmt sie im TraumTraum, Traum-, -traum vorweg. Aber damit ist jene schöne kapitalistischeKapital, Kapitalismus, kapitalistisch Luxuskultur, die sich in den urbanen Passagen Paris‘ und anderer Städte versinnbildlicht und imaginiert, nicht ein bloßer Reflex kapitalistischer Ökonomie, wie es das BasisBasis-ÜberbauÜberbau-Schema des MarxismusMarxismus, marxistisch suggeriert (→ Kap. 12), sondern sie weist einen Überschuss auf, bindet Wunschpotenziale von enormer kultureller Energie. Keineswegs steht die bloße Gebrauchsfunktion der ausgestellten Ware im Mittelpunkt, vielmehr verkünden sie ein kollektives Versprechen, das darüber hinausweist. Dieser Überschuss ist für die moderneModerne, modern, -moderne Warenästhetik zentral.
Im Gegensatz zur Perspektive von AdornoAdorno, Theodor W. und HorkheimerHorkheimer, Max macht dieser Glanz nicht nur blind. Die WunschbilderWunschbild, die die Passagen mit der Fülle der Warenwelt erotisch in die Auslage stellen, verbildlichen ein gedoppeltes Phänomen: Sie sind falsches BewusstseinBewusstsein, falsches im Sinne der MarxMarx, Karl’schen, übrigens auf BaconBacon, Francis zurückgehenden Ideologiekritik,8 sie enthalten aber auch ein utopisches Potenzial.
Das Wort „IdeologieIdeologie“ leitet sich vom griechischen Wort eidos, BildBild, ab. Ideologie ist demnach eine Art von verzerrter Wahrnehmung, die der Logik selbstverständlich ‚wahrgenommener‘ Bildsysteme geschuldet ist. PlatonsPlaton Höhlenmenschen kennen nur die Schattenbilder, deshalb haben sie auch keine Vergleichsmöglichkeit, die ihnen das Bildhafte und Beschränkte ihrer Wahrnehmung vor Augen führen könnte. Ideologie ist falsches BewusstseinBewusstsein, falsches. Die symbolische Verzerrung hat bereits BaconBacon, Francis analysiert, als er von den eidola des Marktes sprach.9
BenjaminBenjamin, Walter, der wie gesagt erst relativRelativismus, relativ spät auf die Theorie von MarxMarx, Karl gestoßen ist und sie kulturwissenschaftlich transformiert, leitet das falsche BewusstseinBewusstsein, bewusst aus der MarxMarx, Karl’schen Warenanalyse ab, wie dieser sie in seinem Hauptwerk Das KapitalKapital, Kapitalismus, kapitalistisch entfaltet hat, und zwar aus dem berühmten Abschnitt über den FetischcharakterFetisch(ismus), Fetischcharakter der Ware. Wir sind diesem für eine marxistischMarxismus, marxistisch orientierte KulturanalyseKulturanalyse wohl relevantesten Textstück aus dem MarxMarx, Karl’schen Gesamtwerk bereits im Konnex mit der DialektikDialektik der AufklärungAufklärung, aufklärungs- begegnet. Es geht um eine Verkehrung, die einen realen und einen bewusstseinsmäßigen Aspekt hat. Die MachtMacht der GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich in Gestalt des universellen Tauschprinzips wäre die reale Umkehrung, die Vorstellung vom Primat der Waren- und Dingwelt ihre symbolische Verdrehung, eben das „falsche BewusstseinBewusstsein, bewusst“.
Bekanntlich unterscheidet MarxMarx, Karl Gebrauchswert und Tauschwert. Der fetischistische Charakter der Ware ergibt sich nicht aus dem Gebrauchswert, sondern aus dem Tauschwert: Der Tisch bleibt, schreibt MarxMarx, Karl launig,
Holz, ein ordinäres sinnliches Ding. Aber sobald er als Ware auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding. Er steht nicht nur mit seinen Füßen auf dem Boden, sondern stellt sich allen andren Waren gegenüber auf den Kopf und entwickelt in seinem Holzkopf Grillen, viel wunderlicher, als wenn er aus eigenen Stücken zu tanzen begänne.10
Zunächst ist der FetischFetisch(ismus), Fetischcharakter Bestandteil magischen Denkens: Einem Gegenstand der äußeren Welt wird eine wundersame, unter Umständen auch übersinnliche MachtMacht zugesprochen. Aber es wäre vorschnell, den Fetischismus nur in vormodernenModerne, modern, -moderne Kulturen anzusiedeln. Vielmehr ist er gerade für jene Kultur, die BenjaminBenjamin, Walter im Anschluss an MarxMarx, Karl, C.G. JungJung, Carl G. und FreudFreud, Sigmund analysiert,11 von tragender Bedeutung. Es ist vor allem JungsJung, Carl G. Lehre vom Archetypus, die dieser in Anlehnung an die romantische Psychologie aber auch an die Ethnologie seiner ZeitZeit (Levy-Bruhl) entwickelt hat, die BenjaminBenjamin, Walter – wie auch Ernst BlochBloch, Ernst – aufnehmen. Besonders JungsJung, Carl G. Unterscheidung von Bewusstem und UnbewusstemUnbewusste, das, Unbewusstheit ist für BenjaminsBenjamin, Walter Analyse zentral:
Seelische Existenz wird nur erkannt am Vorhandensein bewußtseinsfähiger Inhalte. Wir können darum nur insofern von einem Unbewußten sprechen, als wir Inhalte dessen nachzuweisen vermögen. Die Inhalte des persönlichen Unbewußten sind in der Hauptsache die sogenannten gefühlsbetonten Komplexe, welche die persönliche Intimität des seelischen LebensLeben, Lebens-, -leben ausmachen. Die Inhalte des kollektiven Unbewußten dagegen sind die sogenannten ArchetypenArchetyp.12
Gerade in der heutigen Warenwelt werden bestimmten Artikeln, zumeist noch mit spezifischen Markennamen versehen, Eigenschaften zugeschrieben, die sie real nicht besitzen. So werden z.B. auch einem sexuellenSexuelle, das, sexuell FetischFetisch(ismus), Fetischcharakter wie dem Schuh oder der Unterwäsche erotische Potenziale zugesprochen, die sie von sich aus nicht besitzen, sondern allenfalls durch die erotische Ausstrahlung ihrer Träger und Trägerinnen bzw. durch die Aura des Erotischen gewinnen. Ihre erotische Selbstinszenierung setzt ferner eine Wahrnehmungskultur voraus, ohne die ihre verlockende MachtMacht, die die primäre FunktionFunktion (komfortables Gehen, Hygiene) in den Schatten stellt, ja erst gar nicht hervortreten könnte.
Dieser erstaunliche Befund, dass auch moderneModerne, modern, -moderne, aufgeklärte Gesellschaften magische und fetischistische PraktikenPraktiken haben, ist mit Georg SimmelsSimmel, Georg Diagnose von der HerrschaftHerrschaft der DingeDinge (→ Kap. 5) verwandt. Die MarxMarx, Karl’sche Theorie belegt diesen Sachverhalt mit dem Terminus des falschen BewusstseinsBewusstsein, falsches. Den Menschen erscheint
ihre eigne gesellschaftlicheGesellschaft, gesellschaftlich Bewegung in der Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen.13
Dieser Magismus verdeckt die realen gesellschaftlichenGesellschaft, gesellschaftlich Verhältnisse: Der quasi-religiöseReligion, religiös Kult der Ware, der seit BenjaminsBenjamin, Walter Analyse der Kultur noch eher zugenommen hat, bildet den Kern eines ‚objektivobjektiv, Objektiv-‘ falschen BewusstseinsBewusstsein, falsches, das Hand in Hand geht mit dem Aufstieg der kapitalistischenKapital, Kapitalismus, kapitalistisch Ökonomie. BenjaminBenjamin, Walter bleibt seiner Doppelperspektive treu. So wie der Kapitalismus im Politisch-Ökonomischen Verhinderung und Ermöglichung einer Alternative darstellt – so haben ihn wenigstens MarxMarx, Karl und Engels seit dem Kommunistischen Manifest interpretiert, wenn sie ihn dafür lobten, dass er die alten bornierten, ökonomischen, technischen und gesellschaftlichen FortschrittFortschritt behindernden Schranken des ancien regime überwunden und damit wider Willen die Voraussetzung für seine Abschaffung geschaffen hat14 –, so wird er von BenjaminBenjamin, Walter auch unter seinem kulturellen Aspekt als doppelbödig angesehen: Er produziert einen Reichtum, an dem alle Anteil haben könnten, real und symbolisch.
BenjaminBenjamin, Walter benennt in diesem Zusammenhang zwei Momente: Ablenkung und Aufhebung. Die schöne Warenwelt lenkt die Aufmerksamkeit von skrupelloser Ausbeutung, von KolonialismusKolonialismus, kolonialisiert und inhumanen Arbeitsbedingungen ab. Sie wirkt zerstreuend. Was sie zerstreut, das sind unsere Bedenken im Hinblick darauf, auf welche Weise dieser Reichtum entstanden ist. Beim Kauf schicker Kleidung vergessen die Menschen der nördlichen Hemisphäre bis zum heutigen Tage nur allzu gern, unter welch elenden Bedingungen jene Textilien produziert worden sind, mit denen sie lässig durch die Straßen ihrer urbanen MetropolenMetropole flanieren.
In diesem Zusammenhang darf an die doppelte Bedeutung des von der Philosophie HegelsHegel, Georg W.F. prominent gemachten Terminus Aufhebung erinnert werden, der sowohl Überwindung als auch Bewahrung bedeutet. In diesem Zusammenspiel wird die Aufhebung zu Erfüllung, zur Erfüllung kollektiver Träume der Menschheit. BenjaminsBenjamin, Walter Rezeption der PsychoanalysePsychoanalyse in der Version C.G. JungsJung, Carl G., insbesondere seine Adaption der Lehre von den ArchetypenArchetyp, den unbewusstenunbewusst Kollektivbildern, schließt nahtlos an diese Überlegung an: Die Kultur, für welche die prächtige Einkaufspassage steht, ist nicht nur „falsches BewusstseinBewusstsein, falsches“ im Sinn der Fetischisierung der Warenwelt, sondern sie enthält auch eine sinnfällige Utopie. Wie die moderneModerne, modern, -moderne TechnikTechnik, -technik und Maschinerie birgt auch die moderne Warenwelt eine verschwiegene Verheißung: Sie ist der Traum einer Zukunft und zugleich archaischer Rückgriff auf einen UrtraumTraum, Traum-, -traum der Menschheit: das „Schlaraffenland“ der „klassenlosen GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich“. In den dauerhaften modernen Bauten wie in der „flüchtigen ModeMode“ nimmt der Überfluss Gestalt an: dass für alle alles da sein könnte. An dieser Stelle wird die Überschneidung von BenjaminsBenjamin, Walter Kulturtheorie mit einer anderen post-marxistischenMarxismus, marxistisch Kulturphilosophie unübersehbar, nämlich jener von Ernst BlochBloch, Ernst, der zunächst in Erbschaft dieser ZeitZeit und später in Das Prinzip Hoffnung den periodisch wiederkehrenden, unabgegoltenen menschlichen WunschbildernWunschbild und Sehnsuchtslandschaften nachgegangen ist. BlochBloch, Ernst geht von einer UngleichzeitigkeitUngleichzeitigkeit nicht nur im Ökonomischen, sondern auch im kulturellen Bereich der BilderweltenBilderwelten aus, wenn er schreibt:
Nicht alle sind im selben Jetzt da. Sie sind es nur äußerlich, dadurch daß sie heute zu sehen sind. Damit aber leben sie noch nicht mit den anderen zugleich.
Sie tragen vielmehr Früheres mit, das mischt sich ein. Je nachdem. Wo einer leiblich, vor allem klassenhaft steht, hat er seine ZeitenZeit. Ältere Zeiten als die heutigen wirken in älteren Schichten nach; leicht geht oder träumt es sich hier in ältere zurück.15
BenjaminBenjamin, Walter spitzt diese Methodologie insofern zu, als er nicht bloß von weiter wirkenden und tiefer liegenden kollektiven ‚archaischen‘ Bildbeständen ausgeht, sondern diese nicht zuletzt in den avanciertesten kulturellen Hervorbringungen der modernenModerne, modern, -moderne Welt ortet. Im Nachhinein könnte man im Hinblick auf Denker wie AdornoAdorno, Theodor W., HorkheimerHorkheimer, Max, BenjaminBenjamin, Walter und BlochBloch, Ernst, bei allen Unterschieden, von einer kulturellen Wende im marxistischenMarxismus, marxistisch DiskursDiskurs sprechen. Diese Wende bringt freilich auch eine Abkehr von klassischen Paradigmen des historischen MaterialismusMaterialismus mit sich; die Fragezeichen mehren sich im Hinblick auf den FortschrittFortschritt und auf die Notwendigkeit. Der SozialismusSozialismus, den Engels zur Wissenschaft hatte machen wollen, wird wieder zur Utopie. Mit dem Tableau der Passage kommt für BenjaminBenjamin, Walter daher auch Fouriers utopischer Sozialismus ins Spiel: „Diese Maschine aus Menschen produziert das Schlaraffenland.“16 Ganz generell gilt dies für die Architektur, die der KunstKunst, Kunstwerk entwächst und für die Photographie, die die Malerei verabschiedet.
Die moderneModerne, modern, -moderne Bilderwelt, verschleierte Selbstbildlichkeit der modernen Warenkultur, ist somit IdeologieIdeologie und Utopie in einem. Aber während die Ideologie an ganz spezifische historische Bedingungen geknüpft ist, an Kultur und GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich des marktkapitalistischen Zeitalters, ist der Ort der archaischen Glücks- und „WunschbilderWunschbild“17 zeitlos. Ihr Ort ist das „UnbewussteUnbewusste, das, Unbewusstheit des Kollektivs“, das jenseits von RaumRaum und ZeitZeit ist. Auch hier steht BenjaminBenjamin, Walter BlochBloch, Ernst beträchtlich nahe, während etwa AdornoAdorno, Theodor W. BenjaminsBenjamin, Walter Rückgriff auf das Archetypische im Sinne JungsJung, Carl G. im Briefwechsel mit BenjaminBenjamin, Walter scharf kritisierte.18
BenjaminBenjamin, Walter untersucht in seinem Passagenwerk noch andere Tableaus und wählt sich einen spezifischen Sonderbeobachter, der die Stadt nicht als einen realen, sondern vornehmlich als einen fremden symbolischen, ja imaginären RaumRaum erscheinen lässt, den Flaneur, den Dichter in Gestalt BaudelairesBaudelaire, Charles: „Die Menge ist der Schleier, durch den hindurch dem Flaneur die gewohnte Stadt als Phantasmagorie wirkt.“19 Dieser Beobachter ohne festen sozialen Ort, weder Bürger, noch modernerModerne, modern, -moderne Großstadtbewohner, imaginiert Paris postfuturistisch als eine versunkene Stadt. In der Moderne wiederholt sich die Urgeschichte. Der Tod, die Frau und die versunkene Stadt werden in dieser „DialektikDialektik im Stillstand“ miteinander verschränkt:
Dieser Stillstand ist Utopie und das dialektische BildBild also Traumbild. Ein solches Bild stellt die Ware schlechthin: als FetischFetisch(ismus), Fetischcharakter. Ein solches Bild stellen die Passagen, die sowohl Haus sind wie Sterne. Ein solches Bild stellt die Hure, die Verkäuferin und Ware in einem ist.20
Die Passagen sind nicht die einzigen sichtbaren Phänomene und Symptome einer neuen Kultur. BenjaminBenjamin, Walter wendet sich auch dem neuen MediumMedium der Photographie zu, das völlig neue Perspektiven eröffnet. In den Panoramen Daguerres erhalten Weite, Entdeckung, UrbanitätUrbanität ein kongeniales Medium. So wie die Passage die Welt in die Stadt bringt, so blickt man mit dem neuen Medium von ihr in sie hinaus. Sie ermöglichen eine neue KonstruktionKonstrukt, Konstruktion von „Welt“.
Die moderneModerne, modern, -moderne Kultur der Ware hat ihre ganz eigenen Kulte und Kultstätten: Eine von ihnen sind die Weltausstellungen, die eine Leistungsschau der NationenNation, Nationalismus, national, eine Olympiade des technisch-ökonomischen FortschrittsFortschritt darstellen, zugleich aber auch eine Selbstinszenierung einer historisch neuen Kultur: „Weltausstellungen sind Wallfahrten zum FetischFetisch(ismus), Fetischcharakter Ware.“ Sie bauen das „Universum der Waren“ auf und machen Paris zur Kapitale nicht nur des technisch-industriellen Fortschritts, sondern zur Hauptstadt des Luxus und der „Phantasmagorie der kapitalistischenKapital, Kapitalismus, kapitalistisch Kultur“.21
Aber auch die Operette, jene neue Form der PopularkulturPopularkultur, die in London, Paris und Wien ungeheure Triumphe feiert, interpretiert BenjaminBenjamin, Walter als Manifestation einer neuen globalenGlobalisierung, global Kultur. BenjaminBenjamin, Walter bleibt seinem doppelten Blick treu. Keineswegs sieht er nämlich die Operette als bloßen ideologischen Zuckerguss einer von KolonialismusKolonialismus, kolonialisiert und Klassenherrschaft geprägten GesellschaftGesellschaft, gesellschaftlich. Insbesondere dem Œuvre Offenbachs attestiert er kritische Impulse und interpretiert dessen Operettenwerk als einen hinterhältigen Kommentar zum Glamour des Zweiten Kaiserreiches: „Die Operette ist die ironische Utopie einer dauernden HerrschaftHerrschaft des KapitalsKapital, Kapitalismus, kapitalistisch.“22 Ob und inwiefern das etwa für die Operette Wiener Zuschnitts gilt, ist fraglich. Sie entbehrt fast gänzlich der sozialkritischen Invektiven. Ihre Renaissance in Deutschland und Österreich der 1950er Jahre legt es nahe, dass sie strukturellStruktur, strukturiert, strukturell doch einer Sentenz folgt, die der berühmtesten Wiener Operette entstammt, der Fledermaus: „Glücklich ist, wer vergisst.“ Aber dass auch dieser Typus von Operette eine gleichsam moderneModerne, modern, -moderne, globale Formatierung besitzt, macht das ethnischeEthnie, ethnisch gemischte Personal der HandlungHandlung sichtbar. Die multikulturelle Versöhnlichkeit und der Verzicht auf aggressive nationalistische Feindbilder lassen sich je nachdem entweder als kritische Abkehr von den realen Konflikten im mitteleuropäischen RaumRaum oder auch als ein vorweg genommener TraumTraum, Traum-, -traum einer aufbrechenden Gesellschaft lesen.23
Kulturelle Veränderungen finden freilich nie bloß in den gut sichtbaren Außenarchitekturen einer Kultur statt. Außen und Innen trennen sich mitunter voneinander. Das Interieur und die bürgerliche Binnenwelt wird bereits im Zeitalter des Bürgerkönigs und erst recht im Fin de siècle zu „Zufluchtsstätten der KunstKunst, Kunstwerk“ und zum Ort der Verklärung der DingeDinge; BenjaminBenjamin, Walter erwähnt in diesem Zusammenhang die Figur des Sammlers und prägt die metaphorische Formel vom „etui des Privatmanns“.24 Das Kontor und die Privatwohnung bleiben für lange ZeitZeit ein Schutzwall vor dem Draußen einer zunehmend wahrnehmungshektischeren urbanen Außenwelt. Der Bürger, der citoyen von einst, der geschäftstüchtige bourgeois von heute, verwandelt sich in den unpolitischen Privatmann. Mit Blick auf heute lässt sich der Verdacht formulieren, dass den Blütezeiten kapitalistischer Warenkultur eine Tendenz strukturellerStruktur, strukturiert, strukturell Entpolitisierung innewohnt.
Das Primat des Neuen ist ein weiteres Kennzeichen der dynamischen Kultur der zunächst okzidentalen ModerneModerne, modern, -moderne. Seinen gültigen Ausdruck erfährt es in der rasanten Entwicklung der Presse und der ModeMode. Das Neue gewinnt seine Attraktivität allein schon dadurch, dass es neu oder modern ist. Der gerade heute unwiderstehliche Gebrauch von Begriffen wie Modernisierung und Reform macht deutlich, dass die Kultur, hier im Gleichklang zur Ökonomie, stets unter dem Druck des Innovativen steht, wobei das Neue – in Analogie zum technischen FortschrittFortschritt – per se gut ist, eben weil es neu ist. Ungewohnt sind auch die Architektur und die Straßen des Paris des 19. Jahrhundert. Mit einiger Zeitverschiebung gilt das auch für Berlin, Wien oder Budapest. Architekt dieses neuen Paris ist der aus der elsässischen Provinz stammende Baumeister und Stadtplaner Haussmann. BenjaminBenjamin, Walter hebt die praktische und symbolische Bedeutung der großen breiten Straßen im ZentrumZentrum der Stadt hervor. Er spricht von „Durchblicke[n] durch lange Straßenfluchten“ und von der „Veredelung der TechnikTechnik, -technik durch künstlerische Zusätze“. Die Menschen erleben diesen kulturellen Wandel als Fremd-Werden der Stadt, so wie es BaudelaireBaudelaire, Charles in den Fleurs du Mal programmatisch und poetisch festgehalten hat. Denn BaudelairesBaudelaire, Charles Gedichte, deren obszöne Seiten im Second Empire einen Skandal auslösten, sind in gewisser Weise ein Erinnerungs- und Rettungswerk angesichts der Zerstörung des alten Paris. Für BenjaminBenjamin, Walter hat die neue Architektur des neuen Paris zwei Seiten: Sie bedeutet den Triumph einer effizienten seriellenSerialisierung, seriell Architektur, die sich primär als Ingenieurskonstruktion versteht, zielt aber auch auf Kontrolle und Beherrschung der Menschen, jener MassenMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen-, die 1789 und 1848 zum historischen SubjektSubjekt geworden waren. So sind in das von der Haussmann’schen Stadtplanung geschaffene Paris Aspekte von MachtMacht und HerrschaftHerrschaft eingeschrieben: Sie möchte die Stadt vor den Revolutionen der Zukunft sichern. BenjaminBenjamin, Walter denkt dabei natürlich an die Erhebung des revolutionären Proletariats.
BenjaminsBenjamin, Walter revolutionäre Perspektive verschränkt zwei Perspektiven, jene des Revolutionärs, der die bestehende OrdnungOrdnung, ordnungs- beseitigen möchte, und der des Flaneurs, der der bürgerlichen Ordnung leidenschaftslos und gleichgültig gegenübersteht. Wie der Revolutionär Fourier sieht auch der „asoziale“ Rebell BaudelaireBaudelaire, Charles diese Welt des Bürgertums als einen zerfallenden sozialen Kosmos:
Dieser Epoche entstammen die Passagen und Interieurs, die Ausstellungshallen und Panoramen. Sie sind Rückstände einer TraumweltTraum, Traum-, -traum. Die Verwertung der TraumelementeTraum, Traum-, -traum beim Erwachen ist der Schulfall des dialektischen Denkens. Daher ist das dialektische Denken das Organ des geschichtlichen Aufwachens. Jede Epoche träumt ja nicht nur die nächste, sondern träumend drängt sie auf das Erwachen hin. Sie trägt ihr Ende in sich und entfaltet es – wie schon HegelHegel, Georg W.F. erkannt hat – mit List. Mit der Erschütterung der Warenwirtschaft beginnen wir, die Monumente der Bourgeoisie als Ruinen zu erkennen, noch ehe sie zerfallen sind.25
Unübersehbar ist hier von einer anderen DialektikDialektik die Rede, die sich gänzlich von jenem Typus unterscheidet, den HorkheimerHorkheimer, Max und AdornoAdorno, Theodor W. einige Jahre später entwickeln sollten. BenjaminBenjamin, Walter greift noch einmal das Zitat von Michelet auf. Das kritische BewusstseinBewusstsein, bewusst hat wenigstens zwei Komponenten. Das dialektische Denken
antizipiert den Untergang der alten Welt und sieht diese schon dann in Trümmern, als diese noch scheinbar fest gefügt ist;
interpretiert die ‚Exterieurs‘ und Interieurs der Epoche und der Kultur des Hochkapitalismus als „Rückstände“ einer TraumweltTraum, Traum-, -traum;
zielt nicht auf die Perennierung des Träumens, sondern auf ein Erwachen, das erst die dialektische Verwendung und Verarbeitung der Traumfetzen ermöglicht;
folgt der Figur der HegelHegel, Georg W.F.’schen List der Vernunft insofern, als jene Monumente der bürgerlich-kapitalistischenKapital, Kapitalismus, kapitalistisch Kultur, die zur Selbstfeier des ökonomischen Systems entstanden sind, gegen die eigene Intention das Neue vorbereiten helfen. Sie werden gleichsam zum Werkzeug der sozialistischen Kultur.
Jenseits der Diskussion über die theoretische Position BenjaminsBenjamin, Walter muss man sagen, dass sich die HegelHegel, Georg W.F.’sche List der Vernunft ebenso wenig bewahrheitet hat wie Michelets Diktum. Der reale SozialismusSozialismus war mitnichten der Erbe jenes Hochkapitalismus, der dessen prächtige Monumente und elitärenElite, elitär Luxus verwirklicht und verallgemeinert hat. Nichts dokumentiert dies besser als der Kontrast zwischen der schäbigen Konsumwelt des realen Sozialismus und den Prachtbauten des nach 1989 historisch siegreichen KapitalismusKapital, Kapitalismus, kapitalistisch. Die repräsentative Kultur des Kapitalismus, die BenjaminBenjamin, Walter so eingehend dargestellt hat – Warenpaläste, Einkaufspassagen, Weltausstellung und andere Inszenierungen der Superlative, PopularkulturPopularkultur und Spektakel – haben sich bei allem Wandel, wie er durch eine MassenkulturMasse, Massenkultur, Massenmedien, Massen- mit breiten Käuferschichten gegeben ist, gehalten. Die alltägliche Warenkultur spielt sich indessen auf einem bescheideneren Niveau ab: den Einkaufszentren an den Stadträndern, die sich selbst den Namen Einkaufsstadt (shopping city) zugelegt haben. Aber die Phänomene, die BenjaminBenjamin, Walter beschrieben hat, haben sich als repräsentative Formen der westlichen Konsumkultur in nahezu allen MetropolenMetropole dieser Welt etabliert, angereichert durch eine Form von MedialisierungMedialisierung und Bebilderung, die für Menschen früherer Epochen undenkbar gewesen wären.
Kritikpunkte und Anmerkungen (2)
BenjaminBenjamin, Walter operiert höchst spekulativ und apodiktisch. Er arbeitet mit suggestiven Analogien (Eisenkonstruktionen – TraumkonstruktionenTraum, Traum-, -traum).
BenjaminBenjamin, Walter ersetzt die Erklärung durch die Analogie (die Eisenkonstruktion und die KonstruktionKonstrukt, Konstruktion des UnbewusstenUnbewusste, das, Unbewusstheit).
Er verwendet Begriffe wie TraumTraum, Traum-, -traum und WunschbildWunschbild im Gefolge der JungJung, Carl G.-SchuleSchule unspezifisch und unhistorisch.
Seine Kulturtheorie ist trotz seiner impliziten Kritik am MarxismusMarxismus, marxistisch zu linear und deterministisch. Sie entwickelt kein eigenes Konzept von Kultur.
BenjaminBenjamin, Walter vertauscht einen ökonomischen mit einem technischen MaterialismusMaterialismus.
BenjaminsBenjamin, Walter Blick schwankt zwischen melancholischer Abkehr und romantischer Verklärung der Großstadt.
BenjaminBenjamin, Walter erklärt nicht hinreichend die Attraktivität von ModeMode und GeldGeld, die ganz offenkundig nicht allein auf der utopischen Dimension beruht.
Die dialektische Gedankenfigur, wonach die gegenwärtige Epoche stets die nachfolgende träumt, ist ein schönes BildBild, trifft aber ganz offenkundig nicht zwingend zu. Der Umschlag vom Wollen zum Sein geschieht nicht zwangsläufig.
Literatur
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