Kitabı oku: «Quentin Durward»
Quentin Durward
Walter Scott
Erster Band
Inhaltsverzeichnis
Vorwort.
Einleitung.
Erstes Kapitel. Der Contrast.
Zweites Kapitel. Der Wanderer.
Drittes Kapitel. Das Schloß.
Viertes Kapitel. Das Frühstück.
Fünftes Kapitel. Der Bewaffnete.
Sechstes Kapitel. Die Zigeuner.
Siebentes Kapitel. Die Anwerbung.
Achtes Kapitel. Der Gesandte.
Neuntes Kapitel. Die Eberjagd.
Zehntes Kapitel. Die Schildwache.
Elftes Kapitel. Die Rolandshalle.
Zwölftes Kapitel. Der Politiker.
Dreizehntes Kapitel. Die Reise.
Vierzehntes Kapitel. Die Reise.
Fünfzehntes Kapitel. Der Wegweiser.
Sechszehntes Kapitel. Der Landstreicher.
Siebenzehntes Kapitel. Der erspähte Späher.
Achtzehntes Kapitel. Handwahrsagerei.
Impressum
Vorwort.
Die Zeit, in welcher die Handlung dieses Romanes spielt, ist das fünfzehnte Jahrhundert, wo das Lehensystem, welches der Nerv und die Kraft der Volksvertheidigung gewesen, und der Geist der Ritterlichkeit, durch den, wie durch eine lebendige Seele, das System belebt war, durch die gewaltigen Charaktere in Verfall zu gerathen begann, welche ihr ganzes Wohl in die Erreichung der persönlichen Zwecke setzten, denen sie ihre ausschließliche Aufmerksamkeit gewidmet hatten. Der nämliche Egoismus hatte sich allerdings schon in weit frühern Zeiten gezeigt; aber jetzt ward er zuerst als offenbares Princip der Handlungen anerkannt. Der Geist der Ritterlichkeit hatte das Vortreffliche, daß seine Lehren, wie überspannt und phantastisch uns auch viele derselben erscheinen mögen, sämmtlich auf Edelmuth und Selbstverläugnung gegründet waren; und wäre die Erde dieser beraubt, so dürfte das Dasein der Tugend unter den Menschen schwer zu begreifen sein.
Unter denjenigen, die die Grundsätze der Selbstverläugnung, in denen der junge Ritter unterwiesen, und nach denen er so sorgfältig herangebildet ward, zuerst fallen ließen und verspotteten, war Ludwig XI. von Frankreich die Hauptperson. Der Charakter dieses Regenten war so durchaus selbstsüchtig, so weit entfernt, irgend eine Absicht zu hegen, die sich nicht auf seinen Ehrgeiz, seine Habsucht und selbstische Lüsternheit bezog, daß er fast der eingefleischte Teufel selbst zu sein schien, der darauf ausging, sein Möglichstes zu thun, um unsere Begriffe von Ehre von Grund aus zu verderben. Auch ist nicht zu vergessen, daß Ludwig in hohem Maße den kaustischen Witz besaß, welcher alles lächerlich zu machen weiß, was ein Mensch zum Vortheil einer andern Person und nicht für sich selbst unternimmt, und daher war er ganz besonders geeignet, die Rolle eines kaltherzigen und höhnischen Satans zu spielen.
Aus diesem Gesichtspunkte scheint die Goethe'sche Auffassung des Charakters und Räsonnements des Mephistopheles, des versuchenden Geistes im Drama Faust, weit glücklicher, als die, welche sich bei Byron findet, ja selbst als der Satan Milton's. Die letztgenannten großen Dichter haben dem bösen Princip etwas gegeben, was seine Schlechtigkeit erhebt und adelt; ein starkes und unbezwingliches Widerstreben gegen die Allmacht – eine stolze Verachtung des Leidens verglichen mit Unterwürfigkeit, und all' jene besondern charakteristischen Züge am Urheber des Bösen, welche Burns und andere verleiteten, ihn als den Helden des »Verlornen Paradieses« anzusehen. Der große deutsche Dichter hat, im Gegentheil, seinen verführenden Geist zu einem Wesen gemacht, welches, im Uebrigen ganz leidenschaftslos, allein zu dem Ende zu existiren scheint, um durch seine Ueberredungen und Versuchungen die Masse des moralischen Uebels zu vermehren, und welches durch seine Verführungskünste jene schlummernden Leidenschaften weckt, die außerdem das Leben des menschlichen Wesens, das der böse Geist zum Gegenstand seiner Operationen ersah, in Ruhe gelassen haben würden. Aus diesem Grunde ist Mephistopheles, gleich Ludwig XI., mit jenem kaustischen Witze versehen, der unablässig bemüht ist, alle Handlungen zu verachten und zu verkleinern, welche nicht sicher und direkt Selbstbefriedigung zur Folge haben.
Auch ein Verfasser bloßer Unterhaltungsschriften kann für einen Augenblick ernst sein dürfen, in der Absicht, alle Politik zu verdammen, welche sich (mag es die eines öffentlichen oder Privatcharakters sein) auf die Grundsätze des Machiavell oder auf die Ränke Ludwigs XI. gründet.
Die Grausamkeit, die Falschheit und das argwöhnische Wesen dieses Fürsten wurden durch den groben und niedrigen Aberglauben, den er beständig erblicken ließ, nicht gemildert, sondern noch weit abscheulicher gemacht. Seine tiefe Verehrung der Heiligen, die er so sehr zur Schau trug, beruhte auf dem jämmerlichen Grundsatz eines niedern Beamten, welcher die Vergehungen, deren er sich bewußt ist, durch freigebige Geschenke an diejenigen verbergen oder sühnen will, denen es obliegt, sein Betragen zu beobachten, der ein System des Betrugs fördern will, indem er versucht, den Unbestechlichen zu bestechen. Nur im nämlichen Lichte können wir seine Erwählung der Jungfrau Maria zur Gräfin und Obersten seiner Leibwache betrachten, oder die Hinterlist, mit welcher er einer oder zwei gewissen Eidformen die Kraft einer bindenden Verpflichtung verlieh, die er allen andern versagte, indem er genau das Geheimniß bewahrte, welche Weise des Schwurs er wirklich für bindend hielt.
Bei seinem gänzlichen Mangel an Gewissen, oder, wie es scheint, an jedem Begriffe von moralischer Verpflichtung, besaß Ludwig XI. große natürliche Festigkeit und Schärfe des Charakters, verbunden mit einer so verfeinerten Politik, indem er die Zeiten, in denen er lebte, beobachtete, daß er sich zuweilen seinen eigenen Vorschriften fügte.
Es gibt wohl kein so düsteres Gemälde, welches nicht auch seine sanftern Stellen hätte. Er kannte die Interessen Frankreichs, und verfolgte sie treulich so lange, als sie mit seinen eigenen Hand in Hand gingen. Er führte das Land sicher durch die gefährliche Krisis des Krieges, genannt »für das öffentliche Wohl«; bei der Vernichtung dieses großen und gefährlichen Bündnisses der großen Kronvasallen Frankreichs gegen den Souverain, würde ein König von minder scharfsichtigem und klugem Charakter und von mehr kühner und minder schlauer Gemüthsart, als Ludwig XI., aller Wahrscheinlichkeit nach unterlegen sein. Ludwig besaß auch einige persönliche Eigenschaften, die mit seinem öffentlichen Charakter nicht im Widerspruch standen; er war fröhlich und witzig in Gesellschaft; er liebkosete sein Opfer, gleich der Katze, die schmeicheln kann, wenn sie darauf ausgeht, die bitterste Wunde zu ertheilen; und keiner war geschickter, die Ueberlegenheit der schlechten und selbstischen Grundsätze zu behaupten und zu preisen, durch die er sich bestrebte jene edlern Beweggründe zu Anstrengungen zu ersetzen, welche bei seinen Vorgängern aus dem hochsinnigen Geiste der Chevalerie hervorgegangen waren.
Dies System begann jetzt wirklich zu veralten, und es hatte, selbst zur Zeit seiner Blüthe, etwas so Ueberspanntes und Phantastisches in seinen Grundsätzen, daß es dadurch allgemein zu einem Gegenstande der Verspottung ward, sobald es, gleich andern alten Moden, außer Ansehen zu kommen anfing, und die Waffen des Spottes konnten sich dagegen erheben, ohne das Mißfallen und den Abscheu zu erregen, womit sie in früherer Zeit, als eine Art von Gotteslästerung, zurückgewiesen worden wären. Im vierzehnten Jahrhundert nahmen die Spötter überhand, welche die ausschweifenden und exclusiven Lehren von Ehre und Tugend in's Lächerliche zogen, die man öffentlich als absurd anerkannte, weil sie, in der That, bis zu einer solchen Höhe der Vollkommenheit getrieben wurden, daß sie von menschlichen Wesen unmöglich auszuüben waren. Machte es sich ein edler und hochsinniger Jüngling zum Vorsatz, sich nach seines Vaters Lehre von der Ehre zu bilden, so ward er verlacht, als hätt' er zum Kampfe des guten alten Ritters Durindarte zweihändiges Schwert gebracht, lächerlich wegen seiner alterthümlichen Form, mochte seine Klinge auch vom feinsten Stahl und seine Verzierungen von reinem Golde sein.
Auf gleiche Weise warf man die Grundsätze der Chevalerie bei Seite und ersetzte sie durch schlechtere Reizmittel. Statt der hohen Begeisterung, die Jeden zur Verteidigung seines Vaterlandes trieb, führte Ludwig XI. den Dienst der stets bereitwilligen Miethsoldaten ein, und überredete seine Unterthanen, unter denen der Kaufmannsstand sich zu heben begann, es sei besser, den Miethsöldnern Gefahr und Mühe des Kriegs zu lassen, und die Regierung statt dessen mit den Mitteln, jene zu bezahlen, zu versehen, als sich selber der Gefahr der Vertheidigung auszusetzen. Die Kaufleute waren durch solche Gründe leicht überredet. In den Tagen Ludwig's XI. kam es noch nicht so weit, daß auch die Landbesitzer und Edelleute auf gleiche Weise von dem Kriegsdienste ausgeschlossen wurden; aber der schlaue Monarch leitete das System ein, welches seine Nachfolger handhabten, und das zuletzt die ganze militärische Vertheidigung des Staats in die Hände der Regierung legte.
Auf gleiche Art bemühte er sich, die Grundsätze zu ändern, welche bisher dem Verkehr der Geschlechter zu Regeln gedient hatten. Die Lehren der Chevalerie hatten, zum mindesten theoretisch, ein System gebildet, in welchem die Schönheit die herrschende und lohnende Gottheit war – die Tapferkeit aber ihr Sklave, der sich Muth von ihrem Blicke holte und sein Leben in ihrem geringsten Dienste hingab. Allerdings artete dies System hierin, wie in manch' anderer Hinsicht, zu phantastischer Ausschweifung aus, und ärgerliche Fälle kamen häufig vor. Doch glichen sie im Allgemeinen immer jenen, deren Burke gedenkt, wo die Schwachheit zur Hälfte ihrer Schuld ledig ward, indem sie von all' ihren groben Eigenschaften gereinigt war. Mit Ludwig's XI. Verfahren verhielt es sich weit anders. Er war ein niedrer Lüstling, der Vergnügen ohne Gefühl suchte, und das Geschlecht verachtete, von dem er es erhalten wollte; seine Geliebten waren von niederm Stande, zu gering, um mit dem erhabnen, obwohl schuldigen Charakter der Agnes Sorel verglichen zu werden, wie Ludwig selbst gering gegen seinen heldenmüthigen Vater war, der Frankreich von dem englischen Joche befreite. Ebenso zeigte Ludwig, indem er seine Günstlinge und Minister aus der Hefe des Volkes wählte, die geringe Achtung, die er hoher Stellung und edler Geburt zollte; und obwohl dies nicht allein zu entschuldigen, sondern sogar verdienstlich zu nennen sein konnte, wo des Fürsten Befehl verborgnes Talent an's Licht zog, oder bescheidnen Werth anerkannte, so war davon doch weit verschieden, wenn Ludwig zu seiner Lieblingsgesellschaft dergleichen Männer erkor, wie Tristan l'Hermite, den Chef seines Marschallsitzes oder seiner Polizei; und es ist offenbar, daß ein solcher Fürst nicht mehr sein konnte, als, wie sein Nachfolger Franz passend von sich sagte, »der erste Edelmann in seinem Reiche«.
Auch waren Ludwig's Reden und Handlungen, im Privatleben sowohl, als öffentlich, nicht von der Art, daß sie so grobe Verletzungen gegen den Charakter eines Mannes von Ehre hätten gut machen können. Sein Wort, was doch allgemein als das Heiligste am Charakter eines Mannes, und dessen geringste Verletzung im Gesetzbuch der Ehre als Hauptverbrechen gilt, ward oft gewissenlos bei der geringsten Gelegenheit gebrochen, und zwar oft in Begleitung der ungeheuersten Verbrechen. Wenn er seine eigenen, persönlichen Schwüre brach, so machte er auch mit den in öffentlichen Angelegenheiten geleisteten nicht mehr Umstände. Daß er eine gemeine Person als Herold verkleidet an Eduard IV. sandte, war in jenen Tagen, wo Herolde als heilige Bewahrer der öffentlichen und nationalen Treu' und Wahrheit galten, ein kühner Betrug, dessen sich Wenige außer diesem gewissenlosen Fürsten würden schuldig gemacht haben.
Kurz, die Manieren, Gedanken und Handlungen Ludwig's XI. standen ganz im Widerspruche mit den Grundsätzen der Chevalerie, und sein kaustischer Witz war ganz dazu geeignet, ein System lächerlich zu machen, dessen Grundlage ihm ganz absurd erschien, da es sich darauf gründete, Mühe, Geschick und Zeit zu opfern, um Zwecke zu erreichen, welche, der Natur der Dinge nach, keinen persönlichen Vortheil gewähren konnten.
Es ist mehr als wahrscheinlich, daß Ludwig, indem er so fast offenbar die Bande der Religion, Ehre und Moral, durch welche die Menschheit sich zu edlerem Gefühl begeistert, verläugnete, große Vortheile in seinen Unternehmungen mit Andern zu erlangen suchte, welche sich selber für gebunden halten mußten, während er sich völlig frei bewegte. Aber die Vorsehung scheint stets das Vorhandensein ungewöhnlicher Gefahr mit einem Umstande zu verbinden, der diejenigen, die der Gefahr ausgesetzt sind, ihrem Schutze anheim gibt. Das beständige Mißtrauen bei einer öffentlichen Person, welche wegen Eidbruch übel berühmt ist, wird für sie dasselbe, was das Klappern für die giftige Schlange; und die Menschen beginnen dann zu erwägen und zu beobachten, nicht sowohl was ihr Gegner sagt, als das, was er etwa thun mag; ein Grad des Mißtrauens, der mehr dazu dient, die Intriguen solcher treulosen Menschen zu hintertreiben, als ihnen die Freiheit von allen Gewissensscrupeln Vortheil gewähren kann. Das Beispiel Ludwig's XI. erregte mehr Mißfallen und Argwohn, als Lust zur Nachahmung unter den andern Völkern Europa's, und der Umstand, daß er mehr als einen seiner Zeitgenossen überlistete, verursachte, daß die Uebrigen auf ihrer Hut waren. Selbst das System der Chevalerie, obwohl bei weitem nicht so allgemein ausgebreitet, wie früher, überlebte die Herrschaft dieses schamlosen Monarchen, der so viel that, seinen Glanz zu verdunkeln, und lange nach dem Tode Ludwig's XI. begeisterte es den Ritter ohne Furcht und Tadel und den tapfern Franz I.
Obwohl nun die Regierung Ludwig's in politischer Hinsicht zum Theil so erfolgreich war, wie er nur selbst hätte wünschen können, so dürfte doch das Schauspiel seines Todtenbettes eine Warnung vor der Verführung seines Beispiels sein. Argwöhnisch gegen Jeden, aber vorzüglich gegen seinen eigenen Sohn, vergrub er sich in sein Schloß Plessis, indem er seine Person ausschließlich der zweifelhaften Treue seiner schottischen Miethlinge vertraute. Er verließ sein Zimmer nie, Keinen ließ er darin vor sich, und ermüdete den Himmel und alle Heiligen nur immer mit Bitten, nicht um die Vergebung seiner Sünden, sondern um die Verlängerung seines Lebens. Mit einer geistigen Schwachheit, die gänzlich mit seinem weltlichen Scharfblick im Widerspruch stand, nahm er seine Aerzte so eifrig in Anspruch, bis sie seiner spotteten und ihn plünderten. In seiner höchsten Sehnsucht nach Leben sandte er nach Italien, wegen vermeintlicher Reliquien, und ließ, was noch außerordentlicher, einen unwissenden, wahnwitzigen Bauer herbeiholen, der sich, wahrscheinlich aus Faulheit, in eine Höhle geschlossen und dem Genuß von Fleisch, Fischen, Eiern und Milchspeisen entsagt hatte. Diesen Mann, der nicht die geringste Bildung besaß, verehrte Ludwig, als wäre er der Papst selber gewesen, und gründete, um sein Wohlwollen zu gewinnen, zwei Klöster.
Ein Hauptzug bei dieser abergläubischen Richtung war, daß leibliche Gesundheit und irdische Glückseligkeit sein einziges Ziel zu sein schien. Es war streng verboten, seiner Sünden zu erwähnen, wenn vom Zustande seiner Gesundheit die Rede war; und als auf seinen Befehl ein Priester ein Gebet an St. Eutropius hersagte, worin er des Königs Wohlfahrt, beides an Leib und Seele, anempfahl, so hieß Ludwig ihn die beiden letzten Worte weglassen, indem er sagte, es sei nicht thunlich, den gebenedeiten Heiligen durch zu viel Bitten auf einmal zu belästigen. Vielleicht glaubte er, wenn von seinen Verbrechen geschwiegen würde, möchten die himmlischen Patrone, die er um Hülfe für seinen Leib anrief, jene vergessen.
So groß waren die wohlverdienten Qualen des Sterbelagers dieses Tyrannen, daß Philipp von Comines eine genaue Vergleichung zwischen ihnen und den zahllosen Grausamkeiten anstellt, die auf seinen Befehl an Andern vollzogen wurden; und indem er beides erwägt, kommt er endlich zu der Meinungsäußerung, daß die leiblichen Qualen und der Todeskampf, den Ludwig erduldete, von der Art waren, daß sie seine begangenen Verbrechen ausgleichen mochten, und daß er, nach einem gehörigen Aufenthalt im Fegfeuer, in Gnaden würdig erfunden werden könne, in die höhern Regionen zu gelangen.
Auch Fénelon hat ein Zeugniß von diesem Fürsten hinterlassen, dessen Lebens- und Regierungsweise er in folgender merkwürdigen Stelle beschreibt:
» Pygmalion, tourmenté par une soif insatiable des richesses, se rend de plus en plus misérable et odieux à ses sujets. C'est un crime à Tyr que d'avoir de grands biens; l'avarice le rend défiant, soupçonneux, cruel; il persécute les riches, et il craint les pauvres.
» C'est un crime encore plus grand à Tyr d'avoir de la vertu; car Pygmalion suppose que les bons ne peuvent souffrir ses injustices et ses infamies; la vertu le condamne, il s'aigrit et s'irrite contre elle. Tout l'agite, l'inquiète, le ronge; il a peur de son ombre; il ne dort ni nuit ni jour; les Dieux, pour le confondre, l'accablent de trésors dont il n'ose jouir. Ce qu'il cherche pour être heureux est précisément ce qui l'empêche de l'être. Il regrette tout ce qu'il donne, et craint toujours de perdre; il se tourmente pour gagner.
» On ne le voit presque jamais; il est seul, triste, abattu, au fond de son palais: ses amis mêmes n'osent l'aborder, de peur de lui devenir suspects. Une garde terrible tient toujours des épées nues et des piques levées autour de sa maison. Trente chambres qui communiquent les unes aux autres, et dont chacune a une porte de fer avec six gros verroux, sont le lieu où il renferme; on ne sait jamais dans laquelle de ces chambres il couche; et on assure qu'il ne couche jamais deux nuits de suite dans la même, de peur d'y être égorgé. Il ne connoît ni les doux plaisirs, ni l'amitié encore plus douce. Si on lui parle de chercher la joie, il sent qu'elle fuit loin de lui, et qu'elle refuse d'entrer dans son coeur. Ses yeux creux sont pleins d'un feu âpre et farouche; ils sont sans cesse errans de tous côtés; il prête l'oreille au moindre bruit, et se sent tout ému; il est pâle, défait, et les noirs soucis sont peints sur son visage toujours ridé. Il se tait, il soupire, il tire de son coeur de profonds gémissemens, il ne peut cacher les remords qui déchirent ses entrailles. Les mets le plus exquis le dégoûtent. Ses enfans, loin d'être son espérance, sont le sujet de sa terreur: il en a fait ses plus dangereux ennemis. Il n'a eu toute sa vie aucum moment d'assuré: il ne se conserve qu'à force de répandre le sang de tous ceux qu'il craint. Insensé, qui ne voit pas que la cruauté, à laquelle il se confie, le fera périr! Quelqu'un de ses domestiques, aussi défiant que lui, se hâtera de délivrer le monde de ce monstre.«
Das lehrreiche, aber schreckliche Schauspiel der Leiden dieses Tyrannen ward zuletzt durch den Tod geendet, am 30. August 1485.
Die Wahl dieser merkwürdigen Persönlichkeit zum Hauptcharakter für den Roman – denn man wird leicht begreifen, daß der kleine Liebeshandel Quentin's nur als Mittel benutzt ist – gewährte dem Verfasser zugleich viele Erleichterung. Ganz Europa war während des fünfzehnten Jahrhunderts so vielfach und aus so verschiedenen Gründen im Zwiespalt, daß es eine ganze Abhandlung erfordert haben dürfte, um den englischen Leser gehörig vorzubereiten, daß ihm die Möglichkeit der seltsamen Scenen, die ihm vorgeführt werden, deutlich sein könnte.
Zu Ludwig's XI. Zeit herrschte außerordentliche Aufregung durch ganz Europa. Englands Bürgerkriege waren, mehr dem Scheine nach, als in Wirklichkeit, durch das kurz währende Uebergewicht des Hauses York geendet. Die Schweiz befestigte sich die Freiheit, die sie später so tapfer vertheidigte. Im deutschen Kaiserreich und in Frankreich strebten die großen Kronvasallen, sich von ihren Oberherren frei zu machen, während Karl von Burgund durch Gewalt, und Ludwig listiger durch indirekte Mittel sich mühten, jene ihrer Oberherrschaft zu unterwerfen. Während Ludwig mit der einen Hand seine eigenen rebellischen Vasallen überlistete und unterwarf, arbeitete er insgeheim mit der andern daran, die reichen Handelsstädte Flanderns zu unterstützen und aufzumuntern, gegen den Herzog von Burgund zu rebelliren, wozu ihr Reichthum und ihre Reizbarkeit sie leicht geneigt machten. In den waldigem Distrikten Flanderns legte der Herzog von Geldern und Wilhelm von der Mark, wegen seiner Rauheit der wilde Eber der Ardennen genannt, die Gewohnheiten der Ritter und Edelleute ab, um die Gewaltthaten und Grausamkeiten gemeiner Banditen zu üben.
Wohl hundert geheime Verbindungen existirten in den verschiedenen Provinzen Frankreichs und Flanderns; zahlreiche Privat-Emissäre des rastlosen Ludwig, Zigeuner, Pilger, Bettler, oder Agenten als solche verkleidet, streuten aller Orten die Unzufriedenheit aus, deren Verbreitung in den Distrikten Burgunds zu seiner Politik gehörte.
Bei so großem Ueberflusse an Materialien war es schwierig, diejenigen auszuwählen, die für den Leser am verständlichsten und interessantesten wären; und der Verfasser muß daher bedauern, daß, wiewohl er sich des Rechtes, die wirkliche Geschichte fallen zu lassen, ganz frei bediente, er dennoch nicht glauben kann, seine Erzählung in eine gefällige, bündige und hinlänglich verständige Form gebracht zu haben. Die Grundlage des Ganzen ist das, was Alle, die nur eine Idee von Lehenssystem besitzen, leicht verstehen können, obwohl die Begebenheiten rein erfunden sind. Das Recht eines Lehensoberen zeigte sich in nichts allgemeiner anerkannt, als in seiner Befugniß, sich in die Heirath eines weiblichen Vasallen zu mischen. Dies mag als ein Widerspruch des bürgerlichen und kanonischen Rechts erscheinen, welche erklären, die Ehe solle frei sein, während das feudale Recht, im Fall, daß ein Lehen auf ein Weib übergeht, dem Lehensherrn die Macht zugesteht, die Wahl des Ehegenossen zu bestimmen. Man leitet dies von dem Grundsatze her, daß der Lehensherr der eigentliche Geber des Lehens war, dem stets daran liegen mußte, daß die Heirath des Vasallen nicht Jemand einführte, der dem Lehensoberen feindlich gesinnt wäre. Sodann möchte darzuthun sein, daß dies Recht, dem Vasallen in gewisser Hinsicht die Wahl des Gatten vorzuschreiben, blos dem Obern zukommt, von welchem das Lehen ursprünglich herrührt. Es ist daher keine grobe Unwahrscheinlichkeit, wenn ein Vasall Burgunds in den Schutz des Königs von Frankreich flieht, dessen Vasall der Herzog von Burgund selber war; auch verletzt es die Wahrscheinlichkeit nicht, zu versichern, daß Ludwig, gewissenlos wie er war, den Plan gemacht habe, den Flüchtling zu einem Bündnisse zu verleiten, welches nachtheilig, ja gefährlich für seinen furchtbaren Verwandten und Vasallen von Burgund werden sollte.
Ich kann noch bemerken, daß der Roman Quentin Durward, der in der Heimath eine größere Popularität als einige seiner Vorgänger erreichte, ebenfalls einen ungewöhnlichen Erfolg auf dem Kontinente hatte, wo die historischen Anspielungen noch vertrautere und bekanntere Ideen erwecken mußten.
Abbotsford, am 1. Dec. 1831.
Einleitung.
Es bedarf kaum der Bemerkung, daß alles Folgende erdichtet ist.
Und Einer, der Verlust gehabt. –
Viel Lärmen um Nichts.
Wenn der ehrliche Dogberry all' die Ansprüche zusammenrechnet und aufzählt, die er auf allgemeine Achtung hat, und die ihn, wie er meint, von der beleidigenden Benennung hätten ausnehmen sollen, die ihm von Master Gentleman Conrade gegeben ward, so ist es merkwürdig, daß er gar nicht so viel Nachdruck auf sein gefüttertes Kleid legt, (ein Gegenstand von einiger Wichtigkeit in einer gewissen ehemaligen Hauptstadt, so viel ich weiß,) oder auf den Umstand, daß er »ein so artig Stück Fleisch wie Irgendeiner in Messina sei«, oder selbst auf den entscheidenden Punkt, daß er »ein ziemlich reicher Bursch sei«, als vielmehr darauf, daß er ein Mann sei, der Verluste gehabt hat.
In der That hab' ich stets an Kindern des Glücks bemerkt, sei es nun, daß sie den vollen Glanz ihres Reichthums vor denen verbergen wollen, die das Schicksal stiefmütterlicher behandelt hat, oder daß sie glauben, sich in unglücklicher Zeit erhoben zu haben, sei so ehrenvoll für ihre Glücksumstände, als es für eine Festung ist, eine Belagerung ausgehalten zu haben – sei dem wie ihm wolle, ich habe bemerkt, daß solche Personen nie unterlassen, euch mit einer Herrechnung des Verlustes zu unterhalten, den sie durch die bösen Zeiten erlitten haben. Ihr werdet selten an einer wohlbesetzten Tafel speisen, ohne daß die Zwischenräume zwischen Champagner, Burgunder und Rheinwein, wenn euer Wirth ein Geldmann ist, mit dem Sinken der Interessen, der Schwierigkeit, die Kapitale unterzubringen, die nun müssig in seinen Händen liegen müssen; oder, wenn er ein Gutsbesitzer ist, mit schmerzlicher Aufzählung rückständiger oder verminderter Renten ausgefüllt werden. Das hat seine Wirkungen. Die Gäste seufzen und schütteln ihre Häupter im Einklange mit dem Wirth, schauen auf den silberbeladenen Nebentisch, schlürfen wiederholt die reichen Weine, die im schnellen Kreislauf ringsum fluthen, und denken an das ächte Wohlwollen, welches, obwohl beschränkt in seinen Mitteln, doch Alles, was es besitzt, der Gastfreundschaft opfert; oder, was noch schmeichelhafter ist, an den Reichthum, der, unvermindert durch Verluste, fortfährt, gleich dem unerschöpflichen Vorrathe des edeln Abulkasem, ohne Verarmung solche bedeutende Erschöpfungen auszuhalten.
Diese klagende Laune hat indeß ihre Grenzen, gleich dem auswendig gelernten Klageliede, das, wie alle kränklichen Personen wissen, eine höchst reizende Unterhaltung gewährt, so lange man sich über nichts weiter zu beklagen hat, als chronische Beschwerden. Aber ich hörte nie einen Mann, dessen Credit wirklich im Sinken begriffen war, von der Verminderung seiner Fonds plaudern; und mein freundlicher und verständiger Arzt versichert mich, es sei höchst selten, daß die, welche ein derbes Fieber oder eine ähnliche tüchtige Krankheit haben, welche
Mit tödtlicher Krisis deutlich zeige,
Ihr Leben gehe bald zur Neige,
ihre Schmerzen zum Gegenstande angenehmer Unterhaltung machen.
Nachdem ich alle diese Dinge reiflich überlegt habe, bin ich nicht länger im Stande, meinen Lesern zu verhehlen, daß ich weder so unpopulär, noch in so schlechten Glücksumständen bin, um nicht auch mein Theil an den Leiden zu haben, welche gegenwärtig die von Geldern und Ländereien Lebenden in diesen Königreichen drücken. Ihr Autoren, die ihr von Schöpsenfleisch lebt, mögt froh sein, daß das Pfund um drei Pence gefallen ist, und wenn ihr Kinder habt, mögt ihr euch gratuliren, daß das Metzenbrod für sechs Pence zu haben ist; aber wir, die wir zu dem Stamme gehören, der durch Frieden und Ueberfluß zu Grunde gerichtet wird, wir, die Aecker und Vieh besitzen und das verkaufen, was jene armen Aehrenleser einkaufen müssen: – wir werden zur Verzweiflung getrieben durch die nämlichen Ereignisse, deren wegen ganz Grubstreet seine Attiken erleuchten würde, wenn Grubstreet Lichtstümpfchen zu diesem Zwecke sparen könnte. Ich setze daher meinen Stolz darein, die Leiden zu theilen, welche allein die Reichen drücken, und unterschreibe mich mit Dogberry: »ein ziemlich reicher Bursch«, doch immer auch »einer, der Verluste gehabt hat«.
In dem nämlichen edelmüthigen Geiste des Wetteifers habe ich kürzlich mein Heil mit dem Universalmittel gegen den Geldmangel versucht, worüber ich zu klagen habe, nämlich mit einem kurzen Aufenthalt in einem südlichen Himmelsstrich, womit ich nicht nur so manche Ladung Kohlen erspart, sondern auch die Freude gehabt habe, allgemeines Mitleiden mit meinen heruntergekommenen Verhältnissen bei denjenigen zu erwecken, die, hätte ich meine Einnahme ununterbrochen bei ihnen verzehrt, sich eben nicht viel darum gekümmert haben würden, wenn ich auch aufgehangen worden wäre. Nun aber findet mein Brauer, während ich meinen vin ordinaire trinke, den Absatz seines dünnen Biers vermindert, – während ich meine Flasche zu cinq francs aussteche, hängt mein Portweinmaaß ganz still bei meinem Weinhändler, – während ich meine côtelette à la Maintenon vor mir auf der Schüssel dampfen sehe, hängt der gewaltige Schinken ruhig am Pflock im Laden meines blauschürzigen Freundes auf dem Dorfe. Mit einem Wort, man vermißt zu Hause, was ich hier verthue; und die Paar sous, die der garçon perruquier verdient, ja selbst die Brodrinde, die ich seinem kleinen glattgeschornen, rothäugigen Pudel gebe, sind autant perdu für meinen alten Freund, den Barbier, und für den ehrlichen Trusty, den Bullenbeißer im Hofe. Demnach hab' ich die Freude, überall zu gewahren, daß diejenigen meine Anwesenheit beklagen und vermissen, die mich ganz gleichgültig im Sarge würden liegen sehn, sobald sie nur bei meinen Erben ihre Rechnung fänden. Von dieser Anklage der Selbstsucht und Gleichgültigkeit nehme ich jedoch feierlich den Trusty aus, den Hofhund, dessen Freundlichkeit gegen mich, wie ich vollen Grund habe zu glauben, stets bei weitem uneigennütziger war, als die irgend eines andern, der mir beistand, die gütige Steuer des Publikums zu verzehren.
Doch ach! der Vortheil, solch allgemeines Mitgefühl zu Hause zu erwecken, kann nicht ohne bedeutende persönliche Unbequemlichkeiten erlangt werden. »Wenn du willst, ich soll weinen, so mußt du selber erst Thränen vergießen!« sagt Horaz; und wirklich muß ich mich oft selbst hart anklagen, daß ich die heimischen Bequemlichkeiten, die mir aus Gewohnheit zum Bedürfniß geworden waren, gegen Fremdes umtauschen konnte, was bloß Grille und Liebe zur Veränderung zur Mode gemacht hat. Mit Beschämung muß ich bekennen, daß mein an derbe Hauskost gewöhnter Magen sich nach den Fleischschnitten sehnt, die nach Dolly's Weise bereitet sind, heiß vom Roste weg, auswendig braun, aber schön roth, wenn sie das Messer theilt; und all' die Leckerbissen von Very's carte mit ihren tausenderlei verschiedenen Orthographien von Biffticks de mouton vermögen den Mangel nicht zu ersetzen. Dann kann auch meiner Mutter Sohn den dünnen Getränken gar keinen Geschmack abgewinnen, und ich glaube fest, daß heut' zu Tage, wo man das Malz beinah für nichts hat, ein doppelter straick von Barleycorn »das arme häusliche Geschöpf, Dünnbier«, in eine Flüssigkeit verwandelt haben muß, welche zwanzigmal das saure substanzlose Getränk übertreffen wird, welches hier mit dem ehrenvollen Namen Wein belegt ist, in der That aber seinem Gehalte und Wesen nach mit dem Seine-Wasser ganz übereinkommt. Allerdings sind die theuren Weine ziemlich gut; gegen den Château Margaux oder den Sillery hab' ich nichts; dabei denk' ich aber gleichwohl stets sehnsüchtig an die trefflichen Tugenden meines alten gesunden Portweins zurück. Ja, bis zum garçon und seinem Pudel herab, wiewohl beide recht ergötzliche Wesen sind, und tausend lustige, unterhaltende Späße treiben, lag dennoch weit mehr ächter Humor in den Augenwinken, womit unser alter Dorfzeitungsbote die Morgenneuigkeiten zu überbringen pflegte, als alle Gaukler in Antoine in einer Woche darlegen können, und eine weit humanere und hundeähnlichere Sympathie in Trusty's Schwanzwedeln, als wenn sein Nebenbuhler, Toutou, ein Jahr lang auf den Hinterbeinen stände.
Diese Zeichen der Reue kommen freilich ein wenig spät, und ich gestehe, (denn mit meinem werthen Freunde, dem Publikum, will ich ganz aufrichtig sein,) sie sind etwas beschleunigt worden durch die Bekehrung meiner Nichte Christy zu dem alten papistischen Glauben durch einen wachsamen Priester in der Nachbarschaft, so wie durch die Verheirathung meiner alten Tante Dorothee mit einem Reiterhauptmann auf halbem Sold, einem weiland Mitgliede der Ehrenlegion, der auch, wie er versichert, sicher bereits Feldmarschall geworden sein würde, hätte nur unser alter Freund Bonaparte fortgefahren zu leben und zu siegen. Was Christy betrifft, so gesteh' ich, ihr Kopf war durch die fünf Gesellschaften, denen sie in Edinburg häufig während einer Nacht beiwohnte, so sehr verdreht worden, daß ich, blieb mir auch gegen Mittel und Wege ihrer Bekehrung ein Bischen Mißtrauen, mich doch freute, daß sie an etwas Ernstes dachte; überdieß war der Schade dabei nicht groß, denn das Kloster übernahm sie aus meiner Hand gegen eine ganz erträgliche Pension. Aber sehr verschieden war die irdische Vermählung der Tante Dorothee von der himmlischen Christy's. Zum ersten gingen zweitausend zu 3 Procent jährlich für meine Familie so schnell verloren, als wenn man sie mit einem Schwamme von einer Tafel weglöschte; denn wer zum Teufel hätte denken können, daß Tante Dorothee noch heirathen würde? Wer hätte überhaupt glauben sollen, daß ein Weib mit fünfzigjähriger Erfahrung ein französisches Skelett heirathen würde, dessen untere Glieder mit den obern in einer derartigen Verbindung standen, als ob ein Paar halb ausgedehnte Zirkel so übereinander gestellt worden wären, daß die Stelle, wo sie zusammenhingen, kaum hinreichte, um den Leib zu repräsentiren? Alles übrige war Schnurrbart, Pelz und Calicohose. Sie hätte mit demselben Vermögen, welches sie dieser militärischen Vogelscheuche anheimgab, einen Pulk wirklicher Kosacken vom Jahr 1815 commandiren können. Es ließ sich jedoch nichts weiter zu der Sache sagen, besonders da sie zuletzt Rousseau zu ihrer Vertheidigung anführte – und so mag das denn auf sich beruhen.
Nachdem ich so meine Galle gegen ein Land ausgeschüttet habe, welches dem ungeachtet ein recht angenehmes Land ist, und das ich nicht tadeln kann, weil ich es aufsuchte, und nicht von ihm gesucht ward, so gehe ich nun über auf den unmittelbaren Zweck dieser Einleitung, und rechne ich, theures Publikum, nicht zu viel auf die Dauer deiner Gunst, (wie wohl, in Wahrheit, von denjenigen, die um deine Gunst buhlen, Beständigkeit und Gleichmäßigkeit des Geschmacks wenige schätzen,) so erstreckt sie sich vielleicht doch so weit, mir für den Nachtheil und Verlust Entschädigung zu gewähren, den ich dadurch erlitt, daß ich Tante Dorotheen in das Land der dicken Waden, der dünnen Knöchel, der schwarzen Schnurrbärte, der körperlosen Glieder, (denn ich kann versichern, der Bursch ist, wie mein Freund, Lord L –, sagt, eine vollkommene Elster, bloß Flügel und Bein), und der zarten Gefühle ziehen sah. Hätte sie einen tollen Hochländer von der halben Soldliste, oder einen melancholischen Sohn von Erin erkoren, so würde ich der Sache gar nicht gedacht haben; aber wie es sich nun gestaltete, war es kaum möglich, über ein solches Plündern ihrer rechtmäßigen Erben und Testamentsvollstrecker nicht einige Empfindlichkeit blicken zu lassen. Doch, »sei still, mein finstrer Geist!« und laß uns unser theures Publikum zu einem für uns angenehmeren und für andere unterhaltenderen Thema führen.
Indem ich, wie oben erwähnt, mein saures Gläschen trank und meine Cigarre rauchte, worin ich kein Neuling bin, so trank und rauchte ich mich, wie mein Publikum wissen muß, allmälig in eine gewisse Bekanntschaft mit einem homme comme il faut hinein, einem jener wenigen schönen alten Exemplare des Adels, die sich noch immer in Frankreich finden; die, gleich verstümmelten Statuen einer veralteten, längst verschwundenen Religionsweise, doch immer eine gewisse Verehrung und Achtung auch noch bei denjenigen erregen, die sonst weder das Eine noch das Andere freiwillig zu leisten gewohnt sind.
Während ich das Kaffeehaus des Dorfes besuchte, fiel mir zuerst die besondere Würde und Gravität im Benehmen dieses Herrn auf, seine Anhänglichkeit an Schuhe und Strümpfe, indeß er Halbstiefeln und Pantalons verachtete; sodann das croix de St. Louis im Knopfloche, und eine kleine weiße Kokarde an der Agraffe seines altmodischen Hutes. Etwas höchst Interessantes lag in seiner Erscheinung; seine ernste Haltung mitten unter der lebhaften lustigen Gruppe ringsum glich dem Schatten eines Baumes in sonniger Landschaft, um so anziehender, je seltener. Ich kam so schnell in seiner nähern Bekanntschaft vorwärts, als es die Umstände des Ortes und die Landessitte gestatteten, d. h. ich rückte näher an ihn heran, rauchte meine Cigarre in ruhigen und ununterbrochenen Zügen, welche kaum sichtbar waren, und richtete die wenigen Fragen an ihn, die eine gute Erziehung aller Orten, vorzüglich aber in Frankreich, dem Fremden gestattet, ohne daß er deßhalb fürchten muß, für zudringlich gehalten zu werden. Der Marquis von Hautlieu, denn dies war sein Rang, war so kurz und sententiös, als die französische Höflichkeit erlaubte, er beantwortete jede Frage, ohne selbst eine neue zu thun, und ermunterte nicht zu weiterem Nachforschen.
Die Ursache hievon war, daß der Marquis, der überhaupt schon nicht sehr zugänglich für Fremde irgend eines Volks, selbst nicht für Unbekannte seiner eigenen Nation war, eine besondere Scheu gegen Engländer blicken ließ. Ein Rest von altem Nationalvorurtheil mochte der Grund dieser Gesinnung sein, oder sie entsprang vielleicht auch aus dem Gedanken, daß die Engländer ein hochmüthiges, geldstolzes Volk seien, welchem Rang, verbunden mit beschränkten Vermögensumständen, nur ein Gegenstand der Verachtung oder des Mitleids sein könnte; oder wenn er endlich vielleicht an gewisse neue Ereignisse dachte, so mochte er sich auch wohl durch das nämliche Glück gekränkt fühlen, welches seinem Herrn den Thron und ihm selbst ein verringertes Eigenthum und ein zerstörtes château wiedergegeben hatte. Sein Mißbehagen zeigte sich jedoch nie auf thätlichere Weise, als durch die Entfernung aus englischer Gesellschaft. Nahmen die Angelegenheiten eines Fremden seinen Einfluß zu ihrem Besten in Anspruch, so bewilligte er die Verwendung desselben immer mit der Höflichkeit eines französischen Edelmanns, der da weiß, was er sich selbst und der nationalen Gastfreundschaft schuldig ist.
Endlich machte der Marquis zufällig die Entdeckung, daß der neue Gast an seinem gewohnten Orte ein Schotte von Geburt sei, ein Umstand, der bedeutend zu meinen Gunsten sprach. Verschiedene seiner eigenen Vorfahren waren, wie er mich belehrte, schottischer Abkunft gewesen, und er glaubte, sein Haus habe noch einige Verwandte in der Provinz Hanguisse jenes Landes, wie er sie zu nennen pflegte. Die Verwandtschaft war schon früh im letzten Jahrhunderte von beiden Seiten anerkannt worden, und er war während seiner Verbannung (denn vermuthlich hatte der Marquis unter Condé's Truppen gedient, und alles Mißgeschick und Elend der Auswanderung getheilt) einmal beinah entschlossen gewesen, den Schutz und die Bekanntschaft seiner schottischen Freunde in Anspruch zu nehmen. Alles erwogen jedoch, sagte er, hab' er sich ihnen unmöglich in Umständen zeigen können, die gar nicht empfehlend waren, und von denen sie sich eine kleine Bürde, ja wohl gar einigen Schaden hätten vermuthen müssen; deßhalb habe ihm das Beste geschienen, der Vorsehung zu vertrauen, und so viel möglich selbst für sein Fortkommen zu sorgen. Worin dieß eigentlich bestand, konnt' ich nicht erfahren; doch sicher war es nichts, was der Ehre des trefflichen alten Mannes hätte nachtheilig sein können, der fest an seinen Meinungen und seiner Rechtlichkeit hielt, trotz gutem oder schlechtem Rufe, bis ihn endlich die Zeit arm, alt und gebrochenen Muthes dem Lande wiedergab, das er jugendfrisch und gesund verlassen hatte, während er nun altersschwach war, und die Stimmung des Hasses vergessen hatte, der einst schnelle Rache an denen versprach, die ihn vertrieben hatten. Manche Punkte im Charakter des Marquis würde ich belacht haben, seine Vorurtheile, besonders was Geburt und Politik betraf, wofern ich ihn unter glücklichern Verhältnissen kennen gelernt hätte; in der Lage jedoch, worin er sich jetzt befand, würde Jedermann, und wären seine Vorurtheile, die wenigstens nicht unedlen, eigennützigen Ursprungs waren, auch nicht eben gut und ehrenhaft gewesen, ihn grade so haben achten müssen, wie wir den Bekenner oder Märtyrer einer Religion achten, obwohl sie nicht ganz die unsere ist.
Allmählig wurden wir gute Freunde, tranken unsern Kaffee, rauchten unsre Cigarren, und nahmen unsern bavaroise zusammen ein, und zwar sechs Wochen lang, ohne besondere Unterbrechung oder Abhaltung von beiden Seiten. Nachdem ich mit einiger Schwierigkeit den Schlüssel zu seinen Nachforschungen in Bezug auf Schottland durch die glückliche Conjectur erhalten hatte, daß die Provinz Hanguisse nichts anders sein möge, als unser Angusshire, so war ich im Stande, fast all' seine Fragen in Hinsicht seiner dortigen Verwandten auf mehr oder weniger genügende Weise zu beantworten, und ich war höchlich erstaunt, als ich entdeckte, der Marquis sei in der Genealogie einiger der vorzüglichsten Familien des Landes weit besser zu Hause, als ich es möglicherweise hätte erwarten können.
Seinerseits fand er sich so befriedigt durch unsere Unterhaltung, daß er sich endlich zu dem großen Entschlusse erhob, mich zum Essen nach Château de Hautlieu einzuladen, welches diesen Namen ganz mit Recht führte, da es auf einer der Anhöhen lag, welche die Ufer der Loire beherrschen. Dieses Gebäude lag etwa drei Meilen von der Stadt, wo ich mich einstweilen häuslich eingerichtet hatte, und als ich es zum ersten Male erblickte, konnte ich das Gefühl der Kränkung leicht vergeben, welches der Eigenthümer blicken ließ, als er in dem Asyl einen Gast empfangen mußte, welches er aus den Trümmern des Palastes seiner Ahnen erbaut hatte. Nach und nach jedoch bereitete er mich mit großer Heiterkeit, die indeß offenbar ein tieferes Gefühl verhüllte, auf die Beschaffenheit des Ortes vor, den ich zu besuchen jetzt im Begriff stand, und dazu hatte er auch genug Zeit und Gelegenheit, da er mich in seinem kleinen Cabriolet, von einem starken, schwerfälligen normännischen Hengst gezogen, nach dem alten Gebäude hinfuhr.
Die Reste desselben liefen entlang einer schönen Terrasse, die sich über die Loire erhob, und früher mit Treppen versehen gewesen war, reich verziert mit Statuen, in Felsen gearbeiteten Ornamenten und dergleichen künstlichen Verschönerungen, die sich stufenweise bis hinab an das Ufer des Flusses gezogen hatten. Diese ganze architektonische Verzierung, verbunden mit reichen Blumenparterren und fremdländischen Gesträuchen, hatte schon seit manchem Jahre den nutzbarern Arbeiten des Winzers Platz machen müssen; jene Reste aber, zu fest, um leicht zerstört zu werden, waren noch sichtbar, und lieferten, sammt den manchfachen kunstvollen Gestaltungen des Ufers, den vollkommenen Beweis, wie trefflich hier die Kunst zur Verschönerung der Natur angewendet worden war.
Wenige dieser Partien sind noch jetzt im vollkommenen Zustande; denn die Wandelbarkeit der Mode hat in England die gänzliche Umwandlung vollendet, welche Zerstörungssucht und Volkswuth in den französischen Lustgärten erzeugte. Was mich anlangt, bin ich sehr geneigt, die Meinung eines der besten Richter S. Price's »Abhandlung vom Malerischen«, an vielen Stellen; gern theilte ich hier die schöne, dichterische Schilderung mit, die er von seinen eigenen Gefühlen gibt, als auf Befehl eines Verschönerers ein alter Garten mit seinen Buchsbaumhecken, verzierten Eisengittern und seiner einsamen Wildniß zerstört werden mußte. unserer Zeit zu unterschreiben, welcher glaubt, wir haben unsern Geschmack für das Einfache übertrieben, und es erfordere die Nähe eines stattlichen Wohnhauses einige reichere Verzierungen, als die magern Gras- und Rasenplätze gewähren können. Eine höchst romantische Lage kann vielleicht gerade durch den Versuch, dergleichen architektonische Verzierungen anzuwenden, verdorben werden: aber bei weitem die größere Anzahl der Oertlichkeiten ist von der Art, daß die Anwendung von mehr architektonischen Zierrathen, als jetzt gewöhnlich sind, von nöthen scheint, um die nackte Zahmheit eines großen Hauses auszugleichen, welches mitten in eine Ebene hingestellt ist, wo es, ringsum ohne alle Verbindung, nicht anders aussieht, als ob es aus der Stadt spazieren gegangen wäre.
Wie der Geschmack so plötzlich und entschieden wechseln konnte, ist freilich ein anderer Umstand, wofern wir ihn nicht nach derselben Weise erklären wollen, nach welcher die drei Freunde des Vaters in Molière's Lustspiel eine Kur für die Melancholie seiner Tochter vorschlagen, – daß er nämlich das Zimmer derselben schmücken solle mit Gemälden, oder mit Tapeten, oder mit Porzellan, je nach den verschiedenen Dingen, womit jeder dieser Freunde Handel trieb. Verfolgen wir diesen Weg, so werden wir vielleicht entdecken, daß vor Alters der Baukünstler auch die Gärten und Lustanlagen in der Nachbarschaft des Hauses anzulegen hatte; und daß er, natürlich genug, hier seine eigene Kunst in Statuen und Vasen, in gepflasterten Terrassen und freien Treppen mit verzierten Balustraden entfaltete; während der Gärtner, dem Range nach tiefer stehend, das Pflanzenreich mit dem herrschenden Geschmacke in Einklang zu bringen suchte, und seine immergrünen Sträucher zu blühenden Wänden, Thürmen und dergleichen, verschnitt, so wie die einzelnen Bäume zur Form von Statuen. Aber seitdem ist es umgekehrt geworden, so daß der Landschaftsgärtner, wie man ihn nennt, mit dem Architekten fast auf gleicher Stufe steht; und daher wird nun auch ein ziemlich liberaler Gebrauch von Spaten und Spitzhacke gemacht, und man verwandelt die prahlerischen Arbeiten des Architekten in eine ferme ornée, so wenig verschieden von der Einfachheit der Natur, die sich in der umgebenden Landschaft zeigt, als es die Bequemlichkeit geeigneter und reinlicher Spaziergänge, die es in der Nähe der Wohnung eines Gentleman durchaus geben muß, möglicherweise mit sich bringt.
Um von dieser Abschweifung zurückzukehren, welche dem Cabriolet des Marquis (seine Beweglichkeit wurde beträchtlich gehemmt durch die niederwärts drückende Wucht von Jean Roast-Beef, die das normännische Pferd vermuthlich eben so herzlich verwünschte, wie seine Landsleute vor Alters die stumpfsinnige Fettigkeit eines sächsischen Sklaven verfluchen mochten) Zeit gab, auf einem gekrümmten Fahrwege, der jetzt sehr im Verfall war, den Hügel hinan zu steigen, so bekam man nun eine lange Reihe dachloser Gebäude zu Gesichte, in Verbindung stehend mit dem westlichen Ende des Schlosses, welches gänzlich verfallen war. »Ich sollte,« sagte er, »vor Ihnen, als einem Engländer, wohl den Geschmack meiner Vorfahren entschuldigen, die diese Reihe von Ställen mit der Architektur des Schlosses in Verbindung gesetzt haben. Ich weiß, in Ihrem Vaterlande ist es üblich, diese etwas entfernt zu halten; aber meine Vorfahren besaßen eine erbliche Vorliebe für die Pferde, und besuchten sie gern häufiger, als passend gewesen wäre, wenn sie sich in größerer Entfernung befunden hätten. Vor der Revolution hatte ich dreißig schöne Pferde in dieser ruinirten Reihe von Gebäuden.«
Diese Erinnerung an die entschwundene Herrlichkeit entschlüpfte ihm nur zufällig, denn er war im Allgemeinen sparsam mit Anspielungen auf den frühern Reichthum. Es war schnell gesagt, ohne weder nach einer auf einstigen Wohlstand gelegten Bedeutsamkeit zu streben, noch um Mitleid mit dem Wegfall desselben zu verlangen. Indeß erweckte sie doch unangenehme Betrachtungen, und wir schwiegen beide, bis aus einer theilweis reparirten Ecke der ehemaligen Pförtnerwohnung eine lebhafte französische paysanne, mit Augen schwarz wie Agat, und glänzend wie Diamant, mit einem Lächeln hervortrat, welches eine Reihe von Zähnen zeigte, die Herzoginnen beneidet haben würden, und die Zügel des kleinen Fuhrwerks ergriff.
»Madelon muß heute den Bedienten vorstellen,« sagte der Marquis, nachdem er die tiefe Verbeugung, die Jene Monsieur gemacht, durch ein gnädiges Nicken erwidert hatte, – »denn ihr Mann ist zu Markte gegangen, und was La Jeunesse betrifft, so ist der durch seine verschiedenen Beschäftigungen in Anspruch genommen; Madelon,« fuhr er fort, als wir unter den Bogen des Eingangs traten, mit den verstümmelten Wappen der frühern Besitzer gekrönt, die jetzt durch Moos und Grashalme halb unkenntlich geworden, der verhüllenden Zweige von mancherlei Buschwerk nicht zu gedenken, – »Madelon,« fuhr er fort, »war meines Weibes Pflegetochter, und ward zum Kammermädchen meiner Tochter erzogen.«
Dieser beiläufige Wink, daß er Wittwer und kinderloser Vater sei, erhöhte meine Achtung gegen den unglücklichen Edelmann, dem jeder mit seiner gegenwärtigen Lage zusammenhängende Umstand ohne Zweifel seinen eigenen Antheil von Nahrung für seine melancholischen Betrachtungen lieh. Nach einer augenblicklichen Pause fuhr er in etwas heitererm Tone fort: »Sie werden sich an meinem armen La Jeunesse ergötzen,« sagte er, »der, beiläufig bemerkt, zehn Jahre älter ist als ich« (der Marquis ist über sechzig), »er erinnert mich an den Schauspieler in dem roman comique, der ein ganzes Stück mit seiner eigenen Person spielte – er beharrt dabei, maître d'hôtel, maître de cuisine, valet-de-chambre zu sein, eine ganze Suite von Bedienten in seiner eigenen armen Person. Oft erinnert er mich auch an einen Charakter in the Bridle of Lammermore, was Sie gelesen haben müssen, da es das Werk eines von Ihren gens de lettres ist, qu'on apelle, je crois, le Chevalier Scott.«
»Sie meinen wahrscheinlich Sir Walter?«
»Ja, denselben, denselben!« antwortete der Marquis.
Wir waren nun von den schmerzlichem Erinnerungen abgelenkt; denn ich vermochte meinen französischen Freund bei zwei besondern Umständen festzuhalten. Mit dem ersten hatte ich keine Schwierigkeit, denn obwohl dem Marquis das Englische nicht gefiel, meinte er doch, weil er drei Monate in London gewesen war, die verwickeltsten Schwierigkeiten unserer Sprache zu verstehen, und berief sich auf jedes Wörterbuch, von Florio abwärts, indem er behauptete, Bride sei einerlei mit Bridle. Ja er war in diesem philologischen Streitpunkte so schwer zu überzeugen, daß, als ich versuchte ihm anzudeuten, es komme in der ganzen Geschichte nichts von einem Zaume vor, er mit großer Fassung, und ohne Ahnung mit wem er spreche, die ganze Schuld dieses Widerspruchs auf den unglücklichen Verfasser wälzte. Ich gab mir nun wirklich Mühe, meinem Freunde, aus Gründen, die Niemand so gut wissen konnte, als ich selber, zu sagen, daß mein ausgezeichneter literarischer Landsmann, von dem ich stets mit der Achtung sprechen werde, die seine Talente verdienen, nicht für die unbedeutenden Werke verantwortlich sein könnte, die ihm die Laune des Publikums allzu großmüthig, und ebenso zu rasch, zugeschrieben habe. Von dem Antriebe des Augenblicks hingerissen, hätte ich leicht noch weiter gehen können, indem ich die negative durch die positive Versicherung bekräftigt, und meinem Wirthe gestanden hätte, daß möglicherweise Niemand anders diese Werke geschrieben haben könne, da ich selber der Verfasser sei; aber da ward ich von einer so voreiligen Selbstverurtheilung durch die ruhige Entgegnung des Marquis befreit, daß er froh sei, zu hören, diese unbedeutenden Tändeleien habe keine Person von Stande geschrieben. »Wir lesen sie,« sagte er, »wie wir die Späße eines Komödianten anhören, oder wie sich unsere Vorfahren an denen eines Hausnarren von Profession ergötzten, mit ziemlichem Vergnügen, die uns indeß schmerzlich berühren würden, wenn wir sie aus dem Munde einer Person vernehmen müßten, die bessere Ansprüche auf unsere Gesellschaft hat.«
Durch diese Erklärung hatte ich meine natürliche Behutsamkeit vollkommen wieder erlangt; und ich wurde nun so besorgt, mich selbst zu verrathen, daß ich nicht einmal wagte, meinem aristokratischen Freunde zu erklären, daß der Gentleman, den er genannt hatte, seine Berühmtheit, so viel mir bekannt, gerade denjenigen von seinen Werken zu danken habe, die sich, ohne Ungerechtigkeit, mit gereimten Romanen vergleichen lassen.
Genau genommen hatte der Marquis unter andern Vorurtheilen, auf die ich bereits hindeutete, auch einen mit Verachtung gemischten Abscheu vor jeder Art von Autorschaft, die nicht zum mindesten einen Folioband über Jurisprudenz oder Gottesgelahrtheit aufzuweisen hatte, und er blickte auf den Verfasser eines Romans, einer Novelle, eines fliegenden Gedichts oder einer Kritik in einer periodischen Schrift ebenso, wie die Menschen ein giftiges Gewürm betrachten, nämlich zugleich mit Furcht und Ekel. Der Mißbrauch der Presse, behauptete er, vorzüglich in ihren leichtern Gebieten, habe die Moralität ganz Europa's vergiftet, und gewinne allmählig nochmals einen Einfluß, der durch die Stimme des Kriegs zum Schweigen gebracht worden sei. Alle Schriftsteller, mit Ausnahme derer von dem größten und gewichtigsten Kaliber, hielt er für ergeben dieser schlechten Sache, von Rousseau und Voltaire herab bis zu Pigault le Brun und dem Verfasser schottischer Romane; und wiewohl er zugab, er lese sie pour passer le temps, so verabscheute er doch, gleich dem Knoblauch essenden Pistol, die Tendenz des Werkes, womit er beschäftigt war, ebensosehr, als er dessen Geschichte verschlang.
Indem ich diese Eigenheit bemerkte, unterdrückte ich das offene Bekenntniß, welches meine Eitelkeit im Sinne hatte, und veranlaßte den Marquis, mir noch Mehreres über das Haus seiner Vorfahren mitzutheilen. »Hier,« sagte er, »war das Theater, wo mein Vater auf besondern Befehl, den er sich verschaffte, einige der Hauptpersonen der Comédie Françoise spielen ließ, als der König und Madame Pompadour ihn mehrmals an diesem Orte besuchten; – dort mehr nach der Mitte, war die Baronshalle, wo seine Lehensgerichtsbarkeit geübt wurde, wenn Verbrecher von Seigneur oder dessen Amtmann gerichtet werden sollten; denn wir hatten, wie unsre alten schottischen Edelleute, das Recht des Galgens und Rades, oder fossa cum furca, wie es die Rechtsgelehrten nennen; – unter derselben befindet sich die Marterkammer, oder das Gemach für die Tortur; und allerdings ist es traurig, daß ein so leicht gemißbrauchtes Recht in die Hände irgend eines lebenden Wesens niedergelegt sein konnte. Doch,« setzte er mit einem Gefühl von Würde hinzu, gegründet eben auf die Grausamkeiten, die seine Vorfahren unter den vergitterten Fenstern verübt hatten, auf die er deutete, »so groß ist die Wirkung des Aberglaubens, daß die Bauern sich bis auf diesen Tag den Kerkern nicht zu nähern wagen, wo, wie es heißt, der Zorn meiner Vorfahren in früherer Zeit so viel Grausamkeit beging.«
Als wir uns den Fenstern näherten, (denn ich bezeigte einige Neugierde, diesen Aufenthalt des Schreckens zu betrachten,) so erhob sich aus dem unterirdischen Abgrund ein gellendes Gelächter, welches, wie wir bald entdeckten, von einer Gruppe spielender Kinder herrührte, welche die vernachlässigten Gewölbe zum Schauplatz eines fröhlichen Spiels, Colin-Maillard, gemacht hatten.
Der Marquis war etwas verstimmt, und nahm seine Zuflucht zu seiner Tabatière; doch, im Augenblick sich fassend, bemerkte er, dies wären Madelons Kinder, die schon vertraut mit den Schrecken der unterirdischen Höhle geworden. »Ueberdies,« fügte er hinzu, »sind diese armen Kinder nach der Periode der vermeinlichen Aufklärung geboren, die unsern Aberglauben mit unserer Religion auf einmal verjagte; dies nöthigt mich, Sie zu erinnern, daß heute ein jour maigre ist. Der Pfarrer des Kirchspiels ist außer Ihnen mein einziger Gast, und ich möchte nicht freiwillig seine Meinungen beleidigen. Ueberdies,« fuhr er männlicher und seine Zurückhaltung von sich schüttelnd, fort, »haben mich Widerwärtigkeiten andere Gedanken über diese Dinge gelehrt, als sie mich das Glück lehrte; und ich danke Gott, daß ich mich nicht schäme, zu gestehen, daß ich die Gebräuche meiner Kirche befolge.«
Ich erwiderte schnell, daß, obwohl sie sich von denen meiner eigenen unterscheiden dürften, ich doch jede mögliche Achtung für die Vorschriften jeder christlichen Gemeinde hege, in dem Gedanken, daß wir uns Alle doch an denselben Gott, nach demselben großen Grundsatze der Erlösung, wenn auch unter verschiedenen Formen, wendeten; und hätte es dem Allmächtigen nicht gefallen, diese Verschiedenheit der Verehrung zu gestatten, so würden uns unsre Gebräuche eben so bestimmt vorgeschrieben worden sein, wie sie im mosaischen Gesetz niedergelegt sind.
Der Marquis war kein Händeschüttler, aber bei dieser Gelegenheit ergriff er die meine und schüttelte sie freundlich – die einzige Art, seine Beipflichtung meiner Meinung auszudrücken, die ein eifriger Katholik bei solcher Gelegenheit sich vielleicht erlauben konnte oder durfte.
Dieser Umstand der Erklärung und Bemerkung, nebst noch andern, welche der Anblick der weiten Ruinen erregte, beschäftigte uns, während wir zwei- oder dreimal auf der langen Terrasse hin- und hergingen, und etwa eine Viertelstunde in dem gewölbten und steinernen Pavillon weilten, der mit dem Wappen des Marquis geziert war, und dessen Dach, obwohl hier und da an seiner Wölbung schadhaft, doch noch fest und dauerhaft war. »Hier,« sagte er, indem er wieder den Ton eines frühern Theils seiner Unterhaltung aufnahm, »hier sitz' ich gern, sowohl des Mittags, wenn ich Schutz vor der Hitze will, als auch des Abends, wenn die Sonnenstrahlen auf der breiten Fläche der Loire verschwimmen – hier raste ich gern, nach den Worten Ihres großen Dichters, mit dem ich, obwohl Franzose, vielleicht vertrauter bekannt bin, als die meisten Engländer, hier raste ich gern,
Showing the code of sweet and bitter fancy.«
Gegen diese abweichende Leseart einer wohlbekannten Stelle Shakespeare's hütete ich mich zu protestiren; denn ich vermuthete, Shakespeare würde in der Meinung eines so feinen Beurtheilers, wie der Marquis, wenig gewonnen haben, wenn ich gezeigt hätte, daß er nach allen Autoritäten geschrieben habe, » chewing the cud« (»die Hülse käuend«, statt des obigen, »das Buch aufschlagend süßen und bittern Träumens«). Ueberdieß hatte ich genug an unserm frühern Streite gehabt, da ich längst überzeugt bin, (aber erst zehn Jahre, nachdem ich die Edinburgher Universität verlassen hatte,) daß das Höchste der Unterhaltung nicht darauf beruht, unsre eigne bessere Kenntniß in unbedeutenden Dingen zu zeigen, sondern darauf, daß wir das Unsere erweitern, verbessern und berichtigen durch die Autorität der Andern. Ich ließ daher den Marquis nach Belieben sein »Buch aufschlagen«, und ward dadurch belohnt, daß er sich in eine gelehrte und gründliche Untersuchung über den prächtigen Styl der Architektur einließ, der während des siebzehnten Jahrhunderts in Frankreich eingeführt wurde. Mit vielem Geschmack deutete er die Vorzüge und Mängel desselben an; und als er auf Punkte kam, denen ähnlich, über die ich mich früher verbreitete, berief er sich zu ihren Gunsten auf etwas ganz Verschiedenes, welches freilich durch den Gedanken ganz damit zusammenhing. »Wer,« sagte er, »würde gern die Terrassen von Sully's Schloß zerstören, da wir sie nicht betreten können, ohne daß uns das Bild dieses Staatsmanns vor die Seele tritt, der gleich ausgezeichnet war durch strenge Rechtlichkeit, wie durch unfehlbaren Scharfblick des Geistes? Wären sie um einen Zoll schmäler, oder um eines Tones Gewicht weniger massiv, oder wären sie nur im geringsten in ihrer Form verändert, könnten sie uns dann noch die Scene seiner patriotischen Betrachtungen sein? Würde ein ganz ordinäres Lusthaus ein passender Ort für den Herzog sein, wie er in seinem Lehnstuhle sitzt, und seine Gemahlin auf einem Tabouret – von dort aus Lehren des Muthes und der Treue ihren Söhnen, der Bescheidenheit und Demuth ihren Töchtern, und beiden der strengsten Sittlichkeit ertheilend, – während der Kreis des jungen Adels aufmerksam zuhörte, die Augen fest an den Boden geheftet, stehend, weder antwortend noch sich setzend, ohne den ausdrücklichen Befehl ihres Fürsten und Obern? – Nein, mein Herr,« sagte er mit Begeisterung; »zerstören Sie den Pavillon, worin diese erbauliche Familienscene vorging, und Sie nehmen dem Betrachtenden die Wahrscheinlichkeit, die Glaubwürdigkeit der ganzen Vorstellung. Oder können Sie sich diesen ausgezeichneten Pair und Patrioten in einem englischen Garten wandelnd vorstellen? Ei, eben so gut könnten Sie ihn sich in einem blauen Frack und weißer Weste denken, statt seines Henry-quatre-Kleides und seines chapeau à plumes: – bedenken Sie, wie er sich könnte bewegt haben, in dem gekrümmten Labyrinth einer ferme ornée, wie Sie sie nannten, mit seinem gewöhnlichen Gefolge von zwei Reihen Schweizergarde, die ihm voranschritten und in gleicher Anzahl folgten. Wollen Sie sich seine Gestalt vorstellen, mit seinem Barte – haut-de-chausses à canon, mit dem Ueberrocke mit zehntausend aiguillettes und Schleifen, Sie werden es nicht können, wenn Sie ihn in einen englischen Garten denken, ohne daß Ihnen dann das Bild in Ihrer Phantasie als das eines alten verrückten Mannes erschiene, den die Grille befallen hat, sich wie ein Ur-urgroßvater zu kleiden, und den eine Abtheilung Gensdarmen nach dem Hôpital de Fous führt. Aber betrachten Sie die lange und prächtige Terrasse, wenn sie noch vorhanden ist, die der redliche und exaltirte Sully gewöhnlich zweimal des Tags zum Schauplatz eines einsamen Spazierganges zu machen gewohnt war, während er die patriotischen Pläne erwog, die er zur Erhöhung von Frankreichs Ruhme nährte, oder in der spätern und sorgenvollern Zeit seines Lebens, wie er über dem Andenken an seinen ermordeten Herrn brütete, und über dem Schicksal seines zerrütteten Vaterlandes; denken Sie dazu den Hintergrund von Arkaden, Vasen, Statuen, Urnen, und was immer die Nähe eines herzoglichen Palastes andeuten kann, und die Landschaft bekommt auf einmal innern Einklang. Die factionnaires mit ihren Arkebussen, an den Enden des langen und ebenen Ganges stehend, zeigen die Gegenwart des Lehensfürsten an; noch deutlicher wird dieser indeß angezeigt durch die Ehrengarde, die ihm Vortritt und nachfolgt, die Hellebarden aufrecht haltend, die Mienen ernst und kriegerisch, als ständen sie einem Feind gegenüber, doch von demselben Geiste, wie ihr fürstlicher Gebieter, beseelt, – genau ihren Schritt nach dem seinigen messend, gehend, wenn er geht, haltend, wenn er hält, und ihren Gang auch nach den kleinsten Unregelmäßigkeiten des Stillstehens und Vorwärtsgehens, wie es seine Gedankenbewegung mit sich brachte, bequemend, und sich mit militärischer Präcision vor und hinter ihm schwenkend, der als Mittelpunkt und belebendes Princip ihrer bewaffneten Reihen erschien, wie das Herz dem menschlichen Körper Leben und Kraft gibt. Oder, wenn Sie lächeln,« fügte der Marquis hinzu, indem er zweifelnd meine Miene beobachtete, »wenn Sie zu einer Promenade lächeln, die mit der leichten Freiheit moderner Sitten so wenig überein stimmt, könnten Sie wohl die andere Terrasse zerstören, welche so oft von der bezaubernden Marquise von Sévigné betreten ward, woran sich so viele Erinnerungen knüpfen, die mit Stellen in ihren reizenden Briefen zusammenhängen?«
Ziemlich ermüdet von dieser Abhandlung, wobei der Marquis gewiß deßhalb so lange weilte, um die Naturschönheiten seiner eigenen Terrasse zu erheben, die, obgleich sie so verfallen war, doch keiner so förmlichen Empfehlung bedurfte, berichtete ich meinem Begleiter, daß ich von England eben das Tagebuch einer Reise nach dem südlichen Frankreich, unternommen von einem jungen Freunde aus Oxford, einem Dichter, Zeichner und Gelehrten, erhalten hätte, worin er eine so lebendige und interessante Beschreibung des Schlosses Grignan, des Aufenthalts der beliebten Tochter der Madame Sévigné und häufig auch ihres eigenen Wohnorts, gebe, daß sich wohl Niemand, der das Buch gelesen, vierzig Meilen in der Runde befinden werde, ohne eine Wallfahrt nach diesem Orte zu unternehmen. Der Marquis lächelte, schien sehr erfreut, und fragte endlich nach dem Titel des fraglichen Werkes; dann schrieb er den Titel, wie ich dictirte, auf: » An Itinerary of Provence and the Rhone, made during the year 1819; by John Hughes, A. M., of Oriel College, Oxford,« – und bemerkte, er könne jetzt keine Bücher für das Schloß kaufen, wolle aber diese »Reise« der Bibliothek empfehlen, bei welcher er in der benachbarten Stadt abonnirt war. »Und hier,« sagte er, »kommt ja der Pfarrer, um uns von weitern Abhandlungen zu erlösen; auch sehe ich den La Jeunesse um den alten Säulengang schleichen, in der Absicht, die Tafelglocke zu läuten – eine sehr unnöthige Ceremonie bei drei Personen, deren Vergessen aber des alten Mannes Herz brechen würde. Nehmen Sie jetzt keine Notiz von ihm, da er die niedern Dienste des Hauses incognito zu verrichten wünscht. Wenn die Glocke ausgetönt hat, so wird er in der Eigenschaft eines Majordomo vor uns auftreten.«
Während der Marquis sprach, hatten wir uns dem östlichen Ende des Schlosses genähert, welches der einzige noch bewohnbare Theil des Gebäudes war.
»Die Bande noire,« sagte der Marquis, »als sie den Rest des Hauses zertrümmerte, um das Blei, Holz und andere Materialien zu erhalten, hat mir bei ihrer Verwüstung den unbeabsichtigten Gefallen erwiesen, das Haus in solche Dimensionen zu bringen, die für die Umstände des Besitzers weit besser passen. Es ist immer noch genug Laub für die Raupe da, ihre Puppe hinein zu wickeln, und was kümmert es sie, daß der Rest des Busches von Gewürm weggefressen ist?«
Während er so sprach, erreichten wir das Thor, wo La Jeunesse erschien, mit einer Miene, die zugleich Dienstbereitwilligkeit und tiefe Achtung ausdrückte, und einem Gesicht, welches, obgleich von tausend Runzeln bedeckt, bereit war, das erste freundliche Wort seines Herrn mit einem Lächeln zu beantworten, wodurch dann, trotz seines Alters und seiner Leiden, sich eine Reihe schöner, fester und weißer Zähne zeigte. Seine saubern weißen Strümpfe, die so lange gewaschen worden, bis ihre Farbe in's Gelbliche übergegangen war, – sein Zopf mit einer Rosette gebunden – die dünne graue Locke auf jeder Seite seiner magern Wangen – der perlfarbige Rock ohne Kragen – der Solitaire, das Jabot, die Handmanschetten und der chapeau-bras – alles das verkündigte, daß La Jeunesse die Ankunft eines Gastes im Schlosse als ein ungewöhnliches Ereigniß betrachtete, welchem er seinerseits durch Entfaltung von Pracht und Staat zu entsprechen habe.
Als ich den treuen, wenn auch phantastischen Diener seines Herrn betrachtete, der wahrscheinlich seine Vorurtheile so gut wie seine abgetragenen Kleider erbte, konnte ich nicht umhin, mir im Stillen die Aehnlichkeit einzugestehen, die, wie der Marquis bemerkte, zwischen ihm und meinem eigenen Caleb, dem treuen Squire des Herrn von Ravenswood stattfand. Aber ein Franzose, ein Factotum von Natur, kann sich noch weit leichter zu einer Menge von Dienstleistungen schicken, und vermag alle in eigener Person zu versehen, was der Umständlichkeit und Trägheit eines Schotten schwerer fällt. Dem Caleb an Geschicklichkeit wenn auch nicht an Eifer überlegen, schien La Jeunesse sich mit den gelegentlichen Anforderungen und Bedürfnissen zu vervielfachen, und vollbrachte seine manchfachen Geschäfte mit einer Sorgfalt und Schnelligkeit, daß andere Bedienung außer ihm weder vermißt noch gewünscht wurde.
Das Mittagsmahl vorzüglich war erlesen. Die Suppe, obwohl sie maigre genannt wurde, und die die Engländer zu verachten pflegen, war von trefflichem Geschmack, und der matelot von Hecht und Aal versöhnte mich, obwohl ich ein Schotte, mit dem letztern. Es gab auch ein Schüsselchen mit bouilli, für den Ketzer, so herrlich bereitet, daß es allen Saft behalten, und dabei doch zugleich so mürbe war, daß es nichts Delikateres geben konnte. Die potage nebst einigen andern kleinen Gerichten, war ebenfalls gut zugerichtet. Aber, was der alte Maitre d'Hotel selbst als etwas Vorzügliches pries, indem er voll Freude über meine Ueberraschung selbstgefällig lächelte, als er es auf den Tisch setzte, war ein ungeheurer Napf mit Spinat, nicht zu einer glatten Oberfläche geglättet, wie ihn unsere uneingeweihten Köche über'm Kanal anzurichten gewohnt sind, sondern zu Hügeln schwellend und zu Thälern absinkend, über die ein stattlicher Hirsch hinschwebte, verfolgt von einem Rudel Hunden und von einer edlen Schaar von Jägern zu Roß mit Hörnern und geschwungenen Peitschen – Hunde, Jäger und Hirsch, alles war von geröstetem Brod sehr kunstreich ausgeschnitten. Erfreut über das Lob, welches ich nicht unterließ diesem chef-d'oeuvre zu ertheilen, bekannte der alte Mann, daß er den besten Theil von zwei Tagen zur Vollendung desselben verwendet habe; und dazu sagte er noch, Ehre gebend, dem Ehre gebührte, daß diese glänzende Idee nicht ganz sein eigen sei, sondern daß sich Monsieur selber die Mühe gegeben habe, ihm einige bedeutende Winke deßhalb zu ertheilen, ja daß er sich sogar herabgelassen habe, ihm bei Ausführung einiger Hauptfiguren Beistand zu leisten. Der Marquis erröthete ein wenig bei dieser Erläuterung, die er lieber unterdrückt gewünscht hätte; doch gestand er, er habe mich gern mit einer Scene aus dem Volksliede meines Vaterlandes, Milady Lac, überraschen wollen. Ich antwortete, daß ein so glänzendes Gefolge eher einer großen Jagd Ludwigs XIV. gliche, als der eines armen schottischen Königs, und daß die paysage eher Fontainebleau als den Wildnissen von Callender ähnlich sei. Eine graziöse Verbeugung beantwortete dies Kompliment, und er gestand, es möchten ihm wohl Erinnerungen an die Sitten des alten französischen Hofes, als dieser im vollen Glanze, in der Phantasie vorgeschwebt haben – und so ging die Unterhaltung auf andere Gegenstände über.
Unser Dessert war köstlich – der Käse, die Früchte, der Salat, die Oliven, die cerneaux, sowie der köstliche weiße Wein, jedes war in seiner Art unbezahlbar, und der gute Marquis bemerkte mit einer Miene großer Zufriedenheit, daß sein Gast ihren Verdiensten wahrhaft Ehre mache. »Ueberhaupt,« sagte er, »es ist jedoch nur eine thörichte Schwachheit einzugestehn – doch überhaupt muß ich mich darüber freuen, daß ich noch vermag, einem Fremden eine Art von Gastfreundschaft zu bieten, mit welcher er zufrieden scheint. Glauben Sie, es ist nicht allein Stolz, der uns pauvres revenants so zurückgezogen leben, und die Pflichten der Gastfreundschaft vermeiden läßt. Es ist wahr, nur zu Viele durchwandeln die Hallen unserer Väter, mehr wie die Geister ihrer verstorbenen Eigenthümer, als wie lebende, in ihr Eigenthum wieder eingesetzte Menschen; jedoch ist es mehr in Rücksicht auf euch, als um unsere eigenen Gefühle zu schonen, daß wir die Gesellschaft unserer fremden Besucher nicht festhalten. Wir haben die Idee, eure reiche Nation sei dem Prächtigen und der grande chère vorzüglich zugethan – sowie der Behaglichkeit und dem Genusse jeder Art. Und nun sind die Mittel der Bewirthung, die uns geblieben sind, in den meisten Fällen so beschränkt, daß wir uns selbst von solchem Aufwand und solcher Ostentation gänzlich ausgeschlossen fühlen. Niemand will gern sein Bestes darbieten, wenn er nicht Grund hat, zu glauben, es werde Vergnügen machen; und da viele von euch ihre Tagbücher veröffentlichen, so würde sich der Herr Marquis wahrscheinlich nicht sehr freuen, wenn er das arme Diner, das er dem Milord Anglais bieten konnte, dem ewigen Andenken preisgegeben sähe.
Ich unterbrach den Marquis, daß, wünschte ich je, eine Nachricht von der mir hier gewordenen Bewirthung bekannt zu machen, ich dies einzig in der Absicht thun könnte, das Andenken an das beste Mittagsmahl zu bewahren, das mir in meinem Leben zu Theil geworden. Er verbeugte sich und äußerte: »entweder wiche ich sehr von dem Nationalgeschmacke ab, oder die Nachrichten davon wären sehr übertrieben. Besonders lieb war es ihm, daß ich den Werth der Besitzungen, die ihm geblieben waren, zu schätzen wisse. »Das Nützliche,« sagte er, »hat gewiß das Prächtige zu Hautlieu und anderwärts überlebt. Grotten, Statuen, seltene Sammlungen ausländischer Geräthe, Tempel und Thürme sind zu Grunde gegangen; aber der Weinberg, der potager, der Obstgarten, der étang, sind noch vorhanden;« und nochmals drückte er seine Freude darüber aus, daß die vereinten Produkte von alle dem selbst einem Britten eine erträgliche Mahlzeit bieten könnten. »Ich hoffe nur,« fuhr er fort, »Sie werden mich überzeugen, daß Ihre Complimente auch aufrichtig gemeint sind, indem sie die Gastfreundschaft des Schlosses Hautlieu so oft annehmen, als es Ihre bessern Unterhaltungen während Ihres Aufenthaltes in der Nachbarschaft erlauben.«
Ich versprach bereitwillig, eine Einladung anzunehmen, die so freundlich geboten wurde, daß es schien, als sei der Gast die Person, welche eine Verbindlichkeit auflegte.
Die Unterhaltung ging nun auf die Geschichte des Schlosses und seiner Nachbarschaft über – ein Gegenstand, wo der Marquis festen Grund hatte, obwohl er kein großer Alterthumskundiger, nicht einmal ein gründlicher Historiker war, wo es ein anderes Kapitel, als das hier berührte, galt. Der Pfarrer war indeß zufällig beides, und dabei ein sehr unterhaltender freundlicher Mann, mit sehr zuvorkommendem Wesen und so höflicher Bereitwilligkeit, sich mitzutheilen, die ich als einen Hauptcharakterzug der katholischen Geistlichkeit fand, mag sie nun wohlunterrichtet sein oder nicht. Von ihm erfuhr ich nun auch, daß noch die Reste einer stattlichen Bibliothek im Schlosse Hautlieu vorhanden wären. Der Marquis zuckte die Achseln, als mir der Pfarrer dies berichtete, sah bald auf die eine, bald auf die andere Seite, und zeigte dieselbe Art leichter Verlegenheit, die er nicht im Stande gewesen, zu unterdrücken, als La Jeunesse etwas von seiner Einmischung in die Küchenangelegenheiten geplaudert hatte. »Ich würde mich glücklich schätzen, Ihnen die Bücher zu zeigen,« sagte er, »aber sie sind in so wilder Unordnung, und in so übelm Zustande, daß ich mich schämen muß, sie Jemand vorzuweisen.«
»Um Vergebung, mein theurer Herr,« sagte der Pfarrer, »Sie wissen, daß sie den großen englischen Büchernarren, den Dr. Dibdin, Ihre seltenen Reliquien betrachten ließen, und Sie wissen auch, wie achtungsvoll er davon sprach.«
»Was wollt' ich machen, liebster Freund?« sagte der Marquis; »der gute Doctor hatte eine übertriebene Nachricht von diesen Ueberresten dessen, was einst Bibliothek war, gehört – er hatte sich in der auberge unten niedergelassen, entschlossen, sein Ziel zu gewinnen, oder unter den Mauern zu sterben. Ich hörte sogar, er habe die Höhe des Thurmes ausgemessen, in der Absicht, Sturmleitern anzuwenden. Ihr konntet mir doch nicht zumuthen, einen achtbaren Geistlichen, wenn auch von einer andern Kirche, zu solch' einer That der Verzweiflung zu bringen? Das hätt' ich bei meinem Gewissen nicht verantworten können.«
»Doch Sie wissen, Herr Marquis,« fuhr der Pfarrer fort, »daß Dr. Dibdin über das schlimme Schicksal, das Ihre Bibliothek betroffen, so erzürnt war, daß er die Macht unserer Kirche offen beneidete, weil er inniges Verlangen trug, ein Anathem auf die Häupter jener Zerstörung zu schleudern.«
»Sein Zorn stand im Verhältniß zu seiner getäuschten Erwartung, wie ich vermuthe,« sagte unser Wirth.
»Keineswegs,« sagte der Pfarrer; »denn er war so begeistert von dem Werthvollen, was noch vorhanden, daß ich überzeugt bin, nur Ihr bestimmter Wunsch des Gegentheils verhinderte, daß das Schloß Hautlieu nicht wenigstens zwanzig Seiten in dem splendiden Werke einnimmt, wovon er uns eine Abschrift sandte, und welches ein stetes Denkmal seines Eifers und seiner Gelehrsamkeit bleiben wird.«
»Dr. Dibdin ist äußerst artig,« sagte der Marquis; »und wenn wir unsern Kaffee genossen haben – hier kommt er schon – wollen wir nach dem Thurme gehen; und ich hoffe, der Herr werde, wenn er meine geringe Mahlzeit nicht verschmäht hat, mir auch den Zustand meiner verwirrten Bibliothek verzeihen, während ich mich nicht weniger glücklich schätzen werde, wenn ich Ihnen auch hier einige Unterhaltung geben kann. In der That,« fügte er hinzu, »wäre dies auch nicht der Fall, Sie, mein guter Vater, haben alles Recht über Bücher, die ohne ihre Vermittelung nie zu ihrem Eigenthümer zurückgekehrt sein würden.«
Obwohl dieser Zusatz der Höflichkeit offenbar durch die Zudringlichkeit des Pfarrers dem widerstrebenden Freunde entrissen worden war, dessen Wunsch, die Entblößung des Landes und den Umfang seiner Verluste zu verbergen, stets mit der Neigung, gefällig zu sein, im Streit zu liegen schien, so konnte ich doch nicht umhin, ein Anerbieten anzunehmen, das ich nach strenger Artigkeit vielleicht hätte ablehnen sollen. Da es jedoch eine Sammlung von solcher Merkwürdigkeit war, daß sie unserm bibliomanischen Freunde den Wunsch einflößte, die verlorne Hoffnung selbst Sturm laufen zu lassen, so hätte es eine verzweifelte That der Selbstverläugnung heißen müssen, der Gelegenheit, sie zu sehn, auszuweichen. La Jeunesse brachte Kaffee, wie man ihn nur auf dem Continent genießt, auf einer Präsentirschüssel, die mit einer Serviette bedeckt war, damit man sie für silbern halten konnte, und chasse-café von Martinique auf einem kleinen Aufwärter, der es gewiß war. Nachdem unser Mahl so beendigt war, führte mich der Marquis auf einem escalier dérobé in einen geräumigen und wohl proportionirten Salon, von fast hundert Fuß Länge; aber so wüste und verfallen, daß ich meine Augen am Boden haften ließ, damit sich mein freundlicher Wirth nicht etwa aufgefordert fühlen möchte, die verwischten Gemälde und zerrissenen Tapeten, oder was noch schlimmer, die Fenster, die an einer oder zwei Stellen dem Sturmestoben zu sehr nachgegeben, zu entschuldigen.
»Wir haben den Thurm etwas wohnlicher zu machen gesucht,« sagte der Marquis, während er sich eilig durch dies Zimmer der Zerstörung bewegte. »Dies,« sagte er, »war in früherer Zeit die Gemäldegallerie, und im Boudoir drüben, welches wir nun als Lesezimmer benutzen, wurden einige seltene Kabinetsstücke aufbewahrt, deren kleiner Maßstab verlangte, daß man sie in der Nähe betrachtete.«
Bei diesen Worten zog er einen Theil der Tapete, deren ich gedachte, bei Seite, und wir betraten das Gemach, wovon er sprach.
Es war achteckig, ebenso wie die äußere Gestalt des Thurmes, dessen Inneres es bildete. Vier Seiten hatten vergitterte Fenster, deren jedes nach einer andern Richtung eine treffliche Aussicht über die majestätische Loire gewährte, so wie über die umliegende Landschaft, durch welche jene sich wand. Die Fenster waren mit farbigem Glas ausgesetzt, durch zwei derselben strömte der Schimmer der sinkenden Sonne, eine glänzende Vereinigung religiöser Embleme und Wappenbilder zeigend, die man kaum anders, als mit geblendetem Auge betrachten konnte. Aber die andern beiden Fenster, von denen die Sonnenstrahlen gewichen waren, ließen sich genauer untersuchen, und es zeigte sich bald, daß die Fenster mit buntem Glas versehen waren, welches ihnen nicht ursprünglich gehörte, sondern, wie ich nachher sah, vielmehr der entweihten und profanirten Schloßkapelle. Es war mehrere Monate hindurch eine Unterhaltung für den Marquis gewesen, dies rifacimento zu Stande zu bringen, und zwar unter dem Beistande des Geistlichen und des zu Allem brauchbaren La Jeunesse; und obwohl sie nur Fragmente zusammengesetzt hatten, die zum Theil sehr klein waren, so brachte doch das bunte Glas, bis man es genauer und mit dem Auge eines Alterthumkenners untersuchte, im Ganzen eine recht hübsche Wirkung hervor.
Die Seitenwände des Gemachs, die keine Fenster hatten, waren (mit Ausnahme des Raumes für die kleine Thür) von Schränken und Regalen ausgefüllt, einige von Wallnußbaum, künstlich geschnitzt, und durch die Zeit so dunkel geworden, daß sie in der Farbe einer reifen Kastanie glichen; andere waren von gemeinem Holze, und sämmtlich bestimmt, den Mangel zu ersetzen und herzustellen, den die Gewalt und Zerstörungssucht hier angerichtet hatten. In diesen Regalen waren die Trümmer oder vielmehr die kostbaren Reliquien einer sehr splendiden Büchersammlung niedergelegt.
Des Marquis' Vater war ein unterrichteter Mann gewesen, und sein Großvater war selbst am Hofe Ludwig XIV., wo Literatur gewissermaßen als Mode galt, wegen des Umfangs seiner Kenntnisse berühmt worden. Diese beiden Eigenthümer, reich an Glücksgütern, und liberal, wo es die Befriedigung ihres Geschmacks galt, hatten zu einer seltenen, sehr alten Büchersammlung, die sie von ihren Ahnen ererbt hatten, solche Zusätze gemacht, daß es nur wenige Sammlungen in Frankreich gab, welche mit der zu Hautlieu verglichen werden konnten. Sie war gänzlich zerstreut worden in Folge eines übelberechneten Versuchs des jetzigen Marquis, im Jahr 1790, sein Schloß gegen einen revolutionären Pöbelhaufen zu vertheidigen. Glücklicherweise gelang es dem Pfarrer, der durch sein leutseliges und gemäßigtes Betragen, so wie durch seine evangelischen Tugenden, großer Theilnahme bei den benachbarten Landleuten sich erfreute, viele der Bände zu kaufen, oft für die geringe Summe weniger Sous, bisweilen sogar um den Preis eines Glases Branntweins, die ursprünglich große Summen gekostet hatten, aber von den Schurken, die das Schloß plünderten, fortgeschleppt worden waren. Er selbst hatte auch viele solcher Bücher erkauft, so weit seine Mittel reichten, und seiner Bemühung war es zu danken, daß man sie wieder in dem Thurm aufgestellt traf, wo ich sie fand. Es war daher kein Wunder, daß der gute Pfarrer Stolz darein setzte und Freude daran hatte, die Sammlung den Fremden zu zeigen.
Abgesehen von vielen unbedeutenden Bänden, Unvollkommenheiten, und all' den andern ärgerlichen Umständen, die einem Liebhaber begegnen, wenn er eine übelgehaltene Bibliothek beschaut, befanden sich in der zu Hautlieu doch noch viele Artikel, die fähig waren, den Bibliomanen, wie Bayes sagt: »zu erheben und in Staunen zu setzen.« Hier fanden sich:
»Das kleine seltene Buch, woran das Gold erblichen,« wie Dr. Ferrier gefühlvoll singt – seltene und reichgemalte Meßbücher, Manuscripte von 1380, 1320 und noch früherer Zeit, Werke mit gothischer Schrift, gedruckt im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert. Von diesen jedoch denke ich eine genauere Nachricht zu geben, wenn mir der Marquis seine Erlaubniß geben sollte.
Unterdessen reicht es hin, zu sagen, daß ich, erfreut über den Tag, den ich Hautlieu gewidmet hatte, meinen Besuch häufig erneuerte, und daß der Schlüssel zu dem achteckigen Thurme mir stets zu Diensten stand. In diesen Stunden gewann ich einen Theil der französischen Geschichte sehr lieb, die, obwohl höchst wichtig für die von Europa im Ganzen, und durch einen unvergleichlichen alten Historiker erläutert, doch nie von mir genügend studirt worden war. Um den Gefühlen meines trefflichen Wirths zu schmeicheln, beschäftigte ich mich zu derselben Zeit mit einigen Familiendenkwürdigkeiten, die sich glücklicherweise erhalten hatten, und die einige interessante Einzelnheiten, auf Schottland bezüglich, enthielten, welche mich zuerst vor den Augen des Marquis von Hautlieu hatten Gnade finden lassen.
Ich erwog diese Dinge, more meo, bis zu meiner Rückkehr nach England zum Rindfleisch und Steinkohlenfeuer; ein Wechsel des Aufenthalts, der kurz nachher stattfand, nachdem ich diese gallischen Erinnerungen aufgezeichnet hatte. Zuletzt nahm das Resultat meines Nachsinnens die Form an, welche meine Leser, wofern sie diese Vorrede nicht unwillig gemacht hat, nun selbst zu beurtheilen im Stande sind. Sollte sie das Publikum günstig aufnehmen, so werde ich es nicht bereuen, daß ich für eine kurze Zeit abwesend war.
Erstes Kapitel.
Der Contrast.
Auf dies Gemälde schau hier, und auf dies,
Das nachgeahmte Bildniß zweier Brüder.
Hamlet.
Die letzte Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts bereitete eine Folge künftiger Ereignisse vor, die damit endete, daß sich Frankreich auf den Standpunkt jener furchtbaren Macht erhob, welche seitdem immer, von Zeit zu Zeit, der Hauptgegenstand der Eifersucht der übrigen europäischen Nationen war. Vor dieser Periode mußte es selbst um sein Bestehen mit den Engländern kämpfen, die sich bereits in Besitz seiner schönsten Provinzen gesetzt hatten, während die äußersten Anstrengungen seines Königs und die Tapferkeit seiner Bevölkerung kaum den Ueberrest vor dem fremden Joche beschützen konnten. Auch war dies nicht seine einzige Gefahr. Die Fürsten, welche die großen Lehen der Krone besaßen, hauptsächlich die Herzöge von Burgund und Bretagne, hatten sich ihre Lehensbande so leicht gemacht, daß sie kein Bedenken trugen, die Kriegsfahne gegen ihren Lehensherrn und Souverain, den König von Frankreich, unter dem unbedeutendsten Vorwand zu erheben. Zur Zeit des Friedens herrschten sie als freie Fürsten in ihren eigenen Ländern, und das Haus Burgund, im Besitz des nach ihm benannten Distriktes, sowie des schönsten und reichsten Theils von Flandern, war selbst so reich und mächtig, daß es an Glanz und an Macht der Krone nicht im Geringsten nachgab.
Auch die niedern Kronvasallen maßten sich, indem sie die großen Lehensbesitzer nachahmten, so viel Unabhängigkeit an, als die Entfernung von der Macht des Herrschers, die Größe ihrer Lehngebiete oder die Stärke ihrer Hofburgen ihnen zu behaupten gestatteten; und diese kleinen Tyrannen, die der Arm des Gesetzes nicht mehr erreichen konnte, begingen die größten Excesse der Unterdrückung und Grausamkeit ungestraft. In der Grafschaft Auvergne allein befanden sich mehr als dreihundert solcher unabhängiger Edelleute, denen Blutschande, Mord, Raub ganz gewöhnliche Handlungen waren.
Neben diesen Uebeln vergrößerten noch andere, die aus den langwierigen Kriegen zwischen Frankreich und England entsprangen, bedeutend das Unglück des zerspaltenen Reichs. Zahlreiche Söldnerschaaren, in Banden gesammelt, unter Officieren, die sie sich selbst aus den tapfersten und glücklichsten Abenteurern erwählt hatten, bildeten sich in verschiedenen Theilen Frankreichs aus der Hefe aller übrigen Länder. Diese Miethsoldaten verkauften von Zeit zu Zeit ihre Schwerter an den Meistbietenden, und wenn hierzu die Gelegenheit mangelte, so führten sie den Krieg auf eigene Hand, nahmen Schlösser und Städte ein, die sie als Zufluchtstätten für sich selbst benutzten, machten Gefangene und ließen sich Lösegeld dafür zahlen, forderten von den offenen Ortschaften und dem umliegenden Lande Tribut, und erlangten, durch jede Art von Räuberei, die passenden Beinamen von Tondeurs und Ecorcheurs, d. h. von Scherern und Schindern.
Mitten unter diesem Schrecken und Elend, deren Ursprung der zerrüttete Zustand der öffentlichen Angelegenheiten war, zeichnete eine maßlose Verschwendung die Hofhaltung des niedern Adels nicht weniger aus, als die der Fürsten; und ihre Untergebenen vergeudeten gleicherweise durch rohe, aber reiche Pracht die Schätze, die sie von dem Volke erpreßt hatten. Ein Ton ritterlicher und romantischer Galanterie (die freilich oft wüste Ausschweifungen entehrten) charakterisirte den Verkehr zwischen den Geschlechtern, und noch immer wandte man die Sprache der sogenannten irrenden Ritter an, beobachtete noch immer die Sitten und Gebräuche derselben, obwohl der reine Geist ehrenhafter Liebe und wohlthätiger Unternehmungen, wozu jene begeisterten, längst verschwunden war und nicht mehr für die Ausschweifungen Entschädigung gewährte. Die Spiele und Turniere, die Ergötzlichkeiten und Gelage, welche auch an dem kleinsten Hofe stattfanden, luden jeden wandernden Abenteurer nach Frankreich, und dort angelangt, fehlte es ihm selten an Gelegenheit, seinen kühnen, feurigen Unternehmungsgeist durch Thaten zu bekunden, wofür ihm sein glücklicheres Vaterland nicht freien Spielraum ließ.
In diesem Zeitraum, gleich als hätte die Vorsehung dies schöne Reich von dem manchfachen Elend, womit es bedroht war, erretten wollen, bestieg den wankenden Thron Ludwig XI., dessen Charakter, wie schlecht er auch an sich war, doch die Unfälle der Zeit bekämpfte und zum Theil unschädlich machte, – so wie Gifte von entgegengesetzter Eigenschaft, wie alle medicinische Bücher sagen, die Macht haben sollen, einander wechselseitig entgegenzuwirken.
Tapfer genug für jeden nützlichen und politischen Zweck, hatte Ludwig gleichwohl keinen Funken jenes romantischen Heldenmuths oder des damit gewöhnlich verbundenen und dadurch bedingten Stolzes, der auch um die Ehre noch kämpft, wenn der Nutzen bereits gewonnen ist. Ruhig, verschlagen und äußerst aufmerksam auf den eigenen Vortheil, brachte er jedes Opfer, der Leidenschaft wie des Stolzes, welches dabei von Nutzen sein konnte. Sorgfältig verhüllte er seine eigentlichen Gesinnungen und Absichten vor Allen, die in seine Nähe kamen, und oft bediente er sich des Ausdrucks: ein König, der sich nicht zu verstellen wisse, wisse auch nicht zu regieren, und was ihn selber betreffe, so wolle er seine Mütze in's Feuer werfen, wenn sie um seine Geheimnisse wüßte. – Kein Mensch, sowohl seiner als jeder andern Zeit, verstand so gut wie er die Schwachheiten Anderer zu benutzen, und wann es zu vermeiden sei, diesen einen Vortheil durch unzeitige Nachsicht mit seinen eigenen zu geben.
Er war von Natur rachsüchtig und grausam, und zwar in dem Grade, daß er sogar Vergnügen an den häufigen Hinrichtungen fand, die er anordnete. Doch, so wie ihn kein Gefühl des Mitleids je zur Schonung vermochte, wo er mit Sicherheit verurtheilen konnte, eben so reizte ihn auch nie das Gefühl der Rache zu übereilter Grausamkeit. Selten stürzte er auf seine Beute, als bis er sie sicher erfassen konnte, und bis alle Hoffnung des Entkommens vergebens war; und seine Bewegungen waren so sorgfältig verhüllt, daß die Welt erst erfuhr, was sein Zweck gewesen, wenn er diesen bereits erreicht hatte.
Auf gleiche Weise ließ Ludwig seinen Geiz einer anscheinenden Verschwendung weichen, sobald es nöthig war, den Minister oder Günstling eines eifersüchtigen Fürsten zu bestechen, um einen drohenden Angriff abzuwenden, oder ein gegen ihn geschlossenes Bündniß zu brechen. Er liebte Ausschweifung und Vergnügen; aber weder Liebe zu den Schönen noch Jagd, wiewohl beides seine herrschenden Leidenschaften waren, vermochten je, ihn der gehörigen Verwaltung öffentlicher Angelegenheiten des Reiches zu entfremden. Seine Menschenkenntniß war tief, und er hatte sie in den Privatgängen des Lebens gesucht, in die er sich oft persönlich mischte; und obwohl von Natur stolz und hochmüthig, trug er doch kein Bedenken, mit einer Nichtachtung der willkürlichen Unterschiede in der Gesellschaft, was damals für etwas ungeheuer Unnatürliches galt, Leute aus dem niedrigsten Stande zu den wichtigsten Aemtern zu erheben, und er wußte seine Wahl so gut zu treffen, daß er sich selten in ihren Eigenschaften getäuscht sah.
Dennoch fanden sich Widersprüche im Charakter dieses verschlagenen und geschickten Fürsten; denn die menschliche Natur bleibt sich selten ganz gleich. Obwohl er selbst der falscheste und unwahrste Mensch war, so erwuchsen doch die größten Irrthümer seines Lebens aus zu raschem Vertrauen auf die Ehre und Redlichkeit Andrer. Wenn diese Irrthümer stattfanden, scheinen sie aus einem überfeinerten System der Politik entstanden zu sein, welches Ludwig verleitete, den Schein des vollkommensten Zutrauens gegen diejenigen anzunehmen, die er zu überlisten im Sinne hatte. Denn im Allgemeinen war sein Benehmen so eifersüchtig und mißtrauisch, als das irgend eines Tyrannen, der je lebte.
Zwei andere Punkte sind gleichfalls noch zu berücksichtigen, um die Zeichnung dieses furchtbaren Charakters vollständig zu machen, der unter den rohen ritterlichen Fürsten dieses Zeitraums sich zu dem Range eines Aufsehers wilder Thiere zu erheben wußte, welcher durch höhere Weisheit und List, durch Austheilung von Futter und durch Zucht mittelst der Schläge, es endlich dahin bringt, über Diejenigen zu herrschen, die, wären sie nicht seiner Kunst unterthan, ihn durch ihre Stärke längst in Stücke gerissen haben würden.
Die erste dieser Eigenheiten war Ludwigs außerordentlicher Aberglaube, eine Plage, womit der Himmel oft diejenigen züchtigt, welche nichts von den Geboten der Religion wissen wollen. Die Gewissensbisse, die aus seinen bösen Handlungen entsprangen, suchte Ludwig nie durch eine Verminderung seiner machiavellistischen Kunstgriffe zu sühnen, sondern bemühte sich vergebens, jenes marternde Gefühl durch Beobachtung abergläubischer Gebräuche, strenger Bußübung und reicher Geschenke an die Geistlichen zu versöhnen. Die zweite Eigenheit, die seltsamer Weise mit der ersten oft vereinigt ist, war eine Neigung zu niedern Vergnügungen und düsterer Ausschweifung. Zwar der weiseste, oder doch der verschlagenste Fürst seiner Zeit, gefiel ihm doch das gemeine Leben, und er, der selbst ein witziger Mann war, fand seine Lust an den Späßen und Einfällen der geselligen Unterhaltung in größerem Maße, als man nach andern Seiten seines Charakters hätte erwarten sollen. Er mischte sich in die komischen Abenteuer gemeiner Intrigue mit einer Freiheit, die übel zu der gewöhnlichen und streng bewahrten Eifersucht seines Charakters stand; und er fand so viel Behagen an dieser Art niedriger Galanterie, daß er eine Sammlung seiner heitern und ausschweifenden Anekdoten veranstalten ließ, welche allen Büchersammlern wohl bekannt ist, in deren Augen (denn das Werk ist gar nicht geeignet für jeden Andern) die ächte Ausgabe einen hohen Werth hat Diese Editio princeps, die, wenn gut gehalten, von Kennern sehr gesucht ist, führt den Titel: Les cent Nouvelles, contenant Cent Histoires Nouveaux, qui sont moult plaisans à raconter en toutes bonnes compagnies par manière de joyeuxeté. Paris, Antoine Vérard. Sans date d'année d'impression; in folio-gotique..
Mittelst des mächtigen und klugen, wiewohl sehr unliebenswürdigen Charakters dieses Fürsten gefiel es dem Himmel, der durch Sturm ebenso gut als durch sanften Regen herrlich waltet, dem großen französischen Volke die Wohlthat einer bürgerlichen Regierung wiederzugeben, welche es zur Zeit seiner Thronbesteigung fast ganz verloren hatte.
Bevor er die Krone erlangte, hatte Ludwig mehr Beweise seiner Fehler, als seiner Talente gegeben. Seine erste Gemahlin, Margarete von Schottland, war »durch verleumderische Zungen getödtet worden« am Hofe ihres Gemahls, wo wohl Niemand gewagt haben würde, ein Wort gegen diese liebenswürdige und gekränkte Prinzessin zu äußern, ohne von Ludwig dazu ermuntert worden zu sein. Er war auch ein rebellischer und undankbarer Sohn gewesen, der einmal conspirirt hatte, um sich der Person des Vaters zu bemächtigen, und ein anderes Mal hatte er offenen Krieg gegen denselben begonnen. Für sein erstes Vergehen war er nach seiner Apanage, der Dauphinée, verbannt worden, wo er sehr umsichtig regierte; für das zweite war er förmlich des Landes verwiesen worden, und sah sich so gezwungen, die Gnade, ja fast die Mildthätigkeit des Herzogs von Burgund und seines Sohnes in Anspruch zu nehmen, von denen er auch gastfreundlich aufgenommen wurde, was er später auf entgegengesetzte Weise vergalt, bis zum Tode seines Vaters im Jahr 1461.
Gleich im Anfang seiner Regierung wurde Ludwig beinahe durch eine Ligue überwältigt, die durch die großen Vasallen Frankreichs, mit dem Herzog von Burgund oder vielmehr seinem Sohne, dem Grafen von Charolais, an der Spitze, sich gegen ihn gebildet hatte. Sie versammelten ein mächtiges Heer, belagerten Paris, fochten eine Schlacht mit zweifelhaftem Erfolg unter den Mauern desselben, und brachten die französische Monarchie an den Rand des Verderbens. Bei dergleichen Gelegenheiten geschieht es häufig, daß der klügere Feldherr von Beiden die wirklichen Früchte, wenn auch nicht eben den Kriegsruhm des unentschiedenen Sieges erringt. Ludwig, der während der Schlacht von Montlhéry große persönliche Tapferkeit gezeigt hatte, wurde durch seine Klugheit in den Stand gesetzt, den zweifelhaften Erfolg so zu nützen, als ob der entscheidende Sieg auf seiner Seite gewesen wäre. Er fügte sich klüglich den Umständen, bis die Feinde ihr Bündniß aufgelöst hatten, und zeigte sich oft so geschickt, den Samen der Eifersucht unter diesen großen Mächten zu streuen, daß ihr Bündniß »für das gemeine Wohl,« wie sie es nannten, und welches im Grunde nur darauf ausging, Alles bis auf den äußern Schein der französischen Monarchie umzustürzen, sich auflöste und nie wieder auf so furchtbare Weise erneuerte. Seit dieser Zeit war Ludwig, da er sich nun von aller Gefahr von England aus durch die Bürgerkriege zwischen York und Lancaster befreit sah, mehrere Jahre hindurch, wie ein gefühlloser aber geschickter Arzt, beschäftigt, die Wunden des Staates zu heilen, oder vielmehr das Fortschreiten des tödtlichen Krebsschadens, wovon derselbe damals inficirt war, bald durch sanfte Mittel, bald durch Feuer und Schwert aufzuhalten. Die Räuberei der Freicompagnieen und die ungeahndeten Unterdrückungen von Seiten des Adels, suchte er zu mildern, da er sie nicht ganz hemmen konnte, und nach und nach gelang es ihm, mittelst unermüdeter Aufmerksamkeit sein eignes königliches Ansehen einigermaßen zu vermehren, oder doch die Gewalt derer zu schwächen, die jenem das Gleichgewicht gehalten hatten.
Stets war jedoch der König von Frankreich von Furcht und Gefahr umgeben. Die Theilnehmer des Bündnisses »für's gemeine Wohl« waren, wenn auch nicht vereinigt, doch noch vorhanden, und konnten sich, gleich einer zerstückten Schlange, wohl wieder vereinigen und gefährlich werden. Eine schlimmere Gefahr war indeß die anwachsende Macht des Herzogs von Burgund, dazumals eines der größten Fürsten Europa's, der durch die sehr unbedeutende Abhängigkeit seines Herzogthums von der Krone von Frankreich nur wenig im Range nachstand.
Karl, genannt der Kühne, oder besser der Verwegene, denn sein Muth gränzte an Tollkühnheit und Wahnsinn, trug damals die Herzogskrone von Burgund, und brannte vor Begierde, sie in eine unabhängige Königskrone zu verwandeln. Der Charakter dieses Herzogs war in jeder Hinsicht der genaue Gegensatz zu dem Ludwigs XI.
Der letztere war ruhig, besonnen und verschlagen, wagte nie ein verzweifeltes Unternehmen, und gab nie ein der Wahrscheinlichkeit nach erfolgreiches auf, wie entfernt auch die Aussicht auf Gelingen war. Des Herzogs Charakter war gänzlich verschieden. Er stürzte sich in die Gefahr, denn er liebte sie, und in Schwierigkeiten, weil er sie verachtete. So wie Ludwig nie seinen Vortheil seiner Leidenschaft aufopferte, so opferte im Gegentheil Karl nie seine Leidenschaft oder nur seine Laune einer andern Rücksicht auf. Trotz der nahen Verwandtschaft, die zwischen beiden statt fand, und trotz der Unterstützung, welche der Herzog und sein Vater dem König, während er als Dauphin in der Verbannung war, erzeigt hatten, so bestand zwischen ihnen doch gegenseitiger Haß und Verachtung. Der Herzog von Burgund verachtete die vorsichtige Politik des Königs und legte es seinem Mangel an Muthe bei, daß er durch Bündnisse, Bestechungen und andere indirekte Mittel die Vortheile zu erreichen bemüht war, die er selbst an jener Stelle mit bewaffneter Hand errungen haben würde; nicht nur wegen der Undankbarkeit, die er für frühere Wohlthaten erzeigt hatte, haßte er ihn, sondern auch persönlicher Beleidigungen und Beschuldigungen wegen, deren sich die Abgesandten Ludwigs gegen ihn erfrecht hatten, als sein Vater noch lebte, und dann vorzüglich auch wegen der Unterstützung, die er den unzufriedenen Bürgern von Gent, Lüttich und anderen großen Städten Flanderns heimlich angedeihen ließ. Diese unruhigen Städte, die eifersüchtig auf ihre Vorrechte und stolz auf ihren Reichthum waren, standen häufig in offenem Aufruhr gegen ihre Lehensherren, die Herzöge von Burgund, und fanden im Stillen dann immer Ermunterung am Hofe Ludwigs, der jede Gelegenheit ergriff, die Gährungen im Gebiete seines mächtig gewordenen Vasallen zu nähren.
Die Verachtung und der Haß des Herzogs wurden von Ludwig in gleicher Stärke erwiedert, obwohl er sich eines dichtern Schleiers bediente, um seine Gesinnungen zu verbergen. Es war unmöglich für einen Mann von seinem tiefen Scharfblick, die tolle Hartnäckigkeit nicht zu verachten, die nie ihre Absicht aufgibt, mag sich diese Beharrlichkeit auch noch so nachtheilig erweisen, und ebenso die übereilte Heftigkeit, die ihren Lauf beginnt, ohne einen Augenblick die Hindernisse zu erwägen, die vorhanden sein mögen. Doch der König haßte den Herzog noch mehr, als er ihn verachtete, und seine Verachtung und sein Haß waren um so tiefer, je mehr sie mit Furcht gemischt waren; denn er wußte, daß der Anlauf eines wilden Stiers, mit dem er den Herzog von Burgund gewöhnlich verglich, immer furchtbar bleibt, obwohl ihn das Thier mit geschlossenen Augen beginnt. Nicht blos der Reichthum der burgundischen Länder, die Disciplin der kriegerischen Einwohner und die große Masse ihrer Bevölkerung war es, die der König fürchtete, sondern schon die persönlichen Eigenschaften ihres Führers hatten Gefährliches genug. Der Geist der Tapferkeit, die er auf den Gipfel der Verwegenheit und darüber hinaus trieb, das Glänzende seines Hofstaates, seiner Person und seines Gefolges, in welchen allen er die erbliche Pracht des Hauses Burgund entfaltete, dieß zog in Karls des Kühnen Dienst alle feurigen Geister jener Zeit, deren Wesen mit dem seinigen übereinkam; und Ludwig sah sehr deutlich ein, was mit einer Schaar so entschlossener Abenteuerer unternommen und ausgerichtet werden konnte, die einem Führer von eben so unbeugsamer Natur, wie sie selbst, folgten.
Noch ein anderer Umstand war vorhanden, der die feindselige Gesinnung Ludwigs gegen seinen zu mächtig gewordenen Vasallen noch vermehrte. Er verdankte ihm Gefälligkeiten, die er nie zu erwidern Willens war, und befand sich daher häufig in der Nothwendigkeit, sich gegen ihn wohlwollend zu stellen und sogar die Ausbrüche groben Uebermuths, die die königliche Würde beleidigten, zu ertragen, ohne im Stande zu sein, ihn anders, denn als seinen »guten Vetter von Burgund« zu behandeln.
Es war um das Jahr 1468, als ihr Zwiespalt auf's Höchste gestiegen war, obwohl ein zweifelhafter und leerer Waffenstillstand, wie es oft geschieht, gerade zu der Zeit stattfand, wo die gegenwärtige Erzählung beginnt. Die Person, die hier zuerst den Schauplatz betritt, ist, wie man finden wird, von solchem Range und solcher Stellung, daß kaum nöthig schiene, eine Erläuterung des Charakters von der Abhandlung über die wechselseitige Stellung zweier großer Fürsten abzuleiten; aber die Leidenschaften der Großen, ihre Streitigkeiten und ihre Versöhnungen bestimmen das Schicksal von Allen, die sich ihnen nähern; und man wird beim Fortgange unserer Erzählung finden, daß dieß einleitende Kapitel nothwendig war, um die Geschichte der Person zu verstehen, deren Abenteuer wir jetzt berichten wollen.
Zweites Kapitel.
Der Wanderer.
Für mich ist denn die Welt die Auster
Die mit dem Schwert ich öffnen will.
Altes Lied.
Es war an einem köstlichen Sommermorgen, bevor die Sonne ihre versengende Kraft erhalten hatte, und während der Thau die Luft noch kühlte und durchduftete, als ein junger Mann, welcher nordostwärts herkam, sich der Furth eines kleinen Flusses oder vielmehr breiten Baches näherte, welcher ein Arm des Cher war, unweit des königlichen Schlosses Plessis-les-Tours, dessen düstre und manchfache Gebäude sich im Hintergrunde über die weitgedehnten Wälder erhoben, von denen sie umgeben waren. Diese Waldungen enthielten eine hohe Jagd oder königliches Gehege, von einer Einfriedigung geschützt, die im Latein des Mittelalters plexitium hieß, und wovon noch so viele Dörfer in Frankreich den Namen Plessis führen. Das Schloß und Dorf aber, von dem hier die Rede ist, hieß Plessis les Tours, um es von anderen ähnlichen Namens zu unterscheiden, und war ungefähr zwei Meilen südlich von der schönen Stadt dieses Namens erbaut, der Hauptstadt der alten Touraine, deren reiche Ebene der Garten Frankreichs genannt wurde.
An dem Ufer des erwähnten Baches, welches demjenigen, dem sich der Reisende näherte, gegenüber lag, schienen zwei Männer, die in tiefem Gespräche begriffen sein mochten, von Zeit zu Zeit seine Bewegungen zu beobachten, denn da ihr Standpunkt weit höher lag, konnten sie ihn schon in beträchtlicher Entfernung bemerken.
Das Alter des jungen Reisenden mochte etwa neunzehn Jahr oder zwischen neunzehn und zwanzig sein, und sein Aeußeres, wie seine Person, die beide sehr einnehmend waren, gehörten gleichwohl dem Lande nicht an, in welchem er sich jetzt befand. Sein kurzer grauer Rock und die gleichen Beinkleider waren eher von flämischem als französischem Schnitt, während die spitze blaue Mütze, mit einem Distelzweig und einer Adlerfeder, bereits die schottische Kopfzierde erkennen ließen. Seine Kleidung war sehr nett, und mit der Sorgfalt eines jungen Mannes geordnet, der es weiß, daß er hübsch ist. Auf dem Rücken trug er ein Ränzchen, welches einige nöthige Gegenstände zu enthalten schien, an der linken Hand einen Falkenhandschuh, obwohl er keinen Vogel mit sich führte, und in der rechten einen starken Jagdstock. Ueber seine linke Schulter hing eine gestickte Schärpe, woran sich eine Tasche von Scharlachsammt befand, wie es damals die vornehmen Falkenjäger trugen, um das Falkenfutter darin zu bewahren, und noch andere Gegenstände, die zu dieser dazumals gepriesenen Jagdlust gehörten. Darüber hing kreuzweis ein zweites Schulterband, woran ein Jagdmesser oder couteau de chasse hing. Statt der großen Stiefeln jener Zeit trug er Halbstiefeln von halbgarem Hirschleder.
Obwohl seine Gestalt ihre volle Kraft noch nicht ereicht hatte, war er doch groß und rüstig, und die Leichtigkeit des Schrittes, mit der er nahte, zeigte, daß ihm seine Fußwanderung mehr zum Vergnügen als zur Last gereichte. Seine Gesichtsfarbe war schön, trotzdem, daß sie im Allgemeinen einen dunkeln Anflug hatte, womit die fremde Sonne oder auch wohl der stete Aufenthalt in der freien Luft seiner Heimat, sie in gewissem Grade gebräunt hatte.
Seine Züge, wenn auch nicht ganz regelmäßig, waren frei, offen und gefällig. Ein halbes Lächeln, welches aus einem glücklichen Ueberfluß an Lebenskraft und Muth zu entspringen schien, zeigte dann und wann, daß seine Zähne wohlgeformt und rein wie Elfenbein waren, während sein klares blaues Auge, voll gleichmäßiger Heiterkeit, für jeden Gegenstand, auf den es fiel, einen ganz eigenen Ausdruck zeigte, in welchem sich gute Laune, Leichtigkeit des Herzens und Entschlossenheit kund thaten.
Er empfing und erwiederte den Gruß der wenigen Reisenden, die sich in jenen gefahrvollen Zeiten auf der Straße zeigten, mit der Bewegung, die für jeden paßte. Der umherstreifende Lanzknecht, halb Soldat halb Räuber, maß den Jüngling mit einem Blicke, als wolle er die Aussicht auf Beute gegen die Gefahr eines verzweifelten Widerstandes abwägen, und er las so viel Anzeichen des letztern mit dem furchtlosen Blicke des Reisenden, daß er seine böse Absicht mit einem sichern »Guten Morgen, Kamerad,« vertauschte, welches der junge Schotte in einem eben so kräftigen, wiewohl minder düstern Tone beantwortete. Der wandernde Pilger oder der bettelnde Mönch beantworteten seinen ehrerbietigen Gruß mit einem väterlichen Segensspruche, und die dunkeläugige Bauerdirne schaute ihm noch lange nach, nachdem sie aneinander vorübergegangen und sie ihm einen lachenden »guten Morgen« zugerufen hatte. Kurz, in seinem ganzen Wesen lag etwas Anziehendes, was nicht leicht der Aufmerksamkeit entging, und welches aus der Verbindung von furchtloser Offenheit und guter Laune mit einem leuchtenden Blick und schöner Gestalt entsprang. Es schien, als ob sein ganzes Wesen einen Menschen verkündete, der beim Eintritt in's Leben zwar die Uebel nicht fürchtet, die es begleiten, aber keine andern Mittel, um seine Mühseligkeiten zu bekämpfen, besitzt, als einen lebhaften Geist und ein so muthiges Herz; und mit solchen Gemüthern sympathisirt die Jugend schnell, und das Alter und die Erfahrung empfinden aufrichtige und herzliche Theilnahme für sie.
Der Jüngling, den wir schilderten, war von den beiden Personen längst gesehen worden, die auf der entgegengesetzten Seite des kleinen Flusses weilten, welcher ihn von dem Parke und dem Schlosse trennte; doch als er am felsigen Ufer zum Rande des Wassers, mit dem leichten Schritt eines Rehes, welches die Quelle besucht, herabstieg, sagte der Jüngere der beiden zu dem andern: »Es ist unser Mann! es ist der Böhme! versucht er's durch die Furth zu schreiten, so ist er ein verlorner Mann, denn das Wasser geht hoch und die Furth ist nicht zu passiren.«
»Laßt ihn das selber entdecken, Gevatter!« sagte der Aeltere; »es erspart vielleicht einen Strick und vernichtet ein Sprichwort.«
»Ich beurtheil' ihn nach seiner blauen Mütze,« sagte der Andere, »denn ich kann sein Gesicht nicht sehen. – Hört, Sir, er ruft, um zu erfahren, ob das Wasser tief ist.«
»Nichts geht über Erfahrung in der Welt,« antwortete der Andere, »laß ihn versuchen.«
Indessen ging der junge Mann, da er keinen Wink für's Gegentheil bekam, und das Stillschweigen derer, die er befragte, für eine Ermunterung vorwärts zu gehen aufnahm, in den Strom, ohne weitere Zögerung, als die das Ausziehen seiner Halbstiefeln erforderte. Die ältere Person rief ihm in diesem Augenblicke zu, vorsichtig zu sein, und fügte noch mit leiserem Tone zu ihrem Begleiter hinzu: » Mordieu – Gevatter – du hast dich schon wieder geirrt! das ist der böhmische Schwätzer nicht!«
Aber der Zuruf kam für den Jüngling zu spät. Entweder hörte er ihn nicht, oder konnte ihn nicht nützen, weil er sich schon im tiefen Strome befand. Für einen minder Beherzten oder in der Schwimmkunst nicht so Geübten wäre der Tod gewiß gewesen, denn der Bach war sowohl tief als stark.
»Bei Sanct Annen! er ist doch ein tüchtiger Bursch,« sagte der ältere Mann; »lauf, Gevatter, und mache deinen Fehler gut, indem du ihm hilfst, wenn du kannst. Er gehört zu deiner eigenen Schaar – wenn das alte Sprichwort Wahrheit sagt, wird ihn das Wasser nicht ertränken!«
In der That, der junge Reisende schwamm so kräftig und theilte die Wellen so gut, daß er, trotz der Stärke des Stroms, doch nur wenig unterhalb des gewöhnlichen Landungsplatzes hinabgeführt wurde.
Unterdeß eilte der Jüngere der beiden Fremden nach dem Ufer hinab, um Hilfe zu leisten, während ihm der andere langsamern Schrittes folgte, und, während ihm der andere näher kam, zu sich selber sagte: »Ich wußte wohl, das Wasser würde den jungen Burschen nicht ersäufen. Wahrhaftig! er ist am Ufer und greift nach seinem Stocke! – Wenn ich nicht eile, prügelt er meinen Gevatter für die einzige freundliche Handlung aus, die ich ihn je vollbringen oder verursachen sah, während seines ganzen Lebens.«
Freilich war einiger Grund vorhanden, ein solches Ende des Abenteuers zu vermuthen, denn der schmucke Schotte war bereits auf den jüngern Samariter, der ihm zu Hilfe eilte, mit diesen zornigen Worten losgegangen: – »Unhöflicher Hund! warum hast du nicht Antwort gegeben, als ich dich anrief, ob der Uebergang zu unternehmen wäre? Der böse Feind soll mich holen, wenn ich dich nicht lehre, bei nächster Gelegenheit den Fremden den schuldigen Respekt zu zeigen!«
Diese Worte waren von dem bezeichnenden Schwingen des Stockes begleitet, welches man le moulinet nennt, weil der Künstler den Stock in der Mitte hält und beide Enden in allen Richtungen, gleich den in Bewegung gesetzten Windmühlflügeln schwingt. Sein Gegner legte, als er sich so bedrohet sah, die Hand an's Schwert, denn er war einer von denen, die bei jeder Gelegenheit eher zum Handeln als zum Reden bereit sind; jedoch sein mehr geltender Kamerad, der herbeikam, befahl ihm still zu sein, und indem er sich an den jungen Mann wandte, beschuldigte er diesen der Voreiligkeit, weil er sich in die angeschwollene Fluth gestürzt hätte, und der ungemäßigten Heftigkeit, weil er mit dem Manne Streit beginne, der zu seinem Beistand herzugeeilt sei.
Als sich der Jüngling so von einem Manne von vorgerückten Jahren und achtbarem Ansehn tadeln hörte, senkte er sogleich seine Waffe und sagte, es sei ihm Leid, wenn er ihnen Unrecht gethan hätte; in Wahrheit aber schien es ihm doch, als hätten sie ihn ruhig sein Leben in Gefahr setzen lassen, weil sie ihm nicht bei Zeiten ein Wort der Warnung gegeben, und dieß Benehmen zieme sich doch weder für ehrbare Männer noch gute Christen oder ehrbare Bürger, wofür er sie ansah.
»Lieber Sohn,« sagte die ältere Person, »deinem Gesicht und deinem Accent nach scheinst du ein Fremder; und da solltest du bedenken, daß uns nicht so leicht wird deinen Dialekt zu verstehen, als dir es wird, ihn zu sprechen!« –
»Gut, Vater!« entgegnete der Jüngling; »es kümmert mich wenig, daß ich ein Bischen untergetaucht bin, und euch sei es auch verziehn, daß ihr zum Theil die Ursache davon waret; aber ihr müßt mich zu einem andern Ort bringen, wo ich meine Kleidung trocknen kann, denn es ist dieß mein einziger Rock, den ich doch etwas anständig halten muß.«
»Für wen hältst du uns denn, lieber Sohn?« fragte der ältere Fremde als Antwort auf jene Bitte.
»Nun, für wohlhabende Bürger jedenfalls,« sagte der Jüngling; »oder, halt! Euch, Herr, für einen Geldwechsler oder Kornhändler; und dieser Mann ist ein Fleischer oder Viehhändler.«
»Du hast unsere Eigenschaften so ziemlich erkannt,« sagte der Aeltere lächelnd. »Mein Geschäft ist freilich, so viel Gold, als nur möglich, einzuwechseln, und meines Gevatters Geschäft hat auch etwas von dem eines Fleischers. Was deine Bequemlichkeit betrifft, so wollen wir versuchen, dir behilflich zu sein, vor allem jedoch muß ich erfahren, wer du bist und wohin du gehst. Denn gegenwärtig sind die Straßen überfüllt von Reisenden zu Fuß und zu Roß, welche eher Alles andre im Kopfe tragen, als Redlichkeit und Gottesfurcht.«
Der junge Mann warf nochmals einen scharfen und forschenden Blick auf den Redner, und auf dessen schweigsamen Begleiter, wie wenn er auch noch im Zweifel stehe, ob sie ihrerseits auch das Vertrauen, was sie verlangten, verdienten, und das Resultat seiner Betrachtung war dieß: –
Der älteste und ausgezeichnetere dieser beider Männer glich in Kleidung und äußerm Ansehen einem Kaufmann oder Krämer jener Zeit. Wamms, Beinkleider und Mantel waren von der nämlichen dunkeln Farbe, doch so abgetragen, daß der scharfsehende junge Schotte begriff, der Mann sei entweder sehr reich, oder sehr arm; wahrscheinlich das erstere. Seine Kleidung war übrigens eng und kurz, was damals nicht für anständig bei dem Adel, auch nicht einmal unter dem höhern Bürgerstande galt, wo man meist weite Röcke zu tragen pflegte, die bis auf die Mitte des Beines herunterhingen.
Der Ausdruck im Gesicht dieses Mannes war zum Theil anziehend, zum Theil abstoßend. Seine harten Züge, eingefallenen Wangen und hohlen Augen hatten trotzdem den Ausdruck von Schlauheit und einer Laune, die ganz mit dem Charakter des jungen Abenteurers harmonirte. Aber die nämlichen gesunkenen Augen, die unter dem Schatten dichter schwarzer Augenbrauen hervorsahen, hatten auch etwas Gebieterisches und Zweideutiges. Vielleicht wurde diese Wirkung noch durch eine niedrige Pelzmütze verstärkt, die tief in die Stirn gedrückt war, und so den Schatten verstärkte, unter welchem die Augen hervorblitzten; doch so viel ist gewiß, der junge Fremde fand einige Schwierigkeit, diese Blicke mit dem Unscheinbaren seines Aeußern in anderer Hinsicht in Einklang zu bringen. Seine Mütze besonders, an welcher alle nur einigermaßen bedeutende Leute Gold- oder Silberverzierung zeigten, war bloß mit einem schlechten Bilde der Jungfrau aus Blei geziert, wie es die ärmern Pilger von Loretto bringen.
Sein Begleiter war ein starkgebauter Mann von mittler Größe, über zehn Jahr jünger als sein Gefährte, mit einem immer zu Boden schauenden Gesicht, und einem nichts Gutes weissagenden Lächeln, wenn er ja einmal diesem Antriebe nachgab, was übrigens nie geschah, außer als Antwort auf gewisse geheime Zeichen, die zwischen ihm und dem ältern Fremden gewechselt zu werden schienen. Dieser Mann war mit einem Schwert und einem Dolch bewaffnet; und der junge Schotte bemerkte, daß er unter seinem einfachen Kleide einen Jazeran oder ein bewegliches Panzerhemd von Metallringen trug, welches, weil es oft auch diejenigen führten, die, selbst bei friedlichem Gewerbe, zu jener gefahrreichen Zeit häufig auf der Landstraße verkehrten, den jungen Mann in seiner Vermuthung bestärkte, daß der Eigenthümer desselben ein Fleischer, Viehhändler, oder etwas dergleichen sein müsse.
Der junge Fremde, in einem Blick das Resultat der Beobachtung zusammenfassend, dessen Darstellung uns einige Zeit kostete, antwortete nach einer momentanen Pause: »ich weiß nicht, mit wem ich zu sprechen die Ehre habe,« (zugleich machte er eine leichte Verbeugung,) »doch gilt das mir gleich, der ich ein junger Schottländer bin, und hieher komme, um mein Glück in Frankreich, oder sonst irgendwo, nach der Sitte meiner Landsleute zu suchen.«
» Pasques-dieu! und das ist eine wackre Sitte,« sagte der ältere Fremde. »Ihr scheint ein stattlicher junger Bursch und gerade im rechten Alter, um Euer Glück sowohl bei Männern als bei Frauen zu machen. Was sagt Ihr dazu? Ich bin ein Kaufmann und brauche einen Burschen als Gehilfen bei meinem Handel – aber wahrscheinlich seid Ihr zu sehr Gentleman, um Euch zu solch einem handwerksmäßigen Geschäft herzugeben?«
»Werther Herr,« sagte der Jüngling, »wenn Ihr Euer Anerbieten ernstlich meint – woran ich freilich zweifle – so bin ich Euch Dank dafür schuldig und danke Euch allerdings; nur fürchte ich, ich würde für Euren Dienst ganz untauglich sein.«
»Wie!« rief der Aeltere; »gewiß verstehst du den Bogen besser zu spannen, als einen Waarenballen zu schnüren: kannst das Schwert besser handhaben, als die Feder – nicht?«
»Herr,« antwortete der Jüngling, »ich bin ein Braeman, und daher auch, wie wir sagen, ein Bogenmann. Doch bin ich auch in einem Kloster gewesen, wo mich die guten Väter lesen und schreiben, ja sogar rechnen lehrten.« –
» Pasques-dieu! das ist ganz herrlich!« sagte der Kaufmann. »Bei unsrer Frau von Embrun, du bist ein Wunderkind, Mensch!«
»Spart Euren Scherz, lieber Herr!« sagte der Jünglinge welcher mit dem scherzhaften Wesen seiner neuen Bekanntschaft nicht sehr zufrieden war. »Ich muß gehen, um mich zu trocknen, statt länger hier zu stehen, und Fragen zu beantworten.«
Der Kaufmann lachte nur noch lauter als er sprach, und antwortete: » Pasques-dieu! das Sprichwort hat Recht: Fier comme un Ecossois! aber komm nur junger Mann, du bist aus einem Lande, welches ich achte, denn ich habe zu seiner Zeit auch schon in Schottland Handel getrieben; ein guter ehrlicher Menschenschlag ist dort; willst du nun mit uns in's Dorf kommen, so sollst du ein Glas Branntwein und ein warmes Frühstück haben, um dein Untertauchen gut zu machen. Doch tete-bleu! was thut Ihr mit dem Jagdhandschuh an Eurer Hand? Wißt Ihr nicht, daß das Jagen in den königlichen Gehegen nicht gestattet ist?«
»Dieß lehrte mich schon,« antwortete der Jüngling, »ein schurkischer Förster des Herzogs von Burgund. Ich ließ nur meinen Falken fliegen, den ich mit aus Schottland gebracht hatte und mit dem ich Ehre einzulegen hoffte, und zwar auf einen Reiher in der Nähe von Péronne, und der schurkische Schelm schoß mir meinen Vogel mit einem Pfeile herunter.«
»Und was thatest du?« sagte der Kaufmann.
»Ich prügelte ihn,« sagte der Jüngling, seinen Stab schwingend, »beinahe zu Tode, wie nur ein Christenmensch den andern prügeln mag – sein Blut wollt' ich nicht auf mein Gewissen laden.«
»Weißt du auch,« sagte der Bürger, daß der Herzog von Burgund, wenn du in seine Hände gefallen wärst, dich hätte aufhängen lassen, wie eine Haselnuß?«
»Ja, es ist mir gesagt worden, er sei damit eben so schnell bei der Hand, wie der König von Frankreich. Aber da mir dieser Fall nahe bei Péronne begegnete, so machte ich einen Sprung über die Gränze und lachte ihn aus. Wäre er nicht so eilig gewesen, so hätte ich vielleich Dienste bei ihm genommen.«
»Er wird schwerlich einen solchen Paladin vermissen, wie Ihr seid, wenn der Waffenstillstand aufhören sollte;« sagte der Kaufmann, und warf dabei einen Blick auf seinen eigenen Gefährten, den dieser mit seinem niederwärts blickenden Lächeln erwiderte, welches über sein Gesicht glänzte, wie ein vorübergehendes Meteor den Winterhimmel erhellt.
Der junge Schotte aber drückte plötzlich seine Mütze auf das rechte Auge herab, wie einer der es übel nimmt, daß er belächelt wird, und sagte mit festem Ton: »Meine Herrn, und vorzüglich Ihr, Sir, der ältere, der wohl auch der Verständigste sein sollte, Ihr werdet doch hoffentlich keinen vernünftigen Grund, über mich zu scherzen, finden. Den Ton Eurer Unterhaltung liebe ich überhaupt nicht. Ich nehme wohl einen Scherz von Jedermann an, und einen Tadel deßgleichen von einem, der älter ist als ich, und ich danke Euch dafür, Sir, wenn ich mir bewußt bin, ihn verdient zu haben; aber es ist mir unerträglich, mich wie ein Kind behandelt zu sehen, da ich, Gott sei Dank! Manns genug bin, Euch beiden die Stirne zu bieten, wenn Ihr mich noch ferner reizt.«
Der älteste Mann schien fast vor Lachen über das Benehmen des Burschen ersticken zu wollen – seines Gefährten Hand faßte leise nach dem Schwertgriff; dies bemerkte der Jüngling und gab ihm einen Schlag über die Hand, der ihn unfähig machte, zuzugreifen; dadurch wurde die Lust des ältern Begleiters nur noch erhöht. »Halt, halt!« rief er, »mein wackrer Schotte! um deines eignen Vaterlandes willen! Und Ihr, Gevatter, laßt Euren drohenden Blick weg! Pasques-dieu! Wir wollen ordentlich und billig handeln! Wir wollen das Naßwerden gegen den Schlag auf die Hand setzen, der mit so viel Grazie und Behendigkeit geführt ward. Und hört Ihr, mein junger Freund,« sagte er mit düsterm Ernst zu dem Jünglinge, wodurch dieser trotz alles Widerstrebens doch bezähmt ward, – »keine Gewaltthätigkeit weiter! Bei mir ist sie nicht gut angewandt, und wie Ihr seht, hat mein Gevatter genug daran. Laßt mich Euren Namen wissen.«
»Auf höfliche Frage kann ich höflich antworten,« sagte der Jüngling, »und Eurem Alter will ich den geziemenden Respekt nicht weigern, wenn Ihr meine Geduld durch Neckerei nicht reizt. Seit ich hier in Frankreich und Flandern bin, nennen mich die Leute, nach ihrer Art, den Schuft mit der Sammettasche, weil ich diesen Falkenbeutel an der Seite trage. Mein wahrer Name daheim ist Quentin Durward.«
»Durward!« sagte der Frager; »ist es ein edler Name?«
»Seit fünfzehn Ahnen ist er in unserer Familie,« sagte der junge Mann; »und daher kommt eben mein Widerwille gegen jedes andre Geschäft als das der Waffen.«
»Ein ächter Schotte! Viel Blut und Stolz, und bedeutender Mangel an Dukaten, darauf wett' ich. – Gut, Gevatter,« sagte er zum Gefährten, »geh voraus, und laß uns ein Frühstück besorgen, an jener Maulbeerpflanzung; der junge Mann hier wird ihm gewiß ebensoviel Ehre widerfahren lassen, als eine verhungerte Maus dem Käse einer guten Hausfrau. Und was den Böhmen betrifft – so höre wohl« –
Sein Gefährte antwortete mit einem düstern, doch bedeutenden Lächeln, und schritt dann auf einen runden Platz hin, während der ältere Mann sein Gespräch mit dem jungen Durward fortsetzte: »Ihr und ich wollen zusammengehen, auf unserm Wege durch den Wald können wir zugleich in St. Hubert's Kapelle eine Messe hören, denn es ist nicht gut an unser Fleischliches zu denken, so lange dem Geistlichen nicht genügt ward.«
Durward hatte als guter Katholik nichts dagegen einzuwenden, wenn er auch jedenfalls wünschte, erst seine Kleider zu trocknen und sich zu erquicken. Indeß verlor man den Gefährten mit zu Boden gesenktem Blicke bald aus den Augen, setzte jedoch selber den nämlichen Weg fort, den jener eingeschlagen hatte, bis man auf diesem zu einem Wald mit hohen Bäumen, untermischt mit Dickicht und Gebüsch, gelangte, der von langen Alleen durchschnitten war, durch welche man in der Ferne kleine Heerden von Wild mit einer Sicherheit umherwandeln sah, welche bewies, daß sie sich eines vollkommenen Schutzes bewußt waren.
»Ihr fragtet mich, ob ich ein guter Bogenschütze wäre,« sagte der junge Schotte; »gebt mir einen Bogen und einige Pfeile, und Ihr sollt den Augenblick ein Stück Wildpret haben.«
» Pasques-dieu! mein junger Freund!« sagte sein Begleiter, »nehmt Euch davor in Acht; mein Gevatter dort hat ein besonderes Auge auf das Wild, es steht unter seiner Aufsicht und er ist ein strenger Wildhüter.«
»Er hat aber mehr das Ansehen eines Fleischers, als eines heitern Forstmanns,« antwortete Durward; »ich kann mir nicht denken, daß sein hündisch gesenkter Blick einem Menschen gehören kann, der sich auf das edle Waidwerk versteht.«
»Ja, junger Freund,« antwortete der Begleiter, »auf den ersten Anblick sieht mein Gevatter allerdings etwas häßlich aus, aber wenn man erst näher mit ihm bekannt ist, so kann man sich nie über ihn beklagen.«
Quentin Durward fand etwas Eigenes und unangenehm Bedeutsames in dem Tone, womit diese Worte ausgesprochen wurden, und als er nun plötzlich den Redenden anblickte, glaubte er in dem Gesicht, in dem leichten Lächeln, das seine Oberlippe umzog, und in dem damit verbundenen Blicke seines durchdringenden düstern Auges, Etwas zu entdecken, was seine unangenehme Ueberraschung zu rechtfertigen schien. »Ich habe oft von Räubern gehört,« dachte er bei sich, »und von listigen Spitzbuben und Kehlabschneidern – Wie, wenn jener Kerl ein Mörder, und dieser alte Schuft sein Helfershelfer wäre? Ich will auf meiner Hut sein; sie werden bei mir nichts als derbe schottische Hiebe holen.«
Während er so im Stillen dachte, kamen sie an eine freie Stelle, wo die hohen Bäume weniger dicht standen, und wo der Fußboden von Buschholz und Dickicht befreit, mit einem Grasteppich vom sanftesten und frischesten Grün überkleidet war, welches, vor den sengenden Sonnenstrahlen geschirmt, hier viel schöner zu gedeihen schien, als man es sonst in Frankreich zu sehen pflegt. Die Bäume, die an dieser abgeschiedenen Stelle meist aus Buchen und Ulmen von ungeheurer Größe bestanden, erhoben sich gleich großen Laubhügeln in die Luft. Mitten unter diesen prächtigen Söhnen der Erde streckte sich auch, an der offensten Stelle der Waldlichtung, eine kleine Kapelle empor, in deren Nähe ein Bächlein dahinrieselte. Ihre Bauart war von der rohesten und einfachsten Art, und daneben befand sich eine niedere Wohnung zur Aufnahme des Eremiten oder einsamen Priesters, der dort weilte, um regelmäßig die Pflichten des Altars zu versehen. In einer kleinen Nische über dem bogenförmigen Eingang stand ein steinernes Bild des Sankt Hubertus, mit dem Jagdhorn, das ihm um den Hals hing, und ein Rudel Windhunde zu seinen Füßen. Die Lage der Kapelle mitten in einem Jagdgehege, das so reichlich mit Wild versehen war, machte die Widmung derselben für den heiligen Jäger besonders passend.
Gegen dieses kleine geweihte Gebäude lenkte der alte Mann seine Schritte, ihm folgte der junge Durward nach, und als sie sich näherten, erschien der Priester, mit der Amtstracht angethan und eben im Begriff sich aus seiner Behausung nach der Kapelle, wahrscheinlich der heiligen Amtsverrichtung wegen, zu begeben. Durward verbeugte sich ehrerbietig vor dem Priester, wie es die Achtung, die seinem heiligen Amte gebührte, wohl erforderte, während sein Begleiter mit scheinbar noch tieferer Ehrfurcht auf ein Knie niedersank, um den Segen des heiligen Mannes zu empfangen, und ihm dann in das Heiligthum folgte, mit einem Schritt, und auf solche Art, die die innigste Zerknirschung und Demuth anzudeuten schien.
Das Innere der Kapelle war auf eine Weise geschmückt, die mit der Beschäftigung des Schutzheiligen, so lange er auf Erden geweilt hatte, übereinkam. Die reichsten Felle von Thieren, welche in den verschiedenen Ländern der Erde Gegenstände der Jagd sind, vertraten die Stelle von Teppichen um den Altar und an andern Orten, und die charakteristischen Verzierungen von Hörnern, Bogen, Köchern und andern Emblemen der Jagd, befanden sich rings an den Wänden, untermengt mit Köpfen von Hirschen, Wölfen und andern wilden Thieren. Alles trug hier einen dem Waldleben entsprechenden Charakter, und selbst die Messe bewies durch ihre bedeutende Abkürzung, daß sie von der Art war, welche man eine Jagdmesse nennt, weil man sich ihrer vor Edeln und Mächtigen bediente, die, wenn sie der kirchlichen Feier beiwohnten, gewöhnlich ungeduldig des Beginns ihres Lieblingsvergnügens harrten.
Dennoch schien während der kurzen Ceremonie Durward's Begleiter die strengste und genaueste Aufmerksamkeit zu beweisen; während Durward, gar nicht mit so religiösen Gedanken beschäftigt, es sich kaum verzeihen konnte, daß er bei sich selbst gegen den Charakter eines so frommen und demüthigen Mannes so entehrenden Argwohn genährt habe. Denn weit entfernt, ihn noch für den Gefährten und Helfershelfer eines Räubers zu halten, konnte er sich kaum enthalten, ihn für eine fast heilige Person anzusehen.
Als die Messe geendigt war, gingen sie zusammen von der Kapelle, und der ältere sagte zu seinem jüngern Kameraden: »Wir haben hier nicht mehr weit bis zum Dorf – Ihr könnt nunmehr guten Gewissens Euer Frühstück halten – folgt mir.«
Sich rechts wendend und einen Pfad einschlagend, der allmählig aufwärts zu steigen schien, empfahl er seinem Begleiter, den Pfad ja nicht zu verlassen, sondern sich im Gegentheil immer so viel als möglich in der Mitte zu halten. Durward konnte nicht umhin, nach der Ursache dieser Vorsichtsmaßregel zu fragen.
»Ihr seid nun in der Nähe des Hofes, junger Mann,« antwortete sein Führer; »und, Pasques-dieu! es ist ein Unterschied, ob Ihr in dieser Region oder an Euren Heidehügeln wandelt. Jede Elle dieses Bodens, mit Ausnahme des Pfades, auf dem wir hier gehen, ist gefahrvoll und fast ungangbar gemacht worden, und zwar durch Schlingen und Fußangeln, mit Sichelklingen versehen, die dem unvorsichtigen Wanderer die Beine so flink abschneiden können, wie eine Gartenscheere die Auswüchse einer Hecke wegschneidet; auch Eisen sind da, die den Fuß Euch durchstechen würden, und Gruben, tief genug, um Euch für immer zu begraben; denn Ihr seid nun in den Umgebungen des königlichen Schlosses, dessen Fronte wir sogleich erblicken werden.«
»Wär' ich der König von Frankreich,« sagte der junge Mann, »ich würde mir nicht so viel Mühe mit Schlingen und Fußangeln machen, sondern ich würde statt dessen so gut zu regieren suchen, daß Niemand wagen sollte, meiner Wohnung mit schlechtem Vorsatze zu nahen; und was die anlangt, die friedlich und arglos hieher kämen, ei, je mehr deren kämen, desto besser sollte mir's dünken.«
Sein Begleiter schaute sich mit unruhigem Blicke um und sagte: »Still, still, Sir Schelm mit der Sammettasche! Ich vergaß Euch zu sagen, daß eine der größten Gefahren in diesen Gehegen die ist, daß selbst die Blätter aus den Bäumen wie eben so viel Ohren sind, die alles, was hier gesprochen wird, zu des Königs eigenem Cabinet tragen.«
»Das kümmert mich wenig,« antwortete Quentin Durward; »ich trage eine schottische Zunge im Munde, kühn genug, meine Meinung dem König Ludwig, Gott segne ihn, in's Gesicht zu sagen, – und, was die Ohren betrifft, von denen Ihr sprecht, wenn ich diese an einem menschlichen Kopfe sitzen sähe, so wollt' ich sie wohl mit meinem Waidmesser abschneiden.«
Drittes Kapitel.
Das Schloß.
Inmitten ragt ein mächtiger Bau; es weisen
Zurück die starken Pforten dort, von Eisen,
Wer einzudringen wagt; stark und erhaben
Hebt sich die Wand, und tief senkt sich der Graben.
Von träger Fluth ist rings das Schloß umgeben.
Hoch oben glänzend sieht des Wächters Thurm man schweben.
Ungenannter.
Während Durward und sein neuer Bekannter so miteinander sprachen, trat ihnen endlich die ganze Fronte des Schlosses Plessis les Tours vor's Auge, welches sich sogar in jenen gefahrvollen Zeiten, wo sich die Großen genöthigt sahen, an stark befestigten Orten zu wohnen, durch die außerordentliche und ängstliche Sorgfalt auszeichnete, mit der es bewacht und geschützt ward.
Von dem Rande des Waldes, wo der junge Durward mit seinem Begleiter stehen blieb, um diese königliche Residenz in Augenschein zu nehmen, erstreckte oder erhob sich vielmehr, wenn auch nur ganz allmählig, ein offener Platz, frei von allen Bäumen oder Gebüschen, eine einzige riesenhafte und halb verwitterte Eiche ausgenommen. Man hatte diesen Raum, nach den Regeln der Befestigungskunst aller Zeiten, deßhalb frei gelassen, daß sich der Feind nicht mit einigem Schutze oder unbemerkt von den Befestigungswerken denselben nahen könne, jenseit deren sich das Schloß selbst erhob.
Es befanden sich da drei äußere Mauern, die von Zwischenraum zu Zwischenraum auf jeder Ecke mit Basteien und Thürmen versehen waren; die zweite Umschließung war höher als die erste, und konnte diese, im Fall daß sie der Feind genommen hätte, noch beherrschen; und auf gleiche Weise wurde sie selbst wieder von der dritten und innersten Mauer beherrscht. Rings um die Mauer lief, wie der Franzose seinen jungen Gefährten berichtete, (denn da sie niedriger standen als die Grundmauer des Walls, konnten sie es nicht sehen,) ein Graben, der etwa zwanzig Fuß tief sein mochte, den ein Kanal aus dem Flusse Cher, oder vielmehr aus einem Arme desselben, mit Wasser versah. Vor der zweiten Einschließung befand sich, wie er sagte, ein anderer Graben, und ein dritter, gleich jenem von ungewöhnlicher Breite, floß zwischen der zweiten und innersten Einschließung hin. Der Rand, sowohl der äußere als innere dieses dreifachen Grabens, war stark mit eisernen Pallisaden besetzt, welche die Stelle der sogenannten chevaux-de-frise der neuern Fortification vertraten; die Spitze jedes dieser Pfähle theilte sich in viele scharfe Enden, die jeden Versuch, darüber zu klimmen, zu einer Handlung der Selbstvernichtung zu machen schienen.
Innerhalb der innersten Einschließung erhob sich das Schloß selbst, Bauwerke aus verschiedenen Zeiträumen enthaltend, untereinander zusammengehäuft und vereinigt mit dem alten mürrischblickenden Gefängnißgebäude, welches eigentlich das älteste von allen war, und sich erhob, wie ein schwarzer äthiopischer Riese, wobei der Mangel an allen Fenstern, die breiter gewesen wären als Schießscharten, die man unregelmäßig zur Vertheidigung angebracht hatte, dem Auge des Beschauers das unangenehme Gefühl erregte, welches uns beim Anblicke eines blinden Menschen befällt. Die andern Gebäude schienen kaum besser für Bequemlichkeit eingerichtet zu sein, denn ihre Fenster öffneten sich auf einen innern umschlossenen Hofraum, so daß die ganze äußere Fronte mehr wie ein Gefängniß als wie ein Palast aussah. Der jetzt regierende König hatte diese Wirkung noch erhöht, denn da er wünschte, daß diese Zusätze, die er selbst zu den Fortificationen machte, ein Ansehen haben sollten, welches sie nicht leicht von den ursprünglichen Gebäuden unterscheiden ließe, (denn, gleich vielen eifersüchtigen Personen wollte er nicht, daß man seinen Verdacht bemerke,) waren dazu die dunkelfarbigsten Steine angewandt und so mit dem Mörtel verrieben worden, daß das ganze Schloß das gleichförmige Ansehen eines hohen und rohen Alterthums hatte.
Dieser furchtbare Ort hatte nur einen Eingang, wenigstens sahe Durward an der geräumigen Nordseite keinen, außer wo, in der Mitte der ersten und äußern Umgebung, zwei hohe, feste Thürme emporragten, die gewöhnlichen Vertheidigungen eines Thores; und er konnte das Zubehör desselben, Fallgatter und Zugbrücke bemerken, wovon das erstere niedergelassen, die letztere aber aufgezogen war. Aehnliche Eingangsthüren waren auch an der zweiten und dritten Einschließung sichtbar, aber nicht in derselben Linie mit denen der äußersten Umschließung, denn der Weg ging nicht gerade durch alle drei Mauern, sondern der Eintretende mußte etwa dreißig Ellen zwischen der ersten und zweiten Mauer hingehen, ausgesetzt, wenn er in feindlicher Absicht kam, den Geschoßen von beiden; war er alsdann auch durch die zweite Mauer gekommen, so mußte er eine zweite Abweichung von der direkten Linie machen, um zum Thore der dritten und innersten Mauer zu gelangen; so daß also, ehe der äußere Hof zu erreichen war, welcher der Fronte des Gebäudes entlang lief, zwei enge und gefährliche Defileen zu durchschreiten waren, unter dem Seitenfeuer der Artillerie, und drei Thore, die nach der Art des Zeitalters auf's stärkste befestigt waren, nach einander genommen werden mußten.
Aus einem Lande kommend, welches durch äußern Krieg so wie durch innere Fehden verwüstet war – einem Lande überdies, dessen unebene bergige Oberfläche, reich an Abgründen und Sturzbächen, so mancherlei Gelegenheit zur Befestigung darbietet, war der junge Durward zwar genügend bekannt mit den verschiedenen Erfindungen, wodurch die Menschen in jener finstern, ernsten Zeit ihre Wohnungen zu schützen suchten; aber dennoch gestand er offen seinem Begleiter, er habe nicht gedacht, daß die Kunst fähig sei, so viel zur Vertheidigung zu thun, wo die Natur so wenig gethan hätte. Denn die Situation, wie wir bereits andeuteten, war nur der Gipfel einer sanften Anhöhe, die sich von dem Ort aus erhob, wo sie standen.
Um sein Erstaunen zu erhöhen, sagte sein Begleiter, daß die Umgebungen des Schlosses, mit alleiniger Ausnahme des gewundenen Pfades, auf welchem man sicher dem Eingange nahen könne, gleich dem Gehölz, durch welches sie gekommen waren, mit aller Art von versteckten Fallgruben, Schlingen und Fußangeln erfüllt wären, um den Unglücklichen zu fangen, der es wagen sollte, ohne Führer hieher zu gehen; daß auf den Mauern gewisse eiserne Behältnisse angebracht waren, Schwalbennester genannt, von wo die Schildwachen, welche dort regelmäßig postirt wurden, sich ohne alle Gefahr einen Jeden zum Ziele nehmen konnte, der es wagte, ohne das besondere Zeichen oder für jeden Tag bestimmte Losungswort, hereindringen zu wollen; und daß die Bogenschützen der königlichen Leibwache diesen Dienst Tag und Nacht zu versehen pflegten, wofür sie hohe Löhnung, reiche Kleidung, und viel Ehre und Vortheil aus den Händen des Königs Ludwig empfingen. »Und nun sagt mir, junger Mann,« fuhr er fort, »habt Ihr je ein so starkes Schloß gesehn, und glaubt Ihr, daß es Männer gibt, die kühn genug wären, es zu stürmen?«
Der junge Mann schaute lange und fest auf das Schloß, dessen Anblick ihn so sehr interessirte, daß er, im Eifer seine jugendliche Neugier zu befriedigen, die Nässe seiner Kleidung vergessen hatte. Sein Auge glänzte und das Blut stieg ihm in die Wangen, wie einem kühnen Manne, der über einer ehrenvollen That sinnt, als er erwiderte: »Es ist ein starkes Schloß, und stark bewacht; doch für tapfere Männer ist nichts unmöglich.«
»Und gibt es dergleichen in Eurer Heimath, die so etwas unternehmen könnten?« sagte der Aeltere, etwas verächtlich.
»Ich will das nicht behaupten,« antwortete der Jüngling; »aber tausende sind dort, die in einer guten Sache eine kühne That versuchen würden.«
»Hm!« sagte der ältere, »vielleicht seid Ihr selber solch ein Tapferer?«
»Ich würde sündigen, wenn ich prahlen wollte, wo keine Gefahr ist,« antwortete der junge Durward; »aber mein Vater hat eine so kühne That vollbracht, und ich denke, ich bin kein Bastard.«
»Wohl,« sagte sein Gefährte lächelnd, »Ihr würdet Eures Gleichen und all' Eure Verwandten bei dem Versuche finden; denn die schottischen Bogenschützen von König Ludwigs Leibwache stehen Schildwache auf jenen Mauern – dreihundert Herren vom besten Blut Eures Vaterlandes.«
»Und wäre ich König Ludwig,« gab der Jüngling zur Antwort, »ich würde meine Sicherheit der Treue der dreihundert schottischen Edeln anvertrauen, meine Mauern niederreißen, um den Morastgraben auszufüllen, meine Pairs und Paladine berufen, und leben, wie mir's behagte, unter Lanzenbrechen in stattlichen Turniren, des Tages bankettiren mit den Edeln, des Nachts tanzen mit den Damen, und vor dem Feinde nicht mehr Furcht, als vor einer Fliege haben.«
Sein Gefährte lächelte wieder, und dem Schlosse den Rücken wendend, dem, wie er bemerkte, sie sich ein wenig zu sehr genähert hatten, führte er ihn wieder in den Wald auf einen breiteren und betreteneren Pfad, als sie ihn bis jetzt gegangen waren. »Dieser,« sagte er, »führt uns zu dem Dorfe Plessis, wie es heißt, wo Ihr, als Fremder, billige und anständige Bequemlichkeit finden werdet. Etwa zwei Meilen entfernt liegt die schöne Stadt Tours, welche dieser schönen und reichen Grafschaft den Namen gibt, aber das Dorf Plessis oder Plessis am Park, wie man es zuweilen wegen der Nachbarschaft der königlichen Residenz und des umgebenden Jagdgeheges nennt, wird Euch nähere und bequemere Bewirthung gewähren.«
»Ich danke Euch, lieber Herr, für Eure Belehrung,« sagte der Schotte, »aber ich werde hier nicht lange weilen; wenn ich einen Bissen zu essen und einen etwas bessern Trunk als Wasser erhalte, so sind meine Bedürfnisse in Plessis, mag sie der Park oder der Fischteich liefern, reichlich befriedigt.«
»Ei,« antwortete sein Gefährte, »ich dachte, Ihr wolltet hier etwa einen Freund besuchen.«
»Ich habe einen hier, meiner Mutter Bruder ist es,« antwortete Durward; »ein recht stattlicher Mann, eh' er den Bezirk von Angus verließ, wie je einer Holzschuh über die Heide trug.«
»Wie nennt er sich?« fragte der ältere; »wir wollen doch nach ihm fragen. Denn es ist nicht räthlich für Euch, nach dem Schlosse zu gehen, wo man Euch für einen Spion halten könnte.«
»Nun, bei meines Vaters Hand!« rief der Jüngling; »mich für einen Spion halten! – Beim Himmel, der soll mein kaltes Eisen kosten, der mir eine solche Schmach zufügt! Was meines Oheims Namen betrifft, den kann ich Jedermann sagen – Lesly heißt er. Lesly – ein ehrenwerther und edler Name.«
»Gewiß, ich zweifle nicht,« sagte der alte Mann; »aber es gibt drei dieses Namens in der schottischen Leibwache.«
»Meines Oheims Name ist Ludwig Lesly,« sagte der junge Mann.
»Von den drei Lesly's,« sagte der Kaufmann, »nennen sich zwei Ludwig.«
»Sie nannten meinen Verwandten Ludwig mit der Narbe,« sagte Quentin. – »Unsere Familiennamen sind so gemeinsam in einem schottischen Hause, daß, wo keine Landbesitzung vorhanden ist, wir stets einen Zunamen geben.«
»Einen nom de guerre, meint Ihr wahrscheinlich,« antwortete der Gefährte; »und den Mann, von dem Ihr sprecht, nennen wir, glaub ich, Le Balafré, von der Narbe in seinem Gesicht – ein stattlicher Mann und wackerer Krieger. Ich wünsche, Euch zu einer Unterredung mit ihm helfen zu können, denn er gehört zu einem Corps von Herren, deren Pflichten streng sind, und die nicht oft aus der Garnison kommen, außer unmittelbar im Dienste bei des Königs Person. – Und nun, junger Mann, beantwortet mir eine Frage! Ich will wetten, Ihr wünscht mit Eurem Oheim Dienst in der schottischen Leibwache zu nehmen. Es ist ein großes Vorhaben, zumal da Ihr noch sehr jung seid; und einige Jahre Erfahrung ist vonnöthen für den hohen Posten, nach dem Ihr strebt.«
»Vielleicht hab' ich an so etwas gedacht,« sagte Durward leicht hin; »wenn ich es aber that, so ist der Einfall wieder hin.«
»Wie so? junger Mann!« sagte der Franzose, etwas ernst; »sprecht Ihr so von einem Posten, um dessen Erlangung die Edelsten Eurer Landsleute wetteifern?«
»Ich wünsche ihnen Glück dazu,« sagte Quentin sehr gelassen. – »Um offen zu sprechen, muß ich Euch sagen, der Dienst des Königs von Frankreich wäre mir schon gelegen, aber, trotz Eurer feinen Kleidung und guten Nahrung, lobe ich mir doch die freie Luft, statt dort in einem Käfig oder Schwalbenneste zu stecken, wie Ihr Eure vergitterten Pfefferbüchsen nennt. Ueberdies,« fügte er mit leiserer Stimme hinzu, »um aufrichtig zu sein, liebe ich das Schloß nicht, wenn der tückische Baum ( covin-tree,) der große Baum vor der Fronte eines schottischen Schlosses ward bisweilen so genannt. Es ist schwierig, den Grund dafür zu finden; doch bis zu dieser Entfernung vom Schloß empfing der Laird seine Gäste von Stande und begleitete sie auch bis dorthin beim Abschiede. solche Eicheln trägt, wie ich dort sehe.«
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