Kitabı oku: «Speyerer Altlasten»

Yazı tipi:

Krimi 1 mit den 38ern und Inger Babajaga

Speyerer Altlasten

Mord im Klostergarten

von W.W. Pook

Ein Sommergewitter zur späten Nacht steht über Speyer und entlädt sich mit Urgewalt. Blitze schlagen in den nahen Rhein, gefolgt von furchtbarem Donner.

Vor fünfzehn Minuten angekommen, befinde ich mich bereits in der historischen Altstadt und die gespenstische Atmosphäre und die unguten Vorahnungen lassen die alten Mädchen und mich vor dem kleinen Haus verharren.

Mit erhobenen Schirmen treten wir ein und bleiben wie versteinert am Zugang zum Wohnzimmer stehen.

Die alten Mädchen schreien nicht, sondern betrachten stumm das Szenario, das vor ihnen liegt .....

Wer trachtet Nonnen und ehemaligen Lehrern der Klosterschule nach dem Leben und was ist das Motiv? Ausgerechnet am festlichen Höhepunkt des Jahres, dem Brezelfest, kommt es in der alten Domstadt zu grausamen Morden. Die Spuren führen die holländische Psychologin Inger Babajaga in die Vergangenheit.


Wilma Waltraud Pook

wurde 1958 in Speyer am Rhein geboren. Als Enkelin der damaligen Pächter vom Löwengarten, wuchs die Autorin inmitten von Speyerer Originalen auf.

Gemeinsam mit den Großeltern und dem legendären Onkel Schorsch, erkundete sie bereits in jungen Jahren Speyer und das Umland bis zur Weinstraße.

Die Deutsche Nationalbibliothek

verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Die Handlung ist frei erfunden und etwaige auftretende Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © Jochen Werz Verlag 2014

Alle Rechte liegen beim Verlag

ISBN 978-3939434-23-8

Mehr Informationen unter www.4werz.de

Danksagung

„Freunde in der Not, gehen hundert auf ein Lot!“

In diesem Sinne vielen Dank an meinen Mann, Franz Laag für die immer wieder aufmunternden Worte, den Glauben an mich und mein Können. Ohne seine Kochkünste wäre ich mit Sicherheit mehrfach vor dem Computer verhungert.

Danke auch an Sabina Herkelrath, meine Computerfrau und Begleiterin zu mehreren Exkursionen um den Dom zu Speyer.

Danke auch für deine technische Unterstützung und dafür, dass du immer wieder den Kopf hingehalten hast, damit ich üben konnte, einen Mord zu begehen.

Danke auch an den Verleger, Jochen Werz, dass er sich trotz meiner Krankheit bereit erklärt hat, diesen Krimi zu veröffentlichen. Er fasst es immer noch nicht, dass ein Temperamentsbündel wie ich es bin, nicht an die Öffentlichkeit treten kann und mit Posaunenstimme Lesungen hält, dass der Dom zu Speyer wackelt.

„Nobody is perfect!“

In diesem Sinne auch ein Dankeschön an alle Lesenden und Leidensgenossen, und Speyerer Originale, denen ich auf den Mund schauen durfte.

Witz und Humor halten die Pfalz zusammen und den Dom am rechten Fleck.

„Nore net unnergrische losse!“

W. W. Pook

Kapitel 1
Mord in der Altstadt

Ein Sommergewitter zur späten Nacht steht über der Stadt und entlädt sich mit Urgewalt. Blitze schlagen in den nahen Rhein, gefolgt von furchtbarem Donnern.

Das unebene Pflaster dampft unter meinen Füßen und der Sturm zerrt an den Regenschirmen, die wir vergebens über uns halten.

Vor fünfzehn Minuten am Bahnhof angekommen, befinde ich mich bereits in der historischen Altstadt, doch die Dunkelheit und die Eile, mit der die alten Damen vor mir herstürmen, lässt keine Beschaulichkeit aufkommen.

Von der wilden Idee gepackt, einem alten Schulkameraden eine wichtige Botschaft zukommen zu lassen, überqueren wir den Speyerbach. Wir lassen das metallene Klostertor zur Heiligen Bernadette zur Rechten liegen und biegen in die nahe Bärengasse ein, die fast in vollkommener Dunkelheit vor uns liegt.

Wir passieren kleine Häuser, eng aneinander gebaut, so als stützen sie sich gegenseitig und das uralte Pflastergestein kündet von ihrem Alter.

Ulla Erler findet sofort die richtige Hausnummer und betätigt den Türklopfer, aber nichts regt sich in dem alten Haus, obwohl das Licht im Innern brennt.

Erneut und sehr energisch schlägt sie den Metallring gegen die dazugehörige Platte, da öffnet sich die Eingangstür wie von allein. Sie quietscht nicht, doch ich hätte mich nicht gewundert, wenn sie es getan hätte.

Die gespenstische Stille lässt die alten Mädchen an der Türschwelle verharren und ungute Vorahnungen lassen sie vielsagende Blicke wechseln.

Wieder ist es Ulla Erler die voranschreitet, den zusammengefalteten Schirm wie zum Schutz gegen die Brust gepresst. Doktor med. Grete van Potgieter, meine mütterliche Freundin, folgt, eine Hand an Ullas Regenjacke geklammert und ebenfalls den Schirm schlagbereit erhoben.

Wieder donnert und blitzt es über dem Rhein, als drehe sich das Gewitter auf der Stelle. Draußen prasselt der Regen wie Steinchen auf das alte Pflaster und spritzt in den Flur herein.

Schritt für Schritt tasten sich die alten Freundinnen den Flur entlang und rufen leise nach Oskar. Aber die Totenstille im ganzen Haus drückt mehr aus als tausend Worte.

An der Holzdiele zum Wohnbereich bleiben die Damen wie versteinert stehen, schreien aber nicht und betrachten stumm das Szenario.

Ich dränge näher, spähe in den Raum und sehe, was geschehen ist, ziehe mein Handy und wähle die Notrufnummer 110, die mir Ulla diktiert.

„Inger Babajaga, in der Bärengasse 13 hier in Speyer. Ich möchte einen Mord melden. Ja einen Mord!“, muss ich wiederholen, als würde ich holländisch sprechen anstatt deutsch.

Plötzlich scheint der Beamte am anderen Ende der Leitung begriffen zu haben und belehrt mich, als wüsste ich das nicht selbst zur Genüge, wie ich mich zu verhalten habe, damit keine Spuren verwischen.

Selbst von diesem düsteren Ort aus hören wir die Sirenen der Polizeiwagen, die aus der nahen Station ausrücken.

„Die wären zu Fuß schneller hier, bei all den Einbahnstraßen, es ist doch nur ein Katzensprung über den Speyerbach!“, knurrt Frau Erler ungehalten, was einer Siebzigjährigen aber nachgesehen werden kann.

In geübter Manier nehme ich den Tatort in Augenschein, ohne ihn zu betreten oder etwas zu berühren. Auch wenn ich nur eine holländische Psychologin bin, so ist das nicht mein erster Tatort, den ich sehe.

„Inger, mein Kind, nutz die Zeit und nimm alles auf, was wir zur Lösung der Fälle benötigen. Die Sirenen sind erst auf dem Eselsdamm, du hast bestimmt noch drei Minuten!“, zischt Gretchen in mein Genick, denn größer ist sie nicht und jedes Mal bekomme ich eine Gänsehaut, wenn sie das tut.

Wie ein Kartograf teile ich den Innenraum des Geschehens in kleine Bereiche auf und speichere meine Beobachtungen. Nicht die Leiche in ihrem Blutbad hat mein Augenmerk, sondern alles drum herum.

An der linken Wand ein Glasschrank, antik aus dunklem Holz. Feines Kristall schimmert heraus, mindestens genau so alt.

Im rechten Winkel dazu steht ein schönes Sofa, Kissen und eine Decke unordentlich, als hätte Oskar noch vor kurzem darauf geschlafen.

Im Zentrum ein niederer Tisch, darauf Salzgebäck und zwei Gläser Wein, noch unberührt, wie es mir scheint.

Ein Mobiltelefon, griffbereit für die Leiche im Sessel. Gegenüber ein weiterer Sessel, das Kissen ist zerknautscht. Dort scheint der Täter gesessen zu haben, nach der Aufstellung der Weingläser zu schließen.

An der Wand zu meiner Rechten ist ein großer Fernseher angebracht, dessen moderne Art im Gegensatz zur antiken Einrichtung steht.

Die Polizeiwagen fahren von der rückwärtigen Seite die Bärengasse herein und ich nutze die letzten Momente.

Die Leiche sitzt in ihrem Sessel, die Hände in die Lehnen verkrallt. Der Kopf hängt hinten über das Kopfteil, bis zur Wirbelsäule abgetrennt.

Das Blutbad ist unaussprechlich. Selbst in die Gläser ist es gespritzt, über den Tisch bis zum leeren Sessel, an die Decke und die gegenüberliegende Wand, aber das Meiste steht unter dem Tisch, wo Oskar im Todeskampf den Teppich mit den Füßen zu einem Wulst zusammengeschoben hat.

Ulla und Gretchen nehmen die Beamten in Empfang und führen sie zu mir an die Tür zum Wohnzimmer.

Der erste Eindruck überwältigt auch sie, doch die berufliche Routine setzt sich über alle menschlichen Gefühle hinweg.

Ich setzte mich im Flur auf den Boden, mit dem Rücken zur Wohnzimmerwand und versenke in scheinbarer Übelkeit meinen Kopf auf die Knie.

Was die Beamten nicht wissen und auch nicht zu wissen brauchen, während ich so dasitze, nehme ich restliche Eindrücke in Bildern in mich auf, die mir von den jüngsten Ereignissen vor Ort erzählen.

Neugierige und auch die Presse drängen zur Vordertür herein, was aber die Polizisten sofort verhindern.

Die Verhöre beginnen und Ulla führt das Wort, während Grete dafür sorgt, dass ich noch unbehelligt bleibe. Sie, als meine Ärztin sorgt für mich, was die Beamten sofort verstehen und so verschafft sie mir die Zeit, wichtige Informationen zu sammeln.

Ein Großaufgebot an Spezialisten trifft ein, die alle Spuren sichern. Auch uns werden Fingerabdrücke abgenommen, obwohl ich die ganze Zeit über Handschuhe getragen habe.

Ich gebe Auskunft, warum ich eben zu dieser Zeit den Oskar Metzger aufsuchen wollte. Also berichte ich wahrheitsgemäß und so kurz und knapp wie möglich.

„Gegen sechs Uhr heute Morgen traf Frau Dr. med. van Potgieter bei mir in Wijk bij Duurstede in Holland ein. Bat mich, ich solle sie nach Speyer begleiten zur Beerdigung ihrer alten Klassenkameradinnen Liesel Bäcker und Maria Steiger, die wie Ihnen bereits bekannt sein dürfte, beide in der Nähe ermordet wurden.

Da sie eine gute alte Freundin von mir ist, und ich gerade nichts anderes vorhatte, fuhren wir mit dem nächstbesten ICE hierher.

Doch Frau Ulla Erler“, womit ich auf die große starke Frau zeige, die meinen Aussagen lauscht wie ein Fuchs, „empfängt uns am Bahnhof in Speyer mit der fürchterlichen Vorahnung, dass noch weitere Lehrerkollegen in Gefahr sein könnten.

Bevor ich ihren Gedankengang noch nachvollziehen konnte, stellten wir unser Gepäck in ihren Hausflur und stürmten hierher.

Was wir vorfanden, wissen Sie bereits. Ich benachrichtigte Ihren Kollegen in der Zentrale, alles Weitere ist Ihnen bereits bekannt!“

Meine Personalien werden aufgenommen, alles nur der Routine wegen und ich muss immer wieder bestätigen, dass ich das Opfer weder kannte noch mit ihm in anderweitigem Kontakt stand und allmählich wird mir die Sache sehr lästig.

Mein Magen knurrt, vom Durst gar nicht zu reden, ich sehne mich nach einem ruhigen Plätzchen, an dem ich meine Gedanken sortieren kann.

Mit einem vielsagenden Blick signalisiere ich den alten Damen, dass wir uns vom Tatort entfernen sollten. Ulla regelt das mit den Beamten, die in Anbetracht der späten Uhrzeit vollstes Verständnis zeigen. Noch einmal bestätigt Frau Erler, dass sie jederzeit in der Maximilianstraße 7 erreichbar ist, ansonsten per Handy.

Draußen herrscht trotz Regen Hochbetrieb. Die Schaulustigen sind immer noch aktiv. Die Reporter stürzen sich auf uns, aber Ulla schirmt Gretchen und mich wie eine Glucke unter den ausgebreiteten Flügeln solange ab, bis die Türen des bereitstehenden Polizeiwagens ins Schloss fallen und wir den Heimweg antreten.

Im Stillen gebe ich den alten Mädchen recht, der Fahrweg ist länger als der Fußmarsch. Dafür halten wir die Regenschirme ungenutzt in unseren Händen und brauchen nicht durch den Nebel zu laufen, der die ganze Speyerer Altstadt durchwabert als wären wir im Herzen Londons.

Die Koffer in der Hand steigen wir eine Treppe hinauf, wo sie uns die Schlafzimmer zuweist, aber für Ruhe scheint es noch nicht Zeit zu sein, denn sie befiehlt uns sofort in die Küche, zu einer ersten Krisensitzung, wie sie es nennt.

Ich streife meine nassen Sachen ab und schlüpfe in einen Jogginganzug, dann suche ich die Küche auf, in der Hoffnung, endlich etwas zu essen zu bekommen.

Erstaunt sehe ich die Alten am Tisch sitzen als wäre nichts weiter geschehen. Tuschelnd wie zwei Schulmädchen stecken sie die Köpfe zusammen und kichern aus Freude sich wieder zu sehen.

Zu meiner eigenen Freude sehe ich den Teller mit belegten Broten, verziert mit Paprikastreifen und Gurken. Salatblättchen quellen heraus und obenauf je ein Tupfer Mayonnaise. Die Schnittchen sind gut und Ulla, wie ich Gretchens Freundin nennen darf, reicht mir eine Tasse Tee. Die Freundinnen trinken zum Wiedersehen ein Glas Sekt.

„Extra trocken“, sagt Ulla. „Das erspart das teuere Lifting. Die Gesichtshaut zieht sich glatt, bis ich hinter den Ohren eine Ziehharmonika habe, die ich unter dem Haarschopf geschickt verberge!“

Gemeinsam kichern die Zwei erneut wie Schulmädchen und ich brauche etwas länger, um die Pointe zu verstehen.

Gretchens Sprache hat sich, obwohl sie seit fünfzig Jahren in Holland lebt, seit der Ankunft in Speyer merklich verändert. Deutsch ist für mich zwar wie eine zweite Muttersprache, aber ich habe schon immer Probleme mit den vielfältigen Dialekten.

Also studiere ich ausgiebig die belegten Schnittchen, wähle nur die mit Mayonnaise als Basis und betrachte die Frauen.

Ulla Erler ist eine imposante Person. Noch immer mindestens 170 cm groß, obwohl sie durch das Alter leicht gebeugt ist. Die mächtige Haarmähne ist meliert, wie Pfeffer und Salz gemischt und die dunklen Augenbrauen weisen darauf hin, dass Ulla einmal dunkelhaarig war. Die graubraunen Augen erinnern mich an eine Wölfin, sind aber freundlich und weise. Das Dreifachkinn und der große Busen geben der mächtigen Erscheinung eine so starke Mütterlichkeit, dass ich mich sehr zu ihr hingezogen fühle.

Wie sie so da sitzen, die alten Damen, in ihre Erinnerungen vertieft, fühle ich auch keine negativen Eigenschaften oder versteckte Gefühle. Beide sind so offen in ihren Wesen, wie ein aufgeschlagenes Buch, in dem ich als Psychologin mühelos lesen kann.

Aber ich fühle auch die machtvolle Entschlossenheit, als sie sich vom Küchentisch erheben und zu ernsten Dingen schreiten, wie sie es nennen.

Bei aller Wiedersehensfreude wenden sich die Freundinnen nun den Morden und Ullas Recherchen zu.

Ich decke die verbliebenen Schnittchen ab und stelle sie auf die Anrichte. Dabei lausche ich Ullas ersten Berichten zum Mord an Liesel Bäcker.

Neugierig geworden folge ich mit einer weiteren Tasse Tee und wähle mir einen bequemen Sessel am Fenster, von wo aus ich einen schönen Blick zum Dom habe.

„Gretchen, meine Liebe, ich habe alles zusammengetragen, was ich von den 38ern gefunden habe“.

Von meinem Sessel aus beobachte ich Gretchen, die zwei verblichene Klassenfotos studiert. Das Erste zeigt nur Mädchen, das andere nur Jungen.

„Warum hast du das der Buben auch hier aufgestellt?“, fragt Gretchen höchst erstaunt und Ullas Blick wird sehr ernst.

„Ich fürchtete, ohne es genauer benennen zu können, dass auch die Buben betroffen sind und wie du selbst miterlebt hast, hatte ich Recht!“

„Erinnerst du dich an ihn?“, flüsterte Ulla.

„Oh ja, der Oskar Metzger, an den erinnere ich mich sehr gut. Er hat mir den Hof gemacht, aber seine feuchten Hände machten mir eine Gänsehaut!“

Und doch füllen sich die Augen meiner Freundin mit Tränen. Lange betrachtet sie das alte Bild, bis sie es auf den kleinen Beistelltisch zurückstellt und eine Kerze entzündet, als Gedenken für die Toten.

Auch mich erfasst ein Schauer und mein Blick wandert erneut zum Dom, als könnte er mich vor der Traurigkeit bewahren, die über die Frauen kommt. Gretchen liest den Zeitungsbericht.

„Da steht nichts darin wie Liesel und Maria ihr Leben verloren haben!“, aber ihr fragender Blick zu Ulla macht ihr Hoffnung, dass diese vielleicht eine Ahnung haben könnte.

„Ich kenne die Putzfrauen vom Kloster, die haben mich genau informiert“.

Gretchen hält die bedeutungsschwere Pause kaum aus, die Ulla zum Luftholen braucht. Schnaubend wie ein Pferd sammelt die starke Frau all ihren Grips und fährt dann endlich fort.

„Wie bei Oskar, Kopf ab bis zur Wirbelsäule. Einen Draht mit zwei Holzgriffen, im Genick verdreht und ein Blutbad wie in einer Schlachterei!“

Mir wird übel bei der sachlichen Schilderung und ein intensiver Blutgeruch steigt mir in die Nase. Die Frauen haben eine Gabe, das Leid und die nackten Tatsachen so voneinander zu trennen, als seien sie alte Polizisten.

„Also derselbe Täter?“, stellte Gretchen eiskalt fest und Ulla nickt.

Mit einem Blick zu mir vergewissert sich meine alte Freundin, ob ich auch ja alles gehört und verstanden habe, aber ich winke sofort ab. Dieser und auch die anderen Fälle, gehören nicht in meinen Zuständigkeitsbereich. Wenn ich auch in Holland von den Behörden ab und an zur Mitarbeit gebeten werde, so lehne ich eine Einmischung hier kategorisch ab.

Enttäuscht wendet sie sich dem schweren Holztisch zu, der das Zentrum des gemütlichen Wohnzimmers bildet, zieht sich einen Stuhl heran und studiert die Zeitungsausschnitte und handgeschriebenen Zettel, die durcheinander liegen.

Mir wird der Boden zu heiß und bevor Gretchen mich mit ihrem Dackelblick dazu bringt meinen festen Standpunkt zu überdenken, ziehe ich mich lieber in das kleine Schlafzimmer zurück, das Ulla für mich gerichtet hat.

Es ist ja so eine Sache mit fremden Betten und ich bin da keine Ausnahme, aber als ich das uralte Bett sehe, 180 cm lang und 100 cm breit muss ich grinsen. Gott sei Dank, dass ich nicht so groß bin wie Maarten, der hätte sich wie ein Rollmops zusammendrehen müssen. Aber für meine 160 cm reicht das alte Ding bestimmt.

Doch im Bad muss ich weiter grinsen, denn auch hier scheinen die letzten hundert Jahre spurlos an allem vorübergegangen zu sein.

Neugierig drehe ich am Wasserhahn und tatsächlich fließt Wasser heraus. Keine Schwengelpumpe, wie ich fast befürchten musste, als ich die Zinkbadewanne auf geschwungenen Füßen erblickte. Ein Brausekopf hängt darüber und ein Plastikvorhang schützt den alten Holzboden.

Doch die Toilettenspülung ist das Tollste. Eine uralte Zugvorrichtung mit Keramikgriff an einer Kette, die ich mich fast nicht zu benutzen traue. Doch sie hält meinem Zug stand. Die Decke bleibt, wo sie ist, aber der Rheinfall von Schaffhausen macht nur halb soviel Getöse wie die Toilettenspülung.

Zurück in meinem feinen Schlafzimmer beschließe ich meine Koffer erst morgen auszupacken.

Ich öffne das Fenster, wie ich das immer tue, und werfe mich juchzend in das quietschende Bett. Sofort versinke ich in den dreiteiligen Matratzen, kämpfe mit den dick gefüllten Federbetten und befreie mich von dem Federballast, der für einen sibirischen Winter geeignet wäre. Jetzt ist alles urgemütlich und während ich in dem schaukelnden Bett noch an meine Pritsche auf Vaters Lastkahn denke, bin ich eingeschlafen.

Kapitel 2
Tatortbesichtigung

Das Sechsuhrläuten der vielen Kirchen um mich herum macht mir sofort klar, wo ich bin. Doch ich mag die schaukelnde Kuschelkiste noch nicht verlassen.

Draußen auf der Hauptstraße ist es noch mäuschenstill und ich genieße die leichte Brise, die meinen Vorhang bewegt.

Aus meiner Handtasche angle ich mein Handy und wähle Maarten an, der bestimmt schon hinter seinem Steuerrad steht und mit seinen Adleraugen die Fahrrinne beobachtet.

Und so ist es dann auch. Einmal Klingeln und ein lautes:

„Hoi mijn Meid!“, donnert mir entgegen. Ich sehe sein verschmitztes Grinsen vor mir und lasse das Bett schaukeln, als stände ich neben ihm am Steuer, mit einer Tasse Kaffee in der Hand.

Es dauert eine Weile bis ich alles berichtet habe, was sich in den letzten Tagen zugetragen hat. Wie von einem Schiffsjungen fordert Maarten genauen Bordbericht von mir und lauscht konzentriert meinen Erzählungen.

Als ich meinen Aufenthalt in Speyer schildere, wie es dazu kam und was ich bisher gesehen habe, überrascht mich seine Frage nicht, ob ich in den Fall einsteige. Ein tiefes Atmen ist sein ganzer Kommentar und trotz meiner psychologischen Ausbildung bin ich nicht imstande, seine Reaktion zu deuten. Ich müsste sein Gesicht jetzt sehen, dann wüsste ich Bescheid.

Die Abschiedsworte sind wie immer liebevoll, aber kurz und knapp. So ist er eben.

Mit einem neuerlichen Grinsen begrüße ich mein Spiegelbild im vorsintflutlichen Bad. Ich stelle fest, hervorragend geschlafen zu haben und in meinem Gesicht zeigen sich noch immer keine Falten oder Knitter. Die Haut ist lupenrein wie immer, vielleicht etwas blass, was bei blonden Menschen wie ich es bin, oft vorkommt. Die grünen Augen glänzen, die Zähne sind makellos, was will ich mehr. Meine jugendliche Figur mit harmonischen Rundungen habe ich mir auch bewahrt, obwohl ich dem guten Essen gerne zuspreche.

Gretchen sagte immer, ich entspringe der Rasse der Babajagas, die alle schlank waren, hoch aufgeschossen und essen konnten, soviel und was sie wollten.

Nur die Größe habe ich von meiner Mutter, oh, und auch die psychologische Ader. Eine spezielle Kunst, im Umgang mit Menschen und ihren Schattenseiten, die an keiner Universität gelehrt wird. Ein vererbtes Talent, eine angeborene Schnüfflernase, gepaart mit einem Gehirn, das Assoziationen und Verknüpfungen herstellen kann, die uns von allen anderen unserer Zunft unterscheidet.

Ich wähle für den Tag eine helle Leinenhose und eine bunte Bluse und da draußen die Sonne scheint, schlüpfe ich in meine neuen Basler Sandalen, die mir Maarten mitgebracht hat.

In der Küche sitzen die alten Mädchen bereits beisammen.

„Inger, mein Mädchen, hast du gut geschlafen?“, tönt mir Ullas Ruf entgegen und ich nicke freundlich in ihre Richtung.

Auch Gretchen thront am Esstisch, die Nase hinter der Tageszeitung verborgen. Ich gebe ihr ein Küsschen und richte Maartens Grüße aus.

„Ohh, das Mädchen hat einen Freund?“, ruft Ulla zu Gretchen, die wie eine Schlange den Hals reckt, über den Zeitungsrand lugt und erwidert:

„Und was für einen. Zwei Meter lang, dünn wie eine Bohnenstange, Beine wie ein Storch, Hände und Füße so groß wie Windmühlenflügel und das Gesicht unter lauter rauen Stoppeln vergraben. Der Kerl ist über sechzig und wenn er mal was sagt, was selten vorkommt, dann sind das messerscharfe wohlbedachte Worte, die selbst dich und mich mit einem Schlag mundtot machen!“

Damit verschwinden die blitzenden Augen wieder hinter der Zeitung und Ullas offener Mund und staunender Blick schießen zu mir herum, als hätte sie unerhörte Dinge über mich gehört.

„Mijn Vader!“, sage ich schnell zwischen zwei Schlucken Kaffee, womit sich Ullas Blick entspannt und Gretchen von der Freundin einen Knuff erhält.

„Au!“, schreit Frau Doktor. „Wodurch habe ich den verdient? Ich sagte nichts weiter als die Wahrheit, die reine Wahrheit, so rein wie der Rhein bei Rheinhausen!“

Gekicher wird laut und ich esse Schnittchen vom Vorabend.

„Was steht heute auf dem Plan?“, frage ich und als hätten die Geier nur auf die Futterglocke gewartet, wenden sich mir zwei grinsende Gesichter zu und legen mir eine handgeschriebene Liste vor. Das Schnittchen stellt sich mir quer im Hals. Ich huste und bereue bereits meine Frage.

-Klosterbesichtigung mit Audienz bei Oberin Sr. Bryonia. Tatortbesichtigung und Befragung.

-Besuch in der Löwengasse 13, Wohnsitz des verstorbenen Oskar Metzger, Putzfrau ist vor Ort.

-Besichtigung des Nebenzimmers im Domnapf. Nachfrage, ob für heute Abend - Klassentreffen - alles gerichtet ist.

-Kranzbestellung und Kirchendekoration für die Beerdigungen, zuvor Nachfrage beim Bestattungsunternehmen, ob die Leichen freigegeben sind.

-Schorsch anrufen, ob er die Feierlichkeiten übernimmt.

-Kontaktaufnahme zur Kripo LU Verknüpfungspunkte aufzeigen.

-Hut kaufen für Gretchen.

Änderungen vorbehalten.

„Klosterbesichtigung und Tatortbesichtigung?“, frage ich über den Esstisch hinweg und ernte nur erstauntes Schnauben. Ich ziehe die Achseln hoch, weil mir der Zusammenhang noch immer nicht klar ist, und Gretchen geht ein Licht auf.

„Kindchen, ich vergaß, dir zu erzählen. Wie konnte ich das nur vergessen? Drei Mädels aus unserer Abiturklasse gingen ins Kloster. Liesel, Maria und Johanna. Da, hinter dem Dom wo wir lange Zeit gemeinsam die Schulbank drückten. Sie traten ein in das Kloster zur hl. Bernadette und wurden Nonnen!“

Ulla ergänzte Gretes Worte.

„Es waren genau die drei, von denen das keiner je gedacht hätte. Wir fielen nach dem Lehrerstudium aus allen Wolken, als die Mädels uns das verkündeten. Ich weiß noch, dass ich Gretchen sofort nach Heidelberg schrieb, aber die hatte noch schlechtere Nachrichten. Sie hatte bereits die Koffer gepackt für Holland!“

Wieder Gekicher wie von kleinen Schulmädchen und ich schiebe das Blatt von mir weg.

„Wenn ich das alles recht verstehe, so waren die ersten Opfer Nonnen aus einem Speyerer Kloster zur hl. Bernadette?“

„Genau richtig erkannt!“, ruft Ulla,

„Und in welcher Beziehung stand der getötete Mann zu ihnen?“

„Na das ist doch der springende Punkt!“, schreit Ulla, dass mir die Ohren tönen.

„All die aus unserem Abiturjahrgang, sechs Stück, zwei Buben und vier Mädchen, arbeiteten von der Uni weg im Kloster zur hl. Bernadette. Das war eine Sensation, sag ich dir. Männliches Lehrpersonal an einer Mädchenschule, einer Klosterschule und auch noch mit Internat!“

Ich kann die Sensation nicht mal halbwegs erahnen, von der Ulla hier so aufgeregt berichtete und stehle mich aus der Situation mit der Frage:

„Und wer ist der Schorsch?“

„Na, der Schorsch ist der Domdekan von Speyer, Georg Schmidt, auch ein 38er. Der soll die Beerdigungen und die Feierlichkeiten übernehmen!“

Langsam ziehe ich mich aus den Tagesplanungen zurück, denn die fordern mein Sprachverständnis zu sehr. Nur ein Hellseher könnte den Abmachungen und Planungen der alten Mädchen folgen, die von mir viel zu viel Wissen voraussetzen. Domdekan Schorsch, wie sollte ich auf dessen richtigen Namen schließen können?

Mit einer weiteren Tasse Kaffee gehe ich zum Fenster, das mir den Blick zum Dom bei Tage präsentiert.

Ein herrlicher Julitag ist angebrochen und die ersten Fußgänger sind unterwegs. Ein kleiner Mann mit schütterem Haar blickt lange zu mir herauf und schließlich winkt er freundlich und zieht seinen Hut vor mir. Lächelnd winke ich zurück und werde irgendwie das Gefühl nicht los, dass ich den Mann nicht zum letzten Mal gesehen habe. Er verschwindet in Richtung des Denkmals des Jakobspilgers, der auf dem Weg nach Santiago de Compostella seinen Standort auf dem gegenüberliegenden Gehsteig nie verändert.

Die Schulkinder radeln unter mir vorbei, obwohl es erst zwanzig Minuten vor acht Uhr ist. Ihre Sprache verstehe ich kaum, ansonsten unterscheiden sie sich nicht von den Kindern meiner Heimat.

„Kindchen!“, ruft Grete, „Mach dich fertig, wir wollen gleich los!“

In der Küche höre ich Geschirrklappern und meine Tasse stelle ich in den Spülautomat dazu. Ulla verschwindet in ihrem Zimmer und ruft mir zu, als wäre ich ein Kind:

„Wird heiß heute, Ingerchen, die Rheinpfalz meldet Temperaturen bis 30° C. Wenn du gelüftet hast, schließ die Fenster und zieh’ die Vorhänge zu, damit die Hitze draußen bleibt, ja?“

„Aye, aye, Käp’ten!“, rufe ich als Antwort und wieder antwortet mir das Altweibergekichere.

Vor der Ausgangstür werde ich erwartet und Ulla sowie Gretchen zupfen an meiner Bluse, mustern mich von oben bis unten und befinden mein Aussehen als passabel, dann erst darf ich auf die sonnenbeschiene Hauptstraße treten.

Mein Herz schlägt höher, als ich bemerke, dass Ulla im Sturmschritt auf den Dom zu marschiert, die Straße überquert und schnurgerade weiter rennt.

Ich sehe bereits nach links und rechts, um die Straße vor dem Dom zu überqueren, da packt mich Ullas kräftige Hand am Arm und zieht mich links herum.

„Hier lang, Kleines, da drüben ist das Kloster!“

Enttäuscht folge ich den beiden und finde keine Zeit, die schönen Häuser zu betrachten, an denen wir vorbeirennen.

„Was ist das für ein Haus?“, frage ich, ernte aber nur ein schnödes:

„Später, Ingerchen!“

Am Speyerbach klammere ich mich am Geländer fest. Das fließende Wasser fesselt meinen Blick. Ich ahne mehr die gefährliche Unterströmung, als ich sie sehen kann, aber das beständige Rauschen ist für mich deutlich genug und Musik in meinen Ohren. Gesäumt von Kastanienbäumen, die ihre halbreifen Früchte zur Sonne strecken, fließt der Bach dem Rhein zu.

Das ungeduldige Schnauben der Damen reißt mich vom Geländer los und ich folge ohne Halt durch das große schmiedeeiserne Tor in den Klostervorhof.

Kühle umfängt mich und vollkommene Ruhe. Das leerstehende alte Schulgebäude lassen wir zur Rechten und nähern uns der gläsernen Pforte, da sehe ich eine Gartenbank zwischen Rosen und Lavendelbüschen, die den Eingang in einen großen Gemüsegarten bilden.

Ich verschwinde, bevor die Freundinnen mein Fehlen bemerken, und lasse sie allein mit der Priorin sprechen.

Noch einmal erinnere ich mich selbst an meinen Beschluss, nicht in die polizeilichen Ermittlungen einzusteigen, denn ich bin als Touristin in der Stadt, schlimm genug, dass die Alten sich einmischen.

Da sitze ich nun und genieße die Natur im Klostergarten. Gedämpft höre ich lateinischen Kirchengesang ohne Orgelbegleitung.

Mein Blick schweift über die nahe Umgebung. Pfirsichbäume stehen nahe an einer alten Mauer, dann Beete gefüllt mit Gemüsen aller Art und rechter Hand Obststräucher. Heimische Blumen blühen dazwischen und Kräuter, dann folgen lange Salatbeete.

Der anschließende Schuppen ist mit Plastikbändern abgesperrt und ich ahne, dass hier einer der abscheulichen Morde passiert sein muss.

Schnell fliegt mein Blick weiter und ich treffe auf ein braunes Augenpaar in einem jungen Gesicht, umrahmt von braunen Locken, die zu einem Zopf gebunden sind.

Erst die grüne Mütze lässt mich erkennen, dass ich einer Polizistin gegenübersitze, die mich neugierig mustert.

„Guten Morgen!“, sagt die junge Beamtin recht freundlich und ich grüße zurück.

„Sind sie mit dem Opfer verwandt?“

Ich verneine.

„Presse?“

Erneut schüttle ich den Kopf, worauf die Polizistin einen Block aus ihrer Tasche zieht und meinen Personalausweis verlangt.

Jetzt bin ich auch noch verdächtig und ich habe wohl zu stark gegrinst, als ich meinen Ausweis aus der Handtasche hole, denn die Frau blickt misstrauisch erst auf mich, dann auf das Plastik, das ich ihr reiche, dann auf meine cremefarbenen Stoffhandschuhe.

„Holländerin?“

Wieder nicke ich.

„Psychologin und Profilerin, wenn ich den Eintrag hier recht verstehe!“

Noch ein Nicken.

„Stumm sind sie auch noch, wie ich höre?“

Und jetzt muss ich lachen.

„Nein, stumm bin ich nicht, aber zum ersten Mal verdächtig. Meistens stehe ich auf der Seite der Guten!“

„Meistens, wie soll ich das verstehen?“

Vorsicht, Inger, sage ich zu mir, die Dame hat einen sehr scharfen Verstand. Jetzt bleib ernst bei der Sache.

„Wenn ich meinem Vater eine gute Tafel Baseler Schokolade aus seinem Geheimfach entwende, dann ist das keine Straftat, auch wenn er immer so tut als ob. Ein schlechtes Gewissen habe ich dabei auch immer, aber die Schokolade entschädigt mich reichlich dafür. Deshalb sage ich: meistens stehe ich auf der Seite der Guten. Aber was Sie hören wollen, ist eher, dass ich weder hier noch in Holland oder anderswo vorbestraft bin, ein unbescholtenes Leben führe und deshalb hier auf der Bank sitze, weil zwei ältere Damen, die ich begleite, zur Zeit mit der Priorin sprechen!“

Per Funk ruft die Polizistin eine Kollegin aus dem Streifenwagen zu sich, übergibt meinen Ausweis mit knappen Worten zur Überprüfung. Dann setzt sie das Verhör fort.

„Werden Sie in den Fall einsteigen, oder beabsichtigen Sie in irgendeiner Weise sich einzumischen?“

„Nein!“, rufe ich etwas zu laut wie mir scheint, denn die Polizistin hebt zweifelnd die schönen Augenbrauen.

„Ich bin als Touristin hier und begleite nur meine ältere Freundin Frau Dr. med. Grete van Potgieter, die zur Beerdigung der ehemaligen Freundinnen Liesel und Maria hergekommen ist.

„Wo sind Sie abgestiegen, beziehungsweise, wo kann ich Sie erreichen, wenn ich das wollte?“

„Wir wohnen bei Frau Ulla Erler, Maximilianstraße 7, auch eine 38er, wenn ich das so richtig wiedergebe. Auf alle Fälle nennen die Damen sich so!“

Die Beamtin notiert sich alles in ihren Block. Während ich warte, dass sie damit fertig ist, fällt mein Blick zum großen Metalltor und ich konzentriere mich auf den Anblick. Da steht der kleine Mann mit schütterem Haar und späht angestrengt durch die Gitterstäbe in meine Richtung. Als sich unsere Blicke treffen, lupft er seinen Hut und geht schnell weiter.

Eigenartig denke ich noch, da kommen Ulla und Grete mit der Priorin aus dem Kloster.

„Mädchen, da bist du ja, wir haben dich gesucht!“, kräht Ulla im Näherkommen. Ohne Umschweife verhört sie sozusagen die Beamtin, die mir meinen Ausweis zurückreicht.

„Sie ermitteln in diesen Mordfällen, wenn ich das recht interpretiere? Dann sollten sie bald zu mir nach Hause kommen. Ulla Erler, Maximilianstraße 7, hier in Speyer. Ich verfüge über wichtige Detailkenntnisse und Verknüpfungspunkte, die für Sie und Ihren Chef von größter Wichtigkeit sind.

Gestern Abend hatte wir leider nicht die Möglichkeit ausführlich mit Herrn Kriminaloberkommissar Specht zusprechen!“

Und zu mir gewandt, fragt sie pikiert:

„Hast du Schwierigkeiten, Kind? Man hat deinen Ausweis kontrolliert?“

„Nein!“, antworte ich gedehnt, weil mir die Kindchenmasche auf die Nerven geht und da sehe ich auch noch das verschmitzte Grinsen im Gesicht der Beamtin, die sofort wieder ernst wird.

Gretchen setzt sich zu mir, legt ihren Arm um meine Schulter und flüstert in mein Ohr, ob ich bereits etwas gesehen hätte, während Ulla der Beamtin weitere Sachverhalte diktiert. Ich verziehe das Gesicht als hätte ich Schmerzen, denn langsam wird mir die Sache zu bunt.

„Du weißt doch ganz genau, dass ich hier nachdem ein Großaufgebot von Fahndern und Sachverständigen, die hin und her gelaufen sind, Vermutungen geäußert und Schlussfolgerungen gezogen haben, nichts mehr sehen kann!“, rufe ich viel zu laut, mehr aus Ärger, dass mein Entschluss ignoriert wird. Zu spät bemerke ich die erschreckten Blicke der Umstehenden.

Die Priorin bekreuzigt sich und ich fühle mich schlecht. Wieder hebt die Beamtin die Augenbrauen und Ulla ihren pädagogischen Zeigefinger.

„Inger, ich halte es für deine Menschenpflicht uns bei der Lösung dieses unaussprechlichen Grauens zu helfen. In Speyer geht ein Mörder um, der liebevolle, freundliche Menschen schlachtet, ohne dass ich einen Grund dafür sehen kann. Wir müssen, und ich betone diese zwei Worte: wir müssen den Behörden helfen, komme was da wolle, wir sind schon mitten drin in den Ermittlungen!“

Mit diesen Worten nickt sie den Umstehenden zu, wendet und eilt in Richtung Ausgangstor.

Gretchen tätschelt meinen Rücken. Ich finde das lästig. Mit einem Blick zurück erfasse ich noch das höhnische Grinsen der Polizistin, dann rennen wir hinter Ulla her zur Bärengasse 13, dem nächsten Tatort.

Kapitel 3
Die 1938er

Mein erster Tag in Speyer wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Ulla Erler, ehemalige Lehrerin für Mathematik, Englisch und Sport, lässt uns durch die Stadt rennen wie Turnierpferde.

Bis 13 Uhr hat sie ihre Liste abgehakt und sitzt mit uns im Garten des Domhofs.

Mir qualmen die Füße, denn das Pflaster der Maximilianstraße ist nur für Wanderschuhe geeignet.

Das Studium der Wein- und Bierkarte erhellt meine Laune, deshalb bemerke ich nicht sofort, dass ich dem Rapport lauschen soll, den die Damen von sich geben.

Wir bestellen Bier und Schlachtplatten, was ein typisches Pfälzer Essen sein soll. Mit bangem Erwarten, was der Kellner mir vor die Nase stellen wird, lausche ich den energischen Worten der Freundinnen.

„Dass du im Bilde bist, Ingerchen!“, beginnt Ulla mit ungebrochenem Elan ihre Rede.

„Die Gerichtsmedizin in Mainz hat die Leichen noch nicht frei gegeben, wir müssen bis zum Montag warten. Die Priorin, Schwester Bryonia, hat uns unterrichtet, dass die Kripo Ludwigshafen noch keine Hinweise auf den Täter hat, außer ein paar Flusen und einen flüchtigen Fußabdruck.

Ich wiederhole deshalb noch einmal mit Nachdruck: wir müssen uns noch mehr um den Fall kümmern!“

Der Kellner bringt das Bier und ich staune nicht zum ersten Mal an diesem Tag. Vor jedem von uns steht ein Stein, wie man mir erklärt, gefüllt mit Speyerer Gerstensaft. Der Eichstrich auf dem Glaskrug mit Henkel zeigt einen vollen Liter.

„Was auf dem Oktoberfest ein Maß genannt wird und vornehmlich in Steinzeug serviert wird, heißt bei uns ein Stein, meist in Glas abgefüllt!“, belehrt mich meine Gastgeberin. Dann fasst sie gekonnt mit der Linken in den Griff und stemmt das Gefäß in Augenhöhe.

Grete nimmt die Rechte und macht es ihr gleich. Ich muss beide Hände benutzen und dann stoßen wir an.

„Auf die 38er!“, jubeln die Alten und ein Ruck erschüttert meine Hände, bevor ich durstig trinke.

Über die Schaumkrone hinweg und am Glasrand vorbei erkenne ich einen kleinen Mann mit schütterem Haar, der seinerseits den Stein erhoben hält und mir zuprostet. Hustend stelle ich mein Gefäß ab und fixiere mein Gegenüber. Gretchen und Ulla folgen meinem Blick und ich finde eben noch die Zeit, zu keuchen:

„Schon drei Mal habe ich diesen Mann heute gesehen!“, da schreien die Frauen auf, wie vom Teufel gebissen, werfen die Stühle hinter sich um und rennen auf den Fremden zu.

Der Kellner spurtet herbei, wirft sein Handtuch über die Schulter und stoppt. „Nichts passiert“, sagt sein Gesichtsausdruck und er verschwindet.

Ich bleibe, wo ich bin und ducke die Nase hinter den Stein Bier, denn alle Gäste schauen auf meine Begleiterinnen, die den kleinen Mann scheinbar erdrücken wollen.

Gretchen hüpft und der Mann drückt seinen Kopf an Ullas massige Brust. Er grinst von einem Ohr zum anderen und hat sogar die Augen geschlossen, während Ulla sein kahles Haupt streichelt und küsst.

Der Kellner trägt drei große Teller zu meinem Tisch und ich studiere die Auflage. Ein Berg Sauerkraut, das herrlich duftet, daneben ein Leberknödel. Kesselfleisch und hausgemachte Wurst, gekocht wie gebraten, liegen heiß auf dem Teller. Dazu gibt es frisch gebackenes Bauernbrot und Senf in Töpfchen gefüllt. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, aber ich kann noch nicht loslegen.

Mit viel Trara verfrachten die Mädchen den kleinen Mann samt Hut und Bierkrug an unseren Tisch.

„Das ist der Ernst. Auch ein 38er!“, jubelt Ulla und himmelt den Mann an meiner Linken an.

Der Kellner bringt einen vierten Teller, ebenfalls eine Schlachtplatte, steuert zuerst den verlassenen Tisch an, sieht den Gast dann aber bei uns und bringt ihm den Teller. Weiterer Jubel schallt durch den Garten, als die 38er die Übereinstimmung der Speisen erkennen und dann prosten sie sich zu, dass die Gläser knirschen.

Ernst erhebt sich noch einmal und wieder muss ich das Besteck aus der Hand legen, weil ich eine Ansprache befürchte. Doch Ernst reicht mir die Hand, dreht die meine um und haucht ein Küsschen darauf.

„Ernst Gotterbarm!“, stellt er sich vor und ich nenne meinen Namen. Dann erst darf ich essen.

Ich beschließe nie mehr mit Gretchen hierher nach Speyer zu fahren, das ist mir zu stressig. Mit zwei so alten Schachteln kann eine so junge Frau, wie ich es bin, nicht mehr Schritt halten.

Mit Messer und Gabel bewaffnet gestikulierend, ist Ulla ins Gespräch mit Ernst, über die Ereignisse des Morgens vertieft. Gretchen übersetzt unverständliche Gesprächspassagen für mich ins Holländische, damit ich nahtlos folgen kann.

Ernst kann seinen Blick gar nicht mehr von Ulla losreißen und sein Schnurrbart ist bereits mit reichlich Senf und Sauerkraut behängt, weil er nicht sieht, wohin er seine Gabel schiebt.

„Also, alles kurz und knapp geschildert, ergeben meine Recherchen folgendes Bild!“, erläutert Ulla ihrem Zuhörer.

„Die Liesel Bäcker war das erste Opfer, mit einem Draht erdrosselt, der das Fleisch bis zur Wirbelsäule durchschnitt. Sie kam vom Kloster allein die Stuhlbrudergasse herauf, schob ihr Fahrrad und wurde auf der Höhe der Bäckerei Höchemer von hinten ermordet. Keine Zeugen, keine Geräusche, kein Raub, kein Sexualverbrechen. Als der Bäcker seinen Laden öffnet, findet er die Nonne im Rinnstein und ruft die Polizei. Das war am Montagmorgen.

Das zweite Opfer, die Maria Steiger, geht am Dientagabend, wie jeden Abend, nach der Vesper durch den Klostergarten und prüft, dass alle Schlösser verschlossen sind. Am Fahrradschuppen trifft sie auf ihren Mörder - Schlinge zu, Kopf ab.

Eine Mitschwester findet die Maria kurz darauf und alarmiert die Polizei, aber erneut nur wenig Spuren und kein Hinweis auf den Täter“.

Empörte Blicke von den Nachbartischen, die den lauten Worten Ullas gelauscht haben, werden von den 38ern schlichtweg ignoriert. Sie sind in ihrem Element.

Ich schaue nur gelegentlich von meiner Schlachtplatte auf und betrachte kauend das Sudhaus, in dem die hauseigene Brauerei den wunderbaren Gerstensaft braut.

„Ich erfuhr das Drama noch am selben Abend und rief das Gretchen zu Hilfe, erstens, weil die eine 38er und zweitens mit der Inger befreundet ist!“, womit sie auf mich deutet und alle meine Befürchtungen bestätigt. Zerknirscht lausche ich und bestelle ein weiteres Bier.

„Was du nicht wissen kannst, die Inger ist doch eine Polizeipsychologin!“, wobei sich Ulla verschwörerisch zu Ernst über den Tisch beugt und ihm mit ihrer Gabel beinahe in die Nase sticht.

„Das Mädchen ist berühmt, sag ich dir, hat noch jeden Fall gelöst, der ihr vor die Nase kam. Ein echtes Naturtalent als Profilerin. Nur zu blöd, dass sie es hier nicht mehr tun will, weil die deutschen Behörden ihre eigenen Leute haben. Aber ich arbeite daran, das darfst du mir glauben!“

Drei alte Augenpaare blitzen mir wie auf Kommando zu, als ob ich eine Bosheit getan hätte. Vergebens lange ich nach meinem Stein und finde ihn nicht, weil ihn der Kellner mitgenommen hat. Verlegen rühre ich im Rest Sauerkraut, als ob ich eine Perle darin finden könnte.

„Weiter im Text. Am Mittwochabend, also gestern, telefonierte ich noch mit Oskar, dass er auf der Hut sein solle und das ich mit Verstärkung käme, um ihm alles Nähere zu erklären. Doch als wir eintrafen, Gretchen, Inger und ich, war die Haustür nur angelehnt und was fanden wir im Wohnzimmer?“

Gebannt lauschen die Gäste an den anderen Tischen und so mancher hat den Kopf in Ullas Richtung gebeugt, um ja nichts zu verpassen.

„Den Oskar, auch erdrosselt bis der Kopf ab war, mit einem Draht, auch ein 38er, auch ein ehemaliger Lehrer des Klosters zur hl. Bernadette.

Halten wir die Gemeinsamkeiten fest:

Alle drei waren 38er.

Alle waren Lehrer oder Lehrerinnen im Kloster.

Alle wohnten sie in Speyer, Nähe Dom, Nähe Kloster.

Alle waren, auf Neudeutsch gesagt: Single.

Alle waren gute, unauffällige Bürger der Stadt.

Alle wurden auf dieselbe Weise getötet.

Von wem? Warum? Und vor allem, wer noch?“

Jetzt erhebe auch ich wieder meine Augen. Was soll diese unmögliche Frage? Grete sperrt ungläubig den Mund auf, schweigt aber fassungslos. Ernst starrt Ulla an und deutet mit dem Zeigefinger auf ihren Busen und stammelt:

„He Mädchen, du warst doch auch Lehrerin im Kloster. Du bist auch eine 38er. Du wohnst auch hier in der Nähe und bist Single. Und wenn meine Recherchen all die Jahre stimmen, dann warst auch du immer ein braves Mädchen, nicht wahr?“

Ulla bestätigt mit einem majestätischen Kopfnicken. Grete schlägt die Hände vor ihren Mund. Ernst rauft sich erregt die Haare und stöhnt.

Ich verschränke die Arme vor der Brust und forsche in Ullas Gesicht. Sie muss übergeschnappt sein, denke ich bei mir, aber ich sehe nichts dergleichen in ihren Ausdruck.

„Nun, Mädchen meiner Träume!“, ruft Ernst in die aufgekommene Stille.

„Ich weiche ab jetzt nicht mehr von deiner Seite. Betrachte mich als deinen Bodyguard und verfüge über mich. Ich niste mich in deinem Gemäuer ein, schlaf auch auf deinem Bettvorleger, wenn du das forderst, aber du gehst keinen Schritt mehr ohne mich, verstehst du, das ist ein Befehl!“

Erleichtertes Gekichere schlägt ihm entgegen, was nicht zuletzt vom Bier herrührt, das wir alle intus haben. Doch bevor Ernst enttäuscht dreinschauen kann, hält ihm Ulla die Hand vor die magere Brust und sie beschließen den Pakt gegen Tod und Teufel.

Gretchen ist gerührt vor Glück. Mit einem Blick zur Uhr stellt Ulla fest, dass es Zeit für einen Schönheitsschlaf ist und sie bezahlt die Zeche.

Wie Kadetten folgen wir dem Käp’ten zum Hof hinaus, leicht schwankend vom Speyerer Bier.

Ernst holt seinen Koffer und den guten Anzug aus dem Wagen, der auf dem Domparkplatz steht und dann tauchen wir in die Kühle von Ullas Haus ein.

Stimmen wecken mich. Die Kirchenuhren schlagen sieben Mal. In Ullas Wohnung herrscht Hochbetrieb, alle laufen hin und her.

Im Wohnzimmer treffe ich auf die anderen Bewohner, die sich bereits in Schale geworfen haben für das bevorstehende Klassentreffen. Ulla rückt Ernst die Krawatte zurecht, zieht hier am Kragen und dort an einem Ärmel. Prüft, ob sein Scheitel durch die wenigen Haare gerade gezogen ist und er hält grinsend still wie ein Lämmchen.

Grete sitzt am großen Tisch und sortiert die Handtaschen um, wobei mein Blick auf ihre Waffe fällt.

„Holla Mädchen, hast du dafür auch einen Waffenschein?“, frage ich neugierig und sofort steht Ernst neben mir wie ein Wachhund in Habachtstellung.

„Uiii!“, ist sein ganzer Kommentar und mit Daumen und Zeigefinger nimmt er die Waffe hoch vor die Augen und dreht sie im Licht.

„Natürlich habe ich einen Waffenschein!“, erwidert Gretchen pikiert.

„Bei den vielen Narkotika, die ich im Hause haben muss, meiner verbliebenen Krebspatienten wegen, muss ich eine Waffe haben und regelmäßige Schießübungen ablegen. Die Beamten selbst haben mich beraten, nachdem mein Mann gestorben war, denn das Vorgängermodell war mir viel zu schwer geworden!“

„Das ist eine Pony-Pocketlite, wenn ich mich nicht irre. 9 mm kurz, 6 Patronenmagazin, 370 Gramm schwer!“, stellt Ulla fest und nimmt die Pistole an sich. Sie dreht und wendet das Modell in ihren Händen, als würde sie tagtäglich nichts anderes tun.

Ernst und ich staunen. Dann nimmt Ulla ihre Handtasche und genehmigt uns einen Blick auf ihre Waffe. Ernst fällt die Kinnlade herab und ihm entwischt ein fassungsloses:

„Mädchen?“, das gleichzeitig Hochachtung und Bewunderung ausdrückt. In der Hand hält sie eine Mini-Gun von Smith & Wesson, 9 mm, 8+1 Patronen, 705 Gramm schwer.

„Extra für Linkshänderinnen, wie ich eine bin!“, ergänzt Ulla mit Stolz und steckt die Waffe in die Handtasche, die sie für das Klassentreffen ausgewählt hat.

Für den Abend steht mein Entschluss fest. Ich suche mir im Domnapf einen ruhigen Tisch im Freien, mit Direktblick auf den Dom, wähle aus der Weinkarte einen lieblichen Weißherbst, der rosé in der Abendsonne glänzt.

Meine Alten sind im Nebenzimmer des Gasthauses verschwunden und ich genieße es zutiefst, endlich allein zu sein.

Die vielen Gäste um mich herum stören mich wenig, denn das Stimmengewirr aus Dialekten und anderen Sprachen ist beinahe wie Musik, die im Hintergrund abläuft.

Meine neuen Basler Sandalen habe ich gegen ein Paar leichte Lederschuhe getauscht und jetzt bewege ich genüsslich die Zehen unter dem Tisch.

Während ich den ersten Schluck Wein in meinem Mund schwenke, so wie Maarten mir das beibrachte, fällt ein Schatten über meinen Tisch und ich blicke erstaunt in die braunen Augen der Polizistin vom Morgen.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen, Frau Babajaga?“

Mit der Hand weise ich auf einen freien Stuhl zu meiner Rechten und sie setzt sich und legt ihre Mütze auf den Tisch. Neugierig erwarte ich weitere Worte aus ihrem Mund und sie winkt den Kellner fort, der nach ihrer Bestellung fragen will.

„Mein Name ist Reinhard. Kriminalkommissarin Claudia Reinhard von der Kriminalpolizei Ludwigshafen. Meine Abteilung schaltet sich immer ein, wenn im Umkreis mehrere Morde geschehen!“, flüstert die junge Frau und fixiert mich berufsmäßig, aber freundlich.

Still lausche ich auf die nächsten Worte, denn die Botschaft ihrer Anwesenheit liegt offen auf der Hand, die Kripo ist neugierig auf mich geworden.

„Nach unserer Begegnung im Klostergarten sprach ich mit meinem Chef, Heiner Specht, über Sie und Ihre Fähigkeiten. Wir fragen uns, ob Sie vielleicht gewillt sind, mich nach Ludwigshafen zu begleiten und über Ihre Arbeit in Holland zu berichten, dass wir uns ein Bild machen können, wie die holländischen Kollegen arbeiten“.

Ein Lächeln huscht über mein Gesicht und ich drücke mich entspannt an die Stuhllehne. Mir ist sofort klar, dass hinter der netten Anfrage mehr steckt als die Beamtin preisgibt und in Anbetracht der fortgeschrittenen Tageszeit kein Referat über die Arbeit der holländischen Profiler gewünscht wird.

Noch einmal nippe ich an dem Weißherbst und bedauere bereits, das fast volle Glas zurückzulassen.

Ich winke dem Kellner, bezahle den Wein und schreibe für Gretchen im Nebenzimmer eine Notiz, wo ich abgeblieben bin.

Während der Fahrt nach Ludwigshafen bleibe ich wortkarg und sortiere meine Gedanken. Meine Blicke wandern über die Äcker und ich versuche die großen Hinweisschilder zu lesen, die an der B9 aufgestellt sind. Sie kündigen eine Sonderausstellung im historischen Museum an, die zeitgleich mit dem Brezelfest eröffnet werden soll. Mehr verstehe ich im Vorbeifahren nicht, aber Ulla wird mich bestens informieren, wenn ich sie frage. Da bin ich mir sicher.

Claudia Reinhard führt mich in ein Büro, das für Gäste eingerichtet ist. Zwei Orchideen blühen auf der Fensterbank und ein massiger Philodendron beherrscht eine ganze Wand. Seine langen Luftwurzeln und die riesigen Blätter sehen gesund aus und strotzen nur so vor Kraft.

Ein Tisch und mehrere Stühle bilden das Zentrum und aus der kleine Küche dringt Kaffeeduft zu mir herüber.

Nach einem Anruf erscheint der Chef der Abteilung, Kriminaloberkommissar Heiner Specht. Er setzt sich mir gegenüber. Lächelnd nimmt er das Gespräch auf, wobei er sich vorsichtig an sein Vorhaben herantastet.

„Waren sie schon oft bei der Kripo? Die meisten Besucher empfinden ein Unbehagen, auch wenn sie nur als Gäste hier herkommen“, fragt mich der Mittfünfziger, wie ich tippe. Er trägt Anzug und Krawatte, ist sauber rasiert, frisiert und er riecht wie frisch geduscht.

„Ich fühle mich recht wohl hier und um ihre Frage zu beantworten, ja, ich fühle kein Unbehagen und auch keine Befangenheit, weil Sie Polizeibeamte sind. Des Weiteren habe auch ich lesen gelernt und sehe eine Akte mit meinem Namen vor Ihnen liegen. Sie haben sich bereits über mich erkundigt?“, frage ich gerade heraus, denn das ist meine Art.

„Kollegin Reinhard hat das getan und ihr verdanken Sie auch die späte Einladung. Offen gestanden treten wir auf der Stelle“, gibt der Beamte zu verstehen und ich nicke.

Frau Reinhard reicht mir eine Tasse Kaffee und ich nehme mir Milch und Zucker.

„Ich arbeite mit dem Verstand, mit Fakten, Beweisen und mit nachprüfbaren wissenschaftlichen Ergebnissen, so wie ich das auf der Polizeischule gelernt habe. Es stehen mir auch Profiler wie Sie zur Seite, aber dennoch ist Kollegin Reinhard von Ihrer Einmaligkeit überzeugt!“

Mit beiden Händen reibt er sich das Gesicht und den Hals, denn die Müdigkeit sitzt ihm sichtlich im Genick. Ich atme mehrmals tief ein und aus und beschließe dann, ihm meine Hilfe zukommen zu lassen.

„Wenn ich die ganze Situation, die Fragen, die Andeutungen und ihre müden Gesichter recht interpretiere, dann haben Sie eine weitere Leiche und noch immer keinen Hinweis auf den Täter!“, sage ich und alle Blicke sind auf mich gerichtet.

„Man muss keine Psychologin aus Holland sein, um sich nicht an fünf Fingern abzählen zu können, warum Sie mich hergebeten haben!“

Reinhard übernimmt erstaunt das Gespräch.

„Wie kommen Sie zu so einem weitreichenden Schluss? Ist das Erfahrung oder Können oder haben Sie Informationen, die wir nicht haben?“

„Sagen wir es einfach so: Ich kann zwei und zwei schneller zusammenrechnen als andere Menschen. Ich sehe Dinge, die Kollegen verborgen bleiben und Ulla Erler sagte gestern Abend sehr deutlich zu Ihrem Chef, dass sie mit weiteren Morden rechnet!“

Reinhard macht ein mürrisches Gesicht.

„Aber wie genau machen Sie das, erklären Sie mir den Unterschied zwischen Ihnen und unseren Profilern!“

Ein Lächeln zieht sich über mein Gesicht, denn das ist die Frage der Fragen schlechthin. Wie sollte man etwas erklären, das man schon immer kann, aber andere Menschen eben nicht. Ich bemühe mich um eine einfache Antwort, die der Beamtin ermöglicht mich zu verstehen, ohne mich merkwürdig zu finden oder mich gar zu glorifizieren.

„Das Ganze beruht auf einer Sensibilität, die mir meine Mutter vererbte. Ich lese in den Gesichtern, in Mimik und Gestik, stricke meine alten Erfahrungen hinein. Als Muster stehen mir die alten Psychologen und ihre Weisheiten zur Seite und ich erarbeite mir eine überprüfbare Theorie, der ich dann folge, bis sozusagen ein gestrickter Pullover vor mir liegt!“

Reinhard versteht die bildhafte Erklärung, während Specht noch an der Erkenntnis kaut.

„Ich gestehe, vom Stricken keine Ahnung zu haben! Das brauche ich in meiner Position auch nicht.“, verkündet Heiner Specht resigniert.

„Was mich dazu veranlasst hat, Sie hierher zu bitten ist vor allem der Druck, den der bischöfliche Stuhl in Speyer auf diese Behörde ausübt. Es gilt die gewaltsamen Tode zweier Nonnen endlich aufzuklären, deren Beerdigung bereits mehrfach verschoben wurde.

Wären Sie bereit mit nach Mainz zur Gerichtsmedizin zu fahren und sich die neue Leiche anzusehen? Wenn ich auch offen gestanden nicht der Meinung bin, wie Kollegin Reinhard, dass Sie mehr sehen als unsere Leute“.

Zeitdruck ist der Polizisten Leid, denke ich mitleidvoll. Vor allem wenn Ulla Recht behält. Deshalb bekunde ich mein Einverständnis.

„Sie sind als Mitarbeiterin der Polizei in Holland durch einen Eid zur Verschwiegenheit verpflichtet worden?“

Ich nicke.

„Dann mache ich Sie darauf aufmerksam, dass dieser Eid auch in Deutschland bindend ist!“

Specht erhebt sich und tritt an meine Seite. Ich muss an ihm hochschauen, um den Blickkontakt zu halten.

Sanft, aber energisch packt er mich am Oberarm und geleitet mich zu seinem Dienstwagen.

Aus den Augenwinkeln heraus sehe ich noch im Hinausgehen wie Frau Reinhard mir durch ihre Gestik signalisiert, dass sie über ihren Chef triumphiert hat: Der Abend gehört uns Frauen.

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22 aralık 2023
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9783939434238
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