Kitabı oku: «Veza Canetti zwischen Leben und Werk», sayfa 12
D1. Der Salon Spitz: Veza – ein Bild
Die Verzahnung von Lokalkolorit und Bild geht indessen noch weiter. Nicht nur Peter Altenberg muss gerne dem Kind Veza beim Spielen – auf halbem Weg zu den Cousinen an der Seilerstätte – zugeschaut haben. Auch Elias Canetti behauptet, Veza Taubner hätte ihn darauf aufmerksam gemacht, dass sie ihm nur durch seine Passion für Bilder überhaupt aufgefallen sei. „Für den Aufenthalt in der Villa ‚Yalta‘ empfinde sie (Veza, Anm. va) Dankbarkeit, weil dort die Passion für Bilder erwacht sei. Ohne diese hätte ich sie nie bemerkt, wie oft hätte ich ihr nicht gesagt, dass sie für mich ein Bild sei, wie hätte sie mir ohne diese Gewöhnung an Bilder auffallen sollen?“338 Elias Canetti schmückte in der Frankfurter Pension seine Wände mit den Bildern Anselm Feuerbachs, unter anderem der Nanna. Veza Taubner nun muss diesem Bild der Anna Risi, der Muse und Geliebten Anselm Feuerbachs, genau entsprochen haben. „Viel schlimmer war, in meinen Augen, dass sie mich an Feuerbachs ‚Nana‘ erinnerte. Denn was diesen Maler anlangte, so war bei mir allerhand passiert. In Frankfurt hatte ich die Wände unserer Zimmer in der Pension ‚Bettina‘ mit Reproduktionen aus der Kunstwartmappe austapeziert, und zwar mit allem, was es in dieser Mappe gab, nicht nur mit den Bildern, die mir wirklich gefielen. Das ‚Konzert‘ sagte mir gar nichts, aber dass es unter den anderen da hing, brachte mir bei dem gar ästhetisch eingestellten Teil der Pensionsbewohner grosse Ehre ein. Frl. Adler, die mit ihrem Bruder, einem asthmatischen jüdischen Herrn deutschnationaler Gesinnung da wohnte, besuchte uns einmal, sie war sehr fein, eine ältliche Jungfer, die nur von besonderen Dingen, Musik oder Bildern sprach, aber es mussten ausgewählte Werke von stiller Grösse sein, sie vertrug nichts Lautes, zitterte vor heftigen Regungen und sprach ihre ausgewählten Worte innig durch die Nase. Sie kam also, mit einer ausgewählten, einzelnen Rose für die Mutter und war so erstaunt über die Feuerbachschen Wände, dass sie die wiederholten Aufforderungen der Mutter, Platz zu nehmen, überhörte und kopfschüttelnd von Bild zu Bild ging. Vor dem ‚Konzert‘ aber blieb sie wie angewurzelt stehen, sagte dreimal hintereinander inniger noch als üblich: ‚Nein! Nein! Nein!‘ und erklärte sich dann zur Mutter, wobei mir war, als ob sie mit Mühe ein Schluchzen unterdrücke: ‚Dass er dieses Bild hier hat! Dieses Bild! Die andern – das kommt vor. Das ist nicht so ungewöhnlich. Aber dieses! Dieses! Das erschüttert mich. Und er ist erst siebzehn.‘“339
Pikanterweise fällt der durch das Bild der Nanna geschärfte Blick von Elias Canetti auf Veza Taubner, den Veza bei Elias Canetti festgestellt haben will, mit dem Blick zusammen, den Elias Canetti bei Richard Billinger im Anblick von Veza Taubner beobachtet haben will. Elias Canetti schreibt über den Dichter Richard Billinger als einem der Gäste von Camilla Spitz-Calderon: „Der Dichter Billinger aber sprach wenig, dass er sich mit Worten nicht leicht tat, machte ihn ja als Dichter aus, in so einer Gesellschaft sass er massiv und stumm da und glotzte begierig auf jemand, der ihm auffiel. Veza fiel ihm das erstemal auf, er wendete keinen Blick von ihr und sagte schliesslich den einzigen Satz: ‚Sind Sie Malerin, Sie schauen so verinnerlicht aus.‘ Für eine Malerin hielt sie jeder, der je ein Bild von Feuerbach gesehen hatte, denn sie trug ihr Haar, das rabenschwarz war, nach Art seiner Römerinnen, und zwar nicht so, als hätte sie’s denen abgesehen, sondern als wären sie’s. Sie bewegte sich wenig und sass sehr still, für seine schwerfällige Betrachtung – eilige städtische Bewegungen irritierten ihn – war sie wie geschaffen. Wenn sie auch keine Malerin war, obwohl sie schon früh eine Anlage dazu gezeigt hatte, so war sie doch immerhin gemalt, und zwar von einem Maler, der lange vor ihrer Zeit gelebt hatte. Seine Nana sah man damals überall reproduziert, sie war beinahe so beliebt wie später die Sonnenblumen von Van Gogh.“340 Da kann man sich natürlich fragen, ob Veza Taubner selbst auch so eine grosse Reputation genossen hat wie das beliebte Bild Anselm Feuerbachs, was durchaus nicht auszuschliessen ist. Richard Billinger wurde wie viele andere Wiener Künstler von der Tänzerin Grete Wiesenthal in den Salon der Camilla Spitz eingeführt. Elias Canetti notiert, bezogen auf diesen Treffpunkt Veza Taubners, in den Unpublizierten Lebenserinnerungen: „Sie bewegte sich unter jungen Leuten, die älter waren als ich, Camilla, ihre jüngste Tante, die an der Seilerstätte, gegenüber vom Ronacher, wohnte, führte eine Art von Salon. Ihre Tochter Lilli war Tänzerin und schon früh zur Grete Wiesental gekommen (…). Grete Wiesental, die sehr gesellig war, besuchte die Gesellschaft bei der Camilla Spitz, sie brachte auch Leute dorthin mit, einmal den Dichter Richard Billinger, den sie eben entdeckt hatte, einen oberösterreichischen Bauernkoloss, der ihr Gedichte widmete.“341 Erstaunt ist Elias Canetti im Zusammenhang mit dem Salon Spitz darüber, wie es kommen konnte, „dass sie mir, dem noch nicht 20-jährigen Eindruck machen wollte?“342, wenn Veza Taubner doch bereits über den Salon Spitz mit Kunstschaffenden im Kontakt stand.
Der Blick von Richard Billinger auf die schöne Malerin ist einer der Zugänge zu Veza Canetti, die sich Elias Canetti in den Unpublizierten Lebenserinnerungen erlaubt hatte. „Viel früher habe ich einmal versucht sie mit den Augen Richard Billingers zu sehen.“ 343
Elias Canetti schreibt im Jahr 1977 in den Entwürfen zu den Lebenserinnerungen zu Veza Taubner: „Ich mag den eklen Teil nicht darstellen, ich will sie nicht in ihrer Kleinlichkeit darstellen. (…) Wie soll ich ihre Schönheit fassen, wie den Zauber, der von ihr ausging.“344
Die Nanna wird in vielen Bildern345 von Anselm Feuerbach (1829–1880) mit weissem Bauernhemd und schweren schwarzen Haaren, die zu einem Zopf geknotet sind, dargestellt. Exakt dieses Bild verwendet auch Veza Canetti in der Erzählung Pastora, wenn sie die Bauernmagd Pastora darstellt, die die Geliebte des Sohnes ihres Dienstherrn wird. Auch hier liegt der Fokus auf dem Blick von aussen – hier der des Liebhabers – auf Pastora. „Gerade da trat Don Anibal aus dem Haus, und als er den Kopf hob, fiel sein Blick auf das kleine Fenster unter dem Dach. Ins Zimmer gewendet stand Pastora und flocht mit weichen Fingern den Zopf, der über die roten Nelken auf dem Fensterbrett fiel, und es sah aus, als wüchsen sie aus ihren Haaren heraus. Das weisse Kleid liess die Schulter sehen und die Linie des Halses. Don Anibal lachte gut gelaunt und schwang grüssend den Handschuh hinauf, dann bog er rasch um die Ecke und versäumte den Anblick der Freude, deren Ursache er war.“ (DF 169 f.) Die rurale Schönheit der von Feuerbach gemalten Nanna – oft von der Seite346 oder später gar leicht hinten dargestellt – bleibt sich über mehr als ein Jahrzehnt gleich. Der Haarschmuck der Nanna auf dem Bild347 von 1870 ist eine kleine Diamanten-Spange, die aus dem geflochtenen und geknoteten Zopf herauswächst. Das Bild trägt den Titel Iphigenie. Noch 1863 hatte Anselm Feuerbach die Nanna mit einem Lorbeerkranz im Haar gemalt und das Bild erhielt den Titel Poesie. Veza Canetti nun setzt mit dem Bild der nur scheinbar aus den Haaren der Pastora herauswachsenden Nelken als Symbol für den Sozialismus ein ganz anderes Zeichen. Gleichheit (égalité) ist hier nur eine vorgetäuschte, wie das Scheitern der Liebesbeziehung zu Don Anibal zeigt; der Frau mit dem Nelkenschmuck und der Schönheit einer Nanna bleibt trotz ihres Namens, nämlich dem der berühmten spanischen Freiheitsheldin Pastora, wie erwähnt, nur der Gang ins Kloster. Eric Hobsbawm schreibt, dass die roten Blumen zur Ritualisierung des Maifeiertages schon im 18. Jahrhundert an verschiedenen Orten verwendet wurden, die rote Nelke hätte in den Ländern der Habsburger und in Italien ihren offiziellen Status als Symbol für den Sozialismus indessen erst ungefähr um die Jahrhundertwende, also 1900, erhalten.348
Im Nachlass von Elias Canetti gibt es ein Bild349 Veza Taubners, wo sie wie die Nanna Feuerbachs von der Seite her dargestellt wird, gekleidet mit einem weissen Bauernhemd und einem geknoteten Zopf im Nacken. Die Ähnlichkeit zur Muse des Malers Anselm Feuerbach ist frappierend. Veza Taubner trägt aber weder eine Diamanten-Spange noch wachsen aus ihrem Zopf rote Nelken wie bei Pastora, noch trägt sie wie im Bild Poesie einen Lorbeerkranz.350 Mit der Neuverwendung des Bildes der Nanna, einer Bildikone der Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts, setzt Veza Canetti einen neusachlichen Akzent als Rückblende auf das Leben der realen Anna Risi – Geliebte, Modell und Muse vieler Maler –, einer Römerin, die für Anselm Feuerbach den Ehemann, einen einfachen Schuster, und die Kinder verlassen haben soll.351
Auch der sozialistische Schriftsteller und Politiker Ernst Fischer greift das Bild der Nanna auf, indem er schreibt: „(…) ihre Güte als Destillat einer dunkel glühenden Leidenschaft. Schönes weisses Gesicht; Schnee bedeckt den Vulkan. Schwarze Handschuhe (…), Dienst als Würde, (…) Ihre Fähigkeit zu lieben, auf Besitz verzichtend (…).“352
Elias Canetti schreibt in den Unpublizierten Lebenserinnerungen, dass nach einem Lob von seinem Freund, dem Kunstmaler Georg Merkel, über Veza Canettis Schönheit der Lyriker Dr. Sonne geantwortet habe: „Es ist noch viel mehr dahinter.“353
Pastora in der Erzählung Der Seher, die ebenfalls zum spanischen Corpus gehört, wird vom blinden Bettler auf dem Bauernmarkt aufgrund ihres Nelkendufts erkannt und erhält ihr schönes Seidentuch zurück, das ihr zuvor gestohlen worden war. Die Marktgesellschaft hingegen hatte zuvor Pastora selbst des Diebstahles des Tuches verdächtigt, einzig darum, weil ein so schönes Stück der Bauernmagd nicht zieme. (DF 90 f.) Auch von Anselm Feuerbach gibt es das Bild einer Nanna mit einem schönen Seidentuch über der Bauernbluse.
Zufall oder nicht? Der erste Roman der Dichterin mit dem Aussehen der Bildikone Nanna trägt den Titel Kaspar Hauser. Der Maler Anselm Feuerbach war ein Enkel des Juristen Paul Johann Anselm Ritter von Feuerbach, bei dem er wegen des Todes seiner Mutter seine früheste Kindheit verbrachte. Der Jurist Feuerbach hat als Erster 1832 das Schicksal Kaspar Hausers – Kaspar Hauser. Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen – publik gemacht. Die Publikation dieser Schrift fällt in die Zeit, als der Enkel und zukünftige Maler Anselm Feuerbach in seinem Hause lebte. Eine Bearbeitung dieses Stoffes legte auch der Dichter Jakob Wassermann 1908 mit dem Roman Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens vor.
D2. Die Gäste des Salons Spitz
Grete Wiesenthal schreibt 1947 an Lily Spitz nach Amerika: „Wenn ich einen Filmstreifen hätte, würde ich für Dich das Haus an der Seilerstätte, in dem Ihr gelebt habt, fotografieren. Es ist ganz unbeschädigt, und so oft ich daran vorübergehe schaue ich hinauf zu Eurem Balkon und erinnere mich der Besuche bei Euch, und des schönen, runden grossen Balkonzimmers.“354 Die Erwähnung des Filmstreifens, der fehlt, zeigt metaphorisch die volle Diskrepanz der Situation nach dem Zweiten Weltkrieg. Einerseits steht das Haus noch, man kann es von aussen filmen und sich sagen „zum Glück“, aber andererseits ist dessen Innenleben, seien das Menschen oder seien das Ideen, durch den Austrofaschismus und die Hitlerzeit gründlich durcheinandergeraten. Einiges an Turbulenzen war jedoch schon in den 20er Jahren angelegt.
D2.1 Grete Wiesenthal, Hugo von Hofmannsthal
Von Richard Billinger ist tatsächlich bekannt, dass er 1922 beim Gedichte-Rezitieren im Café Central von Grete Wiesenthal entdeckt355 wurde und dass sie ihm die Freundschaft Hugo von Hofmannsthals, mit dem sie selber eng befreundet war, vermittelt hat.
Ob Hugo von Hofmannsthal regelmässig im Salon Spitz verkehrt hat, ist unsicher. Es ist aber davon auszugehen, dass Veza Taubner schon in sehr jungen Jahren Hofmannsthal kennengelernt haben muss. Ob er der grosse Dichter ist, dem Veza Taubner den Kaspar-Hauser-Roman geschickt hat, ist möglich, dies müsste indessen noch knapp vor seinem Tod im Jahr 1929 geschehen sein.356
Mit Ausnahme der Freundschaft zwischen Hugo von Hofmannsthal und Grete Wiesenthal und ihrer Bedeutung für Lily Spitz und deren Familie lässt sich allerdings vorläufig keine quellengestützte direkte Verbindung des Dichters zu Veza Taubner finden.357 Dies passt auch zur Tatsache, dass gleicherweise zu Grete Wiesenthal – die immerhin die Geliebte Hugo von Hofmannsthals war – nur äusserst rudimentäre Aussagen in Biografien zu Hugo von Hofmannsthal zu finden sind.358 Wie bei den Felonen spielt auch hier das Café Museum gleichsam als Nebenschauplatz eine Rolle.
Im Gegensatz zu den nicht zu belegenden Kontakten zwischen Veza Taubner und Hugo von Hofmannsthal ergeben sich literarisch gesehen bei dem Romanfragment Andreas oder die Vereinigten von Hugo von Hofmannsthal aus dem Jahr 1932 vielfältige intertextuelle Bezüge zu verschiedenen Texten Veza Canettis aus den 30er Jahren, aber auch zu solchen Hermann Brochs aus der gleichen Zeit. Im weitesten Sinne kann dies als ein Sich-Abarbeiten der beiden jüngeren Autoren, Veza Canetti und Hermann Broch, an der Wiener Moderne gesehen werden,359 mehr dazu im Kapitel Hermann Broch.
Bekannt sind zudem Veza Canettis Auseinandersetzungen mit dem Operettendiskurs, wie ihn Karl Kraus in Bezug auf die Werke von Jacques Offenbach angestossen hat.360 Veza Canetti verwendet im Drama Der Tiger, das im Alten Wien angesiedelt ist, nicht nur verschiedene Zitate aus Opern und Operetten, sondern greift mit diesem Werk in den Operettendiskurs von Karl Kraus ein. Sie positioniert sich in der Nähe der Position von Walter Benjamin in diesem Operettendiskurs, den Karl Kraus angestossen hat. Veza Canetti problematisiert im Theaterstück Der Tiger mit dem Einsatz einer wohlgesetzten Arie das Verramschen der Kunst in einem Kaffeehaus im Sinne einer Degradation von Kunst als Ware. Veza Canettis Einspruch wird in Form eines von „Pasta gesungenen Auszuges aus der Oper Carmen zum von Karl Kraus propagierten – und von Walter Benjamin pointiert formulierten – ‚Ersatz für Sprache‘, die ‚scheidende Gewalt‘ gewesen wäre“361, oder anders ausgedrückt, Musik wird „zu List und Ausflucht, Einspruch und Vertagung“362 der Problematik rund um „Kunst als Ware“.
Von Hugo von Hofmannsthal ist zudem bekannt, dass er für Richard Strauss verschiedene Opernlibretti geschrieben hat. Im Zentrum dieser und anderer Opern von Richard Strauss stehen oft grosse Frauenfiguren aus Mythologie und Kulturgeschichte wie in Elektra, Ariadne auf Naxos, Salome, Die Frau ohne Schatten und weiteren. Richard Strauss greift mit der Darstellung von grossen Frauenfiguren eine Thematik auf, mit der nur wenige Jahrzehnte zuvor der Theaterautor Friedrich Hebbel (1813–1863) auf den Bühnen Wiens viele Erfolge gefeiert hat. Elias Canetti hat mehrfach erwähnt, dass Veza Canetti die Tagebücher von Friedrich Hebbel sehr geschätzt habe.363 Bemerkenswerterweise sind aber gerade die Tagebücher Friedrich Hebbels eigentliche Korrektive seines ehrfurchtsvollen Dichterblickes auf Frauen, denn in diesen persönlichen Aufzeichnungen tritt er Frauen eher abwertend entgegen. Beispielsweise in einem Eintrag vom 7. Dezember 1843: „Das echte Weib ist seinem eigenen Gefühl nach nichts für sich, es ist nur etwas in seinem Verhältnis zu Mann, Kind oder Geliebtem – wie zeigen dies Elisens Briefe!“364
D2.2 Richard Billinger und seine Freunde Csokor, Zuckmayer
Richard Billinger ist nicht nur von Grete Wiesenthal entdeckt und von ihrem Freund und Geliebten Hugo von Hofmannsthal365 sehr gefördert worden, sondern auch vom Roten Wien. 1924 erhält Richard Billinger den Literaturpreis der Stadt Wien und im Konzerthaus wird sein Stück Spiel vom Knecht, ein Marionettenspiel, uraufgeführt.366 Dieses Stück ist das erste in einer Reihe von Texten, die im bäuerlichen Milieu angesiedelt sind, daraus entwickelte Richard Billinger für die Salzburger Festspiele von 1928 Das Perchtenspiel, ein sogenanntes Tanz- und Zauberspiel vom törichten Bauern, von der Windsbraut und den Heiligen. In Salzburg spielt Grete Wiesenthal die Rolle der schönen Perchtin. Die Texte Richard Billingers in dieser Frühphase seines literarischen Schaffens werden als spätexpressionistisch bezeichnet und sind wenig sozialkritisch. Es erstaunt aus diesem Grund nicht, wenn sein Dichten vom Billinger-Biografen Wilhelm Bortenschlager in die Nähe von Franz Theodor Csokor gerückt wird: „An eine höhere Ordnung, wie sie Franz Theodor Csokor in seinen Dramen vertritt, auf die hin die gesamte Handlung ausgerichtet erscheint, indem religiöse und ethische Probleme im Mittelpunkt stehen, glaubt auch Billinger.“367
Richard Billinger wird als Dichter erst im austrofaschistischen Ständestaat und später in Nazideutschland Karriere machen. Vorerst fühlte sich dieser aber nur zu „Knut Hamsun hingezogen“368, wie viele Sozialdemokraten auch. Beispielsweise hat der spätere Kommunist Ernst Fischer noch 1928 bewundernd zu Knut Hamsun notiert, dass dieser „neue Menschlichkeiten entdeckt” und „ein neues Lebensgefühl in Bücher gebannt“ habe.369 Dass Richard Billinger jedoch noch 1955 dessen Novelle Victoria dramatisiert hat, die dann im Burgtheater zur Aufführung gelangte370 – als längst bekannt war, dass Knut Hamsun bereits anfangs der 30er Jahre ein militanter Nazifreund gewesen war und auch geblieben ist –, ist stossend. Diese Angelegenheit illustriert, ja erklärt unter Umständen, was bezüglich der Nichtrezeption von Exilautoren – wie Veza Canetti – im Österreich der Nachkriegszeit weiterhin in die falsche Richtung lief. Der Biograf Richard Billingers hingegen schreibt 1985, dieser sei fälschlicherweise als Blut- und Bodendichter bezeichnet worden, er hätte keiner Partei angehört. „Dass Billinger vom NS-Regime in Anspruch genommen wurde, dass man ihm den Stempel der Blut- und Bodendichtung aufdrückte, war nur insofern seine Schuld, als er dies mit sich geschehen liess.“371
D2.2.1 Franz Theodor Csokor: rote oder gelbe Strasse
Im Salon der Camilla Spitz und mit dem da verorteten Blick Richard Billingers auf Veza Taubner ergeben sich vielfältige Rückbezüge zu Billinger selbst, mehr aber noch zu dessen Freund Franz Theodor Csokor.
Das Evozieren des Bildes der schönen Römerin Nanna durch Elias Canetti verschleiert in seinem Kerngehalt, dass Veza Taubner selbst gerade diesen bei Franz Theodor Csokor und Richard Billinger festgestellten Glauben an eine höhere Ordnung dekonstruiert hat. Ethik und Mitmenschlichkeit fokussieren bei ihr nicht auf einen allmächtigen Gott, sondern auf mitmenschliches Handeln, das im Tun jedes Menschen angelegt sein soll, ganz im Sinne des von Immanuel Kant formulierten kategorischen Imperativs. In diesem Sinne ist der Roman Die Gelbe Strasse eine eindrückliche Auseinandersetzung mit Franz Theodor Csokors Die Rote Strasse: „Während Csokor das Scheitern seiner Protagonisten in ihrer gleichsam atheistischen Haltung ortet, öffnet Veza Canetti an der gleichen Stelle ein Panoptikum der Sozialkritik.“372 „Intertextuell ist die Nähe der beiden Texte – Die rote Strasse und Die Gelbe Strasse – bereits durch die Wahl der Titel gegeben. Die Bezeichnung Die rote Strasse verweist auf das rote Licht, das einerseits am Fusse des Holzkreuzes auf dem Platz der Barmherzigkeit steht, und andererseits auf das rote Licht über dem Eingang zum Bordell am selben Platz. ‚Im Giebel seiner durch Stufen über den Platz erhöhten Türe brennt eine rotgläserne Laterne. Die Mitte des Platzvordergrundes nimmt ein leeres Holzkreuz ein, darauf die Passionsinsignien (…) wo ein Pult den Kreuzfuss berührt, flackert in einem roten Gläschen ein ewiges Licht. Immer noch Nacht; doch schon gegen die Frühdämmerung zu.‘ Aber auch die Verwendung der Farbe Gelb in Veza Canettis Roman weist auf das Theaterstück Die rote Strasse zurück, bezeichnete Franz Csokor doch den reichen Mann und Bordellbesucher, der im Gold schwimmt und sich jede Frau kaufen kann, mit der gelbe Mann. Die Obsession für die Farbe Gelb zeigt sich beim reichsten Mann im Roman Die Gelbe Strasse, dem Immobilienbesitzer, Rentier, Kapitalist Vlk, hingegen vorerst nur im Gelb seiner Brille, erst als er unter falschem Verdacht verhaftet wird, seiner Brille verlustig geht, beginnt er die Wände seiner Zelle mit dem eigenen gelben Kot umzufärben, entsprechend dem vom Hundekot eingefärbten Belag seiner Strasse, der gelben Strasse. In beiden Texten steht die Farbe Gelb auch für Gold: der gelbe Mann in der roten Strasse schwimmt darin buchstäblich, und das Gold des Winkelbankiers, welches das Kind Hedi in der gelben Strasse findet, bringt indirekt den Mann mit der gelben Brille, nämlich Vlk, zu Fall. Die Farbe Rot des Glases hingegen birgt in der roten Strasse am Fusse des Kreuzes das ewige Licht und taucht den Platz der Barmherzigkeit zusammen mit der rot schimmernden Lampe über dem Bordelleingang in ein stimmiges Licht. Ganz anders bei Veza Canetti, hier verkörpern die Roten oder die roten Gustis wie bereits ausgeführt das soziale Gewissen, indem sie das Geschehen gleichsam aus sozialistischer Perspektive im dialektischen Materialismus kommentieren. Hier offenbart sich auch gleich ein ganz grosser Unterschied zwischen den beiden Texten, kommentieren doch die Figuren aus der Roten Strasse das Geschehen nicht wie bei Veza Canetti aus verschiedenen Perspektiven, sondern es gibt nur eine relevante Perspektive, wie die als Jüngstes Gericht gestaltete Schlussszene offenbart, nämlich die eschatologische. Die kommentierenden Stimmen zu Beginn und Ende des Theaterstückes Die rote Strasse betonen denn auch das Serielle des Geschehens, in dessen Zentrum das Paaren, ‚Paaret‘, und das ‚Blut‘ stehen, welches binde und scheide. Franz Csokor nennt diese drei Stimmen die Unterverantwortlichen. Auch die Stimmen der Häuser in der Lästergasse kommentieren das Geschehen in der Gasse nicht aus verschiedenen Perspektiven, sondern paraphrasieren es. Wenn sie ausnahmsweise kommentieren, dann aus der Perspektive des Kosten-Nutzen-Optimierens, was der Perspektive des Gelben Mannes entspricht. ‚Besinnt euch doch ihres Gesponsen von einst, des Kaufmannes dort im Palaste! Jede wohl hier wäre selig gewesen über solch einzige Gunst aber sie –? Gepeinigt hat sie ihn nur, bespöttelt, genarrt und gehetzt (…).‘ Auch bei Veza Canetti gibt es diese Stimmen aus der Strasse, die kein Verständnis für ihre Mitmenschen aufweisen, sondern einfach nur lästern. Veza Canetti kontrastiert aber diese Stimmen geradezu nüchtern mit Stimmen aus der Perspektive von Recht, Psychologie, Sozialismus und so weiter.
Im Roman Die Gelbe Strasse stürzt sich ein Dienstmädchen ins Wasser und wird vom Wachmann gerettet, was ihr einen Platz im Obdachlosenheim und einen Job bringt. Im Theaterstück Die rote Strasse wird die junge Frau, die sogenannte Sie, bei ihrem selbstmörderischen Gang ins Wasser vom Gelben Mann gerettet, bei dem sie nun auch notgedrungen, aber ungern bleibt. Während am einen Ort, nämlich der gelben Strasse, der Staat helfend eingreift, führt am andern Ort, der roten Strasse, der gleiche Vorgang zu einer fatalen finanziellen Abhängigkeit der jungen Frau von einem ungeliebten Mann. Den Höhepunkt des dramatischen Geschehens – die Person Er (der einstige Geliebte von Sie) vernimmt, dass die Figur Sie an der Geburt des Sohnes im Hause des Gelben Mannes gestorben ist – lässt Csokor im Zimmer einer Dirne spielen, dessen Fenster auf den Platz der Barmherzigkeit hinausgeht, wo vom umgebrochenen Kreuz nur noch der Fuss steht und das ewige Licht schwach leuchtet. Von Frau Iger hingegen, deren Ende im Roman Die Gelbe Strasse im Gegensatz zum Drama Der Oger höchst unbestimmt bleibt, heisst es: ‚Ihr Leid rief einen Gott an.‘“373
Verschiedentlich wurde auch schon von der literaturwissenschaftlichen Forschung darauf hingewiesen, dass der Name Vlk für den Unfrieden stiftenden Kapitalisten im Roman Die gelbe Strasse ein „(…) ironischer Seitenhieb auf den Dichter Csokor“ sei, „der sich selbst gern als Wolf bezeichnete, und d[ie] Tatsache, dass Vlk das tschechische Wort für Wolf ist.“374
In den Entwürfen Elias Canettis, die vor dem Jahr 1928 geschrieben wurden, gibt es eine Binnenerzählung mit einem unleserlichen Titel, die die unschöne Begegnung von einem Menschen mit Namen Wolf und einem Maler schildert. Wobei Wolf davon ausgeht, dass es dem sogenannten Wicht und Maler noch schlechter geht als ihm selber. „‚Sie sind wirklich ein Wicht‘, sagt er ihm einmal, ‚nicht weil Sie Hunger und kein Geld haben, sondern weil es Ihnen noch viel schlechter geht als mir und Sie nicht den Mut aufbringen, sich zu töten, während ich mich jederzeit leicht töten könnte.‘“375 Die Geschichte endet mit der Pattsituation, dass sich der Wicht nur gemeinsam und nur mit einer Pistole umbringen will, Wolf aber genau das feige findet und der Wicht dann erwidert: „Allein geht’s nicht.“376
Theo Waldinger bezeichnet Franz Theodor Csokor als Freund seines Bruders Ernst Waldinger,377 was für eine Überschneidung der Personenkreise rund um die Felonen und rund um den Salon Spitz spricht.
Als Freunde von Richard Billinger gelten auch Alfred Kubin und Carl Zuckmayer. Der Grafiker und Maler Alfred Kubin hat 1935 den Einband der Erstausgabe des Romans von Die Blendung illustriert.
