Kitabı oku: «Mann, Frau, Affe»

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Die neuesten Glossen von Volker Hagedorn

Informationen zum Autor

Volker Hagedorn, Jahrgang 1961, lebt als Journalist und Musiker in der Nähe von Hannover. Er studierte Viola und war Feuilletonredakteur bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und der Leipziger Volkszeitung. Seit 1996 schreibt Volker Hagedorn als freier Journalist vor allem für WDR, Deutschlandradio, die Zeit, den Tagesspiegel; seine regelmäßig in der Hannoverschen Allgemeinen erscheinenden Kolumnen wurden auch in den Büchern »Wo bin ich?« und »Der Wolkenkoffer« veröffentlicht. Für Zeit Geschichte konzipierte er die Ausgaben »Wer ist Mozart?« und »Herbert von Karajan«, zudem leitete er die Redaktion der 20-bändigen Zeit Klassik Edition. Als Barockbratscher spielt Volker Hagedorn bei Cantus Cölln.

Volker Hagedorn

Mann, Frau, Affe

Kolumnen III


Impressum

©2012 zu Klampen Verlag • Röse 21 • D-31832 Springe

info@zuklampen.de • www.zuklampen.de Umschlaggestaltung: Stefan Hilden, München, www.hildendesign.de Umschlagmotiv: © HildenDesign/shutterstock.com Konvertierung: Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH, KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart ISBN 978-3-86674-194-2 Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme. Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.ddb.de› abrufbar.

Zahl’n jetzt, luuki luuki!

Gedränge im Bistro an Gate B am Wiener Flughafen. »Zahl’n Sie das?« Der Mann hinter dem Tresen deutet auf ein Tablett mit Cappuccino und Ciabatta. »Zahl’n Sie das?« Ach, der meint mich. »Nein«, sage ich. Seine Kollegin zeigt auf einen Reisenden neben mir. »Der Herr dort …« »Acht vierzig«, sagt der Kellner. Der Mann sieht ihn freundlich abwartend an. Vielleicht versteht er nichts, oder er fühlt sich ebenfalls nicht angesprochen. Oder er wartet auf ein »bitte«. Jetzt zückt er aber sein Portemonnaie. »Eight forty. Eight forty«, wiederholt der Kassierer ungeduldiger, »eight forty, zahl’n jetzt, luuki luuki, hier steht’s!« Er zeigt mit großer Gebärde auf das Kassendisplay.

»Also ein bisschen netter könnten Sie schon sein zu den Leuten«, sage ich, »Sie reden ja wie mit Blöden.« »Na, auf Sie hab’ i g’wart«, sagt er, »auf Sie hab’ i grad g’wart«. »Dann ist es ja prima, dass ich endlich da bin«, sage ich in einem Anfall von Geistesgegenwart. »Drei zwanzig«, schnarrt er, mit Blick auf den Cappuccino vor mir. »Nee, es kommt noch was dazu«, sage ich. Während die Imbissfrau mein aufgeheiztes Baguette holt, sortiert er Geschirr und murmelt die ganze Zeit empört vor sich hin, dass ich es nur ja höre. »Sicher a Professor. Scherzkeks. Auf den hab’ i grad’ g’wart’. Acht zwanzig.« »Nun beruhigen Sie sich mal«, meine ich und bezahle. »I reg mi net auf.« »Seien Sie einfach ein bisschen netter zu den Leuten.« »Aber nicht mit Ihnen!«

Es könnte eine reizvolle Aufgabe für den kreativen Deutschunterricht sein, den Dialog nun fortzuspinnen, wobei allerdings meine Rolle einen Bruch erlitte. Ich habe den realen Dialog an dieser Stelle beendet, weil ich sowas gern schnell hinter mich bringe und niemals z. B. so weitermachen würde: »Darf ich mal das Schildchen sehen? Ich möchte mir Ihren Namen notieren.« »A Hobbykieberer! Scherzkeks! Schreiben’S nur. Faschist Sie!« Oder: »Ich habe den Eindruck, dass Sie im Grunde ein unglücklicher Mensch sind.« »Bitte, des is a Frechheit! Was geht Sie des an! (unterdrückt ein Schluchzen) Ah, was sois. A Wochen isses jetzt her, genau a Wochen, da hat’s mi verlassen! Nach vierzehn Jahr!«

Oder: »Sie sind ja ein echter Kotzbrocken in der Servicewüste. Nächstes Mal fliege ich über Salzburg!« »Passt scho, da arbeit’ mei Bruder, der is no besser.« Ganz schlichte Pennäler favorisieren wahrscheinlich die Variante »PENG!« »Aaarrgh …«, die, global betrachtet, realistischer ist als die folgende: »Sie ahnen gar nicht, wie gut mir unser Gespräch gefallen hat. Ich bin nämlich Kolumnist, da schreibt sich die nächste Kolumne jetzt wie von selbst.« »Kommunist, hab’ i mir do glei dacht. Mit Ihrer Kommune will i nix z’ tun ham … naa, was sagen’S? Wo erscheint des? Des möcht’ i ja les’n.« »Dann besorgen Sie sich das Buch ›Mann, Frau, Affe‹ und machen einfach mal luuki luuki. Okay?« Nee, wär’ zu schön gewesen.

Erwachsene sind peinlich

Schon zum Frühstück kommt sie mit perfektem Make-up, die Augen mit Kajalstift akzentuiert, der Mund glänzend erdbeerrot, die Klamotten frisch gebügelt. Diese Zwölfjährige, Tochter von Freunden, ist der bestgestylte Mensch, den ich kenne. Dass sie überhaupt kommt, ist erstaunlich, denn ihr Leitspruch lautet: »Erwachsene sind peinlich.« Andererseits scheint es ihr zu gefallen, diese Erwachsenen an einem Sonntagmorgen, wenn sich alle ungebügelt und angeknittert um den großen Küchentisch versammeln, mit ihrer eigenen, vollendeten und strahlenden Erscheinung zu konfrontieren.

Ich nenne sie für mich Paris Hilton, wegen der Sachen, die sie später am Tag trägt und die deutlich am Outfit reicher Partyschnepfen ausgerichtet sind. Eigentlich ist das unfair. Lila, wie sie hier mal heißen soll, ist viel intelligenter als Frl. Hilton, zu schlau für ein Leben mit dem Mainstream, dem sie aber vorerst generell huldigt. Sie hat mir mal die Top Ten genannt, die man hören muss, eine Liste, die jetzt, ein Jahr später, längst nicht mehr gilt. Sie will alles richtig machen, wobei sie Prioritäten setzt: Schminken geht vor Schule. Sie kommt eher zu spät, als dass sie sich mit unvollendetem Make-up blicken ließe.

Als ich sie kennenlernte, war Lila neun. Sie sah mich hilflos an der Kaffeemaschine herumwursteln und sagte: »Darf ich dir diese Mühe ersparen? Was möchtest du?« Zwei Minuten später reichte sie mir einen perfekt beschäumten Cappuccino. Als wir uns neulich nachts über sie unterhielten und rätselten, warum sich ausgerechnet ein Kind aus einem mainstreamfernen Kreativhaushalt derart dem Diktat der Mode unterwirft, lehnte das Mädchen plötzlich mit dem Lächeln einer Diva in der Küchentür und sagte: »Das ist ja hochinteressant, was man hier so über sich zu hören bekommt.« Peinlich …

Lilas Mutter macht sich ein bisschen Sorge über den Outfit-Perfektionismus ihrer Tochter, ist aber zuversichtlich, dass die das hinter sich bringt. Andere Kinder beginnen erst mit sechzehn oder sogar nie, sich gegen die Vorstellungen ihrer Eltern zu profilieren, Lila hingegen wird mit sechzehn womöglich Lachkrämpfe kriegen, wenn sie Paris Hilton sieht, und sich dem Studium der Teilchenphysik widmen. Womöglich. Man weiß es nicht. Auch Intelligenz schützt nicht vor einer Laufbahn, die auf dem Chefsessel der »Vogue« gipfelt, und Lila wäre wahrscheinlich der schlaueste Teufel, der je Prada trug.

Nun aber sitzt sie zwischen sieben zerknitterten, gut gelaunten, peinlichen Erwachsenen am Frühstückstisch und zieht eine Fünf-Kilo-Dose Nutella zu sich heran, ein Monument der Versorgungssicherheit, und häuft sich genüsslich das Zeug aufs Brötchen. Ohne Rücksicht auf Linie und Lippenstift schlingt sie es runter. Bei Erwachsenen muss man nicht so manierlich sein, und immerhin ist es Markenware. Es gibt sogar Croissants. Peinlich eigentlich.

Der Nachbar aus Nummer 13

Kafka ist gar nicht so. So kafkaesk. Ich begegne ihm jetzt manchmal, mit einem Abstand von 85 Jahren zwar, aber nachbarschaftlich. Er wohnt bloß sieben Häuser weiter, an derselben Straße im Süden von Berlin. Kafka musste damals nicht den Strom der Autos abwarten, um sie zu überqueren und zum Botanischen Garten zu spazieren. Eine Viertelstunde brauchte er bis dahin, ziemlich zügig für seinen geschwächten Zustand. »Meine Gasse ist etwa die letzte halb städtische, und hinter ihr löst sich das Land in Gärten und Villen auf, alte üppige Gärten.« Das schrieb er aus seiner ersten Wohnung hier im Stadtteil, ehe er noch näher an die Gärten zog, in meine Straße. Meine?

Dass ich eigentlich in seine geraten bin, wusste ich zuerst gar nicht. Das ist auch besser so. Womöglich hätte es mich von der Gegend abgeschreckt. Ich verehre ihn, aber bis vor einiger Zeit fand ich ihn auch irgendwie unheimlich, als Typ, das ist schwer zu erklären. Dann kam ich an einer netten kleinen Villa vorbei, an der eine Gedenktafel hängt, las die Tafel und erfuhr, dass er da gewohnt hat, in seinem letzten Lebensjahr. Mit vierzig. Das Haus hat eine völlig unkafkaeske Ausstrahlung. Als Vorteile nannte der Mieter aus Prag ein sonniges Wohnzimmer, »Centralheizung und elektrisches Licht«. Er blieb nur zehn Wochen, ehe er mit seiner neuen Freundin woanders zusammenzog.

Aber Leute wie er sind immer da. Ich versuche ihn manchmal zu sehen, klein und viel zu mager und mit diesen großen Augen und seiner schräggestreiften Krawatte. Denn ich weiß, dass er hier rumlief, am Lidl vorbei, am Fahrradgeschäft, wo natürlich andere Geschäfte sich befanden, zum Rathausplatz, der damals noch keine städteplanerische Idiotie mit Asbesthochhaus war, aber mit Buchhandlungen dreimal so gut ausgestattet. Und ich finde ihn nicht mehr unheimlich. Seit Kafka für mich Passant ist und Mieter in der kleinen Villa, nicht mehr nur Dichter, hat er was Normales, ein Typ, der hier viel spazierengeht, freundlich, frisch verliebt, nicht berühmt.

Einmal gerät er irgendwie ins Lidl. Da guckt er sich die Kameras an, das triste Licht, die Warenstapel, sucht vergeblich nach Verkäufern, auch nach Produkten, die er ihrer Verpackung wegen nicht erkennen kann, das ist für ihn noch rätselhafter als für uns sein »Schloss«. Da kriegt er vor der Tiefkühltruhe einen Hustenanfall und will weg, und ich sage vorsichtig »Hallo, Herr Kafka« und führe ihn an der Kasse vorbei. Von da findet er den Weg zum Botanischen Garten, die Ampeln verschwinden, die Autos werden rar. Ich bin trotzdem nicht neidisch: Für seine zwei Zimmer muss er eine halbe Billion zahlen, wegen Inflation. Aber stolz bin ich schon auf ihn, den Mann aus Nummer 13.

Der Wind weht, wo er will

In glutheißen Tagen kaufte ich einen der letzten Sonnenschirme, die in der Stadt zu haben waren. Durchmesser gut zwei Meter, Sonderangebot: 19,90 Euro. Von der besonderen Eigenschaft gerade dieses Exemplars konnte da niemand etwas ahnen. Ich kaufte den Schirm und einen sandgefüllten Fuß dazu und schleppte beides ins dritte Obergeschoss. Der Balkon geht nach Süden. Die Luft, von keiner Brise gerührt, stand zitternd über dem Estrich, die Pflanzen ächzten vor Durst, obwohl sie morgens gegossen worden waren. Ich stellte den Schirm auf und entfaltete ihn. Sehr schön. Er beschattete fast den ganzen Balkon, das Orange passte schön zum Pflanzengrün und wirkte mediterran.

Ich setzte mich an den Schreibtisch und genoss das gemilderte Licht, das nun vom Balkon her ins Zimmer fiel. Nach wenigen Minuten wurde es auf einmal heller, ich blickte auf. Der Schirm war umgefallen. Da musste ein bisschen Wind aufgekommen sein, hatte sich aber schon wieder gelegt. Ich stellte den Schirm auf, da kam erneut Wind auf. Er griff so unters Tuch, dass die Stange sich aus dem Fuß zu heben drohte. Ich zurrte das Ganze mit Bindfäden fest. Der Wind wurde heftiger, aus heiterem Himmel. Also fixierte ich die Stange noch mit Spanngurten am Balkongeländer. Der Schirm konnte jetzt weder wegfliegen noch kippen. Der Wind wurde so heftig, dass die Speichen sich verbogen. »Also nee«, sagte ich, »so kann ich nicht arbeiten.« Ich klappte den Schirm zusammen.

Der Wind ließ nach. Ich hatte einen Verdacht, fand ihn idiotisch und versuchte es immer wieder. Tagelang. Schirm auf: Wind, Schirm zu: Ruhe. Es ist, als hocke auf einem Sims am Haus eine Windsbraut, die jedesmal, wenn dieser orangefarbene Kreis sich entfaltet, außer sich gerät. Als ich ihn mal eine Stunde lang offenhielt, schräg gegen die Böen gestemmt, folgten alsbald die ersten Gewitterstürme des Sommers. Vielleicht würden mir die Chinesen ein Wahnsinnsgeld für den Schirm bezahlen. Das olympische Segelrevier vor der Küste von Qingdao leidet nämlich unter chronischer Windstille. Aber wie heißt es in der Bibel? »Der Wind weht, wo er will.« Vorhersagbar am Wind ist nur, dass er bestimmt nicht so weht, wie ich oder die Segler es wollen.

Wobei das mit dem Schirm immer noch Zufall sein kann. Aber das mit dem Rauch kennt jeder. Setzen Sie einen Raucher und einen Nichtraucher an einen Tisch, einander gegenüber. Prüfen Sie die Luftbewegung. Entweder ist es windstill, oder es weht dem Raucher ins Gesicht. Gut. Der Raucher entzündet seine Zigarette. Und natürlich zieht jetzt der Rauch ganz genau auf den Nichtraucher zu, der Raucher muss die Kippe ausdrücken. Ist Gott Nichtraucher? Aber was ist dann mit dem Weihrauch? Werden nur die Konfessionslosen unter den Rauchern und Sonnenschirmbesitzern gestraft? Fragen, denen ich auf meinem Raucherbalkon nachsinne. In praller Sonne, unbeschirmt, während der blaue Dunst kerzengerade gen Himmel steigt.

You smiling! Bellissimo! Bambolotto!

Rodolfo ist in den allerbesten Jahren, also leicht über sechzig, schwarzer Schnauzbart über blitzenden Zähnen. Er trägt den Kragen seines weißen Hemdes hochgestellt und offen, so dass man die Goldkette sieht, und zur schwarzen Hose trägt er Zugstiefeletten. Den Männern legt er die Hand auf die Schulter, den Frauen macht er Komplimente, er redet laut in krachendem Englisch und singendem Italienisch. Ein italienischer Macho, wie er im Buch steht? Nein, so steht und geht er im Garten seines kleinen Hotels in der Toscana, stärker als jedes Klischee. Falls Rodolfo das Klischee bewusst ist, das die Völker nördlich der Alpen vom feurigen Südländer haben, zieht er es an wie sein Hemd, es beengt ihn nicht, er bewegt sich darin mit Freude.

Schon im Normalfall ist Rodolfo eine Frohnatur, die in die leisen Urlaubergespräche an den Tischen hineinfährt wie ein fröhliches Gewitter, aber seit das Baby da ist, ist endgültig Schluss mit der Ruhe. Denn Rodolfo ist nicht nur Macho in Reinform, sondern auch Babybewunderer, wie alle Italiener. Er hat eine Frau, »my beautiful wife«, wie er sie ruft, und eine schöne Tochter, vielleicht sehnt er sich nach Enkeln. Und da ist nun ein Paar mit einem kleinen Kerl angekommen, sechs Monate alt, den hat er sofort adoptiert. »Ahh!« schreit Rodolfo auf, sobald der Kleine, nennen wir ihn Frido, mit seinen Eltern zum Frühstück erscheint. Es sind Deutsche, eher die stille Sorte, und dem Furor des Wirts machtlos ausgeliefert.

»Ma ciao! Ma ciao!«, ruft Rodolfo und humpelt – Nachwirkung eines Skiunfalls – breit lächelnd zum Tisch. Frido strahlt übers ganze Gesicht, Rodolfo gerät außer sich. »You smiling! Bellissimo! Bambolotto!« Bambolotto heißt »dickes Baby«, in der Tat ist Frido von barocker Statur.«S’warzenegger!”, ruft der Hotelier, das ist noch der geringste der Vergleiche. Am zweiten Tag wird Frido mit George Clooney verglichen, am dritten Tag legt Rodolfo den Kopf schief, sagt »George Clooney? Pfff!« und zeigt mit dem Daumen nach unten: Gegen diesen Bambolotto hat Clooney keine Chance. Er habe, versichert der Hotelier den verlegen lächelnden Eltern, schon viele Babys gesehen, dieses sei das schönste. »Un Angelo!« Und er prophezeit ihm eine Karriere als Playboy.

Für ein Lächeln des Kerlchens tut er alles. Er schiebt tänzelnd und winkend die rote Müllkarre im Kreis herum, die er »my Ferrari« nennt und in die er die Frühstücksabfälle entsorgt. Dem Kleinen entgeht nichts. Ob er liegt oder sitzt, Brei verzehrt oder am Tischtuch zerrt, immer sieht er nach, was sein furioser Bewunderer gerade macht. Neue Gäste führt der Wirt zuerst zu Frido, »bellissima creatura del dio!«, und zwingt sie, ihm zu huldigen, ehe sie ihren Cappuccino bestellen. Einmal weint das Baby. Da macht es seine Mutter wie der Wirt: »Ma ciao! Ma ciao! Bambolotto!« Und tatsächlich, er strahlt. »S’warzenegger«, höre ich den Vater verstohlen seinem Sohn zuraunen. Ich nehme an, nächstes Jahr werden sie alle drei wiederkommen.

M48 mit Döner und Elchtest

Berlinreisenden wird immer wieder die Buslinie 100 empfohlen, da sie allerlei Sehenswürdigkeiten berührt von Zoo bis Alex. Mit dem gewöhnlichen Berliner Leben hat diese Linie nichts zu tun. Das ereignet sich, was Busse angeht, zum Beispiel auf den Linien M 48 und M 85, die den Südwesten der Stadt mit dem Nordosten verbinden und sich die feinstaubhaltige Strecke vom Botanischen Garten bis zur Philharmonie teilen. Zwischen diesen beiden Haltestellen bin ich viel unterwegs. Es ist keineswegs eine schöne Strecke, und die meisten Passagiere haben völlig anderes im Sinn als Seerosen und Sinfonien.

Sie kämpfen um die Plätze. Die Busse, obschon Doppeldecker, sind tagsüber rappelvoll, mit Kindern und Erwachsenen, Babys und Senioren, Babykarren und Rollstühlen. In anderen Städten wird Behinderten und Eltern mit Kindern ein gewisser Respekt entgegengebracht, hier nicht, will auch keiner. Berlin ist im Grunde brutal. Mütter – meistens sind es ja doch noch die Mütter – rammen ihre Wagen in Kniekehlen und an Kniescheiben ebenso wie die Betreuer der Behinderten. Wagenburgen bilden sich in der Busmitte, um die herum sich grimmige alte Damen um Plätze balgen.

»Ich hab ’n kaputtes Bein«, ruft eine und will sich an einer anderen vorbeizwängen, die ihr entgegenschleudert: »Und ich ’n kaputten Rücken!«, während sie ihren Behindertenausweis zum Beweis hochhebt. Man könnte beklagen, dass es an Platz mangelt, aber viel mehr Busse als sowieso schon können eigentlich gar nicht eingesetzt werden. Beim Platzkampf entfalten die Leute eine Vitalität, in der es fast nebensächlich wird, auf wie vielen Beinen und in welchem Alter man unterwegs ist. Was den Stress noch steigert, sind die Lichtschranken an den Türen. Selbst erfahrene Passagiere können sich partout nicht merken, wo man nicht stehen darf.

»Bitte machense den Türbereich frei«, sagt der Fahrer, »sonst steh’n wa morgen noch hier.« Das ist höflich angesichts der Tatsache, dass er auf Höhe Bierpinsel schon fünf Minuten Verspätung hat in seinem 48er, während ihm der 85er im Heck klebt mit einem Kollegen, dem auch gleich das Lachen vergehen wird, weil ein Fahrgast die Kurzstrecke mit Kupfergeld bezahlen will, dass er noch nicht abgezählt hat. Es riecht nach Döner mit alles und vollen Babywindeln und, weil wegen der Lichtschranke immer noch die Tür offen ist, Abgasen.

Dem Fahrer reicht’s. Er würgt den Motor ab und lässt ihn neu an, so kann er die Lichtschranke austricksen und kriegt die Tür zu. Kavalierstart, kombiniert mit Elchtest. Wrooom! Zum Umfallen ist es eh zu eng. Nachts nicht. Dann taumeln hier die Betrunkenen, und einer ruft beim Aussteigen: »Viel Glück in der Ewigkeit, wa!« Aber Linie 100? Das ist nur sanfter Tourismus.

Poeten hinter Gittern

Neulich sprach uns im Botanischen Garten der Bundeshauptstadt ein Dichter an. Ein beleibter Mann in Sandalen, in der Hand ein Notizbuch. »Darf ich Ihnen was vorlesen?« rief er, »gerade fertig geworden.« »Ja.« Das Gedicht war relativ kurz und handelte von der Sonne, die sich nachts vom Tag erholt. Das Gedicht war schön. »Schön«, sagten wir und gingen weiter, und der Dichter lächelte mild. »Das ist typisch Berlin!« sagen die Leute, die derzeit in Scharen aus schönen Städten hierher ziehen, »dass da einfach so ein Dichter auf der Bank sitzt!«

Ich muss alle, die auch noch hierher ziehen wollen, warnen. Es sitzen eben nicht überall in Berlin solche Freaks herum. Es gibt für die unterschiedlichen Arten von Menschen hier streng abgemessene Gehege, und die milden Freaks, eben die lyrischen, gehen in den Botanischen Garten. Sie würden nie am Potsdamer Platz sitzen, der nur eine öde Schneise und ausschließlich Touristen vorbehalten ist, aber ebenso wenig auf dem Prenzlauer Berg, den, genau wie das Vorurteil behauptet, Schwaben und Art Directors unter sich und ihren dort in Rekordfrequenz zur Welt kommenden Kindern aufteilen.

Ich kenne keine Stadt, in der die Zünfte, Kasten, Schichten, Stadtteile so grotesk getrennt sind – vielleicht weil eine verbindende Mitte fehlt, geografisch wie geschichtlich. Die Busse bis Steglitz sind voll mit strapazierten Schlechtverdienern, die Busse nach Dahlem locker besetzt mit teuer gekleideten Kindern sorgloser Villenbesitzer, man wähnt sich in einer völlig anderen Stadt. Wir wohnen genau an der Kante. »In Steglitz?« sagte neulich eine Hochschulprofessorin und sah mich groß an. »Da kenne ich keinen!« Was soviel hieß wie: Da wohnt man doch nicht als zivilisierter Mensch. »Ich kenne da auch keinen, außer Kafka«, sagte ich stolz. Kafka ist allerdings vor 86 Jahren weggezogen. Kostümbildner, Medientypen, Akademiker wohnen in Mitte, Kreuzberg und Schöneberg, was nicht heißt, dass sie sich dort vermischen. Musikwissenschaftler laden keine Musiker ein, Germanisten haben mit Galeristen nichts zu tun. Es gibt Imbissbuden, die man meiden sollte, wenn man nicht in türkisch-kurdische Grenzkonflikte geraten will. Wer sein Gehege gefunden hat, hält Berlin für eine offene Stadt, wie auch jene, die auf der Suche nach sich selbst sind und die Revierrituale noch für Vibrations halten.

Es hat seinen tiefen Sinn, dass der cliquenfernste Ort Berlins vom längsten Gitter der Stadt umgeben ist, eben der Botanische Garten. Für die Leute aus den Kreativvierteln ist er zu weit weg, für die Hells Angels zu schlecht asphaltiert, Grillen darf man auch nicht. Hier haben Dichter und Kolumnisten ihre Ruhe. Ich bin da täglich – Jahreskarte! – und blicke mit Befremden auf Besucher, die hier nicht so hinpassen. Als Insider erkennt man die einfach.

Literarische Früherziehung

Literarische Früherziehung beginnt mit dem ungehinderten Griff zum guten Buch, dachte ich. Natürlich will ich auf keinen Fall zu den Eltern zählen, die vor lauter Ehrgeiz ihre Babys in die Neurose treiben und Dreijährige Chinesisch lernen lassen. Aber wenn das Kerlchen mit acht Monaten zur Philosophie greift, kann ich diese wichtige Begegnung doch nicht durch Verbote traumatisch besetzen! Zugegeben, ich hätte ihn ja nicht direkt neben das Bücherregal setzen müssen. Aber er hätte sich auch gelangweilt abwenden können. Stattdessen wälzte er sich näher und langte ins Regal. Nietzsche war nicht in den Griff zu kriegen: Die Bände stehen fugenlos in einem Schuber.

Vielleicht den pummeligen Sloterdijk, der sich daneben gutgreifig aus dem Regal wölbte? Nein. Er schob seine kleine Hand zwischen zwei Bücher und zog ein Reclamheft heraus, dann wälzte er sich auf den Rücken und hielt das Heft mit allen zwanzig Fingern und dem Titel nach oben. »Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs« von René Descartes, 1637 erschienen. Habe ich nie gelesen, dafür sah ich jetzt zu, wie intensive Lektüre aussehen kann. Er schwenkte das Bändchen hin und her, drehte und wendete es, zog an allen vier Ecken und juchzte. Der Sloterdijk wäre dafür zu schwer gewesen.

Das Kerlchen hatte Descartes gewählt, weil der fast nichts wog, und natürlich, gestand ich mir ein, hätte er auch ein leichtgewichtiges Trivialromänchen genommen, wenn es auf Griffhöhe stünde. Der Kleine lachte sich über den »Vernunftgebrauch« kaputt, er kreischte vor Vergnügen. Heitere Wissenschaft! Dann wurde es ernst. Wie alles, was ihn wirklich interessiert, führte er das Heft zum Mund. Wenn ich jetzt nicht eingriff, würde er den 43 Jahre alten Reclamband ankauen und nach und nach zerfetzen, so, wie er es schon mit der Zeitung geübt hat.

»Sorry. Ihre Lesezeit ist leider abgelaufen«, sagte ich und wand ihm das Heft aus den Händen. Unphilosophisches Kreischen erfüllte den Lesesaal. Beim nächsten Mal war er schneller als ich und hielt sich ans Regal daneben, Romanautoren mit »Sch«. Der Schutzumschlag von »Der stille Don« war genauso schnell zerfetzt, wie der alten Taschenbuchausgabe von »Casanovas Heimkehr« die Frontpappe fehlte. »Nein! Nein! Nicht auch noch die ›Gelehrtenrepublik‹! Komm, ich les dir daraus vor. ›Auf Kankerstelzen aus Licht der kleingeschnürte Sonnenleib‹ …« Er schrie. Arno Schmidt ist noch nichts für ihn.

Dafür lässt er sich von seiner Mutter mit bemerkenswerter Geduld »Clara und Paul« vorlesen, wobei sie ihm untersagt, an dem Buch zu nagen. Wir sind da unterschiedlicher Meinung. »An einem Bilderbuch mit dicken Pappseiten kann er doch mal nagen«, sage ich. »Dann macht er das bei deinen Büchern auch«, sagt sie, »oder kannst du ihm den Unterschied erklären?« »Hehe!« Das Kerlchen lachte. Ich muss das mit der literarischen Früherziehung nochmal überdenken.

Raucher von der Rolle

Briefmarken von der Rolle, 100 Stück zu je 55 Cent. »Was ist es eigentlich für ein Motiv?« »Der arme Poet«, sagte die Postangestellte. »Achje, ich nehme doch lieber was anderes. Es muss auch nicht von der Rolle sein.« Ich habe dieses Bild noch nie gemocht. Und die Vorstellung, dauernd diesen armen Poeten auf meine Briefe zu kleben, behagte mir auch nicht. Dem Mann, den Spitzweg in einer süßlichen Mischung aus Karikatur und Idyll vorführt, geht es doch eigentlich sauschlecht unter dem Schirm, der ihn vor Wasser aus dem undichten Dach schützen soll. Was würde es signalisieren, wenn ich meine Rechnungen mit diesem Jammerbild beklebte? Dass ich mehr Honorar brauche?

Von wegen. Dieses Bild signalisiert ja tiefstes Einverständnis mit der bürgerlichen Vorstellung von selbstverschuldet brotloser Kunst: »Was muss der Mann auch Gedichte schreiben, das hat er nun davon, und wahrscheinlich sind sie eh alle so schlecht wie die, die er schon in den Ofen links im Bild gesteckt hat, um damit die klamme Bude zu heizen.« Ich bin kein Poet, mag aber Gedichte, bewundere die, die sowas hinkriegen, egal ob im Liegen oder im Stehen, und irgendwie beleidigt Spitzweg die ganze lyrische Zunft.

Angeblich ist sein Bild ein ironischer Gegenentwurf zu Caspar David Friedrichs »Wanderer über dem Nebelmeer«, wo man einen gut gekleideten Einzelgänger von hinten sieht, der gewaltigen Natur gegenüber. Bei Spitzweg, las ich in einer Exegese, sei hingegen die Natur der Floh, den der Poet gerade zwischen den Fingern zerdrückt. Auweia.

Leider gab es den Wanderer nicht als Briefmarke, ich nahm stattdessen eine Kollektion von Leuchttürmen, da macht man nichts falsch, außerdem noch zehn Mal Franz Kafka. Seine Zeichnung von dem Typen, der erschöpft überm Tisch zusammengebrochen ist, vermittelt auch in der Korrespondenz mit Redaktionen das richtige Signal auf hohem Niveau.

Zu Hause ging ich zum Rauchen auf den Balkon. Es regnete, und ich holte einen Schirm. Da stand ich dann, höhenmäßig etwa dem Wanderer über dem Nebelmeer vergleichbar, unter einem Schirm, der an Spitzweg erinnerte. Das wäre doch das passende Bild für unsere Zeit, dachte ich. Weltweit stehen die Schreiber, egal ob Poeten oder Prosaisten oder Kolumnisten oder Kafkaisten, auf ihren Balkons, weil sie, voller Einsicht und guten Willens, an ihren Schreibtischen nicht mehr rauchen. Heroisch klappen sie im Regen die Schirme auf. Verschwunden sind Flöhe und Nebelmeere, der Schirm aber wird geadelt zum Insignium des Konflikts zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischem kreativem Rauchen und sozialem Nichtrauchen.

Kann das mal jemand malen? Das würde ich gleich von der Rolle kaufen.

Im Schatten eines Doppelturms

Ab und zu mache ich auf dem Balkon Fotos von Sonnenuntergängen. Die sehen so aus, als befände man sich in wilder Natur: Am unteren Rand Baumwipfel, ansonsten dramatische Wolken, rot, orange, rosa, violett, diverse Blaus. Es könnte sonstwo sein, Canada etwa, oder Australien. Ich muss dafür nichts wegpixeln. Ich muss nur warten, bis die Sonne überhaupt mal zum Vorschein kommt und Berlin nicht unter der ortstypischen Wolkendecke begraben liegt. Und vor allem darf ich die Kamera nicht zu weit nach links bewegen. Da steht nämlich der Spukturm.

Der Spukturm ist eigentlich ein Doppelturm, er besteht aus zwei zusammengeklebten Hochhäusern der 70er Jahre. Die Berliner nennen das Ding »Kreisel«. Sie haben hier seltsame Bezeichnungen. Die höchste Bodenwelle der Stadt, ein Trümmerberg, heißt »Insulaner«. Hannoveraner sind da anders. Wenn sie in eine Masch einen See graben, heißt er Maschsee und nicht Bergziege, ein Hochhaus heißt Hochhaus, in begründeten Einzelfällen auch Anzeiger-Hochhaus, aber nicht Gurke oder Auster. Als gelernter Hannoveraner kann ich in Berlin auch rings um den Spukturm keinen Kreisel erkennen, dafür aber die weltweit komplizierteste Art, das Ende einer Autobahn mit zwei Straßen zu verknoten.

Grob geschätzt 163 Ampeln regeln den zähen Verkehr auf zahllosen Teilabschnitten. Es ist unmöglich, dieses Labyrinth ohne anzuhalten zu überqueren, sogar ein Selbstmordattentäter unter Zeitdruck würde hier unwillkürlich bei Rot warten. Umwürgt von diesem Netz erhebt sich also das »Kreisel« genannte Monument, auf das mein Balkon eine fabelhafte Sicht bietet. Der Doppelturm ist völlig leer und nachts zappenduster bis auf rote Lämpchen an den Kanten zur Orientierung der Flugzeuge, die bis vor Kurzem nach Tempelhof flogen (noch so ein irrer Name! Als wäre da mal die Akropolis gewesen und nicht ein preußischer Exerzierplatz).

Wegen einer Asbestverseuchung, deren Beseitigung fast 100 Millionen Euro kosten würde, darf in den Turm niemand hinein, fast niemand. Ein Architekt, der drin war, hat mir erzählt, man habe von oben eine berauschende Sicht bis hin zum Insulaner und nach Tempelhof und wohl noch weiter. Eine Berlinerin, die nicht drin war, reagierte indigniert auf meine Bemerkung, der Turm verstelle mir die Sicht nach Südosten. Ich sei hier schließlich in einer Großstadt. Mein toter Lieblingsnachbar hätte dem Spukturm und auch dem irren Labyrinth womöglich etwas abgewonnen. Aber Franz Kafka gefiel der Rathausplatz, wie die Ecke damals hieß, auch so.

Auf meinen Abendfotos existiert der Spukturm jedenfalls nicht. Die Leute, denen ich sie zeige, fühlen sich von den Sonnenuntergängen über Baumwipfeln allerdings nicht an Australien oder Canada erinnert. Manche sagen, es sähe aus wie über den Feldern und Wäldern nördlich von Hannover.

Tiere blicken dich an

Neulich bin ich mal wieder in meiner Lieblingsgegend spazierengegangen, nördlich von Hannover, in den Feldern ums Dorf, in der Dämmerung. Außer mir war nur noch ein Trecker unterwegs, ich wusste auf einmal nicht mehr, wie man Stress buchstabiert. Und dann waren da die Kühe. Zehn Kühe standen hinterm Zaun in einer Reihe unter Bäumen. »Guten Abend«, sagte ich, und weil mir das etwas zu wenig schien für so viele, fügte ich an: »Na, ihr?« Es ist nicht leicht, bei Kühen den richtigen Ton zu treffen, aber sie fanden es wohl okay. Gemeinsam sahen sie mir nach, während ich vorbeispazierte.

Und diese Stille! Wenn ich jetzt auf den Balkon trete, höre ich Autos brausen und sehe hunderte von Menschen, Straßen, Häuser und Hochhäuser, ein paar Bäume auch, aber hinter denen ist die Stadt noch lange nicht zu Ende. Es ist in Berlin nicht einfach, sich vorzustellen, wie es wohl war, als hier nur ein paar Dörfer in der Landschaft standen. Aus dieser Zeit ist in meinem Stadtteil ein Straßenname geblieben, »Frohnhofstraße«, da muss es einen Hof gegeben haben. Die Straße ist eine Asphaltschlucht, eingeklemmt zwischen S-Bahn-Damm und den Spukturm, dessen obere Etagen bei Nebel verschwinden.

In so einer Stadt ist eine Kuh seltener als ein Eisbär. Denn Kühe in Halbtrauer, wie Arno Schmidt sie nannte, also das ganz normale europäische Fleckvieh, gibt es nicht mal im Zoo. Wer in Berlin eine Kuh sehen will, begibt sich zur Domäne Dahlem. Das ist ein Ökohof mit U-Bahn-Anschluss, umgeben von Stadt und mit immerhin so viel Feld, dass man eine Viertelstunde braucht, um das Areal abzuschreiten. Am Wochenende gibt es Märkte und Kinderbelustigung, dann kommen viele Familien, und den Kindern werden die Rinder gezeigt. Ein paar Tage nach meinem Landspaziergang fuhr ich dorthin. Ein junger Stier wurde im Kreis geführt, auf dem Kinder reiten durften, und eine Mutter sagte zu ihrem Kind: »Willst du die Kuh nicht mal anfassen?« So werden Bildungslücken von einer Generation an die andere weitergereicht. Während in Walsrode jedes Kind eine Kuh von einem Stier unterscheiden kann, kennen kleine Berliner den Unterschied zwischen U-Bahn und S-Bahn. Aber es gab auch eine richtige Kuh dort auf dem Ökohof. Zehn Städter standen am Gatter und sahen sie an.

Das Tier stand auf einer kleinen Weide und blickte irritiert auf die Zuschauer. »Guck mal, wie die guckt!«, sagte einer. Ich dachte daran, wie ich allein den zehn Kühen gegenübergestanden hatte. Wie still es gewesen war. Wie herrlich es ist, wenn eine ganze Herde im Galopp über die unermesslichen Weiden der norddeutschen Tiefebene donnert. Ich bin nun mal kein Berliner. Ich hätte mich zur Vorführkuh auf die Weide setzen können, mit einem Schild am Zaun: »Hausrind, 2 Jahre, Niedersachse, 47 Jahre«. Vielleicht hätten sich noch ein paar weitere Zugereiste danebengesetzt.

Ein Streifen für Ringo

Natürlich finde ich sie toll. Alle ihre Stücke, von vorn bis hinten, aus diesem magischen Jahrzehnt. Jeder Wurstverkäufer, jeder Waffenhändler, jeder Hund und jede Katze und die meisten anderen finden mittlerweile die Beatles toll, und dass die Musik davon nicht schlechter wird, ist womöglich das krönende Indiz für ihre Qualität. Innerhalb dieser Gemeinde gehöre ich aber womöglich zu einer Minderheit, wenn ich sage, dass ich es vollkommen unötig finde, was neulich der Fremdenverkehrsminister von Großbritannien getan hat. Er hat die Zebrastreifen unter Denkmalschutz gestellt, über die einst die vier Musiker schritten, um sich fürs Cover von »Abbey Road« fotografieren zu lassen.

Konsequenterweise müsste man dann alle Plätze, Straßen, Häuser, Landschaften, die herausragend in der Weltkunst verewigt wurden, im Originalzustand belassen. Für größere Objekte wie Canalettos Dresden und das Paris Balzacs vor dem Bau des Eiffelturms ist es zu spät, man kann auch nicht Themse und Ärmelkanal für alle Schiffe sperren, die anders aussehen als die von William Turner gemalten, man fände auch kaum noch kompetentes Personal. Sogar das Lönneberga von Michel bzw. Emil, wie er im Original heißt, sieht nach hundert Jahren anders aus, als Astrid Lindgren es kannte. Und welche der von Ottorino Respighi vertonten »Pinien von Rom« rauscht heute noch im Wind?

Es wäre doch grauenhaft, wenn Kunst jede Welt, von der sie ausgeht, in der Realität wie in Gießharz erstarren ließe. Von den vergänglichen Zebrastreifen in der Abbey Road sind jene unvergänglichen, über die das Quartett seit August 1969 marschiert, unabhängig. Sie existieren als Cover und in den Köpfen und führen ins Unermessliche. Denkmalschutz für Requisiten und Modelle ist dagegen total beschränkt. Oft ist Kunst sogar noch schöner, wenn man nicht mal das Modell kennt. Mit sechzehn habe ich »Penny Lane« für ein anbetungswürdiges Mädchen gehalten; ich war ernüchtert, als ich erfuhr, dass die Beatles damit eine Straße meinten. Das Straßenschild haben Fans so oft abgeschraubt, bis die Stadtverwaltung den Namen einfach auf eine Mauer malen ließ.

Dieselbe Stadtverwaltung will nun das Geburtshaus von Ringo Starr abreißen lassen, weil es baufällig ist. Das finde ich hingegen gar nicht gut. Geburtshäuser großer Künstler sollten erhalten bleiben, gern auch angegammelt, nirgendwo kapiert man so gut, dass sie klein anfingen. Wenn man das schäbige Ziegelhaus betrachtet, wird die Musik noch wahrer. Wenn es nun aber einen Welthit »Madryn Street Number 9« gäbe und Ringos Babyadresse ein Modell der Weltkunst wäre, eine Art Buddenbrookhaus? Gibt es nicht, kann es nicht geben. Für so ein Lied war und ist Ringo viel zu bescheiden. Bescheidener als Thomas Mann, Paul, John und George zusammen. Okay fände ich es daher, wenn man von den berühmten Zebrastreifen den von ihm betretenen zweiten von rechts liegen ließe.

Mein Leben als Assistent

Das Leben mit einem Forscher ist anstrengend. Mit einem, der gerade feststellt, dass die Gegend, die er entdeckt hat, nur das Ufer eines gewaltigen Kontinents ist. Ich bin ihm scheinbar voraus, ich kenne die Grenzen dieses Kontinents, ich kenne die Gegend, in der die Forschungen begannen, aus der Vogelperspektive, und alle anderen auch, die Berge und Täler und Flüsse und Schränke. Aber was weiß ich von der Flora dort unten, vom Teppichland, vom Reiz einer Fluse, ihrem Aroma? Und begriff ich je das Wunder einer Schublade? Man kann sie auf und zu machen, mache ich auch, aber doch ohne die Konstruktion zu bestaunen, immer neu zu überprüfen, wie das fest und beweglich zugleich ist ...

Ich bin der Gehilfe dieses Forschers, ich war einer dieser Typen, die glauben, sie wüssten es besser, aber das wissende Lächeln hat er mir ausgetrieben, ich fange an zu staunen. Er ist eine jener Naturen, die von ihren Interessen so besessen sind, dass man mitunter das Weite suchen möchte, Luft holen, forsch doch alleine! Aber wer weiß, was als Nächstes entdeckt wird, das möchte man nicht verpassen. Außerdem braucht er, wie alle diese Besessenen, jemanden fürs Praktische. Einen, der fürs Essen sorgt, der die Lawinen voraussieht, die der Forscher mit seinen Untersuchungen auslösen kann. Mit bloßer Hand stoppe ich einen herabkrachenden Felsen, will sagen, eine Schublade voller Krimskrams.

So gesehen bin ich mächtig. Ich hätte ja auch längst den Krimskrams aus der Schublade entfernen können. Kostet mich nur einen Handgriff. Aber zugleich einen mentalen Überblick, der des Forschers Interessen alle vorausweiß, und den habe ich nicht. Ich müsste den ganzen Kontinent in Ketten legen, der zu erkunden ist, mit Gießharz einbetonieren. Irgendwas ist aus der Schublade gefallen. Es kommt sofort ins Labor. Das Labor ist der Mund. Dort wird alles überprüft. Forscher! Wo ist die kleine Glühbirne? Mach den Mund auf! Ich muss manchmal rabiat werden. Er hält den Atem an.

Oder kann er nicht atmen? Hat er die Birne im Hals? Ich halte ihn kopfüber. Er brüllt, er hat den Atem nur angehalten vor Wut über die Unterbrechung, die unnötige Panik. Es gibt so viel zu entdecken! Hinter den Hügeln der Schwellen die Küche. Was für Türen, was für glänzende Wunder dahinter! »Töpfe«, lallt der Gehilfe. Raus damit, überprüfen! Und wie soll ich im Basislager das Essen machen, wenn ihm jederzeit ein Topf auf den Kopf fallen kann? Zum ersten Mal greife ich zurück auf Methoden des 19. Jahrhunderts. Ich hole den Laufstall. Der Forscher wird eingekerkert. Schutzhaft.

Es ist ihm recht, er übt Stehen an den Stäben. Demnächst wird er gehen, den ganzen Kontinent wird er erkunden, 145 Quadratmeter, die noch keiner kennt. Ich brauche die Hilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Ich brauche einen Koch, einen Bodyguard, ein Räumungsteam, Minensuchhunde, und ich brauche Schlaf. Viel Schlaf. Morgen um sechs wird er mich wieder hochscheuchen.

Draußen vor der Tür

Natürlich war es rappelvoll, wie immer, wenn ein Blockbuster startet, aber irgendwas war anders. Meine jüngste Mitbewohnerin hatte die Karten besorgt, für ihre Mutter, sich und mich, und ich war mit Proviant beladen: Bier, Limonade, Lakritze. Wir waren bereit für »Mamma mia«. Meryl Streep ist immer gut. Aber ich war nicht gut genug für Meryl Streep. »Den Herrn darf ich nicht reinlassen«, sagte die Kartenabreißerin streng, »heute ist Ladies first.« »Wie bitte?« »Die Vorstellung ist nur für Frauen. Steht doch auf der Karte. Ladies first.« »Und was ist mit dem Herrn dort?« sagte ich und wies auf den einzigen anderen Mann mitten im weiblichen Gewühle. »Bei dem können Sie Ihre Karte eintauschen.«

Da war nichts zu machen. Sowas ist mir noch nie passiert. Und dabei glaubte ich seit Langem, gegen jegliche Türhüter magisch gefeit zu sein. Daran musste ich jetzt denken, während die beiden Damen ohne mich Meryl Streep sahen und ich durch den Regen (denn natürlich regnet es an solchen Abenden!) nach Hause trottete. 1989. Es war mein Bayreuthdebüt. Ich hatte eine Karte, das war nicht das Problem, und Damentage gibt es dort auch nicht. Eine Zeitung hatte es riskiert, mich, festspielmäßig total unerfahren, zum Grünen Hügel zu schicken. Zur Eröffnung gab es »Parsifal«.

Nach dem ersten Aufzug traf ich draußen einen Bekannten und quatschte mich fest. Ich hörte irgendwelche Trompeten blasen, wir redeten weiter. Irgendwann sagte er: »Auch nur als Zaungast hier?« »Wieso?« »Weil du nicht reingegangen bist.« »Und du?« »Ich habe keine Karte gekriegt.« »Aber …« »Ich glaube, die machen grad zu.« Oh ja, das taten sie. Und sie ließen mich nicht rein, als ich gegen die Glastür hämmerte. »Das darf nicht wahr sein.« Ich raste um das ganze Festspielhaus auf der Suche nach einer Tür. Es war wie ein Schiff, das abgelegt hat. Alle Schotten dicht. »Das darf nicht wahr sein.« Mein Debüt! Meine Kritik! Hilfe! Da erreichte ich den Künstlereingang. Ich stand in Flammen.

Ich erklärte dem Pförtner, die Klotür habe geklemmt und ich sei ein Kritiker aus Hannover. Er sah nur einen wahnsinnigen jungen Mann und rief eine Dame herbei. Ich konnte vor Aufregung kaum sprechen. »Klotür«, log ich stammelnd, »Kritiker«, keuchte ich die reine Wahrheit heraus; sie glaubte wohl eher das erste als das zweite, sah aber, dass es ein Leben zu retten galt. Aus Mitleid wissend. Sie führte mich durch Labyrinthe, während von fern das Orchester wogte wie ein Weltmeer, zum Raum ward hier die Zeit, und stieß den Spätling ins dröhnende Dunkel. In den Zuschauerraum. »Wie kommen Sie denn hier rein?!«, zischte eine Platzanweiserin und presste mich in einen Notsessel.

»Die Zeit ist da. Schon lockt mein Zauberschloss den Toren«, erklärte Klingsor gerade. »Mamma mia«, flüsterte ich und grinste im Dunkeln.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
151 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783866741942
Telif hakkı:
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