Kitabı oku: «Die tückische Straße (19 Krimis)»

Yazı tipi:

Walter Serner

Die tückische Straße (19 Krimis)


Books

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musaicumbooks@okpublishing.info

2017 OK Publishing

ISBN 978-80-272-0449-6

Inhaltsverzeichnis

The mistery of Tottenham Court Road

Las Tortilleras

Das Rendez-vous mit dem Goldzahn

Die Clincher Box

Narziss

Die verhängnisvolle Camel

Das Loch in der Weste

Übersee

Wong Fun

Auf dem Rummelplatz

Im Hotel Fleißig

Diluvialzeit

Homingmans schönste Komposition

Das Fest in der Via Alfeo

Irma

Deiters Putsch

Das denkwürdige Gespräch

Messalina – eine ...

Psycho-Dancing

The mistery of Tottenham Court Road

Inhaltsverzeichnis

Als Jabert in Shearns Hotel auf dem Tottenham Court Road eintrat, war niemand zu sehen. Nachdem er seinen Koffer in das Zimmer getragen hatte, in dem er schon zweimal übernachtet war, ging er in das W.C, in dessen Tür er auf einen jungen Mann in einer Ärmelweste stieß, der von seltener, beinahe unwirklicher Schönheit war, aber einen dermaßen bösen Zug um den Mund hatte, daß er sich wunderte, ihn so offen zur Schau getragen zu sehen.

Obwohl es erst sieben Uhr abends war, ging Jabert sogleich zu Bett. Er hatte in Devonshire den kompliziertesten Kassenschrank seiner Karriere bewältigt und schlief, übernächtigt, augenblicks ein. Als er gegen fünf Uhr morgens erwachte, hörte er ein schleifendes Geräusch auf dem Korridor. Unwillkürlich dachte er an den schönen jungen Mann vom vergangenen Abend. Der Plan, ihm einen Besuch zu machen, war kaum erwogen, als Jabert auch schon entschlossen war, in sein Zimmer einzudringen. Mit dem Erforderlichen versehen, schlich er sich auf den Strümpfen vor das W.C, um die Richtung zu rekonstruieren, in welcher der junge Mann gegangen war. Daselbst befanden sich nur zwei Zimmertüren, deren erste er mit drei Stichen öffnete. Das Zimmer war unbesetzt; das zweite unversperrt, das Bett unberührt. Schon wollte er sich zurückziehen, als das Licht seiner Taschenlampe zufällig das Fenster streifte. Er zuckte zusammen: sah er recht …? Hing da nicht …? Ja, dort am Fenster hing ein Mann, hatte sich einer aufgehenkt.

Jabert drehte das Licht an und den Körper des Toten sich zu, um den abgewandt hängenden Kopf sehen zu können. Er erblickte, was er eigentlich schon gewußt hatte: das Gesicht des schönen jungen Mannes mit dem bösen Zug um die Lippen, den der Tod in einen abschreckend häßlichen verwandelt hatte. Jabert öffnete die Hose des Toten, um festzustellen, ob Selbstmord vorlag. Das untrügliche Zeichen fehlte. Im selben Augenblick vernahm er vom Korridor her dasselbe schleifende Geräusch. Sofort kroch er unters Bett. Einige Sekunden später spürte er einen schwachen Luftzug: die Tür war geöffnet worden. Da entdeckte er neben dem Fenster eine Frau, die, nur mit dem Hemd bekleidet, auf dem Fußboden lag. Und fast gleichzeitig hörte er die Stimme eines Mannes:

»Jo. Die Hauptsache wäre also jetzt besorgt. Wenn sie morgen den Bender da am Fenster hängen sehen und diesen Crack daliegen…«

Jabert sah, wie zwei Finger den Busen der Frau auf dem Fußboden betasteten und sie mit einer rohen Bewegung auf den Rücken rissen. Er war durch sein Leben hart geworden, der Anblick dieser Hände aber ließ ihn dennoch erzittern. Da hörte er jene Stimme wieder:

»… werden sie glauben, daß er nach seinen zwanzig Schnicks das Delirium bekommen hat und wie sie ihn hängen sah, hat sie sich vor Schreck hingelegt. Oder sie werden nach der Rauferei …«

»Aber woher hast du ihn denn überhaupt?« Eine hellere Stimme sprach diese Worte.

»Er hat mir mal einen Gang vershackelt.«

»Du hast ihn doch nicht …«

»Hoho … Schwer wars nur, ihn bis daher zu dreideln. Gebaumelt hat er dann schneller, als’n Hund läuft.«

»Du hast ihn … meinetwegen …?«

»Garn, garn! Ich hätte dich also mit dieser Irishbeauty da auffliegen lassen sollen?«

»Ich weiß schon, daß die vom Gericht nichts glauben. Aber ich …«

»Dear me, ist das ein Doodle! Und wenn du mit Engelszungen geflötet hättest, nach vier Wochen wärst du in die Schlinge gestiegen.«

»Aber die da …? Was ist mit ihr?«

»Diese Foozle? Die hab ich … No, Willy, ich bin nicht da, um dich vor dir zu entschuldigen.«

»Und wo ist denn nur Blossie hin?«

»Up! Zum letzten Mal! Gestern hast du mit den beiden Colts, mit Blossie und mir unten gesoffen. Um zwölf bist du mit ihr losgegangen. Um zwei Uhr war sie wieder unten. Und wie ich um vier bei dir anklopfe, ist Licht und ne tote Frau auf dem Teppich … Hollah, was … Weißt du noch, ob das Licht …«

»Ob das Licht …?«

»Ich hab das Licht abgedreht, wie ich raus bin.«

»Ich erinnere mich. Du hast abgedreht.«

»Gemini! Es hat aber gebrannt, wie wir zurückgekommen sind. Tsss!«

Lautlos zog Jabert seinen Browning, schob sich nach hinten und zwängte sich eben zwischen Bett und Wand hoch, als er die hellere Stimme flüstern hörte, ob jemand da sei. Da wußte er, daß der andere unters Bett gekrochen war und jeden Augenblick seine Füße sehen konnte. Schnell hob er den Kopf: zwei Schritte vor ihm bewegte sich der Rücken eines Mannes. Schnell schlich Jabert sich hervor und hinter den drei Schritte entfernten Fenstervorhang. Nach kurzer Zeit hörte er die tiefere Stimme wieder:

»Da ist was … Ich weiß genau, daß ich das Licht … Jemand war da. Blackfriars! Stell dich vor die Tür!«

Ein Schuß krachte. Jabert duckte sich, übersät von Glassplittern. Dann sprang er seitlich hoch und schoß auf den Mann mit dem noch rauchenden Browning.

Der Mann sank mit einem kleinen Glucksen um.

Jabert aber blickte starr zur Tür: dort stand der schöne junge Mann, der mit weit aufgerissenen Augen wie zur Abwehr ihm die Handflächen entgegenhielt. Als Jabert sah, daß er auf dem Boden Liegende tot war, ging er auf den Mann vor der Tür zu. »Wer bist du?«

»Wer bist du?«

Jabert wies mit seinem Browning auf einen Stuhl neben dem Tisch. Als er ebenfalls saß, legte er die Hand mit der Waffe aufs Knie. »Erklär mir rasch die Situation! Wer ist das?« Er zuckte mit dem Kopf nach dem Gehenkten und wunderte sich, nur eine ganz schwache Ähnlichkeit mit seinem Gegenüber bemerken zu können.

»Weiß ich nicht.«

»Und die da?«

»Weiß ich auch nicht.«

Sekundenlang betrachtete Jabert das schöne Gesicht vor sich, dessen böser Zug sich zu verschärfen schien. Seine Zunge strich dünn über die Lippen: »Noch einmal, erklär mir!«

»Well. Also gestern haben wir zusammen gesoffen. Das hast du wohl noch gehört.«

»Du gingst dann mit einer gewissen Blossie …« Ein bedauerndes Lächeln kräuselte Jaberts feinen Mund.

»Um vier Uhr wachte ich auf. Daß ich überhaupt mit ihr allein dort drüben in einem Zimmer war, das kam, weil ich alkoholisiert war. Immerhin, so plötzlich allein mit einem fremden Weib … Der ärgerliche Geruch von Teer und altem Obst … Riechst du ihn nicht auch? Nun, da hatte ich schon eine matte Ahnung, daß das alles nicht geheuer war. Aber die Person ließ mich ja nicht ne Sekunde denken, fiel sofort mit allen Ups and Downs über mich her. Scheußlich!«

Jabert schmunzelte zufrieden. »Um vier bist du also aufgewacht. Schneller, schneller!«

»Well. Debast stand im Zimmer. Das ist der, den du niedergeknackt hast. Hats verdient, der Fiddler. Und dann sah ich also diese Tote da.«

Jabert neigte neugierig den Kopf zur Seite. »Wirklich eine Irishbeauty! Und dann hast du sie mit ihm hierher geschleppt.«

»Das weißt du? Well. Also Debast fragte bestürzt, was denn los sei … Ich stotterte, es sei nicht Blossie. Das sei eine verteufelt dumme Geschichte, jammerte er. Aber sag mal … die Schüsse! Sie werden kommen.«

Jaberts Lider flatterten verneinend. »Nach zwölf hören die Beaksmen so was nicht gern. Und die im Hotel auch nicht. Weiter, weiter!«

»Also ich fragte ihn nicht nach Blossie, nicht, wie diese Frau in mein Zimmer gekommen und wie sie … auf dem Teppich … tot, im Hemd … Ich wußte schon, daß das ganz zwecklos gewesen wäre. Er versprach dann, mir diese Schweinerei zu flicken, wenn ich ihm auf Knock springen würde. Dann ließ er sich mein Leben beichten. Das Lügen fiel mir nicht schwer, weil er fortwährend fragte. Selbst ein so gerissener Fiddler, wenn man ihm nur sagt, was er hören will, ist leichter anzulügen als das leichtgläubigste Frauenzimmer.«

»Jo, jo.« Jabert bohrte seine Zunge in die Wange. »Er hat dich leimen wollen. Die Leiche hat er zu dir hineingelegt. Und den hier hat er sich heraufgeholt, um das Ganze auf Hobble zu machen, auf Suicide. Da habe ich dich also gewissermaßen abgeweicht.« Da der andere nickte, zwinkerte er: »Ohne mich wärst du ihm nicht mehr ausgekommen. Was machst du sonst?«

»Ich bin in Roß‘s Restaurant angestellt.«

»Tottenham Court Road 62. Das Essen ist gut.«

»Wie überall, wo Kokotten verkehren.«

»Warst du schon mal away?«

»Nicht nen Tag.«

»Wie heißt du?«

»Willy Cuttler. Aber wärs nicht gescheiter …«

»Hat Zeit. Wie ich sehe, bist du ein Mary-Ann. Gibs nur zu!«

Cuttler, der bis dahin, völlig unbeweglich, unausgesetzt dieselbe Stelle des Tisches fixiert hatte, blickte rasch auf. »Du bist wohl einer?«

Jaberts Zunge wackelte an der Unterlippe. »Da kannst du dich also bedanken,«

»Ich bin zwar kein Mary-Ann, aber ich möchte schon endlich weg aus dieser toten Gesellschaft.« Cuttler stand auf und riß sich die Ärmelweste herunter. »Auf Knock läßt einen eben jeder springen.«

Jabert wartete, bis er im Bett war. Als er sich zu ihm legte, schob er seinen Browning griffbereit auf das Nachttischchen …

Nach einer Stunde saßen beide wieder am Tisch; Cuttler mit trüben Augen, Jabert griesgrämig.

»Hundertfünfzig Schilling geb ich monatlich meiner Braut.«

Cuttler stand auf, den Kopf schüttelnd. »Laß mich schon fort jetzt!«

»No«, knurrte Jabert. »Sag lieber ja!« Er hob die Hand mit dem Browning ein wenig.

Cuttler setzte sich und blieb unbeweglich und in derselben Haltung wie anfangs.

Durch die Ereignisse der Nacht, seine Macht und den seltsamen Rausch, den er genossen hatte, war Jabert härter und unbeugsamer geworden, als er noch vor wenigen Stunden für möglich gehalten hätte. »Willy, leg die Foozle aufs Bett!«

Cuttlers Augen schlossen sich kurz. Dann tat er es überaus schnell. Dabei entblößte er auf der linken Hüfte der Toten eine tellergroße grünblau schillernde Verletzung. Das rechte Auge trug ein schon ins Schwärzliche spielendes Veilchen, über dem, ein satanischer Kontrast, eine zusammengeklebte weiße Haarsträhne hing, die einzige in dem noch dunklen Haar.

Cuttler setzte sich aufs Bett, mit den Fingern der Toten spielend, um seinem Peiniger den Rücken zukehren zu können.

»Zehn Meter gegen den Wind spürt man, daß die ‘n paar Tage alt ist. Schade. Beine, Beine!«

»Alles ist wert, daß es zugrunde geht«, brummte Cuttler schläfrig.

»Du auch. Soll ich dich umknacken?«

Cuttler riß es herum. Sein Gesicht wurde fahl. »Debast war ‘n Schurke. Aber wenigstens weg in mich.«

»Gleichsam strafmildernd ist das also für dich.« Jabert grinste, zischend: »Erklär mir das!«

Cuttler blickte auf den Arm der Toten, der aus dem Bett hing und mit den Fingern den Boden berührte. »Ein schöner Mensch bringt die andern außer Rand und Band, wirkt überhaupt antisozial. Da merken sie, daß sie nichts sind als ne miese stiere Hammelherde, die bei jeder Gelegenheit bluten muß. Und deshalb haben sie gar nicht den Mut, weg zu sein. Dafür rächen sie sich.« Er legte den Arm der Toten behutsam aufs Bett. »Hat einer aber den Mut, dann macht er jede Schweinerei, um einen zu kriegen. Was du mit mir gemacht hast, hätte er jeden Tag machen können. Aber er hat mich auf seine Weise erobern wollen.

Jabert schwenkte vergnügt den Browning.

»Great Scott, Willy, du bist ja ‘n Idealist.«

Cuttlers Augen wurden rot, der böse Zug um seinen Mund abschreckend häßlich.

Jabert verglich ihn mit dem des Gehenkten. »Der böse Zug des Todes. Wenn man acht gibt, kann man ihn bei jedem schönen Menschen sehen. Komisch ist das.«

»Gar nicht komisch ist das«, rief Cuttler laut. »Je schöner einer ist, desto früher verliert sich alles in ihm. Weil er am schnellsten und gründlichsten merkt, was für eine Bubble die ganze Welt ist.«

»Ich sags ja, du bist ‘n Idealist«, höhnte Jabert. »Nimm lieber die hundertfünfzig!«

»… weils die schickste Form ist, zugrunde zu gehen.« Cuttler, der in Gedanken gewesen war, hatte laut vollendet.

Jabert wußte nicht, warum es ihn wütend machte. »Und wenn ich dich jetzt umknacke, just nachdem, gehst du dann vielleicht nicht schick zugrunde?« Dessen Schweigen machte ihn nur noch wütender. »Deck sie auf! Also?« Er näherte ihm die Waffe.

Cuttler gehorchte, die Beine krümmend, mit haßerfüllt zuckenden Augen.

Doch gerade, als Jabert ihm etwas ganz Unglaubliches befehlen wollte, flog mit einem Krach die Tür auf: die beiden Colts, stämmig und untersetzt, traten ins Zimmer, Revolver in den Händen. Als sie Debast auf dem Boden erblickten, schossen beide. Cuttler fiel lautlos über die Tote auf das Bett. Da krachten hintereinander zwei Schüsse. Die beiden Colts taumelten, heulten auf und ringelten sich wimmernd aneinander nieder. Sobald sie sich nicht mehr bewegten, streichelte Jabert seinen Browning. Noch nie hat er so gut geschossen wie diese Nacht. Und zweimal war er verfehlt worden. Doch sofort befiel ihn der Aberglaube seiner Zunft, der fordert, daß, wer dem Tod entging, den des andern respektieren müsse. Deshalb berührte er weder Debast noch den, der auf ihn geschossen hatte. Bei Cuttler fand er acht Schilling, bei dem anderen Colt drei Pfund. Als er wenige Minuten später die Treppe hinunter eilte, war die Portierloge leer, die Haustür offen und nirgends jemand zu sehen …

Der fünffache Mord in Shearns Hotel ging monatelang unter dem Titel ›The mistery of Tottenham Court Road‹ durch die englischen Zeitungen. Die Polizei stand zwar nur teilweise vor einem Rätsel, da Debast und die beiden Colts ihr als Schwerverbrecher und Homosexuelle bekannt waren, aber den wahren Hergang vermochte sie nicht zu rekonstruieren. Um so weniger als Shearns Anhang und seine Angestellten jene Nacht in der nur wenige Häuser entfernten Horse Shoe Bar zugebracht hatten, um irgendeinen Geburtstag zu feiern. Die Annahme, daß dies im Einverständnis mit Debast geschehen war, drängte sich fast von selber auf, war aber nicht zu begründen. ›The mistery of Tottenham Court Road‹ blieb unaufgeklärt. Auch als Jabert vier Monate später verhaftet wurde.

Jene Nacht war ihm doch zum Unglück geworden. Die Macht und der Rausch, den er genossen hatte, hatten ihn unvorsichtig gemacht, ja verwegen. Bei einem simplen Wohnungsdiebstahl wurde er überrascht. Da man ihm noch drei schwere Einbrüche nachweisen konnte, erhielt er sechs Jahre Coop.

Las Tortilleras

Inhaltsverzeichnis

Ljungdahl umwickelte seine blutende Hand mit dem Spitzentaschentuch, das Ramona ihm auf den Tisch geworfen hatte, bevor sie Cristina gefolgt war. Als er die Zipfel verknüpfte, kam Ramona wieder an den Tisch. Sie schlug, etwa fünfzehnmal und überaus schnell, die Zähne auf einander: »Sie sind nicht mein Typ. Außerdem habe ich mich schon mehr verteilt, als mir zuträglich ist. Aber Cristina gefallen Sie doch so sehr. Kann man es deutlicher beweisen?« Sie schnellte den kleinen Finger vorsichtig auf seine verbundene Hand. »Übrigens ist sie schöner als ich.«

Ljungdahl hob ablehnend die Hand, die sofort schmerzte. »Ihr Hut, Ramona, paßt nicht zu Ihrer Stimme.«

Ramona setzte kurz ihre perlweißen Zähne auf die Unterlippe. »Es freut mich, daß Sie sich bekehren.«

»Fast alle Frauen bekommen ohne Hut einen blöden Ausdruck. Sie würden gewinnen.« Ljungdahl umkrallte mit der unverletzten Linken ihren Schenkel oberhalb des Knies.

Ramona zischte: »Wiederholen Sie diesen Griff nicht!«

Ljungdahl rieb seine brennenden Finger, die ein heftiger Fächerschlag getroffen hatte. »Ich glaube Ihnen die kalte Schulter nicht. Sie verbergen mir etwas.«

Ramona spie sich achselzuckend auf den Unterarm, schmierte eine trockene gelbe Creme darauf, rieb sie mit dem Zeigefinger zu Brei und mit einer geschickten Wendung auf Kinn, Nasenspitze und Stirn, wodurch sie Lichter erzielte, welche ihr ganzes Gesicht gleichsam nach innen zu verkürzten und jenen scharfen Ausdruck, in den Ljungdahl wie vernarrt war, noch verstärkten.

»Ist Cristina überhaupt Spanierin?«

»Sobald Sie wollen, führe ich Sie zu ihr.« Ramona überpuderte ihre Arbeit mit staunenerregender Geschwindigkeit.

Ljungdahl stupste ihr den Mittelfinger auf den Oberarm. »Cristina ist ja vielleicht schöner. Aber im Ernstfall zählt das Detail mehr. Ich liebe ihr grausames Gesicht.«

»Gerede!« Ramona parfümierte sich den berührten Oberarm.

»Jede Gier ist unbegreiflich.« Ljungdahl mußte miteins lachen, da er Ramonas Geste verstand. Dabei lockerte sich das Taschentuch, so daß das Blut wieder zu fließen begann.

Ramona schob ihm das Taschentuch von der Hand, zerriß es zwischen den Zähnen und verband die Wunde. »Cristina hatte schon wilde Jahre gehabt, bevor sie nach Cordoba kam. Sie heißt allerdings Ferretti. Ihre Mutter war Italienerin. Aber ihr Vater Spanier. Torero.« Sie neigte den Mund über seine Hand, um die Zipfel des Taschentuches, deren einen sie zwischen die Zähne klemmte, fest zuziehen zu können. »Sie ist ein uneheliches Kind. Noch heute trägt sie um den Hals ein kleines Medaillon mit der Miniature ihres Vaters. Damit hat es eine eigene Bewandtnis. Wollen Sie nicht danach fragen?« Sie stieß, da er nicht antwortete, seine eben noch mit größter Behutsamkeit behandelte Hand brutal von sich, pfiff aber sofort, als bereue sie es. »Es war ein Wunder, daß niemand sah, wie sie Sie gestochen hat. Und es kam doch sofort Blut. Das ist ihr erster Gunstbeweis. Und ich kann Ihnen versichern, daß Sie ihr imponiert haben, als Sie das Glas auf den Tisch schlugen und dem Kellner ruhig sagten, Sie hätten sich geschnitten.«

Ljungdahls Zunge leckte flau: es war Ramona nun doch gelungen, seine Begehrlichkeit abzulenken und seiner Eitelkeit zu schmeicheln.

Ramona speichelte, als hatte sie es ihm vom Gesicht gelesen, sich den Zeigefinger ein und strich mit ihm über seine Lippen. »Wie kann man ein Weib wie Cristina auslassen? Andere müssen schwer zahlen.«

Ljungdahl schnappte nach ihrem Finger.

Aber Ramona, mit dem Blick bei der Sache, war schneller. »Sie wollen also? Sie wollen, nicht wahr? Sie wollen!«

›Als würde sie dafür bezahlt‹ dachte Ljungdahl, aber er hütete sich, es auszusprechen; und er hörte sogar auf, es anzunehmen, als er die herrische Geste sah, mit der sie ihren Busen arrangierte. »Der Stolz ist hier fast ein Laster.«

Ramona nahm es als Zustimmung. Ihr pralles Posterieur zog sich ein. Plötzlich stand sie steil und mit hochgezogenen Schultern. Ihre Unterlippe rollte ein bißchen.

Sie verließen die Terrasse des Circulo Mercantil und gingen den Paseo Gran Capitan hinunter. Vor ihnen flammten die Bogenlampen auf, eine nach der andern. An der Ecke der Calle de Burgos begann Ramona vorauszugehen und eigentümlich die Arme zu bewegen. Flüchtig war es Ljungdahl, als gebe sie damit irgendein Zeichen. Da der schweigsam zurückgelegte Weg ihn zudem ernüchtert hatte, entschloß er sich, so rasch wie möglich sich zurückzuziehen. Es sofort zu tun, wagte er nicht, die spanische Empfindlichkeit kennend.

Ramona trat nach wenigen Schritten in ein Haus und durch eine niedrige eiserne Gittertür in einen atriumähnlichen, mit einigen halb zerbrochenen Petunientöpfen kärglich geschmückten Vorraum, in dessen einer Ecke hinter gelblichem Milchglas ein Talglicht brannte. Es roch nach Weihrauch und Urin.

Zum ersten Mal lächelnd, ergriff Ramona Ljungdahls Hand und zog ihn schnell durch eine Seitentür in einen schmalen Gang, wo sie viermal an eine Tür pochte, durch deren Ritzen Licht drang. Ein Riegel wurde zurückgestoßen. Im Rahmen der Tür erschien Cristina in einem zu langen und fast grotesk geschnittenen Hemd, Über das ihr aufgelöstes langes schwarzes Haar hinabwallte. Sie preßte sogleich ihren Körper an den Ljungdahls und machte eine rasche Drehung, so daß dieser ins Zimmer zu stehen kam.

Ramona schloß von draußen die Tür.

Ljungdahl hatte ihr Gesicht noch gesehen: sie hatte immer noch gelächelt. ›Sie hat vielleicht gar nicht aufgehört, zu lächeln‹, ging es ihm kurz durch den Kopf.

Cristina warf ein bereits sehr schadhaftes Seidentuch sich übers Hemd, schlüpfte in einen kurzen Unterrock von rotem Flanell, den sie über das Tuch band, und stieß die nackten Füße in dunkelgrüne Pantöffelchen. »Schau mich an!«

Ljungdahl tat es ohnedies. Aber er sah nicht viel, da sie vor dem Licht stand; nur, daß sie den rechten Fuß hob, mit dem sie seine verbundene Hand beinahe berührte.

»Das war meine Visitkarte.«

Ljungdahl lächelte wirr. Und während er einen auf dem Kachelsims liegenden eigenartigen Gegenstand zu erkennen sich bemühte, wurde sein Kopf nach hinten gestoßen. Erst Sekunden später wußte er, daß sie ihn geküßt hatte und in die Oberlippe gebissen. Er schmeckte Blut.

Christina hing sich an seinen Hals, ihm etwas vor die Augen haltend. Immer wieder. Und immer näher. Er nahm es ihr schließlich aus der Hand und senkte es, so weit die Halskette, an der es hing, es zuließ: es war eine Miniature, darstellend einen Espada, dem ein Stier in der Arena den Bauch aufschlitzt. »Ist das alles?«

»Du bist enttäuscht?« Cristina riß ihm mit einem ärgerlichen Ruck des Halses das Medaillon aus der Hand und wirbelte sich auf einem Absatz zur Seite. Dann setzte sie sich, schlug ein Bein über, zündete sich eine kleine Zigarre an und sang zwischendurch leise die Canzonetta von Filipucci. Ljungdahl, der längst vergessen hatte, daß er sich hatte zurückziehen wollen, sah mit einem Mal, daß sie in der Rechten eine Reitpeitsche hielt, mit deren dünner Lederschleife sie einem großen schwarzen Kater den Kopf kraulte. Vergeblich versuchte er, den Geruch, der von ihr ausging, zu präzisieren.

»Weißt du, was die Amore ist?« Cristina machte einige pfitschende Lufthiebe.

»Ein Wort, das so gut wie kein anderes jede Gier erleichtert.«

Cristina stemmte eine Hand gegen den Bettpfosten, der knackte. »Weil du es nicht weißt. Weil du ein Turnó bist.«

Ljungdahl fühlte sich beengt: da er nicht annehmen konnte, eine Neo-Sentimentale vor sich zu haben, vermutete er, nicht verstanden worden zu sein. Mit einem Blick auf ihren Leib, der in feinen Spiralen sich bewegte, zog er es vor, zu lächeln.

Während Cristinas schlanke Linke die Hüften entlang strich, knallte ihre Rechte die Schleife der Reitpeitsche vor der Schnauze des Katers auf die Kacheln. »Ich werde dir erzählen, wie es bei mir war.« Sie holte aus und traf den Kater mit solcher Wucht auf die Nase, daß er mit fauchendem Gurgeln auf sie zuschoß. Aber noch bevor er sie erreicht hatte, trafen ihn drei, vier, fünf Hiebe, so daß er sich winselnd verkroch. »Es hat sehr frühzeitig angefangen. Vida. Interessiert es dich überhaupt? Du stehst ja da wie ein Regenwurm.« Sie wies mit der Reitpeitsche auf einen Baststuhl mit außerordentlich niedrigem Sitz. »Wenn du nicht willst, darfst du auch die Wand verdrecken.« Sie ließ mit einem rapiden Lachen die Zigarre über die Finger laufen, so daß die Schatten an der Mauer tanzten. »Vida. Meine Mutter nahm mich schon mit sechs Jahren in die Arena.« Und nun begann sie mit auffälliger Geläufigkeit und fast geschmackloser Häufung blutrünstiger Details das Erlebnis ihrer ersten Corrida zu schildern, die einem Amateur-Matador das Leben gekostet hatte und in der Folge ihr die Unschuld. Da der Stier, bevor er die tödliche Cogida gerannt hatte, drei Espadas außer Gefecht gesetzt hatte, wäre die Aufregung des Publikums so gestiegen, daß es, als die Fortsetzung der Corrida untersagt wurde, zu einer blutigen Schlägerei gekommen wäre. Dies alles hätte sie so erregt, daß sie nicht einschlafen konnte, ihre Mutter, die im selben Zimmer schlief, mit ihrem Liebhaber im Bett beobachtet hätte und durch diesen Anblick zum ersten Mal in jenen Zustand geraten wäre, der schließlich in die Arme eines Mannes führt. An dieser Stelle schwieg sie, um Atem zu holen, und bog, aufs Äußerste von ihren Worten erregt, die Reitpeitsche zwischen den Händen. Ihre Zähne zerrieben die Zigarre.

Ljungdahl, den es zwang, an das Erzählte zu denken, ärgerte sich unklar ein wenig. Er wollte sich zurechtfinden, ihre Absicht erkennen. Aber alles war wie von dieser Frau verlegt, von ihrem herben Geruch, ihrer harten Stimme, ihrer aufregenden Erregung.

Cristina warf die Zigarre an die Zimmerdecke und traf sie noch in der Luft mit der Reitpeitsche, von der sie knallend auf einen Spiegel flog. »Jeden Sonntag ging ich nun mit meiner Mutter zu den Corridas. Denn ich plärrte so, daß sie mich mitnehmen mußte. Die Plätze kosteten sie nichts, da sie mit allen Banderilleros und Espadas, die damals in Madrid berühmt waren, geschlafen hat. Mein Vater war Valencia II. Ein großer Espada. Der vielleicht einer der größten geworden wäre, wenn ihm nicht mit vierundzwanzig Jahren in Sevilla ein Stier …«Sie schwang das Medaillon kurz vor sich her. »Meine Mutter hat es ihr ganzes Leben lang bedauert, daß sie damals nicht nach Sevilla gefahren war. Aber sie war im siebenten Monat schwanger mit mir und fühlte sich schlecht. Das Medaillon habe ich von ihr geerbt. Sie hat es sich eigens von Aguero machen lassen, der den Tod meines Vaters mitangesehen hatte. Ich trage es immer. Ebenso wie meine Mutter.« Sie küßte es langsam, schwang es mit einer jähen Bewegung auf den Rücken und sprang vor Ljungdahl hin, ihm die Hand auf den Magen pressend. »Siehst du, Catelo, so hat es bei mir angefangen. Mit zwölf Jahren war es dann. Ein Mono. Die sind schlimmer als die Ärgsten. Ich trieb es mit ihm auf dem Abbattoir zwischen den toten Stieren. Unter Fleischgestank und Blutdunst. Einmal lagen wir halb auf dem Bauch eines Stieres, der noch zuckte. Ein anderes Mal brach einem, neben dem wir lagen, plötzlich noch ein Blutstrahl aus dem Maul und floß uns über die Beine. Und wieder einmal, da …«

Ljungdahl wußte nicht, ob er nicht mehr zuhören oder bloß das heiser Keuchende ihrer Stimme nicht mehr ertragen konnte oder ob es seine nicht mehr niederzuzwingende Gier war: er warf sich auf Cristina und seine Lippen auf die ihren. Doch er berührte sie nicht: Cristina hatte ihn durch einen Fauststoß an die Wand geworfen. Gleichzeitig sauste ein Peitschenhieb durch die Luft und ihm brennend über Stirn und Wange.

Cristina stand mit gespreizten Beinen vor ihm. Die Zunge hing ihr aus dem Mund. Mit einem bestialischen Schrei holte sie bis über die Schulter aus. Und nun klatschte Hieb auf Hieb nieder.

Ljungdahl war dermaßen überrumpelt, daß er weder den Schmerz voll spürte, noch sich zu wehren wußte. Als jedoch die Hiebe immer schneller und fester fielen, löste er sich knirschend von der Mauer und hob die Fäuste. Aber Cristina bückte sich, nach etwas greifend. Und schon traf ihn ein vierfacher Knutenhieb, quer über Brust und Arme. Er brüllte auf. Ein zweiter Knutenhieb schnitt auf seinem Rücken. Krächzend stürzte er vor. Sie entwich ihm geschmeidig und versetzte ihm einen furchtbaren Hieb auf den Hintern. Er bäumte sich. Seine Stimme pfiff vor Schmerz. Aber die Hiebe prasselten unbarmherzig auf ihn nieder. Wieder schmeckte er Blut. Es rann aus der Nase, auf den Wangen, an den Ohren, die Brust hinunter. Überall brannte es ihn schier unerträglich und wurde immer unerträglicher. Er fiel in die Knie. Es war wie ein Feuerregen um ihn, naß und leuchtend. Schließlich schwand ihm das Bewußtsein …

Als er zu sich kam, hörte er das Geräusch von plätscherndem Wasser, das Gehen nackter Füße. Obwohl jede Bewegung ihn schmerzte, stand er stöhnend auf. Schräg hinter ihm flackerte in einem offenen Zimmer eine kleine Kerze. Gegenüber sah er eine Tür. Gedankenlos rüttelte er an ihr. Verschlossen. Da hörte er schwaches Ächzen. Dann einen kleinen Schrei. Er näherte sein Auge einer Ritze und erblickte auf einem Bett Ramona und Cristina in wollüstiger Verschlingung. Eine Weile sah er ihnen zu. Dann wischte er mit einem Strumpf das Blut sich vom Gesicht. Dabei fühlte er, wie übel er zugerichtet war, und trat vor einen matten Wandspiegel. Bei seinem Anblick fluchte er laut auf. Als er gehen wollte, hörte er Ramona lachen. Wütend trat er ins Zimmer zurück, zerschnitt vier Röcke und zwei Seidenkleider und spuckte unzählige Male in einen gefüllten Weinkrug …

Zwei Tage später begegnete er in Madrid auf der Gran Via Mario Tosato, einem amüsanten Florentiner, und berichtete ihm von seinem Mißgeschick. Ohne seine Zigarette auch nur einige Sekunden zu vernachlässigen, erklärte Tosato, liebenswürdig lächelnd: »Las tortilleras di Cordoba … conosco tutte … conosco anche dal profumo a occhi chiusi. La Ferretti a un odore differente. Odora di Kater. Vous comprenez. Verstehn Sie …«

Ljungdahl verstand. »Ma … Sie haben … Excusez …«

Tosato krümmte verdeutlichend die Hände, den Spazierstock unter die Achsel klemmend: »Si capisce. Sono due tortilleras molto sadistiche. La Ferretti, erzählt sie grande Romanen. L’altra è la più fina. Fa il trucco. Ma avevate de la chance. Branco Freixas, Sie kennen, aus Lisboa, er hinkt noch heute, ecco.«

Das Rendez-vous mit dem Goldzahn

Inhaltsverzeichnis

Möglichkeiten verpflichten.

Diesen Satz hatte Eiermann insgeheim seiner Lebensführung vorangestellt. Schon in jungen Jahren. Was zur Folge hatte, daß seine Biographie durchaus nicht so schematisch geblieben war wie die anderer, sondern streckenweise ganz ungewöhnliche Höhepunkte aufwies. Allerdings nur in venere. Auf anderen Gebieten pflegte Eiermann, wenn seinem Auge Möglichkeiten sich boten, es im Bewußtsein der ihm mangelnden Fähigkeiten zu schließen. In venere aber war es vor jeder Möglichkeit weit offen und schloß sich erst, wenn sie zur süßen Wirklichkeit geworden war.

Dieses offene Auge, mit dem er jederzeit spazieren ging, verursachte nicht selten, daß Möglichkeiten, die andernfalls gar keine geworden wären, plötzlich vor ihm sich auftaten. Denn so manche Dame, die nur so für sich hinwandelte, ließ im Anblick seines groß auf sie gerichteten Auges, das ihre zur selben Größe sich ausdehnen. Damit war für Eiermann die verpflichtende Möglichkeit da.

Eines Abends aber fiel ihm, als er bereits heimkehren wollte, schon von ferne etwas Glänzendes auf, das bei näherem Zusehen als ein durch das konstante Lächeln seiner Besitzerin entblößter, abnormal großer Goldzahn sich erwies.

Eiermann war dermaßen von diesem Anblick gefesselt, daß er das Gesicht der Goldzahn-Besitzerin gar nicht gesehen hatte. Erst als das hypnotisierende Glänzen seinem Auge fehlte, bemerkte er, daß jene Dame bereits an ihm vorbeigegangen war. Er machte stracks kehrt, sah aber nichts mehr. Da, ein kurzes Aufblitzen: der Goldzahn bog um die Ecke. Diesmal blieb Eiermann auf der Fährte. Denn als er an die Ecke kam, wandelte vor ihm eine einzige Dame. Er hatte, weit ausschreitend, sie fast schon eingeholt, als sie in die Grennegade einbog und daselbst ein Haus betrat.

Ihr dahin zu folgen, wagte er nicht: sie konnte verheiratet sein, einen strengen Vater haben, eine Megäre zur Tante … Eiermann hatte da so seine Erfahrungen. Nachdem er auf dem gegenüber befindlichen Trottoir noch etwa fünf Minuten auf und ab gegangen war, ohne den ersehnten Goldzahn am Fenster zu erblicken, beschloß er, da einen solch abnormal großen schwerlich zwei Personen zugleich in einem Hause besitzen konnten, einen Brief nach Grennegade sechs zu adressieren und zwar ›An die Dame mit dem Goldzahn‹. Zudem mußte der Briefträger diesen sicherlich längst bemerkt haben, so daß ein also adressierter Brief zweifellos richtig bestellt werden würde. Eiermann stürzte in ein Restaurant, verfaßte eine ebenso energische wie vorsichtige Liebesepistel und warf sie ungesäumt in einen Briefkasten.

Am folgenden Abend begab er sich zwischen fünf und sieben Uhr wohl ein Dutzendmal an den Poste-restante-Schalter. Vergeblich. Erst als er tagsdarauf zum zehnten Mal wiederkehrte, empfing er einen großen blauen Brief, auf dem in barok gemalten Buchstaben die Worte ›Rendez-vous mit dem Goldzahn‹ prangten. Eilends setzte er sich auf eine Bank und seine vor Neugierde feucht gewordenen Augen lasen alsbald:

Kaere Herre, ik haben gehabt nigt det Vergnügen zu haben Ires Bekanntschaften. Ik hofen es zu werden. Copenhague c’est en Stadt en lille langweiliges og es ist zu winschen det die Heiterkeiten widerkert. Vieleichd Sie sind morgen Soendag klokken drei précis zu den Langelinie pavillon sur la terrasse. J’aurai mon petit chapeau blanc. Og werden ik zeigen immer men goden Goldzahn welcher Sie hat gemacht en solches impression.

Au revoir, kaere Herre.

Dédette.

Eiermann, der bei der Wahl der Krawatte subtilen Überlegungen sich hingegeben hatte, erschien sonntags erst um drei ein Viertel vor dem Langelinie-Pavillon. Langsam betrat er dessen Terrasse: er erblickte etwa ein Dutzend kleiner weißer Hüte, aber von einem Goldzahn nichts. Fürchtend, zu spät gekommen zu sein, erbleichte er fast vor Ärger, ließ sich schließlich an einem runden Tischchen nieder und bestellte ein Glas Bier. Dann blickte er verzweifelt um sich: es wimmelte nur so von kleinen weißen Hüten, glücklicher Weise aber nicht von Goldzähnen, so daß immerhin noch Hoffnung bestand. Wieder und wieder mit jähen Blicken nach einem Goldzahn jagend, leerte er sein Glas und vergaß, so sehr meditierte es in ihm, den Schaum sich vom Mund zu wischen.

Es war vier Uhr, als er, unweit hinter sich, die Worte hörte: »Non, non. Ik haben det nigt gehabt. Sie haben gemacht en Irrtum, garçon. Mais certainement.«

Eiermann riß den Kopf herum: die Dame, die mit dem Kellner also disputierte, trug einen kleinen weißen Hut, aber, so viel von dem nur wenig entblößten Gebiß zu sehen war, keinen Goldzahn. Dennoch war Eiermann überzeugt, Dédette vor sich zu haben. Er eilte auf sie zu, drängte den Kellner zur Seite und verneigte sich: »Habe ich das Vergnügen, das Rendez-vous mit dem Goldzahn …?« Er vollendete nicht: auf der ihm abgekehrt gewesenen Seite des Gebisses erglänzte der obere Eckzahn voll eitel Gold. »Ich sehe, daß ich es habe.«

»Setzen Sie!« Dédette lächelte verschwenderisch. Plötzlich aber spannten sich ihre Züge mokant. »Sie haben Gelberes … sur la bouche.«

»Ah, Sie haben recht.« Eiermann fuhr sich ärgerlich mit beiden Händen an den Mund, ihn mit schnellen Griffen säubernd. »Aber was für ein Zufall, daß Sie mit dem Kellner … Ich wollte schon fortgehen.« Und während er jene Banalitäten äußerte, welche in solchem Fall die Mehrzahl der Männer Europas zu produzieren pflegt, wunderte er sich, daß er nicht französisch sprach. Da fiel ihm ein, wie ergötzlich es wäre, so zu tun, als verstünde er diese Sprache nicht. Sofort war er dazu entschlossen.

Nach einer Konversation von krampfhaftester Lebhaftigkeit, die durch Dédettes lückenhaftes Deutsch allein ein wenig vergnüglich wurde, verließen die beiden den Pavillon und promenierten auf der Langen Linie.

Eiermann, der inzwischen erfahren hatte, daß sein Brief verspätet übergeben worden war, weil der Briefträger erst am zweiten Nachmittag Dédettes Tür hatte geöffnet erhalten, kam jetzt darauf zurück: »Da haben Sie also dem Briefträger Ihren Goldzahn gezeigt und er hat Ihnen …«

»Naturellement«, zirpte Dédette. »Wir haben noch gelachen og ik haben ihn gegeben en Pourboire.« Sie zupfte mit sechs Fingern ihre bräunlichen Schläfenhaare zu Locken. »Aber jeg haben gehabt difficultés med Ihre Briefen og nigt gewollt nehmen en fremden personnage … forcément.«

»Ja, ja.« Eiermann war ein wenig verwirrt: Dédette, die sehr gut angezogen war und noch besser geschminkt, machte es ihm schwer, sie einzuordnen. Deshalb versuchte er, sie auf die Probe zu stellen: »Und dann eine Dame von Ihrer Stellung … Mein Brief war nicht bloß in der Adresse gewagt.«

»Comment?« Dédette blinzelte zu ihm empor. Als sie seine großen Augen sah, glaubte sie zu verstehen, welch außergewöhnliche Chance sie habe. Augenblicks änderte sie den bereits sehr aufmunternd gewordenen Ton. »Oui, gewagt. Jeg hätten schon nigt dürfen …« Sie dehnte die Vokale nasalst. »Aber ik war si curieuse og wi ik haben studiert Ihre Briefen, jeg haben sehr geschwanken. Doch de Soendag c’est si ennuyeux og ik haben mir gesagt, du wirst dich diese Herre bloß anschauen. Denn ik bei mene Stellung …«

»Erlauben Sie mir bitte eine Frage.« Eiermann schnappte absichtlich in ihren seriösen Ton ein, eine fast ehrerbietige Haltung einnehmend.

Dédette hob arrogant das Kinn. »Jeg bin seit zwei Monate zu die Fru Landraten von de Pillingende … pour la lécture et la conversation.«

»Ach so.« Eiermann glaubte es ihr sofort: das war weniger, als er für möglich gehalten, und mehr, als er gefürchtet hatte. Seine sehr üppigen Hoffnungen schienen sich zu verflüchtigen.

»Oui. Avant ik waren à Berlin. Drei Jahren. Zu en riche dame israélite.« Dédette verdünnte ihre Stimme noch mehr. »Weil ma famille durch de Krieg haben ganz verarmten.«

Eiermann blieb stehen, sich verbeugend. »Richard Eiermann mein Name.«

»O, merci.« Dédette nickte ein bißchen. »Jeg heißen Dédette de la Fournichon. Mon père … men Vatern war Colonel og ist gefallen zu Verdun.«

Eiermann neigte, zum Zeichen des Mitgefühls, wenn auch völlig gleichgültig, das Haupt. Als er es wieder hob, fing Dédette an, ihre Familienverhältnisse und die der Familie, die sie gegenwärtig beherbergte, des Breiten zu detaillieren. Hierauf ging sie zu ihren Wünschen über, welche zwischen einer unabhängigen Situation und einer Verheiratung nach ihrem Geschmack pendelten, und schließlich zu ihren Bedürfnissen, zu denen vor allem ein lieber Freund zum Promenieren gehöre. Obwohl Eiermann lediglich ihre drollige Ausdrucksweise gefiel, pflichtete er ihr in allem bei, nicht ohne kurz zu bemerken, daß sie, was das Promenieren betreffe, durchaus auf ihn zählen könne. Dédette nahm es beifällig auf, begann aber, von ihrem vielfältigen und deshalb anspruchsvollen Innenleben zu sprechen: sie sei orthodoxe Katholikin und kurz vor Antritt ihrer Stellung nach Lourdes gefahren zur Basilique de Notre Dame du Rosaire, da sie nach deren Besuch sich stets besonders gefeit fühle gegen die Schändlichkeiten des Lebens und seine trügerischen Verlockungen.

All dies erstaunte zwar Eiermann leise, betrübte ihn aber nur insoferne, als es seine Befürchtungen bezüglich der von ihm gehegten Hoffnungen sattsam zu begründen geeignet war. Rasch jedoch kehrte sein Skeptizismus wieder und ließ ihn auf seine Routine und seine Reize bauen, die er, sobald es dunkler geworden war, auf unbegangeneren Wegen mit äußerster Entfaltung einzusetzen willens war. Nachdem er die erwähnten Themen etwa eine Stunde noch zu variieren gezwungen worden war, begann es zu dunkeln und er deshalb, Dédette den einsamen Pfaden um das alte Kastellet zuzuführen. Dort wählte er eine idyllisch gelegene Bank mit dem Ausblick auf den Hafen und ließ, als man saß, seine Hände gelinde um die Hüften Dédettes spielen, welche diese schwülen Attacken wie mechanisch abwies, so daß er zu ernstlicheren Handgriffen überzugehen wagte. Als sie nunmehr aber unwillig sich sträubte, überfiel er sie mit seinem hitzigen Mund und durchstürmte den ihren, lediglich seinen Lüsten dienend, zehn Minuten lang.

Als er Dédette endlich freigab, saß sie wie benommen: wessen er sich erdreistet hatte, war ihr in Anbetracht der vorhergegangenen Konversation allzu unerwartet gekommen.

»Habe ich Sie verletzt?« Eiermanns Unterlippe stand, ironisch und noch feucht, ein wenig vor.

»Oui, Sie haben mich …« Dédette hielt ratlos inne, dann es aber doch für angezeigter, die Sachlage anzuerkennen und einzulenken. »Aber Sie haben mich zu viel, kaere Herre Eiermann. Vous m’avez fait un bleu. Là. C’est dégueulasse.«

Eiermann sah gar nicht hin, schloß aber ob der letzten Vokabel grinsend die Augen: Dédette hatte, auf seine Unkenntnis ihrer Sprache sich verlassend, seinen Skeptizismus entscheidend fundiert und seinen Hoffnungen ihre Üppigkeit wiedergegeben.

Dédette verschob angesichts dieser intransigenten Haltung und der immer dichter werdenden Dunkelheit die Restaurierung ihrer Züge, eine neuerliche Attacke überdies sowohl vorhersehend als auch bereits wünschend.

Sie kam denn auch. Und zwar ebenso abrupt wie die erste, nur noch um ein Erkleckliches intensiver. So daß Dédette sich nicht mehr zu beherrschen vermochte und ihre Linke zitternd auf das Zentrum ihrer Erregung drückte. Als Eiermann dies sah, bereitete er sich vor, den Sieg ohne Zögern zu erzwingen. Denn wie oft war nicht so manch Eine, die im Bann der Dunkelheit und seiner Küsse ihm bereits halb erlegen war, später unter dem warnenden Eindruck des Straßenlebens zurückgewichen und seinen Klauen entschlüpft. Einmal aber völlig besiegt, stand einer unmittelbaren Wiederholung in seiner Wohnung, deren Milieu derartige Entschließungen ohnedies günstig zu beeinflussen pflegte, kein Argument mehr im Wege. So schuf denn Eiermann eine Zwangslage und opferte Aphroditen.

Dédette hatte nicht eigentlich Widerstand geleistet. Nur so viel, daß Eiermann glauben konnte, sie sei nicht durchaus willig. Hinterher aber gehabte sie sich um so empörter: es entspreche keineswegs ihren Familienverhältnissen, auch nicht dem Bilde, das sie sich von einem guten Freund gemacht habe; ganz abgesehen von ihrem Innenleben, dem er einen schweren Stoß versetzt habe; sie werde sogleich morgen zur Beichte gehen und der Madonna von Lourdes zwei Kerzen stiften; das Leben sei voll von trügerischen Verlockungen und Eiermann ein Schändlicher.

Dieser überhörte es resolut und schickte sich an, viel und verheißungsvoll von dem holden Wirrsal seiner Wohnung und deren parfümierten Ecken zu plaudern und, mit heuchlerischem Ernst, von seiner Absicht, sein ödes Junggesellenleben mit Hilfe einer Gefährtin zu beenden, die Ausländerin wäre und durch ihren größeren Gesichtskreis charmanter und vielseitiger als das nordische weibliche Element.

Dédette erwies sich daraufhin schnell verändert. Sie drängte, zu Eiermanns innigem Ergötzen von ›décamper‹ sprechend, zum Aufbruch, restaurierte unter der ersten Bogenlampe der Bredgade eilig ihr arg verschmiertes Gesicht und ließ sich nach zahlreichen, wenn auch um so kürzeren Weigerungen in seine Wohnung führen.

Daselbst verbrachte Eiermann, auf Dédettes unabänderlichen Befehl hin, den sie mit ihrer Keuschheit rechtfertigte, unter Ausschluß jeder Beleuchtung eine überaus eifrige Liebesnacht, die bis gegen fünf Uhr morgens währte, um welche Zeit man dem wohl verdienten Schlaf sich überließ.

Um sieben Uhr erwachte Eiermann zufälliger Weise und mußte eine sehr überraschende Entdeckung machen: Dédette lag nicht mehr neben ihm. Er beruhigte sich jedoch schnell: sie hatte ihren Dienst antreten müssen und ihn nicht wecken wollen.

Stolz und freudetrunken durchthronte er den Tag im Café Paraplyen auf dem Rathausplatz. Abends freilich, als er heimkam, wartete seiner die zweite, unliebsame Überraschung: seine Brieftasche mit achthundert Kronen, die in einem Schreibtischfach sich befunden hatte, war verschwunden, desgleichen, als er mißtrauisch geworden, kontrollierte, elf Taschentücher, ein silbernes Zigarettenetui und ein alter goldener Ring.

Nachdem Eiermanns Gehirn eine außerordentlich turbulente Nacht hinter sich hatte, eilte er in die Grennegade, um nach Dédette zu fragen. Aber niemand im ganzen Hause, in dem überdies keine Frau von Pillingende wohnte, wußte etwas von einer Französin. Nun fuhr er in die Stampesgade zum Briefträgersaal. Der Briefträger der Grennegade erinnerte sich sehr wohl an jenen blauen Brief: er habe, nachdem er in allen Etagen mit ihm abgewiesen worden war, eine junge Dame, die ihm tagsdarauf auf der Treppe entgegenkam, gefragt, ob dieser Brief an sie gerichtet sei; denn sie habe einen Goldzahn gehabt und er deshalb angenommen, daß sie im Hause wohne, obwohl es freilich auch bloß eine Besucherin gewesen sein könnte; aber wenn ein Brief eine solche Adresse habe, könne man nicht verlangen, daß er es allzu genau nehme.

Zwei Tage später erfolgte die dritte Überraschung: Eiermann hatte Läuse und mußte zu einer gründlichen Rasur schreiten und der ausgiebigen Verwendung von grauer Salbe. Dieser Prozedur lag er am andern Morgen eben wieder mißlaunig ob, als ihm vom Teppich her etwas entgegenglitzerte. Und alsbald hielt er eine winzige ovale Silberplaquette in der Hand, auf der als mattes Relief die Madonna von Lourdes sich abhob und die Inschrift: ›Je suis l’immaculée conception‹.

Eiermanns nicht unsympathische Züge schmückte ein schlechthin mongolisches Grinsen, während er sich zuhöhnte: »Möglichkeiten verpflichten.«

Die Clincher Box

Inhaltsverzeichnis

Whitehill kam sehr langsam zu sich. Und auch, als er die Augen schon geöffnet hatte, sah er noch nichts. Nur die Stirn brannte in kurzen schnellen Stößen. Er setzte sich mühsam auf. Und jetzt erst begann er sich zu erinnern. Er war am Abend vorher zu Broc in die Conventry Street gegangen. Der Pole Mzir sprach und die Kouropatrouska. Und dann sprach er selber. Es fiel ihm ein, daß es ihn dabei irritiert hatte, wie eigenartig Genove und die Jegera ihn gemustert hatten. Und er entsann sich ganz deutlich, daß er bald nurmehr den Eindruck gehabt hatte, man lasse ihn reden, ohne zuzuhören. Und dann plötzlich …

Whitehill griff sich an die Stirn. Und dann war ihm plötzlich grau und dick vor den Augen geworden.

Nun blickte er sich in dem Raum um, in dem er sich befand. Und preßte alsbald seine Schläfen: er sah genau so aus wie ein Loch im Pitcher, besaß ein kleines vergittertes Fenster, hinter dem, sehr nahe, eine dunkle Ziegelwand war, und dieselbe Einrichtung. Whitehill kam nach kurzem Überlegen zu dem Schluß, daß, während er gesprochen hatte, die Polizei geräuschlos eingedrungen war, ihn rücklings betäubt hatte und nach Newgate gebracht.

Er stand auf und lauschte. Nichts. Er klopfte vorsichtige Worte an die Wände. Nichts. Untersuchte die Tür, den Judas: kein Schloß, kein Riegel, keine Schiene. Aber hart neben der Tür, in einer Einbuchtung der Mauer, befand sich ein Klingelknopf. Whitehill rieb sich die Wangen: den hatte es in der Zelle, in der er einmal drei Monate gesessen war, nicht gegeben. Er ging zum Fenster. Es schien ihm kein Zweifel daran möglich, daß es so gekommen war, wie er es sich vorgestellt hatte; nur daran, daß er, der mitten im Zimmer gestanden war, der erste gewesen sein sollte, der narkotisiert wurde. Da sah er den Klingelknopf, obwohl er den Blick nicht von ihm gewendet hatte. Es dauerte lange, bis er sich eingestand, daß er ja bloß klingeln wollte, es aber nicht wagte. Als er auf die Uhr sehen wollte, hielt er lächelnd inne: er hatte sie vor drei Tagen versetzt. Und da griff er auch schon in seine Taschen: alles war da, die wollene Börse, der Browning, die Neb-Ka’s, aber keine Zündhölzer. Auch das gab es im Pitcher nicht. Da es jedoch diesmal um etwas anderes sich handelte, vermutete er einen Trick. Dessen Hinterlist vermochte er nicht zu begreifen. Seine Ohren wurden heiß und sein Wunsch, zu klingeln, ein unbezähmbarer Trieb. Und mit einem Mal stürzte er vor und stieß den Zeigefinger so schnell auf den Klingelknopf, daß die Gelenke knackend sich bogen. Während er sie nervös massierte, schnellte plötzlich die Tür auf.

Whitehill fuhr zurück: in der Tür stand ein Herr im Smoking und schwarzem Cape, in der Hand einen Zylinder, weiße Glacéhandschuhe und eine langstielige rosa Rose.

Am liebsten hätte Whitehill sich gesetzt. Seine Erregung hatte sich in die Beine entladen, die schwach wurden. Er glaubte, daß er wanke, und schämte sich.

Der Herr setzte sich auf das Strapontin und wies ihn mit der Hand an, ihm gegenüber auf das Bett sich zu setzen.

Whitehill starrte schluckend, während er sich niederließ, auf den kurzen spitzigen Schnurrbart, der zu zucken begann:

»Wir hatten Sie schon lange im Verdacht, Whitehill. Einer meiner Leute folgte Ihnen auch gestern wieder und hat alles beobachtet. Allerdings nicht gehört, was Sie gesprochen haben. Ihren Genossen gelang es leider, zu entkommen. Deshalb wurde rasch dafür gesorgt, daß niemand auch nur an Ihre Befreiung denken kann. Sie befinden sich im Rog-house und haben den Chef des Geheim-Departments für die Sicherheit des Staates vor sich. Herren Ihres Schlages machen wir nicht einmal kurzen Prozeß, sondern gar keinen. Nur durch ein offenes Geständnis aller Machinationen Ihrer Bande können Sie Ihr Los mildern. Wenn alle Ihre Angaben sich als richtig erweisen, werden Sie nach Indien deportiert. Vielleicht später eine administrative Stelle. England werden Sie freilich nie wiedersehen.«

Whitehill wunderte sich, daß er jedes Wort verstanden hatte. Denn es war ihm gewesen, als sähe er nur seine Hände, die bleischwer auf den Knien lagen. Als es ihm endlich gelang, aufzublicken, sagte er, ohne daß er später sich hätte erinnern können, es sich überlegt zu haben: »Ich kann kein Geständnis machen. Ich sollte ja gerade aufgenommen werden. Ich weiß also noch gar nichts. Nur, daß ich verloren bin.« Der Herr erhob sich. Dabei fiel ihm die Rose aus der Hand. »Geben Sie mir Ihre Waffe!«

Whitehill durchfuhr es: ›Ich werde ihn niederknallen und dann – auf und davon!‹ Aber als seine Rechte nach der hinteren Hosentasche stieß, sah er in der Hand des Herrn einen kleinen, auf ihn gerichteten Browning.

Nachdem Whitehill seine Waffe ausgeliefert hatte, verließ der Herr, die seine unverwandt schußbereit vor sich hinhaltend, langsam rückwärts gehend die Zelle und warf die Tür ins Schloß.

Whitehill sprang sofort hinzu, drückte, rüttelte, fühlte sie ab. Erfolglos. Es blieb ihm ein Rätsel, wie sie von innen geöffnet worden war. Erst als er wieder auf dem Bett saß, mit den Fingern seinen Hals malträtierend, wußte er, daß er nur aus unvorstellbar gräßlicher Verzweiflung so lange mit der Tür sich beschäftigt hatte. Sein Kopf sank nach hinten. Der Körper fiel schräg nach.

Es war finster, als er die Augen öffnete. Er hatte geschlafen. Ein seltsamer Geruch, der vordem nicht dagewesen war, zog ihm in die Nase. Whitehill roch ihn gierig. Es war wie eine unbekannte feine Speise, wie ein junger südländischer Wein … Whitehill lächelte: er hatte Hunger und was so seltsam roch, war die rosa Rose. Er tastete nach ihr, fand sie rasch und roch. Immer wieder. So lange und tief, daß es ihn fast umnebelte. Er wollte nichts denken. Es war ja aus. Vielleicht schon morgen, vielleicht schon … Er sah ein Bild, das ihm einmal in den ›London News‹ aufgefallen war: den im Hof von Rog-house gehängten Slings. Er sprang auf. Schweiß perlte ihm auf der Stirn. Seine Beine trugen ihn nicht. Es schauerte ihn bis unter die Bauchdecke. Da riß er den Kopf herum: »Der Klingelknopf!« gurgelte er heiser hervor. »Ich muß klingeln. Denn ich halte es nicht aus. Ich muß lügen. Denn ich will nicht …«

Er taumelte zur Tür und preßte seine Faust dreimal gegen die Wand, bevor er den Klingelknopf fand. Dann glitt er zu Boden.

Bald darauf wurde es in der Zelle hell. Whitehill hob langsam den Kopf: der Herr im Smoking, diesmal ohne Cape und ohne Zylinder, war eingetreten.

»Sie haben geklingelt, weil Sie sprechen wollen. Ich höre.«

Whitehill richtete sich auf. Als er stand, wurde ihm ganz klar, daß er, was immer er auch sagen oder tun mochte, verloren war: niemand, der einmal bei Broc gewesen war, hatte noch Pardon erhalten; und keiner noch war aus Rog-house ausgebrochen. Der brennende Wunsch, es nicht zu glauben, erfüllte ihn. Aber es gelang ihm nicht. Diese furchtbare Erkenntnis gab ihm sonderbarer Weise seine Kraft zurück. »Ich werde nicht sprechen. Machen Sie mit mir, was Ihnen beliebt.«

Der Herr schlug sich auf den Schenkel. »Und wenn wir Sie nicht nach Indien schicken, sondern mit fünftausend Pfund auf die Straße?«

Whitehill zuckte die Achseln: ein unerwartet plumper Trick. »Ich spreche nicht.«

»Sie sind Mitglied der Anarchistenbande Broc und Zegarac. Der Society.«

»Nein.«

»Ich weiß, was Sie in der Conventry Street gesprochen haben.«

»Der hat Sie angelogen wie alle Ghouls.«

»In meiner Abteilung geht es schärfer zu. Wer lügt, der fällt.«

Whitehill zeigte eine gewisse sauere Heiterkeit. »Und doch werden alle in Ihrer Stellung immer wieder angelogen. Aber das alles hat ja keinen Zweck.« Er ließ sich pfeifend auf das Bett niederfallen. Als er aufblickte, war der Herr nicht mehr in der Zelle.

Whitehill wollte eben aufstehen, als eine elegante Dame hereinrauschte, sofort seinen Arm nahm und sich neben ihm aufs Bett setzte.

Bereits an Überraschungen gewöhnt, reagierte Whitehill auf diesen Überfall mit Widerwillen. Das knisternde Taftkleid aber, der feine Duft von L’heure bleue und der immer wärmer spürbare Schenkel taten bald ihre Wirkung. Whitehill entzog sich nur mühsam den zarten Fingern, die seinen Arm umschmeichelten, und schlug sich nervös aufs Knie.

Erst jetzt sprach die Dame. »Wie gefalle ich Ihnen?«

Whitehill öffnete schmatzend den Mund: er genierte sich plötzlich wegen seines unrasierten Bartes.

»So gut, daß Sie sichs etwas kosten ließen?«

Whitehill verkniff verächtlich die Lippen. »Ich besitze fünf Schilling.«

»Nicht so. Etwas anderes.« Die Dame rückte ihm nach, legte ihren Arm um seine Schultern und preßte Schenkel und Brust fest gegen ihn, so daß er ihren wohlriechenden Atem auf Mund und Nase fühlte. Mit einem Blick stellte sie fest, daß seine feindliche Spannung nachließ. »Sie tun, als wäre es Ihnen durch eine List geglückt, hier herauszukommen. Es wird Ihnen bei Broc großes Ansehen verschaffen. Sobald Sie uns die Bande übergeben haben, erhalten Sie die fünftausend und meine Natur. Für ein paar Tage. Oder so lange, wie Sie wollen. Nun?«

Noch bevor er den Blick ihr hätte zuwenden können, fühlte Whitehill zwei heiße Lippen auf den seinen, eine weiche Hand an seinem Hals, die andere anderswo spitz und süß … und eine rote Flut schoß ihm in die Augen. Als er aber über diesen duftenden lockenden Leib sich stürzen wollte, entwand er sich ihm mit behender Kraft.

»Alles hängt nur von Ihrem Ja ab.« Sie maß ihn mit ironischem Vorwurf, das Rouge ihrer Lippen mit dem Zeigefinger fassionierend.

Keuchenden Atems mußte Whitehill seine Finger quetschen, um nicht blindlings zu toben. Der Schmerz machte ihn klar. ›Hätte ich sie jetzt gehabt, so hätte ich vielleicht ja gesagt. Dann lachte er auf: »Schlauheit ist oft das dümmste Kalkül. Ich danke. Ich bin die Maus. Sie sind die Katze.«

Sie knickte ein bißchen ein. »Also unter keinen Umständen?«

Whitehills Kopf verneinte unwirsch.

Sie machte segnende Handbewegungen gegen ihn. »Man wird Sie foltern.« Sie setzte den Finger an den Klingelknopf.

Aber Whitehill sah, daß sie ihn nicht niederdrückte. »Das halte ich für eine stupide Drohung. Sie prügeln nur noch von Zeit zu Zeit.« Er spürte freilich einen bitteren Geschmack im Mund.

Da drückte sie den Klingelknopf nieder und blickte Whitehill fest an. Dessen Auge aber wurde plötzlich so grausam und unerbittlich, daß sie wußte, sie würde ihn durch nichts mehr irremachen. Schnell sich umwendend, rauschte sie aus der Tür. Fast gleichzeitig erlosch das Licht.

Überzeugt, daß man ihn nun allein lassen würde und vielleicht einige Tage hungern, warf Whitehill sich aufs Bett. Als er erwachte, war die Zelle hell und die Türe offen, aber niemand zu sehen. Augenblicks sprang er auf, prallte jedoch zurück: in der Tür war Broc erschienen.

Whitehill drehte ihm, dünn pfeifend, den Rücken zu. ›Das wird ein Ghoul sein, der ihm ähnlich sieht.‹ Seine Augen wurden ganz klein. Da fühlte er sich am Arm berührt, wandte den Kopf und sah einen weiß gedeckten Tisch und neben sich den falschen Broc, der ihn zum Platznehmen einlud. Er setzte sich erfreut und begann sofort zu essen.

Ihm gegenüber rauchte Broc und reichte ihm, als er seinen Hunger gestillt sah, sein Etui.

»Sarony?« Whitehill zeigte lächelnd die Zungenspitze und biß sie. »Sogar Brocs Marke kennen Sie schon?«

»Ich traktiere meine Freunde gut.«

»Ich falle nicht auf Sie hinein.« Whitehill rauchte mit vollen Lungen. »Es genügt also, daß Sie Ihren Auftrag herunterleiern.«

»Ich bin Broc.«

Whitehill spuckte unter den Tisch. Dann machte er mit den Lippen ein ordinäres Geräusch, das er auf dem Turf gelernt hatte.

Da stieß der andere einen eigentümlichen Pfiff aus.

›Den kann er auch schon?‹ Whitehill räusperte sich verzagt.

Wenige Sekunden später rauschte die Dame vom vergangenen Abend durch die Türe und küßte ihn auf die Haare, die sie mit beiden Händen streichelte: »Nun, Charlie, hast du gut geschlafen?«

Whitehill legte die Zigarette weg. Es war ihm, als hätte er etwas sehr Lustiges gehört. Da … es kam von draußen: Gläser klirrten leise, Stimmen raunten. Er blickte bald sein Gegenüber an, bald die Dame neben ihm. Und plötzlich fühlte er, noch ohne etwas zu wissen, daß er wohlgeborgen war.

Da stand Broc auf. »Whitehill, erinnern Sie sich doch an das, was Sie uns vorgestern abends sagten: ›Bei der Aufnahme in die Society ist jeder der allerschärfsten Prüfung zu unterziehen. Nicht nur in Bezug auf seine persönliche Eignung, sondern auch – die Integrität seines Willens.‹ Nun, mein lieber Whitehill, Sie haben Ihre Integrität besser bewiesen als mancher andere von uns.«

Whitehill schob die Unterlippe hoch und rieb sich, verlegen lächelnd, das Kinn mit einem Finger.

Broc warf die Zigarette an die Wand. »Der elegante Herr war Léonor Lévin, einer unserer wertvollsten Mitarbeiter. Die Dame hier ist meine Freundin und langjährige Helferin Sure Stek. Sie befinden sich in London, in der Conventry Street, und zwar in meinem Apartment, das Sie gar nicht verlassen haben.«

»Wer hat mich dann aber …« lallte Whitehill, an die Stirn sich greifend.

»Ich war so frei.«

»Sie, Broc?«

»Und dann deponierten wir Sie in dieser Zelle, die vorwiegend ähnlichen Zwecken dient.«

Whitehill hüstelte ganz leise.

Sure Stek lachte herzlich: »Dieses Zimmer heißt die Clincher Box.«

Whitehills Lachen dröhnte.

Broc packte ihn am Arm und zog ihn in den daneben befindlichen Salon, in dem die Mitglieder der Society, Weingläser in der Hand, ihn stürmisch begrüßten.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
05 şubat 2026
Hacim:
190 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788027204496
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