Kitabı oku: «Wer fühlt, was er sieht, der tut, was er kann»

Yazı tipi:

VOLKER HALFMANN

SCM R.Brockhaus ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-417-22994-3 (E-Book)

ISBN 978-3-417-26966-6 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck

© 2021 SCM Verlagsgruppe GmbH

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Internet: www.scm-brockhaus.de; E-Mail: info@scm-brockhaus.de

Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:

Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.

Weiter wurden verwendet:

LUT: Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. HFA: Hoffnung für alle ® Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis – Brunnen Basel

NGÜ: Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen, Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft

Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.grafikbuero-sonnhueter.de

Titelbild: © Bounce, Marsek (shutterstock.com)

Autorenfoto: © Michaela Heelemann

Lektorat: Christiane Kathmann, www.lektorat-kathmann.de

Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach

Wahrhaft, Jesus, Angst überkommt mich,

wenn ich auf mein Elend schaue,

doch gleichzeitig beruhige ich mich,

wenn ich auf Deine unergründliche Barmherzigkeit sehe,

die um die ganze Ewigkeit größer ist als mein Elend.

Schwester Maria Faustyna Kowalska1

Die Kirche ist nicht auf der Welt, um zu verurteilen,

sondern um den Weg zu bereiten

für die ursprüngliche Liebe,

die die Barmherzigkeit Gottes ist.

Damit dies geschehen kann,

müssen wir hinausgehen auf die Straße.

Hinaus aus den Kirchen und Pfarrhäusern,

um den Menschen dort zu begegnen,

wo sie leben, wo sie leiden, wo sie hoffen.

Papst Franziskus2

INHALT

Über den Autor

Prolog: Die Schnapsleiche am Wegesrand

Teil 1 »Unter die Räuber gekommen« – Warum wir Barmherzigkeit brauchen

1 | »Mein Lebensretter« – Weshalb mir dieses Buch so wichtig ist

2 | »Unter Räubern« – Wie schnell unsere Lebensträume zerplatzen

3 | »Mach es genauso« – Was Jesus von uns erwartet

4 | »Barmherzigkeit üben« – Weil die Not zum Himmel schreit

Teil 2 »Samariter-Style« – Wie Barmherzigkeit funktioniert

5 | »Gottes Herz« – Barmherzigkeit im Alten Testament

6 | »Umgedrehte Eingeweide« – Gottes Barmherzigkeit im Neuen Testament

7 | »Göttlicher Dreiklang« – Sehen, Fühlen, Handeln

8 | »Dein Reich komme« – Die Folgen der Barmherzigkeit

Teil 3 »Einfach vorbeigegangen« – Was Barmherzigkeit bremst

9 | »Fromme Barrieren« – Angst vor der Barmherzigkeit

10 | »Unter Verdacht« – Skepsis gegenüber der Barmherzigkeit

11 | »Harte Herzen« – Mangelnde Erfahrung von Barmherzigkeit

12 | »Sich festkrallen« – Das Risiko der Barmherzigkeit

Teil 4 »Imitatio Dei« – Wie wir barmherziger werden

13 | »Hungrig sein« – Die Sehnsucht nach der Barmherzigkeit

14 | »Leid erfahren« – Das Angewiesensein auf Barmherzigkeit

15 | »Schuld bekennen« – Das Leben aus der Barmherzigkeit

16 | »Wurzeln schlagen« – Der Herr der Barmherzigkeit

Teil 5 »Wer fühlt, was er sieht, der tut, was er kann« – Barmherzigkeit praktisch

17 | »Sieben Werke« – Barmherzigkeit im persönlichen Umfeld

18 | »Nachfolge 2.0« – Barmherzigkeit in der digitalen Welt

19 | »Salz und Licht« – Barmherzigkeit in Gesellschaft und Politik

20 | »I have a Dream« – Mein Traum von einer barmherzigen Kirche

Epilog: Die Glocke der Gleichgültigkeit

Vertiefende Literatur

Anmerkungen

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ÜBER DEN AUTOR


VOLKER HALFMANN ist Ehemann, Vater, Gotteskind, Chaot, Musiker, Fan von Progressive-Rock und der Fußball-Bundesliga. Außerdem arbeitet er als Pastor im Bund Freier evangelischer Gemeinden und als Suchtberater beim Blauen Kreuz. Er ist Jesus-Schüler mit Sprung in der Schüssel.

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PROLOG
DIE SCHNAPSLEICHE AM WEGESRAND

Inzwischen zitterte ich am ganzen Körper und spürte meine tiefgefrorenen Finger nicht mehr. Ich wollte nur noch eins: endlich am Ziel ankommen und mich dort aufwärmen!

Es war Sonntagmorgen und ich fuhr mit dem Motorrad von Hattingen nach Dortmund, um dort in der Freien evangelischen Gemeinde zu predigen. Die »Eisheiligen« hatten ganze Arbeit geleistet, denn über Nacht hatte es Frost gegeben, mitten im Mai 2012. Inzwischen waren es zwar zwei oder drei Grad »über 0«, doch für eine Fahrt mit dem Motorrad war dies noch immer mehr als grenzwertig.

»Der Weg ist das Ziel« – was für ein Blödsinn. Für mich war einzig das Ziel entscheidend dafür, durchzuhalten. Es fehlte nicht mehr viel. Laut Navi war ich nur noch fünf Minuten von einem Platz an der warmen Heizung entfernt. Ich wurde schneller und spähte unentwegt zum Straßenrand, um nicht geblitzt zu werden. Da sah ich auf dem Bürgersteig einen jungen Mann. Regungslos lag er da, neben sich eine leere Flasche.

Am Tag zuvor hatte der BVB zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte das Double geholt. Durch einen historisch hohen Sieg gegen den FC Bayern war der Dortmunder Fußballklub nicht nur Deutscher Meister, sondern nun auch Pokalsieger. In dieser fußballverrückten Stadt hatte das einen gewaltigen Freudenrausch ausgelöst – bei einigen der Fans leider verbunden mit einem ebenso gewaltigen Alkoholrausch. Auch dieser Typ am Straßenrand hatte es eindeutig übertrieben. Nun lag er da und schlief seinen Rausch aus. »Soll er doch«, dachte ich, »was hat das mit mir zu tun?«

Ich fuhr an ihm vorbei, blieb in Gedanken aber bei ihm. »Was soll da schon groß passieren?«, dachte ich. »Irgendwann wacht er auf, taumelt nach Hause und wirft sich eine Kopfschmerztablette ein. Wenn ich jetzt anhalte, dann muss ich vielleicht auf Hilfe warten und verpasse den Gottesdienst. Sicher kommt bald ein Fußgänger vorbei, der sich um ihn kümmern kann. Alles halb so wild …«

Doch während ich auf diese Weise versuchte, meine unterlassene Hilfeleistung zu rechtfertigen, kam mir auf einmal ein Gleichnis von Jesus in den Sinn, das im Evangelium nach Lukas überliefert ist und das ich schon seit meiner Kindheit kannte: das Gleichnis vom barmherzigen Samariter:

Ein Mensch ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel unter Räuber, die ihn auch auszogen und ihm Schläge versetzten und weggingen und ihn halb tot liegen ließen. Zufällig aber ging ein Priester jenen Weg hinab; und als er ihn sah, ging er an der entgegengesetzten Seite vorüber. Ebenso aber kam auch ein Levit, der an den Ort gelangte, und er sah ihn und ging an der entgegengesetzten Seite vorüber. Aber ein Samariter, der auf der Reise war, kam zu ihm hin; und als er ihn sah, wurde er innerlich bewegt; und er trat hinzu und verband seine Wunden und goss Öl und Wein darauf; und er setzte ihn auf sein eigenes Tier und führte ihn in eine Herberge und trug Sorge für ihn. Und am folgenden Morgen zog er zwei Denare heraus und gab sie dem Wirt und sprach: »Trage Sorge für ihn! Und was du noch dazu verwenden wirst, werde ich dir bezahlen, wenn ich zurückkomme.« 3

Sofort wurden mir die Parallelen klar: Ich bin keinen Deut besser als diese frommen Männer, die achtlos an einem hilflosen, mit dem Tode kämpfenden Mann auf ihrem Weg vorbeigehen! Das war keine Lappalie, denn auch die Schnapsleiche an meinem Wegesrand war vom Tod bedroht. Entgegen der landläufigen Meinung wärmt Alkohol den Körper nicht, sondern öffnet die Poren und lässt den Körper schneller auskühlen. Dadurch können Menschen, die im Rausch irgendwo im Freien eingeschlafen sind, über Nacht erfrieren. Daneben gab es für diesen jungen Mann noch eine weitere tödliche Gefahr: Sollte er sich im Schlaf von der Seite auf den Rücken drehen, so konnte er an seinem Erbrochenen ersticken (er wäre nicht der Erste). Es bestand also wirklich dringender Handlungsbedarf: Diesem Menschen musste sofort geholfen werden!

Schuldbewusst drehte ich um und fuhr zurück zu der Stelle, an der ich ihn gesehen hatte. Er lag noch immer dort und rührte sich nicht. Während ich versuchte, ihn zu wecken, kam ein Fußgänger und gemeinsam riefen wir einen Krankenwagen. Der Gottesdienst war plötzlich zweitrangig geworden.

Ich habe mich später nicht danach erkundigt, was aus ihm geworden ist, aber ich gehe sehr stark davon aus, dass er inzwischen wieder alle zwei Wochen kerngesund in der Nordkurve steht und seinen Verein anfeuert.

Dieses Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr Barmherzigkeit, doch wie Sie an dieser Geschichte sehen können, schreibe ich es mir auch selbst. Ich will barmherziger werden! Ich bin ein Mensch, der sich mit seinem zerbrechlichen und chaotischen Leben an Jesus hängt und ihm vertraut. Ich bin ein Jesus-Schüler. Und Jesus sagt unmissverständlich:

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! 4

An diesem einen Satz hängen für mich sowohl die Wirklichkeit als auch die Relevanz des christlichen Glaubens, denn ein Gott, der angesichts des zum Himmel schreienden Leidens seiner Kinder ungerührt auf dem Sofa liegen bleibt, ein solcher Gott hätte es nicht verdient, geliebt zu werden. Einzig ein barmherziger Gott ist auch ein liebenswürdiger Gott!

Zugleich weist uns diese Aufforderung von Jesus den Weg, auf dem die Barmherzigkeit Gottes zu den Notleidenden kommt, die sie so dringend brauchen: durch Menschen, die ihm nachfolgen, durch seine Schülerinnen und Schüler. Das aber bedeutet: Eine Kirche, die an den Leidenden am Wegesrand achtlos vorbeigeht, weil sie ständig mit sich selbst beschäftigt ist und ihr frommes Programm pflegt, eine solche Kirche hat es nicht verdient, beachtet und gehört zu werden. Einzig eine barmherzige Kirche ist auch eine glaubwürdige Kirche! Beim Thema »Barmherzigkeit« geht es somit um die Existenzberechtigung unseres Glaubens.

Darum lassen Sie uns gründlich prüfen, ob es wahr ist, dass wir einen Vater im Himmel haben, der barmherzig ist. Und wenn dies so ist, dann lassen Sie uns alles dafür tun, dass seine göttliche Barmherzigkeit unser Leben durchdringt und unsere Herzen erobert. Denn dann – und erst dann! – werden wir zu Nachfolgerinnen und Nachfolgern von Jesus, die Gottes Barmherzigkeit in diese Welt tragen, indem wir an den Notleidenden auf unserem Lebensweg nicht achtlos vorbeigehen. Bewegt von der Barmherzigkeit unseres himmlischen Vaters werden wir zu Menschen, die fühlen, was sie sehen.

Und wer fühlt, was er sieht, der tut, was er kann!

Volker Halfmann


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»MEIN LEBENSRETTER« – Weshalb mir dieses Buch so wichtig ist

Ein Mann befand sich auf der Straße von Jerusalem nach Jericho, als er von Räubern überfallen wurde. Sie raubten ihm seine Kleider und sein Geld, verprügelten ihn und ließen ihn halb tot am Straßenrand liegen.

Lukas 10,30

Barmherzigkeit hat mir das Leben gerettet

Auch ich bin »unter die Räuber« gekommen. Auf meinem Lebensweg gibt es Zeiten, in denen ich verprügelt und ausgeraubt am Wegesrand lag. Allerdings nicht physisch, sondern psychisch. Geraubt wurde mir nicht mein materieller Besitz, sondern meine Selbstachtung und mein Lebenswille.

Seit dem Beginn meiner Pubertät leide ich unter einer Zwangserkrankung, vor allem unter völlig irrationalen Zwangsgedanken und Ängsten, aber auch unter Zwangshandlungen, doch wirklich therapiert wurde diese Erkrankung erst, als ich 40 Jahre alt war. Die Jahre zuvor habe ich versucht, mich irgendwie über Wasser zu halten, vor allem mit der Betäubung meines kranken Gehirns durch Alkohol sowie der Übertönung meiner verrückten Gedanken durch laute Rockmusik. Eine Weile funktionierte das gut, doch dann geriet ich mehr und mehr in einen zerstörerischen Kreislauf aus Abhängigkeiten, Scham, Selbsthass und tiefer Depression, den ich in dem Buch »Mein goldener Sprung in der Schüssel« genauer beschreibe.

Meinen ersten Tiefpunkt erreichte ich im Herbst 2006 als Pastor der Freien evangelischen Gemeinde Karlstadt. Ich verachtete mich aus tiefstem Herzen und war der Überzeugung, mehr Schaden anzurichten als für irgendwen von Nutzen zu sein. Aus meiner Sicht war ich ein Stück Dreck und eine Zumutung für meine Mitmenschen. Die Bilanz der vergangenen Jahre sah für mich verheerend aus: 5

Als Gemeindepastor hatte ich total versagt. Trotz vieler Anstrengungen war es mir nicht gelungen, die Gräben zwischen den verfeindeten Geschwistern zuzuschütten und unter ihnen Versöhnung zu stiften.

Meine Gottesbeziehung war eine riesige Baustelle. Ich hatte viel mehr Fragen als Antworten und sah mich außerstande, weiter zu predigen.

Gemessen an meinem kranken Ideal hatte ich sieben Kilo Übergewicht und verachtete meinen Körper zutiefst. Inzwischen war ich nicht einmal mehr in der Lage, in den Spiegel zu schauen. Stattdessen fing ich wieder damit an, aus Frust zu essen und mein Essen anschließend zu erbrechen, da ich es als einen Angriff auf meinen Körper verstand.

In meinem Kopf war die Hölle los. Meine irrationalen Zwangsgedanken und Ängste sowie die ständigen Grübeleien machten es mir nahezu unmöglich, mich auf irgendetwas zu konzentrieren oder gar zur Ruhe zu kommen. Verzweifelt versuchte ich, dieser Hölle mit einer Mischung aus »Pink Floyd« und »Faxe«-Starkbier zu entfliehen, doch das gelang mir immer seltener.

Ich war ein Heuchler und Lügner. Über Wochen hatte ich meine Frau Claudia belogen und ihr vorgespielt, ich würde keinen Alkohol mehr trinken. Dabei konnte ich ohne diesen Stoff keinen einzigen Tag überstehen – deshalb versteckte ich meine Flaschen im Haus und trank dort immer wieder heimlich.

Ich war am Ende: am Ende mit meiner Selbstachtung, am Ende mit meinem Glauben, am Ende mit dem Versuch, zu funktionieren, und am Ende mit der Hoffnung, dass es für mich noch einmal besser werden könnte. Bei einem meiner Lieblingsautoren, Martin Walser, hatte ich den folgenden Satz gelesen: »Jedes Mal meint man, das Schlimmste sei vorbei. Das ist die Illusion, die das Leben verlängert. Das Schlimmste ist immer.« 6 Wenn das stimmte, warum sollte ich mein Leben dann noch verlängern? Wäre es nicht viel sinnvoller, dieser Illusion zu entfliehen und es schnell zu beenden?

Ich dachte darüber nach, wie ich mich umbringen konnte, ohne dass dies als Suizid erkennbar wäre. Während einer Fahrt nach Würzburg zu meiner Supervisionsgruppe kam mir schließlich eine Idee: Es müsste ein tragischer Motorradunfall sein, bei dem niemand anderes mit hineingezogen wurde. So etwas passierte ja leider immer wieder mal: Motorradfahrer kamen aufgrund überhöhter Geschwindigkeit von der Straße ab und verunglückten tödlich. Im nüchternen Zustand würde mir dazu sicherlich der Mut fehlen, aber zugedröhnt sollte dies möglich sein. In meinem Kopf war ich schon verdammt nah am Abgrund. Erschrocken über mich selbst ging ich in die Gesprächsgruppe und wagte dort einen verschlüsselten Hilferuf.

Wir sprachen über die schrecklichen Folgen, die ein Suizid für die Hinterbliebenen hat. Doch ich betonte, dass es durchaus Situationen und Schicksale geben kann, in denen ein Selbstmord nachvollziehbar ist, getreu dem Motto: »Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.« Dabei muss ich in meiner Argumentation wohl so verzweifelt gewirkt haben, dass unser Supervisor mich erschrocken ansah. Am Ende unserer Gruppensitzung nahm er mich beiseite und fragte mich sehr direkt, ob ich vorhätte, mir das Leben zu nehmen.

Es hätte damals eine Menge Gründe gegeben, mich einfach ziehen zu lassen. Schließlich war mein Supervisor ein viel beschäftigter Mann. Er arbeitete als evangelischer Seelsorger in einer großen Uniklinik und war zudem in mehreren Gremien sowie als Ausbilder von anderen Supervisoren aktiv. Was mich betraf, so gehörte ich als Freikirchler noch nicht einmal zu seinem Stall: »Sollen sich seine eigenen Leute um ihn kümmern!«, so hätte er sich sagen können. Doch eben das tat er nicht. Stattdessen nahm er sich meiner an. Warum? Weil er in der Lage war, genau hinzusehen. Und das, was er sah, ließ ihn nicht kalt, sondern berührte sein Herz.

Wer fühlt, was er sieht, der tut, was er kann.

Darum beschwor mich dieser Mann mit Tränen in den Augen, mein Leben nicht einfach wegzuwerfen. Am Ende unseres Gesprächs versicherte ich ihm, dass ich mir bei einem Psychologen in Würzburg professionelle Hilfe holen würde. Und als ich dann schließlich gehen wollte, lud er mich noch zum Mittagessen in die Kantine des Krankenhauses ein.

Für mich war diese Begegnung der erste und entscheidende Schritt auf einem langen Weg in die Freiheit. Es war die Barmherzigkeit meines Supervisors, die mich dazu bewog, diesen Schritt wirklich zu gehen, anstatt mich volllaufen zu lassen und mein Leben im wahrsten Sinne des Wortes vor die Wand zu fahren.

Barmherzigkeit hat mir das Leben gerettet!

Barmherzigkeit hat mir eine Zukunft eröffnet

Ich bin in meinem Leben immer wieder barmherzigen Samaritern begegnet: Menschen, die meine inneren Nöte gespürt haben und denen ich nicht egal war. Durch ihre Nähe, ihren Zuspruch und ihre praktische Hilfe konnte ich wieder aufstehen, wenn ich – an meiner Seele verwundet – am Boden lag und nicht mehr weiterwusste. Ohne diese Menschen würde es dieses Buch nicht geben, denn ohne ihre Barmherzigkeit würde es auch mich nicht geben – zumindest nicht so, wie ich heute bin und lebe.

Schon recht früh während meines Theologiestudiums wurde ich mit meinen Studienkollegen zu einem »missionarischen Praktikum« nach Mainz geschickt. Zu den Herausforderungen eines solchen Praktikums gehörten auch sogenannte evangelistische Straßeneinsätze: Wir machten in der Fußgängerzone durch kurze Theaterstücke auf uns aufmerksam und sprachen dann die neugierigen Passanten an, um ihnen von Jesus Christus zu erzählen. Für einen Menschen mit sozialen Ängsten und Zwangsstörungen ist solch ein Einsatz der ultimative Horrortrip. Dass ich dies irgendwie überstanden habe, habe ich einzig der Barmherzigkeit von Heiko zu verdanken, bei dem ich damals untergebracht war. Wenn ich mit verheulten Augen völlig in mich gekehrt in einer Ecke hockte, dann zog Heiko mich aus dem Loch der Depression: Er nahm mich in den Arm, brachte mich zum Lachen, betete für mich und sprach mir Mut zu. Durch seine barmherzige Zuwendung schaffte ich es, nicht aufzugeben.

Das Gleiche gilt für meine Zeit in Frankfurt am Main. In der dortigen Freien evangelischen Gemeinde absolvierte ich als Student ein sechsmonatiges Praktikum – und wäre an meinen zahlreichen Ängsten fast zerbrochen. Von Zeit zu Zeit schloss ich mich auf dem Klo ein, um dort unbemerkt zu weinen und mich den Fragen der Leute zu entziehen. In dieser Phase war es Felix, der mich wieder aufpäppelte. Bei ihm und seiner Frau fühlte ich mich geborgen und hatte keinerlei Ängste, verletzt oder beschämt zu werden. Ihre liebevolle Zuwendung und ermutigenden Rückmeldungen brachten mich letztlich zu der Ahnung, dass ich anderen Menschen tatsächlich etwas zu geben habe. Ohne ihre Barmherzigkeit hätte ich mein Praktikum abbrechen müssen. Doch dank ihrer Hilfe nahm ich auch diese Hürde und kam am Ende sogar ganz gut zurecht.

Während meiner ersten Stelle als Pastor in Oberursel wurde ich in einen fetten Konflikt zwischen einzelnen Gemeindemitgliedern verwickelt, bei dem es sowohl um Macht und Anerkennung als auch um die zukünftige Ausrichtung der Gemeinde ging (das war in der Zeit, in der eine Gemeinde bereits als »charismatisch« galt, wenn sie die Lieder im Gottesdienst nicht aus Liederbüchern singen ließ, sondern stattdessen einen Overheadprojektor verwendete, um die Texte an die Wand zu projizieren). Da es sich um eine Krankheitsvertretung und befristete Anstellung handelte, wohnten meine Frau Claudia und ich zunächst nicht in einer eigenen Wohnung, sondern bei Helmut und Sabine. Helmut war Mitglied der Gemeindeleitung und eben dieser Umstand bewahrte mich davor, bereits nach wenigen Wochen zu scheitern. Denn bevor Helmut mich überhaupt kannte, hatte er sich bereits fest vorgenommen, den zukünftigen Pastor nach allen Kräften zu unterstützen und ihm zur Seite zu stehen.

Durch Helmut habe ich letztlich begriffen, was die Bibel mit dem Begriff »Erwählung« meint. Und während ich mich durch diese erste schwere Zeit quälte, war es seine Barmherzigkeit, die mich davor bewahrte, einfach alles hinzuschmeißen. Seine Frau und er gehören zu den Menschen, die sehr genau hinsehen – und die fühlen, was sie sehen. Das Leid ihrer Mitmenschen geht ihnen zu Herzen, sodass sie sich mit allen Kräften einsetzen, um zu trösten, zu ermutigen, zu verbinden und zu heilen. Für eine geschundene Seele sind solche Menschen Balsam. Und das waren sie auch für mich. Wie oft haben sie mich bestätigt, beraten, gesegnet oder einfach in den Arm genommen.

Und noch eine barmherzige Samariterin gilt es zu nennen, durch die ich heute dieses Buch schreiben kann: meine Frau Claudia. Ich weiß, dass sie dies überhaupt nicht gerne mag, denn Claudia ist – wie jeder Mensch – nicht perfekt. Und sie weiß um ihre Schwächen. Darum mag sie es nicht, wenn andere auf sie das Bild einer tadellosen, vorbildlichen Heiligen projizieren. Ich kann Ihnen versichern: Das ist sie nicht! Dennoch war es an der entscheidenden Stelle meines Lebens ihre Barmherzigkeit, die mich ermutigt hat, mir helfen zu lassen, statt mich einfach aufzugeben.

Bedingt durch die psychische Erkrankung sowie meine Alkoholabhängigkeit erhielt ich später von der Arbeitsagentur die Möglichkeit einer Umschulungsmaßnahme. So zogen wir als Familie von Unterfranken ins Ruhrgebiet und ich begann mit einer Ausbildung zum Medienkaufmann. Als dann jedoch immer klarer wurde, dass ich den mir anvertrauten Aufgaben nicht gewachsen war und mein Ausbildungsbetrieb keinen dauerhaften Arbeitsplatz für mich haben würde, kam es bei mir zu einem seelischen und körperlichen Zusammenbruch. Mein Alkoholkonsum geriet völlig außer Kontrolle und am Ende fand ich mich in der Psychiatrie wieder. Dieser zweite Tiefpunkt war für mich noch entsetzlicher als der erste, denn schließlich hatte ich eine Chance bekommen, mein Leben in den Griff zu kriegen – und nun hatte ich es völlig verkackt.

Ich weiß, dass meine Frau damals nicht nur besorgt um mich war, sondern auch enttäuscht und wütend – und das völlig zu Recht. Ich hatte unsere Zukunftsträume vor die Wand gefahren, sie immer wieder belogen und tief verletzt. Ich hätte es darum sehr gut verstanden, wenn sie sich von mir abgewendet hätte, um sich selbst zu schützen. Doch das tat sie nicht. Stattdessen blieb sie an meiner Seite und unterstützte mich, wo immer sie konnte.

Ich werde nie vergessen, wie wir gemeinsam durch unseren damaligen Wohnort Hattingen-Welper spazierten (wir gingen über den Friedhof – ein Ort, an dem man wirklich zur Ruhe kommt und zudem an die eigene Sterblichkeit erinnert wird). Einige Tage zuvor hatte Claudia mich mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gebracht und nun sprachen wir darüber, wie es mit mir weitergehen sollte. Ich empfand eine abgrundtiefe Scham und Ekel vor mir selbst. Und Claudia packte mich nicht in Watte. Vielmehr erklärte sie mir klipp und klar, dass sie nicht länger bereit sei, dies alles mitzumachen. Doch dann kam ein Satz, der sich mir sehr tief eingeprägt hat: »Volker, Gott hat dich nicht aufgegeben, ich habe dich nicht aufgegeben und du solltest dich auch nicht aufgeben!«

Damals hatte ich keinerlei Perspektive für mein Leben, aber durch die Zuwendung meiner Frau schöpfte ich neue Hoffnung.

Barmherzigkeit hat mir eine Zukunft eröffnet!

Barmherzigkeit hat mir Gottes Liebe gezeigt

Ich habe mir Gott nicht ausgesucht, er war einfach da, immer schon. Die Verkündigung dieses Gottes gehörte für meine frühkindliche Seele zu den Grundnahrungsmitteln, ich habe ihn gleichsam mit der Muttermilch aufgesogen. Doch für meine traumatisierte Seele war diese Milch das reinste Gift. Aufgrund meiner Zwangserkrankung entstand in mir ein furchtbares Gottesbild, das mir das Leben zur Hölle machte. Für mich war Gott ein grausamer und gnadenloser Sklaventreiber. Einer, der mich, ohne mit der Wimper zu zucken, auspeitschen würde, sobald ich einen Fehler machte. Beispiele seines schrecklichen Zorns gab es ja im Alten Testament zur Genüge.

Dennoch wäre ich damals nie auf den Gedanken gekommen, vor diesem Gott zu fliehen, um mein eigenes Leben zu leben. Denn wohin sollte ich denn fliehen, wenn er mich von allen Seiten umgab und sogar alle meine kranken und gotteslästerlichen Gedanken kannte? 7 Ich war mir sicher: Einen solchen Fluchtversuch hätte ich wie seinerzeit der Prophet Jona mit einer persönlichen Katastrophe bezahlt.

Also blieb ich über viele Jahre bei Gott und wurde sogar seine Stimme: Ich ließ mich zum Pastor ausbilden und übte diesen Beruf knapp 15 Jahre lang aus. Doch dann wurden meine psychischen Probleme so stark und die Abhängigkeit vom Alkohol so offensichtlich, dass ich eine Auszeit brauchte. So ging ich für mehrere Wochen in eine psychosomatische Klinik, die sich auf die Arbeit mit Suchtkranken spezialisiert hatte. Durch die Therapie kamen meine verdrängten Gefühle immer stärker an die Oberfläche, vor allem der über Jahre gebunkerte Zorn. Schon lange brodelte es in mir wie in einem Vulkan, in der Klinik kam es schließlich zum Ausbruch.

Der Gott, den ich bis dahin gekannt hatte, hatte mir die Luft zum Atmen genommen und mein Leben immer wieder klein gemacht. Als mir dies so richtig bewusst wurde, kannte mein Zorn keine Grenzen mehr. Auf Anraten meines Therapeuten schrieb ich einen Brief an Gott, in dem ich radikal und schonungslos mit ihm abrechnete. Ich schickte diesen Brief sogar an eine christliche Zeitschrift in der Hoffnung, dass er veröffentlicht würde (was zwei Jahre später tatsächlich geschah) 8. Und als ich die Klinik endlich einmal für ein paar Stunden verlassen durfte, fuhr ich sofort in die Großstadt, klaute bei »H&M« ein Herrenarmband aus Leder und hielt es diesem Gott triumphierend vor die Nase: »Siehst du und begreifst du endlich, dass du mich nicht mehr kleinkriegst mit deinen endlosen Geboten und Strafandrohungen? Es ist ein für alle Mal vorbei. Ich lasse mich von dir nicht mehr einschüchtern. Ich lebe jetzt ohne dich!«

Zugleich hatte ich jedoch schreckliche Angst, dass dieser grausame Himmelsdespot irgendwann erbarmungslos zurückschlagen würde. Er würde mich hart strafen für meinen Ausbruch. Und ich wusste, dass er mich am empfindlichsten treffen konnte, wenn er nicht mir etwas antat, sondern stattdessen meiner Familie – meiner Frau oder meinen Kindern. Ich rechnete mit dem Schlimmsten und wollte doch nie mehr zurück zu diesem furchtbaren Gott. Kurze Zeit nachdem ich aus der Klinik entlassen worden war, beantragte ich bei der Arbeitsagentur die schon erwähnte Umschulung und versuchte, diesen Gott aus meinem Leben zu verbannen. Ich wollte endlich mein eigener Herr sein.

In der Folgezeit blieben die von mir befürchteten Plagen Gottes aus. Stattdessen erfuhr ich sehr viel Gutes: So wohnten wir in einem perfekten kleinen Zechenhaus, von dem aus ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren konnte. Meine Frau fand eine Arbeitsstelle als Erzieherin und ich eine ortsnahe Selbsthilfegruppe, in der ich herzlich aufgenommen wurde. Unsere Kinder kamen im Kindergarten und in der Schule immer besser zurecht und schlossen neue Freundschaften. Es ging uns wirklich gut in dieser Zeit. Dennoch scheiterte ich am Ende kläglich mit dem Versuch, mein Leben aus eigener Kraft wieder auf die Reihe zu kriegen. Ich hatte einen Rückfall, landete in der Psychiatrie und heulte mir die Augen aus.

Wieder einmal dachte ich darüber nach, meinem Leben ein Ende zu setzen. Nachdem meine Familie mich besucht hatte, ging ich in die Kapelle der Klinik und schrie mit dem Mut der Verzweiflung um Hilfe. Alle meine Fragen und Zweifel zählten in dieser Situation nicht mehr. Wie der blinde Bartimäus schrie ich zu Jesus: »Herr, erbarme dich meiner!«

Was daraufhin geschah, hat sowohl mein Gottesbild als auch mein Leben verändert: Ich habe Gottes Barmherzigkeit erfahren! Gott hörte mein Schreien und zog mich aus dem Schlamm. Er verband meine inneren Wunden, erfüllte mein nach Liebe und Annahme suchendes Herz und gab mir die Kraft, wieder aufzustehen. 9

Heute weiß ich, dass Gott fühlt, was er sieht, und darum tut, was er kann. Deshalb bekenne ich gemeinsam mit König David: »Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und voll großer Gnade« (Psalm 103,8). Es ist wirklich erstaunlich, aber inzwischen liebe ich diesen Gott, der mir in Jesus begegnet, weil ich durch seine konkrete Hilfe am eigenen Leib und in der eigenen Seele erfahren habe, wie leidenschaftlich er mich liebt.

Barmherzigkeit hat mir die Liebe Gottes gezeigt!

Barmherzigkeit hat mir meine Schuld vergeben

Im Laufe der Jahre musste ich erkennen, dass ich nicht nur das arme Opfer bin: das Opfer meiner Erziehung, meines evangelikalen Umfelds, meiner psychischen Erkrankungen oder der widrigen Umstände in meiner frühen Kindheit. Das alles hat mich ohne jeden Zweifel entscheidend geprägt und beeinflusst, aber dennoch bin ich zugleich auch Täter, denn ich habe in meinem Leben oft gegen meine Erkenntnis und gegen mein Gewissen gehandelt, indem ich die falschen Entscheidungen getroffen habe. Ich wurde nicht nur gelebt, sondern ich habe gelebt – und bin schuldig geworden an den Menschen, die ich doch so sehr liebe: an meiner Frau und meinen Kindern. Hinzu kommt das, was ich ihnen schuldig geblieben bin, weil ich ständig nur mit mir selbst beschäftigt war. Ich trage eine Verantwortung für mein Handeln. Diese Last wog schwer, so schwer, dass ich darunter fast zusammenbrach.

Mir ist völlig klar, dass ich als Zwangserkrankter oft ein überstrenges Gewissen habe, und dass es nicht nur echte, sondern auch falsche Schuldgefühle gibt. 10 Doch jenseits meiner ungerechtfertigten Selbstzerfleischung bleibt immer noch ein gewaltiger Teil an Schuld in meinem Leben, der sich nicht relativieren und auch nicht wegtherapieren lässt. Und eben unter diesem Teil litt ich. Wieder und wieder schaute ich zurück und musste feststellen, dass ich meine früheren Fehlentscheidungen nicht rückgängig und meine Versäumnisse nicht ungeschehen machen konnte. Was geschehen war, war geschehen. Aber wie konnte ich damit leben?

König David betete: »Als ich mich weigerte, meine Schuld zu bekennen, war ich schwach und elend, dass ich den ganzen Tag nur noch stöhnte und jammerte. Tag und Nacht bedrückte mich dein Zorn, meine Kraft vertrocknete wie Wasser in der Sommerhitze« (Psalm 32,3-4). Ich verstehe ihn gut, denn auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass die schwere Belastung des Gewissens durch eigene Schuld letztlich zu psychosomatischen Symptomen führen kann. Ich war ebenfalls fix und fertig und spürte meine Schuld am ganzen Körper.

Es war Gottes Barmherzigkeit, die mich von meiner Last befreit hat. Als ich nicht mehr weiterwusste, entschloss ich mich, zu beichten. Ich nannte vor einem anderen Menschen meine Schuld ungeschönt beim Namen, ich bekannte sie. Das fiel mir nicht leicht, ganz im Gegenteil. Ich schämte mich abgrundtief und heulte während meines Bekenntnisses Rotz und Wasser. Aber diese Beichte befreite mich. Gemeinsam mit meinem Beichtvater betete ich und bat um Vergebung – und er wiederum sprach mir diese Vergebung im Namen von Jesus zu und stellte mich unter Gottes Segen.

Als ich später nach Hause fuhr, hätte ich das Auto eigentlich nicht gebraucht: Ich hätte fliegen können, so leicht fühlte sich mein Leben an.

Barmherzigkeit hat mir meine Schuld vergeben!

Die Sprache der Barmherzigkeit sprechen

In meinem Leben gab es immer wieder barmherzige Samariter: Frauen und Männer, denen meine Not zu Herzen ging, sodass sie nicht einfach achtlos an mir vorübergingen, sondern mich verbanden und versorgten. Und ich kann es nicht oft genug betonen: Ohne diese Samariter gäbe es mich heute nicht!

Der Theologe und Psychologe Wunibald Müller schreibt:

Niedergehalten von Selbstzweifeln, Schuldgefühlen, der täglichen Erfahrung von Unzulänglichkeit und Fehlerhaftigkeit, sind wir auf Barmherzigkeit angewiesen, sehnen wir uns immer wieder nach der gnadenvollen Erfahrung von Barmherzigkeit. Sind es doch die Momente, in denen wir uns wie befreit und erlöst fühlen von so manchen Lasten, die schwer auf uns drücken. 11

Eine solche gnadenvolle Erfahrung habe ich gemacht. Eben darum ist mir dieses Thema so wichtig, denn es gibt in unserem persönlichen Umfeld sehr viele Menschen, die in ihrem Leben verletzt, erniedrigt und ausgeraubt wurden. Menschen, die halb tot an unserem Wegesrand liegen und denen wir der oder die Nächste sein können. Diese Verwundeten brauchen zunächst nicht unsere moralischen Urteile, nicht unsere tollen Ratschläge und auch nicht unsere wohl formulierten Handzettel. Was sie zuerst und vor allen Dingen brauchen, ist unsere Barmherzigkeit! Sie brauchen jemanden, der fühlt, was er sieht, und darum tut, was er kann – eine Samariterin oder einen Samariter, der sie aufrichtet, die Wunden reinigt und verbindet, ihnen zur Seite steht, sie auf dem Weg der Heilung begleitet und ihnen so ihre Würde zurückgibt und neues Leben ermöglicht.

Es ist meine tiefste Überzeugung: Wir werden die Menschen um uns herum nur dann mit der frohen Botschaft von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, erreichen, wenn wir ihnen mit Barmherzigkeit begegnen. Der von mir sehr geschätzte Papst Franziskus drückt dies sehr treffend und leidenschaftlich aus:

Wir brauchen Christen, die für die Menschen unserer Zeit die Barmherzigkeit Gottes und seine Zärtlichkeit allen Geschöpfen gegenüber sichtbar machen. Wir alle wissen, dass die derzeitige Krise der Menschheit nicht nur oberflächlich ist, sie geht in die Tiefe. Aus diesem Grund muss sich die Neuevangelisierung der Sprache der Barmherzigkeit bedienen, während sie dazu aufruft, den Mut zu haben, gegen den Strom zu schwimmen, sich von den Götzen zum einzig wahren Gott zu bekehren – einer Barmherzigkeit, die zuerst aus Gesten und Haltungen besteht und erst dann aus Worten. Die Kirche sagt mitten unter den Menschen von heute: Kommt alle zu Jesus, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe schaffen (vgl. Matthäus 11,28-30). Kommt zu Jesus. Er allein hat Worte des ewigen Lebens. 12

Indem wir die Sprache der Barmherzigkeit sprechen, tun wir letztlich nichts anderes, als dem Vorbild unseres Vaters im Himmel zu folgen, so wie es Jesus Christus von uns erwartet, wenn er sagt: »Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!« 13.

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»UNTER RÄUBERN« – Wie schnell unsere Lebensträume zerplatzen

Ein Mann befand sich auf der Straße von Jerusalem nach Jericho, als er von Räubern überfallen wurde. Sie raubten ihm seine Kleider und sein Geld, verprügelten ihn und ließen ihn halb tot am Straßenrand liegen.

Lukas 10,30

Barmherzigkeit kennt keine Auswahlkriterien

Wörtlich sagt Jesus: »Ein Mensch (ἄνθρωπός) ging hinab von Jerusalem nach Jericho.« Für die damaligen Hörer ist sofort klar: Bei diesem Menschen muss es sich um einen Mann handeln, da eine Frau diesen Weg niemals allein gehen würde. Zudem wird es sich um einen Juden handeln, denn er geht von der Hauptstadt Israels hinab in die bedeutende jüdische Stadt Jericho – ein Weg, der zu 95 Prozent von Juden genutzt wurde.

Auch wir haben vermutlich gleich ein Bild vor Augen, wenn wir diese Erzählung hören, und das ist völlig in Ordnung. Nur dürfen wir dabei nicht vergessen, dass Jesus hier sehr bewusst offenlässt, um wen genau es sich bei dem Reisenden handelt. Es ist einfach ein Mensch – und das bedeutet: Seine Herkunft und soziale Stellung sind ebenso bedeutungslos wie sein Geschlecht oder seine Hautfarbe. Jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes, ist sein Ebenbild. Jeder Mensch ist von Gott geliebt und gewollt – das gibt ihm seine unantastbare Würde. Und wenn ein solcher Mensch unsere Hilfe benötigt, weil er sich in einer Notlage befindet, dann hat er genau diese Hilfe zu erhalten – unabhängig von seiner Nationalität, seinem sozialen Milieu, seiner Religion oder seinen Überzeugungen.

Barmherzigkeit kennt keine Auswahlkriterien – Gottes Barmherzigkeit nicht, und unsere sollte sie auch nicht kennen! Letztlich ist es nicht einmal entscheidend, ob der notleidende Mensch seine schlimme Lage selbst verschuldet hat. Wer seelisch oder körperlich verblutet, braucht keine Moralpredigten und Ratschläge, sondern lebensrettende Erste-Hilfe-Maßnahmen!

Der Abstieg von Jerusalem hinab nach Jericho ist ein Trampelpfad, der sich über rund 27 Kilometer erstreckt und dabei durch die Judäische Wüste führt, eine Gegend voller Steine und Geröll mit zahlreichen Höhlen und unübersichtlichen Abzweigungen. Hier lebte (oder besser hauste) zur Zeit von Jesus ein Teil der verelendeten Landbevölkerung und versuchte, sich durch regelmäßige Raubzüge das Überleben zu sichern.

Bereits der Einstieg in den über eintausend Höhenmeter hinabführenden Pfad wurde die »Blutsteige« genannt, da jeder wusste, dass hinter diesem Einstieg die Gefahr lauerte. Diesen Weg alleine zu gehen war also ziemlich verantwortungslos – es war geradezu eine Einladung, überfallen zu werden. Und eben dies könnte man unserem Reisenden natürlich vorwerfen, als er blutüberströmt und halb tot am Wegesrand liegt: »Wie kann man nur so blöd sein und sich in eine solche Gefahr begeben? Jeder weiß doch, dass es in dieser Gegend von Räubern nur so wimmelt. Tja, mein Freund, nun musst du selbst schauen, wie du hier wieder rauskommst. Wer nicht hören will, der muss halt manchmal fühlen.« So in etwa würde die typische Reaktion eines Besserwissers lauten, der selbst über jeden Fehler erhaben erscheint und den das Leid des Überfallenen völlig kaltlässt. Der Barmherzige jedoch verzichtet auf solche Belehrungen und tut stattdessen das, was wirklich vonnöten ist: Er packt an, um zu helfen und Leben zu retten.

Barmherzigkeit kennt keine Auswahlkriterien, sie gilt auch jenen, die ihr Leiden selbst verschuldet haben! Wer sich mit dieser Vorstellung schwertut, der sollte sich von Zeit zu Zeit daran erinnern, dass Gottes Barmherzigkeit genauso handelt. Auch sie gilt jenen Menschen, die sich durch ihren Ungehorsam und ihr unachtsames Verhalten selbst in Todesgefahr begeben haben. Wer darum heute als Christ lebt, wer Jesus Christus nachfolgt und Gott seinen Vater nennt, der kann dies nur, weil Gott eingegriffen und angepackt hat, indem er in Jesus Mensch geworden ist und die Welt mit sich versöhnt hat: »Gott ist so barmherzig und liebte uns so sehr, dass er uns, die wir durch unsere Sünden tot waren, mit Christus neues Leben schenkte, als er ihn von den Toten auferweckte. Nur durch die Gnade Gottes seid ihr gerettet worden!« 14

Das Kennzeichen von Gnade ist, dass man sie nicht verdient hat und sie sich auch nicht verdienen kann. Gottes Barmherzigkeit gilt uns gerade nicht, weil wir so tadellos wären, dass er einfach nicht anders kann, sondern weil er unser Elend gesehen hat und ihm das, was er gesehen hat, zu Herzen gegangen ist.

Persönliche Schicksale

Jeder von uns ist früher oder später auf Barmherzigkeit angewiesen. Mir ist noch kein Mensch begegnet, der nicht an irgendeiner Stelle seines Lebensweges »unter die Räuber« gekommen wäre, wobei diese Räuber sehr verschieden aussehen können. Hier nur eine kleine Auswahl von Menschen, denen ich begegnet bin und die sich ihr Leben eigentlich ganz anders vorgestellt hatten:

Ich stehe in der Halle des Hamburger Hauptbahnhofes und frage mich, was ich mit den verbleibenden zweieinhalb Stunden machen soll, da fällt mein Blick auf Georg. Der alte Mann hockt in einer offenen Fotokabine, stützt sich auf seinen Handwagen und kämpft gegen den Schlaf. Sein verwahrlostes Erscheinungsbild deutet darauf hin, dass er auf der Straße lebt und hier im Bahnhof Pfandflaschen sammelt. Sein Anblick geht mir zu Herzen; deshalb gehe ich zu ihm und frage ihn, ob er Lust hat, mit mir zu essen. Zunächst ist er misstrauisch, doch nach ein paar Erklärungen sagt er schließlich zu. In den kommenden zwei Stunden erfahre ich durch Georg sehr viel darüber, wie schnell die eigenen Lebensträume zerplatzen können.

Georg ist 71 Jahre alt und lebt seit sieben Jahren auf der Straße. Aufgrund seines schlurfenden Gangs hatte ich zunächst gedacht, er sei alkoholisiert, doch das ist nicht der Fall. Georg leidet unter »MG« (Myasthenia gravis), einer seltenen neurologischen Erkrankung, die zu Lähmungen führt und von den Augen auf den ganzen Körper übergehen kann. Wenn dies der Fall ist, sind die Chancen auf eine Heilung gering, vor allem dann, wenn die Krankheit erst relativ spät diagnostiziert wurde. Und genau dies ist bei Georg der Fall. Aufgrund seiner Lähmungserscheinungen musste er seinen Beruf als Technischer Zeichner aufgeben, doch lange Zeit konnte keine Ursache gefunden werden. In seiner Verzweiflung betäubte er sich mehr und mehr mit Alkohol, was schließlich zur Trennung von seiner Frau führte.

Georg ist der typische Fall eines Menschen, bei dem es kein Schwarz oder Weiß, kein Gut oder Böse gibt. Er ist eindeutig »unter die Räuber« gekommen, hat aber infolgedessen auch eigene Fehler gemacht. Er hat sein Leben vor die Wand gefahren. Hier, im Bahnhof, darf er in einem gekennzeichneten Wartebereich von Mitternacht bis morgens um 5 Uhr übernachten, danach schlurft er durch die Gegend auf der Suche nach einem Platz, an dem er ungestört die vorbeihetzenden Geschäftsleute beobachten kann. »Alles ist schneller, hektischer und unpersönlicher geworden«, meint Georg. Dennoch steckt ihm von Zeit zu Zeit jemand ein paar Euro zu und Georg ist sich sicher, dass dies an seiner freundlichen Ausstrahlung liegt.

Während wir uns unterhalten, kommt Mareike zu uns, um von Georg eine Zigarette zu schnorren. Mareike ist voll bis unter die Haarspitzen und kann sich nur noch schwer artikulieren. Wenn es stimmt, was sie mir erzählt, dann hat sie vor zwei Jahren ihren Mann durch einen tragischen Autounfall verloren – da waren sie gerade mal zehn Wochen verheiratet. Das hat sie völlig aus der Bahn geworfen. Inzwischen ist sie im Methadon-Programm und muss sich jeden Tag die fünf Euro Rezeptgebühr erbetteln.

Während sie das erzählt, knufft Georg mich in die Seite und gibt mir ohne ein Wort zu verstehen: »Komm schon, Kumpel, die fünf Euro kannst du doch locker verkraften.« Also kaufe ich für alle eine Brezel sowie einen Kaffee und stecke Mareike auch noch die fünf Euro zu, worauf sie sich überschwänglich bedankt und mehrfach betont, ich hätte ihr den Tag gerettet. Etwas skeptisch frage ich mich, worin diese Rettung wohl konkret bestehen wird – aber dennoch habe ich das Gefühl, das Richtige getan zu haben.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich alles andere bin als die männliche Variante von Mutter Teresa. Solche Begegnungen wie die mit Georg und Mareike hatte ich bislang nicht sehr oft, da ich diese Menschen viele Jahre gar nicht wahrgenommen habe. Falls ich sie doch gesehen habe, so hat mich ihr Anblick wohl meistens kaltgelassen. Das hat sich erst in den letzten Jahren langsam verändert. Wenn ich heute durch eine Stadt wie Hamburg gehe, dann stelle ich erschrocken fest, wie weit die Schere zwischen Arm und Reich dort auseinandergeht. Während die Geschäftsleute mit ihren Business-Koffern zum nächsten Termin eilen, hocken in zahlreichen Hauseingängen Obdachlose in ihren Schlafsäcken und hoffen darauf, dass für sie ein paar Euro abfallen. Während japanische Touristen zur nächsten Sehenswürdigkeit geführt werden, torkelt eine Gruppe Betrunkener über die Straße und sorgt für ein Verkehrschaos. Ich will hier nicht schwarzmalen – diese Stadt hat sicherlich ihre liebenswerten Seiten. Doch wer die Augen nicht verschließt, der sieht auch sehr viel Elend: Drogenhandel, Obdachlosigkeit, Armut, Prostitution und Gewalt.

Ich bin kein Sozialromantiker! Mir ist völlig klar, dass es wesentlich mehr Anstrengungen braucht, als das, was ich getan habe, um diesen Menschen zu helfen. Auch ist mir bewusst, dass es vorschnelle Hilfeleistungen gibt, die im Ergebnis nach hinten losgehen und das Elend nicht verringern, sondern es geradezu fördern (vermutlich kennt jeder den Rat, einem Obdachlosen kein Geld zu geben, da er es an der nächsten Ecke versaufen wird). Das alles weiß ich. Dennoch kann ich an der Not dieser Menschen nicht länger achtlos vorbeilaufen. Und je mehr ich ihre Geschichten höre, umso mehr wird mir klar, dass es das Schicksal bislang recht gut mit mir gemeint hat (wobei ich als Christ wohl eher sagen würde, dass Gott mich reich beschenkt hat). Darum halte ich es für ein Gebot der Barmherzigkeit, etwas davon weiterzugeben.

Die vielen Argumente hingegen, mit denen wir zu erklären versuchen, warum eine spontane Hilfe ungenügend oder gar kontraproduktiv wäre, scheinen mir der hilflose Versuch zu sein, solche Menschen auf Abstand zu halten und sie mit reinem Gewissen links liegen zu lassen. Etwas Hilfe geht nämlich immer!

Im Wartebereich der Caritas-Kleiderkammer sitzt die junge Alia und schaut sich ängstlich in dem überfüllten Raum um. Sie ist seit vierzehn Monaten in Deutschland und kann sich mit ihren bislang erworbenen Deutschkenntnissen so einigermaßen verständigen. Durch Dritte erfahre ich von ihrer Geschichte – und die schnürt mir das Herz zusammen:

Alia stammt aus Syrien und war dort eine fleißige Schülerin, bevor sie aufgrund des Krieges gemeinsam mit ihrem Bruder nach Ägypten ziehen musste. Ohne Arbeitserlaubnis lebten sie dort am Rande der Gesellschaft und beschlossen, nach Europa zu fliehen, um dort ein neues Leben in Freiheit und Würde anzufangen. Nachdem sie all ihre Ersparnisse zusammengekratzt hatten, wurden sie von einer Schmugglerbande in ein völlig überfülltes Fischerboot gezwängt. Bereits nach wenigen Seemeilen ging das Benzin aus und immer mehr Wasser drang in das marode Boot. Die Kinder schrien in ihrer Todesangst und ihre Mütter fingen an, laut zu beten. Als das Boot schließlich sank, klammerte sich Alia, die nicht schwimmen konnte, verzweifelt an einen Rettungsring. In den nächsten Stunden musste sie mit ansehen, wie zahlreiche Flüchtlinge den Kampf ums Überleben verloren. Einige von ihnen zogen einfach ihre Rettungswesten aus und versanken im Meer. Unter ihnen war auch die Mutter des kleinen Esat. In dem Wissen, dass sie bald sterben würde, übergab sie ihren Sohn Alia und bat sie, sich um ihn zu kümmern. Zwei weitere Tage vergingen, in denen Alia versuchte, sich und den kleinen Esat über Wasser zu halten und die Hoffnung nicht aufzugeben. Schließlich wurden sie von einem Handelsschiff gesichtet und an Bord genommen. Wie durch ein Wunder überlebten Alia und der kleine Esat, doch bis zu fünfzig Menschen ertranken im Mittelmeer, darunter auch ihr Bruder.

Nun sitzt mir diese schwer traumatisierte junge Frau gegenüber, die verzweifelt versucht, das alles hinter sich zu lassen. Ob das ohne fachliche Hilfe gelingen kann – bei allem, was sie durchgemacht hat? Ich weiß es nicht, aber ich kann ihr an diesem Tag zumindest ein guter Zuhörer sein, jemand der sie willkommen heißt und ihr etwas Mut zuspricht. Auch das ist bereits ein kleiner Akt der Barmherzigkeit. Die weitaus größere Barmherzigkeit aber geht von den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern in der Kleiderkammer aus, die sich für Menschen wie Alia einsetzen, weil ihnen ihr Schicksal zu Herzen geht.

Als ich früher Zeitungen austrug, begegnete mir Elena. Morgens um vier Uhr stand sie auf ihrem Balkon und flehte mich an, ihr von der nächsten Tanke eine Flasche Wodka zu besorgen. Ich unterbrach meine Tour und ging zu ihr in die Wohnung, wo sie mir ihre Geschichte erzählte: Elena war über mehrere Jahre sexuell missbraucht worden, sowohl von ihrem Vater als auch von ihrem Onkel. Ihre Mutter wusste davon, doch sie war zu schwach, um etwas dagegen zu unternehmen. Mit den Jahren lernte Elena, den unerträglichen Schmerz in ihrer Seele zu betäuben und zu verdrängen. So wurde sie letztlich suchtkrank, abhängig von Medikamenten und vom Alkohol. Schon mehrmals war sie zur Entgiftung und in Therapie gewesen, doch immer zusammen mit Männern, die zu ihrem Täterkreis gehören könnten und ihr Leiden noch verstärkten. Es gibt Kliniken für traumatisierte Menschen und Kliniken für Alkoholkranke, aber die allerwenigsten von ihnen sind auf beides spezialisiert. Und so fand sie über Jahre nicht die passende Hilfe.

Damals war ich mit dieser Begegnung schlichtweg überfordert. Immerhin weigerte ich mich konsequent, ihr Alkohol zu besorgen. Stattdessen bot ich Elena an, sie in ein Krankenhaus zu fahren. Aber das lehnte sie kategorisch ab. Soweit ich mich erinnere, klingelte ich ein paar Tage später noch einmal bei ihr, doch da öffnete sie nicht.

Mir ist jedoch in lebhafter Erinnerung geblieben, wie urplötzlich auf meinem Lebensweg Menschen auftauchen können, deren Lebensträume zerplatzt sind, weil sie unter die Räuber gekommen sind: Menschen, die geschlagen und erniedrigt wurden und die man halb tot zurückgelassen hat. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist viel mehr als ein literarisches Meisterwerk, es ist die bittere Wahrheit, die sich Tag für Tag tausendfach wiederholt.

Steffi ist Ende vierzig und hat vor Kurzem ihren Ehemann verloren. Nach zwei schweren Jahren mit Bestrahlungen, Chemotherapie und immer neuen Krankenhausaufenthalten hat der Krebs gesiegt und seinem Leben ein Ende gesetzt. Steffi ist am Ende und fällt in eine tiefe Depression. Wer ihr begegnet und die Fähigkeit besitzt, genau hinzuschauen, der sieht eine völlig verzweifelte Frau, die keinerlei Lebensmut mehr besitzt. Als sie ihren Mann kennenlernte, war er bereits an Krebs erkrankt, aber beide hofften auf Heilung und damit auf ein langes gemeinsames Leben. Doch diese Hoffnung wurde bitter enttäuscht. Inzwischen sind vier Wochen vergangen, seit ihr Mann beerdigt worden ist, und alle um sie herum gehen ihren gewohnten Alltagspflichten nach. Irgendwie scheint das Leben an ihr vorbeizulaufen. Was Steffi jetzt braucht, sind Menschen, die nicht achtlos an ihr vorübergehen, sondern fühlen, was sie sehen. Solche Menschen werden für sie da sein, sie besuchen und einfach zuhören.

Werke der Barmherzigkeit sind nicht immer aufwendig, ganz im Gegenteil: Oft sind es kleine Gesten der Zuwendung, die einen Leidenden wieder aufrichten können. Doch auch wenn sie noch so klein sind, sie geschehen nicht einfach von selbst, sondern kommen aus den Herzen von Menschen, die in der Lage sind, mitzufühlen.

Gudrun ist 83 Jahre alt und hat ihr halbes Leben in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung inmitten der Stadt verbracht, im Erdgeschoss eines vierstöckigen Mietshauses. Schon sehr viele Menschen hat sie in den vergangenen Jahren kommen und gehen sehen, doch sie ist immer geblieben. Warum soll sie auch woanders hin? Hier fühlt sie sich wohl, hier ist ihr Zuhause und hier wird man sie auch eines Tages raustragen müssen – so stellt sie sich das vor. Doch dann kommt ein Brief, der ihr den Boden unter den Füßen wegzieht. Bereits vor einigen Monaten hat man damit begonnen, das Haus zu renovieren: Da wurde irgendetwas am Dach gemacht und auch die Heizung schien wohl erneuert zu werden. »Soll mir nur recht sein«, dachte Gudrun, »vielleicht wird es dann ja mal richtig warm in meiner Wohnung.« Nie aber hätte sie sich träumen lassen, dass diese Arbeiten zur Katastrophe führen könnten, zur Katastrophe ihres drohenden Auszugs. In dem Brief steht schwarz auf weiß, dass sich ihre monatliche Miete um 260 Euro erhöhen wird – und dieses Geld hat sie nicht!

Gudrun ist am Boden zerstört und hat niemanden, an den sie sich wenden könnte. Mehr und mehr zieht sie sich zurück, grüßt nicht einmal mehr die netten jungen Leute von nebenan. Gudruns Hausarzt verschreibt ihr regelmäßig Schlaftabletten und da sie immer vorsorgt, hat sie inzwischen eine ganze Schublade voller Tabletten. Vermutlich wird man sie wirklich bald raustragen aus ihrer Wohnung. Es sei denn, es gibt in ihrem Umfeld Menschen, die sie wahrnehmen, ihre Verzweiflung sehen und daraufhin tun, was sie können, um ihr zu helfen.

Das Weinen lernen

Dennis ist elf Jahre alt und wurde schon mehrfach von der Polizei aufgegriffen. Er zeigt massive Verhaltensauffälligkeiten, ist aggressiv, hat eine sexualisierte Sprache und bedient sich bei seinen Schimpftiraden einiger Nazi-Ausdrücke. Ein Zuhause hat er nicht mehr, da seine Eltern inzwischen vor Gericht stehen – ihnen wird Verletzung der Fürsorgepflicht sowie schwere Misshandlung vorgeworfen. Als Dennis in staatliche Obhut gekommen ist, war sein Gesundheitszustand besorgniserregend: Er hatte zahlreiche Prellungen, war unterernährt, seine Kleidung war zerrissen, er war verlaust und seine Zähne waren allesamt stark von Karies befallen. Inzwischen geht es ihm körperlich deutlich besser, doch was ist mit seiner Seele? Was wird aus einem Kind, wenn es statt Liebe nur Prügel erhält? Sind solche seelischen Wunden überhaupt heilbar?

Seit ein paar Wochen besucht Dennis regelmäßig »Die Arche«, ein christliches Kinder- und Jugendhilfswerk mitten in der Stadt. Die Mitarbeitenden dort haben es nicht gerade leicht mit ihm. Dennoch investieren sie eine Menge Zeit, Kraft und Geld, um Kindern wie ihm zu vermitteln, dass sie einzigartige und geliebte Geschöpfe Gottes sind. Einrichtungen wie »Die Arche« werden getragen von Menschen, denen das Leid der Kinder zu Herzen geht und die noch nicht verlernt haben, zu weinen. Auch Papst Franziskus weist darauf hin, wie wichtig es ist, angesichts des Elends von Kindern weinen zu können:

Gewisse Realitäten des Lebens sieht man nur mit Augen, die durch Tränen reingewaschen sind. Ich lade jeden von euch ein, sich zu fragen: Habe ich gelernt, zu weinen? Habe ich gelernt zu weinen, wenn ich ein hungriges Kind sehe, ein Kind unter Drogeneinfluss auf der Straße, ein obdachloses, ein verlassenes Kind, ein missbrauchtes Kind, ein von der Gesellschaft als Sklave benutztes Kind? Oder ist mein Weinen das eigensinnige Weinen dessen, der weint, weil er gerne noch mehr haben möchte? Das ist das Erste, was ich euch sagen möchte: Lernen wir, zu weinen! …

Jesus – im Evangelium – hat geweint. Er weinte um seinen verstorbenen Freund. Er weinte in seinem Herzen um diese Familie, die ihre Tochter verloren hatte. Er weinte in seinem Herzen, als er die arme Witwe sah, die ihren Sohn zu Grabe trug. Er war innerlich bewegt und weinte in seinem Herzen, als er die Menschen wie Schafe ohne Hirten sah. Wenn ihr nicht lernt zu weinen, seid ihr keine guten Christen. Und das ist eine Herausforderung. Jun Chura und seine Gefährtin, die heute gesprochen haben, haben uns diese Herausforderung gestellt. Und wenn sie uns fragen: Warum leiden die Kinder? Warum geschieht dies oder jenes Traurige im Leben? – dann möge unsere Antwort entweder Schweigen sein oder ein Wort, das aus Tränen geboren ist. Seid mutig, habt keine Angst zu weinen! 15

Der Papst sagte diese Worte bei einer Begegnung mit Jugendlichen in Manila, doch leidende Kinder gibt es nicht nur auf den Philippinen, sondern ebenso in Berlin, Dortmund, Frankfurt, Wien, Zürich und vielen anderen Städten. Wer bereit ist, hinzuschauen, der wird sie sehen. Und wer fühlt, was er sieht …

Vom Affekt zum Effekt

Noch sehr viel mehr Menschen wären hier zu nennen. Menschen, die krank sind, einsam, traurig, verzweifelt, traumatisiert, misshandelt, erniedrigt oder verwahrlost. Manche von ihnen sind für ihr Leiden mit verantwortlich, da sie die falschen Entscheidungen getroffen haben – aber wer von uns handelt immer nur weise? Andere wiederum hatten nie eine reelle Chance, ihrem Schicksal zu entfliehen. So unterschiedlich diese Menschen auch sein mögen, so haben sie doch alle eines gemeinsam: Jeder von ihnen begegnet tagtäglich vielen anderen Menschen, denen es besser geht. Die meisten gehen achtlos an ihnen vorüber, doch ab und zu geschieht ein kleines Wunder: Jemand bleibt stehen, nimmt sie wahr, stellt kluge Fragen, hört aufmerksam zu, versucht zu verstehen und mitzufühlen. Und dann tut dieser Jemand einfach das, was getan werden muss, weil ihm das Leid zu Herzen geht.

Ich bin fest davon überzeugt, dass auch Ihr Leben gesäumt wird von Menschen, die ausgeraubt und blutend am Wegesrand liegen. Das Abenteuer der Barmherzigkeit kann da beginnen, wo Sie Jesus darum bitten, Ihnen ein barmherziges Herz zu schenken. Ein Herz, das die Notleidenden sieht und deren Leid ihm innere Schmerzen verursacht. Aufgrund dieser inneren Schmerzen werden Sie handeln und tun, was gerade dran ist – aus dem Affekt wird ein Effekt. Sie werden einen Besuch machen und ein guter Zuhörer sein. Sie werden in Ihre Geldbörse greifen und einen Schein herausholen. Sie werden Ihren Kleiderschrank durchforsten und sich von einigen guten Stücken trennen. Sie werden Ihre Rollläden hochziehen und Gäste beherbergen. Sie werden Essen kochen, in die Arme nehmen, die Zeit vergessen, Karten schreiben, Anrufe tätigen und vieles mehr – alles aus einem barmherzigen Herzen heraus. Ganz so, wie Jesus selbst es getan hätte.

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»MACH ES GENAUSO« – Was Jesus von uns erwartet

»Wer von den dreien war nun deiner Meinung nach der Nächste für den Mann, der von Räubern überfallen wurde?«, fragte Jesus. Der Mann erwiderte: »Der, der Mitleid hatte und ihm half.« Jesus antwortete: »Ja. Nun geh und mach es genauso.«

Lukas 10,36-37

Wer ist mein Nächster?

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter steht nicht im luftleeren Raum, sondern in einem ganz bestimmten Zusammenhang, den uns der Evangelist Lukas schildert:

Ein Mann, der sich im Gesetz Moses besonders gut auskannte, stand eines Tages auf, um Jesus mit folgender Frage auf die Probe zu stellen: »Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?« 16

Vermutlich kennen Sie das auch: Bestimmte Fragen stellen wir nicht deshalb, weil wir nach einer Antwort suchen, sondern aus völlig anderen Motiven. Manche Fragen werden gestellt, um Interesse zu heucheln, und andere, um sich eine unangenehme Wahrheit vom Leib zu halten. Bei der Frage des Gesetzeslehrers ging es darum, Jesus auf die Probe zu stellen und seine Rechtgläubigkeit zu testen. Wollte man heute eine Professorin für Theologie oder einen Pfarrer auf ihre Haltung zum Wort Gottes hin prüfen und aufs Glatteis führen, so würde man sie wohl eher danach fragen, wie sie zur biblischen Bewertung der Homosexualität stehen – damals jedoch war dies noch nicht so ein heiß diskutiertes Thema. Stattdessen wird Jesus nach der einen grundlegenden Norm gefragt, mit der sich das gesamte jüdische Gesetz zusammenfassen lässt – nach damaliger Lesart bestehend aus 248 Geboten und 365 Verboten. Eine knifflige und heikle Frage.

Jesus aber lässt sich nicht in die Ecke dessen drängen, der sich rechtfertigen muss. Stattdessen antwortet er mit einer Gegenfrage: »Was steht darüber im Gesetz Moses? Was liest du dort?« 17 Schließlich ist der Fragende ein Experte, da wird er doch wohl eine Antwort kennen!

Selbstverständlich kennt der Mann die Antwort, da er sich mit dieser Problemstellung schon länger befasst hat. Er antwortet mit dem Doppelgebot der Liebe (zusammengefasst aus 5. Mose 6,5 und 3. Mose 19,18): »›Du sollst den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit deiner ganzen Kraft und all deinen Gedanken lieben.‹ Und: ›Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.‹« 18

»Na also«, sagt Jesus sinngemäß, »warum fragst du mich dann überhaupt, wenn du die Antwort doch längst kennst? Halte dich daran und du wirst leben!« 19

Auf einmal ist es der Gesetzeslehrer, der sich genötigt fühlt, sich zu rechtfertigen. Helmut Gollwitzer bemerkt dazu treffend:

Er will sich gegen die Beschämung und Verlegenheit wehren – mehr noch: Er will seine vorherige Überlegenheit retten – mehr noch: Er will sich dem Gericht des Gebotes entziehen, vor dem er als der Nicht-Liebende steht. Er tut das mit einer Frage, die keineswegs aus der Luft gegriffen ist und gegen die nichts zu sagen wäre, wenn sie als echte Frage aus einem bedrängten Herzen käme: »Und wer ist mein Nächster?« 20

Damals wie heute wurde diese Frage wirklich diskutiert: »Wenn Gott uns zur Nächstenliebe auffordert, wer ist denn dann bitteschön unser Nächster? Gibt es eine Grenze der Nächstenliebe – und falls es sie gibt, wo genau verläuft diese? Wen muss ich lieben und wen nicht?«

Für das Judentum der damaligen Zeit war klar, dass auf jeden Fall jeder Volksgenosse ein Nächster war, doch schon bei den sogenannten »Proselyten« gab es Uneinigkeit. Das waren Menschen, die nicht als Juden geboren, sondern erst später zum Judentum hinzugekommen waren. Richtig hitzig wurde die Debatte, wenn es darum ging, ob das Gebot der Nächstenliebe auch für den Fremdling und den Feind gelten solle. Hier gab es verschiedene Auslegungen: eine verengende, die einzig im Volksgenossen einen Nächsten sah, und eine erweiterte, die das Gebot der Nächstenliebe auch auf den Fremden und den Feind bezog. Wer aber hatte nun recht und woran sollte man sich halten?

Aus heutiger Sicht ist es wohl eher die Globalisierung, die uns bei der Frage nach der Nächstenliebe zu schaffen macht. Da unsere Welt immer enger zusammengerückt ist, hören wir nicht mehr nur vom Leiden unseres Nachbarn, sondern auch von ertrinkenden Flüchtlingen im Mittelmeer und verhungernden Kindern im Jemen. Und damit fühlen wir uns oft überfordert, da wir schließlich nicht überall helfen können. Wer also ist heute unser Nächster?

Vom Objekt zum Subjekt

Über die Frage, ob denn die Nächstenliebe eine Grenze kennt, ließe sich lange diskutieren – so lange, dass bei den vielen tiefgründigen Gedanken die einfachen Taten in Vergessenheit geraten würden. Es gibt ein Theoretisieren, welches im Grunde nur dazu dient, uns die lästige Praxis zu ersparen. Doch bei Jesus kommt man damit nicht durch, denn »alle intellektuellen Fragen wandeln sich bei Jesus zu existenziellen, alle theoretischen zu praktischen, alle unechten zu echten.« 21

Das muss nun auch unser Gesetzeslehrer erfahren, denn Jesus fragt ihn: »Wer von den dreien war nun deiner Meinung nach der Nächste für den Mann, der von Räubern überfallen wurde?« 22 Und indem Jesus so fragt, dreht er die Fragestellung (»Wer ist mein Nächster?«) um: Auf einmal geht es nicht mehr darum, welcher der zahlreichen Menschen um mich herum mein Nächster ist, sondern darum, für welchen dieser Menschen ich zum Nächsten werde, weil ich an ihnen vorbeikomme und ihre Not nicht übersehe. Der Begriff des Nächsten wird bei Jesus nicht mehr als Objekt gefasst (einer, den ich mir aussuche), sondern als Subjekt: Nun bin ich der Nächste für den, der meine tatkräftige Hilfe braucht – so ist es gewissermaßen der Notleidende, der mich aussucht, indem er halb tot auf meinem Weg liegt.

Joachim Jeremias schreibt dazu:

Der Schriftgelehrte denkt von sich aus, wenn er fragt: Wo ist die Grenze meiner Pflicht (V. 29)? Jesus sagt ihm: denke von dem Notleidenden aus, versetz dich in seine Lage, überleg dir: Wer erwartet Hilfe von mir (V. 36)? Dann wirst du sehen, dass es keine Grenze für das Liebesgebot gibt! 23

Bei Jesus sind die Lösungen immer einfach – zumindest einfach zu verstehen: »Nun geh und mach es genauso!« 24

Die Erzählung vom barmherzigen Samariter ist kein typisches Gleichnis, bei dem die Bildhälfte einer noch zu deutenden Sachhälfte entspricht (wie etwa das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld 25), sondern es handelt sich hier um eine Beispielerzählung: Der barmherzige Samariter gibt uns ein Beispiel dafür, wo unsere Nächstenliebe gefordert ist und wie sie konkret aussieht. So einfach ist das: Jesus sucht Nachmacher – Menschen, die genau so handeln, wie dieser Samariter gehandelt hat.

Die Frage nach der Grenze der Nächstenliebe hat sich damit noch nicht erledigt, aber für unser tägliches Handeln tritt sie zunächst einmal in den Hintergrund, da wir genug damit zu tun haben, uns um diejenigen zu kümmern, die seelisch oder körperlich blutend an unserem persönlichen Wegesrand liegen – denn für solche Menschen sind wir der Nächste.

Jesus, der Samariter

Das gesamte Gleichnis lässt sich in der Tat in der einen Aufforderung zusammenfassen: »Wenn du das kapiert hast, dann mach es genauso!« Mehr gilt es nicht zu verstehen. Dennoch wurde im Laufe der Jahre sehr viel mehr in diese Erzählung hineingelesen, vor allem durch die allegorische Auslegung, bei der man davon ausgeht, dass ein Text:

unter dem, was er von sich aus sagt, offensichtlich etwas anderes verbirgt, was einer von anderswoher kommenden Deutung bedarf, und zwar in der Weise, dass die eigentlichen Worte und Glieder des Textes mehr oder weniger vollständig in vergleichender Übertragung durch Begriffe ersetzt werden, die einem dem Wortlaut des Textes fremden, von ihm unabhängigen Sinnzusammenhang angehören. 26

Mit anderen Worten: Bei der allegorischen Auslegung eines solchen Gleichnisses haben die Hauptfiguren keine eigene Bedeutung, sondern stehen in Wahrheit für etwas ganz anderes, was sich freilich nur dem erschließt, der dies im Glauben zu sehen vermag. Eine solche Auslegung ist mit äußerster Vorsicht zu genießen, da man durch sie letztlich die krudesten Ideen und grausamsten Überzeugungen in eine biblische Geschichte hineininterpretieren kann – was in der Kirchengeschichte leider allzu oft geschehen ist. Dennoch beinhaltet manche Allegorie auch einige Perlen, und zwar immer dann, wenn sie zugleich dem Gesamtzeugnis des Evangeliums entspricht.

Das gilt auf jeden Fall für die allegorische Auslegung dieses Gleichnisses durch den Reformator Martin Luther. Der barmherzige Samariter ist für Luther:

durchweg nicht ein beliebiges Beispiel, sondern niemand anders als Jesus Christus selbst …, welcher allein das Doppelgebot der Liebe erfüllt hat. So ist in der Beispielerzählung vom barmherzigen Samariter für Luther die ganze Heilsgeschichte abgemalt: Ein Mensch (d. h. Adam) fällt unter die Räuber (= Sündenfall und seine Folgen). Priester und Levit (= verschiedene Stufen der alttestamentlichen Heilsgeschichte) helfen ihm nicht. Der Samariter (= Christus) erfüllt ungebeten das Doppelgebot der Liebe und nimmt sich des Halbtoten an, behandelt ihn mit Öl (= Gnade) und Wein (= Kreuz und Leiden), lädt ihn auf sein Tier (d. h. auf sich selbst als das Opfertier), trägt ihn in die Herberge (= Kirche), überlässt ihn der Pflege des Wirtes (= die Prediger) und hinterlässt dazu vor seinem Weggehen (= Himmelfahrt) zwei Groschen (= Altes Testament und Neues Testament) samt der Verheißung seiner Rückkehr (= Wiederkunft). 27

Wer als heutiger Ausleger über eine solche Allegorese lächelt, der sollte nicht vergessen, dass Luther hier etwas erkannt und hervorgehoben hat, was sicherlich zur Kernbotschaft des Evangeliums gehört: Letztlich ist es Jesus Christus selbst, der uns das eigentliche Vorbild ist, da er wie eben dieser Samariter im Gleichnis handelt – nicht nur einmalig, sondern während seines gesamten Wirkens. Walter Kardinal Kasper fasst in dieser Hinsicht den Befund des Neuen Testaments sehr schön zusammen:

Jesus hat die Botschaft von der Barmherzigkeit des Vaters nicht nur verkündet; er hat sie selbst gelebt. Er hat sich der Kranken und von bösen Geistern Geplagten angenommen. Er konnte von sich sagen: »Ich bin gütig und von Herzen demütig« (Mt 11,29). Er wird von Mitleid gerührt (σπλαγχνισϑείς), als er einen Aussätzigen trifft (Mk 1,41) oder dem Leid einer Mutter, die ihren einzigen Sohn verloren hat, begegnet (Lk 7,13). Er hat Mitleid mit den vielen Kranken (Mt 14,14), mit dem Volk, das Hunger hat (Mt 15,32), als er die beiden Blinden, die ihn um Erbarmen anrufen sieht (Mt 20,34), mit den Menschen, die wie Schafe ohne Hirten sind (Mk 6,34). Am Grab seines Freundes Lazarus wird er innerlich erschüttert und weint (Joh 11,35.38). In der großen Gerichtsrede identifiziert er sich mit Armen, Hungernden, Elenden, und Verfolgten (Mt 25,31-46). So begegnen ihm immer wieder Menschen, die rufen »Erbarme dich meiner« beziehungsweise »Erbarme dich unser« (Mt 9,27; Mk 10,47 f. u. a.). Noch am Kreuz hat er dem reuigen Schächer verziehen und für diejenigen gebetet, die ihn ans Kreuz gebracht haben (Lk 23,34.43). 28

Jesus Christus ist die menschgewordene Barmherzigkeit des himmlischen Vaters – das hat Martin Luther erkannt und betont.

Das heißt dann aber: So zu handeln wie der Samariter im Gleichnis, heißt, so zu handeln, wie Christus handeln würde. Jesus sucht Jüngerinnen und Jünger die bereit sind, das zu tun, was er an ihrer Stelle tun würde. Die Frage ist: WWJD – What would Jesus do?

Nachfolger sind Nachmacher! Das betont auch Papst Franziskus, wenn er fragt:

Warum aber wählt Jesus einen Samariter als Hauptperson des Gleichnisses? Weil die Samariter aufgrund unterschiedlicher religiöser Traditionen bei den Juden verachtet waren; und dennoch lässt Jesus erkennen, dass das Herz jenes Samariters gut und großherzig ist und dass er – im Unterschied zum Priester und zum Leviten – den Willen Gottes in die Praxis umsetzt, dem mehr an Barmherzigkeit als an Opfern liegt (vgl. Mk 12,33). Gott will immer die Barmherzigkeit und nicht die gegen alle gerichtete Verurteilung. Er will die Barmherzigkeit des Herzens, weil er barmherzig ist und unsere Armseligkeiten, unsere Schwierigkeiten und auch unsere Sünden gut zu verstehen weiß. Gib uns allen dieses barmherzige Herz! Der Samariter tut genau das: Er ahmt die Barmherzigkeit Gottes nach, die Barmherzigkeit gegenüber den Bedürftigen. 29

Partizipieren statt Imitieren

Als wir kleine Kinder waren, waren meine älteren Brüder überhaupt nicht davon begeistert, wenn ich sie nachmachte. Kam einer von ihnen etwa auf die tolle Idee, aus LEGO-Steinen ein Raumschiff zu bauen, so machte ich das selbstverständlich auch. Und wenn ich mein Bauwerk dann stolz präsentieren wollte, waren sie ziemlich sauer auf mich: »Du bist ja nur ein oller Nachmacher!« In diesem Zusammenhang war das Nachmachen also völlig unerwünscht. Und ein »Nachmacher« war damals jemand, der zu doof oder zu ungeschickt ist, um etwas Eigenes hinzubekommen – eben ein typischer Loser.

In der Jesus-Nachfolge ist das anders, denn Jesus ruft seine Jüngerinnen und Jünger ausdrücklich dazu auf, ihn nachzumachen, etwa indem er ihnen die Füße wäscht und anschließend erklärt: »Ich habe euch ein Beispiel gegeben, dem ihr folgen sollt.« 30 Jesus ist nicht beleidigt, wenn wir ihn nachahmen, sondern er erwartet dies von uns! Eines ist jedoch hier schon wichtig zu verstehen:

Wenn Jesus davon spricht, ihn nachzumachen, dann meint er damit nicht, ihn aus eigener Kraft zu imitieren, sondern an ihm zu partizipieren, also an seiner Liebe und Kraft Anteil zu haben. Das ist ein entscheidender Unterschied!

Als Jugendlicher habe ich verzweifelt versucht, meinen älteren Bruder nachzumachen, der es als äußerst talentierter Handballtorwart bis in die Auswahl der deutschen Jugend-Nationalmannschaft geschafft und später in der zweiten Handball-Bundesliga gespielt hat. Das brachte ihm natürlich einiges an väterlicher Anerkennung, die ich auch gerne gehabt hätte. Bei dem Versuch, es ihm gleichzutun, scheiterte ich jedoch kläglich.

Bei einem Spiel unserer Handball-Schülermannschaft stand ich beispielsweise zunächst im Tor, während mein Vater oben auf der Tribüne saß und mir zuschaute. Leider war meine Leistung dermaßen ungenügend, dass ich bereits nach rund 15 Minuten ausgewechselt wurde. Als ich mit meinem Vater im Auto saß und wir nach Hause fuhren, verloren wir kein einziges Wort über das Spiel, denn hätten wir das getan, dann hätten wir auch über meine Leistung sprechen müssen. Und das wäre dann einfach nur peinlich geworden. Das Problem war damals: Ich versuchte, meinen Bruder nachzumachen (also zu imitieren), ohne dabei an seinen Fähigkeiten teilhaben zu können (d. h. zu partizipieren). Ich war schlicht und einfach nicht so gut wie er und hatte somit keine Chance, so spektakulär zu halten, wie er dies tat. Mir fehlten die nötigen Ressourcen.

Nun könnte man die Nachfolge Jesu so verstehen, als ginge es darum, mit den eigenen begrenzten Mitteln verzweifelt zu versuchen, es Jesus gleichzutun und so zu leben wie er – ganz so, wie ich damals versucht habe, meinem Bruder nachzueifern. Doch das ist ein krasses Missverständnis und würde genauso kläglich enden wie meine Versuche als Handball-Torwart. Wer Jesus nachmachen will, der braucht dazu Kraft von oben – und diese bekommt er durch den Heiligen Geist. Jesus lässt seine Jüngerinnen und Jünger nicht als hilflose Waisen zurück, sondern er kommt zu ihnen durch seinen Geist, ja er lebt selbst in ihnen durch diesen Geist. 31 So kann der Apostel Paulus verkündigen: »Ich lebe, aber nicht mehr ich selbst, sondern Christus lebt in mir.« 32

Wenn nun Christus selbst, der auferstandene Herr, in den Gläubigen lebt, dann haben sie auch Anteil an seiner Auferstehungskraft. Ohne diese Kraft des Geistes wäre die Jesus-Nachfolge ein verzweifelter und auswegloser Kampf und Krampf. Doch mit diesem Geist werden wir mehr und mehr in die Lage versetzt, Jesus ähnlicher zu werden und so zu handeln, wie er handeln würde. Der Heilige Geist macht Herzen empathisch und Hände barmherzig! Darum ist es so wichtig, Christus nicht nur nachzuahmen, sondern an seiner Liebe und seiner Kraft Anteil zu haben.

»Das habt ihr für mich getan«

In diesem ersten Teil meines Buches möchte ich Sie davon überzeugen, wie wichtig es ist, sich mit der Frage nach der Barmherzigkeit auseinanderzusetzen. Wir brauchen Barmherzigkeit – und zwar nicht alleine für die Notleidenden auf unserem Lebensweg, sondern ebenso für uns selbst!

Der Evangelist Matthäus überliefert, wie Jesus von seiner Wiederkunft und dem damit verbundenen Gericht über alle Völker spricht. Darin gibt es nur ein einziges Kriterium, welches über Annahme oder Verwerfung entscheidet: die Werke der Barmherzigkeit!

Dann wird der König zu denen auf seiner rechten Seite sagen: »Kommt, ihr seid von meinem Vater gesegnet, ihr sollt das Reich Gottes erben, das seit der Erschaffung der Welt auf euch wartet. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr gabt mir zu trinken. Ich war ein Fremder, und ihr habt mich in euer Haus eingeladen. Ich war nackt, und ihr habt mich gekleidet. Ich war krank, und ihr habt mich gepflegt. Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht.«

Dann werden diese Gerechten fragen: »Herr, wann haben wir dich jemals hungrig gesehen und dir zu essen gegeben? Wann sahen wir dich durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann warst du ein Fremder und wir haben dir Gastfreundschaft erwiesen? Oder wann warst du nackt und wir haben dich gekleidet? Wann haben wir dich je krank oder im Gefängnis gesehen und haben dich besucht?« Und der König wird ihnen entgegnen: »Ich versichere euch: Was ihr für einen der Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan!«

Und dann wird sich der König denen auf seiner linken Seite zuwenden und sagen: »Fort mit euch, ihr Verfluchten, ins ewige Feuer, das für den Teufel und seine bösen Geister bestimmt ist! Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr gabt mir nichts zu trinken. Ich war ein Fremder, und ihr habt mich nicht in euer Haus eingeladen. Ich war nackt, und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich war krank, und ihr habt mich nicht gepflegt. Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht.«

Dann werden sie fragen: »Herr, wann haben wir dich jemals hungrig oder durstig oder als Fremden, nackt, krank oder im Gefängnis gesehen und dir nicht geholfen?« Und er wird ihnen erwidern: »Ich versichere euch: Was ihr bei einem der Geringsten meiner Brüder und Schwestern unterlassen habt, das habt ihr an mir unterlassen!« Und sie werden der ewigen Verdammnis übergeben werden, den Gerechten aber wird das ewige Leben geschenkt. 33

In reformatorischen Kreisen erzeugt dieser Text immer wieder Bauchschmerzen, da er die Annahme nahelegt, der Mensch könne einzig durch seine Werke (die Werke der Barmherzigkeit) vor Gott gerecht werden und vor ihm bestehen. Um sich dieses Problems zu entledigen, wird manchmal betont, hier könne es nur um ein Gericht über die Heidenvölker gehen (womit die Christenheit dann fein raus wäre). Doch eine Analyse des Textzusammenhangs lässt meines Erachtens eine solche Deutung nicht zu, denn bei dieser Rede handelt es sich ausdrücklich um eine Belehrung der Jünger. 34 Das Gericht, von dem die Rede ist, betrifft alle Menschen, Heiden wie Christen: »Denn wir alle müssen einmal vor Christus und seinem Richterstuhl erscheinen, wo alles ans Licht kommen wird. Dann wird jeder von uns das bekommen, was er für das Gute oder das Schlechte, das er in seinem Leben getan hat, verdient.« 35

Die Frage nach der Gerechtigkeit aus Werken oder der Errettung allein durch den Glauben ausführlich zu behandeln, würde den Rahmen dieses Buchs sprengen. Nur so viel sei hier betont: Nach dem Neuen Testament ist es nicht möglich, sich sein Heil durch gute Werke zu verdienen: »Er (Gott) rettete uns, nicht wegen unserer guten Taten, sondern aufgrund seiner Barmherzigkeit. Er wusch unsere Schuld ab und schenkte uns durch den Heiligen Geist ein neues Leben.« 36 Jedoch es ist durchaus möglich, sein Heil durch das Unterlassen ebensolcher Werke zu gefährden! »Entscheidend ist der Glaube, der sich in der Liebe zeigt.« 37 Ein Glaube ohne Werke der Barmherzigkeit ist im Neuen Testament nicht vorgesehen, ja er kann kein Glaube sein:

Denn es wird keine Barmherzigkeit für den geben, der anderen gegenüber nicht barmherzig war. Wer aber barmherzig war, wird auch vor dem Gericht Gottes bestehen. Liebe Brüder (und Schwestern), was nützt es, wenn jemand von seinem Glauben spricht, aber nicht entsprechend handelt? Ein solcher Glaube kann niemanden retten. Angenommen, jemand sieht einen Bruder oder eine Schwester um Nahrung oder Kleidung bitten und sagt: »Lass es dir gut gehen, Gott segne dich, halte dich warm und iss dich satt«, ohne ihnen zu essen oder etwas anzuziehen zu geben. Was nützt ihnen das? Es reicht nicht, nur Glauben zu haben. Ein Glaube, der nicht zu guten Taten führt, ist kein Glaube – er ist tot und wertlos. 38

Aber kann es so etwas geben: Einen Glauben, der die Lebensführung völlig unberührt lässt und somit auch nicht zu guten Werken führt? Anscheinend schon, denn sonst wären die Ermahnungen der Bibel ja allesamt überflüssig! Offensichtlich gibt es einen Glauben, der nur im Kopf stattfindet, aber nicht das Herz erreicht; ein Glaube, der Gott einen guten Mann sein lässt, ohne darauf bedacht zu sein, selbst gut zu werden; ein Glaube, der als eine Art Lebensversicherung verstanden wird, aber keine Auswirkungen auf die Lebensführung hat. Ein solcher Glaube, betont das Neue Testament, wird im Gericht Gottes nicht bestehen können.

Eben darum sind die Werke der Barmherzigkeit nicht allein für die Notleidenden wichtig, sondern ebenso für diejenigen, die sie ausführen! Dabei muss beachtet werden, dass die Helfenden, von denen Jesus spricht, an keiner Stelle berechnend gehandelt haben, sondern aus einem barmherzigen Herzen heraus. Jesus identifiziert sich so sehr mit den Armen, Schwachen, Kranken und Ausgebeuteten, dass er sagen kann: »Was ihr diesen Menschen getan habt, das habt ihr mir getan!« Doch die Barmherzigen wussten dies nicht. Ihr Impuls, zu helfen, geschah nicht aus einem berechnenden Verstand heraus (»Ich muss dies tun, um vor meinem Herrn zu bestehen«), sondern aus einem mitfühlenden Herzen.

Glaubende Menschen sind liebende Menschen – und diese Liebe äußert sich durch Werke der Barmherzigkeit. Den Barmherzigen wird das ewige Leben geschenkt. Jesus sagt: »Glücklich sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren.« 39

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»BARMHERZIGKEIT ÜBEN« – Weil die Not zum Himmel schreit

Darum habe ich meine Propheten geschickt, damit sie euch den Kopf zurechtsetzen, darum habe ich euch mit harten Worten geschlagen: damit sich mein Recht endlich durchsetzt – so wie das Licht nach der Nacht. Ich will, dass ihr barmherzig seid; eure Opfer will ich nicht. Mir geht es darum, dass ihr meinen Willen erkennt, und nicht darum, dass ihr mir Brandopfer bringt.

Hosea 6,5-6

Hunger, Kriege, Flucht und Tod

Während ich diese Zeilen schreibe, stirbt – statistisch gesehen – alle zehn Sekunden ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen von Hunger. Derzeit hungern weltweit rund 822 Millionen Menschen und weitere zwei Milliarden leiden an Mangelernährung. 40 Wenn Fachleute vom Hunger sprechen, dann unterscheiden sie drei Arten:

Akuter Hunger (Hungersnot) bezeichnet Unterernährung über einen abgrenzbaren Zeitraum. Es ist die extremste Form von Hunger und tritt häufig in Zusammenhang mit Krisen auf wie Dürren bedingt durch El Niño, Kriegen und Katastrophen. Oft trifft er Menschen, die bereits unter chronischem Hunger leiden. Das gilt für knapp acht Prozent aller Hungernden.

Chronischer Hunger bezeichnet einen Zustand dauerhafter Unterernährung. Der Körper nimmt weniger Nahrung auf, als er braucht. Obwohl die Medien meist über akute Hungerkrisen berichten, ist chronischer Hunger global am weitesten verbreitet. Er tritt meist in Zusammenhang mit Armut auf. Chronisch Hungernde haben zu wenig Geld für eine gesunde Ernährung, für sauberes Wasser oder eine Gesundheitsversorgung.

Verborgener Hunger ist eine Form des chronischen Hungers. Aufgrund einseitiger Ernährung fehlen wichtige Nährstoffe wie Eisen, Jod, Zink oder Vitamin A. Die Folgen sind auf den ersten Blick nicht unbedingt sichtbar, langfristig führt der Nährstoffmangel aber zu schweren Krankheiten. Insbesondere Kinder können sich geistig und körperlich nicht richtig entwickeln. Das Todesrisiko ist hoch. Weltweit leiden zwei Milliarden Menschen an chronischem Nährstoffmangel, auch in den Industrieländern. Verborgener Hunger schadet nicht nur den einzelnen Menschen, sondern kann die gesamte Entwicklung in den betroffenen Regionen hemmen, weil die Leistungsfähigkeit und Gesundheit der Menschen abnehmen. 41

Die Brennpunkte des Hungers liegen in Afrika südlich der Sahara und in Südasien. Aber auch in anderen Regionen wird gehungert, wie man dem Welthunger-Index (WHI) der Welthungerhilfe entnehmen kann. 42

Seit Mitte der 2000er-Jahre steigt außerdem die Zahl der weltweiten kriegerischen Auseinandersetzungen wieder stetig an. So haben Forscher von der Abteilung für Friedens- und Konfliktforschung der Universität Uppsala in den letzten zehn Jahren 23 Kriege gezählt sowie 162 kleinere Konflikte mit weniger als 100 Toten im Jahr. 43

Mit der Globalisierung sind seit dem Mauerfall auch Kriege komplexer geworden. Zusätzlich zu den beiden gegnerischen Seiten sind heute häufig noch weitere Parteien beteiligt, die zum Beispiel Truppen schicken, Waffen liefern, oder sich mit Militär-Expertise oder Training an Konflikten beteiligen. Bis Anfang der 2000er waren im Schnitt nur zwei oder drei externe Parteien in einem Konflikt involviert. In den Folgejahren stieg der Durchschnitt auf vier bis fünf. 44

Unter diesen sogenannten »Stellvertreterkriegen« wie in Syrien oder dem Jemen leidet vor allem die Zivilbevölkerung, deren Lebensgrundlage zerstört wird.

Derzeit sind weltweit über 70 Millionen Menschen auf der Flucht und laut dem Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) nimmt die Zahl der Flüchtlinge von Jahr zu Jahr weiter zu. Die größte Gruppe unter ihnen sind Syrer, gefolgt von Afghanen und Südsudanesen (das UNHCR rechnet Binnenvertriebene im eigenen Land und Asylbewerber mit ein). Der Flüchtlingskommissar Filippo Grandi nennt vielfältige Gründe für Flucht und Vertreibung. Abgesehen von den bereits genannten Konflikten und Kriegen gibt es noch andere globale Phänomene wie klimatische Notfälle, Ungleichheiten und Armut oder Epidemien, die Menschen zwingen, ihre Heimat zu verlassen. 45 Viele von ihnen versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu fliehen – mit verheerenden Auswirkungen: Im Jahr 2016 ertranken über 5 000 Menschen im Mittelmeer, 2017 starben oder verschwanden mehr als 3 100 Geflüchtete, 2018 waren mehr als 2 300 Tote und Vermisste zu beklagen und 2019 fanden über 2 100 Menschen den Tod bei ihrer gefährlichen Flucht über das Meer. 46

Durch die zurückgefahrene Seenotrettung der EU-Länder ist die Flucht über das Mittelmeer wieder zum tödlichsten Seeweg der Erde geworden. »Menschen aus Seenot zu retten ist keine Frage für Debatten oder die Politik, es ist eine Verpflichtung seit Menschengedenken«, mahnt Grandi. »Wir können diese Tragödie beenden, wenn wir den Mut und den Weitblick haben, über das nächste Boot hinauszublicken. Wir müssen einen langfristigen Ansatz der regionalen Zusammenarbeit finden, in deren Mittelpunkt das Leben und die Würde des Menschen stehen.« 47

Leider ist ein solcher Ansatz in der Europäischen Union bisher nicht in Sicht, da es nach wie vor Länder gibt, die sich weigern, Geflüchtete aufzunehmen. Der inzwischen verstorbene ehemalige CDU-Arbeitsminister Norbert Blüm beschrieb dieses politische Versagen in einem Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung mit drastischen Worten:

Wir reden über Flüchtlinge wie über Sachen und verstecken den Skandal der Herzlosigkeit in kalten Statistiken. Es sind aber Menschen, um die es geht, Verzweifelte, die Zuflucht suchen, und nicht Sachen, die gestapelt oder zurückgeschickt werden müssen. »Asyltouristen« ist ein Wort des kalten Zynismus. War Aylan, das tote Kind, dessen Bild um die Welt ging, ein »Asyltourist«? Friedlich lag der kleine Aylan im Ufersand, ein rotes Shirt, neue Schuhe, seine Haare wie frisch gekämmt. Aylan, geflohen aus Syrien, war ertrunken. Das Schlauchboot war zu klein, die Wellen waren zu hoch. Aylan wollte mit Mutter und Vater dem Gemetzel in seiner Heimat Syrien entfliehen und bei der Tante in Kanada Zuflucht suchen … Die Zyniker, die aus der Flüchtlingsmisere politisches Kapital schlagen wollen, müsste man zwingen, in die Augen halb verhungerter Kinder zu sehen, und den Stammtischbrüdern sollte man erst erlauben, die nächste Maß zu bestellen, nachdem sie zuvor eine kalte Nacht in einem Flüchtlingslager im Zelt verbracht haben. Ich empfehle Lesbos. Wenn 500 Millionen Europäer keine fünf Millionen oder mehr verzweifelte Flüchtlinge aufnehmen können, dann schließen wir am besten den Laden »Europa« wegen moralischer Insolvenz. 48

Und Walter Kardinal Kasper bemerkt:

Das Asyl für Menschen, die verfolgt werden, ist ein Menschenrecht. Hier gilt: »Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen«, oder auch »nicht aufgenommen« (Mt 25,35.43). Man wird ehrlich fragen müssen, ob die Asylpolitik vieler Staaten, die sich als Rechtsstaaten bezeichnen, angesichts dieser sehr eindeutigen Worte nicht mehr als problematisch, oft sogar skandalös ist. 49

Meine persönliche Antwort lautet: Sie ist skandalös!

Not und Armut in der Wohlstandsgesellschaft

Gemessen an dem Leid von Millionen von Menschen auf diesem Planeten befinden wir uns im westlichen Europa auf einer Insel der Behüteten. Doch auch in Ländern wie Deutschland wächst die Armut: Laut dem fünften Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2017 leben 15,7 Prozent der Bevölkerung in Armut oder an der Armutsgrenze. Das sind knapp 13 Millionen Menschen. Zum Vergleich: Im Jahr 2002 galten hierzulande noch 12,7 Prozent aller Einwohner als arm. Betroffen von der neuen Armut sind vor allem kranke und alte Menschen, Niedriglöhner und Arbeitslose, kinderreiche Familien und Alleinerziehende. Besonders kritisch sehen Sozialverbände die Armutsquote bei Kindern, die mit 19,7 Prozent deutlich über dem Durchschnitt der Bevölkerung liegt. 50 Darüber hinaus existieren in unserer Gesellschaft Formen der Armut, die nichts mit dem Pro-Kopf-Einkommen zu tun haben:

Es gibt auch seelische Armut und Not, Beziehungsarmut, Einsamkeit und Isolation, kulturelle Armut wie mangelnden Zugang zu Bildung und aktiver Beteiligung am gesellschaftlich-kulturellen Leben und schließlich geistliche Armut, die sich in innerer Leere, in Sinn- und Orientierungslosigkeit bis hin zu geistlicher Verwahrlosung ausdrückt. Das sind weit verbreitete Notsituationen auch und gerade in entwickelten und wohlhabenden Gesellschaften. Ihnen kann auch das beste Sozialsystem nur sehr bedingt abhelfen. 51

Fasst man all dies zusammen – den Hunger, die Kriege, die vielen Flüchtlinge, die Folgen des Klimawandels und die Armut in den Wohlstandsgesellschaften – so ergibt sich ein erschütterndes Gesamtbild: Trotz zahlreicher Errungenschaften und Verbesserungen in den Bereichen Bildung, Forschung, Technik, Wirtschaft und Medizin gibt es auf unserem Planeten nach wie vor eine Not, die zum Himmel schreit. Die alten Worte des Apostels Paulus scheinen darum heute treffender denn je: »Wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt, wie unter den Schmerzen einer Geburt.« 52 Wer schon einmal eine Geburt miterlebt hat, der weiß, dass dieses »Seufzen« wahrlich nicht leise geschieht: Es ist ein verzweifeltes und lautes Schreien vor Schmerzen.

Wenn nun aber das Leiden in dieser Welt zum Himmel schreit, dann stellt sich die Frage, warum ein allmächtiger Gott – wenn es ihn denn gibt – nicht eingreift. Lässt ihn das Leiden seiner Kinder kalt?

Wie kann Gott das zulassen?

Die Erfahrung von Leid führte schon in der Antike zu religionskritischen Fragen. So verweist der Apologet Lactantius auf eine Argumentation des griechischen Philosophen Epikur, wonach Gott entweder gut und gerecht oder allmächtig ist, aber niemals beides zugleich: 53 »Entweder ist Gott gut, aber nicht allmächtig und kann dem Übel nicht wehren, dann ist er nicht Gott; oder aber er ist allmächtig, aber nicht gut, er könnte, aber will dem Übel nicht wehren, dann ist er ein bösartiger Dämon.« Auch in der Gegenwart wird dieser Gedanke immer wieder aufgegriffen, und zwar nicht nur von Verächtern eines Glaubens an Gott, sondern auch von Menschen, die gerne glauben würden, es aber nicht schaffen, weil sie an der Erfahrung von Schmerz und Leid verzweifeln.

Im Januar 2020 jährte sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau zum fünfundsiebzigsten Mal. Ich habe mir zu diesem Thema auf YouTube die Dokumentation »Zeugen der Zeit« mit dem damals 89-jährigen Holocaust-Überlebenden Eduard Kornfeld angesehen. 54 Kornfeld betont, dass er sehr religiös erzogen wurde, doch heute sei in ihm eine innere Leere: »Ich hab keine Angst vor Gott. Sollte es ihn geben, habe ich Vorwürfe zu machen: Dort in Auschwitz war er nicht und in keinem Konzentrationslager!« 55

Ich kann Kornfeld sehr gut verstehen, denn mir bleibt angesichts seines Leidens jeglicher fromme Rechtfertigungsversuch Gottes im Hals stecken.

Bei einem der evangelistischen Straßeneinsätze, von denen ich im ersten Kapitel geschrieben habe, hatte ich eine Begegnung, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist: Ich ging auf eine Frau mittleren Alters zu und drückte ihr eines unserer Traktate in die Hand. Nachdem sie einen kurzen Blick darauf geworfen hatte, gab sie mir den Zettel zurück, schaute mir voller Wut und Schmerz in die Augen und meinte: »Unser Sohn ist vor drei Jahren an Leukämie gestorben. Also kommen Sie mir bloß nicht mit Ihrem Geschwafel von einem liebenden Gott!« Ich wusste nichts zu erwidern.

Fachleute aus dem Bereich Theologie bezeichnen die Not, den Glauben an einen allmächtigen und liebenden Gott mit der Erfahrung von Elend und Leid zu vereinbaren, gerne als »Theodizee-Frage« (die Frage nach der Rechtfertigung Gottes). Wenn in einer Diskussion diese Frage auftaucht, fühlen sich Gläubige manchmal reflexartig genötigt, den Anwalt Gottes zu spielen, indem sie das Leiden von Menschen um eines angeblich höheren Ziels willen instrumentalisieren, nach dem Motto: Du leidest, weil

• Gott dich von Sünde reinigen will

• Du zum Zeugnis werden sollst für andere Menschen

• Gottes Kraft an dir sichtbar werden soll

• Gott dich vorbereiten will für höhere Aufgaben.

Doch eine solche Argumentation ist nicht nur zynisch (was angesichts des Holocaust besonders deutlich wird), sondern sie ist auch ein erneutes Unrecht an den Opfern, da sie ihnen die Verantwortung aufbürdet, das Unmögliche möglich zu machen und in ihrem Leid einen verborgenen Sinn zu erkennen. In den allermeisten Fällen gibt es diesen Sinn schlichtweg nicht! Gerade im biblischen Buch Hiob wird deutlich, wie das Forschen nach vermeintlichen Ursachen für das Leid die Betroffenen noch tiefer ins Elend stürzt. Hiobs Freunde pochen darauf, er müsse irgendeine schlimme Sünde begangen haben, sonst würde Gott ihm ein solches Leiden nicht zumuten. Sie sind damit klassische Vertreter eines Tun-Ergehen-Zusammenhangs: »Wenn du fromm lebst, dann wird es dir immer gut gehen.« Doch Hiob weist dies von sich. Stattdessen ringt er – innerlich zerrissen – mit einem Gott, den er nicht mehr versteht und von dem er doch nicht loskommt.

Wer die Bibel von vorne bis hinten durchliest, wird feststellen, dass die bei Lactantius formulierte Theodizee-Frage an keiner Stelle systematisch behandelt wird. Der einzelne Glaubende kennt:

• Fragen: »War es denn völlig umsonst, dass ich mein Herz rein hielt und kein Unrecht beging? Jetzt habe ich nichts als Sorgen von früh bis spät, jeder Morgen bringt mir neuen Kummer.« 56

• Zweifel: »Bist du wirklich der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?« 57

• Klage: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« 58

• und sogar die Anklage Gottes: »Warum muss ich endlos leiden? Warum sind meine Wunden unheilbar? Du hast mich im Stich gelassen wie ein Bach, der im Sommer austrocknet und kein Wasser mehr gibt.« 59

Was er aber nicht kennt, das ist eine erkenntnistheoretische Abhandlung darüber, wie ein allmächtiger und liebender Gott das Leid zulassen kann. Das hängt vor allem damit zusammen, dass die Betroffenen nicht aus einer kritischen Distanz heraus argumentieren, sondern als Menschen, die schon oft Gottes Treue und Hilfe erfahren haben, gerade in schwierigen und scheinbar ausweglosen Situationen. Aufgrund dieser Erfahrungen vertrauen sie ihm – und eben weil sie ihm vertrauen, leiden sie auch an ihm. Ihr Glaube wird durchgeschüttelt und hat doch Bestand. Denn »das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt«. 60

Ich möchte hierbei betonen, dass man kein naiver oder gar dummer Mensch ist, wenn man zu dem Ergebnis kommt, dass sich die Theodizee-Frage mit dem Verstand nicht lösen lässt. Das zeigt der 1791 veröffentlichte Aufsatz »Über das Misslingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee« des deutschen Philosophen Immanuel Kant. Kant war mit Sicherheit ein ziemlich kluges Köpfchen. Doch auch er kommt – nachdem er die gängigen Versuche der Rechtfertigung Gottes unter die Lupe genommen hat – zu dem Schluss, »dass alle bisherige Theodizee das nicht leiste, was sie verspricht, nämlich die moralische Weisheit in der Weltregierung gegen die Zweifel, die dagegen aus dem, was die Erfahrung an dieser Welt zu erkennen gibt, gemacht werden, zu rechtfertigen.« 61 Für Kant ist dieses Versagen aber nicht verwunderlich, geht er doch davon aus, »dass unsre Vernunft zur Einsicht des Verhältnisses, in welchem eine Welt, so wie wir sie durch Erfahrung immer kennen mögen, zu der höchsten Weisheit stehe, schlechterdings unvermögend sei.« 62

Mit einfacheren Worten: Wir werden Gott nie begreifen können, da er unser Denken und Verstehen übersteigt. Deshalb kann es eine theoretische Antwort der Theodizee-Frage nicht geben!

Was aber kann es dann geben? Wie ist es möglich, angesichts des Leidens in dieser Welt am Glauben an einen Gott der Liebe festzuhalten?

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