Kitabı oku: «Politisch motivierte Morde »

Yazı tipi:

Walter Brendel

Politisch motivierte Morde

Impressum

Texte: © Copyright by Walter Brendel

Umschlag: © Copyright by Gunter Pirntke

Verlag:

Das historische Buch, Dresden / Brokatbookverlag

Gunter Pirntke

Mühlsdorfer Weg 25

01257 Dresden

gunter.50@gmx.net

Inhalt

Impressum

Vorwort

Mord am Hochaltar

Mord in der Badewanne

Die Ermordung Ernst Eduard vom Rath und die schrecklichen Folgen

Die Nacht der langen Messer

Hitlers erstes Opfer

Der böse Geist am Zarenhof

Dr. Kimble der Revolutionäre

Königsmörder

Das Attentat auf den „guten König“ Henri IV.

Der Student als Täter

Jeanne d'Arc, eine Stimme aus dem Scheiterhaufen

Der Mord an Prinzessin Elisabeth Tarakanowa

Die Ermordung Agnes Bernauers

Das Attentat von Sarejevo

Quellen

Vorwort

Macht und Gewalt - zwei Begriffe, die offenbar untrennbar miteinander verbunden sind, im öffentlichen wie im privaten Bereich, in der Politik wie in der Familie, quer durch alle sozialen Schichten, quer durch die Jahrhunderte hindurch. Der Blick m die Geschichte zeigt: Wenn die Macht ruft, verstummt sogar die berühmte Stimme des Blutes. Für eine Krone, für einen Thron, für Einfluss und persönlichen Vorteil wurde intrigiert, verraten, misshandelt und gemordet. Bei der Durchsetzung der eigenen Interessen kannte man keinerlei Rücksicht. Wer im Wege stand, behinderte oder gar Widerstand zu leisten wagte, wurde beseitigt.

Ein politischer Mord ist die vorsätzliche, ungesetzliche oder illegitime Tötung einer Person aus politischen Motiven. Das Opfer hat in der Regel einen aus Sicht des Urhebers der Tat unerwünschten politischen Einfluss, oder der Urheber erwartet sich von der Ermordung eine für ihn vorteilhafte politische Entwicklung.

Historisch gesehen bezieht sich der Begriff fast ausschließlich auf das Attentat auf einzelne, hochgestellte Persönlichkeiten. Der Tatbestand des politischen Mords lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Unterschiede zu einem gewöhnlichen Mord sind die politisch motivierten Interessen bzw. ideologischen Implikationen, sowie die Tatsache, dass der Auftraggeber und der Ausführende (Auftragsmörder) meist verschiedene Personen sind.

Politik mit anderen Mitteln, das ist nach Clausewitz der Krieg. Auch Mord ist ein "anderes Mittel der Politik" - oft gebraucht, selten bewiesen! Wir widmen uns bekannten Mordfällen und vor allem deren Hintergründe. Mord kann den Lauf der Geschichte beeinflussen, diese Weisheit ist so alt wie die Menschheit. Seit den ägyptischen Pharaonen und römischen Kaisern gehören Morde zu den Möglichkeiten seinen Willen durchzusetzen. Mordanschläge sollen die sozialen Entwicklungen stoppen, die den Auftraggebern nicht genehm sind und die Sympathisanten abschrecken.

Tatmotive können zum Beispiel sein:

 das Ausschalten eines Konkurrenten, Kritikers oder Andersdenkenden

 das Ausschalten eines möglichen Belastungszeugen/Mitwissers (ist über illegale und/oder politisch heikle Aktivitäten des Auftraggebers informiert und könnte dieses Wissen kundtun oder veröffentlichen)

 Rache für ein Tun oder Unterlassen

 Abschreckung/Einschüchterung Dritter (Politiker, politische Aktivisten)

 Ist der Urheber eine Regierung oder regierungsnahe Institution, wird den Morden zuweilen eine Scheinlegalität verliehen oder die Tat komplett geheim gehalten, zum Beispiel beim Verschwindenlassen politischer Gegner. Schauprozesse können Macht demonstrieren oder Dritte abschrecken.

Morde können autokratischen Machthabern Vorwände bieten, ihre Repressions- und Terrormaßnahmen zu verschärfen. Beispiele:

Im Jahre 1819 folgten auf die Ermordung August von Kotzebues durch Karl Ludwig Sand unmittelbar die Karlsbader Beschlüsse zur Bekämpfung und Überwachung liberaler und nationaler Tendenzen in Deutschland.

Die Ermordung des Legationssekretärs Ernst vom Rath durch Herschel Grynszpan lieferte 1938 dem NS-Regime den willkommenen Anlass zur „Reichskristallnacht“.

Vielfach schaffen sie sich ihre Vorwände selber. Zum Beispiel behauptete das NS-Regime im Sommer 1934 wahrheitswidrig, man habe auf einen unmittelbar bevorstehenden Putsch des SA-Führers Ernst Röhm reagiert (Röhm-Putsch) als Rechtfertigung für die Ermordung von etwa 200 Menschen.

Mord am Hochaltar

Als der Priester die Hostie hebt, bricht Giuliano de' Medici blutüberströmt zusammen. Mehr als ein Dutzend Dolchstiche haben ihn unter der prächtigen Kuppel des Doms tödlich getroffen. An diesem Apriltag 1478 rütteln Verschwörer an der Macht der Medici über Florenz. Doch das Komplott endet grausam für die Mörder- die entscheidende Person haben sie verfehlt!

Es ist Sonntagmorgen und die Herren sind in Eile: Lorenzo de' Medici geht mit großen Schritten die Via Martelli entlang, die Straße zwischen dem gewaltigen Palazzo seiner Familie und der Domkirche Santa Maria del Fiore. Begleitet wird er von Francesco Salviati, dem Erzbischof von Pisa, und seinem Gefolge. Eigentlich hätte die Heilige Messe an diesem fünften Sonntag nach Ostern längst beginnen sollen. Auf einen Lorenzo de' Medici jedoch warten in Florenz selbst die Priester. Lorenzo den Prächtigen nennen sie ihn, den „Gran maestro“, den ungekrönten König von Florenz.


„Mag sein, dass wir unsere Eisen gebrauchen müssen, um ihm klarzumachen, dass er ein Bürger ist und Wir der Papst sind.“ (Papst Sixtus IV. 1475 über Lorenzo de Medici)

Doch etwas stimmt nicht an diesem Tag. Lorenzo weiß schon lange: Der Erzbischof ist kein Freund der Medici. Salviati ist der Neffe Papst Sixtus' IV. und wurde von diesem auf den Hirtenstuhl der Hafenstadt Pisa gesetzt - als Nachfolger eines Medici und gegen den Willen der Florentiner. „Eine außerordentliche Ungerechtigkeit!“, empörte sich Lorenzo. Der Papst aus der Familie der della Rovere suchte die Medici zu schädigen, wo er nur konnte, so berichtet Niccolö Machiavelli knapp 50 Jahre später in seiner „Geschichte von Florenz“. Der Chronist schreibt, Italien sei seinerzeit in zwei Parteien zerfallen: Florenz und Rom.

In der Stadt am Arno zieht der Papst jedenfalls die ungeheuer reichen Pazzi vor; dem Medici jedoch ist diese Familie ein Dorn im Auge. Zwar ist seine Schwester Bianca mit einem Pazzi verheiratet, „Lorenzo aber wollte alle seine Autorität fühlen lassen“, betont Machiavelli.


Giuliano de’ Medici

Giuliano de’ Medici (* 25. März 1453; † 26. April 1478 in Florenz) war der zweite Sohn von Piero I. de Medici und dessen Ehefrau Lucrezia Tornabuoni und Mitregent seines Bruders Lorenzo il Magnifico (1449–1492).

Er wurde als Startsignal der Verschwörung der Pazzi im Dom Santa Maria del Fiore in Florenz von Francesco de Pazzi und Bernardo Baroncelli während der Ostermesse am 26. April 1478 ermordet.

Er ist bei seinem Bruder Lorenzo in der Medici-Kapelle der Basilica di San Lorenzo di Firenze begraben. Beider Grab ist mit der Madonna mit dem Kind von Michelangelo geschmückt.

Der „Prächtige“ misstraut jedenfalls den angeheirateten Verwandten. „Dank ihres üblen Charakters trachten sie danach, mir so viel Schaden zuzufügen wie möglich“, schreibt er an den befreundeten Herzog von Mailand. Die Pazzi haben sich zu päpstlichen Bankiers aufgeschwungen und die Medici ausgestochen. Von den hohen Ämtern in Florenz jedoch hält Lorenzo sie mit aller politischen Finesse fern.

Erzbischof Salviati ist für Lorenzo ein Geschöpf der Pazzi und in Florenz unwillkommen. Doch der Kirchenfürst wünscht, die Kunstschätze im Palazzo Medici zu besichtigen - ein Vorwand, wie sich zeigen wird. Salviati weiß: Der leidenschaftliche Dichter Lorenzo gibt viel auf die schönen Künste und auf das Ansehen seines Hauses. Einen Bischof auszuladen, wäre überdies schlechte Diplomatie. Auf dem Weg zur Kathedrale bedenkt Salviati noch einmal den Plan: An seiner Seite soll Lorenzo ge-radewegs ins Verderben laufen, und mit ihm sein jüngerer Bruder Giuliano. Zwei Mal ist es in den Tagen zuvor nicht gelungen, die Köpfe der aufstrebenden Familie abzuschlagen - einmal bei einem Bankett in Salviatis Landhaus und einmal bei einem Gastmahl in Florenz. Giuliano war zwei Mal nicht erschienen.

Man muss beide ausschalten, dessen sind sich die Verschwörer sicher. Machiavelli schreibt die Idee des Komplotts Francesco Pazzi zu, einem Neffen des Familienoberhaupts Jacopo, sowie dem Grafen Girolamo Riario, einem weiteren Neffen des Papstes. Den hat der Heilige Vater zum Statthalter in Imola gemacht - noch ein Stachel im Fleisch der Medici. Denn der Papst hat den Florentinern diese Stadt vor der Nase weggekauft, mit dem Geld der Pazzi. Auch Erzbischof Salviati spielt laut Überlieferung eine zentrale Rolle bei der Vorbereitung des Komplotts.


„Nach allem, was ich höre, sind die, die auf der Seite der Medici stehen, immer gut gefahren und die auf der Seite der Pazzi schlecht, denn sie werden immer vernichtet. Sei also vorsichtig.“ (Die Schriftstellerin Alessandra Macinghi Strozzi 1462 an ihren Sohn in Brügge)

Als sicher gilt, dass Sixtus IV. von dem Plan weiß. Wenn auch seine Zustimmung nicht schriftlich überliefert ist, sein Groll gegen den „einfachen Kaufmann“ Lorenzo ist es. Die Verschwörer wissen: Sixtus wird die blutige Tat billigen!

Unter der Kuppel von Santa Maria del Fiore mit ihren himmlischen Szenen herrscht größte Andacht. Der Priester hält die Hostie zur Wandlung empor. Fromme Blicke liegen auf da Gesichtern - da schlagen die Attentäter zu: „Hier, du Verräter!“ Bernardo Bandini, ein Pazzi-Freund, springt hervor, rammt Giuliano de' Media den Dolch in die Brust. Giuliano greift an die Wunde, taumelt. Da springt Francesco de' Pazzi hinzu und sticht wieder und wieder auf Giuliano ein, mindestens zwölf Mal.


Sandra Cozzoli stellte Giuliano de'Medici als Melchior in seinem „Zug der heiligen drei Könige“ dar

Sein Opfer bricht sterbend zusammen. Schreie hallen durch die riesige Kathedrale, Menschen laufen durcheinander, verängstigte Gottesdienstbesucher hasten zu den Ausgängen. Zur gleichen Zeit auf anderen Seite des Kirchenschiffs. Zwei Priester zücken verborgen gehaltene Dolche, ergreifen Lorenzo stechen von hinten zu. Am Hals getroffen, springt der hochgewachsene Medici vor, wirbelt herum, zieht seinen eigenen Dolch. Flink pariert er weitere Angriffe, dann flüchtet er durch die aufgewühl-te Menge und rettet sich mit Freunden in die Sakristei.

Das Herz schlägt Lorenzo bis; Hals. Blut läuft ihm auf den Kragen. Bevor die schweren Bronzetüren in Sakristei ins Schloss fallen, wird Francesco Nori, einer der Leiter der Medici-Bank, hineingezerrt. Er röchelt und blutet stark aus dem Bauch - Lorenzo sieht einen seiner besten Freunde sterben. Dass auf dem Boden der Kathedrale sein Bruder im eigenen Blut liegt, erfährt er wenig später. Lorenzo schickt eine Depesche an das verbündete Mailand: „Meine Regierung schwebt in höchster Gefahr!“

In der Tat: Auch wenn die Verschwörer den Chef der Medici-Familie nicht töten konnten, so macht sich Erzbischof Salviati dennoch an den zweiten Teil des Plans, Florenz zu gewinnen. Entschlossen zieht der Gottesmann mit Söldnern in den Palaz-zo della Signoria (heute Palazzo Vecchio), jenen massiven, burggleichen Palast im Herzen von Florenz, den Sitz des Stadtparlaments.

Doch das Pendel schlägt längst gegen die Verschwörer aus. Während Franzesco de' Pazzi verletzt aufgibt und Bernardo Bandini flieht, verstrickt sich der Bischof in wirre Reden. Die Abgeordneten der Republik zögern nur kurz, auf welche Seite sie sich stellen sollen; Stunden, ja Tage der Rache beginnen. Im Palazzo ergreifen die Ratsmänner die Waffen. Sie stechen Salviatis Söldner entweder gleich ab oder werfen sie lebendig aus den Fenstern. Den Erzbischof selbst hängen sie an einem Fensterrahmen des Palazzo auf wie einen Verbrecher. Glocken läuten Alarm, zunächst in der Stadt, dann in der gesamten Toskana.

„Unterdessen war ganz Florenz unter Waffen“, schreibt Machiavelli: Auch andere Quellen berichten von großem Aufruhr: „In der ganzen Stadt rief man den Namen der Medici. Die Gliedmaßen der Ermordeten sah man auf den Spitzen der Waffen steckend umhergetragen, überall sah man grausame Handlungen gegen die Pazzi.“ Der verletzte Verschwörer Francesco wird neben dem Bischof am Fenster des Palastes aufgeknüpft. Machiavelli schreibt später von Straßen voller zerrissener Glie-der.

Lorenzo leitet einen beispiellosen Rachefeldzug ein - er will die verhassten Pazzi vernichten! In den nächsten Tagen werden sämtliche Pazzi-Brüder und -Vettern verhaftet, verbannt oder eingekerkert. Bauern eines Bergdorfs fassen das fliehende Familienoberhaupt, den Messer Jacopo. Er bietet Gold für die Gelegenheit zum Selbstmord. Doch der alte Mann wird am selben Fenster aufgeknüpft wie der Bischof. Junge Florentiner schänden seine Leiche.

In der Stadt stehen schon am 5. Mai Pferde und Maultiere der einst hoch angesehenen Familie zum Verkauf, dann Kleidung, Möbel und Hausrat. Lorenzos harte Hand bringt im Innern Ruhe. Doch nun droht Ungemach von außen: Was der Papst durch Verschwörung nicht erreichte, versucht er nun durch einen offenen Krieg. An seiner Seite steht Ferdinand I., König von Neapel und traditioneller Verbündeter Roms. Lorenzo jedoch entscheidet sich zu einem beispiellosen Schachzug gegen die Übermacht: Er begibt sich in die Höhle des Feindes. Ganz Italien staunt, als Lorenzo im Frühjahr 1479 mit Bergen von Geschenken in Neapel eintrifft. Sixtus in Rom tobt.

„Würdevoll“ und „geistreich“ tritt Lorenzo in den täglichen Gesprächen mit Ferdinand auf; der König ist verwundert über „das Großartige seiner Ansichten“ und „die Richtigkeit seines Urteils“, wie erneut Machiavelli berichtet. Mit Takt und Feingeistig-keit gelingt dem „Gran maestro“ das Unmögliche: Er wickelt den verschlagenen Gegner um den Finger - ein Bravourstück der Diplomatie. Nach zweieinhalb Monaten lässt Ferdinand Lorenzo reich beschenkt ziehen, der Krieg ist vorbei. Machiavelli schwärmt: „War Lorenzo von Florenz als angesehener Mann abgereist, so kehrte er als der Größte zurück.“ Doch dieser Triumph bedeutet nicht das Ende aller Stürme über dem Hause Medici.


Machiavelli, der Chronist Die „Geschichte von Florenz“ (1522) aus der Feder Niccolö Machiavellis ist eine der wichtigsten Quellen zu den Ereignissen im April 1478. Viele Historiker beriefen sich auf seine Schilderungen. Die Dramatik der Ereignisse konnte jedoch keinen Beobachter unparteiisch lassen. Keiner der Zeitgenossen, die Machiavelli berichteten, vermochte das ganze Geschehen zu überblicken, und am Ende herrschte bei vielen die Perspektive der Sieger vor. Heutige Historiker weisen darauf hin, dass Machiavelli gelegentlich zum Fabulieren neigte. So wurde nachgewiesen, dass sich Florenz nicht, wie in der „Geschichte“ behauptet, unmittelbar nach dem Anschlag gegen die Verschwörer wandte, sondern stundenlang unentschlossen hin und her schwankte. Auch diese Erkenntnis ist wichtig: Den Pazzi ging es nicht nur um Macht oder Geld, sondern auch um eine offenere, demokratischere Verfassung.

Mord in der Badewanne

Es gibt Menschen, die wollen um jeden Preis die Welt verbessern. Jean-Paul Marat gehörte dazu. Im Juli 1790 meinte er: „Fünf- bis sechshundert rollende Köpfe könnten Euch Ruhe, Freiheit und Glück bringen.“ Ein Jahr später phantasierte er von 200000 notwendigen Todesopfern. Doch dann wurde er selbst Opfer der Gewalt.


Jacques-Louis David: Der Tod des Marat; Königl. Belgisches Kunstmuseum

Marat nannte sich „Freund des Volkes“. Der Typus Gutmensch, der im Namen der Humanität den Mord predigte, gehört zum festen Personal revolutionärer Bewegungen. Ein anderer „Jean-Paul“, nämlich Sartre, schrieb: „Ein revolutionäres Regime muss sich einer gewissen Zahl von Individuen entledigen, die es bedrohen, und da sehe ich keinen anderen Weg als den Tod. Aus einem Gefängnis kann man immer wieder herauskommen...“ Das hätte Marat gefallen.

Als Revolutionär mit Haut und Haaren sah er überall Konterrevolutionäre, für die es nur eine Antwort gab: den Tod auf der Guillotine. Selbst Robespierre und Danton war Marat gelegentlich zu radikal, und sie sahen sich genötigt, sich von seinen Extrem-Positionen zu distanzieren.

Der Arzt, Verleger und Agitator war einer der blutgierigsten Anführer der Französischen Revolution und Befürworter politischer Gewalt. Die Schreckensherrschaft der Jakobiner, die ihm zweifellos gefallen hätte, erlebte Marat nicht mehr; Charlotte Corday hatte ihn zuvor erdolcht. Auch ihr Typus gehört zur klassischen Besetzung in politischen Revolutionsspielen: die von der Reinheit ihrer Übererzeugung Durchdrungene, die auszieht, ein Fanal zu setzen.

Insoweit haben wir nun die Rollen im Stück „Charlotte Corday gegen Jean Paul Marat“ verteilt und müssen uns nun um Bühnenbild und Requisiten kümmern. Die Hintergrundausstattung zuerst: Das Attentat ereignete sich am 13. Juli 1793 in Paris. Als im September 1792 der Nationalkonvent zusammentrat, war sein erstes Gesetz die Abschaffung der Monarchie. Am 17. Januar 1793 beschloss der Konvent mehrheitlich - darunter auch mit Marats Stimme - den Tod des Königs. Dieser wurde am 21. Januar geköpft.

Marie Anne Charlotte Corday d'Armont (1768 geboren) entstammte normannischem Kleinadel. In Caen, wo ihre Familie ein Herrenhaus bewohnte, war man gemeinhin Royalist. Sie begrüßte die Revolution, schreckte aber vor den gewaltsamen Ausschreitungen zurück. Und wer war in ihren Augen der Hauptschuldige? Marat! Durch seine Anbiederung manipulierte der „Freund des Volkes“ die einfachen Leute, hetzte sie zu Übeltaten und Morden auf. Am 9. Juli 1793 stieg die Adelige in Caen in die Postkutsche.

Marat wurde 1743 in Boudry geboren. Der Vater war Sarde, die Mutter Schweizerin. Mit 16 Jahren zog er nach Bordeaux, um Medizin zu studieren. Er finanzierte sein Leben als Sprachlehrer. 1762 ging er für drei Jahre nach Paris, dann 10 Jahre nach England. Er schrieb politische Werke; sein „Ketten der Sklaverei“ erschien ursprünglich auf Englisch. Er erhielt an der berühmten schottischen Universität St. Andrews einen Titel in Medizin. 1777 kehrte er nach Frankreich zurück und diente als Arzt bei der Leibgarde des Grafen von Artois. Er interessierte sich für Naturwissenschaften und Politik; als Publizist und Agitator wurde er berühmt.


„Verbrecher haben das Gemeinwohl ihrem Ehrgeiz geopfert, um auf den Ruinen des verwüsteten Frankreichs das Gebäude ihrer Tyrannei zu errichten...“ (Charlotte Corday in ihrer Rechtfertigung des Mordes)

Am 12. September 1789 erschien erstmals die Zeitschrift „Publiciste Parsien“, die später umbenannt und als einflussreiche, radikalste Zeitung Frankreichs bekannt wurde: „L'Ami Peuple“ („Freund des Volkes“). Sie erschien unregelmäßig; gar nicht, wenn Marat untertauchen musste; zweimal täglich, wenn er Oberwasser hatte. Sie verstand sich als Stimme des revolutionären Volkes.

Marals „Volksfreund“ begann als Sprachrohr der gemäßigten Kräfte, die die Monarchie demokratisieren, aber nicht abschaffen wollten. Dann aber wurde das Programm gewalttätiger, schließlich brutal und blutig: Königlichen Beamten sei das rechte Ohr, königlichen Offizieren seien beide Daumen abzuschneiden. Hofhörige Parlamentarier seien zu pfählen und ihre blutigen Gliedmaßen an den Zinnen des Königspalastes auszustellen. Das reichte, selbst für ein revolutionäres Parlament. Siebenmal ergingen Haftbefehle gegen Marat. Er musste sich in Kellern verstecken. Zweimal floh er nach England.

Erst nach der „zweiten Revolution“ kehrte er ungefährdet auf die öffentliche Bühne zurück. Im April 1793 setzten die gemäßigten Abgeordneten die Aufhebung seiner Immunität auf die Tagesordnung - wegen seiner Aufrufe zu Umsturz, Mord und Plünderungen. Marat wurde nicht nur frei gesprochen, sondern als Volksheld gefeiert. Und es folgte ein Gegenschlag: Am 2. Juni umzingelte ein mit Kanonen bewaffneter Mob, die Klientel des Volksfreunds, die Tuilerien und forderte die Ausstoßung der „Volksfeinde“. 22 Girondisten starben auf der Guillotine.

Diese Verhaftungen waren Marats letzter Triumph. Seine Hautkrankheit hatte ihm die Sitzungen in den Tuilerien zur Qual gemacht. Vom 3. Juni an verließ er seine Wohnung in der Rue des Cordeliers nicht mehr.


Nach dem Attentat ließ sich Charlotte Corday ohne Widerstand festnehmen; sie hatte mit dem Leben abgeschlossen

Kommen wir zum Bühnenbild des Dramas Corday/Marat. Hierfür benötigen wir vor allem eine schuhförmige, blecherne Badewanne.

Charlotte traf am 11. Juli in der Poststation Place-Notre-Dame-des-Victoires ein. Sie ließ sich Feder, Papier und Tinte bringen und entwarf ihre „Botschaft an die Franzosen, die die Gesetze und den Frieden lieben“. Da steht: „Oh, mein Vaterland! Dein Unglück zerreißt mein Herz!“ Sie war fest entschlossen, Marat in aller Öffentlichkeit zu erdolchen. Am Morgen des 13. Juli erwarb Charlotte ein Küchenmesser. Kosten: 40 Sous, Klingenlänge: 20 Zentimeter. Sie erfuhr: Marat nimmt seit Tagen nicht mehr an den Sitzungen des Konvents teil. Sie rief eine Kutsche und erfuhr eine zweite Enttäuschung: Der Kutscher wusste nicht, wo Marat wohnte. Als sie schließlich in der Rue des Cordeliers anlangte, verwehrten ihr erst die Haushälterin, dann Marats Geliebte den Zutritt. Charlotte zog sich zurück. Sie schrieb ein Billet, ließ es per Schnellpost zustellen: Angeblich war sie bereit, Verschwörer aus Caen zu verraten. Eine Antwort blieb aus. Um 7 Uhr abends klopfte sie dreimal an Marats Tür. Das Dienstmädchen öffnete. Sie forderte, vorgelassen zu werden. Marat in seiner Wanne sitzend und schreibend, hörte den Disput und rief, die junge Bürgerin möge eintreten.

Mademoiselle Corday stand vor Marat im Bade. Das Gespräch dauerte zehn Minuten. Man fragt sich, wieso? Was zum Teufel ging in der jungen Frau vor? Sie wollte den Blutsäufer doch töten! Charlotte berichtete von Konterrevolutionären in Caen. Das hat eine gewisse Wahrscheinlichkeit; Caen war eine Hochburg der Royalisten. Marat schrieb mit und verkündete: „Ich werde sie alle guillotinieren lassen!“ Nach dieser Bemerkung zückte Charlotte das Messer und stach es ihm in den Hals. Die Frauen kreischten. Aus der Nebenwohnung eilte ein Zahnarzt herbei, um die Wunde zu schließen. Vergeblich, Marat war verblutet. Die Täterin wurde niedergeschlagen, obwohl sie keinen Fluchtversuch unternommen hatte. Noch in der Wohnung fand das erste Verhör statt. Sie leugnete nichts.

Nächster Akt: das Revolutionstribunal erkannte ihr den Tod zu. Auf der Place de la Revolution (heute: Place de la Concorde) wurde Charlotte am Abend des 17. Juli guillotiniert.


Jean-Paul Marat

1743 geboren am 24.5. in Boudry/Schweiz; 1759 -1762 unterrichtet er als Hauslehrer in Bordeaux. 1763 -1775 In Paris und London geht er hauptsächlich medizinischen Studien nach 1777-1784 arbeitet er als Militärarzt beim Grafen von Artois 1789 -1793 Seine republikanische Ideologie erscheint in seiner Zeitung „!'Ami du peuple“1793. Er tritt offen für eine Diktatur ein; am 13.7. erdolcht ihn Charlotte Corday im Bad.


Charlotte Marie-Anne Corday

Das große Drama wird zum Thema der Nachwelt: Mademoiselle, sagten Royalisten, habe - wie eine würdige Nachfolgerin der Jeanne d' Arc - sich zum Besten Frankreichs geopfert. Auch die Jakobiner wollten die Bluttat propagandistisch nutzen. Der berühmte Maler Jacques-Louis David, ein enger Freund des Erdolchten, hatte ihn noch am Vorabend des Attentats besucht. Am 16. Oktober zog eine lange Prozession zum Hof des Louvre, wo Davids Ölgemälde „Marats Tod“ ausgestellt war, das ihn in ikonenhafter Pose in seiner Badewanne zeigt. Voran Trommler, Kanoniere, dann Abordnungen aller Verfassungsorgane, Vertreter der politischen Klubs und Ar-meeeinheiten. Festredner schwelgten in revolutionärer Prosa.

Man ehrte einen Helden der Revolution. Das Gemälde hängt heute in Brüssel. Natürlich ließen sich auch die Pariser Bühnen das Thema nicht entgehen. Das Theätre de la Cite zeigt den „Tod des unglücklichen Marat und sein Aufstieg in die elysischen Gefilde“, das Theätre de l'Esplanade ließ ihn in der Kurzoper „Marat im Olymp“ sogar besingen.

Das tragische Ende der Charlotte Corday hingegen inspirierte Schriftsteller wie Klopstock und Peter Weiss der dem Geschehen das Drama „Die Verfolgung und Ermordung Jean-Paul Marats“ widmete.

Die Ermordung Ernst Eduard vom Rath und die schrecklichen Folgen

Ernst Eduard vom Rath, das Opfer, wurde am 3. Juni 1909 geboren und war ein deutscher Diplomat und Botschaftssekretär in Paris. Vom Rath besuchte das Realgymnasium in Breslau. Sein Jurastudium absolvierte er in Bonn, München und Königsberg. 1928 wurde er Mitglied des Corps Palatia Bonn.


Ernst Eduard vom Rath

Der Eintritt in die NSDAP erfolgte am 14. Juli 1932, in die SA im April 1933. Ab 1934 nahm er den Posten eines Gesandtschaftsattachés im Auswärtigen Amt ein, 1935/36 absolvierte er den Vorbereitungsdienst in Paris als persönlicher Sekretär seines Onkels. Am 24. Juni 1936 bestand er die diplomatisch-konsularische Prüfung und wurde im Generalkonsulat in Kalkutta eingesetzt. Dort erkrankte er im Dezember 1937 nach eigenen Angaben an einer schweren Amöbenruhr (Die Amöbenruhr oder Amöbendysenterie, eine Form der Amöbiasis, ist die mit Bauchschmerzen, blutig-schleimigen Durchfällen und Tenesmen einhergehende Infektion des Darmes durch die Amöbe Entamoeba histolytica, einen Einzeller (Protozoon) und musste deswegen im März 1938 Indien verlassen.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland zu einer mehrmonatigen Kur in St. Blasien wegen eines „Darmleidens“ erfolgte am 13. Juli 1938 seine Versetzung an die Botschaft in Paris, wo er am 18. Oktober 1938 zum Legationssekretär ernannt wurde. Entsprechend eidesstattlichen Erklärungen der behandelnden Ärzte litt vom Rath an einer homosexuell übertragenen gonorrhoischen Mastdarmentzündung. Er wählte in Berlin jüdische Ärzte zur Behandlung der Erkrankung, vermutlich um die Wahrscheinlichkeit einer Meldung oder Denunziation zu verringern.

***

Der Täter, Herschel Feibel Grünspan oder auch Hermann Grynszpan, wurde am 28. März 1921 in Hannover geboren. Er war ein in der Weimarer Republik geborener und aufgewachsener polnischer Staatsbürger jüdischen Glaubens.


Herschel Feibel Grünspan

Herschel besuchte die Bürgerschule I beziehungsweise die Volksschule Burgstraße bis zum Jahr 1935, ohne einen Abschluss zu machen. In Hannover war er Mitglied der Zionistengruppe Misrachi und des Sportclubs Bar Kochba. Nach Ansicht seiner Lehrer war er überdurchschnittlich intelligent, hatte aber keine Lust zu arbeiten. Mit Unterstützung seiner Familie und der hannoverschen jüdischen Gemeinde besuchte Grynszpan die in der Christgasse gelegene rabbinische Lehranstalt (Jeschiwa) in Frankfurt am Main, um unter anderem Hebräisch zu lernen.

Offenbar sagte ihm diese auf fünf Jahre angelegte Ausbildung nicht zu, denn er brach sie nach elf Monaten wieder ab. Mittlerweile hatte die Diskriminierung der Juden in Deutschland mit dem „Judenboykott“, dem „Berufsbeamtengesetz“, dem Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen und weiteren antisemitischen Gesetzen schon sehr konkrete Formen angenommen, so dass Grynszpan keine Arbeit und keine Lehrstelle fand. Er bemühte sich dann, nach Palästina auszuwandern, erhielt jedoch aufgrund seines Alters einen vorläufig abschlägigen Bescheid; er sollte sich in einem Jahr wieder bewerben.

Im Juli 1936 reiste Grynszpan im Alter von 15 Jahren mit legalen Dokumenten – einem polnischen Pass und einem von Belgien geforderten Rückreisevisum nach Deutschland, das eine Wiedereinreise bis zum 1. April 1937 erlaubte – zu seinem Onkel Wolf Grynszpan nach Brüssel, ursprünglich, um dort auf das Visum für die Einreise nach Palästina zu warten. Sein Onkel empfing ihn ziemlich kühl, als er feststellte, dass Herschel mittellos war. Er hatte nur 10 Mark ins Ausland mitnehmen dürfen und verfügte auch nicht über mehr Geld. Herschel nahm daher das Angebot seines anderen Onkels aus Paris an, zu diesem zu ziehen. Freunde von Wolf Grynszpan schmuggelten Herschel im September 1936 illegal über die Grenze nach Frankreich, da sie davon ausgehen mussten, dass ihm auf dem offiziellen Weg die Einreise verweigert würde. Als er in Paris ankam, war er krank – er litt unter Magenschmerzen und häufigem Erbrechen. Grynszpan war von kleiner Statur, nur 1,54 m groß und wog nur etwa 45 kg.

Grynszpan war orthodoxer Jude und besuchte regelmäßig den Gottesdienst. Auch in der Umgebung der Familie seines Onkels lebten überwiegend Juden. Ihre Hauptsprache war Jiddisch, aber auch deutsch wurde gesprochen. Herschel Grynszpan unterstützte seinen Onkel gelegentlich bei der Arbeit, aber er ging keiner geregelten Beschäftigung nach. Er traf sich mit Freunden, ging häufig ins Kino und besuchte Lokale, die dem homosexuellen Milieu zugerechnet wurden.

Grynszpan versuchte über zwei Jahre vergeblich, in Frankreich eine Aufenthaltsgenehmigung zu erlangen. Bemühungen, dann wieder zu seiner Familie nach Hannover zurückzukehren, scheiterten am Widerspruch des hannoverschen Polizeipräsidenten, der sich weigerte, Grynszpan zurück nach Hannover reisen zu lassen, weil seine Papiere angeblich nicht in Ordnung seien. Der polnische Pass hatte auch Ende Januar 1938 seine Gültigkeit verloren. Im August 1938 wurde Grynszpan schließlich auch noch der Ausweisungsbefehl aus Frankreich zugestellt, so dass er sich in völlig auswegloser Lage befand. Grynszpan hätte bis zum 15. August Frankreich verlassen müssen, aber sein Onkel versteckte ihn in einer Mansarde in einem anderen Haus in Paris. Grynszpan hatte keine Arbeit, wurde von der Polizei gesucht und musste sich verstecken – eine ausweglose Situation.

Mittlerweile waren seine Eltern und Geschwister – die noch polnische Staatsbürger waren, obwohl die Familie schon seit 27 Jahren in Deutschland lebte – am 28./29. Oktober 1938 in einer reichsweiten gewaltsamen Aktion, der Polenaktion, verhaftet und gezwungen worden, ohne jegliche Vorbereitung sofort ihren Wohnsitz und ihre Existenz in Hannover aufzugeben. Man hatte sie deportiert und bei Bentschen über die deutsche Grenze in Richtung Polen abgeschoben. Von dieser Massenabschiebung waren etwa 17.000 Juden betroffen. Die völlig unvorbereiteten Menschen wurden zuerst von Polen zurückgewiesen und hielten sich deshalb teilweise im Niemandsland zwischen der deutschen und polnischen Grenze im Freien auf. Andere wurden ohne Probleme ins Land gelassen. Darüber war auf der ganzen Welt und auch in der Pariser Presse berichtet worden.

Die abgeschobenen Menschen waren völlig hilflos. Nachdem die Grynszpans nach Polen gelangt waren, konnten sie eine Karte nach Paris schreiben. Grynszpan erhielt am 3. November eine Postkarte seiner Schwester Berta, in der sie ihm schilderte, wie die ganze Familie unter Zurücklassung von allem Hab und Gut, unvorbereitet und ohne jegliche Mittel von der Polizei zwangsweise und überfallartig abtransportiert worden war. Die Familie saß völlig mittellos in einem Lager im polnischen Zbąszyń (Bentschen). Berta bat ihren Bruder, ihnen Geld nach Polen zu schicken. Als Grynszpan die Karte seiner Schwester erhielt, war er völlig verzweifelt, denn er befand sich ja selbst in größter Not.


„Lieber Hermann, Von unserem großen Unglück hast Du sicher gehört. Ich will Dir genau schildern, wie das vorgegangen ist. … Donnerstag abend ist ein Sipo [Sicherheitspolizist] zu uns gekommen und sagte, wir müssten zur Polizei und die Pässe mitbringen. So wie wir standen, sind wir alle zusammen mit dem Sipo zur Polizei gegangen. Dort war schon unser ganzes Revier versammelt. Von dort hat man uns alle im Polizeiauto nach dem Rusthaus [Ein Gasthaus] gebracht. … Man hat zwar nicht gesagt, was los ist, aber wir haben gesehen, dass wir fertig sind. Jedem von uns hat man einen Ausweis [d. h. vermutlich Ausweisungsbefehl] in die Hand gedrückt bis zum 29. [Oktober] muss man das Land verlassen. Man hat uns nicht mehr nach Haus gelassen. Ich habe gebettelt, man soll mich nach Hause lassen wenigstens etwas Zeug zu holen. Bin dann mit einem Sipo gegangen und habe in einem Koffer die nötigsten Kleidungsstücke gepackt. Das ist alles was ich gerettet habe. Wir sind ohne Pfennig Geld. [Folgende Passage gestrichen, vermutlich: Kannst Du und Onkel nicht etwas nach Lodz schicken]? Grüsse und Küsse von alle Berta“

Nachdem Grynszpan die Karte seiner Schwester bekommen hatte, konnte er weitere dramatische Schilderungen der Deportationen am 4. November der in Paris erscheinenden jiddischen Zeitung Haynt (Journée Parisienne) entnehmen. Was er las, machte ihn noch mehr um seine Familie besorgt. Am 6. November bat er seinen Onkel darum, sofort Geld zu seinen Eltern zu schicken. Als Abraham zögerte, kam es zu einer Auseinandersetzung, in deren Verlauf Grynszpan die Familie seines Onkels unter Mitnahme seiner Ersparnisse verließ.

Grynszpan übernachtete in einem billigen Hotel und schrieb einen Abschiedsbrief an seine Eltern, den er in seine Tasche steckte. Am 7. November 1938 kaufte er in einem Waffengeschäft einen Revolver für 235 Franc. Danach suchte er die deutsche Botschaft im Palais Beauharnais auf und verlangte einen Botschaftssekretär zu sprechen. Er wurde von der Frau des Portiers an den Botschaftssekretär vom Rath verwiesen, den jüngeren der beiden zu diesem Zeitpunkt diensthabenden Beamten. Der andere wäre Gesandtschaftssekretär Ernst Achenbach gewesen, der aber an diesem Tag zu spät zum Dienst kam. Der Botschafter Johannes von Welczeck hatte die Botschaft beim Eintreffen von Grynszpan gerade zu einem Morgenspaziergang verlassen. Der Amtsgehilfe Nagorka ließ Grynszpan ohne Anmeldeformalitäten in Raths Amtszimmer treten, wo beide danach allein waren. Der Historiker Hans-Jürgen Döscher schloss daraus, dass Rath und Grynszpan miteinander bekannt waren, Der Schweizer Historiker Raphael Gross und die meisten anderen Forscher halten dagegen das Zusammentreffen von Grynszpan und vom Rath für einen bloßen Zufall. Grynszpan schoss mit seiner Waffe sofort fünfmal auf Rath, wobei zwei Kugeln trafen, eine in Höhe des Brustbeins, die andere im Unterleib. Die Verletzungen waren so schwer, dass Rath ihnen zwei Tage später erlag.

Zuvor hatte Hitler noch seinen Leibarzt Karl Brandt und den Chirurgen Georg Magnus zur Behandlung von Rath nach Paris geschickt. Dem Polizeiprotokoll zufolge beschimpfte Grynszpan vom Rath bei der Tat mit dem Ausdruck „sale boche“ („dreckigen Deutschen“) und rief aus, dass er im Namen von 12.000 verfolgten Juden handele. Ähnlich äußerte er sich in dem bei ihm gefundenen Abschiedsbrief an seine Eltern: Sein Herz habe geblutet, als er von ihrem Schicksal gehört habe, er müsse protestieren, so dass die ganze Welt davon erfahre. Grynszpan ließ sich ohne Fluchtversuch am Ort der Tat verhaften (Rath hatte ihm noch einen Faustschlag versetzt und hatte um Hilfe rufend das Zimmer verlassen) und begründete auch gegenüber dem französischen Untersuchungsrichter sein Handeln in diesem Sinn. Eine Tötungsabsicht und Rachegedanken bestritt er aber in späteren Vernehmungen und in einem Brief an seine Eltern in der Untersuchungshaft. Da Grynszpan zum Tatzeitpunkt minderjährig war, wurde er in das Jugendgefängnis Fresnes bei Paris überstellt.

Die französischen Behörden leiteten einen Prozess gegen Grynszpan ein; der Untersuchungsrichter Tesniere stellte am 7. November eine Klage gegen Grynszpan wegen eines Mordversuchs fertig. Nach dem Tode Raths am 9. November 1938 wurde die Anklage auf Mord mit Vorsatz erweitert. Die französischen Verwandten von Grynszpan, Abraham und Chawa Grynszpan, wurden, da sie durch die Unterstützung von Grynszpan nach Ansicht des Gerichts gegen das Ausländerrecht verstoßen hatten, am 29. November 1938 zu vier Monaten Haft und einer Geldstrafe verurteilt.

Auch von deutscher Seite bereitete man sich auf den Prozess vor. Goebbels ernannte schon am 8. November den Juristen Friedrich Grimm zum Vertreter des Deutschen Reiches, einen Rechtsberater des Reiches und Fachmann für Propagandaaufgaben, in denen gegen Juden gehetzt werden sollte. Grimm sollte die Interessen des Deutschen Reiches in der Mordsache vom Rath wahren. Für den 11. November 1938 setzte Goebbels das Treffen einer Prozessplanungsgruppe im Propagandaministerium unter der Leitung des Regierungsrates Wolfgang Diewerge an. Teilnehmer waren Vertreter des Auswärtigen Amtes, der NSDAP/Auslands-Organisation sowie Friedrich Grimm. Grimm trug vor, dass eine Auslieferung Grynszpans nicht erwartet werden könne und der Prozess auf jeden Fall in Frankreich stattfinden werde. Auf der Sitzung wurde beschlossen, dass Grimm den Prozess beeinflussen solle und in Nebenklage die Interessen der Eltern und des Bruders vom Raths vertreten solle. Das war nur zusammen mit französischen Anwälten möglich, deren Auswahl man Grimm auftrug.

Goebbels hatte in dem Attentatsfall interveniert, da er aus diesem Prozess eine Propagandaschlacht für Deutschland machen wollte. Nachgewiesen werden sollte, dass eine jüdische Weltverschwörung gegen Deutschland Krieg führe und auch das Attentat organisiert habe. Die deutsche antijüdische Politik sollte als Abwehr des jüdischen Angriffs auf der ganzen Welt verstanden werden. So sollte in Deutschland und auch im Ausland Verständnis für die Vorgänge der Reichspogromnacht und die weitere Unterdrückung der Juden in Europa geweckt werden. Grynszpan sei von dieser „jüdischen Weltverschwörung“ gelenkt. Diese stand nach der Propaganda der Nationalsozialisten auch hinter der französischen liberalen demokratischen Presse, die den jugendlichen Grynszpan indoktriniert habe. Mit dem Attentat habe, so die nationalsozialistische Propaganda, auch das deutsch-französische Verhältnis beschädigt werden sollen. Zu dem Zeitpunkt war das Verhältnis beider Staaten gespannt, das Münchner Abkommen war gerade erst etwa einen Monat alt. Grimm fuhr umgehend nach Paris. Dort bekam er den Hinweis, dass der Verteidiger Grynszpans, Maître Vincent de Moro-Giafferi von der französischen Liga gegen den Antisemitismus, der Ligue Internationale Contre l’Antisémitisme (LICA), die Eltern Grynszpans aus Polen zum Prozess einladen wolle, um sie über die deutschen antijüdischen Aktionen aussagen zu lassen. Grimm intervenierte in Polen, so dass die polnische Regierung, selbst antisemitisch eingestellt, den Eltern die Ausreise untersagte. Grimm pendelte ständig zwischen Deutschland und Frankreich und nahm dort Einfluss auf die Vorbereitung des Prozesses.

Der Prozessbeginn verzögerte sich, bis mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 eine völlig neue Situation gegeben war. Wegen des Stimmungsumschwunges in der Bevölkerung Frankreichs hätte die dortige Justiz Grynszpan wohl freigesprochen, zumal Deutschland als Kriegsgegner nicht hätte am Prozess teilnehmen können. Grimm machte sich gegenüber dem Propagandaministerium aber anheischig, den Prozess vom neutralen Ausland aus zu manipulieren. Mit dieser Aufgabe betraut, begab er sich während des Sitzkrieges für einige Monate an die Deutsche Botschaft nach Bern und hielt über die Schweiz und den Anwalt Guinand Kontakt zu den französischen Untersuchungsbehörden. Zu diesem Zwecke wurde er sogar zum Generalkonsul des Deutschen Reiches ernannt. Trotz des Kriegszustandes gelang es Grimm, beim französischen Generalkonsul in Bern ein Visum für Guinand und dessen Bestellung zum Vertreter des Deutschen Reiches im geplanten Prozess zu erhalten. Guinand wurde in Paris sogar auf Anweisung des selbst verhinderten Justizministers Bonnet vom stellvertretenden Justizminister empfangen. Ergebnis dieser Verhandlungen war, dass der Prozess sistiert wurde, aber Grynszpan im Gefängnis blieb.

Das Attentat wurde in großen Teilen der jüdischen Gemeinschaft und auch in Frankreich missbilligt, nicht zuletzt wegen Befürchtungen, es würde von den Nationalsozialisten zum Vorwand für Vergeltung genommen werden, welche durch die Ereignisse voll bestätigt wurden. Man versuchte von jüdischer Seite, Grynszpan als Verrückten hinzustellen. Diese Darstellung wirkte lange nach und findet sich beispielsweise noch in einschlägigen Äußerungen von Hannah Arendt in ihrem Buch Eichmann in Jerusalem von 1963 wieder.

Grynszpan blieb trotz seiner Jugend ohne Prozess rund 20 Monate inhaftiert, bis zum deutschen Sieg über Frankreich. Die Franzosen hatten Grynszpans Gesuch abgelehnt, auf Seiten Frankreichs gegen die Deutschen kämpfen zu dürfen. Sobald der künftige Botschafter Otto Abetz mit seiner Mannschaft, zu der auch der Rechtsprofessor Friedrich Grimm gehörte, am 15. Juni, dem Tag nach dem Einmarsch deutscher Truppen, in Paris eingetroffen war, wurde nach Grynszpan gefahndet, schon einen Tag vor Ankunft der Botschaftsmitarbeiter war eine Gestapoeinheit unter Helmut Knochen nach Paris gekommen. Ein Sturmbannführer dieser Einheit, Karl Bömelburg, war gleichzeitig Leiter einer Gruppe der Geheimen Feldpolizei. Bömelburg und Grimm hatten nun den Auftrag, Herschel Grynszpan gefangen zu nehmen. Dazu ließ Grimm am nächsten Tag die Geheime Feldpolizei Polizei- und Gerichtsdienststellen durchsuchen und alle Verfahrensakten beschlagnahmen. Alle jüdischen Organisationen und alle Anwaltskanzleien, die mit Grynszpan zu tun gehabt hatten, wurden durchsucht. Grimm eignete sich sogar die Handakten von Grynszpans Verteidiger Moro-Giafferis an.

Am 19. Juni meldete Grimm an das Außenministerium, dass Grynszpan „illegal“ aus dem Gefängnis in Paris entfernt worden sei. In der Tat war Grynszpan mit anderen Gefangenen in den unbesetzten Süden geschickt worden und er kam bei einer Bombardierung des Zuges zunächst frei. Mittellos und ohne ausreichende Sprachkenntnisse, gelang es ihm jedoch nicht, unterzutauchen. Vielmehr stellte er sich erneut den französischen Behörden: zuerst im Gefängnis von Bourges, wo ihn ein Staatsanwalt laufen ließ, und dann in Toulouse.

Grimm machte Grynszpan in Südfrankreich ausfindig und ersuchte den französischen Justizminister um seine Auslieferung. Gleichzeitig stellte das Auswärtige Amt einen Auslieferungsantrag bei der Waffenstillstandskommission. Am 18. Juli 1940 übergaben die Franzosen Grynszpan an der Grenze zwischen der unbesetzten und der deutschen Besatzungszone an die Deutschen, die ihn nach Berlin in das Gestapogefängnis im Reichssicherheitshauptamt in der Prinz-Albrecht-Straße 8 verbrachten. Diese Auslieferung verstieß gegen den Waffenstillstandsvertrag und gegen Bestimmungen des Völkerrechts, denn Grynszpan hatte keine deutsche Staatsbürgerschaft und die Tat war vor dem Einfall der Deutschen auf französischem Boden begangen worden.

Nun sollte endlich ein politischer Schauprozess nach NS-Muster stattfinden. Seine Bühne sollte der Volksgerichtshof sein und das Reichspropagandaministerium unter Joseph Goebbels sollte bei ihm mitwirken. Bewiesen werden sollte die Existenz der „jüdischen Weltverschwörung“, die die Zerstörung Deutschlands im Sinne und den Weltkrieg verursacht habe. Mitplaner des Prozesses waren Rechtsanwalt Grimm und Wolfgang Diewerge. Grynszpan drohte jetzt allerdings auszusagen, sein Opfer vom Rath aus der Pariser Homosexuellenszene zu kennen. Damit durchkreuzte er die Strategie der Nationalsozialisten. Möglicherweise bediente sich Grynszpan damit einer Verteidigungstaktik seines Pariser Anwalts Moro-Giafferi. Die Ankläger mussten nämlich nun befürchten, dass Grynszpan im geplanten Prozess die angebliche Homosexualität vom Raths und eventuell anderer Nationalsozialisten in Paris zur Sprache bringen würde. Auch habe Grynszpan die „Rechtmäßigkeit seiner Auslieferung in Zweifel ziehen“ können. Auf Befehl Hitlers wurde der Prozess im Juli 1942 abgesetzt. Grynszpan kam zunächst ins KZ Sachsenhausen. Um den 26. September 1942 wurde er ins Zuchthaus Magdeburg verbracht.

Was im Einzelnen danach mit ihm geschah, ist nicht genau geklärt. Zumeist wird davon ausgegangen, dass er irgendwann zwischen 1942/1943 und dem Ende des Krieges starb. Der Historiker Ron Roizen, der sich 1986 mit dem weiteren Schicksal von Grynszpan befasste und sich dabei auch auf eine Untersuchung des französischen Arztes Alain Cuenot von 1982 stützte, zitiert einen Brief von Fritz Dahms, einem Beamten im Auswärtigen Amt, der mit dem Fall Grynszpan 1942 befasst war, an den Historiker Helmut Heiber. In diesem Brief heißt es, Dahm habe davon gehört, Grynszpan sei kurz vor Kriegsende gestorben. An Genaueres konnte er sich nicht erinnern und das Auswärtige Amt wäre zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr offiziell in solchen Dingen genau informiert worden. Er führt auch an, dass schon in den 1960er Jahren der mit dem Fall betraute Untersuchungsrichter in München in den damals noch nicht öffentlich zugänglichen Akten im Bundesarchiv keinen Hinweis auf Grynszpan nach 1942 finden konnte. Adolf Eichmann gab in seinem Prozess 1961 in Jerusalem an, vermutlich 1943 eine Vernehmung Grynszpans durch einen Mitarbeiter veranlasst zu haben und danach selbst mit Herschel Grynszpan gesprochen zu haben. Er wusste aber nichts über sein weiteres Schicksal.

Geklärt sind jedoch die Folgen des Attentats. Grynszpans Attentat war in Deutschland auf Geheiß von Joseph Goebbels Aufmacher in allen Zeitungen und diente als Vorwand für staatsweit in Deutschland und Österreich inszenierte Pogrome, die Novemberpogrome 1938 oder die so genannte „Reichskristallnacht“. Zu ersten Ausschreitungen war es allerdings schon am Abend des 7. November in Kassel und Umgebung gekommen. Einige Stunden nach Bekanntwerden des Todes vom Raths am Abend des 9. November gingen NSDAP und SA in einer vorbereiteten und konzertierten Aktion gegen jüdische Bürger und deren Besitztümer vor: Trupps von zivil gekleideten SA-Leuten und Parteiangehörigen waren unterwegs, ausgerüstet mit Stangen, Messern, Dolchen, Revolvern, Äxten, großen Hämmern und Brechstangen. Sie brachen in Synagogen ein, steckten sie in Brand und zerschlugen mit Stangen die Schaufenster jüdischer Läden. Dann brachen sie plündernd und zerstörend in die Geschäfte ein. In gleicher Brutalität gingen Schläger-Trupps gegen Juden in deren Wohnungen vor. Sie wurden, sofern nicht geöffnet wurde, gewaltsam aufgebrochen und verwüstet. Vorgefundenes Geld wurde konfisziert, Sparbücher und Wertpapiere wurden mitgenommen. Die Juden wurden misshandelt und gedemütigt, auch die Frauen und Kinder. Insgesamt wurden etwa 400 Menschen ermordet, hinzu kamen Selbsttötungen, ca. 30.000 Männer wurden als „Aktionsjuden“ in KZs deportiert. Rund 7500 Geschäfte und fast alle Synagogen (ca. 1400) wurden niedergebrannt oder auf andere Weise zerstört. Zum Hohn für die Pogromopfer wurden die Juden in einer am 12. November 1938 erlassenen „Verordnung über die Sühneleistung“ auch noch gezwungen, zusätzlich eine „Kontributionszahlung“ in Höhe von einer Milliarde Reichsmark zu leisten. So wurde Grynszpan ungewollt zum indirekten Helfer der Progrome. War sein Attentat diesen Preis wert?

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
145 s. 42 illüstrasyon
ISBN:
9783966512053
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar