Kitabı oku: «Philosophisches Taschenwörterbuch»
Voltaire
Philosophisches Taschenwörterbuch
Nach der Erstausgabe von 1764 zum ersten Mal vollständig ins Deutsche übersetzt von Angelika Oppenheimer
Nachwort von Louis Moland
Herausgegeben von Rainer Bauer
Reclam
Herausgegeben im Auftrag der Voltaire-Stiftung, Bad Liebenwerda (www.voltaire-stiftung.org).
Die Arbeit an der vorliegenden Übersetzung wurde gefördert vom Deutschen Übersetzerfonds.
Durchgesehene Ausgabe 2021
2020 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Coverabbildung nach einem anonymen Stich »Aux grands hommes la patrie reconnaissante«, um 1793. © akg-images
Made in Germany 2021
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961765-7
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-011307-3
www.reclam.de
Inhalt
Vorwort und Hinweise zur Benutzung
Zwischenblatt
ABRAHAM
ÂME – Seele
AMITIÉ – Freundschaft
AMOUR – Liebe
AMOUR NOMMÉ SOCRATIQUE – Sokratische Liebe (Homosexualität)
AMOUR PROPRE – Eigenliebe
ANGE – Engel
ANTHROPOPHAGES – Menschenfresser
APIS
APOCALYPSE – Apokalypse
ATHÉE, ATHÉISME – Atheist, Atheismus
BAPTÊME – Taufe
BEAU, BEAUTÉ – Schön, Schönheit
BÊTES – Tiere
BIEN. SOUVERAIN BIEN – Das Gute. Das höchste Gut
TOUT EST BIEN – Alles ist gut
BORNES DE L’ESPRIT HUMAIN – Die Grenzen des menschlichen Geistes
CARACTÈRE – Charakter
CERTAIN, CERTITUDE – Gewiss, Gewissheit
CHAÎNE DES ÉVÈNEMENTS – Die Kette der Ereignisse
CHAÎNE DES ÊTRES CRÉÉS – Die Kette der geschaffenen Lebewesen
LE CIEL DES ANCIENS – Der Himmel in der Antike
CIRCONCISION – Beschneidung
CORPS – Körper
DE LA CHINE – Über China
CATÉCHISME CHINOIS – Chinesischer Katechismus
CATÉCHISME DU JAPONAIS – Katechismus des Japaners
CATÉCHISME DU CURÉ – Katechismus des Landpfarrers
CHRISTIANISME – Christentum
CONVULSIONS – Zuckungen
CRITIQUE – Kritik
DESTIN – Schicksal
DIEU – Gott
ÉGALITÉ – Gleichheit
ENFER – Hölle
ÉTATS, GOUVERNEMENTS – Staats- und Regierungsformen
D’ÉZECHIEL – Über Ezechiel
FABLES – Fabeln
FANATISME – Fanatismus
FAUSSETÉ DES VERTUS HUMAINES – Die Falschheit der menschlichen Tugenden
FIN, CAUSES FINALES – Zweck und Zweckursachen
FOLIE – Verrücktheit
FRAUDE – Betrug
GLOIRE – Ruhm
GRÂCE – Gnade
GUERRE – Krieg
HISTOIRE DES ROIS JUIFS, ET PARALIPOMÈNES – Geschichte der jüdischen Könige und Paralipomena
IDOLE, IDOLÂTRE, IDOLÂTRIE – Götzenbild, Götzendiener, Götzendienst
JEPHTÉ – Jephta
INONDATION – Überflutung
JOSEPH – Josef
DE LA LIBERTÉ – Über die Freiheit
DES LOIS – Über die Gesetze
LOIS CIVILES ET ECCLÉSIASTIQUES – Staatliche und kirchliche Gesetze
LUXE – Luxus
MATIÈRE – Materie
MÉCHANT – Böse
MESSIE – Messias
MÉTAMORPHOSE, MÉTEMPSYCHOSE – Verwandlung, Seelenwanderung
MIRACLES – Wunder
MOÏSE – Mose
PATRIE – Vaterland
PIERRE – Petrus
PRÉJUGÉS – Vorurteile
RELIGION
RÉSURRECTION – Auferstehung
SALOMON
SENSATION – Sinnliche Wahrnehmung
SONGES – Träume
SUPERSTITION – Aberglaube
TIRANNIE – Tyrannei
TOLÉRANCE – Toleranz
VERTU – Tugend
Anhang
Zu dieser Ausgabe
Literaturverzeichnis
Personenverzeichnis
Nachwort von Louis Moland
Alphabetisches Verzeichnis der deutschen Stichwörter
Vorwort und Hinweise zur Benutzung
Voltaires Philosophisches Wörterbuch enthält Beispiele, Probestücke für aufgeklärtes Denken. Am Anfang steht dabei nicht das Wort, sondern die Beobachtung und die Erfahrung. Von diesen ›Eingangspforten‹ der Erkenntnis aus blicke man auf das, was unsere Vielwisser behaupten, die Autoritäten aus Wissenschaft, Politik und Kirche – und lache. Denn oft genug ist nur lächerlich, was sie ihren Schäfchen in voller Inbrunst der eigenen Machtvollkommenheit ein- und als bare Münze in vielen, Bibliotheken füllenden Büchern ausgeben, was doch, bei Licht betrachtet, oft wenig Wert besitzt – heute genauso wie vor 250 Jahren. Jeder einzelne der 73 Artikel ist ein Prüfstein auf diese Methode Voltaires – die Methode der Aufklärung. Hier ist sie am Werk und leitet uns an, Althergebrachtes und Traditionen wegzuräumen, wahr und falsch ganz alleine an der unmittelbar aufgefassten Wirklichkeit abzulesen.
Kurz müssen die Artikel sein, kurz und scharf – wie eine Waffe zum Schuss bereit, auf den Feind zielend, dabei zufällig den Buchstaben des Alphabets folgend, auf einen Feind, der einen einzigen Namen trägt: »l’Infâme«, die Kirche, deren Jahrhunderte altes Monopol auf die menschlichen Gehirne nach langer Zeit endlich verdient, gebrochen zu werden.
Handlich und preiswert musste ein Wörterbuch mit dieser Zielsetzung sein, denn: »Niemals werden zwanzig großformatige Bücher eine Revolution bewirken; es sind die kleinen Taschenbücher zu 30 Sous, die man fürchten muss. Das Christentum würde sich niemals durchgesetzt haben, wenn das Evangelium 1200 Sesterzen gekostet hätte.«*
Wenn Kant empfiehlt: Gebrauche deinen Verstand – würde ihm Voltaire entgegnen: ja, aber wie, wenn die Köpfe voller Unsinn stecken? Und er hat die Lösung bereit: Zurück zu den Quellen unseres Wissens, zur Beobachtung der ungetauften Natur und zur kritisch-historischen Quellenanalyse. Nicht: »Ich denke, also bin ich« ist sein Credo, sondern: »je suis corps et je pense«* – »ich bin Körper und ich denke«, das ist eine Verlagerung des philosophischen Schwerpunkts vom Kopf auf die Füße. Die Körper werden zwar, folgt man der kosmotheistischen Konzeption Voltaires*, von einer allgemein aufgefassten göttlichen Kraft angetrieben und »beseelt«, einer Kraft, über die jedoch aus Prinzip nichts Näheres ausgesagt werden kann, schon gar nicht von selbsternannten Predigern.
So lauten einige Anweisungen Voltaires für den Leser: Geht es um Liebe, beobachte die Natur; stellt sich die Frage, was es mit der geheiligten Beschneidung auf sich hat, vergleiche die Geschichte der Völker, die sie ausüben und erfanden, und willst Du etwas über die Herkunft der ehrwürdigen Vorväter der drei gefährlichen und stets zum Fanatismus neigenden monotheistischen Religionen erfahren, konsultiere die Quellen, vergleiche etwa die Textstellen der Bibel zum Leben Abrahams, erlaube Dir, dabei nachzurechnen, und: wundere Dich!
Diese Ausgabe folgt der Erstausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs von 1764*, die damit erstmals vollständig in deutscher Übersetzung vorliegt.
In deutscher Sprache hat man meist ausgewählte Artikel des Dictionnaire mit anderen Artikeln Voltaires, etwa aus der Encyclopédie oder dem Werk L’Opinion en alphabet, gemeinsam veröffentlicht, nach dem Geschmack des jeweiligen Herausgebers. Dadurch ging aber der Charakter dieser antichristlichen und antikirchlichen Kampfschrift der Aufklärung verloren.
Um zu zeigen, wie das Philosophische Wörterbuch bei seiner Erstveröffentlichung, als es europaweit erhebliches Aufsehen erregte, genau aussah, wird hier auch auf die zum Teil sehr ausführlichen Ergänzungen, die Voltaire selbst in den Folgeausgaben des Dictionnaire (1765, 1767, 1769) an den Artikeln der Erstausgabe vorgenommen hat, verzichtet. Manche dieser Ergänzungen waren den Diskussionen der damaligen Zeit geschuldet, bei einigen wollte Voltaire ein Thema aus einer anderen Perspektive beleuchten, niemals hat er jedoch eine vorher gefasste Position widerrufen oder weggelassen.
Die Reihenfolge der Artikel folgt, mit Ausnahme des Artikels Guerre, der dort falsch eingeordnet ist, der französischen Erstausgabe. (Dabei sind I und J nach alter, aus dem klassischen Latein stammender Tradition derselbe Buchstabe.) Im Inhaltsverzeichnis werden die französischen Stichwörter, sofern erforderlich, mit ihrer deutschen Übersetzung aufgeführt. Am Ende des Buches befindet sich zur besseren Orientierung ein Verzeichnis, das die Stichwörter nach ihrer deutschen Übersetzung alphabetisch geordnet auflistet.
Die Anmerkungen bieten Informationen, die für das Verständnis des Textes notwendig sind, Quellennachweise und Hintergrundinformationen*. Dazu ergänzend befindet sich im Anhang ein alphabetisches Verzeichnis all der Personen, deren Kenntnis heute nicht mehr, wie zur Zeit Voltaires, vorausgesetzt werden kann bzw. bei denen es interessante Querverweise zu anderen Werken Voltaires gibt. Namen, die in diesem Verzeichnis enthalten sind, werden im Text in Fettdruck wiedergegeben.
Das Nachwort gibt einen Überblick über die Entstehung des Dictionnaire philosophique und die Verfolgungen, denen die, die das Buch besaßen, ausgesetzt waren.
Die Artikel Abraham; Âme; Amitié; Amour; Amour nommé Socratique; Amour propre; Ange; Apis; Circoncision, Fanatisme, Luxe, Miracles, Préjugés und Tolerance wurden vom Herausgeber übersetzt, bei allen anderen stammt die Übersetzung von Angelika Oppenheimer.
Ausführliche Erklärungen und Informationen, auch zum historischen Hintergrund, werden nach dem Erscheinen dieser Ausgabe fortlaufend auf den Internetseiten der Voltaire-Stiftung (www.correspondance-voltaire.de) veröffentlicht.
Der Herausgeber dankt insbesondere Frau Angelika Oppenheimer für ihre langjährige Arbeit an der Übersetzung des Dictionnaire philosophique und für ihre Bereitschaft, bei den immer wieder sich ergebenden Fragen zur Übersetzung geduldig das Für und Wider einer vorgeschlagenen alternativen Formulierung zu erörtern. Von den Personen, die ihr hilfreich zur Seite gestanden haben, seien hervorgehoben: Professor Dr. theol. Heinz-Josef Fabry, Professor Dr. theol. Hubertus Mynarek, Professorin Dr. Christiane Mervaud von der Voltaire Foundation, Oxford, und vor allem die Germanistin Ingeborg Malivet aus Nantes. Satzstruktur und Sprachstil der einzelnen Artikel prüfte kritisch die Germanistin Heike Monien von der Voltaire-Stiftung, Bad Liebenwerda, die Aufnahme der Grafikelemente besorgte das Fotostudio Chrysoula Limpitaki aus Sitia, Kreta.
Rainer Bauer, Voltaire-Stiftung

Titelseite der Erstausgabe des Dictionnaire philosophique portatif aus der Bibliothek des Grafen Johannn Eustach von Goertz (1737–1821). Zur Geschichte der Bibliothek siehe Norbert Leithold, Graf Goertz. Der große Unbekannte: Eine Entdeckungsreise in die Goethe-Zeit, Osburg, 2010.
ABRAHAM
Abraham ist einer jener in Kleinasien und Arabien berühmten Namen, wie Thot bei den Ägyptern, der ehrwürdige Zarathustra bei den Persern, Herkules in Griechenland, Orpheus in Thrazien, Odin bei den Völkern des Nordens und so viele andere, die man mehr dem berühmten Namen nach kennt als durch eine gesicherte Geschichtsschreibung. Ich spreche hier nur von weltlicher Geschichtsschreibung, denn was jene der Juden, unsere Meister und unsere Feinde, betrifft, denen wir glauben und die wir verachten,* so haben wir ihr gegenüber die Empfindungen, die wir haben müssen, da die Geschichte dieses Volkes ganz offensichtlich vom Heiligen Geist selbst geschrieben wurde. Wir gehen an dieser Stelle nur auf die Araber ein; sie rühmen sich, durch Ismael von Abraham abzustammen, sie glauben, dass dieser Patriarch Mekka erbaute und in dieser Stadt verstarb. Tatsache ist, dass das Geschlecht Ismaels unendlich stärker von Gott bevorzugt wurde als das Geschlecht Jakobs. Um die Wahrheit zu sagen, hat der eine wie der andere Stamm Diebe hervorgebracht, aber die arabischen Diebe sind den jüdischen haushoch überlegen gewesen. Die Nachfahren Jakobs eroberten nur ein sehr kleines Land und haben es verloren; die Nachfahren Ismaels haben einen Teil Asiens, Europas und Afrikas erobert, ein Imperium aufgebaut, das größer war als das der Römer, und die Juden aus ihren Höhlen verjagt, die diese das gelobte Land nannten.
Beurteilt man diese Dinge allein nach den Beispielen, die unsere modernen Geschichtsschreiber geben, so erscheint es schwer vorstellbar, dass Abraham der Vater zweier so unterschiedlicher Völker gewesen sein soll. Man sagt uns, er sei in Chaldäa geboren worden und Sohn eines armen Töpfers gewesen, der seinen Lebensunterhalt damit verdiente, kleine Götterfiguren aus Ton herzustellen. Es ist kaum wahrscheinlich, dass der Sohn dieses Töpfers aufgebrochen ist und unwegsame Wüsten durchquert hat, um dreihundert Meilen davon entfernt unter dem Wendekreis Mekka zu gründen. War er ein Eroberer, wandte er sich zweifellos dem schönen Land der Assyrer zu; war er nur der arme Mann, als den man ihn uns beschreibt, hat er außerhalb seiner Heimat keine Königreiche gegründet.
Die Genesis* berichtet, er sei 75 Jahre alt gewesen, als er nach dem Tod seines Vaters Terach, dem Töpfer, das Land Haran verließ. Aber dieselbe Genesis sagt auch, dass Terach Abraham mit 70 Jahren zeugte, selber bis zum Alter von 205 Jahren lebte, und dass Abraham Haran erst nach dem Tode seines Vaters verließ.* Nach dieser Berechnung erhellt aus der Genesis selbst, dass Abraham 135 Jahre alt war, als er Mesopotamien verließ. Er ging von einem götzendienerischen Land in ein anderes götzendienerisches Land namens Sichem in Palästina. Warum ging er dorthin? Warum verließ er die fruchtbaren Ufer des Euphrat für eine so weit entfernte, so unfruchtbare, so steinige Gegend wie die von Sichem? Das Chaldäische muss sich von der Sprache Sichems stark unterschieden haben, es war kein Handelsplatz; Sichem ist von Chaldäa mehr als hundert Meilen entfernt, und man muss Wüsten durchqueren, um dorthin zu gelangen; aber Gott wollte, dass er diese Reise unternahm, er wollte ihm das Land zeigen, das seine Nachkommen einige Jahrhunderte nach ihm bewohnen würden. Nur schwerlich begreift der menschliche Geist den Sinn einer derartigen Reise.
Kaum ist er in dem kleinen bergigen Sichem angekommen, zwingt ihn eine Hungersnot, es zu verlassen. Er geht mit seiner Frau nach Ägypten, um dort eine Lebensgrundlage zu finden. Von Sichem nach Memphis sind es zweihundert Meilen. Ist es normal, dass man so weit entfernt um Korn bittet, in einem Land, dessen Sprache man überhaupt nicht versteht? Dies sind seltsame Reisen, unternommen im Alter von fast 140 Jahren.
Nach Memphis nahm er seine Frau Sara mit, die im Vergleich zu ihm äußerst jung und fast noch ein Kind war, zählte sie doch nur 65 Jahre. Da sie sehr schön war, beschloss er, sich ihre Schönheit zunutze zu machen: »Tue so, als wärst du meine Schwester«, sprach er zu ihr, »damit man mir deinetwegen Gutes tut.« Er hätte ihr vielmehr sagen sollen: »Tue so, als wärst du meine Tochter.« Der König verliebte sich in die junge Sara und gab dem angeblichen Bruder viele Schafe, Rinder und Esel, Eselinnen, Kamele, Diener, Dienerinnen: was beweist, dass Ägypten damals ein sehr mächtiges und zivilisiertes Land war, also schon sehr lange bestand, und dass man Brüder großartig belohnte, wenn sie ihre Schwestern den Königen von Memphis anboten.
Die junge Sara war der Heiligen Schrift zufolge 90 Jahre alt, als Gott ihr versprach, dass Abraham, mittlerweile 160 Jahre alt, ihr binnen Jahresfrist ein Kind machen werde.
Abraham, der gern umherzog, begab sich in die schreckliche Wüste Kadesch, zusammen mit seiner schwangeren, immer noch jungen, immer noch schönen Frau. Es blieb nicht aus, dass sich ein Wüstenkönig dort, ebenso wie der König Ägyptens, in Sara verliebte. Der Vater aller Gläubigen griff zu derselben Lüge wie in Ägypten: Er gab seine Frau als seine Schwester aus, und dieses Geschäft erbrachte ihm wiederum Schafe, Rinder, Diener und Dienerinnen. Man kann sagen, dass dieser Abraham dank seiner Frau sehr reich wurde. Die Kommentatoren haben eine erstaunliche Anzahl von Bänden verfasst, um das Verhalten Abrahams zu rechtfertigen und die zeitliche Abfolge ins Reine zu bringen. Wir müssen also den Leser auf diese Kommentare verweisen. Sie sind alle von scharfsinnigen und feinfühligen Geistern verfasst worden, von ausgezeichneten Metaphysikern, vorurteilsfreien Leuten und keinesfalls Pedanten.
ÂME – Seele
Könnte man in seine Seele blicken, so wäre dies eine gute Sache. Erkenne dich selbst ist eine vortreffliche Verhaltensregel, doch Gott allein vermag sie anzuwenden, denn wer außer ihm ist in der Lage, sein eigenes Wesen zu erkennen?
Als Seele bezeichnen wir, was beseelt. Weil unser Verstand beschränkt ist, wissen wir davon kaum mehr. Drei Viertel der Menschheit kommen darüber nicht hinaus und scheren sich nicht um das denkende Wesen, das letzte Viertel sucht, doch hat niemand jemals etwas gefunden, noch wird jemals irgendjemand etwas finden.
Armer Philosoph, du siehst eine Pflanze wachsen und sagst Wachstum oder sogar vegetative Seele.* Du bemerkst, dass Körper sich bewegen und Bewegung erzeugen, und sagst: Kraft; du siehst, wie dein Jagdhund durch dich zu jagen lernt, und da entfährt dir Instinkt, fühlende Seele; du verbindest Vorstellungen miteinander und du sagst Geist.
Aber mit Verlaub, was verstehst du unter den Worten: »Diese Blume wächst«? Aber gibt es ein reales Wesen, das Wachstum heißt? Jener Körper stößt einen anderen an, aber hat er ein von ihm unterschiedenes Wesen in sich, das sich Kraft nennt? Jener Hund bringt dir ein Rebhuhn, aber gibt es ein Wesen namens Instinkt? Würdest du nicht auch über einen Klugschwätzer lachen (und sei er auch der Lehrmeister Alexanders des Großen gewesen), der zu dir sagte: »Alle Tiere leben, also gibt es in ihnen ein Sein, eine substantielle Form, die das Leben ist?«
Wenn nun eine Tulpe sprechen könnte und zu dir sagte: »Mein Wachstum und ich, wir sind offensichtlich zwei miteinander verbundene Wesen« – würdest du die Tulpe da nicht auslachen?
Sehen wir uns zunächst einmal an, was du weißt und worüber du dir sicher bist: nämlich, dass du mit deinen Füßen gehst, mit deinem Magen verdaust, mit deinem ganzen Körper fühlst und mit deinem Kopf denkst. Dann wollen wir sehen, ob allein dein Verstand dir genügend Einsicht verschafft hat und dich – ohne Rückgriff auf Übernatürliches – zu dem Schluss gelangen lässt, dass du eine Seele besitzt.
Die ersten Philosophen, ob es sich nun um Chaldäer oder um Ägypter handelte, sagten: »Es muss in uns etwas geben, das unsere Gedanken hervorbringt, dieses Etwas muss sehr fein sein, es ist ein Hauch, es ist Feuer, es ist Äther, es ist die Essenz von allem, es ist ein flüchtiges Trugbild, es ist eine Entelechie*, es ist eine Zahl, es ist eine Harmonie.« Schließlich, dem göttlichen Platon zufolge,* ist es die Verbindung des Selbst mit dem Anderen. Es sind die Atome, die in uns denken, hat nach Demokrit auch Epikur gesagt. Aber, mein Freund, wie denkt ein Atom? Gib zu, dass du darüber nichts weißt.
Gewiss muss man sich der Ansicht anschließen, dass die Seele ein immaterielles Wesen ist. Doch worin dieses immaterielle Wesen besteht, versteht ihr bestimmt nicht. »Nein«, antworten die Gelehrten, »aber wir wissen, dass es ihrer Natur entspricht, zu denken.« Und woher wisst ihr das? »Wir wissen es, weil sie denkt.«* O ihr Gelehrten! Ich fürchte wohl, ihr seid ebenso unwissend wie Epikur: es entspricht der Natur eines Steins, zu fallen, weil er fällt – aber ich frage euch, was bewirkt, dass er fällt?
»Wir wissen«, fahren sie fort, »dass ein Stein keine Seele hat.« Einverstanden, davon bin ich genauso überzeugt wie ihr. »Wir wissen auch, dass eine Negation und eine Affirmation nicht teilbar, also nicht materiell sind.«* Da bin ich ganz eurer Ansicht. Aber die Materie, die uns im Übrigen unbekannt ist, besitzt auch nicht-materielle Eigenschaften, die nicht teilbar sind. So wird sie von der Schwerkraft gegen ein Zentrum hingezogen, das Gott ihr gegeben hat. Nun hat diese Gravitation keine Teile und ist in keiner Weise teilbar. Die Kraft, die Körper bewegt, ist kein aus Teilen zusammengesetztes Wesen. Das Wachstum belebter Körper, ihr Leben, ihr Instinkt, sind ebenfalls keine Einzelwesen, Wesen, die man teilen kann. Das Wachstum einer Rose, das Leben eines Pferdes, den Instinkt eines Hundes könnt ihr ebenso wenig zerteilen wie eine Empfindung, eine Negation, eine Affirmation. Euer schönes Argument, das ihr aus der Unteilbarkeit des Denkens gewinnt, beweist folglich gar nichts.
Was also nennt ihr eure Seele? Welche Vorstellung habt ihr davon? Ohne Offenbarung könnt ihr in euch nichts anderes annehmen als eine euch unbekannte Kraft, zu fühlen und zu denken.
Und nun sagt mir ehrlich, ob diese Kraft zu fühlen und zu denken dieselbe ist, die euch die Fähigkeit verleiht, zu verdauen und zu gehen? Ihr gebt zu, dass das nicht der Fall ist, denn es wäre vergeblich, wenn euer Verstand zu eurem Magen sagte: verdaue – er würde nichts dergleichen tun, wenn er krank ist; vergebens würde euer immaterielles Wesen den Füßen befehlen, zu gehen – wenn sie die Gicht haben, verharren sie an Ort und Stelle.
Den Griechen war sehr wohl bewusst, dass das Denken oftmals nichts mit dem Zusammenwirken unserer Organe zu tun hat. Den Organen haben sie eine animalische Seele zugewiesen und dem Denken eine feinere, subtilere Seele, ein nous.*
Doch da ist nun diese denkende Seele, die bei tausend Gelegenheiten über die animalische Seele die Aufsicht führt. Die denkende Seele befiehlt ihren Händen zu greifen, und sie greifen. Doch befiehlt sie ihrem Herzen nicht, zu schlagen, dem Blut nicht, zu fließen, dem Verdauungsbrei nicht, sich zu bilden, all dies geschieht ohne ihre Einwirkung: da wären nun zwei recht verlegene Seelen, die recht wenig Herr im eigenen Hause sind.
Diese erste, animalische Seele existiert somit gewiss nicht, denn sie ist nichts anderes als die Bewegung eurer Organe. Gib Acht, o Mensch, denn deine schwache Vernunft liefert dir auch nicht mehr Beweise dafür, dass die andere Seele existiert. Du kannst es allein durch den Glauben wissen. Du wirst geboren, du lebst, du handelst, du denkst, du wachst, du schläfst, ohne zu wissen, warum. Gott hat dir die Fähigkeit zu denken gegeben, wie er dir auch alles Übrige gab, und wäre er nicht gekommen, dich zu der Zeit, die er vorherbestimmt hatte, zu lehren, dass du eine immaterielle und unsterbliche Seele besitzt, so hättest du keinen einzigen Beweis dafür.
Lasst uns nun die großartigen Systeme betrachten, die deine Philosophie über diese Seelen verfertigt hat.
Das eine besagt, dass die menschliche Seele Teil des göttlichen Wesens selbst ist,* das andere, dass sie ein Teil des großen Ganzen ist,* ein Drittes, dass sie seit eh und je erschaffen ist,* ein Viertes, dass sie gemacht und nicht erschaffen ist.* Andere wiederum versichern, dass Gott die Seelen in dem Maße anfertigt, wie man es benötigt, und dass sie zum Zeitpunkt der Begattung eintreten.* »Sie lassen sich in den Samentierchen nieder«, ruft dieser. – »Nein«, sagt jener, »sie bewohnen den Eileiter.« – »Ihr habt alle unrecht«, meint einer, der zufällig dazukommt, »die Seele wartet sechs Wochen, bis sich der Fötus herausgebildet hat, dann besetzt sie die Zirbeldrüse, stößt sie aber auf eine Fehlgeburt, zieht sie sich zurück und wartet auf eine bessere Gelegenheit.« Die letzte Meinung ist, dass das Corpus callosum* ihre Behausung ist, dies ist der Ort, den ihr La Peyronie zuweist; man musste Erster Chirurg des Königs von Frankreich sein, um solcherart über den Aufenthalt der Seele bestimmen zu können. Jedoch war seinem Corpus callosum nicht die gleiche Karriere beschieden wie dem Chirurgen selbst.
Der heilige Thomas sagt in der 75. und den folgenden seiner Quaestiones, dass die Seele eine für sich selbst existierende Form ist, dass sie das Ganze selbst ist, dass sich ihr Wesen von ihrer Kraft unterscheidet; dass es drei vegetative Seelen gibt, nämlich die ernährende, die vermehrende, die erzeugende; dass die Erinnerung an geistige Dinge geistig ist, die an körperliche körperlich; dass die vernünftige Seele ein Gebilde ist immateriell hinsichtlich der Handlungen und materiell hinsichtlich des Seins. Der heilige Thomas hat mit solcher Kraft und Deutlichkeit 2000 Seiten geschrieben, und deshalb ist er auch der Engel der Scholastik.*
Nicht weniger Systeme hat man über die Art gemacht, wie diese Seele fühlt, wenn sie ihren Körper, mit dem sie fühlte, verlassen hat; wie sie hört ohne Ohren, riecht ohne Nase und berührt ohne Hand; welchen Leib sie dann wieder annehmen wird, ob es derjenige ist, den sie im Alter von zwei, oder jener, den sie im Alter von achtzig Jahren hatte; wie das Ich, die Identität der Person, überdauern wird. Wie die Seele eines Mannes, der mit fünfzehn Jahren schwachsinnig wurde und im Alter von siebzig Jahren schwachsinnig starb, an die Gedanken anknüpfen wird, die sie hatte, als er in der Pubertät war. Durch welchen geschickten Kniff findet eine Seele, deren Bein in Europa abgetrennt wurde und die einen Arm in Amerika verlor, dieses Bein und diesen Arm wieder, welche, da sie sich unterdessen in Gemüse verwandelt haben, ins Blut irgendeines anderen Tieres übergegangen sind? Man würde nie ein Ende finden, wollte man von all den Narrheiten berichten, die sich die arme Menschenseele über sich selbst eingebildet hat.
Was allerdings sehr bemerkenswert ist: In den Gesetzen des auserwählten Volkes wird nicht ein einziges Wort über die Geistesnatur oder die Unsterblichkeit der Seele verloren, weder in den Zehn Geboten noch im Levitikus und auch nicht im Deuteronomium.*
Es ist absolut unbezweifelbar, dass Mose den Juden nirgendwo Belohnungen oder Strafen in einem anderen Leben in Aussicht stellt, er spricht nie zu ihnen von der Unsterblichkeit ihrer Seelen, er macht ihnen keine Hoffnung auf den Himmel, droht ihnen nicht mit der Hölle: alles ist vergänglich.
Bevor er stirbt, sagt er zu ihnen in seinem Deuteronomium: »Wenn ihr Kinder und Kindeskinder gezeugt haben werdet und vergesst eure Pflichten, werdet ihr aus dem Land ausgetilgt und werdet unter den Völkern zerstreut werden.«
»Ich bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter bis in die dritte und vierte Generation heimsucht.«
»Ehret euren Vater und eure Mutter, damit ihr lange lebt.«
»Ihr werdet zu essen haben, ohne jemals Mangel zu leiden.«
»Wenn ihr fremden Göttern dient, werdet ihr zerstört …«
»Wenn ihr gehorcht, werdet ihr Regen im Frühjahr, Weizen im Herbst haben, Öl, Wein, Heu für euer Vieh, damit ihr esst und satt werdet.«
»Tragt diese Worte im Herzen, an euren Handgelenken, auf eurer Stirn, schreibt sie über eure Türen, damit sich eure Tage vermehren.«
»Tut, was ich euch befehle, ohne etwas hinzuzufügen noch wegzunehmen.«
»Wenn sich ein Prophet erhebt, der Wunderdinge weissagt, und wenn seine Weissagung wahrhaftig ist und was er gesprochen hat, eintritt, und er sagt zu euch: ›Lasst uns fremden Göttern folgen‹, tötet ihn auf der Stelle, und das ganze Volk schlage ihn nach euch.«
»Wenn der Herr euch Völker ausgeliefert hat, erwürgt jeden, ohne einen einzigen Mann zu verschonen, und habt mit niemandem Mitleid.«
»Esst keine unreinen Vögel wie den Adler, den Greif, den Ixion.«
»Esst keine Tiere, die wiederkäuen und deren Klauen nicht gespalten sind wie das Kamel, den Hasen, das Stachelschwein usw.«
»Befolgt ihr all die Gebote, werdet ihr gesegnet sein in der Stadt und auf dem Land, die Früchte eures Leibes, eurer Erde, eures Viehs werden gesegnet sein.«
»Wenn ihr nicht alle Gebote und alle Zeremonien befolgt, werdet ihr in der Stadt und auf dem Land verflucht sein, ihr werdet Hunger und Armut erleiden, werdet an Elend, Kälte, Armut, Fieber sterben. Ihr werdet den Grind, die Krätze, Fisteln bekommen, ihr werdet Geschwüre an Knien und Schenkeln bekommen.«
»Der Fremde wird euch zu Wucherzinsen leihen, ihr werdet ihm nicht auf Wucherzinsen leihen können, weil ihr dem Herrn nicht gedient habt.«
»Und ihr sollt die Frucht eures Leibes essen und das Fleisch eurer Söhne und eurer Töchter«, usw.
Ganz offensichtlich handeln alle diese Verheißungen und Drohungen von nichts als Vergänglichem, und man findet darin kein Wort über die Unsterblichkeit der Seele oder das zukünftige Leben.
Mehrere hochberühmte Kommentatoren haben geglaubt, dass Mose über diese beiden wichtigen Dogmen bestens Bescheid wusste, und sie beweisen dies mit den Worten Jakobs, der, als er seinen Sohn von Tieren verschlungen glaubte, in seinem Schmerz ausrief: Ich werde mit meinem Schmerz in die Grube fahren, ins Inferno, in die Hölle; das heißt: Ich werde sterben, da mein Sohn tot ist.
Sie beweisen es noch mit Passagen aus Jesaja und Ezechiel – aber die Hebräer, zu denen Mose sprach, konnten weder Ezechiel noch Jesaja, die erst mehrere Jahrhunderte danach lebten, gelesen haben.
Es ist völlig unnütz, über Moses verborgene Gefühle zu streiten: Tatsache ist, dass er in seinen Gesetzen, die er dem Volk gab, nie über ein zukünftiges Leben sprach und alle Strafen oder Belohnungen auf das gegenwärtige Leben begrenzt. Wenn er von dem künftigen Leben wusste, warum hat er dann dieses wichtige Dogma nicht ausdrücklich erwähnt? Und falls er es nicht kannte, was war dann der Zweck seiner Mission? Dies ist eine Frage, die viele große Persönlichkeiten stellen. Sie antworten, dass Moses und aller Menschen Herr sich das Recht vorbehielt, den Juden zu einer von ihm bestimmten Zeit eine Lehre zu erklären, die sie während ihres Aufenthalts in der Wüste nicht imstande gewesen seien zu verstehen.
Wenn Mose das Dogma der Unsterblichkeit verkündet hätte, so wäre es nicht von einer der großen Gelehrtenschulen der Juden immerfort bekämpft worden. Die große Schule der Sadduzäer wäre vom Staat nicht zugelassen, nicht mit den erstrangigen Staatsaufgaben betraut worden, und man hätte keine Hohenpriester aus ihrer Mitte gewählt.
Es scheint, als hätten sich die Juden erst nach der Gründung Alexandrias in drei Sekten aufgeteilt: die Pharisäer, die Sadduzäer und die Essener. Der Historiker Flavius Josephus, ein Pharisäer, erklärt uns im 13. Buch seiner Jüdischen Altertümer, dass die Pharisäer an die Seelenwanderung glaubten, die Sadduzäer an den Untergang der Seele mit dem Körper, die Essener – sagt ebenfalls Josephus – hielten die Seele für unsterblich. Ihnen zufolge kamen die Seelen aus den höchsten Schichten der Atmosphäre in luftiger Form zu den Körpern herunter, wo sie von einer gewaltigen Anziehungskraft festgehalten werden, und nach dem Tod bleiben diejenigen, welche guten Menschen angehört haben, jenseits des Ozeans, in einem Land, wo es weder warm noch kalt ist, wo es weder Wind noch Regen gibt. Die Seelen der Bösen kommen in ein völlig entgegengesetztes Klima. Solcherart war die Theologie der Juden.
Derjenige aber, der alleine die ganze Menschheit lehren sollte, verurteilte alle drei Sekten, aber ohne ihn hätten wir niemals etwas über unsere Seele erfahren können, weil ja die Philosophen niemals eine präzise Vorstellung von ihr hatten, und Mose, der einzige wirkliche Gesetzgeber der Welt vor dem unseren, Mose, der mit Gott von Angesicht zu Angesicht sprach und ihn dabei nur von hinten sah, hat die Menschen in einer tiefen Unkenntnis über diesen erhabenen Gegenstand gelassen. Daher ist man sich erst seit siebzehnhundert Jahren der Existenz der Seele und ihrer Unsterblichkeit gewiss.
Cicero hatte nur Vermutungen, sein Enkel und seine Enkelin konnten die Wahrheit von den ersten Galiläern, die nach Rom kamen, erfahren.
Aber vor dieser Zeit und seither auch in der ganzen übrigen Welt, wo die Apostel nicht hinkamen, sagte jedermann zu seiner Seele: Wer bist du, woher kommst du, was tust du, wohin gehst du? Du bist ich weiß nicht was, du denkst und fühlst, aber auch wenn du hunderttausend Millionen Jahre fühlen und denken würdest, wirst du doch niemals aus eigener Erkenntnis, ohne die Hilfe eines Gottes, mehr darüber wissen können.
O Mensch, dieser Gott hat dir den Verstand gegeben, damit er dich gut leite, aber nicht, damit du in das Wesen der Dinge dringst, die er geschaffen hat.
AMITIÉ – Freundschaft
Das ist ein stillschweigender Vertrag zwischen zwei füreinander offenen und aufrichtigen Personen. Ich sage offen, weil ein Mönch, ein Einsiedler, keineswegs bösartig sein muss und doch lebt, ohne die Freundschaft zu kennen. Ich sage aufrichtig, weil die Bösartigen nur Komplizen haben, Wollüstlinge haben Kumpane ihrer Ausschweifungen, Gewinnsüchtige Teilhaber, Politiker versammeln Parteigänger, der gewöhnliche Müßiggänger hat seine Beziehungen, Prinzen haben Höflinge, allein aufrichtige Menschen haben Freunde. Cethegus war der Komplize von Catilina und Maecenas der Höfling von Octavius, aber Cicero war der Freund von Atticus.
Wozu führt dieser Vertrag zwischen zwei zartfühlenden und aufrichtigen Seelen? Die Verpflichtungen sind je nach dem Grad ihrer gegenseitigen Offenheit und der Anzahl der erwiesenen Dienste usw. stärker oder schwächer.
Die Begeisterung für die Freundschaft war bei den Griechen und bei den Arabern stärker als bei uns. Die Erzählungen über die Freundschaft, die sich diese Völker ausgedacht haben, sind bewundernswert, wir haben nichts Vergleichbares, wir sind in allem ein wenig trockener.
Die Freundschaft war bei den Griechen Bestandteil der Religion und der Gesetzgebung. Die Thebaner hatten das Regiment der Liebenden*: ein schönes Regiment! Einige haben es für ein Regiment von Sodomiten gehalten; sie irren und halten die Nebensache für die Hauptsache. Die Freundschaft war bei den Griechen durch Gesetz und Religion geboten. Die Päderastie wurde bedauerlicherweise von ihren Sitten toleriert, man sollte einem Gesetz aber nicht den schändlichen Missbrauch anlasten. Wir werden später darauf zurückkommen.
AMOUR – Liebe
Amor omnibus idem.* Hier müssen wir uns auf körperliche Dinge beziehen, denn Liebe ist ein Stoff der Natur, den die Fantasie bestickt hat. Willst du eine Vorstellung von der Liebe bekommen, so schau auf die Spatzen in deinem Garten, auf deine Tauben; betrachte den Stier, welchen man zu deiner Jungkuh bringt; sieh den stolzen Hengst, den zwei Stallburschen der friedlichen Stute zuführen, die ihn erwartet und ihren Schweif zur Seite dreht, um ihn zu empfangen; sieh, wie seine Augen sprühen; höre sein Gewieher; betrachte dies Springen und Tänzeln, die gespitzten Ohren, das Maul, wie es sich unter kurzen Zuckungen öffnet, die geblähten Nüstern, den entflammten Atem, der daraus entweicht, die Mähne, die sich sträubt und wogt, diese ungestüme Bewegung, mit der er sich auf das Objekt stürzt, das seine Natur ihm bestimmt hat. Du aber sei bloß nicht eifersüchtig, sondern gedenke der Vorzüge der menschlichen Gattung: sie entschädigen in der Liebe für alles, was die Natur den Tieren mitgab: Kraft, Schönheit, Zwanglosigkeit, Schnelligkeit.
Es gibt sogar Tiere, welche die Sinneslust überhaupt nicht kennen. Die schuppigen Fische sind dieser Wonne beraubt, das Weibchen wirft Millionen von Eiern in den Schlamm; das Männchen, das darauf stößt, zieht darüber hin und befruchtet sie mit seinen Samen, ohne sich zu bekümmern, welchem Weibchen sie zugehören.
Die meisten der Tiere, die sich paaren, kosten die Lust nur mit einem einzigen Sinn aus, und sobald dieses Verlangen gestillt ist, erlischt alles. Kein Lebewesen außer dir kennt die Umarmung; dein ganzer Leib ist empfindsam; deine Lippen vor allem genießen eine Wollust, die nichts ermüdet, und diese Lust gehört deiner Gattung allein. Schlussendlich kannst du dich jederzeit der Liebe hingeben, während die Tiere nur einen bestimmten Zeitraum haben. Wenn du diesen Vorrang bedenkst, wirst du mit dem Grafen von Rochester sagen: »Die Liebe brächte noch ein Land von Atheisten dahin, das Göttliche anzubeten.«*
Weil die Menschen die Gabe erhalten haben, alles, was die Natur ihnen gewährt hat, zu vervollkommnen, haben sie auch die Liebe vervollkommnet. Die Sauberkeit, die Körperpflege, die die Haut zarter machen, erhöhen die Lust am Berühren, und die Sorge um unsere Gesundheit macht die Organe der Lust empfindsamer.
Alle anderen Empfindungen münden schließlich in die der Liebe, so wie Metalle, die sich mit Gold verbinden: die der Freundschaft, der Achtung kommen verstärkend hinzu; die Gaben des Körpers und des Geistes sind zusätzliche Bande.
Nam facit ipsa suis interdum faemina factis,
Morigerisque modis, et mundo corpore cultu,
Ut facile insuescat secum vir degere vitam. *
LUKREZ
Vor allem die Eigenliebe lässt all diese Bande immer fester werden. Man beglückwünscht sich selbst zu seiner Wahl, und die Illusionen schmücken zuhauf dieses Werk aus, dessen Grundlagen die Natur geschaffen hat.
Das also ist es, was du den Tieren voraus hast, doch wenn du so viele Freuden genießt, die sie nicht kennen, so auch viele Leiden, von denen sich die Tiere überhaupt keine Vorstellung machen! Das Schreckliche für dich ist, dass die Natur in drei Vierteln der Erde die Liebesfreuden und die Quellen des Lebens mit einer scheußlichen Krankheit vergiftet hat, die nur den Menschen trifft und die nur bei ihm die Fortpflanzungsorgane infiziert!
Es ist mit dieser Pest nicht so wie mit zahlreichen anderen Krankheiten, die eine Folge unserer Maßlosigkeit sind. Es ist mitnichten die Ausschweifung, die sie in die Welt gebracht hat. Phryne, Lais, Flora, Messalina* wurden nicht von ihr befallen, sie ist auf Inseln entstanden, wo die Menschen in Unschuld lebten, und hat sich von dort aus in der Alten Welt ausgebreitet.
Wenn es jemals einen Grund gab, die Natur anzuklagen, dass sie ihr eigenes Werk missachtet, ihrem eigenen Plan widerspricht, gegen ihre eigenen Absichten handelt, dann aus diesem Anlass. Ist dies die beste aller möglichen Welten? Wie das? Wenn jene Krankheit Cäsar, Antonius, Octavius nicht befiel, hätte es dann nicht sein können, dass sie auch François I verschonte? Nein, sagt man, die Dinge wurden so zum Besten eingerichtet: Ich möchte es glauben, aber es fällt schwer.
AMOUR NOMMÉ SOCRATIQUE – Sokratische Liebe (Homosexualität)
Wie hat es geschehen können, dass ein Übel, Vernichter des Menschengeschlechts, wäre es allgemein, ein schändliches Attentat auf die Natur, trotzdem so natürlich ist? Es scheint der letzte Grad bewusster Verderbtheit zu sein und ist doch übliche Praxis von Leuten, die noch gar nicht die Zeit hatten, verderbt zu werden. Es hat in ganz frische Herzen Eingang gefunden, die noch gar nicht Ehrgeiz, Täuschung noch Geldgier kannten; es ist die blinde Jugend, die sich gleich am Ausgang der Kindheit aus fehlgeleitetem Instinkt dieser Verwirrung hingibt.
Früh offenbart sich die Neigung der beiden Geschlechter zueinander; aber was man auch immer über Afrikanerinnen und die Asiatinnen des Südens gesagt haben mag, diese Neigung ist im Allgemeinen sehr viel stärker beim Mann als bei der Frau, dies ist ein Gesetz, das von Natur aus für alle Tiere gilt, es ist immer das Männchen, das das Weibchen angeht.
Die jungen Männchen unserer Art fühlen die Kraft, die die Natur in ihnen entfaltet, und finden, da sie gemeinschaftlich erzogen werden, kein natürliches Objekt für ihren Trieb; so begnügen sie sich mit dem, was ihm gleicht. Oft gleicht ein Knabe mit der Frische seines Teints, seinem plötzlichen Erröten, der Sanftheit seiner Augen zwei oder drei Jahre lang einem schönen Mädchen; wenn man ihn liebt, so geschieht das, weil die Natur einen Fehlgriff begeht; man huldigt dem Geschlechtlichen, indem man sich an das bindet, was dessen Schönheit aufweist, und wenn mit dem Alter diese Ähnlichkeit geschwunden ist, hat der Fehlgriff ein Ende.
Citraque juventam,
Atatis breve ver et primos carpere flores. *
Man weiß zur Genüge, dass dieser Fehlgriff der Natur im Süden viel verbreiteter ist als im eisigen Norden, weil dort das Blut hitziger ist und die Gelegenheit häufiger: daher ist, was beim jungen Alkibiades nur als Schwäche erscheint, eine widerliche Schändlichkeit bei einem holländischen Matrosen oder einem Moskauer Marketender.
Ich kann es nicht hinnehmen, dass man behauptet, die Griechen hätten diese Zügellosigkeit gutgeheißen. Man zitiert Solon, den Gesetzgeber, weil er in zwei schlechten Versen gesagt hat:
Zärtlich liebe einen schönen Knaben,
Solange er keinen Bart am Kinn trägt.
Aber wahrhaftig, handelte Solon als Gesetzgeber, als er diese beiden lachhaften Verse schrieb? Er war damals noch jung. Und als der Lüstling weise wurde, hütete er sich, seinen republikanischen Gesetzen eine derartige Schändlichkeit einzufügen. Es ist wie wenn man Théodore de Bèze bezichtigte, er habe in seiner Kirche die Knabenliebe gepredigt, weil er in seiner Jugend Verse für den jungen Candide verfasst hat, in denen es heißt:
Amplector hunc et illam. *
Man missbraucht einen Text Plutarchs, der in den Plaudereien seines Dialog über die Liebe einen Gesprächspartner sagen lässt, dass die Frauen der wirklichen Liebe nicht wert seien, ein anderer Gesprächsteilnehmer jedoch unterstützt die Seite der Frauen, wie es seine Pflicht ist.
Es ist gewiss, soweit die Wissenschaft von der Antike es sein kann, dass die sokratische Liebe keineswegs schändlich war; hier hat der Begriff der Liebe getäuscht. Was man die Liebhaber eines jungen Mannes nannte, war genau das, was bei uns die Edelknaben der Fürsten sind, was die Ehrenkinder waren: junge Männer, die für die Erziehung einem Kind aus hohem Hause zur Seite gestellt wurden, gemeinsam dieselben Studien machten, dieselben militärischen Übungen, eine kriegerische und heilige Einrichtung, die man zu nächtlichen Festen und Orgien missbrauchte.
Das Heer der Liebenden, das Laios schuf,* war eine unbesiegbare Einheit junger Krieger, die durch Eid verpflichtet waren, ihr Leben füreinander zu geben; und es war das disziplinierteste Heer, das die Antike je hatte.
Sextus Empiricus und andere haben gut reden, wenn sie behaupten, die Knabenliebe sei von den Gesetzen Persiens empfohlen worden. Sie sollten den Text des Gesetzes zitieren, sie sollten das Gesetzbuch vorzeigen, und würden sie es vorzeigen, so glaubte ich es noch immer nicht und würde sagen, die Geschichte sei falsch, und zwar deshalb, weil sie unmöglich ist. Nein, in der Natur des Menschen liegt es nicht, ein Gesetz zu verfassen, das der Natur widerspricht und ihr Schimpf antut, ein Gesetz, welches das Menschengeschlecht auslöschte, würde es buchstabengetreu befolgt. Gewisse Leute haben beschämende Praktiken, die in einem Land toleriert wurden, für ein Gesetz des Landes ausgegeben. Sextus Empiricus, der an allem zweifelte, hätte sehr wohl an einer solchen Rechtsprechung zweifeln sollen. Würde er zu unserer Zeit leben und sehen, wie zwei oder drei junge Jesuiten einige ihrer Schüler missbrauchen, hätte er dann das Recht, zu sagen, dieses Spiel sei ihnen nach den Regeln Ignatius von Loyolas erlaubt?
Die Knabenliebe war in Rom derart verbreitet, dass man nicht darauf kam, diese Geschmacklosigkeit zu bestrafen, der alle Welt mit gesenktem Haupt nachging. Octavius Augustus, dieser lüsterne Mordbube und Feigling, der es wagte, Ovid zu verbannen, fand es sehr gut, dass Vergil den Alexis besang* und dass Horaz kleine Oden auf Ligurinus verfasste,* aber das alte Scantinia-Gesetz*, das die Knabenliebe verbot, bestand noch immer: Kaiser Philippus verhalf ihm wieder zur Geltung und hat alle kleinen Jungen, die diesem Metier nachgingen, aus Rom vergejagt. Schlussendlich glaube ich nicht, dass jemals eine zivilisierte Nation Gesetze gegen die guten Sitten gemacht hat.
AMOUR PROPRE – Eigenliebe
Ein Bettler aus der Gegend um Madrid bat mit edler Geste um Almosen. Ein Passant sagte zu ihm: »Schämen Sie sich denn nicht, diesem unwürdigen Beruf nachzugehen, wo Sie doch arbeiten können?« – »Mein Herr, antwortete der Bettler, ich bitte Sie um Geld, und nicht um Ratschläge«; dann drehte er ihm den Rücken zu und bewahrte so seine kastilische Würde. Das war schon ein stolzer Herr, dieser Bettler, ein Weniges genügte, um seine Eitelkeit zu verletzen. Aus Eigenliebe bat er um Almosen und duldete nicht, dass eine andere Eigenliebe ihn rügte.
Ein Missionar reiste durch Indien und traf auf einen Fakir, kettenbehängt, nackt wie ein Affe, der auf seinem Bauch lag und sich für die Sünden seiner indischen Mitbürger auspeitschen ließ, die ihm dafür einige Heller in Landeswährung gaben. »Welche Selbstverleugnung!«, sprach einer der Zuschauer – »Selbstverleugnung?«, erwiderte der Fakir; »Sie sollen wissen, dass ich mir in dieser Welt nur den Hintern versohlen lasse, um es Ihnen in einer anderen zurückzugeben, wenn Sie das Pferd sein werden und ich der Reiter.«
Diejenigen, die gesagt haben, dass die Eigenliebe die Grundlage all unserer Empfindungen und Handlungen sei, haben folglich absolut recht in Indien, in Spanien und auf der ganzen bewohnbaren Erde; und weil man nicht schreibt, um den Menschen zu beweisen, dass sie ein Gesicht haben, braucht man ihnen auch nicht zu beweisen, dass sie Eigenliebe besitzen. Diese Eigenliebe ist das Werkzeug unserer Selbsterhaltung und gleicht dem Werkzeug unserer Arterhaltung; es ist uns unentbehrlich, es ist uns teuer, es bereitet uns Vergnügen, und man muss es verbergen.
ANGE – Engel
Engel heißt auf Griechisch »der Abgesandte«; man ist auch nicht viel klüger, wenn man weiß, dass die Perser Peris hatten, die Hebräer Malachim, die Griechen ihre Daimonoi.
Aber was uns vielleicht klüger macht, ist, dass es schon immer einer der ersten Gedanken der Menschen gewesen ist, zwischen der Gottheit und uns vermittelnde Wesen einzusetzen: Das sind jene Dämonen, jene Genien, welche die Antike sich ausdachte. Der Mensch schuf die Götter immer nach seinem Bilde. Man sah, dass die Fürsten ihre Befehle durch Boten übermitteln ließen, also schickte auch die Gottheit ihre Kuriere, Merkur, Iris waren Kuriere, Sendboten.
Die Hebräer, dieses einzige von der Gottheit selbst geführte Volk, gaben den Engeln, die Gott ihnen schließlich zu schicken geruhte, zunächst keine Namen; sie entlehnten die Namen, die die Chaldäer ihnen gaben, als das jüdische Volk in Babylonien gefangen gehalten wurde. Michael und Gabriel werden zum ersten Mal von Daniel, einem Sklaven dieses Volkes, genannt. Der Jude Tobias, der in Ninive wohnte, wusste vom Engel Raphael, der mit seinem Sohn auf die Reise ging, um ihm das Geld eintreiben zu helfen, das ihm der Jude Gabael schuldete.*
In den jüdischen Gesetzen, das heißt, im Levitikus und im Deuteronomium, findet sich nicht die geringste Bemerkung über die Existenz von Engeln, geschweige denn über ihre Verehrung; daher glaubten die Sadduzäer nicht an Engel.*
Aber in den Geschichten der Juden ist viel von ihnen die Rede. Diese Engel besaßen einen Körper, sie hatten Flügel auf dem Rücken, so, wie die Heiden erfanden, dass Merkur welche an den Fersen hatte; manchmal verbargen sie ihre Flügel unter ihren Gewändern. Wie sollten sie auch keine Körper haben, wo sie doch aßen und tranken und die Einwohner Sodoms die Sünde der Päderastie mit den Engeln begehen wollten, die zu Lot kamen.
Nach Maimonides kannte die alte jüdische Tradition zehn Stufen, zehn Ordnungen von Engeln. 1. Die Chajot Hakodesch, die Reinen, Heiligen. 2. Die Ophanim, die Schnellen. 3. Die Oralim, die Starken. 4. Die Chasmalim, die Flammenden. 5. Die Seraphim, die Brennenden. 6. Die Malakim, Engel, Boten, Abgesandte. 7. Die Elohim, die Götter oder Richter. 8. Die Bene Elohim, Kinder der Götter. 9. Die Cherubim, die Spiegelbilder. 10. Die Ychim, die Beseelten.*
Die Geschichte vom Sturz der Engel findet sich nicht in den Büchern Mose; das erste Zeugnis, von dem man berichtet, ist das des Propheten Jesaja, der den König von Babylon anherrscht: »Was ist aus dem Tributeintreiber geworden? Die Tannen und die Zedern erfreuen sich seines Sturzes; wie bist du vom Himmel gefallen, o Helel, Stern des Morgens?« Man übersetzte dieses Helel mit dem lateinischem Wort Luzifer, und danach hat man den Namen Luzifer in allegorischem Sinn dem Fürsten der Engel gegeben, die im Himmel Krieg führten; und schließlich ist dieser Name, der Träger des Lichts und Morgenröte bedeutet, zum Namen des Teufels geworden.
Die christliche Religion ist auf dem Sturz der Engel aufgebaut. Diejenigen, die sich auflehnten, wurden aus den Sphären, die sie bewohnten, hinabgestürzt in die Hölle im Inneren der Erde und wurden zu Teufeln. Ein Teufel in Schlangengestalt verführte Eva und brachte dem Menschengeschlecht die Verdammnis. Jesus kam zur Erlösung des Menschengeschlechts und um den Teufel zu bezwingen, der uns noch immer in Versuchung führt. Jedoch ist die dem zugrunde liegende Überlieferung nur in dem apokryphen Buch Henoch zu finden, zudem unterscheidet sie sich stark von der traditionellen Überlieferung.
Der heilige Augustinus hat in seinem 109. Brief keinerlei Schwierigkeiten, den guten und den bösen Engeln von allem losgelöste und geschmeidige Körper zuzuordnen.* Papst Gregor II. hat die zehn von den Juden anerkannten Engelchöre auf neun Chöre, neun Stufen oder Ordnungen, verringert; dies sind die Seraphim, die Cherubim, die Throne, die Herrschaften, die Tugenden, die Gewalten, die Fürsten, die Erzengel und schließlich die Engel, die den acht weiteren Ordnungen ihren Namen geben.*
Die Juden hatten im Tempel zwei Cherubim mit jeweils zwei Köpfen, einen Stier- und einen Adlerkopf, dazu sechs Flügel. Heute stellen wir sie als fliegenden Kopf mit zwei kleinen Flügeln unterhalb der Ohren dar. Die Engel und die Erzengel stellen wir in Gestalt junger Männer dar, mit zwei Flügeln auf dem Rücken. Hinsichtlich der »Throne« und der »Mächte« ist man noch nicht auf den Gedanken gekommen, sie darzustellen.
Der heilige Thomas sagt in seiner Quaestio 108, Artikel 2, die Throne seien ebenso nah bei Gott wie die Cherubim und die Seraphim; sind sie es doch, auf denen Gott sitzt. Scotus hat tausend Millionen Engel gezählt. Nachdem die alte Mythologie von den guten und den bösen Genien vom Orient auf Griechenland und Rom übergegangen war, haben wir diese Ansicht bestätigt, indem wir jedem Menschen einen guten und einen bösen Engel zuordneten, von denen der eine ihm beisteht, der andere ihm von der Geburt bis zum Tode schadet; aber man weiß noch nicht, ob diese guten und bösen Engel andauernd von einem Einsatzort zum anderen wechseln, oder ob sie von anderen Engeln abgelöst werden. Man konsultiere zu dieser Frage die Summa des heiligen Thomas.*
Man weiß nicht genau, wo sich die Engel aufhalten, ob in der Luft, im leeren Raum oder auf den Planeten. Gott wollte nicht, dass wir etwas darüber wissen.
ANTHROPOPHAGES – Menschenfresser
Wir haben von der Liebe gesprochen. Es ist schwierig, einen Übergang zu finden von Leuten, die einander küssen, zu solchen, die einander auffressen. Aber es ist nur allzu wahr, dass es Menschenfresser gab; wir haben welche in Amerika vorgefunden, und vielleicht gibt es sie immer noch; und die Kyklopen* waren in der Antike nicht die Einzigen, die sich manchmal von Menschenfleisch ernährten. Juvenal berichtet, dass bei den alten Ägyptern, diesem doch so weisen und für seine Gesetzgebung bekannten Volk, diesem so frommen Volk, das Krokodile und Zwiebeln verehrte, die Tintiriten* einen ihrer Feinde aufaßen, der ihnen in die Hände gefallen war; sein Bericht beruht nicht auf bloßem Hörensagen, dieses Verbrechen geschah nahezu vor seinen Augen, denn er war damals in Ägypten, in der Nähe der Stadt Tentyra. Er erwähnt in diesem Zusammenhang die Gaskogner* und die Sagunter*, die sich früher einmal vom Fleisch ihrer Landsleute ernährten.
1725 brachte man vier Wilde vom Mississippi nach Fontainebleau, ich hatte die Ehre, mich mit ihnen unterhalten zu dürfen. Unter ihnen befand sich eine Dame aus diesem Land, die ich fragte, ob sie Menschenfleisch gegessen habe, und sie antwortete mir in aller Unschuld, dass sie davon gegessen habe. Ich muss etwas schockiert gewirkt haben, woraufhin sie sich damit entschuldigte, dass sie sagte, es sei doch wohl besser, seinen toten Feind aufzuessen, als ihn den Tieren zum Fraß zu überlassen, und dass den Siegern dieses Vorrecht gebühre. Wir töten in einer offenen Schlacht oder in Scharmützeln die Bewohner unserer Nachbarländer und arbeiten für die schäbigste Belohnung daran, die Speisekammer der Raben und Würmer zu füllen. Das ist das Grauenerregende, das ist das wahre Verbrechen. Was macht es schon, wenn man getötet wurde, ob man von einem Soldaten oder einem Raben und einem Hund verspeist wird?
Wir haben mehr Achtung vor den Toten als vor den Lebenden. Doch hätten wir die einen wie die anderen achten sollen. Die Völker, die man zivilisiert nennt, taten recht daran, ihre besiegten Feinde nicht am Spieß zu braten; denn wenn es erlaubt wäre, die Bewohner der Nachbarländer zu essen, so äße man bald auch seine Landsleute, was sehr nachteilige Folgen für die gesellschaftlichen Tugenden hätte. Doch die zivilisierten Völker waren dies nicht schon immer. Alle waren sie lange Zeit Wilde, und während der unendlich vielen Umwälzungen, die diese Erde erlitten hat, war die menschliche Gattung bald zahlreich, bald recht spärlich vertreten. Den Menschen widerfuhr das, was heute mit den Elefanten, Löwen und Tigern geschieht, Tierarten, deren Zahl stark abgenommen hat. In den Zeiten, wo nur wenige Menschen einen Landstrich bevölkerten, kannten sie nicht so viele Techniken, sie waren Jäger. Die Gewohnheit, sich von dem zu ernähren, was sie getötet hatten, führte dann leicht dazu, dass sie ihre Feinde wie ihre Hirsche und ihre Wildschweine behandelten. Aus Aberglauben brachten sie Menschenopfer dar, aus Notwendigkeit aßen sie andere Menschen.
Was ist wohl das größere Verbrechen: sich andächtig zu versammeln, um einem mit Haarbändern geschmückten Mädchen zu Ehren Gottes ein Messer in das Herz zu stoßen, oder einen üblen Kerl aufzuessen, den man notgedrungen getötet hat?
Wir haben jedoch viel mehr Beispiele von geopferten Mädchen und Jungen als von verspeisten Mädchen und Jungen. Fast alle bekannten Völkerschaften haben Jungen und Mädchen geopfert. Die Juden brachten sie zum Opfer dar. Das nannte man Weihegeschenk, es war ein regelrechtes Opfer, und es wird im 27. Kapitel, Vers 29, des Levitikus verfügt, keine Lebewesen, die geweiht waren, zu verschonen; doch nirgends wird den Juden vorgeschrieben, Menschenfleisch zu essen, es wird ihnen nur angedroht. Mose sagt, wie wir gesehen haben,* zu den Juden, dass sie, sollten sie seine Zeremonien nicht einhalten, nicht nur die Krätze bekommen werden, sondern dass die Mütter ihre Kinder essen werden. Es ist wahr, dass zur Zeit Ezechiels die Juden die Gewohnheit gehabt haben müssen, Menschenfleisch zu essen, denn er sagt ihnen im 39. Kapitel voraus, dass Gott ihnen nicht nur die Pferde ihrer Feinde zu essen geben werde, sondern auch die Reiter und die anderen Krieger. Das steht fest.* Und in der Tat, warum sollten die Juden keine Menschenfresser gewesen sein? Es wäre das Einzige gewesen, was dem Volk Gottes noch gefehlt hätte, um das abscheulichste aller Völker der Erde zu sein.
Ich habe in den Anekdoten aus der Geschichte Englands zur Zeit Cromwells gelesen, dass eine Kerzenzieherin in Dublin ausgezeichnete, mit dem Fett von Engländern hergestellte Kerzen verkauft habe. Einige Zeit später beklagte sich ein Stammkunde bei ihr darüber, dass ihre Kerzen nicht mehr so gut seien. »Leider«, sagte sie, »das kommt daher, dass es uns diesen Monat an Engländern fehlte.« Ich frage, wer hat mehr Schuld auf sich geladen, diejenigen, die den Engländern die Kehle durchschnitten, oder die Frau, die aus ihrem Fett Kerzen herstellte?
APIS
Verehrte man in Memphis den Stier Apis* als Gott, als Symbol oder als Stier? Es ist anzunehmen, dass die Fanatiker in ihm einen Gott sahen, die Weisen ein schlichtes Symbol, und dass das törichte Volk den Stier verehrte. Tat Kambyses* gut daran, diesen Stier nach der Eroberung Ägyptens eigenhändig zu töten? Warum nicht? Er machte den Einfältigen klar, dass man ihren Gott am Spieß braten konnte, ohne dass die Natur sich erhob, um solchen Gottesfrevel zu rächen. Man hat die Ägypter hoch gerühmt. Ich kenne jedoch kaum ein erbärmlicheres Volk; in ihrem Charakter und in ihrem Herrschaftssystem muss es schon immer ein Grundübel gegeben haben, das zu allen Zeiten ein Volk elender Sklaven aus ihnen machte. Ich räume ein, dass sie in fast unbekannten Zeiten die Welt erobert haben, aber in geschichtlicher Zeit wurden sie von allen unterworfen, die sich die Mühe machen wollten, von den Assyrern, von den Persern, von den Griechen, von den Römern, von den Arabern, von den Mamelucken, von den Türken, schließlich von aller Welt, unsere Kreuzfahrer ausgenommen, und zwar weil deren Unbedachtsamkeit die Feigheit der Ägypter noch übertraf. Es war die Mameluckenmiliz*, die die Franzosen besiegte. Es gibt bei dieser Nation vielleicht nur zwei annehmbare Dinge: Das eine ist, dass diejenigen, die einen Stier anbeteten, niemals jene, die einen Affen anbeteten, zwingen wollten, eine andere Religion anzunehmen; das zweite ist, dass sie immer Küken in Öfen ausschlüpfen ließen.
Man lobt ihre Pyramiden, aber das sind Denkmäler eines versklavten Volkes. Es war wohl notwendig, die ganze Nation daran arbeiten zu lassen, anders hätte man es nicht fertiggebracht, diese elenden Steinhaufen zu errichten. Wozu dienten sie? Dazu, in einer kleinen Grabkammer die Mumie irgendeines Fürsten, irgendeines Gouverneurs, irgendeines Verwalters aufzubewahren, die ihre Seele nach tausend Jahren wiederbeleben sollte. Aber wenn sie auf die Wiederauferstehung der Körper hofften, warum wurde ihnen dann vor der Einbalsamierung das Gehirn entfernt? Sollten die Ägypter ohne Gehirn wiederauferstehen?
APOCALYPSE – Apokalypse
Der Märtyrer Justinus, der um das Jahr 170 unserer Zeitrechnung schrieb, ist der erste, der die Apokalypse erwähnte; in seinem Dialog mit dem Juden Tryphon ordnet er sie dem Apostel Johannes, dem Evangelisten, zu. Dieser Jude fragt ihn nun, ob er nicht glaube, dass Jerusalem eines Tages wiedererrichtet werde? Justinus antwortet ihm, dass er dies genauso glaube wie alle Christen, die logisch denken. Es gab, sagt er, bei uns eine gewisse Person namens Johannes, einer der zwölf Apostel von Jesus, der vorhersagte, dass die Gläubigen tausend Jahre in Jerusalem verbringen werden.
Bei den Christen war dieses »Tausendjährige Reich« lange Zeit eine weitverbreitete Lehre. Dieser Zeitraum genoss auch bei den Heiden großes Ansehen. Die Seelen der Ägypter schlüpften nach tausend Jahren wieder in ihre Körper; bei Vergil wurden die Seelen, die sich im Fegefeuer befanden, während des gleichen Zeitraumes geläutert, et mille per annos*. Das neue, tausendjährige Jerusalem sollte in Erinnerung an die zwölf Apostel zwölf Tore haben; seine Form sollte quadratisch sein; seine Länge, seine Breite und seine Höhe sollten je zwölftausend Stadien betragen, das heißt, fünfhundert Meilen, so dass die Häuser auch fünfhundert Meilen hoch sein sollten. Es wäre reichlich unangenehm gewesen, im letzten Stock zu wohnen; aber schließlich ist es das, was im Kapitel 21 der Apokalypse steht.
Auch wenn Justinus der Erste ist, der die Apokalypse dem heiligen Johannes zuordnet, so haben einige Personen sein Zeugnis verworfen, weil er in demselben Dialog mit dem Juden Triphon sagt, nach dem Bericht der Apostel habe Jesus Christus, als er in den Jordan stieg, das Wasser dieses Flusses zum Kochen gebracht und es in Flammen gesetzt, was jedoch in keiner Schrift der Apostel zu finden ist.
Derselbe heilige Justinus zitiert voller Vertrauen das Orakel der Sibyllen*; und mehr noch, er behauptet sogar, die Reste der kleinen Häuser gesehen zu haben, in denen die zweiundsiebzig Übersetzer der Bibel* zur Zeit des Herodes beim Leuchtturm von Alexandria vor Ägypten eingeschlossen waren. Das Zeugnis eines Menschen, der das Unglück hatte, diese Häuschen zu sehen, scheint darauf hinzudeuten, dass der Autor selbst dort eingesperrt war.
Der heilige Irenäus, der nach ihm lebte und ebenfalls an das tausendjährige Reich des neuen Jerusalem glaubte, sagt, er habe von einem Greis erfahren, dass der heilige Johannes die Apokalypse verfasst habe. Doch hat man dem heiligen Irenäus vorgeworfen, er habe geschrieben, dass es nicht mehr als vier Evangelien geben dürfe, weil es nicht mehr als vier Erdteile gebe, und vier Hauptwinde, und weil Ezechiel nicht mehr als vier Tiere gesehen habe.* Er nennt diese Überlegungen einen Beweis. Man muss zugeben, dass die Art, in der Irenäus etwas beweist, genauso viel wert ist wie die von Justinus, in der er behauptete, etwas gesehen zu haben.
Clemens von Alexandria spricht in seinen Electa* nur von einer Apokalypse des heiligen Petrus, von der man damals viel Aufhebens machte. Tertullian, ein großer Befürworter des tausendjährigen Reiches, versichert nicht nur, dass der heilige Johannes die Wiedererrichtung von Jerusalem und dieses tausendjährige Reich vorhergesagt habe, sondern er behauptet sogar, dass dieses Jerusalem schon beginne, sich in der Luft zu formen und dass alle Christen in Palästina und selbst die Heiden es während vierzig aufeinanderfolgenden Tagen am Ende der Nacht gesehen hätten. Doch unglücklicherweise verschwand die Stadt, sobald es hell wurde.
Origenes zitiert in seinem Vorwort zum Johannesevangelium und in seinen Homilien* die Weissagungen der Apokalypse, aber er zitiert gleichfalls die Orakel der Sibyllen. Der heilige Dionysius, Bischof von Alexandria, der um die Mitte des 3. Jahrhunderts schrieb, sagt hingegen in einem seiner von Eusebios überlieferten Fragmente, dass fast alle Gelehrten die Apokalypse als ein Buch ablehnten, das sich von der Vernunft verabschiedet habe; dass dieses Buch nicht vom heiligen Johannes verfasst worden sei, sondern von einem gewissen Kerinthos, der sich eines großen Namens bedient habe, um seinen Träumereien mehr Gewicht zu verleihen.
Das Konzil von Laodikeia, das um 360 abgehalten wurde, zählte die Apokalypse nicht zu den kanonischen Schriften. Es war recht seltsam, dass Laodikeia, wo es eine Gemeinde gab, an die sich die Apokalypse richtete,* einen solchen ihr zugedachten Schatz zurückwies; und dass der Bischof von Ephesus, der bei dem Konzil anwesend war, dieses Buch des Johannes, der doch in Ephesus begraben liegt, ebenfalls ablehnte.
Für alle Augen war sichtbar, dass Johannes sich noch immer in seinem Grab bewegte, wodurch sich die Erde beständig hob und senkte. Jedoch waren sich die gleichen Leute, die meinten, dass der heilige Johannes nicht wirklich tot sei, genauso sicher, dass er die Apokalypse nicht verfasst hatte. Doch diejenigen, die an dem zukünftigen tausendjährigen Reich festhielten, waren in ihrer Auffassung unerschütterlich. Sulpicius Severus bezeichnet in seiner Heiligen Geschichte Buch 9* diejenigen, die die Apokalypse nicht anerkannten, als Wahnsinnige und Gottlose. Schließlich hat sich nach vielen Zweifeln, Einwänden und Gegenreden von Konzil zu Konzil die Auffassung von Sulpicius Severus durchgesetzt. Nachdem die Sache geklärt war, entschied die Kirche, dass die Apokalypse unbestreitbar vom heiligen Johannes stamme, womit es dagegen keinen Einspruch mehr geben kann.
Jede christliche Gemeinschaft nimmt die in diesem Buch enthaltenen Prophezeiungen für sich in Anspruch; die Engländer haben darin die Revolutionen in Großbritannien gefunden; die Lutheraner die Wirren in Deutschland; die Reformierten in Frankreich die Regierung Karls IX. und die Regentschaft der Katharina von Medici: sie haben alle gleichermaßen recht. Bossuet und Newton haben alle beide die Apokalypse kommentiert; aber im Großen und Ganzen haben die eloquenten Ausführungen des einen und die bewundernswerten Entdeckungen des anderen ihnen mehr Ehre eingebracht als ihre Kommentare.
ATHÉE, ATHÉISME – Atheist, Atheismus
Früher lief ein jeder, der auf irgendeinem Fachgebiet über ein geheimes Wissen verfügte, Gefahr, als Hexer angesehen zu werden. So wurde auch jede neue Sekte bezichtigt, bei ihren Ritualen Kinder zu schlachten, und jeder Philosoph, der von der Begrifflichkeit seiner Schule abwich, wurde von den Fanatikern und den Schurken des Atheismus bezichtigt und von den Dummköpfen verurteilt.
Wagt Anaxagoras etwa zu behaupten, dass die Sonne nicht von dem auf einem von vier Pferden gezogenen Wagen stehenden Apollon gelenkt wird, so nennt man ihn einen Atheisten, und er ist gezwungen zu fliehen.
Aristoteles wird von einem Priester des Atheismus bezichtigt, und da er die Bestrafung seines Anklägers nicht erreichen kann, zieht er sich nach Chalkis zurück. Doch der Tod des Sokrates ist wohl das Schändlichste, was in der Geschichte Griechenlands je vorgekommen ist.
Aristophanes*, dieser Mann, den die Kommentatoren so bewundern, weil er ein Grieche war, wobei sie nicht bedenken, dass auch Sokrates ein Grieche war, dieser Aristophanes also war der Erste, der die Athener auf den Gedanken brachte, Sokrates als Atheisten zu betrachten.
Diesem Komödiendichter also, der weder komisch noch ein Dichter ist, würden wir heute noch nicht einmal erlauben, seine Farcen auf dem Jahrmarkt von Saint-Laurent aufzuführen. Er scheint mir noch viel gemeiner und verachtenswerter, als Plutarch ihn darstellt. Hier folgt nun, was der weise Plutarch über diesen Spaßvogel sagte: »Der Sprache des Aristophanes merkt man den armseligen Scharlatan an, der er war; seine Pointen sind äußerst gemein und abstoßend; nicht einmal dem Volk gefallen seine Stücke, und für Leute mit Urteilsvermögen und Ehrgefühl sind sie unerträglich, seine Arroganz ist nicht auszuhalten, und anständige Menschen verabscheuen seine Bosheit.«*
Das ist, nebenbei gesagt, der Tabarin*, den Madame Dacier, die Verehrerin von Sokrates, zu bewundern wagt: Er ist der Mann, der aus sicherer Entfernung vom Geschehen das Gift zubereitete, mit dem dann niederträchtige Richter den tugendhaftesten Mann Griechenlands in den Tod schickten.
Die Gerber, die Schuster und die Schneiderinnen von Athen applaudierten einer Farce, in der Sokrates in einem Korb in der Luft schwebt, aus dem er verkündet, dass es keinen Gott gibt, und sich dann rühmt, jemandem seinen Mantel gestohlen zu haben, als er ihn in Philosophie unterrichtete. Ein ganzes Volk, dessen schlechte Regierung einen derartigen Sittenverfall zuließ, verdiente sehr wohl, was ihm danach zustieß, nämlich zu den Sklaven Roms gemacht zu werden und heute die der Türken zu sein.
Überspringen wir nun den gesamten zeitlichen Abstand, der zwischen der Römischen Republik und uns liegt. Die Römer, bedeutend klüger als die Griechen, haben keinen einzigen Philosophen wegen seiner Ansichten verfolgt. Bei den unkultivierten Völkern, die auf das Römische Reich folgten, ist es nicht so. Sowie Kaiser Friedrich II. Streit mit dem Papst hat, bezichtigt man ihn, Atheist zu sein und gemeinsam mit seinem Kanzler Petrus de Vinea das Buch von den drei Betrügern verfasst zu haben.*
Unser großer Kanzler Michel de L’Hôpital braucht nur zu erklären, dass er gegen die Hugenottenverfolgung ist, und sofort bezichtigt man ihn des Atheismus. Homo doctus, sed verus atheos.* Ein Jesuit, der ebenso weit unter dem Niveau des Aristophanes steht wie Aristophanes unter dem Homers, ein Bedauernswerter also, dessen Name selbst bei den Fanatikern zum Inbegriff der Lächerlichkeit wurde, kurz, der Jesuit Garasse, entdeckt überall Atheisten. So nennt er einfach all jene, gegen die er wettert. Er bezeichnet sogar Théodore de Bèze als einen Atheisten, und er ist es auch, der die Öffentlichkeit über Vanini* in die Irre führte.
Vaninis unglückliches Ende erfüllt uns nicht in gleicher Weise wie das von Sokrates mit Empörung und Mitleid, weil ja Vanini bloß ein ausländischer Besserwisser ohne besondere Verdienste war. Doch schlussendlich war Vanini keineswegs ein Atheist, wie behauptet wurde; er war gerade das genaue Gegenteil.
Er war ein armer neapolitanischer Priester, Prediger und Theologe von Beruf, einer, der bis zum Exzess über die Wesenheiten und die Universalien* stritt; et utrum chimera bombinans in vacuo possit comedere secundas intentiones.* Aber darüber hinaus gab es bei ihm nicht die geringste Neigung zum Atheismus. Sein Gottesbegriff entspricht der herrschenden Lehrmeinung und wird in der Theologie allseits akzeptiert. »Gott ist Anfang und Ende, er ist Vater des Einen und des Anderen, er ist von beidem unabhängig, er ist ewig, ohne in der Zeit zu sein, allgegenwärtig, ohne an einem bestimmten Ort zu sein. Für ihn gibt es weder Vergangenheit noch Zukunft, er ist überall und außerhalb von allem; er regiert alles und hat alles geschaffen; er ist unbewegt, unendlich und ungeteilt; seine Macht ist sein Wille etc.«*
Vanini rechnete es sich zur Ehre an, diese schöne Auffassung Platons zu erneuern, die später von Averroës übernommen wurde, dass Gott eine Kette von Wesen geschaffen hat, vom kleinsten Lebewesen bis hin zum größten, deren letztes Glied mit seinem ewigen Thron verbunden ist; ein Gedanke, der allerdings eher erhaben als wahr ist, aber genauso weit vom Atheismus entfernt wie das Sein vom Nichts.
Er reiste, um reich zu werden und zu disputieren, aber leider ist der Weg des Disputs dem des Reichtums genau entgegengesetzt, man schafft sich dadurch ebenso viele unversöhnliche Feinde, wie man Gelehrte oder Besserwisser findet, gegen die man argumentiert. Es gab gar keinen anderen Grund für das Unglück Vaninis. Sein Eifer und seine Grobheit im Disput brachten ihm den Hass einiger Theologen ein, und nachdem er eine Auseinandersetzung mit einem gewissen Francon oder Franconi hatte, versäumte es dieser Franconi, ein Freund seiner Feinde, nicht, ihn zu beschuldigen, ein Atheist zu sein und den Atheismus zu lehren.
Dieser Francon oder Franconi war, unterstützt von einigen Zeugen, bei der Gegenüberstellung grausam genug, das aufrechtzuerhalten, was er bereits vorgebracht hatte. Vanini, der auf der Anklagebank saß, antwortete, als er gefragt wurde, was er über die Existenz Gottes denke, dass er ebenso wie die Kirche einen dreifaltigen Gott verehre. Er hob einen Strohhalm vom Boden auf. »Dieser Halm genügt«, sagte er, »um zu beweisen, dass es einen Schöpfer gibt.« Dann hielt er eine sehr schöne Rede über das Wachstum der Pflanzen und die Bewegung und die Notwendigkeit eines höchsten Wesens, ohne das es weder Pflanzen noch Wachstum gäbe.*
Der Gerichtspräsident Grammont, der zu jener Zeit in Toulouse war, gibt diese Rede in seiner Geschichte Frankreichs wieder, die heute völlig vergessen ist, und derselbe Grammont behauptet aufgrund einer unbegreiflichen Voreingenommenheit, dass Vanini dies alles eher aus Eitelkeit oder Angst vorgebracht habe als aus einer inneren Überzeugung.
Worauf kann sich diese verwegene und abscheuliche Einschätzung des Präsidenten Grammont stützen? Es ist doch offensichtlich, dass Vanini auf seine Antwort hin von der Anschuldigung des Atheismus hätte freigesprochen werden müssen. Was aber geschah? Dieser vom Pech verfolgte ausländische Priester beschäftigte sich auch noch mit der Medizin. Man fand bei ihm eine dicke lebende Kröte, die er in einem Aquarium hielt, und unweigerlich klagte man ihn daraufhin der Hexerei an. Man behauptete, diese Kröte sei der Gott, den er verehrte, und legte, was sehr bequem und allgemein üblich ist, in mehrere Passagen seiner Bücher einen gottlosen Sinn hinein, indem man Einwände als Antworten interpretierte, irgendwelche unklaren Sätze böswillig umdeutete und irgendeinen unschuldigen Ausdruck verdrehte. Schließlich rang die Partei, die ihn verfolgte, den Richtern den Urteilsspruch ab, der diesen Unglücklichen zum Tode verurteilte.
Um seine Hinrichtung zu rechtfertigen, musste man diesen Bedauernswerten des abscheulichsten Verbrechens anklagen, das es überhaupt gab. Der sehr minderwertige Minderbruder Mersenne hat den Wahnsinn so weit getrieben, drucken zu lassen, dass Vanini Neapel mit zwölf seiner Jünger verlassen habe, um alle Völker zum Atheismus zu bekehren. Wie erbärmlich! Wovon hätte denn ein armer Priester zwölf Männern ihren Lohn zahlen sollen? Wie hätte er zwölf Neapolitaner dazu überreden sollen, mit hohem Kostenaufwand umherzureisen, um überall diese abscheuliche und empörende Lehre unter Einsatz ihres Lebens zu verbreiten? Wäre denn ein König mächtig genug, um zwölf Prediger des Atheismus zu bezahlen? Vor Pater Mersenne hatte niemand solch einen haarsträubenden Unsinn geäußert. Aber danach hat man es ihm nachgebetet, die Zeitungen und die historischen Lexika damit verpestet; und die Welt, die nichts so sehr liebt wie das Ungewöhnliche, hat dieses Ammenmärchen ungeprüft geglaubt.
Bayle höchstselbst spricht in seinen Pensées diverses von Vanini als einem Atheisten: Er bedient sich dieses Beispiels, um sein Paradoxon zu beweisen, dass eine Gesellschaft von Atheisten lebensfähig ist; er versichert, dass Vanini ein Mann von großer Sittenstrenge war und zum Märtyrer für seine philosophische Ansicht wurde. Er irrt in beiden Punkten gleichermaßen. Der Priester Vanini lässt uns in seinen Dialogen, die er nach dem Vorbild des Erasmus schrieb, wissen, dass er eine Geliebte namens Isabelle hatte. Er war in seinen Schriften wie in seinem Lebenswandel ein Freigeist, aber er war kein Atheist.
Ein Jahrhundert nach seinem Tod wollten der Gelehrte La Croze und jener, der sich Philalethes nannte, seine Unschuld beweisen; doch da niemand sich für das Gedenken an einen unglückseligen Neapolitaner interessiert, ein sehr schlechter Schriftsteller zudem, liest fast niemand diese Verteidigungsschriften.
Der Jesuit Hardouin, der gelehrter als Garasse, doch nicht weniger vermessen war, beschuldigt in seinem Buch Athei detecti* Descartes, Arnauld, Pascal, Nicole, Malebranche allesamt des Atheismus; zum Glück erging es ihnen nicht wie Vanini.
Von all diesen Fakten gehe ich nun zu der moralischen Frage über, die Bayle aufgeworfen hatte, nämlich ob eine Gesellschaft von Atheisten überhaupt lebensfähig wäre. Stellen wir zunächst einmal anlässlich dieses Artikels fest, wie sehr sich Menschen im Disput widersprechen können; haben doch diejenigen, die sich mit größter Erbitterung gegen die Ansicht Bayles gewandt haben, diejenigen, die ihm die Möglichkeit einer Gesellschaft von Atheisten mit den heftigsten Verunglimpfungen bestritten haben, seither mit der gleichen Kühnheit behauptet, dass der Atheismus in China Staatsreligion ist.
Sie haben sich mit Sicherheit gewaltig geirrt, was die chinesische Regierung betrifft; sie brauchten dazu nur die Erlasse der Kaiser dieses ungeheuer großen Landes zu lesen, und sie hätten festgestellt, dass diese Erlasse Predigten sind und dass darin überall vom höchsten Wesen die Rede ist, das über alles herrscht, alles rächt, alles belohnt.
Aber zugleich haben sie sich nicht weniger hinsichtlich der Unmöglichkeit einer Gesellschaft von Atheisten geirrt, und ich verstehe nicht, wie Bayle ein schlagendes Beispiel vergessen konnte, das seiner Sache zum Sieg hätte verhelfen können.
Weshalb erscheint eine Gesellschaft von Atheisten unmöglich? Weil man der Auffassung ist, dass Menschen, denen man keine Zügel anlegt, niemals zusammenleben könnten, dass Gesetze allein nichts gegen heimliche Verbrechen vermögen, dass es einen rächenden Gott geben muss, der auf dieser Welt oder im Jenseits die Bösen bestraft, die der menschlichen Justiz entgangen sind.
Zwar trifft es zu, dass Moses Gesetze nichts über ein künftiges Leben lehrten, nicht mit Strafen nach dem Tode drohten und die ersten Juden keineswegs die Unsterblichkeit der Seele lehrten, aber die Juden, weit davon entfernt, Atheisten zu sein oder zu glauben, sie könnten sich der göttlichen Vergeltung entziehen, waren die religiösesten aller Menschen. Sie glaubten nicht nur an die Existenz eines ewigen Gottes, sondern sie glaubten auch, dass er ständig unter ihnen sei; sie zitterten davor, dass sie selbst, ihre Frauen, ihre Kinder, ja ihre gesamte Nachkommenschaft bis in die vierte Generation bestraft würden, und diese Zügel waren sehr wirksam.
Doch bei den Heiden kannten mehrere Philosophenschulen überhaupt keine Zügel. Die Skeptiker zweifelten an allem, die Schüler Platons enthielten sich jeglichen Urteils über alles, die Epikuräer waren davon überzeugt, dass die Gottheit sich nicht in die Angelegenheiten der Menschen einmischen könne, und im Grunde akzeptierten sie überhaupt keine Gottheit. Sie waren davon überzeugt, dass die Seele keine Substanz ist, sondern eine Fähigkeit, die mit dem Körper geboren wird und stirbt, folglich trugen sie kein Joch außer Moral und Ehre. Die römischen Senatoren und Ritter waren echte Atheisten, denn die Götter existierten nicht für Menschen, die von ihnen weder etwas befürchteten noch erhofften. Der römische Senat war also zur Zeit Cäsars und Ciceros tatsächlich eine Versammlung von Atheisten.
Dieser große Redner sagte in seiner Verteidigungsrede für Cluentius vor dem ganzen versammelten Senat: Welchen Schaden fügt ihm der Tod zu? Wir lehnen all die albernen Märchen über die Unterwelt ab, was hat ihm also der Tod genommen? Nur die Fähigkeit, Schmerzen zu empfinden.
Hält Cäsar, der mit Catilina befreundet war und das Leben seines Freundes vor eben diesem Cicero retten wollte, ihm nicht entgegen, dass es für einen Kriminellen gar keine Strafe ist, wenn man ihn tötet, sondern dass der Tod gar nichts ist außer dem Ende all unserer Übel und eher ein glücklicher Augenblick als ein unheilvoller? Lassen sich Cicero und der ganze Senat nicht von diesen Gründen überzeugen? Die Sieger und die Gesetzgeber der damals bekannten Welt bildeten also offenbar eine Gesellschaft von Menschen, die nichts von den Göttern fürchteten und echte Atheisten waren?
Bayle untersucht als Nächstes, ob der Götzendienst nicht gefährlicher ist als der Atheismus, ob es ein größeres Verbrechen ist, überhaupt nicht an die Gottheit zu glauben, als von ihr unwürdige Vorstellungen zu haben; er teilt, was das anbelangt, die Auffassung von Plutarch, der meint, es sei besser, gar keine Meinung zu haben als eine schlechte. Aber ob es nun Plutarch gefällt oder nicht, es ist offensichtlich, dass es für die Griechen unendlich viel besser war, Ceres, Neptun und Jupiter zu fürchten, als überhaupt nichts zu fürchten. Es ist klar, dass die Heiligkeit des Eides notwendig ist und dass man denjenigen mehr vertrauen muss, die meinen, dass ein Meineid bestraft wird, als denjenigen, die meinen, sie könnten ungestraft einen Meineid schwören. Es ist unbezweifelbar, dass es in einer zivilisierten Stadt unendlich viel nützlicher ist, eine Religion (selbst eine schlechte) zu haben als gar keine.
Es hat den Anschein, als sollte Bayle eher untersuchen, was gefährlicher ist, der Fanatismus oder der Atheismus. Der Fanatismus ist gewiss tausendmal unheilvoller als der Atheismus, denn der weckt keine blutrünstigen Leidenschaften, während der Fanatismus das sehr wohl tut: Der Atheismus hindert zwar niemand daran, ein Verbrechen zu begehen, doch der Fanatismus veranlasst dazu. Nehmen wir mit dem Autor des Commentarium rerum Gallicarum* einmal an, dass der Kanzler de L’Hôpital Atheist war, so hat er doch ausschließlich weise Gesetze gemacht und zu Mäßigung und Einigung geraten. Die Fanatiker begingen die Massaker in der Sankt-Bartholomäusnacht*. Hobbes galt als ein Atheist, er führte ein ruhiges und unschuldiges Leben. Die Fanatiker seiner Zeit jedoch überschwemmten England, Schottland und Irland mit Blut. Spinoza war nicht nur Atheist, sondern lehrte sogar den Atheismus, jedoch war er mit Sicherheit nicht an dem Justizmord an Barneveldt beteiligt, und nicht er war es, der die beiden Brüder de Witt in Stücke reißen ließ und sie dann gegrillt verspeiste.
Die Atheisten sind zumeist kühne und auf Abwege geratene Gelehrte, die nicht die richtigen Schlüsse ziehen und, da sie die Schöpfung, den Ursprung des Bösen und anderer Probleme nicht verstehen können, Zuflucht zur Hypothese von der Ewigkeit der Dinge und der Notwendigkeit nehmen*.
Ehrgeizige und wollüstige Menschen haben kaum die Zeit zum Nachdenken und sich einer schlechten Weltanschauung zu widmen, denn sie haben anderes zu tun, als Lukrez mit Sokrates zu vergleichen. So laufen doch die Dinge heute bei uns.
Das war im römischen Senat nicht so, er bestand fast nur aus Männern, die in Theorie und Praxis Atheisten waren, das heißt also, weder an die Vorsehung noch an ein Leben nach dem Tode glaubten. Dieser Senat war eine Versammlung von Philosophen, Wollüstigen und Ehrgeizigen, die alle sehr gefährlich waren und die den Untergang der Republik herbeiführten.
Ich möchte es nicht mit einem atheistischen Fürsten zu tun haben, in dessen Interesse es wäre, mich in einem Mörser zerstampfen zu lassen, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich zerstampft würde. Umgekehrt möchte ich es als Herrscher auch nicht mit atheistischen Höflingen zu tun haben, in deren Interesse es läge, mich zu vergiften; ich müsste jeden Tag auf gut Glück ein Gegengift einnehmen. Es ist also für die Fürsten und die Völker unbedingt notwendig, dass die Vorstellung eines höchsten Wesens, das alles erschafft, über alles herrscht, alles rächt, alles belohnt, zutiefst in den Gemütern verankert ist.
Es gibt atheistische Völker, sagt Bayle in seinen Gedanken über den Kometen. Die Kaffern, die Hottentotten, die Tupinambá und viele andere kleine Völkerschaften haben keinen Gott; das kann sein, das bedeutet aber nicht, dass sie einen Gott leugnen, sie leugenen ihn nicht und bejahen ihn nicht, sie haben niemals etwas darüber gehört. Sagt ihnen, dass es einen gibt, sie werden es ohne Weiteres glauben, sagt ihnen, dass alles aus der Natur der Dinge hervorgeht, sie werden es gleichfalls glauben. Zu behaupten, sie seien Atheisten, wäre als Anschuldigung dasselbe, wie wenn man sagte, sie seien Anti-Cartesianer, sie sind weder für noch gegen Descartes. Sie sind echte Kinder, und ein Kind ist weder Atheist noch Deist, es ist nichts dergleichen.
Was können wir aus all dem schließen? Dass der Atheismus für die Regierenden ein sehr gefährliches Monster ist, dass er es ebenfalls für die Gelehrten in ihrem Studierzimmer ist, auch wenn sie ein unschuldiges Leben führen mögen, denn von ihrem Studierzimmer aus können sie vordringen zu denen, die die Macht haben; und dass der Atheismus, obgleich er nicht so unheilvolle Auswirkungen hat wie der Fanatismus, doch fast immer für die Tugend verhängnisvoll ist. Fügen wir vor allem noch hinzu, dass es heute weniger Atheisten gibt als jemals zuvor, seit die Philosophen festgestellt haben, dass es kein lebendes Wesen ohne Keimzelle und keine Keimzelle ohne Bauplan gibt, usw., und dass das Getreide nicht aus der Verwesung entsteht.
Die nicht philosophisch gebildeten Geometer lehnen die Endursache, die causa finalis, ab, aber die wahren Philosophen erkennen sie an, und wie schon ein bekannter Autor sagte, der Religionslehrer verkündet Gott den Kindern, Newton beweist ihn den Gelehrten.
BAPTÊME – Taufe
»Baptême«, das französische Wort für Taufe, kommt aus dem Griechischen und bedeutet »Eintauchen«. Die Menschen, die sich stets von ihren Sinneswahrnehmungen leiten lassen, stellten sich schlicht vor: Was den Körper reinigt, reinigt auch die Seele. Für Priester und Eingeweihte gab es in den ägyptischen Tempeln große unterirdische Becken. Seit undenklichen Zeiten haben sich die Inder im Wasser des Ganges gereinigt, und diese Zeremonie erfreut sich noch immer großer Beliebtheit. Sie wurde von den Hebräern übernommen, hier taufte man alle Fremden, die das jüdische Gesetz annahmen, sich aber nicht der Beschneidung unterziehen wollten. Vor allem Frauen wurden getauft, bei denen man diese Operation, die sie nur in Äthiopien zu erdulden hatten, nicht vornahm. Es war eine Neugeburt, sie verlieh eine neue Seele, ebenso wie in Ägypten. Zu diesem Thema lese man bei Epiphanios, Maimonides und in der Gemara* nach.
Johannes taufte im Jordan und taufte sogar Jesus, der aber niemals jemanden taufte, jedoch geruhte, diese alte Zeremonie zu heiligen. Jedes Zeichen ist für sich genommen unbedeutend, und Gott lässt seine Gnade ruhen auf dem Zeichen, das auszuwählen ihm gefällt. Die Taufe wurde bald zum ersten Ritus und zum Siegel der christlichen Religion. Allerdings waren die ersten fünfzehn Bischöfe von Jerusalem beschnitten, ob sie getauft waren, ist nicht sicher.
In den ersten Jahrhunderten des Christentums missbrauchte man dieses Sakrament; nichts war alltäglicher, als mit der Taufe bis kurz vor dem Tod zu warten. Das Beispiel Kaiser Konstantins beweist dies ziemlich gut. Seine Überlegungen waren die folgenden: Die Taufe reinigt von allem, ich kann also meine Frau, meinen Sohn und alle meine Verwandten umbringen, danach lasse ich mich taufen und komme in den Himmel – was zu tun er tatsächlich nicht verfehlte. Dieses Beispiel war gefährlich; nach und nach wurde dann der Brauch, den Tod abzuwarten, bis man sich in das geweihte Bad begab, abgeschafft.
Die orthodoxe Kirche behielt die Taufe durch Untertauchen stets bei. Die römisch-katholische Kirche ersetzte diese Art der Taufe am Ende des 8. Jahrhunderts durch einfaches Besprengen, als sie ihre Religion nach Gallien und Germanien ausgedehnt und bemerkt hatte, dass die Kinder in kalten Ländern vom Untertauchen sterben konnten. Oft belegte die orthodoxe Kirche sie deswegen mit einem Bann.
Man befragte den heiligen Cyprian, Bischof von Karthago, ob diejenigen, die sich den ganzen Körper nur hatten besprengen lassen, wirklich getauft seien. Er antwortete in seinem 76. Brief, dass »mehrere Kirchen bezweifelten, dass diese Besprengten Christen seien; was ihn selbst betreffe, so denke er, dass sie Christen sind, aber unendlich viel weniger Gnade erlangen als jene, die dem Brauch entsprechend dreimal untergetaucht wurden.«
Bei den Christen war man von dem Moment an eingeweiht, wo man untergetaucht worden war, vorher war man nur ein Taufbewerber. Um eingeweiht zu werden, brauchte man Gewährsleute, Bürgen, die man mit dem Namen bezeichnete, der Paten entspricht, mit dem Ziel, dass die Kirche der Treue der neuen Christen sicher sein konnte und dass die Mysterien nicht verbreitet wurden. Deshalb waren die Heiden in den ersten Jahrhunderten genauso schlecht über die christlichen Mysterien unterrichtet wie die Christen über die Mysterien der Isis und von Eleusis.
Kyrillos von Alexandria drückt sich in seiner Schrift gegen Kaiser Julian folgendermaßen aus: »Ich würde über die Taufe sprechen, wenn ich nicht befürchtete, dass meine Rede jene mitbekommen, die nicht eingeweiht sind.«*
Schon im 2. Jahrhundert begann man, Kinder zu taufen; es war natürlich, dass die Christen wünschten, dass ihre Kinder, die ohne dieses Sakrament verdammt gewesen wären, dieses empfangen sollten. Man beschloss schließlich, es ihnen am Ende des achten Tages zu spenden, weil sie bei den Juden in diesem Alter beschnitten wurden. Die orthodoxe Kirche praktiziert dies immer noch so. Jedoch setzte sich im 3. Jahrhundert der Brauch durch, sich erst zum Zeitpunkt des Todes taufen zu lassen.
Nach den strengsten Kirchenvätern waren jene, die in der ersten Lebenswoche starben, verdammt. Doch im 5. Jahrhundert dachte sich Petrus Chrysologus den Limbus aus, eine Art mildere Hölle, genauer gesagt den Rand oder Vorhof der Hölle, wo die ohne Taufe gestorbenen kleinen Kinder hinkommen, wo auch die Kirchenväter vor Jesu Christi Niederfahrt zur Hölle waren, so dass seither die Ansicht vorherrscht, dass Jesus Christus in den Limbus hinabgefahren sei und nicht in die Hölle.
Es wurde diskutiert, ob ein Christ in den Wüsten Arabiens mit Sand getauft werden könne, dies hat man verneint; ebenso, ob man mit Rosenwasser taufen könne, und man entschied, dass reines Wasser nötig sei, man könne sich aber auch des Sumpfwassers bedienen. Man versteht leicht, dass alle diese Vorschriften von der Weisheit der ersten Seelenhirten abhingen, die sie aufstellten.
BEAU, BEAUTÉ – Schön, Schönheit
Fragen Sie eine Kröte, was Schönheit ist, das Schöne an sich, das to kalon*. Sie wird Ihnen antworten, dass es sein Weibchen ist, mit zwei großen runden Augen, die aus seinem kleinen Kopf hervorquellen, einem breiten und flachen Maul, einem gelben Bauch und einem braunen Rücken. Befragen Sie dann einen Neger aus Guinea, für ihn ist Schönheit eine schwarze ölige Haut, tiefliegende Augen, eine abgeplattete Nase.
Befragen Sie den Teufel, er wird Ihnen erklären, dass es schön ist, ein Paar Hörner, vier Krallen und einen Schwanz zu haben. Wenden Sie sich schließlich an die Philosophen, sie werden Ihnen mit verworrenem Geschwätz antworten, sie brauchen etwas, das dem Wesen nach dem Schönen an sich, dem to kalon, entspricht.
Eines Tages sah ich mir gemeinsam mit einem Philosophen eine Tragödie an. »Wie schön das ist!«, sagte er. »Was finden Sie denn daran schön?«, fragte ich ihn. »Ich finde es schön, weil der Autor mit seinem Werk seinen Zweck erreicht hat«, sagte er. Am nächsten Morgen nahm er ein Medikament ein, das ihm guttat. »Es hat seinen Zweck erreicht«, sagte ich zu ihm, »welch ein schönes Medikament!« Er verstand, dass man nicht sagen kann, dass ein Medikament schön ist, denn um einen Gegenstand schön zu nennen, muss er unsere Bewunderung und unser Wohlgefallen hervorrufen. Er gab zu, dass die Tragödie in ihm diese beiden Gefühle wachgerufen hatte und dass darin das to kalon verborgen war, das Schöne.
Wir machten eine Reise nach England. Dort spielte man das gleiche Stück in einer perfekten Übersetzung, es brachte alle Zuschauer zum Gähnen. »Oh, oh«, sagte er, »das to kalon ist für die Engländer nicht dasselbe wie für die Franzosen. Nachdem er lange darüber nachgedacht hatte, kam er zu dem Schluss, dass der Begriff des Schönen sehr relativ ist, wie auch das, was in Japan als anständig gilt, in Rom unanständig ist, und das, was in Paris Mode ist, ist es in Peking nicht, und er sparte sich die Mühe, eine lange Abhandlung über das Schöne zu verfassen.
BÊTES – Tiere
Wie jämmerlich, wie armselig ist es doch, wenn behauptet wird, die Tiere seien Maschinen, des Erkenntnisvermögens und der Gefühle beraubt, die ihre Handlungen immer auf die gleiche Weise ausführen, nichts lernen, nichts vervollkommnen usw.*!
Was? Dieser Vogel, der sein Nest im Halbkreis baut, wenn er es an einer Mauer befestigt, und im Viertelkreis, wenn er es in einem Winkel baut, und kreisförmig auf einem Baum; macht dieser Vogel alles auf die gleiche Weise? Dieser Jagdhund, den du drei Monate lang abgerichtet hast, weiß er am Ende dieser Zeit nicht mehr, als er vor deinem Unterricht wusste? Der Kanarienvogel, dem du eine Melodie beibringst, wiederholt er diese etwa sofort? Verwendest du nicht eine beträchtliche Zeit darauf, sie ihn zu lehren? Hast du nicht bemerkt, dass er sich irrt und sich korrigiert?
Kommst du deshalb zu dem Urteil, dass ich Gefühle, ein Gedächtnis, Vorstellungen habe, weil ich mit dir spreche? Nun gut, ich rede nicht mit dir; du siehst mich bekümmert bei mir zu Hause eintreten, unruhig nach einem Schriftstück suchen, den Schreibtisch öffnen, wo ich es meiner Erinnerung nach eingeschlossen hatte, es finden, es mit Freude lesen. Daraus schließt du, dass ich das Gefühl des Kummers und das der Freude empfunden, dass ich ein Erinnerungs- und ein Erkenntnisvermögen habe.
Beurteile also genauso diesen Hund, der seinen Herrn verloren hat, der ihn winselnd auf allen Wegen sucht, der aufgeregt ins Haus kommt, unruhig ist, nach unten und nach oben läuft, von Raum zu Raum, der schließlich den Herrn, den er liebt, in seinem Arbeitszimmer findet und diesem durch sein sanftes Bellen, seine Sprünge, seine Liebkosungen, seine Freude bezeigt.
Barbaren bemächtigen sich dieses Hundes, der in seinen Freundschaftsbezeugungen dem Menschen so sehr überlegen ist, nageln ihn auf einem Tisch fest und sezieren ihn bei lebendigem Leibe, um dir die mesaraische Vene* zu zeigen. Du entdeckst in ihm alle die gleichen Organe, die auch dich zur Empfindung befähigen. Antworte mir, Maschinist!* Hat die Natur etwa alle Anlagen zur Empfindung in diesem Tier angelegt, damit es nichts fühlt? Hat es Nerven, um empfindungslos zu sein? Behaupte nun bloß nicht, dass in der Natur solch krasse Ungereimtheiten vorkommen!
Aber die Lehrer der Philosophenschulen fragen, was denn nun die Seele der Tiere ist. Ich verstehe diese Frage nicht. Ein Baum hat die Fähigkeit, in allen seinen Fasern seinen Saft zu empfangen, der darin zirkuliert, er kann die Knospen seiner Blätter und seiner Früchte entfalten. Werdet Ihr mich jetzt fragen, was die Seele dieses Baumes ist?* Er ist mit diesen Fähigkeiten ausgestattet; das Tier hat die der Empfindungsfähigkeit, des Erinnerungsvermögens und eine gewisse Denkfähigkeit erhalten. Wer hat alle diese Gaben geschaffen? Wer hat die Tiere mit allen diesen Fähigkeiten ausgestattet? Derjenige, der das Gras auf den Feldern wachsen und die Erde um die Sonne rotieren lässt.
Die Seelen der Tiere sind substantielle Formen, sagte Aristoteles*, und nach Aristoteles die arabische Schule, und nach der arabischen Schule sagten es die Thomisten, und nach den Thomisten die Sorbonne, und nach der Sorbonne niemand mehr auf der Welt.
Die Seelen der Tiere sind materiell, posaunen andere Philosophen.* Doch diese hatten auch nicht mehr Erfolg als die anderen. Man hat sie vergebens gefragt, was eine materielle Seele ist. Sie müssen zugeben, dass Materie empfindet, doch wer hat ihr diese Empfindungen eingegeben? Materielle Seele heißt, dass es Materie ist, die der Materie Empfindungen verleiht, sie kommen aus diesem Zirkel nicht heraus.
Hört anderen Dummköpfen zu, wie sie über die Tiere urteilen. Nach ihnen ist die tierische Seele ein spirituelles Wesen, das mit dem Körper stirbt. Aber welchen Beweis habt Ihr dafür? Welche Vorstellung habt Ihr von diesem spirituellen Wesen, das eigentlich über Empfindungsfähigkeit, Erinnerungsvermögen und sein Maß an Vorstellungen und deren Kombination verfügt, aber niemals das wissen kann, was ein Kind von sechs Jahren weiß. Womit begründet Ihr die Vorstellung, dass dieses Wesen, das kein Körper ist, mit dem Körper zugrundegeht? Die größten Dummköpfe sind diejenigen, die vorgebracht haben, dass diese Seele weder Körper noch Geist ist. Das ist mir ein schönes System. Wir können uns unter Geist nur etwas Unbekanntes vorstellen, das kein Körper ist. So läuft das System dieser Herren darauf hinaus, dass die Seele der Tiere eine Substanz ist, die weder ein Körper ist noch etwas, das kein Körper ist.
Wo können so viele einander widersprechende Irrtümer bloß herkommen? Doch wohl nur von der Gewohnheit, die die Menschen schon immer hatten, zuerst zu untersuchen, was eine Sache ist, bevor man weiß, ob sie überhaupt existiert. Man nennt das Zünglein, das Ventil eines Blasebalgs die Seele des Blasebalgs. Was ist nun diese Seele? Es ist ein Name, den ich diesem Ventil gegeben habe, das sich senkt, die Luft einlässt, sich wieder aufrichtet und die Luft durch ein Rohr presst, wenn ich den Blasebalg in Bewegung setze.
Dort gibt es überhaupt keine von der Maschine verschiedene Seele. Doch wer bewegt den Blasebalg der Tiere? Ich habe es Euch bereits gesagt, derjenige, der die Sterne sich bewegen lässt. Der Philosoph, der gesagt hat Deus est anima brutorum,* hatte recht: Doch hätte er dabei nicht stehenbleiben sollen.
BIEN. SOUVERAIN BIEN – Das Gute. Das höchste Gut
In der Antike hat man sehr viel über das höchste Gut gestritten; genauso gut hätte man fragen können, was das absolute Blau ist oder das ideale Ragout, die reinste Form des Gehens oder des Lesens usw.
Jeder sieht das Gute dort, wo er vermag, und bekommt so viel davon, wie er – auf seine Art – bekommen kann.
Quid dem, quid non dem, renuis tu quod jubet alter.
Castor gaudet equis, ovo prognatus eodem pugnis. *
Das höchste Gut ist das, was uns in solchem Ausmaß ergötzt, dass es uns vollständig unfähig macht, noch irgendetwas anderes zu empfinden, ganz so, wie das größte Übel dasjenige ist, das so weit geht, uns aller Gefühle zu berauben. Dies sind die beiden Extreme der menschlichen Natur, und beide dauern sie nur einen kurzen Augenblick.
Es gibt weder extreme Wonnen noch extreme Qualen, die das ganze Leben andauern können: Das höchste Gut und das größte Übel sind beides Trugbilder.
Wir haben dazu die schöne Fabel von Krantor; er lässt den Reichtum, die Wollust, die Gesundheit und die Tugend bei den Olympischen Spielen erscheinen, und sie alle wollen den Apfel* haben. Der Reichtum sagt: »Ich bin das höchste Gut, denn mit mir kauft man alle Güter.« Die Wollust sagt: »Der Apfel gehört mir, denn man will den Reichtum nur haben, um mich zu besitzen.« Die Gesundheit versichert, dass es ohne sie keine Wollust gibt und dass der Reichtum überflüssig ist. Schließlich stellt es die Tugend so dar, dass sie über den drei anderen stehe, denn trotz Gold, Vergnügungen und Gesundheit könne das Leben erbärmlich sein, wenn man sich schlecht verhalte. Die Tugend bekam den Apfel.
Die Fabel ist sehr sinnig, doch ist sie keineswegs eine Antwort auf die absurde Frage nach dem höchsten Gut. Die Tugend ist kein Gut, sie ist eine Pflicht, sie ist von anderer Art, gehört zu einer höheren Ordnung; sie hat nichts mit schmerzvollen oder angenehmen Empfindungen zu tun. Wird der tugendhafte Mensch, den seine Koliken und die Gicht plagen, ohne Unterstützung, ohne Freunde, von einem wollüstigen Tyrannen, dem es seinerseits gut geht, des Notwendigsten beraubt, verfolgt und in Ketten gelegt, so ist er sehr unglücklich. Der unverschämte Verfolger aber, der auf seinem purpurnen Bett seine neue Geliebte streichelt, ist sehr glücklich. Sagen Sie, dass der verfolgte Weise seinem unverschämten Verfolger vorzuziehen ist, dass Sie den einen schätzen und den anderen verabscheuen, aber geben Sie zu, dass der Weise in seinen Ketten rasend wird vor Wut. Wenn der Weise das nicht zugibt, täuscht er uns – und ist ein Schwindler.
TOUT EST BIEN – Alles ist gut
Das gab einen schönen Tumult in den Fakultäten und sogar bei den Leuten, die ihre Vernunft gebrauchen, als Leibniz, Platon paraphrasierend, seine Konstruktion der besten aller möglichen Welten errichtete und sich vorstellte, dass alles zum Besten stehe.* Er saß da im Norden Deutschlands und beteuerte, dass Gott nur eine einzige Welt erschaffen konnte. Platon hatte ihm zumindest die Freiheit gelassen, fünf davon zu erschaffen:* aus dem Grunde nämlich, dass es nur fünf regelmäßige feste Körper gibt, den Tetraeder oder die dreiflächige Pyramide mit gleicher Grundfläche, den Würfel, den Hexaeder, den Dodekaeder, den Ikosaeder. Aber da unsere Welt nicht die Form eines dieser fünf Körper Platons hat, musste er Gott eine sechste erlauben.
Lassen wir nun den göttlichen Platon beiseite. Leibniz, der bestimmt ein besserer Geometer war als er und ein gründlicherer Metaphysiker, erwies also der Menschheit den Dienst, ihr klarzumachen, dass wir sehr zufrieden sein müssen und dass Gott nicht mehr für uns tun konnte, da er notwendigerweise von allen möglichen Lösungen die ausgewählt hatte, die unwidersprochen die beste ist.
»Und was wird dann aus der Erbsünde?«, schrie man ihm entgegen. »Es wird daraus werden, was daraus werden kann«, sagten Leibniz und seine Freunde, aber für die Öffentlichkeit schrieb er, dass die Erbsünde notwendigerweise zur besten aller Welten dazugehöre.*
Was! Man wird aus einem Ort der Freuden verjagt, wo man ewig hätte leben können, wenn man nicht einen Apfel gegessen hätte? Was! Im Elend elende Kinder zeugen, die alles erdulden müssen und andere alles werden erdulden lassen? Was! Alle Krankheiten durchmachen, allen Kummer verspüren, unter Schmerzen sterben und zur Erfrischung eine Jahrhunderte währende Ewigkeit in der Hölle schmoren; ist dieses Los wirklich das Beste, was es gab? Das ist nicht allzu gut für uns; und inwiefern kann das für Gott gut sein?
Leibniz erkannte, dass es darauf keine Antwort gab, deshalb schrieb er dicke Bücher, worin er sich selbst nicht auskannte.
Zu leugnen, dass es das Böse gibt, das kann sich lachend ein Lukullus erlauben, dem es gut geht und der mit seinen Freunden und seiner Geliebten im Apollo-Saal bei einem guten Essen sitzt; aber er braucht nur den Kopf aus dem Fenster zu strecken, da sieht er die Unglücklichen, und wenn er Fieber hat, gehört er selbst zu ihnen.
Ich zitiere nicht gern, normalerweise ist das ein schwieriges Geschäft; man vernachlässigt, was der zitierten Stelle vorausgeht und was ihr folgt, und man setzt sich tausend Streitereien aus. Dennoch muss ich jetzt den Kirchenvater Laktanz zitieren, der in seinem 13. Kapitel von Über den Zorn Gottes Epikur Folgendes sagen lässt: »Entweder will Gott diese Welt von dem Bösen befreien und kann es nicht, oder er kann es und will es nicht, oder er kann es nicht und will es auch nicht, oder schließlich er kann es und will es. Wenn er es will und nicht kann, ist es Ohnmacht, was der Natur Gottes widerspricht; wenn er es kann und nicht will, ist es Bosheit, und das widerspricht seiner Natur nicht weniger; wenn er es nicht will und nicht kann, ist es Bosheit und Ohnmacht zugleich; wenn er es will und kann (was von diesen Möglichkeiten die einzige ist, die auf Gott zutrifft), woher kommt dann das Böse auf der Welt?«*
Das Argument ist einleuchtend, deshalb antwortet Laktanz darauf sehr schlecht, wenn er sagt, dass Gott das Böse will, uns aber die Vernunft gegeben hat, mit der man das Gute bewirkt. Man muss zugeben, dass diese Antwort im Vergleich zu dem Einwand ziemlich schwach ist, denn sie setzt voraus, dass Gott uns die Vernunft nur verleihen konnte, indem er das Böse schuf; und dafür haben wir nun eine hübsche Vernunft!
Der Ursprung des Bösen war immer ein Abgrund, den niemand ergründen konnte. Das ist es, was so viele antike Philosophen und Gesetzgeber dazu brachte, ihre Zuflucht bei der Lehre von den zwei Prinzipien zu suchen, wovon das eine gut, das andere schlecht war. Bei den Ägyptern hieß das schlechte Prinzip Tiphon, bei den Persern Ahriman. Wie man weiß, übernahmen die Manichäer* diese Theologie, aber da diese Leute niemals weder mit dem guten noch dem schlechten Prinzip gesprochen hatten, muss man ihren Worten keinen Glauben schenken.
Unter den Absurditäten, die es auf dieser Welt im Überfluss gibt und die man zu der Unzahl unserer Übel hinzufügen kann, ist es kein geringer Unfug, dass man zwei allmächtige Wesen annahm, die sich darum schlagen, wer von beiden mit seinem Einsatz mehr in dieser Welt erreiche, und die wie die beiden Ärzte bei Molière einen Vertrag aushandeln: »Überlassen Sie mir das Brechmittel, dann überlasse ich Ihnen den Aderlass.«*
Bereits im ersten Jahrhundert der Kirche behauptete Basilides, den Platonikern folgend, dass Gott es seinen niedersten Engeln überlassen habe, unsere Erde zu erschaffen, und dass diese, da sie nicht geschickt waren, die Dinge so gemacht hätten, wie wir sie sehen. Diese theologische Fabel zerfällt durch den ausgezeichneten Einwand zu Staub, dass es der Natur eines allmächtigen und hochweisen Gottes nicht entspricht, eine Welt von Architekten aufbauen zu lassen, die nichts davon verstehen.
Simon, der den Einwand voraussah, kam ihm zuvor, indem er sagte, dass der Engel, der der Werkstatt vorstand, verdammt wurde, weil er seine Arbeit so schlecht erledigt habe. Aber der Flammentod dieses Engels nützt uns nichts.*
Das Abenteuer der Pandora bei den Griechen ist keine bessere Antwort auf den Einwand. Die Büchse, in der sich alle Übel befinden und auf deren Boden die Hoffnung übrig bleibt, ist wirklich eine bezaubernde Allegorie; aber diese Pandora wurde von Vulkan nur ins Leben gerufen, um sich an Prometheus zu rächen, der einen Menschen aus Schlamm erschaffen hatte.*
Die Inder haben es nicht besser getroffen. Nachdem Gott den Menschen erschaffen hatte, gab er ihm ein Heilmittel, das ihm zu immerwährender Gesundheit verhalf. Der Mensch belud seinen Esel mit dem Heilmittel, der Esel bekam Durst, die Schlange zeigte ihm eine Quelle, und während er trank, nahm die Schlange das Heilmittel an sich.
Die Syrer stellten sich vor, dass Mann und Frau im vierten Himmel geschaffen wurden und darauf verfielen, Fladenbrot statt Ambrosia zu essen, was ihre übliche Nahrung war. Ambrosia schwitzte sich durch die Poren aus, aber nachdem man Fladenbrot gegessen hat, hat man Stuhlgang. Der Mann und die Frau baten einen Engel, sie zu belehren, wo denn das gewisse Örtchen sei. Seht ihr, sagte der Engel, diesen kleinen, unscheinbaren Planeten da, etwa 60 Millionen Meilen von hier entfernt, dort ist das stille Örtchen des Universums, macht schnell, dass ihr hinkommt. Sie gingen hin, man ließ sie dort und seit dieser Zeit war unsere Welt das, was sie ist.
Man wird die Syrer immer wieder fragen, warum Gott erlaubte, dass der Mensch das Fladenbrot aß und sich daraus eine Menge abscheulicher Übel für uns ergab.
Rasch begebe ich mich nun aus diesem vierten Himmel zu Lord Bolingbroke, um mich nicht zu langweilen. Dieser Mann, der zweifellos ein großes Genie war, lieferte dem berühmten Pope die Vorlage zu Alles ist gut, die man tatsächlich Wort für Wort in den nachgelassenen Werken von Lord Bolingbroke findet und die Lord Shaftesbury zuvor in seine Characteristics eingefügt hatte. Lesen Sie bei Shaftesbury das Kapitel über die Moralisten, und Sie werden dort folgende Worte finden.
»Man kann viel auf diese Klagen über die Mängel der Natur erwidern. Wie konnte sie derart ohnmächtig und mangelhaft aus den Händen eines vollkommenen Wesens hervorgehen? Aber ich bestreite, dass sie mangelhaft ist … ihre Schönheit entsteht aus Widersprüchen, und die universale Harmonie wird aus ständigem Kampf geboren … Jedes Wesen muss anderen geopfert werden, die Pflanzen den Tieren, die Tiere der Erde … und die Gesetze der Anziehungskraft und der Schwerkraft, die den Himmelskörpern ihr Gewicht und ihre Bewegung verleihen, werden keineswegs einem schwächlichen Tier zuliebe durcheinandergebracht, das, so gut es auch durch dieselben Gesetze geschützt sein mag, bald wieder durch sie zu Staub verwandelt wird.«*
Bolingbroke, Shaftesbury und Pope, derjenige, der ihre Ideen umsetzte, lösen das Problem nicht besser als die anderen: Ihr alles ist gut besagt nichts anderes, als dass alles von unveränderlichen Gesetzen bestimmt wird. Wer weiß das nicht? Ihr lehrt uns nichts Neues, wenn ihr wie alle kleinen Kinder feststellt, dass die Fliegen geboren werden, um von den Spinnen gefressen zu werden, die Spinnen von den Schwalben, die Schwalben von den Sperbern, die Sperber von den Adlern, die Adler wiederum, um von den Menschen getötet zu werden, und die Menschen, um sich gegenseitig zu töten und von den Würmern gefressen zu werden und anschließend von den Teufeln, die Chancen dafür stehen zumindest tausend zu eins.
Das ist eine klare und dauerhafte Ordnung unter den Tieren jeglicher Art. Überall herrscht Ordnung. Wenn sich ein Stein in meiner Blase bildet, ist das ein bewundernswerter Mechanismus. Steinbildende Säfte dringen nach und nach in mein Blut, werden in den Nieren gefiltert, laufen durch die Harnröhre, wandern in meine Blase und dank der großartigen Newtonschen Anziehungskraft sammeln sie sich dort an. Ein Stein bildet sich, wird größer, und durch diese allerschönste Einrichtung der Welt leide ich Schmerzen, die tausendmal schlimmer sind als der Tod. Ein Chirurg, der die Kunst, die einst Tubal-Kain* erfunden hatte, perfektionierte, fährt mit einem spitzen Messer in mich und schneidet in meinen Damm, ergreift den Stein mit seiner Pinzette, der Stein zerbricht gemäß einem notwendigen Mechanismus dank seiner Bemühungen, und durch denselben Mechanismus sterbe ich unter abscheulichen Qualen. Dies alles ist gut, dies alles ist die offensichtliche Folge unabänderlicher physikalischer Prinzipien, ich bin einverstanden, und ich wusste es, ebenso gut wie ihr auch.
Wenn wir keine Gefühle hätten, gäbe es gegen diese Art der Physik nichts einzuwenden. Aber das ist es nicht, worum es hier geht; wir fragen euch, ob es keine fühlbaren Übel gibt und woher sie kommen. »Es gibt überhaupt keine Übel«, sagt Pope in seinem 4. Brief über den Satz Alles ist gut. »Wenn es denn einzelne Übel gibt, so bilden sie in ihrer Gesamtheit das allgemeine Wohl.«*
Das ist schon ein recht eigenartiges allgemeines Wohl, das aus dem Nierenstein, der Gicht, allen Verbrechen, allen Leiden, dem Tod und der Verdammnis besteht.
Der Sündenfall ist die Salbe, die wir bei allen diesen einzelnen Krankheiten des Körpers und der Seele auftragen, die ihr allgemeines Wohlbefinden nennt. Doch Shaftesbury und Bolingbroke ist die Erbsünde gleichgültig. Pope spricht überhaupt nicht davon. Es ist offensichtlich, dass ihr System das Fundament der christlichen Religion untergräbt und überhaupt nichts erklärt.
Dennoch wurde dieses System vor Kurzem von mehreren Theologen, die bereitwillig Widersprüche zulassen, gutgeheißen. Recht so, denn man sollte niemandem den Trost missgönnen, so gut er kann über die Sintflut an Übeln, die uns überschwemmt, nachzudenken. Es ist richtig, die unheilbar Kranken essen zu lassen, was sie wollen. Man ist sogar so weit gegangen zu behaupten, dass dieses System tröstlich sei. »Gott«, so sagt Pope, »sieht mit einem und demselben Auge den Helden und den Spatz zugrunde gehen, ein Atom oder tausend Planeten auf den Zerfall zusteuern, eine Seifenkugel oder eine Welt sich bilden.«*
Das ist, wie ich zugebe, ein angenehmer Trost; findet ihr im Rezept von Lord Shaftesbury, der sagt, dass Gott seine ewigen Gesetze nicht wegen eines armseligen Tieres wie dem Menschen durcheinanderbringen wird, etwa nicht ein außerordentliches Beruhigungsmittel? Man muss diesem armseligen Tier zumindest zubilligen, dass es berechtigt ist, untertänigst aufzuschreien und beim Schreien zu verstehen, warum diese ewigen Gesetze nicht für das Wohlergehen jedes Individuums gemacht sind?
Jenes System des Alles ist gut stellt den Schöpfer der gesamten Natur nur als mächtigen und bösartigen König dar, den es nicht kümmert, wenn er vier- oder fünfhunderttausend Menschen das Leben kostet und die anderen unter Hungersnot und Tränen dahinvegetieren, vorausgesetzt, er erreicht seine Zwecke.
Die Auffassung, dass dies die beste aller Welten sei, ist weit davon entfernt, tröstlich zu sein, sie bringt die Philosophen, die für sie Partei ergreifen, zur Verzweiflung. Die Frage nach Sinn und Zweck von Gutem und Bösem bleibt für die, die in gutem Glauben darüber forschen, ein unentwirrbares Chaos. Für diejenigen, die diskutieren, ist es eine Denksportaufgabe: Sie sind Galeerensklaven, die mit ihren Ketten spielen. Dem Volk, das nicht nachdenkt, geht es so ähnlich wie den Fischen, die man aus einem Fluss in ein Wasserbecken transportiert. Sie haben nicht die geringste Ahnung davon, dass sie dort sind, um in der Fastenzeit verspeist zu werden. Ebenso wissen wir selbst überhaupt nichts über die Ursachen unseres Schicksals.
Setzen wir nun ans Ende, wie an das fast aller Kapitel über die Metaphysik, die beiden Buchstaben, welche die römischen Richter setzten, wenn sie einen Fall nicht durchschauten, N. L., non liquet, das ist nicht klar.
BORNES DE L’ESPRIT HUMAIN – Die Grenzen des menschlichen Geistes
Sie sind überall, armer Doktor. Willst du wissen, wie dein Arm und dein Fuß deinem Willen gehorchen und wie deine Leber diesem nicht gehorcht? Versuchst du herauszufinden, wie der Gedanke sich in deinem kümmerlichen Verstand bildet, und wie dieses Kind in der Gebärmutter dieser Frau? Ich lasse dir Zeit, meine Frage zu beantworten: Was ist Materie? Deinesgleichen hat zehntausend Bände über diesen Gegenstand geschrieben. Sie haben einige Eigenschaften dieser Substanz herausgefunden. Die Kinder kennen sie genauso gut wie du. Aber was ist diese Substanz im Grunde genommen? Und was ist, was du nach dem lateinischen Wort, das Atem* bedeutet, esprit genannt hast, wozu dir auch nichts Besseres einfällt, weil du dir nichts darunter vorstellen kannst?
Betrachte dieses Weizenkorn, das ich auf den Boden werfe, und sage mir, wie es sich aufrichtet und einen Halm erzeugt, der mit einer Ähre besetzt ist. Lehre mich, wie die gleiche Erde einen Apfel oben in diesem Baum hier hervorbringt und eine Kastanie an dem Nachbarbaum. Ich könnte dir einen Folianten mit Fragen füllen, die du wahrscheinlich nur mit vier Wörtern beantworten würdest: Darüber weiß ich nichts.
Und dennoch hast du deine akademischen Würden erhalten, du bist damit überhäuft worden, und einen Doktorhut hast du auch, und man nennt dich einen Lehrer. Und dieser andere hochnäsige Dummkopf, der sich ein Amt gekauft hat, glaubt, dass er damit auch das Recht gekauft habe, darüber zu urteilen und zu missbilligen, was er nicht versteht.
Montaignes Devise war Was weiß ich?,* und deine ist Was weiß ich nicht?
CARACTÈRE – Charakter
Das Wort kommt aus dem Griechischen, es bedeutet »Eindruck«, »Prägung«. Der Charakter ist unsere Prägung durch die Natur, ob wir sie auslöschen können, das ist die große Frage. Wenn ich eine schiefe Nase und zwei Katzenaugen habe, kann ich sie mit einer Maske verbergen. Kann ich stärker auf den Charakter einwirken, den mir die Natur gegeben hat? So wird ein Mann, der von Geburt an ungestüm und leicht aufbrausend war, bei Franz I., dem König Frankreichs, vorstellig, weil er sich über eine ungerechtfertigte Bevorzugung beschweren will. Das Gesicht des Königs, die respektvolle Haltung der Höflinge, der Ort selbst, an dem er sich befindet, machen einen starken Eindruck auf diesen Mann. Er senkt unwillkürlich den Blick, seine raue Stimme wird sanfter, er bringt sein Anliegen demütig vor, man könnte ihn für von Geburt an genauso sanft halten wie es (zumindest in diesem Augenblick) die Höflinge sind, in deren Mitte er sogar verunsichert ist. Doch wenn Franz I. sich mit Physiognomien auskennt, entdeckt er leicht in seinen Augen, die gesenkt sind, in denen aber ein finsteres Feuer glimmt, an den angespannten Muskeln seines Gesichts, an den aufeinander gepressten Lippen, dass dieser Mann nicht so sanft ist, wie er sich gezwungenermaßen geben muss. Dieser Mann folgt ihm nach Pavia, wird mit ihm zusammen festgenommen und kommt mit ihm in Madrid ins Gefängnis.* Die Majestät von Franz I. macht auf ihn nicht mehr den gleichen Eindruck, er wird mit dem Gegenstand seiner Verehrung vertraut. Eines Tages, als er dem König die Stiefel auszieht und sich dabei ungeschickt anstellt, wird der König, verärgert über sein Missgeschick, wütend, unser Mann schickt ihn zum Teufel und wirft seine Stiefel aus dem Fenster.
Sixtus V. war von Geburt an aufbrausend, eigensinnig, hochmütig, heftig, rachsüchtig und anmaßend. Diese Charakterzüge scheinen sich bei den Prüfungen während seines Noviziats abgemildert zu haben. Kaum beginnt er jedoch in seinem Orden etwas an Ansehen zu gewinnen, regt er sich über einen Klostervorsteher auf und streckt ihn mit Faustschlägen nieder. Als Inquisitor in Venedig versieht er sein Amt voller Anmaßung. Er wird Kardinal und ist besessen della rabbia papale*: Diese leidenschaftliche Hingabe lässt ihn sein Naturell bezwingen. Er umgibt seine Person und seinen Charakter mit einem undurchdringlichen Schleier, er gibt sich demütig und dem Tode nahe. Man wählt ihn zum Papst. Dieser Augenblick gibt seiner Tatkraft, die er aus politischen Gründen den Umständen angepasst hatte, allen lange Zeit zurückgehaltenen Schwung wieder. Er ist der stolzeste und despotischste aller Herrscher.
Naturam expellas furca tamen ipsa redibit.*
Religion und Moral können die Gewalt des Naturells in Grenzen halten, aber sie können es nicht zerstören. Der Säufer, der sich im Kloster mit einem Viertelliter Apfelwein pro Mahlzeit begnügen muss, wird sich nicht mehr betrinken, den Wein aber wird er immer lieben.
Das Alter schwächt den Charakter ab, es ist wie mit einem Baum, der nur noch einige degenerierte Früchte trägt, aber sie sind immer noch von der gleichen Art. Sein Stamm wird knotig und ist moosbedeckt, sein Holz wird wurmstichig, aber er ist immer noch Eiche oder Birnbaum. Wenn man seinen Charakter ändern könnte, dann gäbe man sich selbst einen und wäre damit Herr über die Natur. Kann man sich aber selbst etwas geben? Erhalten wir nicht alles? Versucht doch einmal, den Phlegmatiker zu einer kontinuierlichen Aktivität zu veranlassen, die kochende Seele des Heißsporns durch Apathie zu Eis erstarren zu lassen, demjenigen, der keinen Geschmack und kein Gehör hat, Sinn für Musik und Poesie beizubringen. Ihr werdet dabei nicht mehr erreichen, als wenn ihr versuchtet, einem blind Geborenen das Augenlicht zu geben. Wir vervollkommnen, wir mildern, wir verstecken, was die Natur in uns angelegt hat, aber wir sind es nicht, die diese Veranlagungen schaffen.
Man sagt zu einem Landwirt: »Sie haben zu viele Fische in Ihrem Fischteich, so werden sie nicht gedeihen. Es gibt zu viele Tiere auf Ihren Weiden, es fehlt an Gras, sie werden abmagern.« Nach dieser Ermahnung kann es vorkommen, dass die Hechte die Hälfte der Karpfen auffressen und die Wölfe die Hälfte der Schafe, der Rest wird dann fett. Wird sich der Bauer zu seinem wirtschaftlichen Erfolg beglückwünschen? Dieser Landwirt bist jedoch du selber. Eine deiner Leidenschaften hat die anderen aufgezehrt, und du glaubst, über dich triumphiert zu haben. Ähneln wir nicht alle jenem alten General von neunzig Jahren, der, als er einige junge Offiziere traf, die mit leichten Mädchen ein bisschen liederlich lebten, wütend zu ihnen sagte; »Meine Herren, ist das etwa das Beispiel, das ich Ihnen gebe?«
CERTAIN, CERTITUDE – Gewiss, Gewissheit
»Wie alt ist Ihr Freund Christoph?« »Achtundzwanzig Jahre. Ich habe seinen Ehevertrag und seinen Taufschein gesehen, ich kenne ihn seit seiner Kindheit; er ist achtundzwanzig Jahre alt, ich habe die Gewissheit, ich bin mir gewiss.«
Kaum habe ich die Antwort dieses Mannes vernommen, der sich dessen, was er sagt, so sicher ist, und von zwanzig anderen, die dasselbe bestätigen, da erfahre ich, dass man aus geheimen Gründen mit einem einzigartigen Trick Christophs Taufschein vordatiert hat. Diejenigen, mit denen ich gesprochen hatte, wissen davon noch nichts; sie haben immer noch die Gewissheit von etwas, das nicht so ist.
Hätte man vor der Zeit von Kopernikus die Leute auf der ganzen Welt gefragt: »Ist die Sonne heute aufgegangen, ist sie untergegangen?«, so hätten alle Leute geantwortet: »Wir sind uns dessen ganz sicher«; sie waren sich sicher und sie befanden sich dennoch im Irrtum.
Die Zauberei, das Wahrsagen, Wahngebilde sind in den Augen aller Völker lange Zeit die sicherste Sache auf der Welt gewesen; welche unabsehbar große Menge von Menschen hat alle diese schönen Dinge gesehen und war sich deren sicher! Heute hat diese Gewissheit ein wenig nachgelassen.
Ein junger Mann, der mit dem Studium der Geometrie beginnt, sucht mich auf. Er ist erst bis zu der Definition von Dreiecken gekommen. »Sind Sie sich nicht sicher«, so frage ich ihn, »dass die drei Winkel eines Dreiecks so groß wie zwei rechte Winkel sind?« Er erwidert mir, er sei sich dessen nicht nur keineswegs sicher, sondern er habe sogar noch nicht einmal eine klare Vorstellung von diesem Lehrsatz. Ich beweise ihn ihm, so wird er sich seiner ganz sicher und wird es sein Leben lang bleiben.
Hier gibt es eine von den anderen sehr unterschiedliche Gewissheit; diese waren nur Wahrscheinlichkeiten und entpuppten sich bei näherer Untersuchung als Irrtümer, doch die mathematische Gewissheit ist unwandelbar und ewig.
Ich existiere, ich denke, ich empfinde Schmerz, ist all dies ebenso sicher wie eine geometrische Wahrheit? Ja. Weshalb? Deshalb, weil diese Wahrheiten nach dem gleichen Prinzip bewiesen sind, dass eine Sache nämlich nicht gleichzeitig sein und nicht sein kann.* Ich kann nicht gleichzeitig existieren und nicht existieren, empfinden und nicht empfinden. Ein Dreieck kann nicht gleichzeitig eine Winkelsumme von hundertachtzig Grad haben, was zwei rechten Winkeln entspricht, und sie nicht haben.
Die physische Gewissheit meiner Existenz, meines Empfindens und die mathematische Gewissheit sind also von gleichem Wert, obgleich sie von verschiedener Art sind.
Mit der Gewissheit, die durch den Augenschein begründet ist oder durch übereinstimmende Berichte, wie sie uns Menschen erstatten, ist es nicht dasselbe.
»Aber«, wird man mir entgegenhalten, »sind Sie sich nicht sicher, dass Peking existiert? Haben Sie keine Stoffe aus Peking bei sich zu Hause? Haben Sie etwa nicht Menschen aus verschiedenen Ländern und verschiedener Meinung, die heftig gegeneinander geschrieben haben, aber alle in Peking die Wahrheit predigten, haben die Sie nicht der Existenz dieser Stadt versichert?« Darauf antworte ich, dass es mir äußerst wahrscheinlich erscheint, dass es damals eine Stadt Peking gab, ich aber nicht mein Leben verwetten möchte, dass diese Stadt existiert. Hingegen würde ich, wann immer man mich fragte, mein Leben dafür einsetzen, dass die drei Winkel eines Dreiecks genauso groß sind wie zwei rechte Winkel.
Man hat in der Enzyklopädie eine sehr amüsante Geschichte abgedruckt; man behauptet dort, dass ein Mensch sich ebenso sicher, ebenso gewiss sein müsste, dass der Marschall von Sachsen wiederauferstanden ist, wenn ganz Paris ihm das erzählt, wie er sich sicher ist, dass der Marschall von Sachsen die Schlacht von Fontenoy* gewonnen hat, wenn ganz Paris es ihm sagt. Sehen Sie sich doch bitte diese wunderbare Argumentation an; ich glaube ganz Paris, wenn man mir etwas erzählt, das allem Anschein nach möglich ist, also muss ich den Parisern auch glauben, wenn man mir etwas erzählt, das weder dem Anschein nach noch physikalisch möglich ist.
Allem Anschein nach hat der Autor dieses Artikels seinen Spaß haben wollen, und der andere Autor, der am Ende dieses Artikels in Begeisterung gerät, schreibt gegen sich selbst und wollte auch lachen.*
CHAÎNE DES ÉVÈNEMENTS – Die Kette der Ereignisse
Vor langer Zeit hat man behauptet, alle Ereignisse seien mit unabwendbarer Zwangsläufigkeit miteinander verkettet; es ist das Schicksal, dem bei Homer sogar Zeus sich zu beugen hat. Derjenige, der über Götter und Menschen bestimmt, erklärt kurz und bündig, er könne nicht verhindern, dass sein Sohn Sarpedon* zu vorgegebener Zeit stirbt. Sarpedon wurde in dem Augenblick geboren, als er geboren werden musste, und konnte in keinem anderen zur Welt kommen; er konnte nirgendwo anders sterben als vor Troja; er konnte nirgendwo anders beerdigt werden als in Lykien; sein Körper musste zur vorgegebenen Zeit Gemüse hervorbringen, das sich in die Nahrung einiger Lykier verwandeln musste; seine Erben mussten eine neue Ordnung in seinem Staat einrichten; diese neue Ordnung musste sich auf die benachbarten Königreiche auswirken; daraus ergab sich ein neues Abkommen über Krieg und Frieden mit den Nachbarn der Nachbarn Lykiens: Auf diese Weise hing nach und nach das Schicksal der ganzen Erde vom Tode Sarpedons ab, der seinerseits von einem anderen Ereignis abhing, das wiederum durch andere mit dem Ursprung aller Dinge verbunden war.
Wäre ein einziges dieser Ereignisse anders verlaufen, wäre daraus ein anderes Universum hervorgegangen: Nun war es aber nicht möglich, dass das jetzige Universum existiert und nicht existiert, deshalb war es Zeus nicht möglich, das Leben seines Sohnes zu retten, ungeachtet dessen, dass er Zeus war.
Dieses System der Notwendigkeit und der Unabwendbarkeit der Ereignisse wurde nach dem, was er sagt, zu unserer Zeit von Leibniz als das erfunden, was er den zureichenden Grund nennt; es ist jedoch schon sehr alt; es ist nicht erst heute so, dass es keine Wirkung ohne Ursache gibt und häufig die kleinste Ursache die größten Wirkungen hervorbringt.
Lord Bolingbroke gibt zu, dass die kleinen Streitigkeiten zwischen Lady Marlborough und Lady Masham ihm die Gelegenheit verschafften, den Einzelvertrag der Königin Anne mit Ludwig XIV. abzuschließen:* Dieser Vertrag führte zum Frieden von Utrecht; dieser Frieden von Utrecht bestätigte wiederum Philipp V. auf dem Thron Spaniens. Philipp V. nahm dann Österreich Neapel und Sizilien ab; der spanische Prinz, der heute König von Neapel ist, verdankt ganz offensichtlich sein Königreich Lady Masham und hätte es nicht bekommen und wäre vielleicht nicht einmal geboren worden, wenn die Herzogin von Marlborough der Königin von England mehr entgegengekommen wäre; seine Existenz in Neapel hing also von einer Dummheit mehr oder weniger am Hofe von London ab. Untersuchen Sie die Situationen aller Völker auf der Welt, sie beruhen derart auf einer Folge von Geschehnissen, die von nichts abzuhängen scheinen und die von allem abhängen. Alles an dieser immensen Maschine sind Zahnräder, Flaschenzüge, Zugseile, Federn.
Mit der physikalischen Ordnung ist es dasselbe. Ein Wind, der aus den Tiefen Afrikas und den südlichen Meeren kommt, bringt einen Teil der afrikanischen Atmosphäre mit, die sich dann als Regen in den Alpentälern niederschlägt; diese Regen befruchten unsere Böden; unser Nordwind seinerseits schickt unsere Dünste zu den Negern; wir tun Guinea Gutes, und Guinea tut uns seinerseits Gutes. Die Kette reicht vom einen Ende der Welt zum anderen.
Mir scheint jedoch, dass man die Wahrheit dieses Prinzips auf merkwürdige Weise missbraucht. Man schließt daraus, dass es kein noch so kleines Atom gibt, dessen Bewegung nicht die augenblickliche Anordnung der ganzen Welt beeinflusst hat; dass es keinen noch so kleinen Zufall gibt, der nicht, sei es bei den Menschen, sei es bei den Tieren, ein wesentliches Glied der großen Kette des Schicksals ist.
Verstehen wir uns recht: Jede Wirkung hat natürlich ihre Ursache, wenn man sie von Ursache zu Ursache bis in den Abgrund der Ewigkeit zurückverfolgt; aber nicht jede Ursache hat ihre Wirkung, wenn man ihr bis an das Ende aller Zeiten folgt. Zugegeben, alle Ereignisse wurden voneinander hervorgebracht; wenn die Vergangenheit die Gegenwart geboren hat, wird die Gegenwart die Zukunft gebären; alles hat einen Vater, aber nicht alles hat immer Kinder. Es ist hier genauso wie mit einer Ahnentafel; jeder Stammbaum geht, wie man weiß, auf Adam zurück, aber in der Familie gibt es sehr wohl Leute, die gestorben sind, ohne Nachkommen zu hinterlassen.
Die Ereignisse auf dieser Welt haben einen Stammbaum. So ist es unbestreitbar, dass die Einwohner von Gallien und die von Spanien von Gomer abstammen; und die Russen von Magog, seinem jüngeren Bruder: Man findet diese Genealogie in so vielen dicken Büchern!* Von daher kann man nicht leugnen, dass wir Magog die sechzigtausend Russen verdanken, die heute in der Nähe von Pommern in Waffen stehen, und die sechzigtausend Franzosen, die sich in der Nähe von Frankfurt aufhalten. Ich sehe aber nicht ein, weshalb es Einfluss auf den Entschluss der Kaiserin Elisabeth von Russland gehabt haben soll, Maria-Theresia, der Kaiserin des Römischen Reiches, eine Armee zu Hilfe zu schicken, dass Magog rechts oder links vom Kaukasus ins Wasser gespuckt hat, zwei oder drei Runden in einem Brunnen gelaufen ist und auf der linken oder rechten Seite geschlafen hat. Ob nun mein Hund, wenn er schläft, träumt oder nicht, ich kann nicht die Beziehung entdecken, die diese wichtige Geschichte zu der des Großmoguls haben könnte.
Man muss bedenken, dass in der Natur nicht alles aus festen Körpern besteht und dass nicht jede Bewegung sich so vom einen zum anderen und nach und nach überträgt, bis sie ihren Weg um die Welt gemacht hat. Werfen Sie mal einen Körper von gleicher Dichte ins Wasser, Sie können sich leicht ausrechnen, dass nach einiger Zeit die Bewegung dieses Körpers und die, die er dem Wasser mitgeteilt hat, aufgehört haben.* Die Bewegungen verlieren und erneuern sich wieder; daher kann die Bewegung, die Magog auslösen konnte, indem er in einen Brunnen spuckte, nicht auf das eingewirkt haben, was heute in Russland und in Preußen geschieht. Also sind die heutigen Ereignisse nicht die Kinder all der vergangenen Ereignisse; sicher gibt es direkte Verbindungslinien, aber tausend kleine Seitenlinien sind zu gar nichts nütze. Noch einmal, jedes Lebewesen hat seinen Vater, aber nicht jedes Lebewesen hat Kinder: Wir werden vielleicht mehr darüber sagen, wenn vom Schicksal die Rede ist.
CHAÎNE DES ÊTRES CRÉÉS – Die Kette der geschaffenen Lebewesen
Das erste Mal, als ich Platon las und von jener Stufenfolge der Lebewesen erfuhr, die vom leichtesten Atom bis zum höchsten Wesen aufsteigen, erregte diese Stufenleiter meine Bewunderung; aber bei aufmerksamer Betrachtung verschwand dieses großartige Phantom, wie sich in früheren Zeiten am Morgen beim ersten Hahnenschrei alle Gespenster verflüchtigten.
Der Vorstellungskraft gefällt es zunächst, den kaum wahrnehmbaren Übergang von der rohen Materie zur organisierten Materie zu sehen, von den Pflanzen zu den Zoophyten*, von diesen Zoophyten zu den Tieren, von ihnen zum Menschen, von den Menschen zu den Geistern und dann von diesen Geistern, die von einem kleinen, luftartigen Körper umhüllt sind, hin zu den immateriellen Substanzen; und schließlich tausend verschiedene Ordnungen dieser Substanzen, die sich von der Schönheit in höchster Vollendung bis zu Gott selbst erheben. Diese Hierarchie gefällt den guten Leuten sehr, die glauben, darin den Papst und seine Kardinäle gefolgt von den Erzbischöfen und Bischöfen zu sehen; nach denen kommen dann die Pfarrer, die Vikare, die einfachen Priester, die Diakone, die Unterdiakone, dann tauchen die Mönche auf, und das Ende der Prozession bilden die Kapuziner.
Aber der Abstand zwischen Gott und seinen vollkommensten Geschöpfen ist etwas größer als der zwischen dem Heiligen Vater und dem Dekan des heiligen Kollegiums: Dieser Dekan kann Papst werden, doch der vollkommenste aller vom höchsten Wesen geschaffenen Geister kann nicht Gott werden; zwischen ihm und Gott befindet sich die Unendlichkeit.
Diese Kette, diese angebliche Abstufung, existiert bei den Pflanzen ebenso wenig wie bei den Tieren; der Beweis dafür ist, dass es Pflanzen- und Tierarten gibt, die vernichtet wurden. Es gibt keine Stachelschnecken mehr. Es war verboten, Greif und Ixion zu essen.* Diese beiden Arten sind von dieser Erde verschwunden, was Bochart auch darüber sagen mag:* Wo ist also die Kette?
Selbst wenn wir nicht schon einige Arten verloren hätten, ist es offensichtlich, dass man welche vernichten kann. Die Löwen, die Nashörner beginnen sehr selten zu werden.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass es Menschenrassen gegeben hat, die man nicht mehr vorfindet; aber ich nehme an, dass sie alle existiert haben, wie die Weißen, die Neger, die Kaffern, denen die Natur eine Schürze aus ihrer Haut gegeben hat, die von ihrem Bauch bis zur Hälfte der Schenkel herabhängt; die Samoyaden, bei denen die Brustwarzen der Frauen eine schöne Ebenholzfarbe haben, usw.
Besteht nicht deutlich sichtbar eine Leerstelle zwischen dem Affen und dem Menschen? Drängt es sich nicht auf, sich ein Tier mit zwei Beinen und ohne Federn vorzustellen, das intelligent wäre, aber weder über den Gebrauch der Sprache noch unser Aussehen verfügte, das wir zähmen könnten, das auf unsere Zeichen reagierte und uns zu Diensten wäre? Und könnte man sich zwischen dieser neuen Art und den Menschen nicht noch andere vorstellen?
Jenseits der Menschen bringen Sie, göttlicher Platon, im Himmel eine Reihe himmlischer Wesen unter; unsereins glaubt an einige dieser Wesen, weil der Glaube es uns lehrt. Sie aber, welchen Grund haben Sie, daran zu glauben? Sie haben anscheinend nicht mit dem Geist des Sokrates gesprochen; und dieser brave alte Heres, der eigens zu neuem Leben erwachte, nur um Sie die Geheimnisse des Jenseits zu lehren, hat Ihnen nichts über diese Wesen beigebracht?*
Das ändert aber nichts daran, dass diese angebliche Kette im wahrnehmbaren Universum unterbrochen ist.
Welche Abstufung besteht, bitte, zwischen Ihren Planeten? Der Mond ist vierzigmal kleiner als unsere Erdkugel. Wenn Sie vom Mond aus durch die Leere gereist sind, treffen Sie auf die Venus, sie ist ungefähr so groß wie die Erde. Von da aus gehen Sie zum Merkur, er dreht sich in einer Ellipse, die sehr verschieden ist von der Kreisbahn, die die Venus durchläuft; er ist siebenundzwanzigmal kleiner als wir, die Sonne eine Million Mal größer, der Mars fünfmal kleiner; dieser durchläuft seine Bahn in zwei Jahren, Jupiter, sein Nachbar, die seine in zwölf, Saturn in dreißig; und dann ist Saturn, der entfernteste von allen, nicht so groß wie Jupiter.* Wo ist da die angebliche Abstufung?
Sodann, wie soll es denn in den weiten leeren Räumen eine Kette geben, die alles verbindet? Wenn es eine gibt, dann ist es sicher die, die Newton entdeckt hat; sie ist es, die alle Himmelskörper der Planetenwelt in dieser ungeheuren Leere umeinander kreisen lässt.
Oh, so sehr bewunderter Platon! Sie haben nur Fabeln erzählt, und es ist von den Cassideriden-Inseln*, wo zu Ihrer Zeit die Menschen ganz nackt umherliefen, ein Philosoph gekommen, der die Welt Wahrheiten lehrte, die ebenso groß waren wie Ihre Vorstellungen kindisch.
LE CIEL DES ANCIENS – Der Himmel in der Antike
Wenn eine Seidenraupe dem zarten Gespinst, das ihr Gehäuse umgibt, den Namen Himmel gäbe, würde sie, wie Fontenelle sehr gut in seinen Unterhaltungen über die Vielzahl der Welten bemerkt hat, genauso argumentieren, wie es alle in der Antike taten, als sie die Atmosphäre, das Gespinst um unser Gehäuse, Himmel nannten.*
Die Dämpfe, die aus unseren Meeren und unserer Erde aufsteigen und Wolken, Meteore und Donner bilden, galten zunächst als Wohnung der Götter. Bei Homer fahren die Götter immer auf goldenen Wolken herunter; daher kommt es, dass die Maler sie auch heute noch auf einer Wolke sitzend malen; aber da es sich wohl so gehörte, dass es dem Obersten der Götter besser ergehe als den anderen, gab man ihm einen Adler, um ihn zu tragen, denn der Adler fliegt höher als alle anderen Vögel.
Da die alten Griechen sahen, dass die Herrscher über die Städte in Zitadellen hoch oben auf irgendeinem Berg wohnten, so meinten sie, die Götter könnten auch eine Zitadelle haben, und platzierten sie in Thessalien auf dem Berg Olymp, dessen Gipfel manchmal von Wolken verborgen ist, so dass der Götterpalast auf gleicher Höhe wie ihr Himmel lag.
Die Sterne und Planeten, die am blauen Gewölbe unserer Atmosphäre befestigt zu sein scheinen, wurden dann die Wohnungen der Götter. Sieben von ihnen hatten ein jeder seinen eigenen Planeten, die anderen wohnten, wo sie konnten. Der allgemeine Götterrat wurde in einem großen Saal abgehalten, den man über die Milchstraße erreichte, denn die Götter mussten einen Sitzungssaal in der Luft haben, da die Menschen auf der Erde ihre Rathäuser hatten.
Als die Titanen, eine Art von Lebewesen zwischen Göttern und Menschen, diesen Göttern einen ziemlich gerechten Krieg erklärten, um einen Teil ihres väterlichen Erbes zurückzufordern, weil sie Söhne des Himmels und der Erde waren, türmten sie nur zwei oder drei Berge übereinander, in der Meinung, dass dies sehr wohl ausreiche, um sich zu Herren über den Himmel und den Sitz der Götter auf dem Olymp zu machen.
Neve foret terris securior arduus aether,
Affectasse ferunt regnum coeleste gigantas
Altaque congestos struxisse ad sidera montes. *
Diese Physik für Kinder und alte Weiber stammte aus unvordenklichen Zeiten. Es ist jedoch sicher, dass die Chaldäer ebenso vernünftige Vorstellungen wie wir von all dem hatten, was man den Himmel nennt, sie setzten die Sonne in das Zentrum unseres planetarischen Systems, ungefähr in der Entfernung von unserem Erdball, wie wir sie festgestellt haben. Sie ließen die Erde und alle Planeten um dieses Gestirn kreisen. Das jedenfalls lehrt uns Aristarchos von Samos. Nach diesem Modell funktioniert die Welt wirklich, und Kopernikus hat es seither ergänzt. Aber die Philosophen behielten das Geheimnis für sich, damit sie von den Königen und dem Volk mehr respektiert wurden, oder vielmehr, um nicht verfolgt zu werden.
Die Sprache des Irrtums ist den Menschen so vertraut, dass wir noch immer unsere Dünste und den Raum zwischen der Erde und dem Mond mit dem Namen Himmel bezeichnen. Wir sagen »zum Himmel aufsteigen«, wie wir auch sagen, dass die Sonne sich dreht, obgleich man sehr wohl weiß, dass sie sich nicht dreht. Wahrscheinlich sind wir für die Mondbewohner der Himmel, und von jedem Planeten sieht der benachbarte Planet wie der Himmel aus.
Wenn man Homer gefragt hätte, in welchen Himmel wohl die Seele Sarpedons entwichen sei und wo sich die von Herakles aufhalte, wäre Homer sehr verlegen geworden und hätte sich mit wohlklingenden Versen aus der Affäre gezogen.
Welche Gewissheit hatte man denn dafür, dass sich die ätherische Seele des Herakles auf der Venus oder auf dem Saturn wohler gefühlt hätte als auf unserer Erdkugel? Hätte sie auf der Sonne sein können? Doch in diesem Feuerofen scheint es nicht auszuhalten zu sein. Was schließlich verstand man in der Antike unter dem Himmel? Man wusste nichts darüber und rief immerfort der Himmel und die Erde, das ist in etwa so, wie wenn man gerufen hätte »das Unendliche und ein Atom«. Es gibt, genaugenommen, gar keinen Himmel, es gibt eine ungeheure Menge von Weltkugeln, die durch den leeren Raum kreisen, und unsere Erdkugel kreist darin genauso wie die anderen.
In der Antike glaubte man, in den Himmel zu kommen bedeute hinaufzusteigen, aber man steigt überhaupt nicht von einer Weltkugel zu einer anderen hinauf, die himmlischen Weltkugeln befinden sich bald über uns, bald unter uns. Wenn wir also annehmen, Venus sei nach Paphos gekommen und kehre zu ihrem Planeten zurück, wenn dieser Planet schlafen gegangen ist, würde die Göttin Venus im Hinblick auf unseren Horizont keineswegs hinaufsteigen, sie stiege hinab, und man müsste in diesem Fall sagen, in den Himmel hinabsteigen. Aber in der Antike verstand man solche Feinheiten nicht. Sie hatte von allem, was mit Physik zu tun hatte, ungenaue, unsichere und widersprüchliche Begriffe. Man hat ungeheure Wälzer verfasst, um herauszufinden, wie man über sehr viele Fragen dieser Art dachte. Vier Wörter hätten jedoch genügt, sie haben nicht nachgedacht.
Eine kleine Anzahl von Weisen muss wie immer davon ausgenommen werden, aber sie kamen spät; nur wenige erklärten ihre Gedanken, und wenn sie es taten, haben die Scharlatane dieser Erde sie auf dem kürzesten Weg in den Himmel geschickt.
Ein Schriftsteller, den man, glaube ich, Pluche nennt, hat aus Mose einen großen Physiker machen wollen.* Ein anderer hatte zuvor schon Mose mit Descartes versöhnt und den Cartesius mosaïzans drucken lassen;* nach ihm hatte Mose als Erster die Wirbel und den Äther entdeckt. Doch bekanntermaßen hat Gott, der aus Mose einen großen Gesetzgeber, einen großen Propheten machte, keinesfalls einen Physikprofessor aus ihm machen wollen. Er belehrte die Juden über ihre Pflichten, aber lehrte sie kein Wort Philosophie. Calmet, der sehr viel zusammengetragen und niemals nachgedacht hat, spricht vom System der Hebräer.* Aber dieses ungehobelte Volk war weit davon entfernt, ein System zu haben, sie hatten ja noch nicht einmal eine Schule der Geometrie, schon der Name war ihnen unbekannt. Ihre einzige Wissenschaft waren die Gewerbe des Maklers und des Wucherers.
In ihren Büchern findet man über die Struktur des Himmels einige fragwürdige und unzusammenhängende Gedanken, die insgesamt eines barbarischen Volkes würdig sind. Ihr erster Himmel war der Luftraum, der zweite das Firmanent, woran die Sterne befestigt waren; dieses Firmament war ein fester Körper aus Eis und enthielt die himmlischen Gewässer, die aus diesem Reservoir zur Zeit der Sintflut durch Türen, Schleusen und Wasserfälle flossen.*
Oberhalb dieses Firmaments oder dieser oberen Gewässer befand sich der dritte Himmel oder das Empyreum, wohin der heilige Paulus entrückt wurde. Das Firmament war eine Art halbkreisförmiges Gewölbe, welches die Erde umspannte. Die Sonne drehte sich nicht etwa um einen Erdball, den sie nicht kannten. Wenn sie im Westen angelangt war, kam sie auf unbekanntem Wege wieder zurück in den Osten; und wenn man sie nicht sah, so war es, wie der Baron de Faeneste sagt, weil sie nachts zurückkam.*
Außerdem hatten die Hebräer diese Hirngespinste von anderen Völkern übernommen. Die meisten Nationen, ausgenommen die Schule der Chaldäer, betrachteten den Himmel als festen Körper. Die Erde, unveränderlich und unbeweglich, war von Osten bis Westen um ein gutes Drittel länger als von Süden nach Norden, von daher kommen die Ausdrücke Länge und Breite, die wir übernommen haben. Es ist leicht einzusehen, dass nach dieser Auffassung Antipoden unmöglich waren. Daher bezeichnet der heilige Augustinus die Idee der Antipoden als völlig absurd,* und Laktanz sagt ausdrücklich: Oder ist irgendeiner so albern, dass er glaubt, es gebe Menschen, deren Füße oberhalb der Köpfe sind? Und noch mehr von dieser Art.*
Der heilige Chrysostomos ruft in seiner 14. Predigt aus: Wo sind diejenigen, die da behaupten, die Himmel seien beweglich und ihre Form sei kreisförmig?*
Laktanz sagt außerdem im 3. Buch seiner Institutiones: Ich könnte Euch mit zahlreichen Gründen beweisen, dass es unmöglich ist, dass der Himmel die Erde umgibt.
Der Verfasser des Schauspiels der Natur* kann so lange, wie er will, Herrn le Chevalier sagen, dass Laktanz und der heilige Chrysostomos bedeutende Philosophen waren, man wird ihm erwidern, dass sie bedeutende Heilige waren und dass es keineswegs nötig ist, ein guter Astronom zu sein, um ein Heiliger zu werden. Man wird glauben, dass sie im Himmel sind, doch wird man zugeben, dass man nicht weiß, in genau welchem Teil des Himmels sie sich aufhalten.
CIRCONCISION – Beschneidung
Wenn Herodot erzählt, was er von den Barbaren, zu denen er gereist war, erfahren hat, erzählt er Albernheiten,* wie die meisten unserer Reisenden. So braucht man ihm nicht zu glauben, wenn er von den Abenteuern von Gyges und Kandaules spricht, von Arion auf dem Delphin und vom Orakel, das, befragt, was Krösus tun würde, antwortete, dieser koche eine Schildkröte im zugedecktem Topf – oder vom Pferd des Darius, das seinen Herrn zum König machte, indem es sich ihm als Erstem näherte, und von hundert anderen Märchen, die Kindern gefallen und die Rhetoriker sammeln.* Wenn er aber von den Dingen erzählt, die er gesehen hat, von den Sitten der Völker, die er untersucht, von ihrer Geschichte, die er zu Rate gezogen hat, spricht er doch zu Erwachsenen.
Es scheint, sagt er im Buch »Euterpe«, dass die Einwohner von Kolchis* ursprünglich aus Ägypten stammen, ich urteile aus eigener Anschauung und weniger vom Hörensagen, denn ich habe festgestellt, dass man sich in Kolchis wesentlich besser an die alten Ägypter erinnert, als man sich in Ägypten an die alten Gewohnheiten von Kolchis erinnert.
Die Bewohner der Ufer des Schwarzen Meeres behaupten, eine von Sesostris gegründete Kolonie zu sein, ich für meinen Teil vermute das ebenfalls, nicht nur, weil sie dunkelhäutig sind und gekräuselte Haare haben, sondern weil die Völker von Kolchis, Ägypten und Äthiopien die einzigen sind, die sich seit jeher haben beschneiden lassen; weil die Phönizier und die Bewohner von Palästina zugeben, dass sie die Beschneidung von den Ägyptern übernommen haben. Die Syrer, die heute die Ufer des Thermodon und Parthiens bewohnen, und ihre Nachbarn, die Makronen,* erklären, dass es noch nicht lange her ist, seit sie sich dieser ägyptischen Gewohnheit angepasst haben. Hauptsächlich deshalb hält man ihre Herkunft für ägyptisch. Was Äthiopien und Ägypten betrifft, bei denen diese Zeremonie jeweils sehr weit zurück reicht, wüsste ich nicht zu sagen, wer von beiden die Beschneidung vom anderen übernommen hätte, es ist indessen wahrscheinlich, dass die Äthiopier sie von den Ägyptern haben, wie umgekehrt die Phönizier den Brauch, die Neugeborenen zu beschneiden, abgeschafft haben, seit ihr Handel mit den Griechen zunahm.
Aus dieser Passage Herodots folgt klar, dass mehrere Völker die Beschneidung von Ägypten übernommen haben; aber keine Nation jemals behauptet hat, sie von den Juden erhalten zu haben. Wem kann man nun den Ursprung dieses Brauchs zuschreiben – der Nation, von der fünf oder sechs andere bekennen, ihn erhalten zu haben, oder einer anderen Nation, die weit weniger mächtig, weniger Handel treibend, weniger Krieg führend, versteckt in einem Winkel Arabiens lebend und niemals die geringste ihrer Gewohnheiten an irgendein anderes Volk weitergegeben hat?
Die Juden sagen, sie seien vormals aus Barmherzigkeit in Ägypten aufgenommen worden; ist es nicht wahrscheinlich, dass das kleine Volk einen Brauch des großen Volkes nachahmte und die Juden einige Sitten ihrer Herren annahmen?
Clemens von Alexandria berichtet, dass Pythagoras, als er durch Ägypten reiste, gezwungen war, sich beschneiden zu lassen, um zu ihren religiösen Mysterien zugelassen zu werden; man musste also unbedingt beschnitten sein, wollte man der Priesterschaft Ägyptens angehören. Diese Priester waren da, als Josef in Ägypten ankam, die Regierungsform bestand seit Langem, und man beachtete die antiken Zeremonien Ägyptens mit gewissenhafter Genauigkeit.
Die Juden geben zu, dass sie zweihundertfünf Jahre in Ägypten ansässig waren*, sie sagen, dass sie sich in diesem Zeitraum nicht beschneiden ließen; es ist folglich klar, dass die Ägypter während dieser zweihundertfünf Jahre die Beschneidung nicht von den Juden erhalten haben. Hätten sie diese von ihnen übernommen, nachdem ihnen die Juden alle Gefäße gestohlen hatten, die man ihnen geliehen hatte, und nach ihrem eigenen Zeugnis mit ihrer Beute in die Wüste entflohen? Übernimmt ein Herr das wichtigste Kennzeichen der Religion von seinem flüchtigen und diebischen Sklaven? Dies liegt nicht in der Natur des Menschen.
Es heißt im Buch Josua, dass die Juden in der Wüste beschnitten wurden: Ich habe euch von dem befreit, was bei den Ägyptern zu eurer Schande gereichte.* Nun, was könnte dieses Schandebringende sein für Leute, die sich unter den Völkern der Phönizier, Araber und Ägypter befanden, wenn nicht das, was sie für diese drei Nationen verachtenswert machte? Wie befreite man sie von dieser Schande? Indem man sie von einem Stück Vorhaut befreite. Liegt nicht darin der natürliche Sinn dieser Passage?
Die Genesis sagt,* dass Abraham schon vorher beschnitten worden war, doch Abraham reiste durch Ägypten, das seit Langem, von einem mächtigen König regiert, ein blühendes Königreich war. Nichts spricht dagegen, dass die Beschneidung in diesem so alten Königreich bereits lange in Gebrauch war, als sich die jüdische Nation bildete. Außerdem blieb die Beschneidung Abrahams ohne Nachahmung, seine Nachkommen wurden erst zur Zeit Josuas beschnitten.
Nun übernahmen die Israeliten vor Josua sogar nach ihrem eigenen Bekunden viele der Gewohnheiten der Ägypter: So entlehnten sie einige Opferbräuche, mehrere religiöse Rituale wie das Fasten, das man an den Tagen vor den Isisfesten praktizierte, die Reinigungshandlungen, den Brauch, die Köpfe der Priester zu rasieren, den Weihrauch, den Kandelaber, das Opfer der roten Kuh, die Reinigung mit Ysopbüscheln*, den Verzicht auf Schweinefleisch, die Abscheu vor Küchengeräten fremder Völker. All das belegt, dass das kleine hebräische Volk trotz seiner Abneigung gegen die große ägyptische Nation eine unendliche Vielzahl von Gebräuchen seiner früheren Herren übernommen hatte. Dieser Ziegenbock Asasel, dem man die Sünden des Volkes auflud und ihn in die Wüste jagte, war eine ersichtliche Kopie eines ägyptischen Brauches, die Rabbiner geben sogar zu, dass das Wort Asasel nicht-hebräischen Ursprungs ist. Nichts spricht also dagegen, dass die Hebräer die Ägypter bei der Beschneidung nachgeahmt haben, wie dies auch die Araber, ihre Nachbarn, taten.
Es ist keinesfalls verwunderlich, dass Gott, wenn er schon die Taufe – so lange gebräuchlich bei den Asiaten – heiligte, auch die Beschneidung guthieß, die nicht weniger lange bei den Afrikanern gebräuchlich war. Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass es dem Herrn gegeben ist, die Merkmale seines Wohlgefallens auszuwählen.
Des weiteren hat das jüdische Volk, seitdem es unter Josua beschnitten wurde, diesen Brauch bis auf unsere Tage beibehalten, auch die Araber sind ihm fortwährend treu geblieben, während die Ägypter, die in der ersten Zeit Jungen und Mädchen beschnitten, mit der Zeit damit aufhörten, diese Operation an Mädchen vorzunehmen, und sie schließlich auf Priester, Astrologen und Propheten beschränkten. Das berichten uns Clemens von Alexandria und Origenes. Tatsächlich weiß man gar nicht, ob die Ptolemäer die Beschneidung jemals praktizierten.
Die lateinischen Autoren, welche die Juden mit so großer Verachtung behandeln, indem sie sie zum Beispiel spöttisch Curtus Apella, Credat Judaeus Apella, Curti Judaei* nennen, geben den Ägyptern keine derartigen Beinamen. Das ganze ägyptische Volk ist zwar heute beschnitten, aber aus einem anderen Grund, denn der mohammedanische Glaube hat die alte Beschneidung von den Arabern übernommen.
Es ist diese arabische Beschneidung, die zu den Äthiopiern kam, wo man Jungen und Mädchen noch heute beschneidet.
Man muss eingestehen, dass diese Beschneidungszeremonie zunächst sehr befremdlich erscheint; man muss aber beachten, dass sich die Priester des Morgenlandes zu allen Zeiten ihren Gottheiten durch besondere Kennzeichen weihten. Mit einem Stichel ritzte man den Bacchuspriestern ein Efeublatt ins Handgelenk. Lukian sagt uns, dass die Isisanbeter sich Buchstaben auf die Faust und auf den Hals tätowierten.* Die Priester der Kybele machten sich zu Eunuchen.
Allem Anschein nach stellten sich die Ägypter, die das Fortpflanzungsorgan sehr verehrten und sein Abbild bei ihren Prozessionen prunkvoll mitführten, vor, dass sie Isis und Osiris, von denen alles Leben auf der Erde abhing, einen kleinen Teil jenes Gliedes opferten, durch das sich das menschliche Geschlecht nach dem Willen dieser Gottheiten fortpflanzte. Die alten orientalischen Sitten sind so erstaunlich verschieden von den unseren, dass, wer ein wenig belesen ist, nichts für unmöglich halten wird. Ein Pariser ist ganz erstaunt, wenn man ihm sagt, dass die Hottentotten ihren männlichen Kindern eine Hode abschneiden lassen. Die Hottentotten sind vielleicht erstaunt, dass die Pariser davon zwei behalten.
CORPS – Körper
Genauso wenig, wie wir wissen, was ein Geist ist, wissen wir, was ein Körper ist: Wir sehen einige Eigenschaften, aber was ist das Subjekt, zu dem diese Eigenschaften gehören? Es gibt nur Körper, sagten Demokrit und Epikur. Es gibt überhaupt keine Körper, sagten die Schüler des Zenon von Elea.*
Der Bischof von Cloyne, Berkeley, ist der letzte, der mit hundert trügerischen Sophismen zu beweisen vorgab, dass die Körper nicht existieren; sie haben, so behauptet er, keine Farben, keine Gerüche, keine Temperatur. Diese Eigenschaften gibt es in unseren Empfindungen, aber nicht in den Dingen selbst: Er hätte sich die Mühe sparen können, diese Wahrheit zu beweisen, sie war hinreichend bekannt. Doch von da geht er zur Ausdehnung und Festigkeit über, die zum Wesen des Körpers gehören, und er meint beweisen zu können, dass es in einem Stück grünen Tuches keine Ausdehnung gebe, da dieses Tuch in Wirklichkeit nicht grün sei und diese Empfindung des Grünen nur in uns existiere, weshalb es diese Empfindung der Ausdehnung auch nur in uns geben kann. Und nachdem er auf diese Weise die Ausdehnung zum Verschwinden gebracht hat, schließt er, dass die Festigkeit, die damit verbunden ist, sich von selbst auflöst; und so gibt es nichts anderes auf der Welt als unsere Vorstellungen. Daraus folgt nach diesem Kirchenlehrer, dass zehntausend Menschen, die durch zehntausend Kanonenschüsse getötet wurden, eigentlich nichts anderes sind als zehntausend Ausgeburten unserer Vorstellungskraft.
Es lag also nur in der Hand des Herrn Bischof von Cloyne, die Lächerlichkeit nicht auf die Spitze zu treiben. Er glaubt zu beweisen, dass es keinerlei Ausdehnung gibt, weil ein Körper ihm, als er seine Brille aufhatte, viermal so groß erschien, als wie er ihn mit bloßem Auge wahrnahm, und er erschien ihm wiederum viermal kleiner, wenn er andere Gläser aufsetzte. Daraus schließt er, dass, da ein Körper nicht gleichzeitig vier Fuß, sechzehn Fuß und einen einzigen Fuß Ausdehnung haben kann, diese Ausdehnung nicht existiert, weshalb es nichts dergleichen gibt. Er hätte nur ein Maß zu nehmen brauchen und sagen sollen: »Unabhängig davon, wie groß mir ein Körper auch erscheinen mag, besitzt er eine Ausdehnung von soundso vielen Maßeinheiten.«
Er hätte leicht feststellen können, dass es sich mit der Ausdehnung und der Festigkeit anders verhält als mit den Tönen, den Farben, dem Geschmack und den Gerüchen usw. Es ist klar, dass es sich dabei um die in uns durch die Beschaffenheit der Teile hervorgerufenen Empfindungen handelt, aber die Ausdehnung ist gewiss keine Empfindung. Wenn das brennende Stück Holz erlischt, ist es mir nicht mehr warm; wenn die Luft nicht mehr erschüttert wird, höre ich nichts mehr; wenn diese Rose verwelkt, rieche ich sie nicht mehr; aber dieses Stück Holz, diese Luft, diese Rose haben unabhängig von mir eine Ausdehnung. Das Paradoxon von Berkeley ist nicht der Mühe wert, widerlegt zu werden.
Es ist gut zu wissen, was ihn zu diesem Paradoxon veranlasst hat. Ich habe mich vor langer Zeit mehrfach mit ihm unterhalten. Er sagte mir, seine Auffassung sei darin begründet, dass man nicht begreifen kann, was denn dieser Gegenstand ist, dem man die Eigenschaft, ausgedehnt zu sein, zuschreibt. Und in der Tat trägt er in seinem Buch den Sieg davon, wenn er Hylas fragt, was dieser Gegenstand, dieses Substratum, diese Substanz, eigentlich sei.* »Es ist der ausgedehnte Körper«, erwidert Hylas. Daraufhin macht sich der Bischof, der unter dem Namen Philonous auftritt, über ihn lustig, und der arme Hylas, der merkt, dass er gesagt hat, die Ausdehnung sei der Gegenstand der Ausdehnung, dass er also dummes Zeug geredet hat, ist sehr verwirrt und gibt zu, dass er davon nichts verstehe und dass es überhaupt keine Körper gibt, dass die materielle Welt nicht existiere und es nur eine geistige Welt gibt.
Hylas hätte stattdessen einfach zu Philonous sagen sollen: »Wir wissen nichts über das Wesen dieses Dinges, dieser ausgedehnten, festen, teilbaren, beweglichen, geformten usw. Substanz. Ich kenne sie genauso wenig wie das denkende, empfindende und wollende Subjekt; aber dieses Subjekt existiert deshalb nicht weniger, da es wesentliche Eigenschaften besitzt, die man ihm nicht nehmen kann.«
Uns allen geht es dabei wie den meisten Pariserinnen: Sie essen gerne gut, ohne zu wissen, woraus die Gerichte bestehen. Ebenso erfreuen wir uns an den Körpern, ohne zu wissen, woraus sie sich zusammensetzen. Woraus besteht denn ein Körper? Aus Teilen, und diese Teile teilen sich wiederum in andere Teile auf. Und was sind dann diese letzteren Teile? Immer noch Körper. Wir teilen unaufhörlich und kommen doch nie voran.
Schließlich entdeckte ein scharfsinniger Philosoph, dass ein Gemälde aus Bestandteilen besteht, von denen keiner ein Gemälde ist, und ein Haus aus Materialien, von denen keines ein Haus ist, und stellte sich (auf eine etwas andere Weise) vor, dass die Körper aus unendlich vielen kleinen Wesen bestehen, die keine Körper sind; diese nennt man Monaden.* Dieses System hat manches für sich, und wenn es geoffenbart wäre, würde ich wahrscheinlich daran glauben. Alle diese kleinen Wesen wären mathematische Punkte, eine Art Seelen, die nur auf ein Gewand warteten, um hineinzuschlüpfen. Das wäre eine beständige Seelenwanderung, eine Monade schlüpfte bald in einen Walfisch, bald in einen Baum, dann wieder in einen Falschspieler. Dieses System ist nicht schlechter als andere; ich mag es ebenso gerne wie die Bewegungsabweichungen der Atome, die substantiellen Formen; die versatile Gnade und die Vampire von Dom Calmet.*
DE LA CHINE – Über China
Wir holen Erde aus China, als hätten wir keine, dazu Stoffe, als fehlten uns welche; ein winziges Kräutlein, um es dann mit Wasser aufzugießen, so, als ob wir in unseren Breitengraden keine Heilkräuter hätten.* Zum Lohn dafür wollen wir die Chinesen bekehren,* was zwar ein sehr löblicher Eifer ist, aber man sollte ihnen nicht ihr Altertum wegnehmen wollen und ihnen sagen, dass sie Götzendiener sind.* Fände man es tatsächlich gut, wenn ein Kapuziner, der in einem Schloss der Herzöge von Montmorency freundlich aufgenommen wurde, ihnen einreden wollte, dass sie, ebenso wie die Sekretäre des Königs, zum frischgebackenen Adel gehören, und er sie des Götzendienstes beschuldigte, bloß weil er in ihrem Schloss zwei oder drei Statuen der obersten Heerführer vorfand, denen man tiefen Respekt zollte?
Der berühmte Wolff, Mathematikprofessor an der Universität von Halle, hielt einmal einen sehr guten Vortrag zum Lob der chinesischen Philosophie;* er lobte diese alte Menschenart, die sich von uns durch den Bart, die Augen, die Nase, die Ohren und die Argumentationsweise unterscheidet; er lobte, sage ich, die Chinesen dafür, dass sie einen höchsten Gott verehren und die Tugend lieben; er ließ den Kaisern Chinas Gerechtigkeit widerfahren, den Koalos*, den Gerichten, den Gebildeten. Die Gerechtigkeit, die man den Bonzen zukommen lässt, ist von anderer Art.
Man muss wissen, dass dieser Wolff tausend Studenten aus allen Nationen nach Halle lockte. Es gab aber an der gleichen Universität einen Theologieprofessor namens Lange, der niemanden anlockte; dieser Mann wollte nun, aus Verzweiflung darüber, dass er in seinem Hörsaal alleingelassen vor Kälte erfrieren könnte, aus gutem Grund den Mathematikprofessor beseitigen; er versäumte also nicht, wie es bei Leuten seinesgleichen üblich war, ihn zu beschuldigen, dass er nicht an Gott glaube.
Einige europäische Schriftsteller, die niemals in China gewesen waren, hatten nun behauptet, die Regierung in Peking sei atheistisch. Wolff hatte die Philosophen von Peking gelobt, also war Wolff ein Atheist; Neid und Hass führen niemals zu den besten logischen Schlüssen. Diese Argumentation von Lange, unterstützt von einer Intrige und einem Gönner, wurde vom König des Landes als überzeugend befunden, woraufhin er dem Mathematiker ein jedem philosophischen Dilemma genügendes Schreiben zusandte; dieses Dilemma ließ ihm die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten, nämlich entweder Halle innerhalb von 24 Stunden zu verlassen oder aber gehängt zu werden. Und da Wolff sehr folgerichtig urteilte, verfehlte er nicht abzureisen; seine Amtsaufgabe kostete den König zwei- oder dreihundert Taler pro Jahr, die dieser Philosoph durch den Zustrom seiner Schüler dem Königreich eingebracht hatte.
Dieses Beispiel soll den Herrschern deutlich machen, dass man nicht immer auf Verleumdungen hören und einen großen Mann der Wut eines Dummkopfes opfern sollte. Doch kommen wir zu China zurück.
Was tun wir eigentlich, wenn wir, die wir am Rande des Abendlandes wohnen, uns mit Verbissenheit und Unmengen von Beschimpfungen darüber streiten, ob es vor dem chinesischen Kaiser Fo-hi vierzehn andere Herrscher gab oder nicht, und ob dieser Fo-hi dreitausend oder zweitausendneunhundert Jahre vor unserer gewöhnlichen Zeitrechnung lebte? Ich wünschte mir, dass in Dublin zwei Irländer darauf verfielen, sich darüber zu streiten, wer im 12. Jahrhundert wohl den Grund und Boden besessen hat, der heute mir gehört; ist es nicht einleuchtend, dass sie sich dann an mich wenden müssten, da ich derjenige bin, der die Urkunden in Händen hält? Meiner Meinung nach verhält es sich mit den ersten Kaisern Chinas ebenso, man muss sich an die Gerichte im Lande selbst wenden.
Streitet euch doch so viel ihr wollt über die vierzehn Herrscher, die vor Fo-hi regierten, euer schöner Streit wird letztlich nur beweisen, dass China damals ein sehr volkreicher Staat war und dass dort die Gesetze herrschten. Nun frage ich euch, ob eine so wohlgefügte Nation, die Gesetze und Herrscher hat, nicht ein ungeheures Alter voraussetzt. Denkt einmal darüber nach, wie viel Zeit es braucht, bis das einzigartige Zusammentreffen von Umständen dafür sorgt, dass man die Lagerstätten des Eisens findet, es in der Landwirtschaft anwenden kann, das Weberschiffchen erfindet und alle die anderen Künste.
Diejenigen, die Kinder auf dem Papier zeugen, haben eine sehr lustige Berechnung angestellt. Der Jesuit Petau schätzt die Erdbevölkerung 285 Jahre nach der Sintflut auf hundertmal mehr Bewohner, als man heute anzunehmen wagt. Cumberland und Whiston haben ähnlich seltsame Berechnungen angestellt;* diese guten Leute hätten nichts anderes tun müssen, als sich einmal die Personenstandsregister unserer Kolonien in Amerika anzusehen, sie wären sehr erstaunt gewesen und sie hätten gelernt, wie wenig sich die Menschheit doch vermehrt, und dass sie sehr oft abnimmt, anstatt sich zu vermehren.
Lassen wir also, wir, die wir erst von gestern sind, wir Nachkommen der Kelten, die wir gerade die Wälder unserer wilden Gegend gerodet haben, lassen wir doch die Chinesen und Inder in Frieden ihr schönes Klima und ihr Altertum genießen. Hören wir vor allem auf, den Kaiser von China und den Suba von Dekkan Götzendiener zu nennen;* dazu muss man kein fanatischer Anhänger der Verdienste der Chinesen sein; denn die Verfassung ihres Kaiserreiches ist in Wahrheit die beste, die es auf der Welt gibt, die einzige, die vollständig auf der väterlichen Autorität beruht (was die Mandarine nicht daran hindert, ihren »Kindern« kräftige Stockschläge zu versetzen); es ist die einzige, nach der der Gouverneur einer Provinz bestraft wird, wenn er aus dem Amt scheidet und das Volk ihm nicht zujubelt; die einzige, die Preise für die Tugend ausgesetzt hat, während überall sonst die Gesetze sich damit begnügen, das Verbrechen zu bestrafen; und die einzige, welche ihre Bezwinger dazu brachte, ihre Gesetze zu übernehmen, während wir noch immer den Bräuchen der Burgunder, der Franken und der Goten anhängen, die uns bezwungen haben. Aber man muss zugeben, dass das einfache Volk, das von den Bonzen regiert wird, ebenso spitzbübisch wie bei uns ist, dass man dort den Fremden, genauso wie bei uns, alles so teuer wie möglich verkauft; dass sich die Chinesen in den Wissenschaften auf einem Stand befinden, wo wir vor zweihundert Jahren waren; dass sie wie wir tausend lächerliche Vorurteile haben, dass sie an Talismane und die Voraussagen der Astrologie glauben, wie wir das auch lange Zeit getan haben.
Geben wir auch noch zu, dass sie über unser Thermometer erstaunt waren, über unsere Methode, Flüssigkeiten mit Salpeter zum Gefrieren zu bringen, und über alle Experimente von Torricelli und Otto von Guericke,* ganz so erstaunt, wie wir es waren, als wir zum ersten Mal diesen physikalischen Vorführungen beiwohnten; fügen wir noch hinzu, dass ihre Ärzte nicht mehr tödliche Krankheiten heilen als die unseren und dass in China ebenso wie bei uns die Natur die kleinen Wehwehchen ganz alleine heilt; aber all das ändert nichts an der Tatsache, dass die Chinesen vor viertausend Jahren, als wir noch nicht lesen konnten, alle die wirklich nützlichen Sachen wussten, mit denen wir uns heute brüsten.
CATÉCHISME CHINOIS – Chinesischer Katechismus
oder
Gespräche zwischen Zisi, einem Schüler des Konfuzius, mit dem Fürsten Gu, Sohn des Königs von Lu, Tributpflichtiger des chinesischen Kaisers Gnenvan, 417 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Ins Lateinische übersetzt von Pater Fouquet, ehemals Jesuit. Das Manuskript befindet sich in der Vatikanischen Bibliothek, Nummer 42759.
GU
Was muss ich darunter verstehen, wenn man mir sagt, ich solle den Himmel (Shangdi) anbeten?
ZISI
Das ist nicht der materielle Himmel, den wir sehen; denn dieser Himmel ist nichts anderes als Luft, und diese Luft wiederum setzt sich aus sämtlichen Ausdünstungen der Erde zusammen. Es wäre heller Wahnsinn, Dämpfe anzubeten.
GU
Es würde mich jedoch nicht überraschen. Mir scheint, die Menschen haben noch viel größere Torheiten begangen.
ZISI
Das ist wahr: Doch Sie sind dazu bestimmt, zu regieren, Sie müssen Bescheid wissen.
GU
Es gibt so viele Völker, die den Himmel und die Planeten anbeten!
ZISI
Die Planeten sind nur Erdkugeln wie die unsrige. Der Mond zum Beispiel täte genauso gut daran, unseren Sand und unseren Dreck anzubeten, wie wir vor dem Sand und dem Dreck auf dem Mond auf die Knie gehen.
GU
Was soll es dann heißen, wenn man sagt: Himmel und Erde, zum Himmel aufsteigen, des Himmels würdig sein?
ZISI
Man gibt enormen Unsinn von sich.* Es gibt keinen Himmel. Jeder Planet ist von seiner Atmosphäre wie von einer Schale umgeben und beschreibt im Raum eine Bahn um seine Sonne. Jede Sonne ist das Zentrum mehrerer Planeten, die beständig um sie kreisen. Es gibt keine Höhen und Tiefen, noch ein Aufsteigen oder Absteigen. Sie sehen sicher ein, dass es eine überspannte Äußerung wäre, wenn die Bewohner des Mondes sagen würden, dass sie zur Erde aufsteigen, dass sie sich der Erde würdig erweisen müssen. Wir äußern gleichfalls etwas Sinnloses, wenn wir sagen, dass man sich des Himmels würdig erweisen muss, das ist, wie wenn man sagte: »Man muss sich der Luft würdig erweisen, des Sternbilds Drache, des Weltraums.«
GU
Ich glaube, ich verstehe Sie. Man soll nur den Gott anbeten, der Himmel und Erde gemacht hat.
ZISI
Gewiss, man soll nur Gott anbeten. Doch wenn wir sagen, dass er Himmel und Erde geschaffen habe, sagen wir gottesfürchtig etwas sehr Dürftiges. Wenn wir unter dem Himmel den gewaltigen Raum verstehen, in dem Gott so viele Sonnen entzündete und so viele Planeten kreisen ließ, ist es sehr viel lächerlicher, vom Himmel und der Erde zu reden, als von den Bergen und einem Sandkorn. Unsere Erdkugel ist unendlich weniger als ein Sandkorn im Vergleich zu diesen Millionen von Milliarden von Welten, unter denen wir verschwinden. Alles, was wir tun können, ist, hier unsere schwache Stimme der Stimme der unzähligen Wesen in der grenzenlosen Weite hinzuzufügen.
GU
Man hat uns also ordentlich hinters Licht geführt, als man uns erzählte, dass Fo* vom vierten Himmel zu uns herabgestiegen und als weißer Elefant erschienen ist.
ZISI
Das sind Märchen, die die Bonzen den Kindern und den alten Weibern erzählen; wir sollen nur den ewigen Schöpfer aller Wesen anbeten.
GU
Doch wie hat ein Wesen die anderen erschaffen können?
ZISI
Betrachten Sie diesen Stern, er ist fünfzehnhunderttausend Millionen Li* von unserem kleinen Erdball entfernt. Es gehen davon Strahlen aus, die von Ihren Augen bis zum Scheitelpunkt zwei gleiche Winkel bilden. Sie bilden mit den Augen aller Tiere ebensolche Winkel. Ist da nicht eine deutliche Absicht bemerkbar? Ist das nicht eine bewundernswerte Gesetzmäßigkeit? Wer erschafft denn nun aber ein solches Werk, wenn nicht ein Schöpfer? Wer macht die Gesetze, wenn nicht ein Gesetzgeber? Es gibt also einen Schöpfer, einen ewigen Gesetzgeber?
GU
Aber wer hat diesen Schöpfer geschaffen? Und wie ist er beschaffen?
ZISI
Mein Fürst, ich bin gestern bei dem ausgedehnten Palast spazieren gegangen, den Ihr Vater, der König, erbaut hat. Ich hörte zwei Grillen, von denen die eine zur anderen sagte: »Das ist ein erstaunliches Bauwerk.« »Ja«, sagte die andere, »so ruhmreich ich auch bin, ich gebe zu, dass derjenige, der dieses Wunderwerk errichtet hat, mächtiger ist als die Grillen; doch ich habe überhaupt keine Ahnung von diesem Wesen. Ich sehe, dass es existiert, aber ich weiß nicht, was es ist.«
GU
Ich sage Ihnen, dass Sie eine weit gebildetere Grille sind als ich, und was mir an Ihnen gefällt, ist, dass Sie nicht vorgeben, etwas zu wissen, wovon Sie keine Ahnung haben.
Zweites Gespräch
ZISI
Sie stimmen also zu, dass es ein allmächtiges Wesen gibt, das aus sich selbst heraus existiert und der über Allem stehende Schöpfer der gesamten Natur ist?
GU
Ja, aber wenn er aus sich selbst heraus existiert, kann ihn also nichts einschränken, er ist demnach überall? Er ist also in der gesamten Materie vorhanden, in allen Teilen meiner selbst?
ZISI
Warum nicht?
GU
Ich wäre demnach selbst ein Teil der Gottheit?
ZISI
Das folgt vielleicht nicht daraus. Dieses Stück Glas wird ganz und gar vom Licht durchdrungen, ist es deshalb selbst Licht? Es ist nur Sand, und weiter nichts. Alles ist zweifellos in Gott, denn was allem Leben verleiht, muss überall sein. Gott ist nicht wie der Kaiser von China, der in seinem Palast wohnt und seine Befehle durch seine Kolaos* übermitteln lässt. Sobald er existiert, erfüllt seine Existenz notwendigerweise den ganzen Raum und alle seine Werke, und da er in Ihnen ist, ist das eine beständige Mahnung, nichts zu tun, für das Sie vor ihm erröten müssten.
GU
Was muss man tun, um es noch wagen zu können, sich ohne Abscheu vor sich selbst und ohne Scham vor dem höchsten Wesen anzusehen?
ZISI
Gerecht sein.
GU
Und was noch?
ZISI
Gerecht sein.
GU
Aber die Sekte des Laotse sagt, dass es weder Gerechte noch Ungerechte gibt, weder Laster noch Tugend.
ZISI
Sagt die Sekte des Laotse auch, dass es keine Gesundheit und keine Krankheit gibt?
GU
Nein, einen so einen großen Irrtum äußert sie keineswegs.
ZISI
Der Irrtum, zu denken, es gebe weder die Gesundheit der Seele noch die Krankheit der Seele, weder Tugend noch Laster, ist ebenso groß und noch verhängnisvoller. Diejenigen, die gesagt haben, dass alles das Gleiche sei, sind Monster. Ist es denn das Gleiche, seinen Sohn zu nähren oder ihn auf dem Stein zu zerquetschen? Seiner Mutter Hilfe zu leisten oder ihr einen Dolch ins Herz zu stoßen?
GU
Sie machen mich schaudern, ich verabscheue die Sekte des Laotse; aber es gibt so viele Abstufungen von Recht und Unrecht! Da ist man häufig sehr unsicher. Welcher Mensch weiß genau, was erlaubt oder was verboten ist? Wer kann schon mit Sicherheit Grenzen ziehen, die das Gute vom Bösen trennen? Welche Regel können Sie mir angeben, um sie voneinander zu unterscheiden?
ZISI
Die des Konfuzius, meines Meisters: Lebe, wie du gelebt haben möchtest, wenn du stirbst; behandele deinen Nächsten, wie du willst, dass er dich behandelt.*
GU
Diese Maximen, das gebe ich zu, sollten der Moralkodex der Menschheit sein. Aber was wird mir im Augenblick des Todes daran liegen, richtig gelebt zu haben? Was werde ich damit gewinnen? Wird diese Uhr, wenn sie einst zerstört wird, glücklich sein, die Stunden gut geschlagen zu haben?
ZISI
Diese Uhr fühlt nicht, denkt nicht, sie kann keine Gewissensbisse haben, und Sie haben welche, wenn Sie sich schuldig fühlen.
GU
Doch was ist, wenn es mir gelingt, nachdem ich mehrere Verbrechen begangen habe, keine Gewissensbisse mehr zu haben?
ZISI
Dann wird man Sie umbringen müssen, und seien Sie sicher, dass sich unter den Leuten, die es nicht mögen, wenn man sie unterdrückt, welche finden werden, die Sie außer Stande setzen, neue Verbrechen zu begehen.
GU
So wird also Gott, der in ihnen ist, ihnen erlauben, böse zu sein, nachdem er mir erlaubt hatte, es zu sein?
ZISI
Gott hat Ihnen die Vernunft gegeben, missbrauchen Sie sie nicht, weder Sie noch die anderen. Sie werden nicht nur in diesem Leben unglücklich sein, denn wer hat Ihnen gesagt, dass Sie es dann nicht noch in einem anderen sein werden?
GU
Und wer hat Ihnen gesagt, dass es ein anderes Leben gibt?
ZISI
Auch im Zweifel sollten Sie sich so verhalten, als ob es eines gäbe.
GU
Aber wenn ich sicher bin, dass es überhaupt keines gibt?
ZISI
Das beweisen Sie mir erst einmal.
Drittes Gespräch
GU
Sie treiben mich ganz schön in die Enge, Zisi. Damit ich belohnt oder bestraft werden kann, wenn ich nicht mehr sein werde, muss etwas von mir übrig bleiben, das auch dann noch fühlt und denkt. Da vor meiner Geburt nichts von mir weder ein Gefühl noch einen Gedanken hatte, warum sollte es dann nach meinem Tode so etwas geben? Was könnte dieser rätselhafte Teil von mir sein? Wird das Summen dieser Biene andauern, wenn die Biene gestorben ist? Bleibt das Wachstum einer Pflanze erhalten, wenn die Pflanze entwurzelt ist? Und ist Wachstum nicht ein Wort, dessen man sich bedient, um die unerklärliche Art und Weise zu bezeichnen, mit der das höchste Wesen gewollt hat, dass die Pflanze die Säfte aus der Erde zieht? Die Seele ist ebenfalls ein Wort, das erfunden wurde, um schwach und dunkel auszudrücken, was die Triebfeder unseres Lebens ist. Alle Tiere bewegen sich, und dieses Vermögen, sich zu bewegen, nennt man Lebenskraft, aber es gibt kein von ihnen verschiedenes Wesen, das diese Kraft ist. Wir haben Leidenschaften, ein Gedächtnis, Vernunft. Doch diese Leidenschaften, dieses Gedächtnis, diese Vernunft sind zweifellos keine eigenständigen Dinge, es sind keine in uns existierenden Wesen, es sind keine kleinen Personen, die eine gesonderte Existenz haben. Das sind Allgemeinbegriffe, die erfunden wurden, um unsere Vorstellungen festzuhalten. Ist also die Seele, die unser Gedächtnis, unsere Vernunft, unsere Leidenschaften bedeutet, selbst nichts als ein Wort? Wer bringt die Bewegung in die Natur? Es ist Gott. Wer lässt alle Pflanzen wachsen? Es ist Gott. Wer lässt die Tiere sich bewegen? Es ist Gott. Wer lässt die Menschen denken? Es ist Gott.
Wenn die menschliche Seele* eine kleine, in unseren Körper eingeschlossene Person wäre, die seine Bewegungen und die Gedanken lenkte, würde das dann nicht auf die Unfähigkeit des ewigen Schöpfers der Welt und einen Trick hindeuten, der seiner unwürdig ist? Er wäre also nicht fähig gewesen, Automaten zu erschaffen, die selbst über die Gabe der Bewegung und des Denkens verfügen. Sie haben mir das Griechische beigebracht, Sie haben mich Homer lesen lassen, und ich finde, dass Hephaistos ein göttlicher Schmied ist, wenn er goldene Dreifüße macht, die ganz alleine zum Rat der Götter gehen:* Wenn nun aber dieser Hephaistos im Körper dieser Dreifüße einen seiner Söhne versteckt hätte, der sie sich bewegen ließ, ohne dass man es bemerkte, dann würde er mir als ein armseliger Scharlatan erscheinen.
Es gibt ungerührte Träumer, die den Gedanken, dass sich die Planeten dadurch bewegen, dass Geister sie ohne Unterlass rollen und schieben, für eine schöne Vorstellung gehalten haben. Gott war aber nicht auf dieses erbärmliche Hilfsmittel angewiesen: Mit einem Wort, warum sollte seine Schöpfung zwei Antriebskräfte bekommen, wenn eine einzige Kraft völlig ausreicht? Sie würden doch nicht zu leugnen wagen, dass Gott die Macht hat, das wenig bekannte Wesen, das wir Materie nennen, lebendig werden zu lassen, warum sollte er dann noch einen anderen damit beauftragen, diese Materie zu bewegen?
Es gibt da noch viel mehr zu fragen. Was könnte diese Seele sein, die Sie so freizügig unserem Körper verleihen? Wo käme sie her, wann käme sie? Müsste der Weltenschöpfer beim Beischlaf von Männern und Frauen nicht ständig auf der Lauer liegen, dass seiner Aufmerksamkeit nicht der Moment entgeht, wo ein Spermium den Körper eines Mannes verlässt und in den Körper einer Frau eindringt, damit er dem Spermium dann schnellstens eine Seele schicken kann? Und wenn dieses Spermium zugrunde geht, was wird dann aus der Seele? Sie wurde also umsonst geschaffen, oder sie wartet eine andere Gelegenheit ab.
Das wäre allerdings, da muss ich Ihnen recht geben, eine recht merkwürdige Beschäftigung für den Herrn der Welt. Und er muss nicht nur ständig auf die Begattung bei den Menschen aufpassen, er muss auch bei allen Tieren ein Gleiches tun, denn sie haben alle wie wir ein Gedächtnis, Vorstellungen, Leidenschaften. Und wenn also eine Seele nötig ist, um diese Gefühle, dieses Gedächtnis, diese Vorstellungen, diese Leidenschaften möglich zu machen, dann muss Gott ohne Unterlass arbeiten, um den Elefanten, den Flöhen, den Eulen, den Fischen und den Bonzen eine Seele zu verleihen.
Welche Vorstellung soll ich mir nun, Ihrer Meinung nach, von dem Architekten so vieler Millionen von Welten machen, der gezwungen wäre, andauernd unsichtbare Dübel zu erschaffen, damit sein Werk fortbestehen kann?
Und das ist nur ein sehr kleiner Teil der Gründe, die mich an der Existenz der Seele zweifeln lassen können.
ZISI
Sie urteilen nach gutem Glauben; und diese tugendhafte Auffassung wäre, selbst wenn sie falsch wäre, dem höchsten Wesen angenehm. Sicher können Sie sich irren, aber Sie versuchen den Irrtum zu vermeiden und sind folglich entschuldbar. Doch bedenken Sie, dass Sie mir nur Zweifel vorgetragen haben und dass diese Zweifel traurig sind. Lassen Sie tröstlichere Wahrscheinlichkeiten zu. Es ist hart, ausgelöscht zu werden, hoffen Sie auf das Leben. Sie wissen, dass ein Gedanke keine Materie ist, Sie wissen, dass er überhaupt nichts mit der Materie zu tun hat, warum also sollte es Ihnen dann so schwer fallen zu glauben, dass Gott Sie mit einem göttlichen Prinzip ausgestattet hat, das nicht aufgelöst werden und folglich dem Tode nicht unterworfen sein kann? Würden Sie zu sagen wagen, dass es unmöglich ist, dass Sie eine Seele haben? Zweifellos nicht, und wenn dies möglich ist, ist es dann nicht auch sehr wahrscheinlich, dass Sie eine haben? Könnten Sie ein für die Menschheit so schönes und so notwendiges System ablehnen? Und werden ein paar Schwierigkeiten Sie davon abhalten?
GU
Ich würde dieses System schon gern annehmen, aber ich möchte, dass man es mir beweist. Ich kann nicht einfach an etwas glauben, wenn ich keinen Beweis dafür habe. Immer wieder beeindruckt mich diese großartige Idee, dass Gott alles geschaffen hat, dass er überall ist, dass er alles durchdringt, dass er allem Leben und Bewegung verleiht; und wenn er in allen Teilen meiner Existenz ist, wie er in allen Teilen der Natur ist, so sehe ich nicht ein, warum ich dann noch eine Seele brauche. Was soll ich mit diesem kleinen untergeordneten Wesen, wenn ich von Gott selbst belebt werde? Was sollte mir diese Seele nutzen? Nicht wir selbst geben uns unsere Vorstellungen ein, denn wir haben sie fast immer, ohne dass wir es wollen; wir haben welche, wenn wir schlafen, das alles geschieht in uns ohne unser Zutun. Die Seele könnte dem Blut und den esprits animaux* lange sagen: »Lauft, ich bitte euch, auf diese Weise, um mir Freude zu machen«, sie werden immer in der Art und Weise zirkulieren, die Gott ihnen vorgeschrieben hat. Ich bin lieber die Maschine eines Gottes, der mir bewiesen ist, als die Maschine einer Seele, an deren Existenz ich zweifle.
ZISI
Nun gut, wenn Gott selbst Sie bewegt, besudeln Sie nie diesen Gott, der in Ihnen ist, durch Verbrechen; und wenn er Ihnen eine Seele gegeben hat, sollte diese Seele sich niemals gegen ihn versündigen. Sowohl in dem einen als auch dem anderen System haben Sie einen Willen und Sie sind frei; das heißt, es liegt in Ihrer Macht, das zu tun, was Sie wollen; nutzen Sie diese Macht, um dem Gott, der sie Ihnen gegeben hat, zu dienen. Es ist gut, dass Sie weise sind, aber es ist notwendig, dass Sie gerecht sind. Und Sie werden es noch mehr sein, wenn Sie glauben, dass Sie eine unsterbliche Seele haben.
Geruhen Sie nun bitte, mir zu antworten: Ist es etwa nicht wahr, dass Gott die oberste Gerichtsbarkeit ist?
GU
Zweifellos, und wenn es möglich wäre, dass er aufhörte, es zu sein (was einer Gotteslästerung gleichkommt), so möchte ich, was mich angeht, nach Recht und Billigkeit handeln.
ZISI
Stimmt es etwa nicht, dass es Ihre Aufgabe sein wird, tugendhafte Handlungen zu belohnen und verbrecherische zu bestrafen, wenn Sie auf dem Thron sitzen werden? Möchten Sie, dass Gott nicht das tut, was Sie selbst zu tun angehalten sind? Sie wissen, dass es in diesem Leben glücklose Tugend und ungestrafte Verbrechen gibt und immer geben wird. Deshalb ist es nötig, dass das Gute und das Schlechte ihr Urteil in einem anderen Leben finden. Es ist dieser so einfache, so natürliche, so allgemein verbreitete Gedanke, der bei derart vielen Völkern den Glauben an die Unsterblichkeit unserer Seelen und an die göttliche Gerechtigkeit hervorgebracht hat, nach der sie beurteilt werden, wenn sie ihre sterbliche Hülle abgelegt haben. Gibt es ein System, das vernünftiger, der Gottheit angemessener und der Menschheit nutzbringender wäre?
GU
Warum aber haben dann mehrere Völker dieses System nicht angenommen? Sie wissen, dass es in unserer Provinz ungefähr zweihundert Familien ehemaliger Sinous* gibt, die früher im steinigen Arabien lebten. Weder sie noch ihre Vorfahren haben jemals an die unsterbliche Seele geglaubt: sie haben ihre fünf Bücher,* wie wir unsere fünf King-Bücher* haben. Ich habe deren Übersetzung gelesen, ihre Gesetze sind notwendigerweise denen aller anderen Völker ähnlich, sie befehlen ihnen, ihre Vorfahren zu ehren, nicht zu stehlen, nicht zu lügen, keinen Ehebruch zu begehen und niemand zu töten. Doch in eben diesen Gesetzen steht kein Wort von Belohnungen oder Strafen in einem anderen Leben.
ZISI
Wenn dieser Gedanke bei diesem armen Volk bisher noch nicht entwickelt wurde, dann wird er es eines Tages sicherlich werden. Aber was schert uns dieses unglückliche kleine Volk, haben doch die Babylonier, die Ägypter, die Inder und alle anderen zivilisierten Völker dieses heilsame Dogma erhalten. Wenn Sie krank wären, würden Sie dann ein Medikament, das von allen Chinesen geschätzt wird, unter dem Vorwand ablehnen, dass einige Barbaren aus den Bergen sich seiner nicht bedienen würden? Gott hat Ihnen die Vernunft gegeben, sie sagt Ihnen, dass die Seele unsterblich sein muss, es ist also Gott, der es Ihnen selbst sagt.
GU
Aber wie kann ich belohnt oder bestraft werden, wenn ich nicht mehr ich selbst bin, wenn ich nichts mehr von dem an mir habe, was einmal meine Person ausmachte? Nur durch mein Gedächtnis bin ich immer noch ich. Verliere ich bei meiner letzten Krankheit mein Gedächtnis, muss sich dann nicht nach meinem Tod ein Wunder ereignen, um es mir wiederzugeben, damit ich aufs Neue in meine Existenz zurückkehren kann, die ich verloren haben werde?
ZISI
Wenn also ein Fürst seine Familie umgebracht hätte, um an die Regierung zu kommen, und er dann seine Untertanen tyrannisiert hätte, würde er damit davonkommen, dass er zu Gott sagte: »Das bin nicht ich, ich habe mein Gedächtnis verloren, Sie irren sich, ich bin nicht mehr die gleiche Person.« Denken Sie, dass Gott sich mit diesem Scheinbeweis zufriedengeben würde?
GU
Nun gut, meinetwegen, ich gebe nach. Ich wollte das Gute um meiner selbst willen tun, ich werde es ebenfalls tun, um dem höchsten Wesen zu gefallen. Ich dachte, es reiche aus, dass meine Seele in diesem Leben gerecht war, ich werde von nun an hoffen, dass sie in einem anderen glücklich sein wird. Mir ist klar, dass diese Überzeugung für die Völker und die Fürsten gut ist, aber der Gotteskult bringt mich in Verlegenheit.
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