Kitabı oku: «Zufrieden alt werden»
Volker Fintelmann
Zufrieden alt werden
Von der Freiheit, alt sein zu dürfen

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Inhalt
Cover
Titel
Vorwort
Einstimmung
Anthropologie und Anthroposophie
Die Dreiheit
Entwicklung und Rhythmen
Freiheit
Persönliches
Der Lebenslauf
Die 3 x 3 + 1 Jahrsiebte
Die Entwicklung des Leibes (1. bis 3. Jahrsiebt)
Die Entwicklung der Seele (4. bis 6. Jahrsiebt)
Die Entwicklung des Geistes (7. bis 9./10. Jahrsiebt)
Die Jahrzehnte
Der Mondknoten-Rhythmus
Hemmende Kräfte im Lebenslauf
Das Alter
Der Traum von der ewigen Jugend
Wann beginnt das Alter?
Das 42. bis 49. Lebensjahr – Marszeit
Zeit der Einsamkeit
Zweifel und Mut
Verzweiflung
Von der Ich- zur Wir-Erfahrung
Das 49. bis 56. Lebensjahr – Jupiterzeit
Den Jüngeren Raum schaffen
Gelassenheit
Das 56. bis 63. Lebensjahr – Saturnzeit
Geistige Schaffenskraft
Weisheit
Das 63. bis 70. Lebensjahr – eine Oktave
Das Hohe Alter
Ein Geschenk
Für und Wider
Seeleneigenschaften im Hohen Alter
Frieden
Dankbarkeit
Wahrheit
Verständnis
Segnen
Liebe und Gnade
Krankheiten im Alter
Die Koronare Herzkrankheit (Herzsklerose)
Die Parkinson-Krankheit
Alzheimer-Demenz
Zwischengedanken
Osteoporose
Die Krebskrankheit
Krankheiten des Hohen Alters
Vom Sinnesleben im Alter
Die zwölf Sinne
Das Sehen im Alter
Die Weitsichtigkeit
Der Graue Star (Katarakt)
Der Grüne Star (Glaukom)
Makuladegeneration
Netzhautablösung
Das Hören im Alter
Die Schwerhörigkeit 143
Akuter Hörsturz
Ohrensausen (Tinnitus)
Schmecken und Riechen im Alter
Der Geschmackssinn
Der Geruchssinn
Die Leibessinne im Alter
Bewegungssinn und Gleichgewichtssinn
Lebenssinn und Tastsinn
Geistgerichtete Sinne im Alter
Wort- und Gedankensinn
Wärmesinn
Von der Pflege des Sinneslebens im Alter
Das Fernsehen
Üben der Sinnesfunktionen
Altersverwirrtheiten (Alterspsychosen)
Organische Ursachen
Starrsinn
Schwachsinn
Wahnsinn
Blödsinn
Lockerungszustände
Stadien der Lockerungszustände
Zusammenhang mit den Organen
Die Lunge
Die Leber
Die Nieren
Das Herz
Schicksalsmäßige (karmische) Ursachen
Das Doppelgängerphänomen
Altersveränderungen von Skelett und Stützgewebe
Arthrose
Degeneration der Bandscheiben
Hexenschuss (Lumbago)
Prävention
Sterben und Tod
Der plötzliche Tod
Der Alterstod
Der Zeitpunkt des Todes
Drei Krankheiten an der Schwelle zum Tod
Schenkelhalsfraktur
Lungenentzündung (Pneumonie)
Schlaganfall (Apoplexie)
Vom Leben nach dem Tod
Todeserlebnisse
Das nachtodliche Dasein
Beziehung zwischen Lebenden und Verstorbenen
Einige spezielle Themen
Ernährung
Verdauung
Qualität und Quantität
Ernährung im Alter
Die soziale Seite der Ernährung
Pflege von Leib, Seele und Geist
Pflege des Leibes
Ich-Leib
Seelenleib
Lebensleib
Stoff- oder physischer Leib
Pflege der Seele
Sympathie und Antipathie
Denken, Fühlen und Wollen
Pflege des Geistes
Liebe und Sexualität im Alter
»Richtig« alt sein
Danksagung
Anmerkungen
Literatur
Textnachweis
Bildnachweis
Der Autor
Impressum

Vorwort
das bleibend Junge ist der Geist
Alter ist ein Aspekt des Menschseins, der zwar einen Pol des Lebens darstellt im Gegenüber zur Kindheit, aber dennoch das ganze Leben von der Geburt bis zum Tod durchwirkt. Denn von Geburt an altert der Leib, und es sind nur die unfassbaren Kräfte der aus den Lebensvorgängen stammenden Regeneration, die ihn immer neu verjüngen – bis diese Kräfte sich allmählich erschöpfen und dann das Alter den Leib mehr und mehr prägt. Die Seele wird »alt« geboren, sie ist voller Erfahrungen vorausgehender Daseinsformen und – im Verständnis von Reinkarnation oder Wiederverkörperung – früherer Erdenleben. Sie kann, ja sollte sich im Leben jedoch verjüngen, je mehr sie sich im Älterwerden des Leibes dem Geist zuwendet. Denn das bleibend Junge in uns ist unser Geist, der uns zur Individualität macht, die einzigartig in dieser Schöpfung ist und auch ein Andauerndes, das ich auch Ewiges oder mit Aristoteles Entelechie nennen kann. Großartig, dass die moderne Medizin mit der Entdeckung und immer detaillierteren Beschreibung des Immunsystems im Rahmen einer Psycho-Neuro-Immunologie diese Einzigartigkeit jedes Menschen auf leiblich-seelischer Ebene erkannt hat. Leider wiederum zieht sie (noch) nicht die notwendige Konsequenz, ihr praktisches Handeln auf dieses Individuelle auszurichten. In ihrer dominierenden Wissenschaftsausrichtung einer Evidenz-basierten Medizin betrachtet sie den Menschen nur als Kollektiv und schafft einen Normmenschen, den es in der Wirklichkeit nicht gibt.
Gesetzmäßigkeiten des Alterns
Dieses Buch hat das Anliegen, aus meiner Sicht als etwa 60 Jahre lang praktizierender Arzt das Alter mit Blick auf die Individualität zu schildern, seine Gesetzmäßigkeiten anschaulich zu machen, die ich mit Goethe auch einen Typus nennen kann. Dabei soll immer bewusst gehalten werden, dass das Typische modifiziert wird durch das Individuelle. Doch muss der alles bestimmende, die Individualität prägende Geist, unser Ich, dafür die Gesetzmäßigkeiten des Alterns und des eigentlichen biografischen Alters kennen. Das Ich muss sich dieser Gesetzmäßigkeiten bewusst werden, um sie dann schöpferisch so einzusetzen, dass mit ihnen ein Lebensziel erreicht wird, das ich auch die Frucht des diesmaligen Lebens nennen kann. Diese Gesetzmäßigkeiten für Leib und Seele, ihre Handhabung und auch Pflege werden in allem Folgenden dargestellt, immer aus der persönlichen Sicht des Arztes und einer eigenen langen Lebenserfahrung.
lebensbegleitende Fragen
Das hiermit Angesprochene kann deutlich machen, dass die Inhalte des Buchs lebensbegleitend gemeint sind. Man kann nicht früh genug anfangen, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, nicht nur für sich selbst, sondern auch, um den anderen zu verstehen. Das wird treffend von einem spanischen Sprichwort ausgedrückt, dem ich vor mehr als 30 Jahren begegnete, als ich damals eine Alterssprechstunde schrieb: »Wenn du richtig alt werden willst, musst du beizeiten anfangen.«
| Hamburg, Frühjahr 2021 | Volker Fintelmann |
Einstimmung
Ob siebzig oder siebzehn,
im Herzen eines jeden Menschen wohnt
die Sehnsucht nach dem Wunderbaren.
Du bist so jung wie deine Zuversicht,
so alt wie deine Zweifel,
so jung wie deine Hoffnung,
so alt wie deine Verzagtheit.
So lange die Botschaften der
Schönheit, Freude, Kühnheit, Größe,
Macht von der Erde, den Menschen
und dem Unendlichen
dein Herz erreichen –
so lange bist du jung.
Albert Schweitzer
Vor gut 30 Jahren habe ich für den Verlag Urachhaus eine Alterssprechstunde geschrieben. Der damalige Verleger Johannes Mayer und ich gingen davon aus, dass es sinnvoll wäre, zu dem Pol der Kindheit und der überaus erfolgreichen Kindersprechstunde von Michaela Glöckler und Wolfgang Goebel nun auch den anderen Pol des Menschenlebens, das Alter, hinzuzufügen. Diese Alterssprechstunde, die erstmals 1991 erschien, wurde mit Interesse aufgenommen und fand seine Leser, es folgten 1999 und 2005 weitere Auflagen. Heute kann man sie nur noch antiquarisch erwerben. Der Lebensabschnitt des Alters fand kein annähernd vergleichbares Interesse wie derjenige der Kindheit.
Vorstellung »ewiger Jugend«
Hat sich das heute, drei Jahrzehnte später, verändert? Immer mehr dominiert die Vorstellung »ewiger Jugend«, immer deutlicher wird Alter mit Abbau und Degeneration, mit Demenz oder Alzheimer gleichgesetzt. Insofern ist es nur konsequent, wenn die Forscherelite im Silicon Valley als eines ihrer wichtigsten Forschungsziele die Aufhebung des Alters im Menschenleben sieht und entsprechend intensiv und mit Einsatz extremer Geldsummen verfolgt. Es werden die Gene gesucht und identifiziert, die für das Alter verantwortlich gemacht werden, und an ihrer Mutierung oder vollständigen Abschaffung gearbeitet. Das vorläufige Ziel besteht darin, dass Menschen 200 Jahre alt werden, auf längere Sicht sollen es dann 500 sein.1 Das scheint doch ganz im Sinne moderner Anschauungen besonders der westlich orientierten Menschen zu sein, denn wie häufig kann man den Satz lesen oder hören: Die meisten Menschen wollen heute gerne sehr alt werden, doch keiner von ihnen will alt sein.
Anthropologie und Anthroposophie
Weisheit und Lebenserfahrung
Kann diese Paradoxie aufgelöst werden, können wir ein Verständnis entwickeln, warum das Alter eine so negative Bedeutung bekommen hat? Denn das war nicht immer so und ist auch heute in manchen vor allem östlichen Kulturen ganz anders. Das Alter wurde mit Ehrfurcht erlebt und auch verehrt, man verband es mit Weisheit und gesättigter Lebenserfahrung. Und ist es nicht auch paradox, dass in vielen Institutionen, zum Beispiel in der katholischen Kirche, extrem alte Menschen in höchste Ämter berufen oder gewählt werden, dass im Wahlkampf der USA die wichtigsten Kandidaten für das Amt des Präsidenten oft weit über 70 Jahre alt sind?
Verständnis des Menschen selbst
Der erste Denkschritt für das Enträtseln dieser sich widersprechenden Anschauungen über das Alter beruht auf dem Verständnis des Menschen selbst. Die Wissenschaft vom Menschen (Anthropologie), die Teil der alles dominierenden Naturwissenschaften ist, erklärt den Menschen als hochkomplexen Leib, welcher seelische und auch geistige Phänomene produziert, die jedoch keine Eigenständigkeit oder gar eigene Gesetzmäßigkeiten haben. Die ursprüngliche Dreiheit des Menschen (Trichotomie), welche Leib, Seele und Geist umfasste, wurde auf die Einheit Leib geschrumpft. Geist oder Seele existieren demnach nur in Verbindung mit einem Leib oder Körper, sie haben keine unabhängige oder gar den Leib zeitlich überdauernde Existenz. Für eine so reduzierte Wissenschaft des Menschen gibt es weder Geist noch Seele ohne Körper.
Materie als »Schlacke« des Geistes »Abschaffung« der eigenständigen Seele
Diese maximale Reduzierung letztlich auf ausschließlich Materielles ist durch die moderne Physik, vor allem als Quantenphysik, längst widerlegt. Für den Physiker Hans-Peter Dürr zum Beispiel ist Materie nur »Schlacke« des Geistes, dessen Ausdruck für ihn Verbundenheit oder noch umfassender Liebe ist. Der Geist ist das Element in der Welt, das alles zusammenhält, er nennt ihn unteilbar, holistisch, ein Ganzes: »Die Grundlage der Welt ist nicht materiell, sondern geistig.«2 Geistesgeschichtlich ist es eindrücklich, dass diese Reduzierung einer Dreiheit auf die Einheit in zwei Schritten erfolgte: 869 n.Chr. schaffte die römisch-katholische Kirche auf dem Konzil von Konstantinopel mit Mehrheitsbeschluss den eigenständigen Geist quasi ab, ja sie stellte unter Strafe der Häresie oder Ketzerei, von einem solchen zu sprechen oder zu schreiben. Und im 19. Jahrhundert schaffte dann die aufkommende streng (ja letztlich ebenfalls dogmatische) naturwissenschaftliche Medizin die eigenständige Seele ab. Auch hierfür kann eine Jahreszahl genannt werden: 1858 veröffentlichte Rudolf Virchow seine Zellularpathologie. In diesem Buch propagierte er die Autonomie der Zelle als eigentliche Einheit des Körpers – und letztlich auch den Menschen als genetisch gesteuerten komplexen Zellhaufen, in dem eine eigenständige Seele keinen Platz mehr hat. Die etwas später aufkommende Psychoanalyse Freuds und alle parallel entstehenden Psychologien, Psychotherapien und auch die Psychosomatik haben daran bis heute nichts ändern können.
Anthroposophie
Noch im ausklingenden 19. Jahrhundert und vor allem auch im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts vermittelte Rudolf Steiner eine Wissenschaft vom Menschen, die er Anthroposophie nannte und erkenntnistheoretisch als Synthese von naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Erkenntnis des Menschen und der Welt, in die er gestellt ist, begründete.3 In ihr lebt wieder das Wissen um die Trichotomie von Leib, Seele und Geist, ebenso wie umfassende Darstellungen ihres Miteinanders trotz eigenständiger Gesetzmäßigkeiten und alle damit verbundenen Verständnisse, aus der Sicht des Arztes zum Beispiel auch von Gesundheit und Krankheit.
Steiner sprach unmissverständlich aus, dass nur der Leib oder Körper altert: »Und nur des Leibes Schicksal auf Erden ist es, alt zu werden.«4 Die Seele dagegen ist jung und bleibt es, ja sie kann sogar immer jünger werden, wenn sie aus ihrer Gesetzmäßigkeit in gesunder Korrespondenz mit Leib und Geist existieren kann und nicht zum Beispiel zunehmend vom Leib dominiert wird.
Mensch als Werdender
Steiner machte in seinem umfassenden Werk auch auf eine weitere Wirklichkeit immer wieder aufmerksam: die in seiner Zeit aufkommende Idee der Evolution, wie sie sich mit Namen wie Charles Darwin, Ernst Haeckel oder aus christlicher Sicht Teilhard de Chardin verbindet. Auch er selbst beschrieb eine Entwicklungsgeschichte von Mensch und Welt5 und definierte den Menschen als Werdenden, nicht als Seienden. Und er weitete unseren Blick über die Grenzen der Geburt oder Empfängnis und des Todes oder Lebensendes hinaus in eine real zu erfassende Welt der Vorgeburtlichkeit und Nachtodlichkeit, hin zu einer Existenz oder auch eines Lebens zwischen Tod und erneuter Geburt und damit der Gesetzmäßigkeit der Wiederverkörperung oder Reinkarnation. So wird der Mensch Teil der großen Evolution der Schöpfung, die er von ihrem Anfang bis an ihr Ende als Einzelner, als Individualität mitmacht. Denn er – der Mensch – ist Mittelpunkt und Ziel dieser Evolution und kann so nur als ein sich Entwickelnder, Werdender verstanden werden. Eine Grundgesetzmäßigkeit aller so gewollten Evolution ist der Rhythmus oder die Fülle unterschiedlicher Rhythmen.
Veranlagung zur Freiheit
Ein weiteres Phänomen zum Verständnis des Menschen und so auch der Perspektive des Alters ist die Freiheit. Der Mensch wird durch die Schöpferkräfte zur Freiheit veranlagt, doch es ist ein (unvorstellbar) langer Weg bis zu ihrer Realisation. Wir werden sehen, wie sehr der Erwerb der Freiheit mit dem Alter zusammenhängt. Nun ist aber gerade der Aspekt der Freiheit das Tor, durch das Kräfte an den Menschen herandrängen, die eine solche Entwicklung verhindern oder in die Irre führen wollen.
Somit schauen wir auf mehrere Phänomene des Menschseins und -werdens als Voraussetzung, Alter zu verstehen. Wir wollen sie nun noch etwas ausführlicher betrachten, ehe dann in den darauf folgenden Kapiteln der Lebenslauf (die Biografie) und deren Anteil des Alters detaillierter dargestellt werden.
Die Dreiheit
Leib, Seele und Geist
Ohne ein gründliches Verständnis der Dreiheit von Leib, Seele und Geist ist der Mensch und damit auch der Lebensabschnitt des Alters nicht zu erfassen. Die Drei ist Ausdruck einer zentralen Kraft aller Schöpfung. Im Christentum begegnen wir ihr in der Trinität Gottes als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Im Menschen erscheinen diese Schöpferkräfte in der Trichotomie von Leib (Vater), Seele (Sohn) und Geist. Sie realisieren sich auch in der Zeit als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Auch das findet sich im Menschen als die Abschnitte von Kindheit und Jugend, vom Erwachsensein und dann vom Alter wieder. Wir können einen ersten Aspekt davon erhaschen, dass Alter sich mit Zukunft verbindet, so wie die Kindheit mit Vergangenheit. Das wird natürlich noch ausführlicher begründet werden.
funktionale Dreigliederung
Eine weitere schöpferische Dreiheit entdeckte Rudolf Steiner nach langer Forschungszeit im menschlichen Leib in den lebendigen Funktionen des Organismus. Er nannte sie funktionale Dreigliederung und beschrieb sie in drei Systemen. Eine Polarität bilden alle Sinnes-Nerven-Prozesse und alle Stoffwechsel-Bewegungs-Vorgänge (Sinnes-Nerven-System und Stoffwechsel- Bewegungs-System). Diese Polarität wird ständig ausgeglichen bzw. im Gleichgewicht gehalten durch rhythmische Prozesse (Rhythmisches oder auch Atmungs-Zirkulations-System). Diese drei Systeme bilden zusätzlich zu ihren funktionellen Tätigkeiten die leibliche Grundlage für alle seelischen Vorgänge, die den Leib zu ihrer Offenbarung brauchen. Wir kennen sie als in sich differenzierte Ganzheiten von Denken, Fühlen und Wollen.6
Denken, Fühlen und Wollen Ahriman und Luzifer
Ganz behutsam sei auf eine weitere Dreiheit verwiesen, die später noch deutlicher angesprochen werden wird. In ihr bildet der Mensch die ausgleichende Mitte zwischen zwei Geistwesen, die seit langen Zeiten Ahriman und Luzifer genannt werden. Ihnen gab Goethe in Mephistopheles eine gemeinsame Gestalt, die real geschaut eben zwei sind. Das wird auch in dem Namen Mephistopheles deutlich, abgeleitet von mephiz (Hinderer, Verderber) und tophel (Lügner). Goethe hat ihre unterschiedliche Art Mephistopheles auch aussprechen lassen, denn er bezeichnet sich sowohl als Kraft, die das Böse will und doch Gutes schafft, und zugleich als einen Geist, der stets verneint.7 Traditionell werden Ahriman und Luzifer als Ausdruck des Bösen bezeichnet, als Satan und Diabolos. Und im Sündenfall und seinen Folgen sind diese Kräfte der Versuchung, den Menschen von seinem vorgesehenen Weg durch Hindernisse, Täuschungen oder Irrwege abzubringen, imaginativ-bildhaft dargestellt. Es sind jedoch auch Kräfte der Schöpfung und als Widerstände (Widersacher) oder Versucher ganz notwendige Elemente zum Erwerb der Freiheit. In seiner Menschwerdung wird der Gottessohn Christus auch als Erstes den Versuchern gegenübergestellt (Matthäus 4,1–11).
Die göttliche Schöpferwelt wird weiter gegliedert in drei Hierarchien, die wiederum jeweils drei Gliederungen umfassen, also 3 x 3 = 9 hierarchische Ordnungen bilden (Dionysius der Areopagit).8
Entwicklung und Rhythmen
Entwicklung hat immer Anfang und Ende, in der Apokalypse des Johannes als Alpha und Omega bezeichnet, erster und letzter Buchstabe des griechischen Alphabets. Entwicklung hat immer ein Ziel, durch Christus »bis zur Vollendung der Erdenzeit« (Matthäus 28,20) genannt, in der Apokalypse Neues Jerusalem.
auf dem Weg zu einem Ziel sein
Entwicklung heißt auch, auf dem Weg zu sein, auf dem Weg zu einem Ziel bzw. zu seinem Ziel, denn davon gibt es viele. Und »Ziel« bedeutet nicht »Ende«, denn jedem Ende steckt der Zauber eines neuen Anfangs inne, wie es Hermann Hesse formulierte.9
Am Menschen ist Entwicklung so einfach mit den Augen abzulesen: Zwei Zellen vereinigen sich durch Mutter und Vater und bilden den Keim, aus dem dann – wenn wir ehrlich sind – die unfassbare Gestalt eines Menschen wird, erst als Kind, als Jugendlicher, junger Erwachsener bis hin zum Greis. Wir können das Gleiche aber auch an einer Eichel erleben: Kann man fassen, wie daraus einst ein großer, knorriger Eichbaum wird? Und diese Bilder ließen sich fast ohne Ende vermehren.
Diesen Kräften der Entwicklung begegnet ein gesund empfindender Mensch mit einer Seelenkraft, die ganz aus der Kindlichkeit seines seelischen Wesens stammt: dem Staunen. Denn alle Entwicklung ist staunenswert. Ihre Grundelemente sind Entstehen (Werden) und Vergehen, aber auch Metamorphose und Steigerung, wie Goethe sie für die Pflanze beschrieb. Beim Menschen gliedert sie sich in leibliche, seelische und geistige Entwicklungen, und wir werden sehen, wie diese sich in unterschiedlichen Zeitabläufen und unterschiedlicher Intensität vollziehen.
Rhythmus als Grundelement aller Entwicklung
Und damit sind wir auch schon beim Rhythmus als weiterem Grundelement aller Entwicklungen. Rhythmus kann beschleunigen, verlangsamen, im Kreis (Kreislauf) oder spiralig führen, kann anschwellen und abklingen, wie wir es am unmittelbarsten aus der Musik kennen. Diese kann ein großartiger Lehrmeister zum Verständnis von Rhythmus sein. Wie unterschiedlich erleben wir den Dreivierteltakt des Walzers oder den Viervierteltakt des Militärmarsches. Wobei »Takt« hier eigentlich ein falscher Begriff ist, denn Takt ist nicht Rhythmus. Takt ist mechanisch, zum Beispiel beim Viertaktmotor eines Autos. Rhythmus ist immer lebendig, zum Beispiel als Atmung. Rhythmus ist immer voller Variationen, und so nennt die moderne Physiologie die gesunde menschliche Atmung auch »respiratorische Arrhythmie«, weil sie eben nie maschineller Takt ist wie beispielsweise bei einer maschinellen »künstlichen« Beatmung auf einer Intensivstation.
den Lebenslauf prägende Rhythmen
Ein großer Rhythmus in der Natur ist der der Jahreszeiten, ein kleiner ist der von Tag und Nacht. Beim Menschen ist die Fülle der Rhythmen fast unüberschaubar, wie die moderne Rhythmusforschung in der Medizin, die Chronomedizin, herausgearbeitet hat. Doch gibt es auch große Rhythmen wie Wachsein und Schlafen, ganz groß Geburt und Tod. Und solche Rhythmen prägen den Lebenslauf, wie die Siebenjahresrhythmen, die Jahrzehnte oder die sogenannten Mondknoten von 18 Jahren, 7 Monaten und 9 Tagen. Diese werden uns durch das nächste Kapitel über den Lebenslauf begleiten, denn sie prägen unser Menschsein in seinen so unterschiedlichen Erscheinungsformen von der Geburt bis zum Tod.
Auch der Kosmos ist rhythmisch geordnet, man denke an die Bahnen der Wandelsterne oder Planeten, die Bewegungen von Erde und Mond im Verhältnis zur Sonne, das Wirken bestimmter geistig-hierarchischer Wesen wie beispielsweise die sieben Erzengel, die sich in der Weltenlenkung rhythmisch abwechseln.10 Jedes Organ, das ja mikrokosmischer Abdruck einer makrokosmischen Kraft ist, hat seinen Rhythmus, die Leber anders als das Gehirn, der Nerv anders als das Blut.
Freiheit
eigentliches Ziel des Menschwerdens
Freiheit ist nicht zu definieren, wahrscheinlich weil wir sie noch gar nicht in ihrer vollen Wirklichkeit kennen oder entwicklungsgeschichtlich kennen können. Freiheit kann deshalb nur als Ziel erlebt werden, und die Anthroposophie Rudolf Steiners beschreibt sie als das eigentliche Ziel des Menschwerdens. Sie spricht geradezu von einer zehnten Hierarchie der Freiheit, die die Menschheit einmal bilden soll, als Ergänzung der neun himmlischen Hierarchien, die wir als einen Leib oder Organismus der Trinität ansehen können.11
Es ist kein Zufall, dass Steiner mit 33 Jahren eines seiner wichtigsten Werke in Buchform veröffentlicht hat, die Philosophie der Freiheit, der er den methodischen Untertitel Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode gab.12 Er hatte den Inhalt durch vorausgehende kleinere Schriften und seine Dissertation vorbereitet.13 Die Anthroposophie kann auch als Freiheitswissenschaft verstanden werden. Freiheit verbindet sich innig mit der Wahrheit. Ein Christuswort lautet so treffend: »Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen« (Johannes 8,32). Sie ist Teil seines Wesens, seine Substanz, ER ist der »Weg, die Wahrheit und das Leben« (Johannes 14,6).
Freiheit muss immer neu erworben werden
Die Freiheit wurde dem Menschen als Gotteskeim in seiner Schöpfung eingepflanzt, sie ist unser kostbarster Same, der immer stärker austreibt und wachsen will, der aber auch gehegt und gepflegt werden und auch geschützt sein will. Welche großartigen Freiheitskämpfer kennt die Menschheit, wie konzentriert war ihr Auftreten im 20. Jahrhundert, verfinstert von Faschismus und Bolschewismus, von zwei Weltkriegen und weltweiter Unterdrückung vieler Menschen. Freiheit hat man nicht, man muss sie sich immer neu erwerben, und einer ihrer schwierigsten Anteile ist, sich selber gegenüber frei zu sein oder zu werden. Ein köstlicher Anteil von ihr ist es auch, sie anderen zu geben oder zu ermöglichen.
Freiheit kann ein hoher Anteil des Alters sein. Ein Kind dagegen kann nie frei sein, es lebt in größter Abhängigkeit von anderen Menschen, Eltern, Erziehern, Geschwistern; es ist auch völlig abhängig von seiner Leibesentwicklung. Wie viel Freiheit kann im Vergleich hiermit das Alter schenken!
Persönliches
Jedes Buch ist Ausdruck des Menschen, der es verfasst. Die Intensität, mit der sich der Verfasser allerdings in die Inhalte einbringt, kann sehr verschieden sein, zum Beispiel bei einer wissenschaftlichen Ausarbeitung, die größte Objektivität anstrebt, im Verhältnis zu einer Autobiografie, die überwiegend subjektiv ist. Das vorliegende Buch über das Alter ist ausgesprochen persönlich oder auch bewusst subjektiv. Der Leser und die Leserin sollen deshalb etwas von der Person wissen, die hier schreibt.
die Lebenserfahrung »spricht mit«
Person birgt personare in seinem Wortstamm, was »durchtönen« heißt. Und so habe ich es auch immer erlebt, wenn ich ein Buch schrieb oder einen Vortrag hielt. Es spricht in den eigenen Sätzen etwas mit, was mehr ist als man selber. Ich möchte dieses Etwas Lebenserfahrung nennen, die geprägt wird und im Alter oft gesättigt ist von den Begegnungen mit anderen Menschen. Wir sind doch gar nicht denkbar ohne die Prägung durch andere Menschen, ganz zentral in Kindheit und Jugend, aber immer fortwirkend bis in das hohe Alter. Am stärksten wurde mir das als Arzt bewusst durch die Menschen, die sich mir anvertrauten und die die Medizin traditionell Patienten nennt. Sie waren meine eigentlichen Lehrer, durch sie habe ich alles gelernt, was mich (hoffentlich!) zu einem guten Arzt werden ließ. Das ist mir bei meinem ersten Buch Intuitive Medizin in jedem Kapitel bewusst geworden, manchmal wusste ich bei einem einzelnen Satz ganz konkret, wer ihn mir gerade »diktierte«.
Liebe zur Schöpfung Mensch
Durch mich »tönt« in allem der Arzt! Ich wusste mit drei Jahren, dass ich diesen Beruf ergreifen wollte, ich hatte die Intention offensichtlich »mitgebracht«. Es ist ein ganz auf den Menschen gerichteter Beruf, und du kannst nicht Arzt sein, ohne den Menschen zu lieben. Mediziner vielleicht, aber nicht Arzt. Und die Liebe gilt nicht zunächst dem einzelnen konkreten Menschen, der mir als Patient begegnet, sondern der Schöpfung Mensch. Sie ist ein einziges Wunder, vielleicht das größte aller Schöpfung. Ihr wollte ich mich verbinden, ja ihr dienen. Das Studium lieferte viel technisches Verständnis, unglaubliches Detailwissen, ca. 25.000 Seiten Lehrbuchwissen musste ich mir aneignen, um das Staatsexamen zu bestehen. Aber vom Menschen lernte ich kaum etwas, ganz vereinzelt von solchen Dozenten, die Vorlesungen anboten, die man nicht nachweisen musste, um das Examen zu machen. Sie wurden »fakultativ« genannt. Beispielsweise im Rahmen der Vorlesung Das Gesicht des Kranken während meiner Zeit an der Universität in Heidelberg führte uns vier Teilnehmer (!) der Dozent an das Krankenbett und lehrte uns wahrzunehmen, was das Gesicht eines Kranken alles erzählen kann, wenn man richtig schaut, bis hin zu einer Diagnose ohne Labor, Röntgen, Endoskopie oder MRT.
Anthroposophie
Auf der Suche nach mehr Verständnis vom Menschen begegnete mir durch einen älteren Bruder die Anthroposophie, und seither habe ich mich ihr ganz verbunden. Sie war es unwissend wahrscheinlich schon viel länger, und sie ist ein weiteres Element, das mich durchtönt. Als ich bei Steiner las, der Arzt brauche Menschenverständnis und Menschenliebe, traf dies auf uneingeschränkte Zustimmung in mir. Diese Zweiheit lebt in der Medizin als Diagnose und Therapie. Diagnose bedeutet, den anderen zu verstehen, wer er ist, wie er geworden ist, und vor allem, wer er werden will. Und es bedeutet, ihn so sein zu lassen, wie er ist, ihm keinen Stempel von Vorurteilen aufzuprägen und doch mit ihm zu entdecken, was er an sich durch die Krankheit, die uns nun verbindet, ändern möchte. Das ist ihm ja oft nicht bewusst, und eine der Künste der Diagnose ist es, dies herauszufinden und bewusst zu machen. Und dann die Wege zu suchen und zu finden, um diesen Entwicklungsschritt zu realisieren. Diese Erkenntnisarbeit quillt aus der Liebe, die das Verständnis ergänzt und zur Therapie wird.
Christliches
Und ein drittes Element erlebe ich mich durchtönen: das Christliche in der Welt. Es fällt mir schwer, hier »Christentum« zu schreiben, weil sich viel zu viel mit diesem Wort verbindet, was durch die Jahrtausende ausgelebt wurde, was mit dem Gründerwesen, dem Christus, nichts gemein hat. Von sehr jugendlichen Jahren an wusste ich, dass ich Christ sein will, doch was mir an Kirche oder Konfession begegnete, korrespondierte nicht mit dem, was in mir klang. So wurde Dostojewskis Erzählung vom Großinquisitor in dem Roman Die Brüder Karamasow eine tiefe Bestätigung meines Empfindens. Ein wirkliches Erkennen und Wissen, was es heißt, Christ sein zu wollen, fand ich erst in der Anthroposophie.
Offenheit
Es sind diese drei Elemente, die mich durchtönen, aus denen ich lebe und als Arzt gearbeitet und gelehrt habe, von denen der Leser und die Leserin wissen sollten: Arzt aus Menschenverständnis und Menschenliebe; Anthroposophie und der Mensch Rudolf Steiner; und die Christuswesenheit, die als Gottessohn Mensch geworden ist und sich uns innig verbunden hält mit all seiner Liebe und seinen vielen Helfern. Ich könnte von Weltanschauung sprechen, wenn dieses Wort nicht oft missbraucht würde, als bedeute es Einengung bis zur Ideologie. So wird die Anthroposophische Medizin von Kritikern oder Gegnern gerne als »weltanschaulich« disqualifiziert, als ob die Naturwissenschaften nicht auch eine spezifische Sicht auf Mensch und Welt vermitteln würden, also Weltanschauung seien. Ich kann von mir sagen, dass ich mich nie einengen ließ auf bestimmte Anteile oder Sichtweisen, sondern für alles mir Begegnende offen blieb, zu lernen und meine Anschauung von Mensch und Welt zu erweitern. Und da kann ich den Bogen wieder zum Alter schlagen. Denn wenn ich gefragt wurde, welche Mittel es denn gäbe, um gesund alt zu werden und zu sein, war und ist meine Antwort: »Bleibe immer neugierig und höre nie auf zu lernen!«
Der Lebenslauf
Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge
und keine Heimat haben in der Zeit.
Und das sind Wünsche: leise Dialoge
täglicher Stunden mit der Ewigkeit.
Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
die einsamste von allen Stunden steigt,
die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
dem Ewigen entgegenschweigt.
Rainer Maria Rilke
empfangen werden
Lebenslauf« ist ein wirklich passender Bildbegriff für die Zeitspanne, in der der Mensch als Geistseele in den physischen Leib-Keim eintritt, den Ei- und Samenzelle von Mutter und Vater gebildet haben, bis hin zu dem Augenblick, in dem er alles Physisch-Leibliche wieder ablegt, den Elementen der Erde zurückgibt. Wir nennen diesen Augenblick den Tod, den vorausgegangenen Empfängnis. Auch ein bildstarkes Wort: Wir werden empfangen. Wer empfängt uns? Wir denken zunächst an die Eltern, die das auch tun und meist voller Dankbarkeit; wir können auch an eine Gemeinschaft von Menschen denken: die erweiterte Familie, Großeltern, vielleicht ältere Geschwister, vielleicht auch die Gemeinschaft einer christlichen Gemeinde, die im Vollzug der Taufe einen nächsten Schritt der Empfängnis vollzieht. Auch die Hebamme und der ärztliche Geburtshelfer sind solche Empfänger oder Empfangende.
Am Anfang eines Lebens steht die Gemeinschaft, am Ende ist man allein, auch wenn vielleicht Menschen am Sterbebett versammelt sind. Der Todesaugenblick und die unmittelbaren Tage danach gehören ganz und gar »mir«, das heißt unserem Ich als Ausdruck unserer Einzigartigkeit oder Individualität. Rudolf Steiner spricht von dem Tod als Augenblick höchster Ich-Erfahrung. Nie im Leben seien wir so bei uns selbst wie in diesem Augenblick.14 Als Arzt habe ich oft erlebt, wie Sterbende, die intensiv von ihren Nahestehenden begleitet wurden, gerade dann den Todesaugenblick wählten, wenn sie – vielleicht auch nur für Minuten allein gelassen – ganz für sich waren, was oft Kummer, ja manchmal auch Unverständnis oder Vorwürfe bei den Zurückgebliebenen auslöste.
»unterwegs sein«
Nun der Lebenslauf! Sind wir nicht wirklich andauernd unterwegs, auf Wegen unterschiedlichster Art, sind wir nicht oft auch eilig unterwegs, wie im Lauf? »Lauf« kann viele Tempi beschreiben, vom geruhsamen bis zum flotten Gehen, dann im engeren Sinne Laufen, schließlich gar Rennen. Tendenziell ist die Richtung immer nach vorne, und Pausen gibt es kaum, es sei denn Erschöpfung oder Ermüdung erzwingen sie. Und plötzlich werden wir aufmerksam, dass der Lebenslauf tatsächlich rhythmisch von einer großen Pause unterbrochen wird, die wir Schlaf nennen.
Viel zu wenig ist dem modernen Menschen bewusst, dass er – wieder annähernd – ein Drittel seines Lebens verschläft und vor allem von dieser Zeit normalerweise nichts weiß, mit Ausnahme vielleicht seiner Träume, die aber meistens rasch vergessen werden. Wir entdecken aber in dem Phänomen »zwei Drittel Wachen und ein Drittel Schlafen« einen ersten Rhythmus, der tatsächlich das ganze Leben durchzieht. Er verändert sich, denn zu Beginn des Lebens schlafen wir viel mehr, als dass wir wach sind. Und im Alter wird die Menge des Schlafs oft deutlich geringer, macht dann vielleicht nur noch ein Viertel aus, manchmal auch noch weniger. Das ist durchaus individuell unterschiedlich.
die Pause als Teil des Rhythmus
Wir entdecken außerdem einen ganz entscheidenden Teil von Rhythmus: die Pause. Und die Pause ist zugleich Wendepunkt, zum Beispiel der Richtung oder der Intensität. Diese Wendepunkte sind beim Wachen und Schlafen das Einschlafen und das Aufwachen.
Abend- und Morgengebet
Der Arzt kann aus seiner Anschauung vermitteln, dass solche Wendepunkte ganz wichtige Momente sind, in denen sich Gesundheit bildet. Wird in sie störend eingegriffen, können schwere Krankheiten folgen. Wir können auf eine Lebenswirklichkeit schauen, die vor nicht allzu langen Zeiten für viele Menschen eine Selbstverständlichkeit war, es heute jedoch selten noch ist: das Abend- und das Morgengebet. Die Menschen hatten noch ein instinktives Wissen, dass diese beiden Momente, in denen man von jeweils einer Welt in eine andere übertritt, eine hohe Bedeutung für ein gesundes Menschsein haben. Shakespeare war solch ein Wissender, er lässt Othello seine Frau Desdemona fragen, ob sie schon zur Nacht gebetet habe, ehe er sie erwürgt.15 Bei allen Rhythmen müssen wir immer intensiv auf die Wendepunkte achten, deren Qualität Ruhe, Stille ist, man kann es auch »Anhalten« nennen.
Jahrsiebte, Jahrzehnte und Mondknoten
Es wurde schon erwähnt, dass der Lebenslauf besonders von drei Grundrhythmen geprägt ist: von Jahrsiebten, Jahrzehnten und den sogenannten Mondknoten. Sie sollen im Einzelnen betrachtet und dargestellt werden. Wir werden dabei auch wieder auf die Drei stoßen, die alles durchwirkt. Wir werden Wiederholung und Steigerung erleben, aber auch das Eingreifen der uns begleitenden Gegenkräfte (Widersacher) durch Verlangsamung oder Beschleunigung, von Steiner auch als Verspätung und Verfrühung bezeichnet.
Im ersten großen Überblick sind es neun Jahrsiebte, die für unsere Zeit, und damit sind viele Jahrhunderte gemeint, als idealtypisch für den Lebenslauf charakterisiert werden können. Zu diesen wird ein zehntes Jahrsiebt gerechnet, das wie eine Oktave in der Musik alles noch einmal in sich zusammenfasst. So währt ein idealtypisches Leben also 70 Jahre, was zu Steiners Lebzeiten noch viel gültiger war, als wir es für die Gegenwart erleben, wo die durchschnittliche Lebenserwartung die 70 längst für beide Geschlechter überschritten hat. Das wird uns zu den Jahrzehnten leiten.
Die 3 x 3 + 1 Jahrsiebte
drei große Lebensabschnitte
Jeweils drei Jahrsiebte umfassen drei große Lebensabschnitte, die Kindheit und Jugend, das Erwachsensein und das Alter: von der Geburt bis zum 21. Lebensjahr, von diesem bis zum 42. Lebensjahr, dann bis zum 63. Lebensjahr. Ein weiteres Jahrsiebt erstreckt sich bis zum 70. Lebensjahr. Was im Lebenslauf darüber hinausführt, habe ich das »Hohe Alter« genannt. Steiner hat für diese Zeit von Gnade gesprochen.
Entwicklung von Leib, Seele und Geist
Die ersten 21 Jahre braucht der Mensch für seine ganz zur Individualität führende Leibesentwicklung. Gleiches gilt für die folgenden 21 Jahre der Seelenentwicklung, und dann folgt im Ansatz die Geistentwicklung. Und alles baut auf das Vorhergehende auf, wie noch beschrieben werden soll. Während ein Anteil unseres Menschseins sich aufsteigend entwickelt, sind vorausgegangene Erreichnisse eventuell schon wieder in ihrer absteigenden, devolutionären Entwicklung. Denn der Mensch ist mit seiner Geburt Leib, Seele und Geist. Sie sind immer gemeinsam da, doch bilden sie in der Zeit Unterschiede ihrer Entwicklung. Bestimmend dabei ist die Individuation.
Impulse der Individuation
Steiners großartiges Bild ist der von den Eltern und auch Voreltern gegebene Leib als ein »Modell«, das in 3 x 7 Jahren zum Individualleib umgestaltet wird. Der Gestalter sind wir selbst, wir als Geistseele, deren Keim das rein geistige Ich ist. Von ihm gehen alle Impulse der Individuation aus, die bis in alle einzelnen Zellen hineinreicht. Diese von Steiner geisteswissenschaftlich erforschte Tatsache ist im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts eindrucksvoll von der naturwissenschaftlichen Forschung bestätigt und als Immunsystem hochdifferenziert beschrieben worden. Das Grundgesetz heißt: »Das Selbst erkennt alles Nichtselbst.« Das Selbst ist unser Ich, alles Fremde wird davon abgegrenzt. Es wird durch die im Immunsystem wirkenden Kräfte entweder eliminiert (ausgeschieden), oder es wird aus Fremdem zu Eigenem gemacht, was zum Beispiel mit der Nahrung geschieht.
Individuation und Immunität
Kein Nahrungsstoff darf in uns der oder das bleiben, was er in der Natur geworden ist oder heute auch im Labor synthetisiert wurde. Man kann hier auch auf die modernen synthetischen Arzneimittel schauen. Diese von mir Aneignung genannte Tätigkeit des Immunsystems nennt die Physiologie Verdauung. Sie ist eine der wichtigsten Funktionen aller Immunität. Und so betrachtet wird das Immunsystem auch am stärksten in der frühen Kindheit und Jugend in Anspruch genommen, wenn sich die Bildung des ganz speziellen, einzigartigen Individualleibs vollzieht.
Dass dies eine – wenn auch staunenswerte – Tatsache ist, hat wieder die medizinische Wissenschaft bewiesen, als sie die Organtransplantation entwickelte. Kein Organ ist leiblich-stofflich mit einem anderen identisch, es gibt nur mehr oder weniger Ähnlichkeiten. Immer muss das transplantierte Organ durch starke immununterdrückende (-suppressive) Medikamente vor dem durchaus aggressiv reagierenden Immunsystem des Empfängers bewahrt werden, welches das ihm fremde Organ »abstoßen« will und diese Intention auch über lange Jahre nicht aufgibt, sodass die Immunsuppressiva lebenslang genommen werden müssen. Eine Ausnahme bilden sehr kleine Kinder, bei denen – allerdings auch in längeren Zeiträumen – eine Assimilation des fremden Organs erfolgen kann. In der Kindheit sind eben – um an den Ausgangsgedanken anzuknüpfen – zunächst alle Organe fremd, stammen von Eltern, und müssen allmählich, das heißt in rund 20 Jahren, zu eigenen verwandelt werden.
physisch-stoffliche Organisation Lebensorganisation Empfindungsleib
Der Leib ist in sich gegliedert in eine physisch-stoffliche Organisation, die auch als Morphe oder morphologisch bezeichnet wird. Sie ist der entscheidende Bereich für die Leibvorstellung der naturwissenschaftlich orientierten Medizin, die auch Schulmedizin genannt wird. Hier kann sie messen, wiegen und zählen, hier lassen sich Befunde erstellen. Dieser physisch-stoffliche Anteil des Leibes wird durchzogen von einer Lebensorganisation, die für alle Funktionen verantwortlich ist und sich im Befinden äußert. Beide bilden von der Geburt bis zum Tod, ja einige Tage über ihn hinaus, eine untrennbare Einheit, sie sind der Leib im engeren Sinne. Doch wirkt eine dritte eigenständige Organisation in beide hinein, die Träger unserer Empfindungen ist und zugleich Verbindungsglied zur Seele. Dieser Anteil des Leibes kann Empfindungs- oder auch Seelenleib genannt werden, wie die ersten beiden Stoff- oder physischer Leib bzw. Lebens- oder Funktionsleib.
Der Empfindungsleib ist extrem feinstofflich, Steiner verglich ihn mit der Dichte von Luft, wir können auch sagen feiner Gase. Er hat wesentlichen Anteil an der Immunität, speziell der spezifischen Abwehr durch feinste Stoffe, die auch Antikörper genannt werden. Er äußert sich seinem Namen entsprechend in der Welt unserer Empfindungen, die wir auch als Instinkte, Triebe, Begierden, Lust und Unlust, Schmerz, Hunger und Durst bezeichnen, und übergeordnet durch unsere leibliche Gestimmtheit. Es ist hier nicht beabsichtigt, eine ausführliche und differenzierte Darstellung des Leibes zu geben, das ist andernorts geschehen und dort nachlesbar.16 Wir brauchen aber die Grundbegriffe, um die Entwicklungsschritte und Metamorphosen der ersten 21 Jahre nachvollziehbar beschreiben zu können. Denn auf ihnen bauen die späteren auf, die schließlich zu der Epoche des Lebenslaufs führen, die wir Alter nennen.
Die Entwicklung des Leibes (1. bis 3. Jahrsiebt)
Ich-geprägte Entwicklung
Diese vollzieht sich also in drei großen Zyklen von jeweils sieben Jahren mit dem Ziel, alles, jede einzelne Zelle, die Organe und alle Gewebestrukturen wie Knochen, Nerven, Muskulatur ganz Ich-geprägt zu entwickeln und schließlich nichts mehr als Leib an sich zu haben, das noch fremd ist, von Eltern oder Vorfahren stammt.
Überwinden alles Fremden
Das beginnt im 1. Jahrsiebt mit der physisch-leiblichen Struktur, die wir Stoffleib nannten, auch Körper im engeren Sinne. Alles von der Genetik der Eltern geprägte Stoffliche muss zu etwas Eigenem, Individuellem werden. Der elterliche Anteil wird entweder abgebaut und ausgeschieden und durch eigene Zellen bzw. Gewebe ersetzt, oder das Elterliche wird umgeschmolzen und in Eigenes verwandelt. Dabei schult sich das Immunsystem, von dem dargestellt wurde, dass das Überwinden alles Fremden eine seiner Hauptaufgaben ist. Hierbei haben – heute muss ich fast sagen hatten – die sogenannten Kinderkrankheiten und besonders die hochfieberhaften eine wichtige Funktion. Das Abstoßen und Umschmelzen war wie ein Verbrennen durch das Fieber, wie eindrucksvoll am Beispiel der Abschuppung der gesamten Haut im Ablauf einer Scharlacherkrankung zu sehen ist. Wie oft erlebten die Eltern an ihrem Kind einen damit verbundenen Entwicklungsschritt oder auch eine starke äußere Veränderung, wie sie Goethe so köstlich in Dichtung und Wahrheit beschreibt, nachdem er die Pocken durchgemacht hatte. Eine Tante, die ihn bis dahin immer so entzückend fand, nennt ihn nun nur noch »garstig«.17 Am Ende der ersten sieben Jahre ist im Idealfall alles ursprüngliche Gewebe als Stoffliches zumindest einmal vollständig ausgetauscht. Und auch der härteste Stoff, den der Leib in den Zähnen bildet, wird dann im sogenannten Zahnwechsel ausgetauscht.
Individualisierung der Lebensorganisation
Im 2. Jahrsiebt wird die ebenfalls von den Eltern und Vorfahren mitgegebene Lebensorganisation individualisiert. Hier ist es weniger Elimination wie beim Stoffleib, sondern Verwandlung. Die ureigene Lebensorganisation, die bereits im Vorgeburtlichen mithilfe hierarchischer Wesen aus dem großen Lebenskosmos herausgesondert wurde, durchdringt nun die elterliche, verbindet sich mit ihr und verwandelt sie zu Eigenem. In dieser Zeit der Schulreife hat jeder Mensch einen Überschuss an Lebenskräften, weil die eigenen und die der Eltern sich potenzieren. Es ist daher auch die Phase mit den größten Gesundheitskräften während des ganzen Lebens.
Etwa in der Mitte dieser Zeit wird ein Teil von den Lebenskräften abgesondert und stellt sich dem Denken zur Verfügung, wird zu Denkkräften. Erst von dieser Zeit an sollte pädagogisch das Lernen mehr und mehr über das Denken erfolgen, der Intellekt erzogen werden. Vorher ist ein mehr spielerisches, bildhaftes Lernen angemessen. Das findet sich in der Waldorfpädagogik wieder.
Die Lebenskräfte sind in sich gegliedert, Rudolf Steiner sprach von sieben Lebensstufen, die das eigentliche Leben ausmachen.18 Die siebte und letzte beschreibt das Reproduktionsleben, die Fähigkeit, selber neues Leben hervorzurufen. Das zeigt sich zum Abschluss des 2. Jahrsiebts in der Geschlechtsreife.
Individualisierung des Empfindungsleibes
Im 3. Jahrsiebt individualisiert sich dann der Empfindungsleib, der zum Seelenträger wird. Und wieder durchdringt die eigene Empfindungsorganisation die elterlich vorgegebene. Dabei geht es weniger »freundschaftlich« zu als bei der Begegnung der beiden Lebensorganisationen. Jetzt kommt es zu oft recht heftigen Auseinandersetzungen. Das wird Pubertät genannt. Der Empfindungsleib birgt ja alles schon Genannte wie Leidenschaften, Begierden, Triebe und Instinkte in sich, Lust und Unlust, auch Hunger und Durst, alle Quellorte, die wir heute Emotionen nennen. Und da ist das »Fremde«, von den Eltern Gegebene, nicht mehr akzeptabel, da will man selbst die Quelle des emotionalen Lebens werden.
Egoismus
Nun bekommt auch der Egoismus eine ganz andere Intensität. Jedes Kind ist egoistisch, muss es auch sein, es sucht ja – durchaus mit Hilfe – seinen Weg ins Leben, will seinen Leib, will entdecken, welchen Lebensplan es in langen vorgeburtlichen Zeitläufen zusammen mit dem begleitenden Engel erarbeitet hat, den es mit der Geburt »vergessen« hat. Vergessen aber nur insoweit, als der Plan vollständig in uns existiert, doch in tiefe Schichten des Bewusstseins hinabgesunken ist, aus denen er nur allmählich und durch Übung wieder bewusst gemacht werden kann.
Die Intensivierung des Egoismus im 3. Jahrsiebt hängt mit der Intendierung aller nun erfolgenden Veränderungen unmittelbar aus dem Ich zusammen. Steiner hat diese Gesetzmäßigkeit der Leibentwicklung so formuliert: Immer das nächsthöhere Wesens- oder Leibesglied übernimmt die Führung und Verantwortung für die Individuation des nächstniedrigeren, die Lebensorganisation die des Stoffleibs, die Empfindungsorganisation (die eben noch nicht Leib ist und aus dem Vorgeburtlichen stammt) die des Lebensleibs (Ätherleibs) und schließlich die Ich-Organisation die des Empfindungsleibs.19

Leibesentwicklung der ersten vier Jahrsiebte
Ich-Leib
Wir werden darauf aufmerksam, dass es noch ein viertes Glied des Leiblichen gibt, ganz im Verborgenen, von Beginn an wirksam, alles überblickend, letztlich auch steuernd. Wir können vom Ich-Leib oder einer Ich-Organisation sprechen, die sich überhaupt nicht mehr stofflich manifestiert, auch nicht feinststofflich wie der Empfindungsleib. Sie ist rein geistiger Natur und wählt sich als ihr Trägerelement, durch das sie ihre Wirkungen in die Leiber vermittelt, ausschließlich die Wärme. Das tiefe Geheimnis unserer Leibeswärme ist hiermit verbunden.
das 28. Lebensjahr
Die Ich-Organisation befreit sich vom Gebundensein an den Leib im 4. Lebensjahrsiebt und wendet sich damit der Seelenentwicklung zu. Und doch ist ein Teil der Ich-Organisation auch der Individuation dieser Wärmeorganisation als Ich-Träger gewidmet, die erst mit dem 28. Lebensjahr ganz abgeschlossen ist. Bis zu diesem Zeitpunkt wirkt der ganze Kosmos mit seiner Wesensfülle an der Menschenentwicklung mit. Dann gibt er den Menschen frei, er soll ja unabhängig werden. Viele erleben diese Zeit auch als ein Alleingelassenwerden.
Aus all dem lässt sich vielleicht eine weitere Aussage Steiners an gleicher Stelle verstehen: dass erst jetzt der Mensch in die eigene Verantwortlichkeit eintritt.20 In vergangenen Zeiten war das der Zeitpunkt, zu dem man frühestens Parlamentarier werden konnte. Doch ich bin vorausgeeilt. Zur Beschreibung des 3. Jahrsiebts und der Individuation des Empfindungsleibs lässt sich noch hinzufügen, dass diese einen Abschluss in der Mündigkeit findet, die früher mit dem 21. Lebensjahr verbunden wurde. Dass diese heute in Deutschland auf das 18. Lebensjahr vorverlegt wurde, hat mit Kräften der Verfrühung zu tun, die schon erwähnt wurden (siehe Seite 27).
Die Entwicklung der Seele (4. bis 6. Jahrsiebt)
drei Seelenglieder
Auch die menschliche Seele ist eine gegliederte Einheit. So wie wir berechtigt von dem Leib sprechen können, obwohl es drei »Leiber« oder Leibesglieder mit durchaus eigenen Gesetzmäßigkeiten gibt und wir auch ein viertes Glied (Ich-Leib) ansprachen, so ist die Seele eine Einheit von drei Seelengliedern: der Empfindungsseele, der Verstandes- oder Gemütsseele und der Bewusstseinsseele. Sie wurden menschheitlich in großen Zeitepochen ausgebildet, die Empfindungsseele in der ägyptisch-babylonischen Kulturepoche und die Verstandes-oder Gemütsseele in der griechisch-römischen, die bis in das 15. Jahrhundert n.Chr. andauerte. Seither entwickelt die Menschheit das höchste und geistnächste Seelenglied, die Bewusstseinsseele. Ihre Entwicklung dauert bis weit in das 4. Jahrtausend. Wir stehen menschheitlich also noch ziemlich am Anfang ihrer Bildung.
Diese menschheitlich vorgebildeten Seelenglieder bzw. ihre Anlagen werden jedem Menschen von der Empfängnis bzw. Geburt an aus dem Strom seiner Vorfahren mitgegeben. Wir haben alle eine gemeinsame seelische Anlage, allerdings schon familien- oder stammmäßig vorgeprägt, am unmittelbarsten von Eltern und Großeltern. Diese Anlage wird nun vom Einzelmenschen in seinem mittleren Zeitabschnitt des Lebenslaufs individualisiert, im 4. Jahrsiebt die Empfindungsseele, im 5. dann die Verstandes- oder Gemütsseele und im 6., also vom 35. bis zum 42. Lebensjahr, die Bewusstseinsseele.
zeitliche Richtung
Hierfür beschreibt Rudolf Steiner eine Gesetzmäßigkeit und zeitliche Richtung, die überraschen kann. Das gestaltende Individual-Ich wendet sich zeitlich gesprochen zurück und durchläuft das 3. Jahrsiebt vom 21. zum 14. Lebensjahr, um aus dem bereits individualisierten Empfindungsleib die nun auch immer stärker individuelle Empfindungsseele herauszuarbeiten. Gleiches gilt für die Verstandes- oder Gemütsseele vom 14. bis zum 7. Lebensjahr, wo nun der individualisierte Lebensleib die Grundlage bildet für die individuelle Seelengestaltung. Schließlich arbeitet das Ich dann im 6. Lebensjahrsiebt an der Gestaltung der Bewusstseinsseele aus dem Stoff- oder physischen Leib heraus. Um das 42. Lebensjahr steht unser Ich dann erneut an dem Tor der Geburt als Schnittstelle oder auch Anfang der Geistentwicklung, die wir Alter nennen.
Empfindungsseele
Die Empfindungsseele ist voller Spontaneität. Ihr eigentliches Element ist die Bewegung. Alle spontanen Bewegungen stammen aus ihr, auch die Einatmung, durch die sie sich dem Empfindungsleib verbindet. Ein weiteres Empfindungsseelenelement ist Dualität, auch das Entweder-Oder. »Himmelhochjauchzend – zu Tode betrübt« nennt es der Volksmund; »Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust«, lässt Goethe es seinen Doktor Faust sagen,21 wobei das Einschiebsel »ach« so charakteristisch für die Empfindungsseele ist. Zu ihr gehört auch das Seufzen. Ihre Dualität spiegelt sich in den großen Empfindungen von Sympathie und Antipathie, die wir auch Nähe und Distanz nennen können, in Lust und Unlust, Freude und Kummer und vielen Empfindungen mehr, bei denen die eine immer ihr Gegenüber hat und sucht.
Verstandes- oder Gemütsseele
Die Verstandes- oder Gemütsseele zeigt uns eine Besonderheit. Ist sie eine oder zwei, Verstand oder Gemüt? Gelegentlich ersetzte Steiner das Wörtchen »oder« durch ein »und«. Das kann uns auf die Spur führen: Sie ist das Seelenglied des Sowohl-als-Auch. Sie überwindet das Entweder-Oder der Empfindungsseele und verwandelt es zur Wirklichkeit des Miteinanders der Polaritäten oder Gegensätze, eben: Frau und Mann, Nacht und Tag, Oben und Unten usw.
Mit einem Blick in unsere Zeit erleben wir das Problem eines wissenschaftlichen Denkens, das sich ganz auf das Entweder-Oder stützt, obwohl die Wirklichkeit ständig das Sowohl-als-Auch erfahren lässt. Es kann nur Tag oder Nacht sein. Oder? Nein, während es bei uns Tag ist, ist es an anderer Stelle auf der Erde Nacht. Das Entweder-Oder existiert nur für den Raum, das Räumliche, für die Zeit gilt das Sowohl-als-Auch. Beides verbindet sich in einer Dimension, die über Raum und Zeit hinausführt, in der Bewusstseinsseele.
Es ist für das mittlere Seelenglied so wichtig, dass aller Verstand, der auch Träger des Intellekts ist, immer durchdrungen wird von dem Gemüt. Dieses gibt dem Verstand die Wärme, die zum Verstehen wird. Ohne Gemüt wird der Verstand kalt und tendenziell zerstörerisch. Er will dann erobern anstatt zu verstehen. Und auch das Gemüt möchte immer durchdrungen sein vom Verstand, was in dem Gralsgeheimnis bildhaft anschaulich wird, wenn der Mensch durch Mitleid wissend wird.
Mitgefühl
Mitleid oder Mitgefühl sind dann gesund oder auch christlich, wenn sie zur Tätigkeit, zum Handeln im Helfer führen. Das ist einzigartig am Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25–37) nacherlebbar. Barmherzigkeit ist ein Ausdruck für das Zusammenwirken von Verstandes- und Gemütsseele, und es ist kein Zufall, dass sie mit dem Herzen verbunden ist.
Wieder muss ich einfügen, dass eine ausführliche Darstellung, zum Beispiel auch mit Blick des Arztes auf Gesundheit und Krankheit von Seele und Leib, hier unterbleiben muss, weil es um das Alter und die mit ihm verbundene Entwicklung geht. An anderer Stelle kann der Leser mehr darüber finden.22
Bewusstseinsseele Aufforderung zur Selbsterkenntnis
Es sei noch kurz auf die Bewusstseinsseele geschaut. Gelegentlich sprach Steiner auch von einer Selbstbewusstseinsseele.23 Und darauf kommt es an. Bewusstsein durchzieht die ganze Seele, auch die beiden anderen Seelenglieder. Doch dieses Bewusstsein ist auf die Welt gerichtet, träumend-empfindend in der Empfindungsseele, klar und sachlich auf die Welt außerhalb des Menschen, die ihn umgibt, in der Verstandesseele. In der Bewusstseinsseele richtet sich das Bewusstsein nun auf das eigene Selbst, in ihm liegt die Frage »Wer bin ich?«, die Aufforderung zur Selbsterkenntnis. Ich habe das immer den Schritt vom Ich zum »Ich-Bin« genannt, die Frage nach der Existenz, die zugleich die Frage nach dem Träger des göttlichen ICH-BIN ist, dem Christus. Die Bewusstseinsseele bereitet ein Bewusstsein vor, das uns direkt wieder in die Geisterfahrung führt, wo Geist und Natur, heute Materie genannt, nicht getrennt sind, sondern gemeinsame Schöpfung. Die Bewusstseinsseele wird aus dem rückwärts gerichteten Durchlaufen des Stoffleibs gebildet, das Ich arbeitet sie im Durch- oder Eindringen in die Stoffeswelt des physischen Leibes heraus. Es erlebt vom Innersten das Wesen und die Schöpferwelt der Stoffe und ihre Schönheit. Sind schon die stofflichen Offenbarungen der Natur oft überwältigend, die großartige Welt der Kristalle, die Metalle, der Zauber von Pflanzenblatt und -blüte, die Tiergestalten und ihre Bewegungen – wie viel faszinierender ist der Menschenstoff unseres Körpers: ein rotes Blutkörperchen, ein Knochenbälkchen, ein Leberläppchen, die Aufzählung könnte schier endlos fortgesetzt werden.
Materialismus
Dieses Eindringen und Verweilen in der Stoffeswelt ist der entwicklungsgeschichtliche Ursprung des Materialismus, der als Weltanschauung mit der Bewusstseinsseelenentwicklung zeitlich zusammenfällt. Und hier liegt auch eine starke Gefährdung des Menschwerdens. Es fielen die Worte »überwältigend« und »faszinierend«. Das Ich kann in diesem Erleben stecken bleiben. Dann sieht es die Welt im Sinne des Materialismus. Sein Weg muss jedoch weitergehen, den in dem Stoff schöpferisch gestaltenden Geist zu entdecken, was mit anderen Worten heißt, den Geist als Ursprung alles Stofflichen zu erkennen. Nicht »Ohne Körper gibt es keinen Geist« (siehe Seite 15) muss es heißen, sondern »Ohne Geist gäbe es keinen Körper, keine Materie, nichts Sinnlich-Erscheinendes«.
Geisterkenntnis bei vollem Wachbewusstsein
Die Bewusstseinsseele wird das Ich wieder zur Geisterkenntnis leiten, bei vollem Wachbewusstsein, mit kritischem Verstand, aber auch flammendem Gemüt und starken Empfindungen. Denn die Seele ist Eins, alles wirkt in das Andere, tönt mit dem Anderen, bekommt seine Färbung von ihm.
Die Entwicklung des Geistes (7. bis 9./10. Jahrsiebt)
Geistesglieder erst als Anlage vorhanden
Auch das Geistige gliedert sich im Menschen in ein Geistselbst, einen Lebensgeist und einen Geistesmenschen. Diese drei Glieder sind heute nur veranlagt, und der Mensch kann im 7. bis 9. Jahrsiebt an ihnen vergleichsweise so arbeiten, wie ein Gärtner eine Saat gießt und pflegt, lange ehe sie zu keimen beginnt, ehe das Wachstum und die Ausgestaltung der Pflanze erfolgt und sehr lange bevor sie dann reift und Frucht trägt. Doch würde die Saat nicht gepflegt, würde alles Folgende gar nicht geschehen können. So ist es auch mit den Geistanlagen des Menschen, und ihre Pflege erfolgt idealerweise in der Zeit vom 42. bis zum 63. Lebensjahr.
In dieser Zeit arbeitet das Ich wieder zeitlich rückwärts gerichtet an den Seelengliedern und zugleich an den Leibesgliedern, um diese Geistanlagen zu befruchten und ihre spätere Entwicklung vorzubereiten. Das Ich ist ja selber Geist, in seiner Wesenheit reiner Geist und im eigentlichen Sinne Kern des Menschen. Doch es bereitet sich die Gewänder, mit denen es sich bis zum Erreichen einer Vollkommenheit kleidet. Rudolf Steiner nannte diese 3 x 3 Leibes-, Seelen- und Geistesglieder in seinem zentralen Buch einer geisteswissenschaftlichen Menschenkunde Theosophie Hüllen.24 Wir können von Werkzeugen für den Leib und von Instrumenten für die Seele sprechen, für die Geistglieder fehlt ein sie erhellender Begriff. Interessant, dass das altgriechische Wort organon »Werkzeug« bedeutet und unser Organbegriff davon abgeleitet wurde.
Voraussetzungen für die Geistesglieder
Das Geistselbst hat zu seiner Voraussetzung die Bewusstseinsseele und den Empfindungsleib, der Lebensgeist Verstandes- und Gemütsseele und den Lebensleib, der in fernsten Zeiten entstehende Geistesmensch Empfindungsseele und den Stoff- oder physischen Leib. Hier verzichte ich auf weitere Versuche einer detaillierten Beschreibung, weil diese nicht nur aus dem Denken entstehen darf, sondern Anschauung sein sollte. Doch ist es wichtig, jeden Schritt der Geistesentwicklung in den drei Jahrsiebten zu beschreiben und zugleich den Hintergrund zu kennen, für den diese Schritte getan werden. Das wird dann im nächsten Hauptkapitel, das ganz das Alter in den Blick nimmt, folgen (siehe Seite 49 ff.).
höhere Lebenserwartung
Es sei noch ein Blick auf das 10. Jahrsiebt gerichtet, welches die Reihe der 3 x 3 Jahrsiebte nicht nur abschließt, sondern vollendet. Denn im idealtypischen Sinne einer Rhythmik, die – so wie hier dargestellt – für unsere Entwicklungsepoche laut Rudolf Steiner von etwa 1450 bis 3500 n.Chr. gilt, währt der Lebenslauf des Menschen diese 70 Jahre. Dann ist er »Vollmensch«.
Wir wissen alle, dass Menschen heute oft viel länger leben, schon die durchschnittlichen Lebenserwartungen, etwas unterschiedlich für Frau und Mann, gehen deutlich darüber hinaus. Was dieses »Hohe Alter«, das den eigentlichen Lebenslauf übergreift, in der Entwicklung zu bedeuten hat, wird später noch dargestellt werden (siehe Seite 75 ff.). Dieses letzte Jahrsiebt vom 63. bis zum 70. Lebensjahr ist wie eine große Zusammenfassung der vorausgehenden neun. Alles wird zu Einem, jetzt ist das diesmal gelebte Leben rund und – wenn alles gut gegangen ist, was eher die Ausnahme darstellt – der vorgeburtlich gefasste Lebensplan erfüllt.
Man kann verstehen, dass nach Rudolf Steiners Aussage anschließend eine Gnadenzeit folgt, wobei wir klären müssen, was Gnade eigentlich ist. Dem wird ein eigenes Kapitel gewidmet sein (siehe Seite 93 ff.).
Auf eines können wir noch aufmerksam werden: In diesem letzten Jahrsiebt trifft die Siebenheit auf die Zehn! Und das leitet über zu den Jahrzehnten.
Die Jahrzehnte
Bedeutung der Zehn
Rudolf Steiner hat die Jahrsiebte für die Evolution des Menschen in seinem Lebenslauf ganz besonders betont. Die Sieben ist eine Zahl des Lebens und zugleich der Zeit. Was bedeutet nun die Zehn, ist sie überhaupt von Bedeutung?
Ein runder Geburtstag wird traditionell immer besonders gefeiert, vor allem im höheren Alter. Da spielen Siebenjahreszahlen eigentlich keine Rolle. Manchmal findet auch die Hälfte eines Jahrzehnts Beachtung, zum Beispiel der 65. Geburtstag, der lange Zeit mit dem Ausscheiden aus dem Berufsleben gleichgestellt wurde, oder der 75. Geburtstag als Maß eines Dreivierteljahrhunderts.
Beim Menschen erleben wir die Zehn ganz offensichtlich an Händen und Füßen, an den Fingern und Zehen, wobei die Zehn in 2 x 5 gegliedert ist. Die Grundmaßeinheit der Länge, des Meters, wird – zum Beispiel beim Zollstock – eingeteilt in Abschnitte von 10 x 10 Zentimetern und jeder von diesen in wieder 10 einzelne Zentimeter. Das Jahr teilt sich dagegen in 12 Monate, und wir kennen auch Längenmaße wie die Meile, die keine Zehn in sich trägt. Ihre eigentliche Wirklichkeit und Bedeutung für den Menschen muss wohl noch entdeckt bzw. erarbeitet werden. Wir können uns jedoch annähern, dass, wo die Sieben eine innere Beziehung zur Zeit hat, die Zehn mehr dem Raum zuzuordnen ist. Raum und Zeit sind gewichtige Komponenten von Mensch und Welt, und so sollte der Zehn, hier den Jahrzehnten, mehr und mehr Verständnis entgegengebracht werden.
Betonung des Raumes gegenüber der Zeit
Unsere Gegenwart betont den Raum, sie hat für die Zeit wenig Verständnis. Das ist besonders in der Medizin zutreffend, die alles am Menschen räumlich wahrnimmt. Ein einzelner Befund als Momentaufnahme ist in diesem Sinne Raum, seine dauernde Veränderung in der Zeit wird nicht oder kaum beachtet. Der Gehalt von körpereigenem Kortison im Blut ist beispielsweise morgens viel höher als am Abend, im ersten Tiefschlaf geht er gegen Null. Wollen wir also den Menschen »räumlich« verstehen, müssen wir lernen, auch auf die Jahrzehnte zu sehen. Wieder ein vertiefendes Bild aus dem Leben des Jesus von Nazareth: 30 Jahre Entwicklung brauchte der Mensch Jesus von Nazareth, um Träger des Christus zu werden, der dann nur ein Zehntel dieser Zeit, drei Jahre, dem Menschen Jesus einwohnen konnte. Dann hatte der Geist, das Ich des Gottessohns den menschlichen Leib aufgezehrt. Wenn wir den Geist als Flamme sehen, hat sie ihn zu Asche verbrannt.
Jahrzehnte als Schwellen
Viele Menschen, auch ich selbst, erleben die Jahrzehnte als regelrechte Schwellen, die bedeuten, dass Altes verlassen wird und Neues beginnt. Dagegen ist der Übergang von Jahrsiebt zu Jahrsiebt fließend, eher Metamorphose des Gewesenen als Neuanfang. Viele meiner Patienten erlebten zum Beispiel das Ende eines Geführtwerdens an der Schwelle eines Jahrzehnts, die Frauen eher bei 30 Jahren, Männer mit 40. Wie oft stellen sich an diesen Schwellen erste tiefe Sinnfragen, wie oft werden damit Krisenzeiten verbunden. Wir können für unsere Epoche auf eine Zeitreihe von 3 x 3 Jahrzehnten zu je 30 Jahren blicken und sie mit den 3 x 3 Jahrsiebten zusammenschauen, ohne das rechnerisch zu denken, denn diese Rechnung ginge natürlich nicht auf. Der vom modernen Materialismus geprägte Mensch orientiert sich im Raum, denn dieser ist das Grundsystem eines weltanschaulichen Materialismus. Eine Maschine ist reiner Raum, sie hat keine zeitliche Struktur, ist hier und jetzt. Und wieder – Maschinen bestimmen, ja beherrschen heute die Medizin.
Leib, Seele und Geist im Rhythmus der Jahrzehnte
Entwicklung verläuft in der Zeit, ihr Rhythmus wird bestimmt durch die Sieben. Was bedeuten dann jene Drittel von je 30 Jahren, die raumbestimmt sind und ein idealtypisches irdisches Leben von 90 Jahren umfassen? Dieses Alter kommt der heutigen Realität ja deutlich näher als die 70 Jahre, die vorher beschrieben wurden. Ich denke schon, dass wir auch für diesen Rhythmus Leib, Seele und Geist zugrunde legen können. Dann wäre die räumliche Ausgestaltung des Leibes mit etwa 30 Jahren abgeschlossen, damit verbunden die noch starke Abhängigkeit von äußeren Bedingungen, die uns bestimmen: Lehre, Ausbildung, Studium, Gesellenzeit oder erste Berufserfahrungen. Um diese Zeit macht einer vielleicht seinen Meister, ein anderer seinen Facharzt oder wird Volljurist nach Referendariatszeit und zweitem Staatsexamen. Selbstverständlich zeigen sich viele individuell geprägte Ausnahmen von dieser geschilderten Regel, die ich lieber Typus nennen möchte. In der Musik wäre das Gleiche dann ein Thema mit Variationen. Hinzu kommen noch die schon erwähnten Verschiebungen der Verfrühung oder Verspätung (siehe Seite 27 bzw. 45 ff.).
Die zweiten 30 Jahre sind dann die Blüte der Erwachsenenzeit, erfüllt von Selbstbestimmung, Gründung einer Familie, Verantwortung für sich selbst und zunehmend auch für andere, zum Beispiel seine Kinder. Im Mittelpunkt steht die Berufs- oder Arbeitswelt, die ausschlaggebend für die eigene Selbstverwirklichung ist.
Es ist eine tragische Entwicklung, dass für viele Menschen die Arbeit heute ein lästiges Muss ist, ein Job aus der Gesinnung Nordamerikas, aus der Notwendigkeit, Geld zu verdienen. Die Freizeit hat immer mehr Gewicht bekommen. Doch leitet sich der Begriff »Beruf« ja nicht zufällig von »Berufung« oder »berufen sein« ab. Wer berief uns Menschen in diesem Sinne, von wem ertönte dieser Ruf an uns?
Egoismus und Altruismus
Diese zweiten 30 Jahre sind auch verbunden mit der Wende von dem das Selbst bildenden Egoismus zu dem nun das andere, die anderen mehr und mehr in den Blick nehmenden Altruismus. Das Christuswort »Liebe deinen Nächsten so wie dich selbst« (Lukas 10,27) setzt ja voraus, sich selbst lieben gelernt zu haben, um auch den anderen schätzen oder gar lieben zu können.
Wir stoßen auf eine Wortgestaltung, die nachdenkenswert ist: Das lateinische Wort alter bedeutet »der, die, das andere«, deshalb Altruismus als Polarität zum Egoismus. Stammt unser Wort »Alter« von diesem lateinischen Wort ab, weil sich mit dem Alter im Menschwerden die immer größere Zuwendung zu allem anderen verbindet, das uns mit der Welt zusammenbringt? Wird uns nicht immer bewusster, dass wir ohne die anderen Menschen und die ganze Natur gar nicht existieren könnten? Schauen wir nur auf die Luft, die wir atmen, auf alles, was uns ernährt, auf die Menschen, die uns halfen aufzuwachsen, die uns bildeten. Es ist also eine Zeit der Seelenentwicklung, nur jetzt viel mehr mit Blick auf das Außen, die Welt und die Mitmenschen als bei den Jahrsiebten, in denen es um die Gestaltung der eigenen Seele mit Bezug auf sich selbst ging.
Freiheitserleben
Und die dritten 30 Jahre, die wieder dem Geist gewidmet sein sollen, führen uns dann vom 60. bis zum 90. Lebensjahr, wo es nach heutiger Denkart viel leichter zu sein scheint, von Alter zu sprechen, als dieses schon mit dem 42. Lebensjahr beginnen zu lassen. Wir werden immer mehr sehen, wie beides Berechtigung hat. Auf jeden Fall kann dieser Zeitraum von noch mehr Freiheitserleben erfüllt sein als der vorangegangene. In ihm wirken so großartige Elemente wie gesättigte Lebenserfahrung und sich damit verbindende Weisheit, die Möglichkeit der Überschau und der Zusammenschau des Ganzen, das die vorher so dominanten Teile in sich birgt.
Der Mondknoten-Rhythmus
Möglichkeit, der Lebensintention ansichtig zu werden
Dieser astrologisch-astronomisch geprägte Rhythmus sei nur erwähnt, ohne ausführlich auf ihn einzugehen. Er hat sicher seine Bedeutung für das Menschenleben und auch Einfluss auf den Lebenslauf, doch nicht in der gleichen Betonung wie die Jahrsiebte und die Jahrzehnte. Von einem Mondknoten wird dann gesprochen, wenn genau die Konstellation von Sonne, Mond und Sternen, die zum Zeitpunkt der Geburt eines Menschen bestand, erneut eintritt. Das geschieht regelmäßig alle 18 Jahre, 7 Monate und 9 Tage. In dem Zeitabschnitt um einen Mondknoten begegnen wir dem Tor unserer Geburt, und damit dem Eintritt in dieses Erdenleben, erneut. Das ist eine Möglichkeit, der Intention, die uns in dieses Leben führte, ansichtig zu werden und an ihr zu ermessen, inwiefern wir ihrer Realisation gefolgt sind oder uns ihr zumindest angenähert haben. Es sind Augenblicke, in denen wir dem uns begleitenden Engel ganz nahe kommen und mit ihm in den gemeinsam entwickelten Lebensplan schauen können.
Er, unser Engel, ist uns immer ganz nah, doch wir haben ihn aus unserem Bewusstsein verloren, wissen vielleicht gar nichts mehr von ihm, bezweifeln als moderne Verstandesmenschen überhaupt, dass es ihn gibt. Dabei ist er in der heutigen Geistferne der Menschheit eigentlich das Wesen, das die geistige Welt am dichtesten an uns heranträgt. Vor allem in der Nacht versucht er, mit unserem Ich zu kommunizieren, mit uns ins Gespräch zu kommen, uns auf Versäumnisse oder Irrwege hinzuweisen. Am Tag erleben wir etwas davon in dieser besonderen Instanz in unserem Bewusstsein, die wir Gewissen nennen, das eigentlich immer anwesend ist, oft aber nicht gehört wird, ja bei vielen Menschen heute gar nicht mehr gehört wird, bei denen wir eine Gewissenstaubheit erleben können. Ein einziger Blick in das politische Tagesgeschehen zeigt in Überfülle eine Gewissenlosigkeit, die schon erschüttern kann, wenn man den Ursprung des Gewissens in der Sprache unserer Engel erlebt.
Element der Rückschau
Die Zeiten der Mondknoten verbinden sich mit dem Element der Rückschau. Im Menschenleben überwiegt heute der Blick nach vorn, ja oft auch das Vorauseilen oder gar -stürmen. Es mangelt an der Fähigkeit innezuhalten, den Blick zu wenden und wahrzunehmen, wie und wo wir zuletzt oder auch schon vor längerer Zeit gegangen sind. In der Mythologie entsprach diese Zweiheit dem Götterpaar Prometheus und Epimetheus.
Rudolf Steiner hat dieses Problem mit der Empfehlung einer konzentrativen Übung beantwortet: der abendlichen Tagesrückschau.25 Jeden Abend vor dem Schlafen solle man den Tag und seine Erlebnisse, Inhalte und Begegnungen am inneren Auge vorbeiziehen lassen, und zwar rückwärts gerichtet vom Abend bis zum Morgen, zum Aufwachen. Dabei solle man die Position einnehmen, sich selber bei allem zuzusehen, also wie von außen die Tagesabläufe zu bilden. Diese tägliche Übung kann nun auch viel größere Zeiträume umfassen, zum Beispiel einen Jahresrückblick am Ende des Kalenderjahres oder auch des eigenen Lebensjahres. Oder – und dazu eignen sich die Mondknoten in besonderem Maße – einen Lebensrückblick von dem Ort und Zeitpunkt, an dem wir gerade stehen. Wie wichtig dieses Rückschauen für unsere Selbsterkenntnis und Menschwerdung ist, kann auch daraus ermessen werden, dass jeder Mensch in den ersten Tagen nach seinem Tod eine Lebensrückschau erlebt, bei der alle Ereignisse in einem großen Bildpanorama vor unserem geistigen Auge stehen und uns ein Staunen ergreift vor der Fülle des menschlichen Lebens.
Entscheidungen
Der 1. Mondknoten um das 18. Lebensjahr herum wird selten so erlebt, dass sich mit ihm schon ein starkes Rückschauen verbindet. Hier treten mehr wie von außen Fragen oder auch Ereignisse an den jungen Menschen heran, die ihn vielleicht überraschen oder Entscheidungen erfordern, zum Beispiel die Berufswahl. Denn natürlich tragen wir auch in uns, haben in den Lebensplan eingeschrieben, in welchem sozialen Umfeld wir unsere Lebensziele verwirklichen wollen. Und da ist der Beruf oder das Arbeitsleben von größter Bedeutung. Wie ratlos erleben wir heute viele der Jugendlichen, wenn es um diese für das Leben so wichtige Frage geht.
Bilanzieren
Beim 2. Mondknoten, um das 37. Lebensjahr herum, kann oder sollte das Rückschauen, das auch immer ein Bilanzieren enthält, stärker erlebt und vollzogen werden. Die eigene Seelenentwicklung geht auf ihr Ende zu und es steht der Lebensabschnitt an, den wir mit dem Ergreifen des Altruismus angesprochen haben.
•Wie weit bin ich mit der Entwicklung gekommen, mich als ein Selbst zu erleben? Als jemand, der aus eigener Urteilsfähigkeit sein Leben führt, der die eigene Entwicklung so weit gebracht hat, dass er seine Eigenverantwortlichkeit nun auf eine Verantwortung für andere, für anderes ausweiten kann?
•Stehe ich stark zu mir, im Sinne der Christusworte »Liebe deinen Nächsten so wie dich selbst«, habe ich also gelernt, mich ganz zu bejahen, dass ich dies auch jedem anderen Menschen gegenüber tun kann? Oder verweile ich im Egoismus, der nur sich selbst sieht und erlebt und die anderen nur insoweit wahrnimmt, wie sie dem eigenen Ego nützlich sind?
Dass das heute eine Komponente des sozialen Lebens darstellt, wird auch daran erlebbar, dass immer mehr Menschen ein sogenanntes Single-Dasein führen. Doch auch der Kapitalismus hat hier seine Wurzeln.
geistiges »Stirb und werde«
Beim 3. Mondknoten, der zeitlich um das 56. Lebensjahr liegt, erleben wir eine große Nähe zu dem später ausführlich dargestellten Beginn des 9. Jahrsiebts (siehe Seite 67 ff.). Hier wird uns ein geistiges »Stirb und werde« gespiegelt. Hier hat im Lebenslauf ein akuter Herzinfarkt sein Maximum, die größte Häufigkeit. Und auch dieses medizinisch definierte Geschehen meint genau dieses »Stirb und werde«.
Das bedeutet nicht, im leiblichen Sinne zu sterben, sondern alles Bisherige des Lebens so infrage zu stellen, dass daraus auch ein Schritt in etwas völlig Neues entstehen kann. Wieder ist es die radikale Bilanz des Lebens anhand der ehrlichen Rückschau, die jetzt ansteht und deren Ergebnis die weitere Lebenszukunft prägen wird. Die Intensität des Rückschauens steigert sich von Mal zu Mal, der erforderliche Mut, zu ihren Ergebnissen zu stehen und Konsequenzen zu ziehen, wird immer größer.
Freiheit und Dankbarkeit
Der 4. Mondknoten um das 75. Lebensjahr fällt bereits in den Lebensabschnitt, den ich zum Hohen Alter rechne, in welchem eine Zeit von immer größerer Freiheit angebrochen ist, wo der eigentliche Lebenslauf sich gerundet hat. Und doch kann auch hier wieder neu auf das Leben zurückgeschaut werden. Und uns begegnet eine Seelenkraft, die uns auch schon vorher zu eigen war, die nun aber mit voller Intensität hervorbrechen kann: die Dankbarkeit. Ähnlich wie für die Gnade gesagt, wird auch die Dankbarkeit in ihrer Besonderheit, ihrer seelischen Wurzel aufgesucht und beschrieben werden (siehe Seite 87 ff.). Sie ist ein Anteil der Seele und im ganzen Leben anwesend, doch ihre größte Intensität erleben wir im Alter.
Wissen um die Rhythmen
So können wir den ganzen Lebenslauf von Rhythmen durchzogen sehen, die ihn gestalten und deren Aufgabe wir kennen sollten, um ihnen Gestaltungsmöglichkeiten zu geben, die uns zugute kommen. Sie sind uns einverwoben, gestalten auch, ohne dass wir uns ihrer bewusst sind. Doch gehört es zum modernen Menschsein, mehr und mehr von ihnen zu wissen und sich aus Freiheit mit ihnen zu verbinden. Das gilt im Besonderen für alle Berufe, die sich der Hilfe für die Menschwerdung verpflichtet haben, ob Pädagogen, medizinische Berufe, Seelsorger oder auch Eltern, Großeltern und Paten. Denn in der Nichtachtung der Rhythmen oder ihrer Störung liegen viele Wurzeln für Erschwernisse oder Krisen des Lebenslaufs bis hin zu Krankheiten. Es wirken Kräfte mit, die uns bei der Entwicklung helfen wollen, doch auch solche, die sie behindern oder verfälschen wollen. Darauf sei im Folgenden kurz geschaut.
Hemmende Kräfte im Lebenslauf
Doppelgänger
Im Gegenüber zu der göttlichen Trinität von Vater, Sohn und Heiligem Geist bildet der Mensch eine Dreiheit, die wiederum quasi eine Mitte darstellt, welche die Fähigkeit entwickeln sollte, ein Gleichgewicht der rechts und links, oben und unten oder vorne und hinten von ihm wirkenden kosmischen Kräfte in jedem Augenblick des Lebens neu herzustellen. Diese Kräfte leben von der Geburt bis zum Tod mit dem Menschen und bilden einen Teil von ihm, ohne den er nicht existieren könnte. Deshalb werden sie auch von alters her Doppelgänger genannt, denn sie sind durch uns Menschen spezialisiert worden, haben sich unserer Persönlichkeit angepasst, gehen in gewissem Maße unsere Individualisierung mit. Sie werden so ein ähnlich dem Engel uns begleitender Teil von uns. Es begleitet den Menschen also nicht nur sein Engel, sondern auch ein ahrimanischer und ein luziferischer Doppelgänger.
Ahriman und Luzifer
Ahriman und Luzifer sind geistesgeschichtlich alte Namen, die jeweils ein Weltenwesen unserer Schöpfung benennen, das in seiner Einheit vielfaches Wesen vereinigt, vergleichbar den göttlichen Hierarchien, die auch ein Teil der göttlichen Trinität oder auch Leib Gottes sind. Diese Vielheit der ahrimanischen und luziferischen Doppelgänger hat C.S. Lewis in seinem britisch-humorvollen und dennoch Realitäten schildernden Buch Dienstanweisung für einen Unterteufel köstlich zum Ausdruck gebracht.26 Das große imaginative Bild zeigt den Menschen zwischen Ahriman und Luzifer. Das haben Rudolf Steiner und die englische Bildhauerin Edith Maryon in einer großen Holzplastik zur äußeren Anschauung gebracht. Diese Plastik findet sich im Goetheanum in Dornach in der Schweiz nahe Basel. Goethe wiederum hat beide in Mephistopheles als Gestalt in eins gefasst. Er unterscheidet sie dann allerdings in zwei Charakterisierungen, die Mephistopheles von sich selber gibt: Er bezeichnet sich als Teil von einer Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft, und er nennt sich zugleich einen Geist, der stets verneint (siehe Seite 17 f.).
kosmischer Verneiner Skepsis und Zweifel Verlangsamung der Entwicklung
Ahriman ist der große kosmische Verneiner. Er will nichts gelten lassen, was nicht von ihm stammt. Er wirkt in uns, wenn wir einem anderen Menschen, der uns etwas von sich erzählt, kaum richtig zuhören, weil sich in uns schon eine Gegenmeinung bildet und darauf drängt, »geäußert« zu werden. Und wenn der andere dann einen Augenblick schweigt, kommt unser »Ja, aber …« und eine Kette von Argumenten, warum es so nicht sei, letztlich, weil wir selber es nicht so sehen. Ahriman ist der Quell aller Skepsis und allen Zweifels, er hasst Fortschritt und liebt alles Berechenbare. Er spottet über unsere Vorstellung von Unsterblichkeit, fürchtet jedoch die Ungeborenheit, alles, was eben nicht berechenbar ist, was ein unberechenbares Potenzial hat. Er ist der Verlangsamer, will die Zeit zum Stillstand bringen. Die Zeiträuber in Michael Endes Roman Momo sind ahrimanische Wesen, »graue Männer«. Ahrimans Welt ist kalt, sein Intellekt überragend, sein Wille extrem stark, ja brutal. Doch hat er keinerlei Gemüt, das Wort Bedauern ist ihm fremd. Und doch verfügt er auch über Anteile, die das Menschsein fördern. Dazu gehören die Schwere und Dichte, die unser Leib braucht, um Festigkeit und auch Dauer in sich zu haben. Ohne Ahriman gäbe es nicht das Knochenskelett, wie es heute ist, von großartiger Bauweise und Statik. So kann nicht erstaunen, dass Künstler zu allen Zeiten ein Skelett darstellten, wenn sie den Tod verbildlichen wollten. Ahrimans Kräfte sind die Ursache aller Festigkeit der Gewebe, ins Pathologische gewendet der Sklerose, und der Tendenz zur Wiederholung immer des Gleichen, was auf der zellulären Ebene zur Geschwulstbildung führt. Seinem Wesen entströmt die Angst, aus der jedoch auch die Vorsicht entsteht. Er kann unsere Entwicklung, wie sie von der Schöpfung veranlagt ist, nicht gänzlich stoppen, doch kann er sie verlangsamen und so beeinflussen. Seine »Wohnung« im Menschen ist der Leib, und sein Bestreben ist es, uns Menschen auf den Leib zu reduzieren. Steiner nennt das leiblich determiniert, und ein Aspekt davon ist die Sucht bzw. alle Formen von Süchten.27
Luzifer als Versucher
Luzifer ist ihm in vielem polar, sie sind so gegensätzlich, dass sie sich ständig bekämpfen – und doch nicht voneinander lassen können. Luzifer ist im Bild der Schlange zuerst an den Menschen herangetreten, er ist der Versucher oder Verführer in der Geschichte vom Paradies (1. Mose 3). Er lockt, er zaubert, er ist von verführerischer Schönheit, »Lichtträger« oder »-bringer«, allerdings von einem Licht, das nicht sehend macht, sondern das blendet. So kann man ihn auch im Wortsinne einen Blender nennen. Er ist Beschleuniger, treibt uns an, macht uns zu Phantasten, schürt alles Wünschen. Er ist Feuer und Flamme, im Organischen Bewirker von Entzündung und Allergie. Wo Ahriman bannt und beharrt, löst Luzifer auf und verflüchtigt. Er mag alles Leibliche nicht, weshalb er uns Menschen erdflüchtig machen möchte. Seine »Wohnung« im Menschen ist die Seele, im Besonderen die Empfindungsseele. Auch ihm ist Entwicklung zuwider, es soll alles so bleiben, wie es war, als er an den Menschen herantrat. So ist sein Lieblingswort, entsprechend Ahrimans »aber«, das sozial gefährliche »früher«, wo eben alles besser war. Und natürlich sehnt sich die Menschheit immer noch nach einem Paradies, das es in der ursprünglichen Form nicht mehr gibt und auch nicht mehr geben wird.
Verfrühung von Entwicklungsschritten
Luzifer ist somit ein Verfrüher, er verführt zu Entwicklungsschritten, die zu einem späteren Zeitpunkt richtig wären, verfrüht jedoch Schaden stiften. Ein praktisches Beispiel: Das immer frühere Wahlalter ist so eine luziferische Inspiration. Es wird die gesellschaftliche Entwicklung nicht fördern, sondern ihr schaden oder sie zumindest hemmen. Denn es braucht eine bestimmte Zeit der Entwicklung, bis der Mensch sich selbst bestimmen und für seine Entscheidungen und Handlungen voll und ganz eigene Verantwortlichkeit übernehmen kann (siehe Seite 33).
Ermöglichung von Freiheit
Wieder muss gesagt werden, dass hier keine grundlegende Darstellung dieser Weltenkräfte und ihres Verhältnisses zum Menschen und seiner Entwicklung angestrebt wird. Doch kann man den Lebenslauf und das Menschwerden nicht verstehen, wenn diese beiden Kräfte und ihre Einflüsse auf uns nicht durchschaut werden. Man nennt sie traditionell das Böse. Es sollte jedoch immer bewusster werden, dass sie Teil der Schöpfung sind und ihre Aufgaben zugeteilt erhielten, um einen wesentlichen Aspekt der Entwicklung des Menschen zu ermöglichen: die Freiheit.
Das Alter
Das aber ist des Alters Schöne,
dass es die Saiten reiner stimmt,
dass es der Lust die grellen Töne,
dem Schmerz den herbsten Stachel nimmt.
Ermessen lässt sich und verstehen
die eigne mit der fremden Schuld,
und wie auch rings die Dinge gehen,
du lernst dich fassen in Geduld.
Die Ruhe kommt erfüllten Strebens,
es schwindet des Verfehlten Pein –
und also wird der Rest des Lebens
ein sanftes Rückerinnern sein.
Ferdinand von Saar
Der Traum von der ewigen Jugend
negatives Bild des Alters
Das Alter als Abschnitt des menschlichen Lebensgangs wird heute überwiegend negativ gesehen. Besonders in der sogenannten westlichen Welt, zu der ja weitgehend auch Mitteleuropa gehört, ist der anscheinend nie verlöschende Traum von der ewigen Jugend so auf das Alter projiziert worden, dass eine besondere Lebensart oder gar Lebenskultur gar nicht mehr entstehen kann. Kosmetik und prothetische Chirurgie mögen Beispiele sein, wie stark der Versuch, das Alter nicht stattfinden zu lassen, bereits realisiert wird. Das Verhalten alter Menschen ist überwiegend unterschiedslos zu dem junger Menschen oder der Erwachsenen. Auch hat natürlich auf der anderen Seite in einer Leistungsgesellschaft ein alter Mensch keinen Platz, da ja gerade das Leistungsvermögen allmählich nachlässt und Höchstanforderungen im Beruf oder im sonstigen Leben nicht mehr gestellt werden können. Immer weniger wird der alte Mensch noch produktiv wertvoll, immer mehr dafür ein reiner Kostenfaktor.
Aussonderung alter Menschen
Unter solchen Gesichtspunkten muss es nicht verwundern, wenn die Gesellschaft einen starken Drang entwickelt hat, alte Menschen aus sich herauszusondern, in besonderen Einrichtungen zu asylieren. Äußerlich betrachtet sind dies unabdingbare Notwendigkeiten, weil beispielsweise heute kein Wohnraum mehr so gestaltet ist, dass in ihm innerhalb der Familie der Jungen und der Erwachsenen noch ein alter Mensch Platz hätte. Auch scheinen die verschiedenen Generationen in ihren Auffassungen vom Leben so extrem unterschiedlich geworden zu sein, dass ein harmonisches Zusammenleben meist kaum möglich ist.
Natürlich kann man zu Recht an dieser Stelle einwenden, dass es auch in früheren Zeiten Generationsprobleme gab, dass auch damals alte Menschen keinen ausreichenden Platz in der Wohngemeinschaft fanden. Es ist auch in der Tat immer gefährlich, frühere Zeiten zu glorifizieren. Und doch darf man davon ausgehen, dass das Alter – gehen wir hundert oder mehr Jahre in der Entwicklung zurück – einen positiveren Aspekt hatte und besser in die Gesellschaft integriert war, als das heute der Fall ist. Die Ideologie einer Leistungsgesellschaft war noch nicht so ausgeprägt und damit die scheinbare produktive Nutzlosigkeit alter Menschen nicht so eindeutig definiert.
Hilflosigkeit
In Wirklichkeit offenbart sich aber in diesem Phänomen der Aussonderung die ganze Hilflosigkeit unserer heutigen Lebensauffassung speziell mit Bezug auf das Alter und alte Menschen. Wir möchten uns von diesem scheinbar negativen Anblick alter Menschen mit ihren ganzen Einschränkungen, Behinderungen, Degenerationen befreien, um den Traum ewiger Jugend fortträumen zu können. Wir wollen einfach nicht wahrhaben, dass das allmähliche Welken und schließlich Dahinsiechen des Leibes zur Wirklichkeit Mensch gehört, so wie in jedem Jahr Pflanzen verwelken, Tiere sterben. Das scheinbare Paradoxon, dass der Tod zum Leben gehört, will von uns heute nicht verstanden werden.
Bestreben, das Altern »abzuschaffen«
Asylierung der alten Menschen oder der Versuch, sich als alternder Mensch äußerlich eine Jugendlichkeit zu erhalten, was vor allem durch sogenanntes Anti-Aging oder – noch eingreifender – durch Schönheitschirurgie angestrebt wird, wird abgelöst werden von dem Bestreben, das Altern überhaupt abzuschaffen. Wie bereits erwähnt, sind die für das Altern verantwortlichen Gene oder bestimmte Eiweiße längst herausgearbeitet und Experimente begonnen worden, um diese ab- oder auszuschalten. Unvorstellbare Geldsummen werden investiert, um hier auch für den Menschen verlässliche Vorgehensweisen zu etablieren und damit das investierte Kapital in mehrfacher Höhe wieder zurückzugewinnen. Forschungsinstitute im Silicon Valley haben als vorläufiges Ziel vorgegeben, die Lebenszeit des Menschen auf 200 Jahre zu verlängern, 500 Jahre und mehr werden als keineswegs utopisch bezeichnet.28
Ein gesundes Empfinden gerät ins Grübeln, ob diese Planungen eigentlich sinnvoll für die Menschheit sind, ob wir uns nicht auf ein Experiment einlassen, dessen Ausgang höchst ungewiss ist. Es ist zum Beispiel ein ganz wichtiger Aspekt der Krebszelle, dass es ihr gelingt, die für die Zellalterung verantwortliche Apoptosefähigkeit zu unterbinden. Apoptose bedeutet, dass eine alternde Zelle, die nicht mehr ausreichend ihre Funktion im Organ erfüllen kann, abstirbt und durch eine junge, neue Zelle ersetzt wird. Aus diesem Geschehen resultieren alle Regenerationsvorgänge im Organismus, die bis zum Lebensende andauern. Die Krebszelle macht sich durch Abschalten der Apoptose unsterblich, und tatsächlich erreichen die aggressiven Strategien ihrer Vernichtung weder von Chemotherapie noch von Bestrahlung die Krebsstammzelle, die ihre Produktion immer neuer Zellen unbeeindruckt fortführen kann.
Frage nach dem Sinn menschlichen Alterns
Eine viel tiefergehende Frage verbindet sich mit dem Schöpfergedanken und dem von ihm gegebenen Sinn menschlichen Alterns. Sind wir berechtigt, die wohl unbestreitbare Weisheit des Geschöpfes Mensch nach unserem Gutdünken zu manipulieren? Was soll oder wird der Mensch, der 200 Jahre alt wird, mit der gewonnenen Zeit anfangen? (Ganz zu schweigen davon, wie die Frage der Überbevölkerung bzw. der Ernährung all dieser Menschen gelöst werden soll.) Ist es wirklich erstrebenswert, so lange weiterzuleben?
Diese sich damit verbindenden Fragen sollen hier gar nicht vertieft werden, leiten jedoch unmittelbar über in die Beschreibung des Lebensabschnitts, der jetzt ausführlich dargestellt werden soll und dessen tiefe Sinnhaftigkeit dabei deutlich werden wird.
Wann beginnt das Alter?
das 42. Lebensjahr
Aus einer biografischen, evolutionären Sicht auf den Menschen beginnt der eigentliche Abschnitt des Alters bereits mit dem 42. Lebensjahr. Von der Geburt bis zum 21. Lebensjahr reichen Kindheit und Jugend, vom 21. bis 42. Lebensjahr die eigentliche Zeit der Reife oder des Erwachsenseins, vom 42. bis zum 63. Lebensjahr dann das, was wir hier in diesem Buch das Alter nennen, wobei schon darauf hingewiesen wurde, dass wie eine Oktave ein weiteres Lebensjahrsiebt bis zum 70. Jahr die ideell-typische Biografie abrunden kann.
körperliche Leistungsfähigkeit
Es gibt Phänomene, die diese aus der Anthroposophie kommende Anschauung auch lebenspraktisch nachvollziehbar machen. Dazu gehört die Tatsache, dass kaum ein Sportler jenseits des 40. Lebensjahres noch Leistungen erbringen kann, die ihn entweder an seine eigenen früheren Leistungen anknüpfen oder ihn mit vergleichbaren Leistungen Jüngerer Schritt halten lassen. Im Leistungssport ist der 40-Jährige die absolute Ausnahme. Wer selbst Sport getrieben hat, wird die Erfahrung gemacht haben, wie sehr Schnelligkeit, Reflexverhalten, aber auch leibliche Elastizität jenseits des 40. Lebensjahres nachlassen und wie stark man zum ersten Mal davon berührt wird, dass der Körper beginnt, dem Widerstand zu leisten, was aus seelischen Intentionen gefordert wird. Begriffe wie »Senioren« oder »Alte Herren« für bestimmte Altersgruppierungen sind im Sport normal und werden nicht als geringschätzig erlebt.
Altersweitsichtigkeit
Auch beginnt etwa ab der Mitte des 5. Lebensjahrzehnts die sogenannte physiologische Altersweitsichtigkeit, die dann eines Tages eine Lesebrille erfordert. Diese ist quasi die erste Prothese, derer wir uns im Alter bedienen. Dass jeweils ganz individuelle Unterschiede bestehen, wann eine solche Hilfe notwendig wird oder wann die körperliche Leistungsfähigkeit so nachlässt, dass dies auch im sportlichen Bereich bemerkbar wird, ist selbstverständlich.
Lebenserfahrung
Aus der Geschichte können wir auf ein weiteres Phänomen schauen, das den Gesichtspunkt, das Alter beginne um das 42. Lebensjahr, unterstützt. Im Römischen Reich musste man erst ein Senex werden, um in den Senat berufen zu werden und Senator sein zu können. Das Eintrittsalter hierfür war das 42. Lebensjahr. Erst zu diesem Zeitpunkt gestand man Menschen zu, aus ihrer Lebenspraxis und -erfahrung fähig zu sein, für die Geschicke der Gesellschaft oder des Volkes handeln zu können. Alter und Weisheit waren damals zusammengehörende Begriffe, und erst aus einer gewissen Weisheit heraus schien der Mensch befähigt, Verantwortung für andere zu übernehmen, wenn er vorher schon gelernt hatte, Verantwortung für sich selbst zu tragen.
Das ist ein ganz entscheidender Gesichtspunkt, um die eigentliche und erste Aufgabe des Alters im Entwicklungsgang des Menschseins zu verstehen. Sind die bisher gelebten 42 Jahre ganz der eigenen Entwicklung, der Gestaltung des Selbst gewidmet gewesen, wendet sich nun dieser Blick vom Ich zum Wir, vom Selbst zur Welt. Mitverantwortung, Mitgestaltung der Welt und vor allem ein Blick auf zukünftige Zeiten und Generationen und deren Leben, das wir in vielfältiger Weise vorbereitend beeinflussen können und müssen, prägen nun den weiteren Lebensgang jedes einzelnen Menschen. Wie eindrücklich ist doch das Bild für diesen Lebensabschnitt, einen Baum zu pflanzen, unter dessen Schatten man selbst nicht mehr ruhen wird.
individuelle Zukunftskräfte
Aber auch für sich selbst hat der Mensch jetzt neue Verantwortung und Aufgaben. Bildet er doch in diesem dritten großen Lebensabschnitt seines Erdenganges an den persönlichen und individuellen Zukunftskräften, die er einmal über die Schwelle des Todes hinaus in ein Jenseits tragen wird, in welchem er geistig-seelisch ebenso real sein und leben wird wie zwischen Geburt und Tod leiblich-seelisch-geistig. In dem Bild zweier gegensinnig gerichteter Kurven der geistigen und leiblichen Existenz des Menschen kann der jeweilige Ab- und Aufschwung beider Entitäten sehr einfach veranschaulicht werden (siehe die Abbildung auf der folgenden Seite). Es gehört zu den wichtigsten Schnittstellen des menschlichen Lebens, ob sich um das 42. Lebensjahr herum die geistige Entwicklung von der nun absteigenden Linie der körperlichen Entwicklung abheben und mehr und mehr unabhängig von dieser verlaufen kann.
leibliche und geistige Entwicklung
Die Dissoziation leiblicher und geistiger Weiterentwicklung jenseits des 42. Lebensjahres bildet das ganze Problemfeld dieses Lebensabschnittes, wobei ja die Seele und das seelische Leben so etwas wie das Bindeglied, das Vermittelnde von beiden darstellt.
zwei Entwicklungsrichtungen
Wir werden also im weiteren Gang der Darstellung auf diese zwei Entwicklungsrichtungen gesondert schauen müssen, um ihnen die jeweilige Berechtigung zuzuschreiben und nicht die eine oder die andere Richtung als das Wesentliche zu vereinseitigen. Das soll in den folgenden Kapiteln zu den drei Jahrsiebten vom 42. bis zum 63. Lebensjahr erfolgen. Für die Zeit nun schwerpunktmäßig geistiger Entwicklung hat der schwäbische Theologe und Mystiker Friedrich Christoph Oetinger (1702–1782) folgendes Epigramm hinterlassen:
Gott gebe mir
den MUT, das zu ändern, was ich ändern kann,
die GELASSENHEIT, Dinge zu ertragen, die ich nicht ändern kann,
und die WEISHEIT, das eine von dem anderen zu unterscheiden.
Diese drei Seelenfähigkeiten sind wie Überschriften für die nun folgenden drei Jahrsiebte vom 42. bis zum 63. Lebensjahr.
Jahrsiebte und Planetenwirkungen
Vielleicht kann für den an einem solchen Thema Interessierten noch der Zusatz angefügt werden, dass der Mensch in seiner Verbindung mit den Kräften der Welt, zu denen vor allem auch die Wandel- und Fixsterne gehören, in diesen neun Schritten der jeweiligen Jahrsiebte unter dem besonderen Einfluss jeweils eines Planeten steht. Im 1. Jahrsiebt sind es die Kräfte des Mondes, mit deren Hilfe das Ich die stoffliche Seite des »Modellleibs« individualisiert, im 2. Jahrsiebt Merkur, durch den im Besonderen die Lebenskräfte verwandelt werden, im 3. dann Venus, die die empfindende Leiblichkeit für den individuellen Anteil der Seele aufnahmebereit macht. Das 4. bis 6. Lebensjahrsiebt werden dann ganz durchdrungen, ja, durchwärmt von der Kraft der Sonne. Die letzten drei Jahrsiebte, die uns nun im Speziellen beschäftigen werden, stehen unter den Einflüssen von Mars, Jupiter und Saturn.29 Dabei ist der Blick auf die leibliche Entwicklung in ihrem Durchdrungensein von Seele und Ich gerichtet. Schaut man auf die mehr geistige Seite der Entwicklung, so könnte auch eine umgekehrte Reihenfolge der planetarischen Wirksamkeiten aufgezeigt werden.
Das 42. bis 49. Lebensjahr – Marszeit
Hinwendung des Ichs zu kosmischen Regionen
Es wurde schon angesprochen, dass am Schnittpunkt des 42. Lebensjahres der individuelle Geist (Ich), der nun Leib und Seele durchdrungen und individualisiert hat, sich von den Erdkräften des Leibes ganz allmählich abwendet und sich den kosmischen Regionen, die seine eigentliche, »ewige« Heimat sind, wieder zuwendet, wobei er die sich immer mehr verjüngende Seele mitnimmt (siehe Seite 53 f.). Das künstlerische Bild dieser den kosmischen Kräften (die das Kind auch einfach Himmel nennt) zugewandten Seite von Ich und Seele sind durch alle Zeiten die Flügel gewesen. Das Ich hebt sich also mit seinen kosmischen Flügeln aus den irdischen Bedingungen der leiblichen Gestaltung, an der es ganz maßgeblich mitgewirkt hat, und wendet sich mehr und mehr den kosmischen und damit auch geistigen Gesetzmäßigkeiten zu.
Zeit der individuellen geistigen Entwicklung
Jetzt beginnt die Zeit der individuellen geistigen Entwicklung des Menschen. Natürlich ist jeder Mensch von der Geburt an geistdurchdrungen, doch sind – wie wir gesehen haben – diese geistig-individuellen Kräfte im Menschen primär auf den Leib und später auf die Seele gerichtet. Erst nach dem 42. Lebensjahr kann sich das Ich ganz seiner eigenen Natur widmen und drei eigenständige Geistglieder ausbilden, die Rudolf Steiner Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch nennt.30 Wenn diese wiederum ganz individualisierende geistige Gestaltung von »Hüllen« oder Werkzeugen des Ichs heute auch erst anfänglich möglich ist – es wurde ja schon darauf hingewiesen, dass die eigentliche, sich über etwa 2000 Jahre erstreckende Aufgabe unserer Zeit die individuelle Entwicklung einer Bewusstseinsseele ist (siehe Seite 33) –, so werden doch diese in jedem Menschen keimhaft angelegten »höheren Glieder« mit weiteren keimhaften Kräften beladen, die ihre Entwicklung in der Zukunft neuer Inkarnationen immer stärker möglich sein lassen.
In dem vorausgehenden Jahrsiebt hat sich der Mensch intensiv der selbstständigen Entwicklung seiner in ihm allgemein veranlagten, nun aber durch das Ich herauszuarbeitenden Bewusstseinsseele gewidmet. Dieser Vorgang hat zur leiblichen Voraussetzung, dass das Ich noch einmal ganz in die Tiefen des Leibes hinabtaucht und die Faszination dieser der Natur nachgebildeten Stoffeswelt erlebt.
Naturreiche als Aussonderungen aus der menschlichen Entwicklung
Es gehört zu den zentralen Forschungsergebnissen Rudolf Steiners, dass die gesamte Evolution von Erde und Mensch gemeinsam verlief und die Naturreiche eigentlich wie Aussonderungen der menschlichen Entwicklung gesehen werden müssen.31 Diese evolutionäre Tatsache begründet die moralische Verantwortung des Menschen für die Natur. Wir erlangten unsere Entwicklung zu immer größerer Vollkommenheit nur dadurch, dass wir bestimmte wesenhafte Kräfte aus uns heraussonderten und in eine zunächst absteigende, erdgerichtete Entwicklung bannten. Diese Anschauung begründet auch den christlichen Erlösungsgedanken dieser Naturreiche und -wesen durch den Menschen.
Wenn wir uns jetzt auch nicht mit dieser so umfassenden, für Mensch und Erde zentralen Frage so auseinandersetzen können, dass diese für den Leser auch begründet anschaubar wird, so muss dieser Gedanke doch ausgesprochen werden, um die Besonderheit der Entwicklung der Bewusstseinsseele als Zeitenfrage auch in tieferen Dimensionen verständlich zu machen.
Wichtig für unser Thema ist, dass das Ich in der Stoffeswelt des eigenen Leibes die ganze Vielfalt und Schöpfung der mineralischen Welt findet, wie sie sich im Äußeren dem forschenden Auge als ebensolche Faszination einer Vielfalt erschließt. Nur ist die beobachtende, wahrnehmende Kraft des Ichs nun nicht nach außen in die Welt gerichtet, sondern in eine innere Welt der physischen Kräfte des Leibes.
Verwandtschaft von Natur und menschlichem Leib
Diese Verwandtschaft von Natur und menschlichem Leib ist im Mittelalter immer in den Ausdruck gefasst worden, dass der Mensch einen Mikrokosmos im Makrokosmos darstelle. Man kann diese Anschauung auch so ausdrücken: Jeder menschliche Leib trägt die gesamte Schöpfung von Erde und Kosmos, soweit dieser unserem Weltensystem zugehört, in sich.
Zeit der Einsamkeit
materialistische Weltanschauung
Die Begegnung unseres Ichs mit der Wunderwelt der Stoffe bis in die tiefsten Dimensionen ihres materiellen Seins, also der Materie, schuf in der Bewusstseinsentwicklung der Menschheit die Voraussetzung für die heute weit verbreitete materialistische Weltanschauung. Sie ist auch die Voraussetzung für die unsere Zeit immer noch beherrschende philosophische Anschauung von Immanuel Kant, dass der Mensch nur die Dinge in der Welt wahrnehmen kann, die seinen Sinnen zugänglich sind, während die – auch von Kant nie geleugneten – »Dinge an sich«, das der äußeren Erscheinung zugrunde liegende Wesenhafte sich menschlicher Erkenntnis unmittelbar nie erschließen könne. Dessen Wahrnehmung wurde von der allgemeinen Wissenschaft in das Gebiet der Metaphysik, des Metaphysischen verwiesen, und es wird heute überwiegend als nicht-existent bezeichnet. Das hat ein Element in die Menschheit hineingetragen, das in seinen Schattenseiten heute als große soziale Problematik erlebt wird: die Einsamkeit.
Vereinzelung als zeitnotwendiger Schritt, um uns als Selbst zu erfahren
Es ist ein aus den Ausführungen vielleicht zu ahnendes Phänomen der Bewusstseinsseelenentwicklung, dass der Mensch innerlich immer mehr auf sich selbst verwiesen wird. Damit tritt in der Seele zunächst eine starke Egozentrik auf, die nach außen in der sozialen Haltung auch Egoismus werden kann. Auf der anderen Seite kann diese Vereinzelung, die im Übrigen ein zeitnotwendiger Schritt ist, aber auch zur Einsamkeit werden. Steiner spricht von antisozialen Trieben, die mit der Bewusstseinsseele verbunden sind. Diese brauchen wir, um uns als Selbst zu erfahren. In unserem Immunsystem finden wir deren Abbild. Es wird nur das Selbst geduldet, alles »Nicht-Selbst«, das Fremde, wird (mit zum Teil aggressiven Abwehrkräften) eliminiert. Es gibt allerdings auch den anderen Weg der Aneignung, der immunologisch Verdauung heißt. Das andere Selbst verschmilzt mit dem eigenen und bildet den Urkeim der Gemeinschaft.
Im Grunde genommen muss jeder Mensch durch dieses Nadelöhr von Einsamkeit hindurch, weil dieses tief existenzielle Noterlebnis, vollkommen allein in einer leeren Welt zu sein, die nichts ist oder enthält außer sich selbst, die Wahrnehmungsrichtung des Ichs dann wieder auf die schöpferische Unendlichkeit dieser Welt ausrichten kann. Diese ist aber nur in ihrer geistigen Realität wirklichkeitsbildend im menschlichen Ich-Erleben. Das kann auch so ausgedrückt werden: Durch die »Erblindung« in der Einsamkeit wird das innere Auge geöffnet für den geistigen Gehalt dieser Welt, wird die Bewusstseinsseele zunächst anfänglich verwandelt in Geistselbst. Ein Bild, ja eine Imagination für diese Entwicklung ist das Gleichnis von der Heilung des Blindgeborenen (Johannes 9,1–41) wie überhaupt die vielen Heilungen Blinder in den Evangelien.
Diesen Entwicklungsweg hat Christian Morgenstern in dichterische Form gebracht:32
Die zur Wahrheit wandern,
wandern allein,
keiner kann dem andern
Wegbruder sein.
Eine Spanne gehn wir,
scheint es, im Chor …
bis zuletzt sich, sehn wir,
jeder verlor.
Selbst der Liebste ringet
irgendwo fern;
doch wer’s ganz vollbringet,
siegt sich zum Stern,
schafft, sein selbst Durchchrister,
Neugottesgrund –
und ihn grüßt Geschwister
ewiger Bund.
Zweifel und Mut
zwei notwendige Seelenkräfte
In dieser Entwicklung vom 35. zum 42. und dann vom Wendepunkt des 42. zum 49. Lebensjahr sind zwei Seelenkräfte notwendig, deren Durchleben und Beherrschung für jeden modernen Menschen unabdingbar sind. Gemeint sind der der Bewusstseinsseele entspringende Zweifel und der aus der Kraft des Geistselbst strömende Mut.
Abstraktion
Seit das Ich in der Evolution ab dem Anfang des 15. Jahrhunderts n.Chr. die Bewusstseinsseele bildet, indem es in die Tiefen der Naturreiche, der Stoffe und ihrer Gesetzmäßigkeiten stieg, entstand auch die Naturwissenschaft. Sie, die zunächst in ihren Ursprüngen noch vom Durchdrungensein geistiger, schöpferischer Kräfte getragen war, wurde erst etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr von dem philosophischen Materialismus erfasst und schließlich in eine totale Abstraktion getrieben, in der an die Stelle schöpferischer, geistiger Kräfte eine Art »Deus ex machina« gestellt wurde.
Diese Geist- oder Gottlosigkeit unserer Zeit ist nun aber gerade das vorhin aus einer anderen Perspektive beschriebene Nadelöhr, durch welches der Mensch nun einen freien Zugang zu den Wirklichkeiten finden wird, die in das Metaphysische verwiesen wurden. So merkwürdig dieser Gedanke vielleicht auch frommen oder gemütvollen Menschen erscheinen mag, so ist der Zweifel des modernen Naturwissenschaftlers die Voraussetzung, als eine auf sich gegründete, freie Persönlichkeit den Weg zum Geist oder zu Gott zu finden. Wenn auch dieses Wort »Zweifel« heute überwiegend als negative Eigenschaft erlebt wird, so ist sie doch eine ganz positive, treibende Kraft unserer Zeit, ohne die eine moderne Naturwissenschaft gar nicht existieren würde.
Zweifel als Motor unserer Zeit
Auch im Sozialen sind alle Veränderungen nur dadurch entstanden, dass die Tradition, die traditionelle Überlieferung vom Zweifel befragt und mehr und mehr über Bord geworfen wurde. Heute bildet jeder Mensch eine Welt für sich, scheint das Genom unser schöpferisches Prinzip zu sein, hat vermeintlich Meister Zufall als Urknall diese wunderbare Schöpfung, die wir unsere Welt nennen, entstehen lassen. Descartes’ Satz »Ich denke, also bin ich« lautet für unsere Zeit »Ich zweifle, also bin ich«. Der alles, wirklich alles infrage stellende Zweifel ist der Motor unserer Zeit und ein erstaunlich dominantes Wort das »Aber«. Wird der Zweifel zum Beherrscher des Menschen, sein tiefster Trieb, kann daraus rasch Verzweiflung werden (siehe Seite 61 f.). Die Gegenkraft, die den Zweifel auf sein notwendiges Maß begrenzt, die ein seelisches Gleichgewicht erzeugt, ist der Mut.
Zivilcourage
Der Mut ist ein sehr spezifisches Element in unserer Seele, das sich ganz mit unserem Ich verbindet und aus dem Geistselbst stammt. Mut ist also eine geistige Eigenschaft, die in die Bewusstseinsseele hineinwirkt. Der Mut durchzieht unser ganzes Leben, er findet Ausgestaltungen in jugendlichem Übermut oder erwachsenem Hochmut, im Älterwerden aber auch in der Demut.
Ungewissheit und Verantwortung
In dem jetzt beschriebenen Lebensabschnitt hat der Mut die Besonderheit, dem Menschen zu helfen, Entscheidungen zu treffen und sich für sie verantwortlich zu machen. Man nennt das auch »Zivilcourage«, und genau so lautet der Titel eines Buches des jungen Senators John F. Kennedy, in welchem er Persönlichkeiten der amerikanischen Geschichte darstellt, deren mutvolle Entscheidungen fruchtbar für die amerikanische Gesellschaft wurden. Das Besondere jeder wirklichen Entscheidung liegt darin begründet, dass ihr Ausgang, ihre Auswirkungen im Moment der Entscheidung immer ungewiss sind. Und dass sie sich immer mit persönlicher Verantwortung verknüpft. Ist es nicht bezeichnend für unsere Zeit, dass immer seltener wirkliche Entscheidungsträger erlebbar werden und dass immer häufiger eine mit der Entscheidung eingegangene Verantwortung nicht übernommen wird? Mut betrifft unsere Handlungsebene, die Sphäre unseres Willens, in welcher Rudolf Steiner den Quell alles Moralischen sah.
Dem Entscheidungsmut verbindet sich ein Erkenntnismut, der in unserem Denken wurzelt. Den wohl größten Mut erfordert ehrliche Selbsterkenntnis, die uns immer an einen Abgrund führt. Der moderne Mensch hat eine geniale Technik entwickelt, sich einen Umhang schönster Illusion anzulegen, aus der auch alles entschuld- und erklärbar wird, was nicht so schön ist oder nicht gelingt. Zugleich entwickelt er ein Talent, die anderen äußerst kritisch zu betrachten und jede ihrer Schwächen und Unzulänglichkeiten in scharfer Kontur zu sehen und gerne auch anzusprechen. Auch dafür finden wir ein Bild in den Evangelien vom Splitter im Auge des anderen, wobei wir den Balken im eigenen gerne übersehen (Matthäus 7,3–5).
Selbsterkenntnis
Die Inschrift am Apollotempel im griechischen Delphi »Mensch, erkenne dich selbst« reicht hinüber in unsere Zeit und ist ein Motiv des 7. Lebensjahrsiebts. Selbsterkenntnis kann und darf viel früher einsetzen, doch die entwicklungsgesetzliche Zeit ihrer Aneignung ist der Lebensabschnitt vom 42. bis zum 49. Lebensjahr. Nie wieder ist das Ziehen einer ganz persönlichen Lebensbilanz so notwendig wie in dieser Zeit. Jetzt werden die Weichen gestellt, wie die verbleibende Zeit des Lebens gestaltet werden soll, mehr und mehr selbstbestimmt. Ziele werden definiert, Liegengebliebenes wieder aufgegriffen. In diese Zeit wurde der Begriff Midlife-Crisis gelegt, das Aussteigen aus allem bisher Prägenden. Wieder muss gesagt werden, dass hier idealistische Zeitfolgen geschildert werden, von denen es viele biografische Abweichungen gibt. Und doch ist dieses Jahrsiebt bei allen Menschen durchzogen von den Elementen, die wir jetzt anschauen.
Marskräfte
Mut ist auch Ausdruck von Marskräften. Viel zu einseitig wird in Mars der Kriegsgott gesehen. Johannes Hemleben hat in einem Wochenkalender mit Blick auf die Planeten und ihnen zugehörige Bäume von Mars als Kämpfer, Ritter und Schützer gesprochen.33 Sein metallischer Repräsentant ist das Eisen. Wie vielfältig ist doch dessen Verwendung, wie wären die technischen Entwicklungen der Neuzeit ohne es denkbar? Es ist auch ein zentrales Element in unseren roten Blutkörperchen und ausschlaggebend für die Aufnahme und den Transport von Sauerstoff als »Lebensstoff« bis in jede einzelne Zelle. Aus ihm konnten Schwerter, Rüstungen und Schilde geschmiedet werden, die den Ritter zum Kämpfen und Schützen befähigten. Sein Wesen ist der Edelmut.
Mut, an das Tor der geistigen Welt zu pochen
Es braucht auch Mut, an das Tor zur geistigen Welt zu pochen. Dort steht ein Wächter, den Rudolf Steiner auch Hüter nennt, der den Herantretenden prüft, ob er vorbereitet ist, die so andere, die geistige Welt zu betreten. Kein Unberechtigter darf sie betreten, auch weil ihm das Schaden zufügen würde, geistige Lähmung, wie Rudolf Steiner sagt. Denken wir an die alte Mythologie des Jünglings von Sais, der es wagte, die sieben Schleier im Tempel der Isis zu heben. In Märchen und Mythen muss immer der Mut die Furcht besiegen, um an das Ziel (die geraubte Prinzessin oder Jungfrau) zu gelangen. In den Evangelien ist die Begegnung mit geistigen Wesen regelmäßig verbunden mit dem doch eigentlich überraschenden Gruß »Fürchte dich nicht«. Rilke spricht in einem seiner Gedichte davon, dass jeder Engel schrecklich sei.34
Verzweiflung
vom Zweifel zur Verzweiflung
Der Zweifel tritt natürlich schon vor dem 35. Lebensjahr auf, auch der Mut kann bei bestimmten Menschen wie durch die Geburt hindurch in das Leben hineingetragen werden. Doch geht es hier nicht so sehr um die grundsätzlichen Seelenkräfte, die überindividuell sind, sondern um das dann individuelle Ausbilden, Handhaben und schließlich Beherrschen dieser Seelenkräfte vom Ich aus. Ist zum Beispiel die volle, persönliche Kraft des Zweifels ausgebildet und wird in unveränderter Form über das 42. Lebensjahr hinausgetragen, ohne dass sie nun durchstrahlt, durchwärmt und damit metamorphosiert wird von der Kraft des Muts, wird mehr und mehr die Gefahr entstehen, dass das ganze menschliche Sein erfasst und beherrscht wird von dem Zweifel und damit eine Verwandlung desselben hin zur Verzweiflung geschieht. Und damit sind wir bei dem kardinalen Punkt einer modernen Problematik des Alters: der zunehmend beherrschenden Kraft der Verzweiflung im 5. Lebensjahrzehnt. In der heutigen Sprachform wird diese existenzielle Verzweiflung auch Frustration genannt. Der Mensch kann nur noch sich selbst in Zweifel ziehen, wenn er nach diesem notwendigen Schritt der zeitgemäßen Entwicklung zum Selbst, zum Ego, nicht die innere Wende findet zu allem, was außer ihm existiert, ohne das er selber gar nicht der sein könnte, der er geworden ist.
zukunftsbestimmender Lebensabschnitt
Wir werden in späteren Kapiteln diese zentrale Frage des rechten Übergangs in das, was wir hier bereits Alter nennen – also diesen Zeitabschnitt jenseits des 42. Lebensjahres –, noch ausführlicher darzustellen haben (siehe Seite 207 ff.). Hier sei zunächst einmal der Blick darauf geworfen, wie dieser nun mehrfach für die moderne Entwicklung als ganz grundlegender Wendepunkt bezeichnete Lebensabschnitt die Zukunft des Menschen bestimmt, im Hinblick auf die folgenden Lebenszeiten bis zum Tod, aber – wie wir noch sehen werden – auch über diesen hinaus.
Von der Ich- zur Wir-Erfahrung
Zusammenhang mit geistigen Gesetzmäßigkeiten der Planeten
Es wurde ja schon dargestellt, dass das menschliche Ich in seiner Arbeit am Leib, an der Seele und schließlich in der eigenen geistigen Ausgestaltung gestützt wird durch Kräfte, die mit den geistigen Gesetzmäßigkeiten der Planeten oder Wandelsterne im Zusammenhang stehen (siehe Seite 54 f.). Rudolf Steiner beschreibt in seiner Geheimwissenschaft im Umriss, dass sich mit diesen Gestirnen ganz bestimmte schaffende, schöpferische Geistkräfte verbinden und sie also mehr sind als nur dieser materielle Aspekt, den zum Beispiel eine moderne Raumfahrtforschung von ihnen hat. Keine technisch noch so raffinierte Sonde, die uns in Fotografien äußere Ansichten der Venus oder des Mars sendet, die vielleicht etwas von der Chemie und Physik dieser Planeten erforscht, kann etwas von dem Schöpfungsgehalt, der geistigen Realität, erzählen.
Schaffensdrang und Zerstörungskraft
Schaut man nun auf die in den Mythologien charakterisierten besonderen Kräfte des Mars, so findet man in ihm die Polarität von Schaffensdrang und Zerstörungskraft. Menschenkundlich gesehen, konzentrieren sich diese Marskräfte organisch ganz besonders in der Gallebildung und -ausscheidung, in dem ganzen Chemismus unserer Leber, der Stoffbildung und -entbildung im engeren Sinne dessen, was mit einem exakten Begriff Stoffwechsel genannt wird. In das Seelische hinein spiegeln sich diese Kräfte im Menschen in seiner Sprache und dem diese vermittelnden Organ Kehlkopf. Der stoffliche Repräsentant der Marskräfte in der Erde ist das Eisen, das wiederum in der Form des Schwertes ein sowohl kriegerisch-zerstörendes, aber auch ritterlich-hehres und schützendes Symbol aller Zeiten war.
Aufbau und Abbau
Es gehört zu den merkwürdigen inneren Bedingungen des Stoffwechsels, dass Aufbau und Abbau, Bilden und Entbilden, Schaffen und Zerstören unabdingbar miteinander verbunden sind. Ohne diese Voraussetzungen würde ein menschlicher Organismus nie in dieser Beweglichkeit und Kraft über so viele Jahrzehnte existieren können.
Polarität der Möglichkeiten
Marskräfte bedeuten aber auch Entscheidungsmut, Zielgerichtetheit. So ist dieser Lebensabschnitt vom 42. bis 49. Lebensjahr in der Polarität der Möglichkeiten auch als paradox zu erleben. In vielen Menschen bricht so etwas wie eine ganz neue Möglichkeit, ein unendlicher Schaffensdrang, das Erfassen ganz neuer Ziele auf, andere geraten in den Niedergang selbstzerstörerischer Verzweiflungen und Frustrationen. Die ganze interessante Frage der Aussteiger findet hier ihre Antwort. Dabei kann diesem Problem die positive Erkenntnis zugrunde liegen, mit den bisher gewonnenen Kräften nun eine ganz neue Zielsetzung zu verfolgen, die eine zentrale Erfahrung in diesen Lebensabschnitt trägt.
Das ist der Übergang von der Ich-Erfahrung zur Wir-Erfahrung. Nicht meine Bedürfnisse, die das bisherige Leben oft ganz beherrschten, sondern die Bedürfnisse anderer oder der Welt, der Erde, der Natur werden zum persönlichen Anliegen. Nicht mehr »Was kann ich für mich tun«, sondern »Was kann ich für andere oder die Welt tun« wird zum richtungsweisenden Thema. Diese Wendung vom Egoismus zum Altruismus entspricht in starkem Maße der Marszeit des Lebens.
Vielleicht entdeckt der Leser hier eine ganz neue Bedeutung des Wortes »Alter«. Im Lateinischen bedeutet alter »der andere«. Kommt daher der Ursprung unseres Begriffs »Alter«, weil es die Zeit im Leben benennt, wo der / die / das andere bedeutsamer wird als man selbst?
Verantwortung übernehmen
Im Negativen kann es aber auch ein Sich-noch-mehr-von-der-Welt- und damit dann auch ein Von-sich-selbst-Abwenden sein, das keine Ziele mehr in sich trägt außer zu existieren, natürlich in möglichst großer Bequemlichkeit, was dann oft zielgerichtet Niedergang oder Krankheit bedeutet. Auch davon wird später noch zu sprechen sein. Jeder Mensch sollte im sozialen Bereich des Miteinanderlebens in dieser Zeit Verantwortung übernehmen können, was erkennen lässt, dass in einer modernen Gesellschaft alte »monolithische« Strukturen völlig fehl am Platz sind und immer mehr durch gemeinschaftliche Strukturen, zum Beispiel wechselnde Führung, abgelöst werden müssten.
Einzelseele und Gemeinschaft
Die heutige soziale Frage ist im Grunde ein Spiegel dieser Frage eines Lebensabschnittes, die jedem Menschen ganz persönlich gestellt wird. Oder: Die soziale Frage spiegelt eigentlich eine zentrale persönliche Frage, und die Lösung der einen wie der anderen kann nur gemeinsam angestrebt werden. Von Rudolf Steiner stammt folgende Formulierung, die ein Meditationsinhalt sein kann und auch als Motto der Sozialethik bezeichnet wurde: »Heilsam ist nur, wenn im Spiegel der Menschenseele sich bildet die ganze Gemeinschaft und in der Gemeinschaft lebet der Einzelseele Kraft.«35
Die Seele des einzelnen, auf sich gestellten Menschen muss eine ganz persönliche Kraft entwickelt haben, die sie für eine Gemeinschaft einbringen kann. Dieses ganz Individuelle muss dort Platz haben können. Es muss sich jedoch ebenso stark in jedem Einzelnen das Bewusstsein bilden, was eine Gemeinschaft braucht und was er davon »selbstlos« in sie einbringen kann. Aus dieser gelebten Wechselwirkung könnte das moderne Gesellschaftsleben viel gewinnen und daran gesunden.
So sehen wir also, dass für das Thema dieses Buches, ja, im Weiteren für die menschliche Entwicklung überhaupt dieser Lebensabschnitt, den wir die Marszeit des Menschen genannt haben, von ausschlaggebender Bedeutung ist. In den späteren Kapiteln über eine sinnvolle Art des Alterns und die in dieser Zeit auftretenden typischen Krankheiten werden wir auf viele der jetzt angeschnittenen Fragen zurückkommen.
Das 49. bis 56. Lebensjahr – Jupiterzeit
ruhige und beschauliche Zeit
Dieser nun folgende Lebensabschnitt kann, wenn die vorausgehende Phase in der richtigen oder notwendigen Weise gelebt und eine entsprechend zielgerichtete Entwicklung veranlagt wurde, zu einer besonders ruhigen oder beschaulichen Zeit werden. Das setzt jedoch voraus, dass die Marszeit in ihren ganzen Stürmen, Unsicherheiten und Aufregungen bestanden wurde. Hat man währenddessen noch einmal die grundsätzliche Frage nach dem Sinn und Inhalt alles bisher Getanen oder Erreichten gestellt, eventuell neue Ziele formuliert und angestrebt, beginnt nun das Ich vermittels der Seele auf das bisherige Leben zurückzuschauen und zu prüfen, was wirklich abgeschlossen wurde, mehr noch was nur teilweise oder gar nicht zu Ende geführt wurde. Der rückwärts und nach vorne gerichtete Blick versucht zu erahnen, was von dem vorgeburtlich entwickelten Lebensplan bewusst wurde und Beantwortung fand. Das fragt nach den Begegnungen mit Menschen, vielleicht einer Familie und Kindern, Freundschaften. Der Blick gilt auch dem eigenen Berufsleben und seinem Erfülltsein und ob eine Weiterführung im bisherigen Tun sinnvoll ist, nach Metamorphose ruft oder gar nach einem Neuanfang, der dann im vorigen Jahrsiebt schon veranlagt wurde.
Weisheitskräfte
Mit Jupiter verbanden die Menschen früherer Zeiten immer Weisheitskräfte, auch das Herrschen, den Göttervater. Herrschen muss hier als königliche Würde, nicht als Machttrieb verstanden werden. Im ursprünglichen Sinne war der Herrscher der für das Gemeinwohl aller Verantwortliche, derjenige, der innerlich und äußerlich nie ruhte, solange in seinem Bereich (Reich, Staat) noch bei den einzelnen Menschen Bedürfnisse existierten, Not vorzufinden war, Entwicklungen gefördert werden konnten. Das heißt, einen Überblick über das Ganze zu haben, nun im Seelischen »weitsichtig« zu werden.
Den Jüngeren Raum schaffen
das im Menschen Veranlagte bestmöglich fördern
So wäre im idealen Sinne dieser Lebensabschnitt die Möglichkeit, jetzt mit der ganzen, durch fünf Jahrzehnte gewonnenen Lebenserfahrung und Lebenskraft den Raum zu schaffen, in dem nun jüngere Menschen ihre eigenen Entwicklungsschritte vollziehen können. Dann ist dieser Lebensabschnitt nicht nur der des Königs oder Herrschers, sondern auch der des Lehrers. Dazu muss aber eine pädagogische Auffassung zugrunde gelegt werden, die es sich zum Anliegen macht, das in jedem einzelnen Menschen Veranlagte bestmöglich zu fördern, die in ihm schlummernden Fähigkeiten zu wecken und seine Möglichkeiten zu entwickeln, damit er die sich selbst gesetzten Ziele und Inhalte des Lebens so vollkommen wie möglich verwirklichen kann. Dasjenige im anderen zu entwickeln und zu fördern, was in ihm veranlagt ist, was er selbst will – auch wenn dieser Wille zunächst ganz unbewusst erscheint –, das ist die wirklich menschengerechte Pädagogik oder – für den Erwachsenen formuliert – »Homagogik«. Wie sehr dagegen tendieren wir heute dazu, das in andere hineinerziehen oder hineinlegen zu wollen, was wir als für uns richtig erkannt und vielleicht bereits vollzogen haben. Anstatt die Welt in die größtmögliche, jedes Individuum widerspiegelnde Vielfalt zu entwickeln, strebt der heutige Zeit-Ungeist immer wieder und wieder zur Uniformität.
Gelassenheit
»Fels in der Brandung«
Die prägende Eigenschaft dieser Zeit ist die Gelassenheit. Man kennt die Stürme des Lebens, man weiß, dass sie auch wieder ruhigem Wetter weichen. Man durchschreitet diese Zeit voller Ruhe in einem immer sichereren Wissen, dass sich das Leben in allen Dingen und Vorgängen stets wieder ausgleicht, in ein Gleichgewicht bringt. Das geschieht oft in großen zeitlichen Abständen, weshalb der moderne, im Augenblick lebende Mensch es häufig nicht bemerkt oder erst im weiten Abstand eines Lebensrückblicks darauf aufmerksam wird. Das Bild für solche Menschen und wie sie von Jüngeren erlebt werden ist der »Fels in der Brandung«. Auch die majestätische Welt der hohen Berge, die über der Unrast aller Zeiten in ihrem Sein ruhen, kann uns hier Anregung und Vorbild sein. Man schaut von ihnen in ganz andere Tiefen und Weiten, erlebt intensiv die Verbundenheit von Erde und Himmel, gewinnt eine viel größere Übersicht, als wenn man nur im Tal lebte.
Entschleunigung
Der schon zitierte Johannes Hemleben (siehe Seite 60) lässt die Jupiterkräfte, wie sie sich auch durch den Ahorn vermitteln, zu uns sprechen: »Oh Mensch, überwinde die Hast und Hetze in dir, suche Stunden der Ruhe, in denen Güte und Weisheit geboren werden können.« Er schrieb diese Sätze 1931 in seinem Werk Symbole der Schöpfung, das sich als zeitübergreifend erweist und heute so gültig wie damals ist.36 Das Problem ist uns modernen Menschen durchaus bewusst, es hat in dem Begriff »Entschleunigung« einen Ausdruck gefunden. Doch ist es ein Wort geblieben, wurde nicht zur Arznei für die ganze Menschheit. Denn unverändert dominieren Hast und Hetze auch in diesem Lebensabschnitt; die Stunden der Ruhe müssen warten, vielleicht bis zur Rentenzeit – oder kommen sie auch dann nicht?
Man darf eine solche Zeit der Beschaulichkeit, der Übersicht nicht als eine Phase der Tatenlosigkeit ansehen. Äußerlich angeschaut, ist sie vielleicht noch durchdrungener von Taten als der Mars-Abschnitt unseres Lebens. Doch im gesunden Sinne einer Entwicklung wird man jeder dieser Taten entnehmen können, dass sie für das Wohl der Allgemeinheit geschehen und nicht mehr zum persönlichen Nutzen.
leiblich oft sehr gesunde Zeit
Wenn demgegenüber eingewendet wird, das sei heute aber überhaupt nicht der Fall, so bezeichnet dieser Einwand nur eine traurige, ja, tragische Zeit-Tatsache, ist aber kein Gegenbeweis dieser hier als notwendig erachteten Entwicklungstendenz, und man wird auch immer wieder einzelne Persönlichkeiten finden, an denen diese nun ideal gezeichnete Fähigkeit sichtbar werden kann. Geschieht die Entwicklung im einzelnen Menschen in richtiger Weise, so ist es oft eine – parallel zum 2. Lebensjahrsiebt – leiblich sehr gesunde Zeit, die somit auch die Voraussetzung schafft, im richtigen Sinne viel für andere zu tun.
Ein dann noch einmal ganz wesentlicher Abschnitt folgt dieser beschaulichsten, äußerlich wie innerlich ruhigsten Phase des menschlichen Lebens, die dann von den Saturnkräften beherrschte Zeit nach dem 56. Lebensjahr.
Das 56. bis 63. Lebensjahr – Saturnzeit
Dieser Zeitpunkt um das 56. Lebensjahr, wenn der einzelne Mensch aus der Jupiter- in seine Saturnzeit eintritt, wurde von Bernard Lievegoed in Vorträgen vor Heilpädagogen einmal folgendermaßen charakterisiert:
Krisenjahr Scheitern dessen, was man gewollt hat
»Alle kommen darauf: Zwei Jahre sind wichtig, das achtundzwanzigste und das sechsundfünfzigste. Und das sechsundfünfzigste wird immer beschrieben als ein Krisenjahr im Leben. Wenn man das biografisch bei großen, bedeutenden Menschen verfolgt, dann sieht man im Leben dort einen jähen Abbruch. – Es war das Jahr, in dem Julius Cäsar ermordet wurde von seinen Freunden. Er ging hinein in den Gipfel seiner ausgedehnten Macht – und dann plötzlich wurde er erstochen. Nun – ich führe nur eines an, aber so erlebt man das manchmal. Das sechsundfünfzigste Jahr bedeutet etwas, was in die Saturnzeit hineingeht. Und in die Saturnzeit hineingehen bedeutet, dass alles, was man sich je im Leben erobert hat, noch einmal durch Tod und Auferstehung gehen muss. Noch einmal. Das Leben wird ungeheuer schwer, die Dinge kommen alle wieder zurück, die muss man alle wieder neu erleben. Man erlebt innerlich – nicht äußerlich, aber innerlich – ein Scheitern alles dessen, was man gewollt hat. Man erlebt: Ja, wenn ich ehrlich bin, dann muss ich sagen, es ist eigentlich nichts geworden von dem, was ich gewollt habe. Man ist natürlich so vernünftig, das nicht hinauszuposaunen und das für sich zu behalten – denn manchmal, wenn man das vorsichtig andeutet, bejahen die Leute das auch gerne. Also das ist etwas, das plötzlich eingreift ins Leben.«37
Hatte man gerade eine im bisherigen Leben kontinuitätbildende, von Beschaulichkeit beherrschte Zeit durchlebt, kommt nun noch einmal Aufbruchstimmung in das Leben. Je nach der inneren Gestalt einer Biografie kann das in neue Aufgabenstellungen auch äußerer Art münden oder innere Begegnungen erzeugen, die neue Inhalte des Lebens begründen.
Häufigkeit von Herzinfarkten
Im Extrem kann es aber auch den radikalen Aufbruch zu einer ganz neuen Daseinsform bedeuten, nämlich dem Tod. Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, dass die Morbiditäts- und Mortalitätsstatistiken für den Herzinfarkt um das 56. Lebensjahr eine plötzliche Spitze in der Häufigkeit zeigen, die dann wieder zurückgeht zu dem langsam steigenden Trend, der schon vor diesem Zeitabschnitt existierte.
Geistige Schaffenskraft
Widerstände des Leibes werden deutlicher
In Bezug auf das Körperliche ist in dieser Zeit stark erlebbar, dass die Widerstände, die der Leib dem seelischen und geistigen Leben entgegenträgt, immer deutlicher werden. Die Bewegungen werden eckiger, Sehkraft und Gedächtnis lassen nach, Ernährungsgewohnheiten, Schlafbedürfnis, Anteilnahme am öffentlichen Leben wandeln sich, wobei hier natürlich auch wieder ganz große individuelle Unterschiede bestehen und diese Phänomene heute in vielen Verzerrungen in Erscheinung treten. Die Thematik dieses 9. Lebensabschnitts, in Jahrsiebten gerechnet, wird eigentlich von dem Bild von Tod und Auferstehung geprägt oder von dem mythischen Bild des sich aus der Asche erhebenden Phönix. Spätestens in dieser Zeit wird eine immer stärkere Beschäftigung mit den Lebenstatsachen des Sterbens und des Todes in der menschlichen Seele stattfinden und darf nun nicht mehr betäubt oder verdrängt, sondern muss immer bewusster durchlebt werden.
der Tod als Tor zu neuen Welten
Natürlich ist diese innere Auseinandersetzung und damit zugleich Vorbereitung auf das Lebensende, das ja für den Einzelnen noch weit in der Zukunft liegen kann, nicht auf diesen besonderen Zeitabschnitt beschränkt, ja, muss eigentlich bereits viel früher, zum Beispiel um das 42. Lebensjahr herum, begonnen werden. Doch ist der Mensch in keinem Lebensabschnitt diesen Fragen auch aus seinem Leiblichen heraus so nahe wie im 9. Lebensjahrsiebt. Damit aber begegnet er im höchsten Maße der geistigen Wirklichkeit, vor allem, wenn er die Erfahrung machen kann, dass Tod nicht Ende, sondern Durchgang, Tor zu neuen Welten, zu einem neuen Leben bedeutet, das in der christlichen Terminologie auch ewiges Leben genannt wird. Das gibt den geistigen Flügeln der Seele und des sie ganz durchdringenden Ichs noch einmal ungeheure Schwungkraft.
vom Geistigen durchdrungene Schaffenskraft
War die vorausgegangene Zeit eine Phase der Besinnlichkeit oder Beschaulichkeit, die davorliegende erfüllt von großem, überwiegend auch äußerem Schaffensdrang, so tritt jetzt eine Schaffenskraft in Erscheinung, die ganz vom Geistigen durchdrungen ist. Jetzt erst erwachen wirkliche Weisheitskräfte im Menschen, die zwar in der Jupiterzeit des Lebens veranlagt wurden, sich dort vielleicht auch schon andeutungsweise zeigten, nun aber in ganzer Fülle hervorbrechen können, wenn der Mensch sein Leben entsprechend der ihm innewohnenden Gesetzmäßigkeiten leben konnte.
Weisheit
»gesättigtes Wissen«
Versteht der moderne Mensch eigentlich noch die Bedeutung dessen, was das Wort »Weisheit« beinhaltet? Oder erlebt er damit verbunden etwas aus grauen Vorzeiten, was für einen Menschen unserer Zeit gar nicht erstrebenswert ist? Mit 60 Jahren schrieb der deutsche Schauspieler Curd Jürgens (1915–1982) seine Biografie und nannte sie 60 Jahre und kein bisschen weise. Sieben Jahre später verstarb er. In lange vergangenen Zeiten war Weisheit Ziel eines Menschenlebens, es war nicht sicher, ob der Einzelne es erreichte. »Weisheit« kommt von »Wissen«, sie ist ein gesättigtes Wissen, geprägt von der gesammelten Erfahrung eines langen Lebens mit allen seinen Höhen und Tiefen. Mit ihr verbindet sich auch der Ernst, die Ernsthaftigkeit. Das findet sich wieder in den Worten, die nach den auf Rudolf Steiner zurückgehenden »Baumsprüchen« Saturn durch die Bäume des dunklen Waldes zum Menschen spricht, durch Buchen, Tannen und Zypressen (oder Wacholder): »O Mensch, fühle die Verantwortung für die Not deiner Zeit und der ganzen Menschheit. Ergreife mit Innigkeit und Ernst die Aufgabe, die dir das Leben stellt.«38
Lebensaufgaben ergreifen Wissen über den Tod hinaus
Die griechische Mythologie nennt den römischen Saturn Kronos, eine Urschöpfergestalt, Vater des Zeus und verbunden mit der Zeit. Die Erreichnisse der beiden vorausgegangenen Jahrsiebte kulminieren in dieser Saturnzeit und sammeln sich im Weisewerden. Es muss erstaunen, dass jetzt darauf hingewiesen wird, die Aufgaben – mit Innigkeit und Ernst – zu ergreifen, die einem das Leben stellt. Das war doch längst der Fall, auch die damit verbundene Verantwortlichkeit. Doch nun bekommt dies einen ganz neuen Aspekt: Jetzt wird bereits Zukunft begründet, jetzt weitet sich der Blick in Zeiten nach dem Tod und in ein künftiges Leben. Hier werden Willensimpulse gelegt, die uns aus dem nachtodlichen Leben wieder zu einem irdischen führen. Auch das beinhaltet Weisheit: ein Wissen über den Tod hinaus, unverlierbar, wesentlich auch für die geistigen Hierarchien, die uns immer – hier wie dort – eng verbunden begleiten. Vieles davon tritt gar nicht einmal in unser Wachbewusstsein, bleibt auch für uns im Verborgenen, entschleiert sich erst, wenn wir den Leib abgelegt haben und als Geistseele im Allbewusstsein erwachen.
In vielen Biografien werden wir heute nicht auf die geschilderte gesättigte Lebensweisheit stoßen, zu groß sind die Zeitwiderstände, die jeden einzelnen Menschen an einer gesunden Entwicklung seines Alters hindern, als dass viele unbeschadet durch diese Zeit gehen können. Aber immer wieder finden wir Biografien, in denen sich die diesem Lebensabschnitt innewohnenden Gesetzmäßigkeiten zeigen oder zumindest erahnen lassen. Diese zu erkennen, mag dazu beitragen, für sich selbst Wege zu suchen und sie sich auch ausleben zu lassen. Sich ein Ziel zu setzen heißt ja nicht, es immer und unbedingt erreichen zu müssen, wohl aber einen auf dieses Ziel gerichteten Weg einzuschlagen und zu beschreiten. Es ist nicht der Zielort, sondern die von ihm ausgehende Kraft, die für den Menschen von Bedeutung ist.
nie erlahmendes Streben
Es ist das immer sich bemühende, nie erlahmende Streben, das letztlich die Erlösung für Faust erwirkt, wie Goethe es uns vermittelt. So möge dieses Kapitel abschließen mit Worten Christian Morgensterns, der das zuletzt Gesagte so »ver-dichtete«:39
Wer vom Ziel nicht weiß,
kann den Weg nicht haben,
wird im selben Kreis
all sein Leben traben;
kommt am Ende hin,
wo er hergerückt,
hat der Menge Sinn
nur noch mehr zerstückt.
Wer vom Ziel nichts kennt,
kann’s doch heut erfahren;
wenn es ihn nur brennt,
nach dem Göttlich-Wahren;
wenn in Eitelkeit
er nicht ganz versunken
und vom Wein der Zeit
nicht bis oben trunken.
Denn zu fragen ist
nach den stillen Dingen,
und zu wagen ist,
will man Licht erringen;
wer nicht suchen kann,
wie nur je ein Freier,
bleibt im Trugesbann
siebenfacher Schleier.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.