Kitabı oku: «Mensch in Menschenmassen - Ein Chinaroman»

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Walter Laufenberg

Mensch in Menschenmassen - Ein Chinaroman

Saga

Mensch in Menschenmassen - Ein Chinaroman Odysseus' DilemmaCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 2001, 2020 Walter Laufenberg und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726749571

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

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Nur Reisen ist Leben,

wie umgekehrt das Leben Reisen ist.

(Jean Paul in: Das Kampaner Tal, 502. Station)

Es tut mir lang ‘ schon weh,

daß ich dich in der Gesellschaft seh ‘ .

(Margarete in Goethe, Faust I)

1.

Ein kehliges Grunzen, ein lauter werdendes Brummen. So stand er da, der Jumbo. Unwillig, unentschlossen. Und wie gegen alle Welt anmurrend. Stand da in einem heftigen Vibrieren. Als ob alle vierhundertsechzig Menschen an Bord diesen einen Gedanken zitterten: Das kann nicht gutgehen.

Ein Zittern, das immer wieder neu anflutete und gleich darauf abebbte. An und ab, nervenzerrend, so schüttelte es den Jet. Auf der Startbahn des Flughafens von Hongkong. Abflugbereit. Aber im rabiaten Griff des Taifuns.

Warten auf den Ratschluß der Fluggötter in Cockpit und Tower. Warten. Was bleibt einem anderes übrig. Und all seine Zuversicht, all seine Hoffnung auf die setzen, die über Sein oder Nichtsein entscheiden. Die unbekannten Olympischen, weder mit Gebeten ansprechbar noch durch Opfer günstig zu stimmen. Nur mit geduldigem Warten zu verehren.

Es ist Freitag, der 20. August, und es geht mal wieder um beinahe nichts und doch um Leben oder Tod - das ist so menschlich. Wird die Starterlaubnis erteilt oder müssen wir wieder aussteigen? Das ist die Frage. Vielleicht doch besser, sich wieder hineinverrenken zu müssen in die Regenhäute, die von der Fluggesellschaft verteilt worden waren. Damit man nicht auf den paar Metern die Gangway hinauf völlig durchnäßt würde. Und dann wieder herumzustehen, wie sie vorher herumgestanden hatten, im Warteraum, einige Hundertschaften Heimkehrer, alle eingehüllt in den Regenschutz der Cathay Pacific, transparent und knöchellang und mit Kapuze. So gleichgemacht wie provisorisch verpackte Leichen.

Penni hatte wieder bei dem mit dem heruntergezogenen Schnäuzer gestanden. Mit diesem Hufeisenbärtchen. Soll wohl als Glückssymbol dienen. Hilft ihm jetzt aber auch nicht mehr. Gibt seinem Gesicht nur den blasierten Ausdruck der High Snobiety. Penni hat es also auch in dieser Situation nicht über sich gebracht, wieder an meiner Seite zu sein. Keine Versöhnung, kein Wort, das eine Brücke baut, nicht wenigstens ein Blick zu mir herüber, auch nicht im Angesicht des ... Nein, nein, ich will es nicht einmal denken. Jedenfalls jammerschade um sie. Eine Frau wie Penni, so einmalig, neben ihr sind alle anderen, die ich gehabt habe, nur als Komparserie aufgetreten. Um sie desto großartiger dastehen zu lassen.

Kaum in der Maschine, hatten die Stewardessen ihnen geholfen, sich das Kunststoffzeug hastig vom Körper zu reißen. Und hatten sie weitergeschoben. "Schnell durchgehen bitte, Platz machen für die Nächsten!"

Aber jetzt zurück in die Wartehalle? Noch einmal diese umständliche Prozedur? Noch länger auf den Heimflug warten?

Bedeutete jede Minute Verzögerung doch, daß das Auge des Taifuns näherkam. Starttermin für den Flug CX 289 war laut Timetable 22 Uhr 40. Zwischen 23.00 und 24.00 Uhr, so der Wetterbericht im Hongkonger Fernsehen, wird der Taifun "Tasha", von Südosten kommend, die Stadt erreichen. Und nun schon eine halbe Stunde über der Zeit und offenbar immer noch keine Starterlaubnis. Nur dieses Zitterrütteln.

Da endlich tobten die Triebwerke los. Daß kein Wort mehr zu verstehen war, kein Ton mehr von der Beruhigungsmusik aus den Lautsprechern. Und dieses Vibrieren plötzlich noch viel unangenehmer. Ein heftiges Zittern, dessen man sich doch nicht zu schämen brauchte. Weil es in allen war.

Also Abflug. Im Taifun. Sie riskieren es. Sie riskieren unser Leben. Wahnsinn! Die Maschine beschleunigte unheimlich schnell. Und sie hob ab, stieß schräg in den dunklen Himmel. Selbstbewußt und zielstrebig, allem Rütteln und Schaukeln zum Trotz. Was ihn ein wenig ruhiger werden ließ. Er konnte ja nicht ahnen, wo sie ihn hintragen würde.

Auf dem Bildschirm erschien das Flugzeug, nach halblinks oben gerichtet, und der Pfeil, der den Sturm anzeigte, kam von halbrechts unten. Windgeschwindigkeit 110 km/h, stand da. Aber Rückenwind. Also doch noch einigermaßen pünktlich heimkommen. Wenn nicht der Taifun uns aus dem Himmel schüttelt, wie wir früher die Äpfel aus dem Straßenbaum geschüttelt haben. Wie haben wir sie runterprasseln lassen. Weit verstreut. Und zermatscht. Was war uns schon ein Apfel? Was sind wir dem Sturm? Plötzlich - wie wertlos all die Reisemitbringsel, die vielen Filme, alles Neue, das wir gesehen, das Unerhörte, das wir gehört haben. Souvenirs, Souvenirs, der schöne Schaum der Ewigkeit von Flut und Ebbe, neuer Flut, neuer Ebbe. Und sogar ein nie zuvor gedachter Gedanke: wertlos. Wie das bißchen Veränderung des Weltbilds, dieses stolzneue Bewußtsein. Wie belanglos alles, wenn die Formen zerstört sind.

Und wenn das nun das Ende sein sollte – okay. Was habe ich denn noch zu verlieren? Ich, der ich alles falschgemacht habe. Wenn der Taifun uns zerschmettert, erspart mir das, selbst Hand an mich zu legen.

Schon bei der Ankunft der Gruppe aus China in Hongkong am Tag zuvor, nach der schikanös-langwierigen Einreisekontrolle im Bahnhof, hatte der örtliche Reiseleiter vom Taifun gesprochen: Windstärke 3. So stand es dann auch im Hotel auf dem Schild mit Kartenausschnitt und einem dicken roten Pfeil, der die Marschrichtung von "Tasha" anzeigte. Heute am späten Nachmittag noch waren einige aus der Gruppe mit der letzten Fähre gefahren. Kein anderes Schiff mehr unterwegs auf dem wildgewordenen Wasserarm zwischen Kowloon und der Viktoria-Insel. Auf dem hochgehenden Geschäume nur ein Polizeiboot, das mit seinen Lautsprechern gegen den Sturm anbrüllte: "Sofort die Strandpromenade verlassen!" Damit es die Leute nicht ins Meer weht. Einzelne Furchtlose gingen trotzig weiter, in so krasser Schräglage, wie sie ohne den Wind niemals möglich wäre. Was sie belustigte, sie verleitete, mit dem Sturm zu spielen. Und er selbst war einer von diesen Unerschrockenen. War ihm doch inzwischen alles egal. Immer wieder plötzliche Regenschüttungen, gegen die es keinen Schutz gab. In den Papierkörben zerfetzte Regenschirme. Die Wolkenkratzer am anderen Ufer verschwanden minutenlang in schwertriefenden Wolken wie unter Tarnkappen und leuchteten gleich darauf schweißglänzend wieder auf, so strahlend, als atmeten sie einmal kräftig durch: Nochmal gutgegangen. Das hatten seine Leute ja alles noch als recht amüsant empfunden.

Doch die Hotels, Restaurants und Läden waren plötzlich nicht mehr wiederzuerkennen. Eine Stadt wie im Krieg. Überall schwere Eisenrollos herabgelassen. Und wo es keine gab, wo Fensterscheiben ungeschützt dem Unwetter ausgesetzt waren, da hatte man sie kreuzweise mit roten Streifen beklebt. Wie nach Moses und Aarons Weisung mit einem blutigen Kreuz dem rächenden Gott signalisiert: Dieses Haus verschone, denn hier wohnt einer aus deinem auserwählten Volk. Der Schiffsingenieur hatte es besser gewußt: "So beklebt können die Scheiben nicht so leicht vom Sturm eingedrückt werden. Das macht einige Kilopond Unterschied." Ein Livrierter hatte vor dem verrammelten Haupteingang des New World Hotel gestanden und sie auf einem Schleichweg durch eine stillgelegte Ladenpassage hintenherum hineingeführt. Da hatte die Tafel in der Lobby bereits Windstärke 8 angezeigt. Der rote Pfeil war der Stadt gefährlich nahegerückt. Und keine Chance, dem Unheil zu entgehen. Die Koffer waren unterwegs zum Flughafen, die Zimmer längst von neuen Gästen bezogen.

Happy zeigte sich von all dem nicht berührt. Auch "Tasha" brachte es nicht fertig, ihn aus der Ruhe zu bringen. Aber diese Ruhe war nicht seine gewöhnliche Gelassenheit, seine Allzeitbereitschaft zu Witzeleien. Einige aus der Gruppe sahen es genauer: Das war eher Resignation. Wenn ich erst wieder zuhause bin, überlegte Happy, ja, wenn überhaupt, dann werde ich mich jedenfalls nur noch mit Pflanzen umgeben. Sträucher und Blumen als mein Gegenüber. Daß sie mich mit ihrer unendlichen Geduld anstecken. Diese Gleichgültigkeit des Grünzeugs gegenüber den Menschen, dieses auf sich selbst Konzentriertsein. Beneidenswert. Wie hatte der pensionierte Richter ihm am Nachmittag gesagt: "Sie sehen aus, als wären Sie des Handelns müde, als hätten Sie nur noch Lust zum Denken." Und hatte dann noch erklärt: "Das ist ein Zitat von André Gide. Muß für Sie als Literaturwissenschaftler ja wohl bekannt sein."

Müde ja, und nicht nur das, hatte er gedacht - und nicht gesagt. Er hatte genug von den Leuten. Vier Wochen diese Menschen um sich, Tag und Nacht, das war mehr als genug, war unerträglich. Dabei sind sie nicht schlimmer gewesen als die in anderen Gruppen, mußte er sich zugeben. Die meisten wenigstens. Aber mit jeder neuen Gruppe das gleiche: Immer wieder neue Menschen und doch kaum mal was Neues. Immer nur Leute. Und gegen Ende der Reise dann dieses Gefühl, man könne es nicht mehr ertragen. Weil aller Reiz des Neuen dahinschmilzt wie Eis in der Sonne. Was da übrigbleibt, das ist die immer gleiche Unansehnlichkeit. Die meisten schonungslos alt und häßlich. Daß sie sich nicht zuhause verstecken. Ab dreißig ist man für sein Gesicht verantwortlich, sagte er sich manches Mal schaudernd. Anfangs, als er noch neugierig auf Frauen gewesen war, als er nur immer die Gelegenheit und dann den Punkt gesucht hatte, der sie tanzen ließ, als sein frischaufgedrehtes Spielzeug, damals hatten ihn die zerstörten Gesichter nicht gestört. Überhaupt nicht gesehen. Erst seit wenigen Jahren war das Dilemma für ihn sichtbar - und seitdem unübersehbar: Die schmalkniffigen Münder, die zerfingerten Nasen, die lichtlosen Augen. Und da meinten diese Frauen immer noch, in den einschlägigen Magazinen einschlägige Tips finden zu können gegen kleine Schönheitsfehlerchen: Gegen lose Haut unterm Kinn und Fältchen um die Augen und rote Ohren und für feineren Schwung der Augenbrauen, zur Kräftigung der Fingernägel. Einfach lachhaft. Und die Dreistigkeit, sich einem jungen Menschen, einem Mann in den besten Jahren so zu präsentieren. Wenn sie wenigstens Eleganz gezeigt hätten. Aber nein. Oder wenigstens die Schönwürde des Alters. Aber auch das nicht. Nur immer diese untauglichen Versuche, in den Jungbrunnen zu springen. Und diese flachgehende Neugier und gelangweilte Konsumlust. Und trotz alledem der unstillbare Wunsch nach einem Aufflackern in den Augen des Reiseleiters. Und dann dieses Sonder-Angebot von gestern nachmittag, das hatte ihn in einen brunnentiefen Zustand der Verzweiflung fallen lassen.

2.

Happy war, wie auf anderen Reisen so auch auf dieser, innerlich mehr als einmal aus der Rolle gefallen. Doch scheinbar blieb er immer noch Herr der Situation, wenigstens scheinbar der allzeit Überlegene. So, wie er seiner China-Gruppe im ersten Augenblick erschienen war. Am ersten Tag, unmittelbar vor dem Start in Frankfurt: Ein selbstsicherer Mann, groß, dunkelhaarig und vollbärtig, mit langen Schritten auf sie zugehend. Mit schnellen Blicken die passenden Kofferschilder erspähend. Um seine Gruppe beiseite zu bitten, sich ihr mit einer kleinen Ansprache vorzustellen: "Ich begrüße Sie sehr herzlich, auch im Namen meiner Gesellschaft und ganz Chinas. Ich bin happy. Und so heiße ich als Reiseleiter auch. Nennen Sie mich also einfach Happy und um Gottes willen nicht Erich Karl-Alfred Herckenrath, wie es in Ihren Unterlagen steht. Und auch nicht Herr Happy. Ein Reiseleiter ist kein Herr. Er muß nur immer Herr der Lage sein. Ja, also, ich bin Ihr Reiseleiter. Wir werden jetzt vier Wochen lang gemeinsam durch China reisen. Ach, was heißt reisen. Wir werden es erobern, werden es beäugen, erleben und kritisch durchleuchten. Und Sie können happy sein, daß Sie mit mir unterwegs sind, denn bei mir gibt es immer gutes Fotowetter und gutes Essen und gute Betten und so fort, also alles, was man fürs Happysein braucht." An der Stelle hatte er - wie immer – die erste Lachpause gemacht.

"Ja, im Ernst, Sie können froh sein, daß Sie nicht an so einen Langweiler als Reiseleiter geraten sind, der sich nur für die Kunstgeschichte interessiert oder nur für die Ornithologie oder - noch schlimmer - nur für die Geologie. Ich sage es Ihnen gleich, damit Sie sich nicht damit aufhalten müssen, mich vorsichtig auszufragen: Ich habe ein paar Semesterchen Wirtschaftswissenschaft studiert, aber keinen Gefallen dran gefunden. Da habe ich nur gelernt, daß der Tourismus weltweit die größte Wachstumsindustrie ist. Daß sich also alles um Sie, die Reisenden, dreht. Dann habe ich Literaturwissenschaft und Geschichte studiert, meinen M.A. gemacht und bin jetzt an meiner Doktorarbeit, und das schon seit vielen Jahren. Und wohl auch noch für den Rest meines Lebens, weil ich mir zwischendurch als Reiseleiter meinen Unterhalt verdienen muß. So, jetzt wissen Sie Bescheid über mich, und wir können uns um China kümmern."

Und bei einem schnellen Blick über den Kofferpulk. "Da und da fehlen noch die Kofferschilder unserer Gesellschaft. Wenn Sie die bitte noch anbringen vor dem Einchecken. Mein Unternehmen legt allergrößten Wert darauf. Fragen Sie mich nicht, warum."

"Ach Gott, das fängt ja gut an", kriegte er prompt von einer Dame zu hören. "Die müssen wir miteingepackt haben." Da konnte Happy sich gleich das erste Mal als Helfer in der Not erweisen: Zwei Ersatzpappen aus seiner Reisetasche.

Und konnte dann seine Vorstellung, die vielerprobte Ouvertüre zuendeführen: "Ach ja, das gleich auch noch: Das Thema meiner Dissertation lautet: ,Homers Odyssee als zeitunabhängig gültige Parabel der Identitätssuche des Menschen.‘ Sie sehen, das hat mit uns hier und heute nichts zu tun, braucht uns also nicht zu kümmern. Mit meiner Literaturwissenschaft können wir in China überhaupt nichts anfangen. Ihr Reiseleiter ist also kein Fachidiot, er ist eher ein Generalist. Von mir werden Sie deshalb ganz anderes über China hören als von jedem anderen. Über seine lange Geschichte, seine hohe Kultur, seine desolaten Verhältnisse, die aktuellen Schwierigkeiten, die Öffnung zum Westen hin, die Kapriolen der Wirtschaftspolitik, die Menschenrechtsfrage und so fort. Aber wohlgemerkt, ich erzähle Ihnen nichts, was Sie nicht betrifft. Bei mir sollen Sie nicht bloß das Objekt der Tourismusindustrie sein, sondern sein Subjekt. Wenn Sie nach dieser Reise ins Unbekannte Ihren Heimatort wiedersehen, dann werden Sie es erst so richtig zu schätzen wissen, wie schön, wie sauber, wie ordentlich daheim alles ist. Aber auch wie belanglos. Was Ihnen nämlich zuhause fehlt, das ist das Erlebnis. Und dieses Erlebnis, das werde ich Ihnen in den nächsten Wochen bieten."

"Schön."

"Sehr gut."

"Angenehm." Schüchterne Ansätze von Applaus.

"Aber, - sehen Sie mich bitte nicht als Alleinunterhalter an. Ich bin nicht dazu da, Sie zu unterhalten. Das wäre zu simpel. Sie müssen schon mitmachen. Was nicht schwer ist. Stellen Sie sich vor, so eine Reise ist ein Buch, das Sie lesen. Sie sind ja Menschen, die noch wissen, was das ist: ein Buch, so darf ich unterstellen. Sie kennen dieses extrem interaktive Erlebnis des Bücherlesens. Wir werden China wie ein Buch durchgehen, werden Seite für Seite dieses geheimnisvollen Landes aufschlagen, mit wachen Augen lesen und in uns aufnehmen. Sie brauchen sich nur für alles Neue, alles Überraschende offenzuhalten, vorurteilslos und einfach staunend. Wir machen gemeinsam den Ausstieg aus Ihrem Alltag. Sie sind jetzt Aussteiger auf Zeit, Artisten, die allerdings mit Netz und doppeltem Boden arbeiten. Ja, zu Ihrer Sicherheit. Da hat unsere Organisation vorgesorgt, sie stellt uns zu allem Überfluß auch noch überall einheimische Führer zur Verfügung. Dennoch sind Sie als Reisende richtige Artisten. Wenn Sie richtig mitmachen. Und das sollten Sie sich vornehmen. Denn ich will, daß Sie genau wie ich sind, nämlich happy. In diesem Sinne auf ins Land der roten Mandarine oder ins Reich der Mitte - ganz wie Sie wollen! Wir checken jetzt ein. Danach gehen wir sofort durch in den Warteraum. Nach nur neun Stunden Non-Stop-Flug sind wir in Peking oder - wie der Kenner sagt - in Beijing. Also denn: Yil— sh—nfeng - das heißt: guten Wind auf allen Wegen!"

3.

Das scheint Prinzip zu sein: Neun Stunden Flug haben im Fluge zu vergehen. Fast könnte man den alten Ausdruck deshalb von der Fliegerei herzuleiten versucht sein. Es wäre das ja nicht das erste Mal, daß eine dichterische Formel zur platten Realität wird. Happy dachte an die Reisenden, die auch den Flug als solchen erleben wollten. Er wußte, das soll nicht sein. Dafür wurde nicht gezahlt, sondern bloß für den Transport. Auch wenn wir nur um des Reisens willen reisen, ist doch niemals der Weg das Ziel. Der Flieger muß immer schneller fliegen, der Zug immer mehr rapido sein. Und pünktlich starten und pünktlich ankommen müssen sie. Statt des Flugerlebnisses die totale Ablenkung: Erst Zeitungen, Zeitschriften, dann Getränke, Kekse, danach schon bald richtiges Essen und Trinken. Und immer mal wieder Durchsagen, immer mal wieder Blinkhinweise, Klangsignale. Und die Stewardessen mit ihren Wägelchen, wie sie sich durch die engen Gänge drängen, da an eine Schulter stoßen, hier einen Fuß anfahren. Kopfhörerverteilung, Kopfhöreraufsetzen, Kopfhörergedröhne, Senderwahl, Lautstärkewahl, ungeschicktes Herumspielen mit den Fingern im Klappaschenbecher. Und an der Kippvorrichtung des Sessels. Schon gleich nach dem Start das Ausfahren des Projektors, der Werbefilm der Fluggesellschaft. Ein chinoiser Olympiawerbefilm. Und endlich der Spielfilm.

Endlich? Wieso das? Es gab kein Ende. Trotz Weggucken, trotz Weglegen des Kopfhörers, trotz aller Bereitschaft einzuschlafen. Erfolgloses Bemühen. Nur ein zeitvergessenes Dösen. Und schon wieder Wägelchen in den Gängen. Sie schieben die vor sich her, die austreten müssen oder sich einfach nur die Beine vertreten wollen. Dann die Landung. Und damit neun Stunden älter. Jeder und jede. Neun Stunden, die keine Spur hinterlassen haben, nicht in uns und nicht auf dem langen Weg um die halbe Erdkugel. Der Flug vergangen und wir so wie er. Und die Tageszeitung, ungelesen, längst auf dem Boden, unter die untätig unruhigen Füße geraten. Zeitungen vergilben im Fluge doppelt schnell: in der Zeit- wie in der Raumdimension total deplaziert. Wer immer noch glaubt, mit dem Fliegen Zeit zu gewinnen, dem ist nicht zu helfen. Flugzeit ist verlorene Zeit. Und wer nicht versteht, die Lücke, die der Flugplan aufreißt, mit Träumen zu füllen, mit schönen Erinnerungen, der muß mit dieser Leerstelle in seinem Leben weiterleben.

Während des ganzen Fluges kein Wort mit Penni gesprochen, auch unmittelbar vor dem Start nicht, außer der üblichen freundlichen Begrüßung jedes einzelnen Gastes. In neun Stunden kaum mal ein heimlicher Blick zu ihr zurück - sie saß zwei Reihen hinter ihm -, von ihr kaum merklich beantwortet: übervorsichtig.

Als Happy seine Armbanduhr auf die vom Flugkapitän zusammen mit guten Wünschen durchgegebene Ortszeit von Peking umstellen wollte, hatte er die Krone lose zwischen den Fingerspitzen. Meine Uhr macht nicht mit bei diesem Zeitbetrug, na gut. Es geht wohl auch ohne. - Aber, wenn das nur kein böses Omen ist, überlegte er, als er die Krone in sein Portemonnaie steckte. Wenn Zeus' Vater Kronos sich so deutlich verärgert zeigt, dann ist von der nächsten Zeit nichts Gutes zu erwarten.

Über Peking Wolken. Nichts zu sehen. Unter den Wolken gleich der Flugplatz. Und auf dem Flugplatz Smog. Und dann auch bei der Fahrt in die Stadt ringsum nur grauer Dunst und Staub. Da waren die Taxis - Personenwagen und Kleinbusse - eine wohltuende Unterbrechung fürs Auge. „Quittejelb und einfach überall“, wunderte sich eine seiner Reisenden. Das klang unüberhörbar nach Köln. Noch gar nicht lange gebe es die Taxis, aber nun seien bereits rund fünfundsechzigtausend auf den Straßen Pekings unterwegs, erklärte der örtliche Reiseführer, ein Chinese, in bestem Deutsch. Sein Name sei Li, so hatte er sich vorgestellt. Der Einsatz dieser örtlichen Führer, so hatte Happy seine Leute noch vor Fahrtbeginn informiert, sei in China überall Pflicht, hier viel strenger gehandhabt als in anderen Ländern. Mit einem deutlich hörbaren Leider in der Stimme. Die Freude über die Zwangspausen ist meine Sache, hatte er sich gesagt. So komme ich wenigstens mal dazu, einen Gedanken zu fassen.

Tust du das sonst nicht?

Doch, schon, aber man verausgabt sich schnell, wenn man dauernd reden muß. Hin und wieder die Dinge einfach so für sich sprechen zu lassen - und auch mal einen anderen, das ist ein ganz anderes Erlebnis.

Soll denn ich das Erlebnis haben oder nicht eigentlich die Gruppe?

Zugegeben, ich bin dazu da, diesen Touristenhorden was zu bieten, aber letztlich tue ich doch alles, was ich tue, für mich. Damit müssen die Leutchen sich halt abfinden. Und damit basta!

"Die meisten sind staatlich, ja, nur wenige sind privat", war Herr Li immer noch beim selben Thema. "Aber alles perfekt organisiert. Wenn Sie genau hinschauen, sehen Sie: Auf den Seitenfenstern steht jeweils der Kilometerpreis: 1 Yuan oder aber 1,6 Yuan, das ist dann mit Klimatisierung, oder sogar 2 Yuan in einem Fahrzeug der Luxusklasse. Ein Yuan, das ist für Sie nicht viel Geld, umgerechnet im Moment nur etwa 30 Pfennige. Aber für einen Chinesen ist das viel Geld, mindestens so viel, wie für Sie eine Mark ist."

Genug Beispiele vor und neben und hinter ihrem Bus. Fünf, sechs und sieben Taxen hintereinander. Gelb die beherrschende Farbe im Straßenbild, weil außer Taxen und Lastwagen zwischen den Unmengen von Radfahrern kaum andere Fahrzeuge zu sehen sind. "Die Pekinger", so der chinesische Führer, "sagen Sie übrigens bitte nie die Pekinesen." Auch er mit gekonnter Lachpausentechnik. "Die Pekinger sprechen bei dieser Taxiflut von der gelben Gefahr. Schon mal gehört, nicht wahr? Für die Pekinger ist das die gelbe Gefahr, weil die Taxifahrer meist viel zu viele Stunden hinter dem Steuer sitzen und deshalb viele Unfälle machen." Das kam an. So werden historische dumme Sprüche aktuell - und gleichzeitig entschärft, resümierte Happy für sich.

Gleich darauf eine andere Farbe: ein sattes Blau. Das Blau, die Farbe des Himmels, wenn auch nicht mehr über dem heutigen Peking, mußte der Führer zugeben. "Tiefblau wie der Himmel von früher sind die Ziegel auf den Dächern des Himmelstempels", erklärte er, was jeder sehen konnte. Die erste Besichtigung schon gleich nach der Ankunft in Peking. Aha, um dem Personal im Hotel Zeit zu lassen, die Zimmer zu machen, verstand Happy. Der Führer begründete diesen Schnellstart mit der Überfülle an Sehenswürdigkeiten, die Beijing zu bieten habe.

Die unausgeschlafenen Touristen sahen sich überrascht an und um. Noch kannte man sich nicht, da war man schon im Zentrum des alten kaiserlichen China, da erfuhr man, daß das Gelb dem Kaiser vorbehalten war, weswegen die glasierten Dachziegel hier nicht gelb, sondern blau sein mußten. Gab es denn keine anderen Farben? Aber man könnte doch nicht so eine dumme Frage stellen, wo man sich noch so fremd war. Nur die Namen der anderen kannte man. Die standen ja auf der Teilnehmerliste. Aber welche Namen zu welchen Leuten gehörten, das war die Frage. Ein Puzzlespiel. Da die Familie mit den beiden Kindern, klar. Und das da sind die beiden alleinreisenden Herren. Das ist die eine der beiden alleinreisenden Damen, das die andere, viel jünger. Doch die anderen, meist Paare, blieben austauschbar. Verschwanden jetzt auch schon in der Menge von Chinesen, die dem Himmelstempel einen Besuch abstatteten. Nicht allzu ehrfürchtig. Ein wunderliches Gedränge und ein sonderbares Gebrüll.

Von Sehenswürdigkeiten hatte der örtliche Führer gesprochen, doch die eigentliche Attraktion wurden die chinesischen Ausflügler. Da, in der Mitte dieses großen runden Podiums aus weißem Marmor, des Himmelsaltars, auf dem man gerade stehe, erklärte der Führer, sei ein einzelner Stein, der bei der Zahlenmystik, die hier alles bestimmt habe, übriggeblieben sei. Wenn man auf diesem Stein stehe und etwas rufe, dann werde das von allen Seiten von der Balustrade zurückgeworfen. Die Chinesen wissen das, sinnierte Happy. Denn da schiebt sich jeder zur Mitte vor, dicht umdrängt von anderen Besuchern. Und jeder, der meint, in der Mitte zu stehen, brüllt was fürs Echo, das sich vor lauter Gebrüll die Ohren zuhält. Ein Aha-Erlebnis, das so eigentlich nicht vorgesehen war: Daß auf den einzelnen Stein ein einzelner Mensch gehört, mit einem einzelnen Ausruf, das ist in diesem Ameisenstaat offenbar nicht vorstellbar.

Da erlaubst du es dir als westlicher Besucher, stolz auf deinen Individualismus, den Kopf zu schütteln?

Ja, selbstverständlich.

Siehst du, das ist genauso sinnlos.

Irgendwo muß ein Stand sein, an dem man seine Kinder nicht vorbeizerren kann, ohne ihnen eine von diesen Entenhandpuppen zu kaufen, die einen lauten Quietschton machen und dabei die Zunge lang herausstrecken. Ente, daheim im Chinarestaurant immer das beste Gericht. Hier das beste Geschäft: Pro Qietschente eine Familie auf dem Gelände des Himmelstempels.

Weiter in den nächsten Hof, wo sich die Menge an die runde Umwallung drückte wie an die Klagemauer zu Jerusalem. Jeder sprach halblaut vor sich hin und genoß das Wissen, daß man sein Gerede noch an der Mauer gegenüber verstehen kann. Verstehen könnte, wenn es nicht so laut wäre in diesem Hof. Ein gesichertes Wissen, überlegte Happy, das offenbar sowenig auf eine Bestätigung durch Erfahrung angewiesen ist wie das Gerede selbst auf einen Zuhörer. Da darf man sich doch wohl die Frage stellen: Fehlt den Leuten hier der nötige Abstand zu den Dingen? Oder haben sie im Gegenteil schon zuviel Abstand genommen? Und fand für die zweite Antwort gleich die Bestätigung: Bei den Schreinen mit den Namen ihrer frühen Kaiser galt zwar ein striktes Fotografierverbot - als Zeichen der Hochachtung. Doch die Nachfahren der braven Untertanen standen da und schleckten ihr Eis, hatten Baseballkappen auf, manche auch schon Turnschuhe an den Füßen und redeten und knipsten und blitzten wild durcheinander. Und die lebensgroßen Puppenmandarine, die dort als Wächter standen, sahen ausdrucksvoll aufs Volk und wie durch diese ihnen fremden Menschen hindurch. Nur der große Ventilator in der Ecke schüttelte stellvertretend für die steifen Mandarine den Kopf, unermüdlich.

Der örtliche Führer bemühte sich, die Gruppe vor der Halle der Ernteopfer zusammenzutreiben. Um sie wortreich in frühere Jahrhunderte zu versetzen. Sie erleben zu lassen, wie der Kaiser zweimal im Jahr von seinem Palast, der sogenannten Verbotenen Stadt, in farbenprächtiger Prozession, begleitet von rund tausend Hofleuten - Ministern, Beamten und Eunuchen - zum Himmelstempel zog, um dort die Opferzeremonien durchzuführen. Ein Ritus, der für die Bitte um eine gute Ernte wie für den Erntedank vorgeschrieben war. Auf diese wichtige Amtshandlung bereitete der Kaiser sich jeweils eine Nacht lang im Palast der Enthaltsamkeit vor, ohne Speise und ohne seine Frauen.

Gerade war es Penni gelungen, im Gewühl wie zufällig einmal an Happys Seite zu kommen und heimlich seine Hand zu drücken, mit herabhängenden Armen beide. Und dabei ihr geflüstertes: "Guten Morgen!" Und sein ebenso leises: "Guten Abend wär‘ mir lieber."

Der Führer wurde dann aber schnell prosaischer: "Neununddreißig Meter hoch ist die Halle der Ernteopfer, ein wunderschöner Holzbau, der ohne einen einzigen Nagel gebaut wurde." Derweil schlugen die chinesischen Besucher vor dem spitzmützigen Gebäude die Hände überm Kopf zusammen. Allerdings auch wieder nur des Echos wegen. Noch so ein Brauch, den hier jeder kennt, verstanden die Neuankömmlinge. Doch Echo, eindeutig der Gott dieser Lokalität, stellte Happy amüsiert fest, läßt sich nicht hören.

Als sie vom Flughafen losgefahren waren, hatte Happy das Mikrophon genommen und den einheimischen Führer sowie den Fahrer vorgestellt. "Bei der Gelegenheit", hatte er gesagt, "einen guten Rat: Denken Sie immer daran, daß Sie gerade nur soviel von ihren Reiseerlebnissen haben, wie Sie selbst investiert haben. Und damit meine ich nicht das Geld, das Sie bezahlt haben. Auch nicht die Zeit, die Sie dafür aufbringen. Nein, Sie müssen schon mehr investieren, um was davon zu haben, daß Sie jetzt durch China reisen. Man kann sich beispielsweise das Außergewöhnliche klarmachen, daß man selbst gerade hier ist. Wie Goethes sich selbst bestaunender Ausspruch: Auch ich in Arkadien! Das ist eine Art des Genießens. Eine stark ichorientierte, zugegeben. Eine andere Art ist, sich in das Lebensgefühl der Menschen in dem fremden Land zu versetzen, sich hineinzufühlen in diese Gesellschaft. All die Länder und Städte mit den exotischen Namen, sie haben ja nur für uns was Exotisches. Das müssen wir uns immer wieder klarmachen. Für die jeweiligen Einheimischen sind sie Alltag, sind sie Arbeit, lebenslanges Sichabplacken, Krankheit und Not, also Trivialität. Daneben aber sind die für uns fremdartigen Namen für die Chinesen Heimat, sind glückliche Erinnerung und Wehmut und Anhänglichkeit, Geborgenheit - Selbstverständlichkeit. Am besten, Sie versuchen, wo Sie stehen und gehen, sich als einer der Chinesen zu sehen und wie sie zu fühlen. Zufällig hier geboren, hier aufgewachsen und ohne jede Chance, jemals rauszukommen aus diesem Land. Riskieren Sie den lchaustausch. Keine Angst, davon kriegen Sie keine Schlitzaugen."

Und als das prompte Gelächter versiegt war: "Ganz im Ernst. Da gibt es einen einfachen Trick: Im Hotel nicht in den Spiegel schauen, nie mehr, statt dessen den Einheimischen intensiv ins Gesicht. Sie werden überrascht sein, wie schnell Sie sich als einer von ihnen empfinden können. Und schon sagen Ihnen die Dinge, die Sie auf dieser Reise zu sehen kriegen, viel mehr."

Das war für den einheimischen Führer offensichtlich schon etwas zuviel Eingriff in seine Funktion. Mit chinesisch freundlichem Lächeln zwar, aber auch mit betonter Selbstverständlichkeit hatte er Happy das Mikrophon aus der Hand genommen, "Relaxen Sie!" zu ihm gesagt und seine Führung begonnen. Wohinein sollte ich auch sprechen, hatte er sich damit abgefunden. Selbst wenn ich das Mikrophon noch hätte, bei diesen Leuten, kaum gelandet, gibt es schon keinen Zugang mehr, so groß wie ihre Kameras die Augen aufreißen.

4.

Nach dem Abendessen sagte ihm seine Reiseleitererfahrung: Nur schnell verschwinden! Die List des Verlorengegangenseins am ersten Abend. Nur möglichst lange unauffindbar bleiben. Auch nicht per Zimmertelefon erreichbar. Für lästige Fragen, für kleinkarierte Kümmernisse, für Reisewehwehchen. Für die schlechte Stimmung nach dem ersten anstrengenden Tag. Und für die Neugierde der Leute. Für dieses lästige Sich-Abklopfen-Lassen. Ich habe mich ihnen vorgestellt. Das muß genügen. Wie alt oder jung, ob verheiratet oder nicht, welche Weltanschauung und so fort und wie's darinnen aussieht, wen geht das was an. Je länger ich ihnen in all diesen Beziehungen ein Geheimnis bleibe, um so besser. Denn um so länger bin ich noch für sie interessant, sind sie noch besonders freundlich zu mir. Aus Vorsicht, aus Unsicherheit, aus Berechnung - also letztlich auch wieder nur aus Neugier. Nur weg jetzt!

Das war kein Klopfen, das war eher ein leises Kratzen an ihrer Tür, dreimal kurz, wie verabredet. Und schon ging die Tür auf. Sie muß am Pfosten gestanden haben, dachte er noch, da war die Zimmertür schon wieder geschlossen und verriegelt. Und sie stand da, mitten im Raum, und er stand vor ihr und nahm sie in die Arme. "Penni, endlich!" Und sie antwortete mit einem „Pst“, flüsterte "Odysseus" und küßte ihm vorsichtshalber weg, was er noch sagen wollte, wieder viel zu laut sagen könnte.

Wie lange hatten sie auf diesen Augenblick gewartet. Sie fast ein Dreivierteljahr lang und er fast ein Dreivierteljahr lang. Und so war es ihnen auch vorgekommen: Beinahe wie anderthalb lange Jahre plus einem schier endlos langen Flug und einer nervtötend langen Besichtigungstour durch Peking. Nun mußte Happy erst einmal Abstand nehmen, einen Schritt zurücktreten und sie anschauen. Alles wiedererkennen. Ein besonders gescheites Kompliment schaffte er in der Situation nicht. Nur: "Wie süß du aussiehst." Sie hatte die dunklen, kurzen Haare offenbar frisch zurechtgezaust, sich nur wenig geschminkt, aber das Augen-Make-up erneuert und die Wimpern wieder neckisch hochgebogen. Mit dieser martialisch aussehenden Wimpernklemme, die er noch kannte, die ihm immer vorgekommen war wie eine Wolfsfalle en miniature. Und von der er sich doch nicht hatte abschrecken lassen.

Nun sah sie ihn wieder so stummscheu und doch auch vertrauensselig an, die Ein-Kopf-Distanz mit einem unverwandten Aufblick überbrückend, hellblau. Genau so hatte er sie in Erinnerung behalten. In weißer Bluse und buntem Rock. Und mit den schwarzen Riemchenschuhen, die ihm so gefallen hatten. Nicht flach und nicht hochhackig, einfach genau richtig.

Und wieder wie schon früher dieser Widersinn, daß ihm ihr Anblick so gefiel, wie sie da reglos vor ihm stand, wortlos, und sich betrachten ließ, daß er sich nicht zurückhalten konnte, das schöne Standbild zu demontieren. Daß er die Bluse öffnete, langsam, Knopf für Knopf, um sie von den Schultern und Armen zu streifen, sie mit Schwung wegzuwerfen. Daß er über den Büstenhalter fuhr, seine beiden Hände als Schalen um die Schalen legte, sie leicht anhebend - wie sie wiegend - und leicht drückend. Und daß er dann um die warm-weiche Statue herumgriff und die zwei Häkchen im Rücken ausklinkte, das störende Utensil einfach fallenließ und ihre Brüstepracht streichelte. Dieses nachgiebig Feste, Heiße. Um dann ganz schnell den Rockbund aufzuhaken, um sie im Höschen vor sich zu sehen. Dabei stieg sie schon aus den Schuhen und huschte ihm unter den Händen weg, ins Bett. Das Höschen, er erinnerte sich, zieht sie immer selbst runter und immer erst unter der Bettdecke.

Das Beijing International Hotel begeisterte seine Gäste. Happy sah und hörte es am nächsten Morgen mit Schaudern. Einer von diesen Kästen im internationalen Protzstil, die überall ein klein wenig anders und doch alle gleich aussehen. Wie gerade erst rübergeholt aus Los Angeles oder Johannisburg oder Sydney. Das einzig Besondere: Im Foyer und auf allen Fluren, einfach überall, die Mädchen, die herumstehen wie Statuetten. Wie zu Königinnen verkleidete Elfen in Habachtstellung. Feinmodellierte Gesichter aus Biskuitporzellan. Um die Augen diese überraschende Variationsidee der Natur, die raffinierte Vereinfachung. Um so ausdrucksstärker die dunklen Blicke der Mädchen. Sehr junge Mädchen, sehr grazil. Das gefällt den fülligen deutschen Gästen. Kein Gedanke daran, daß die Elfen nur hier herumstehen, weil es viel zu viele von ihnen gibt. Und daß ihnen zum Fettwerden das Futter fehlt. Der weitere Unterschied zur amerikanischen McDonald's-Kultur ist gerade nur noch, daß die übertriebene Dienstbereitschaft fehlt. Die Elfenköniginnen stehen halt nur dekorativ da in ihren langen, enganliegenden Kleidern im Hotellook, hochgeschlitzt. Wie von einem geschickten Dekorateur überall dort aufgestellt, wo die Architektur einen mit Öde und Kälte überfallen will. Mit diesem holden Lächeln und dem ewigen Good-Morning auf den Lippen. Die frappierende Sprachvirtuosität der Mädchen geht gelegentlich sogar bis zum Guten-Morgen. Mehr aber ist nicht mit ihnen anzufangen. Soll nur niemand versuchen, sie einmal etwas zu fragen. Ihre Ausbildung ist offenbar über einen Schminkkurs nicht hinausgekommen. Und wehe, wenn da so ein deutscher Hagestolz versucht, eins von den Mädchen zum persönlichen Gebrauch mit auf sein Zimmer zu nehmen. Die eiskalt sozialistische Prüderie ist beinahe das letzte, was hier vom Sozialismus übriggeblieben ist.

Hauptsache, die Reisenden sind zufrieden. Daß im Lift die Plakette eines deutschen Herstellers hing, wurde mit Wohlgefallen bemerkt. Daß das Zimmer, vor allem Bett und Bad, nicht deutsch sondern amerikanisch war, gefiel erst recht. Die gleiche positive Überraschung beim Frühstück. Aber dann gingen sie hin und drehten alles und jedes dreimal um, weil sie wissen mußten, wo es herkommt: Die Butter aus Neuseeland, die Marmelade aus der Schweiz, doch der Zucker verriet seine Abstammung nicht. Und Happy mußte schon am frühen Morgen erklären, erklären, erklären. Auch, daß den Chinesen Milch und Milchprodukte fremd sind. Schon ging das Gerede über Enzymunverträglichkeit los. Wie die Juden mit ihrem Schweinefleisch. Wie die Araber auch. Man kennt das ja: Immer gibt es mindestens einen in der Gruppe, der alles noch besser weiß. Daß die Wirtschaftsbeziehungen zum sozialistischen Bruderland Kuba noch bestehen, aber nicht mehr so intensiv sind, weil die Kubaner keine Devisen haben, servierte er ihnen zum Frühstückskaffee. Zuviel Zucker als Bezahlung macht halt jeden Handelspartner sauer. Kein Widerspruch. Offensichtlich niemand in der Gruppe, der die Reise aus marxistisch-leninistisch-maoistischer Überzeugung macht. Angenehm. Zwar hatte der Schiffsingenieur schon Luft geholt, um was zu sagen. Doch hatte ihn seine Frau mit einem bühnenreif kräftigen Ellbogenstoß in die Seite erfolgreich davon abgelenkt.

Man wartete noch auf den örtlichen Reiseführer. Also hatte Happy die Chance weiterzuerzählen. Daß Peking, der Regierungssitz, nur die zweitgrößte Stadt des Landes sei, rangmäßig erst nach Shanghai komme. Und daß die chinesische Hauptstadt genau so eine extreme Randlage aufweise wie Berlin. Wie übrigens auch Washington. Weitere Beispiele kamen aus der Gruppe. Dann trat der chinesische Führer mit einem fröhlichen Guten-Morgen auf und lud zur Stadtrundfahrt ein. Und schon wurden Happys Angaben ergänzt, schon wurde brav mit Staunlauten quittiert, daß es in Peking-Stadt nur sechs bis sieben Millionen Einwohner gebe, im Kreis Peking aber rund zwölf Millionen. Und daß die etwa acht Millionen Fahrräder bewegen.

Happy saß stumm hinter Herrn Li und beschäftigte sich damit, die Räder mit Gangschaltung zu zählen, und kam dabei nicht über ein Dutzend hinaus. Hier fährt man also noch mit Primitivrädern ohne jede Schalthilfe und sogar ohne Rücktritt. Und da redet man vom Land des Fahrrades. Kaum über das Laufrad des Freiherrn von Drais hinaus. Irgendwem fiel auf, daß die Fahrräder fast alle ohne Beleuchtungsanlage waren.

"Na und, bei uns haben alle Fahrräder Beleuchtung, und doch fahren die meisten im Dunkeln ohne, weil es sich so leichter fährt, so ein bißchen leichter", schimpfte einer der Reisenden los. "Dafür riskiert man bei uns gern sein Leben."

"Es sind ja zum Glück nur die Dümmsten, die bei uns ohne Licht fahren. Und wenn die dabei verunglücken, das ist dann natürliche Zuchtwahl", beruhigte ihn ein anderer.

Und Happy erinnerte sich, wie das mit den Fahrrädern ohne Beleuchtung einem seiner Reisenden in Nordnorwegen aufgefallen war. Die Erklärung eines Einheimischen hatte er nur zu gern weitergegeben: Im Sommer brauchen wir kein Licht am Fahrrad, weil es die ganze Nacht durch hell bleibt, und im Winter brauchen wir es nicht, weil das Fahrrad im Schuppen bleibt; denn draußen liegt der Schnee dann drei Meter hoch. Nun gut, das galt am Nördlichen Polarkreis. Aber hier, etwa dreißig Grad südlicher? Die Beleuchtung sei früher Pflicht gewesen, erklärte der örtliche Führer. "Aber eine Beleuchtung ist sehr teuer. Das war zuviel Aufwand für die einfachen Leute. Deshalb ist diese Pflicht bei der Kulturrevolution abgeschafft worden."

Aha, verstand und verschwieg Happy vorsichtshalber, manchmal bringt eine Revolution ja doch etwas für den kleinen Mann. Wenn auch nur eine klitzekleine Kleinigkeit. Wie war das noch bei der 1848er Revolution in Berlin? Fast das einzige, was die Leute erreicht haben, war, daß sie endlich auch auf der Straße rauchen durften. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.

"Bis etwa 1950", so erklärte Herr Li in bestem Deutsch weiter, "bestand Peking aus unzähligen ebenerdigen Häusern, die jeweils um einen rechteckigen Hof herumgebaut waren. Sogenannte Hofhäuser, jeweils von einer Familie bewohnt. In den fünfziger Jahren gab es dann eine große Veränderung." Wie dezent so ein staatlich geprüfter Führer sich ausdrücken kann: große Veränderung. Es lohnt sich schon, genauer hinzuhören, amüsierte Happy sich.

"Die Häuser wurden alle verstaatlicht, und schon bald mußten jeweils mehrere Familien in einem Hofhaus wohnen, in jedem Raum eine, weil es nicht genügend Häuser gab. Da war natürlich für manche Dinge kein Platz mehr. So gab es dann für mehrere solcher Hofhäuser mit ihren jeweils vier bis fünf Familien irgendwo abseits eine Gemeinschaftstoilette."

Das Thema gefiel den Reisenden. Zumal bei der Fahrt durch die Stadt da und dort noch Straßenfronten mit den niedrigen Hofhäusern zu sehen waren. Es gab zwar nur schmale Durchgänge, in die man nicht weit hineinschauen konnte. Doch wie bestellt ein Mann, der an eine Hauswand pinkelte. Da spielende Kinder, dort Frauen beim Gemüseputzen.

"In den letzten Jahren hat man mit dem planmäßigen Abriß dieser Quartiere begonnen. Auf den freiwerdenden Flächen werden Hochhäuser gebaut. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts sollen alle Hofhäusersiedlungen aus Beijing verschwunden sein. Die Leute freuen sich, daß sie erstmals eine richtige kleine Wohnung für sich haben, mit eigenem Wasseranschluß und eigener Toilette."

Da wird eine Gesellschaft gewaltsam umgekrempelt, überlegte Happy, und dazu sagt der Mann: Die Leute freuen sich. Da werden die, die sich damit abfinden mußten, auf engstem Raum zusammmengepfercht zu sein, keinerlei Distanz mehr zu halten, keinen Intimbereich mehr zu haben, die gelernt hatten, aus Not friedlich zusammenzuleben, einfach auseinandergerissen und in irgendwo abseits stehende Hochhäuser verladen, übereinander gestapelt, Familie für Familie wie in eine Schublade geschoben. Tür zu und nichts mehr zu tun mit den anderen rundum. Und nicht nur denen aus dem sechsten Stock muß schwindelig werden, wenn sie aus dem Fenster schauen.

Herr Li sprach von der unausweichlichen Notwendigkeit dieser gigantischen Sanierungsaktion. Und er sagte kein Wort dazu, daß die Sanierung erst nötig geworden ist durch die vorausgegangene Verstaatlichung, die den Bau weiterer Hofhäuser gestoppt hatte, und durch die rücksichtslose Überbelegung mittels Zwangseinweisung von immer mehr Familien in die vorhandenen Hofhäuser. Schon war der einheimische Führer nur noch mit den neuen Hochhäusern beschäftigt. Daß es anfangs eine reine Verteilung der Wohnungen gegeben habe, seit einem Jahr aber nur noch den Verkauf. "Standard ist die Zwei-Zimmer-Wohnung. Nur selten werden größere gebaut. Sie hat durchweg etwa 45-60 Quadratmeter. Und sie kostet 20-30 tausend Yuan, wenn man sie von der Firma bezieht, bei der man arbeitet. Man braucht also einen Berechtigungsschein. Dafür gibt es aber auch prozentuale Ermäßigungen je nach der Zeit der Firmenzugehörigkeit."

Daneben gebe es auch schon einen freien Wohnungsmarkt, erklärte der Führer. Da koste der Quadratmeter etwa 1.900 US-Dollar. Gerade die Chinesen aus Amerika und Europa und Australien, wie auch die aus Hongkong und aus Taiwan kauften sich neuerdings gern hier ein, um eines Tages einen Alterssitz in der Heimat zu haben.

5.

Am Abend trafen sich etliche der deutschen Touristen in der sogenannten Hotelbar, einer hohen Halle mit ein paar Sitzen um viel Leere herum. Mit einem weißen Flügel als Zentrum, auf beifallheischendem Podest pathetisch aufgeklappt, als wollte er davonfliegen. Aber mit einem Schwarzbefrakten vor ihm, der ihn beidhändig festhielt. Nur ein Vögelchen, das aus Versehen hereingekommen war, flatterte aufgeregt über den Köpfen der wenigen Gäste. Hoch oben, wo die Zigarettenrauchkringel nicht mehr hinkamen, wo ihm nur noch die höchsten Töne der drei chinesischen Sänger in die Quere kamen bei der verzweifelten Suche nach einem Schlupfloch. Nur raus, raus!

Dabei war das ein veritables Opernkonzert, was die abwechselnd auftretenden Sänger boten. Alle drei mit wunderbar vollen Stimmen: Ein schwerer Bariton, ein beinahe schon tenoröser Bariton und ein massiver Baß.

Schade, daß der Beifall so dünn ist, dachte Happy. Sie hätten mehr verdient. Doch mußten die Sänger sich die Aufmerksamkeit des spärlichen Publikums im üblichen Geplapper immer wieder neu erkämpfen. Als dann die ersten Klagen kamen über den heftigen Wind, den die Klimatisierung mache, zog er sich schnell auf sein Zimmer zurück. - Zunächst auf seins. Sollen sie sich doch bedeckt halten. Sollen sie doch ihre Hütchen und Mützchen aufsetzen, wenn sie in der Bar sitzen, diesen blödpraktischen Putz, den sie sich nur ferieninkognito erlauben, immerhin das schönste an diesen Köpfen. Ihr ahnungslosen Leutchen, ihr werdet euch noch wundern. Das bißchen Luftzug ist erst der Anfang. Über den Häuptern der Menschen hier, die sich so amerikanisch international wie unmöglich geben, toben immer noch die alten Götter ihre Kämpfe aus, machen die Dämonen einen Wind, daß einem die Haare zu Berge stehen.

Wie ein Dämon fühlte er sich, als er zu Penni hinüberschlich. Die schon im Bett gelegen hatte. Nur schnell zur Türe gehuscht zum Öffnen und wieder zurück unter die Decke.

"Mein Odysseus."

"Meine Penni."

Happy ruck-zuck aus den Kleidern und als ein böser Dämon ihr die Zudecke weggerissen, sich breitbeinig über ihr aufgebaut. Sie mit seinem rotglotzenden Protz anstarrend. Sie anraunend: "Kennst du das größte der sieben Weltwunder?"

Und sie griff gleich zu: "Na klar, den Leuchtturm von Pharos." Und zog den Protz zu sich herab: "Komm, so komm doch schon, du Weltwunder! Du sollst nur für mich leuchten. Im dunklen, dunklen Wald." Und nahm ihn auf in ihr Gewölle. Das er erst am Abend zuvor als den deutschen Wald bejubelt hatte, dieses unheimlich-düstere Phänomen, von den Deutschen mit Inbrunst besungen, atavistisch geliebt, als einzige Heimat ersehnt und als ewige Überraschung gefürchtet, mutterweich, klafterweise Wärme, märchenhafte Fremde ... Was ihm dazu alles an Unsinn eingefallen war. Jetzt nahm ihm Penni die Luft und damit jedes Wort, wie sie ihn umklammerte. So konnten sie beide nicht feststellen, ob er ihn wirklich erhellte, der Weltwunderleuchtturm den dunkeldeutschen Wald. Aber dieses Leuchten in ihren Augen, das verbuchte Happy machoselbstverständlich für sich.

Als er wieder sprechen konnte, gestand er ihr, es leid zu sein. Penni erschrocken: "Was bist du leid?" Er habe längst jedes Interesse an fremden Ländern verloren, erklärte er schnell. Von einer Begeisterung fürs Reisen ganz zu schweigen.

"Die Namen all der Länder und Städte, die für mich Zauberklang hatten, seit meiner Kindheit mich faszinierten, bei dieser Herumreiserei werden sie zu schlichten Bezeichnungen auf dem Ablaufplan. Ich bin ein Herumirrender, von fremder Hand gesteuert. Wie von den Göttern verflucht. Allem Schönen, das die Welt zu bieten hat, reiße ich mit meinen Kurzbesuchen die Dekoration herunter, doch ehe ich noch dahinterschauen kann, ehe ich was vom fremden Leben mitkriege, bin ich schon wieder weg, schon wieder weiter. Bei der nächsten Destruktionsarbeit. Ein Städte- und Länderzerstörer."

„Aber …“, versuchte Penni ihn zu stoppen. Vergebens.

„Ja, aber, das ist richtig. Aber, muß ich sagen, vielleicht ist ja darin der Sinn des Reisens zu sehen: Daß man Erinnerungen sammelt, daß man wie eine läufige Festplatte hinter allem Neuen her ist, daß man alles abspeichert, abspeichert, damit man irgendwann, in einer leer-lahmen Stunde, etwas hat, das man sich auf den inneren Bildschirm holen kann. Und sei es bloß als Ablenkung. Vielleicht als alter Opa im Schaukelstuhl, beim Blick auf die Geranien auf dem Fenstersims, die wieder dringend Wasser brauchten. Aber man ist zu lahm zum Aufstehen, kommt nicht mehr hoch mit dem Arsch. Dann kann ich den welkenden Blumen von längst verwelkten Reisenden erzählen."

"Ach, Odysseus, so ein Gejammere, das wundert mich. Du warst doch immer so begeistert von der Reiseleiterei."

"Ja, aber allmählich erkennt man, in jedem von uns ist ein Troja zerstört worden. Wir alle kommen aus rauchenden Trümmern. Doch wir holen uns mit unserem blinden Tapsen um die Welt, mit unserem Grapschen nach dem Glück keine Helena zurück."

"Aber warum machst du dann weiter diesen Job?"

Und als Happy auf diesen allzu prosaischen Einwurf nicht gleich antworten konnte, hakte sie schnell nach: "Ein Job, der dich doch nur davon abhält, endlich deine Dissertation fertigzumachen und dich anschließend um eine Position mit guter Bezahlung zu bemühen. Du bist jetzt Mitte dreißig, Odysseus, wie lange willst ..."

"Nein, mit solchem Gerede, Penni, darfst du mir nicht kommen, so gut wie wir uns verstehen. So nicht." Wenn das Bett nicht so schmal gewesen wäre, in dem Moment wäre er demonstrativ von ihr abgerückt.

"Ich versuche ja, dich zu verstehen, Odysseus. Und das ist nicht immer ganz einfach. Aber vielleicht erklärst du mir mal, warum du immer noch weiter Reiseleiter spielst."

"Ich muß reisen. Ich bin einfach lieber unterwegs als daheim."

"Das geht mir auch so."

"Aber mir geht es anders. Nenn‘ es Verrücktheit, nenn‘ es einen Fluch: Nicht, daß ich reisen will, nicht, daß ich reisen möchte, nein, ich muß reisen. Du hast ja so recht mit dem Namen Odysseus. Ich glaube, mir zürnt irgend so ein Poseidon, weil ich den Leuten die Augen öffne in der Art, wie ich ihnen fremde Länder und Städte zeige. Und das, von Poseidon verfolgt zu sein oder auch als ein fliegender Holländer unterwegs sein zu müssen oder als ein Ahasver, das ist ein Fluch."

"Ein Fluch? Ach was. Ich finde, die Sache ist ganz einfach so: Je länger du herumfährst, um Geld zu verdienen, um so länger zieht es sich hin, bis du endlich deinen Doktor hast und eine Position finden kannst, die dir entspricht. Das ist der Teufelskreis, in dem du dich bewegst."

"Viel zu simpel gesehen." Kalt dahingesagt und dabei nun doch ein wenig von ihr abgerückt.

"Das nennst du simpel?“

„Ja, supersimpel!“

„Das enttäuscht mich, Odysseus. Ich wollte dir gerade vorschlagen, daß wir zusammenziehen. Was brauchen wir zwei Wohnungen? Viel zu teuer. Und fürs erste kämen wir beide mit einem einzigen Gehalt aus. Mit meinem. Damit wärst du ausgebrochen aus dem Teufelskreis und könntest endlich ..."

"München als mein Ithaka? - Ach Penni, die Wahrheit ist: Ich kann einfach nicht irgendwo zuhause sein, kann nicht Tag für Tag die Zeitung lesen, die Tagesschau sehen und es hinnehmen, wie ich verarscht werde. Diese totale Wehrlosigkeit gegenüber den Institutionen, gegenüber den Politikern, den Presseleuten. Das könnte ich nicht ertragen. Ich müßte gewalttätig werden, wenn ich das immer mitansehen und hören müßte: Wie die Politiker in aller Welt die Volksgruppen sich gegenseitig abschlachten lassen und dabei was für ihr Prestige tun und nebenher damit ihr Geschäft machen. Wie die Vertreter von Religionsgemeinschaften immer noch glauben, die Menschen in Konflikte und Kriege hetzen zu dürfen. Wie Spitzenverdiener sich mehr um kleinste finanzielle Vorteile kümmern als um notwendige Reformen. Wie der Waffenhandel und der Buchhandel zu angeblich neutralem Marktgeschehen erklärt werden. Wie die Medienherren das Volk mit Gewalttätigkeiten in jeder Form füttern und darüber jammern, es müsse eine neue Moral her. Wie sogenannte Honoratioren sich vergeblich abmühen, ihre feisten Gesichter in Falten zu legen, wenn sie den Leuten raten, den Gürtel enger zu schnallen. Wie sie Weihnachtsreden raunen und Neujahrslügen hecheln. Immer diese schönen Worte, so gestenschwer und inhaltsleer."

"Nun hör‘ aber auf mit dem Geschimpfe, Odysseus. Mein Odysseus. - So lieb, wie du sein kannst." Penni wieder ganz der Wattebausch.

"Ja, du hast ja recht, ich kann ruhig aufhören zu schimpfen. Daß die Politiker und die Geldleute das Gemeinwohl nicht im Auge haben, sondern auf den Lippen, ja, ist dieser kleine Ausrutscher denn ein Wunder bei den verfetteten Gesichtern?"

"Ach, Odysseus, kannst du nicht einmal einen Moment sachlich bleiben?"

"Sachlich? - Ich weiß, daß du genau das Gegenteil meinst. Aber egal. Also ganz sachlich: Aus unserer pluralistischen Gesellschaft ist klammheimlich eine dualistische gemacht worden: Auf der einen Seite die Manipulanten, nämlich Geldleute, Politiker und Publizisten, auf der anderen Seite die Manipulierten, nämlich die Fernseher und Überhaupt-Konsumenten. Auf eine kurze Formel gebracht: Wir sind ein Volk der Lenker und Abgelenkten geworden. - Und in so einer Gesellschaft soll ich Karriere machen? Da bleibe ich doch lieber gleich im Bett. Am liebsten natürlich mit einer Frau wie dir." Womit sie sich endlich wieder einig waren.

Die erste Aufgabe: Die Gruppe in den Griff kriegen. Das heißt zunächst einmal: Sie in den Kopf kriegen. Beim Anflug und noch bei den Besichtigungen am ersten Tag, da waren es nur die Gesichter und bestimmte Auffälligkeiten in der Kleidung, die Happy erkennen ließen: Die gehört zu mir, der gehört zu mir. Nach dem ersten Zusammensitzen war das Gruppenbild ausgemalt, mit wenigen kräftigen Strichen zwar nur, aber doch mit genügend deutlichen Farbklatschen. Die Namen, gut, die hatte er auf der Liste, und die hatten sie ihm auch gesagt beim ersten Händeschütteln. Aber sich sofort die Namen zu merken, davon war Happy längst abgekommen. Ein paar würden sich ihm ganz von selbst schnell einprägen. Weil sie von den anderen öfter genannt werden. Die letzten konnte er meist erst am Ende der Reise mit Namen ansprechen. Schließlich doch noch gelernt, wenn auch nur, um sie sofort wieder zu vergessen. Weil ihm schon die nächste Gruppe bevorstand. Wozu auch die Namen? Wahrhaftig Schall und Rauch. Was sagen Namen über den Menschen aus? Nichts. Und trotzdem ist dem einzelnen Menschen sein Name das Allerwichtigste, sein Allerheiligstes. Wo gibt es wohl etwas mit einer ähnlich großen Diskrepanz zwischen der eigenen Bewertung und der durch andere.

Für Happy stand fest: Die Funktion ist viel aufschlußreicher als der Name, weil sie den Menschen geformt hat, weil sie beinahe alles an ihm erklärbar macht. Nicht alles, nein, nur beinahe alles. Da bleibt ein Rest, der nichts mit der Funktion, mit dem gewählten Beruf zu tun hat. Und das ist wahrscheinlich genau der Teil des Menschen, der ihn für diesen Beruf eigentlich untauglich sein ließ. Was er ein Leben lang zu überspielen gezwungen war.

Zum Beispiel der pensionierte Richter mit seiner Frau. Zwei Menschen in betont konventioneller, schon übertrieben solider Kleidung. Für die beiden stand bereits am zweiten Abend fest: Das größte Peking-Erlebnis war das Opernkonzert in der Hotelbar. Wie sie dagesessen hatten, als hätten sie ein Abonnement für die erste Reihe der Met. Sonntäglich feingemacht. Die Beine gewollt weltmännisch übereinandergeschlagen. Beide. Die Hände im Schoß. Beide. Die Gesichter auf genießerisch geschaltet, bei beiden. Und vier Lippen murmelten jeden Text mit, natürlich auf italienisch.

Ganz anders der Mathematiklehrer aus München, sportlich salopp. Er hatte dauernd damit zu tun, die Redebegeisterung seiner Frau, sportlich schick, zu minimieren. Ihre permanente Kaufseligkeit zu stoppen hatte er offenbar längst aufgegeben. Er verstaute brav in seinem Rucksäckchen allen Klimbim, den sie mit freudigem Aufschrei entdeckt und sofort erworben hatte. Ein vorbildlicher Ehemann. Ruhig und aufmerksam sein, höchste Tugenden dessen, der lernen will, hatte er gesagt. Sie hätten ja noch so viel kennenzulernen. Dabei waren sie schon fast überall, konnten im Gespräch beiläufig Nepal mit Tasmanien und Teheran mit Rio verknüpfen und die Sixtinische Kapelle neben den Kreml stellen, zum gefälligen Vergleich. Sein Fach sei ja so herrlich international, hatte er gesagt, die Mathematik sei überall gleich - und überall nicht zu gebrauchen. Deshalb reisten sie so gern überallhin. Und all das Überall in Superacht festgehalten, selbst geschnitten und kommentiert, jederzeit zugreifbar archiviert. Die ganze Welt auf bayerisch.

Mit seiner alten Schmalfilmkamera konnte er genaugenommen neben dem Computermann aus Schwaben, der mit großer Videoausrüstung auftrat wie ein Kameramann vom Fernsehen, kaum bestehen. Unübersehbar ein Freizeit-Profi. Groß und massig, immer im durchgeschwitzten Hemd, aber die schützende Windbluse genauso immer dabei. Die Rechte permanent nach hinten abgeknickt an der Schulter, weil sie die schwere Kamera hielt. Denn das Gesetz, unter dem er angetreten war, hieß: Immer die Augen offenhalten für den reizvollen, den ganz typischen Take. Den Mund auch, weil er immer was zu sagen wußte. Und dabei ein Ohr für den Sänger in der Bar, den örtlichen Reiseführer oder wen auch immer und eins für seine Frau, die genauso mitteilsam war wie er - im übrigen betont lieb in ihrem Gänseliesellook. Sie habe in ihrer Kleinstadt ein Obst- und Blumenlädchen, erfuhren ihre Mitreisenden. Mit fester Stammkundschaft. Und wie sie das sagte. Man glaubte, den Duft der Blüten und Früchte wahrnehmen zu können.

Die beiden älteren Damen, die zusammen ein Doppelzimmer gebucht hatten, ergaben noch kein klares Bild. Die üblichen kleinen, grauen Schwundmenschen, die ihre Rente verleben. In der Unterhaltung beschränkten sie sich auf die gängigen Höflichkeitsformeln. Sie belästigten nicht mit Privatdingen, und sie stellten keine Fragen. Und beides gekonnt. Ohne die Mitreisenden damit vor den Kopf zu stoßen. Was jahrzehntelange Übung in guten Umgangsformen doch ausmacht. Die beiden Damen hatten den Benimm zu so was wie Tarnkappen ausgebaut. Oder geht das Bild zu weit? Vielleicht könnte man eher von Kaffeewärmern sprechen, sorgsam über die beiden bauchigen Kannen mit dem lauwarmen Rest Muckefuck gestülpt.

Die Familie - Vater, Mutter, Söhnchen von vielleicht zehn und Töchterchen von vielleicht dreizehn Jahren - fiel auf, weil sie die einzige Familie war. Wer eine aus der Mode gekommene Lebensform vorführt, kann noch so leise auftreten, er fällt auf. Die beiden Kinder machten vor allem dadurch auf sich aufmerksam, daß sie keinen Ton von sich gaben, ihre Eltern dadurch, daß sie darin auf die Vorbildfunktion setzten. Die Familie trat als Die Vier Adretten auf.

Dann waren da noch die beiden einzelnen Herren von vielleicht Mitte dreißig, der eine grau in grau auf konservativ getrimmt, mit dezenter Krawatte und goldener Krawattennadel, der andere mit Schnäuzer und auch sonst betont modisch aufgemacht. Beide besonders morgens sehr penetrant duftend. Sie taten zwar so, als wären sie sich fremd. Aber wie der eine tänzelnd zu gehen pflegte, der andere bemüht staksig, und wie sie sich ansahen, manchmal, wenn sie sich unbeobachtet fühlten, das schien Happy doch eine intimere Bekanntschaft zu verraten.

Dann gab es da noch ein paar weitere Pärchen, bisher konturlos geblieben. Nur eines von ihnen hatte sich wenigstens schon dadurch bemerkbar gemacht, daß der Mann kein S sprechen konnte und seine Frau überhaupt nicht sprach. Das typische Bild einer schönen Frau, bei der man leider nur fünfzehn Jahre zu spät kommt, fiel Happy sofort auf. Wir sind schon unverschämt, wir Männer. Tun einfach so, als ginge es bei einer Frau immer nur um die Restsüße, wie bei einem Wein. Nun gehört sie diesem Lispelmann. Radiomoderator sei er, hatte er gleich am ersten Tag gesagt. Sein Name sei ihnen ja sicher geläufig. Und seine Zuhörer mußten dieses Wörtchen -icher mit dem nur angehauchten S erst mal als sicher identifizieren. Und dann sich das Lachen verbeißen bei dieser affektierten Sprechweise. Das S sei der Todfeind des Mikrophons, hatte er gesagt. "De-halb mu- e- auch in der Alltag--prache augerottet werden." Den Namen des Radiomannes würde er sich nie merken, war Happy klar. So was lief bei ihm unter Gedächtnishygiene.

Zur Gruppe gehörte auch noch eine einzelne ältere Reisende, eine große Erscheinung. Zwar verkargt wie ein Abreißkalender im November, aber mit wachen Augen und so elegant gekleidet und mit designergestyltem Schmuck veredelt, daß man sie nur als eine Dame der besseren Gesellschaft bezeichnen konnte. Was Happy insgeheim auch gleich tat. Sie hatte, nicht zu übersehen, die teuersten Gepäckstücke. Ihr halbkölscher Ausruf „Quittejelb“ bei den Pekinger Taxis war ihm aufgefallen. Im übrigen zählte sie zu denen, die noch nicht über den Status als bloße Namen auf seiner Liste hinausgewachsen waren. Die einzige alleinreisende jüngere Teilnehmerin dagegen schon. Ja, Penni. Und ob. Aber das war eine andere Geschichte.

Am deutlichsten ins Bild gesetzt hatte sich gleich am ersten Abend ein untersetzter, wenn nicht sogar kleiner Mann mittleren Alters, geschmacklos praktisch gekleidet, Cargohose und Anorak, dazu schlecht rasiert, als er hinter seinen Koffern her war. In berechtigter Empörung. Nun hatte man sich schon den ganzen Tag in der Stadt herumgetrieben, während die Koffer gleich zum Hotel transportiert worden waren. Aber auf den Zimmern waren sie am frühen Abend immer noch nicht. Schließlich will man sich doch mal frischmachen und umziehen. Ein paar passende Worte zu den Mädchen, die herumstanden. Die natürlich nichts verstanden. Dann laut nach dem Manager verlangt. Und dem Mann mit seinen leider nur drei Brocken Englisch sehr laut soviel zur Erweiterung seines Wortschatzes serviert, bis hin zu Flüchen und Injurien, wie sie nur Insider kennen, daß der Manager für diesen Nachhilfeunterricht eigentlich hätte dankbar sein müssen, aber nur völlig hilflos war. Die zugehörige Frau, groß, hager und weit weg von ihrem nicht einmal mehr zu vermutenden Blühen, bemühte sich hinterher vor der Gruppe, den Rauhbeineindruck glattzupolieren: "Mein Mann war zwei Jahrzehnte in Afrika, wissen Sie, und da lernt man sich durchsetzen. Da wird man etwas lauter. Man kann die Bimbos nicht anders ansprechen, das kommt bei denen gar nicht an." Und erzählte von Ostafrika, wo ihr Mann als Schiffsingenieur gearbeitet habe. Und jeder hörte ihr höflich zu. Vorsichtshalber kommentarlos. Wenn der Mann schon nicht gemerkt hatte, daß Chinesen keine Bimbos sind, wer weiß, ob er bei den mit ihm reisenden Mitteleuropäern klarer sieht.

„Wenn der Mann nur nicht so fürchterlich sprechen würde. Genau wie Ulbricht“, hatte Penni am Abend gesagt, als Happy auf ihrem Zimmer war. Als sie Wichtigeres schon hinter sich hatten, sich wieder wie erwachsene Leute unterhalten konnten. Daß diese Sprache fürchterlich sei, das konnte Happy so nicht stehenlassen.

„Das ist sächsisch. Die Leute kommen von drüben. Vermutlich hat der Mann in Ostafrika für eine der sozialistischen Regierungen als eine Art Entwicklungshelfer gearbeitet, hat geholfen ein Flottenprogramm zu verwirklichen. Vielleicht hat er auch nur Polizeiboote repariert. Oder er hat Kanus rot angestrichen und mit Hammer und Sichel bemalt. Jedenfalls muß er ein strammer Kommunist gewesen sein, bei dem nicht die Gefahr bestand, daß er abhaut; sonst hätte man ihn nicht ins Ausland geschickt.“

„Eine schreckliche Art zu sprechen. Nicht anzuhören.“

„Das ist halt der Dialekt der Leute dort.“

„Ein scheußlicher Dialekt.“

„Das kann man doch so nicht sagen, Penni. Du sprichst ja auch Dialekt.“

„Aber einen schöneren.“

Happy lachte über diese naive Äußerung, die ihm wieder so typisch Penni schien: Ungeschützt ehrlich dahingesagt, was sich vorwitzig auf die Zunge drängt.

„Du mußt dir nur einmal vorstellen, Penni, du wärest zufällig nicht in Bayern auf die Welt gekommen, sondern in Sachsen. Nein, unterbrich mich nicht! Dann hätten deine Eltern sächsisch gesprochen und dir sächsisch beigebracht und nicht bayerisch.“

„Wie schrecklich.“

„Dann würdest du heute sagen: Sächsisch ist ein schönerer Dialekt als bayerisch.“

„Niemals, das glaube ich nicht.“

„Ach, Penni, aller Dialekt ist Mutterlaut, ist weich und voller Wärme, ist anheimelnd, und ist damit dem Hochdeutschen unbedingt überlegen. Und Mutter ist Mutter, da wie dort. Deshalb kann man Dialekte nicht in schöner und weniger schön einteilen.“

„Das mit dem Mutterlaut, das hast du schön gesagt, Odysseus. Das kann ich mir gut vorstellen. – Und trotzdem, wenn dieser Hallodri aus Sachsen lospoltert, also das als Mutterlaut zu bezeichnen, ich weiß nicht.“

Happy verzichtete auf weitere Erklärungen, dachte nur bei sich: Wie soll da wieder zusammenwachsen, was zusammengehört, wie die Politiker so schön sagen? Und mußte sich zugeben, daß er selbst auch gleich Vorbehalte gespürt hatte, als das Ehepaar aus Sachsen sich ihm vorstellte. Aber nicht wegen der Sprache. Das wäre doch zu albern. Weswegen dann das spontane Gefühl der Ablehnung? Weil ich nicht weiß, was die Leute da drüben alles angestellt haben. Wen sie denunziert haben. Ob der Mann nicht einer der Folterknechte war. Oder einer, der Demonstranten niedergeknüppelt, bei der Postzensur Westwaren unterschlagen, bei den Grenztruppen einen Kameraden, der fliehen wollte, niedergeschossen hat. Wo sind sie denn alle geblieben, die zigtausend Täter? Sie leben doch jetzt unter uns, mimen die braven Bürger, beziehen von uns eine Rente oder demonstrieren mit dem Gewerkschaftsfähnchen in der Hand für höhere Löhne. Mein Gott, jetzt bin ich schon bei der Methode der Pauschalverdächtigung angelangt, wie sie die Israelis gegenüber unserer Vätergeneration anwenden. Die keinen deutschen Mann einreisen lassen, der vor 1930 geboren wurde. Oder war es vor 1933? Jedenfalls nur nach Sonderantrag und Sonderprüfung. Nun ja, man kann den Leuten nur immer vor den Kopf sehen. Was da alles drin ist, wer weiß das. Und drehte sich vorsichtig von Penni weg, deren gleichmäßiges Atmen ihm signalisierte, daß sie schon in die Tiefschlafphase gefallen war. Bei ihr ist das anders. Was in diesem putzigen Köpfchen drinsteckt und vor sich geht, das bleibt kein Geheimnis, das gibt sie gerne preis. Dabei schlüpfte er aus dem Bett, fast ohne es in Bewegung zu bringen. Auch jetzt ist das Gehirn unter dem schwarzen Struwwelhaar noch rastlos tätig. Hoffentlich hat sie schöne Träume. Klar, sie wird ja von mir träumen. Ich werde sie morgen fragen, ob sie brav war und die richtigen Träume geträumt hat. Dann wird sie mich wieder so verwirrt anschauen. Dabei zog er sich möglichst geräuschlos an. Ich muß mich noch etwas vorbereiten für morgen, mir ein paar Fakten einprägen, damit ich neben dem Herrn Li nicht ganz so dumm dastehe, dachte er, als er ihre Tür behutsam hinter sich zuzog.

6.

Ausflüge bringen Provisionen, und die bringen Reiseleitern die Butter aufs Brot, heißt die goldene Regel. Für die Touristen selbst sind sie manchmal ja auch lohnend.

Zumindest halten die Reisenden die Teilnahme an allen Ausflügen für ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Wer kommt denn schon nach China, ohne die Große Mauer zu besichtigen-betreten-ersteigen-betasten-fotografieren-filmen. Und wer wollte sich nicht durch einen Besuch bei den Ming-Gräbern der Tatsache versichern, daß die Ming-Zeit tatsächlich vorbei ist.

Doch vor Mauer und Gräber hatten die Götter die Cloisonnerie gesetzt. An Pekings Hauptausfallstraße nach Norden gelegen, nicht zu verpassen: Große Einfahrt mit großem Parkplatz für Busse. Happy und der örtliche Reiseleiter waren sich schnell einig geworden, daß eine Besichtigung zu machen sei. Die Fahrgäste wurden nicht gefragt, ihnen wurde die Sache nur kurz schmackhaft gemacht: Hinweis auf die wunderschönen Emaillearbeiten, die gern als typische Andenken an China mitgenommen würden. Klar, was immer gern mitgenommen wird, das werden auch die nächsten gern mitnehmen. Aber zunächst einmal hinein in die Werkstätten: Alte Schuppen, düster und naß. Da saßen Frauen und Mädchen und löteten feingebogene Drahtfiguren auf Kupferbehälter aller Art. Bei so mieser Beleuchtung, daß die Umrisse der aufgemalten Dekors kaum zu sehen waren. Doch im Licht der Blitzlichter war alles sehr schön zu erkennen. Die Arbeiterinnen ließen sich nicht stören, sie sahen nicht einmal auf. "Offenbar arbeiten die unter Zeitdruck", verstand einer der Touristen. In anderen, ebenso dunklen Räumen die Frauen, die mit Pipetten die flüssige Emaille in die aufgelöteten Drahtförmchen brachten, Farbe für Farbe. Schließlich die Schleiferei, wo nach dem Brennen die überstehenden Drahtbegrenzungen abgeschliffen und Emailleunebenheiten geglättet wurden: Viel Wasser, viel Staub, viel Schlamm und Lärm und wenig Licht, dafür wenigstens ein erfrischender Durchzug.

Der Schiffsingenieur: "Das müßten unsere Gewerkschafter sehen."

"Und auch die von der Berufsgenossenschaft müßten sich das ansehen", ergänzte der Computerfachmann.

Nach einem hastigen Schnelldurchgang durch die Werkstätten eine volle halbe Stunde Zeit für den Besuch der Verkaufsräume nebenan. Ein hoher Bau, brandneu, die großen Fenster üppig mit Stores behängt. Die Räume voller Theken und Vitrinen, und überall hübsche Mädchen, top aufgemacht, die bereitstanden, den Besuchern Cloisonnerien in allen Größen zu verkaufen, vom Lesezeichen und der Brosche bis zum lebensgroßen Pferd und der Riesenvase für Hotelhallen. An der Kasse angeschlagen die aktuellen Wechselkurse aller bedeutenden Währungen, die Plaketten aller großen Kreditkartenunternehmen daneben. Wer den Kaufappellen widerstehen konnte, wem der Kontrast zu den Werkstätten zuwider war, der ging hinaus auf den Parkplatz und ein paar Schritte umher. Linkerhand war ein Gebäude abgerissen worden. Nur noch Trümmerhaufen. Da klopfte man die alten Backsteine ab und stapelte sie. Rechterhand eine Baustelle mit Mauern und Bambusgerüst erst bis zum zweiten Obergeschoß, überwimmelt von halbnackten Bauarbeitern.

Das alles warf natürlich Fragen auf, schließlich hatte man es mit Studienreisenden zu tun. Der örtliche Reiseführer gab kurz Auskunft: Das da drüben sei das alte Verkaufsgebäude gewesen, abgerissen, und dort drüben werde ein Erweiterungsbau für das neue Verkaufsgebäude hochgezogen, das bereits zu klein geworden sei. Und Happy ergänzte: "Diese Fabrik ist ein privates Unternehmen. Es gehört der Bauernfamilie, die schon immer dieses Stück Land besessen hat. Die Leute sind jetzt Millionäre."

Was wollen meine Leute denn anderes hören, fragte er sich. Was wollen sie sehen? Natürlich das chinesische Wirtschaftswunder. Daß er sich vorher mit dem örtlichen Führer und mit der Millionärsfamilie auf eine Provision geeinigt, nachher auch heimlich den Briefumschlag mit den Geldscheinen entgegengenommen hatte, davon sagte er natürlich nichts. Hauptsache, meine Leute haben brav gekauft. Dann geht es den Chinesen bald immer besser. Was wollen Touristen denn sonst? Sie wollen die Bestätigung dafür, daß das der einzig richtige Weg ist: Die Ärmel aufkrempeln, richtig zupacken und Umsätze machen. Privatkapitalismus, Privatkapitalismus, nix Sozialismus. So wie sie selbst und ihre Väter das Wirtschaftswunder nach dem Krieg geschaffen haben.

An den Ming-Gräbern würden sie Schlange stehen müssen, wußte Happy. Und sie würden so gut wie nichts zu sehen kriegen. Selbstbetrug war das, was hier gefeiert wird, und ein Betrug ist es heute für die Touristen. Eine Dynastie, die beinahe dreihundert Jahre lang China beherrscht hat, sie wollte sich dort verewigen, und hat nur fast leere Kellerräume hinterlassen. Die dreizehn Kaiser, die dort ihre Grabhügel haben, werden nicht einmal mehr mit Namen genannt, einfach zu viele. Sie sind unter einem Sammelbegriff ad acta gelegt. Und da sie nicht einbalsamiert waren, ist von ihren sogenannten sterblichen Resten bis auf ein paar Knochen nichts mehr erhalten. Sie sind verwest und zu Staub geworden, bestenfalls noch ein klein wenig mitenthalten in dem Staub, den jetzt die Schuhe der vielen tausend Besucher die Treppen hinab und hinauf bewegen. Ihre feierlichen Gewänder, die prächtigen Särge, feine Stoffe und edle Hölzer, sie waren nicht geeignet für die Ewigkeit. Die Grabbeigaben sind längst von Grabräubern davongeschleppt worden. Der Thronsessel des Kaisers steht leer da, genau wie der der Kaiserin, der eine mit dem Drachen geschmückt, der andere mit dem Phönix und doch beide so albern servil wie jeder leere Sessel in einem unbewohnten Haus. Da muß man sich doch fragen: War die damals schon bröckelnde Macht des Kaiserreichs schuld an diesem Ewigkeitsdesaster oder war es vielleicht andersherum?

Noch schnell den Seelenweg abgeschritten, der zu den Ming-Gräbern führt, die Steinfiguren fotografieren lassen, die als Wächter dastehen, die Opferhalle gezeigt. Und ab zur Großen Mauer bei Badaling. Das ist - zumindest den Menschenmassen nach - Fatima hoch vier. Und das muß natürlich jeder fotografieren. Das heißt annäherungsweise: Jeder fotografiert jeden. Den Kameras wie den Autos nach zu urteilen, erschrak Happy, ist China kürzlich von Japan erobert worden. Und das hat die Große Mauer nicht verhindern können. Was nützt es da, daß sie angeblich als einziges menschliches Bauwerk der Erde vom Mond aus mit bloßem Auge zu erkennen ist. Wer sieht von dort aus überhaupt mit bloßem Auge? Kaum, daß hier noch jemand sie mit bloßem Auge ansieht statt durch die Kamera. Egal. Jedenfalls hatten die Japaner bei dieser offenkundigen Eroberung Chinas einen wichtigen Verbündeten, nämlich die Amerikaner. Die T-Shirts mit englischsprachigem Aufdruck, die Baseballcaps und die Turnschuhe verraten den Alliierten. Ist das nicht einer der Fälle von Eroberung, von denen die Friedensforscher immer reden? Ein Volk hält still, läßt die Eroberung einfach zu, statt sich zu wehren, das schont Land und Leute, und der Unterlegene bemüht sich dann auf waffenlose Weise, aus der Niederlage einen Sieg zu machen. Richtig, die Chinesen sind offenbar dabei, die Japaner nachzuahmen, indem sie sich modernen Einflüssen öffnen, sich genauso kapitalistisch geben, Markenprodukte einfach nachbauen, mit konkurrenzlos billigen Arbeitskräften eine Massenproduktion aufziehen - und demnächst auf dem Weltmarkt ihre Ziehväter das Fürchten lehren.

Kein Wunder, daß ich hier auf Schritt und Tritt mit Hallo angeredet werde. Aber ich kann ja nicht jedem einzelnen sagen, daß ich Happy bin. Hallo, das ist die Generalisierung des anderen. Damit werden wir schon gleichgemacht, alle gleich als die Vorbilder und als die Gegenspieler und bald als die Kunden. Aber mich so anzuschreien brauchten sie ja wirklich nicht. Ich weiß doch, daß man als Tourist nur dazu da ist zu kaufen, kaufen, kaufen. Aber ich bin kein Tourist, verdammt noch mal! Der chinesische Sozialismus hat seine großen Sprüche überwunden und ist ein Sozialismus der Marktschreier geworden. Von Ständen und Buden und Riesenkaufhallen umzingelt, die Kitsch und jede Steigerung von Kitsch anbieten, flüchtet man sich auf die Große Mauer, winkelt man die Füße steil an, bis zu 45 Grad verkrümmt, und versucht, der Überallmasse zu entfliehen. Natürlich vergebens. Und wenn man das endlich eingesehen hat, auch, daß man die ganze Mauer niemals abschreiten könnte, dann macht man sich auf den Rückweg, den Abstieg, und wird damit eine von diesen schräg in die Landschaft hineinragenden Vogelscheuchen, die immer mal wieder kurz zum Erholen anhalten. Viel zu steil, der Weg. Also doch kein menschliches Bauwerk, diese Mauer. Ein unmenschliches.

Die Gruppe hat Uhrzeit und Ort der Abfahrt genannt bekommen. Damit ist jeder seinem Einzelerlebnis überlassen. Freie Zeit, sich frei unter Fremden zu bewegen. Aber diese Knipserei auf der Großen Mauer, sinnierte Happy, diese Allknipsorgie, das ist die Zerlegung der Masse in ihre Einzelelemente. Wobei allerdings äußerst selten nur ein einzelner Mensch aufs Bild kommt. Fast schon unmöglich. Die Apologie des lchs kommt hier an ihre Grenze. Ja, Grenze war das hier. Schon im fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung haben sie erste Stücke dieser Mauer gebaut, um sich gegen die räuberischen Nomadenvölker im Norden zu schützen. Schade, der Versuch, sich in diese Zeit zurückzuversetzen, gelingt nicht. Auch daß im zweiten vorchristlichen Jahrhundert erstmals die Einzelstücke zu einer geschlossenen Mauer verbunden wurden, als Schutz gegen das nördliche Großreich der Xiongnu, bleibt mir nur angelesenes Wissen. Obwohl ich mir intensiv klarzumachen versuche, wie ich es ja auch immer meinen Reisenden empfehle, wie die Massen von Zwangsarbeitern aus allen Teilen Chinas sich hier mit den gewaltigen Steinquadern abgequält haben. Na ja, damals.

Und selbst wenn ich mich in unser Spätmittelalter zurückversetze, also ins Kürzlich, als die frühen Ming-Kaiser die Große Mauer vollendeten, bleibt doch alles nur Stein und Geschrei und Knipserei und Massenauflauf. Ist das nicht vielleicht sogar richtig so? Erst heute hat die Große Mauer ihre Bestimmung gefunden. War sie früher doch so nutzlos wie Riesenverteidigungsanlagen immer waren und immer sind. Die berühmten Zyklopenmauern Jerusalems haben dem Ansturm König Davids nicht trotzen können und haben später nicht die Kreuzfahrerheere davon abhalten können, die Bewohner der Stadt in ihrem eigenen Blut zu ersäufen. Der Limes hat das römische Reich nicht vor den Germanen und seinem Untergang bewahrt. Die Maginotlinie hat Frankreich nicht vor den deutschen Eroberern geschützt. Auch die deutsche Siegfriedlinie war eine Farce. Und genausowenig waren die Mongolen durch die Große Mauer davon abzuhalten, die Herrschaft in China zu übernehmen. Und der Eiserne Vorhang, die Berliner Mauer? Auch schon Schrott und Schutt. Nur immer Umstände machen diese Verteidigungsgigantomanien, ein wenig mehr Mühe bedeuten sie für die Eroberer, bestenfalls ein klein wenig Aufschub des Unabwendbaren für die, die sich mit soviel Aufwand zu schützen suchten. Und daß die so aufwendig Beschützten selbst aus der Umklammerung heraus wollen, so neu ist das auch nicht.

Ja, vielleicht sollte man die Große Mauer nur so sehen, von unten und aus der Ferne, wie wir sie jetzt bei der Rückfahrt sehen. Er nahm das Mikrophon und gab den Eindruck an seine Gruppe weiter: "Nicht mehr und nicht weniger als das Symbol des chinesischen Kaisertums, was Sie da sehen. Die endlose Hügelkette mit der zackenbewehrten Mauer ist ein gewaltiger Drache mit stachelbestücktem Rücken, der sich durch die Landschaft windet."

7.

Regen - der Gleichmacher. Ob der Blick dahin ging oder dorthin: Die Stadt glänzte in allen Grautönen. Und selbst der Himmel, der ein helleres Grau zeigte als die Straße und die Hauswände, so zu glänzen wie sie, das schaffte er nicht. Die tausend Fahrräder rundum, sie waren unterwegs genau wie gestern. Aber nun trugen sie Zipfelmützen in grün oder weiß, rot oder grau. Auch in kaiserlichem Gelb und in himmlischem Blau. Sogar die gestern noch so frühlingshaft schick dahergefahren waren, die Mädchen und jungen Frauen, auch sie waren durch ihre Regenumhänge zu Dreiecken mit Zipfelmützen geworden. Darunter nackte Beine und Sandaletten. Und nirgendwo mehr eine Lenkstange zu sehen, weil der Umhang bis über die Hände reichte.

"Viele Pekinger", erklärte der örtliche Führer, "haben zwei Fahrräder. Mit dem einen fahren sie von daheim bis zur U-Bahn-Station und lassen es dort stehen, mit dem anderen fahren sie von einer anderen U-Bahn-Station zu ihrer Arbeitsstelle. Das sind natürlich nur alte Fahrräder, die so abgestellt werden. Gute und neue Fahrräder würden schnell gestohlen." Und zeigte seinen Gästen die Riesenpulks von abgestellten Rädern. Und die freuten sich, daß sie endlich eine Erklärung dafür hatten, warum sie so selten ein modernes Rad mit Schaltung sahen.

Happy fiel auf, daß er viel mehr Beschriftungen in englischer Sprache sah als bei seinem letzten Besuch in China. Auf den riesigen Werbeplakaten draußen wie auch im Hotel. Ausgerechnet die Sprache der Nation, die ihnen am meisten angetan hat, ausgerechnet die machen sie zur zweiten Landessprache. Und dachte an die beiden Opiumkriege Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, als England das ganze Land mit Opium verseucht hatte und sich bei diesem barbarischlukrativen Geschäft nicht vom chinesischen Kaiser behindern lassen wollte. Wenn der Rauschgifthandel vom Staat selbst betrieben wird, dann gibt es keine Rettung. Mittelamerikanische Staaten machen das im Moment ja nach, wenn auch versteckter. Aber noch schicken sie keine Truppen aus, die ihren Absatzmarkt mit Gewalt offenhalten. Peking haben die Briten erobert, unterstützt von französischen Verbänden. Den wunderschönen Sommerpalast des Kaisers haben sie so gründlich zerstört, daß er nicht mehr aufgebaut werden konnte. Und jetzt lernen die Chinesen mit Eifer die Sprache ihrer Peiniger. Aber sie rächen sich auf eine sehr sublime Weise, fiel Happy auf. Oft schreiben sie ganze Sätze so, daß sie wie ein einziges Wort aussehen, fast schon gälisch wirken: myhomeismycastle.

Mir kann es ja gleich sein. Weil es einen neuen Sommerpalast gibt? Der steht jetzt auf dem Programm, das genügt. Von dem letzten richtigen Mann auf dem chinesischen Thron erbaut, von der berühmt-berüchtigten Kaiserinwitwe Cixi. Was für eine Frau. Als Konkubine dritten Ranges an den Hof gekommen, riß sie schließlich alle Macht an sich und führte nahezu fünfzig Jahre lang für ihr unmündiges Kind und dann für einen Kindkaiser dieses Riesenreich, das volkreichste der Welt. Erst im Jahre 1908 ist sie gestorben, also kürzlich, und doch lebte sie wie durch Jahrhunderte von uns getrennt. Da hängen alte Fotos in den fast leeren Räumen des neuen Sommerpalastes. Sie zeigen die Regentin Cixi stets in einer so steiffeierlichen Haltung, die Leute um sie herum müssen noch im heißesten Sommer gefroren haben. Daß der Fotograf die Aufnahmen nicht verwackelt hat vor Zittern, ist fast ein Wunder.

Ein Innenhof nach dem anderen, ein Holzbau mit schöngeschwungenem Dach nach dem anderen. Und der Regen machte die Besucher so gleich wie das Pflaster. In Regenhäuten und unter Schirmen huschten sie hierhin und dahin. Die Kameras gezückt. Dabei war nicht viel zu sehen. In der geräumigen Remise einige Kutschen und Sänften, die einmal größten Luxus signalisierten, so wenig bequem sie den Besuchern auch vorkommen mochten. Und dazwischen ein Auto, ein Benz. Der Führer erklärte: "Das was das erste Auto, das es in China gegeben hat. Es ist Jahrgang 1898, und es gehörte der Kaiserinwitwe Cixi. Sie hat auch einmal dringesessen, aber gefahren ist sie damit nie. Der Grund war: Sie legte Wert darauf, daß sie immer die Höchste war. Immerhin war sie ja die wichtigste Figur am Hofe. Vor ihr durfte man nur knien, aber nicht sitzen. Als der Fahrer sich ans Steuer setzen wollte, gab es ein Donnerwetter. Er sollte sich hinknien, und zwar ihr zugewandt. Damit war die erste Ausfahrt schon beendet und blieb auch die letzte."

Trotz der Absperrung versuchte Happy, sich in ihr breites Bett hineinzuversetzen, von dem aus sie den Opernvorführungen im gegenüberliegenden Theater zugeschaut und zugehört hatte. Ein pagodenartiger Bau, in dem auf drei offenen Bühnen übereinander gegen ihre Langeweile angespielt wurde. 384 Mann stark soll ihr Eunuchenensemble gewesen sein. Aber eine allmächtige Frau und Eunuchen, da bringt es auch die Menge nicht.

Wieso all die vielen Einheimischen hier herumspazieren könnten, wollte jemand aus der Gruppe wissen. Und der Führer verwies darauf, daß schließlich Sonntag sei. Sonntag als der Tag des Herrn, überlegte Happy, in einem ganz und gar unchristlichen Land ein wahres Kuriosum. Genau wie die Beschriftungen, die immer Zeitangaben vor Christus und nach Christus machen. Aber das mit dem Sonntag als arbeitsfreiem Tag gibt es ja erst seit der Gründung der Volksrepublik im Jahre 1949 - nach Christus. So hat Karl Marx diesen Menschen hier doch etwas Positives gebracht, ein typisches Mitbringsel aus seiner frommen Vaterstadt Trier. "Allerdings haben nicht mehr alle Leute am Sonntag frei", schränkte Herr Li ein. "Inzwischen wird der freie Tag der Woche immer mehr auf verschiedene Tage verlegt, damit nicht alle Leute gleichzeitig zur Arbeit fahren oder gleichzeitig in die Parks gehen." Und erklärte auf Nachfrage, daß in China die Sechs-Tage-Woche herrsche, aber schon ein bißchen verkürzt auf eine fast Fünfeinhalb-Tage-Woche. Und: "Nein, einen Urlaubsanspruch haben die meisten nicht, aber die Lehrer und Studenten doch und einige andere auch schon."

Penni sah mal wieder betont zufällig zu Happy herüber, und ihr Blick sagte unübersehbar: Nichts für meiner Mutter Tochter. Er nickte ihr zu. Doch viel mehr als die Arbeitsverhältnisse beeindruckten Happy wieder diese sonderbaren Steine. Überall zu Mauern und künstlichen Felsen zusammengefügt, oft auch als Einzelstücke aufgestellt. Immer so bizarr wie möglich, mit sonderbaren Auswaschungen.

"Fast möchte man von Auswüchsen sprechen", sagte er zu der adretten Familie, die zufällig neben ihm herging.

"Ja", meinte der Vater, "wenn ich nicht wüßte, daß es sich tatsächlich um Auswaschungen handelt. Weil sie die kuriosesten Felsbrocken systematisch gesucht und sie dann für einige Jahre in fließende Gewässer gelegt haben, damit sie Gestalt annehmen."

"Hier haben sie doch tatsächlich einzelne besonders wildzackige Steine auf steinerne Podeste gestellt. Und mitten in das Höfchen. Da diesen Riesenbrocken, den haben sie auf einen Sockel gesetzt, den sie kunstvoll mit stilisierten Wellen geschmückt haben. Jetzt schwimmt der Fels davon wie ein Ozeandampfer."

"Warum nur hat man den Stein so selten behauen? Marmor hatten sie doch auch zur Verfügung. Warum haben sie also nicht eine Kultur der Plastiken entwickelt wie die Griechen und Römer?" Der kunstinteressierte Vater.

"Ich nehme an, weil sie das nicht wollten." Seine Frau.

"Und warum wollten sie nicht?"

"Eine Kultur, die ihre Pracht in Stoffen und Holz und gebrannten Ziegeln vortrug, die hatte vielleicht zuviel Hochachtung vor dem gewachsenen Stein, vor der Natur."

"Aber ist das nicht zu sehr aus unserem heutigen Blickwinkel gesehen, vielleicht doch schon zu sehr mit Naturschutz und Umweltbewußtsein und so fort verkleistert", gab Happy zu bedenken.

"Immer dasselbe Problem bei der Würdigung der Leistungen früherer Generationen." So der pensionierte Richter, der sich ihnen angeschlossen hatte. "Meist ist das Bewundernswerte gerade das, was uns Heutigen selbstverständlich ist." So kauten sie auf den Steinen herum, die wortlos im Weg liegen blieben.

Regen wird im Sommerpalast erst schön. Wie ihn jedes Höfchen anders einfärbt. Wie seine strenge Schraffur umspielt wird von der leichtesten Architektur. Wie er in schlanken Bäumchen zerbröselt. Der gedeckte Rundgang hat ihn schon erwartet. Zum Drippeltrommeln. Auch der Teich, der jeden schweren Wassertropfen mit einem Aufspritzer belohnt. Ein Diamantgeglitzer. Und auf den Lotosblättern wiederholt es sich unzählbar: Die Blumenkelche, wie sie sich füllen, allmählich, und dann in sanfter Verneigung ihre Last abgeben, an die demütigen Blätter darunter und in die dankbaren Kelche. Regen, das allem aufgesprühte Finish, läßt die Bilder ringsum eine andere Sprache sprechen.

Dreiviertel Kilometer lang sei der gedeckte Gang die Seelinie entlang, erklärte der Führer. Und er führe zu dem großen Marmorboot, auf dem die Kaiserinwitwe Cixi mit Vorliebe ihren Tee getrunken habe. Die Gemälde über den Köpfen der hier entlang Wandelden zählten nach Tausenden. Alles Darstellungen aus der Geschichte und der Literatur Chinas. Wie das zusammengeht, wunderte Happy sich: Geschichte und Geschichten. Das ist wahre Überlegenheit. Ob erfunden oder erlitten, wo ist da der Unterschied, wenn es nur heftig empfunden werden kann. In dem Moment beeindruckte es ihn kaum noch, daß der See künstlich geschaffen war - Wasser gehört nun einmal zu einem chinesischen Park, genau wie Berge und Felsen. Und auch der vollendete Schwung der Siebzehn-Bogen-Brücke dort drüben, hinter den Kähnen und Booten voller Menschen mit bunten Regenschirmen, auch dieses steinerne Meisterwerk verblaßte für ihn hinter den Abbildungen über ihm. Die so wenig zeigten und doch so viel zu sagen hatten. Daß er plötzlich verstand: Bilder nur mit den Augen zu sehen ist zuwenig. Ich müßte wissen, um verstehen zu können - um sie richtig schätzen zu können.

Im Hotelshop hatte er eine deutschsprachige Broschüre gefunden, in der aus dem Leben der chinesischen Herrscher berichtet wurde. Da erzählte ein Liu Guilin auch einiges über die Kaiserinwitwe Cixi. Über diese Frau, die mit Raffinesse und Rabiatheit eine Bilderbuchkarriere am kaiserlichen Hof gemacht hatte und sich im Alter in der Kunst der Geldverschwendung von keinem übertreffen ließ. Bei den Palasteunuchen hatte sie wegen ihrer Strenge nur der alte Buddha geheißen. Aber so streng war sie sich selbst gegenüber nicht. Zwar betonte sie immer wieder: Solange ich noch da bin, wird es niemandem erlaubt sein, den Ausländern nachzueifern. Aber sich selbst gab sie gern Dispens von diesem Prinzip. Schon das erste Auto in China legt dafür Zeugnis ab. Ein anderes Zeugnis gehört heute zu den Beständen der Nationalgalerie in Washington, nämlich ein gemaltes Porträt der Kaiserinwitwe. Eine junge Amerikanerin namens Katherine Augusta Carl hat sie gemalt, und die Gelegenheit dazu hatte ihr die Frau des amerikanischen Botschafters in Peking verschafft. Dabei war Cixi zunächst entrüstet über den Vorschlag, sich malen zu lassen. War es doch seit jeher üblich, daß nur von verstorbenen Personen Porträts angefertigt wurden. Aber der Hinweis, daß das Bild in Amerika öffentlich ausgestellt werden sollte, reizte doch zu sehr. Sich dem ganzen amerikanischen Volk und damit der Welt draußen bekannt machen, warum nicht? Auch die große Kaiserinwitwe gehorchte ihrem kleinen Ich.

So ließ Cixi die junge Malerin zu sich in den Sommerpalast kommen, um sie kennenzulernen. Eine Begegnung, die wider Erwarten so glücklich verlief, daß die Malerin gleich mit der Arbeit beginnen konnte. Als Wohnung wurde ihr eine nahe beim Sommerpalast gelegene Villa samt Dienerschaft zur Verfügung gestellt. Das war im Jahre 1903. Die Kaiserinwitwe war damals schon fast siebzig. So ist es nicht erstaunlich, daß ihr die Sitzerei und das Stillhalten bald zuviel wurden. Erst recht die Zumutung, sich jedesmal dasselbe Kleid anziehen zu lassen. So mußten zwei Prinzessinnen abwechselnd für sie Modell sitzen, bis die Arbeit am Gesicht begann. Es dauerte und dauerte. Nach acht Monaten war Cixi die Sache leid, das Porträt aber noch längst nicht fertig. Da konnte sie ihre Zweifel an der künstlerischen Kompetenz der jungen Amerikanerin nicht länger für sich behalten. Gegenüber der Malerin blieb sie zwar freundlich, hinter ihrem Rücken aber tat Cixi sie als unfähig ab. Dafür gab es scheinbar handfeste Beweise: Wie die Malerin weiße Perlen gemalt hatte, einfach unmöglich: hellblau und rosa schimmernd. Der chinesische Realismus hatte halt noch nie die Wirkung der Lichtbrechung berücksichtigt. Und dann der Fehler, daß die eine Gesichtshälfte dunkler war als die andere. Die alte holländische Malerei war auch nicht nach China gekommen. Und daß Fräulein Carl zuletzt ihren Namen unter das Bild der Kaiserinwitwe gesetzt hatte, ihren profanen Namen unter das Porträt der Herrscherin im Land der Mitte, das war einfach unerhört. Da mußte einiges verbessert werden.

Die junge Malerin machte wunschgemäß einiges, was als Korrektur aufgefaßt werden konnte, verstand es im übrigen aber, mit einer solchen Verbindlichkeit über alle Schwierigkeiten hinwegzugehen, daß sie schließlich fast schon die Freundin der Kaiserinwitwe wurde. Immer wieder mit Geschenken verwöhnt und schließlich fürstlich belohnt, konnte sie das Jahr Arbeit in Peking als vollen Erfolg verbuchen. Cixi auch. Ist die ehemalige Konkubine doch in der Welt draußen die bekannteste Herrscherfigur Chinas geworden, bedeutender als alle vier Kaiser, die sie neben und über - und auch unter - sich akzeptieren mußte während ihrer fast fünfzigjährigen Herrschaft.

8.

Bei aller Kauflust seiner Leute, niemand außer Happy hatte die deutschsprachige Broschüre über das frühere Leben in der Verbotenen Stadt gekauft. So aufschlußreich und dabei so billig. Kein Interesse. Sehr aufschlußreich auch das. Kann man sagen, es gebe ein wirkliches Interesse und ein nur vermeintliches? Das kann man wohl so sehen. In Wahrheit sind meine Reisenden alle gleich in ihrem nur vermeintlichen Interesse. So gleich, daß sie sich bloß darin unterscheiden, ob sie die Chinesen als Kinesen oder als Schinesen bezeichnen. O sancta simplicitas! Aber in der ganzen Welt herumreisen müssen sie. Und sich darüber beklagen, man könne ja nicht mehr nach Florida fliegen, weil man da um sein Leben fürchten müsse. Und in Ägypten und der Türkei sei es mittlerweile genauso. Und in Algerien und Kolumbien erst recht. Aber Happy hatte es vermieden, in eine Diskussion mit seinen Leuten einzusteigen. Etwa über den Zusammenhang von Tourismus und Terrorismus. Darauf hinzuweisen, daß es die kleinen Leute sind, die den Terrorismus gegen Touristen einsetzen. Obwohl wir doch immer geglaubt haben, wir täten was für die kleinen Leute mit unserer Herumreiserei: Geld ins Land bringen und Völkerverständigung und so fort. Nicht daran denken, nicht daran rühren. Daran könnte man ja ablesen, daß unsere Herumreiserei den kleinen Leuten überhaupt nichts bringt. Weil wir vor lauter Komfortwünschen und Hygienebedürfnissen nicht in Kontakt kommen mit ihnen, und weil all unser Geld internationale Konzerne und staatliche Einrichtungen einstecken.

Was soll diese Herumreiserei überhaupt, mußte er sich immer wieder fragen. Das eigentliche Ziel der Leute, die auf Reisen gehen, ist doch, ihr Eintagsfliegendasein zu verlängern, wenn nicht gar es zu verewigen. Ein echtes Bedürfnis, das sich bei jedem zeigt, quer durch alle Altersgruppen. Dabei trägt man die Perpetuiergeräte, derer man sich bedient, nicht etwa wie eine Last. Eher wie ein Zeichen des Triumphes. Quasi als Heilsverkündung. Das sind ja heute nicht mehr Zeichenblock und Stift, auch ganz selten nur das Tagebuch. Alles überholt. Die Spitzenprodukte der Perpetuierindustrie tragen zur Zeit nur Männer in den besten Jahren. Wie Bannerträger der Hoffnung werden sie von den anderen mit schmeichelnden Blicken verfolgt, wie sie daherstolzieren, die imposante Videokamera auf der Schulter, den rechten Arm angewinkelt, die Hand profihaft durch den Griff geführt, ohne jedes Zeichen von Ermüdung. Heldisch. Viel animalischer dagegen die Herren mit den Kameras vor dem Bauch. Betonte Mitte. Und wie die langen Teleobjektive davon abstehen, im 45-Grad-Winkel nach unten zeigen, bei jedem Schritt mitwippend, das macht den Träger zum Centaur: Hochaufgerichtet und den schwarzen Lustschlauch des Hengstes vor sich her schleppend. Und die Damen können nicht zugreifen, weil sie die Pocketkamera am Handgelenk baumeln haben, ein Ridikül, das für den ernsthaften Perpetuierer natürlich die Spitze der Lächerlichkeit ist. So läßt sich alles noch steigern.

Statt sich über dieses Unaussprechliche auszulassen, servierte Happy seinen Leuten Historisches, erzählte von Cixi und der jungen amerikanischen Malerin. Beide zwar längst gestorben, doch das kam an. Allerdings, als er dann die Unterschiede der Malweise erklären wollte, gingen seine Leute schon zu anderen Gesprächen über.

An dem Abend hatte Penni viel Mühe mit ihrem Gar-Nicht-Happy. Sie hatte den Fehler gemacht, seine Schleuse zu öffnen: "Einen allzu glücklichen Eindruck machst du ja nicht heute", hatte sie gesagt. "Wie paßt das zu deinem Namen Happy?"

Anfangs konnte er noch geistreich antworten: "Das paßt sogar haargenau. Das ist wie in der Werbung. Da gilt die Maxime: Man muß den Produktnachteil herausfinden und dann exakt das Gegenteil davon als Produktvorteil betonen. In meinem Fall war das diese dumme Empfindsamkeit, an der ich leide. So wurde ich der Happy, angeblich happy. Weil und obwohl es in unserer Zeit die empfindsame Reise nicht mehr gibt."

Das klang für Penni noch ganz vernünftig. Aber dann brach sich Abwasser Bahn. Dabei kann der Mann so glücklich sein, wunderte sie sich. Was mir so gefällt an ihm. Ja, Happy hat Momente, da flattern die Vögel nicht mehr einfach über ihm herum, da winken sie ihm zu, einer wie der andere. Aber jetzt so desillusioniert und so grundsätzlich. Also beschloß sie, sein Lamento geduldig anzuhören und ihn anschließend wieder aufzurichten. Zunächst seelisch. Dabei ging sie vorsichtshalber nicht auf seine Klagen ein. Was sollte sie auch dazu sagen, daß er plötzlich große Worte machte, ihr beizubringen versuchte: "Unsere Epoche der ethnischen Säuberungen und des Asylantentums ist ja nicht zufällig gleichzeitig die Epoche des Totaltourismus. Beides hängt miteinander zusammen. Wir haben die totale Freiheit, die Freiheit, Menschen zu vertreiben, wie die, uns die Zeit zu vertreiben, beispielsweise mit Reisen. Heimat bedeutet uns so oder so nichts mehr. Und die Heimatdichtung mit all ihrem Volksliedgesäusel und mit der Dialekterei, die gerade en vogue ist, sie ist bloße Sentimentalität. Wem aber die Heimat nichts mehr bedeutet, dem kann auch ihr Gegensatz, die Fremde, nichts bedeuten."

"Aber Odysseus", wagte Penni doch mal einen Einwand, "du willst ja wohl nicht sagen, daß man überhaupt nichts davon hat, wenn man herumreist?"

"Klar könnte man vom Reisen was haben; man müßte nur sehr langsam sein, nachdenklich und voller Fragezeichen. Dann erführe man etwas über sich selbst. Aber wir sind im Gegenteil schnell, lassen uns bequatschen statt zu denken, am liebsten gleich von zwei Reiseleitern, und haben für alles die Antworten parat, weil wir alles besser wissen. Früher waren es Götter, die auf die Erde herabkamen und umherreisten. Die waren dazu besser geeignet als wir Menschen. Denn der Mensch ist von seinen Wurzeln abgerissen, wie es die Blume im 'Kleinen Prinz' sagt. Ruhe ist der neue Ausnahmezustand."

"Aber es sind doch gerade die Menschen, was du brauchst. Hast du mir damals gesagt, ganz am Anfang, in Ägypten."

"Quark. Menschen sind für mich bloße Sternschnuppen. So kurz wie sie einem zufällig mal ins Blickfeld geraten. Warum sollten die Menschen mir also nicht schnuppe sein?"

"Ich bin eine Sternschnuppe?"

Das war so ein Gesprächs-Unfall, wie er ihn haßte. Happy brauchte manchen gutüberlegten Satz, um diesen einen vorschnell formulierten auszuradieren, der ihm doch nur von dem Wortspiel her gefallen hatte.

Ein programmfreier Tag. Zum Ausruhen. Doch Happy wußte: Hält man die Leute nicht ganz kurz an der Zeitleine, dann machen sie sich gleich selbständig. Und erzählen nachher groß herum, was sie Tolles erlebt haben. Und die kleinsten Kleinigkeiten sind größer als alles, was man ihnen geboten hat. So, als sie am Abend beim Essen ihre Abenteuer austauschten. Der Mathematiklehrer und seine Frau waren schon in aller Herrgottsfrühe auf dem Kohlenberg. Hätten sehen wollen, wie die Chinesen ihr Schattenboxen veranstalten, bei Sonnenaufgang. Sie kennten das Tai-chi schon, hätten in München sogar mal einen Kurs in der Volkshochschule mitgemacht.

"Aber die Chinesen sind viel besser. Wie die sich bewegen. Da fließt alles ineinander, ohne jeden Rucker. Die haben eine ganz andere Körperbeherrschung als unsereins."

Die Familie - Happy nannte sie meist die Viererbande - war zum Bahnhof gegangen und danach ein Stück mit der U-Bahn gefahren, zum tibetanischen Lamatempel hinaus.

"Eigentlich hatten wir vorgehabt", berichtete die Mutter, "den ganzen Weg mit dem Bus Nr. 11 zu machen. Aber dafür sind hier die Entfernungen doch zu groß."

"Denn mit dem Bus Nr. 11 fahren", ergänzte ihr Mann, "das heißt hier in China zu Fuß gehen, so haben wir uns sagen lassen. Die Elf steht für die beiden Beine."

Die zwei unzertrennlichen älteren Damen hatten sich an die letzten Hofhäuser rangepirscht und mit Gruseln beobachtet, wie am frühen Morgen an den öffentlichen Waschstellen jeder geräuschvoll Mund und Kehle reinigt. Und wie die Abortkübel abgeholt werden, von Trägern, immer zwei volle Kübel an der Bambusstange auf dem Nacken. Die Hofhäuser hatten es dem größten Teil der Gruppe angetan. Lag ja auch nahe. Was vom 16. Stock des Beijing International Hotels so putzig aussah, ein unbedingt erhaltenswerter Rest des alten Chinas, das lag nur wenige Minuten Fußweg entfernt. Zwischen dem unübersehbaren - um nicht zu sagen: unsagbaren - Gloria Plaza Hotel, der U-Bahn-Station und dem riesigen Zollamtspalast das Hofhauskarree, das gleich an das Gelände des Alten Observatoriums anschließt. Aber nur ranzugehen hatten sie gewagt. Hindurch nicht. Niemand.

Happy hatte unbedingt das Alte Observatorium besichtigen, aber auch mit Penni zusammensein wollen. Also eine gemeinsame Besichtigung. Doch bekamen sie nicht viel zu sehen. Auf dem Dachgarten des alten Gebäudes, das wie ein Stück Staumauer von der Edertalsperre zwischen den Hotels stand, ein paar mannsgroße Geräte in Bronze. Die hatten Ende des 16. Jahrhunderts und noch im 17. zur Himmelsbeobachtung gedient. Aber vor allem dazu, den hochgelehrten Jesuiten das Vertrauen des chinesischen Kaisers zu gewinnen. Letztlich also dazu, ihren christlichen Glauben nach China einzuschmuggeln.

"Da war es also schon bergab gegangen mit der Ming-Dynastie", erklärte Happy seiner Begleiterin. "Kaum hatten sie die Mauer gegen die Eindringlinge aus dem Norden fertig, da kamen andere einfach übers Meer und setzten den Fuß in die Tür - und in die Seelen."

"Ja, Frechheit siegt", kommentierte Penni das. Und Happy sagte: "Ja" und nahm Penni bei der Hand, nachdem er sich schnell vergewissert hatte, daß niemand sonst aus der Gruppe mit auf diesem Aussichtsplateau stand. Der Junge, der sich als Führer ausgegeben hatte, zeigte deutlich, daß er nur ein Interesse hatte, nämlich die beiden Fremden ganz schnell in einen kleinen Laden hineinzudirigieren. Vor allem vorbei am Eingang der großen Verkaufsausstellung. Er behauptete einfach, dort sei schon geschlossen.

"Zumindest die Raffinesse der Jesuiten hat sich also bis auf unsere Tage erhalten", stellte Happy nach der wenig aufschlußreichen Besichtigung fest.

"Das imponiert dir, Odysseus, wie?"

„Na klar.“

Bei diesem Austausch der Erlebnisse am Abend, als fast alle was zu erzählen hatten, mußte Penni schweigen. Dabei hätte sie so gern berichtet: Dann sind wir einfach hinein in das Viertel der Hofhäuser. Die Kamera auf dem Bauch durch die engen Gassen spaziert, händchenhaltend. Das ist ja hier ein Staat, in dem einem nichts passiert. Die hängen ja jeden Räuber gleich auf. Und Happy hätte schnell korrigiert: Sie geben ihm den Genickschuß, ehe sie weitererzählt hätte: Wie das stank, an jeder Ecke anders, die phantastischsten schlechten Gerüche, die man sich nur ausdenken kann. Die Gassen lagen ja auch voller Abfälle. Da pinkelte einer hin, da lag das Hackmesser fürs Gemüsebereiten auf dem Boden. Leute hockten auf der Gasse wie die Chinesen ja immer hocken, so auf ihren Fersen sitzend, und sahen uns genauso unverhohlen erstaunt an wie wir sie. Alles eigentlich ganz friedlich. Aber der Dreck, der Gestank. Nur weg von hier, haben wir uns gesagt. Aber das war gar nicht so einfach. Das moderne Hochhaus, auf das wir zugingen, um wieder in eine bessere Gegend zu kommen, täuschte. Eine hohe Mauer ohne jedes Tor trennte es von dem Quartier der Hofhäuser ab. Also weiter hinein, durch die nächste Quergasse. Eine so dreckig wie die andere. Immer mal wieder ein total verrostetes Fahrrad an der Hauswand. Dann stand da ein Polizist an einer Ecke und unterhielt sich mit den Leuten. Wie angenehm, so einen Offiziellen in der Nähe zu wissen. Und dann war da sogar ein richtiger Laden: Zigaretten in einem winzigen Schaufenster, gerade nur so groß, wie bei uns ein Toilettenfensterchen. Und schließlich eine Eckkneipe, vielleicht badezimmergroß, mit vier Stühlchen vor der Tür. Ein alter Chinese, ein einbeiniger Glatzkopf in einem vorsintflutlich aussehenden Rollstuhl, das war der einzige Kunde. Vielleicht war das ja auch der Wirt selbst. Jedenfalls war von den Bewohnern des Viertels nicht viel zu sehen. Und das am frühen Abend. Ob die vielleicht alle vor der Glotze saßen? Fernsehantennen genug haben wir ja gesehen, einfach überall.

"Die Antennen", hatte Happy bei diesem Gang durch das Karree gesagt, "die täuschen die Betroffenen wie die betroffen dreinschauenden Touristen, die sich hier hineinwagen, darüber hinweg, daß man in diesen Vierteln mit Ratten und Kakerlaken und anderem Ungeziefer auf Du und Du stehen muß. Und wie die aus diesem Dreck kommenden netten Mädchen und jungen Frauen, die man auf den Boulevards sieht, das schaffen, sich in sauberen, bunten Kleidchen aufs Fahrrad zu setzen und frischeflatternd zur Arbeit zu fahren als führen sie durch einen Werbefilm, das ist mir ein Rätsel."

Kein Wort von Penni über die Erlebnisse dieses Tages, kein Bericht von Happy. Und niemand, der sagte: Ich habe Sie gesehen. - Glück gehabt.

Das Gespräch blieb bei den diversen Ereignissen des freien Tages. Und weil die so klein waren, bemühte sich jeder, sie etwas größer darzustellen. Bis der Schiffsingenieur meinte, einen Witz erzählen zu müssen. Man lachte pflichtschuldigst. Auch beim nächsten und dritten. Dann: "Wissen Sie, wo alle Frauen krauses Haar haben?" Schweigen, Verlegenheit. Happy dachte an die Formulierung, die er sich einmal zurechtgelegt hatte für den Wert der Umgangsformen: Sie sichern uns dagegen ab, daß wir in Situationen gebracht werden, mit denen wir nicht zurechtkämen. Der Schiffsingenieur genoß in triumphierender Rundumschau die Betroffenheit, lachte dann los und rief: "Reingefallen, reingefallen, in Afrika haben alle Frauen krauses Haar!"

Weil danach keine Gemütlichkeit mehr aufkommen wollte, berichtete Happy über den reichen Schatz an Anekdoten, den China habe. "Da war ein berühmter alter Eunuche, ein zu Reichtum und Ansehen gekommener ehemaliger Palasteunuche, der als sehr weise galt. Zu dem kamen eines Tages zwei Männer und baten, er möge ihnen zu heimischem Frieden verhelfen. Die beiden waren Vater und Sohn, und sie hatten immer Streit, weil der Vater seinem Sohn ständig Vorwürfe machte, er sei so schrecklich dumm, selbst der Enkel sei viel gescheiter als er. Der alte Eunuche hörte sich das in Ruhe an. Dann beschimpfte er den Vater: 'Was nimmst du dir heraus, deinem Sohn Vorwürfe zu machen. Du hättest allen Grund, still zu sein. Ist doch dein Vater weniger klug als sein Vater, und auch dein Sohn ist weniger klug als sein Sohn.' Da sah der Vater seinen Sohn mit ganz anderen Augen an, fiel ihm um den Hals und bat ihn um Verzeihung. Und sie gingen in Frieden nachhause."

Am späten Abend dann wieder das dreimalige Kratzen an Pennis Tür. Doch diesmal ging sie nicht so schnell auf. Happy sah sichernd den Flur hinauf und hinunter, ob auch niemand aus der Gruppe käme. Ihn sähe, wie er an einer fremden Tür steht, wie er wartet, daß sie endlich aufgeht. Saublöde Situation, schimpfte er in sich hinein. Dann ging die Tür auf. "Na endlich." Aber diesmal blieb Penni anschließend nicht mitten im Zimmer stehen wie eine Schaufensterpuppe, die umdekoriert wird. Sie hatte schon im Bett gelegen und war sofort wieder unter der Decke.

"Odysseus, du schon wieder?"

"Wer sonst sollte es denn sein?"

"Ich meine: Schon wieder?"

"In der Bibel heißt es: Ihr wißt weder den Tag noch die Stunde, wann der Herr kommt. Doch der Herr kommt täglich."

Penni kicherte ins Kissen und sah ihm aus den Augenwinkeln zu, wie er sich bemühte, schnell aus Hemd, Hose und Schuhen zu kommen. Und konnte ihm nicht ersparen: "Aber heute ist doch programmfreier Tag, hat der Herr Reiseleiter gesagt."

So ging der Dialog noch ein Weilchen weiter, während Happy sich zu ihr legte. Scherze, Worthülsen. Als hätten sie das Bedürfnis, sich einen Ausgleich zu schaffen für das Schweigenmüssen beim geselligen Zusammensitzen nach dem Abendessen. Da war von außerprogrammmäßig die Rede und von lieber unmäßig als mäßig. Auch von der strengen Forderung des Unternehmens, die Reisenden gleichmäßig zu behandeln, besonders die Damen im unterschiedlichen Alter, wie es in der Dienstanweisung hieß. Und davon, daß das so oder so, keusch oder unkeusch, über seine Kräfte gehen würde. Da waren plötzlich die älteren Damen der Gruppe mit im Bett, mit vielen fröhlichen Ohgottohgotts bedacht. Penni wollte ihm auch die jungen Ehefrauen als Sonderangebote präsentieren, doch er lenkte schnell ab, sprach nur noch von ihr, hatte viele schöne Namen für sie, nannte sie auch wieder "mein lecker Paketchen". Sie wußte, was danach kommen würde, und versuchte, ihm den Mund zuzuhalten. Und mußte es sich doch anhören: "Mein Speckengelchen. Du mein Speckengelchen." Und er griff ins Fleisch wie von monatelanger Seefahrt zurück. Und küßte es ab. Und hatte plötzlich nicht Hände und Lippen genug - und Stacheln.

9.

Der chinesische Reiseführer freute sich unübersehbar, seinen deutschen Gästen den größten Platz der Welt vorstellen zu dürfen, den Tiananmen-Platz. „Als ob Größe an sich schon was wäre“, zischte Happy vor sich hin. Während Herr Li zeigte, daß er Bescheid wußte: "In Deutschland besser bekannt unter dem Namen Platz des Himmlischen Friedens."

Ja, schluckte Happy seinen Kommentar: Und das besonders seit dem Massaker vom Juni 1989. Damals hat die Weltpresse versagt, ärgerte er sich, weil er mit den damals umgebrachten und eingesperrten Studenten fühlte. Da hat sie versäumt, den Platz umzubenennen in Platz des Höllischen Massakers. Da war die Gelegenheit gegeben, eine Wortsetzung vorzunehmen und international durchzudrücken. Wer, wenn nicht die Presse, hat diese Macht. Aber die Presseleute blieben hündisch gehorsam am Platz des Himmlischen Friedens kleben. Wie sie an jedem kuriosen Ausdruck kleben bleiben, ohne einen Gedanken an seine Berechtigung zu verschwenden. So war das mit der Isolationsfolter und mit dem Berufsverbot und viel früher schon mit der Schutzhaft und mit dem Volksschädling.

Vierundvierzig Hektar groß sei der Platz des Himmlischen Friedens, erklärte der Führer. Und er schließe gleich an das südliche Tor der Verbotenen Stadt an, wie der Kaiserpalast früher hieß. "Dieses Tor heißt Tor des Himmlischen Friedens, und von diesem Tor aus hat unser Staatsvater Mao Zedong am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik China ausgerufen. Deshalb hängt dort heute das große Bild Mao Zedongs. Danach hat man den Platz auf die vierfache Größe gebracht. Eine Million Menschen faßt er heute."

Happy kam sich wieder so verloren vor in der gewaltigen Ödnis wie bei früheren Besuchen. Die staatstragenden Kästen in weiter Entfernung rundum, der Obelisk in der Mitte wie ein Zeltmast ohne Plane. Das alles schien ihm kleingemacht durch die Weite des Platzes. Genau wie man selbst. War das wohl die eigentliche Absicht dieses Gigantomaniestreichs? Bei aller Größe klein auch das Mao-Mausoleum. Natürlich genau auf die Südachse gebaut, die seit eh und je hier eine große Bedeutung hat, wie er wußte. Ein Gebäude, das aussieht wie die Neue Nationalgalerie in Berlin. Ein Stück Mies van der Rohe mit nur sehr dezent angedeutetem Pagodendach. Und davor in vielen langen Windungen die Schlange der Menschen, sicher einige tausend, die in das Mausoleum hineinwollen. Ein chinesischer Wunschtraum: Einmal im Leben hier stehen, etwa zwei Stunden in der Sonne ausharren und mit kleinen Schrittchen allmählich vorrücken, um dann zehn Minuten durch das Mausoleum zu ziehen, natürlich niemals verweilen zu dürfen, auch nicht in stummer Andacht. Aber immerhin den Großen Vorsitzenden von einst einbalsamiert im Schneewitchensarg bewundern zu dürfen.

Daß der Staatsvater, wie ihn Herr Li immer wieder nannte, im Unterschied zu seinen bedeutendsten Mitstreitern nicht in Europa studiert hatte, ja überhaupt nur ein einziges Mal im Ausland war, in Rußland, das erfuhren die Touristen nur auf Nachfrage. Dafür erzählte ihnen ihr Führer um so lieber von den Menschen, die aus ganz China hierher gepilgert kämen, vor allem einfache Menschen aus der Provinz. Hier sind also Begriffe wie einfacher Mensch und Provinz noch keine Schimpfwörter, verstand Happy. Ob denn Maos politische Überzeugungen immer noch Geltung hätten, wollte der Computermann wissen, wo man doch längst eingesehen habe, daß der von ihm propagierte Große Sprung ein Reinfall war.

"Genau wie die Kollektivierung der Landwirtschaft," wußte der Schiffsingenieur beizutragen. Was Happy wie ein billiges Sich-Anbiedern vorkam.

"Und daß die von Mao ausgelöste Kulturrevolution sogar eine Katastrophe war", ergänzte der Apotheker.

"Erst recht die Hundert-Blumen-Kampagne, durch die die kritische Intelligenz des Landes vernichtet worden ist." So die ältere Dame aus Köln.

"Doch, doch, Maos Politik gilt immer noch", meinte der örtliche Führer treuherzig, "nur wirtschaftlich hat man jetzt einen anderen Kurs eingeschlagen."

Die Gruppe war damit zufrieden, und Happy schwieg vorsichtigerweise. Er wollte noch öfter nach China kommen dürfen. So sagte er nichts von Radio Eriwan, das er hier zu hören glaubte, und nichts von der Prozession im Wallfahrtsort Lourdes, die ihm seine Augen vormachten, auch nichts von der Schlange, die nun einmal das Signum des Sozialismus sei, hier allerdings einmal ganz anders. Ja, schlangestehen, um was zu essen zu kriegen, müssen die Chinesen nicht mehr. Zumindest das hat er geschafft, der Staatsvater: Seine Kinder verhungern nicht mehr. - Nun sind die aber auch ungewöhnlich anspruchslos. Ja, und die vielen Millionen Chinesen, die durch Maos politische Experimente umgekommen sind, essen ihnen auch nichts mehr weg. - Ach, reg dich nicht auf, Happy. Alles nur Nervensache. Wie du es ganz selbstverständlich genießen kannst, daß Rinder und Schweine, Hühner und Enten und Gänse für dich abgemurkst werden, so können Staatsführer es genießen, daß Menschen für sie geopfert werden. Man sagt einfach nur: Ihr Pech - und läßt es sich gutgehen. In Asien gilt es nun mal nicht, unser griechisch und christlich geprägtes Menschenbild.

Gerade sprach der örtliche Führer vom ptolemäischen Weltbild, das hier keine Geltung gehabt habe. Nein, hier habe man die Vorstellung gehabt, daß der Himmel rund und die Erde quadratisch sei. Und mittendrauf liege China. "Deshalb heißt China ja das Land der Mitte. Und wenn auch die Hauptstadt Peking nicht mitten in China liegt, sondern sehr am Rand, so wie Bonn und Berlin, so mußte doch auch die Hauptstadt quadratisch sein. Und der Kaiserpalast mittendrin auch." Und ließ seine Touristen unter dem blau-grauen Rock des freundlich dreinblickenden Riesen-Mao durch das südliche Tor in den Palast hineingehen. "Der Palast heißt heute noch die Verbotene Stadt. Aber heute darf jeder hinein, anders als früher, zur Zeit der chinesischen Kaiser, also bis zum Jahre 1912, als der letzte Kaiser, der Kindkaiser Puyi, abdanken mußte. Die Jungchinesen unter der Führung von Dr. Sun Yatsen hatten ihn mit ihrer Revolution dazu gezwungen. Aber das wissen Sie ja sicher alles schon."

Allgemeines Nicken rundum. Man wollte endlich sehen, was hier zu sehen war. Das war dann leider so gut wie nichts. Hohe Tore, ja, auch fast leere Hallen, Plätze voller Menschen, schönes Pflaster, wunderschön geschwungene Dächer mit gelben, glasierten Ziegeln. Doch genau besehen nichts als Menschen, Menschen, Menschen und Steine, Steine, Steine. Daß die Dächer so schön glänzten, war nichts Besonderes; die Gesichter der Leute glänzten genauso. Nicht vor Begeisterung, sondern vom Schwitzen. Auch die Sonnenhitze hatte trotz der Dreckluft ungehinderten Zugang zur Verbotenen Stadt, zu den vielen weiten und kleineren Plätzen, die zwischen all den Toren und Hallen lagen.

Dächer, Dächer, begeisterte Happy sich. Dieser Jubel der Glasur, der hellglänzenden Dachziegel. Und unterbrach sich schnell selbst: Diese Vorherrschaft der Oberfläche, der schönen Abdeckung, darf ich sie denn einfach schön finden? Ist das wirklich nur ein gutes Fotomotiv? Muß nicht das Allzuglatte, das Gelackte einer Kultur immer zu denken geben? Erst recht, wenn man feststellt: Alles leer, die alte Kultur ist dahin, aber der Lack noch lange nicht ab. Doch so irritiert er sich umsah: Da war kein hinkender Teufel im Anmarsch, der die Dächer abdeckte. Der aufdeckte, wie die Menschen leben, was sie zu verstecken trachten, der alles entdeckte. In dem Moment war Happy wieder sehr zufrieden damit, daß er sich so zurückhalten mußte, daß er alle Erklärungen dem örtlichen Führer zu überlassen hatte. Mich bedeckt halten, sagte er sich. Und hatte plötzlich Lust, in ein teufliches Lachen auszubrechen. Aber auch das ließ er nicht raus.

Da fiel ihm auf, daß er den Anschluß an die Reisegruppe verloren hatte. Nur Penni war in der Nähe. Und sie kam einfach zu ihm, ging ganz selbstverständlich mit ihm weiter, an seiner Seite, entgegen der Abmachung. Fehlt nur noch, daß sie sich unterhakt, dachte er.

"Geh zur Gruppe", sagte er.

"Die Gruppe ist dein Bier, nicht meins."

"Du weißt, was wir verabredet haben."

"Ach, Odysseus, geredet haben wir schon so viel, aber -", griff sie nach seiner Hand und sprach nicht weiter.

"Und sag nicht immer Odysseus zu mir", wechselte er schnell das Thema.

"Aber das ist ein sehr schöner Name. Und er paßt zu dir. Paßt viel besser als Happy - und ist nicht so albern, nicht so amerikanisch kitschig."

"Hier bin ich Reiseleiter, und mein Reiseleitername ist Happy", riß er sich los, ließ er sie stehen: "Pardon, Penni, aber da drüben ist die Gruppe."

An einzelnen Gebäuden große Tafeln mit Erklärungen in chinesisch und englisch. In den Hallen hohe Säulen und sonst fast nichts. Kaum was an Einrichtung hat sich erhalten, wunderten sich die Besucher. "Das, was Sie da sehen, hat sich eigentlich auch nicht erhalten, das ist später wiederbeschafft worden", gab Herr Li zu. "Nein, in der Kulturrevolution ist hier nichts zerstört worden. Es war ja längst nichts mehr da." Daß die Leute gleich nach der Abschaffung des Kaisertums alles geplündert und ruiniert hätten, bedauerte er wortreich. Und dann sei die Palastanlage lange Zeit ein Spielplatz der Kinder gewesen, später dann sogar Soldatenunterkunft. "Ein Jammer."

Happy hielt sich ein wenig abseits. Dieses pekinesische Lamento des zu spät entwickelten Bewußtseins für Kulturgüter kannte er schon. Das hatte er analog in Ägypten oft genug gehört. Auch in Mittelamerika. Bei jedem örtlichen Führer das gleiche. Er beobachtete einen Aufseher, der einen Familienvater mit Zigarette erwischt hatte. Gerade erst hatte der Mann sich die ersten zwei Züge geleistet, da war der Wächter schon zur Stelle. Er zeigte auf eines der überall angebrachten Rauchverbotsschilder und sich im übrigen von den jammernd vorgetragenen Einwänden des Mannes unberührt. Die Zigarette ausmachen! Und dann nahm er dem Familienvater auch noch zehn Yuan Strafgeld ab, mit kaum unterdrücktem Triumph. Überall dasselbe, ärgerte Happy sich: Genossen haben nicht viel füreinander übrig. Nun ja, das sind für uns drei Mark. Was ist das schon? Aber dafür muß der arme Kerl tagelang schuften. Selbst schuld, schließlich steht doch überall deutlich angeschlagen, daß hier Rauchverbot herrscht. Nur - wozu dieses Verbot? Sein Sinn kann nur im Abkassieren liegen; denn eine Brandgefahr ist für diese Steinwüste wohl nicht anzunehmen. Also Willkür. - Ach, hör auf, Happy, laß die Chinesen ihre Probleme selbst lösen.

Und lenkte sich schnell ab: Das muß man den Chinesen ja lassen: Sie wissen sich zu helfen. Den Schirm haben sie immer dabei. Dient er gerade mal nicht als Schutz vor dem Regen, dann dient er als Schutz vor der Sonne, die sich durch den Immer-und-überall-Smog hindurchzwängt.

Erst kurz vor dem Nordausgang wurde die Palastanlage erträglich. Nicht mehr nur Hitze, schattenlos, und heißer Stein. So überraschend wie nach einer Wüstenwanderung empfingen rechts und links oasengleiche kleine Parks die müdgelaufenen Touristen. Und endlich gab es Interessanteres zu sehen als die abertausend chinesischen Besucher: Bäume, so uralt und verkrümmt, halbausgehöhlt und mit viel Teerprothetik daherkommend, auf Stöcke gestützt, aber so ehrfurchtheischend in ihrer Runzelhaut, daß Happy sie am liebsten mit Herr angeredet hätte. Und dazwischen Wasser, winzige Teiche mit Goldfischen. Viel Blattwerk und Blühendes drumherum. Und vor allem: endlich Schatten.

Am Nordausgang sammeln, so war verabredet. Vom Kaiserpalast aus dann nur ein paar hundert Meter gehen, um den zwei Straßen weiter abgestellten Bus wieder zu besteigen. Und ab zum Flugplatz. Das Nordtor des Palastes liegt ja fast schon am Weg dorthin. Der örtliche Führer drängte zur Eile. Sie hatten sich zu lange in der Verbotenen Stadt aufgehalten.

Das also war Peking, konnten die deutschen Touristen abhaken. Dabei sahen sie sich eifrig nach allen Seiten um, hamstergierig mitnehmend, was sich den Augen und Kameras auf dem Weg zum Bus noch bot. Die Baustellen überall, die Monotonie der Mietskasernen für die Leute aus den abgerissenen Hofhäusern, die aberwitzig modern gestylten Hotelpaläste. Und so wenige Privatautos. Und so gut wie gar keine Motorräder. Weil es dafür einfach keine behördliche Zulassung gibt. So was fällt einem natürlich erst auf, wenn man darauf hingewiesen wird, wußte Happy. Aber er wollte sich nicht einmischen. Noch war Herr Li zuständig. Immer fair play, sagte er sich - und deshalb nichts.

Sagte auch nichts zu den Ständen der Melonenverkäufer, die sie überall an den Straßen sahen. Immer das gleiche Bild: Ein provisorisches Zelt und darin und davor zentnerweise die grünen Kugeln auf dem Boden ausgelegt, in großen Haufen. Meist auch ein paar gelbe Honigmelonen dabei. Und im hinteren Teil des Zeltes ein altes Bettgestell. Das hieß, der Verkäufer schläft dort nachts. Schläft unruhig und halbwachsam. Denn er kann natürlich diese schweren Lasten nicht am Abend einsammeln und nachhause transportieren. Diese Melonenstände sind also ständige Einrichtungen. Sie sichern die Grundversorgung der Bevölkerung mit Flüssigkeit. Sie sind damit so was wie die Vorläufer unserer Getränkeabholmärkte, nur nicht so teuer und nicht so weit draußen. Da kam gerade wieder eine Frau und suchte sich eine Melone aus, mit kritischem Blick und Fingerdruck, und bezahlte und klemmte dann die grüne Kugel auf dem Gepäckständer ihres Fahrrades fest und fuhr heim, um das Mittagessen zu machen. Mal was Typisches, und kein Mensch macht ein Foto, ärgerte Happy sich.

Was sind das nur für Menschen, diese Reisenden? Ein Tourist ist sicher die höchstentwickelte oder tiefstverkommene Spezies des Konsumenten. Er muß alles sehen, alles haben, er nimmt sich alles – und bekommt deshalb nichts. Trotzdem findet er alles sehr schön, da gibt es nichts. Das einzige, das ihn stört, ist die Masse der Touristen. Weil sie ihm immer wieder ins Bild laufen, die Blödels.

Über solchen dienstplanwidrigen Gedanken hätte Happy beinahe vergessen, die Trinkgeldsammlung für die chinesischen Freunde anzumahnen. Er nahm schnell zwei Briefumschläge aus seiner Reisetasche und schrieb auf den einen den Namen des Führers, auf den anderen den des Fahrers, gerade so, wie er sie verstanden hatte, und ließ die Umschläge im Bus weitergeben. Sein Hinweis über Buslautsprecher: "Bei der Gelegenheit können Sie auch die Scheine mit den schönen Doppelporträts, das chinesische Normalgeld, den Renminbi, loswerden, den Sie vermutlich als Wechselgeld erhalten haben. Immer nur weg damit! Sie können ja in den Hotels und Restaurants und großen Geschäften nur mit dem Touristengeld bezahlen, das auf der Rückseite stehen hat: Foreign Exchange Certificate." Der örtliche Führer nahm ihm diesmal nicht das Mikrophon weg.

10.

Der Hauptstadt-Flughafen kündigte sich mit einer makellos neuen Allee an, dann auch mit riesigen Reklametafeln neben der Straße. Raus aus dem Bus und schnell hinein in die Abflughalle und Anstellen zum Einchecken des Gepäcks. Plötzlich diese Hektik. Aber alle machten kritiklos mit. Allesamt erfahrene Reisende, stellte Happy fest, sehr angenehm. Dann saßen sie auch schon im richtigen Warteraum. Und sie warteten und warteten. Und wußten nicht, warum alles so lange dauerte. Und erfuhren schließlich, daß sich ihr Flug um vier Stunden verzögern werde. Erfuhren aber nicht, warum.

Schließlich wieder hinaus gebeten aus dem Warteraum und hinaus aus dem Flughafengebäude und hinein in einen Bus. Und kurze Fahrt zum Restaurant. Und das war dann kein Restaurant, sondern ein typisch sozialistisches Kulturhaus. Für Veranstaltungen aller Art, außen wie innen grau und häßlich und schmuddelig.

Das habe ich schon ganz anders erlebt, dachte Happy. Und erinnerte sich an das fürstliche Mahl, das die SAS seiner Reisegruppe einmal in einem dänischen Schloß geboten hatte. Wie hieß es noch? Weiß ich leider nicht mehr. Ein Festmahl, weil sich ein Abflug von Kopenhagen um einige Stunden verzögerte. Unter Gemälden, die man sich nicht in Ruhe ansehen konnte, die lange Tafel im Prunksaal des Schlosses, mit feinstem Geschirr und vielen silbernen Kerzenleuchtern bestückt. Da saß man ganz fremd herum. Aber anders befremdet als hier. Mit einem eigenen Kellner im Frack hinter jedem zweiten Stuhl. Mit beinahe endlos hereingeschleppten überquellenden, silbernen Platten. Fleisch, Fisch und Geflügel, soviel man nur wollte. Und die schönsten Gemüse. Und Obstkaskaden wie auf einem alten holländischen Stilleben. Da hätte ich sagen können: Und sie erhoben die Hände zum leckerbereiteten Mahle. Wahrhaftig, ein Aufwand wie bei einer Hochzeit. Und die Aquavitgläser waren so schnell nachgefüllt wie ausgetrunken. Aber das ist ja auch schon viele Jahre her. Seitdem sind die Reisenden viel mehr geworden. Je größer ihre Zahl, um so mehr werden sie zu Nullen. Selbst schuld. Das sind unsere Lieblingsbeschäftigungen: Immer mehr reisen und immer mehr fernsehen. Und dabei einfach ignorieren, daß das Fernsehen das Reisen im selben Maße überflüssig werden läßt, wie das Reisen das Fernsehen. Gegenläufige Tendenzen. Wenn wir dabei die Arbeit noch weiter reduzieren, werden wir zu einsinnigen Menschen. Nur noch Reise- und Fernseheindrücke sammelnd. Alles andere ist nackte Notdurft.

"Dort ist der Aufenthaltsraum, dort sind die Toiletten." Happys Leute ließen sich in den Kunststoffsesseln im kahlen Saal des Kulturhauses nieder, wirklich vorbildlich in ihrer Geduld. Von fünf großen Ventilatoren umzingelt, in ihren Wind eingehüllt. Eine nagelneue Bestuhlung, stellten sie fest. Die Sesselbeine noch nicht alle ausgepackt, amüsierten sie sich über die Wellpappenstrümpfe. Auf dem Flur war ein großer Kessel aufgebockt, aus dem man sich soviel grünen Tee zapfen konnte, wie man wollte. Sehr heiß. Und Säfte in Pappkartons gab es, mit angeklebtem Strohhalm. Und die kleine lebhaft perpendikelnde Uhr an der Wand zog und zerrte die Zeit hin und her und dehnte sie wie Kaugummi. Endlich wurden Kunststoffpackungen à la McDonald's herangeschleppt und gegen Vorzeigen der Bordkarte verteilt: Reis und ein bißchen Fleisch in praktischer Bröckchenform, mit ein wenig Selleriegemüse.

Die Hauptsache, es füllt die Stunden. Das beste an dieser öden Insel, auf die es uns verschlagen hat, resümierte Happy, sind die Winde, die uns unermüdlich streicheln und tröstend besäuseln. Er hatte sich ein wenig abseits gesetzt, vor Verlegenheitsgesprächen geschützt, und überließ sich den Winden, dem Perpendikel und dem grünen Tee, der in seiner Hand langsam kälter wurde.

Als die Gruppe nach nur zwei Minuten Busfahrt wieder im Flughafen ankam und endlich ins Flugzeug einstieg, wurde Happy klar, was sie erlebt hatten. Aber er hütete sich, es seinen Leuten zu sagen: Da waren einfach zwei Flüge, die nicht vollgebucht waren, zusammengelegt worden. Jetzt lohnte sich der Flug: Die Maschine war bis auf den letzten Platz besetzt. Also auf nach Chinesisch-Südwest, auf nach Xi'an!

Ein Flug, das ist der seelenzerrende Spagat zwischen dem einen Erleben und dem anderen, der Moment zwischen den Zeiten. Eine Leerstelle im Stakkato, die sogleich von der Erinnerung okkupiert wird. Er sah Penni in der Reihe vor sich sitzen. Sie hatte ihn beim Einsteigen nur einmal kurz angeguckt, wie zufällig mit dem Blick gestreift. Für ihn hieß das: Guten Flug, mein Lieber! - Danke, konnte er nur denken. Danke auch dafür, daß du mir nicht übelgenommen hast, wie ich dich im Kaiserpalast einfach stehengelassen habe. Einfach meine Hand zu nehmen, öffentlich, in der Verbotenen Stadt. Verboten. Ein ganz großes, generelles Dankeschön für dein Verständnis, Penni. - Wie hatte er sich gewundert, daß sie so leicht zu dieser Reise zu überreden war. So einfach hatte er sich das nicht vorgestellt. Wofür nur hatte er lange hin und her überlegt, sich viel zu viele Schwierigkeiten in den Weg gelegt, Argumente gesammelt. Da glaubt man als Reiseleiter, ein Frauenkenner zu sein, und dann so was. Sofort mit mir einig. Überhaupt nichts daran auszusetzen gehabt, sofort damit einverstanden, ganz kurzfristig die Chinareise zu buchen, für die man mich als Reiseleiter eingesetzt hatte. Für sie wahrhaftig ein Last-minute-Angebot, allerdings ohne Preisnachlaß. Im Gegenteil. Sie hatte natürlich zur Bedingung gemacht: In jedem Hotel Einzelzimmer. Aber gern, aber gern. Versprochen.

"Ich wußte gar nicht, daß du chinesisch kannst. Du bist ja ein wahrer Tausendsassa", hatte sie gesagt, bei dem Telefonat vorletzte Woche.

Und er hatte dieses Thema schnell abgetan: "Nun fang du nicht auch noch damit an. Das mit den Sprachkenntnissen wird immer nur von Laien wichtiggenommen. Ja, ich kann ein paar Brocken chinesisch. Aber nur so zum Spaß gelernt. Denn ich brauche in China kein Chinesisch, wie ich in Ägypten kein Ägyptisch gebraucht habe. Die einheimischen Führer, die uns überall zur Verfügung stehen, können ja deutsch. Und in den Hotels und Flughäfen kommt man mit englisch zurecht. Das ist die internationale Lakaiensprache. Eine ganz andere Frage: Ist dir das auch wirklich nicht zu teuer?"

Und sie hatte geantwortet: "Teuer? Ja, das ist es. Sehr teuer sogar. Aber ob zu teuer oder nicht, das hängt ganz von dir ab."

"An mir soll es nicht liegen", hatte er aufgetrumpft, "ich bin so ausgehungert nach Liebe, das kannst du dir gar nicht vorstellen."

"Und ob ich das kann. Ich stelle mir das sehr schön vor."

"Ich mir auch. Aber kein Mensch darf was davon mitkriegen, verstehst du. Kein Mensch. Sonst fliege ich raus."

"Ganz klar. Das Versteckspiel kennen wir ja noch von Ägypten her. Also the thame procedure as last year. War doch köstlich."

"Ja, aber die Reise war kürzer, gerade nur zwei Wochen. Und es war ja erst am Beginn der zweiten Woche, leider erst so spät, daß wir uns nähergekommen, ich meine, daß wir zusammengekommen sind. - Aber jetzt liegen volle vier Wochen Reise vor uns."

"Um so schöner."

"Vier Wochen, die wir fremd tun müssen, uns mit Frau Dingsbums und Herr Dingsda anreden müssen."

"Also willst du nun, daß ich mitkomme, oder willst du nicht?"

Und er hatte noch ein paar Mal bestätigen müssen, wie lieb ihm das wäre, wie er sich schon graute vor all den belanglosen Leuten, die er ständig um sich herum hätte, und daß er es so schrecklich fände, wie selten sie sich zu sehen bekämen, einfach zu weit voneinander weg, er in Mannheim und sie in München, und daß er ja nie das Geld übrig hätte für die Fahrt, und sie ja so wenig Freizeit und wie er sich auf sie freute ...

"Gut, dann fahr ich mit dir ins Reich der Mitte." Also sprach sie und band sich unter die Füße die schönen goldnen ambrosischen Sohlen. So homerisch hat es in mir gejubelt. Und nun ist sie da, nur noch eine Sitzreihe von mir entfernt, nun ist sie ganz für mich da. Und sie hat nicht gesagt, daß ich sie doch nur als meinen Sexualproviant mitnehmen wolle und daß sie sich dafür zu schade sei. - Lieb bist du, einfach lieb, Penni.

Eine gescheite moderne Frau versteht halt sofort, daß es für mich als gesunden Mann unzumutbar wäre, vier Wochen lang durch China zu reisen und dabei keine Frau zu haben. Sie kennt ja meinen Körper. Sie weiß, was ich brauche und was ich leisten kann. Wie kann ich als Reiseleiter wissen, was die nächste Gruppe in der Hinsicht zu bieten hat? Das Risiko ist einfach zu groß. Wenn ich nur an diese Venezuela-Tour denke. Eine Künstlerinnengruppe aus dem Raum Heidelberg und Mannheim. Warum nicht Künstlerinnen, hatte ich mich gefreut. Und dann waren das nur alte Frauen. Damen zwar, aber doch viel zu alte Frauen. Und die einzige, die nicht zu alt gewesen wäre, machte besonders deutlich auf Dame. Vielleicht war sie auch nur zu gut verheiratet mit ihrem Spitzenmanager der Wirtschaft, wie sie ihn bezeichnet hatte. Ein einziges Desaster. Besser man hat vorgesorgt, hat alles Notwendige bei sich. Und wenn dann wider Erwarten was Passendes in der Gruppe sein sollte, nun gut, man hat doch zwei Hände zum Streicheln.

11.

Mit der anderen Hand eine andere streicheln, sozusagen eine Frau zur linken Hand, nein, das könnte ich mit Penni nicht machen. Penni ist anders. Schon bei dem Busausflug von Kairo nach Memphis - da hatten wir die rund tausend Kilometer lange Schiffstour auf dem Nil ja noch vor uns - schon bei dieser ersten Exkursion war sie mir aufgefallen. Wie sie mich angestaunt hat. Zunächst wohl nur wegen meiner etwas ungewöhnlichen Art, der Gruppe von sogenannten Studienreisenden die Altertümer Ägyptens vorzustellen. Ich hatte so was gesagt wie: Als Alexander noch der junge Fant und nicht der Große war, hat er hier seine Herrschaft errichtet, in der uralten Königsstadt Memphis. Und er soll hier einen Ausspruch getan haben, mit dem er, wenn es denn wahr wäre, den Berliner Public-Relations-Trick von Kennedy vorweggenommen hätte: Ich bin ein Sohn des Amon-Re. Das hatte bei der jungen Münchnerin Eindruck gemacht, unübersehbar.

Und dann mein Kurzvortrag in Sakkara: Nein, vierzig Jahrhunderte schauen nicht auf uns herab, wie Napoleon beim Anblick der Pyramiden vor seinen Soldaten geprahlt haben soll. Sagen wir lieber ganz schlicht: Hier trampeln wir mit unseren Schuhen auf vierzig Jahrhunderten herum. Denn was hier zur tollen Touristenattraktion geworden ist, das ist eine altehrwürdige Nekropole. Der Sand auf und inzwischen auch in unseren Schuhen und zwischen unseren Zehen ist uraltägyptisches Gebein, von den Jahrhunderten feingemahlen. Jetzt von uns wieder in Bewegung gebracht. Wenigstens dazu sind wir nütze. Wir machen Geschichte spürbar.

Den zweiten Ramses habe ich als eine Hybridform der Spezies Pharao bezeichnet. Weil er das schöne deutsche Sprichwort bestätigte: Der Name der Jecken steht an allen Ecken. Was in seinem Falle aber mit Verständnis aufgenommen werden müsse. Soll der große Ramses doch ein Meter und zweiundvierzig kurz gewesen sein. - Wie sie mich angesehen hat. Das tat gut. Das ließ mich zu immer gewagteren Bildern greifen.

Beispielsweise in der sogenannten Teppichweberschulen, wo Kellerkinder mit ungeheuer flinken Händen vor riesigen Webrahmen hockten. Über ihre ausdruckslosen Augen mußte man hinwegsehen. Auch über die um so deutlicheren Hungergesten, die sie machten, sobald die Aufseher einmal wegsahen. Das als Schule zu bezeichnen, eine Unverfrorenheit. Raus aus dem Souterrain des Leidens und hinauf in die prächtigen Hallen, wo fleischkloßige Bosse zwischen Prachtstapeln von Teppichen thronten. Mineralwasser und Säfte wurden angeboten. Und niemand aus der Touristengruppe griff zu, obwohl wir mit dem mehrfachen Hinweis bedrängt wurden, die Getränke seien natürlich kostenlos und unverbindlich. Die Ägypter hatten kein Verständnis dafür, daß wir diese Erfrischungen ablehnten. Wo doch der Tag so heiß. Kein Verständnis für die schwachen Nerven von Touristen, die heimlich befürchteten, den Kellerkindern was wegzunehmen. Brave Leutchen, diese Touristen. Zu brav. Groß rauskommen werden sie damit nie, ins Fernsehen schon gar nicht. Auch die junge Münchnerin nicht. Penni, die mit nassen Augen hinauslief.

Die nächste nervende Konfrontation mit der ganz anderen Welt beim Mittagessen: In dem Restaurant nahe den Pyramiden schauten uns die Kellner vorwurfsvoll an, weil niemand von den bunten Salaten nahm, die so liebevoll zubereitet lockten. Aber diesmal war es die Angst vor dem Krankwerden. Sie war stärker als der Appetit. Die Devise, die um den Tisch lief, hieß: Koch es oder brat es oder laß es! Jeder hatte sie jedem anderen als guten Rat fürs Verhalten in exotischen Ländern serviert. Ein übler Aperitiv. Aber vermutlich hat er uns vor der ersten großen Übelkeit bewahrt.

Dann bei den Pyramiden, da hatte Penni auf einmal neben mir gestanden. Und ich hatte sie gefragt, nur sie, ganz leise: Was soll man mehr bewundern, die unverwüstlichen Pyramiden oder die wunderbar weichen Tatzen der Dromedare, wie sie um jeden Stein herumgreifen und dabei kleine Staubwölkchen aufpuffen lassen? Mir war schon am ersten Tag aufgefallen, daß die Münchnerin beim Gehen die Füße etwas stärker nach außen gewinkelt setzte. So etwa zehn nach zehn. Ein trockener Mediziner würde auf Senkfuß tippen. Für mich wirkte das eher erotisch. Weil es die gleichzeitige leichte Öffnung der Schenkel andeutete, die weichen, weißen Innenseiten nach vorne gekehrt, einladend. Aber darüber konnte ich da noch nicht mit ihr sprechen. Nur über die Tatzen der Dromedare, die weichen. Daß ich mir vorstellte, einmal liebevoll dromedarisch gestreichelt zu werden, mit den sanften Vorder- und Hintertatzen gleichzeitig, in unmöglicher Stellung. Ach, Penni, allzu deutlich zu sehen, wie recht es dir war, daß wir in dem Moment gestört wurden. So schön verwirrt, wie du warst.

Damals konnte ich dir das ja noch nicht erklären. Diesen sonderbaren Zwiespalt in mir, dieses Hin- und Hergerissensein zwischen dem Positiven und dem Negativen. Einerseits möchte ich meinen Leuten alles geben, ihnen ein wirkliches Erlebnis vermitteln, andererseits finde ich diesen ganzen Krampf, diese touristische Welteroberung so lächerlich, daß ich mich nur in dieses Ironisieren und Kritisieren retten kann. Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust? Ja, so kann man es auch nennen. Oder ich nenne es einfach das weibliche und das männliche Element in meiner Psyche. Ist doch jeder mehr oder weniger androgyn. Aber dann ist in mir die ironische Kritik das Männliche. Diese Seite möchte lieber anders erobern. Diese Seite war es damals, die Penni gleich für mich eingenommen hatte. Unübersehbar. Und Ägypten bot mir ja genügend Gelegenheiten zum Mich-Drüber-Stellen.

Im Papyrus-Institut genau wie zuvor in der sogenannten Webereischule nur eine knappe Demonstration des Herstellungsverfahrens, dann aber schnell zu den Produkten. Etliche Räume voll von bunten Bildern. Göttinnen mit kess entblößten Brüsten oder im Tanga oder mit bis über den Bauch hinauf aufklaffendem Kleid. Wer da nicht zugreift, ist kein richtiger Tourist, hatte ich mir nicht verkneifen können zu sagen. So schön bunt alles. Mir wurde es schnell zu bunt.

Das um die liegende Ramses-Il-Statue gebaute Haus war für mich ein Exzeß der Nüchternheit. Doch halt, so hatte ich die Gruppe um mich versammelt, hier, gleich neben dem steinernen Pharao enthält die Halle immerhin noch etwas Bedeutendes: einen Feuerlöscher, einen genauso altehrwürdigen. Und niemand außer mir konnte darüber lachen. Ein Feuerlöscher. Wenn auch nichts Brennbares in diesem Museumsbau zu finden war, absolut nichts, nur Stein auf Stein und Stein um Stein. Bis auf den Stuhl des Aufsehers neben dem Eingang.

Das ist noch kein ganzes Jahr her, und doch gilt er schon nicht mehr, der treuherzige Satz, den ich meinen Leuten damals aus dem Uralt-Baedeker vorgelesen hatte. Daß die schändliche Neigung zu Gewalttätigkeiten, die in vielen zivilisierten Ländern vorherrsche, in Ägypten völlig unbekannt sei. Jetzt sind Gewaltakte gegen Touristen in Ägypten zur Methode politischer Agitation geworden. Jetzt möchte ich nicht noch einmal diese Reise machen müssen. Jetzt muß ich von der Erinnerung zehren. Und je unfriedlicher es wird in Ägypten, um so wertvoller wird mir dieser hirngespeicherte Schatz.

Ist doch dieses uns allen gegebene Reisebedürfnis in erster Linie der Versuch - neben der Flucht aus dem Alltag, neben der Renommierlust, neben der Partnersuche -, uns mit Erinnerungen zu munitionieren. Für den langen letzten Stellungskrieg, den Ruhestand, Lebensabend und was nicht alles an schönenden Ausdrücken uns für das geboten wird, was schlicht heißen muß: Das Verenden als Rentner.

Gleich zu Beginn der Schiffsreise auf dem Nil die Gruppenbesprechung mit dem ägyptischen Reiseführer. Die von ihm angekündigten Weckzeiten halb sieben und manchmal sogar schon halb sechs stießen auf ungläubiges Staunen. Daß man hier so mit der Zeit zum Ausruhen geizen müsse. Aber alle Zwischenbemerkungen wurden von ihm energisch unterdrückt. Uralte Herrenmentalität.

Beim ersten Aufwachen auf dem Nil - ist das nicht schon fast eine Tautologie? - sah ich einen Esel am Ufer. Der Fleck, auf dem er stand, auf dem er etwas rupfte, mit seinen grausam kurz aneindergebundenen Vorderbeinen ein bißchen zu hoppeln versuchte, dieser Fleck war sein Platz auf dieser Welt. Auf keinem Globus mit noch so feiner Nadel zu markieren. Laß das, hatte ich mir sagen müssen. Das bringt nichts. Wie auch der Blick auf die Wellen nichts bringt. Schon seit Jahrtausenden versuchen die Menschen, den Wellen etwas Besonderes abzusehen. Marinestücke en masse. Stets vergebens. Erst recht, wenn die Menschen selbst die Wellen machen. Es nützt nichts, die Welle zu mythologisieren. Die Deutung rückwärts bleibt bloß illustrativ, weil uns der Glaube der Alten fehlt. Poseidon passé. Und es nützt auch nichts, ständig neue Wellen zu entdecken: Lichtwellen, Ätherwellen, Magnetwellen, Radiowellen, Cyberwellen und was weiß ich. Die Welle ist eine Welle ist eine Welle. Und bleibt belanglos. Das ist überhaupt das einzig Bleibende an ihr, an diesem Sekundenoder Millisekundenphänomen. Und deshalb bringt es auch nichts, unser Leben mit einer Welle gleichzusetzen. Romantische Dichterei. Alles Quatsch. Das Leben ist zwar ein Wellenreiten, aber das findet auf der Oberfläche statt.

12.

Einen Fellachen am Nilufer gesehen, wie er die Archimedische Schraube drehte. Und der war ganz sicher nicht vom Fremdenverkehrsamt dort hingesetzt worden. Aber einen zweiten mit dem Gerät fand ich nicht. Nie mehr auf der ganzen langen Nilfahrt. Die geniale Erfindung des alten Griechen hatte ja auch einen gravierenden Nachteil: Man mußte arbeiten. Mit Dieselmotoren das Wasser auf die Felder hochzuhieven, ist viel bequemer. So tacker-tuckerte das neue Ägypten uns tagein und tagaus seine Begleitmusik zur Reise in die Vergangenheit.

Von heute statt von vorvorgestern waren auch die Passagiere. Die aus den anderen Gruppen waren darin nicht anders als meine. Oh Gott, auf dem Oberdeck zum Mithörer werden zu müssen. Das Schwyzerdütsch einer peinlich enthusiasmisierten Dame. Aus zwanzig Metern Entfernung war es ohne all die kurios anmutenden Kehllaute und bestand nur noch aus einer fröhlichen Aneinanderreihung von Vokalen. Beinahe wie Vogellaut, nur lauter. Und mit einem Husch-Husch ließ es sich nicht beenden. Und der Mann im Korbsessel, mit den Füßen auf der Reeling. Den Kopf ließ er dauernd hin und her wackeln, mit geschlossenen Augen. Wohl eine Art Kreuzfahrt-Hospitalitis. Manchmal wäre ich am liebsten mit geschlossenen Augen und Ohren herumgelaufen.

Ganz anders der Anblick der Einheimischen am Ufer. Einige aus meiner Gruppe sprachen von den Eingeborenen. Warum hätte ich das korrigieren sollen? Unser MS Nil Monarch fuhr nicht nur strahlendweiß und fünfsternig protzig an ihnen vorüber, es fuhr auch durch ihre Augen. Wie diese Männer dastanden. So monumental in ihren Galabijas, die sich leicht im Dauerwind bewegten. Die einzige Bewegung, die sie zeigten, während wir durch ihre Köpfe dieselten. Reise durchs Unbekannte.

Da war der Verkehr in Kairo für uns schon nur noch eine schaurige Erinnerung. Wo jeder herrisch hupte und niemand darauf reagierte. War ja auch unmöglich, zu orten, woher welches Hupen gerade kam. Ein Straßen und Ohren verstopfender Autoverkehr, der in derselben Weise ablief, wie der Fußgängerverkehr auf der Hohestraße in Köln: Völlig ungeregelt und sehr langsam, aber reibungslos. Macho-Stolz an Macho-Stolz wie Kot-Flügel an Kot-Flügel. Oder am Hosenbein. Jeder weiß, daß der andere es im allerletzten Moment doch noch vermeidet, ihn zu berühren. Deshalb dreht man sich nicht einmal als Fußgänger auf der Straße nach den Hupvehikeln um. Nur weg hier, hatte ich mir immer wieder gesagt.

Der Nil dagegen mit seinem unendlich gemächlichen Dahinziehen. Das ließ keinen aus der Gruppe unbeeindruckt. Immer nur der Fluß. Und wenn dann auch noch die Wolkendecke darüber in derselben Weise immer gleich bleibt, die Wolken im Fluß und der Fluß wie die Wolken, dann wird beim Blick zum Ufer hinüber das bißchen Grün zum dünnen Strich, wie zur Mittellinie einer Spielkarte, die ich umdrehen kann, beliebig umdrehen: Wasser über Wasser und nichts sonst, - und kein Tropfen fällt herunter.

So schnell konnte Sightseeing in Liveseeing umschlagen: Der einzelne Fellache am Ufer auf seinem Esel. Hinter ihm eine Frau mit einer großen Last auf dem Kopf, zwei kleine Kinder neben sich. Da hielt der Mann seinen Esel an, und sein Gefolge stoppte fast gleichzeitig hinter ihm. Als der Mann es sich einfallen ließ weiterzureiten, recht eilig auf einmal, mußten die Frau mit der Last und die Kinder rennen, um geziemend dicht hinter ihm zu bleiben.

Unser ägyptischer Führer Khaled sollte uns während der ganzen Reise begleiten. Das ließ die ägyptische Partnerfirma sich nicht nehmen. Warum hätte ich mich dagegen wehren sollen? Der Mann akzeptierte mich als Kollegen. Und wie. Gleich am zweiten Tag überzog er mich mit seinem besonderen Vertrauen: Ist ja nicht viel Prächtiges an Frauen, was du mitgebracht hast. Nur die eine mit dem kurzen dunklen Haar, die könnte brauchbar sein. Hast du gesehen, was die in der Bluse hat? Und die hat eine Einzelkabine gebucht. Das sagt doch schon alles. - Da hatte ich mir gesagt: Die mußt du retten.- Oder ist das nur eine nachgeschobene Erklärung? - Jedenfalls hat er mich damit Penni aufgedrängt. Dabei brauchte ich die späten Abende in meiner Kabine für die Vorbereitung der Besichtigungen des nächsten Tages. Ich mußte doch immer noch etwas mehr zu sagen haben als der ägyptische Führer. Die Karten und Brochüren und Pläne auf dem nicht benutzten zweiten Bett ausgebreitet, die wichtigsten Zahlen und Namen herausgepickt und mir eingeprägt, ein paar weiterführende Gedanken kurz angedacht: Das Kurzzeitgedächtnis bestückt. Nachher, als mir dazu die frühen Nachtstunden fehlten, wegen Penni, mußte Khaled bei den Führungen um so mehr bringen: Die Strafe für seinen Appetit anregenden Hinweis auf Penni.

Das Schiff hatte angelegt. Zwei Taue zum Land hin und ein Balken, der auf Abstand hielt, dazu ein schmaler Steg von der breiten Eingangstür des Schiffes geradewegs in die Gemüsefelder. Das war Beni Hassan. Der Vollmond stand hoch. Trotzdem absolute Schwärze um den Lichtprotz Schiff herum. Wir waren zu hell, um den Mond richtig zur Geltung kommen zu lassen. Wer sich selbst übertrieben illuminiert, sieht rundum nichts mehr. Vielleicht sollte ich mir das merken. Ach, Unsinn. Runter vom Schiff und ein Stück am Ufer entlang, hatte ich mir gesagt. Einmal allein, ins tiefdunkle Land hinein. Und langsam, ganz allmählich wurde mir der Vollmond zu einer Mitternachtssonne. Die zwei großen Himmelslichter, einander so ähnlich und doch so verschieden, die Zwillinge, die schon immer die Menschen in Erstaunen versetzt haben, nur zu verständlich, daß sie ihnen zu Göttern wurden. In der Ferne, dort, wo den Tag über das begleitende Gebirge war, sah ich einzelne Lichter. Auf der anderen Seite des Stromes sogar noch mehr. Und von drüben kam auch Gebell von einem Hund. Das waren meine Orientierungspunkte für den Weg zurück. Am nächsten Morgen habe ich überrascht festgestellt: Der Mond hat in der Nacht die Seiten gewechselt, die fernen Lichter sind erloschen. Ein Esel begrüßte den neuen Tag - oder was auch immer - mit seinem klassisch kuriosen Feldgeschrei. Sei mir gegrüßt, Platino. Da und dort weiße Kuhreiher im Grün, längst nicht mehr auf der Suche nach einem Krokodil, längst ohne jede Ahnung wohl, daß ihre Vorfahren sich so besonders gut mit denen verstanden haben, die jetzt verschwunden sind. Aber wie schwer wird es einem auch gemacht, sich in die Lebensweise seiner Vorfahren hineinzuversetzen. Das Geschrei der Esel gilt halt immer dem neuen Tag.

Nur nichts gegen die grauen Freunde. Nichts eleganteres als die Eselgangart. Wenn sie gehen dürfen. Und auch wollen. Ja, da zeigt sich wahre Eleganz, wenigstens was die Vorderbeine angeht. Dieses delikat zerbrechliche Abknicken und graziöse Ausgreifen. Die Arbeit der Hinterbeine dagegen ist wie bei den meisten Menschen: Ein Dahinstaken bloß, ein belangloses.

Belanglos wie die Videovorführung in der Schiffsbar: Ägypten zeigte sich in seiner vollen Größe. Viertausend Jahre Geschichte in Stein, auf einem kleinen Fernseher manifestiert für circa neunzig Kulturtouristen. Ein Kommentartext wie von Bronzetafeln abgelesen. Und darunter gelegt, manchmal leider auch darüber, eine wagnerianische Gewaltschwallmusik. Da halfen nur ein paar Fetzen vom Papiertaschentuch, schnell in die Ohren gestopft. Und die Augen zu. Ich brauche nur hinzuschauen, wußte ich bald, wenn es besonders laut wird. Das heißt: Achtung, der nächste Höhepunkt. Tusch, langwallender. Voller Einsatz: Alles Blech, dabei sah ich nur Sand und Steine. Etliche von uns saßen so ungünstig seitlich vom Fernseher, daß sie nur lange Gesichter sehen konnten, auch lange Gesichter machten, lauter Echnatons. So verdreht dasitzend wie die Figuren auf den Wandbildern vor der Phase der realistischen Darstellung, die dieser Pharao ausgelöst haben soll. Eine Ägyptenreise prägt halt.

Plötzlich ein Ruck durch das Schiff. Das kam nicht vom nächsten Tusch, das kam von einer Sandbank, wurde mir klar. Wir hatten aufgesetzt. Das war seit Tagen schon zu erwarten. Immer mal wieder hatte der Schiffsführer den Motor gedrosselt, sich nur ganz langsam durch das seichte Wasser vorwärtsgewagt, wie mit spitzem Bug den Weg ertastend. Ein geschicktes Schlingern in dem breiten Flußbett. Dabei den Mäander in den Nil gezeichnet. Die Fahrrinne, diese imaginäre Schiene, er hat sie schließlich doch verloren. Aber dann nur ein wenig Ruckeln hin und her, ein Aufdröhnen der Maschine, danach waren wir offenbar wieder frei.

Auf dieser Reise hatte ich oft Gelegenheit, meine Gedanken von der Leine zu lassen. Und meine Augen. Ob man durch die letzten staubigen Ecken eines Landes streicht oder ob man beinah alles über dieses Land und seine Leute Geschriebene liest, genauso gut kann man ja das Flechtwerk eines Korbsessels betrachten, mit Erobererblick jedem gebogenen Stöckchen nachgehen, an jedem Halteband entlangtasten, das sinnvolle Hin und Her ablesen, das handwerkliche Geschick abschätzen, die jahrhundetealte Erfahrung aufsaugen, die geheiligte Tradition - und auch den schon beginnenden Niedergang, die Auflösung, unübersehbar, nicht reparierbar, da und da und dort: Das Vergehen. Der Korbsessel als die Signatur des Lebens.

Peinlich, bei meinen Kurzvorträgen immer wieder die Erklärung geben zu müssen: Das steht heute in London, in Paris, in Turin, in Berlin. Immer mit einem vorwurfsvollen Unterton, pflichtschuldigst, weil ein Ägypter dabei ist, der deutsch versteht. Und nicht sagen dürfen: Ja, wären nicht die meisten Kunstschätze Ägyptens im vorigen Jahrhundert geraubt worden, vor allem von Franzosen, Engländern und Italienern, würden dann wohl heute so viele Europäer hierhin reisen, in den Dreck, die Hitze, das Durcheinander und Geschrei?

Die vom Schiffspersonal, die jede Gelegenheit und auch etwas mehr wahrnahmen, um auf der schmalen Außenkante des Schiffes herumzulaufen, sie revanchierten sich für die Neugier, mit der die Touristen ihr Land und ihr Leben ausspähten. Sie warfen mehr schnelle als scheue Blicke in die großen Fenster der Kabinen. Immer in der Hoffnung, einmal doch ... Kinderaugen vor dem Aquarium: Wie kriegen die Fische ihre Kinder? So lehrreich sie sind, auch Studienreisen haben immer eine Doppelfunktion. Und auch das gehört zu dem Problematischen an diesem Treiben.

13.

Tell el Amarna, das heißt heute nur noch Bonzengräber. Waagerecht in die Felsen des Gebirgszuges hineingetrieben, in den Kalkstein, der uns auf der Ostseite des Flusses begleitet hatte. Aton, die Sonnenscheibe mit ihren Strahlenhändchen, mit der ganzen Pharaonenfamilie, dazu die Höflinge und die Soldaten, alle so überraschend realistisch in den Stein gehämmert. Fast schon zu realistisch, beinahe wie Karikaturen in ihren wilden Bewegungen, mit ihren dicken Wohlstandsbäuchen. Vielleicht waren diese Bilder tatsächlich witzig gemeint. Ein Herrscher, der es fertigbringt, seinem Volk eine neue Religion überzustülpen, dem ist zuzutrauen, daß er die Menschen nur als Karikaturen sehen kann. Diese flachen Reliefs. Eigentlich blöde, daß ich die übliche Erklärung kolportiert habe, die Handwerker hätten nicht soviel Zeit gehabt, tiefer zu arbeiten. Wegen der kurzen Regierungszeit ihres Herrschers. Heute würde ich das anders deuten: Die Flachreliefs zeugen von einer Hoch- und Spätkultur, die sich bereits selbst überlebt hatte. Nur noch ein schnellstreifender Blick für die anderen Menschen, weil man voll mit sich selbst beschäftigt ist. Kein tiefergehendes Interesse mehr an den Mitmenschen. Modern times. Wenn auch längst vermodert.

Geht es mir denn anders? Ich kann mir kein Vollplastischwerdenlassen der Figuren um mich herum leisten, habe ich Penni erklärt. Und es hat mir besonderen Spaß gemacht, sie mit diesem Bandwurmwort zu erschrecken. Das war irgendwann gegen Ende der Reise. Als sie sich wunderte, wie oberflächlich ich mit den Leuten umging. Viel zuviel Zeitaufwand, viel zuviel Gedanken- und Gefühlsverschwendung, habe ich gesagt. Ich liebe die Leute eindimensional. Nur bei dir ist das was anderes. Bei der Gelegenheit muß ich das mit dem Sexdimensionalen gebracht haben. Was ihr gefallen hat. Da kam keine Widerrede mehr, als ich sagte, für mich seien die Leute rundum nur Folien meines lchs. Sie sollen lachen, wenn ich einen Scherz mache, und staunen, wenn ich sie vor eine Sehenswürdigkeit stelle, und mir abnehmen, was ich ihnen erkläre. Mehr nicht. Denn eine Welt voll runder Charaktere, wo bliebe dann ich? Ja, ich bin ein typischer Vertreter unserer Spät- und Bachrunterkultur. Ich kultiviere den Slim-line-Kontakt. Das ist die Beziehung unserer Zeit. Wir kommunizieren ja noch, aber am liebsten so, daß wir dabei unser Gegenüber am ausgestreckten Arm aus dem Fenster halten. Je mehr Distanz, um so besser. Telefon, Telegraf, Telefax, Television und gesamttellurisches E-Mailing: alles in einem grotesk vertraulichen Tele-Pathos. Wie Penni einen anstaunen kann. Alle Löcher aufgerissen, als wollte sie den bewunderten Mann gleich inhalieren.

Unten im Tal der breite Streifen Nichts, der aus der Nähe gesehen doch was war. Nämlich das Übliche: Sand und Geröll. Und dann hart am Rand des Grünstreifens: Der Palast der Königin Nofretete. Da mußte man allerdings beide Augen zudrücken und nach innen schauen. Weil da nichts mehr war außer einem großen Rechteck mit Resten von Lehmziegelmauern. Ein paar Steinkonsolen dazwischen, auf denen einmal Säulen gestanden haben müssen. Mit einem Stacheldrahtzaun um das Ganze. Das war alles. Wenn man Zeit hätte, am Zaun stehen zu bleiben, kam mir damals in den Sinn, man könnte zusehen, wie die bloß in der Sonne gebackenen Ziegel unaufhaltsam weiter zu Nilschlamm zerfließen. Aber der Fahrer hupte ungeduldig, das Schiff wartete. Leben nach Fahrplan.

Wieder auf den offenen Anhänger hinter dem Traktor geklettert. Unser Geschichtsshuttle. Die schreiende Kinderschar blieb um uns herum, auf nackten Füßen genauso schnell wie der Traktor. Sie hielten aus Schilf geflochtene flache Körbchen hoch, ein wilder Konkurrenzkampf um die kaufunlustigen Touristen. Unsere unausgesprochene Frage: Was soll ich damit anfangen? Gegen ihre unausgesprochene Frage: Warum seid ihr so reich und wir so arm? Schließlich lege ich einem Mädchen ein Bonbon in das angebotene Körbchen. Ein in buntes Papier eingepacktes, schönes großes Bonbon. Das Mädchen, vielleicht zehn oder elf Jahre alt erst, es bleibt stehen, plötzlich ruhig, schaut mich an mit diesen walddunklen Augen, die noch nie einen Wald gesehen haben, schaut den fremden Mann an, der es herausgehoben hat aus der Schar der anderen, bleibt zurück und winkt mir nach. Und ich winke zurück und bilde mir für einen kitzelnden Augenblick ein, einen Menschen glücklich gemacht zu haben. Um mich danach immer wieder fragen zu müssen: Warum nur habe ich ihr nicht das Körbchen abgekauft? Ob ich es brauchen konnte oder nicht, das war doch kein Gesichtspunkt. Sie brauchte das Geld. Für ihre Familie. Und ich hätte das bißchen Geld gut entbehren können. Ja, ich habe mich diesem Mädchen gegenüber schofel benommen. Unentschuldbar schofel. Und dabei zu denken, daß dieses kleine Erlebnis für sie möglicherweise eines von den Erlebnissen gewesen ist, die ein Leben lang im Gedächtnis bleiben. Immer dieser fremde Mann auf dem Anhänger hinter dem Traktor, der sie auswählt aus der ganzen Schar von Kindern, der ihr in die Augen schaut und ihr ein Geschenk macht. Im Laufe der Jahre wird das Geschenk immer größer, der Blick in ihre Augen immer vielsagender, und eines Tages werde ich schuld daran sein, wenn sie unglücklich ist mit ihrem Mann: Weil der ihr nicht die Aufmerksamkeit schenkt, die der Fremde ihr geschenkt hatte. Damals.

Muß ich mir das vorwerfen? Was kann ich dazu, daß ich so vielen Frauen besser gefalle als andere? Weil ich ein Strohfeuer bin? Nein, nein, das ist es nicht. Weil ich halt besser bin als andere. Deshalb. Und daß sie durch mich zu anspruchsvoll werden, zwangsläufig, daß sie niemals mehr etwas ähnlich Gutes finden wie mich, ihr Pech. Denn ich bin einmalig.

"Halt dich zurück, Odysseus!"

Was ist das? Das kannst nur du sein, Penni. Nur du nennst mich Odysseus. Aber wieso kannst du mit mir sprechen, Penni? Einige Reihen weit weg von mir, zur Tarnung.

"Ich bin nicht Penni, nein."

Ist das die Stimme der göttlichen Athene, die mir stets hilfreich zur Seite tritt, wenn ich in Gefahr bin?

"Nein, Odysseus, da bist du auf dem falschen Dampfer."

Aber wer ist denn da und spricht mit mir, ohne sich mir zu zeigen? Daß es mir eiskalt um den Kopf faßt. Vielleicht die Frischluftdüse da oben, die nicht richtig zugedreht ist. Das werden wir gleich haben.

"Dein Schöpfer spricht mir dir, Odysseus."

Mein Schöpfer? - Also du selbst, Zeus oder wie immer ich dich nennen soll?

"Nein, nicht Zeus ist es, der dich zur Ordnung ruft, Odysseus. Sondern der Autor, der dich geschaffen hat, sagt dir: Hüte dich vor der Selbstüberschätzung! Laß dich nicht dadurch täuschen, daß ich mir so viel Mühe mache mit dir. Wie leicht könnte ich dein Innerstes nach außen kehren und zeigen, daß du im Grunde genommen nicht anders bist als alle anderen."

Hm.

Die vielen unterschiedlichen Gesichtspunkte einer Ägyptenreise. Und täglich wurden es mehr. Wer hatte da von einer Renaissance des Islam gesprochen? Die drei heiligen Geräusche des Islam, sie waren doch nicht mehr auf die Reihe zu kriegen. Das Plätschern des Wassers, ja, das gab es noch, wenn auch das Wasser mit Motorlärm auf die Felder hochgehoben wurde; auch das Lachen der Frauen mochte es noch geben, für den Fremden leider nicht zu hören; aber das Klimpern des Geldes? Nichts ging mehr. Seit etwa zwei Jahren, so mußte ich meinen Leuten erklären, ist die Inflation so dramatisch, daß es kein Kleingeld mehr gibt. Nicht eine einzige Münze kriegte man in die Hand. Dafür dreckige Geldscheine bis hinab zu 25 - mein Gott, was hatten die denn dort? Nein, nicht Yuan. - Peseten, Rappen, Dinare, Pfund, Kopeken? Nein, lauter Irrwisch-Assoziationen. Es ging um Piaster. Besser gesagt: Früher war es mal um Piaster gegangen. Eine längst zu klein gewordene Einheit. Denn die Piaster, sie entsprachen nach offiziellem Wechselkurs nur noch halben Pfennigen. Jetzt habe ich dreimal an sie gedacht, das ist fast schon so gut wie eine Mumifizierung: So kann auch die schwächste Schwundwährung auf ein Fortleben in einer besseren Welt hoffen.

Der runde Achtertisch im Speisesaal des MS Nil Monarch, an dem ich saß, wurde schon bald zur Arena. Weil wir in sogenannter bunter Reihe saßen und die Kellner - oder richtiger: Servierjungen - uns beim Servieren mehrmals tänzelnd umrundeten, um den Ansprüchen der Courtoisie gerecht zu werden, erst die Damen, dann die Herren, zuerst die älteren, dann die jüngeren. Darüber wurde das Essen regelmäßig kalt, ehe alle acht alles auf dem Teller hatten, was ihnen zustand. Kein Vergleich mit der genialen chinesischen Sitte, alle Platten und Schüsseln auf das Karussel zu stellen, auf diese große runde Scheibe, von der sich jeder nimmt, was er braucht. Bei Spaghetti Bolognese kam es zum Aufstand: Der alte Anwalt beklagte sich, daß er schon wieder als letzter bedient werde: Ich fühle mich ungerecht behandelt, jammerte er. Der immer etwas zu großartig auftretende Kleinverleger mit dem Spitzbauch ließ alles wieder zurückgehen, schrie: Kalt! Bis ich den Servierknaben klarmachte, sie sollten vergessen, was sie gelernt haben, und einfach der Reihe nach das Essen auftragen, weil das wesentlich schneller gehe. Diese verständnislosen Blicke. Schon stand ich da als derjenige, der nicht weiß, was sich gehört. Im übrigen war der Effekt der Neuerung, daß nun stets bei dem kleinen Dicken angefangen wurde, damit der nicht wieder schreit: Kalt! Und bei mir oder bei dem alten Anwalt schloß sich der Kreis. Die Methode, sich rabiat durchzusetzen, die der Kleinverleger anwendete, hatte eindeutig den Sieg davongetragen, über das weinerliche Verlangen des Anwalts nach Gerechtigkeit wie auch über meine praktische Konzilianz. Ich sah uns wieder feststecken, meine Zeitgenossen und mich, in dem allgemeinen Dilemma mit den unterschiedlichen Maßstäben für das alltägliche Verhalten, die wir von unseren Vorgängern geerbt haben. Da ging Courtoisie gegen Gerechtigkeitsempfinden, Durchsetzungsvermögen gegen Konzilianz. Relikte überkommener Herrenmoral und Christenethik, vermischt mit Aufklärerischem und ungeniert modernem Egoismus. Eine Schlammschlacht.

14.

Busausflug über flaches Land. Vorbei an Lehmhütten und Feldern mit in Lumpen gekleideten Kindern. Und immer wieder Männer, die einfach nur dasaßen, reglos. Dabei brüllte unser ägyptischer Führer seinen Fahrgästen über Lautsprecher die ganze Ökonomie seines Heimatlandes in die Ohren. Er nahm das mit der Studienreise etwas zu ernst, fanden die Phonmalträtierten. Immer wieder die Bewässerung und die verschiedenen Arten von Pumpen. Immer wieder Zuckerrohr, Baumwolle und Datteln. Und immer waren die Produkte die besten der Welt. Dabei wahnsinnige Überholmanöver des ägyptischen Fahrers. Wohl auch er einer der besten der Welt. Wer hinguckte, war selbst schuld, wenn ihm schlecht wurde. Aber ich mußte hingucken, ich wollte dem Tod ins Auge sehen. Dieses ägyptische Roulette auf Rädern, es hatte seine unabweisbaren Reize.

Damals auf Jamaika hatte ich das noch nicht so gesehen. Auch so ein Wahnsinnsfahrer, der uns mit seinem Kleinbus über die Insel schleuderte. Vor sich am Innenspiegel hatte er ein Spruchbändchen hängen: ,Lieber Gott, es kann sein, daß ich einmal nicht die Zeit finde, an dich zu denken. Aber ich weiß, daß du immer an mich denken und mich beschützen wirst.‘ Damals fand ich das beruhigend.

Nun, wir sind heil angekommen. Da wie dort.

Dann im Tempel von Abydos wieder gehen dürfen, zwischen Säulenreihen hindurch, so hoch, daß sie einen fast auf den Rücken fallen lassen. Hinein ins Allerheiligste, wo auf der Wand Pharao Seti I. sein Opfer darbringt: Mit einer Art Kratzhändchen reicht er von der Tür aus das Räucherzeugs hinein. Aber dort, auf dem Bug der Heiligen Barke, von unserem ägyptischen Führer wortreich erklärt, stand etwas, das für mich alles übertraf: Ein Grammophon, mit dem großen Schalltrichter von der Stimme seines Herrn, und unten auf dem Boden des Tempels eine ganze Reihe von Feuerlöschern mit breiten Düsen. Ich konnte es ja keinem sagen. Konnte mich nur fragen, ob mich die Busfahrt wohl zu sehr angestrengt habe? Jedenfalls war es richtig, daß man im alten Ägypten das Volk nicht ins Allerheiligste hineingehen ließ. Die heiligen Dinge dort waren so gefährlich mißverständlich wie das Alte Testament.

Die Beschriftungen abschreiten, immer an der Wand lang, und einmal verstohlen hinlangen, beglückt abtasten, was vor Jahrtausenden geschrieben wurde, und plötzlich wissen, daß die Augenkrankheiten, die Geißel des heutigen Ägypten, schon in pharaonischer Zeit weit verbreitet waren. Hätten die alten Ägypter sonst alles in Blindenschrift schreiben müssen? Das hatte ich nur leise zu sagen gewagt, nur zu Penni, die gerade neben mir stand, vermutlich sogar nur zufällig. Sie warf ihre aufgebogenen und geschwärzten Wimpern hoch und sah mich mit ihren hellblauen Augen so blendend an, daß ich mich abwenden mußte. Wie eine züchtige Jungfrau. Ich. Ob ich zuviel in der Sonne gewesen sei, fragte sie besorgt. Und ich habe sie nicht geschont. Mir hat diese Besorgtheit gefallen. Ich habe weiter nur für sie erklärt, als flüsternde Konkurrenz zu Khaled:

An allen Sehenswürdigkeiten diese Demolierungen, die es schwierig machen, den richtigen Ausschnitt für das Foto zu finden. Wer macht denn so was? Nun, mal war es der Nachfolger des dargestellten Herrschers, mal der offenbar auch steinbeißende Zahn der Zeit, mal waren es ignorante kleine Leute, die die Bildnisse zerhämmert haben, oft aus religiösem Übereifer. Die bösen, bösen Kopten. Warum aber, selbst wenn den Figuren ausnahmsweise sonst nichts passiert ist, warum immer: Nase ab!? Das muß mit der besonderen Bedeutung dieses Organs zu tun haben, die wir ja heute noch mit dem Satz unterstreichen: Ich kann dessen Nase nicht leiden. Klarer Fall: Die alten Ägypter konnten durchweg die noch älteren Ägypter nicht leiden. Sie hatten nichts mehr gemeinsam mit ihnen. Genau so, wie die heutigen Ägypter nichts mehr mit den alten Ägyptern zu tun haben. - Wie Penni mich da wieder angesehen hat.

Rückfahrt von Abydos. Der Fahrer war so stolz auf seinen noch fast nagelneuen Kässbohrer-Bus, daß er gleich eine Kassette einschob: Der Gefangenenchor aus Nabucco. Und tatsächlich, wie einer von denen kam ich mir in dem Gefährt vor, das sich nun con forza et con fuoco in den Verkehr stürzte. Wie auf einem spätpharaonischen Streitwagen hinein ins Schlachtgetümmel. Nabucco hin und Nabucco her, auf dieser Straße herrschte das Recht des Stärkeren. Und die Hupe ließ sich von keinem Gefangenenchor unterkriegen.

Esel, immer wieder Esel, nicht nur in grau, sondern auch in schwarz und in weiß. Auf den Feldern und vor den Lehmbauten so schön ins Bild passend, daß man dauernd Agfa opfern möchte. Oder Kodak oder Fuji, je nach Bekenntnis. Aber auf den Straßen wurden sie schon zu Mopeds, die Esel, so gleichmäßig in der Beschleunigung und so linientreu. Fast schon ein bißchen lächerlich. Bis plötzlich so ein Kurzfellmoped zeigte, daß es auch ohne Fahrer lospreschen kann. Eine unheimliche Begegnung orientalischer Art.

Einen ganzen Tag Pause in Sohag. Die Stadt wird mir ewig im Gedächtnis bleiben. Dabei hieß es zunächst: Pech, die Schleuse arbeitet heute nicht. Dann erfuhr man, daß die Schleuse immer im Dezember und Januar geschlossen bleibe. Alle Gruppen müßten mit dem Bus ein Stück nilaufwärts fahren und dort auf ein anderes Schiff umsteigen. Auf ein Schiff, das nur auf dem Oberlauf fahren konnte. Das hatte nicht im Prospekt gestanden. Dabei muß die Firma das gewußt haben. Und doch hatte man es sogar mir nicht gesagt. Wohl damit ich vor den Reisenden um so überzeugender in Verlegenheit käme. Ein Levantinertrick, der zur Landschaft paßte. Am Nachmittag vor dem Umstieg machte unser Schiff noch eine kleine Rundfahrt vor Sohag. Kein Mensch wußte, was das sollte. Einfach ein Stück von der Stadt weg gefahren, den Nil wieder hinunter. Hier kannten wir doch alles schon. Bis dann auf einmal ein lautes Klatschen hinter dem Schiff zu hören war, kaum daß wir wieder gewendet hatten. Große Plastiksäcke wurden über Bord geworfen, zugebunden bis oben hin, war gewiß nichts Gutes drin. Sie schwammen in langer Reihe von uns weg. Mit uns ging es ja bereits wieder aufwärts. Unserem Dreck hatten wir den Rücken zugewandt. Aber die Touristen sind heute nicht mehr so cool wie früher, nicht so ignorant wie die Leute in den besuchten Ländern, mußte ich feststellen. Die Schiffsführung hatte sie unterschätzt. Lauter Protest gegenüber dem Personal. Allen voran natürlich der Kleine mit dem Spitzbauch, der stets aufmüpfige Kleinverleger. Er hielt einem Stewart einen Vortrag über Umweltverschmutzung, den er selbst wohl als Standpauke bezeichnet hätte. Der Mann zuckte die Schultern: Für die Fische. Ich habe mich zurückgehalten. War mir doch klar, daß die Säcke da, wo sie anlanden, als Wundertüten hochwillkommen sind. Die teuren Plastiksäcke selbst wie auch ihr Inhalt, der sicher noch manches Brauchbare enthält, nicht zuletzt Futtermittel und Brennmaterial. Dann kam auch schon ein größeres Ruderboot, von zwei Männern mit kräftigen Schlägen auf die Reihe der Wundertüten zu getrieben, die sie ruck-zuck einsammelten, soweit sie sie noch erreichen konnten.

Nach dem Mittagessen war ich aufs Oberdeck gegangen, um mich ein wenig in den Halbschatten zu setzen. Im Vorbeigehen an der Bar noch einen Café au lait bestellt. Kaum sitze ich, kommt auch schon meine Tasse Kaffee. Und sofort stürzt sich der alte Anwalt auf den Kellner: Aber ich hatte doch vorher bestellt! Schon dreimal habe ich Ihnen gesagt: Einen Espresso bitte! Und sieht dabei mal den Kellner und mal mich mit Blicken an, daß man froh sein muß, daß er unbewaffnet ist. Ich kann das Mißverständnis nur bedauern - und mich klammheimlich freuen -, weil ich ja keinen Espresso bestellt hatte. Weniger anspruchsvoll.

Da war ja noch der Abschiedsabend auf unserem ersten Schiff, dem Unterlaufschiff MS Nil Monarch: Die Kellner servierten erstmals in ihren einheimischen Gewändern und sahen auf einmal viel würdiger aus. Wohl zu würdig, um immer in ihren Galabijas Dienst zu tun. In der Bar wurde die Musik immer lauter gedreht, um immer mehr Stimmung zu signalisieren - oder zu stimulieren. Einige Damen ließen sich von den Kellnern in ihren Ewigkeitsgewändern zum Tanzen animieren. Der alte Anwalt ging mit seiner Frau auf die Tanzfläche und servierte zur allgemeinen Überraschung besten Turniertanz in bremisch-hanseatischem Stil, so beweglich und dabei so elegant, beneidenswert. Dabei war der eine Schuh des Anwalts kürzer als der andere. Ihm waren an einem Fuß die Zehen abgefroren, hatte er mir erst am Tag zuvor gestanden. In Sibirien, in der Gefangenschaft. Immerhin hatte er später für jeden Tag als Kriegsgefangener eine Mark Schadensersatz von der Bundesregierung bekommen. Aber nur für die Jahre nach 1948. Sein Startkapital in der Freiheit, hatte er gelacht. Daß man so unfröhlich lachen kann, das hatte mich erschreckt.

Selbst die vorsichtig tastende Schlingerfahrt den Nil aufwärts war mir viel zu schnell gewesen. Im Hathortempel von Dendera als große Besonderheit das kleine Kabinett der Göttin Nut. Ihr extrem gestrecktes Bild nimmt die ganze Decke ein, beinahe berühren ihre Hände ihre Füße. Eine kuriose Gestaltungsidee. Doch was für mich daran besonders aufschlußreich war: Die alten Ägypter müssen schon die Kaiserschnittgeburt gekannt haben. Denn die Sonne, die Nut gerade geboren haben soll, ist vor ihrem Schoß zu sehen. Die andere Sonne, die sie gerade aufißt, ist vor ihrem Mund zu sehen, aber das ist ja nicht ungewöhnlich. Überhaupt hatte mich die kuhköpfige Liebesgöttin Hathor selbst viel mehr angesprochen als die Göttin Nut. Dieser gutmütig kuhige Gesichtsausdruck. Und ich mußte immer wieder zu Penni - neuerdings meist zufällig in meiner Nähe - hinschauen, mußte ihren Blick suchen. Derselbe mütterlich liebe Ausdruck der Augen. So wie ich dann den Blick schnell senkte, um nicht aufzufallen, sah ich auf ihren Busen. Und auch das paßte ins Bild. Ich war so wild auf diese beiden, die immer brav Versteckten. Wie sie wohl, wenn ich die Lippen draufdrücken würde, kraus und hart sich mir entgegenfreuen würden. Sie so gierig verschenkend wie ich gierig stehlend. Aber nichts läuft. Immer noch nichts. Mein täglicher Seufzer damals. Über den ich mir hinwegzuhelfen suchte mit meinen dummen Scherzchen, die nur für Penni bestimmt waren.

Wenn auch koptische Christen im Hathortempel fast alle Bildnisse zerstört hatten, in mühevoller Arbeit quadratzentimeterweise weggehämmert, die Kartuschen über den Pharaobildern hatten sie ganzgelassen. Weil sie eh leer waren. Wegen des zu schnellen Wechsels der Pharaonen verzichtete man in der ptolemäischen Zeit darauf, die Namen in Hieroglyphen hineinzuschreiben. Leere Kartuschen - und jeder las den jeweils aktuellen Namen des Pharaos hinein: Die alten Ägypter als die Erfinder des Wechselrähmchens. Und da sagt man den Chinesen nach, sie hätten dies und das und das Schießpulver und den Buchdruck und überhaupt alles erfunden.

15.

In Sohag die Gruppe entlassen zum Abendbummel und dreist eine heimliche Verabredung mit Penni getroffen. Sie war sofort einverstanden. Eine prächtige neue Freitreppe führte von der Schiffsanlegestelle in die Stadt. Die nahmen wir noch getrennt. Dann aber haben wir schon gemeinsam die stark befahrene Straße überquert, die parallel zum Nil verlief. Wo die Moschee stand, deren Minarett herrlich neongrün über die Stadt hin strahlte. Grün, die Farbe des Propheten. Und ich habe rumgequatscht: Warum hat er nicht braun vorgezogen? Die Farbe, die auf allem liegt, der Staub der Jahrtausende. Das Braun auf der Straße, den Autos, den Ladentheken und auf allem, was wir dann im Kaufhaus sahen, einem nüchternen Hallenbau mit armseligem DDR-Charme. Durch die dunkelsten Gassen schleichen, der Lichtschein des Propheten wacht ja über uns. Taxis abwinken, die sich anbieten, bei prächtigen Gebäuden uns fragen, was das nur sein kann, und uns bei einem jungen Pärchen, das Hand in Hand dahinschlendert, darüber wundern, daß auch in diesem so fremden Land männlich und weiblich zusammengehören.

Das war der entscheidende Augenblick. Da habe ich nach ihrer Hand gegriffen - ohne jede Erklärung -, und sie hat sie nicht weggezogen. Daß sie den Mut aufgebracht hatte, mit mir allein loszuwandern, hatte mir den Mut gegeben, in dieser Art handgreiflich zu werden. - Was war denn schon dabei, ihre Hand zu nehmen. Das kann doch jeder. Aber ein Reiseleiter? Der Fluch der besonderen Funktion. Und des besonderen Rufs. Zeige ich mich allzu zurückhaltend, paßt es nicht zum Reiseleiterimage, kennzeichnet es mich als Versager, als Fehlbesetzung. Gehe ich aber bei der falschen Frau im falschen Moment einen Schritt zu weit, habe ich eine Kundin meines Unternehmens beleidigt und muß mit ihrer Beschwerde rechnen - und mit meinem Rausschmiß. Wegen Geschäftsschädigung. Aber bei Penni, da kamen meine Bedenken nicht gegen meine Wünsche an. Wie ich es genossen habe, das kleine Vorrecht, mit ihr Hand in Hand daherzuspazieren.

An einer belebten Straße die Fahrradreparaturwerkstätten auf dem Bürgersteig bestaunt, in den kleinen Friseurladen hineingeschaut und überrascht zurückgegrüßt. Und dann den jungen Mann nicht einfach abschütteln wollen, der neben uns her ging und uns auf englisch fragte, ob er helfen könne. Er sei Student, sagte er. Und die dünne Kunststoffmappe unterm Arm bestätigte es. Kaum wußten wir, daß er Mohammed heißt, waren zwei, drei weitere junge Männer neben uns, ebenfalls Studenten. An der Artistenfakultät der Uni Sohag studierten sie, erfuhren wir. Einer Wirtschaft, ein anderer englische Literatur. Literarisches Fachgespräch auf der Straße, mitten zwischen Eselkarren, hupenden Autos und herumlungernden Leuten. Ich wunderte mich über das Vertrauen, das ich zu den Jungs hatte, und sagte schließlich: So, jetzt führt uns irgendwohin, wo wir uns niedersetzen und ungestört unterhalten können. Und wieder ging es durch etliche dunkle Gassen, bis sich ein Plätzchen öffnete, mitten in dem Gewirr der hohen und völlig schmucklosen Häuser. Da standen wir vor einem offenen Café: Ein paar Stühlchen und primitive Tischchen, ein paar Männer, die ihre Nargileh rauchten. Und nichts sonst, nur diese anheimelnde, einladend vor sich hin qualmende Lichtinsel in der ägyptischen Finsternis. Da man dort nichts anderes trinken konnte, bestellten wir Tee, bekamen wir auch sehr schnell unseren Tee, sehr heißen und süßen schwarzen Tee.

Reden über Wirtschaft und über Literatur. Natürlich kam bald die Frage: Warum ist Deutschland reich und Ägypten arm? Leicht gefragt und durchaus nicht leichthin beantwortet: Das liegt daran, daß Eure Politiker kein ausländisches Kapital hereinzuholen vermögen. Peinlich, peinlich, die deutschen Politiker als leuchtende Beispiele hinstellen zu müssen. Aber das dient ja nur pädagogischen Zwecken. Und warum können unsere Politiker kein ausländisches Kapital hereinholen? Euer Geld ist nicht kompatibel, ist eine reine Binnenwährung. Zunächst müßtet Ihr euch währungsmäßig öffnen, dann könnte es aufwärts gehen. Als ich schließlich zahlen will, lassen die Studenten das nicht zu. Penni und ich seien ihre Gäste. Nichts zu machen, wollten wir sie nicht schrecklich beleidigen. Ihr Geld ist stärker als das in meiner Hand. Sie fragen höflich, ob sie uns noch ein Stück zurück begleiten dürfen. Einen schicken sie mit einem Auftrag weg. Er kommt bald darauf wieder und hat zwei Bildpostkarten gekauft. Für uns, als kleines Geschenk. Blumenmotive, etwas anderes habe es nicht gegeben. Vor der Freitreppe zur Schiffsanlegestelle wollen sie stehenbleiben und sich verabschieden. Ich will sie mitnehmen, damit sie wenigstens einmal einen Blick in so ein Fünf-Sterne-Hotelschiff werfen können. Für Studenten muß das doch aufschlußreich sein. Aber sie lehnen ab, meinen, wir bekämen dann Schwierigkeiten. - Nein, keine Sorge, die Leute vom Schiff kennen mich. Doch schon auf der halben Treppe hinunter zum Fluß werden wir plötzlich von drei Polizisten angehalten. Die Studenten dürfen nicht weiter, werden energisch zurückgescheucht. Mein Protest, das seien unsere Freunde, nützt nichts. Polizisten sind wie überall keinem Einwand zugänglich. Ein kurzer, peinlicher Abschied. Und bis heute die unbeantwortete Frage: Für wen eigentlich peinlich?

Ich hätte mich sicher noch länger mit diesem Zwischenfall beschäftigt, wenn ich nicht in meiner Verwirrung einfach mit Penni weitergegangen wäre, auf dem falschen Schiffsflur, und wenn ich nicht plötzlich vor ihrer Tür gestanden hätte, wenn Penni nicht einfach die Tür aufgeschlossen hätte, wenn sie nicht wortlos hineingegangen wäre, ohne die Tür hinter sich zuzudrücken. Das habe ich dann für sie getan. Von innen. Und abgeschlossen habe ich auch vorsichtshalber. Dann hatte sie so dagestanden, mitten in ihrer Kajüte, wortlos, reglos, und mich nur angesehen. Mit einem Blick ...

"Wie bitte?"

"Ob Sie kein Abendessen haben möchten?"

"Doch ja, selbstverständlich."

"Wenn Sie dann bitte den Klapptisch herunternehmen wollen."

"Ja, selbstverständlich."

"So, bitte sehr, und guten Appetit."

Verflucht. Mich gerade an der schönsten Stelle meiner Ägyptenerinnerungen zu stören. Da prahlen die Fluggesellschaften immer mit ihrem tollen Rundumservice. Und dann so eine Tolpatschigkeit. Dabei macht manchen Tag doch erst der Tagtraum erträglich. Ihn jetzt einfach weiter träumen? Das geht nicht. Verwischt, verweht. Sowenig wie unsere nächtlichen Träume lassen sich die Tagträume befehlen. Die große Unfreiheit in uns. - Na ja, was weiß eine Stewardess von der Reiseleiterei. Sie interessiert sich eh nur für Männer aus der ersten Klasse, allenfalls noch kann einer aus der Business Class die Antwort auf ihre soziale Frage sein. Aber nicht ein Reiseleiter. Für sie kein Mann, nur ein Lohnsklave wie sie selbst. Und ein Tagträumer dazu. Ein Verwirrter. Denn Reiseleiter sein heißt heillos zwischen den Ländern und in die Zeiten verheddert sein, immer mit drei Wirklichkeiten bepackt, mit der Erinnerung, der Vorbereitung des nächsten Tages und dem Ablaufplan in der Hand. – Das Essen nicht kalt werden lassen.

Was auch immer für sonderbare Dinge auf dem Plan stehen mochten, all die kuriosen Inhalte einer Studienreise, Penni gehörte dazu jedenfalls nicht. Aber natürlich ein Bericht über die Mumifizierung. Von Khaled in seinem Bruchstückdeutsch vorgetragen.

Wie komme ich jetzt darauf? Muß an diesem Catering-Essen liegen. Irgendwas Mumifiziertes in Plastik. Na, meinetwegen. Das mit der Mumifizierung war ja nicht uninteressant. Zwar nicht so eindrucksvoll wie bei Mika Waltari geschildert. Aber soviel war für meine Leutchen immerhin zu verstehen: Bei der Mumifizierung wurden die Innereien entfernt und in Kanopen separat bestattet. Jeweils vier Krüge in einem Kasten. Das Gehirn wurde durch die Nase herausgezogen und weggeworfen. Seit ich das weiß, habe ich Angst, mir so kräftig die Nase zu putzen wie früher. Reisen bildet, und Reisen verbildet. Egal. Das Herz jedenfalls blieb im Brustkorb. Eine Art der Zerlegung und Verwertung des menschlichen Körpers, so habe ich damals das Fazit gezogen, aus der sich zweierlei schließen läßt: Zum einen, daß die alten Ägypter schon den Blutkreislauf gekannt haben müssen. Was der Brite William Harvey erst im 17. Jahrhundert entdeckt und der Franzose Descartes genauer erklärt hat, das muß hier schon lange zuvor bekannt gewesen sein. Wie anders soll man die Tatsache deuten, daß die von uns ebenfalls als Innerei angesehene und so wichtig genommene Blutpumpe bei den Adern, also im Körper gelassen wurde? Zum anderen deutet die Art, wie mit dem Gehirn umgegangen wurde - einfach wegschmeißen - darauf hin, daß man über dieses uns ebenfalls so wichtige Aggregat bestens Bescheid wußte. Ist dessen Besonderheit doch, habe ich mutig weiter gefachsimpelt, daß es irreparabel zerstört ist, sobald die Durchblutung nur einmal kurz unterbrochen wurde. Für ein Weiterleben im Jenseits also nicht mehr zu gebrauchen: Nichts als Abfall. - Ich glaube, mit diesen halbfachlichen Spekulationen habe ich bei Penni die entscheidenden Pluspunkte gewonnen. Bei der gelernten Kinderkrankenschwester ja kein Wunder.

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