Kitabı oku: «Lorettoberg»

Yazı tipi:

Volkmar Braunbehrens

Lorettoberg

Kriminalroman


Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Immer informiert

Spannung pur – mit unserem Newsletter informieren wir Sie

regelmäßig über Wissenswertes aus unserer Bücherwelt.

Gefällt mir!

Facebook: @Gmeiner.Verlag

Instagram: @gmeinerverlag

Twitter: @GmeinerVerlag

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2013 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

1. Neuausgabe 2021

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © luciferfotolia / Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-4146-2

Erster Teil

Anfang April 2008

I.

Eilig hatte er es nicht, das konnte man sehen. Er bewegte sich mit ruhiger Bestimmtheit, als er zu seinem Auto ging, das vor der von Fußweg und Straße etwas eingerückten Garage stand, einem älteren Mercedes-Modell, das bereits ein History-Nummernschild verdient hätte. Er hatte einen federnden Schritt, nicht sportlich, aber gelenkig und sichtlich ohne die Einschränkungen des Alters, denn er mochte schon um die 70 sein. Die aus der Stirn nach hinten frisierten Haare waren noch immer in kräftigem Schwarz grundiert, aber mit etlichen weißen Strähnen durchmischt. Der gleiche Farbkontrast schimmerte aus einem schmalen Oberlippenbart, der das schon faltige, markant längliche Gesicht mit einem starken Querstrich versah und die große, aber schmale Nase damit etwas entwertete, jedoch den lebhaften kleinen Äuglein, die tief und dunkel in ihren Höhlungen lagen, optisch einen festeren Halt in einer wirkungsvollen Gesichtskomposition gab. Groß gewachsen und sehr dünn, ohne im Mindesten kränklich auszusehen, wirkte er wie ein soignierter Herr, der durch seine ganze Erscheinung Distanz und Respekt ausstrahlte, dabei mit freundlicher Aufmerksamkeit und ohne jede Arroganz.

Seine Kleidung war leger, aber überaus gepflegt. Ein helles, leicht knittriges Leinenjackett mit Hornknöpfen, grünen Paspelierungen und aufgesetzten Taschen, wie man es in teuren Salzburger Geschäften finden konnte, abgeleitet von der alpenländischen Tracht und zugleich modisch so verwandelt, dass es mit bäurischem Stil nichts mehr gemein hatte. Dazu eine dunkelgraue, weich fließende, wohlgebügelte Hose und rötlichbraune, elegante Lederschuhe italienischer Provenienz. Zum blau-weiß gestreiften Hemd ohne Versteifungen an Kragen und Manschetten trug er eine einfarbige grüne Wollkrawatte, deren Knoten etwas zu voluminös geraten war und den überaus dünnen Hals dadurch noch mehr zur Geltung brachte.

Er legte eine kleine Aktentasche auf die Rückbank des Wagens, eigentlich eher eine schon etwas abgewetzte Kollegmappe ohne Griff aus schwarzem Leder, die man im Arm tragen musste und die nur wenige Blätter aufnehmen konnte, außerdem einen hellen Staubmantel, den man an diesem warmen und hellen Tag vermutlich gar nicht brauchte, und zwängte seine hohe Erscheinung mit geübter Geschmeidigkeit auf den Vordersitz. Über dem Armaturenbrett lagen griffbereit ein paar alte Lederhandschuhe, deren Handinnenfläche aus geflochtenem Baumwollfaden gewirkt war. Erst nachdem er sie sorgfältig übergestreift hatte, ließ er den Motor an, warf einen flüchtigen Blick in den Rückspiegel und fuhr sehr bedächtig los.

Der Kapellenweg war eine nur von Anwohnern frequentierte schmale Gasse, die sich in scharfen Kurven den Berg hinaufschlängelte. Teilweise war sie von hohen Stützmauern aus Sandsteinquadern gesäumt, die sich öfters zu Garageneinbuchtungen zurückzogen, oder von gemauerten Garteneinfriedungen und kunstvoll geschmiedeten Gittern begleitet. Hohes Buschwerk und Pflanzenzäune verwehrten die Sicht auf die Villen oder ließen nur üppige Dachformen mit verspielten Treppentürmen oder Erkerbewehrungen erkennen. Doch zwischen den Dächern bot der ganze Hang einen berauschenden Blick auf die Stadt, die sich in nordöstlicher Richtung wie in eine Kuhle zwischen die umgebenden Berge nistete. Schon vor über hundert Jahren waren hier Landhäuser und Villen in großzügig bemessenen parkartigen Gärten entstanden. Sonst hatte überall der Bedarf an Bauplätzen zur Verkleinerung der Grundstücke und einer Durchmischung mit modernen Wohnbauten geführt, doch hier oben war alles beim Alten geblieben, eine Art Dornröschenberg aus einer vergangenen Zeit. So waren allzu grobe Eingriffe in diese weiträumige Parklandschaft vermieden worden, obschon andere, ebenso recht ansehnliche Stadtteile mancherlei hässliche Verdichtungen hinnehmen mussten. Hier oben wohnten Leute, die nicht leichtfertig ihre Grundstücke an Bauunternehmer und Investoren verkauften. Sei es, weil sie es nicht nötig hatten und ihren Familienbesitz zusammenhielten, oder aber auch, weil sich immer wieder Käufer fanden, die geradezu horrende Preise für ein schlossähnliches Anwesen – oder was man dafür hielt – und das dazugehörende Gelände mit altem Baumbestand zu zahlen bereit waren, um es zu sanieren und zu pflegen. Mochten früher einmal vor allem Fabrikanten und Geschäftsleute ihren verschwenderischen Lebensabend hier genossen haben, so waren es seit einigen Jahrzehnten vor allem Anwälte und Zahnärzte, die an diesem Ort lebten. Und da zumindest die Zahnärzte, wie man weiß, nicht mehr zu den Bestverdienern gehören, wird bald ein neuer Zweig von Einkommensaufsteigern sich hier niederlassen und weiterhin dafür sorgen, dass alles ungeteilt erhalten bleibt, am besten unter Denkmalschutz, schon aus Gründen steuerlicher Absetzbarkeit.

Wenn er in der Stadt zu tun hatte, ging er fast immer zu Fuß. Er war ein begeisterter Spaziergänger, man konnte es seinem elastischen Schritt ansehen. Die Augen weit umherschweifen lassend, entging ihm nichts an den täglichen Veränderungen und Neuigkeiten. Er kannte alle, die hier wohnten oder vorbeigingen, grüßte jovial, blieb auch zu einem kleinen, freundlichen Wort stehen, wenn es sich so ergab. Er mochte das nicht missen. So holte er den Wagen nur aus der Garage, wenn es eine Besprechung an einem Ort gab, der nicht gut zu erreichen war, außerhalb des öffentlichen Nahverkehrs lag. Fernreisen unternahm er ohnehin nur mit der Bundesbahn.

Die Straße war steil und eng. Er fuhr im Schritttempo, bedächtig und vorsichtig. Die Haarnadelkurve war sehr unübersichtlich und oft genug kam es vor, dass gerade dort ein mit den Örtlichkeiten nicht Vertrauter entgegenkam, viel zu schnell die Kurve nahm und man gezwungen war, heftig zu bremsen. Aber jetzt gegen die Mittagszeit war niemand unterwegs, auch der Weg für die Fußgänger, rechts neben der Straße, war menschenleer. Kein Auto parkte unvorschriftsmäßig. Ein heiterer Spätvormittag in träger Ruhe. Weiter unten, wo es geradeaus ging und nicht mehr ganz so steil war, stand ein schwarzes Auto in einer Garagenbucht, gegenüber ein Magnolienbaum, der seine rostbraunen Spitzen über den Zaun bis auf den Gehweg reckte. Vor zwei Wochen war er über Nacht voll aufgeblüht, abends waren die Knospen noch zu und ließen die weißen Blütenblätter erst erahnen, am nächsten Morgen war alles fleischig aufgeplatzt und mischte in das Weiß ein zartes Altrosé, prächtig aufgeplustert und in verschwenderischer Üppigkeit. Und dann hatte es über Ostern einen neuen Wintereinbruch gegeben und der Schnee hatte sich wie ein Leichentuch über die ganze Region gebreitet. Die frühen Blüten hatten diesen jähen Kälteüberfall nicht ausgehalten und waren innerhalb weniger Stunden abgefallen. Als wüster, schmierig-brauner Moder bedeckten ihre Reste den Boden. Jedes Mal, wenn er seitdem vorbeikam, dachte er an dieses vorzeitige Ende allzu früher Pracht.

Plötzlich sah er, schon nahe vor sich, wie der große schwarze Wagen sich aus der Einbuchtung herausbewegte, quer über die Straße zu setzen begann, sehr langsam, aber stetig, ohne auch nur das geringste Ausweichmanöver anzudeuten. Reaktionsschnell erwog er eine Vollbremsung und sah im gleichen Augenblick ein, dass er bei dem abschüssigen Gelände nur in den anderen Wagen hineingeschlittert wäre. In Gefahr und Not bewährt sich der Pilot. Er gab deshalb seinem Gaspedal einen Kick, um durch Beschleunigung und einen ausweichenden Schlenker noch rechtzeitig vorbeizukommen. Fast auf gleicher Augenhöhe sah er in dem fremden Auto zwei Gestalten so unaufgeregt und teilnahmslos, als schliefen sie. Die Gesichter konnte er natürlich nicht erkennen, es waren nur dunkle Schatten. Sein Wagen spurtete nun tatsächlich nach vorn und schon glaubte er, dem geradezu wahnwitzig unachtsamen schwarzen Ungetüm entkommen zu sein, als er einen leichten Schlag hinten links spürte, nicht besonders heftig, aber er genügte, dass seine Hinterachse etwas aus der Spur gedrückt wurde und sein Wagen sich ein wenig neigte, als mache er eine leichte Verbeugung, dann war es schon vorbei.

Er hielt einige Meter weiter unten auf dem Gehweg an und sah in den Rückspiegel. Der schwarze Wagen hinter ihm stand nun schräg mitten auf der Straße, ein drohender Koloss. Niemand rührte sich. Er zog sich seine Handschuhe aus, legte sie auf das Armaturenbrett und stieg aus, ärgerlich, aber beherrscht. Er gehörte nicht zu den Autonarren, die ihr »heiligs Blechle« als das Wichtigste in ihrem Leben ansahen und über der Katastrophe einer geringen Beschädigung schier verzweifelten. Ein Auto war für ihn ein Fortbewegungsmittel, mehr nicht. Sein schon historisches Mercedes-Modell war zwar gut gepflegt, aber nicht als prunkende Antiquität, sondern um ihn möglichst lange benutzen zu können. Er hatte keinerlei Sehnsucht nach einem neuen Wagen, solange es dieser noch anstandslos tat. An einem Sammlerwert hatte er kein Interesse und wenn er darauf angesprochen wurde, ob er dieses Schmuckstück nicht zu einem erheblichen Preis zu veräußern bereit wäre, lachte er nur.

In dem anderen Auto rührte sich niemand. Die beiden Gestalten saßen unbewegt auf ihren Vordersitzen, aus den Augenwinkeln beobachteten sie ihn teilnahmslos. Er warf einen kurzen Blick auf den Schaden, der ihm entstanden war: Das Blech des Radkastens war erheblich eingedrückt, sah aus wie eine zerknüllte Zeitung und berührte fast den Reifen. Dann ging er auf den schwarzen Geländewagen zu, einen mit glitzerndem Frontgitter verzierten kantigen Kasten von martialischem Zuschnitt, fast wie ein Panzerwagen, der offenbar unbeschädigt geblieben war, jedenfalls war nichts anderes zu erkennen. Die beiden Insassen schien dies auch nicht zu interessieren. Sie ließen nicht einmal die Seitenfenster herunter, schauten ihn nur ungerührt an.

»Würden die Herren bitte kurz aussteigen!«

Er war sich nicht einmal sicher, dass sie ihn in ihrem festungsartig verschlossenen Gehäuse gehört hatten, jedenfalls reagierten sie nicht. Er begann nun umständlich und etwas hilflos zu gestikulieren, deutete immer wieder auf sein Fahrzeug, schließlich auch auf das eingedrückte Hinterteil. Sie sahen es wohl und blieben doch steif in ihrer hochbeinigen Panzerkiste sitzen. Er sah sich etwas verlegen um, da aber niemand sonst zu sehen war, beschloss er mit sarkastischer Gelassenheit zu warten. Irgendwann würden die beiden Finsterlinge, denn um solche musste es sich handeln, davon war er inzwischen überzeugt, sich rühren müssen, er hatte Zeit.

Einige Zeit geschah tatsächlich nichts, eine Pattsituation, bei der er sich dennoch sicher war, am Ende der Überlegene zu bleiben. Es dauerte auch gar nicht lange, dass von unten ein kleiner älterer Lieferwagen heraufschnaufte und die Straße von dem noch immer quer stehenden Geländewagen versperrt fand. Er musste anhalten und da sich nichts tat, hupte der Fahrer kurz. Nun schienen es die beiden sich doch anders zu überlegen, jedenfalls stieß der Fahrer des schwarzen Ungetüms energisch zurück, fuhr dann einen heftigen Bogen auf den Gehweg und kam immer noch in einigem Abstand mit scharfem Bremsen hinter dem beschädigten Mercedes zu stehen. Während der Lieferwagen befriedigt weiter den Berg hinauffuhr, stieg der Fahrer des Geländewagens energiegeladen aus, ein schwarz gekleideter Brocken von einem Mann, kraftstrotzend und gefährlich aussehend. Er hatte ein bulliges Gesicht mit Schweinsäuglein, sehr kurz geschorene Haare und trug am Handgelenk eine grobgliedrige schwere Silberkette.

»Dein Auto hat wohl ein kleines Wehwehchen, da musst du Pflaster nehmen.« Das war eine gänzlich unerwartete Bemerkung und dazu in einem Ton, den er nicht einfach hinzunehmen bereit war.

»Oho! Ich habe nicht die Ehre, mit Ihnen bekannt zu sein. Im Übrigen ist dies kein Wehwehchen, sondern etwas mehr als nur eine schmerzhafte Beule. Sie werden mir für den Schaden aufkommen. Ich werde den Wagen abschleppen lassen müssen.«

»Ach, wirklich?«

Während der Schwarze nun tatsächlich unwillig mit ihm mitkam, sah er, wie dessen Beifahrer ausstieg und sich hinten am Heck zu schaffen machte, aber er achtete nicht weiter auf ihn. Stattdessen nestelte er aus dem Brillenfach seines Jacketts eine Visitenkarte, um sie mit seinem Kontrahenten auszutauschen, wobei er auch die Versicherungsdaten notieren wollte. Er streckte ihm die Karte hin, doch der andere ignorierte sie absichtsvoll. Die schwarze Bulldogge stand nun vor dem Hinterrad und lachte breit und zynisch. »Mach dir doch nicht ins Hemd.«

Solche Unverschämtheit konnte er nicht gänzlich überhören, aber allzu sehr mochte er sich mit einem solchen Muskelpaket auch nicht anlegen. So begnügte er sich mit einem zwar marklosen, aber warnend gemeinten überlauten »Na! Na!«, um dann etwas leiser, aber entschieden hinzuzufügen:

»Ihren hilfreichen Ratschlag werde ich natürlich beherzigen. Sie scheinen die hohe Schule der verbalen Entgleisungen mit großem Erfolg absolviert zu haben.«

So viel konternde Eloquenz überstieg nun offenbar doch das Verständnis des Kraftprotzes. Er stieß ein schneidend drohendes »Hei!« aus, um dann eine Probe seiner gänzlich anderen Fähigkeiten abzugeben. Einen Fuß stemmte er gegen den Reifen, mit der rechten, silberbewehrten Hand griff er das eingedrückte Teil, zog heftig daran, um schließlich mit einem scharfen Ruck das Schutzblech nach außen zu biegen, bis es wie ein scharfkantiger Flügel vom Wagen abstand und weit in die Straße ragte. Zunächst hatte es so ausgesehen, als wolle er das Metall nur hilfreich zurechtbiegen, damit der Wagen weiterfahren könne, jetzt allerdings hatte er in gröbster Weise alles verschlimmert und blickte geradezu befriedigt auf sein böses Werk. Das war ein Akt roher Gewalt. Und zudem war in der engen Straße jeder Vorbeifahrende durch das herauskragende Metallteil aufs Äußerste gefährdet, am meisten die Radfahrer. »Das ist wirklich nicht sehr dienlich, was Sie da machen.« Doch der Brutalo lachte nur, rieb sich den Staub von den Händen und zuckte mit den Schultern.

Jetzt war es wirklich an der Zeit, nach der Versicherung zu fragen und die Daten auszutauschen. Wieder streckte er ihm seine Karte entgegen und zog zugleich unmissverständlich einen Schreibstift aus der Tasche. Der Schwarze ging nun ohne besondere Eile und ohne sich weiter umzusehen zu seinem Ungetüm von einem Auto, scheinbar, um die Unterlagen zu holen, der Beifahrer saß bereits wieder an seinem Platz. Doch dann stieg der Muskelprotz ein, ließ sich in den Sitz fallen, rief dabei laut: »Carte blanche!« und knallte die Tür zu. Sofort wurde gestartet und mit einem kurzen Schlenker bog der Roadster auf die Straße und fuhr eilig davon.

Instinktiv hatte er nach dem rabiaten Gebaren bereits damit gerechnet, dass die beiden sich aus dem Staub machen könnten, und war gewappnet, sich das Fabrikat und die Nummer des Autos zu merken, um gleich eine Anzeige zu erstatten. Am besten noch telefonisch, denn er war überzeugt, dass ein so auffälliges Gefährt ziemlich schnell im Stadtgebiet ausfindig zu machen wäre. Doch jetzt, als die beiden scharf an ihm vorbeifuhren, – er glaubte, ein hämisches Grinsen auf dem Gesicht des Beifahrers erkennen zu können –, sah er plötzlich, dass das hintere Nummernschild mit einem geknickten, lose darübergestülpten Pappkarton abgedeckt war, nicht einmal das Stadtkennzeichen war zu erkennen. Auch die Automarke war ihm unbekannt, immerhin erinnerte ihn das Signet an irgendetwas: ein Kreis mit einem horizontalen Querbalken durch die Mitte. Außerdem glaubte er, den Beginn eines Typenschildes gelesen zu haben: »Pat…«

Sofort hatte er die Situation erfasst. Die beiden Ganoven hatten es offenbar direkt auf ihn abgesehen. Das Ganze war kein Versehen oder ein Unfall, sondern eine planmäßige Provokation. Das Verstecken des Nummernschildes war so einfach wie wirkungsvoll. Erst hatte der Wagen quer gestanden, da war es nicht zu erkennen gewesen, und er hatte auch noch nicht darauf geachtet. Dann waren sie mit seinem Auto beschäftigt. Und schließlich der Abgang, so überraschend schnell, dass er nur noch hinterherblicken konnte – auf einen Pappdeckel, der bei der nächsten Kurve von allein davonfliegen würde. Oder unten, vor der Einmündung zur Hauptstraße, würden sie ihn einfach wegnehmen und fortwerfen. Das fiele nicht einmal Passanten auf, falls überhaupt gerade welche vorbeikämen. Sauber ausgedacht.

Noch während er betroffen neben seinem demolierten Fahrzeug stand, ratterten diese ersten Überlegungen durch seinen Kopf, nicht sonderlich systematisch, doch auch nicht verwirrt, dafür war er ein zu nüchtern denkender und kaum zu erschütternder Zeitgenosse. Schließlich fiel ihm etwas sehr viel Naheliegenderes ein und er suchte sein Handy aus der inneren Jackentasche. Aus dem anderen Brustfach nahm er ein kleines Adressbuch und schlug es auf.

»Meister Stalf«, er war sich sicher, an der Stimme gleich erkannt zu werden, »ich habe ein kleines Problem an meinem Fahrzeug, oder besser gesagt, es ist ein größeres. Können Sie mich Huckepack nehmen? Sie werden mich nämlich abschleppen müssen. Ein böser Mensch ist mir reingefahren. – Doch, es fährt noch, aber hinten ist ihm ein gefährlicher Flügel gewachsen, der weit heraussteht. – Natürlich, wenn Sie eine große Zange mitbringen. Aber da fällt mir ein: Haben Sie einen Fotoapparat? Man müsste das Auto vielleicht wegen der Versicherung erst fotografieren, im jetzigen Zustand. – Wirklich? Sie sind ein reizender Mensch, ich bin Ihnen sehr verbunden. Der Wagen steht gleich hundert Meter unterhalb meiner Wohnung. – Ja, im Kapellenweg. Wenn Sie gleich kommen, würde ich dort auf Sie warten. Aber es dürfte nicht zu lange dauern. – Ja, ich muss zu einer Sitzung. – Ach, Sie sind wirklich sehr hilfsbereit. Wenn ich Sie nicht hätte … – Großartig. Vielen Dank, sehr liebenswürdig.«

Otto von Hübner, sein Name lässt sich nicht länger verschweigen, lebte als Anwalt schon seit unvordenklichen Zeiten hier oben, allein im Haus mit Frau Ritter, einer weitläufigen Verwandten seiner verstorbenen Frau, die ihm auf diskrete Weise den Haushalt betreute, ohne allzu sehr in seine rüstige Selbstversorgung einzugreifen. Das Frühstück pflegte er sich selbst zu bereiten, mehrmals in der Woche aßen sie gemeinsam zu Mittag, aber stets nach vorheriger Verabredung, denn oftmals ging er auswärts essen. Im Grunde sorgte sie vor allem für seine Wäsche und sah auf Ordnung und Sauberkeit, im Übrigen war es mehr eine Wohngemeinschaft, in der jeder eigenen Interessen nachging, aber gelegentlich sah man beide zusammen im Konzert oder im Theater.

Eine eigene Kanzlei unterhielt er nicht, sein Büro war im Haus. Früher war er einmal Syndikus in einem Betrieb gewesen, hatte dann lange Jahre einen Wirtschaftsverband geleitet und war jetzt, als Pensionär, vor allem beratend tätig für manche großen Stiftungen, Familienbetriebe in ihren Erbauseinandersetzungen, vor allem aber für einige potente Investoren, bei denen sein Rat und seine Erfahrung in Handels- und Gesellschaftsrecht gefragt waren. Es waren dies sehr persönlich zu führende Mandate, bei denen der Schriftverkehr wenig umfänglich, die mündliche Beratung und Anwesenheit bei wichtigen Besprechungen jedoch unerlässlich war. Im Übrigen fand er die Unterstützung einer älteren, erfahrenen Schreibkraft, die ganz in der Nähe wohnte und sich am Ende ihres Arbeitslebens mit solchen freien, aber durchaus gut bezahlten Auftragsarbeiten begnügte.

Eine geregelte Arbeitszeit war mit seiner Beschäftigung nicht verbunden. Er stand zur Verfügung. Und das bedeutete oft mehrtägige Konferenzen auswärts, gelegentlich Besprechungen bis tief in die Nacht, auch lange Telefonate außerhalb jeder Geschäftszeit, sogar sonntags, von den Vorbereitungen in seiner einschlägig bestückten Bibliothek ganz zu schweigen. Mit dem juristischen Alltagsgeschäft hatte er nichts zu tun, eher mit langfristigen Strategien eines Konzernaufbaus, mit Nachfolgeregelungen, häufig auch mit den zugehörigen Fragen des Steuerrechts. Er war bekannt für seine pfiffigen und ungewöhnlichen Ideen, von deren Tragfähigkeit und realistischer Chance er oftmals erst zu überzeugen hatte.

Aber er genoss auch die Vorteile einer sehr freien Gestaltung seiner Lebensweise. Im Grunde war er ein Schöngeist, und Literatur und Kunst, auch Musik interessierten ihn mindestens ebenso wie seine Juristerei. Die persönliche Bekanntschaft mit Künstlern war ihm wichtig, gesellschaftliche Anlässe, bei denen Kunst und Geld zusammengeführt wurden, ließ er kaum aus, seien es Preisverleihungen, Ehrungen, Vernissagen oder Festivals wie Salzburg oder Baden-Baden. Um sich nützlich zu machen, versuchte er immer wieder, Künstler, Geldadel und Investoren dabei miteinander bekannt zu machen. Junge Talente zu fördern, war ihm ein besonderes Anliegen. Aber alles musste in einem festlichen Rahmen stattfinden, darauf legte er Wert. Diskretion und Öffentlichkeit schlossen sich nicht aus, ließen sich sogar nützlich verbinden. Er galt als ein Mäzen, aber sein eigener finanzieller Beitrag war dabei nicht einmal sehr groß. Nur war er in entscheidenden Momenten, wenn ein neues Projekt auszustatten war, immer dabei, gewissermaßen als Gründungsvater und als jemand, der die potentesten Geldgeber ansprechen, mitziehen und motivieren konnte. Den passenden Ton zu finden, Vertrauen zu gewinnen und die richtigen Leute zusammenzuführen – darauf beruhte sein Erfolg. Kein Wunder, dass er umworben war und in diesen Kreisen den besten Ruf genoss. Es wurde ihm gedankt, indem er als Erster zu allen spektakulären Gelegenheiten eingeladen wurde. Überall hielt man seine Anwesenheit für hilfreich und vorteilhaft. Bei längst ausgebuchten Hochglanzereignissen fand man für ihn immer noch einen Platz und natürlich in den vordersten Reihen.

Ein solcher Mensch ging auch mit den unangenehmen Zufällen des Lebens gelassen um. Dass ein geordnetes Leben von viel Unordnung umgeben und begleitet wird, war ihm eine selbstverständliche Einsicht in die menschlichen Unzulänglichkeiten. Nicht, dass ihm das gefiel, aber darum zu wissen, erleichterte ihm, es zu ertragen. Er gehörte zu jenen Schöngeistern, die auch mit der Exzentrik allen Künstlertums vertraut waren, den Abgründen, der Maßlosigkeit. Und insgeheim hatte er seine Bewunderung dafür. Zwar war er für sich selbst zu nüchtern, zu sehr Verstandesmensch und neigte zu keinerlei Exzessen. Schon einen richtigen Wutanfall mit törichten Ausfällen und überschäumenden Verwünschungen hätte er sich selbst nie verziehen. Sein Leben verlief überlegt, durchreflektiert, vorausschauend. Diese Selbstbeherrschung empfand er geradezu als Genuss und wenn er zur Selbstliebe je fähig war, dann gerade darin. Aber dass die meisten Menschen dieses Maß an Selbstkontrolle nicht aufbrachten, von allerlei Leidenschaften durchgeschüttelt wurden ebenso zu ihrem Verderben wie zu ihrem Vergnügen, hätte ihn nie dazu gebracht, sie deswegen zu verachten und sich selbst für etwas Besseres zu halten. Schlimmstenfalls versuchte er, ihnen aus dem Weg zu gehen.

Als er gegen Spätnachmittag mit einem Taxi nach Hause kam und die Stelle passierte, an der einige Stunden vorher der Überfall geschehen war, gingen ihm alle Einzelheiten noch einmal wie ein Film durch den Kopf. Die beiden Schurken hatte er noch nie zuvor in seinem Leben gesehen. Und doch hatten sie es gerade auf ihn abgesehen, daran hatte er keinen Zweifel. Wer auch immer dahinterstand, man wollte ihm wohl eine kleine Demütigung zukommen lassen. Und dies bedeutete, dass sie wohl nur die Handlanger dafür waren. Die Frage war nur, wer solche Auftragsganoven auf ihn hetzte. Darüber würde er nachdenken müssen. Hatte es mit der kleinen Konferenz zu tun, zu der er auf dem Weg gewesen war? Wohl kaum, wer konnte davon wissen? Nicht einmal Frau Ritter hatte er davon verständigt. Er pflegte seine Unabhängigkeit, indem er sie mit beiläufigen Einzelheiten seines Tuns und Lassens verschonte. Es sollte eine Beratung unter vier Augen sein, telefonisch verabredet, mehr nicht. Niemand sonst wusste davon. Oder ging es um etwas gänzlich anderes? Eine indirekte Warnung? Aber wem sollte sie gelten? Er war sich eigentlich ziemlich sicher, keine Feinde zu haben. Aber was waren Feinde? Ein etwas hochtrabendes Wort, so ungestüm ging es bei ihm nicht zu. Sicher, es gab immer Interessenskollisionen, gegensätzliche Auffassungen, Parteinahme.

Dem einen steht Nachbars Baum zu nah an der Grenze und lässt von den überhängenden Ästen auch noch das Laub herabfallen. Der andere will den Baum dennoch nicht beschneiden, weil er auf den Sichtschutz Wert legt. Ein Dritter ergreift Partei: Doch, der Baum muss weg, weil er mir die ganze schöne Aussicht nimmt. Und dann wird auch noch die Baumschutzordnung herangezogen, die das Fällen von Bäumen von einem bestimmten Stammumfang an verbietet. Schließlich mischt sich einer ein, der erst kürzlich hierhergezogen ist und plädiert dafür, die Zäune einzureißen und so eine weiträumige Parklandschaft mit alten Bäumen, aber ohne Eigentumsgrenzen entstehen zu lassen. Schließlich biete diese Gegend eine einmalige Chance für solche Verschönerungen, an denen doch alle teilhaben könnten, die schließlich allen zugute kämen. Na ja, da konnte man nun wirklich verschiedener Meinung sein. Aber es war doch lächerlich zu glauben, dass solche Auseinandersetzungen inzwischen zu handfesten Drohungen oder gar drastischen Attacken führen sollten.

Wem sollte er von diesem – »Überfall« berichten? Es war doch ein Überfall, wie sollte man es anders nennen? Gezielt, brutal, einschüchternd. Sollte er gleich die Polizei einschalten? Aber die würden das für ein Märchen halten. Sicher, ein Unfall mit Fahrerflucht, das ließ sich noch nachvollziehen. Aber Absicht? Bei einem ehrenwerten, hochgeachteten Bürger dieser Stadt? Ohne weitere Indizien oder Zeugen? Das klang doch etwas senil. Aber selbst wenn man ihm diese Geschichte abnehmen würde, in welchem Lichte würde er selbst plötzlich dastehen? Jemand, der offenbar mit Leuten aus der Unterwelt verkehrte und dabei in Scharmützel mit ihnen geriet? Was hatte der denn mit diesem Milieu zu tun? Das ging doch wohl nicht mit rechten Dingen zu? Nein, das war einfach peinlich. Man würde ihn schief ansehen und überdies in Erklärungsnöte bringen. Wie sollte er sich jungen, unerfahrenen Beamten gegenüber verständlich machen? Peinsam, auch nur darüber nachzudenken. Und doch nagte es an ihm. Nicht, dass er selbst sich etwas vorzuwerfen hatte. Er hatte sich keine Blöße gegeben und sich durchaus so verhalten, wie er es von sich selbst erwartete, selbst in der Niederlage überlegen. Und doch ohnmächtig und ratlos. Aber gerade das durfte nicht sein. Er musste die Sache völlig nüchtern betrachten, wie ein Unbeteiligter, die einzelnen Bestandteile aufdröseln und trennen. Eigentlich waren es doch zwei verschiedene Geschehnisse. Das eine: Da hat jemand einen ziemlichen Hass auf mich. Er will ein aggressives Zeichen setzen, mir eine Lektion erteilen, wenngleich ich nicht weiß, wofür. Keine Vorstellung, wer das sein könnte. Vor allem, er will mir nicht selbst an den Karren fahren, um sich nicht zu erkennen zu geben, das war so geplant. Das andere betrifft die Ausführung: Zwei Hallodris bekommen diesen Auftrag zu einer kleinen Demütigung, wahrscheinlich wissen sie nicht einmal, warum und weshalb. Es interessiert sie auch nicht. Wie sie das so erledigen, dass sie heil davonkommen, ist ihre Sache. Vermutlich haben sie ausgekundschaftet, wann mein Wagen vor der Garage steht und ich irgendwann wegfahren werde. Dann brauchten sie nur noch zu warten. Einfache Beobachtung genügte. Schöne Typen, einschüchternd, durchaus clever. Und das alles für ein schnell verdientes Handgeld. Ohne weiter nachzufragen.

Beiden Vorgängen liegt äußerste Präzision zugrunde. Der Auftraggeber ist dabei von ungebremster Leidenschaft motiviert, die beiden Ausführenden jedoch allein vom schnell verdienten Geld. Das ist der einzige, aber entscheidende Unterschied.

Wie aber darauf reagieren? Die beiden Ganoven ausfindig zu machen, könnte Aufgabe der Polizei sein. Es ginge um Unfall mit Fahrerflucht. Nur einen Unfall, denn ein Vorsatz oder gar versuchte Körperverletzung lassen sich nicht nachweisen, obschon sie offensichtlich mitgeplant waren. Aber ohne Zeugen? Und bei der Fahrerflucht würden die beiden wahrscheinlich frech behaupten, sie hätten mir sogar noch geholfen, die Delle wieder geradezubiegen. Selbst dabei käme nicht viel heraus. So gesehen haben die nicht einmal schlechte Arbeit gemacht, abgesehen von ihrem rüpelhaften Auftreten. Geringes Risiko, begrenzter Schaden, ganz nach Anweisung.

Den Drahtzieher ausfindig zu machen, dürfte schwieriger sein. Die beiden Halunken (wenn man sie denn hätte) würden ihren Hintermann auf keinen Fall preisgeben, das gehörte zum Ehrencodex. Und da der sich ja die Hände nicht selbst schmutzig gemacht und insofern keine Spuren hinterlassen hat, bliebe nur die Suche nach einem Motiv.

Allein die Befragung durch die Beamten: Haben Sie Feinde? Was sollte er darauf antworten? –

Nicht, dass ich wüsste.

Könnte es sein, dass aus Ihrer Anwaltstätigkeit irgendeine Gegnerschaft oder Feindseligkeit herrühren könnte? So, wie Sie es schildern, war es doch ein brutaler Angriff, bei dem auch eine Körperverletzung nicht ausgeschlossen werden musste.

Man würde also nach seinen Mandanten fragen, ob es zu ihnen irgendwelche Vermutungen gäbe. Aber hier sollte man besser keine Polizei herumschnüffeln lassen. Das fiel nun wirklich unter das Anwaltsgeheimnis. Und an öffentlichem Aufsehen war ihm keineswegs gelegen. Nein, keine Polizei. Es müsste andere Wege geben.

II.

Graber überlegte schon eine ganze Weile, wie er mit dieser Klientin fertig werden sollte. Sie war nicht nur äußerst aufgebracht und redete dauernd dazwischen, sondern sie ließ ihren Sohn, um den es doch eigentlich ging, kaum zu Wort kommen, schon gar nicht, wenn er den eigentlichen Sachverhalt schildern sollte. Ein im Grunde ziemlich harmloser Ladendiebstahl, der von einem Kaufhausdetektiv beobachtet worden war, hatte in einem wüsten Gerangel bei der Aufnahme der Personalien im Büro geendet. Sowohl der Detektiv wie auch der Delinquent hatten erhebliche Blessuren davongetragen und beschuldigten sich nun gegenseitig der Körperverletzung.

Der Sohn, gerade noch minderjährig, von schlaksiger, aber sportlicher Gestalt, grinste vor sich hin, schien die Sache nicht sehr ernst zu nehmen und zeigte eine leicht verächtliche Distanz zu seiner Mutter. Frau Müller, eine kleine, etwas korpulente Beamtenwitwe, drückte schon durch die Art, wie sie sich breit auf ihrem Stuhl vor dem Schreibtisch platzierte und ihren Sohn, der schräg hinter ihr saß, fast verdeckte, deutlich genug aus, wer hier das Sagen haben sollte. Als sie aber schon am Beginn der Schilderung der Vorfälle, auf die es doch ankam, wenn eine Verteidigungsstrategie sinnvoll entwickelt werden sollte, resolut dazwischenfuhr »Sei still, Bub!« und dann mit einem so plastischen Bericht anhob, als sei sie selbst dabei gewesen, reichte es Graber und er bat sie, draußen zu warten.

Er selbst schloss hinter ihr die Tür, nicht ohne vorher seiner Bürovorsteherin einen sprechenden Blick zuzuwerfen, den sie nur mit einem kaum merklichen Kopfnicken beantwortete. Die Verständigung zwischen Graber und ihr konnte sich in solchen Situationen mit knappsten Zeichen begnügen. Sie waren ein langjährig eingespieltes Team von zwar sehr unterschiedlicher Wesensart, aber beide in dem Ziel vereint, eine recht und schlecht laufende Anwaltspraxis einigermaßen über die Runden zu bringen. Er nannte sie seit jeher Elfi, obschon sie eigentlich Elfriede hieß, aber das klang doch allzu altmodisch. So hatte sich diese Verkürzung längst unter allen ihren Freunden und Bekannten durchgesetzt, obschon sie nichts Elfenhaftes an sich hatte.

Frau Müller maulte wieder los:

»Ihr Chef hat mich nicht einmal ausreden lassen.«

Aber Elfi traf offenbar den richtigen Punkt, als sie antwortete:

»Vor Gericht steht Ihr Sohn allein, da werden Sie ihm kaum helfen können. Und wenn Sie vor dem Richter dazwischenquatschen, werden Sie ohnehin auf den Flur verbannt. Da kann nur noch einer helfen und das ist der Anwalt. Und ich sagen Ihnen, Herr Graber setzt sich für ihn ein, das werden Sie sehen.« Jedenfalls beruhigte sich Frau Müller allmählich und nahm neben dem missmutigen älteren Herrn Platz, der bereits im Wartebereich der kleinen Kanzlei saß. So konnte Elfi sich wieder dem Computer zuwenden, neben sich eine aufgeschlagene Akte, an der anderen Seite das Telefon, hinter sich die Tür zum Büro, links vor sich der Garderobenständer neben dem Eingang und rechts dahinter die Flurerweiterung mit der Sitzecke. Sie hatte alles im Blick.

Der Vormittag war ruhig angelaufen. Graber, der ohnehin meist erst spät in die Praxis kam, hatte um zehn Uhr einen Gerichtstermin gehabt, eine Strafsache, aber da eine Schöffin krank geworden und der Ersatzschöffe so schnell nicht aufzufinden war, wurde die Verhandlung zum Ärger des Richters kurzfristig verschoben. Angemeldet war nur noch Herr Keilholz, der bereits wartete, – eine unangenehme Mietsache, bei der ein Räumungsbefehl beantragt war. Dabei hatte der Hausbesitzer allerdings völlig überzogen. Zwar war der arbeitslose Keilholz bereits sieben Monate im Mietrückstand und hatte weder auf die Mahnungen noch auf die Kündigung reagiert, zugleich hatte er aber Hauswartsaufgaben übernommen, zwar ohne Vertrag, doch stets bezahlt und insofern wohl zufriedenstellend ausgeführt. Mit solchen Dingen sich herumzuschlagen, machte viel Arbeit und meist lief es darauf hinaus, die Räumung noch einmal abzuwenden, also auf irgendeine Art von Vergleich, jedenfalls nichts, an dem etwas zu verdienen war. Eher so etwas wie Sozialarbeit. Aber hätte man Keilholz abwimmeln sollen? Oder auch nur können?

Und mit Herrn Öcalan, dessen Akte Elfi aufgeschlagen hatte, war es nicht viel anders, ein Kurde, bei dessen Namen allein vermutlich schon sämtliche Alarmglocken in der Ausländerbehörde losbimmelten. Er war ständig von der Abschiebung bedroht, nicht einmal eine formelle Duldung hatte er bisher erreicht. Seine einzige Chance bestand darin, dass man der Ausländerbehörde irgendeinen Verfahrensfehler nachweisen konnte, der einen neuen kleinen Aufschub bedeuten konnte. Aber trotz der ökonomischen Katastrophe, die solche Fälle für die Kanzlei bedeuteten, verschafften sie doch eine tiefe moralische Befriedigung, wenn es gelang, sie von Quartal zu Quartal am Köcheln zu halten. Was nicht endgültig entschieden wurde, war schon ein halber Sieg, bedeutete es doch für die Mandanten, dass wenigstens eine endgültige Niederlage abgewendet wurde, die nur ausweglose Schicksalsschläge zur Folge haben konnte.

Aber darin waren Graber und Elfi sich völlig einig, dass sie dieses Anwaltsbüro nicht allein zum Geldverdienen betrieben, sondern mit dem Anspruch, Leuten zum Recht zu verhelfen, die auf ihre Hilfe angewiesen waren. Nicht weil sie unschuldig wären, sondern weil das Recht immer bedroht ist, sei es von der Bürokratie, einer eigensinnigen Staatsverwaltung, sogar von der Justiz selbst, sei es von der Macht des Geldes. Das Recht aber ist das Zentrum aller demokratischen und sozialen Errungenschaften, ist ihr Garant. Dies war die unausgesprochene politische Philosophie, die sie teilten, ein nicht zu verachtender Rest, der von den Träumen von einer besseren, freieren und gerechteren Welt übrig geblieben war. Sie beide hatten sich schon im Studium kennengelernt, einem Studium, das noch von der Aufbruchsstimmung der 68er-Zeit geprägt war, auch wenn sie der Generation danach angehörten. Damals waren sie einige Zeit eng zusammen gewesen, hatten zwar ihr Lager geteilt, es aber nie bis zu einer gemeinsamen Wohnung gebracht. Schließlich war die Sympathie wärmebeständiger geblieben als die Liebe. Beide hatten sie noch in der Volkszählungskampagne mitgewirkt, aber Elfi war dann andere Wege gegangen, hatte noch vor dem Jura­examen ihr Studium abgebrochen, war nach Frankfurt gezogen, hatte einige Jahre in Galerien gejobbt. Erst Jahre später hatten sie sich zufällig wiedergetroffen, beide nicht gerade vom Erfolg verwöhnt, von Karriere konnte man ohnehin nicht sprechen. Graber hatte es in einigen Kanzleien als Anwalt versucht, sich aber nie wohlgefühlt und manchmal hatte er auch den Eindruck, dass ihm die lukrativeren Fälle immer von den Kollegen weggeschnappt wurden. So hatte er den riskanten Entschluss gefasst, lieber allein im eigenen Büro zu arbeiten. Elfi, ein paar Jahre jünger als Graber, nun Mitte 40, suchte gerade eine Veränderung und hatte sich bereit erklärt, Graber das Büro zu führen. Er hätte keine Bessere dafür finden können.

Frau Müller rutschte unruhig auf ihrem Stühlchen herum, wahrscheinlich wäre sie am liebsten wieder in das Büro gestürmt und hätte das Wort an sich gerissen. Elfi beobachtete sie unauffällig und war zu jeder Schlichtung bereit, als plötzlich das Telefon klingelte. Sie meldete sich mit dem ausgeleierten Sprüchlein, das ihr gedankenlos aus dem Mund flutschte:

»Anwaltspraxis Graber. Sie sprechen mit Elfriede Schamberger. Was kann ich für Sie tun?«

Eine geschmeidige Stimme meldete sich mit überdeutlicher Aussprache:

»H-ü-b-n-e-r. Kann ich Herrn Kollegen Graber sprechen?«

Sie war bei unbekannten Anrufern von größter Aufmerksamkeit und das Wort »Kollege« hatte sie nicht überhört. Sie brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde in ihrem Gedächtnis zu kramen, um dann nachzufragen:

»Darf ich fragen, sind Sie Herr von Hübner?«

»Ganz recht.«

Es war nicht so, dass ihm der zusätzliche Namensbestandteil unwichtig gewesen wäre, er legte sogar großen Wert darauf, dennoch meldete er sich am Telefon stets nur mit »Hübner«, nicht aus falscher Bescheidenheit, sondern sogar gänzlich unbescheiden. Denn im Grunde erwartete er, dass man ihn kannte und ihn sogleich »vollständig« anredete. Kam es einmal vor, aber das war selten genug, dass er in einer ihm fremden Umgebung gezwungen war, sich selbst vorzustellen, pflegte er überdeutlich zu sagen: »Hübner, Otto von Hübner.« Es sollten keine Missverständnisse aufkommen.

»Einen Moment bitte, ich verbinde.«

Doch zunächst drückte sie auf die Unterbrechertaste und meldete sich bei Graber:

»Da ist ein Herr von Hübner in der Leitung.«

»Kenn ich nicht.«

»Vorsicht! Erzähle ich dir später. Wirtschaftsanwalt, ein hohes Tier.« Sie hatte sehr verhalten ins Telefon gesprochen, merkte aber, dass Frau Müller aufmerksam herübergeschaut hatte.

Graber war nicht ganz schlau geworden, was dieser Kollege wirklich von ihm wollte, es schien um einen Verkehrsunfall zu gehen und darum, dass er um die Mittagszeit zufällig in der Stadt sei und in der Kanzlei vorbeischauen könne. Natürlich wollte er keinen Termin vereinbaren (so sind solche Herren, aber das Wartezimmer mögen sie auch nicht, sondern rauschen am liebsten gleich ins Büro durch, »nur auf ein Wort«). Andererseits konnte es ein neues Mandat bedeuten, immerhin einen ordentlichen Versicherungsfall, und da soll man sich nicht anstellen. Natürlich hatte er Zeit (und würde notfalls sogar auf ihn warten).

Das musste er aber keineswegs. Gerade nachdem Graber Herrn Öcalan mit aufmunternden Worten verabschiedet hatte, kurz nach halb eins, kam Herr von Hübner ins Büro. Ganz gegen ihre Gewohnheit fragte Elfi weder nach Namen noch nach Begehr, sondern nahm ihm nach der Begrüßung sogleich den Staubmantel ab und öffnete die Tür zum Büro. Verwechslungen waren nicht möglich, ein solcher Besucher hatte sich noch nie in ihre Kanzlei verirrt. Die ganze imposante Erscheinung, groß, würdevoll, dabei aber höchst umgänglich und mit heiterem Strahlen im Gesicht, spiegelte einfach eine andere Liga als das sonstige Publikum. Sie hatte Graber schon zuvor instruiert mit allem, was ihr aus ihrer Frankfurter Galerienzeit erinnerlich war, und das war eigentlich nur vom Hörensagen. Natürlich vorwiegend aus der Museums- und Kunstszene. Und dass er mit wirklich allen führenden Wirtschaftsleuten persönlich bekannt sei. Rechtsanwalt, ja, aber ohne eigene Kanzlei. Was er tatsächlich arbeite und für wen, das wisse niemand. Da müsse schon eine Menge Kohle sein, jedenfalls gelte er als ein großer Kunstmäzen.

Elfi ging vor, Hübner folgte nur zögerlich, weil er sich ungeniert umsehen und einen optischen Eindruck von der Kanzlei gewinnen wollte, dann stellte sie Graber den Gast vor (statt umgekehrt). Sie dachte, dass es so richtig und geboten sei, schließlich kam er als Mandant, und selbst ein sehr bescheidenes Anwaltsbüro müsse auch eine gewisse Selbstsicherheit ausstrahlen. Die unverkennbare Verlegenheit Grabers, die sie sogleich bemerkte, überspielte sie, indem sie dem Besucher einen Kaffee anbot.

»Das ist reizend von Ihnen, vielen Dank, aber so kurz vor dem Mittagessen …«

Die Erzählung Herrn von Hübners von der eindeutig provozierten Beschädigung seines Autos am Vortag war sehr anschaulich durch blumige Ausschmückungen. Insbesondere das vulgäre Benehmen des bulligen Fahrers – »Silberkette und Gefängnishaarschnitt« – schilderte er mit köstlichem Humor. Er zeigte sich dabei keineswegs beunruhigt, nahm es eher als einen Ganovenstreich von Leuten, mit denen er sich eigentlich nicht abzugeben pflege oder gemeinmachen wolle, aber ganz durchgehen lassen könne man so etwas natürlich auch nicht. Graber versuchte, sich die Szene vorzustellen, war sich aber nicht sicher, ob er an seiner Stelle nicht in panische Angst geraten wäre. Aber dann interessierte ihn vor allem, wer dahinterstecken könnte. Wenn es keine persönlichen Feinde gab, wie Herr von Hübner versicherte, müsse man vielleicht an einen terroristischen Hintergrund denken. Indem er es aussprach, erschrak Graber sogleich, dass er selbst ein so abgedroschenes Vorurteil, wie es sich nur die Boulevardpresse ausdenken konnte, ins Gespräch brachte. Er bekam auch sogleich eine Abfuhr:

»Unsinn. Entschuldigen Sie, das halte ich für gänzlich abwegig. Das hieße nur, ein Schreckgespenst an die Wand zu malen.«

Graber lachte etwas gekünstelt auf, um seine Bemerkung selbst damit als Scherz zu entwerten.

»Sie haben völlig recht, diese Art Terrorismus gibt es bei uns zum Glück nicht. Wir leben doch in einer ziemlich friedlichen Ecke und nicht in Moskau.«

Noch so ein pauschales Vorurteil, das ihm da rausgerutscht war. Graber nahm sich vor, sich besser zu kon­trollieren.

»Sehen Sie, ich will mich damit nicht weiter ins Gespräch bringen. Und deshalb will ich auch nicht die Polizei einschalten. Wenn die das nämlich richtig ernst nähme, und das müsste sie doch wohl, dann ginge das womöglich los mit verstärkter Bewachung und Personenschutz und ähnlichen Vorstellungen. Dann würde ständig eine Polizeistreife da oben, wo ich wohne, herumspazieren und das ganze Umfeld aufgeschreckt werden. Unter Umständen gäbe es sogar einen Artikel in der Zeitung. Nein, danke. Das möchte ich niemandem von meinen Nachbarn zumuten, mir selbst auch nicht.«

»Sie wohnen am Lorettoberg?«

»Ja, kennen Sie die Gegend?«

»Nein, nicht so genau.«

»Es ist sehr ruhig da oben. Ziemlich alte Villen in großen Grundstücken. Und es wohnen auch hauptsächlich ältere Herrschaften dort, Rentner und Pensionäre. Ein sehr seriöser Umkreis. Im Allgemeinen wenigstens. Mein neuer Nachbar wird sich da hoffentlich gut einfügen.«

»Darf ich fragen, wer das ist?«

»Ach, wie heißt er noch? Fällt mir im Moment nicht ein. Dieser bekannte Hamburger Modeunternehmer. Von dem haben Sie sicher schon gehört. Er hat gerade sein Unternehmen verkauft und will sich jetzt hierher zurückziehen. In der Presse wurde über ihn und seine legendären Feste und Partys immer sehr spektakulär berichtet. Ein richtiger Sonnyboy. Da kam immer die ganze High Society, die Stars und die Sternchen und aufregende Models natürlich und der ganze Regenbogenverein. Aber das wird ja nun vorbei sein. Eine solche Gesellschaft haben wir ja hier gar nicht. Zum Glück.«

»Und so jemand will sich nun hier ansiedeln?«

»Er ist schon da. Ich habe aber wenig von ihm bemerkt, an seinem Haus wurde lange renoviert, eine recht große, alte Villa. Er soll eine umfangreiche Kunstsammlung haben, moderne Kunst. Platz genug wird dort sein. Allein der Eingangsbereich mit einem riesigen Treppenhaus, – da lässt sich einiges unterbringen. Eine schöne Altersresidenz. Wissen Sie, dies ist eine beliebte Gegend. Das beste Wetter von ganz Deutschland, wenigstens das wärmste. Hervorragende Restaurants, gute Weine. Die Nähe zu Frankreich und der Schweiz. Hier haben sich schon immer vermögende Pensionäre gerne zur Ruhe gesetzt. Und um auf unsere Geschichte zurückzukommen: Mir liegt daran, dass es bei uns dort oben so ruhig bleibt. Deshalb möchte ich auch kein großes Aufheben machen.«

Die Frage blieb freilich im Raum und es dauerte recht lange, bis Graber sie beantwortet bekam, weil er sich nicht traute, sie direkt zu stellen: was er als Anwalt denn nun eigentlich dabei tun könne. Es lief darauf hinaus, die Sache mit der Versicherung zu regeln. Graber wagte nicht einzuwenden, dass dies vermutlich nur bedeute, den Schaden zu melden und bestenfalls einige Nachfragen zu beantworten. Gewiss, ein hochvermögender Wirtschaftsanwalt schlägt sich nicht gerne mit Versicherungen herum, das war Kleinkram, den man andere erledigen ließ. Und so fragte er zunächst nur, wie er denn auf ihn gekommen sei.

»Sie wurden mir von einem Kollegen aus der Anwaltskammer genannt. Ich fragte nach einem jungen, handsamen Anwalt, der auf dem Quivive ist, auch Strafsachen bearbeitet und noch nicht überlastet ist.«

Graber wunderte sich über die Ausdrucksweise. Vor allem das Wort »handsam« überraschte ihn, es konnte nur so etwas wie »zahm« bedeuten. Aber doch sicher nicht gegenüber der Versicherung? Da müsste er allerdings »auf dem Quivive« sein. Also »handsam« gegenüber Herrn von Hübner? Oder anders gesagt, er solle nach seiner Pfeife tanzen? Und dazu hatte man ausgerechnet ihn empfohlen? Einen Augenblick überlegte er, ob er diesen ohnehin lächerlichen Auftrag nicht ablehnen sollte. Andererseits konnte der Kontakt zu einem offenbar so bekannten und einflussreichen Herrn nur von Nutzen sein. Wofür auch immer, das ließ sich noch nicht absehen. Und so gab er sich »handsam« und wartete ab, was weiter gemeint war.

Mit einiger Umständlichkeit schälte sich heraus, dass er zunächst bei der Straßenverkehrsbehörde herausbekommen solle, – als Strafverteidiger habe man doch gewiss Kontakte dorthin (eine merkwürdige Unterstellung) –, wer hier oder in der näheren Umgebung ein solch ungewöhnliches Fahrzeug fahre. Er selbst kenne sich mit Autofabrikaten nicht aus. Er malte auf einem der leeren Notizzettel, die auf dem Schreibtisch lagen, ein Gebilde, das wie das Zeichen der Londoner U-Bahn aussah, und schrieb »Pat…« dazu. Ob dann ein Strafantrag gestellt werden solle, müsse man sehen, je nachdem. (Was solche Herren sich nur vorstellen, er ist doch kein Detektivbüro.) Graber blickte etwas verlegen auf die ungelenke Zeichnung vor ihm, ließ sich das schwarze Auto noch einmal genauer beschreiben und meinte dann lakonisch:

»Ein Nissan Patrol.«

Der alte Herr sah ihn bewundernd an, lachte vergnügt auf und rief:

»Großartig! Sie kennen sich offenbar bestens in dieser Szene aus. Sie sind der richtige Mann für mich.«

Ob er Graber damit als einen Anwalt solch düsterer Gestalten wie der an seinem Überfall beteiligten identifiziert haben wollte, blieb unklar. Meinte er etwa, unter seinen Klienten könnten diese beiden zu finden sein? Wollte er ihn gar nur ausforschen? Graber wurde zunehmend etwas misstrauisch, worum es eigentlich ging, verscheuchte diese Gedanken aber wieder, als der Ehrfurcht gebietende Kollege unbekümmert fortfuhr, es könne sein, dass er mit der Zeit noch einige Aufträge mehr für ihn habe. Mit Alltagsdingen habe er keinerlei Erfahrung. (Was waren denn juristische Alltagsdinge?) Er brauche einen versierten Allrounder und wolle es gerne mit ihm, Graber, versuchen. (Ein etwas seltsames Mandat, aber, na schön.)

Unter diesen Umständen das Beste war freilich, dass Herr von Hübner erklärte, nun gerne eine Kleinigkeit essen zu wollen, und fragte, ob Graber ihn nicht begleiten wolle. Vielleicht habe er ja auch eine Idee, wo man hier in der Nähe hingehen könne. Graber vermutete, dass dies auf eine Einladung hinausliefe und überlegte kurz, bevor er den Vorschlag machte, die Osteria Oporto aufzusuchen. Er war sich sicher, dass dort um diese Zeit vor allem Anwaltskollegen verkehrten. Und mit Herrn von Hübner zusammen dort gesehen zu werden, machte sich sicher nicht schlecht fürs Renommee.

Elfi wollte dem ungewöhnlichen Besucher in den Mantel helfen, aber der nahm ihn ihr dankend aus der Hand und zog ihn sich allein über. Dabei sah er sie so überaus freundlich an, als wollte er sagen, dass er solche Hilfe von einer so reizenden Dame nicht annehmen könne. Graber stand wie ein hilfloser Stoffel daneben. Schließlich verabschiedete er sich sogar noch mit einem feinfühligen Handschlag. So etwas kam in dieser Kanzlei höchst selten vor. Aber Elfi benahm sich dabei, als wäre es eine gewohnte Selbstverständlichkeit. Graber öffnete wenigstens mit komplimentierender Geste die Türe.

*

Noch während man ihre Schritte auf der knarzenden Treppe nach unten hörte, klingelte das Telefon. Elfi erkannte, bevor sie den Hörer abnahm, auf dem Display sogleich die Nummer und flötete los:

»Das ist lieb, dass du anrufst. Gerade, als hättest du deine Augen überall. Eben sind alle gegangen und ich kann Pause machen.«

»Schön für dich. Bei mir ist es wie im Taubenschlag. Ich kann auch nur ganz kurz sprechen. Sehen wir uns heute Abend?«

»Wenn du magst.«

»Ich möchte dich unbedingt sehen. Und vielleicht eine Kleinigkeit kochen. Du weißt, wie mir der Kantinenfraß zum Hals raushängt. Kannst du nicht schnell noch auf dem Markt vorbeigehen und etwas Gemüse besorgen? Was dir gefällt. Alles andere habe ich.«

»Hast du spezielle Wünsche?«

»Nun, irgendetwas für eine kleine Gemüsepfanne, wir werden schon etwas daraus zaubern. Ich möchte spätestens um sechs hier Schluss machen.«

»Wenn nur nicht wieder etwas dazwischenkommt.«

»Heute nicht.«

»Bist du so sicher? Wenn wieder ein Mord passiert?«

»Heute auf keinen Fall. Ich hab das im Gefühl. Heut ist kein Wetter dafür.«

»Dein Wort in Gottes Ohr. Ich komme dann gegen halb sieben. Tschüs, mein Lieber.«

»Ciao, Bella.«

Elfi verstand dies weniger als schmeichelndes Kompliment, sondern als einen Ausdruck stiller Sehnsucht, der auch in ihr sogleich ein unbestimmtes Verlangen weckte. Ein stets präsentes Gefühl der Zugehörigkeit verband sie mit ihrem Freund Wolfgang Grabowski, etwas Selbstverständliches, das zu seiner Festigkeit keiner ständigen Beteuerungen und fortlaufenden Versicherungen durch schöne Worte bedurfte. Aus dem Alter waren sie beide heraus. Jedoch konnte sie – und er wahrscheinlich auch – aus allen gegenseitigen Worten, diesen vielstimmigen Akkorden des Alltags mit seinen Melodien aus Belanglosem und Bedeutungsvollem, stets die Grundstimme heraushören, die Nähe oder Weite ausdrückte, Wunsch oder Widerstreben, Begierde oder Erschöpfung. Dieser basso continuo begleitete sie beide und drückte eine Zugehörigkeit aus, die in ihrem realen Leben keineswegs für jeden sichtbar war. Denn sie lebten nicht zusammen, sondern jeder für sich und demonstrierten auch keine Auftritte als Paar. Das fiel ihnen leicht, denn gemeinsame Freunde hatten sie nicht, im Übrigen entgingen sie damit auch jeglichem Gerede. (Natürlich wusste Graber davon, der Uralt-Freund von Elfi, vor dem sie keinerlei Geheimnisse hatte.) Aber Grabowski schirmte sein Privatleben sorgfältig vor den Kollegen ab, er nannte das seine Berufshygiene. Sie beide genossen, ihren gereiften Jahren entsprechend, in ihrer Zuneigung auch ihre Unabhängigkeit und Selbstständigkeit, weil sie vielleicht ahnten, dass zu große Nähe dem gemeinsamen Band die Spannung genommen hätte. Sie mussten sich immer wieder zusammensuchen, aber darin lag nichts Beunruhigendes, weil sie sich insgeheim sicher waren, sich jederzeit erneut zu entdecken. Und es brauchte nie sehr viel, um aus Sehnsucht Begierde entstehen zu lassen und den Weg zu finden in ausgiebige Erfüllung und Sättigung.

Sie hatten einen gemeinsamen Abend vor sich, ungestört und ganz für sich selbst, angefangen mit einem leichten Essen, zu dem Elfi vom Markt noch einiges Frisches mitbringen sollte. Von der Herrenstraße bog sie ab, schlenderte auf der Nordseite des Münsters zwischen den Ständen herum. Es war immer noch sehr voll, obwohl einige Händler bereits die Körbe und Gemüsekisten zusammenstapelten, denn pünktlich um zwei Uhr mussten die Karren und Auslagen den Platz räumen, um den Fahrzeugen der Stadtreinigung Platz zu machen. Bei einem Marktstand aus Eichstetten, der immer besonders schönes Gemüse hatte, fand sie einen Bund junger Möhren, ungespritzt, wie bei allen Bauern dieser Kaiserstühler Gemeinde, und jungen Spinat.

Dann fiel ihr ein, vielleicht noch ihre Freundin Monique zu treffen, die um diese Mittagszeit meist im Café Wiener saß. Natürlich hieß sie eigentlich Monika, aber das war nun wirklich demodé, zumal wenn man eine Modeboutique besaß. Elfi schlängelte sich durch den lebhaften Fußgängerverkehr am Bertoldsbrunnen, wo offenbar um diese Zeit alle Schüler Freiburgs sich trafen oder zumindest auf ihrem Nachhauseweg umsteigen mussten, lief durchs Martinstor zum Café und sah schon vom Eingang aus ihre Freundin auf ihrem mittäglichen Stammplatz.

»Du siehst wieder toll aus. Der Shawl steht dir super.«

»Finde ich auch. Genau meine Farben.«

»Ist der von euch?«

»Na klar. Ist gerade erst hereingekommen. Du musst einfach mal wieder in den Laden kommen. Wir haben wunderschöne Sachen jetzt. Etwas abgetönt, nicht so laut, mehr dezent, aber ganz tolle Farben. Dinge, die man wirklich tragen kann. Und trotzdem sehr modisch. Würde ich dir gerne zeigen.«

»Ich bin schon lange nicht mehr richtig shoppen gewesen. Hier und da mal ein kleines Teil, aber eigentlich habe ich nichts Richtiges mehr anzuziehen, muss mich mal rundum erneuern, gerade jetzt, wo der Sommer kommt.«

»Das musst du aber bald machen, ist schon ziemlich ausgesucht. Obwohl, deine Größe«, sie schaute etwas abschätzend auf Elfis schmale Figur, »da lässt sich noch etwas finden.«

Beide schauten in die bereitliegenden Karten.

»Ich weiß schon, was ich nehme.«

Elfi zögerte noch, sah dann ihr Gegenüber fragend an.

»Einen Apfelstrudel mit Vanillesoße. Wir haben als Kinder immer Familiensoße dazu gesagt. Habe ich jetzt richtig Lust darauf.«

»Na gut. Nehme ich auch. Und einen Espresso danach.«

»Du, ich muss dir was erzählen. Ganz neu. Du kennst doch Legrand?«

»Nein, wer ist das?«

»Ich bitte dich, Legrand, der Modemacher, den kennt doch jeder.«

»Ach, der? Aber den kennst du doch nicht persönlich?«

»Nein, natürlich nicht. Bis jetzt wenigstens.«

Der Kellner kam vorbei und Elfi fragte, ob der Apfelstrudel warm sei.

Auf sein zerstreutes Nicken hin bestellten beide das Gleiche.

»Was ist nun mit diesem Legrand?«

»Der zieht nach Freiburg, stell dir das vor. Die Firma hat er ja verkauft, die geht jetzt zu …, na, fällt mir gerade nicht ein, das kommt gleich wieder. Also, der zieht nach Freiburg, für ganz, hat eine Villa am Lorettoberg gekauft. Und da gibt es demnächst eine riesige Einweihungsparty. Kommst du mit? Wir könnten zusammen dahin gehen.«

»Aber geht denn das? Ich kenne den doch gar nicht.«

»Das macht doch nichts. Ich nehme dich einfach mit. Da kommt die ganze Freiburger Modeszene hin, sind alle eingeladen. Und sonst werden auch noch eine Menge Leute da sein. Seine Feste in Hamburg sind legendär. Ich bin zwar noch nie dabei gewesen, kann ja meistens hier nicht weg«, sie redete sich jetzt richtig in Fahrt und malte sich aus, was der eigenen Anschauung fehlte, »aber du hast ja sicher schon Bilder davon gesehen, in der Bunte und der Gala und solchen Zeitschriften. Natürlich Schicki-Micki bis zum geht nicht mehr. Immer viel Prominenz, all die Leute, die seine Sachen tragen, Filmstars, Fernsehen, Krethi und Plethi.«

»Du glaubst doch nicht, dass die nun alle hierher kommen.«

»Warum denn nicht? In Hamburg kamen sie auch immer von weit her, aus Berlin, München, Düsseldorf, teilweise mit dem Privat-Jet. Bei solchen Festen schrecken die vor nichts zurück. Das sind nationale Ereignisse. Sonst wäre ja auch nicht so viel Presse dabei. Die wollen doch alle gesehen und fotografiert werden. Hast du noch nie gehört, was für schicke Kleider die da vorführen? Sündhaft teure Roben, ganz toll gestyltes Outfit, und immer den letzten Schrei. Die neuesten Modelle eben von den großen internationalen Marken, die wollen alle dabei sein, ist halt so ein Showlaufen. Und dann ist es auch Werbung. Das zahlt natürlich die Firma.«

»Könnte ganz interessant sein. Man kennt so etwas schließlich nur von Bildern. Die alle einmal live zu erleben …«

»Und stell dir vor, so etwas bekommen wir jetzt hier in Freiburg. Endlich mal was los hier. Das können wir uns auf keinen Fall entgehen lassen. Also abgemacht? Wir gehen zusammen hin.«

Elfi erkundigte sich etwas zögerlich: »Wann soll denn das sein?«

»Ende April. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, an Walpurgisnacht, also am Abend vor dem 1. Mai. Ist ein Feiertag danach, da können wir prima ausschlafen. Ich möchte mal wieder so richtig abtanzen bis zum Umfallen, die ganze Nacht durchmachen. Das ist schließlich was anderes als Disco. Auf so einem Fest«, sie lachte schrill auf, um gleich danach leise raunend fortzufahren, »da gibt es noch richtige Männer. Die können wirklich tanzen, die Modewelt eben. Hat viel mehr mit Theater und Film zu tun. Nicht diese schrecklichen Bubis von der unteren Etage mit gegeltem Haar, wie im Kagan, die sich schon super finden, wenn sie nur einmal mit dem Lift ganz nach oben fahren dürfen. Da geh ich auch nicht mehr hin. Aber das hier, das ist wirklich klasse, kannst du gar nicht vergleichen.« Sie holte tief Luft nach so viel Emphase und fügte zerstreut an: »Ich ruf dich noch an und sag dir Bescheid.«

Mittlerweile war der Apfelstrudel gekommen und dampfte vor sich hin.

Elfi, immer noch skeptisch, grübelte: »Und was ziehe ich da an?«

»Da werden wir schon etwas finden. Ich habe mir auch noch nichts überlegt. Wir werden irgendetwas Verrücktes kombinieren. Oder selbst erfinden. Das ist die Gelegenheit. Je verrückter, je toller. Auffallen muss man schon, das ist schließlich der Hauptspaß dabei. Und das hier in dem ständig so zurückhaltenden Freiburg. Wo die ganze Mischpoke immer so auf gediegen mimt. Das muss man mal richtig aufmischen. Komm doch in den nächsten Tagen einfach in den Laden, aber ruf mich sicherheitshalber vorher an. Damit wir nicht dauernd gestört werden. Das wird ein Heidenspaß.«

III.

Elfi stand im Türrahmen zur Küche der kleinen Dreizimmerwohnung und sah ihm beim Gemüseschneiden zu. Geübte Handbewegungen, aber ohne jeden Ehrgeiz, es mit den bekannten Kochstars aus den Fernsehsendungen und ihrer beeindruckenden Fingerfertigkeit aufzunehmen. Auf dem Herd stand bereits eine Pfanne auf mittlerer Flamme, – so nannte man es noch immer, obschon doch so gut wie alle inzwischen einen Elektroherd mit Glaskeramik-Kochzone hatten.

Das heißer werdende Öl breitete sich aus der Mitte aus. Daneben ein kleiner Topf mit Wasser, aus dem bereits die ersten Dampfwölkchen aufstiegen. Er gab anderthalb Tassen Basmati-Reis hinein, dann schob er das Gemüse mit dem Messer vom Holzbrett in die Pfanne, wobei ein gedämpftes Zischen zu hören war.

»Darf ich dir schon einmal etwas einschenken?«

»Was hast du denn Gutes?«

»Hier ist ein angenehmer Munzinger Weißburgunder von Clemens Lang. Trocken und dabei sehr ausgeglichen. Den hast du schon einmal bei mir getrunken.«

»Oh ja, ich erinnere mich. Gerne.«

Während er den Schraubverschluss der Flasche öffnete und zwei Gläser füllte, murmelte er noch:

»In zehn Minuten gibt’s was zu essen.«

Doch dann klingelte das Telefon und er drückte seinen Verdruss mit einem ärgerlichen Blick und hilflosem Schulterzucken aus, beschloss aber dennoch dranzugehen.

»Grabowski«, grummelte er mit bewusst unfreundlicher Stimme.

»Lutz, Heilbronn. Tut mir leid, dass ich dich so spät noch anrufe, aber im Dienst habe ich dich nicht mehr erreicht. Wir haben morgen eine Konferenz wegen der ermordeten Kollegin und da kommt ein erfahrener Profiler aus Stuttgart, der noch einmal alles durchsprechen will. Ich habe mir gedacht, dass es gut wäre, wenn du auch dazukommen könntest. Schließlich gibt es bei euch in Freiburg einen Fall mit derselben Täterin.«

»Mein Gott, so kurzfristig? Gibt es denn was Dringendes?«

»Nichts Sensationelles. Aber die neuen Spuren werfen eine Menge Fragen auf. Ich wollte dir wenigstens Bescheid sagen, falls es dir möglich ist. Übrigens kann ich dich beruhigen, wir fangen nicht so früh an, haben das erst auf elf Uhr angesetzt. Wir haben dann unsere laufenden Dinge schon hinter uns.«

»Das klingt schon besser.«

»Ich weiß doch, will es dir mit der Fahrerei auch so angenehm wie möglich machen. Aber wir müssen da endlich ein Stückchen weiterkommen, und euch betrifft es ja auch. Wir haben gerade eine SOKO Zelle eingerichtet, nur zu dieser Frau, die seit 15 Jahren schon in allen möglichen Fällen herumgeistert und immer rätselhafter wird. Besprich es mit deinem Chef. Du brauchst jetzt nicht zuzusagen, aber nützlich wäre es schon, dich dabeizuhaben. Wenn du um neun Uhr losfährst, kommst du immer noch rechtzeitig an. Und noch eins: Wir können anschließend zusammen Mittag essen, im Piccolo Mondo, wo wir schon einmal waren.«

»Das ist immerhin ein starkes Argument. Ich ruf dich morgen früh an und sag dir Bescheid. Ich denke, es wird gehen.«

»Wusste doch, dass ich mich auf dich verlassen kann. Bis morgen dann, Adale.«

»Ciao, Lutz.«

Elfi sagte nichts und fragte auch nicht. Sie hatte sich Gra­bowski gegenüber jede Neugierde abgewöhnt, um ihn nicht in Konflikte mit seinen Dienstgeheimnissen zu bringen. Als einem der führenden Beamten der Mordkommission ging einiges über seinen Schreibtisch, das als streng vertraulich einzustufen war und keinesfalls an die Öffentlichkeit kommen durfte. Das war insoweit selbstverständlich. Aber auch ihre Stellung in einem Anwaltsbüro, das auch gelegentlich mit der Verteidigung in Strafsachen befasst war, erforderte eine sorgfältige Diskretion. Allerdings ging es meist nur um Kleinkriminelle, Diebereien, Drogensachen – eher Unspektakuläres. Aber sie war sich, ebenso wie Grabowski, sehr bewusst, dass ihrer beider Hintergrundwissen auch unversehens in eine bedrohliche Konkurrenz geraten konnte. Verteidiger und Ermittlungsbeamte vertreten letztlich meist diametral verschiedene Interessen.

Mit einem gewissen Schaudern erinnerte sie sich an einen Mordfall vor sieben Jahren im Zusammenhang mit dem Raub des Kreuzes von Sankt Trudpert aus dem Augustinermuseum, in den auch ihre Kanzlei verstrickt war. Es handelte sich zunächst um den spektakulären Diebstahl des zentralen Stückes einer Sonderausstellung, eine der wertvollsten gotischen Goldarbeiten, dazu mit einer Fülle von kostbaren Edelsteinen besetzt, eine Leihgabe aus der Eremitage in Sankt Petersburg. Eine reichlich zwielichtige Person, Frau Wunderlich, an den Namen erinnerte sie sich bestens, obschon es nicht ihr richtiger Name war, wurde mit einer ziemlich obskuren Geschichte Grabers Klientin. (»Unsere« Klientin, dachte sie, weil sie sich völlig mit dieser Anwaltspraxis identifizierte.) Und dann wurde klar, dass diese Frau Wunderlich nicht nur an diesem Diebstahl beteiligt war, sondern Graber auch noch in die Hehlerei hineinzuziehen versuchte. Aber das war noch nicht alles. Am Ende kam sogar heraus, dass sie ihren Kumpan umgebracht hatte, um die Beute allein zu verscherbeln. Eine ganz üble Geschichte, besonders weil Frau Wunderlich ihre Klientin war und sich jetzt auch noch als Mörderin herausstellte. Graber hatte das alles selbst herausgefunden. Aber was sollte er damit nun anfangen? Er konnte ja nicht einfach zur Polizei laufen und seine Kenntnisse auspacken, auch wenn er es am liebsten getan hätte. Das wäre Mandantenverrat gewesen, eines der schlimmsten Anwaltsvergehen, das sich denken lässt. Nur Graber und Elfi wussten davon und kannten die Einzelheiten. Und das alles passierte gerade in der Zeit, als Elfi Gra­bowski kennengelernt hatte, noch ohne zu wissen, dass er bei der Mordkommission war und gerade diese Frau Wunderlich wie die Nadel im Heuhaufen suchte.

Aber Grabowski war unkompliziert. Er hatte ein natürliches Vertrauen zu Elfi. Wie anders hätten sie miteinander umgehen sollen? Er plauderte zum Beispiel ziemlich ungeniert aus dem Präsidium, meist ging es nur um Kollegen und Vorgesetzte. Die eigentliche Arbeit jedoch war allzu sehr Puzzlekram und Detailstöberei, deren Voraussetzungen und Begründungen für einen Außenstehenden viel zu viele Erklärungen nötig gemacht hätten, um irgendetwas zu verstehen. Im Übrigen versuchte er, sein Privatleben vom Dienst so gut es ging zu trennen. Das bedeutete, dass er nur in groben Umrissen von dem erzählte, was ihn gerade beschäftigte. Und schon gar nicht fragte er Elfi nach ihren Klienten aus, das ging ihn weder etwas an, noch wollte er davon wissen. Was aber nicht hieß, dass hier strikte Tabuzonen errichtet waren. Die notwendige Zurückhaltung musste jeder selbst herausfinden, darin waren sie schließlich beide geübt und konnten sich arglos aufeinander verlassen.

Während Grabowski in einer weiteren Pfanne zwei Hähnchenschenkel gebraten hatte, sie schließlich in einer Mischung aus Tomatenmark und Honig mit Rosmarin noch kurz schmurgeln ließ und unterdessen den Reis durch ein Sieb goss, um ihn anschließend zu buttern, hatte Elfi den Tisch gedeckt und nach den Servietten gesucht.

»Zum Glück nicht so früh. Ich hätte keine Lust gehabt, schon morgens um sechs auf die Autobahn zu müssen.«

»Abwimmeln kannst du es nicht?«, fragte sie vorsichtig.

Er richtete bedächtig die Teller an, indem er den Reis aus einer Tasse stülpte, sodass er eine hübsche runde Form bekam, den geröteten Hähnchenschenkel danebenlegte und jeweils zwei volle Löffel aus der dampfenden Gemüsepfanne dazugab. Dann setzten sie sich im Wohnzimmer an den Tisch.

»Abwimmeln will ich gar nicht. Der Fall ist ungewöhnlich interessant, nur mag ich keinen Stress. Dabei kommt nämlich nichts heraus. Ich habe die Devise: In der Ruhe ist die Konzentration und damit bin ich immer ganz gut gefahren. Es geht um eine Frau, der wir schon seit 15 Jahren nachjagen, ohne auch nur eine ungefähre Vorstellung zu haben, wer das sein könnte. In mehrere Mordfälle ist sie verwickelt, in zahlreiche Einbrüche, öfters in Gartenhäuschen und ähnliche Unterschlupfe, mit Autodiebstahl hat sie zu tun, auch mit Drogen, – jedenfalls haben wir eine Spritze gefunden mit Spuren von ihr. Und dennoch bleibt sie ein Phantom. Nichts passt zusammen und dennoch war sie immer in irgendeiner Weise beteiligt, gravierende Fälle, teilweise erschreckende Gewalttaten, die man einer Frau gar nicht zutrauen würde.«

»Wenn ihr das so genau wisst, dann seid ihr doch schon nah dran.« Es war als Frage gemeint.

»Es sind Spuren, die ebenso unspezifisch wie eindeutig sind, vor einigen Jahren hätte man sie noch nicht einmal lesen können. Immer ist es ihre DNA, Speichel, Hautzellen, Haare oder Ähnliches, die dabei gefunden wurden, aber sonst scheinen die Fälle nichts miteinander zu tun zu haben. Die Tatorte reichen von Süddeutschland bis nach Österreich und Frankreich. Bei dem Fall hier in Freiburg ging es um einen Trödelhändler, der erdrosselt wurde. Die Heilbronner Kollegin wurde gezielt erschossen, möglicherweise, weil sie einmal im Drogenmilieu tätig war und deshalb erkannt wurde. Und jetzt fanden sich ihre Spuren in einem Auto von einem Mann, der wegen Mordes an drei Georgiern im Raum Heppenheim in Untersuchungshaft sitzt.

Wir wissen nicht einmal, ob diese weibliche Person dabei als Täterin, Tatbeteiligte oder in einigen Fällen nur zufällig auftaucht. Und da versuchen wir natürlich, ob wir aus den jeweils ziemlich unterschiedlichen Begleitumständen so etwas wie ein Persönlichkeitsbild erstellen können. Bei den meisten Fällen waren wohl mehrere beteiligt, aber nicht immer die gleichen. Also halten wir uns vor allem an diese eine. Sie ist der rote Faden.«

»Und das soll irgendwann zum Erfolg führen?« Sie schaute ihn ungläubig an.

»Natürlich nicht direkt. Manchmal kommt man über einen Umweg besser zum Ziel. Wenn wir uns diese Frau genauer vorstellen können, finden wir vielleicht einen Schlüssel, der uns hilft, in all diesen unaufgeklärten Fällen weiterzukommen. Und am Ende wissen wir dann auch, was wir ihr anlasten müssen, es wird nicht gerade wenig sein.«

»Übrigens, dein Hähnchen schmeckt vorzüglich. Wo hast du nur immer diese guten Rezepte her?«

»Keine Ahnung. Ich koche ja nicht nach Rezept, sondern lasse mich anregen, aus Kochbüchern, in Restaurants. Und wenn mir etwas einleuchtet, improvisiere ich darüber. Aber es freut mich, dass du mit mir so zufrieden bist. Lass uns anstoßen.«

Später, als sie noch am Tisch vor leer gegessenen Tellern saßen, sagte Elfi:

»Wollen wir nicht am Sonntag ein bisschen rausgehen? In den Schwarzwald? Ich hätte Lust, mir mal wieder gründlich die Beine zu vertreten. Ich brauche Bewegung. Und dir würde es auch guttun.«

»Von mir aus gerne, da bin ich immer dabei. Es soll recht warm werden. Ich schau mal in die Karte, vielleicht finden wir etwas, wo man wandern und anschließend gut einkehren kann.«

»Dass du schon wieder ans Essen denken kannst!«

»Darf ich dir noch etwas nachschenken? Wandern und essen. Außerdem weiß ich eines schon jetzt: dass ich am Sonntag wieder Hunger haben werde. Ist das so etwas Besonderes? Täglich wenigstens einmal anständig essen, das ist doch nicht zu viel?«

Dabei musste Grabowski eingefallen sein, dass er für morgen auch die Aussicht auf einen Restaurantbesuch hatte, bei einem Italiener, den er noch in guter Erinnerung hatte. Doch das verschwieg er vorsichtshalber. Aber er war in Gedanken damit wieder in Heilbronn angelangt und sagte mehr vor sich hin:

»Ich glaube, ich werde da hinfahren.«

»Wohin, mein Lieber?«

»Ich dachte an morgen. Nach Heilbronn.«

»Hängt das nicht von deinem Chef ab, was der dazu meint?«

»Wenn ich ihm das plausibel mache und darlege, wie wichtig das ist, dann kann ich auch fahren. Letztlich hängt es also nur von mir ab. Und morgen wird es im Dienst ziemlich unerfreulich werden, da hau ich lieber ab.«

»Habt ihr Knies?«

»Das nicht. Aber vor sechs Wochen hat es eine ziemlich brutale Vergewaltigung gegeben und jetzt ist das Opfer plötzlich verschwunden, wahrscheinlich im Ausland. Das bedeutet, dass die ganzen Ermittlungen abgebrochen werden müssen. Die Kollegen sind deshalb alle sehr aufgebracht.« Eigentlich hatte er davon nichts erzählen wollen. Andererseits brauchte er es auch nicht zu verschweigen. Über Einzelheiten würde er aber bestimmt nichts sagen.

»Schrecklich. Habe ich gar nichts davon gelesen. Stand das in der Zeitung?«

»Ich glaube nicht. Wir würden das auch nicht sehr gerne ausbreiten. Das ist zum Schutz des Opfers besser so. Aber lass uns von anderem reden, das ist zu unerfreulich.«

IV.

Graber saß an dem kleinen Tischchen in seiner Küche, das leer gegessene Müsli-Schälchen hatte er weggeschoben, die Teetasse rechts neben sich, die Kanne in bequemer Reichweite. Er blätterte durch die Zeitung, deren Feuilleton immer dünner und belangloser wurde, während im Lokalteil spaltenlang einer kranken Kastanie nachgeweint wurde, die leider gefällt werden musste. Unter den Todesanzeigen war kein ihm bekannter Name. Er schenkte sich eine weitere Tasse ein und während er den Zucker verrührte, überflog er den politischen Teil. Später auf dem Weg ins Büro nahm er sich meist am Zeitungslädele die FAZ mit, manchmal auch die Süddeutsche.

Er war wohl das, was man einen Morgenmuffel nannte, einer, der den beginnenden Tag erst einmal anblinzelte und sich dann noch einmal auf die andere Seite drehte. Einer, der erst langsam in die Gänge kam und mit einem gewissen Automatismus, der durch nichts gestört werden durfte, ins Bad schlich, später ebenso die Wäsche aus dem Schrank holte und erst mit der ersten Tasse Tee alle Sinne beieinander hatte. Die Zeitungslektüre war sein eigentliches Aufwachen, eine Stunde, in der er gerne allein war, sich sein Leben nicht anders vorstellen konnte.

Ein heiterer Tag, nichts Besonderes stand an, er hatte keine Eile, ins Büro zu kommen. Da fiel ihm etwas ein und er blätterte im Telefonbuch nach einer Adresse. Etwas später holte er sein Fahrrad aus dem Keller, gab den Reifen noch ein paar Stöße aus der Luftpumpe und schwang sich auf den Sattel, die Berggasse hinab, dann auf die Gundelfinger Straße. Nach etwa einem Kilometer bog er links in ein Industriegebiet ab und fand auch gleich die Einfahrt zu einem großen Autohaus. Der Parkplatz, der sich noch weit hinter das Gebäude ausstreckte, war vollgestellt mit Fahrzeugen, in einem Teil wurden vor allem Gebrauchtwagen angeboten, jedem war ein großer Zettel mit den wichtigsten Betriebsdaten hinter die Windschutzscheibe geklemmt, andere Autos waren wohl zur Inspektion oder Reparatur abgestellt. Fast alles waren Nissans. Graber, der sein Fahrrad an den Zaun gelehnt und mit dem Bügelschloss gesichert hatte, schlenderte zwischen den Autos umher, auch einige Geländewagen waren darunter, einen Patrol konnte er jedoch nicht entdecken.

Er ging in den Ausstellungsraum, in dem verschiedene neue Modelle, meist in Silbermetallic, sich dem Betrachter gefällig präsentierten. Im Hintergrund stand ein älteres Pärchen im Mantel mit einem Mann mit offener Lederjacke im Gespräch. Ungestört konnte Graber sich umsehen. Schließlich entdeckte er neben einer ausladenden Yukka-Palme, die ein wohl unvermeidliches Grün-Möbel solcher Ausstellungshallen war, einen Prospektständer, wohlbestückt mit Hochglanzbroschüren, auf denen vor tiefblauem wolkenlosem Himmel sich jeweils ein anderes Automodell im Sonnenlicht zeigte, darunter verschiedene Geländewagen. Er griff sich, was er für richtig hielt. Der Mann mit der Lederjacke eilte an ihm vorbei und sagte dabei:

»Ich komme gleich zu Ihnen, muss nur eben noch eine Kopie machen.«

Graber überlegte, was er eigentlich sagen sollte. Sollte er wirklich als potenzieller Autokäufer auftreten? Würde das nicht zur Folge haben, später mit einer Flut von Anfragen überschüttet zu werden: Haben Sie sich schon entschieden? – Über den Preis können wir selbstverständlich nochmals reden. – Ich habe zurzeit eine besonders günstige Finanzierung im Angebot. Und so weiter. Es war ihm unangenehm, sich nach einem Auto zu erkundigen, das er mit Sicherheit gar nicht kaufen wollte. Aber er brauchte ja seine Adresse nicht herauszurücken. Ich komme dann wieder vorbei, wenn ich mich entschieden habe. Oder vielleicht: Es kommt erst nächstes Jahr infrage, aber ich wollte mich schon einmal vorinformieren. Möglichst sicher auftreten, das verschaffte den größten Respekt. Unbefangen bleiben.

Das Pärchen wurde nun verabschiedet, er hörte noch einige Gesprächsfetzen:

»– schicke Ihnen die Papiere zu. – Selbstverständlich. – So etwa 14 Tage. – Ja, genau, so machen wir’s. Einen schönen Tag noch.«

Dann kam der Verkäufer zu ihm, gab ihm die Hand, als seien sie gute Bekannte, warm und fest, und nannte seinen Namen. Er machte in seiner direkten und selbstsicheren Art den Eindruck, der Chef des Hauses zu sein. Graber stellte sich ebenso vor und sagte dann:

»Ich wollte mich gerne nach dem Patrol erkundigen.«

Sein Gegenüber lächelte ihn an, sah auf den Prospekt, den Graber ihm hinhielt, und meinte:

»Das ist aber nicht der Patrol, da haben Sie den Pathfinder.«

»Die sehen so ähnlich aus. Da habe ich wohl das Falsche gegriffen. Oder ist das nur eine Ausstattungsvariante?«

»Der Patrol ist eine ganz andere Klasse. Ich gebe Ihnen das Richtige.« Und er griff zielsicher hinter sich zum Ständer.

»Wissen Sie, die kann man nicht miteinander vergleichen. Der Patrol hat ganz andere Kräfte. Bis dreieinhalb Tonnen Zugkraft. Das ist etwas sehr Spezielles.«

»Man sieht diese Wagen verhältnismäßig selten hier.«

»Ja, das stimmt. Wir haben im Augenblick auch keinen auf dem Hof. Der Patrol wird nicht so häufig verlangt. Das ist ein sehr exklusives Fahrzeug.«

»Und wer kauft so etwas?«

»Das ist eine gute Frage. Ein Teil sind ausgesprochene Rallye-Fahrer. Die machen Trips durch die Wüste, Afrika-Touren in extremem Gelände. Da braucht man eben entsprechende Fahrzeuge. Sonst haben Sie keine Chance. Und dann gibt es natürlich auch Handwerker mit schwerem Gerät, die einen Anhänger haben fürs Gelände. Zum Beispiel ein Steinmetzbetrieb. Die brauchen so schwere Wagen.«

»Was meinen Sie denn, wie viele von diesen Karren hier in der Gegend unterwegs sind? Also nicht nur in Freiburg, sondern im weiteren Umkreis?«

»Ich würde schätzen: so um die 50, 60.«

Es entstand eine kleine Gesprächspause, in der sich beide höflich lächelnd anschauten. Graber fühlte sich irgendwie ertappt, denn er sah weder wie ein Wüstenabenteurer aus noch wie ein Handwerker von etwas robusterem Gewerbe. Er hatte eine schlanke, hochaufgeschossene Gestalt, die nichts Sportliches verriet, zarte Hände mit langen Fingern, und sein Kopf mit der Halbglatze und buschig herabfallendem, leicht angegrautem Haarkranz ließ eher an einen Professor denken als an einen zupackenden Werktätigen.

»Welche Farben werden denn im Allgemeinen bevorzugt?«

»Eindeutig silbermetallic.«

»Und schwarz?«

»Auch. Eigentlich nur silbern und schwarz.«

Graber näherte sich immer mehr seinem eigentlichen Thema. Der Verkäufer war so zurückhaltend und zugleich auskunftsbereit, dass Graber beschloss, ein wenig aus der Deckung zu kommen.

»Ich interessiere mich für einen schwarzen Patrol. Aber ich muss Ihnen das genauer erklären. Ich schreibe nämlich einen Krimi, in dem ein solches Auto vorkommen soll, und dafür brauche ich ein paar Informationen.«

»Ich dachte mir schon, dass Sie keinen kaufen wollen. Das wäre kaum ein Auto, das zu Ihnen passen würde. Aber wenn ich Ihnen trotzdem helfen kann, gerne.«

»Sie können Ihre Kunden einschätzen?«

»Doch ja, die erzählen schließlich auch von sich. Nennen die Motive, warum sie gerade dies und kein anderes Fahrzeug wollen. Man muss nur zuhören.«

»Fahren nicht auch noch andere Leute so ein Auto? Mehr als Statussymbol? Das ist doch ein so robuster und auftrumpfender Wagen, der hat fast etwas Einschüchterndes.«

»Natürlich, ich gebe Ihnen da vollkommen recht. Für mich wäre der auch etwas zu stark. Aber wir haben so einen Kunden. Gestern stand sein Auto noch zur Inspektion hier, da hätte ich es Ihnen zeigen können. Das ist ein ehemaliger Fremdenlegionär, der braucht so ein Auto. Das hat sicher mit seinem Ego zu tun. Der Wagen ist auch entsprechend hochgerüstet, Einstiegsleisten, Frontgitter, Ladekantenschutz, natürlich hat der auch Spezialfelgen, extra breite Reifen, alles vom Feinsten. Der hat noch mehr Fahrzeuge bei sich im Schuppen, alle bestens gepflegt. Der sitzt da drin wie in einem Panzer. Der braucht das, so ist eben sein Selbstbild. Fast ein bisschen gewalttätig, alles zur Seite drängend. Ist schon über 60 und schwelgt wahrscheinlich in Erinnerungen.«

»Und ist der Wagen schwarz?«

»Alles in schwarz, sogar das Frontgitter. Ich sag Ihnen: wie ein Panzer. Das hat der alles so bestellt. Ist natürlich ein Einzelfall. Das ist eben ein Auto für Individualisten. Aber da fällt mir noch ein anderer Kunde ein, eine Frau. Eine ganz kleine, zierliche Person mit blonder Lockenpracht, hochhackigen Schuhen und so weiter, und dann mit einem solchen Auto. Sie sagt, da fühle sie sich richtig wohl und sicher. Das müssten Sie sehen, wenn die in den Wagen hochsteigt und dann hinter dem Lenkrad sitzt. Ein wirklich komisches Bild. So etwas kommt auch vor. Ist auch ein schwarzer Patrol, aber mit Applikationen in gebürstetem Edelstahl, alles silbern glänzend. Wenn ich diese Frau beschreiben soll, die ist natürlich entsprechend extravagant angezogen, sehr elegant, aber wie soll ich sagen? Sie liebt Stoffe im Tigerfellmuster und solche modischen Sachen. Schon komisch.«

»Heißt das, ein Auto für halbseidene Leute?«

»Na ja, es ist eben ein bestimmter Stil. Das sind Angebertypen oder Leute, die ein bestimmtes Image ausstrahlen wollen. Ein Auto ist wie ein Kleid, das muss zu einem passen und soll ja auch etwas ausdrücken. Aber in der Hauptsache, würde ich sagen, sind es Extremsportler und solche, die schwere Anhänger ziehen müssen.«

»Und was kostet das? Ich meine, so voll aufgerüstet, mit allem Drum und Dran?«

»Da gibt es den Dreitürer, der ist kleiner und auch billiger, aber bei dem Fünftürer müssen Sie mit 40.000 Euro rechnen. Und wenn Sie den richtig hochbrezeln mit allen Sonderausrüstungen, können Sie bis zu 20.000 noch dazurechnen.«

»Ein teures Vergnügen.«

»Ist dann aber auch etwas sehr Besonderes.«

»Darf ich mir die Prospekte mitnehmen?«

»Na klar. Warten Sie, ich gebe Ihnen noch die Preisliste. Da ist auch das ganze Zubehör aufgelistet. Und wenn Sie weitere Fragen haben, kommen Sie einfach vorbei.«

Eigentlich hatte Graber nicht besonders viel Neues erfahren und doch fuhr er beschwingt auf seinem Drahtesel zurück. In der Nähe der Endhaltestelle der Straßenbahn stieg er ab, schloss das Fahrrad an ein Straßengeländer und fuhr mit der Tram in die Stadt. Obschon er ziemlich spät in seine Kanzlei kam, saß niemand im Wartebereich. Dorthin ging immer zuerst sein Blick, noch ehe er Elfi begrüßte, die wie immer am Computer arbeitete.

»Wie war denn dein Mittagessen mit Herrn von Hübner, du hast mir noch gar nichts davon berichtet.«

Gestern Nachmittag hatte Graber es tatsächlich etwas eilig gehabt, zu einem Gerichtstermin zu kommen, den er fast vergessen hätte. So hatte er nur schnell seine Papiere und einen mit einem Gummiband zusammengehaltenen Aktenband zusammengerafft und war davongeeilt, zum Glück waren die Wege nicht weit und alles zu Fuß zu erreichen.

»Ein bisschen undurchsichtig. Von sich selbst hat er eigentlich kaum etwas erzählt.« Unter anderem habe er von Grundstücksgeschäften gesprochen, es sei aber unklar geblieben, worum es da ging. Immerhin habe er mehr beiläufig angedeutet, es gäbe auch einiges, bei dem er nicht so in Erscheinung treten wolle und das er mir vielleicht überlassen wolle. Aber darüber müsse man dann genauer reden, wenn es so weit wäre. »Er gab sich ganz als der wohlwollende ältere Kollege. Und da habe ich dann auch nicht weiter gefragt. Drängeln nützt da nicht.«

So erfreulich diese Aussichten für das Büro sein konnten, war Elfi doch auf ganz anderes neugierig, aber sie wartete geduldig seinen Bericht ab, der allerdings wenig konkret war. Diskret habe Hübner mit seiner Kreditkarte bezahlt, ohne ihn förmlich einzuladen, er sei ihm einfach zuvorgekommen. Von den übrigen Gästen habe er keine Notiz genommen, obschon er sicher von einigen erkannt worden sei, er sei ja auch eine auffällige Erscheinung, sehr weltgewandt. Den teuersten Rotwein habe er ausgesucht und gemurmelt: »Höchst erfreulich, den sollten Sie unbedingt auch probieren.« Und dann habe er noch etwas von einem neuen Nachbarn angedeutet, mit dem es hoffentlich keinen Ärger gebe.

»Ach ja? Mit wem denn?«

»Irgendjemand, der sich nebenan eine große Villa gekauft hat, irgend so ein Modeheini.«

»Etwa Legrand?«

»Heißt er so?«

»Tu doch nicht so, als hättest du den Namen noch nie gehört. Natürlich Legrand. Der kommt aus Hamburg. Und nächstens gibt er eine große Einweihungsparty, ich weiß es von Monique. Und weißt du was? Sie nimmt mich dorthin mit. Gerade gestern haben wir davon gesprochen. Sie hat so geschwärmt davon, dass sie mich richtig neugierig gemacht hat. Und was hat Hübner mit Legrand? Oder besser: gegen ihn?«

»Keine Ahnung. Es war wieder nur so eine Andeutung. Jemanden wie Hübner kann man nicht einfach so ausfragen. Da würde er vermutlich nur die Augenbraue etwas anheben und mich anlachen. Und anschließend wäre ich das Mandat los. Das ist ein Mensch mit sehr viel Diskretion. Hübner ist einer von der Sorte, die sich nie groß aufregen, aber mit zweifelsfreier Bestimmtheit ihre Interessen durchsetzen, ganz ohne Lamento, aber immer effektiv. Als Gegner würde ich ihn nicht gerne haben.«

Zweiter Teil

30. April – 1. Mai

V.

Da sich mittlerweile am Beginn des Kapellenwegs eine umfangreiche Baustelle befand, hatte man die ganze Verkehrsführung ändern müssen. Allenfalls über die obere Mercystraße konnte man in diese schmale Straße gelangen, die nun zu einer Sackgasse geworden war. Allein die Anwohner kannten sich noch aus, für Ortsfremde waren die steilen und kurvenreichen Gassen ohnehin verwirrend. Selbst Taxifahrer ließen die Fahrgäste unten in der Mercystraße aussteigen und erklärten, es seien nur einige wenige Schritte zu Fuß, näher könnten sie nicht heranfahren. Aber niemand murrte. Es war ein schöner, einigermaßen warmer Abend und alle waren so beschwingt von dem, was sie erwartete, dass solche Umständlichkeiten die Laune nicht verderben konnten.

Elfi und ihre Freundin Monique waren spät dran, die meisten Gäste waren schon da. Am Eingang des in der Dämmerung riesig aussehenden Gebäudes, einer pompösen Hangvilla in einem parkähnlichen Garten, wurden sie von einem schlanken Jüngling im dunklen Anzug mit Krawatte begrüßt, ein energisches, aber nicht unfreundliches Gesicht, die Haare rasiert, vielleicht war es auch eine natürliche Glatze. Er wies sie zur Garderobe und zeigte den Weg in die Halle, den sie anschließend zu nehmen hätten. Der Hausherr werde später die Gäste mit einer kurzen Rede begrüßen. Zwei Garderobenfrauen kümmerten sich um die Mäntel und händigten dafür eine Marke aus, ganz, als wären sie am Eingang eines Theaters.

Elfi trug zu einer schwarzen, weit geschnittenen Hose eine leichte türkisfarbene Jacke mit einem immer wieder hervorblitzenden Innenfutter in Pink und darunter eine weiße Bluse, durchaus elegant und doch gänzlich unspektakulär. Sie hatte eine natürliche Schönheit, von der sie überzeugt genug war, um nicht besonders auffallen zu müssen. Wenig geschminkt, nur die Lippen und ein kleiner Lidstrich, wirkte sie frisch und unbeschwert und niemand wäre auf die Idee gekommen, sich Gedanken über ihr Alter zu machen. Ihre Freundin Monique hingegen hatte sich in eine Robe gezwängt, die sich wie ein breites Band um ihren Körper schlang und sich erst um die Füße verbreiterte. Sie wirkte dadurch größer und schmaler, als sie war, vor allem aber reichlich damenhaft, weil sie aus dem gleichen bräunlich und gelb gemusterten Stoff einen turbanartigen Kopfputz trug, afrikanisch anmutend, dazu grell und kräftig angemalt. Die nackten Unterarme waren mit einem ganzen Bündel blechern scheppernder schmaler Silberreifen bestückt. Sie blickte erhobenen Kopfes triumphierend in die Runde, als sie nun die Halle betraten, den großen zentralen Raum dieses Gebäudes im Landhausstil.

Sogleich wurde Monique umringt von einer Schar Frauen unterschiedlichen Alters, die sie kannten, vermutlich Kundinnen ihrer Boutique.

»Whow!«, hörte Elfi bewundernd und war eigentlich froh, sich bald aus diesem Kreis unauffällig fortstehlen zu können, um sich erst einmal einen kleinen Überblick zu verschaffen. Die Halle mit einer breiten Treppe nach oben war dicht gefüllt, die meisten drängten sich in unterschiedlich großen Gruppierungen, die sich jedoch deutlich voneinander unterschieden. Jüngere Leute, oft sehr bunt und fantasievoll angezogen, teilweise aber auch sehr leger, zeigten sich raumgreifend ausgelassen und unbekümmert. Dann gab es aber auch Ältere im dunklen Anzug mit Krawatte, bieder und ein wenig unsicher umherblickend, die Damen im Kostüm, immer eng neben dem Gatten, so steif, als sei dies ein Empfang beim Rektor der Universität. Unter ihnen konnte man einige Honoratioren der Stadt erkennen. Und es gab natürlich die mit dem großen Auftritt, die zu wissen glaubten, was sie dem großen Modezaren schuldig seien: bei genauerem Hinsehen jedoch manchmal mit geradezu erschreckender Geschmacklosigkeit eingekleidet, wenn auch neuen modischen Trends folgend, jedoch völlig unbekümmert, wie die Körper zu ihrer manchmal ziemlich lückenhaften Umhüllung passten. Tiefe Einblicke führten nicht unbedingt zu vorteilhaften Erkenntnissen. Die dazugehörigen Herren wirkten wie in die Jahre gekommene Gigolos mit geföhnter Frisur, manchmal auch mit Pomade im schwarzsträhnigen Haar. Unter ihren Armani-Anzügen konnte man einen täglich trainierten Bizeps vermuten. Aber es gab auch tadellos stilsicher und mit natürlicher Eleganz auftretende Paare, die mit Charme auffielen statt mit zähnefletschendem Grinsen, gewandet in schmiegsame Stoffe von harmonisch abgestimmten Farben, die zur persönlichen Ausstrahlung passten. Ihnen bedeutete Mode weder Verkleidung in fremde Rollen noch einen Blickfang à tout prix, sondern Ausdruck eigener Individualität. Eigenen Geschmack selbstsicher zu zeigen, war ihnen ebenso ausreichendes wie überzeugendes modisches Programm. Kurzum, es war eine sehr bunte Gesellschaft aus unterschiedlichen Bereichen, die nicht gerade in alltäglichem Kontakt miteinander zu stehen schienen.

Durch dieses Gewühl angeregt plaudernder Menschen bahnten sich jetzt einige junge Männer den Weg, alle im schwarzen Anzug und ähnlich aussehend wie jener am Eingang, glatzköpfig und mit undurchdringlicher Miene, in der Hand ein volles Tablett mit Sektgläsern, die sie ringsherum anboten. Einige der Gäste nahmen achtlos ein Glas, andere ließen sich erst auffordern und dankten höflich, es gab aber auch welche, die geradezu gierig danach griffen und bedenkenlos dabei ihren Nachbarn anrempelten. Elfi hielt sich am Rande und wartete, bis ein schon fast leeres Servierblech an ihr vorbeigetragen wurde, blickte den Kellner dankend an, der zustimmend zurückblinzelte, und ging mit ihrem Glas weiter, an einer größeren Gruppe blutjunger Schönheiten vorbei, in engen Kleidchen oder Hosenkombinationen, alle etwas zu mager, porzellanartig bemalte Köpfe mit üppigem Haar in kunstvollen Frisuren. Sie schauten streng oder gelangweilt aus, jedenfalls unfroh. Die dazugehörigen jungen Kerle teilweise als Macho oder Latino gestylt, obgleich sie bei näherem Hinsehen eher schmächtig waren, mit einer dunklen Brille, die ihnen auch nicht mehr Respekt verschaffen konnte. Offenbar waren dies alles Models, woher auch immer sie kamen, in Freiburg hatte Elfi solche Modeheftfiguren noch nicht gesehen.

Vom Eingang her drängten noch immer weitere Gäste nach, ein unermüdliches Geschiebe und Gewoge, in dem es bald kaum noch ein Durchkommen gab. Die freundlichen Kellner mühten sich nun nicht mehr, bis in alle Ecken vorzustoßen, sie hielten sich am Rande und wurden dennoch in kürzester Zeit ihre Sektgläser los. Das alles zog sich noch eine Weile hin, doch spürte man eine zunehmende Spannung. Immer wieder sah man einzelne Köpfe, die sich reckten und emporschraubten, um über die bunte Menge hinwegsehen zu können. Sie hielten kurz nach allen Richtungen Ausschau, wobei nicht klar war, was sie eigentlich suchten, und tauchten dann wieder ab und beugten sich ihren Gesprächspartnern zu. Dabei war es für wirkliche Gespräche ohnehin zu laut, es war mehr ein Zuwerfen von kurzen, witzig gemeinten Bemerkungen, ein Spiel um das Punktesammeln auf einer Beliebtheitsskala, belanglos und doch nicht ganz überflüssig, um für diesen Abend eine anerkannte Ausgangsposition zu finden. Männerspiele. Die Frauen beäugten sich kritisch und mit mehrdeutigen Kommentaren, gaben sich wie Freundinnen und vibrierten zugleich innerlich vor Konkurrenz.

Mit einem Male hörte man aus einer Ecke einen Schlagzeugtusch, mehrfach wiederholt, dazwischen eine lebhafte Saxophongirlande, schließlich einen ansteigenden Wirbel einer kleinen Trommel, der in einem kurzen Beckenschlag endete. Ohne dass es zuvor bemerkt worden war, war ER die Treppe heruntergeschritten, der berühmte und legendenumwobene Karl Legrand. Er befand sich nun auf einer der unteren Stufen, leicht erhöht über der Menge und eingefasst von einer Schar steril grinsender Mannequins, die jetzt wie auf ein Kommando mit ausgestrecktem Arm auf ihn deuteten und damit Aufmerksamkeit erbaten. Er stand im Scheinwerferlicht, braungebrannt, der silbern glänzende Wuschelkopf seiner Haare in wirkungsvoller Unordnung. Ein malvenfarbiger Anzug in weich fallendem Schnitt gab ihm etwas Jungenhaftes, zu dem auch das schneeweiße Hemd mit dem offenen breitgerüschten Schillerkragen passte. Das hatte eine lässige Eleganz, die keiner weiteren auffälligen Accessoires bedurfte, weil Legrand schon durch seine Erscheinung, seinen Blick und seine Gestik sich so zu inszenieren wusste, dass er stets der unangefochtene Zentralpunkt jeden Raumes war, den er betrat. Er strahlte mit offenem Mund und weißen Zähnen in die Menge, wobei er gelegentlich plötzlich den rechten Arm vorschießen ließ und auf einen (oder eine?) der vor ihm Stehenden wies und mit dem Blick eine besondere Begrüßung andeutete. Vermutlich hatte er diese Geste von amerikanischen Präsidenten bei ihrem gelegentlichen Bad in der Menge vor einer ihrer Ansprachen abgeschaut. In der Linken hielt er ein schnurloses Mikrofon, das er ein paarmal zum Mund führte, ohne von ihm Gebrauch zu machen, weil er den Applaus, der zögerlich eingesetzt hatte, dann aber immer mehr anschwoll, erst auskosten wollte.

Schließlich hob er zu einer launigen Begrüßungsrede an, bei der er den Eindruck vermittelte, als freue er sich über die Anwesenheit jedes Einzelnen ganz besonders, obschon ihm die Mehrzahl der Gäste vermutlich gar nicht bekannt war. Trotz Mikrofonverstärkung war keineswegs alles zu verstehen, aus seinen Handbewegungen war aber zu entnehmen, dass er am Schluss ebenso auf eine untere Etage wie auf ein oberes Stockwerk aufmerksam machen wollte und einlud, vom ganzen Haus Besitz zu nehmen. Gelegentliches Gelächter derer, die sich etwas näher befanden und auch seine Worte verstanden, ließ erkennen, dass er Stimmung zu machen wusste, spätestens am Ende seiner Rede merkte es jeder, als er nämlich der Musik einen Wink gab und mit deren Einsetzen selbst mit einigen sägenden Tanzbewegungen begann, wobei er »Let’s fetz!« ins Mikrofon brüllte. Beifall brandete auf und die Menge geriet in sich kräuselnde Wellen und ein Hin- und Herschwappen wie das Wasser im Hafenbecken.

Die Anordnung war so, dass in einem gewölbten Kellergeschoss ziemlich heiße Musik, vorwiegend Rock, von einer lautstarken Band gedröhnt wurde. Darüber, in der Halle, spielten Saxofon, Piano und Schlagzeug eine etwas gemäßigtere Tanzmusik, nur gelegentlich drangen ein paar heftige Bässe von unten herauf, eigentlich war es nur ein leichtes Vi­brieren, das sich in der allgemeinen Fröhlichkeit schnell verlor. In den angrenzenden Gesellschaftsräumen ging es ruhiger zu, Sessel und Stühle standen an den Wänden, einige kleine Beistelltischchen. In einem der hohen Zimmer (mit Holztäfelung, vielleicht früher einmal als Bibliothek benutzt) war ein Buffet aufgebaut, nichts Üppiges, nur Fingerfood, aber doch lobwürdig dekoriert: Platten mit Kanapees für alle erdenklichen Beläge aus Schinken, Garnelen, Früchten, Braten oder Käse in immer neuen Kompositionen, die man sich selbst auf kleine Teller aufladen konnte. Gegenüber eine umfängliche Getränkebar. Und überall die freundlichen glatzköpfigen Burschen in ihren dunklen Anzügen, die aus irgendwelchen hinteren Räumlichkeiten ständig für Nachschub sorgten. Wem es auch hier noch zu laut und gedrängt zuging, konnte sich nach oben zurückziehen, die breite Treppe hoch, wo die Räume kleiner und niedriger waren. Hier gab es überall Sitzgarnituren und Tischchen, auf denen sich bereits Gläser und Weinflaschen befanden, für andere Wünsche standen die hilfsbereiten jungen Männer bereit.

Elfi hatte mit der Zeit eine Menge Bekannte entdeckt und wunderte sich, wen sie hier alles sehen konnte. Wo kamen die ganzen Schönen her? Natürlich hatten viele mit der Mode zu tun, Gesichter, die sie vom Einkaufen kannte, weil sie schon jahrelang am gleichen Ort arbeiteten, bei Breuninger, dem Modehaus Kaiser, einigen kleineren exquisiten Läden. Aber auch Geschäftsleute, Anwälte, Ärzte erkannte sie, Leute, denen sie auf diversen Einladungen schon begegnet war, Künstler, Musiker, regelmäßige Besucher des Konzerthauses oder des Theaters, alle Altersklassen waren vertreten, und fast schien es ihr, als seien es mehr Frauen als Männer, obwohl man sich da natürlich täuschen konnte. Und sogar die politische Prominenz der Stadt war zu finden, der Oberbürgermeister Salomon mit seiner Frau, die gerade an ihr vorbeitanzten, den Alt-OB Böhme mit seiner Frau hatte sie gesehen, den Bundestagsabgeordneten Gernot Erler, einige Stadträte, Frau Viethen, Atai Keller darunter, Herrn von Kirchbach, Herrn Dallmann, sogar den ehemaligen Rektor der Universität, Professor Jäger, der kaum einen Tanz auszulassen schien.

Auch sie hatte getanzt, zunächst mit einem alten Bekannten aus Studentenzeiten, inzwischen Anwalt und Wirtschaftsberater, später einmal mit Herrn von Gayling. Immer wieder sah sie den Turban von Monique in der Ferne vorbeiwirbeln, jetzt mit Alexander Heisler in einem fast berührungsfreien, schnellen Getrappel, aber dann war es ihr ein wenig zu warm geworden und sie schlenderte zur Bar. Überall standen Grüppchen beieinander, die sich lieber an Gläsern als an Tanzpartnerinnen festhielten. Wilde Gesprächsfetzen drangen an ihr Ohr, kaum verständlich ohne Zusammenhang:

»… ein Kriminalroman …«

»Es ist doch furchtbar, wie alles skandalisiert werden muss.«

»… handelt von einem Physikprofessor hier.«

»Wer soll das sein? Weiß man das schon?«

»Der Medizinerskandal kommt auch drin vor.«

»Welche Mediziner denn? Der schöne Professor Friedl oder die Doping-Ärzte?«

»Und wie heißt der Autor?«

»Juli Zeh.«

Eine fünfte Stimme mischte sich ein: »Ist das ein Chinese?«

Lachen erklang: »Nei-hein. Juli Zeh wie August Daumen. Eine Dame.«

Elfi ließ sich erst einmal ein Mineralwasser geben, ging dann einige Schritte weiter. Hinter ihr standen nun zwei Frauen, die miteinander tuschelten:

»… so viel Geld habe ich nicht, woher soll ich das denn nehmen? Wir haben so viel im Urlaub ausgegeben …«

»Soll ich dir mal was verraten? Ist gar nicht so schlimm, wie du denkst.«

»Ja, du! Ihr habt da etwas andere Maßstäbe.«

»Nein, hör mir doch mal zu. Ich habe das doch nicht bezahlt, könnte ich mir auch nicht leisten. Ich weiß da eine Adresse in Merzhausen, findest du aber nicht im Telefonbuch, die verleihen Abendroben. Da sind erstklassige Stücke dabei, Designer-Mode, Marken, einfach alles. Es gibt Frauen, die alles nur einmal tragen und dann geben sie es wieder ab, die sind so und haben auch das nötige Kleingeld dafür. Solche Sachen findest du da. Das ist eigentlich ein Laden fürs Theater, die Stuttgarter Oper zum Beispiel arbeitet mit denen. Du musst aber nicht denken, dass du da Kleider findest von Freiburgerinnen, so etwas würden die nie machen. Die haben mehrere Läden noch anderswo und das wird alles schön vertauscht. Das gäbe sonst peinliche Situationen, wenn ich etwas anziehen würde, was Frau Haumichblau schon beim letzten Presseball getragen hat. Was die hier einkaufen, wird nur anderswo wieder angeboten. Und das Schöne ist: Die verleihen auch für zwei, drei Tage. Das kostet dann vielleicht 30, 40 Euro, und alles frisch gereinigt. Die haben ein so großes Lager, da kannst du auch alles andere dazubekommen – passend. Schuhe, Gürtel, Taschen, sogar Hüte. Ich gehe da immer hin, wenn ich einmal etwas Besonderes haben will. Meinst du, ich kaufe das alles? Paaah!«

»Ehrlich? Hätte ich nicht von dir gedacht.«

»Musst du ja nicht weitererzählen. Wenn du willst, gebe ich dir die Adresse. Kaufen kann man natürlich auch, und das ist dann etwas teurer, aber alles secondhand. La scala heißt der Laden. Ist etwas schwierig zu finden und hat auch keine normalen Öffnungszeiten. Wir könnten zusammen hingehen, wenn du willst.«

»Und das Kleid hier ist von …?«

Elfi war längst in das nächste Gemach weitergegangen, hatte dort eine Bekannte mit ihrem Partner getroffen. Hier war weniger Gedränge, sodass man auch einen Blick auf die Bilder werfen konnte, die überall an den Wänden hingen und von Spotlichtern beleuchtet wurden. Legrand schien eine riesige Sammlung zu haben, denn das ganze Haus hing voll davon. In der großen Halle waren es großformatige abstrakte Farbkompositionen, hier nun gegenständliche Arbeiten, darunter ein Bild von Martin Kasper, das einen leeren Affenkäfig im Zoo zeigte: gekachelte Wände und eine hellschimmernde Stahltür, dazu ein kalter Betonstrich, von der Decke hingen an Seilen große Baumäste als öde Kletterhilfen, der deprimierende Raum wurde von einem Oberlicht fahl erhellt. Die Bilder im nächsten Zimmer waren der Leipziger Schule zuzurechnen, besonders fiel ein Interieur von Susanne Kühn auf, das mit vielen kunstgeschichtlichen Zitaten arrangiert war, selbst Vermeer konnte man erkennen (ein seitliches Fenster mit Lichteinfall).

Im Untergeschoss, zu dem man über eine Treppe neben der Garderobe gelangte, heizte eine Band mit donnerndem Bass die Stimmung an. Unter den Tänzern sah man ekstatisch zuckende Einzelne mit geschlossenen Augen, die ihrem Narzissmus frönten, aber auch Paare, die berührungslose Spiegelfechtereien ausübten, gebückt oder in die Knie gehend, dann wieder sich aufstreckend, immer im gegenseitigen, sich anfeuernden Blick, oder welche, die sich in Figurentänzen übten und dabei Rock’n’ Roll-Wendungen und -Drehungen übten. Hier waren vor allem jüngere Gäste oder solche, die ihre Jugendlichkeit unter Beweis stellen wollten. Selbst Dieter Salomon hatte vorbeigeschaut, seine Jacke an die Wand gehängt und im schneeweißen Hemd einige Tänze in den Boden gestampft. Auch Gernot Erler, der alle um einen Kopf überragte, hatte man hier unten gesehen.

In der großen Halle darüber, wo man wenig von dem Lärm des Kellergewölbes hörte, nur gelegentlich das Wummern der Bässe wie ein untergründiger Pulsschlag zu spüren war, wurde ein maßvollerer Swing gepflegt, der auch älteren Herrschaften zum Tanzen angenehm war. Hier war nun mehr Platz, da alles sich in dem weitläufigen Haus verteilt hatte. Auch Legrand hatte sich hier gezeigt, wie immer umringt von einigen Models (oder die es gerne werden wollten), aber auch von einem größeren Kreis von Leuten umgeben, die die Nähe zu diesem Superstar suchten, und natürlich von den Fotografen. An eine richtige Unterhaltung war unter solchen Umständen nicht zu denken, so flogen Scherzworte hin und her, beifälliges Lachen im vertraulichen Einverständnis. Legrand hielt Hof, immer wieder von Blitzlichtern umspielt, was er keineswegs als Störung zu empfinden schien. Er war mit den Usancen der sogenannten Öffentlichkeit vertraut genug, um zu wissen, dass es nicht allein auf sein Konterfei ankam, sondern auch auf die, die sich an seiner Seite zeigen wollten. Auch ihnen zum öffentlichen Bild zu verhelfen, war er sich nicht zu schade. Denn die eigene Prominenz wurde nur beglaubigt, wenn man an der Seite wirklich Prominenter öffentlich in Erscheinung trat.

Doch irgendwann wurde er dieser herausgehobenen Rolle überdrüssig und tauchte unter im Gewoge der unüberschaubaren Gesellschaft. Mal sah man ihn tanzen, dann stand er wieder entspannt unter einer Gruppe, ein gut gelaunter Gastgeber, der jeden willkommen hieß und mit Komplimenten nicht geizte. Mal hier, mal dort, man hatte den Eindruck, dass er gerne mit jedem ins Gespräch gekommen wäre. Gleichwohl vermied er jede Förmlichkeit, die den Eindruck erwecken konnte, er fühle sich nur einer Gastgeberrolle verpflichtet. So bemühte er sich keineswegs darum, Gäste miteinander bekannt zu machen, er wäre damit auch sicher überfordert gewesen, da er von vielen nicht einmal die Namen gekannt hätte. Aber wo er hinzutrat, beförderte er jene zwanglose Stimmung, die es jedem ermöglichte, sich ins Geplauder zu mischen. Wenn es ihm gefiel, fing er mitten im Small Talk an zu tanzen, blinkerte einer Schönen aufmunternd zu und hatte sie schon gewonnen, aber es gelang ihm ebenso, den Tanz wieder zu beenden, seine kurzzeitige Partnerin in die Runde zurückzuführen, ohne dass sie sich verlassen fühlen konnte, und sich einer anderen Traube zuzugesellen.

Das Gewirr der Stimmen, die mal näher, mal entfernter durcheinanderwuselten und sich der Musik als ein farbig brummendes Grundregister hinzumischten, war nur selten zu verstehen, höchstens ein paar Satzfetzen, wenn man sich einem Gegenüber direkt zuwandte. Erhellendes war nicht zu erwarten.

»Ach, Sie sind auch hier?«

»Nun ja, die üblichen Verdächtigen eben.«

Legrand hatte sich inzwischen in die Nebenräume begeben und suchte etwas zu trinken. An der Getränkebar ließ er sich die Rotweinflaschen zeigen und wählte dann einen französischen Wein. Zu dem Pulk von Leuten, die dort mit Gläsern in der Hand herumstanden, sagte er:

»An den badischen Roten muss ich mich erst noch gewöhnen. Der ist mir oft zu fruchtig und ein bisschen direkt.«

Der Galerist Albert Baumgarten, der das hörte und schon längst mit Legrand in Kontakt treten wollte, widersprach heftig und nannte eine Reihe von Winzern der hiesigen Gegend, die tiefgründige und in ihrer Eigenart hervorragende Rotweine kreieren könnten. Da mischte sich Franz Armin Morat, der bekannte Kunstsammler mit dem weißen Rauschebart, ein und meinte zu Legrand, er müsse ihm insofern recht geben, als er unter den Weinen hier an der Bar auch den französischen bevorzuge. Mit den übrigen Umstehenden schloss sich ein kleines Weinseminar an, ohne dass Baumgarten die Gelegenheit fand, das Thema auf die Legrandsche Kunstsammlung zu lenken. Denn Legrand war längst weitergezogen und suchte nach einem Häppchen zu essen.

Mittlerweile kam zum dämpfenden Lärmpegel auch noch der Brodem der Ausdünstungen der eng Beieinanderstehenden.

»Ich muss mich einmal ein bisschen frisch machen.«

»Näschen pudern?«

»Pffh. Kommst du mit?«

Schließlich hatte sich Legrand in das Obergeschoss begeben, wo weitere Gäste auf ihn warteten.

VI.

Dort oben reihten sich eine Reihe von Gemächern aneinander, die wohl alle nur für diesen Abend mit Klubmöbeln ausgestattet waren, Sitzgarnituren der bequemen Art in größerem Kreis arrangiert, jedoch nur ausgeliehen von einer Firma, die für solche Events oder Filmsets die nötige Ausstattung bereithielt. Von persönlichen Möbeln oder Einrichtungsgegenständen war nichts zu sehen, alles nur zweckmäßige Dekoration – mit Ausnahme der Bilder, die zwar sehr verschiedene Kunstrichtungen repräsentierten, aber kaum unter Gesichtspunkten allgemeiner Gefälligkeit ausgewählt waren. Es war ein Teil von Legrands Sammlung, die hier einen neuen Ort gefunden hatte. Und sie zeigte Vorlieben sehr individueller Art, war nicht nach repräsentativen Gesichtspunkten zusammengestellt und orientierte sich auch nicht an den Highlights des Kunstmarktes. Nicht, dass nicht auch einiges darunter gewesen wäre, um das ihn manches Museum zeitgenössischer Kunst beneidet hätte, aber es waren keine hochpreisigen Sensationsbilder darunter, die von den internationalen Auktionshäusern hochgepuscht wurden. Kein Polke, kein Baselitz oder Richter, obschon Legrand sich vielleicht einiges davon hätte leisten können, und was er von der heutigen Preisavantgarde besaß, hatte er sicher schon vor 20, 30 Jahren gekauft. Aber davon war hier nichts zu sehen, wahrscheinlich hingen solche Bilder noch in seiner Hamburger Villa.

In einem der Räume saß eine Runde zusammen, die vorwiegend aus Medizinern bestand, die sich gerade über das letzte Masur-Konzert beim Baden-Badener Festival unterhielten.

»Einfach Weltklasse.«

»Dieser Brahms, geradezu überwältigend.« Beim Gielen-Konzert in Freiburg mit Schreker, Bartok, Berg und Schönberg würde man sicher keinen dieser Begeisterten sehen können.

»Das ist mir einfach zu anstrengend. Nach einer Sectio ist mir nicht nach Schönberg.« Wieherndes Gelächter.

In diesem Moment kam Rolf Böhme herein und wurde respektvoll nachsichtig begrüßt. Man rückte zusammen, ein leerer Sessel wurde herbeigeschoben und bald hatte Böhme einen Zuhörer für sein Lieblingsthema gefunden, wie die Freiburger in der Nazizeit mit den Juden umgegangen waren. Die beiden setzten sich etwas abseits, direkt unter ein Gemälde von Peter Herrmann, aber sie beachteten es nicht. Im sehr schmalen Hochformat sah man vor türkisfarbenem Hintergrund, mit grobem Pinsel gemalt und doch äußerst effektvoll, ein Mädchen im schwarzen Kleid, die Träger verrutscht, mit breitem Grinsen. Der Clou war, dass nur der lachende Mund mit hässlichen Zähnen zu sehen war, schon in der Höhe der Nase war das Bild abgeschnitten, das nur Kleid, Dekolleté und die untere Gesichtshälfte zeigte.

Die anderen waren bald bei Themen aus der letzten Fakultätssitzung angelangt, opferten dies aber bald der sich ausbreitenden Fröhlichkeit. Einer, der vielleicht schon etwas angeschickert war, trällerte vor sich hin: »Pfingsten das liebliche Fest ist gekommen …« und wurde sogleich unterbrochen:

»Pfingsten noch nicht. Wir hatten ja gerade erst Ostern.«

»Aber mir ist so pfingstlich wohl bei diesem – wie nennen wir ihn? Eduard?«

»Legrand heißt er.«

»Ich nenne ihn Eduard.«

»Wovon redet der eigentlich?«

»Von Goethe. Heute ist doch Walpurgisnacht.« Und jetzt stimmten einige in die wiegende Melodie ein: »Wal-purgis-nacht, Wal-purgis-nacht«, die ihnen noch vom letzten Bayreuth-Besuch im Ohr war.

Es dauerte nicht lange, als Dieter Salomon in die Tür schaute, sich aber gleich abwandte, als er seinen Vorgänger im Amt entdeckte, und weiterzog. Dass die beiden sich nicht viel zu sagen hatten – und wenn, dann zu viel zu sagen gehabt hätten –, war allgemein bekannt. Sie gingen sich besser aus dem Weg. Aber unbemerkt blieb es nicht. Ein gutaussehender, verschmitzter jüngerer Mann machte ihm eine lange Nase nach und einige lachten. Vor der Tür kamen jetzt junge Leute vorbei, ein reges Kommen und Gehen. Eine langbeinige Schönheit hatte die Verspottung des Bürgermeisters mitbekommen und erwiderte unwillkürlich mit einer ausgestreckten Hand vor ihrer Nase die Geste, wobei sie den Schalkhaften verführerisch anlächelte. Wenig später standen die beiden im Flur und turtelten miteinander.

Im nächsten Raum hing ein Bild in blau-beigen und rosa-hautfarbenen Tönen von Alexa Rudolph, das einen Engel im applizierten Kunststoff-Nachthemd zeigte, der nach einem bereits zerfetzten Regenschirm am Himmel griff, ein echter Schirm mit zerstörtem Gestänge war flach auf die Leinwand aufmontiert. Hier saß eine gänzlich andere Gesellschaft und der Oberbürgermeister war hochwillkommen. Es waren Unternehmer, Geschäftsleute, Vertreter der Industrie- und Handelskammer. Man flachste herum und fragte sich, warum denn der Unmüßig nicht da sei, ein allseits bekannter Bauunternehmer und Projektemacher, ob der etwa nicht eingeladen worden sei. Allerlei Spekulationen schlossen sich an, die bald bis zu ausgelassenen Vermutungen gingen. Salomon amüsierte sich köstlich, sagte aber nichts. Mit unbestimmbarem Interesse sah er schließlich auf andere Bilder an der Wand, lauter Original-Plakate von Jörg Immendorff aus der Mitte der 70er-Jahre. »Sofortiger und bedingungsloser Abzug aller USA- und Marionettentruppen aus Indochina«, las man da auf rotem Grund und ein ausgestrecktes Bein ragte ins Bild, das einen grünen kleinen Soldaten im Kampfanzug, der wie eine Kakerlake aussah, einfach wegkickte. Und auf einem anderen stand lediglich in gelben Lettern auf rotem Grund: »Das tun, was zu tun ist.«

Währenddessen war auf dem Flur ausgelassene Stimmung. Immer mehr standen dort, andere drängten vorbei. »Wo gibt’s denn hier was auf die Nase?« Lachen. Kichern. Mit Blicken wurde ein Weg gewiesen ans Ende des Ganges. Ein zartes Mädchen mit ausgehungerter Figur wedelte mit einer Scheckkarte herum und zog die Blicke auf sich. Ein dürres Weib voller Verführung, halb Kind, halb abgebrüht, dessen Faszination ein leeres Versprechen war und doch für Männer den Zauber der Vorhölle versprach. Einer rief aus: »Oh, gun-powder, wo gibt’s denn das?«

Man wurde weitergedrängt, zu einem kleinen hinteren Raum, in dem ein buntes Völkchen um einen Glastisch stand und sorgfältig ein kleines Häufchen weißen Mehls zu dünnen Strichen zog.

»Macht doch mal die Tür zu. Hier zieht es ja wie Hechtsuppe.«

»Geht nicht, da wollen noch mehr herein.«

Auf einmal drängte sich ein CDU-Stadtrat an all den Fröhlichen und Ausgelassenen vorbei, als suche er jemanden. Man machte ihm erstaunt, aber bereitwillig Platz, er blickte in jeden der kleineren Räume, sah sich kurz um und eilte weiter, schließlich fand er den Oberbürgermeister, ging auf ihn zu und flüsterte ihm etwas Dringliches ins Ohr. Salomon sah kurz auf, nickte und meinte dann:

»Danke, dass Sie mir das sagen.« Nach einigem Nachdenken fügte er an: »Sagen Sie auch dem OB-Ex Bescheid. Er sollte das gleichfalls wissen.«

Salomon sah sich in der Runde um, stand auf und meinte dann halblaut zu den anderen:

»Das läuft hier etwas aus dem Ruder. Ich werde jetzt gehen.«

Ein etwas betretenes Gemurmel setzte ein, verunsichert, fragend, und Salomon fügte hinzu:

»Ich jedenfalls möchte mich nicht gerne morgen in der Presse mit entsprechenden Fotos wiedersehen. Sie sollten sich das auch überlegen.«

Einige blickten irritiert umher, ein oder zwei lachten unbekümmert auf, schließlich gab einer das erlösende Stichwort:

»Koks.«

Sofort standen einige auf und verließen ebenfalls den Raum. Andere waren so in ihre Gespräche vertieft, dass sie zwar ein wenig Unruhe bemerkt hatten, sich aber nicht weiter darum kümmerten. Bei all dem Gedränge musste man doch froh sein, ein einigermaßen ruhiges Eckchen mit Sitzplätzen gefunden zu haben. Jemand beugte sich herüber und flüsterte:

»Nebenan scheint die Schnupfen-Fraktion zu sitzen. Da kriegt der OB natürlich kalte Füße.«

Schon längst etwas angeheitert, wunderte man sich über so viel Furcht vor Erkältungskrankheiten. Als einer, amüsiert vor sich hinglucksend, die Handkuhle zwischen Daumen und Zeigefinger zur Nase führte und dabei schniefte, hatte das Thema bereits eine neue Wendung bekommen, vollends, als jemand zu bekannter Melodie kollernd lossang:

»Ich schnupfe nicht, und wenn das Herz auch bricht …«

In einem anderen Raum wurde Rolf Böhme von hinten leise angesprochen:

»OB-Ex! Sie sollten das Fest besser jetzt verlassen.«

Böhme drehte sich verärgert um, denn ihn mit der Bezeichnung »OB-Ex« anzusprechen – ein Spitzname, der längst gebräuchlich war –, verstieß gegen jeden Respekt, auf den er großen Wert legte. Als ihm aber einige weitere erklärende Worte zugeflüstert worden waren, grummelte er nur:

»Gut, dass Sie mir das sagen, danke.«

Überall brachen jetzt einzelne Leute auf, anscheinend vor allem die mit höheren politischen Ämtern. In Windeseile musste sich die Nachricht herumgesprochen haben. Einige suchten noch nach ihren Frauen, die etwas überrascht vom plötzlichen Aufbruch waren, aber doch auch gewohnt, ohne Fragen, die im Augenblick vielleicht unangebracht waren, jederzeit höheren Notwendigkeiten zu folgen. Jeder versuchte sich den Anschein zu geben, unauffällig das Fest zu verlassen, doch in der Halle, wo noch immer lebhaft getanzt wurde, kam es fast zu einem Gänsemarsch zwischen den Tanzpaaren hindurch, der nicht ganz unbemerkt blieb. Andererseits ging es auf Mitternacht zu und so schien es keine völlig ungewöhnliche Zeit zu sein, dass die Honoratioren sich auf den Heimweg begaben. An der Garderobe gab es natürlich einigen Andrang, aber jeder behielt sein kleines, ihm zugeflüstertes Geheimnis für sich, warum er schon jetzt davonstrebte.

Was in ihren Köpfen vorging, konnte man sich nur denken, ausgesprochen hätte es sicher keiner: Für die Notabeln gab es nichts Unangenehmeres, als mit den falschen Leuten oder auf einer falschen Party gesehen zu werden. Nicht, dass sie immer ein funktionierendes Gespür für das Richtige und Angemessene hätten und vor Entgleisungen und moralischen Fragwürdigkeiten gefeit wären, aber auf das öffentliche Bild pflegten sie zu achten. Der Schnappschuss, der eine peinliche Situation festhielt und immer wieder gezeigt werden konnte, der sich einprägte und zur Bekräftigung immer wieder herbeizitiert wurde, war unauslöschlich als ewiger Makel. Was nur mit Worten berichtet wird, lässt sich mit Worten auch entkräften, zerreden, umwölken und irgendwann unwirksam machen. Ein Bild hingegen scheint sich zu einem unverfälschbaren Muster einbrennen zu können und ist deshalb so gefürchtet. Auf einem Foto in einer Kokainhöhle festgehalten zu werden, womöglich im Hintergrund mit einem schniefenden Süchtigen, der den Strohhalm zur Nase führte, das konnte noch am selben Tag, an dem es verbreitet wurde, das Amt kosten. Dass man nichts davon bemerkt habe, würde keiner verstehen, dafür würde man noch zusätzlich verhöhnt. Und jeder konnte glauben, man selbst sei ein Kokser und gehöre in die Heilanstalt. Man konnte deshalb annehmen, dass die Flüchtenden dem aufmerksamen Kollegen aus dem Stadtrat, selbst wenn er der falschen Fraktion angehörte, überaus dankbar für seine Warnung waren. Ein besonderes Verdienst bestand ja gerade darin, dass er nicht nur seine Parteifreunde, sondern die ganze politische Kaste vor einem Super-GAU bewahrt hatte, einem Politikersturz quer durch die Reihen, mit unabsehbaren Folgen. Gerade noch einmal gut gegangen, danke!, musste sich mancher gesagt haben.

Das Fest ging umso fröhlicher und unbeschwerter weiter. Der Getränkenachschub schien unerschöpflich, dafür sorgten die glatzköpfigen jungen Männer in ihren schwarzen Anzügen, die Musik gönnte sich kaum eine Pause und wurde immer aufreizender, sowohl im Keller als auch in der Halle. Kaum einer, der jetzt nicht tanzte oder den Tänzern vom Rande her zusah, die Gesprächsrunden hatten sich nahezu aufgelöst. Völlig Betrunkene gab es nicht, nüchtern war keiner. Alle stimulierten sich in einem Rausch aus motorischen Rhythmen, ekstatischen Bewegungen und Vi­brationen, eine Wachheit der Körperreflexe, ein gesteigertes Sein ohne Bewusstheit. Das konnte so weitergehen bis in den frühen Morgen, an Ausdauer würde es nicht mangeln, alle waren aufgeputscht genug, die ganze Nacht durchzuhalten. In den Morgenstunden des 1. Mai würde sich das Fest dann langsam vertröpfeln, einige dösten noch in den Ecken herum oder knutschten, während sich die Brigade der Caterer bereits ans Aufräumen machte, Gläser einsammelte und die Musiker müde ihre Instrumente zusammenpackten.

VII

»Ihr könnt ja oben schon mal anfangen, wir räumen die Bar auf. Mit der Zeit werden die restlichen Gäste sich dann wohl davonmachen. Viele sind es nicht mehr.«

»Hast du die beiden da hinten gesehen, im letzten Raum? Voll in Aktion.«

»Lass gut sein. Wo ist eigentlich der Chef?«

»Wen meinst du denn?«

»Den Chef vom Ganzen, Legrand.«

»Keine Ahnung. Der wird schon lange fort sein. Ich glaube nicht, dass der hier im Hause schläft.«

»Sicher nicht, so, wie es hier aussieht. Komm, lass uns anfangen, dass wir fertig werden.«

Es war schon lange hell, jetzt mochte es etwa acht Uhr sein. Die schwarzen Jacketts und die lästigen Krawatten hatten die glatzköpfigen Jungs längst ausgezogen und wurstelten träge und übermüdet in ihren weißen durchgeschwitzten Hemden herum. Mit großen Geschirrwagen fuhren sie die einzelnen Räume ab, leerten angewidert die abgestandenen, übel riechenden Reste von Gläsern und Tellern in einen Eimer und stapelten das schmutzige Geschirr und die Gläser in grüne Kunststoffkästen. Andere sammelten Papierservietten in einen blauen Plastiksack, räumten die leeren Platten zusammen, die wenigen Kanapees, die noch übrig geblieben waren zwischen Dekorationsfrüchten und Grünzeug, schoben sie auf einer Platte zusammen. Einer ging von Raum zu Raum und riss die Fenster auf, dass endlich der ganze säuerliche und widerwärtige Gestank aus Schweiß und Alkohol und anderen Ingredienzien der längst verendeten Party allmählich abzöge. Auch in den oberen Räumen waren sie in gleicher Weise zugange, einige trugen bereits volle Geschirrkästen in die Halle und türmten sie in einer Ecke aufeinander.

Plötzlich rief einer von oben, der auch dort die Fenster geöffnet hatte, die Treppe herunter:

»Da liegt doch tatsächlich einer im Garten und schläft.«

»Wird seinen Rausch ausschlafen. Das geht uns nichts an.«

Immer wieder fanden sich unvermutet in Nischen und Winkeln noch halbvolle Gläser und Flaschen, achtlos abgestellt und vergessen.

»Wann werden denn die Sitze und die Tische abgeholt?«

»Weiß nicht. Stapelt das alles erst einmal in einer Ecke zusammen, damit wir ausfegen können, alles andere ist nicht unser Bier. Wir ziehen dann ab.«

Der im Garten Liegende ging ihm nicht aus dem Sinn. Verstohlen sah er immer wieder aus dem Fenster, er lag so eigentümlich da, die eine Hand am Hals, die Füße verdreht, als wenn er gestolpert wäre. Genau war es nicht zu erkennen, weil die Äste eines Baumes teilweise die Sicht versperrten.

Die wenigen Gäste, die noch im Hause waren, darauf aufmerksam zu machen, wäre verlorene Liebesmüh, denn sie waren entweder kaum noch ansprechbar oder so mit sich selbst beschäftigt, dass sie nur abgewunken hätten. So beschloss der junge Mann, selbst nachzusehen. Vielleicht brauchte hier jemand Hilfe. Er ging durch die Veranda auf die Terrasse und die wenigen Steinstufen in den Garten hinunter, dann zwischen den Bäumen einige Schritte den Hang hinauf zu dem Mann im malvenfarbenen Anzug, der noch verdrehter, als es aus dem Fenster ausgesehen hatte, neben dem Weg im noch spärlichen Gras lag. Erst als er vor ihm stand, erkannte er ihn und sah zugleich, dass die Hand, die den Hals umklammerte, ganz blutig war. Er beugte sich zu ihm hinunter, sah die weit aufgerissenen, leblosen Augen, in denen noch das Entsetzen zu lesen war, und wusste sofort, dass er tot war. Zitternd richtete er sich wieder auf und stand da, sah nichts, dachte nichts, fühlte nichts, zweifellos im Schock, es war das erste Mal, dass er einem Toten begegnete.

Er mochte schon eine Weile so dagestanden haben, das Zeitgefühl hatte er verloren, als drüben vom Haus jemand aus dem Fenster des oberen Stockwerkes rief:

»Hey, was ist denn los? Was machst du denn da? Wir wollen fertig werden.«

Er war nicht in der Lage zu antworten. Stumm und mit hilfloser Geste deutete er auf den vor ihm Liegenden. Es dauerte nicht lange, bis erst einer, dann weitere seiner Kumpels angetröpfelt kamen und schweigend um den Toten standen, der in einer Blutlache lag, die sich unter dem Körper ausgebreitet hatte und im Boden versickert war. Als der Letzte aus ihrer Brigade eintraf, blickte er in die betroffenen Gesichter und stammelte:

»Mann, oh Mann, das ist doch Legrand!«, ein Satz von banaler Nichtigkeit und doch vermochte er es, die Starre zu lösen, um endlich das Naheliegende zu tun.

»Gib mal dein Handy. Wir müssen die Polizei anrufen.«

*

Das Polizeirevier Süd hatte sofort die Kriminalpolizei verständigt, dass ein Toter in einem Garten am Kapellenweg liege, wahrscheinlich Fremdverschulden, und war dann mit zwei Streifenwagen unter Blaulicht losgefahren. Auf die Polizeisirene hatte man verzichtet, weil der kurze Weg ohnehin keine Hauptstraßen berührte und wegen des Feiertages niemand in dieser Villengegend unterwegs war. Noch auf der Strecke gaben sie die wegen der Baustelle geänderte Wegführung durch, die von der Kripo kannten sich sicher hier nicht aus. Von der Kriminalpolizei war ein leitender Beamter mit einem Assistenten losgefahren, mehr konnte man nicht tun, bevor man Übersicht hatte.

Die Polizisten hatten nach einem flüchtigen Blick auf den Toten erst einmal die jungen Männer von der Catering-Firma nach den näheren Umständen befragt, ob sie den Toten kannten, wer ihn entdeckt habe, was sie hier zu tun hätten und Ähnliches. Ein Verhör war es nicht, eher der Versuch, die Zeit zu überbrücken, bis die Kripo käme, und dafür zu sorgen, dass niemand sich entferne. Als Kommissar Hopf endlich eintraf, wurde er kurz instruiert, dass gestern hier ein Fest stattgefunden habe mit fast 200 Gästen und heute Morgen der Hausbesitzer hier gefunden wurde. Hopf beugte sich über den toten Legrand, zog sich einen Gummihandschuh an und löste die Hand vom Hals. Man sah eine große Schusswunde, offenbar war die Halsschlagader zerfetzt. Hopf sagte zu seinem Assistenten:

»Hier darf nichts verändert werden. Ruf die Spurensicherung, volles Programm, das sieht nach Mord aus. Weiträumig absperren.«

Dann ließ er sich ins Haus führen und gleich ins obere Stockwerk. Zwei Polizisten wurden beauftragt, die Personalien sämtlicher noch anwesender Personen aufzunehmen.

»Und Sie haben ihn zuerst gesehen?«

»Ja, hier aus diesem Fenster, rein zufällig.«

»Wie heißen Sie?«

»Hamann.«

Niemandem war etwas Besonderes aufgefallen, keinerlei Streit oder Wortgefecht. Legrand war überall gesehen worden, mal da, mal dort, natürlich nicht lückenlos beobachtet, wann zuletzt, könne man nicht sagen. Er sei herumgelaufen, heiter, umschwärmt, überall der Mittelpunkt. Aber ein solches Fest sei natürlich auch ein großes Durcheinander, man schob und wurde geschoben, überall wurde getanzt, ein ziemlicher Lärm, allein schon wegen der Musik. Und sie hätten ja auch ihre Arbeit gehabt, seien nie zur Ruhe gekommen, pausenlos im Einsatz mit Nachschub an Essen und Trinken, leere Gläser abräumen, neue Gläser bringen … Wie es halt so zuginge bei so vielen Leuten. Und so anspruchsvollen zumal.

»Herr Hamann, dann erzählen Sie mir zunächst erst einmal, was das für ein Fest war.«

Das erwies sich als gar nicht so einfach. Denn Hopf hatte den Namen Legrand noch nie gehört und konnte sich deshalb auch keine Vorstellungen machen von den Dimensionen, in denen Legrand lebte. Dass das ganze Mobiliar dieses Hauses eigens für diesen Anlass von einer Ausstattungsfirma angeliefert worden war, dass dieser Modekönig noch gar nicht hier lebte, abgesehen von der Renovierung der Villa nur die Bilder hier hatte aufhängen lassen, dass alles andere von einer deutschlandweit tätigen Catering-Firma organisiert worden war, dies zusammengenommen erschien Hopf wie ein riesiger Bluff mindestens eines Mafia-Paten. Aber er kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, als er hörte, dass die ganze Hautevolee von Freiburg dabei gewesen war, nicht nur bekannte Geschäftsleute, Ärzte, Juristen, Professoren, sondern auch der Oberbürgermeister, Stadträte aller Fraktionen, die halbe politische Prominenz. Sie alle kannten diesen ominösen Legrand und hatten gestern noch mit ihm zusammen gefeiert, nur Hopf hatte den Namen noch nie gehört.

»Einige sind noch im Haus. Unten, in den hinteren Räumen. Ich nehme aber an, dass das keine von den Prominenten sind. Bei einem solchen Fest weiß niemand, wann es zu Ende ist. Wir haben schon mal angefangen aufzuräumen, und so langsam verschwinden dann auch die Letzten.«

Hopf wusste wirklich nicht mehr, was er als Dringendstes zu tun hatte. So ließ er sich von Hamann erst einmal das ganze Haus zeigen. Falls man noch jemanden antreffen würde, müsste man wenigstens die Personalien notieren. Und irgendwoher müsste man die Gästeliste beschaffen, darum sollte sich sein Assistent kümmern. Hoffentlich war die Spurenkommission inzwischen eingetroffen. Er sah in den Garten, aber da waren nur zwei Polizisten, die inzwischen einige Meter um die Leiche herum Absperrbänder angebracht hatten. So ein Quatsch, dachte Hopf, der ganze Garten muss gesperrt werden. Niemand soll da herumlaufen, auch nicht die Polizei. Er schickte gleich jemanden los, dafür zu sorgen. Warum musste er auch ausgerechnet heute Bereitschaftsdienst haben. An einem solchen Feiertag, wo kaum einer im Haus war. Und dann eine solche Geschichte. In der nächsten halben Stunde kämen sicher die ersten Presseleute. Als er länger darüber nachdachte, beschloss er, den Kripochef anzurufen, jetzt gleich, zu Hause oder wo immer er sich finden ließ. Der musste sofort informiert werden. Hopf wollte nun wirklich nicht allein verantworten, was da möglicherweise alles auf ihn zukäme. Und im Übrigen absolute Nachrichtensperre. Keinerlei Auskünfte.

Der Kripochef wurde im Kaiserstuhl gefunden, auf einer Fahrradtour zum Maiausflug mit Freunden. Das war eine schon traditionelle Verabredung, die jedes Jahr stattfand. Start morgens um halb zehn, ein Rundkurs von etwa drei Stunden mit kleinen Pausen, dann um halb eins würde man sich in einem der Landgasthöfe zum ausgedehnten Spargelessen zusammensetzen. Es hätte ihn nicht ungünstiger treffen können. Kurz vor elf klingelte das Handy, gerade nach dem steilen Anstieg hinter Bötzingen auf die Vogelsang-Höhe, er war schon einigermaßen durchgeschwitzt in seinem zünftigen Fahrrad-Dress. Wie sollte er von dort aus zurück ins Amt kommen? Selbst wenn man ihn im Auto abholte, müsste er erst nach Hause gebracht werden, um zu duschen und sich umzuziehen. In Sportkleidung konnte er schließlich nicht den Chef spielen, eine pausenlose Sitzung leiten und anschließend womöglich vor die Presse treten. Und dann auch noch ausgerechnet Hopf, sicher nicht sein stärkstes Pferd im Stall. Da musste man sehen, wen man ihm zur Seite stellen könnte. Nicht ganz einfach, denn einige Kollegen waren wegen des Brückentages ohnehin im vorgezogenen Wochenende, um aufgelaufene Überstunden abzufeiern. Vielleicht Grabowski? Aber der war die ganze Woche auf einem Lehrgang in Münster, fiel also auch aus. Da musste ihm noch etwas einfallen.

Die Spurentruppe, mit einiger Verzögerung eingetroffen, war inzwischen emsig bei der Arbeit. Während noch alle Einzelheiten, ohne die Lage des Toten zu verändern, fotografiert wurden, wurde das ganze Gartengelände nach weiteren Spuren abgesucht, selbst das Projektil hatte man erst nach einiger Zeit gefunden, es steckte in einem Baumstamm, wo man es erst einmal beließ, um es nicht weiter zu beschädigen. Erst gegen Mittag konnte man die Leiche abholen lassen, die Blutlache unter dem Toten fotografieren, später würde man mit der Bildauswertung am Computer beginnen.

VIII.

Frau Ritter waren die morgendlichen Vorgänge auf dem Nachbargrundstück nicht entgangen. Vom nächtlichen Musiklärm hatte sie zwar kaum etwas mitbekommen, ihr Schlafzimmer lag in die andere Richtung. Aber aus dem Küchenfenster hatte sie morgens die Polizei gesehen, nur undeutlich, denn einige Bäume verdeckten die Sicht, zumal der Legrandsche Garten etwas tiefer am Hang lag. Sie ahnte sofort, dass etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein musste, weil stundenlang nicht nur Polizei, sondern auch Männer in hellen Overalls sich dort zu schaffen machten. Aber als Gafferin zum Gartenzaun hinunterzugehen, auf diese Idee wäre sie nie gekommen. Man lebte diskret in dieser Gegend, weidete sich nicht an den Peinlichkeiten der Nachbarn. Ohnehin hatte sie Legrand noch nie gesehen, nur von ihm gehört, natürlich auch die monatelange Renovierung der Villa mitbekommen, aber das war auch schon alles. Oder doch nicht ganz. Denn dass sich auch einiger Streit anbahnte um den wahrlich überwuchernden Baumbestand und sich Legrand gerade mit anwaltlichen Schreiben über die Verschattung seines Hauses beklagt und einige Abholzungen verlangt hatte, davon hatte Herr von Hübner ihr ausführlich erzählt. Aber zugleich darüber gelacht, allerdings mehr drohend als freundlich:

»Da wird er nicht mit durchkommen. Wir sind hier nicht an der Elbchaussee, wo man den freien Blick auf den Schiffsverkehr durchsetzen kann. Obwohl, ich weiß gar nicht, wie das dort ist. Hier wird er sich jedenfalls die Zähne ausbeißen, und am Ende gibt es auch noch die städtische Baumsatzung. Da soll er mal was versuchen.«

Herr von Hübner pflegte, zumal wenn er noch bis spät in der Nacht gearbeitet hatte, den Tag langsam zu beginnen. Nicht dass er morgens lange im Bett geblieben wäre, er brauchte nicht viel Schlaf, aber er zog sich dann einen leichten Morgenmantel über den Pyjama, ging kurz ins Bad und bereitete sich erst einmal einen Tee in der Küche und zog sich damit für einige Stunden wieder zurück, nachdem er die Zeitung aus dem Briefkasten gefischt hatte. Diese ungestörten Vormittagsstunden, die sich unterschiedlich lange hinziehen konnten, hatte er sich erst nach dem Tod seiner Frau angewöhnt und Frau Ritter, die ihm den Haushalt führte, hatte sich rücksichtsvoll in dieses Ritual gefügt. Die unausgesprochene Verabredung ging sogar so weit, dass beide sich in diesen Stunden möglichst aus dem Weg gingen, er ließ sich nicht gerne in dieser informellen Kleidung sehen. Auf ein ordentliches Frühstück verzichtete er, deshalb sorgte sie dafür, dass die Keksdose immer gut bestückt war, aus der er sich stattdessen gelegentlich bediente.

Als die Polizei endlich abzog, ging Frau Ritter dann allerdings doch in den Garten, um unauffällig nachzusehen, was denn dort drüben vorgefallen sein könnte. Herrn von Hübner hatte sie diesen Morgen noch nicht gesehen, bei ihm anzuklopfen, wagte sie nicht. Irgendjemand von den Nachbarn anzurufen, um sich zu erkundigen, ob sie etwas wüssten, kam ihr zu aufdringlich vor, als Klatschtante wollte sie nicht ins Gerede kommen. Sie benutzte den Weg, der sich durch das parkartige Gelände schlängelte. Die Bäume, darunter einige sehr dichte Tannen, aber auch eine mächtige Buche, waren in der Tat sehr hoch und breit. Und das ganze Gebüsch müsste wieder einmal gelichtet, die Bäume freigestellt werden. Als sie fast am Zaun angelangt war, sah sie seine Beine, dann Hübner selbst. Er lag ausgestreckt da, in seinem hellen Mantel, die Arme leicht abgewinkelt. Und noch bevor sie näher hinschauen konnte, fiel ihr Blick auf eine Pistole, etwa einen Meter von ihm entfernt, auf dem halbvermoderten Altlaub. Gleich neben dem Auge, dort wo die Schläfe begann, war das Einschussloch.

Ziemlich viele Gedanken auf einmal gingen ihr durch den Kopf, wie ein Wasserfall, der alles mitstürzte, was er erfassen konnte. Nur der Anlass ihres Weges in den Garten war mit einem Male weggestrudelt, sie erinnerte sich nicht mehr. Sie starrte auf das, was sie vor sich sah. Die Pistole hatte sie noch nie gesehen, wusste auch nicht, dass Hübner je eine besessen haben sollte. Eine ziemlich schwere Pistole, die in ihrer schwarzen Glätte matt schimmerte. Das passte nicht zu ihm. Aber was wusste man von einem Menschen wirklich? Wie sie seine Augen sah, die direkt nach oben gerichtet waren, sah sie unwillkürlich zum Himmel, ob auch sie dort oben etwas entdecken könnte. Erst dann sah sie, dass der hintere Schädel geborsten und zertrümmert war, ohne wirklich zu erfassen, was es bedeutete. Der Mantel müsste natürlich gleich in die Reinigung. Hübner sah so leicht aus, fast schwerelos. Aber sie würde es allein nicht schaffen, ihn dort wegzubringen. Mein Gott, er verkühlt sich ja hier im Schatten. Aber er ist doch tot. Kann das sein? Otto, komm zu dir! Aber was sollte denn die Pistole? Du hattest mir nie etwas davon gesagt. Oder ist das gar nicht deine?

Dann schlug sie sich mit der Hand an die Stirn und eilte ins Haus.

Welchen Arzt sollte sie anrufen? An diesem Feiertag war doch sicher keine Praxis besetzt. Und jetzt um die Mittagszeit würde auch unter einer Privatnummer sicher niemand ans Telefon gehen. Sie musste sich erst einmal setzen, gleich neben das Telefon im Hausgang. Nach einem kurzen Moment des Zusammensinkens rückte sie sich gerade zurecht, griff beherzt nach dem Telefonbuch und wählte dann die Nummer des Polizeireviers Süd.

*

Diesmal war Kommissar Hopf fast zur gleichen Zeit wie der Polizeiposten angekommen. Obwohl er gerade dabei war, die wichtigsten erreichbaren Leute zusammenzutrommeln, selbst der Chef musste in wenigen Augenblicken eintreffen, um die hauptsächlichen Aufgaben zu koordinieren, hatte er alles stehen und liegen lassen, um erneut in den Kapellenweg zu eilen. Mit seinem Assistenten war er sofort in den Garten gegangen, Frau Ritter war nicht mitgekommen, ein Polizist blieb im Haus bei ihr. Stumm war Hopf vor der Leiche stehen geblieben, bückte sich nicht einmal nach ihr. Dann fuhr es aus ihm heraus:

»Unglaublich! Warum hat das niemand gesehen? Die rennen den ganzen Vormittag da drüben herum und sehen nicht, dass hier ein weiterer Toter liegt. Und ich kriege das natürlich auf die Mütze. Diese Saftsäcke!«

Sein Adrenalinpegel musste ziemlich angestiegen sein. Der Assistent sagte erst einmal nichts und blickte verlegen um sich. Erst als Hopf sich etwas beruhigter vernehmen ließ:

»Any way!«, wagte der Assistent etwas kleinlaut eine Bemerkung. »Sieht so aus, als könnte Legrand von hier aus erschossen worden sein.«

»Sieht doch ein Blinder mit dem Krückstock«, schwoll Hopf wieder an.

»Aber die von der Spurensicherung werden wohl nochmals kommen müssen.«

Hopf schwieg eine Weile, dann wies er an:

»Ruf sie her. Aber sie sollen sich beeilen.« Nach einer Weile fügte er besänftigend hinzu: »Wenn wir Glück haben, klärt sich das alles wenigstens schnell auf.«

Der Assistent sah so fragend zu Hopf, dass der fortsetzte:

»Wenn der hier Legrand erschossen hat … Sieht ja so aus, als habe er sich danach selbst die Kugel gegeben.«

Hopf wartete, bis die Techniker noch einmal mit ihrem ganzen Equipment eingetroffen waren, und pfiff sie ganz schön an. Eigentlich ging man mit der Spurenkommission, alles hervorragende kriminaltechnische Fachleute, nicht so um. Denn auf sie, die in ihren Labors und Werkstätten ziemlich im Verborgenen arbeiteten, waren die Kriminalbeamten vor allem angewiesen, nicht nur auf die Genauigkeit ihrer Arbeit, sondern auch auf ihre Schnelligkeit und Umsichtigkeit. Mit ihnen gut zu stehen, war eigentlich oberstes Gebot. Aber Hopf ahnte, dass das Donnerwetter des Chefs vor allem auf ihn als dem Verantwortlichen niederkommen würde, und deswegen brauchte er jetzt wenigstens einen Blitzableiter, um seinen erregten Kamm etwas zu kühlen.

»Habt ihr in den Mai gefeiert, oder was ist mit euch los? Das ist doch eine unglaubliche Schluderei, dass den hier niemand gesehen hat.«

Die Kriminaltechniker sahen sich erstaunt und fragend gegenseitig an, dann unterdrückte einer ein Lachen, ein anderer prustete los und eilte mit seinem metallenen Gerätekoffer geschäftig vorbei. Hopf stand im Weg, das merkte er, und trat etwas zur Seite. Giftig sah er ihrem Treiben zu, wusste, dass er eigentlich überflüssig war. Schließlich meinte einer:

»Wer ist denn hier schon alles herumgelaufen? Da sind ziemlich viele Fußspuren.«

Das galt natürlich auch Hopf, obwohl es ziemlich unberechtigt war. Er ging verärgert ins Haus zu Frau Ritter. Einigermaßen unwirsch stellte er ihr die wichtigsten Fragen, aber sehr erhellend waren ihre Antworten nicht. Sie hatte Herrn von Hübner den ganzen Morgen noch nicht gesehen und das war noch nicht einmal ungewöhnlich für die Art ihres Zusammenlebens in diesem großen Haus. Und nachts war ihr auch nichts Ungewöhnliches aufgefallen, selbst von dem Fest da drüben habe sie kaum etwas mitbekommen, es habe sie auch nicht interessiert. Hopf hatte es eilig, er musste unbedingt ins Präsidium fahren, um zu zeigen, dass er alles im Griff hatte. Das war jetzt wichtiger als alles andere. Er würde sich ohnehin auf einiges gefasst machen müssen. Seinen Assistenten ließ er noch hier, falls die Spurenleute ihn brauchten.

Hopf war schon aus dem Haus, als er noch einmal zurückkehrte, klingelte und auf den erstaunten Blick von Frau Ritter fragte:

»Welche Schuhe haben Sie denn angehabt, als Sie in den Garten gingen? Die müssen Sie mir leider mitgeben wegen der Schuhabdrücke.«

Ob man sie wirklich brauchen würde, bezweifelte er, aber er wollte sich mit einer solchen Routineangelegenheit nicht auch noch am Zeug herumflicken lassen.

*

Als Hopf gegen halb drei Uhr ins Präsidium zurückkam, wurde er schon an der Pforte mit undurchdringlichem Gesicht und den Worten empfangen:

»Kommissar Hopf, gleich zum Chef, er wartet schon auf Sie.«

Das konnte er sich denken, als alle auf ihn starrten, schließlich war es »sein« Tatort und er hatte die Spurensicherung geleitet. Aber die anderen Kollegen hatten auch alle nichts gesehen und keiner war auf die Idee gekommen, einen Blick in Nachbars Garten zu werfen. Also gleich zum Chef, vielleicht war es auch gut so, dann bekäme er wenigstens nicht vor versammelter Mannschaft den erwartbaren Rüffel. Aber er war sehr erstaunt, als der Kriminalchef mit besorgter Miene sagte:

»Da sind Sie ja. Sagen Sie mir als Erstes: Was ist mit der Presse? Ist schon jemand aufgetaucht?«

»Nicht, dass ich wüsste. Ich habe keinen gesehen.«

»Das ist gut so. Wir müssen natürlich gleich eine Presseerklärung abgeben, immerhin ist Legrand ein VIP der Extra-Klasse. Das wird einen ziemlichen Wirbel geben. Sie werden mir gleich einen Entwurf schreiben müssen, den ich dann selbst gegenlesen werde. Um das Weitere werde ich mich dann selbst kümmern, ich möchte das alles unter Kontrolle halten. Sie wissen sicher, dass auf dem Fest gestern Abend viele Prominente waren und da muss man aufpassen, dass das nicht zu haufenweise Spekulationen führt. Und jetzt zu Ihrem Bericht. Hat der zweite Todesfall damit zu tun? Sagen Sie mir im Moment nur das Wichtigste, damit ich im Bilde bin, wir gehen dann gleich rüber zur Lage, die Kollegen warten schon.«

Hopf hatte mit allem gerechnet, nur nicht mit dieser ebenso milden wie unerwartet besorgten Reaktion. Von Vorwürfen keine Rede, stattdessen als Wichtigstes die Presse. Ihm konnte es nur recht sein, wenn der Chef das selbst übernehmen wollte, denn es riss sich keiner darum, vor die Presse treten zu müssen. Die stocherten ohnehin immer nur in den Nebensächlichkeiten herum und machten die Pferde scheu. Und dem Chef würde schon etwas einfallen, denn er konnte kein Interesse daran haben, dass die Arbeit seiner Kripo ins Gerede kam.

Nachdem Hopf vorgetragen hatte, was seit heute Morgen vorgefallen war, – das verspätete Auffinden des zweiten Toten wurde nur mit einem allerdings auffälligen Heben der Augenbrauen quittiert –, ging er zur längst wartenden Lage, wie sich die Versammlung der verfügbaren Kräfte der Mordkommission nannte. Wegen des Feiertages waren nur wenige Kollegen gekommen. Der Kripochef jedoch blieb noch in seinem Zimmer und versprach, gleich nachzukommen. Erst wollte er den Oberbürgermeister informieren, denn ihm war klar, dass die Presse, wenn sie erst einmal Wind von dem Tod Legrands bekommen hatte, auch ihm bei erster Gelegenheit unangenehme Fragen stellen würde.

*

Der Oberbürgermeister war völlig konsterniert. Das war verständlich. Legrand war eine in ganz Deutschland bekannte Persönlichkeit, die sich, nach dem überraschenden Verkauf seines Modeimperiums, gerade erst entschlossen hatte, sich in Freiburg niederzulassen. Das war für das Renommee dieser Stadt ein besonderes Ausrufungszeichen und ein großer Gewinn. Für eine Stadt, die vor allem aus der Universität, der Kultur und der Touristik ihr Image bezog, zudem einem liberalen Wohlleben mit hohem Ökobewusstsein einiges Ansehen verdankte, musste die Ermordung eines weltbekannten Neubürgers gewissermaßen am Tage seiner Ankunft eine schockierende Nachricht sein. Das war ein schreiender Widerspruch zu dem Bild heiterer provinzieller Gelassenheit und palavernder Konfliktbewältigung, das war mehr als ein hässlicher Blutfleck. Und dass der Oberbürgermeister am Abend zuvor noch selbst als Gast in Legrands Haus gewesen war, musste die Betroffenheit beträchtlich vergrößern. Aber das war es nicht allein, was den Oberbürgermeister aufwühlte, das spürte der Kripochef sofort. So war er auch nicht überrascht, als er nach einigem betroffenen Schweigen hörte:

»Können Sie mich aufsuchen? Es gibt einige brisante Dinge, die mir gestern aufgefallen sind. Ich muss das dringend mit Ihnen besprechen. Es ist von größter Wichtigkeit. Möglicherweise haben sie auch mit dieser schrecklichen Tat zu tun. Mir wäre es lieb, wenn Sie möglichst schnell kommen könnten, denn ich habe heute Abend einen öffentlichen Termin und es sollte unbedingt noch vorher sein.«

Einer so dringenden Bitte musste der Chef der Kriminalpolizei natürlich sofort nachkommen, zumal auch möglicherweise tatrelevante Dinge zur Sprache kommen sollten. Begreiflicherweise wollte der Oberbürgermeister erst einmal wissen, wie und wann alles passiert sei. Als er hörte, dass es einen zweien Toten gebe, bei dem man eine Pistole gefunden habe, – übrigens kannte er Herrn von Hübner nicht persönlich, nur dem Namen nach –, entspannten sich seine Züge deutlich und er fragte sofort nach:

»Bedeutet das einen persönlichen Streit zwischen den beiden?« Nur gab es darauf vorläufig keine Antwort.

Aber dann berichtete der Oberbürgermeister, dass das Fest offenbar eine ausgewachsene Kokain-Party gewesen war – und das in Anwesenheit der Spitzen der Stadt. Er selbst habe davon zwar nichts bemerkt, sei dann aber zum Glück darauf aufmerksam gemacht worden und habe das Fest natürlich sofort verlassen. Und die anderen Notabeln selbstverständlich auch. Das sei kurz vor Mitternacht gewesen und gebe der Sache möglicherweise eine ganz andere Wendung. Seine größte Sorge sei, dass jetzt sie alle, und zwar Politiker aller Fraktionen, wie er ausdrücklich betonen wolle, und Inhaber der höchsten Ämter in diesem Zusammenhang öffentlich genannt werden könnten. Das müsse auf jeden Fall verhindert werden. Sie alle, dafür verbürge er sich, hätten absolut nichts damit zu tun, seien gewissermaßen in eine Falle gelaufen, seien missbraucht worden. Man müsse sich einmal vorstellen, was das bedeuten würde. Er erwarte, dass die Polizei absolut unmissverständlich jeder Insinuation in dieser Richtung entgegentrete. Die Polizei müsse sich ihrer Verantwortung im höchsten Maße bewusst sein. Der geringste falsche Zungenschlag in diesem Zusammenhang sei gewissermaßen die Einladung zu einer Rufmordkampagne größten Ausmaßes. Natürlich gebe es immer Leute, die auf so etwas nur warteten, die mit der ganzen Stadtverwaltung über Kreuz lägen und sich solche Gelegenheit zur Stimmungsmache nicht entgehen ließen. Das hätte Bedeutung weit über Freiburg hinaus, ob er sich darüber im Klaren sei? Die Presse werde das begierig aufgreifen, vom Politikersumpf reden. Mit solchen Methoden könne man das ganze öffentliche Leben lahmlegen. Die ganze politische Klasse gerate hier in Gefahr – und zwar alle Fraktionen. Und es liege ausschließlich in den Händen der Polizei, wie darüber berichtet werde, vor allem, wenn Rauschgift bei dem Mordfall eine Rolle spiele, was er nicht hoffe. Er werde selbstverständlich jeder Verdächtigung entgegentreten, es habe irgendeiner von den Spitzen der Stadt mit Rauschgift auch nur das Geringste zu tun, aber so weit dürfe es erst gar nicht kommen, dass er zu solchen Erklärungen genötigt sei. Das liege nun ganz allein bei den Ermittlungsbehörden, solche Vermutungen auch schon im Ansatz zu verhindern.

Der Kripochef nutzte eine kleine Pause, um mit einer gewissen Steifheit zu erklären:

»Herr Oberbürgermeister, ich bin mir meiner Verantwortung vollkommen bewusst.«

Dann machte er die Andeutung einer Verbeugung und verließ den Raum.

IX.

Als Grabowski kurz vor 21 Uhr in seine Wohnung im Stühlinger kam, müde von einer langweiligen Fahrt im ungewöhnlich leeren ICE, räumte er zuerst seinen kleinen Rollkoffer aus, hängte den Anzug auf einen Bügel und warf die schmutzige Wäsche in einen Plastikkorb im Bad. Unterdessen stellte er den Fernseher an und ließ die Nachrichten bei n-tv laufen. Der weltweite Überblick über die Veranstaltungen zum 1. Mai interessierte ihn nicht besonders, ohne hinzuhören, konnte er sich schon denken, was bei den zentralen Kundgebungen der Gewerkschaften mit kräftiger Stimme vor halbwegs leeren Plätzen getönt wurde, – dabei war die Beteiligung wieder einmal zurückgegangen. Doch die folgende Nachricht ließ ihn aufhorchen. Nicht nur, weil sie aus Freiburg kam. Der bekannte Modeunternehmer Le­grand war heute Morgen im Garten seiner Villa erschossen aufgefunden worden. Über die näheren Umstände war noch nichts bekannt, ein Fremdverschulden könne nicht ausgeschlossen werden. Erste bestürzte Reaktionen, aber nichts Weiteres über die Umstände.

Er hätte natürlich gleich ins Präsidium laufen können, vielleicht erwartete man das auch von ihm. Von seiner Wohnung aus waren es höchstens zehn Minuten, ein Weg, den er jeden Morgen zu Fuß nahm. Er konnte sich denken, wie dort mit nur halber Besetzung jetzt aufgeregt die Arbeit organisiert wurde, er wäre hochwillkommen, obschon er erst morgen früh wieder zum Dienst erwartet wurde. Doch sogleich fiel ihm ein, dass Elfi vorgehabt hatte, zu diesem Hausfest bei Legrand zu gehen. Das sollte doch gestern erst gewesen sein? Und am Morgen danach hatte man Le­grand gefunden? Sie gehörte also zu den Letzten, die Le­grand lebend gesehen hatten? Was mochte sich dort abgespielt haben? Er musste erst mit ihr sprechen, jetzt gleich. Von ihr konnte er vielleicht mehr erfahren als von seinen Kollegen. Er würde sich vorher nicht bei ihnen blicken lassen. Er wollte nicht als ein gänzlich Unwissender bei ihnen erscheinen, einer, der erst einmal nur herumstand und fragen musste, bloß weil er einige Tage auf einem Lehrgang war und deshalb nichts mitbekommen hatte.

Elfi war gut gelaunt, wie eigentlich immer, und wollte ihn am Telefon gleich ausquetschen, wie es in Münster war, was er denn Neues gelernt habe, wie er die Abende verbracht habe unter lauter unbekannten Kollegen. Sie plauderte in völliger Unbefangenheit los, freute sich über seine Rückkehr und war gar nicht zu bremsen. Offenbar wusste sie noch nichts von Legrands Tod. Sie war erst spät in der Nacht nach Hause gekommen, ihre Freundin Monique hatte sie aus den Augen verloren, wer weiß, an wem die hängengeblieben war. Und dann hatte sie lange in den Tag hineingeschlafen und nur herumgetrödelt. Grabowski wollte ihren Redefluss nicht mit aufregenden Nachrichten unterbrechen und fragte nur, ob er noch gleich bei ihr vorbeikommen könne, was ihr dann höchst willkommen war.

Sie empfing ihn im Negligé und einem leichten Morgenmantel darüber und hatte in der Zwischenzeit ein paar kleine Käsehappen und saure Gürkchen gerichtet. Aus dem Flur sah er, dass im Schlafzimmer die Nachttischlampe brannte und das Bett einladend aufgeschlagen war. Sie war offensichtlich auf einen gemütlichen Abend eingestellt. Stattdessen saßen sie lange in der Küche, betroffen und ratlos. Elfi hatte den ganzen Tag kein Radio eingeschaltet und erst jetzt erfahren, was in ihrer unmittelbaren Nähe und doch von ihr unbemerkt geschehen war. Sie war schockiert und zugleich stand ihr der Abend in allen Details wieder deutlich vor Augen. Sie musste Grabowski alles von diesem Fest erzählen, das Interieur des Hauses beschreiben, Legrands Auftreten, das Verhalten der Gäste, auch des Personals, die ausgelassene Stimmung. Natürlich zählte sie auf, wer alles dabei war, soweit sie die Leute wenigstens dem Namen nach kannte. Und auch der Gänsemarsch der Honoratioren um Mitternacht kam vor, ein Abgang von großer Komik, über den schon auf der Party viel gelacht worden war. Dass in irgendeinem Hinterzimmer auch gekokst wurde, war schließlich nicht so ungewöhnlich, aber diese gespielte Entrüstung war doch reichlich albern. Wahrscheinlich hatte der eine oder andere, der hier den Moralapostel spielte, in kleinerer und etwas verschwiegenerer Runde selbst schon geschnupft.

Und Legrand selbst? Sie hatte ihn mal da, mal dort gesehen, eher selten, immer umringt von Menschen, ein höflicher Gastgeber, wann zuletzt, wusste sie nicht zu sagen, aber sicher nach Mitternacht. Er wirkte unangestrengt, ausgeglichen, soweit man das als Fremder beurteilen konnte. Nirgends lag Streit in der Luft. Irgendwann saßen überall die üblichen Klüngel beieinander, abgesehen von denen, die unentwegt tanzten. Als Elfi gegen halb drei aufbrach, war wohl ein Drittel der Gäste noch da. Obwohl sie das nur schwer abschätzen könne, andererseits sei ein ganzer Schwung um diese Zeit aufgebrochen. Keiner habe gewusst, was sich im Garten abgespielt habe, alle seien völlig unbeschwert, dann aber auch müde gewesen. Wie lange das Fest noch gegangen sei, wisse sie nicht, sie habe den ganzen Tag noch mit niemandem gesprochen, nicht einmal am Telefon.

Grabowski hörte einfach zu, er hatte nicht viel zu fragen. Er wollte möglichst viel von dem ganzen Ambiente mitbekommen, der Atmosphäre einer Gesellschaft, die ihm wenig vertraut war, und je länger er Elfi zuhörte und in ihre Schilderungen eintauchte, bedauerte er, nicht dabei gewesen zu sein. Natürlich aus kriminalistischem Ehrgeiz, denn er nahm an, dass er vielleicht Beobachtungen gemacht hätte, die den Tod Legrands schnell aufklären würden. Oder war das ein klassischer Fall von Selbstüberschätzung? Aber auch, weil er den Eindruck hatte, dass an diesem Abend verschiedene Welten zusammengekommen waren, die ihm ebenso unbekannt waren, wie sie ihn auch neugierig machten. Zum einen war hier offenbar die ganze bessere Gesellschaft von Freiburg versammelt, die Tonangebenden, die Einflussreichen, dieses heimliche Netzwerk von Leuten, die eine Stadt mindestens ebenso regierten wie die, die an den Schalthebeln der Verwaltung und der Ämter saßen. Und zum anderen die Glamourwelt, die Schicken und die Reichen, von denen man sonst hier so wenig zu sehen bekam, die Models, die Schönen, die sich endlich einmal gestylt und herausgeputzt zeigen konnten. Wann gab es das schon? Und er konnte sich Elfi vorstellen, die doch eigentlich gar nicht dazugehörte, weder zu den einen noch zu den anderen, aber so genau beobachtet hatte. Je mehr sie davon erzählte, umso mehr bewunderte er, wie sie geschmeidig an diesem exotischen Korallenriff herumgeschwommen war inmitten dieses glitzernden Biotops von farbenprächtig auftrumpfenden Buntbarschen, langarmigen Sternchen und tropisch gezeichneten Falterfischen.

So wurde es spät, wenigstens zu spät, um noch zu seinen Kollegen zu fahren, sich gewissermaßen zurückzumelden mit der unweigerlichen Folge, dass er sofort in die Arbeit einbezogen worden wäre und sich die restliche Nacht noch hätte um die Ohren schlagen müssen. Elfi hatte ihn in ihren Bann gezogen und diese Bande waren stark genug, nicht einmal ein schlechtes Gewissen aufkommen zu lassen. Erwartet wurde er noch nicht und er würde morgen frisch und ausgeruht an die Arbeit gehen und vielleicht sogar besser vorbereitet als manche Kollegen. Elfi hatte ihm Eindrücke verschafft, die viele umständliche Befragungen ersetzen konnten. Mehr Rechtfertigung brauchte er nicht, um jeden Zweifel abzutun. Er sah sie voller Zärtlichkeit an, legte seinen Arm um sie und spürte eine innere Wärme, der er sich einfach hingab. In ihren Armen würde er die Nacht verbringen, und das war gut so.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺554,72

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
26 mayıs 2021
Hacim:
433 s. 6 illüstrasyon
ISBN:
9783839241462
Yayıncı:
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar