Kitabı oku: «Quentin Durward»

Yazı tipi:

Walter Scott

Quentin Durward

Zweiter Band

Inhaltsverzeichnis

Neunzehntes Kapitel. Die Stadt.

Zwanzigstes Kapitel. Das Billet.

Einundzwanzigstes Kapitel. Verwüstung und Plünderung.

Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Zecher.

Dreiundzwanzigstes Kapitel. Die Flucht.

Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Gefangennahme.

Fünfundzwanzigstes Kapitel. Der ungebetene Gast.

Sechsundzwanzigstes Kapitel. Die Zusammenkunft.

Siebenundzwanzigstes Kapitel. Die Explosion.

Achtundzwanzigstes Kapitel. Ungewißheit.

Neunundzwanzigstes Kapitel. Gegenbeschuldigung.

Dreißigstes Kapitel. Ungewißheit.

Einunddreißigstes Kapitel. Die Zusammenkunft.

Zweiunddreißigstes Kapitel. Die Untersuchung.

Dreiunddreißigstes Kapitel. Der Herold.

Vierunddreißigstes Kapitel. Die Hinrichtung.

Fünfunddreißigstes Kapitel. Ein Ehrenpreis.

Sechsunddreißigstes Kapitel. Der Auszug.

Siebenunddreißigstes Kapitel. Der Ausfall.

Impressum

Neunzehntes Kapitel.
Die Stadt.

Ihr werthen Freunde, laßt mich euch nicht reizen

Zu rascher, meuterischer That.

Julius Cäsar.

Getrennt von der Dame Isabelle, deren Blick so manchen Tag sein Leitstern gewesen war, fühlte Quentin eine seltsame Leere und Kälte im Herzen, die er bisher noch nicht erfahren hatte, trotz all' der Wechselfälle, denen sein Leben schon unterworfen gewesen. Ohne Zweifel war das Aufhören des vertrauten und unvermeidlichen Verkehrs zwischen ihnen die nothwendige Folge, da die Gräfin nun an einem festen Aufenthaltsorte angekommen war. Denn unter welchem Vorwande konnte sie, wenn sie auch wirklich an solch' eine Unschicklichkeit gedacht hätte, einen jungen stattlichen Knappen, wie Quentin, stets in ihrer Begleitung haben?

Aber der Schmerz der Trennung ward dadurch, daß sie unvermeidlich war, nicht willkommener, und das stolze Herz Quentins schwoll bei dem Gedanken, daß er entlassen war, wie ein gemeiner Postillon oder wie eine Schutzwache, deren Pflicht nun erfüllt ist. Dabei ließ er im Stillen doch einige Thränen über die Trümmer all' jener Luftschlösser fallen, deren er so viel während der allzu interessanten Reise aufgebaut hatte. Er machte eine männliche, wiewohl Anfangs vergebliche Anstrengung, sich dieser Niedergeschlagenheit zu erledigen; und indem er so den Gefühlen, die er nicht unterdrücken konnte, nachhing, setzte er sich in eine der Fenstervertiefungen der großen gothischen Halle von Schönwald und sann dort seinem harten Geschick nach, welches ihm nicht Rang und Reichthum genug verliehen hatte, um seinen kühnen Plan zu verfolgen.

Quentin suchte seinen lastenden Trübsinn dadurch zu vertreiben, daß er Charlet, einen der beiden Diener, mit Briefen an den Hof Ludwigs abfertigte, worin er die glückliche Ankunft der Damen von Croye zu Lüttich ankündigte. Endlich kehrte seine natürliche Gemüthsheiterkeit zurück, und zwar erweckt durch den Titel eines alten Romans, welcher eben zu Straßburg im Druck erschienen war und der ihm zur Seite im Fenster lag. Dieser Titel lautete:

Wie einst der Knappe von niederm Stand

Zu Ungarkönigs Tochter Lieb' empfand.

Während Quentin den Anfang dieser Geschichte durchlief, die mit seiner eigenen Lage so sehr übereinstimmte, ward er durch eine Berührung seiner Schulter unterbrochen, und als er aufblickte, gewahrte er den Zigeuner neben sich.

Hayraddin, niemals ein willkommener Anblick, war ihm wegen seiner letzten Verrätherei verhaßt, und Quentin fragte ihn ernst, warum er sich die Freiheit nehme, einen Christen und Edelmann anzurühren.

»Blos darum,« antwortete der Zigeuner, »weil ich zu wissen wünschte, ob der christliche Edelmann ebenso sein Gefühl, wie sein Gesicht und Gehör verloren habe. Ich spreche schon seit fünf Minuten zu Euch, aber Ihr starrt nur auf Euer gelbes Papier, als wär' es ein Zaubermittel, Euch zur Bildsäule zu machen, und hätte seinen Zweck schon halb erreicht.«

»Wohlan, was begehrst du? Sprich, sag' an!«

»Ich begehre, was alle Menschen begehren, obwohl wenige sich damit begnügen,« sagte Hayraddin, »ich begehre meinen Lohn; meine zehn Goldkronen dafür, daß ich die Damen hieher geführt habe.«

»Mit welcher Frechheit wagst du noch einen größeren Lohn als die Schonung deines Lebens zu verlangen?« sagte Durward zornig; »du weißt, daß es deine Absicht war, sie auf der Straße zu verrathen.«

»Aber ich habe sie nicht verrathen,« sagte Hayraddin; »hätt' ich's gethan, so würd' ich von Euch oder ihnen keinen Lohn verlangt haben, sondern von dem, dem es zu Gute kam, daß sie sich am rechten Ufer des Flusses hielten. Die Partei, der ich diente, ist die Partei, die mich bezahlen muß.«

»So fahre dein Lohn mit dir zur Hölle, Verräther!« sagte Quentin, das Geld aufzählend. »Geh' zum wilden Eber der Ardennen, oder zum Teufel! aber komme mir dann nicht wieder vor die Augen, sonst sende ich dich vor der Zeit zu jenem.«

»Der Eber der Ardennen!« wiederholte der Zigeuner, mit größerem Staunen, als seine Züge sonst auszudrücken pflegten; »es war also keine leere Ahnung – kein allgemeiner Argwohn – der Euch auf dem Wechsel der Straße bestehen ließ? – Ist das möglich – sind wirklich in andern Landen die Wahrsagerkünste sicherer, als bei unsern wandernden Stämmen? Der Weidenbaum, unter dem wir sprachen, konnte nichts wiedererzählen. Doch, nein – nein, nein – Thor, der ich war! ich hab's, ich hab's! – die Weide am Bach war nah am Kloster – ich sah Euch darauf hinblicken, als wir vorbeizogen, eine halbe Meile von jenem Drohnenneste – diese Weide konnte allerdings nicht reden, aber wohl Jemand verbergen, der zuhörte! Fortan will ich meine Berathungen auf offenem Felde halten; kein Distelbusch soll mir nahe sein, um einen Schotten zu verstecken – ha! ha! der Schotte hat den Zigeuner mit seiner eignen feinen Waffe geschlagen. Doch wisse, Quentin Durward, daß du mir zu deinem eignen Nachtheil zuwider gehandelt hast – Ja! das Glück, das ich dir aus den Linien deiner Hand sagte, wäre reichlich gekommen, hätt' es deine eigne Hartnäckigkeit nicht vereitelt.«

»Bei St. Andreas!« sagte Quentin, »deine Unverschämtheit macht mich wider Willen lachen – wie oder worin hätte deine gelungene Schurkerei mir dienlich sein können? Ich hörte allerdings, daß Ihr übereinkamt, mein Leben zu erhalten, und diese Bedingung würden Eure würdigen Verbündeten gar schnell vergessen haben, wären wir einmal an einander gerathen – doch worin dein Verrath dieser Damen mir dienen konnte, außer daß er mich dem Tod oder der Gefangenschaft aussetzte, das ist eine Sache, die über allen menschlichen Verstand geht.«

»So wollen wir nicht weiter daran denken,« sagte Hayraddin, »denn ich bin Willens, Euch noch durch meine Dankbarkeit zu überraschen. Hättet Ihr mir meinen Lohn versagt, so hätte ich angenommen, daß wir quitt wären, und hätte Euch Eurer eignen thörichten Leitung überlassen. Nun aber bleibe ich noch Euer Schuldner für jene Sache an den Ufern des Cher.«

»Indem ich dich verfluchte und schimpfte, hab' ich, wie mich dünkt, mich schon bezahlt gemacht,« sagte Quentin.

»Harte Worte, so gut wie freundliche,« sagte Hayraddin, »sind nur Wind, der in der Wagschale kein Gewicht hat. Hättet Ihr mich geschlagen, statt nur zu drohen, allerdings« –

»Es scheint fast, daß ich mich auf diesem Wege bezahlt machen muß, wenn Ihr mich länger reizt.«

»Ich würd' es nicht rathen,« sagte der Zigeuner; »solche Zahlung, von unbedachter Hand geleistet, dürfte die Schuld übersteigen, und einen heillosen Rest auf Eurer Seite lassen, den ich weder vergäbe, noch vergäße. Und nun lebt wohl, aber nicht auf lange – ich gehe, um den Damen von Croye Adieu zu sagen.«

»Du?« sagte Quentin erstaunt – »du willst bei den Damen vorgelassen werden, und hier, wo sie fast klösterlich unter dem Schutze der Schwester des Bischofs, einer vornehmen Stiftsdame, leben? Es ist unmöglich!«

»Aber doch wartet Marthon, um mich zu ihnen zu bringen,« sagte der Zigeuner spöttisch; »und ich muß Eure Vergebung erbitten, wenn ich Euch etwas schnell verlasse.«

Er wandte sich wie zum Fortgehen, kehrte aber sogleich um und sagte mit bedeutendem und ernstem Nachdruck: »Ich kenne Eure Hoffnungen – sie sind kühn, doch nicht eitel, wenn ich sie unterstütze. Ich kenne Eure Befürchtungen – sie sollten Klugheit, nicht Schüchternheit lehren. Jedes Weib kann gewonnen werden. Ein Grafentitel ist nur ein Beiname, der sich für Quentin eben so gut passen wird, als der andre Beiname, Herzog, für Karl paßt, oder der eines Königs für Ludwig.«

Ehe noch Durward antworten konnte, hatte der Zigeuner die Halle schon verlassen. Quentin folgte augenblicklich; doch, besser als der Schotte mit den Gängen des Hauses bekannt, hatte Hayraddin einen Vorsprung, den er benutzte; der Verfolger verlor ihn aus dem Gesichte, als er eine schmale Hintertreppe hinabstieg. Noch folgte Durward, obwohl ohne sich genau bewußt zu sein, warum er es that. Die Treppe endete mit einer Thür, die sich in den Gang eines Gartens öffnete, wo er den Zigeuner wieder einen gekrümmten Pfad hineilen sah.

Von zwei Seiten war der Garten von den Gebäuden des Schlosses umgeben – eines hohen alten Baues, zum Theil festungartig gebaut, zum Theil einem kirchlichen Gebäude gleichend; an den andern beiden Seiten war eine hohe, feste Mauer die Begränzung. Während Hayraddin durch die Gartengänge nach einem andern Theile des Gebäudes kam, wo sich eine Hinterpforte unter einem großen, massiven, mit Epheu überwachsenen Schwibbogen öffnete, schaute er zurück, und gab mit der Hand ein triumphirendes Zeichen des Abschiedes, und Quentin bemerkte, daß in der That die Hinterthür von Marthon geöffnet, und daß der schlechte Zigeuner eingelassen ward, und natürlicherweise auch in die Gemächer der Gräfinnen von Croye gelangte. Quentin biß sich vor Unwillen auf die Lippen, und tadelte sich selbst ernstlich, daß er den Damen nicht die ganze Schändlichkeit von Hayraddins Charakter dargestellt und sie mit seinen Umtrieben gegen ihre Sicherheit bekannt gemacht hatte. Die anmaßende Weise, in welcher der Zigeuner versprochen hatte, seine Wünsche zu fördern, steigerte noch seinen Zorn und Unmuth; und er fühlte, daß selbst die Hand der Gräfin Isabelle entweiht sein würde, wenn man sie durch solche Vermittelung erhalten könnte. »Aber es ist Alles Betrug,« sagte er – »ein Stück jener elenden Gauklerkunst. Er hat sich unter irgend einem falschen Vorwand Zutritt bei den Damen verschafft, und gewiß in einer heillosen Absicht. Es ist gut, daß ich ihre Wohnung erfahren habe. Ich will auf Marthon warten, und mir eine Zusammenkunft mit ihnen verschaffen, wär' es auch nur, um ihnen Vorsicht anzurathen. Es ist hart, daß ich List anwenden und Verzug erdulden muß, während solche, wie er, offen und unbedenklich Zutritt haben. Aber sie sollen finden, daß, obwohl ich aus ihrer Nähe verbannt bin, Isabellens Sicherheit stets der Hauptgegenstand meiner Wachsamkeit ist.«

Während der junge Liebende solche Gedanken nährte, nahte ihm ein bejahrter Herr von des Bischofs Hofe durch dieselbe Thür, die ihn in den Garten geführt hatte, und machte ihm bemerklich, obwohl auf die höflichste Weise, daß dieß ein Privatgarten sei, und bloß für den Gebrauch des Bischofs und der Gäste vom höchsten Range bestimmt.

Quentin hörte ihn diese Mittheilung zweimal wiederholen, ehe er sie begriff; dann fuhr er wie aus dem Traume empor, verbeugte sich und eilte aus dem Garten, während ihm der Hofbeamte den ganzen Weg folgte, und ihn mit förmlichen Entschuldigungen, wegen seiner nothwendigen Pflichterfüllung überhäufte. Ja, so beharrlich war er in seinen Versuchen, die Beleidigung, die nach seiner Meinung Quentin fühlen mußte, zu beseitigen, daß er sich erbot, ihm selber Gesellschaft zu leisten, um so zu seiner Unterhaltung beizutragen; Quentin, der im Innern diese lästige Förmlichkeit verwünschte, fand endlich kein besseres Mittel, zu entkommen, als daß er den Wunsch äußerte, die nahe Stadt zu besuchen, und zu diesem Ende begann er einen so raschen Schritt anzunehmen, daß er damit dem Hofmanne alle Lust benahm, ihn weiter als bis an die Zugbrücke zu begleiten. In wenigen Minuten befand sich Quentin innerhalb der Mauern der Stadt Lüttich, damals eine der reichsten Städte Flanderns, und folglich der ganzen Welt.

Schwermuth, selbst Liebesschwermuth, liegt nicht so tief, wenigstens in dem Herzen eines männlichen und lebhaften Jünglings nicht, als die weichen Schwärmer, die sich von ihr beherrschen lassen, zu glauben geneigt sind. Sie weicht unerwarteten und plötzlichen sinnlichen Eindrücken, Ortveränderungen, Scenen, welche neue Ideenverbindungen erwecken und dem Einflusse des geschäftigen Treibens der Menschheit. Binnen wenigen Minuten ward Quentins Aufmerksamkeit durch die Manchfaltigkeit der Gegenstände, die sich ihm in rascher Aufeinanderfolge in den geschäftigen Straßen Lüttichs zeigten, so sehr eingenommen, als hätte nie eine Gräfin Isabelle oder ein Zigeuner in der Welt existirt.

Die hohen Häuser, die stattlichen, obwohl schmalen und düstern Straßen, die glänzende Ausstellung der reichsten Güter und prächtigsten Rüstungen in den Läden und Niederlagen ringsum, die Straßen, wo sich die geschäftigen Bürger jedes Standes drängten, hin und wieder gehend mit Gesichtern, welche sorglichen Ernst oder geräuschvolle Regsamkeit ausdrückten; die gewaltigen Wagen, welche die Gegenstände der Ein- und Ausfuhr hin und her führten, die letztere bestehend in Tuch, Serge, Waffen aller Art, Nägeln und Eisenwerk, während die erstere alle Artikel des Nutzens und des Luxus umfaßte, die theils zum Verbrauch einer reichen Stadt, oder zum weitern Transport bestimmt waren, – alle diese Gegenstände bildeten ein umfassendes Gemälde des Reichthums, des Geräusches und des Glanzes, welches für Quentin bisher völlig fremd gewesen war. Er bewunderte auch die vielen Ströme und Kanäle, die von der Maas ausgingen und sich mit ihr vereinten, die Stadt nach verschiedenen Richtungen durchschnitten, und jedem Theile derselben den Handelsverkehr durch ihre Wasserpfade erleichterten; auch versäumte er nicht eine Messe in der ehrwürdigen alten Kirche St. Lambert zu hören, die im achten Jahrhundert gestiftet sein soll.

Als Quentin diese Stätte der Gottesverehrung verließ, bemerkte er erst, daß er, der bisher auf alles ringsum mit ungezügelter Neugier geschaut hatte, selbst ein Gegenstand der Aufmerksamkeit für verschiedene Gruppen stattlich aussehender Bürger war, welche sich versammelt zu haben schienen, um ihn zu betrachten, als er die Kirche verließ, und unter denen sich ein Gemurmel und Flüstern erhob, welches sich weiter und weiter verbreitete; indeß nahm die Zahl der Gaffer mehr und mehr zu, und eines jeden neuen Ankömmlings Blicke richteten sich neugierig auf Quentin, mit einem Ausdrucke, welcher große Theilnahme und Neugier, vermischt mit einem gewissen Grade von Hochachtung anzeigte.

Endlich bildete er den Mittelpunkt einer beträchtlichen Menge, die ihm jedoch überall Raum gab, während er weiter ging; diejenigen, die ihm folgten, oder Schritt mit ihm hielten, vermieden sorgfältig, ihn zu drängen oder seine Bewegungen zu hindern. Aber diese Lage setzte ihn zu sehr in Verlegenheit, als daß er sie lange hätte aushalten können, ohne zu versuchen, sich zu befreien und Aufklärung zu erhalten.

Quentin schaute sich um, und einen freundlichen, stattlich und achtbar aussehenden Mann gewahrend, der ein Sammetkleid und goldne Kette trug, vermuthete er, es möge dieser ein vornehmer Bürger sein, vielleicht eine Magistratsperson, und fragte ihn: »Ob er etwas besonders Seltsames an ihm bemerke, was die öffentliche Aufmerksamkeit in so ungewöhnlichem Grade auf sich ziehen könne? oder ob es so Gewohnheit der Leute von Lüttich sei, sich auf diese Weise um die Fremden zu drängen, die zufällig ihre Stadt besuchten?«

»Gewiß nicht, guter Herr,« antwortete der Bürger; »die Lütticher sind weder so müßiger Neugierde voll, um dergleichen Gewohnheit zu haben, noch liegt auch etwas in Eurer Kleidung und Erscheinung, außer daß sie überhaupt hier sehr willkommen ist, daß unsre Städter erfreut sind, sie zu sehen und sie zu ehren wünschen.«

»Dieß klingt sehr artig, werther Herr,« sagte Quentin; »aber beim Kreuz St. Andreas', ich kann nicht errathen, wie Ihr es meint.«

»Euer Schwur, Herr,« antwortete der Kaufmann von Lüttich, »so wie Euer Accent, überzeugt mich, daß wir mit unserer Vermuthung recht haben.«

»Bei meinem Patron St. Quentin!« sagte Durward, »ich bin weniger als vorher über Eure Meinung im Klaren.«

»Nun schon wieder,« sagte der Lütticher, während er ihn durchdringend, aber sehr höflich, artig und klug ansah: – »Sicherlich ziemt es uns nicht, zu verstehen, was Ihr, werther Herr, scheint verbergen zu wollen. Doch warum schwört Ihr bei St. Quentin, wenn Ihr nicht wollt, daß ich Eure Worte deuten soll? – Wir kennen den Grafen von St. Paul, der sich jetzt dort aufhält und unsrer Sache wohl will.«

»Bei meinem Leben,« sagte Quentin, »Ihr seid in einem Irrthum – ich weiß nichts von St. Paul.«

»Nun, ich forsche Euch nicht aus,« sagte der Bürger; – »aber hört – ich sage, hört, im Vertrauen – mein Name ist Pavillon.«

»Und was geht das mich an, Herr Pavillon?« sagte Quentin.

»Ei, nichts – ich denke nur, es sollte Euch überzeugen, daß ich des Vertrauens werth bin – hier ist auch mein College Rouslaer.«

Rouslaer trat heran, ein stattlicher Würdenträger, dessen ansehnlicher runder Bauch, gleich einem Mauerbrecher, rüstig Bahn durch die Menge brach, und, seinem Nachbar leise Vorsicht anrathend, sagte er im Tone des Tadels: »Ihr vergeßt, guter College, daß dieser Ort zu offen ist – der Herr wird sich nach Eurem oder meinem Hause begeben, ein Glas Rheinwein mit Zucker annehmen, und dann werden wir mehr von unserm guten Freund und Verbündeten hören, den wir mit unsern ehrlichen flämischen Herzen lieben.«

»Ich habe für Niemand von Euch Neuigkeiten,« sagte Quentin ungeduldig; »ich will keinen Rheinwein trinken; und ich begehre von Euch, als Männern von Gewicht und Ansehen, bloß, daß Ihr diese müßige Menge zerstreut, und einem Fremden gestattet, Eure Stadt so ruhig zu verlassen, wie er sie betreten hat.«

»Nun denn, Herr,« sagte Rouslaer, »da Ihr Euer Incognito so fest behauptet, und noch dazu vor uns, die wir Männer sind, welche Vertrauen verdienen, so laßt mich Euch offen fragen, warum tragt Ihr das Abzeichen Eurer Compagnie, wenn Ihr in Lüttich unerkannt bleiben wollt?«

»Welches Abzeichen?« sagte Quentin; »Ihr seht aus, wie ehrwürdige Männer und ernste Bürger, aber bei meiner Seele, entweder seid Ihr selber toll, oder wollt mich dazu machen.«

»Sapperment!« sagte der andere Bürger, »dieser junge Mann würde selbst St. Lambert zum Fluchen bringen! Sagt an, wer trägt Mützen mit St. Andreaskreuz und der fleur-de-lys, außer den schottischen Bogenschützen von König Ludwigs Leibwache?«

»Und gesetzt, ich bin ein Bogenschütze von der Leibwache, warum wundert es Euch dann, daß ich das Zeichen meiner Compagnie trage?« sagte Quentin ungeduldig.

»Er hat es gestanden, er hat es gestanden!« sagten Rouslaer und Pavillon, sich mit glückwünschenden Mienen zu den versammelten Bürgern wendend, die Arme und Hände erhebend und mit freudestrahlenden Gesichtern. »Er hat gestanden, daß er ein Bogenschütze von Ludwigs Leibwache – Ludwigs, des Schützers der Freiheiten Lüttichs!«

Ein allgemeines Jubelgeschrei erhob sich jetzt unter der Menge, worunter man die verschiedenen Ausrufe vernahm: »Lang lebe Ludwig von Frankreich! Lang lebe die schottische Garde! Lang lebe der wackere Bogenschütze! Unsre Freiheiten, unsre Privilegien, oder Tod! Keine Steuern! Lang lebe der tapfere Eber der Ardennen! Nieder mit Karl von Burgund! und Verderben dem Bourbon und seinem Bisthum!«

Halb betäubt von dem Lärm, der kaum auf der einen Seite aufhörte, als er sich alsbald auf einer andern erhob, steigend und fallend, gleich den Wogen des Meers, und vermehrt durch tausende von Stimmen, die von fernen Straßen und Marktplätzen im Chore heranströmten, gewann Quentin doch Zeit, Vermuthungen in Betreff der Bedeutung des Tumultes zu fassen, und sich einen Plan in Bezug auf sein eignes Betragen zu bilden.

Er hatte vergessen, daß, nach seinem Kampf mit Orleans und Dunois, einer seiner Kameraden auf Lord Crawfords Befehl seinen durch des letztern Schwert gespaltenen Helm mit einer der stahlbesetzten Mützen ersetzt hatte, die einen Theil der eigenthümlichen und wohlbekannten Rüstung der schottischen Garde bildeten. Daß ein Mitglied dieses Corps, welches unmittelbar stets Ludwigs Person umgab, in den Straßen einer Stadt erschien, deren bürgerliche Unruhen durch die Agenten des Königs gesteigert waren, ward sehr natürlich von den Bürgern von Lüttich als ein Beweis ausgelegt, daß Ludwig seinerseits offen ihre Sache beschützen wolle; und so ward die Erscheinung eines einzelnen Bogenschützen als ein Pfand unmittelbarer und thätiger Hilfe von Seiten Ludwigs angesehen, – ja, als eine Versicherung, daß seine Hülfstruppen bereits wirklich durch das eine oder andere Stadtthor, wiewohl Niemand bestimmt sagen konnte, durch welches, einzurücken im Begriff ständen.

Eine so allgemein angenommene Ueberzeugung zu beseitigen, war, wie Quentin leicht einsah, unmöglich – ja, jeder Versuch, Männer, die so hartnäckig auf ihrem Glauben beharrten, zu enttäuschen, war mit persönlicher Gefahr verbunden, und sich dieser zu unterziehen, schien ihm hier von gar keinem Nutzen; er beschloß daher in der Eile zu temporisiren, und sich so gut als möglich aus der Sache zu ziehen; diesen Entschluß faßte er, während man ihn nach dem Stadthause geleitete, wo die Angesehenen der Stadt eilig versammelt waren, um die Zeitung zu hören, die er vermuthlich zu bringen hatte, und ihn mit einem splendiden Mahle zu ehren.

Trotz all' seiner Einwendungen, die man für Bescheidenheit auslegte, ward er von allen Seiten durch die Spender der Volksgunst umringt, der unerwünschten Woge, die ihn jetzt umwogte. Seine zwei rathsherrlichen Freunde, die Schöppen der Syndici der Stadt waren, hatten seine beiden Arme fest in Beschlag genommen. Nickel Block, Obermeister der Fleischerzunft, der eilig von seinem Geschäft in den Fleischbänken abgerufen war, schwang vor ihm seine tödtliche Axt, mit Blut und Mark noch besudelt, und das mit einem Muth und einem Anstand, den allein der Branntwein einhauchen konnte. Hinter ihm kam die lange, hagere, dünnknochige, sehr trunkene und sehr patriotische Gestalt des Klaus Hämmerlein, Präsident der geheimnißvollen Zunftgenossen der Eisenarbeit, welchem wenigstens tausend ungewaschene Künstler dieser Klasse folgten. Weber, Nagelschmiede, Seiler, Künstler jeder Art und jedes Namens, drängten sich vorwärts, um sich der Procession zu vereinen, aus all' den düstern und engen Straßen. Entfliehen schien ein verzweifeltes und unmögliches Unternehmen.

In dieser Verlegenheit wendete sich Quentin an Rouslaer, welcher seinen einen Arm hielt, und an Pavillon, der sich des andern versichert hatte, und die ihn beide an der Spitze dieses Triumphzuges führten, dessen Hauptgegenstand er so unerwartet geworden war. Er machte ihnen in der Eile verständlich, »daß er, ohne daran zu denken, die Mütze der schottischen Garde aufgesetzt habe, weil die Pickelhaube, die er auf der Reise hatte tragen wollen, durch einen Zufall beschädigt worden sei; er bedauerte, daß, durch die Schuld dieses Umstandes, der scharfe Verstand, womit die Lütticher seinen Stand und die Absicht seines Besuchs daraus errathen hätten, alles dies öffentlich gemacht habe; und zugleich ließ er merken, daß er, wenn man ihn geradewegs so nach dem Stadthaus führte, sich selbst leider werde genöthigt sehen, den versammelten Herren gewisse Dinge mitzutheilen, die er nach der Weisung des Königs bloß für das Ohr seiner trefflichen Gevattern, der Herren Rouslaer und Pavillon, bewahren sollte.«

Dieser letzte Wink wirkte wie Zauber auf die beiden Bürger, die die ausgezeichnetsten Häupter der bürgerlichen Insurgenten waren, und die, wie alle Demagogen ihrer Art, so weit als möglich Alles in ihrer eignen Gewalt zu haben wünschten. Sie beschlossen daher in der Eile, daß Quentin einstweilen die Stadt verlassen, und bei Nacht gen Lüttich zurückkehren sollte, um sich privatim mit ihnen in Rouslaers Hause zu besprechen, welches nahe an dem nach Schönwald führenden Thore lag. Quentin zögerte nicht, ihnen zu sagen, daß er jetzt in des Bischofs Palast wohne, unter dem Vorwande, ihm Depeschen vom französischen Hofe zu überbringen, obwohl sein eigentliches Geschäft, wie sie richtig vermuthet hätten, den Bürgern Lüttichs gelte; und diese umständliche Weise, Gemeinschaft mit Jemand zu pflegen, so wie der Stand und Rang der Person, die man als Vermittler der gemuthmaßten Verhandlungen ansah, stimmte so mit dem Charakter Ludwigs überein, daß weder Zweifel noch Befremden dadurch erregt ward.

Fast unmittelbar nach dieser Erklärung kam der Strom der Menge vor Pavillons Hause vorbei, welches in einer der Hauptstraßen lag, von hinten jedoch mit der Maas, durch einen Garten sowohl, als durch verschiedene Lohgruben und andere zur Gerberei gehörige Einrichtungen in Verbindung stand; denn der patriotische Bürger war Gerber.

Es war natürlich, daß Pavillon Verlangen trug, dem vermeinten Gesandten Ludwigs die Ehren seines Hauses zu erweisen, und ein Anhalten vor seiner Wohnung erregte auf Seiten der Menge kein Befremden; ihm Gegentheil, sie grüßte den Herrn Pavillon mit einem lauten Vivat, als er seinen ausgezeichneten Gast hineinführte. Quentin legte eilig seine auffallende Kopfbedeckung bei Seite, setzte die Mütze eines Gärtners auf, und warf einen Mantel über seine übrige Kleidung. Pavillon versah ihn dann mit einem Losungswort, um die Thore der Stadt passiren zu können, um bei Nacht oder bei Tage, wie es ihm am passendsten sein würde, zurückkehren zu können; sodann übergab er ihn der Fürsorge seiner Tochter, einer hübschen und lächelnden Flamänderin, nebst der Weisung, wohin sie ihn geleiten solle, während er selber zu seinem Kollegen zurückeilte, um ihre Freunde auf dem Stadthause mit den besten Entschuldigungen, die sie für das Verschwinden des Gesandten König Ludwigs auffinden konnten, zu unterhalten. Wir können, wie der Diener in der Komödie sagt, uns nicht genau auf die Lüge besinnen, die der Leithammel der Heerde erzählte; aber nichts ist leichter, als eine Menge betrügen, deren Vorurtheile das Geschäft schon mehr als zur Hälfte beendigt haben, ehe der Betrüger noch ein Wort geredet hat.

Der würdige Bürger war kaum gegangen, als sein rundes Töchterchen, Trudchen, mit tiefem Erröthen und freundlichem Lächeln, welches ihren Kirschenlippen, ihren heitern blauen Augen und ihrer reinen Gesichtsfarbe recht artig stand, den hübschen Fremden durch die mancherlei Gänge des väterlichen Gartens nach dem Ufer hinab führte und dort ein Boot besteigen ließ, welches zwei tüchtige Flamänder in ihren Pomphosen, Pelzmützen und vielknöpfigen Wämmsern so eilig regierten, als ihre niederländische Natur nur immer gestattete.

Da das artige Trudchen nichts als Deutsch sprach, so konnte Quentin, – ohne seiner treuen Neigung zur Gräfin von Croye zu nahe zu treten, – seinen Dank nur durch einen Kuß auf jene Kirschenlippen aussprechen, und er ward eben so galant gegeben, als mit bescheidener Dankbarkeit angenommen; denn galante Herren mit einer Gestalt und einem Gesicht gleich dem unsers schottischen Bogenschützen kamen einem unter der Lütticher Bürgerschaft nicht alle Tage vor.

Während das Boot die trägen Gewässer der Maas aufwärts gerudert ward, und vor den Festungswerken der Stadt vorüberfuhr, hatte Quentin Zeit genug, zu überlegen, welchen Bericht er von seinem Abenteuer in Lüttich geben sollte, wenn er zu des Bischofs Palast Schönwald zurückkehrte; er verschmähte es ebenso, Jemand zu verrathen, der, obwohl aus Irrthum, Vertrauen in ihn gesetzt hatte, als er dem gastfreien Prälaten den aufrührerischen Zustand seiner Hauptstadt verbergen mochte; daher beschloß er, sich auf eine allgemeine Nachricht zu beschränken, die genügte, dem Bischof Vorsicht anzurathen, während sie gleichwohl kein Individuum seiner Rache preisgab.

Er stieg eine halbe Meile vom Schlosse aus dem Boote, und lohnte seine Ruderer zu ihrer großen Zufriedenheit mit einem Gulden. Doch so kurz auch der Raum war, der ihn von Schönwald trennte, so hatte doch die Schloßglocke schon zum Mittagsmahl geläutet, und Quentin fand überdieß, daß er sich dem Schloß auf einer, dem Haupteingange entgegengesetzten Seite genähert habe, daß aber, rund herum zu gehen, seine Ankunft beträchtlich verspäten würde. Er ging daher direkt nach der Seite hin, die ihm die nächste war, und die sich ihm als eine befestigte Mauer darstellte, wahrscheinlich jene des bereits erwähnten kleinen Gartens, mit einer Hinterthür, die sich nach dem Graben öffnete; daneben lag ein Schiffchen, welches, wie er glaubte, auf seinen Anruf zur Ueberfahrt dienen konnte. Als er sich in der Hoffnung näherte, hier einpassiren zu können, öffnete sich die Hinterthür, ein Mann kam heraus, sprang in das Boot, ruderte sich zu der andern Seite des Grabens und stieß dann das Boot mit einer langen Stange nach der Stelle zurück, wo er sich eingeschifft hatte. Als er näher kam, erkannte Quentin, daß diese Person der Zigeuner war, der, ihn ohne Schwierigkeit vermeidend, einen andern Pfad gen Lüttich einschlug, und sogleich aus seinen Augen verschwand.

Hier bot sich neuer Stoff zum Nachdenken. War dieser heidnische Landstreicher die ganze Zeit über bei den Damen von Croye gewesen, und in welcher Absicht hatten sie ihm so lange die Ehre ihrer Gegenwart verstattet? Von diesen Gedanken gequält, fühlte sich Durward um so mehr bestimmt, eine Erklärung von ihnen zu verlangen, um ihnen zugleich Hayraddins Verrätherei darzustellen, und ihnen auch den gefährlichen Zustand anzuzeigen, in welchem sich jetzt ihr Beschützer, der Bischof, wegen der Meutereien seiner Stadt Lüttich befand.

Als er über diesen Entschluß in's Reine war, betrat er das Schloß durch den Haupteingang, und fand in der großen Halle das geistliche Gefolge des Bischofs, die Beamten des Haushalts, und die Fremden, die nicht zum hohen Adel gehörten, bereits bei ihrem Mittagsmahl versammelt. Ein Sitz am obern Ende der Tafel war indeß zur Seite des Hauskaplans des Bischofs aufbewahrt worden, und der letztere bewillkommnete den Fremden mit dem alten Schulscherze, Sero venientibus ossa, während er Sorge trug, seinen Teller so mit Leckerbissen zu beladen, daß er dadurch bewies, er meine es nicht ernstlich mit dem Sprichworte, welches in Durwards Vaterlande ein Scherz ohne Scherz, oder vielmehr ein unschmackhafter genannt wird.

Um sich von dem Verdachte schlechter Erziehung zu reinigen, beschrieb Quentin in der Kürze den Auflauf, welcher sich in der Stadt ereignet hatte, als man entdeckte, daß er zu den schottischen Bogenschützen von König Ludwigs Leibgarde gehörte, und er bemühte sich, der Erzählung dadurch eine scherzhafte Wendung zu geben, daß er sagte, er habe sich mit Mühe durch einen fetten Lütticher Bürger und seine artige Tochter gerettet.

Aber die Gesellschaft nahm zu sehr Theil an der Geschichte, als daß ihr der Scherz hätte munden können. Alle Operationen der Tafel pausirten, während Quentin seine Geschichte erzählte; und als er geendet hatte, herrschte eine feierliche Stille, welche bloß durch den Haushofmeister unterbrochen ward, der in leisem und traurigem Tone sagte: »ich wünsche und bitte Gott, daß wir jene hundert burgundische Lanzen sähen!«

»Warum wollt Ihr Euch die Sache zu Herzen nehmen?« sagte Quentin. – »Ihr habt viele Krieger hier, die das Waffenhandwerk verstehen; und Eure Gegner sind blos der Pöbel einer ordnungslosen Stadt, welcher fliehen wird, sobald mit wehender Fahne eine Kriegerschaar gegen ihn anrückt.«

»Ihr kennt die Männer von Lüttich nicht,« sagte der Kaplan, »von denen man sagen kann, daß sie, selbst die von Gent nicht ausgenommen, die trotzigsten und unbezähmbarsten in Europa sind. Zweimal hat sie der Herzog von Burgund gezüchtigt wegen ihrer wiederholten Aufstände gegen ihren Bischof, und zweimal hat er sie mit größerer Strenge unterdrückt, ihre Privilegien geschmälert, ihnen ihre Fahnen genommen und sich Rechte und Ansprüche über sie angeeignet, die vorher bei einer freien Reichsstadt nicht erhört waren – ja, das letzte Mal schlug er sie mit großem Blutvergießen bei St. Tron, wo Lüttich fast sechstausend Mann verlor, die theils durchs Schwert umkamen, theils auf der Flucht ertranken; und nachher, um sie zu fernerem Aufruhr unfähig zu machen, weigerte sich Herzog Karl durch irgend eines der Thore, die sie ihm übergeben hatten, einzurücken, sondern ließ vierzig Ruthen der Stadtmauer niederreißen, und zog in Lüttich als Eroberer mit geschlossenem Visir und eingelegter Lanze an der Spitze seiner Ritterschar durch die gemachte Bresche ein. Ja, es war den Lüttichern damals wohl bekannt, daß dieser Karl, damals Graf von Charolais genannt, nur auf Zureden seines Vaters, Herzog Philipp des Guten, die Stadt der Plünderung nicht preisgab. Und doch, trotz all' diesen frischen Erinnerungen, trotz dem, daß ihre Bresche nicht hergestellt und ihre Zeughäuser schlecht versehn sind, reicht der Anblick der Mütze eines Bogenschützen hin, um sie wieder aufzureizen. Mag Gott Alles zum Besten wenden! Aber ich fürchte, es wird blutigen Verkehr geben zwischen einer so trotzigen Bevölkerung und einem so hitzigen Fürsten; und ich wollte, mein trefflicher und sanfter Herr hätte eine geringere Würde und größere Sicherheit, denn seine Bischofsmütze ist mit Dornen, statt mit Hermelin gefüttert. Dieß sage ich Euch, fremder Herr, um Euch zu erinnern, daß, wenn Eure Angelegenheiten Euch nicht zu Schönwald aufhalten, dieß ein Platz ist, den jeder vernünftige Mann so schnell als möglich verlassen sollte. Ich fürchte, daß Eure Damen derselben Meinung sind; denn einer der Diener, der sie auf der Reise begleitete, ist zurück an den französischen Hof mit Briefen gesandt worden, die wahrscheinlich die Meldung enthalten, daß sie im Begriffe sind, ein sicheres Asyl zu suchen.

Zwanzigstes Kapitel.
Das Billet.

»Wohlan – du bist ein gemachter Mann

wenn du es sein willst – wo nicht, so will ich dich noch als Genossen von Dienern sehen, der nicht werth ist, Fortunens Finger anzurühren.

Zwölfte Nacht.

Als die Tafel aufgehoben war, führte der Kaplan, der besonderes Gefallen an Quentin Durward's Gesellschaft zu haben schien, oder auch vielleicht einige nähere Nachricht von seinen Morgenbegegnissen zu erlangen wünschte, ihn in ein Nebenzimmer, dessen Fenster an der einen Seite in den Garten gingen; als er sah, daß seines Gefährten Blick sich verlangend dorthin heftete, schlug er Quentin vor, hinab zu gehen und die seltnen fremden Gewächse zu betrachten, mit welchen der Bischof seine Beete geziert hatte.

Quentin entschuldigte sich, daß er sich nicht eindrängen möge, und theilte die Zurückweisung mit, die er am Morgen erfahren hatte. Der Kaplan lächelte und sagte, es bestehe allerdings ein altes Verbot in Bezug auf des Bischofs Privatgarten; »aber dieß,« fügte er mit einem Lächeln hinzu, »war nur geltend, als unser ehrwürdiger Herr ein junger fürstlicher Prälat und nicht älter als dreißig Jahre war, wo denn viele schöne Damen das Schloß des geistlichen Trostes wegen besuchten. Und da war nöthig,« sagte er mit niedergeschlagenem Blick und einem halb einfältigen, halb klugen Lächeln, »daß diese büßenden Damen, welche immer in den Gemächern wohnten, die jetzt die edle Stiftsdame inne hat, einigen Raum hatten, um frische Luft zu schöpfen, wo sie vor profanen Blicken gesichert waren. Aber in den letzten Jahren ist dies Verbot, obwohl nicht förmlich aufgehoben, doch gänzlich außer Anwendung gekommen, und es bleibt nur noch übrig wie ein Aberglaube, der in dem Hirn eines gealterten Ceremonienmeisters spukt. Gefällt es Euch also, so gehen wir sogleich hinab und wagen es darauf.«

Nichts konnte für Quentin angenehmer sein, als die Aussicht, freien Zutritt in den Garten zu erlangen, mittelst dessen, wenn der Zufall seine Leidenschaft wie bisher begünstigte, er hoffte, den Gegenstand seiner Neigung zu sprechen oder wenigstens zu sehen, etwa in einem solchen Thurm, oder Balkonfenster, oder dergleichen, wie im Gasthaus zur Lilie bei Plessis, oder wie im Dauphinthurme im Schlosse selbst. Isabelle schien immer, wo sie auch wohnen mochte, dazu bestimmt, die Dame vom Thurme zu sein.

Als Durward mit seinem neuen Freunde in den Garten hinabstieg, schien derselbe ganz wie ein irdischer Weiser einzig mit den Dingen der Erde beschäftigt; während Quentins Augen, wenn sie auch nicht den Himmel, gleich denen eines Astrologen, suchten, wenigstens an den Fenstern umherschweiften, auch an den Balkonen und vorzüglich an den Thürmen, welche an jeder Seite der innern Fronte des alten Gebäudes hervorragten, um die zu erspähen, die sein Leitstern sein sollte.

So beschäftigt hörte der junge Liebende ganz unaufmerksam zu, wenn er überhaupt zuhörte, wie sein ehrwürdiger Führer die Pflanzen, Sträucher und Kräuter herzählte; das eine war vorzüglich als Arzneimittel gut, ein anderes spendete ein seltenes Gewürz für die Küche, und ein drittes, das erlesenste von allen, hatte kein anderes Verdienst, als seine außerordentliche Seltenheit. Doch war es immer nothwendig, wenigstens scheinbar einige Aufmerksamkeit zu zeigen, und dieß fand der junge Mann so schwierig, daß er den dienstfertigen Naturkundigen sammt dem ganzen Pflanzenreiche recht herzlich zum Teufel wünschte. Endlich erlöste ihn der Schall einer Glocke, der den Kaplan zu einer Amtspflicht rief.

Der ehrwürdige Mann machte viele unnöthige Entschuldigungen, daß er seinen neuen Freund verließe, und endigte mit der angenehmen Zusicherung, daß er in dem Garten bis zum Abendessen wandeln könne, ohne Störung fürchten zu müssen.

»Es ist,« sagte er, »der Ort, wo ich stets meine Predigten studire, da ich hier am ungestörtesten von Fremden bin. Ich bin im Begriff, jetzt eine in der Kapelle zu halten, wenn es Euch belieben sollte, mich als Zuhörer zu beehren. – Man glaubte immer, ich besäße einiges Talent; aber der Ruhm sei ihm, dem er gebührt.«

Quentin entschuldigte sich für diesen Abend, indem er ein heftiges Kopfweh vorschützte, welches die freie Luft am besten heilen dürfte; und endlich ließ ihn der wohlmeinende Priester allein.

Man kann sich denken, daß bei der neugierigen Betrachtung, welcher er nun mit mehr Muße jedes Fenster und jede Oeffnung nach dem Garten zu unterwarf, auch diejenigen nicht übersehen wurden, welche sich in der unmittelbaren Nachbarschaft der kleinen Thür befanden, bei welcher er Hayraddin und Marthon gesehen hatte, als jener vorgab, nach dem Zimmer der Gräfinnen zu gehen. Aber nichts rührte oder zeigte sich, was die Rede des Zigeuners widerlegen oder bestätigen konnte, und schon fing es an, dunkel zu werden; Quentin fing an, zu fürchten, er wußte kaum warum, daß sein so langes Verweilen im Garten Gegenstand des Mißfallens oder Argwohns werden könnte.

Eben hatte er sich entschlossen, hinwegzugehen, und ging eben zum letzten Male, wie er sich zugesagt hatte, unter den Fenstern vorüber, die solche Anziehungskraft für ihn hatten, als er von oben ein leises und vorsichtiges Husten hörte, als wolle es seine Aufmerksamkeit erregen und zugleich der Beobachtung anderer entgehen. Als er in freudiger Ueberraschung aufblickte, öffnete sich ein Fenster – eine weibliche Hand ließ sich sehen, die ein Billet fallen ließ, welches auf einen Rosenbusch, der unten an der Mauer stand, herabsank. Die Vorsicht, mit welcher man dieß Briefchen hatte fallen lassen, machte eine gleiche Klugheit und Verschwiegenheit dem Leser zur Pflicht. Der Garten, der, wie wir sagten, von zwei Seiten durch die Gebäude des Schlosses umgeben ward, war natürlich auch von den Fenstern vieler Zimmer beherrscht; doch befand sich hier eine Art von Felsengrotte, die der Kaplan mit großer Selbstgefälligkeit Durward gezeigt hatte. Das Billet ergreifen, in den Busen verbergen und nach jenem Versteck eilen, war das Werk einer Minute. Hier öffnete er das kostbare Briefchen und segnete zugleich das Andenken der Mönche zu Aberbrothock, deren Unterweisung ihn fähig gemacht hatte, den Inhalt zu entziffern.

Die erste Zeile enthielt die Weisung: »lies dieß insgeheim,« – und der fernere Inhalt lautete so: »Was Eure Augen zu kühn gestanden, haben die meinen vielleicht allzurasch begriffen. Aber ungerechte Verfolgung macht ihr Opfer kühn, und es war vielleicht besser, mich der Dankbarkeit eines Einzigen zu vertrauen, als ein Gegenstand der Verfolgung Vieler zu bleiben. Fortuna hat ihren Thron auf einem Felsen; aber tapfere Männer scheuen sich nicht, ihn zu erklimmen. Wenn Ihr etwas zu thun wagt für Eine, die sich großer Gefahr aussetzt, so findet Euch nur bei Tagesanbruch in diesem Garten ein, und tragt auf Eurer Mütze eine blau und weiße Feder; aber erwartet keine weitere Mittheilung. Eure Sterne haben, wie man sagt, Euch zur Größe bestimmt und mit dankbarem Gemüth ausgestattet. – Lebt wohl – seid treu, pünktlich und entschlossen, und zweifelt an Eurem Glücke nicht.« In diesen Brief war ein Diamantring eingeschlossen, auf welchen rautenförmig das alte Wappen des Hauses von Croye eingeschnitten war.

Quentins erste Empfindung bei dieser Gelegenheit war ungemischtes Entzücken – ein Stolz und eine Freude, die ihn zu den Sternen zu heben schienen – eine Entschlossenheit, Alles zu thun, oder zu sterben, unter deren Einflusse er all' die tausend Hindernisse, die sich zwischen ihn und das Ziel seiner Wünsche stellten, nur verachtete.

In diesem Zustande des Entzückens, und unfähig, eine Unterbrechung zu dulden, die seine Seele auch nur für einen Moment von solchen seligen Betrachtungen abziehen konnte, benutzte Quentin, nachdem er in's Schloß zurückgekehrt war, das früher schon vorgeschützte Kopfweh wieder als Entschuldigung für sein Nichterscheinen bei dem gemeinsamen Abendessen, zündete sein Licht an und zog sich auf das ihm angewiesene Zimmer zurück, um zu lesen, und immer wieder zu lesen, und den Ring, der nicht minder köstlich als das Briefchen war, tausendmal zu küssen.

Aber solche hochgespannte Gefühle konnten nicht lange in derselben schwärmerischen Weise anhalten. Ein Gedanke lastete auf ihm, obwohl er ihn als undankbar, ja, als eine Lästerung zu verbannen strebte: daß nämlich ein so freies Bekenntniß von Seiten jener, die es machte, weniger Zartgefühl verrathe, als sich mit dem hochromantischen Gefühle, womit er bisher die Gräfin Isabelle verehrt hatte, verträglich schien. Kaum wollte sich dieser unedle Gedanke eindrängen, als er ihn zu ersticken eilte, wie er eine zischende, verhaßte Natter erdrückt haben würde, die sich in sein Lager geschlichen hätte. War es an ihm – an ihm, dem Begünstigsten – um dessen willen sie von ihrer hohen Sphäre niedergestiegen war, ihre herablassende Handlung zu tadeln, ohne welche er nicht hätte wagen dürfen, die Augen zu ihr zu erheben? Ueberhob sie nicht ihr hoher Rang, so wie ihre Lage im gegenwärtigen Falle der üblichen Regeln, welche der Dame Schweigen auflegen, bis zuerst der Liebende gesprochen hat? diesen Beweisgründen, die er kühn zu Vernunftschlüssen machte, fügte auch wohl seine Eitelkeit noch einen andern bei, den er selbst im Innern nicht mit derselben Dreistigkeit anzuerkennen wagte: – daß das Verdienst des Geliebten der Dame gestatten möge, etwas von den üblichen Regeln abzuweichen; und bei alledem gab es auch für diesen Fall, wie bei Malvolio, ein Beispiel in der Chronik. Der Knappe von niederem Rang, von dem er nur erst gelesen hatte, war, gleich ihm selber, ein Edelmann ohne Land und Güter, und doch erwies ihm die edle Prinzessin von Ungarn ohne Bedenken mehr wesentliche Zeichen ihrer Gunst, als das Briefchen war, welches er eben empfangen: –

»Willkommen, süßer Knappe mein,

Mein Herzallerliebster sollst du sein,«

Sprach sie: »dir geb' ich der Küsse drei

Und noch fünfhundert Pfund dabei.«

Und dann ließ die nämliche wahrhafte Geschichte den König von Ungarn selber bekennen:

»Ich kannte so manchen Pagen schon,

Der durch Heirath hatt' erlangt einen Thron.«

So daß, nach Allem diesem, sich Quentin voll Edelmuth und Großmuth mit einem Benehmen der Gräfin versöhnte, welches ihm jedenfalls hohe Vortheile gewähren mußte.

Aber diesem Bedenken folgte ein anderer Zweifel, der schwerer zu verdauen war. Der Verräther Hayraddin war in der Wohnung der Damen gewesen, und zwar, so viel Quentin wußte, vier volle Stunden lang; erwog er nun die Winke, die jener darüber gegeben hatte, daß er einen bedeutenden Einfluß auf Quentins Schicksal besitze, wer bürgt diesem dann, daß nicht Alles ein Werk des Zigeuners war? und wofern dieß richtig, war dann nicht wahrscheinlich, daß dieser Schurke dadurch einen neuen verrätherischen Plan verbergen wollte – vielleicht um Isabellen dem Schutze des würdigen Bischofs zu entführen? Dies war eine Sache, die überlegt sein wollte, denn Quentin fühlte gegen diesen Menschen einen Widerwillen, welcher eben so groß war, als die Unverschämtheit, womit jener seine Schändlichkeit eingestanden hatte, und überhaupt war nicht zu hoffen, daß irgend etwas, worein er sich mischte, einen ehrenvollen oder glücklichen Ausgang nehmen könnte.

Die verschiedenen Gedanken zogen über Quentins Seele wie trübe Wolken, um die schöne Landschaft, die seine Phantasie erst gezeichnet hatte, zu verdunkeln, und schlaflos brachte er die Nacht auf seinem Lager zu. Zur Stunde der Frühmetten, ja, noch eine Stunde zuvor, war er im Schloßgarten, wo sich seinem Eintritte oder seinem Verweilen jetzt Niemand widersetzte; er trug Federn von der bezeichneten Farbe, so gut er sie sich in solcher Eile hatte verschaffen können. Fast zwei Stunden lang ward von seinem Erscheinen keine Notiz genommen; endlich hörte er einige Lautenaccorde, und alsbald öffnete sich das Fenster gerade über der kleinen Hinterthür, zu welcher Marthon Hayraddin eingelassen hatte, und an der Oeffnung erschien Isabelle in jungfräulicher Schönheit, grüßte ihn halb freundlich, halb schüchtern, tief erröthend, als er sich, ihre Artigkeit erwidernd, ehrerbietig und bedeutungsvoll verbeugte; – da schloß sie das Fenster und verschwand.

Nicht Tageslicht noch Champagner konnten mehr entdecken! die Aechtheit des Briefchens war verbürgt – nur was folgen sollte blieb noch zu erklären, und davon hatte die schöne Schreiberin keinen Wink gegeben. Doch drohte keine unmittelbare Gefahr. – Die Gräfin war in einem festen Schlosse unter dem Schutz eines Fürsten, der sowohl geachtet durch sein weltliches, als verehrt durch sein geistliches Ansehn war. Da gab es für den freudigen Knappen weder Raum noch Gelegenheit, um für den Augenblick ein Abenteuer zu bestehen, und es war hinreichend für ihn, sich stets bereit zur Ausführung ihrer Befehle zu halten, so bald sie ihm mitgetheilt werden sollten. Aber das Schicksal wollte ihn eher zum Handeln auffordern, als er sich's vermuthete.

Es war die vierte Nacht nach seiner Ankunft auf Schönwald, als Quentin Maßregeln getroffen hatte, am folgenden Morgen den zweiten Reitknecht, der ihn auf der Reise begleitet hatte, nach Ludwigs Hofe mit Briefen an seinen Oheim und Lord Crawford zurückzusenden, worin er dem Dienste Frankreichs entsagte, was er durch Gründe der Ehre und Klugheit entschuldigte, als eine Folge der Verrätherei, welcher er durch Hayraddin's geheime Instructionen ausgesetzt worden war. Darauf legte er sich zu Bette, mit all' den rosenfarbenen Gedanken umringt, die das Lager eines Jünglings umflattern, wenn er innig liebt und seine Liebe eben so aufrichtig erwidert glaubt.

Aber Quentins Träume, die erst die Natur jener seligen Gedanken, unter denen er entschlummert war, gehabt hatten, nahmen allmählich einen furchtbaren Charakter an.

Er wandelte mit der Gräfin Isabelle zur Seite eines spiegelglatten Landsee's, ähnlich dem, welcher sein heimathliches Thal hauptsächlich charakterisirte. Er sprach mit ihr von seiner Liebe, ohne an eines der Hindernisse zu denken, welche zwischen ihnen lagen. Sie erröthete und lächelte, während sie zuhörte, – gerade wie es nach dem Inhalt des Briefchens zu erwarten war, welches, in Schlaf und Wachen, an seinem Herzen ruhte. Aber die Scene verwandelte sich plötzlich aus Sommer in Winter – aus Ruhe in Sturm; der Wind und die Wellen erhoben sich so tobend und brausend, als ob die Geister des Wassers und der Luft um ihre Herrschaft einen heftigen Wettstreit begonnen hätten. Die wogenden Fluthen schienen weder vordringen noch zurückgehen zu können – der anwachsende Sturm, welcher sie gegen einander warf, schien gleichwohl ihr Verweilen an dem Ort unmöglich zu machen, und die stürmischen Empfindungen, welche durch die scheinbare Gefahr erregt wurden, erweckten den Träumer.

Er erwachte; aber obwohl seine Traumgebilde verschwunden waren und der Wirklichkeit Raum gegeben hatten, so fuhr doch der Lärm, der sie wahrscheinlich erzeugt hatte, fort, in Quentins Ohr zu dringen.

Sein erster Antrieb war, sich im Bette aufzurichten und mit Erstaunen auf Töne zu lauschen, die, wenn sie einen Sturm verkündigt hätten, den wildesten beschämt haben würden, der je von den Grampians niederbrach; in der nächsten Minute überzeugte er sich, daß der Tumult nicht durch die Wuth der Elemente, sondern durch den Zorn der Menschen erregt wurde.

Er sprang vom Lager und schaute durch das Fenster seines Gemachs; aber es ging nach dem Garten, und von dieser Seite war Alles ruhig, obwohl das Oeffnen des Fensters, durch das Getöse, welches an sein Ohr schlug, ihn noch mehr überzeugte, daß die Außenseite des Schlosses belagert und angegriffen war, und zwar von einem zahlreichen und entschlossenen Feinde. Hastig seine Kleider und Waffen ergreifend und sie mit solcher Eile anlegend, als Dunkelheit und Ueberraschung gestattete, ward seine Aufmerksamkeit durch ein Klopfen an die Thür seines Gemachs rege gemacht. Da Quentin nicht sogleich antwortete, war die Thür, die nicht besonders fest war, von außen mit Gewalt erbrochen, und der Eindringende, den sein eigenthümlicher Dialekt als den Zigeuner Hayraddin Maugrabin bezeichnete, erschien im Gemach. Eine Phiole, die er in der Hand hielt und mit einer Lunte berührte, entzündete eine dunkelrothe Flamme, mittelst deren er eine Leuchte ansteckte, die er aus dem Busen zog.

»Das Horoskop Eures Schicksals,« sagte er ohne weitern Gruß nachdrücklich zu Durward, »beruht jetzt auf der Entschlossenheit einer Minute.«

»Schuft!« gab Quentin zur Antwort, »wir sind von Verrätherei umringt, und wo Verrath ist, da mußt du dein Theil daran haben.«

»Ihr seid rasend,« antwortete Maugrabin – »ich verrieth nie einen, außer um Gewinn davon zu haben – und warum sollte ich Euch verrathen, durch dessen Sicherheit ich mehr Vortheil erlangen kann, denn durch seine Zerstörung? Gebt einen Augenblick, wenn es Euch möglich ist, der Vernunft Gehör, bevor Tod und Verderben es Euch in's Ohr ruft. Die Lütticher sind im Aufstand – Wilhelm von der Mark mit seiner Bande führt sie – wären Mittel zum Widerstand da, ihre Anzahl und seine Wuth würden sie überwältigen; aber zunächst gibt es gar keine Mittel. Wenn Ihr die Gräfin und Eure Hoffnungen retten wollt, so folgt mir im Namen deren, die Euch einen Diamant mit drei eingravirten Leoparden sandte.«

»Zeige mir den Weg,« sagte Quentin hastig – »in diesem Namen wage ich jede Gefahr.«

»Ich will es so einrichten,« sagte der Zigeuner, »daß gar keine Gefahr vorhanden ist, wenn Ihr nur Eure Hand von einem Streite fern halten könnt, der Euch nichts angeht; denn was liegt Euch überhaupt daran, ob der Bischof, wie sie ihn nennen, seine Heerde schlachtet, oder ob die Heerde ihren Hirten schlachtet? Hahaha! – Folgt mir, aber mit Vorsicht und Geduld; zähmt Euren Muth und vertraut meiner Klugheit – dann wird meine Schuld der Dankbarkeit gezahlt sein und Ihr habt eine Gräfin zur Gemahlin. – Folgt mir.«

»Ich folge,« sagte Quentin, sein Schwert ziehend; »aber im Augenblick, wo ich das geringste Zeichen von Verrätherei entdecke, sind dein Kopf und Leib drei Schritt auseinander!«

Ohne weitere Worte eilte der Zigeuner, als er sah, daß Durward nun völlig gerüstet und bereit war, die Stufen vor ihm hinab, und wand sich hastig durch die vielen Seitengänge, bis sie den kleinen Garten erreichten. Kaum ein Licht war auf dieser Seite sichtbar, kaum ein Geräusch ward vernommen; aber kaum hatte Quentin den freien Raum betreten, als der Lärm von der entgegengesetzten Seite des Schlosses zehnmal betäubender zu hören war, und er vernahm die verschiedenen Losungsworte: »Lüttich! Lüttich! der Eber! der Eber!« denn so war das Geschrei der Angreifenden, während der schwächere Ruf: »Unsre Frau für den Fürstbischof!« von Seiten derjenigen bischöflichen Krieger erscholl, welche, obwohl überrascht und im Nachtheil, zur Vertheidigung der Mauern herbeigeeilt waren.

Aber der ganze Kampf war Quentin Durward, trotz seines kriegerischen Charakters, gleichgiltig im Vergleich mit dem Geschick Isabellens, welches, wie er Grund zu fürchten hatte, ein schreckliches sein mußte, wenn sie nicht aus der Gewalt des rohen und grausamen Freibeuters erlöst ward, der nun, wie es schien, die Thore des Schlosses zu sprengen im Begriff war. Er versöhnte sich mit dem Beistand des Zigeuners, wie Leute in verzweifelter Krankheit die Arzneien nicht verschmähen, die ihnen Quacksalber und Marktschreier reichen, und folgte ihm durch den Garten, in der Absicht, sich von ihm führen zu lassen, bis er Anzeichen von Verrätherei entdecken würde, und dann sein Herz zu durchstoßen oder sein Haupt vom Rumpfe zu schlagen. Hayraddin schien selber zu wissen, daß seine Sicherheit an einem Haar hänge, denn er unterließ, in dem Augenblick, wo man in's Freie trat, all' seine gewohnten Scherze und Aufschneidereien, und schien ein Gelübde gethan zu haben, sich der Bescheidenheit, des Muths und der Schnelligkeit auf einmal zu befleißigen.

Aus der entgegengesetzten Thür, die zu den Gemächern der Damen führte, erschienen auf ein vorsichtiges Zeichen Hayraddins zwei Frauen, gehüllt in die dunkeln Seidenschleier, welche damals wie jetzt, von den Niederländerinnen getragen wurden. Quentin bot der einen von ihnen seinen Arm, den sie mit zitternder Hast umklammerte, und sie hing in der That so sehr an ihm, daß sie ihrer Flucht hinderlich gewesen sein würde, wäre ihre Last größer gewesen. Der Zigeuner, welcher die andere weibliche Gestalt führte, trat den Weg nach der Hinterthür sogleich an, welche durch die Gartenmauer nach dem Graben führte, wo der kleine Nachen lag, mittelst dessen, wie Quentin beobachtet hatte, Hayraddin sich schon früher aus dem Schlosse entfernt hatte.

Als sie überfuhren, verkündigte das Jubelgeschrei der Stürmenden, daß man bereits im Begriff sein müsse, das Schloß einzunehmen; und dieser Schall war für Quentins Ohr so widrig, daß er nicht umhin konnte, laut zu schwören: »Wäre mein Blut nicht unwiderruflich der Erfüllung meiner gegenwärtigen Pflicht geweiht, ich würde zur Mauer zurückgehen, treulich des gastfreundlichen Bischofs Partei nehmen und einige dieser Schufte zum Schweigen bringen, deren Kehlen voll Aufruhr und Meuterei sind.«

Die Dame, deren Arm noch in dem seinigen festruhte, drückte diesen sanft, als er so sprach, als wolle sie ihm zu verstehen geben, daß ein näherer Anspruch auf seine Ritterlichkeit vorhanden sei, als die Vertheidigung des Schlosses Schönwald; der Zigeuner aber rief, laut genug, um gehört zu werden: »Nun, das nenn' ich doch gehörige christliche Narrheit, zum Gefecht umkehren zu wollen, während Liebe und Glück beide die Flucht verlangen. – Auf, auf – mit all' der Eile, die Euch möglich ist – Pferde erwarten uns an jenem Weidendickicht.«

»Dort sind nur zwei Pferde,« sagte Quentin, der sie im Mondlicht erblickte.

»Alles, was ich auftreiben konnte, ohne Verdacht zu erregen, – und überhaupt genug,« erwiderte der Zigeuner. »Ihr müßt nach Tongres reiten, ehe der Weg unsicher wird – Marthon wird bei den Weibern unsrer Horde bleiben, mit denen sie von sonsther bekannt ist. Wißt, sie ist eine Tochter unsers Stammes, und wohnte blos unter euch, um uns gelegentlich Dienste zu leisten.«

»Marthon?« rief die Gräfin, mit einem Schrei des Erstaunens auf das verschleierte Weib blickend; »ist dies nicht meine Verwandte?«

»Blos Marthon,« sagte Hayraddin. – »Verzeiht mir diesen kleinen Betrug. Ich wagte nicht, beide Damen von Croye dem wilden Eber der Ardennen zu entführen.«

»Elender!« rief Quentin zornig – »aber noch ist es nicht – es darf nicht zu spät sein – ich will zurück und die Dame Hameline befreien.«

»Hameline,« flüsterte die Dame, in verwirrtem Tone, »hängt an deinem Arm, um dir für ihre Befreiung zu danken.«

»Ha! wie! – Wie ist das?« sagte Quentin, sich von ihr losreißend, und zwar mit weniger Artigkeit, als zu andrer Zeit der Fall gewesen sein würde, gegen eine Frau jenes Standes – »Ist Dame Isabelle zurückgeblieben?«

Als er sich umwandte, um zum Schloß zurück zu eilen, hielt ihn Hayraddin zurück – »Nein, hört doch, hört – Ihr rennt in Euren Tod! Welcher Satan hieß Euch die Farben der Alten tragen? – nie wieder will ich blau und weißer Seide trauen. Aber sie hat fast eine eben so reiche Mitgift – hat Juwelen und Gold – hat sogar Ansprüche auf die Grafschaft.«

Während der Zigeuner in abgebrochenen Redensarten so sprach, und sich eifrigst bemühte, Quentin zurückzuhalten, legte dieser endlich seine Hand an den Dolch, um sich zu befreien.

»Nein, wenn die Sache so steht,« sagte Hayraddin, ihn loslassend, »so geht, und der Teufel, wenn's einen gibt, geh mit Euch!« und kaum sah sich der Schotte frei, als er mit Windesschnelle zum Schloß eilte.

Hayraddin wendete sich darauf zur Gräfin Hameline, welche vor Scham, Furcht und Täuschung zu Boden gesunken war.

»Hier war ein Irrthum,« sagte er; »auf, Dame, und kommt mit mir – ich besorge Euch, eh' der Morgen kommt, einen galantern Mann, als diesen rothbäckigen Jungen; und ist Euch einer nicht genug, so sollt Ihr zwanzig haben.«

Dame Hameline war so heftig in ihren Leidenschaften, als sie eitel und schwach am Verstande war. Wie viele andre Personen erfüllte sie erträglich gut die gewöhnlichen Pflichten des Lebens; aber in einem Falle, wie dem gegenwärtigen, war sie ganz unfähig, irgend etwas andres zu thun, als unnütze Klagen hören zu lassen, und dabei schalt sie Hayraddin »einen Dieb, einen elenden Sklaven, einen Betrüger und Mörder.«

»Nennt mich Zigeuner,« erwiderte er gelassen, »und Ihr sagt das Alles auf einmal.«

»Ungeheuer! Ihr sagtet, die Sterne hätten unsern Bund beschlossen, und veranlaßtet mich zu schreiben – o, wie elend bin ich!« rief die unglückliche Dame.

»Und sie hatten Euren Bund beschlossen,« sagte Hayraddin, »wären beide Theile einig gewesen – aber meint Ihr, die gepriesenen Gestirne zwingen einen wider Willen zu heirathen? – Ich ward irre geführt durch Eure verwünschten christlichen Galanterien, durch Eure Albernheiten mit Bändern und Artigkeiten – nun zieht der junge Mann das Kalb dem Rinde vor, dünkt mich – das ist die ganze Sache. – Auf und folgt mir; und das merkt Euch, ich dulde weder Weinen noch Ohnmacht.«

»Ich rühre keinen Fuß,« sagte die Gräfin hartnäckig.

»Bei dem hellen Firmament, Ihr sollt doch!« rief Hayraddin. »Ich schwör' Euch, bei Allem, was jemals Narren glaubten, daß Ihr es mit Einem zu thun habt, dem es ein Kleines ist, Euch nackend auszuziehn, an einen Baum zu binden und Eurem Schicksal zu überlassen.«

»Nein,« fiel Marthon ein, »mit Eurer Gunst, sie soll nicht gemißhandelt werden. Ich trage ein Messer so gut als Ihr, und weiß es zu brauchen. Sie ist ein gutes Weib, wiewohl eine Närrin. – Und Ihr, Madame, steht auf und folgt uns. – Hier ist ein Irrthum vorgegangen; aber es ist schon etwas, Leib und Leben gerettet zu haben. Es sind Viele in jenem Schloß, die den Reichthum der ganzen Welt darum gäben, zu stehen, wo wir jetzt stehn.«

Während Marthon sprach, schallte von Schloß Schönwald herüber ein Getöse, in welchem sich der Siegesjubel mit dem Geschrei des Schreckens und der Verzweiflung mischte.

»Hört Ihr, Dame!« sagte Hayraddin, »seid dankbar, daß Ihr Eure Stimme nicht mit in jenem Concert hören lassen müßt. Glaubt mir, ich will ehrlich für Euch sorgen, und die Sterne werden ihr Wort halten und Euch einen guten Gemahl finden lassen.«

Gleich einem wilden Thier, erschöpft und gezähmt durch Schrecken und Ermüdung, überließ sich die Gräfin Hameline der Leitung ihrer Führer, und ließ sich widerstandslos führen, wohin jene wollten. Ja, so sehr war ihr Gemüth in Verwirrung und ihre Kraft erschöpft, daß das würdige Paar, welches sie halb trug, halb führte, seine Unterhaltung in ihrer Gegenwart fortsetzte, ohne daß sie etwas davon verstand.

»Ich dachte immer, daß Euer Plan thöricht sei,« sagte Marthon. »Hättet Ihr die jungen Leute zusammenbringen können, so hätten wir sicherlich eine Stütze an ihrer Dankbarkeit gefunden und ein Plätzchen in ihrem Schlosse. Aber wird ein so hübscher junger Mann solch eine alte Närrin heirathen?«

»Rizpah,« sagte Hayraddin, »du hast den Namen einer Christin geführt und in den Zelten dieses bethörten Volks gewohnt, bis du eine Theilnehmerin ihrer Thorheiten geworden bist. Wie konnte ich träumen, daß ihm ein paar Jahre jünger oder älter Bedenklichkeiten machen würde, da die Vortheile der Heirath so augenscheinlich waren? Und du weißt, daß sich schwerlich jenes junge Weib hätte bewegen lassen, so frei zu handeln, wie diese lüsterne Gräfin hier, die uns centnerschwer auf den Armen hängt wie ein Wollsack. Ich liebte den Burschen auch, und hätt' ihm gern einen Gefallen gethan: und ihn mit diesem alten Weibe verheirathen, hieß sein Glück machen – ihn mit Isabellen verbinden, hätt' ihm aber den von der Mark, Burgund, Frankreich und Alle auf den Hals gebracht, die Anspruch machen, über ihre Hand zu verfügen. Und dieses einfältigen Weibes Reichthum besteht in Gold und Juwelen, wovon wir unser Theil bekommen hätten. Aber die Bogensehne ist gerissen, und der Pfeil ging fehl. Fort mit ihr – wir wollen sie zu Wilhelm mit dem Bart bringen. Unterdessen wird er sich, wie gewöhnlich, betrunken haben, er wird eine alte Gräfin von einer jungen nicht zu unterscheiden wissen. Fort, Rizpah – sei gutes Muths! der klare Aldebaran hat immer noch Einfluß auf das Geschick der Kinder der Wüste!«

Einundzwanzigstes Kapitel.
Verwüstung und Plünderung.

Die Gnadenpforten sind verschlossen alle,

Der wilde Krieger, rauh und harten Sinn's,

Wird frei die blut'ge Hand nun walten lassen,

Denn höllenweit ist sein Gewissen.

Heinrich V.

Die überrumpelte und erschreckte Besatzung des Schlosses Schönwald hatte trotzdem eine Zeit lang ihr Bestes gethan, um den Platz gegen die Angreifer zu vertheidigen; aber die ungeheuren Schaaren, die, von der Stadt Lüttich hervordringend, zum Angriffe gleich Bienenschwärmen strömten, theilten ihre Aufmerksamkeit und erschütterten ihren Muth.

Desgleichen entstand endlich Ueberdruß, wo nicht Verrath, unter den Vertheidigern; denn manche riefen, man solle sich ergeben, und andere verließen ihren Posten und versuchten vom Schlosse zu entfliehen. Viele stürzten sich selbst von den Mauern in den Graben, und die nicht ertranken, warfen ihre Abzeichen von sich und retteten sich dadurch, daß sie sich unter den bunten Haufen der Angreifenden mengten. Einige wenige sammelten sich, aus Anhänglichkeit an des Bischofs Person, um denselben, und fuhren fort, die große Warte zu vertheidigen, wohin er sich geflüchtet hatte; und andere, die keinen Pardon erwarteten oder von einem verzweifelten Muthe angetrieben, vertheidigten sich auf andern abgesonderten Bollwerken oder Thürmen des ausgedehnten Gebäudes. Aber die Angreifenden hatten von den Höfen und untern Theilen des Schlosses Besitz genommen, verfolgten eifrig die Besiegten und suchten nach Beute, während ein Einzelner, als ob er den Tod suchte, vor dem alle andern flohen, sich bemühte, einen Weg durch die Scene des Tumults und des Schreckens zu erzwingen, unter Besorgnissen, die seiner Einbildungskraft weit schrecklicher waren, denn die Wirklichkeit, die sich ringsum seinem Blicke bot. Wer Quentin Durward in jener unheilvollen Nacht gesehen hätte, ohne zu wissen, was er beabsichtigte, hätte ihn für einen Rasenden gehalten; wer seine Beweggründe gewürdigt hätte, der würde ihn den romantischen Heroen beigezählt haben.

Da er sich Schönwald von derselben Seite näherte, von der er es verlassen hatte, so traf der Jüngling verschiedene Flüchtlinge, die nach dem Walde strebten und ihm natürlich als einem Feinde auswichen, weil er in einer ihrem Wege entgegengesetzten Richtung kam. Als er näher kam, hörte er und sah zum Theil auch Männer, die von der Gartenmauer in den Schloßgraben sprangen, und andre, die durch die Angreifenden von den Festungswerken gestürzt zu sein schienen. Sein Muth wankte auch keinen Augenblick. Es war keine Zeit, sich erst nach dem Boote umzusehn, wenn es auch anwendbar gewesen wäre, und vergebens war es, sich der Hinterthür des Gartens zu nähern, die von Flüchtigen verstopft war, die dann und wann, je nachdem sie von den Nachkommenden gedrängt wurden, in den Graben fielen, den sie aus Mangel an Mitteln nicht passiren konnten.

Diese Stelle vermied Quentin, und stürzte sich in den Graben in der Nähe des sogenannten kleinen Schloßthors, wo sich eine, jetzt aber aufgezogne, Zugbrücke befand. Mit Schwierigkeiten vermied er den unheimlichen Griff so manches untersinkenden armen Teufels, und, nach der Zugbrücke schwimmend, erfaßte er eine der Ketten, die herabhingen, und schwang sich mit eben so viel Geschick als Kraftaufwand aus dem Wasser empor, indem er die Plattform erfaßte, an welcher die Brücke befestigt war. Als er mit Händen und Knieen kämpfte, um festen Fuß zu gewinnen, trat ein Lanzknecht, mit dem blutigen Schwert in der Hand, herzu, und erhob seine Waffe zu einem Streiche, welcher tödtlich hätte werden müssen.

»Wie, Kerl!« sagte Quentin in gebieterischem Tone – »ist das die Weise, nach welcher du einem Kameraden beistehst? – Reich' mir deine Hand.«

Schweigend und zögernd reichte ihm der Krieger seinen Arm und half ihm hinauf, wo der Schotte, ohne jenem Zeit zum Nachdenken zu lassen, in demselben befehlenden Tone fortfuhr: »Zu dem westlichen Thurme, wenn du reich werden willst – des Priesters Schatz ist im westlichen Thurme.«

Diese Worte fanden überall Wiederhall: »Zum westlichen Thurme – der Schatz ist im westlichen Thurme!« und alle Plünderer, zu denen der Ruf drang, schlugen, gleich einer Heerde rasender Wölfe, diese Richtung ein, welche jener entgegengesetzt war, die Quentin auf Tod und Leben zu verfolgen entschlossen war.

Indem er sie betrog, als gehöre er zu den Siegern, nicht zu den Besiegten, gelangte er in den kleinen Garten und eilte hindurch, mit weit weniger Hindernissen, als er erwartet hatte; denn der Ruf: »Zum westlichen Thurme«, hatte einen Theil der Angreifer hinweggezogen, und ein andrer ward mittelst Wehrgeschrei und Trompetenschall zusammengerufen, um einen verzweifelten Ausfall zurücktreiben zu helfen, den die Vertheidiger der Warte versuchten, welche gehofft hatten, einen Weg aus dem Schlosse zu gewinnen und den Bischof mit sich hinwegzuführen. Quentin durchschritt daher den Garten mit hastigem Schritt und bebendem Herzen, indem er sich den himmlischen Mächten empfahl, die ihn in zahllosen Lebensgefahren beschirmt hatten, und so ermuthigte ihn sein kühner Entschluß, dies verzweifelte Unternehmen wohl zu vollbringen, oder zu sterben. Eh' er den Garten noch erreicht hatte, stürzten ihm drei Männer mit eingelegten Lanzen entgegen und mit dem Rufe: »Lüttich, Lüttich!«

Er setzte sich in Vertheidigungsstand, jedoch ohne einen Streich zu führen, und erwiderte: »Frankreich, Frankreich, Lüttichs Freund!«

»Vivat Frankreich!« riefen die Lütticher Bürger und zogen vorbei. Dasselbe Wort erwies sich als ein Talisman, um die Waffen von vier oder fünf Söldnern Wilhelms von der Mark abzuwenden, die er umherstreifend im Garten fand, und die mit dem Ruf: »Eber!« auf ihn eindrangen.

Kurz, Quentin begann zu hoffen, daß sein Charakter als Abgeordneter Ludwigs, des geheimen Anreizers der Lütticher Insurgenten und des geheimen Unterstützers Wilhelms von der Mark, ihn vielleicht sicher durch die Schrecken dieser Nacht bringen würde.

Als er das Thürmchen erreichte, schauderte er, da er die kleine Seitenthür, durch welche Marthon und die Gräfin Hameline noch kürzlich zu ihm gekommen waren, jetzt von mehr als einem todten Körper belagert fand.

Zwei von ihnen schleppte er eilig bei Seite und wollte eben über den dritten schreiten, um durch die Thür zu treten, als der vermeintliche Todte seinen Mantel faßte und ihn bat, zu bleiben und ihm aufstehn zu helfen. Quentin wollte eben rauhere Mittel anwenden, um sich von diesem unzeitigen Aufenthalt zu befreien, als der gefallne Mann fortfuhr zu rufen: »Ich bin hier erstickt in meiner eignen Rüstung! – Ich bin der Syndicus Pavillon von Lüttich! Wenn Ihr für uns seid, will ich Euch reich machen – wenn Ihr von der Gegenpartei seid, will ich Euch schützen; aber laßt nur – laßt mich nur nicht den Tod eines erstickten Schweins sterben!«

Mitten in dieser Scene von Blut und Verwirrung, sagte Quentin seine Geistesgegenwart, daß dieser Würdenträger Mittel haben dürfte, ihre Flucht zu decken. Er richtete ihn auf und fragte ihn, ob er verwundet sei.

»Nicht verwundet – wenigstens glaub' ich's nicht« – antwortete der Bürger; »aber ganz ohne Athem.«

»Setzt Euch denn auf diesen Stein, und kommt wieder zu Athem,« sagte Quentin, »ich werde sogleich zurückkehren.«

»Für wen seid Ihr denn?« sagte der Bürger, ihn noch immer zurückhaltend.

»Für Frankreich – für Frankreich!« antwortete Quentin, der sich hinwegzukommen mühte.

»Wie, mein muntrer junger Bogenschütz?« sagte der würdige Syndicus. »Nein, wenn es mein Schicksal sein soll, einen Freund in dieser schrecklichen Nacht zu finden, so will ich ihn nicht verlassen, das versprech' ich Euch. Geht wohin Ihr wollt, ich folge; und, könnte ich einige von den handfesten Burschen meiner Zunft zusammenbringen, so würd' ich im Stande sein, Euch wieder zu helfen: aber sie sind alle zerstreut wie eben so viele Erbsen. – O, es ist eine furchtbare Nacht!«

Währenddem schleppte er sich hinter Quentin her, welcher, einsehend, wie wichtig es sei, sich der Huld einer so einflußreichen Person zu versichern, seinen Schritt zügelte, um jenem beizustehn, obwohl er im Herzen die hemmende Last verwünschte.

Oben am Ende der Treppe war ein Vorzimmer, wo Kisten und Truhen standen, welche die Merkmale der Plünderung trugen, da einiges vom Inhalte am Boden lag. Eine Lampe am Kamin, die zu erlöschen drohte, goß einen matten Schein über einen todten oder ohnmächtigen Mann, welcher vor dem Herde lag.

Sich von Pavillon losreißend, wie ein Windhund von der Leine seines Jägers, und mit einer solchen Anstrengung, daß er jenen fast zu Boden warf, eilte Quentin durch ein zweites und drittes Gemach, wovon das letztere das Schlafzimmer der Damen von Croye schien. Kein lebendes Wesen war in beiden zu sehn. Er rief den Namen der Gräfin Isabelle, erst leise, dann lauter, und dann mit dem Tone der Verzweiflung; aber keine Antwort erfolgte. Er rang die Hände, raufte sein Haar, und stampfte verzweiflungsvoll den Boden. Endlich zeigte ein matter Lichtschimmer, der durch eine Spalte im Getäfel eines dunkeln Winkels des Schlafgemachs schien, daß hinter der Tapete noch irgend ein Versteck sein müsse. Quentin eilte, dies zu untersuchen. Er fand allerdings eine verborgne Thür, aber sie widerstand seinen hastigen Anstrengungen, sie zu öffnen. Unbesorgt um die ihm vielleicht drohende Gefahr, stürzte er sich mit der ganzen Kraft und Last seines Körpers gegen die Thür, und diese zwischen Hoffnung und Verzweiflung unternommene Kraftanstrengung war von der Art, daß sie weit stärkere Thüren gesprengt haben würde.

So erzwang er sich den Eingang in ein kleines Bettgemach, wo eine weibliche Gestalt, die in Todesangst knieend vor dem heiligen Bilde gebetet hatte, jetzt auf den Boden hingesunken war, überwältigt von dem durch das nahende Getöse aufs Neue erregten Schrecken. Er eilte, sie aufzurichten, und, Freude über Freude! sie war es, die er retten wollte, Gräfin Isabelle. Er drückte sie an sein Herz – er beschwor sie, zu sich zu kommen – er flehte sie, getrosten Muthes zu sein – denn sie stehe jetzt unter dem Schutz eines Mannes, dessen Herz und Hand ausreiche, um sie gegen Armeen zu vertheidigen.

»Durward!« sagte sie, als sie sich endlich sammelte, »bist du es in der That? – dann ist noch Hoffnung übrig. Ich dachte, all' meine Freunde hätten mich meinem Schicksal überlassen – Verlaßt Ihr mich nicht wieder!«

»Nie – nie!« sagte Durward. »Was auch geschieht – welche Gefahr auch naht, ich will die Wohlthaten dieses heiligen Kreuzes verwirkt haben, wenn ich nicht Euer Geschick theile, bis es wieder ein glückliches ist.«

»Sehr pathetisch und rührend, wahrhaftig,« sagte eine rauhe, abgebrochne und kurzathmige Stimme hinter ihnen – »Eine Liebesaffaire, wie ich sehe; und meiner Seel, das zarte Geschöpf dauert mich, als ob es mein eignes Trudchen wär'.«

»Ihr müßt mehr thun, als uns bedauern,« sagte Quentin, sich zu dem Sprechenden wendend: »Ihr müßt uns schützen helfen, Herr Pavillon. Seid versichert, diese Dame war unter meinen besondern Schutz gestellt durch euren Verbündeten, den König von Frankreich; und wofern Ihr sie mir nicht vor jedmöglicher Beleidigung und Gewaltthat schützen helft, so wird eure Stadt der Gunst Ludwigs von Valois verlustig gehen. Vor Allem muß die Dame vor Wilhelm von der Mark beschirmt werden.«

»Das wird schwer halten,« sagte Pavillon, »denn diese Schelme von Lanzknechten sind wahre Teufel, wenn es gilt, Weibsbilder auszuspüren; doch will ich mein Bestes thun – Wir wollen in's andre Zimmer gehn, und dort will ich überlegen – der Treppeneingang ist nur eng und Ihr könnt die Thür mit einer Pike verteidigen, während ich aus dem Fenster sehe und einige meiner flinken Bursche von der Lütticher Gerberzunft zusammen rufe, die sind so treu, wie die Messer, die sie im Gürtel tragen. – Aber erst befreit mich von diesen Schnallen – denn ich habe diesen Harnisch seit der Schlacht von St. Tron nicht getragen, und seitdem bin ich drei Stein schwerer geworden, wenn nämlich holländisch Gewicht nicht trügt.«

Die Oeffnung der Eisenrüstung gab dem ehrlichen Manne große Erleichterung, der, als er sie anlegte, mehr seinen Eifer für die Sache Lüttichs, als seine Fähigkeit, Waffen zu tragen, erwogen hatte. Es erwies sich in der Folge, daß diese Magistratsperson, da sie unwillkürlich vorwärts gedrängt und von ihrer Compagnie beim Angriff über die Mauer gehoben worden war, hierhin und dorthin, je nachdem die Woge des Angriffs und der Vertheidigung ebbte und fluthete, getragen wurde, ohne endlich auch nur ein Wort sagen zu können; so war er endlich, wie die See ein Stück Treibholz in der ersten Bucht an den Strand wirft, am Eingange zu den Gemächern der Damen von Croye niedergeworfen worden, wo die Last seiner eigenen Rüstung, so wie das drückende Gewicht zweier am Eingang erschlagener Männer, die auf ihn gefallen, ihn lange genug niedergehalten haben würde, hätte ihn Durward nicht erlöset.

Dieselbe Wärme des Temperaments, welche Hermann Pavillon zu einem hitzköpfigen und ungemäßigten politischen Eiferer machte, hatte auch die angenehmere Folge, ihn im Privatleben zu einem gutmüthigen, freundlichen Manne werden zu lassen, der, mochte er auch zuweilen ein wenig durch Eitelkeit irre geführt werden, doch stets gutdenkend und wohlwollend war. Er ermahnte Quentin, für die arme artige Jungfrau die größte Sorge zu tragen, und nach dieser unnöthigen Ermahnung begann er aus dem Fenster zu rufen: »Lüttich, Lüttich, hierher, von der wackern Kürschner- und Gerberzunft!«

Einige von seinen Gesellen versammelten sich auf diesen Ruf und auf das besondere Pfeifen, wovon er begleitet ward (jede der Zünfte hatte für sich solch' ein eigenthümliches Zeichen), und bildeten, während noch mehrere hinzukamen, eine Schutzwache unter dem Fenster, aus welchem ihr Führer rief, so wie vor der Hinterthür.

Es schien sich nun eine gewisse Ruhe herzustellen. Aller Widerstand hatte aufgehört, und die Führer der verschiedenen Klassen der Angreifenden trafen Maßregeln, um einer allgemeinen Plünderung vorzubeugen. Die große Glocke ward geläutet, um einen Kriegsrath zusammen zu rufen, und da ihre Eisenzunge die glorreiche Einnahme Schönwalds durch die Insurgenten der Stadt Lüttich mittheilte, so antworteten auf diesen Klang auch alle Glocken der Stadt, deren fernes und verworrenes Getön zu rufen schien: Heil den Siegern! Es würde natürlich gewesen sein, daß Herr Pavillon seine Stelle nun eilig verlassen hätte; aber, sei es aus Sorge für diejenigen, die er unter seinen Schutz genommen hatte, oder vielleicht auch, um seiner eigenen Sicherheit gewisser zu sein, er begnügte sich damit, Boten auf Boten abzusenden, um seinen Lieutenant, Peterkin Geislaer, sogleich zu ihm zu beordern.

Endlich kam, zu seinem großen Troste, Peterkin herbei, welcher diejenige Person war, auf welche, mocht' es Krieg, Politik oder Handel betreffen, Pavillon bei allen wichtigen Angelegenheiten Vertrauen zu setzen gewohnt war. Er war ein stämmiger, derbgebauter Mann, mit breitem Gesicht und dichten schwarzen Augenbrauen, welche anzeigten, daß er rasch zu Rath und That war, – ein wahrhaftes Rathgebergesicht. Er trug ein Büffelwamms, einen breiten Gürtel und ein Schwert zur Seite und eine Hellebarde in der Hand.

»Peterkin, mein lieber Lieutenant,« sagte sein Vorgesetzter, »dies war ein glorreicher Tag – Nacht, sollt' ich sagen – ich hoffe, du bist diesmal zufrieden?«

»Ich bin schon zufrieden, da Ihr es seid,« sagte der wackere Lieutenant; »doch hätt' ich nicht gedacht, daß Ihr den Sieg, wenn Ihr es einen nennt, in dieser Kammer für Euch allein feiern wollt, während Ihr im Rathe vermißt werdet.«

»Aber bin ich dort vermißt?« sagte der Syndicus.

»Ei, freilich seid Ihr's, um für die Rechte Lüttichs aufzustehen, die mehr denn je in Gefahr sind,« antwortete der Lieutenant.

»Pfui, Peterkin,« antwortete sein Vorgesetzter, »du bist immer so ein grilliger Murrkopf« – –

»Murrkopf? Ich nicht,« sagte Peterkin; »was andern Leuten gefällt, wird immer auch mir gefallen. Ich wünsche nur, daß wir keinen König Storch statt eines Königs Klotz erlangt haben, wie in der Fabel, die der Küster von St. Lambert aus Meister Aesops Buche zu lesen pflegte.«

»Ich errathe Eure Meinung nicht, Peterkin,« sagte der Syndicus.

»Nun wohlan, ich sage Euch, Meister Pavillon, daß dieser Eber, oder Bär, gewiß Schönwald zu seiner eigenen Höhle machen wird, und daß wir dann wahrscheinlich einen schlimmern Nachbar für unsere Stadt an ihm haben, als an dem alten Bischof. Hier hat er sich die ganze Eroberung zugeeignet, und ist nur unschlüssig, ob er sich Fürst oder Bischof nennen soll; – und eine Schmach ist es, zu sehen, wie der alte Mann von ihnen gemißhandelt worden ist.«

»Ich will es nicht dulden, Peterkin,« sagte Pavillon, aufspringend; »ich haßte die Bischofsmütze, doch nicht das Haupt, das sie trug. Wir sind Zehn gegen Einen im Felde, Peterkin, und wollen dies Wesen nicht dulden.«

»Ja, Zehn gegen Einen im Felde, aber blos Mann gegen Mann im Schloß; überdies nimmt Nickel Block der Fleischer, und der ganze Vorstadtpöbel die Partei Wilhelms von der Mark, theils um in Saus und Braus zu jubiliren (denn er hatte alle Bier- und Weinfässer preisgegeben), theils aus altem Haß gegen uns, die wir Zunftgenossen sind und Privilegien haben.«

»Peterkin,« sagte Pavillon, »wir wollen sogleich nach der Stadt gehen. Ich will nicht länger in Schönwald bleiben.«

»Aber die Schloßbrücken sind aufgezogen, Meister,« sagte Geislaer – »die Thore geschlossen und von den Lanzknechten bewacht; und wenn wir den Weg mit Gewalt erzwingen wollten, so würden diese Kerle, deren tagtäglich Geschäft Krieg ist, uns, denen Fechten nur Feiertagsarbeit ist, übel mitspielen.«

»Aber warum hat er die Thore besetzt?« sagte der besorgte Bürger; »oder warum will er ehrliche Männer zu Gefangenen machen?«

»Ich kann's nicht sagen,« antwortete Peterkin. »Es geht da ein Geschrei um die Damen von Croye, die während des Sturms aus dem Schloß entflohen sind. Dies brachte den Mann mit dem Bart zuerst außer sich, und nun hat ihn das Trinken gleichfalls außer sich gebracht.«

Der Bürgermeister warf einen trostlosen Blick auf Quentin, und schien in Verlegenheit, was zu thun sei. Durward, der bei diesem Gespräch kein Wort verloren hatte, weil er davon höchlich beunruhigt ward, sah gleichwohl ein, daß ihre Sicherheit einzig auf der Aufrechthaltung seiner eigenen Geistesgegenwart beruhe, so wie auf der Erhaltung des Muthes Pavillons. Er mischte sich nun kühn in die Unterhaltung, als Einer, der ein Recht hat, seine Stimme abzugeben. – »Ich bin beschämt,« sagte er, »mein Herr Pavillon, zu bemerken, daß Ihr unschlüssig seid, was hier zu thun sei. Geht kühn zu Wilhelm von der Mark, und verlangt freien Abzug vom Schlosse für Euch, Euren Lieutenant, Euren Knappen und Eure Tochter. Er kann Euch unter keinem Vorwande gefangen halten.«

»Für mich und meinen Lieutenant – das bin ich selber und Peterkin? – Gut, aber wer ist mein Knappe?«

»Ich bin es für jetzt,« erwiederte der unverzagte Schotte.

»Ihr?« sagte der betroffene Bürger; »aber seid Ihr nicht der Abgeordnete König Ludwigs von Frankreich?«

»Wahr; aber meine Botschaft geht an den Magistrat zu Lüttich – und blos in Lüttich werd' ich mich ihrer erledigen. – Wenn ich vor Wilhelm von der Mark meine Eigenschaft anerkennen wollte, müßt' ich dann nicht in Unterhandlung mit ihm treten? Ja, und wahrscheinlich würd' er mich zurückhalten. Ihr müßt mich insgeheim in der Eigenschaft Eures Knappen mit aus dem Schlosse nehmen.«

»Gut – mein Knappe; aber Ihr spracht von meiner Tochter – meine Tochter ist, hoff' ich, sicher in meinem Hause in Lüttich – wohin ich auch ihren Vater wünsche, von ganzem Herzen und ganzer Seele.«

»Diese Dame,« sagte Durward, »wird Euch Vater nennen, so lange wir hier sind.«

»Und für mein ganzes übriges Leben,« sagte die Gräfin, sich zu des Bürgers Füßen werfend und seine Kniee umschlingend. – »Nie soll ein Tag vergehen, an welchem ich Euch nicht ehren, lieben und für Euch beten will, wie eine Tochter für ihren Vater, wenn Ihr mir nur in dieser fürchterlichen Lage beisteht. – O, seid nicht hartherzig! Denkt, Eure eigene Tochter kniete so vor einem Fremden, und bät' um Leben und Ehre bei ihm – denkt daran, und gebt mir den Schutz, welchen Ihr Eurer Tochter wünschen würdet!«

»Fürwahr,« sagte der gute Bürger, sehr gerührt von ihrer ausdrucksvollen Rede – »ich glaube, Peterkin, dieses artige Mädchen hat etwas von unsers Trudchens süßem Blicke, mir kam es gleich so vor; und auch der muntere Jüngling hier, der so mit seinem Rath bei der Hand ist, hat Aehnlichkeit mit Trudchens Liebhaber. – Ich wette d'rauf, Peterkin, dies ist eine Liebesgeschichte, und es wäre Sünde, sie nicht zu fördern.«

»Eine Sünd' und Schande wär's,« sagte Peterkin, ein gutmüthiger Flamänder, trotz all' seiner Selbstgefälligkeit; und während er so sprach, trocknete er sein Auge mit dem Aermel seines Wammses.

»Demnach soll sie meine Tochter sein,« sagte Pavillon, »gehörig in ihren schwarzseidenen Schleier gehüllt; und wenn nicht genug treuherzige Gerber vorbanden sind, sie zu schützen, da sie die Tochter des Syndicus ist, so sollen sie nie wieder eine Haut gerben. – Aber hört, es wird Fragen zu beantworten geben – wie, wenn man mich fragt, was meine Tochter hier bei solchem Blutvergießen gemacht hat?«

»Was hat die Hälfte der Lütticher Weiber hier gemacht, als sie uns zum Schlosse folgten?« sagte Peterkin; »sie hatten gewiß keinen andern Grund, als daß sie eben dahin wollten, wohin sie gar nicht gehörten. – Unsre Jungfrau Trudchen ist ein wenig weiter als die Andern gekommen – das ist Alles.«

»Trefflich gesprochen,« sagte Quentin; »seid nur kühn und nehmt dieses Herrn guten Rath an, edler Herr Pavillon, und, ohne Euch selber Mühe zu machen, verrichtet Ihr die würdigste Handlung seit den Tagen Karl des Großen. – Hier, süße Dame, hüllt Euch dicht in diesen Schleier« (denn viele Gegenstände weiblichen Putzes lagen im Zimmer zerstreut), – »seid getrost, und binnen wenigen Minuten werdet Ihr in Freiheit und Sicherheit sein. – Edler Herr,« setzte er hinzu, sich an Pavillon wendend, »gehen wir denn!«

»Halt – halt – halt eine Minute,« sagte Pavillon, »mir ahnt Unheil! – Dieser von der Mark ist ein Wüthrich; ein vollkommener Eber seiner Natur wie seinem Namen nach; wie, wenn die junge Dame eine von denen von Croye wäre? – und wie, wenn er sie entdeckte und in Zorn geriethe?«

»Und wenn ich eine von jenen unglücklichen Frauen wäre,« sagte Isabelle, im Begriff, ihm wieder zu Füßen zu fallen, »könntet Ihr mich deßhalb in diesem Augenblicke der Verzweiflung verlassen? O, daß ich in der That Eure Tochter wäre, oder die Tochter des ärmsten Bürgers!«

»Nicht so arm – gar nicht so arm, junge Dame – wir können das Unsre bezahlen,« sagte der Bürger.

»Verzeiht, edler Herr,« begann das unglückliche Mädchen von Neuem.

»Kein edler Herr,« sagte der Syndicus; »ein schlichter Bürger von Lüttich, der seine Wechsel in baaren Gulden bezahlt. – Doch das gehört nicht hieher. – Wohlan, sagt nur, Ihr seid eine Gräfin, aber trotzdem will ich Euch schützen.«

»Ihr seid dazu verpflichtet, und wäre sie auch eine Herzogin,« sagte Peterkin, »Ihr habt einmal Euer Wort gegeben.«

»Recht, Peterkin, ganz recht,« sagte der Syndicus; »es ist unsre alte niederländische Weise: ›ein Wort ein Mann!‹ Und nun laßt uns an das Werk. – Wir müssen uns von diesem Wilhelm von der Mark verabschieden, und doch weiß ich nicht – mir ahnt Böses, wenn ich an ihn denke; und könnte diese Ceremonie abgewendet werden, so wäre mir das eben recht.«

»Thätet Ihr nicht besser, da Ihr doch eine Macht beisammen habt, vor das Thor zu rücken und die Wache zu überwältigen?«

Aber einstimmig rief Pavillon und sein Rathgeber, daß ein solcher Angriff auf die Krieger ihres Bundesgenossen nicht thunlich sei, und zugleich machten sie einige Andeutungen auf seine Verwegenheit, wodurch sich Quentin überzeugte, daß sich dergleichen Wagniß mit solchen Genossen nicht unternehmen ließe. Sie beschloßen daher, kühn nach der großen Schloßhalle zu gehen, wo, wie sie hörten, der wilde Eber der Ardennen sein Gelag hielt, und freien Ausgang für den Syndicus von Lüttich und seine Begleiter zu verlangen, ein Gesuch, welches, wie es schien, zu vernünftig war, um abgeschlagen zu werden. Noch immer seufzte der gute Rathsherr, wenn er auf seine Begleiter blickte, und rief seinem treuen Peterkin zu: »Siehst du, was es gefährlich ist, ein zu kühnes und gefühlvolles Herz zu haben! Ach, Peterkin! wie viel haben mich Muth und Menschlichkeit schon gekostet, und wie viel werd' ich noch für meine Tugenden zahlen müssen, eh' uns der Himmel aus diesem verdammten Schlosse Schönwald befreit!«

Als sie über die Höfe gingen, die noch mit Sterbenden und Todten bedeckt waren, flüsterte Quentin, indem er Isabellen durch die Schreckensscenen führte, ihr Muth und Trost zu, und erinnerte sie, daß ihre Sicherheit einzig von ihrer Festigkeit und Geistesgegenwart abhänge.

»Nicht von der meinen, nicht von der meinen,« sagte sie, »sondern einzig von der Eurigen: – O, wenn ich nur dieser furchtbaren Nacht entgehe, so werd' ich nimmer dessen vergessen, der mich errettete! Nur eine Gefälligkeit noch, um die ich Euch bitte – ich beschwöre Euch, sie mir zu gewähren, beschwöre Euch bei Eurer Mutter Ehre und bei Eures Vaters Ruhm!«

»Was könntet Ihr bitten, ohne daß ich es gewährte?« sagte Quentin leise.

»Stoßt Euren Dolch in mein Herz,« sagte sie, »eh' Ihr mich als Gefangene in die Hände dieser Ungeheuer kommen laßt.«

Quentins einzige Antwort war ein Handdruck, dessen Erwiederung nur der Schrecken zu verhindern schien. Und, auf ihren jungen Beschützer gelehnt, betrat sie die furchtbare Halle, während Pavillon und sein Lieutenant voranschritten und etwa ein Dutzend Kürschner- und Gerbergesellen folgten, die als Ehrenwache ihren Syndicus begleiteten.

Bereits als sie der Halle nahten, schien das Jubelgeschrei und der Ausbruch wilden Gelächters, welcher herabtönte, eher ein Gelag von Teufeln zu verkünden, die sich eines Triumphes über das Menschengeschlecht freuten, als ein Fest menschlicher Wesen, die eine kühne Unternehmung glücklich vollbracht hatten. Ein so fester Muth, wie ihn allein die Verzweiflung eingeflößt haben konnte, unterstützte die erzwungene Standhaftigkeit der Gräfin Isabelle; unverzagter Sinn, der sich mit der Gefahr steigerte, beseelte Durward; Pavillon aber und sein Lieutenant machten aus der Noth eine Tugend, und sahen ihrem Geschick gleich den Bären, die an einen Pfahl gebunden sind, entgegen, welche nothwendigerweise der Gefahr stehen müssen.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Die Zecher.

Cade. Wo ist Dick, der Fleischer von Ashford?

Dick. Hier, Sir.

Cade. Sie fielen vor dir, wie Schafe und Ochsen; und du benahmst dich, als wärst du in deinem eignen Schlachthause.

Zweiter Theil von König Heinrich VI.

Kaum konnte ein mehr seltsamer und schrecklicher Wechsel möglich sein, als der in der Schloßhalle von Schönwald stattgefunden hatte, seit Quentin dort dem Mittagsmahl beiwohnte; und es war in der That eine Scene, welche mit den furchtbarsten Zügen das Elend des Krieges malte, zumal des Krieges, der von den schonungslosesten aller Krieger, den Miethsoldaten einer barbarischen Zeit geführt ward; Männer waren es, welche durch Gewohnheit und tägliche Uebung mit alledem vertraut geworden waren, was grausam und blutig am Kriege ist, während sie des Patriotismus und des romantischen Rittersinnes gänzlich entriethen.

Statt des ordentlichen, anständigen und etwas förmlichen Mahles, wozu sich bürgerliche und geistliche Beamte wenige Stunden zuvor in dem nämlichen Raume versammelten, wo ein leichter Scherz nur leise ausgesprochen werden konnte, und wo, bei allem Ueberfluß an Speisen und Wein, ein Anstand herrschte, der fast zur Heuchelei ward, da war nun eine Scene wilder und tobender Schwelgerei, wie sie Satan selbst, hätte er das Festmahl in Person angerichtet, nicht schlimmer bieten konnte.

Am obern Ende der Tafel saß, in des Bischofs Thronsessel, den man eilig aus seinem großen Rathszimmer hierher gebracht hatte, der gefürchtete Eber der Ardennen selbst, der diesen schrecklichen Namen wohl verdiente, dessen er sich zu freuen schien und den er auch so viel als möglich zu verdienen strebte. Er hatte den Helm abgelegt, trug aber außerdem seine gewichtige und glänzende Rüstung, die er wirklich nur selten ablegte. Ueber seine Schulter hing ein grober Ueberwurf, aus der Haut eines großen wilden Ebers gemacht, dessen Hufen und Hauzähne von massivem Silber gefertigt waren. Die Haut des Kopfes war so zubereitet, daß sie, über den Helm gezogen, wenn der Freiherr bewaffnet war, oder auch als Kappe, wenn er ohne Helm ging, wie es jetzt der Fall war, ihm das Ansehen eines grinzenden, scheußlichen Ungeheuers gab; und doch bedurfte das Gesicht, welches so überschattet wurde, kaum solcher Schreckmittel, um das Furchtbare seines natürlichen Ausdruckes zu erhöhen.

Der obere Theil des Gesichts Wilhelms von der Mark, wie es die Natur geformt hatte, strafte fast seinen Charakter Lügen. Denn obwohl sein Haar, wenn er es unbedeckt zeigte, den rauhen und wilden Borsten der Kappe glich, die er überzog, so versprachen doch eine offne, hohe und männliche Stirn, volle rothe Wangen, große glänzende, hellfarbige Augen und eine Adlernase, Tapferkeit und Großmuth. Aber die Wirkung dieser glücklichern Züge ward gänzlich durch die Gewohnheit der Gewaltthat und der Unbändigkeit vernichtet, die, vereinigt mit Schwelgerei und Unmäßigkeit, diesen Zügen einen Charakter aufgeprägt hatten, der mit der rauhen Ritterlichkeit, die sie sonst bezeichnet haben würden, im Widerspruch stand. Jene Wuth hatte, weil sie Gewohnheit geworden, die Backenmuskeln, sowie die um die Augen gelegenen, und diese vorzüglich, aufgeschwellt; schlechte Sitten und Gewohnheiten hatten die Augen selbst trübe gemacht, den Theil derselben, der weiß sein sollte, geröthet und das ganze Gesicht jenem häßlichen Ungeheuer ähnlich gemacht, welchem der schreckliche Freiherr sich gern vergleichen ließ. Aus einer ganz besondern Art des Widerspruchs jedoch bemühte sich Wilhelm von der Mark, während er sonst das Ansehn eines wilden Ebers annahm und sich selbst des Namens zu freuen schien, durch die Länge und Stärke seines Bartes den Umstand zu verstecken, der ihm die Benennung ursprünglich zugezogen hatte. Dies war eine ungewöhnliche Stärke und ein Hervorragen des Mundes und der Unterkinnlade, was, sammt den großen, vorstehenden Seitenzähnen, ihm die Aehnlichkeit mit jenem wilden Thiere gab; so daß er, zumal da er auch gern im Ardennerwalde jagte, den Namen des Ebers der Ardennen erhielt. Der Bart, groß, wirr und ungekämmt, versteckte aber keineswegs das Schreckenhafte seines Gesichts, und vermochte auch den brutalen Ausdruck desselben nicht zu veredeln.

Die Krieger und Offiziere saßen rings um die Tafel, untermischt mit den Männern aus Lüttich, deren einige aus den niedersten Ständen waren; unter ihnen zeichnete sich Nickel Block der Fleischer, der nahe beim Eber saß, durch seine aufgestreiften Aermel aus, wodurch Arme sichtbar wurden, die bis an die Ellbogen mit Blut versudelt waren, gleich wie das große Messer, das vor ihm auf dem Tische lag. Die Soldaten trugen meistens lange verworrene Bärte, ebenso wie ihr Anführer; ihr Haar war aufwärts gestrichen, um dadurch die natürliche Wildheit ihres Ansehens zu erhöhen; und berauscht, wie viele von ihnen zu sein schienen, theils durch die Freude über ihren Sieg, theils durch die vielen vollen Gläser, die sie geschlürft hatten, boten sie ein häßliches und widerliches Schauspiel dar. Das Gespräch, welches sie hielten, und die Lieder, welche sie sangen, ohne dabei von einander Gehör zu verlangen, waren so schlüpfrig und lästerlich, daß Quentin Gott dankte für den ungeheuren Lärm, welcher für seine Begleiterin Alles unverständlich machte.

Es bleibt nur noch, in Bezug auf die bessere Klasse der Bürger, welche mit den Kriegern Wilhelms von der Mark Theil an dem fürchterlichen Gelage nahmen, zu sagen übrig, daß die bleichen Gesichter und ängstlichen Mienen der meisten derselben zeigten, daß ihnen entweder das Mahl nicht gefiel, oder daß sie ihre Kameraden fürchteten; andre jedoch, von niedriger Erziehung oder roherem Charakter, sahen in den Excessen der Soldaten nur ein ritterliches Benehmen, welches sie nachzuahmen strebten; und, um darin so weit als möglich zu kommen, verschlangen sie ungeheure Becher voll Wein und Schwarzbier – ein Laster, welches zu allen Zeiten in den Niederlanden nur zu gewöhnlich war.

Die Anrichtung des Mahles war eben so unordentlich gewesen, als die ganze Gesellschaft. Des Bischofs ganzes Silbergeschirr, (ja selbst das zum Dienste der Kirche gehörige, denn der Eber der Ardennen kümmerte sich nicht um den Vorwurf des Kirchenraubes –) war mit irdnem Geschirr, großen ledernen Feldflaschen und Trinkhörnern der gemeinsten Art untermischt.

Ein entsetzlicher Vorfall bleibt hier noch zu erwähnen übrig, und gern überlassen wir's der Phantasie des Lesers, den Rest der Scene selber auszumalen. Bei dieser wilden Zuchtlosigkeit der Soldaten Wilhelms von der Mark, hatte Einer, der von der Tafel ausgeschlossen war, (ein Lanzknecht, ausgezeichnet durch seinen Muth und sein kühnes Benehmen während der heutigen Erstürmung,) unverschämterweise einen großen Silberbecher weggenommen und mit der Erklärung hinweggetragen, daß ihn dies für seine Ausschließung vom Gelage entschädigen solle. Der Anführer lachte, daß ihm die Seiten erschütterten, über einen Scherz, der mit dem Charakter des ganzen Corps übereinstimmte; als aber ein Anderer, der weniger wegen Kühnheit in der Schlacht berühmt schien, sich dieselbe Freiheit herauszunehmen wagte, setzte Wilhelm von der Mark sogleich dieser scherzhaften Sitte ein Ziel, welche sonst die Tafel bald alles werthvollen Schmuckes beraubt haben würde. – »Ho! bei dem Geiste des Donners!« rief er, »die, welche im Angesicht des Feindes nicht Männer zu sein wagen, dürfen sich unter ihren Freunden nicht unterstehn, Diebe zu sein. Was, du feiger Schuft! du, der da wartete, bis das Thor geöffnet und die Brücke aufgezogen war, während Konrad Horst sich über Graben und Mauer den Weg erzwang, willst du dich deß unterfangen? – Knüpft ihn an das Gitter des Saalfensters auf! – Er soll Takt mit den Füßen schlagen, während wir einen Becher auf seine glückliche Reise zum Teufel trinken.«

Das Urtheil ward so schnell vollzogen als gesprochen; in einem Augenblick nachher hauchte der Arme, an den Eisenstäben aufgehangen, seine Seele schon aus. Sein Körper hing noch dort, als Quentin und die Andern die Halle betraten; der Körper, welcher den bleichen Mondstrahl aufhielt, warf über den Boden hin einen ungewissen Schatten, welcher unbestimmt doch furchtbar die Umrisse des Gegenstandes nachahmte, welcher ihn hervorbrachte.

Als die Ankunft des Syndicus Pavillon in dieser stürmischen Versammlung von Mund zu Mund angekündigt ward, bemühte er sich, Kraft seines Ansehens und Einflusses, eine Miene der Wichtigkeit und des Gleichmuths anzunehmen, die ihm, nach einem Blick auf den schrecklichen Gegenstand am Fenster und auf die wilde Scene ringsum, sehr schwer zu behaupten ward, obgleich ihm Peterkin mahnend, aber selber etwas betroffen, in's Ohr flüsterte: »herzhaft, Meister, oder wir sind verloren!«

Der Syndicus behauptete indeß seine Würde so gut er konnte, während er in der kurzen Anrede der Gesellschaft zu dem großen Siege Glück wünschte, den die Krieger Wilhelms von der Mark und die guten Bürger von Lüttich gewonnen hatten.

»Ja,« antwortete Wilhelm von der Mark spöttisch, »wir haben endlich das Wild erlegt, wie der Dame Windspiel zum Wolfshund sagte. Aber seht da! Herr Bürgermeister, Ihr kommt wie Mars, mit der Schönheit an Eurer Seite. Wer ist diese Hübsche? – Entschleiert, entschleiert – Heutnacht nennt kein Weib ihre Schönheit ihr eigen.«

»Es ist meine Tochter, edler Hauptmann,« antwortete Pavillon; »und ich muß Euch um Verzeihung bitten, daß sie ihren Schleier trägt. Sie hat es so den heiligen drei Königen gelobt.«

»Ich will sie gleich vom Gelübde lossprechen,« sagte von der Mark; »denn hier mit einem Messerschlag will ich mich zum Bischofe von Lüttich weihen; und ich hoffe, ein lebendiger Bischof ist drei todte Könige werth.«

Die Gäste schauderten und murrten; denn Lüttichs Bürgerschaft, und selbst einige der rohen Soldaten verehrten die Könige von Cöln, wie man sie gewöhnlich nannte, obwohl sie sonst nichts achteten.

»Nun, ich habe gegen ihre verstorbnen Majestäten nichts Böses im Sinne,« sagte von der Mark; »blos Bischof will ich werden. Ein Fürst, der zugleich weltlich und geistlich ist, der da Macht hat, zu binden und zu lösen, wird am besten für eine Bande Bösewichter, wie ihr seid, passen, denen kein Anderer Absolution geben würde. – Aber kommt hieher, edler Bürgermeister – setzt Euch neben mich, Ihr sollt sehen, wie ich mir eine Vakanz zu meinem eignen Besten bereite. – Bringt unsern Vorgänger auf dem heiligen Stuhle herein.«

Ein Geräusch erhob sich in der Halle, während Pavillon, der den angebotenen Ehrensitz höflich ablehnte, sich am untern Ende der Tafel niederließ und seine Begleiter sich dicht hinter ihm hielten, nicht unähnlich einer Heerde Schafe, die, wenn ein fremder Hund erscheint, sich wohl zuweilen hinter einem alten Leithammel versammelt, der, Kraft seines Amtes und Ansehens, auch mehr Muth als sie selber zu haben scheint. Nahe bei diesem Platze saß ein sehr hübscher Bursch, wie man sagte, ein natürlicher Sohn des Wüthenden von der Mark, gegen den dieser zuweilen Zuneigung, ja Zärtlichkeit zeigte. Die Mutter des Burschen, eine schöne Concubine, starb durch einen Schlag, den ihr der wüthende Häuptling in einem Anfall von Trunkenheit oder Eifersucht ertheilte; und ihr Tod verursachte nachher dem Tyrannen so viel Gewissensqual, als er zu empfinden fähig war. Seine Zuneigung zu dem überlebenden Kinde mochte zum Theil auf jenem Umstande beruhen. Quentin, der diesen Zug von des Häuptlings Charakter schon durch den alten Priester erfahren hatte, stellte sich so dicht als möglich bei dem Jünglinge auf; denn er war entschlossen, sich seiner entweder als Geißel oder als Beschützers zu bedienen, wenn andere Rettungsmittel fehlschlügen.

Während Alle in Erwartung standen, um den Erfolg der Befehle, die der Tyrann gegeben, zu erfahren, flüsterte einer von Pavillons Gefährten dem Peterkin zu: »Nannte unser Meister nicht die Dirne dort seine Tochter? – Ei, das kann unser Trudchen nicht sein. Dies schlanke Mädchen ist zwei Zoll höher; und dort guckt auch eine schwarze Haarlocke unter dem Schleier vor. Bei St. Michael am Marktplatz! Ihr könntet eben so gut eine schwarze Ochsenhaut ein weißes Kalbfell nennen.«

»Still, still!« sagte Peterkin mit einiger Geistesgegenwart. – »Wenn nun unser Meister Lust hat, ein Stück Wild aus des Bischofs Park zu stehlen, ohne der guten Meisterin Wissen? Gehört sich's für dich oder mich, den Spion dabei zu machen?«

»Das will ich nicht, Bruder,« antwortete der Andere, »obwohl ich nicht gedacht hätte, daß er bei seinen Jahren noch so ein Wilddieb sein würde! Sapperment – was für ein schüchtern Kind das ist! Sieh', wie sie sich hinter jenen Stuhl hinter der Andern Rücken versteckt, mn dem Blicke der Märker zu entgehen. – Doch halt, halt! Was werden sie mit dem armen alten Bischof beginnen?«

Bei diesen Worten ward der Bischof von Lüttich, Ludwig von Bourbon, von den rohen Soldaten in die Halle seines eigenen Palastes geschleppt. Sein zerrauftes Haar, sein Bart und seine Kleidung zeigten, welche üble Behandlung ihm bereits widerfahren war. Einige priesterliche Gewänder, die man ihm eilig übergeworfen hatte, schienen ihm nur zum Hohn und zur Verspottung seines Standes und Berufes angelegt zu sein. Zum Glück war die Gräfin Isabelle, wie Quentin glaubte, in solcher Lage, daß sie weder sah noch hörte, was vorging, denn sonst hätte sie, wenn sie ihren Beschützer so gräßlich behandelt sah, leicht ihr eigenes Geheimniß und ihre Sicherheit gefährden können. Durward stellte sich auch mit Fleiß so vor sie, daß er sie verhinderte, zu sehen, oder gesehen zu werden.

Die Scene, die nun folgte, war kurz und schrecklich. Als der unglückliche Bischof vor den rohen Häuptling gestellt ward, zeigte er, der sich in seinem früheren Leben nur durch Sanftmuth und Wohlwollen ausgezeichnet hatte, in dieser äußersten Bedrängniß ein Gefühl seiner Würde und hohen Abkunft, welches sich für einen Sprößling seines edlen Geschlechts wohl ziemte. Sein Blick war gefaßt und unerschrocken; seine Haltung, sobald er von den rohen Händen, die ihn herbeischleppten, frei war, zeigte sich edel und zu gleicher Zeit so voll Ergebung, daß er zwischen einem vornehmen Lehensfürsten und einem christlichen Märtyrer die Mitte hielt; und so sehr war Wilhelm von der Mark betroffen durch das feste Benehmen seines Gefangenen, so wie durch die Erinnerung an früher von ihm empfangene Wohlthaten, daß er unentschlossen schien und die Augen zu Boden senkte, und erst nachdem er einen großen Becher Weines geleert hatte, der ihm sein hochmüthiges, unverschämtes Wesen in Blick und Betragen wiedergab, redete er den unglücklichen Gefangenen also an: »Ludwig von Bourbon,« sagte er, tief Athem holend, die Fäuste ballend, die Zähne zusammenbeißend und andere dergleichen Geberden zeigend, um seine natürliche Gemüthsrohheit anzureizen und zu behaupten – »ich suchte Eure Freundschaft und Ihr verschmähtet die meine. Was gäbt Ihr nun darum, daß Ihr anders gehandelt hättet? – Nickel, sei bereit!«

Der Fleischer stand auf, ergriff seine Waffe, schlich sich herum hinter Wilhelms Stuhl, wo er sich fest stellte und das Eisen mit seinen entblößten und nervigen Armen in die Höhe hielt.

»Seht diesen Mann an, Ludwig von Bourbon,« fuhr von der Mark fort – »was wirst du nun für Bedingungen bieten, um dieser gefährlichen Stunde zu entgehen?«

Der Bischof warf einen traurigen, aber unentmuthigten Blick auf den greulichen Gehülfen, der bereit schien, den Willen des Tyrannen zu vollziehen, und sodann sagte er mit Festigkeit: »Hört mich, Wilhelm von der Mark, und all' ihr guten Männer, wenn welche hier sind, die den Namen verdienen, hört die einzigen Bedingungen, die ich diesem Bösewicht bieten kann. – Wilhelm von der Mark, du hast eine kaiserliche Reichsstadt in Aufruhr gebracht – hast den Palast eines Fürsten des heiligen deutschen Reichs angegriffen und eingenommen – hast seine Leute erschlagen – seine Güter geplündert – seine Person gemißhandelt; dafür bist du der Acht des Reiches verfallen – hast verdient, für flüchtig und vogelfrei, für land- und rechtlos erklärt zu werden. Du bist in das Heiligthum des Herrn gebrochen – hast gewaltthätige Hand an einen Vater der Kirche gelegt – hast das Haus Gottes mit Blut und Raub besudelt, als ein kirchenschänderischer Räuber –«

»Bist du fertig?« sagte von der Mark, ihn zornig unterbrechend und mit dem Fuße stampfend.

»Nein,« antwortete der Prälat; »denn ich habe dir die Bedingungen noch nicht genannt, die du von mir zu hören verlangtest.«

»Wohlan,« sagte von der Mark; »und laß die Bedingungen mir mehr als die Vorrede gefallen, oder wehe deinem grauen Haupt!« Dabei warf er sich in seinem Stuhle zurück, knirschte mit den Zähnen, bis der Schaum von seinen Lippen floß, gleich wie von den Hauern des wilden Thieres, dessen Namen und Fell er trug.

»So sind deine Verbrechen,« fuhr der Bischof mit ruhiger Entschlossenheit fort; »nun höre die Bedingungen, die ich, als ein gnädiger Fürst und christlicher Prälat, alle persönlichen Beleidigungen bei Seite setzend, jedes einzelne Unrecht vergebend, mich anzubieten herablasse. Lege deinen Feldherrnstab nieder – entsage deines Oberbefehls – laß deine Gefangenen frei – gib ihren Raub zurück – vertheile die Güter, die du sonst besitzest, um denen zu helfen, die du zu Waisen und Wittwen gemacht hast. – Büße im Sack und in der Asche – nimm einen Pilgerstab in die Hand und wallfahrte barfuß nach Rom, und wir wollen uns selbst für dich verwenden, beim Reichstag zu Regensburg für dein Leben, und bei unserem heiligen Vater, dem Papst, um deiner armen Seele willen.«

Während Ludwig von Bourbon diese Bedingungen in einem so entschiedenen Tone vortrug, als behaupte er noch seinen bischöflichen Thron und als kniee der Usurpator flehend ihm zu Füßen, erhob sich der Tyrann langsam in seinem Stuhle, wobei das Staunen, welches ihn Anfangs erfüllte, allmälig der Wuth Platz machte, bis er, als der Bischof endigte, auf Nickel Block sah, und seinen Finger erhob, ohne ein Wort zu sagen. Der Bösewicht schlug zu, als verwalte er sein Geschäft im Schlachthause, und der ermordete Bischof sank, ohne einen Seufzer, todt am Fuße seines bischöflichen Thrones nieder. Die Lütticher, die auf eine so schreckliche Katastrophe nicht vorbereitet waren und erwartet hatten, die Conferenz werde mit einigen gütlichen Bedingungen enden, fuhren empor und stießen ein Geschrei des Abscheus und der Rache aus.

Aber Wilhelm von der Mark, seine furchtbare Stimme über den Tumult erhebend, und die geballte Faust mit ausgestrecktem Arme schüttelnd, schrie laut: »Wie, ihr Schweine von Lüttich! ihr, die im Schlamme der Maas wühlen! – wagt ihr's, euch mit dem Eber der Adennen zu messen? – Auf, ihr des Ebers Brut!« (ein Ausdruck, womit er und Andere oft seine Soldaten bezeichneten) »laßt diesen flämischen Säuen eure Hauer sehen!«

Ein jeder seiner Genossen sprang bei diesem Befehl auf; und da sie, mit ihren neuen Bundesgenossen untermischt, zu solch' einer Ueberrumpelung vorbereitet waren, so nahm Jeder augenblicklich seinen nächsten Nachbar beim Kragen, während seine Rechte einen breiten Dolch zückte, der im Lampenlicht und Mondschein flimmerte. Jeder Arm war erhoben, doch keiner stieß zu; denn die Opfer waren zu sehr überrascht, um Widerstand zu leisten, und es war wahrscheinlich des von der Mark Absicht, nur seinen bürgerlichen Verbündeten einen Schrecken einzujagen.

Aber der Muth Quentin Durwards, der mehr gewandt und entschlossen war, als seine Jahre glauben ließen, und jetzt durch Alles, was seine natürliche Klugheit und Entschlossenheit noch kräftigen und erhöhen konnte, angetrieben ward, gab der Scene eine neue Wendung. Indem er die Bewegung der Gefährten des von der Mark nachahmte, sprang er auf Karl Eberson, den Sohn ihres Anführers, los und bemächtigte sich seiner mit Leichtigkeit. Dabei zückte er seinen Dolch gegen des Burschen Hals und rief: »Ist das Euer Spiel? dann spiel' ich hier auch das meine.«

»Halt, halt!« rief von der Mark, »'s ist ein Scherz – ein Scherz. – Meint Ihr, ich würde meine guten Freunde und Verbündeten der Stadt Lüttich verletzen? – Soldaten, laßt los! Setzt Euch nieder, nehmt den Leichnam da weg,« (dabei gab er des Bischofs Körper einen Fußstoß), »welcher diesen Zwist unter Freunden erregte, und laßt uns die Unfreundlichkeit in einem frischen Trunk ersäufen.«

Alle ließen ihre Opfer los, und die Bürger und Soldaten starrten einander an, als ob sie kaum wüßten, ob sie Freunde oder Feinde wären. Quentin Durward nützte diesen Moment.

»Hört mich,« sagte er, »Wilhelm von der Mark, und ihr, Bürger und Einwohner Lüttichs; und Ihr, junger Herr, steht still« (der junge Karl suchte seinen Händen zu entfliehen), »es soll Euch kein Leid geschehen, wofern nicht ein ähnlicher arger Scherz die Runde hier macht.«

»Wer bist du, in's Teufels Namen?« sagte der erstaunte von der Mark, »der du kommst, um Bedingungen zu setzen und Geiseln zu nehmen in unserer eigenen Mitte – von uns, der Bürgen von Andern nimmt, aber sie Keinem jemals stellt?«

»Ich bin ein Diener König Ludwigs von Frankreich,« sagte Quentin kühn; »ein Bogenschütze seiner schottischen Garde, wie Euch zum Theil meine Sprache und Kleidung verräth. Ich bin hier, um Euer Verfahren zu beobachten und darüber zu berichten; und mit Staunen seh' ich, daß es mehr heidnisch als christlich zugeht – mehr als handelten Rasende, denn vernünftige Wesen. Die Heerschaaren Karls von Burgund werden sogleich gegen Euch Alle rücken; und wenn Ihr Beistand von Frankreich wünscht, so müßt Ihr Euch auf andere Weise betragen. – Was euch betrifft, Männer von Lüttich, so rath' ich euch, sogleich nach eurer Stadt zurückzukehren; und wenn man eurem Abschiede Hindernisse in den Weg legt, so erkläre ich die, welche das thun, für Feinde meines Herrn, Seiner Majestät von Frankreich.«

»Frankreich und Lüttich! Frankreich und Lüttich!« schrieen Pavillons Gefährten und verschiedene andere Bürger, deren Muth sich bei der kühnen Sprache Quentins zu heben schien.

»Frankreich und Lüttich, und lang' lebe der wackere Bogenschütz'! Wir wollen leben und sterben mit ihm!«

Wilhelms von der Mark Augen sprühten, er faßte seinen Dolch, als wollte er ihn dem kühnen Sprecher in's Herz stoßen; aber als sein Auge umherblickte, las er in den Gesichtern seiner Soldaten Etwas, was selbst er achten mußte. Viele von ihnen waren Franzosen, und Alle kannten die geheime Unterstützung, die Wilhelm sowohl an Mannschaft als an Geld, von diesem Königreich empfangen hatte; ja, Viele von ihnen waren sogar empört von der gewaltthätigen und frevelhaften Handlung, die er so eben angestiftet hatte. Der Name Karls von Burgund, eines Mannes, der gewiß die Thaten dieser Nacht bis auf's Aeußerste rächen würde, hatte einen beunruhigenden Klang, und das ganz unpolitische Benehmen, zugleich mit den Lüttichern zu streiten und den Fürsten Frankreichs zu reizen, machte einen abschreckenden Eindruck auf ihre Gemüther, obwohl sie so ziemlich von Sinnen waren. Kurz, von der Mark sah, daß er nicht einmal bei seiner eigenen Bande Unterstützung finden würde, wenn er sogleich eine neue Gewaltthat beginge, und indem er das Abschreckende seiner Stirn und seines Blickes zu mildern suchte, erklärte er, daß er »gar nichts Schlimmes gegen seine guten Freunde von Lüttich im Sinn habe, die alle nach Belieben und frei Schönwald verlassen könnten; obwohl er gehofft habe, sie würden eine Nacht mit ihm schmausen, um ihren Sieg zu feiern.« Mit mehr Ruhe, als er gewöhnlich zu zeigen pflegte, setzte er hinzu, »er sei bereit, wegen der Theilung der Beute zu unterhandeln, so wie wegen der Maßregeln, die man zu beiderseitiger Sicherheit ergreifen müsse, und zwar am nächsten Tage oder so bald sie wollten.«

Der junge Schotte dankte, bemerkte jedoch, er müsse sich nach Pavillon richten, an welchen er sich, seines Auftrags zufolge, besonders anzuschließen habe; doch werde er unfehlbar diesen begleiten, so bald er wieder nach dem Quartier des tapfern Wilhelm von der Mark zurückkehren würde.

»Wenn Ihr Euch nach mir richtet,« sagte Pavillon schnell und laut, »so werdet Ihr Schönwald sogleich ohne weitern Verzug verlassen; und wenn Ihr nicht nach Schönwald zurückkehren wollt, außer in meiner Gesellschaft, so werdet Ihr es wahrscheinlich so bald nicht wieder sehen.«

Den letzten Theil der Rede murmelte der ehrliche Bürger für sich, denn er fürchtete die Folgen, die eine zu laute Aeußerung seiner Gefühle haben könne, welche er doch gleichwohl nicht ganz unterdrücken konnte.

»Haltet Euch dicht an mich, meine flinken Gerberburschen,« sagte er zu seiner Leibgarde; »und wir wollen uns so schnell als möglich aus dieser Diebshöhle machen.«

Die Meisten aus den besseren Klassen der Lütticher schienen des Syndicus Meinung zu theilen, und kaum war ihre Freude so groß gewesen, wie sie das Schloß Schönwald einnahmen, als ihnen nun die Aussicht zu erwecken schien, sicher heraus zu kommen. Man ließ sie ohne irgend ein Hinderniß das Schloß verlassen, und auch Quentin war froh, als er diesen schrecklichen Mauern den Rücken wandte.

Zum ersten Male, nachdem sie die furchtbare Halle betreten hatten, wagte jetzt Quentin, die junge Gräfin zu fragen, wie sie sich befinde.

»Wohl, wohl,« antwortete sie, in fieberischer Hast, »vollkommen wohl – haltet uns nicht mit Fragen auf; laßt uns keinen Augenblick mit Worten verlieren – laßt uns fliehen – laßt uns fliehen!«

Bei diesen Worten bemühte sie sich, ihren Schritt zu beschleunigen, aber mit so geringem Erfolg, daß sie vor Erschöpfung umgesunken sein würde, hätte sie Durward nicht unterstützt. Mit der Zärtlichkeit einer Mutter, wenn sie ihr Kind aus Gefahr befreit, hob der junge Schotte die theure Bürde auf seine Arme; und während sie seinen Hals mit einem Arm umschlang, keines Gedankens mächtig, außer dem Verlangen nach Flucht, da würde er keine der Gefahren dieser Nacht ungeschehen gewünscht haben, da sie ein solches Ende hatten.

Der ehrliche Bürgermeister ward seinerseits geführt und gezogen durch seinen treuen Rathgeber Peter und Andere seiner Zunftgenossen; so erreichten sie in athemloser Hast das Ufer des Flusses, nachdem ihnen unterwegs viele Bürger begegnet waren, welche den Ausgang der Belagerung zu erfahren wünschten, und ob das Gerücht gegründet sei, daß die Eroberer selbst unter einander in Streit gerathen wären.

Indem sie den Neugierigen so viel als möglich auswichen, besorgten Peter und einige seiner Gefährten endlich mit Mühe ein Boot für die Gesellschaft, und damit zugleich die Gelegenheit, einige Ruhe zu genießen, die Isabellen äußerst willkommen war, welche noch immer fast regungslos in den Armen ihres Beschützers lag; und nicht minder willkommen für den würdigen Bürgermeister, der, nachdem er in abgebrochenen Worten einige Danksagungen an Durward gerichtet hatte (die, weil Durwards Gemüth viel zu beschäftigt war, unbeantwortet blieben), eine lange Rede gegen Peterkin begann, betreffend seinen Muth und sein Wohlwollen, so wie die Gefahren, denen ihn jene Tugenden jetzt und bei andern Gelegenheiten ausgesetzt hatten.

»Peterkin, Peterkin,« sagte er, das Gespräch des vorigen Abends wieder aufnehmend, »wenn ich nicht ein kühnes Herz gehabt hätte, ich würde mich nie der Zahlung des Bürgerzwanzigsten widersetzt haben, als alle Andern ihn willig geben wollten. – Ja, und besäß' ich ein minder hochsinniges Herz, so hätte ich mich nicht mit zur Schlacht bei Tron verleiten lassen, wo ein Hennegauer Kriegsmann mich mit seiner Lanze in einen Sumpfgraben stieß, wo ich mir auf keine Weise heraushelfen konnte, bis die Schlacht vorüber war. – Ja, Peterkin, dann verleitete mich wieder in dieser Nacht mein Muth, einen Harnisch anzulegen, welcher mein Tod gewesen wäre, hätte mir dieser tapfere junge Herr nicht beigestanden, dessen Beruf Fechten ist, wozu ich ihm herzlich Glück wünsche. Und was sodann mein zärtliches Herz betrifft, Peterkin, das hat mich zum armen Manne gemacht – das heißt, es würde mich zum armen Manne gemacht haben, wär' ich in dieser schnöden Welt nicht erträglich gebettet gewesen; – und der Himmel weiß, welche Unruhe mir es noch bringen wird, mit Damen, Gräfinnen, Geheimnissen, die ich bewahren soll – ach, Alles das kann mir noch mein halbes Vermögen kosten und den Hals obendrein!«

Quentin vermochte nicht länger zu schweigen, sondern versicherte, welche Gefahr oder Schaden ihm auch von Seiten der jungen Dame, die jetzt unter seinem Schutz sei, widerfahren könne, so werde dies dankbar anerkannt und so weit als möglich auch erstattet werden.

»Ich danke Euch, junger Herr Bogenschütze, ich dank' Euch,« antwortete der Bürger von Lüttich; »aber wer sagt Euch denn, daß ich irgend eine Erstattung von Euch verlange, weil ich meine Pflicht als ehrlicher Mann that? Ich bedauerte nur, daß es mich Das oder Jenes kosten könnte, und ich hoffe, daß mir erlaubt ist, dergleichen meinem Lieutenant zu sagen, ohne daß mir deswegen mein Verlust oder meine Gefahr Kummer macht.«

Quentin zog daraus den Schluß, daß sein gegenwärtiger Freund zu jener zahlreichen Klasse von Wohlthätern gehöre, welche sich durch Murren belohnen, ohne durch Darlegung ihres Mißmuths etwas Anderes zu bezwecken, als den Werth des erwiesenen Dienstes recht bedeutend erscheinen zu lassen. Er schwieg daher klüglich, und ließ den Syndicus gegen seinen Lieutenant fortschwatzen, über die Gefahr und den Verlust, den ihm sein Eifer für's Gemeinwohl zugezogen, und über die uneigennützigen Dienste, die er Andern geleistet, – bis man endlich seine Behausung erreichte.

Die Wahrheit war, daß der ehrliche Bürger fühlte, er habe etwas von seiner Wichtigkeit verloren, indem er duldete, daß der junge Fremde bei der Krise, die in der Schloßhalle auf Schönwald stattfand, sich an die Spitze stellte; und wie lieb ihm auch der Erfolg von Quentins Einmischung in jenem Augenblicke war, so schien ihm doch, bei näherer Ueberlegung, daß sein Einfluß dadurch geschwächt worden sei, und dafür suchte er sich zu entschädigen, indem er die Ansprüche erhob, welche er auf die Dankbarkeit seiner Heimath überhaupt, seiner Freunde insbesondere und auf die der Gräfin von Croye und ihres jungen Beschützers ganz vorzüglich hatte.

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