Kitabı oku: «So schön war die Insel. Bericht aus der West-Berliner Regierungszentrale»
Walter Laufenberg
So schön war die Insel. Bericht aus der West-Berliner Regierungszentrale
Tatsachenroman
Saga
So schön war die Insel. Bericht aus der West-Berliner RegierungszentraleCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1999, 2020 Walter Laufenberg und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726576719
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
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Die beiden Hauptfiguren dieses Romans wie auch ihre Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und deren Handeln sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
1.
Pünktlich 17 Uhr 47 Weiterfahrt ab Braunschweig Hauptbahnhof. Nur mühsam kommt der Zug ins Rollen. Fast könnte man Mitleid mit ihm haben, mit dem überforderten Muli. Da steht plötzlich dieser Mann neben seinem Tisch, sichtlich in Atemnot, so daß er schon versucht ist zu sagen: Pünktlichkeit ist doch ein Fluch, zumindest die bei anderen.
„Tschuldigung, ist der Platz noch frei?“ keucht der Mann ihn an.
„Bitte.“ So freundlich wie kurz, um dem Gehetzten nicht gleich einen ganzen Dialog aufzuzwingen. Wenn er sich auch schon heimlich darauf freut, ihn mit einer geschickten Einleitungsphrase zu betasten, ihn abzuhorchen und in aller Ruhe zu betrachten, mit diesem ungeniert direkten Ansehen, das zum Gesprächsritus gehört. Mit schnellen Wischblicken schon mal eine Kostprobe nehmen: Älterer Herr mit sehr schmaler Nase, Typ Messer, der Mann ist also kein Bohrer, sondern ein nachdenklicher Nasenflügelstreichler, korrekte Erscheinung im grauen Anzug, mit Weste, Schlips und Kragen und offenbar mit Umgangsformen, die einen vor Überraschungen unangenehmer Art bewahren. Vermutlich hat der Mann keine roten Streifen unter den Absätzen, wie die geschäftlich reisenden Smarties. Doch dürfte er statt der Papiertaschentücher ein gebügeltes Taschentuch in der Hose haben. Alte Schule.
Daß der Mann ohne jedes Gepäck ist, fällt ihm vor lauter Vergnügen am Mutmaßen – seine persönliche Variante von Mut – nicht auf. Zu sehr genießt er diesen ersten Akt der Bekanntschaft, den Akt, der meist der schönste ist. Weil voller Möglichkeiten. Nachher, wenn man alles weiß über sein Gegenüber, alles, was zur Grobkategorisierung nötig ist, steht man ja doch wieder mit dem Üblichen beschenkt da und sagt sich: Hätte mir denken können, daß nichts dabei herauskommt.
Freundlicherweise zunächst noch aus dem Fenster schauen, den anderen sich erholen lassen. Gerade erst Braunschweig hinter uns und noch lange nicht Helmstedt erreicht, doch die Felder werden immer größer, fällt ihm auf. Das schon vor der Grenze. Als ob sie einem mit diesem allmählichen Übergang zur Kolchoswirtschaft einen sanfteren Eintritt in die ganz andere Welt bieten wollten. Darf ich mir das einbilden? Daß sie mir einen Agrokulturschock zu ersparen versuchen? Die?
Der Mann ihm gegenüber bestellt sich ein Kännchen Kaffee. Und die Bedienung ist prompt. Er gießt sich aber so wenig Kaffee in die Tasse, als sollte dieses Kännchen bis Warszawa reichen. Da ist er schon versucht, ihn anzusprechen. Doch kommt der andere ihm zuvor, gerade als sie Helmstedt hinter sich lassen. Das mittelalterliche Städtchen zeigt ohnehin fast nur Dächer. Die letzten romantischen Bauten werden vom Grün abgelöst. Alte Kultur verliert sich in immer wieder junger Natur: So das sanfte Denkeln, mit dem er sich dem dritten Fläschchen Radeberger Pils hingibt, als der Grauverpackte ihn aufschreckt: „Da, sehen Sie da, der Bussard!“
„Ja, tatsächlich.“ Und sieht, wie der Vogel den Sturzflug vorführt, und ist plötzlich hellwach.
„Wo sonst können Sie noch einem Bussard zuschauen, wie er auf seine Beute hinabstößt“, sagt der Mann triumphierend. Als hätte er selbst die Szene arrangiert. „Das ist noch Natur. Gerade dieses von allen guten Geistern verlassene Stück Land zwischen Helmstedt und Marienborn, das Niemandsland, ist ein wunderbares Fleckchen Erde. Das ist das Beste, das die Zaunkönige geschaffen haben.“
Was tun, wenn man nicht versteht, aber auch nicht nachfragen und gestehen will, daß man noch nie einen Zaunkönig gesehen hat? So schweigen sie beide, den Bussard samt Beute hinter sich. Und bald auch Marienborn, die andere deutsche Grenzstation, Ende des Niemandslandes, Anfang von – na ja. In Marienborn hatte es fünf Minuten Aufenthalt gegeben, die Gelegenheit, sich von dem sonderbaren Fährmann zu befreien, der mit seinen Kommentaren irritierte.
Er war aufgestanden und zur hinteren Wagentür gegangen, um die Luft der Fremde zu schnuppern. An der Rückseite des Zuges. Der vom Bahnsteig abgewandten. Und sah einen Grenzposten mit Schäferhund neben dem letzten Wagen des Zuges stehen. Und sah, wie ein Kollege von ihm den Kopf aus dem ersten Wagen des Zuges rausstreckte. Und dachte, daß er sich gut beschützt fühlen müßte. Wenigstens von dieser Seite her könnte keine Gefahr drohen. Ein Mitreisender stellte sich zu ihm ans Fenster. „Bei der Hinreise habe ich gesehen“, erzählte der, „wie sie den Schäferhund unter den letzten Wagen getrieben haben. Da mußte der Cerberus, dieses arme Tier, unter dem ganzen Zug durchlaufen und prüfen, ob sich jemand unter einen der Waggons gehängt hat, bis zum vordersten Wagen hin. Da kam es rausgekrochen und wurde wieder an die Leine genommen.“
„Und warum machen sie das jetzt nicht so?“
„Weil es jetzt nicht aus der DDR raus geht, sondern in die DDR hinein.“
„Ach so“, um Zeit zu haben dahinterzukommen. Cerberus hat er gesagt. Also auch ein alter Oberstudienrat oder so was. Wie mein Vater. Da zog die Lok an, und der Zug defilierte mit einer sonderbaren Feierlichkeit an einer hochgebauten Observierungsplattform vorbei. Von dort oben beäugten ihn zwei Grenzposten, sah er. Also auch von oben keine Gefahr. Dann ging es zwischen immer enger stehenden hohen Zäunen hindurch. Irgendwie in eine Reuse hineingeraten, überlegte er.
In Marienborn waren blauuniformierte Männer eingestiegen, das Etikett Schutzpolizei auf dem Ärmel. Beim Gang durch den Speisewagen sagten sie: „Schönen guten Tag und guten Appetit.“ Und niemand wagte zu antworten. Kurz darauf waren Graugrüne hinterher gekommen, auf dem Ärmel als Grenztruppen der DDR deklariert.
„Sehen Sie da im Wald, sehen Sie den Hund?“ erschreckt ihn sein Gegenüber.
„Ja, ein Schäferhund. – Und?“
„Und den Draht, sehen Sie auch den Draht?“
Der Fremde sitzt in Fahrtrichtung, sieht also alles, noch ehe sie es erreicht haben. Er selbst sitzt gegen die Fahrtrichtung und kann so nur immer gehorsam hinterhersehen. Vielleicht ist es ja das, was den Mann ermuntert, für mich den Cicerone zu machen.
„Haben Sie den Draht richtig gesehen?“ hakt der nach. Und ohne eine Antwort abzuwarten: „Das ist so eine Art Trolleyhund, ein Wächter mit Oberleitung, wissen Sie. Die Hunde, auf Mann abgerichtete, scharfe Tiere, sind mit der Leine an diesen Laufdrähten fest, die sich quer durch die Wälder ziehen. Da drüben, da können sie deutlich die von den Hunden getretenen Pfade sehen. Und die Hundehütten hier und da auch.“
Jetzt müssen die auch schon ihre Wachhunde anbinden, damit sie ihnen nicht davonlaufen, kommt es ihm in den Sinn. Sagt er aber nicht. Nur: „Das ist ja entsetzlich.“ Was sich aber mehr auf die Vorstellung bezieht, so einem Trolleyhund im Wald zu begegnen.
„Ja, die armen Tiere“, sagt sein Tischgenosse.
Eine so freundlich-mitleidige Äußerung, daß ihm klar wird: Den Mann muß ich näher kennenlernen. Nur wie? Jedenfalls nicht mit einem derart tierisch ernsten Gesprächsthema. Da, da ist die Bewegung, die alles erklärt. Der Mann geht mit der Linken ins Gesicht und streicht nachdenklich die ganze Länge seiner Nase entlang, sie zwischen den Kuppen von Daumen und Zeigefinger einklemmend. Das zwanzig mal am Tag gemacht, und sicher schon über fünfzig Jahre lang, so hat er sich die Messernase geformt. Aber auch das ist leider kein Gesprächsthema. Kann man doch keinem Menschen erklären, diese Art von Handarbeit. Immer sofort der Einwand: Für sein Aussehn kann ja keiner. Daß die Nase ein Gebilde ist, dessen Entwicklung man selbst in der Hand hat, ein Gebilde mehr plastisch als elastisch, wer hat sich das schon klargemacht. Achja, Plaste und Elaste aus Schkopau, dieser berühmteste Werbespruch der DDR, über den alle Welt lächelt, bei der Fahrt mit dem Wagen auf der Transitstrecke habe ich ihn an einer der Brücken gelesen. Nein, auch kein brauchbares Thema.
„Der Wagen wackelt so schrecklich, da tun Sie gut daran, sich immer nur sehr wenig Kaffee einzuschütten. Sie kennen die Strecke wohl gut“, plaudert er einfach drauflos. Und erschrickt über sich selbst: Wie kannst du so was sagen, das ist doch nicht dein Bier.
„Das liegt nicht an dem Wagen“, geht der Mann sofort lebhaft auf den Köder los. „Das liegt am Gleiskörper. Da ist nie was dran gemacht worden. Die ganze Trasse müßte erneuert werden. Der Wagen selbst ist doch großartig. Wissen Sie, ich setze mich immer nur in den Speisewagen. Dieser anheimelnde Gruß der fünfziger Jahre, der einen da empfängt.“
„Die fünfziger Jahre, ja genau, das ist der Stil“, gibt er sich genauso begeistert.
Doch braucht er nicht weiterzusprechen, denn der Mann ist schon nicht mehr zu halten: „Sehen Sie, diese angedeutete Trennwand dort, mit dem nierenförmigen Ausschnitt, durch den man geht. Ist das nicht schön? Das war einmal die Grenze zwischen der ersten und der zweiten Klasse. Die Grenze haben sie natürlich beseitigt. Grenzenlos offen jetzt der Wagen, nur noch eine Andeutung von vorderem und hinterem Teil. Und welcher Teil der eine und welcher der andere ist, das ist eine Frage der Sehweise – oder besser: der Fahrtrichtung. Und völlig gleich die Ausstattung, da wie dort. Die taubenblauen Kunstledersitze mit diesen seitlichen, na wie soll ich sagen, Verblendungsscheiben, mit den schmückenden Goldstreifen dran. Gold auf taubenblau, – taubenblau, haben Sie denn dafür nichts übrig?“
So was wie vornehmes Mattgold auf den Zierleisten, stellt er bei genauerem Hinsehen fest, und braune Klebestreifen über den Nähten. Noch ein einziges Mal dieses Wort taubenblau, denkt er, und mich wundert nicht mehr, wenn er sich plötzlich ganz förmlich gibt, sich aus seinem Sitz erhebt und sich vorstellt: Kuckuck. Ja, das ist es doch, was mir von Anfang an so gefallen hat an diesem Tischnachbarn. Daß er so aussieht, wie früher ein Professor der Paläonthologie auszusehen sich bemühte.
Und bemerkt, daß sein Gegenüber auf eine Antwort wartet, ihn jedenfalls schon eine ganze Weile schweigend ansieht. Dann aber wohl einsieht, daß nichts mehr kommen wird, und hinausschaut. So kann er sich in die Stimmung der fünfziger Jahre zurücklehnen, seinen Blick auf dem Spiegel am Kopfende des Wagens – oder Fußende? – ausruhen lassen. Ebenfalls nierenförmig. Und kann dem Gedanken nachgehen, daß es wohl in den frühen Fünfzigern gewesen sein müsse, daß er den Felix Krull das erste Mal gelesen hat. Seitdem berührt es mich immer so sonderbar, wenn ich in einem alten Speisewagen sitze. Wenn auch ohne schöne Intarsien. Doch ich sollte jetzt die Verbindung nicht abreißen lassen. Wenn auch kein Professor, vielleicht ist der Mann dennoch ein interessanter Mensch.
„Bekomme ich eigentlich keinen Ärger mit dem Kellner“, fragt er unvermittelt, aber diesmal darauf achtend, was sein Bier ist, „wenn ich so lange an seinem Tisch sitze ohne zu essen?“
„Keine Sorge“, beruhigt ihn der Streckenerfahrene, „ich sitze immer die vollen drei Stunden von Braunschweig bis Bahnhof Zoo hier an diesem Tisch bei meinem Kaffee. Da hat niemand was gegen.“
„Aber das ist doch – ich meine, ich verhalte mich hier doch eigentlich geschäftsschädigend.“
„Das ist für die Kellner kein Gesichtspunkt“, klärt der Fahrensmann ihn auf, „die sind nicht so dahinter her, sich selbst Arbeit zu machen, – wenn man nur überhaupt etwas bestellt hat.“
Da fällt ihm auf: Der Kellner hält die beiden Tische am Anfang des Wagens reserviert und scheucht jeden weg, der das nicht sofort sieht. „Für meine Abrechnung nachher“, sagt er zum zweistelligen Male. Er hat wohl als seine eigene Kalkulation im Kopf: freibleibende Stühlezahl mal Fahrstunden mal mögliche Gästezahl gleich gesparte Arbeit. – Aber nicht wieder nur mutmaßen, lieber das Gespräch weiterführen. „Und Sie fahren öfter nach Berlin?“ wird er direkt. „Immer wieder diese endlose Strecke?“
„Ach, wissen Sie, so weit ist es ja gar nicht von Braunschweig nach Berlin. Gerade zweihundertzwanzig Kilometer sind das, oder drei Stunden Bahnfahrt oder ein Kännchen Kaffee. Und eine nasse Hose, ja allerdings, dieses Kunstleder, das ist das einzig Unangenehme an der Fahrt. Aber was nimmt ein Sammler nicht alles in Kauf, wenn es um seine Leidenschaft geht.“
Gerade Magdeburg passiert und dann die sich gelangweilt in ihrem Überschwemmungs-Wasserbett räkelnde Elbe überfahren. Die Großstadt wie der Fluß durchaus imponierend genug, um mal einen Zwischenstop zu rechtfertigen, überlegt er. Und dafür wäre der D 247 eigentlich auch nicht zu fein, will meinen: zu eilig. Aber der Wagen, der rollt. Rollt und schlingert zum Gotterbarmen lahm weiter. Das also war Magdeburg. Seine Mietskasernen waren in ein wirres Geflecht von Luftwurzeln ausgefranst. Wie auf den Kopf gestellt. Aber bloß die alten Kästen waren so. Die neueren trugen jeweils nur eine Gemeinschaftsantenne, trugen sie wie einen indianischen Federschmuck. – Vom Bussard? – Egal. Aber, darf ich das Stichwort Sammler aufgreifen? Muß ich es vielleicht sogar, um nicht beleidigend desinteressiert zu wirken? Oder darf ich dieses so sehr vertrauliche Geständnis nicht durch ein Nachfragen noch peinlicher werden lassen? Ja, verflucht noch mal, das kommt doch auf die Frage hinaus: Ist es nun eine Macke, ein Sammler zu sein, oder ist es das nicht?
„Ich sammle nämlich Visa.“
„Aha.“ – Und registrierte heimlich: Also doch eine Macke.
„Wissen Sie, der Kreis der Visacollectors ist noch sehr klein und steht in gar keinem Verhältnis zu der Häufigkeit des Reisens und der Ausstellung von Visa. Aber das ist gerade das Großartige an diesem Sammelgebiet. Daß sich darauf noch nicht Krethi und Plethi herumtummeln, wie bei Briefmarken oder Münzen und Puppen und Zwiebelmustergeschirr und was für einen Unsinn sonst noch die Leute sammeln. Wir Visasammler sind noch recht wenige. Gerade erst haben wir in Amsterdam unseren europäischen Dachverband gegründet, die EAVC. Das heißt European Association of Visa Collectors. Ich war als Vertreter der bundesdeutschen Sektion dabei. Sehr feierlich. Wir kooperieren vorläufig noch auf informelle Weise mit der renommierten AAVC, der American Association of Visa Collectors, aber das sehr intensiv. Doch zur Gründung eines Weltverbandes wird es wohl noch nicht so bald kommen, weil der gesamte Ostblock sich dagegen sperrt. Dieser Wahnsinn der Teilung unserer Welt in Ost und West.“
„Ja, ja.“
„Im Ostblock ist die Entstehung entsprechender Vereinigungen von Visasammlern durch die absurde Einstellung blockiert, dafür sei ein Visum eine viel zu ernste Angelegenheit. Dabei, – wer nimmt die Visa wohl mehr ernst als wir, die ernsthaften Visacollectors.“ Spricht das englische Visacollectors stets mit karpfenmäuliger Korrektheit und gehobener Stimme, als sei es sein Adelsprädikat.
Bei der Erwähnung des Ostblocks war seine Stimme plötzlich sehr leise geworden, dann versiegte sein Redefluß sogar ganz. Resigniert rührt der Mann in seinem Kaffeerest. Da muß man doch helfen, da muß man doch was zur Aufheiterung sagen, zur Ablenkung. Der Zug zieht durch die Magdeburger Börde. Und nichts, das man ansprechen könnte. Kein Bussard, keine Zaunkönige. Wie das mit den Zaunkönigen gemeint war, ist ihm sowieso schleierhaft. Auch kein Schäferhund mit Oberleitung. Der Blick hinaus einfallslos schraffiert: Die gefurchten Felder wollen schier kein Ende nehmen. – Diese großen Felder, dieser Unsinn, diese Dokumentation einer großen Idee. Da fällt ihm die berühmte Rechenaufgabe ein: Eine Putzfrau schafft eine Hundert-Quadratmeter-Wohnung in drei Stunden; wieviel Stunden brauchen zwei Putzfrauen für eine doppelt so große Wohnung? Die richtige Antwort lautet: Sechs Stunden.
„So weit und so gefurcht, wie übermäßig hohe Denkerstirnen“, sagt er und deutet hinaus. Doch sein Gegenüber geht nicht darauf ein. „Eine hohe Stirn ist halt nicht immer mit hoher Geistigkeit gleichzusetzen“, versucht er zu trösten. Doch kommt keine Reaktion – und der Kaffeerest immer noch nicht zur Ruhe. Das ist ja nicht mitanzusehen. Also den Mann einfach frontal angehen: „Wie viele Visa haben Sie denn schon gesammelt?“
„Ha“, ist der sofort wieder voll da, „das fragt sich so leicht und ist so schwer zu beantworten. Ich zum Beispiel, und ich gehöre nicht einmal zu den bedeutendsten Sammlern, ich kann meine Schätze überhaupt nicht mehr überblicken. Es mögen fünftausend sein, es können aber auch an die zehntausend sein, – was weiß ich. Ich habe keine Zeit, sie zu zählen. Zunächst habe ich ja querbeet gesammelt, wie man das als Anfänger halt so macht. Auch diese Sammelstücke werden einmal wertvoll, das ist klar; immerhin gab es ja fast hundert Jahre lang keine Visa mehr im innerdeutschen Verkehr. Da klafft eine gewaltige Lücke, historisch bedingt. Das macht natürlich alles aus den Jahren unmittelbar vor und nach diesem Einbruch um so wertvoller. Aber es hat keinen Zweck, alles zu sammeln. Deshalb habe ich mich – und so macht es jeder halbwegs gescheite Sammler – auf ein Gebiet spezialisiert.“
„Und das wäre?“
„Das ist“, korrigiert er sanftmütig und beinahe unauffällig, „das ist dieser innerdeutsche Verkehr, das heißt das Transitvisum zur einmaligen Reise durch das Hoheitsgebiet der Deutschen Demokratischen Republik auf der kürzesten Fahrstrecke mit der Eisenbahn. So seine korrekte Bezeichnung. Die kennt man dann natürlich auswendig. Und dieses Visum wird ausgestellt vom Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der Deutschen Demokratischen Republik mit Sitz in Berlin, der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik“, zitiert er weiter. „Sie sehen, man wird auch politisch aufgeklärter durch diese Sammlertätigkeit. Die ist also alles andere als sinnlos.“
„Aber wenn man einmal so ein Transitvisum gekriegt hat, dann kennt man es ja. Das ist doch immer gleich, anders als Briefmarken, die ja immer andere Bilder bringen“, reizt er den Sammler zum Weiterreden, um zu verhindern, daß der wieder in seine Kaffee rührende Bedrücktheit verfällt.
„Für den Laien ja, zugegeben, für den Laien ist das immer gleich. Aber der ernsthafte Visacollector sieht das mit anderen Augen. Jedes Transitvisum ist ein einmaliges Dokument, ein echtes Unikat, entstanden aus der Kombination von drei variablen Faktoren, nämlich dem gedruckten Formular, der handschriftlichen Eintragung durch den Grenzpolizisten und dem von Hand aufgedrückten Stempel. Und weil alle drei Faktoren Variable sind, gibt es eben diese unüberschaubare Menge von Unikaten, durch die ich eine Schneise zu schlagen bemüht bin. Denn so ist das halt beim ernsthaften Sammeln – und damit auch ein bißchen wie ganz allgemein im Leben: es kommt nicht auf das Was an, dafür um so mehr auf das Wie. Immer nur das Wie muß stimmen.“
Das Drei-Eier-Omelett ist inzwischen kalt geworden. Schade um das eigentlich recht günstig erstandene Essen: mit Pilzen und zwei Scheiben trockenem Brot für ganze 7 Mark 70. Aber so aufmerksam den Nachrichten aus einer anderen Welt lauschend, da bleibt kein Platz fürs Essen. Und wenn man dazu auch noch gespannt ist auf den Auftritt der Grepos. Aber das mit den Variablen will er unbedingt vorher noch genauer wissen. Dabei entpuppt sich sein Partner als ein sehr geduldiger Lehrer. So erfährt er, daß die Formulare im Format DIN A 6 nicht nur auf verschiedenem Papier gedruckt werden, „vermutlich so, wie es gerade vorrätig ist“, sondern auch mit unterschiedlichen Drucktypen, mal mit schmalhohen, mal mit breiter laufenden, mal flauer und mal fetter. „Wohl in verschiedenen Druckereien gedruckt. Und der durchgehende Arabeskenaufdruck mit dem großen Staatswappen im Kringelkranz mitten drauf, der bringt auch nicht immer dasselbe Muster und ist mal erfrischend lilarot, mal kirchenfestlich violett, ganz abgesehen von der aufgedruckten laufenden Nummer mit Buchstabenkombination. Das macht ihnen so leicht keiner nach.“ Mit unüberhörbarer Bewunderung. „Nur die neben das Siegel gedruckte Unterschrift ist immer gleich unleserlich, – irgendwas wie Henscheid.“
Vom Bier zum Tee übergewechselt, um alles hellwach mitzukriegen. Die beiden Teebeutel schwimmen ohne Rettungsleine im Teekännchen. Dafür tröstet das Papierchen unter der Tasse mit der Aufschrift: Mitropa macht das Reisen schöner. Die am Nebentisch haben das wohl nicht gelesen, fällt ihm auf, die lassen ihren Kaffee angetrunken angewidert stehen. „Ist alles nicht mehr wie früher“, hört er.
Daß Name, Vorname und Geburtsdatum des Transitreisenden von den Grepos nicht mehr in die vorgesehenen Rubriken eingetragen werden, findet der Sammler sehr bedauerlich. „Aber ich, ich habe auch viele Stücke aus der Anfangszeit, als man noch mit dem nötigen Ernst bei der Sache war.“
Will er mich etwa neidisch machen? Dabei hat es mich doch noch gar nicht gepackt, das Sammelfieber. Ich warte lediglich auf den Grepomann, der mir mein persönliches Transitvisum gibt. Wie ein Kind auf den Weihnachtsmann, so warte ich auf ihn. Aber reine Sensationslust, nichts sonst.
„Um eine komplette Kollektion zu erhalten, die dann auch was wert ist“, erfährt er, „muß ich beim Sammeln gewisse Konstanten einführen.“
„Erst all die Variablen, und jetzt auch noch Konstanten?“
„Ja, ich muß jede Woche fahren und darf keine einzige auslassen. Und immer am selben Wochentag, immer mit demselben Zug und immer im Speisewagen an demselben Tisch. Und das mit dem Speisewagen statt Abteil, das will ich Ihnen als Anfänger gleich als Tip mit auf den Weg geben: Die Grepos stehen hier bequemer als in der Abteiltür und schreiben deshalb die Paßnummer deutlicher. Das erhöht natürlich den Wert des Stückes und ist letztlich mehr wert, als der eine Kaffee kostet. Ohnehin darf man an Kosten nicht denken. Die viele Fahrerei. Ein Sammler zu sein, das muß man sich halt leisten können.“ Und genehmigt sich prompt noch einmal ein winziges Schlückchen Kaffee, so vorsichtig dosierend, beinahe nur ein Küßchen für den Tassenrand.
Anderthalb Stunden vor der Ankunft in Berlin Zoologischer Garten nimmt der Ober einem Gast, der sich gerade erst gesetzt hat, die Speisekarte aus der Hand. Und als der wieder danach greifen will, meint er: „Ja, wenn Sie sich nur mal informieren wollen. Die Küche ist aus. Ich muß jetzt abrechnen.“ Dann setzt er sich an den ersten Vierertisch, den freigehaltenen, und breitet Listen und Blöckchen aus. Und rechnet eifrig los, mit leisem Vorsichhinsprechen. Alles ohne Taschenrechner. Ein Arbeiter des Kopfes, nicht der Faust.
Dann endlich kommen sie, die Grenzposten: fünf Mann mit Bauchladen und Pistole schwärmen nach einer offenbar gut einstudierten Choreographie zwischen den Tischen aus und bitten um die Reisedokumente, wie sie den bundesrepublikanischen Reisepaß schön verallgemeinernd nennen. Sein persönlicher Grepo klappt vor ihm den Bauchladen, einen flachen Holzkasten, auf und legt seinen Reisepaß auf den so entstandenen kleinen Tisch, schreibt irgendwas, macht zweimal klackklack mit einem Automatikstempel – einmal in den Paß, einmal auf das Transitvisum, wie er hinterher feststellen wird –, gibt ihm den zugeklappten Paß zurück und geht. Schon Schluß mit der ganzen Zeremonie. Ein unansehnliches Zettelchen steckt zwischen den Blättern seines Reisepasses: das Transitvisum.
Er ist enttäuscht und läßt es seinen Gesprächspartner merken, indem er den Zettel betont desinteressiert doppelt faltet, nicht einmal akkurat in der Mitte, und ihn mit dem Paß wegsteckt. Solange die Graugrünen im Speisewagen sind, ruht an allen Tischen das Gespräch. Erst nachdem sie verschwunden sind, lodert es zögerlich wieder auf. Er tut unbeeindruckt. „Kennen Sie Brandenburg?“ fragt er sein Gegenüber.
„Nur von der Durchreise her. Da ich ja immer an diesem Tisch sitze, wegen der Konstanten, verstehen Sie. Da muß man konsequent sein und anderes einfach beiseite lassen. Der Blick des Sammlers wird naturgemäß etwas eingeschränkt, das gilt auch und erst recht für den Sammler von Transitvisa“, setzt er die nur bei der Kontrolle unterbrochene Sammellitanei fort.
Hilf Himmel, wie komme ich nur wieder vom Transitvisum los? Den Partner nicht mehr anschauen, überhaupt nicht mehr hinhören. Frechheit, denkt er, einem so ein mieses Zettelchen zu geben, ohne jeden Versuch einer künstlerischen Gestaltung, wo doch Briefmarken und Münzen und Porzellan von erstklassigen Künstlern entworfen werden. Ich will einfach nichts mehr davon hören. Erledigt, aus. – Doch ein passionierter Sammler läßt sich nicht so leicht abschütteln. Dafür ist seine Sache viel zu wichtig. Und deshalb auch er selbst. Ärgerlich. Jetzt hast du es wieder bestätigt gekriegt, sagt er sich: Die Leute, die man so trifft, sind nur solange interessant, wie man nicht weiß, was sie tun und sind. So grübelt und gründelt er langsam auf Potsdam zu, immer strenger werdend in seinen Überlegungen. Dann endlich hat er was:
„Aber“, sagt er unvermittelt, „ist das nicht Mißbrauch des Transitabkommens von 1971, genaugenommen, wenn Sie sich nicht ein Transitvisum ausstellen lassen, weil Sie die Transitstrecke benutzen wollen, sondern die Transitstrecke benutzen, nur um ein Transitvisum zu ergattern? Und das immer wieder. Sozusagen als ein Serientäter.“
Mit weitaufgerissenen Augen und Nasenlöchern und klaffendem Mund starrt der Sammler ihn an, einen Moment lang tonlos. Dann aber: „Nein, nein, um Gottes willen“, greift er sich ans Herz, „so kann man das doch nicht sehen. Sagen Sie, daß man das so nicht sehen kann. Ich habe immer eine Fahrkarte zum vollen Preis gekauft, und ich habe mich immer absolut korrekt verhalten, kein Wort gesagt bei den Paßkontrollen, da habe ich stets drauf geachtet, um ja keinen Anlaß für eine Verdachtskontrolle in der Baracke zu geben. Aber wenn Sie das so sagen –.“ Und schweigt atemlos, erst blaß, dann wie in die Farbvariable getaucht, mal mehr rot und mal mehr violett im Gesicht.
Es ist kurz nach zwanzig Uhr, als die Grenzposten wieder durch den Speisewagen kommen. Der Sammler plötzlich wieder leichenfarben. Die Männer aber streben mit schnellen Schritten und zufriedenen Ladenschlußgesichtem dem Zugende zu.
Die Vorortbahnhöfe Berlins werden ohne Halt und nur im Bummeltempo passiert: Wildpark – da steht noch eine verfallende Prachthalle abseits, einst für den Empfang des Kaisers geschmückt –, dann Babelsberg und schließlich Griebnitzsee, das andere Ende der Reuse. In Griebnitzsee steigen die Uniformierten aus, auf dem Bahnsteig von Kollegen und Schäferhunden erwartet. Daß es immer Schäferhunde sein müssen, überlegt er. Eigentlich ein gutes Zeichen: Wir Deutschen sind ein bukolisch empfindendes Völkchen. Mindestens fünfmal waren sie durch den Zug gezogen, die Uniformierten, im Gänsemarsch. So ein Schutz, denkt er. Sein Gegenüber ist verstummt. So hat er Muße, sich einmal die Mauer aus der Nähe zu betrachten: grau und übermannshoch und mit einer ebenfalls grauen Rolle obendrauf, an der wohl die Hände abgleiten sollen, wenn einer drüberzuklettern versucht. Was ohnedies ein schlimmes Ende nehmen würde, denn hier sieht er hinter der Mauer einen breiten Riegel von rostbraunen Eisenmatten liegen, mit hohen Stacheln dicht an dicht. Selbst einen gestandenen Fakir müßte dieser Teppich an der Welt verzweifeln lassen. Liegen die Matten nun vor oder hinter der Mauer? Das ist eine überflüssige Frage, weil die Öffnungen, durch die der Zug fährt, ja reusenartig gebaut sind. Aber daß wir aus der Reuse überhaupt wieder hinausdürfen, das ist schon grandios. Das verdanken wir fraglos dem Transitvisum – und den vielen Millionen harter D-Mark, die Bonn dafür zahlt.
Um 20 Uhr 30 in Berlin-Wannsee. Die letzten fünfzehn Kilometer bis zum Bahnhof Zoo unterscheiden sich deutlich von der gerade durchfahrenen Strecke: Die ganz andere Art von Autos auf den Straßen markiert den Bühnenwechsel. „Ich vermute, jetzt sind wir wieder auf deutschem Boden oder nicht?“ fragt er sein Gegenüber. Und ergänzt, als er dessen irritiertes Suchen nach einer passenden Antwort bemerkt: „Ich meine, wir sind in, wie soll ich sagen, na ja, Sie wissen schon.“ Klingt ja auch viel zu pathetisch, das mit der freien Welt, überlegt er.
„Tschuldigung“, springt der Mann plötzlich auf, wiederbelebt. „Dürfte ich Sie wohl um Ihr Transitvisum bitten? Sie brauchen es ja jetzt nicht mehr, und ich, ich sammle doch das Gebiet, und nun – nun war das meine letzte Reise. Zurück werde ich fliegen, vorsichtshalber.“ Und dann hurtig von Tisch zu Tisch mit seiner Bitte. Und ab in den nächsten Wagen: eine Sammlerpersönlichkeit, ungebrochen.
Pünktlich 20 Uhr 46 läuft der Zug in Bahnhof Zoo ein. In dem Menschengewirr dort kann er seinen Gesprächspartner leider nicht mehr ausmachen. Zu spät, um sich dafür zu entschuldigen, daß er ihm die Komplettierung seiner Sammlung vermasselt hat.
Auch ich in Berlin, sagt er sich. Und wenn schon nicht in Arkadien, so doch an der Sollbruchstelle der Welt. Und ich habe hier eine wichtige Funktion. Den Bruch zu verhindern? Nicht ganz das. Vielleicht eher: Darzustellen, daß er längst keiner mehr ist. Daß die Risse gut verheilt sind. Nur noch liebevoll gehätschelte Narben. Triumphierend vorgezeigt.
2.
Ein Kapitol im Kopf, so ein amerikanisch-süßes Plastikwunder von Kapitol im Kopf, mit Monstersäulen, griechisch-putzigem Architraph und hoher Petersdomkuppel, in der schönsten Kodacolorsonne glänzend. Wie sich das für einen Regierungssitz gehört. Um dann, aus dem überfüllten Frühbus gequetscht, das da vor sich zu sehen: Ein Grautier, störrisch-steif, den kantigen Kopf hochgereckt, im Regen, Regen, Regen. An einem Aprilmorgen, so triefäugig, daß er sogar noch alles Grau zum Glänzen bringt. Laß alle Hoffnung fahren und nichts wie hinein, sagt er sich, hinein ins Rathaus Schöneberg, den provisorischen Regierungssitz der freien Stadt Berlin (West).
Da sieht er vor sich ein Schild mit der Aufschrift: Bitte Hausausweis vorzeigen!, kaum daß er durch die schwer aufzuwuchtende Bronzetür ist. Eine breite Treppe, und oben auf dem Treppenabsatz vor ihrer Portiersloge stehen sie. Schon wieder Uniformierte, diesmal in grau. Sie stoppen ihn mit dröhnendstummen Hoheitsblicken. Er sagt: „Guten Morgen“, stellt sich vor mit: „Mein Name ist Schmitt, Doktor Orpheus Schmitt mit Doppeltee“ und erklärt auch gleich: „Ich bin der neue Referatsleiter in der Senatskanzlei.“
„Ihr Hausausweis!“
„Habe ich noch nicht, werde ich mich aber sofort drum kümmern. Ich muß nur erst einmal mein Büro gefunden haben.“
„Da kann ja jeda kommen“, berlinert es ihn so wenig subaltern an, daß er prompt einen ersten Anfall von Unernsthaftigkeit am falschen Ort kriegt und lacht, lacht, während er das letzte amtliche Schreiben mit der Angabe seines Dienstbeginns rauskramt und überreicht. Lacht, bis die Grauen endlich mitlachen und ihn durchlassen: „Bitte, Herr Doktor.“
Jetzt weiß ich also, wofür ich mich dazu durchgerungen habe, den freien Autor und Gelegenheitstexter aus- und den Bürokraten anzuziehen, meine heimische Klause gegen das hier, den Sitz der Landesregierung und des Parlaments von Berlin, einzutauschen: Nicht nur wegen Beate, nicht weil sie mich dazu gezwungen hat, nein, auch um denen hier zu zeigen, denen allen, bei den untersten Rängen der Machtelite angefangen, daß ich nicht „jeda“ bin. Wenn mir auch die Werbeaufträge ausgegangen sind – die wirtschaftliche Rezession halt – und ich all meine Ersparnisse aufgebraucht habe und meine Schriftstellerei noch so gut wie nichts einbringt, „jeda“ bin ich deshalb doch nicht.
Aber wie hat der eine Graue zuletzt gesagt? „Bitte, Herr Doktor.“ Eigentlich auch ganz schön, plötzlich wer zu sein, wo alle was sind, so förmlich mit Titel angeredet zu werden, macht er sich Mut, als er die Treppe zur Beletage hinaufsteigt. Und ein Direktorgehalt zu beziehen. Ich werde aufpassen müssen, daß ich hier nicht hängenbleibe. Aber, aber, – erst mal an die Arbeit!
Mit Arbeiten wird es zunächst noch nichts. Wie soll man sich über seine Aufgabe hermachen, wenn man so neu ist und nicht weiß, was läuft, wenn man in einem nur halb eingerichteten Büro sitzt und überhaupt noch keine richtige Aufgabe bekommen hat, sondern nur Akten, Broschüren, Bücher: Material zum Sich-Einlesen, wie es heißt. Er solle zunächst einmal in Ruhe gelassen werden. Also dasitzen und lesen, fremd unter Fremden. Viele Hände habe ich schon schütteln müssen; aber noch weiß ich nicht, wem ich vertrauen kann, wem ich sympathisch bin, wem nicht, erst recht nicht, wem ich im Weg bin, wer sich auf mich einschießen will; noch tun sie alle sehr freundlich.
Die ihm zugesagte Sekretärin gibt es noch nicht. Was gar nicht so schlecht sei, weil ohnehin kein Büro für sie frei sei, heißt es. „Das regelt sich“, tröstet ihn Dr. Hecht, sein Abteilungsleiter, mit vielen, viel zu vielen perfekt formulierten Sätzen, die in der Feststellung enden: „Das sind die typischen Anlaufschwierigkeiten in der Verwaltung. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Gut Ding will Weile haben, eine gute Verwaltung erst recht. Vorerst ist meine zweite Sekretärin, Frau Gram, als Schreibkraft auch für Sie zuständig. Hiermit beschlossen und verkündet. Im übrigen: Soviel haben Sie ja am Anfang nicht zu schreiben.“
„Nun gut“, Kann er dazu nur sagen. Und schon nimmt er sich vor, sich mit Arbeiten zurückzuhalten. Dieser Dr. Hecht ist nicht zurückhaltend, bemerkt er schnell. Er erweist sich als ein Berliner nach Schnittmuster. Er läßt es nie mit kurzen Erklärungen bewenden. Sprechen ist offenbar seine Leidenschaft. Er frönt ihr mit bewundernswerter Eloquenz. Dabei hat er nicht nur die schnodder-witzigen Redewendungen drauf, die man in Berlin an jeder Haltestelle, in jedem Laden und erst recht in der Kneipe zu hören kriegt, all dieses Vorgefertigte. Er kann sogar selbst Wortspiele machen, und das aus dem Stand heraus. Bei ihm gilt: Alles fließt. Fast könnte man sagen: In seinem Redefluß fühlt sich der Hecht am wohlsten. Na also: Was der kann, kann ich schon lange.
Wie ertappt, greift er sich an die Nase. Was ihn daran erinnert, daß er eine schönere Nase hat als dieser Dr. Hecht. Der muß ein Daumenbohrer sein, und zwar mit beiden Daumen. Überhaupt kein Falz mehr an den Nasenflügeln. Ein glattes Pultdach rechts und eins links, eine Doppelpultnase also. Tief ausgebohrt und so breitgezogen, daß die Spitze wie ein zu klein gewordenes Hütchen darauf sitzt. Unübersehbares Zeichen so mancher erfolgreich hochgebrachten Tiefbohrung. Eine echte Denkernase.
Die Augen offenzuhalten, das hatte er sich vorgenommen. Alles zu sehen, jedenfalls immer etwas mehr zu sehen als andere. Und nun ist sein erstes Mehropfer dieser Dr. Hecht. Für ihn der erste Berliner im Nahkontakt. Ich mag ihn, muß er sich zugeben. Und er mag mich offensichtlich auch. Hat er es doch gegen seinen direkten Vorgesetzten, den Senats Sprecher durchgesetzt, mich als seinen Mitarbeiter zu bekommen. Daß er mir das verraten hat – auch eine geschickte Methode, sich einen Menschen zu kaufen, und das mit Haut und Haar, wie er sagen würde. Da gab es an die hundert Konkurrenten, und etliche davon hatten den unschätzbaren Vorzug, Parteimitglieder zu sein. Und das sogar bei der richtigen Partei, nämlich bei den Christlichen. In der Leitung des Hauses gab es einige Leute, die meinten, das mache geringere Qualifikation mehr als wett. Doch der Regierende Bürgermeister von Berlin, Dr. Richard von Dinkelacker, fand, daß es gut zu seinem Bild von Überlegenheit passen würde, sich einen Mann für die Berlin-Werbung auszusuchen, der keiner Partei angehört.
„Aber Sie sind Parteimitglied?“ hat Orpheus Schmitt seinen Abteilungsleiter gleich in diesem ersten Gespräch gefragt.
„Ja, ich bin Sozialdemokrat.“
„Also in der falschen Partei.“
„Das kann man so nicht sagen“, wurde Dr. Hecht grundsätzlich. „Die Sozialdemokratische Partei kann niemals die falsche Partei sein, es kann nur gerade mal die falsche Partei am Ruder sein. Wie im Moment. Ich habe mich entschlossen, in diese Partei einzutreten, als Willy Brandt mit seiner Ostpolitik in ganz neue deutschlandpolitische Dimensionen vorstieß. Das hat mich so begeistert, da konnte ich nicht länger abseitsstehen.“
„Es war ja auch nicht daran zu denken, daß den Sozialdemokraten, die hier in Berlin die Herrschaft quasi gepachtet hatten, das Ruder mal aus der Hand fallen könnte“, hakte Schmitt nach.
„Was für mich kein Gesichtspunkt war.“
So einfach hatte Orpheus es ihm nicht machen wollen. Gerade am Anfang nicht. Deshalb schnell ein paar wohlgestellte Sätze über die Parteien als solche nachgereicht. Daß die großen Volksparteien die stolze Errungenschaft der Moderne, die Demokratie, gründlich verwässert hätten, indem sie aus der Wahl eine Entscheidung zwischen „Zum Wohle“ und „Wohl bekomm’s“ gemacht hätten. Damit hätten sie erreicht, daß die Bevölkerung in zwei Teile auseinandergerissen wurde und daß etwa der Hälfte der Wählerschaft der Wein nicht schmeckt, nur weil er mit, „Zum Wohle“ statt mit „Wohl bekomm’s“ kredenzt wird beziehungsweise mit „Wohl bekomm’s“ statt mit „Zum Wohle“. Es sei ja kaum noch möglich, sich für das eine oder das andere zu entscheiden, weil es nur noch diese charakterlosen, gepanschten Mischweine gebe.
„Zurück zu Ihnen, Herr Schmitt. – Wieso haben Sie einen so komischen Vornamen? Orpheus – was haben Ihre Eltern sich nur dabei gedacht?“
„Nun ja, die haben sich einen Namen ausgedacht, der garantiert in kein Parteibuch passen würde.“
„Schön gesagt. Daß Sie keiner Partei angehören, weiß ich. Aber wieso nun wirklich dieser hypernostalgische Vorname?“
„Mein Vater hatte eine ständige Redensart, und die lautete: Die griechischen Götter, sie leben immer noch unter uns. Deshalb Orpheus. Nun ja. Aber abgekürzt, einfach so O-Punkt, klingt der Name doch ganz unverdächtig, absolut zeitgemäß, oder? Schon fast zu belanglos, meinen Sie nicht auch? Ich habe, muß ich zugeben, den Doktor nur gemacht, um dieser Abkürzung doch ein bißchen was zu geben.“
„Ein akademischer Titel quasi als Kosmetik, das klingt gut, für einen Werbemann der richtige Visitenkartengag. Aber jetzt muß ich das Gespräch leider abbrechen, weil ich zum Senatssprecher muß. Wir haben ja noch so viele Jahre, uns zu unterhalten. Dagegen diese politischen Figuren, das sind ja nur durchreisende Artisten, deren Spiel man bestaunen muß, ein wenig auch mitspielen, solange sie noch da sind.“
Immerhin, er ist was geworden bei den Genossen. Wie sie alle was geworden sind, meine Kollegen rundum, wurde Orpheus Schmitt nach diesem ersten Gespräch schon gefährlich nachdenklich. Die meisten seien wie er eingeschriebene Sozialdemokraten, hat er gesagt. Und denen hat sich von Dinkelacker nun mit einer Handvoll verschworener Unionsleute in den Nacken gesetzt. Mit dieser halben Situationsschilderung alleingelassen, bekommt Orpheus plötzlich so was wie eine Denkkolik: Ich selbst könnte in diesem Haus den ersten oder zumindest den zweiten Rang bekleiden, wenn ich mich gleich nach der Schulzeit oder möglichst sogar noch vor dem Abitur gesellschaftspolitisch engagiert hätte, wie es in den Lebensläufen der Politiker so schön heißt. Wenn ich wie sie Partei ergriffen und Plakate geklebt, einem Mentor Beifall gespendet und die richtigen Freundschaften gepflegt hätte – und mir aus vielem einfach nichts gemacht und statt dessen eine eigene Hausmacht aufgebaut, über allerlei redend, redend, redend und zu allerhand schweigend, schweigend, schweigend. – Hilf Himmel, daß ich auf den Gedanken komme, ich hätte so was werden können, das macht Jahrzehnte eifrigster Bemühung um das Gute-Schöne-Wahre zunichte. Und formuliert schnell und spricht es sich nikolaushaft vor: „Vorsicht Orpheus! Wer allen Karriere-Versuchungen heldenhaft widerstanden hat, der ist dennoch ein Verlierer, wenn er durch die Hintertür das Bedauern hereinläßt.“
3.
Schon etliche Wochen in Amt und Würden. Aber wenn er das Rathaus Schöneberg betritt, unter den kritischen Blicken der Pförtner, immer noch dieser spürbar verstärkte Adrenalinausstoß. Was die Grauen zum Glück nicht sehen können. Dabei hat er inzwischen einen sogenannten Dienstausweis. Den ja, aber eben noch keinen Hausausweis. Denn der ist aufwendiger in der Herstellung, hat man ihm erklärt. Wie für die Ewigkeit gemacht. Mit Farbfoto aus der hauseigenen Hausausweiskamera, in Gegenwart des Hausausweisfotografen von ihm zu unterschreiben, anschließend sofort einzuschweißen. Hausausweis-Fototermin nur alle paar Monate.
Dr. O. Schmitt macht sich klar, daß ihn inzwischen alle Pförtner kennen müßten. Um sich selbst zu beruhigen. Sicher ist ihnen aufgefallen, daß ich beim Heimgehen immer so freundlich „Auf Wiedersehen!“ sage, so verbindlich lächelnd, als ob ich das Wiedersehen kaum noch erwarten könnte. Damit macht man sich Freunde. Für den Auftritt am Morgen hat er sich was Besonderes einfallen lassen: Er geht nicht zögerlich auf die Uniformierten zu wie ein Besucher, nein, immer zwei Stufen mit einem Satz nehmend, hastet er so diensteifrig an ihnen vorbei, daß ihn niemand zu stoppen wagt. Beweist doch die Eile wie auch sein nur schnell hingeworfenes „Morgen“, mit betont konzentrierter Miene, ohne einen Blick zur Seite, daß er im Geiste schon festeweg beim Regieren ist. Bei diesem schnellen Durchhuschen nehmen die Grauen es hin, daß er nicht das übliche Aktenköfferchen trägt, dieses geile Standeszeichen, von dem man nie weiß, was drinsteckt. Er hat seine Butterbrote und den Apfel in einer Plastiktüte vom KaDeWe in der einen Hand – ein Jutebeutel ist ihm zu konformistisch –, den fliederfarbenen Damenschirm von Beate, der zufällig mitgekommen ist, in der anderen. Daß ich damit den hochherrschaftlichen Haupteingang des Regierungssitzes verschandele, müßte dem Wachdienst eigentlich suspekt sein, wundert er sich. Aber man ist halt auf Terroristen abgerichtet, nicht auf Individualisten. Dabei würde ich mir so gern einmal in aller Ruhe die Vorhalle des Rathauses Schöneberg ansehen. Diese Pracht in Weiß und rötlich-braunem Sandstein. Oder sind das gebrannte Klinker? Das weiß ich noch immer nicht. Weil: nur nicht genauer hinschauen, nicht stehenbleiben wie einer, der nicht hierhergehört, nur immer schnell weiterhasten. Und diese vollplastischen Köpfe an den Säulen, im Augenwinkel mitgekriegt, was sollen die? Wer schaut da so auf mich herab?
Schon sitzt er wieder in seinem Büro und liest sich ein. Liest, liest, liest – oder döst. Nach zwei Stunden Lektüre wieder das gleiche Erlebnis wie damals im Seminar der Universität. Wenn ihn nur noch die Pflicht am Buch festhielt. Lesen nicht mehr als das Ranpirschen an die Wahrheit, nicht mehr dieses Das-Leben-Anspringen, überhaupt kein Erlebnis mehr. Die Augen lasen noch, wankten gehorsam die Zeilen entlang, hin und her, hin und her, während das Gehirn schon auf Schlaf umgeschaltet hatte. Er las ins Leere hinein, las und las – und wußte längst nicht mehr, was er las. Doch plötzlich döst er nicht mehr, schreckt er sich selbst auf: Ja, bin ich dafür nach Berlin gegangen, damit ich wieder beim Schlaflesen auskomme? Nie hätte ich gedacht, daß das Leben im Zentrum der Macht so belanglos sein könnte. Ich erlebe immer noch nichts, absolut nichts. Dabei hatte mir doch irgendwer gesagt: „Auf dem Posten können Sie was erleben!“
Aber weil er nichts erlebt, hat er wenigstens Zeit, es genauer zu beobachten. Die Augen offenhalten! Immer nur die Augen offenhalten! Beispielsweise das Hin und Her auf den Fluren und das Getue an all den vielen Türen. Das Rathaus scheint hauptsächlich aus Türen zu bestehen: Pendeltüren, Zwischentüren, Brandschutztüren, Bürotüren, Vorzimmertüren, Doppeltüren, Toilettenvorraumtüren ... Ein ständiges Türauf-Türzu, wie im Boulevardtheater. Dabei gilt es höllisch aufzupassen. Immer die sekundenschnelle Abwägung: Muß ich vor dem anderen durch die Tür gehen oder darf ich das keinesfalls, sollte ich für ihn die Tür aufreißen, muß ich ein Zuviel vermeiden, kann ich – scheinbar abgelenkt – einen Schritt zurückbleiben, oder müßte ich, um allen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, plötzlich vorpreschen und als erster durch die Schwingtür gehen, sie leger dem ausgestreckten Arm des anderen überlassen? Und was ist mit dem Anklopfen und dem Warten oder wenigstens Zögern? Oder lieber gar nicht anklopfen? Von Tür zu Tür das Durchchecken: Wer von uns ist ranghöher, wer ist der Nächsthöhere? Drükken. Immer dieses eklige Sich-Selbst-Abschätzen. Ziehen. Diese seiltänzerische Gewandtheit, die der schnelle Wechsel der Situationen verlangt, wenn ich eben noch mit dem und jetzt mit diesem und gleich darauf mit jenem über den Gang gehe, mal der zu Ehrende bin, dann der Ehrerbietige – und am liebsten der Unaufmerksame. Drücken. Das einzig Positive an diesem vertrackten Schwänzeltanz der Hierarchen ist, daß einem die Relativität von Größe eingebleut wird. Die Relativitätstheorie sei Einstein hier in Schöneberg aufgegangen, hat Dr. Hecht gesagt. Ob er das mit den Türen gemeint hat?
Das war das Gespräch, in dem es um Beate ging. Wie war er nur auf die Relativitätstheorie gekommen? Er hatte gefragt, ob meine Frau mit im Wohnheim kampiere oder wir schon eine richtige Wohnung gefunden hätten. Und ich hatte ihm gesagt: „Meine Frau kommt nicht mit. Sie hat sich von mir getrennt, bleibt im Rheinland, in unserer Wohnung.“
„So ist das. Sie hat Ihnen den Stuhl vor die Tür gesetzt?“
„Nicht gerade den Stuhl. Aber meine unveröffentlichten Manuskripte und mein Lexikon. Einfach in den Hausflur geworfen. Und meine Kleidung, die Schuhe und so.“
„Ja, ja, die Frauen“, hatte er sich ungewöhnlich kurz gefaßt. Um mich zum Weitererzählen zu zwingen.
„Nein, sie ist sonst gar nicht so. Eine wunderbare Frau. Nur diese Zukunftsängste immer, dieses Sicherheitsbedürfnis. Alle anderen haben einen Mann, dessen Beruf können sie nennen, beklagte sie sich immer, ich aber, ich weiß nie, was ich sagen soll, wenn gefragt wird, wo denn mein Mann beschäftigt ist. Dabei, wer mein Buch gelesen hatte, der war begeistert, der gratulierte mir zu der ungewöhnlichen Sprache, die sei zum Steinerweichen, der redete davon, was für einen Genuß ich ihm geboten hätte, sogar der Hund sei ganz still geworden, als er seiner Frau daraus vorgelesen habe, die Bäume hätten aufgehört zu rauschen, das war schon peinlich – nur, es waren zu wenige, die das sagen konnten, weil einfach zu wenige das Buch gelesen hatten.“
„Damit meinen Sie das Buch, das Sie Ihrer Bewerbung beigefügt hatten?“
„Ja, natürlich, ich habe nur für dieses eine Buch einen Verlag gefunden. Mit viel Glück. Aber auch das hat mir nicht dazu verholfen, einen Verleger für meine weiteren Manuskripte zu begeistern. Ich war ihnen zu unbekannt. Ich war und blieb ein Nichts. Sich ernsthaft um literarische Qualität zu bemühen, ist bei uns der sicherste Weg, seine Anonymität zu sichern.“
„Gut, daß wir davon sprechen. Ich bin auch einer von denen, die Ihnen sagen können: Das war ein Hochgenuß, eine köstliche Lektüre. Ich war so davon angetan, übrigens waren auch meine Frau und mein Sohn so begeistert, daß wir unbedingt Sie für diese Stelle haben wollten. Um den Mann genauer kennenzulernen, der so schreiben kann. Meine Frau und mein Sohn, die freuen sich schon auf Sie. Gelegentlich müssen wir uns einmal zusammensetzen.“
„Ja, sehr gerne. Und ich freue mich natürlich auch, daß ich schon wieder drei Leser mehr habe. Aber meiner Frau genügte diese Welteroberung in kleinsten Schrittchen nicht. Sie wollte, daß ich einen vernünftigen Beruf hätte und ein festes Einkommen.“
„Was Sie ja jetzt haben. Und immerhin war es auch Ihr Buch, das Ihnen dazu verholfen hat.“
„Ja, immerhin ist gut gesagt.“
Den Stuhl vor die Tür gesetzt. Was für eine herrlich plastische Sprache. Man muß sich nur ungeniert aus dem Arsenal der Umgangssprache bedienen, und schon erschlägt man jeden mit seiner Eloquenz. Dabei: um den Stuhl geht es eigentlich am allerwenigsten, wenn der eine Mensch den anderen Menschen rausschmeißt. Liebesentzug, ja, so würden die Psychobastler das nennen. Auch noch viel zu sachlich ausgedrückt. Ich habe sie verloren. Für immer und ewig verloren. Das ist es. Ein Verlust wie der Tod. – Nein, härter als der Tod ist die Trennung. Du bist für mich gestorben, hat Beate gesagt. Doch ich bin nicht gestorben. Ich lebe und muß weiterleben. Und muß immer wieder an sie denken. Und sie lebt, lebt irgendwie. Und mit irgendwem? – Ja, das ist sie, die Frage aller Fragen. Ist wohl nur deshalb die Trennung härter als der Tod, weil sie mein Ich kleinmacht? Lieber ausgelöscht durch Pulver und Blei oder durch einen banalen Verkehrsunfall, jedenfalls ausgelöscht, endgültig weg, als nur beiseitegeschoben, hintangesetzt, herabgewürdigt, zurückgestellt, abgewertet, verdrängt ...
Du bist für mich gestorben, hat sie gesagt. Und dann als letztes Wort ein Lebewohl. So ein Unsinn. Wohl um die Trennung noch definitiver zu machen. Wenn man sich so ausdrücken dürfte. Vorsicht, Vorsicht. Richtiger: Das Lebewohl verwenden wir immer dann, wenn wir klarstellen wollen, daß es sich um den endgültigen Abschied handelt. Für andere Abschiede ist es uns offenbar zu anspruchsvoll. Oder ist das Wohlleben selbstverständlich, solange man mit dem Wiedersehen rechnen darf?
Endlich kommt Arbeit auf Dr. Orpheus Schmitt zu. Echte Öffentlichkeitsarbeit: Man braucht neue Fotos vom Regierenden Bürgermeister. Über seine Frage: „Wieso, hat er sich etwa verändert?“ kann Dr. Hecht nicht lachen. Aus Bonn soll Schmitt den renommierten Prominenten-Fotografen Marchinger einfliegen lassen. Nur ihm traut man zu, daß er den Berliner Landesvater richtig ins Bild setzen könne. Schmitt fällt die Aufgabe zu, eine Fotorundfahrt durch Berlin zu organisieren. Die macht er dann erst einmal einen ganzen Tag lang mit Marchinger allein. Sie verstehen sich auf Anhieb. Orpheus muß überall in Pose gehen, den König Silberlocke spielen, wie Herr von Dinkelacker gern genannt wird. Das heißt, Orpheus muß immer wieder ein wenig in die Knie gehen, weil er für den König zu groß ist. Trotzdem ein Genuß, findet er, einem Prominentenfotografen in die Linse zu sehen. So was läßt einen wachsen.
Bei der Aufnahmetour am nächsten Tag ist Herr von Dinkelacker eindeutig der Größte. Dr. Schmitts fürsorgliche Anregung, beim persönlichen Referenten angebracht, der Regierende möge noch ein zweites Jackett und eine andere Krawatte mitbringen, ist offenbar nicht angebracht. Sie bringt dem persönlichen Blitzableiter ein kurzes, aber heftiges Sommerdonnerwetter ein. Tenor: „Was ich anziehe, das bestimme ich selbst!“ Klar, wo es um eines der wichtigsten politischen Rechte geht, um das Selbstbestimmungsrecht, da sind Politiker unnachgiebig. Ergebnis: Zeus zürnt vor sich hin und macht ein entsprechend nichtfotogenes Gesicht. Doch Marchinger trottet einfach los. „Der kommt schon nach“, sagte er nur, als Orpheus ihn zurückhalten will. „Politiker kommen immer dahin, wo die Kamera ist.“
Womit er recht behält. Sie sind kaum auf dem Wochenmarkt, der vor dem Rathaus Schöneberg stattfindet, da erscheint der Regierende auch schon zwischen den Verkaufsständen. Und bereits die ersten Leute, die ihn erkennen und freudig überrascht begrüßen, lassen ihn ein anderes Gesicht aufsetzen. Man winkt und lächelt ihm zu. Er genauso zurück, nur hoheitsvoller. Plötzlich eitel Sonnenschein, die Fotografiererei beginnt, kann programmgemäß ablaufen, quer durch die Stadt.
Drei Tage am Telefon waren dem vorausgegangen. Um alles zu beschaffen, was an Requisiten und Komparsen nötig war. Besondere Schwierigkeiten machte es, eine Berlin-Flagge zu besorgen. Als Hintergrund für die offizielle Regierungspose im Arbeitszimmer gedacht. Dr. Schmitts telefonische Bitte genügte nicht, eine schriftliche Anforderung mußte sein. An das Fahnenamt des Landes Berlin. Blöde Bezeichnung. Schon daß der fundamentale Unterschied zwischen einer Flagge und einer Fahne amtlicherseits nicht bekannt war, hätte ihn vorwarnen müssen. Per Bote kam ein so vergilbter und zudem geflickter Lappen an, daß Orpheus vor lauter Mitleid mit Berlin zum Defensor Patriae wurde und sich am Telefon in ein heftiges Schimpfen hineinsteigerte, was ihm schon am nächsten Tag zwei weitere Tücher einbrachte. Da hatte er nun eine vergilbt geflickte, eine viel zu große und eine passende und dabei farbechte, ungeflickte Flagge, die aber total verknittert war. Ein Bügeleisen habe man leider nicht im Fahnenamt, hieß es dazu auf Nachfrage. Erst als der Referatsleiter Dr. O. Schmitt sich mit einem Dienstwagen zu dem Gammelamt hinfahren ließ, wo er mit bedrohlicher Ruhe ein paar wohlgesetzte Sätze sagte, kam er zu dem richtigen bunten Staatstuch. Gleichzeitig kam er zu der Erkenntnis, daß der politische Gegner des Regierenden Bürgermeisters mit viel Phantasie arbeitete. Und zu den politischen Gegnern mußte der bedauernswerte Mann sie ja fast alle zählen, die um ihn herum waren. Stammten sie doch alle noch aus der Zeit der über dreißigjährigen Herrschaft der anderen Partei. Das Kündigungsschutzgesetz, überlegte Schmitt, hinter dem all diese Leutchen es sich gutgehen lassen können, wäre physikalisch wohl als Trägheitsgesetz zu bezeichnen.
Die Fototour wird schon auf dem Wochenmarkt zum Triumphzug. „Das ist ja unser Bürgermeister, unser Regierender!“ und „Guten Morgen, Herr von Dinkelacker!“ Solche Spontan-Äußerungen des Volkes tun natürlich gut. Händeschütteln hier und Händeschütteln da. Und immer ein paar leutselige Worte parat, die bei den auf Obst und Gemüse eingestimmten Leuten Begeisterung auslösen. Eine Begeisterung, die den Regierenden wie auf Doppeladlerschwingen vor die Kamera trägt. Und Marchinger, der alte Fuhrmann, zeigt, daß er seine Hermelinenheimer kennt: Er greift einfach neben sich, einer jungen Frau mit Kleinkind auf dem Arm um die Taille, dreht sie mit sanfter Gewalt herum, schiebt sie neben den Regierenden und sagt: „Bleib da stehen, Mädchen, und nicht in die Kamera gucken, nur zum Regierenden hin, ja, so ist’s recht.“ Und macht im Bild dingfest, wie der gute Landesvater sich persönlich um das Wohlergehen seiner Landeskinder und Landeskindeskinder kümmert. Dokumentarisch festgehalten für alle Zeiten.
Dann geht es im Konvoi durch die Stadt: Der Wagen mit dem Regierenden und dem Senatssprecher Dr. Vener, der Wagen der Sicherheitsleute und der Wagen mit dem Fotografen und Orpheus. Immer wieder wie zufällig die Reihenfolge ändernd. Und wo immer sie anhalten und aussteigen, bleiben zwei Sicherheitsbeamte hinter ihrem Wagen stehen. Die Kofferraumklappe geöffnet. Da drin liegen Maschinenpistolen, stellt Orpheus erschrocken fest. Eine völlig unnötige Vorsichtsmaßnahme, findet er. Denn selbst in Kreuzberg, wo der Regierende an kleinen türkischen Läden entlangschreitet, wird er nicht nur sofort erkannt, sondern auch freudig begrüßt. Eine Gemüsefrau bittet ihn so dringlich herein in ihren Laden, daß er nicht widerstehen kann. Und auch den angebotenen Tee trinkt er so heiß wie er ist. Marchinger kommt kaum mit bei diesem Motivüberangebot. In einer türkischen Konditorei nebenan kauft der Regierende etwas Süßes, das ihm mit dem bezaubernsten Lächeln des Orients und von einem köstlich vollfleischigen Odaliskenarm über die Theke gereicht wird. Das Geldstück, das die Frau dafür bekommt, vom Regierenden, der es sich von Dr. Vener geben ließ, gibt sie nicht in die Kasse, sondern behält sie liebevoll in der Hand, wie einen Talisman der Völkerverständigung.
Anschließend zu einer Tischlerwerkstatt, dann in eine Privatwohnung, in den Reichstag und zuletzt noch auf den Tenniscourt: Überall nascht der Regierende, der gerade mal nicht regiert, mit Lust am Bekanntsein und Gegrüßtwerden. Die Fototour wird ein voller Erfolg, das heißt: Marchinger hat genügend Filmmaterial belichtet; Frau von Dinkelacker wird haufenweise Fotos durchwühlen können, um die schönsten auszuwählen, die damit offiziell für die Öffentlichkeitsarbeit Berlins zugelassen sind.
4.
Dieser Dr. Orpheus Schmitt hat sein eigenes Nasenweltbild, ein Koordinatensystem zur nasenmäßigen Einordnung der Mitmenschen, das ihm Befriedigung gibt – und manch belanglosem Mitmenschen immerhin eine gewisse Bedeutung. Ein eigenes Weltbild, das ihn stolz macht, wenn es ihm im entscheidenden Augenblick auch nicht weiterhilft. Wie das so ist bei Weltbildern. Doch weiß er: Als Neuling in der Verwaltung muß man über jedes bißchen Überlegenheit froh sein. Und muß es einzusetzen wissen. So sehr er bemüht ist, seinen Vornamen zu verbergen und seinen Nachnamen durch die Betonung des Doppeltees aufzuwerten, er ist überzeugt, daß es nichts Aussagekräftigeres an einem Menschen gibt als die Nase. Diese Überzeugung hatte er übrigens schon, ehe er beschloß, Bürokrat zu werden. Die Nase war stets das erste, was er von einem Menschen sah, meist sogar das einzige. An ihren Nasen hatte er die Menschen zu unterscheiden gelernt, ihre mehr oder weniger fehlende oder zumindest zu spät eingesetzte Intelligenz zu messen, ihre vermeintlich heimlichen Gewohnheiten abzulesen. Und wie sie mit Blindheit geschlagen sind, wenn sie in den Spiegel gucken.
Inzwischen genügt ihm ein schneller Blick, und er weiß viel mehr von seinem Gegenüber als nur, daß es eine Messernase oder Pultdachnase hat, eine mit doppelten Kotflügeln, eine klassische Himmelfahrtsnase, eine Amerikanerinnennase, mit der er wie durch die Nasenlöcher angesehen wird, oder eine Victorynase, eine Schiefnase oder Segelnase, eine Spaltnase oder Original-Entenschnabelnase. Aber was sind schon solche Kategorien, erst das Sich-Bewußtmachen der Genese bringt die Erkenntnis. Ist doch jede Form – bis auf die paar Fälle von angeborenen Nasenabstrusitäten – die Funktion einer langwährenden, intensiven Deformationsarbeit. Die persönliche Art des Naseputzens wird schon aus der Form der Nase klar – und wird dann regelmäßig bald drauf bestätigt: Einhändig oder beidhändig, schiefziehend oder in beiden Nasenlöchern gleichzeitig gründlich nachsäubernd, von unten nach oben nachpuffend. Daneben läßt die Nase nicht nur auf die Größe und Plumpheit oder Feinheit der Hände schließen, das Zusammenspiel von Händen, Nasenknorpel und Nasenmuskulatur verrät auch einiges über Tätigkeiten – immer saubere Hände, brauchbar, oder immer schmutzige Hände, die man nicht ins Gesicht führen kann – und über die besondere berufliche Situation – allein im Zimmer oder stets unter Menschen.
Er glaubt nicht an den alten Lavater. Nein. Dennoch, – eine Überlegenheit gibt Dr. Schmitt diese Einordnung, eine Überlegenheit, von der sich seine Mitmenschen keine Vorstellung machen können. Sie haben sich ja auch nicht wie er klargemacht, daß die Nase ein plastisches Organ ist, leben vielmehr immer noch in der unbewußten Vorstellung von Kindern, daß die Nase vollelastisch sei. Das ist für ihn der Intelligenztest, der jede IQ-Bestimmung aushebelt: Arbeiten sie immer noch weiter an der Deformation oder haben sie ihren Fehler erkannt, arbeiten sie dagegen? Erst wer sein Hand-Nase-Verhalten in den Griff bekommen hat, ist für ihn ein erwachsener Mensch. Wie er sie genießt, die Überlegenheit, die ihm seine Nasenerkenntnisse geben. Wo auch sonst kann man noch um die allesbegeifernden Wissenschaften herumkommen, wo von ihnen noch nicht okkupiertes Gelände finden, einfach einen Claim für sich abstecken und dann sogar fündig werden. Die Nasentheorie eine neue Wissenschaft – die bisher fehlende Wissenschaft. Etwas zu sehen, was kein Mensch sieht, obwohl es jedem tagtäglich vor Augen gehalten wird, das ist schon faszinierend. Vor allem, weil es vermuten läßt, daß man auch in anderen Bereichen sieht, was die Mitmenschen nicht sehen, obwohl es offen sichtbar ist. So gibt das Wissen um das Werden der Nasen rundum und um sein überlegenes Sehen Dr. O. Schmitt die Befriedigung, die er in seiner erfolglosen Schriftstellerei nicht gefunden hat – und in seiner Arbeit im Rathaus Schöneberg kaum zu erhoffen wagt.
Daß man die Nase auch zum Riechen hat, erfährt er eines Abends bei der Rückkehr in sein Wohnheim an der Kulmer Straße. Wenn die wüßte, was sie in mir alles durcheinanderbringt, denkt er, als er den langen Flur im vierten Stock entlanggeht, vor der Tür mit der Nummer 415 stehenbleibt, aufschließt und hineingeht in sein Apartment. Seine Ablage. Aber vermutlich weiß sie es sogar und fühlt sich dabei ganz behaglich. Die Mollige, die wundermild Mollige. Sie war aus dem Aufzug getreten, den er sich herangeholt hatte. Sie war an ihm vorbeigeschwebt, wie fußlos in ihrem bodenlangen Kleid, mit einer Duftschleppe, die sie hinter sich her zog. Schade, sie war nicht allein. Tief atmend war Orpheus in die Blechkiste getreten, die ihn mit ihren zerkratzten Wänden in dem Moment noch mehr abstieß als sonst. Und doch wäre er am liebsten gar nicht mehr ausgestiegen, nur immer rauf und runter gefahren, eingehüllt in ihren Duft, ja, rauf und runter, rauf und runter, rauf ...
Schon vier Wochen ohne Frau. In diesem Riesenbienenhaus allein. Ein Saftstand wie fürs Standesamt. Und das alte Elefantenelend: Immer ist der Rüssel dicker als das Loch im Zaun. Da reicht schon die Mollige mit dem langen Kleid und der Duftschleppe. Kickstart zum Schwänzeltanz.
Alleinstehender Herr in kalter Bude. Immer der gleiche Auftakt des Abendprogramms. Mach was draus, Mann-o-Mann, sagt er sich. Mach dir einfach nichts draus und mach was draus!
Auf dem kleinen Tisch sieht er die Kachel liegen, die sie von ihrem letzten gemeinsamen Urlaub in Colorado mitgebracht hatten. Einer dieser geistreichen Sprüche, aus denen die amerikanische Alltagskultur besteht. Instantkultur. Vorgefertigte Gedanken, in jeder Preislage und für alle Lebenslagen im nächsten Shop zu kaufen. Auf Kacheln und Karten, als Bild oder als Aufsteller. Und manche Sprüche sind so gut, daß man sogar als Europäer kaum vermeiden kann, zuzugreifen. Das war seine Entschuldigung, als er den Spruch gekauft hatte: Now is the time to live tomorrows memories. Beate hatte das so gut gefallen. Ihm selbst dann auch. Und nun liegt die freundliche Aufforderung hier auf dem Tisch, irgendwie mitgekommen.
Diese Anstachelkachel zu kaufen, das sollte wohl ein Witz sein. Kaum wieder daheim, jagt sie mich aus dem Haus, läßt mich nach Berlin ziehen, arbeiten gehen. To live tomorrows memories? Na, und ob. Bin ich etwa kein Mann mehr, wenn ich meine Frau verloren habe? Er steht vor dem großen Spiegel und läßt die Hose runter. Die Unterhose beult sich gehorsam aus. „Holla, nichts da, nur umziehen für den Feierabend“, sagt er, „noch bin ich der Chef hier.“
Er sieht sich wie applausheischend in seinem 24-Quadratmeter-Apartment um. So betulich putzig, diese Kleinstwohnung. So wie alle anderen. Wie ein paar hundert über- und nebeneinander. Mit ein paar hundert über- und nebeneinandergestapelten Männern und Frauen drin, immer schön einzeln abgepackt, Mensch für Mensch, jeder für sich, mit Kochnische und Bad und Schrank und Regal und gerahmten Kunstdrucken aus Berliner Museen an den Wänden, mit einem Tisch und zwei Stühlen, ja zwei, falls mal Besuch kommen sollte. War ja auch schon da: Der Vertreter, der überfallartig fünfzig Mark für die Schlüsselverlustversicherung kassierte. Aber für den war der zweite Stuhl eigentlich nicht gedacht. Er und Sie sollte ich in die Rückenlehnen schnitzen. Ja, an alles haben sie gedacht, die Erbauer dieses Wohnheims für neuangeworbene Arbeitnehmer, an alles. Deshalb das überbreite Bett und der mannshohe Spiegel an der Wand. Aber auch die einheitlichen Namensschilder, für die Vornamen nur ein Buchstabe und ein Punkt. Nur keinen Vorschub leisten. Punktum. Sollen die Punktierten doch sehen, wie sie zurechtkommen.
5.
Das Zimmer 1035 im ersten Obergeschoß des Rathauses Schöneberg geht auf einen engen Innenhof hinaus, in dem eine einsame Jungbirke zu leben versucht. Mit dem Bäumchen schließt Orpheus sofort Freundschaft. Ein aufmerksamer Blick und ein freundliches Wort, als vegetative Antwort ein Wedeln der Blättchen: Sie sind sich einig. Dabei hätten sie beide nicht sagen können, wieso. Nüchtern betrachtet ist es so, daß die Birke mit ihrem schüchternen Grün all das wettmachen muß, was Orpheus bedrückt. Vor allem, daß sein Büro so klein ist und nahezu leer. Nur ein Schreibtisch mit defektem Schloß, ein Schreibtischstuhl mit abgewetztem Stoffbezug, ein Schränkchen für Akten und für einen schmalschultrigen Mantel. Das ist das Interieur. Orpheus erfährt, was es heißt, in der Verwaltung der Neue zu sein: Man findet die ältesten Sachen vor, Plunder, der keinen der Kollegen mehr zum klammheimlichen Austauschen reizen konnte, als das Zimmer leerstand.
Dr. Hecht hat gesagt: „Ich hoffe, Sie fühlen sich hier bei uns wohl. Natürlich muß man sich ja überall erst einmal einleben.“ Damit hat er wohl den Kontrast gemeint, in dem das Büroambiente zu der Stellenbeschreibung in der Anzeige stand, auf die hin Orpheus sich beworben hatte. Auch mit den hoch- und höherstapelnden Ansprüchen, die ihm im Vorstellungsgespräch präsentiert wurden, hat diese Arbeitsplatzgestaltung so gar nichts zu tun. Nur gut, daß ich die Typen dieser Beschnupperrunde nicht geschont habe. Meine Faustformel hat sie geschockt, exakt im richtigen Moment gebracht: „Genau genommen, meine Herren, entscheiden Sie hier ja nicht über mich, sondern über sich selbst.“
Unsicherheit in den einheitlich glatten Funktionärsgesichtern und die Frage: „Wieso das?“
„Nun, es gibt eine gesicherte Erkenntnis der Betriebssoziologie, die da sagt: Erstklassige Leute stellen erstklassige Leute ein, zweitklassige Leute stellen drittklassige ein. – Mit Ihrer Entscheidung über mich werden Sie zeigen, ob Sie erstklassig sind oder nicht.“
Das war der Fangschuß. Mit meiner ehrlichen Neugier auf Berlin, mit meinen Erfahrungen in der Öffentlichkeitsarbeit und mit etlichen nur angedeuteten Ideen gab ich den Herren den Rest: Da war ich eingestellt. Daß das so glatt läuft, hätte ich nicht gedacht. Wenn ich noch daran denke, wie ich das Bewerbungsschreiben getextet habe. Mit diesem Hinweis: „Ich spreche hundert Sprachen, alle in bestem Deutsch“. Daran entscheidet sich, ob ich dort richtig bin oder nicht, hatte ich mir gesagt. Wenn sie das goutieren, dann mach ich den Job, wenn nicht, dann bleibe ich besser raus aus dem Stall.
Und jetzt? – Jetzt komme ich überhaupt nicht mehr aus dem Staunen heraus: Was für den, der in der zweiten Reihe parkt, der laufende Motor ist, das ist für den Büroflüchtling die brennende Schreibtischlampe. Das Signal: Ich bin gleich zurück. Ob man Mittag macht oder zu privaten Besorgungen unterwegs ist, die Lampe sagt ihr Immer-Dienstbereit. Und scheint die Sonne noch so schön, die Lampe hält mit. Als Platzhalterin sogar viel zuverlässiger als die Sonne, tröstet sie den, der hereinkommt und mit seinem Wunsch nicht ankommt, und besänftigt den Vorgesetzten, der suchend herumläuft – während natürlich auch an seinem Schreibtisch die Lampe einsame Wache hält.
Dr. Orpheus Schmitt macht Erfahrungen, mit denen er nicht gerechnet hat. Dabei ist er so widerborstig, diese Erfahrungen nicht in eigene Geschicklichkeit umzusetzen. Man möchte sich ja noch von diesen Bürokraten, diesen Apparatschiks absetzen. Plötzlich gefallen ihm solche Begriffe. Nur nicht alles von ihnen übernehmen, nimmt er sich vor. Mich nicht normalisieren lassen. Denn was ich hier so höre: vorehelicher Geschlechtsverkehr ist normal, und erhöhter Blutdruck ist normal und Ehekrach auch. Und ein Beutel Tee pro Tasse ist genauso normal, wie ein Auto pro Familienmitglied normal ist. Die Novembergrippe ist normal und der Weihnachtsbaum auch und der Sommerurlaub sowieso. Und sogar der Glaube an Horoskope ist normal. Nur wer an die baldige Wiedervereinigung Deutschlands glaubt, dem sagen sie: „Du bist nicht ganz normal.“ Klar. Dabei: Wenn wir uns einig wären, daß wir all das, was wir gemeinhin als normal bezeichnen, überhaupt nicht zur Norm erheben wollen, sondern es damit nur als üblich deklarieren, dann könnten wir uns damit beruhigen, daß das Übliche eigentlich gar nicht so übel ist. – Daß ich mich immer so verfranse, wenn ich nachdenklich werde.
Was man unter Anpassungsdruck zu verstehen hat, wird ihm vorgeführt, als er bei einer der gemütlichen Büroplaudereien die Kneipe „Dicke Wirtin“ am Savignyplatz erwähnt. Die kennt keiner der Kollegen. „Eine ausgesprochen urige Pinte. Da trifft man die kuriosesten Typen. Als ich gestern abend an der Theke mit einer Frau ins Gespräch kam, die sich betont emanzisch gab, habe ich sie schließlich nach ihrem Beruf gefragt. Da kriegte ich zunächst einmal zu hören, daß man danach in der Kneipe nicht gern gefragt werde. Sie sagte dann aber doch mit unüberhörbarem Stolz, sie sei Journalistin. Und auf Nachfrage kam sie endlich damit heraus: Sie arbeitet für die Die Wahrheit. Wie gut, daß ich ihr nicht gesagt hatte, wofür ich arbeite, ich hatte mich einfach nur als Büromensch ausgegeben.“
Den letzten Satz hat er schon für sich selbst gesagt. Weil seine Gesprächspartner sich abrupt einem anderen Thema zugewandt haben, von ihm abgerückt, als hätte er die Krätze. Eine Reporterin des kommunistischen Hetzblattes Die Wahrheit – pfui, Spinne, so der allgemeine Kommentar in Körpersprache. Was Orpheus zu denken gibt. Nun ja, daß das Blättchen hier im Westen erscheint, aber von drüben finanziert wird, das weiß man. Aber man empfindet es offensichtlich nicht als einen Vorteil, daß es deswegen in einer so rücksichtslosen Weise berichten kann, wie sie kein Westberliner Zeitungsverleger seinen Redakteuren erlauben könnte. Gerade das Lokale, müssen die ja immer wieder gezügelt werden, gerade das Lokale ist die empfindliche Seite einer Zeitung. Weil man mit peinlichen Hintergrundstories aus dem städtischen Leben die wichtigsten Anzeigenkunden verprellt. Orpheus liest in den nächsten Tagen besonders aufmerksam Die Wahrheit. Und sieht: Da wird über die Westberliner Verhältnisse in einer Art berichtet, die ganz eindeutig auf nichts und niemand Rücksicht nimmt. Da werden einzelne Fälle von Grundstücksspekulation schonungslos aufgedeckt, da wird ohne jede Verschleierung über die miserablen Ausbildungsverhältnisse in einem Großunternehmen berichtet. Alles so fremd klingend für den Zeitungsleser aus Westdeutschland, wo alles so schön rücksichtsvoll, so hintertürig, so publicrelationshaft gebracht wurde, wo immer der ängstlich auf die Kontoauszüge schielende Verleger durchschimmerte, und der haareraufende Anzeigenleiter, wo alles dreimal gewendet, viermal gefiltert und fünfmal verwässert werden mußte, ehe es serviert werden konnte, mit ein wenig Sex angereichert und mit Pop, damit der fade Geschmack nicht aufstößt. All diese Hindernisse fehlen hier, stellt er fest. Das ist die Wahrheit hinter der Wahrheit, so degoutant wie diese selbst. Ob auch alles wahr ist, was so schonungslos gebracht wird, ist natürlich eine andere Frage.
Muß ich mein Leben ändern?, überlegt Orpheus. Muß ich sogar schon meine Kneipen meinem neuen Status entsprechend wählen? Nein, da mache ich nicht mit. Aber: Vielleicht sollte ich wenigstens nicht immer alles wahrheitsgemäß erzählen, was ich erlebe. Alles ein wenig weniger wahr, immer ein bißchen vorgetäuschte Gleichheit, das wäre besser. Dieses Mitmachen, das fängt doch schon mit der Krawatte an, die im Rathaus Schöneberg unumgänglich ist, als büromännliches Devotheitssignal. Dabei: In Wahrheit ist das ein Halstuch, das Männer trugen, die sich draußen herumtrieben, ein Schutz in Wind und Wetter. Ach, laß das, Orpheus. – Und er läßt es, läßt die Selbstzerfleischung. Dennoch wird ihm ganz schnell klar, was das war, diese ominöse künstlerische Freiheit: Dies und das und jenes – und das Unkrawattiertsein und das Knoblauchessendürfen mitten in der Woche.
Mit seinem Abteilungsleiter in dessen Privatwagen – der Mitfahrer bringt für ihn drei Pfennige mehr pro Kilometer an Spesen – unterwegs zum Abschiedsempfang einer Verlagsrepräsentantin. Zeitschriften und Zeitungen, versteht sich, nicht Bücher, korrigiert Dr. Hecht Orpheus’ abwegige Vorstellung. Und auch wieso eine solche Verlagsrepräsentantin eine wichtige Figur sei, erklärt er ihm: Meinungsmultiplikatorin. Daß Orpheus über den Widersinn des Wortes Abschiedsempfang stolpert, ist Dr. Hecht unverständlich. Enttäuschend. Sie sei auch eine gute Tennisspielerin, informiert er seinen neuen Mitarbeiter. Er selbst habe leider viel zu wenig Zeit fürs Tennisspielen. Sein Mitarbeiter gibt den Ball zurück, das gehe ihm genauso mit dem Lesen. Zum Lesen, gibt der Abteilungsleiter freimütig zu, komme er schon lange überhaupt nicht mehr. Und erzählt von dem letzten Buch, das er gelesen habe, vor zwei Jahren im Urlaub: Der Mann ohne Eigenschaften. Orpheus verschont ihn mit der naheliegenden Frage, wieso gerade dieses Buch – nein, nein, er scheint immerhin einer von den nettesten im Rathaus Schöneberg zu sein–, er überführt ihn auch nicht der Lüge, weil er sein Buch, das bei den Bewerbungsunterlagen war, angeblich so gut gefunden hatte.
„Ganz lesen, also mehr als anpicken, querlesen, durchblättern kann man den Musil in einem einzigen Urlaub jedenfalls nicht“, konstatiert er kühl, „doch finde ich das gar nicht schlimm. Im Gegenteil. Das müßige Herumspielen mit einem Buch, das Naschen von Zufallssätzen und das ziellose Weiterblättern, das Hängenbleiben an einzelnen Begriffen, das ist auch eine Art, ein Buch zu nutzen, wenn man schon nicht die Ruhe hat, es ganz zu lesen. Die Stärke eines Buches zeigt sich nicht zuletzt darin, ob seine einzelnen Ausdrücke einen nachdenklich machen können, ob sie einen weiterführen können, hin zu eigenen Erkenntnissen. Ich habe, als ich anfing zu schreiben, gedacht, es müßte möglich sein, einen Text so dicht, so stringent zu machen, daß der Leser zwangsläufig das denken muß, was ich ihm eintrichtern will. Davon bin ich schnell abgekommen. Liest doch jeder Leser aus jedem Text was anderes heraus, je nach Gemütsverfassung, Bildung und aktueller Beschäftigung. Der Wortemacher ist nur ein Anreger zum Selberbau von Bewußtsein. Die unmöglichsten Gedankenverbindungen haben mir meine Leser gedankt. In Gesprächen, in Briefen. Eine einzige Peinlichkeit. Jetzt weiß ich, der Romanautor ist ein Buchmacher, der nicht mehr, aber auch nicht weniger bietet als die Chance zum Glücklichsein.“
„Bei uns zuhause ist meine Frau fürs Lesen zuständig“, gibt Dr. Hecht zu. Und muß sich dann sagen lassen: „Das höre ich immer wieder. Viel zu oft. Man kann wohl sagen, daß bei uns die Männer in den Jahren zwischen Uniabschluß und Pensionierung als Lose mit dem Aufdruck ,Kein Gewinn‘ für die Gesellschaft ausfallen.“ Worüber Dr. Hecht herzhaft lachen kann: „Sie haben einen köstlichen Humor.“ Daß Unterhaltungen hier anders ablaufen, daran muß ich mich erst noch gewöhnen, sagt Orpheus sich.
Der sogenannte Abschiedsempfang im Hotel Intercontinental, im rundum verglasten obersten Geschoß, läßt ihn ein Gefühl der Einsamkeit empfinden. Ist er doch offensichtlich der einzige von den rund siebzig Anwesenden, der nicht hofiert wird. Wohl weil ich selber nicht mitmache beim Rundum-Hofieren, sagt er sich. All diese gebleckten Gebisse, diese Verbeugungen. Beuge dich, Werwolf: Weswolf, Wemwolf, Wenwolf ... Und doch genießt er es, einer von denen zu sein, die von den adretten Weiße-Blusen-Mädchen, diesen wortlos lächelnd umherschwebenden Elfen so untertänig bedient werden. Und erst das Essen. Die Bezeichnungen der Köstlichkeiten auf der gedruckten Karte, die vor jedem Gedeck steht, in Habachtstellung, wie es sich in dieser Gesellschaft empfiehlt, diese Bezeichnungen im feinsten frankophonen Deutsch lassen prompt die pawlowschen Säfte fließen, daß er schlucken, schlucken, schlucken muß. Nach einiger Zeit kommt auch etwas auf den Teller.
Schon ein paar Tage später muß Orpheus sein Urteil über die illiteraten Männer revidieren. Im FAZ-Magazin liest er ein Kurzinterview mit dem Senatssprecher Dr. Vener. Was er in der Freizeit am liebsten tue? Sich mit Literatur beschäftigen. Ach, – sich mit Literatur zu beschäftigen, das hat immer noch einen hohen Renommierwert? Als seine Lieblingsautoren hat der Sprecher Fontane und Simenon angegeben. Typisch. Nicht nur Wohnungseinrichtungen sieht man an, in welchem Jahr die Leute soweit waren – und dann aufgehört haben, sich drum zu kümmern.
Und wieweit sind meine Kollegen heute? – Die Köpfe vollgestopft mit Zeitungspapier und Zeitschriftenbildchen, Informationsgeflüster auf den Lippen, in den Ohren radio- und fernsehwispernde Geräusche, der Blick verwischt von Herrschaftswissen, so rutschen sie schneckengleich ihre Bahn, eine Schleimspur hinter sich lassend. Ihre Instant-Geistigkeit führt sie in schöne neue Welten. Dr. O. Schmitt mit Doppeltee leidet neuerdings an gelegentlichen Anfällen von Unduldsamkeit. Er weiß das selbst, findet es unschön und bemüht sich redlich um ein menschenfreundlicheres Urteil über seine Mitmenschen. Doch meist vergeblich.
Habe ich etwa erwartet, daß sie sich anhören wollen, was ich ihnen zu sagen habe? Nur, weil ich es so schön sagen kann? Im Gegenteil, sie erwarten, daß ich mir anhöre und daß ich lese, was sie nicht ausdrücken können. Hilf Himmel, eine Sprache rundum, als hätten die Schreibmaschinen die Macht an sich gerissen. Gigantische Bla-Bla-Blasen, die nicht verstanden werden wollen, sondern hinterhorcht, von listerfahrenen Insidern interpretiert. Man sollte ihnen die Zeitungen und Zeitschriften und Informationsdienste entreißen, all die Mitteilungen, Protokolle, Dienstanweisungen, Rundschreiben und Vermerke, alle Konzepte, Akten und Unterlagen, auch noch das letzte Anschreiben und Schriftstück und Paper und Aidemémoire, selbst die geheimen Dossiers und die kleinste Aktennotiz. Klaubt ihnen jeden Vorgang aus dem Eingang, weg mit all dem Gerülpse, das sie ernstnehmen, und ihr werdet sehen: Nach drei Tagen krabbeln sie auf allen vieren herum und brabbeln freundlich vor sich hin. Dann ihnen Max und Moritz vorlesen, und sie hätten eine Chance, wieder Menschen zu werden.
6.
Arbeitnehmer-Wohnheim, Kulmer Straße 37. So belanglos die Adresse und so belanglos auch der braune Kasten von außen erscheint, Flugloch für Flugloch mit einem winzigen Balkon, einem Brettchen quasi für den Aufschwung in die Luft, die Weite, die Freiheit, für Orpheus ist das wohldurchdachte Bienenhaus mit all seiner Funktionalität voller Aufregungen. Schon wenn er sich am Spätnachmittag rathaussatt dem Bau nähert, den Schlüsselbund in der Hand, meint er es knistern zu hören wie unter der Überlandleitung: Apartment für Apartment von dem einen Wunsch beseelt, besetzt, besessen, nicht allein zu bleiben.
Aber wie das anstellen? Wie? Diese Wohnheime, auf die Berlin so stolz ist, eine der effektivsten Maßnahmen zur Überwindung der Nachteile der politisch bedingten Insellage, wie man im Rathaus zu sagen pflegt, sie haben keinerlei Gemeinschaftseinrichtungen. An so was haben die Erbauer nicht gedacht, hadert der Neuzugang mit Unbekannt. Ein Partyraum, ein Schwimmbad, eine Sauna, eine Hausbücherei oder wenigstens ein Fernsehsalon? Nein, nichts, nicht einmal ein Tischtenniskeller. Kein Buon Retiro, nein, Einzelhaft als Prinzip. Ja, eiskalte Berechnung. Isolationsfolter. Um den baldigen Umzug in eine richtige Wohnung zu erzwingen. Damit das Apartment wieder frei wird für den nächsten neuangeworbenen Arbeitnehmer, den nächsten Neuberliner. Nur neu, neu, neu darfst du hier sein, niemals mit deiner Umwelt vertraut, nicht eingelebt, nicht beruhigt, nicht zufriedengestellt, nein. Bloß zwischengelagert.
An dem Spätnachmittag, als er sein Apartment betritt, fühlt er sich wie auf links gedreht. Keine Tentakeln mehr nach außen, keine Antennen, keiner seiner sieben Sinne aktiv. Alles nach innen gestülpt, wo er nichts damit anfangen kann, wo ihm alles nur zum Dorn im Fleisch wird. Reiß dich zusammen, Orpheus! Und schon kann er auch das positiv sehen: Ich genieße nicht nur die Promptheit meiner Geschmacksnerven, die Feinheit meines Tastsinnes, den Gehorsam meines Penis, meiner Zwerchfellkontraktionen, – ich genieße viel mehr: meine Stimmungen und anderer Leute Stimmungen dazu, ich genieße sie als künstlerische Niederschläge, und ich genieße meine Hirnfunktionen. Wie zuverlässig sie sich einstellen. Aber: Einen, der so vielseitig ist im Genießen, nicht genießen zu lassen, sondern zum Arbeiten zu zwingen, das ist Mißbrauch der Natur, ist ein Verbrechen wider die Menschlichkeit, ist, ist, ist, und das auch noch und das Allerschlimmste ist, daß es das auch noch potenziert ist. – Ausgerechnet das. Aufhören, Aufhören!
Sich ganz schnell ablenken. Da das Buch. Ha, Bücher! Im Apartment zu wohnen, das ist wie Jahrzehnte zurückversetzt, versteht er plötzlich. All die Bücher, die sich im Laufe der Zeit angesammelt und wie Staub abgesetzt haben, sind plötzlich nicht mehr da. Oder: noch nicht da. Es fängt wieder mit einzelnen Büchern an. Nur anders als damals. Denn jetzt sind sie nicht mehr Stück für Stück tage- und wochenlang mein Lebensinhalt. Jetzt steht nur da, was mitgekommen ist: das vierundzwanzigbändige Lexikon und ein paar Zufallsbegleiter. Einige Bücher liegen noch so auf dem Sideboard, wie ich sie vor Wochen abgelegt habe. Ich bin in Amt und Würden, ich lebe nicht mehr mit Büchern, sie umgeben mich nur noch als stumme Beobachter, sind nur noch wortlose Vorwürfe. Und auch das mußt du positiv sehen, Orpheus. Hast du dich doch nur ein wenig von deinem Autoren-Schreibtisch entfernt – und damit auch von deinen Lesern –, um mal wieder ein paar tiefe Züge von dem permanent kreisenden Joint Normalleben zu inhalieren. Versuchte Nähe sozusagen. Einfach lebensnotwendig. Und: Turnt ganz schön an, auf einmal wer zu sein, ganz förmlich mit Titel angeredet zu werden und ein Direktorgehalt zu beziehen. Ich muß aufpassen, daß ich nicht süchtig werde. Oder auch nicht. Ist doch eh nichts für mich, dieses Rathausdasein. Ist denn etwa in meinem Sinne, was hier geschieht? Was ich als kleines Rädchen im Getriebe mit in Bewegung bringe, wenn ich mich auch soweit wie eben möglich auf eine unauffällige Zuschauerposition zurückziehe. Aber mitgegangen ist das auch. Und eines Tages wird es wohl heißen: mitgefangen, mitgehangen. Nicht echt, nicht mit Strick, nein. Nur weil ich selbst ein Opfer der Verhältnisse bin, die wir nicht verbessert haben. Kann ich da überhaupt mitmachen? Wenn mich einer fragen würde, wie ich dazu komme, hier in dieser Funktion tätig zu werden, ich als Schriftsteller, – aber es fragt mich das ja niemand. Das ist das Schlimmste: Dieses Tätigwerden hier ist das fraglos Richtige. Eine gut dotierte Position im öffentlichen Dienst. Was will man noch mehr. Und wenn doch einer käme und fragen würde? Dann würde ich ihm sagen: Das ist für mich wie ein Ausgehen, um Tinte zu holen, frische Tinte, ein großes Glas voll. Tinte, die wieder zügig fließt. Weil zuletzt das Schreiben mit dem Rest in der Flasche, schon eingedickt, so wurde, daß es kaum noch zu lesen war.
Die Ohren übervoll davon und bemüht zu halten, was nicht zu halten ist, notiert Orpheus in sein Tagebuch: Das Beste an der Metropole ist die Musik, die man hier hören kann. Ohne jedes Suchen, nur das Radio angemacht, und schon hat man das, was einem gerade gefehlt hat: Jazz oder Klavierkonzert oder große Opernarie. Der Troubadour, was sich jetzt gerade mit meiner Tinte mischt. Was für eine Verbindung. Doch haben sie etwas gemeinsam, sind sie beide doch nur Lückenbüßer. Ja, das ist des Pudels Kern: Die Lücken lassen wir aufklaffen durch unser Türenzu. Deshalb haben wir auch selbst dafür zu büßen. Seit wir das Wort Kommunikation als Moderouge auf den Lippen tragen, ist die Vereinsamung unübersehbar. Als der Anti-Begriff. Und als deprimierende Praxis: Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe ... und das bei mehr als hundert so und anders Ausgerüsteten in diesem Einzelqualghetto. Jeder und jede quält jede und jeden und sich selbst – allein durch das Da-sein unter demselben Dach und hinter einer Tür, die alle anderen aussperrt.
Entrüstet Euch! Das sprühen sie auf die Hauswände. Ja, verdammt noch mal, wenn ich dann auf der Straße Frauen und Mädchen so ungerührt daran vorübergehen sehe, geschickt aufgemacht, wenn solche Fehlstücke direkt auf mich zu kommen und wenn dann eine aufblendet mit einem Blick, daß mir die Luft wegbleibt, weil sich das Zwerchfell zusammenkrampft und ich es fühle, irritiert merke, wie sich ein Teil von mir selbständig macht, wenn ich plötzlich weiß, daß die Natur mich dazu verurteilt hat, so zu reagieren auf das Runde, das Weiche, weil diese ignorante Natur einzig das Interesse an der Arterhaltung kennt, nicht Haltung und nicht Überlegenheit und nicht Kultiviertheit und Amt und Würden und und und, ja, dann möchte ich mich verdammt noch mal entrüsten. Nur, – wem gegenüber?
Schon der nächste Abend läßt den Wohnheimkoloss in ganz anderem Licht erscheinen. Orpheus lernt den Wert einer Gemeinschaftseinrichtung kennen, an die er bisher nicht gedacht hat: die Briefkastenanlage im Foyer. Hockt da doch eine junge Mitbewohnerin des Hauses vor der Front der Blechkästen und bemüht sich, mit der Hand durch einen Briefschlitz zu greifen.
„Können Sie mir vielleicht mal helfen“, spricht sie ihn an, „mein Briefkastenschlüssel ist hier drin.“ Aus der Untersperspektive. Bei dem Busen und der Bluse ein unüberhörbarer Appell. Sie lacht verlegen. So richtig süß dumm, denkt Orpheus – aus der Oberperspektive –, und dabei so blond und so jung und so prall.
„Um den Briefkasten zu öffnen, wirft man den Schlüssel nicht in den Schlitz, sondern steckt ihn dahin, wohin er gehört, nämlich in das Schlüsselloch.“ Das hat er den Rathausleuten schon abgelauscht: In der Unterhaltung niemals einfach sachlich antworten; alles immer irgendwie witzig überhöhen, damit wirkt man überlegen – und ist quasi entschuldigt für seine profane Alltagsarbeit.
Sie sieht ihn mit einem Blick an, der heißt: verstanden, alles verstanden. Dabei hat er soviel gar nicht sagen wollen.
Sie habe am Morgen ihren Schlüsselbund in den Briefkasten geworfen, weil er ihr lästig war, dabei aber nicht daran gedacht, daß der Briefkastenschlüssel mit dran ist, erklärt sie ihm ihr Problem. So bemühen sie sich abwechselnd und dennoch vergebens, den dicken Schlüsselbund herauszufingern. Der hilfsbereite Orpheus hat sich schon die Hand blutig geschrammt, als er endlich den Einfall hat, sein langes Brotmesser zu holen. „Ich bin gleich zurück.“ Als er dann mit dem Brotmesser und einem Pflaster auf dem Handrücken zurückkommt, steht ein junger Mann im Jogginganzug bei der Blonden – Pralline hatte er sie für sich genannt – und ihr Briefkasten offen. Der Jogger habe ihn einfach aufgerissen, erfährt Orpheus. Und der Bursche weiß ihn auch mit einem kräftigen Fußtritt wieder in die alte Form zu bringen.
„Ja, mit Gewalt“, verteidigt Orpheus sich, als die beiden ihn schon stehenlassen und im Aufzug verschwinden. Und wo bleibe ich? Wenigstens mir den Namen der Pralline merken: ein E als Vorname. Was immer das heißen mag. Edith, Elisabeth? Nein, dafür ist sie zu jung. Erika? Dafür erst recht. E.?
7.
Auch der Büroalltag will gelernt sein. Dr. O. Schmitt versteht, daß man viel verstehen muß, was so nicht gesagt wird. Vor allem aber muß man es verstehen, ständig auf intelligent wirkende Weise zu sprechen, ohne zu verraten, was man denkt. Gerade mit den schönsten Gedanken darf man sich nicht schmücken. Sie sind wie das schon fertige Brautkleid der sitzengebliebenen Heiratskandidatin: nur hinter geschlossenen Fensterläden aus dem Karton zu holen.
Meine Kollegen, sie gehen wie unter Drähten, versucht Schmitt seine Eindrücke zu verarbeiten. Wie die Trolleyhunde an der Grenze. Besser noch: wie die Kontrollgänger der Elektrizitätswerke. Mit ihren prüfenden Blicken angebunden an die Überlandleitung hoch über ihnen, in ein energieknisterndes Spannungsfeld eingehüllt, das bei jedem Schritt mitgeht. Mit durch das Land, katasterignorant über Gräben und Zäune hinweg, sich nicht um Markierungen und Begrenzungen kümmernd, nicht um Kühe, Katzen, Köter. Sie gehen und gehen und leben nur dem einen Auftrag: zu gehen. Sie haben nur die Drähte und die Masten im Auge, sehen die einen an den anderen hängen und machen sich keine Gedanken darüber, daß die Masten auch an den Drähten hängen. Sie finden Drähte und Masten in Ordnung, und mehr sollen sie auch nicht finden. Das kommt dann ins Berichtsheft: Alles in bester Ordnung, keine Beschädigungen, keine gefährlichen Vorrichtungen, keine störenden Hindernisse. So erfüllen sie ihre Aufgabe, meine Kollegen. Schon imponierend.
Ich brauche wohl noch einige Zeit, muß Orpheus sich eingestehen, um zu verstehen, was hier eigentlich gespielt wird. Oder wird hier gar nicht gespielt? Unsinn. Man muß nicht gleich alles ernst nehmen, was so gewichtig daherstolziert, daß es einem komisch vorkommt.
Die Kollegen, die so gesetzt wirken – ja, gesetzt, das scheint ihm der exakt richtige Ausdruck –, und der Regierende Bürgermeister, der wie der Hauptgewinn in einer Tombola auftritt, sie lassen ihn immer wieder mit dem Begriff Karriere ringen, wie Jakob mit seinem Engel. Klammheimlich fühlt er sich für Höheres prädestiniert. Schon daß ich noch ziemlich weit unten bin auf der Karriereleiter, beweist doch, daß es nur aufwärts gehen kann mit mir. Das ist das Faszinierende an der Leiter, versteht er: Man braucht sie nur so zu sehen, wie sie sein soll.
Leiter oder nicht Leiter, – immer wieder steht Orpheus vor dem mannshohen Spiegel in seinem Apartment, steht da ohne alles, und sucht herauszubekommen, womit die Natur ihm einen Fingerzeig für seine ganz persönliche Karriere gegeben habe. Sich seinen Platz an der Sonne zu ersitzen, das wäre sicher nicht seine Bestimmung. Dazu gehört ein breiter Arsch, hat er oft genug sagen gehört, ein Arsch, so ausladend – und einladend – breit, daß keiner um ihn herum kommt. Fehlanzeige, stellt er bedauernd fest. Hätte ihm dieser bequeme Weg doch gefallen. Geduld genug hätte er dafür sicherlich. Und wie ist es mit dem Kriechen? Nein. Mit meinen leider etwas asthenisch abstehenden Schulterblättern würde ich überall hängenbleiben. Und radfahren? Er besieht sich seine Beinmuskulatur mit einem nachsichtigen Lächeln. „Mir werden schon die Beine dünn“, sagt er mit Heinrich Heine, „das kommt vom vielen Studieren.“ Und erschrickt über diese Offenheit und nimmt sich fest vor, Heinrich Heine im Rathaus Schöneberg nie zu erwähnen. Aus Rücksicht auf die eine wie die andere Seite. Wenigstens solche krassen Fehler sollte man vermeiden, wenn man in der Regierungszentrale sitzt. Aber was ist mit meinen Ellbogen? Gefährlich spitz sehen sie ja aus. – Doch gehört ein wohltrainierter Apparat von Streck- und Beugemuskeln dazu, wenn sie wirksam werden sollen. Mich strecken? Wozu. Und mich beugen? Nein. Wie er sich auch dreht und wendet vor seinem hohen Spiegel, sich beinahe schlangenmenschartig verbiegt: Er kann das Loch nicht sehen, das als Königsweg der Karriere gefeiert wird. Erst wie er dem Spiegel den Rücken zukehrt und sich ganz tief runterbeugt und durch seine gespreizten Beine äugt, sieht er es. Und erschrickt: so eng. Und so gebückt zu arbeiten, nein, das scheint ihm auf die Dauer doch zu anstrengend. Zudem, überlegt er, lacht er sich selbst aus: Ich bin ja viel zu lang; kaum bin ich meinem Chef richtig hinten reingekrochen, hänge ich ihm schon zum Hals raus.
Nein, er macht es sich nicht leicht, der neue Mitarbeiter in der Senatskanzlei. Dabei sind die Verhältnisse, in die er hineingeraten ist, auch ohne sein Sichwinden in Gedanken, Worten und vor dem Spiegel schon kompliziert genug. Bei ihrer Regierungs- und Verwaltungsarbeit verwechseln die Rathäusler meist energisch mit energieaufwendig. Das kann er nicht leiden. Da muß er gegensteuern. Nur stiekum natürlich. Also das Licht ausmachen, das die Kollegin angelaßen hat, die Heizung abdrehen, die der Kollege auf Dienstreise seinem leeren Schreibtischsessel bietet, und beim Händewaschen sich den Warmwasserhahn verkneifen, nicht mehr als zwei Blätter Papier zum Händetrocknen verbrauchen. Gelobt sei, was hart macht. Wenn mich einer dabei ertappen würde, weiß er, wäre ich gleich als Grüner abgestempelt. Sollen sie mich doch lieber weiter für einen Rechten halten, die lieben linken Kollegen. Für die rechte Führungsclique bleibe ich zum Ausgleich als ein Linker suspekt. Pardon, es ist schon ein Kreuz mit den Parteiabstinenzlern.
Sollen sie von mir halten, was sie wollen. Ich jedenfalls weiß jetzt, daß die Grünen keine Linken sind, wie immer wieder in diffamierender Absicht wird. Das zeigt sich ganz klar an ihrer undifferenzierten Menschenbewertung. Habe ich doch gelesen, daß ihnen jeder, den sie in ein Parlament schicken, einen Facharbeiterlohn wert ist. Diese prokrustische Gleichmacherei hat nichts, aber auch gar nichts gemein mit der verkrusteten Rangordnung der wahren Linken, auf die wir nebenan in der DDR treffen. Die linken Machthaber dort verkaufen uns einen Gefangenen, der Facharbeiter ist, für 40 000 DM, einen Ingenieur oder ähnlich qualifizierten Akademiker können wir für 100 000 DM freikaufen, aber einen Professor nicht für unter 150 000 DM, während Rentner kostenlos abgegeben werden. Um die Kosten der Lager-Haltung zu minimieren.
Aber was habe ich mit grün oder links zu tun? Ich bin weder das, noch dies, noch jenes oder solches. Aber mit den Parteileuten habe ich zu tun. Und mit denen ist es erst recht ein Kreuz. Die mit ihrem generellen Handlungsprinzip: Meine Interessen gegen eure Interessen und das Interesse der Allgemeinheit immer auf den Lippen, aber hier ausnahmsweise einmal hintangestellt, ganz ausnahmsweise natürlich. Immer so. Dieser lästige Zweifel, der Orpheus packt, wenn er seine Arbeit tut, also gerade so richtig funktioniert: Bin ich hier richtig? Von wegen Hand am Puls, offenes Ohr, dem Volk aufs Maul schauen ... und dann gezielt etwas für Berlin tun, für die von der Nachkriegsgeschichte besonders gebeutelten Berliner. Vielleicht ja doch. Da heute der sogenannte gemeine Mann nicht mehr der Mann auf der Straße ist, überlegt er, muß ich ihn da suchen, ihn mir da ansehen, wo er zu finden ist: Der sogenannte gemeine Mann ist heute Büromensch.
Also wären die Büromenschen meine Zielgruppe, folgert er. Und nimmt sie gleich ins Visier: Es sind ja gar nicht die kleinen Vorteile – Kalender und Kugelschreiber und all die Zeitungen und Zeitschriften, die kostenlosen, die Presseübersichten dazu und diverse Informationsdienste –, was diese Tätigkeit am Hofe so angenehm macht. Auch die gelegentlichen Essen auf Einladung oder auf Spesen und die paar netten Besucher, selbst hin und wieder mal kleine Dienstreisen sind es nicht. Orpheus Schmitt kommt allmählich dahinter, daß seine Kollegen im Rathaus Schöneberg durchaus geistigen Genüssen frönen: Dieses Sofort-Reagieren-Können auf ständig wechselnde Fragestellungen, Aufgaben und Probleme, dieses Den-Durchblick-Haben und dieses Entscheidungen-Treffen, auch das Geizen mit sogenanntem Herrschaftswissen, das sind die Genüsse, die hier geboten werden. Zu wissen, was zu tun ist, und es sofort veranlassen zu können, das ist ein Knopfdruck-Glück, das den Vorzug hat, alles abzudecken, die lähmende Langsamkeit der Uhr wie das erschreckend schnelle Wegschmelzen des Kalenders. Aber gute Zeiten haben ihre eigene Not, kann Orpheus seinen Kollegen ansehen. Je besser das Leben, um so größer die Angst, es zu versäumen, und um so verkrampfter der Griff an alle Brüste der Glückseligkeit. Der Ausdruck Verflachung wäre hier fehl am Platz, korrigiert er seinen ersten Eindruck. Da kriegen subalterne Beamte spätrömische Genießerbacken, und König Faruks neuägyptische Leibesfülle drückt Bürostühle. Der rundum beklagte zu hohe Blutdruck ist für Orpheus ein neues Thema, aber ganz klar ein Thema, das sich hören lassen kann.
Fast so prestigeträchtig, wie die Erörterung des Unterschieds zwischen Malt Whisky und Blended Whisky. Im Paternoster, wo Schmitt zufällig mit Vogel zusammengetroffen ist. Auf der Fahrt nach unten. Wie kommt der Mann nur auf Whisky in diesem schnöden Kasten, diesem Bürokratenbagger, der unermüdlich sein Auf und Ab vorführt, als ob er uns was zu sagen hätte. Vielleicht das: hier geht’s rund und führt doch zu nichts. Ein Service, so brauchbar wie lächerlich. Wie meine Arbeit hier. Whisky, Whisky, ja, so muß man es machen: aus dem Stand heraus ein Thema ins Gespräch bringen, das einen wachsen läßt. Wenn es auch nach unten geht. „Man bekommt ihn ja kaum noch irgendwo vorgesetzt, den richtigen Malt“, hört Orpheus aus Kollegenmund. Dann folgen Aufzählung und kritische Würdigung der teuersten Restaurants Berlins. Eine Feinschmeckerzunge leckt genießerisch die Lippen. Leckt sie den Aktenstaub ab? Darüber wird es dunkel, die Whiskykiste schiebt sich zur Seite, fährt in die Unterwelt. Was das Hohelied aus Vogels Mund auf den Whisky nicht stoppen kann. Dunkel. Noch nie bin ich im Paternoster untendurch gefahren, überlegt Orpheus. Und kann doch das leichte Erschauern nicht ungestört genießen. Schon hebt sich das Gefährt wieder, es wird hell, vor ihnen der Parterreflur, fast gleichzeitig springen sie hinaus. Abgang in verschiedene Richtungen.
Kein vernünftiger Mensch fährt untendurch, überlegt Orpheus. Kein Bedarf für besondere Erlebnisse. In dieser „Mahlzeit“-Gesellschaft gilt nur die schnelle und bequem erreichte Beförderung. Natürlich, die Beförderung ist es. Dabei fährt der Paternoster nicht nur nach oben. Ich fahre auch gern nach unten. Weil ich gern auf den freien Kasten von oben warte. Wegen der optischen Faszination: zuerst Füße, dann Beine, dann Hände und Taschen und Papiere, und erst zuletzt die Köpfe sehen zu müssen, diese belanglosen Köpfe. Und schon sind sie weg. Ein Brett schiebt sich vor den Kopf. Und neues Spiel, neues Glück. Dagegen nebenan die von unten, die Hochfahrenden, wie sie scheinheilig die Augen nach oben verdrehen, sich vor einem erheben, über einen hinauswachsen und dafür ruck-zuck geköpft werden, Stück für Stück weiter abgesäbelt bis zu den Füßen. Das zu sehen, dafür muß man in der richtigen Stimmung sein.
Schon ein toller Typ, dieser Vogel, muß Orpheus sich zugeben. Womit er dem Kollegen allein aufgrund seiner Genußfähigkeiten eine gute Note gegeben hat. Der altgediente Regierungsdirektor, ein Aufsteiger aus dem gehobenen Dienst mit routiniertem Kitekatlächeln und ein wenig rausgedrücktem Steiß – vom vielen Duckmäusern –, der in der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit eine Art Erster-Offizier-Rolle spielt, erregt schon durch seine Nase Dr. Schmitts besonderes Interesse. Eine Victory-Nase, beste deutsche Handarbeit trotz dieses angelsächsischen Namens. Die Typenbezeichnung leitet Orpheus ab von dem V, das sich auf dem unteren Teil des Nasenrückens abzeichnet. Wie bei Barbra Streisand. Jahrzehntelange Bohrtätigkeit, schön gleichmäßig rechts wie links, hat der Nase ein doppeltes Paar Kotflügel übereinander beschert, was natürlich nicht gerade windschnittig wirkt. Aber weil das Förderprogramm im Falle Vogel, Streisand und Co. weit über den Bereich der Nasenflügel hinausgegangen ist, überhaupt nicht mehr zu halten in seinem Explorationsdrang, hat es der Nase einen Doppelhutzel aufgesetzt, der im Profil vielleicht ein wenig drollig wirkt und an eine Kartoffelnase erinnert. Von vorn gesehen jedoch ein seltsamschönes Gesicht, weil es das Siegeszeichen triumphierend auf der Nasenstumpfe trägt.
Ganz deutlich: Vogel kann mit dieser Nase gut leben. Weniger gut mit seinem Abteilungsleiter Dr. Hecht, wie Orpheus schnell herausfindet. Der eine warnt ihn vor dem anderen, der ihn vor jenem. So weiß Orpheus gleich, zwischen welchen Stühlen er sitzt. Denn dieser Vogel, so erfährt er, war bisher für die Aufgabe zuständig, die jetzt seine sein soll: die Hebung des Images Berlins. Was dem Kollegen an Zuständigkeit verblieben ist, wird mit Koordinierung umschrieben und bleibt im übrigen unklar. Erst allmählich wird Dr. Orpheus Schmitt erfahren, daß der Begriff Koordinierung in diesen Kreisen stets für Entmachtung steht, aber auch, daß nicht jede Entmachtung voll gelingt, weil es bei den verschiedenen Tätigkeiten und Kontakten Erbhöfe gibt, an die mit Rücksicht auf Außenstehende nicht gerührt werden kann. Dr. Schmitts eigene Stellung erweist sich schnell als die eines Puffers zwischen den beiden so unterschiedlichen Nasen. Dabei hilft ihm wenig, daß er sich die wechselseitige Animosität der beiden erklären kann, auf seine Weise, nämlich damit, daß eine Doppelpultnase nun einmal keine Victorynase riechen kann – und umgekehrt.
Orpheus muß sich daran gewöhnen, daß in seiner neuen Umgebung andere Kategorien gelten als in seinem früheren Dasein. Dr. Hecht gibt ihm mit einer abfälligen Bemerkung über Aufsteiger das Sesamöffne-dich zur Erkenntnis. Aufsteiger, versteht er, ist – den positiven Wortbestandteilen auf und steigen zum Trotz – ein negativer Begriff. Wenigstens wenn Dr. Hecht ihn benutzt. Und das mit recht. Wenn Orpheus sich in den geerbten Ordnern den Schriftverkehr ansieht, den Vogel geführt hat: da ist nicht ein einziger Brief, der in korrektem Deutsch abgefaßt wäre – von den Tippfehlern der Sekretärin ganz abgesehen. Alles immer dicht an der richtigen Ausdrucksweise vorbei, und das offensichtlich nicht einmal absichtlich, nicht aus werbetaktischer Raffinesse. Nein, einfach aus mangelnder Vertrautheit mit der Sprache. Vogel selbst trägt den Aufsteiger dagegen fast wie ein Adelsprädikat vor sich her. Der Unterschied liegt wohl in der Stellung innerhalb der Bildungspyramide, und damit in der Blickrichtung, folgert Orpheus: Von unten betrachtet wirkt der Aufsteiger groß, von oben betrachtet klein. Und weil Orpheus selbst oben steht, lautet sein Resümee: Der Aufsteiger ist das, was man früher als Emporkömmling oder Parvenü bezeichnete. Doch so geschickt, so werkeltagstauglich, solch eine Erkenntnis für sich zu behalten, ist er bereits.
Dabei belustigt ihn, daß er immer mehr durchschaut und doch nichts daraus macht, daß er nicht mehr schreibt – außer gelegentlich Tagebuch. Jetzt bin ich ein geistiger Bodybuilder, den Kopf voller Muskelpakete und ohne eine Idee wozu. Aber wie sollte ich jetzt noch schreiben? Mit Fettstiften, mit Wurstfingern geldklimpernde Sätze auf Papier mit Goldrand werfen? Keine Chance mehr als Satiriker, ein Sattiriker jetzt, einer mit Doppeltee. Gute Zeiten sind nun mal schlechte Zeiten für die Dichtung.
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