Kitabı oku: «Erinnerungswürdig»
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Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2021 Verlag Anton Pustet
5020 Salzburg, Bergstraße 12
Sämtliche Rechte vorbehalten.
Lektorat: Anja Zachhuber
Grafik und Produktion: Nadine Kaschnig-Löbel
Coversujet: Franto Andreas Uhl, Kopfgeburt I, 2017, Ölkreide auf Papier
eISBN 978-3-7025-8086-5
auch als gedrucktes Buch erhältlich: ISBN 978-3-7025-1033-6
www.pustet.at
Walter
Thaler
ERINNERUNGSWÜRDIG
Prägende Persönlichkeiten
der Salzburger Geschichte

Inhalt
Feuer gefangen!?
Einführung
ELISABETH OBERBÜCHLER
Das Schicksal einer protestantischen St. Johanner Bauerntochter
FRANZ MICHAEL VIERTHALER
Salzburgs erster großer Schulreformer
CONSTANZE MOZART
Mozarts erste Biografin
BARBARA KRAFFT
Sie schuf das Porträt Mozarts
EMILIE KRAUS VON WOLFSBERG
Einst Geliebte Napoleons, dann Hundsgräfin von Gnigl
PETER KARL THURWIESER
Der „Gamspeter“: Theologe, Meteorologe und Salzburgs erster Alpinist
FRANZ STELZHAMER
Der gefeierte Mundartdichter bediente gefährliche Klischees
CHRISTIAN DOPPLER
Seine Forschungen haben die Welt verändert
JOSEF MAYBURGER
Der Botschafter der Schönheit Salzburgs
ALBERT POLLAK
Salzburgs erster Jude
JOSEF WESSICKEN
Schloss-Baumeister des Pinzgaus und Gestalter des Manhattans der Alpen
HANS MAKART
Der Maler der Sinne und der Dekadenz prägte ein Vierteljahrhundert
HERMANN SCHMIDTMANN
Kunstdüngerfabrikant und Pinzgauer Schlossherr
ERZHERZOG LUDWIG VIKTOR VON HABSBURG
Der verbannte Habsburger im Schloss Kleßheim
IRMA VON TROLL-BOROSTYÁNI
Die Vorkämpferin der Frauenemanzipation in Salzburg
ROSA KERSCHBAUMER-PUTJATA
Eine gebürtige Russin wird Salzburgs erste Augenärztin
HERMANN BAHR
Ein kultureller Seismograph und „intellektueller Herr von Adabei“
MARGIT GRÄFIN SZÁPÁRY
Eine sächsische Gräfin wird im Krieg zur Mutter des Lungaus
ISAAK ARDITTI
Der jüdische Hotelier verliert drei Hotels in Fusch und Zell am See
EDUARD RAMBOUSEK
Salzburgs höchster Beamter unterschlägt 7 Millionen Kronen im Kriegsjahr 1918
ALOIS GRASMAYR
Der Barfuß-Millionär und „Faust“ vom Mönchsberg
POLDI WOJTEK – HELENE VON TAUSSIG
Die konträren Schicksalswege zweier Salzburger Künstlerinnen
JOHANNES FREUMBICHLER
Der erste und wichtigste Lehrer Thomas Bernhards
ALEXANDER MORITZ FREY
Hitlers Frontkamerad wird vom Führer ins Exil getrieben
FRIDERIKE M. ZWEIG
Die Frau im Schatten des Literaturgiganten
LILLY VON EPENSTEIN
Der mysteriöse Tod der Burgherrin von Mauterndorf
DAGOBERT PECHE
Ein Lungauer ist „das größte Ornamentgenie seit der Barockzeit“
VICKI BAUM
Literaturstar verliebt sich in Zeller Bademeister
LOIS WELZENBACHER
Der Gegner der Einheitsarchitektur hinterlässt zwei architektonische Juwele in Zell am See
JOSEF THORAK
Der Kampf von Hitlers Lieblingsbildhauer um Schloss Prielau
FRANZ LÖSER
Der ländliche Hofmannsthal
ERNST LOTHAR
Trotz Vertreibung und Demütigung ein glühender Patriot
GRETE TRAKL
Die einzig wichtige Frau in Georg Trakls Leben
LEO REUSS
Zeller Bergbauer narrt die Wiener Theaterwelt
THEODOR HERZ
Der jüdische Arzt aus Piesendorf wird „Gringo-Doctor“ im argentinischen Regenwald
MAX ZWEIG
Stefan Zweigs Cousin Max lebt 20 Jahre im politischen und sprachlichen Exil in Israel
EDUARD BÄUMER
Seine Kunst ist ausschließlich auf das Schöne gerichtet
KAROLINA WEISS
Das Schicksal der Pflegemutter Thomas Bernhards zwischen den Weltkriegen
MAX PEIFFER-WATENPHUL
Die Vaterfigur einer in den Startlöchern scharrenden jungen Künstlerschar
CARL ZUCKMAYER
Seine frühen Erfolgsdramen entstehen in der Henndorfer „Wiesmühl“
ALJA RACHMANOWA
Ein Leben voller Heimsuchungen, Katastrophen und Geheimnisse
JAKOB HARINGER
Der François Villon von Ebenau bleibt ein einsamer Vagant
MELA (KENT) STEINHARDT
Zeller Seevilla als Domizil einer Künstlerin
MARTIN BORMANN
„Der böse Geist Hitlers“ und seine Pläne in Zell am See
MAGDA GOEBBELS
Die „Gefährtin des Teufels“ erholt sich in Bad Gastein vom Ehekrieg
WILHELM KAUFMANN
Maler, Weltbürger und Aktivist für die Stadtgestaltung Salzburgs
PAULA FICHTL
Das Gnigler Dienstmädchen ist „eingegangen in die Weltgeschichtl“
GRETE WEISKOPF
Salzburgerin wird berühmte DDR-Kinderbuchautorin
HERBERT VON KARAJAN
Der Stardirigent wäre fast zum Thumersbacher geworden
SIGFRIED UIBERREITHER
Das zweite Leben des Gauleiters und Germanisierungsfanatikers
LEOPOLD KOHR
Der Philosoph des menschlichen Maßes
IRMA RAFAELA TOLEDO
Die Bergeinsamkeit wird zum künstlerischen Erweckungserlebnis
TONI SCHNEIDER-MANZELL
Der berühmte Bildhauer wird von Fuscher Hotelier um sein Honorar geprellt
HERMANN HÖFLE
Der Adolf Eichmann von Salzburg
LUCAS SUPPIN
In Frankreich „Ritter der Ehrenlegion“, in Salzburg Nonkonformist
SIMON SCHMIDERER
Saalfeldener Eisenbahnerbub heiratet Tiffany-Erbin und wird Stararchitekt in den USA
WALTER FELIX SUESS
Der Bad Gasteiner Arzt und Dirigent wird Opfer des Holocaust
AGNES MUTHSPIEL
Die Malerin der untergehenden Welt
ROSA (RATZI) HOFMANN
Ein grausames Schicksal wie das der Geschwister Scholl
TRUDE ENGELSBERGER
Frauen in einsamen Paradiesgärten
ILSE AICHINGER
Ihr einziger Roman war der Beginn von Österreichs Nachkriegsliteratur
H.C. ARTMANN
Salzburgs Universität ehrte den Dichter mit dem Dr. h.c.
SEPP HÖDLMOSER
Der Festungskünstler als malerischer Exzentriker
RUDOLF HRADIL
Der meisterhafte Gestalter des Atmosphärischen
HERBERT BREITER
Majestäten, Monumente, Miniaturen
GEROLD FOIDL
Schreiben war der Schrei seines Scheiterns in der Gesellschaft
CLEMENS EICH
Ein Grenzgänger zwischen verschiedenen Welten
Danksagung
Literatur- und Quellenhinweise
Karl Müller
Feuer gefangen!?
Walter Thaler und sein Lesepublikum haben Feuer gefangen und brennen seit Jahren! Denn einerseits lässt Thaler seine Leser*innen seit einigen Jahren in sein über die Jahrzehnte hinweg angesammeltes Menschenarchiv seiner Salzburger Heimat schauen und andererseits kriegt sein Lesepublikum nicht genug davon. Seit Mitte der 2010er-Jahre veröffentlicht Thaler unentwegt ein Menschenporträt nach dem anderen – inzwischen sind es fast 300 – und die meisten Lesenden sagen wohl heimlich zu sich selbst: „Welche Zusammenhänge tun sich da auf! Ich sehe die Welt um mich herum jetzt anders!“
Zuerst waren es hauptsächlich die auf verschiedenste Weise künstlerisch tätigen Menschen aus dem Pinzgau, wo Walter Thaler mit seiner Familie ansässig geworden ist und wo er auch in führenden politischen Funktionen tätig war: „Kunst und Literatur im Pinzgau. Die Kraft der Provinz“ (2015), so hieß seine erste Porträt-Sammlung. Dann folgten 2017 seine Pinzgauer „Helden“ und „Pioniere“, die auf ihren jeweiligen Gebieten so viel Gutes und Bewunderungswürdiges bewirkt haben. Zugleich bot Thaler auch Porträts von „Nicht-Helden“ an, also von bedenklichen Menschengestalten, die er vornehm zurückhaltend als „Narren“ bezeichnete. Sodann erschien 2019 eine Sammlung zahlreicher Lebens- und oft genug Leidenswegen von Menschen, die eng mit dem nachbarlichen Pongau verbunden waren und sind – jenseits aller üblichen Provinz-Klischees und schönfärberischer Tourismuswerbung.
Thalers Erkundungs- und Schreibprojekt zog immer weitere Kreise. Jetzt folgen an die 70, sehr behutsam, weil exemplarisch ausgewählte und – wie schon immer – auf wenige Seiten eingeschmolzene Biografien von Menschen, die irgendwann in ihrem Leben etwas mit Salzburg zu tun hatten, geboren zwischen 1713 und 1954. Es handelt sich allerdings um mehr als herkömmliche Lebensabrisse, es geht um das Herausschälen von Lebensessenzen in den jeweiligen Umständen ihrer Zeit. So werden die Porträts zu lebendigen und anschaulichen Erscheinungen. Viele der Porträtierten flößen Ehrfurcht und Bewunderung ein, viele von ihnen bereiten aber auch Entsetzen und Abscheu – jenseits von Allzumenschlichem. Kein Leben ist zu groß oder zu gering, zu vorbildhaft oder zu verachtenswert, um nicht Möglichkeiten und Grenzen menschlichen Bemühens, Gelingens und Scheiterns auszuloten und auf diese Weise das vielfältige Panorama menschlicher Existenzen schreibend zu verfeinern: Salzburg – eine Gegend, in der weibliches und männliches Menschsein seine Probe hält: Bauernkinder, Maler*innen, Bildhauer,
Schulreformer, Ehefrauen, Geliebte, Gräfinnen, Gehilfinnen und sich emanzipierende Frauen, Theologen, Meteorologen, Alpinisten, Physiker, Schönheitstrunkene, Unternehmer, Baumeister, Architekten, Plastiker, Dramatiker, Sprachbastler, Schauspieler, Düngemittelfabrikanten, Flüchtlinge und Vertriebene, Adabeis, Sozialreformer*innen, Jüdinnen und Juden, Protestant*innen, Katholiken, Frontkameraden, Schreibende aller Arten, Kriminelle verschiedener Profession, Priester, Ärztinnen und Ärzte, Dirigenten, Philosophen, Bohemiens, Vagabunden, Abenteurer, Menschenfreunde und Menschenfeinde, Grenzgänger, Manager, Moralisten, Widerstandskämpfer*innen ...
In der „Einführung“ zu seinem neuen Buch bietet Thaler Einblicke in die Motivationen seines Schreibens. Sie machen einen selbstreflexiven Autor sichtbar, der sich nicht nur über die immer prekäre Auswahl seiner Menschenbilder kritische Gedanken macht, sondern auch über jene glatt polierten Bilder Salzburgs, die sich als von mächtigen wahrnehmungslenkenden Instanzen kollektiv eingeschliffene Geschichtskonstruktionen herausstellen. Diesen wollen seine Porträts Paroli bieten. Thaler ist sich der virulenten „Geschichtsvergessenheit“ beziehungsweise des „Schattendaseins“ objektiver Erinnerung unseres Zeitalters bewusst. Er weiß um die schwierig zu erschütternde Mächtigkeit derartig verhärteter und oft ideologiegetränkter Erinnerungskultur und hat ein anderes, wirklichkeitsnäheres „Zeitgewebe“ im Sinn. Dazu braucht es freilich aufmerksame, aufgeschlossene Leser*innen, die befähigt sind, hinter die Fülle von empirischen Daten und Fakten – jeweils den aktuellen Forschungsständen vertrauend (vgl. Literatur- und Quellenhinweise) – zu blicken. Thaler gibt sich nicht mit einer Wirklichkeit zufrieden, die wider besseres Wissen harmonisierend daherkommt. Er hat sich – ein Kind aus einfachsten Verhältnissen – ein Sensorium für jene erarbeitet, die nicht (mehr) im Rampenlicht der Erinnerung stehen oder noch nie im Rampenlicht gestanden sind – aus welchen Gründen immer: Bloßes Vergessen oder doch Verdrängung, oft wohl auch Vertuschung, Zufall oder doch Strategie?
Wie in allen Büchern Thalers dürfen sich die Leser*innen auf einen glasklaren Schreibstil freuen – da gibt es keine Schnörkel und Manierismen. Was Thalers Porträts, seine biografischen und zugleich zeitgeschichtlichen Erkundungen so eindringlich machen, ist nicht nur die Grundsatzentscheidung, uns, den Leser*innen, das biografische Geschehen im historischen Präsens nahe zu bringen, es also als unmittelbar gegenwärtig erscheinen zu lassen und nachvollziehbar zu machen. Es ist auch das G’spür für das Relevante des jeweiligen Lebens zu sehen, also für den roten Faden in einer Biografie, und jeweils jene Achse zu entdecken, die das jeweilige Leben zu einem mehr oder weniger gelungenen beziehungsweise einem mehr oder weniger verpfuschten gemacht hat, zu einem vorbildhaften oder gar verwerflichen Leben. Thalers Bemühungen haben ein geistiges Fundament – seine Überzeugung vom Individuum als einem in alle Richtungen offenen und freien Potenzial an eigenen Voraussetzungen, aber auch vom Individuum als einem Ort geschichtlicher Möglichkeiten und zugleich von Zufällen und Schicksalen. Besonders auffällig ist Thalers Neigung, immer wieder ganz bestimmte Aspekte zu betonen – etwa Kinderschicksale in den Blick zu nehmen, atemberaubende Karrieren, wirtschaftliche Grundlagen und Besitzverhältnisse zu beachten sowie überraschende familiäre Vernetzungen und überraschende private und soziale Beziehungen nicht unerwähnt zu lassen. Auch Kurioses und Herzzerreißendes haben Platz.
Ein Warnbuch? Ein Eye-Opener-Buch? Eine Wissensbereicherung? Ein Sensibilisierungsbuch jedenfalls.
Einführung
Es sind Personen und Naturgewalten, die unsere Welt stets neu gestalten.
Wie in meinen früheren Sammelbänden über Lebenswege und Leidensgeschichten von bedeutenden Pinzgauer*innen und Pongauer*innen betreibe ich auch in diesem Buch eine Art Spurensuche nach Persönlichkeiten, die im Orkus des Vergessens gelandet sind. Denn die Tsunamis an Informationen, die uns täglich überfluten, besonders aber das Gezwitscher (die Twitteria) der „social media“ und des Boulevards übersteigen die Fassungskraft der Aufnahme- und einer dauerhaften menschlichen Erinnerungsfähigkeit. Wir leben in einem Zeitalter der Geschichtsvergessenheit, in dem einige Medien mit ihrem Voyeurismus, den man in Österreich auch als „Lugnerismus“ bezeichnen könnte, dem wahrhaft Wichtigen den Boden entziehen. Gratiszeitungen, die mit ihren Trash-Programmen eine neue Gegenaufklärung betreiben, wetteifern mit den „Seitenblicke“-Programmen der TV-Kanäle zu zentralen Sendezeiten. Doch statt Seitenblicken wäre mehr Tiefblick gefragt!
Das Bundesland Salzburg hat eine Vielzahl von Persönlichkeiten hervorgebracht oder als Landesbürger*innen aufgenommen, die der Entwicklung der Welt einen deutlichen Schub verpasst, also nachhaltige Entwicklungen ausgelöst haben. Diese Menschen mit Vorbildcharakter haben es gewagt, die herrschenden Tabus und abgestandenen Wertvorstellungen eines jahrhundertelang erzkonservativen Fürsterzbistums zu durchbrechen. Sie waren weitsichtig genug, Entwicklungen zu erkennen und zu beschleunigen. Zu ihnen zählen der Pädagoge Franz Michael Vierthaler, der kulturelle Seismograph Österreichs, Hermann Bahr, der Maler Hans Makart, der die Kunst und das Gesellschaftsleben Wiens ein ganzes Vierteljahrhundert geprägt hat; dazu gehören später der Regisseur und Schriftsteller sowie das Mitglied des Direktoriums der Salzburger Festspiele, Ernst Lothar, der Philosoph des menschlichen Maßes Leopold Kohr, die Vorkämpferin der Frauenemanzipation Irma von Troll-Borostyani und viele Künstler*innen und Geistesmenschen. Sie und viele andere Salzburger*innen, die der Welt so viel gegeben haben, dürfen nicht in Vergessenheit geraten.
Manche der hier Porträtierten aber haben durch ihr Handeln großes Unrecht begangen und sind für den Tod vieler Menschen verantwortlich. Sie haben sich zu Unmenschen entwickelt, weil sie sich dem mörderischen Unrechtsregime des Dritten Reiches angedient haben. Daher wird hier das Leben des aus Salzburg stammenden steirischen Gauleiters Sigfried Uiberreither wie auch Adolf Höfles, des Adolf Eichmann von Salzburg, beleuchtet. Auch sie müssen dem Vergessen entrissen werden, weil das Böse auch in unserer Zeit latent vorhanden ist und daher den Anfängen gewehrt werden muss. Dem Verfasser wird manchmal gesagt, er solle doch die unrühmliche Vergangenheit ruhen lassen. Dem muss ich entgegenhalten, dass die Kultur der objektiven Erinnerung in Österreich immer noch ein Schattendasein führt. Sie wird verdeckt von den Schutzschichten der Verdrängung, der Verschleierung und der Verleugnung des Mitwissens. Daher ist es dringend geboten, auch deren Opfer zu benennen, etwa den Schauspieler Leo Reuss, den Schriftsteller Carl Zuckmayer, den Hotelier Isaac Arditti und Hitlers Frontkamerad, den Schriftsteller Alexander Moritz Frey, die allesamt den Verfolgungen des Nazi-Regimes und der Verdrängung der Nachkriegszeit ausgesetzt waren.
Weil es im Bundesland Salzburg so viele Menschen gibt, die als „historisch“ eingestuft werden können, fiel es mir auch diesmal schwer, eine gerechte Auswahl zu treffen. Gewisse Einschränkungen konnten aber leicht vorgenommen werden. Das musikalische Weltgenie Mozart, über das bereits ganze Bibliotheken geschrieben worden sind, habe ich bewusst ausgeklammert. Nicht jedoch Mozarts Ehefrau Constanze, die lange Zeit als geistlos und raffgierig Geschmähte, die Mozarts erste Biografie verfasst hat. Von Salzburgs größtem Lyriker Georg Trakl gibt es eine Fülle von Monografien und literaturwissenschaftlichen Abhandlungen, daher habe ich stattdessen den Leidensweg seiner Schwester Grete aufgezeichnet, der mit dem ihres Bruders schicksalhaft verstrickt ist. Der Literaturgigant Stefan Zweig ist in Salzburg ohnehin eine fest verortete Größe, daher versuche ich, dessen erste Ehefrau Friderike und seinen Cousin Max dem Vergessen zu entreißen. Keineswegs wollte ich den bedeutenden Salzburger Mathematiker, Physiker und Astronomen Christian Doppler ausblenden, denn dieser ist bei Weitem nicht so präsent im Bewusstsein der Bevölkerung, hat aber das Leben der Menschheit durch seine Forschungen extrem revolutioniert und verbessert.
Aufgenommen habe ich auch Persönlichkeiten wie die junge Pongauer Protestantin Elisabeth Oberbüchler, die durch die brutale Politik des Landesfürsten Erzbischof Firmian den Bauernhof in St. Johann verlassen und nach Ostpreußen emigrieren musste. Nicht übergehen konnte ich die Hausgehilfin Paula Fichtl aus Gnigl, die jahrzehntelang dem großen Psychoanalytiker Sigmund Freud und seiner Tochter Anna als Haushälterin zur Seite stand und mit ihm auch ins Exil nach England ging.
Ein besonderes Anliegen war es mir, bedeutende Frauengestalten im Buch zu porträtieren. Die meisten der hier beschriebenen Frauen mussten sich gegen Widerstände und Benachteiligungen ihren Platz erkämpfen, auch im Widerstreit gegen das Unwissen des eigenen Geschlechts. Zu groß waren die Übermacht der Männer und die starren Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft in der Vormoderne. Aber mit Mut und Zuversicht haben sie zu ihrem eigenen Leben gefunden und sind zu Vorzeigefiguren unseres Bundeslandes geworden. Sie sind Ikonen dafür, was Frauen erreichen können, wenn sie sich etwas zutrauen. So etwa die Vorkämpferin der Frauenemanzipation in Salzburg, Irma von Troll-Borostyani, oder die Powerfrau des Lungaus, Margit Gräfin Szápáry.
Neben den biografischen Darstellungen finden sich im Buch auch blitzlichtartig ausgeleuchtete Ereignisse, in denen strukturell und gesellschaftlich gut vernetzte Personen versucht haben, ihre Machtinstrumente zu ihrem persönlichen Nutzen einzusetzen. Diese kurzen Lebensausschnitte solcher Menschen sollen als Warnschilder aufgestellt sein, um Wiederholungen zu verhindern. Ihnen gegenüber stehen Künstler*innen-Persönlichkeiten, die im Stillen und konsequent an ihrem Lebenswerk gearbeitet und den Ruf Salzburgs als Kulturland gestärkt haben. Entstanden ist so ein Zeitgewebe über vier Jahrhunderte, dargestellt an Menschen der verschiedensten Sozialschichten, die es gilt, ins kollektive Bewusstsein zurückzuholen.
Walter Thaler
ELISABETH OBERBÜCHLER
* ca. 1713
Todestag unbekannt
Das Schicksal einer protestantischen St. Johanner Bauerntochter
In den Salzburger Gebirgsgauen Pongau und Pinzgau fallen die Lehren Martin Luthers auf einen besonders fruchtbaren Boden. Die Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen im streng katholischen Kirchenstaat Salzburg scheinen sich unter den Erzbischöfen Johann Ernst Graf von Thun und Hohenstein und Franz Anton Graf von Harrach zu beruhigen. Doch als Leopold Anton von Firmian den erzbischöflichen Stuhl besteigt, ist es mit dem Religionsfrieden vorbei. Das Ziel des neuen Landesfürsten ist es, die katholische Kirche in Salzburg wieder zur alten „Macht und Herrlichkeit“ zu führen. Der von einer hemmungslosen Religiosität charakterisierte Landesherr formuliert seine Überzeugung in bildhafter Sprache: „Lieber Dornen und Disteln auf den Äckern als Protestanten im Lande.“
Firmian schickt 200 Soldaten in die Gebirgsregionen des Pongaus und Pinzgaus, um seine Macht zu demonstrieren und sie durchzusetzen. Protestanten werden zu Rebellen erklärt und fallen damit nicht mehr unter die Religionsfreiheit des Westfälischen Friedens. Der fanatische Landesfürst lässt zudem Jesuiten aus Bayern holen, die auf den Dorfplätzen predigen und die Evangelischen zur Rückkehr zum alten Glauben zwingen wollen. Als der Erfolg ausbleibt, lässt er in den Jahren 1731/32 auf Rat seines Hofkanzlers Hieronymus Cristani von Rall alle Protestanten des Landes verweisen. Firmian unterzeichnet am 31. Oktober 1731 das Emigrationspatent, das in offenem Widerspruch zur Vereinbarung des „Westfälischen Friedens“ von 1648 steht. In diesem ist ausdrücklich eine dreijährige Frist für eine Ausweisung vorgesehen. Der österreichische Kaiser Karl VI. ist zwar mit Firmians Vorgangsweise nicht einverstanden, begnügt sich jedoch, den erzbischöflichen Landesherrn zu einer milden Anwendung zu mahnen.
„Angesessene“ (d.h. Grundbesitzer) müssen je nach Größe ihres Grundbesitzes und Vermögens zehn Prozent als „Nachsteuer“ bezahlen, um die leeren Kassen des Fürsterzbischofs aufzufüllen. Innerhalb weniger Monate werden durch Firmians gnadenlose Härte mehr als 20 000 protestantische Salzburger*innen aus dem Land vertrieben. Auch die erst 18-jährige Bauerntochter Elisabeth Oberbüchler muss dieses grausame Schicksal erleiden und landet schließlich in der ostpreußischen Provinz rund um Königsberg (heute: russische Enklave Kaliningrad).
Bereits im Juli 1731 schickt Firmian Soldaten in die südlichen Salzburger Landesteile und lässt wichtige Orte und Pässe besetzen. Die Ankündigung von Truppen des österreichischen Kaisers Karl VI. führt zur Versammlung von etwa 150 Pongauer Protestanten des „Salzbundes“, die durch Eintauchen der Finger der rechten Hand in ein Salzfass bekunden, dass sie sich vom Lutherischen Glauben nicht werden abbringen lassen. Für den Erzbischof stellt dies das Verbrechen der Rebellion dar.
Doch dann kommt Rettung vom preußischen König Friedrich Wilhelm I., denn dieser unterzeichnet am 2. Februar 1732 das Immigrationspatent, in dem er die heimatlosen Salzburger*innen unter den Schutz des preußischen Staates stellt und ihnen eine neue Heimat in Ostpreußen anbietet. Das Gebiet zwischen den Flüssen Memel und Ister ist zwischen 1709 und 1711 durch die Pest drastisch entvölkert worden. Er schickt seinen Kommissar Göbel, der ein paar hundert Menschen erwartet. Doch zwischen dem 30. April 1732 und dem 15. Juli 1733 ziehen nicht weniger als 14 700 Salzburger Protestant*innen Richtung Norden. Der größte Teil der Exulant*innen wird von Stettin per Schiff nach Königsberg gebracht. Am 28. Mai 1732 kommt das erste Schiff in Königsberg an. Die beschwerliche Reise per Schiff fordert allerdings zahllose Todesopfer, vor allem unter den Kindern. So sterben von den 10 700 Personen auf 19 Seetransporten 515 Menschen.
Unter den Neuankömmlingen ist auch die erst 18-jährige Elisabeth Oberbüchler aus St. Johann im Pongau. Mit acht Geschwistern wächst sie auf einem Bergbauernhof auf. Sie ist von Kindheit an nach dem evangelischen Glauben aufgezogen worden und mit der Bibel bestens vertraut. Als am 20. Juli 1731 in St. Johann eine Kommission mit dem Hofkanzler Cristani von Rall auftaucht, bekennen sich allein in diesem Pongauer Ort 2700 Menschen zum Lutherischen Glauben, darunter auch die gesamte Familie Oberbüchler. Am 24. November 1731 erscheinen Soldaten auf dem Oberbüchler-Hof und zwingen die Familie mit roher Gewalt mitzukommen. Die erwachsene Elisabeth und zwei ihrer Brüder werden nach Salzburg verfrachtet, um sie aus dem Land zu vertreiben. Die Ausstellung der Auswanderungspässe dauert jedoch fünf Wochen, so dass bereits Schnee gefallen ist, als sie sich in Richtung Bayern auf den Weg machen müssen. Über Rosenheim und Schongau kommen sie am 27. Dezember endlich nach Kaufbeuern, wo Katholiken und Protestanten konfliktfrei leben.
Die gastfreundliche Stadt nimmt die ca. 750 Exulant*innen auf, kann sie aber auf Dauer weder beherbergen noch ihnen Arbeit verschaffen. Elisabeth und ihre Schwester allerdings kommen bei einem Goldschmied unter. Als dann aber das Angebot des preußischen Königs eintrifft, machen auch sie sich auf den Weg. Als sie hören, dass sich auch ihre Brüder in Preußen ansiedeln wollen, schließen sie sich dem immer stärker werdenden Strom der Emigranten in Richtung Norden an. Nach einem langen und beschwerlichen Fußmarsch kommen die Salzburger Exulant*innen endlich in Brandenburg an, wo sie vom Herrscherpaar Friedrich Wilhelm I. und seiner Gattin, Kurfürstin Sophie Dorothea, empfangen werden. Die Kurfürstin ist vom Anblick der Exulant*innen in Salzburger Tracht so angetan, dass sie dem Hofmaler Antoine Pesne den Auftrag erteilt, drei von ihnen zu porträtieren: einen alten Mann, eine Frau und das junge Mädchen Elisabeth Oberbüchler. So entsteht das reizende Porträt der jungen Protestantin in ihrem roten Wams. Sie scheint die Strapazen der Auswanderung während der Wintermonate glänzend überstanden zu haben, denn sie wirkt auf dem Ölbild in keiner Weise übermüdet oder krank. Der Glaube und der Zusammenhalt untereinander dürfte sie gestärkt haben. Von da an verlieren sich ihre Lebenslinien. Es ist anzunehmen, dass ihr Weg mit Heirat und Familiengründung vorgezeichnet war.
Sie dürfte wie der Großteil der Salzburger Vertriebenen nach Ostpreußen gekommen sein. Vor allem in den Kreisen Gumbinnen, Pillkallen, Stallupönen und Darkehmen werden nämlich den Salzburger*innen landwirtschaftliche Flächen zur Verfügung gestellt. So werden im Jahr 1734 in diesen Regionen bereits mehr als 11 500 Salzburger*innen angesiedelt. Als Bergbäuerinnen und Bergbauern verstehen sie sich hervorragend auf die Pferde- und Viehzucht und mit ihrem Einzug in das flache ostpreußische Gebiet an der Ostsee bringen sie auch den Kartoffelanbau nach Norddeutschland, der in Salzburg schon länger bekannt ist.
Zwei Jahrhunderte später werden die Nachfahren der protestantischen Salzburger Aussiedler*innen genau in diesem Gebiet Ostpreußens an der Nordsee erneut zu Emigrant*innen. Denn in den Märztagen 1945 wird die Schlacht von Heiligenbeil (heute: Mamonowo) zu einer der letzten großen Kesselschlachten des Zweiten Weltkrieges. Im Rahmen der Schlacht um Ostpreußen wird die 4. Armee von den sowjetischen Truppen mit dem Rücken zum zugefrorenen Haff eingeschlossen. Diese deutsche Armee hatte es im Winter 1944/45 geschafft, die Zivilbevölkerung Ostpreußens zu einem großen Teil über das gefrorene Haff nach Westen zu schleusen. Doch nun sind sie von den deutschen Truppen abgeschnitten und von der russischen Armee eingekesselt. In einem zweimonatigen Kampf im März und April 1945 fallen 80 000 deutsche Soldaten oder werden verwundet, 50 000 kommen in russische Gefangenschaft.
Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges werden die Landkreise, in denen die Salzburger Protestant*innen eine neue Heimat gefunden haben, als russische Enklave aus dem alten deutschen Gebiet ausgegliedert und als Enklave Kaliningrad zu einem russischen Sperrgebiet erklärt. Für die verbliebene deutsche Bevölkerung (ca. 25 000 Menschen), die gegen Kriegsende nicht vor den Russen in den Westen fliehen können, besteht zunächst ein Ausreiseverbot. Ihre Vertreibung beginnt erst auf Befehl Stalins vom 11. Oktober 1947. Bis 1992 ist die Enklave Kaliningrad (Oblast Kaliningrad) für westliche Besucher*innen gesperrt. So sind die Nachfahr*innen der Salzburger Exulant*innen mehr als 200 Jahre später wieder zu Vertriebenen geworden. Als Erinnerung an ihre Verbundenheit mit der ursprünglichen Heimat wird von der Sektion Königsberg des Deutschen Alpenvereins im Jahr 1927 in 1 630 Metern Höhe direkt vor dem Massiv des Hochkönigs die Ostpreußenhütte errichtet.
FRANZ MICHAEL VIERTHALER
1758–1827
Salzburgs erster großer Schulreformer
Franz Michael Vierthaler wird wegen seiner umwälzenden Schulreformen mit Fug und Recht als einer der größten Pädagogen Österreichs eingestuft. Es ist die Zeit der Aufklärung, in die Vierthaler hineinwächst. Den alten Autoritäten der Kirche und der königlichen Macht wird nun die Vernunft gegenübergestellt. Ausgehend vom französischen Philosophen René Descartes gehen Voltaire und Jean-Jacques Rousseau von konkretem Wissen und freiem Denken aus. Rousseau fordert in seinem Werk „Émile oder Über die Erziehung“ in Vorwegnahme der Französischen Revolution das Prinzip der Gleichheit.
Im Sinne der Aufklärung löst Vierthaler in Salzburg das Schulwesen aus der Hörigkeit der Kirche und des Militärs und führt als erster eine geregelte Lehrerausbildung ein. Mit seinen Standardwerken zur Pädagogik und seinen zahllosen philosophischen und geografischen Schriften übt er einen großen Einfluss auf die gesamte Bildungspolitik des Habsburgerreiches aus. Durch sein Wirken als Direktor des Waisenhauses in Wien, das 2 500 Zöglinge betreut, verbessert er die medizinische und hygienische Versorgung und wird zum Vorbild für die im 20. Jahrhundert entstehenden Kinderdörfer.
Vierthaler wird am 25. September 1758 als fünftes Kind des Maurermeisters und Stuckateurs Jakob und seiner Gattin Maria Anna Vierthaler in Mauerkirchen im bayerischen Innviertel geboren, wo er die Pfarrschule besucht. Wegen seiner schönen Singstimme empfehlen ihn der örtliche Pfarrer und seine beiden geistlichen Onkel dem Benediktinerstift Michaelbeuern als Sängerknabe. Dort kommt er erstmals mit der lateinischen Sprache in Kontakt, für die er zeit seines Lebens Begeisterung zeigt. Ein Jahr später tritt er zu den fürsterzbischöflichen Sängerknaben in Salzburg über und wird Schüler des mit der Benediktineruniversität verbundenen Gymnasiums. Später setzt er seine Studien im bayerischen Burghausen fort. Im Herbst 1775 inskribiert er an der Universität Salzburg. Zu Beginn des Studiums muss er die zweijährige philosophische Fakultät absolvieren, die für alle weiteren Studien als Vorstufe verpflichtend ist. Er wählt sodann die juridischen Fächer, obwohl seine Vorliebe den klassischen Sprachen und der Geschichte gilt.
Eine Zeitlang versucht er sich als Dramatiker und kann sein Trauerspiel „Der englische Spion“ mit Erfolg im Salzburger Hoftheater aufgeführt sehen. Als am Kollegium Virgilianum, einem Institut für junge Adelige zur Erklärung und Wiederholung des universitären Lehrstoffes, eine Instruktorenstelle frei wird, bekommt er diese. Doch als ihm kurz darauf ein Theologe als erster Instruktor vorgesetzt wird, verlässt er das Institut und widmet sich erneut der schriftstellerischen Tätigkeit. Schon bald erscheint der erste Band seines siebenteiligen Werkes „Philosophische Geschichte der Völker und Menschen“ (1787).
In der Habsburgermonarchie hat Maria Theresia 1774 mit ihrer „Allgemeinen Schulordnung“ maßgebliche Schulreformen durchgeführt und die Unterrichtspflicht auf alle Schichten der Bevölkerung ausgeweitet. Es ist dies die erste Maßnahme für eine verpflichtende und egalitäre Grundschulbildung. Daher erkennt es auch der geistliche Landesfürst Hieronymus Graf Colloredo im Fürsterzbistum Salzburg als Notwendigkeit, eine moderne leistungsfähige Staatsbürokratie einzurichten. Diese führt über die Ausweitung der Bildung und die Einbeziehung bürgerlicher Akademiker anstatt bloß adeliger Funktions- und geistlicher Würdenträger in die Staatsführung. Eine verpflichtende Grundschulbildung für breite Bevölkerungsteile ist dafür die wesentlichste Voraussetzung. Der Nützlichkeitsgedanke überwiegt dabei die Vorteile einer humanistischen Bildung. Das Haupthindernis für eine tiefgreifende Änderung liegt in der mangelnden pädagogisch-didaktischen Ausbildung der Lehrer. Daher kommt die von Colloredo eingesetzte Schulreformkommission zur Einsicht, dass ein Lehrerseminar eingerichtet werden müsse.
Nach jahrelangem Zögern betraut Colloredo schließlich Vierthaler mit dem Aufbau eines Lehrerseminars. Dieses wird im sogenannten Ritzerbogenhaus (heute: Buchhandlung Höllrigl) eingerichtet. Mit der Verpflichtung für die Lehramtskandidaten zu hospitieren und mit praktischen Lehrversuchen schafft Vierthaler die Grundlagen für die moderne Pädagogik. Er verfasst zudem zahlreiche pädagogische Schriften und Lehrbücher und übernimmt zusätzlich die Ordnung und Katalogisierung der erzbischöflichen Bibliothek. Auf Wunsch des Landesfürsten übernimmt er auch die von Lorenz Hübner geleiteten Zeitungen „Staatszeitung von Salzburg“ und „Literaturzeitung von Salzburg“. Seine naturkundlichen und historischen Reisen gibt er unter dem Titel „Reisen durch Salzburg“ (1799) heraus. Er nimmt auch am zweiten Versuch der Erstbesteigung des Großglockners teil. So kann Vierthaler in Salzburg als Begründer der Reiseliteratur bezeichnet werden.
Als Vierzigjähriger heiratet er Josefa Kleinmayrn, die älteste Tochter des Hofratsdirektors Franz Thaddäus von Kleinmayrn und bezieht eine Wohnung am Waagplatz 72. Als am 26. Dezember 1802 das Fürsterzbistum Salzburg endgültig säkularisiert wird, übernimmt der Bruder des Kaisers, Erzherzog Ferdinand, bisher Großherzog von Toskana, als Entschädigung für das verlorene italienische Gebiet das Erzstift, das damals noch Teile von Bayern umfasst (Berchtesgaden und die Bistümer Passau und Eichstätt). Als einziger aus der von Fürsterzbischof Colloredo eingesetzten Schulkommission behält Vierthaler sein Amt. Und er übernimmt alle Schulen und Erziehungsanstalten des Landes mit Ausnahme der Universität und des ihr angegliederten Gymnasiums. Er steigt damit zum allmächtigen Landesschulinspektor im Fürsterzbistum Salzburg auf.
Doch damit scheint sein Aufgabenbereich noch zu knapp bemessen. Denn der neue Landesherr Erzherzog Ferdinand überträgt ihm auch die Verwaltung der beiden Waisenhäuser in der Vorstadt Mülln. Die Sorge um verwaiste Kinder ist bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts ausschließlich Aufgabe der Geistlichen. Die Waisenhäuser an der Salzach sind wirtschaftlich und administrativ ruinös geführt und dem Verfall preisgegeben. Erst durch die Verdrängung des Prinzips der göttlichen Vorsehung durch den Verstand im Sinne der Aufklärung und durch die Forderung des Gemeinwohls als staatliche Aufgabe geraten soziale Fürsorgeeinrichtungen in den Fokus der Herrschenden. Dem jungen Kurfürstentum Salzburg ist noch keine politische Ruhe beschieden. Denn 1806 stürmen wieder bayerische und französische Truppen ins Land. Vierthaler hat schon bei der ersten Besetzung Salzburgs durch die Franzosen die berühmte erzene Statue des Jünglings von Helenenberg, die sich seit 1506 in Salzburg befindet, versteckt und so einem Kunstraub durch die feindlichen Truppen vorgebeugt. Nun wird er im Oktober 1806 zum Direktor des Wiener Waisenhauses ernannt. Vierthalers Bedeutung als reformatorischer Pädagoge und Wissenschafter wird also noch durch seine sozialpädagogischen Verdienste gesteigert.
Der von pädagogischen Motiven geprägte Wissenschafter tritt nun vehement dafür ein, dass auch diesen Kindern eine gründliche Schulbildung zuteil wird und fähiges Lehrpersonal die Bildung und Erziehung übernimmt. Bisher hatten Offiziere und Invaliden diese Aufgaben inne gehabt. Vierthaler ersetzt diese durch ausgebildete Lehrer, unter denen sich auch Ferdinand Schubert, der Bruder des Komponisten Franz Schubert, befindet.
In Wien ist der inzwischen berühmt gewordene Schulreformer und Sozialpädagoge ein gern gesehener Gast im Haus der bekannten Schriftstellerin Karoline Pichler (1769–1843), wo er die Crème de la Crème der Wiener Künstler*innen und Schriftsteller*innen trifft und Teil des intellektuellen Lebens wird. Er verkehrt mit den Dichtern Franz Grillparzer, Ferdinand Raimund und Clemens von Brentano sowie dem Komponisten Franz Schubert. Als die Franzosen 1809 neuerlich in Wien einrücken, vertraut Kaiser Franz I. dem Pädagogen seine Porträtsammlung an, die dieser im Keller des Wiener Waisenhauses vor den französischen Heerscharen versteckt. In den zwanzig Jahren seiner Wiener Zeit arbeitet Vierthaler weiter an seinem siebenbändigen Werk „Philosophische Geschichte der Menschen und Völker“. In Folge eines Schlaganfalls stirbt der 69-jährige Pädagoge und Humanist und wird auf dem Währinger Friedhof zur letzten Ruhe gesetzt. Im Salzburger Stadtteil Schallmoos ist eine Straße nach ihm benannt. Durch sein umsichtiges pädagogisches und soziales Wirken gilt Vierthaler als „Österreichs Pestalozzi“ und „Vater der Waisen“.
CONSTANZE MOZART
1762–1842
Mozarts erste Biografin
Mozarts Frau, mit der er neun Jahre verheiratet ist, steht zeitlebens und bis heute im Schatten des musikalischen Weltgenies. Die Urteile über sie sind stets extrem emotionsgeladen und reichen von „geistlos, egoistisch, raffgierig, triebhaft“ bis zu „liebende Ehefrau“. Überwiegend wird sie als „graues Aschenputtel“ an der Seite des Genies beschrieben und ihr jede Intellektualität abgesprochen. Sogar eine Mitschuld an seinem frühen Tod wird ihr angelastet. Wenn man Mozarts Briefen Glauben schenken kann, so scheint die Ehe glücklich gewesen zu sein. Viele Biografien beschäftigen sich mit der Frage, warum sie sich nicht um Mozarts Grab gekümmert habe. Selbst Albert Einstein stimmte in die Herablassungen ein: „Constanzes Ruhm besteht darin, dass Mozart sie geliebt hat und damit in die Ewigkeit mitgenommen, so wie der Bernstein die Fliege.“
Die Liste der Verunglimpfungen befindet sich bis in unsere Zeit auf dem Niveau der Klatschpresse und dürfte eher einem frauenfeindlichen Verständnis entspringen. Der schon zu Constanzes Lebzeiten entstehende Geniekult um Mozart gestattet wohl keine adäquate Partnerin neben ihm. Jedenfalls hat sie mit ihrer ersten Biografie Mozarts diesen Geniekult erst richtig ausgelöst und ist als eine faszinierende Frau, Bannerträgerin und Nachlassverwalterin Mozarts in die Musikgeschichte eingegangen. Gemeinsam mit ihrem zweiten Mann Georg Nikolaus Nissen (1761–1826) ist es ihr Verdienst, dass die Musik Mozarts im 19. Jahrhundert nicht der Vergessenheit anheimgefallen ist.
Constanze Mozart wird am 5. Jänner 1762 als dritte von vier Töchtern des Bassisten und Kopisten Franz Fridolin Weber und seiner Frau Maria Cäcilia in Zell im Wiesental in Baden-Württemberg geboren und wächst in Mannheim auf. Im Jahr 1777 macht Mozart auf seiner Reise nach Paris in Mannheim Zwischenstation und lernt Constanze Weber im Hause ihres Vaters kennen. Mozart verliebt sich in Constanzes Schwester Aloysia und fasst sogar den Plan, mit ihr als Primadonna, ihrem Vater als Impresario und Constanze als Hausgehilfin eine Konzertreise nach Italien zu unternehmen. Doch Mozarts Vater befiehlt ihm, die bereits zugesagte Reise zusammen mit der Mutter Maria Anna nach Paris anzutreten. Aloysias Mutter ist darüber nicht unglücklich, denn sie will unbedingt eine Heirat ihrer musikalisch begabten Tochter mit dem Musikgenie verhindern.
In Paris stirbt Mozarts Mutter. Als Mozart am Weihnachtstag 1778 nach Mannheim zurückkehrt, zeigt Aloysia kein Interesse mehr an ihm. Deshalb setzt sich dieser ans Klavier und soll gesungen haben: „Leck mich das Mensch am Arsch, das mich nicht will“ (zit. nach Rieschel, 35).
In Salzburg ist Mozart ständig in Konflikt mit dem Landesfürsten Erzbischof Colloredo, der ihn wie einen Kammerdiener behandelt und ihn ohne seine Genehmigung nicht auftreten lässt. Der Fürsterzbischof beschuldigt Mozart der Flegelhaftigkeit, und nach einem Wortwechsel soll ihn dessen rechte Hand, Graf Karl Joseph Arco, mit einem Tritt hinausbefördert haben. So wird Mozart in einer Zeit, da Musiker nur an einem Fürstenhof oder im Dienste der Kirche überleben können, zu einem freischaffenden Künstler. Als die Familie Weber 1781 nach Wien übersiedelt, gerät Mozart wieder in den Bannkreis der äußerst musikalischen Familie. Aloysia hat inzwischen den Maler Joseph Lange geheiratet, von dem die bekanntesten Bilder der Familie Weber und auch ein populäres Bild Mozarts stammen. Nach dem Tod des Vaters muss die Witwe Weber in dem alten Haus mit dem Namen „Auge Gottes“ Zimmer vermieten, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Mozart lebt in Wien sogar eine Zeitlang bei den Webers, muss aber ausziehen wegen des „Geredes der Leute“.
Am 4. August 1782 heiratet Mozart gegen den Willen seines Vaters und seiner Schwester Maria Anna („Nannerl“) Constanze Weber im Stephansdom. Sowohl Vater als auch Schwester weigern sich, an der Hochzeit teilzunehmen. Besonders die erfolgreiche Pianistin Nannerl macht in Briefen an Mozart immer wieder klar, dass eine „Weberische“ im Tanzmeisterhaus (Mozarts Wohnhaus, Makartplatz 8) höchst unwillkommen ist. Mozart droht seiner Schwester darauf mit einem Dutzend Ohrfeigen.
Scheinbar ist es der Ruf über die Freizügigkeit von Constanzes Lebenswandel, der mit den biederen Vorstellungen von Leopold Mozart nicht in Einklang zu bringen ist. Man sagt ihr eine gewisse Leichtfertigkeit im Umgang mit Männern nach, doch eheliche Untreue lässt sich nicht nachweisen. Der Hofmusiker und Komponist Peter Winter bezeichnet Constanze bereits im Jahr 1781 Mozarts Vater gegenüber als „Luder“. Mozart wehrt sich und bezeichnet Winter in einem Brief an seinen Vater als „hundsföttig“. Mozart sieht sich daher genötigt, über seine junge Frau an den Vater Folgendes zu schreiben: „Sie ist nicht hässlich, aber auch nichts weniger schön, ihre ganze Schönheit besteht in zwei kleinen schwarzen Augen und in einem schönen Wachstum. Sie hat keinen Witz, aber gesunden Menschenverstand, genug um ihre Pflichten als Frau und Mutter erfüllen zu können.“ Er berichtet ihm aber auch über das „fürstliche“ Hochzeitsmahl, das Baronin Elisabeth Waldstätten für das Brautpaar gegeben hat und schließt den Brief mit den Worten: „Nun freuet sich meine liebe Constanze noch hundertmal mehr, nach Salzburg zu reisen!“ Seiner jungen Frau legt Mozart aber nahe, „auf seine und ihre Ehre Rücksicht zu nehmen.“ Mozart selbst aber nimmt es mit seiner ehelichen Treue nicht allzu genau, denn er fühlt sich immer wieder auf seinen Reisen zu anderen Frauen hingezogen. Das Musikgenie denkt aber gar nicht daran, seinem Vater und Nannerl seine junge Frau vorzustellen, obwohl der Vater in Briefen ständig darauf drängt. Der Umstand, dass Constanze schwanger ist, zögert die beschwerliche drei- bis viertägige Kutschenfahrt zusätzlich hinaus. Mitte Februar 1782 steckt Mozart zudem in einer schweren Finanzkrise, weil er einem Kaufmann eine Menge Geld schuldet. Die Baronin Waldstätten hilft ihm allerdings aus der Patsche. Erst ein Jahr später, am 26. oder 27. Juli 1793 kommen Mozart und Constanze mit der Postkutsche vor dem Tanzmeisterhaus in Salzburg an, wo sie trotz des eisigen Empfangs 14 bis 16 Wochen bleiben. Von den sieben großen Kutschenreisen, die Mozart in seinen letzten 12 Lebensjahren unternimmt, führt ihn nur diese eine in seine Heimatstadt. In Salzburg vollendet Mozart die Messe, die er für seine Frau nach einer geglückten Entbindung gelobt hatte zu komponieren, er schreibt für Michael Haydn zwei Duette und zwei Akte einer Oper von Giambattista Varesco (1735–1805), die allerdings nie vollendet wird. Ob die Wurzeln für die Entstehung der Oper „Die Zauberflöte“ auf die zahlreichen Besuche Mozarts im Aigner Park mit seiner geheimnisvollen Illuminatengrotte zurückgehen, bleibt wohl ungeklärt. Mozart und Constanze treffen im 1760 gegründeten Kaffeehaus (Zillnerhaus) am Alten Markt auch den Sänger Josef Tomaselli. Constanze kann damals nicht ahnen, dass sie rund 40 Jahre später in einem oberen Stockwerk des Hauses wohnen wird.
Das Leben Constanzes an der Seite Mozarts ist keineswegs leicht, denn er kann mit Geld nicht umgehen und ist ständig verschuldet. Seine Hyperaktivität ist zudem eine schwere Belastung für die sensible junge Frau. Constanze wird in den neun Ehejahren mit Mozart sechsmal schwanger, doch nur die Söhne Carl Thomas (1784–1858) und Franz Xaver Wolfgang (1791–1844) überleben. Nach Aussage ihrer Schwester Sophie leidet Constanze an einer Beinkrankheit, die ihr immer wieder große Schmerzen bereitet. Die Behandlungskosten engen in der Folge den finanziellen Spielraum des Musikgenies noch mehr ein.
Constanze, die eine schöne Stimme hat und auch sehr gut Klavier spielt, erreicht allerdings nicht das stimmliche Niveau ihrer Schwester Aloysia. Mozart aber zieht sie als Beraterin ständig heran und spielt ihr auch seine neuen Kompositionen vor. Constanze hat Mozart durchaus inspiriert. Daher widmet Mozart seiner Frau mehrere Werke, darunter die Sopranpartie der großen c-Moll-Messe. Als Mozart in der Nacht zum 5. Dezember 1791 stirbt, ist Carl sieben Jahre und Wolfgang sechs Monate alt. Er hinterlässt seiner Frau enorme Schulden, eine unfertige Partitur seines „Requiems“, für das er entlohnt worden ist, und einen ganzen Stapel ungeordneter und unvollständiger Musikautografen. Trotz der enormen Not verkauft Constanze jedoch die Manuskripte zunächst nicht, für die sie wegen des bereits großen Ruhms Mozarts großzügig entlohnt worden wäre, sondern bewahrt sie sorgfältig auf.
Nach dem Tod des musikalischen Genies gelingt es ihr dank hochherziger Hilfen, ein Abgleiten in äußerste Not zu verhindern. So ist es ihr großes Verdienst, dass die Autografen nicht in alle Welt verstreut sind. Trotzdem ist sie von manchen Biografen als raffgierige und betrügerische Geschäftemacherin diffamiert worden. Die Ursache dafür mag in der Tatsache begründet sein, dass zwei Fragen bislang nicht ausreichend beantwortet werden können: Warum hat sie sich nie um Mozarts Grab gekümmert? Und warum hat sie bezüglich des „Requiems“ verschwiegen, dass der Komponist Franz Xaver Süßmayr (1766–1803) nach Mozarts Tod das „Requiem“ vervollständigt hat? Unbezweifelbar steht jedoch fest, dass es ein lebenslanges Anliegen der Witwe Mozarts war, sein Andenken wachzuhalten.
Gemeinsam mit ihrer Schwester Aloysia unternimmt Constanze 1795/96 eine Konzertreise mit Mozarts Werken durch Deutschland. Die beiden Söhne bringt sie auf das Landgut Villa Bertramka des befreundeten Ehepaares Josepha und Franz Xaver Duschek bei Prag. Erst zur Jahreswende 1799/1800 verkauft sie die noch vorhandenen Autografen Mozarts an den Offenbacher Musikverleger Johann Anton André.
Im Jahr 1797 lernt Constanze den dänischen Legationssekretär und Diplomaten Georg Nikolaus Nissen kennen. Sie kann ihn erst 1809 auf der Flucht vor Napoleon im damals ungarischen Preßburg heiraten, da im österreichischen Teil des Habsburgerreiches religiöse Mischehen verboten sind. Constanze führt ab dem Winter 1800 in Wien einen der wichtigsten musikalischen Salons am Michaelerplatz, um Mozarts kammermusikalische Werke zur Aufführung zu bringen. Als der Diplomat 1810 nach Kopenhagen berufen wird, lebt Constanze mit ihm zehn Jahre in der dänischen Hauptstadt. Zwischen 1820 und 1824 bereist das Ehepaar Nissen Deutschland, bevor es sich 1824 endgültig in Salzburg niederlässt.
Nissen ist den beiden überlebenden Söhnen Mozarts ein liebevoller Vater. Carl, den Constanze zum Kaufmann ausbilden lässt, wird von ihr nach Italien geschickt, wo er als Verwaltungsbeamter der Monarchie lebt und 1858 als letzter Mozart stirbt. Sein Bruder Franz Xaver Wolfgang, ein begabter Sänger, Komponist und einer der renommiertesten Pianisten der Zeit, arbeitet in Lemberg beim Grafen Viktor von Baworowski, da er in der Pubertät mit seinen Eltern ständig in Konflikt geraten ist. In Salzburg machen sich Constanze und Nissen daran, das Leben Mozarts aufzuarbeiten und eine erste Biografie zu verfassen. Doch Constanze schildert ihrem Gatten hauptsächlich vordergründige Begebenheiten und kann über seine Musik nur Oberflächliches berichten. Daher stützt sich Nissen auf die Aufzeichnungen des Philosophen und Musikkritikers Franz Xaver Niemetschek. Zudem ist Nissen bemüht, alle ihm unschicklich erscheinenden Ereignisse im Leben Mozarts auszublenden, denn er will dem Ruhm des Meisters keinesfalls schaden. Als Nissen – der kein Adeliger war – 1826 stirbt, nimmt Constanze ein „von“ in ihren Namen auf. Sie vervollständigt Mozarts Lebensbericht. Das Buch „Biographie W.A. Mozarts“ erscheint 1828 und wird in Europa viel gelesen und in mehrere Sprachen übersetzt. In ihren letzten Lebensjahren in Salzburg darf auch ihr Beitrag für die Gründung des Mozarteums und die Errichtung der Mozartstatue auf dem Mozartplatz nicht unterschätzt werden.
Constanze stirbt am 6. März 1842 in Salzburg an einer Lungenentzündung und überlebt damit Mozart um ein halbes Jahrhundert. Ihre jüngere verwitwete Schwester Sophie, die mit ihr im ehemaligen Domherrenstöckl Mozartplatz 8 wohnt, kann wenige Wochen nach Constanzes Tod ihre Blicke auf das neu errichtete Mozartdenkmal richten. Der „Witwe Mozart“, wie Constanze sich auch in ihrer Ehe mit Nissen stets bezeichnet hat, ist dieser sehnsüchtige Rückblick nicht mehr gegönnt.
Drei weniger biografische als fiktionale, allerdings sehr lesenswerte Romane über Constanze Mozart haben die österreichische Schriftstellerin Renate Welsh („Constanze Mozart. Eine unbedeutende Frau“), die Münchener Kunsthistorikerin und Schriftstellerin Lea Singer („Das nackte Leben“) sowie die aus Constanze Mozarts Geburtsort stammende Schriftstellerin Heidi Knoblich („Constanze Mozart geb. Weber“) verfasst. Der Tiroler Dramatiker Felix Mitterer hat das Leben der Familie Weber in seiner musikalischen Komödie „Die Weberischen“ dramatisch gestaltet.
BARBARA KRAFFT
1764–1825
Sie schuf das Porträt Mozarts
Fast niemand kennt ihren Namen. Auch sind kaum dokumentarische Materialien wie Briefe, Tagebucheintragungen oder andere persönliche Zeugnisse von ihr erhalten. Nur Kunstexperten wissen um ihre wichtigsten biografischen Lebensstationen und kennen ihre bedeutendsten Bildnisse. Aber fast alle kennen das von ihr geschaffene Porträt Mozarts, das sogar Mozartkugeln ziert. Barbara Krafft hat 28 Jahre nach dem Tod Mozarts im Jahr 1819 nach den Angaben von Mozarts Schwester Nannerl das am häufigsten reproduzierte und inzwischen bekannteste Bildnis Mozarts gemalt. Sie gehört zu den bedeutendsten Porträtmalerinnen des Klassizismus und verstand es als Künstlerin, sich ein Netzwerk von Auftraggebern zu schaffen und Verkaufsausstellungen zu organisieren. Kurzum: Sie ist nicht nur eine bedeutende Malerin, sondern auch ein Marketingtalent des 18. und 19. Jahrhunderts.
Barbara Krafft wird am 1. April 1764 in Iglau an der böhmisch-mährischen Grenze als Tochter des k. u. k. Hofmalers Johann Nepomuk Steiner geboren. Er porträtiert Kaiserin Maria Theresia und Kaiser Joseph II., bleibt aber trotzdem ein von Geldsorgen geplagter Künstler. Die Mutter Maria Anna verfügt deshalb in ihrem Testament, dass nur das Kind erbberechtigt sein soll, das einen „ordentlichen“ Beruf ergreift. Daher erhält Barbara nach deren Tod nur den Pflichtteil, Bruder Franz Xaver, der Chirurg ist, wird Universalerbe. Schon in ihren Kinderjahren erhält Barbara Malunterricht von ihrem Vater, mit dem sie nach Wien übersiedelt und dort 1786 ihr erstes Bild ausstellt. Sehr rasch macht sie sich als Porträtmalerin einen Namen.
1789 heiratet sie den Apotheker Josef Krafft. Im Jahr 1792 wird ihr Sohn Johann August geboren, den sie zum Maler ausbildet und der später in München als Lithograf tätig wird. Die Tochter Barbara wird 1801 in Prag geboren. In der Folge signiert sie ihre Bilder mit „Barbara Krafft nata Steiner pixit“ (Barbara Krafft, geb. Steiner hat es gemalt), um ihres Vaters Bekanntheit und ihre Herkunft als Qualitätsmerkmale anzuführen. 1794 zieht Barbara mit ihrem Mann und Sohn Johann August in die fürsterzbischöfliche Residenzstadt Salzburg, weil sie sich dort weniger künstlerischer Konkurrenz stellen muss. Die Stadt zählt damals 16 000 Einwohner und ist bereits vom Geist der Aufklärung geprägt. Sehr rasch erhält sie Aufträge für großformatige Repräsentationsporträts durch Salzburger Adelsfamilien, so etwa von Graf und Gräfin Kuenberg oder von Franz Xaver Altgraf von Salm-Reifferscheidt, aber auch von wohlhabenden Bürgerfamilien. Alle hier geschaffenen Porträts bemühen sich um eine Deutung des Charakters der dargestellten Person, was sich besonders in den Mund- und Augenpartien abzeichnet. Die Porträts der Salzburger Bürger*innen zeugen durch die genaue Darstellung von teuren Stoffen und prachtvollem Schmuck von der Wohlhabenheit der Dargestellten. Obwohl sie nur zwei Jahre in der Stadt verbringt, entstehen damals viele bedeutende Porträts, von denen das Salzburg Museum eine Reihe besitzt.
Von Salzburg übersiedelt sie in ihre Geburtsstadt Iglau und geht 1797 nach Prag. Die Gründe für ihren oftmaligen Ortswechsel sind unbekannt. Vermutlich hat die Adelsfamilie Kuenburg eine Vermittlerrolle gespielt. Zudem ist Prag weitaus größer als Salzburg und zeigt ein reges kulturelles Leben. In den sieben Prager Jahren entstehen wieder eine Reihe von Porträts und auch ihr einziges Altarbild für die Pfarrkirche von Bubeneč, einem Stadtteil von Prag.
Als Barbara Krafft 1804 nach Salzburg zurückkehrt, ist Salzburg mittlerweile durch die Napoleonischen Feldzüge zu einem Spielball der europäischen Politik geworden. Das geistliche Fürsterzbistum ist jetzt ein weltliches Kurfürstentum, das 1806 unter die Habsburgerherrschaft, 1809 unter französische, 1810 unter bayerische Verwaltung und schließlich ab 1816 endgültig ins k. u. k. Reich eingegliedert und zu einem Bezirk Oberösterreichs degradiert wird. Durch die Kriegsgeschehnisse leidet das Kulturleben enorm. Doch die ehemals als Auftraggeber für ihre Porträts aufgetretenen reichen Bürgerfamilien übernehmen nun wichtige Verwaltungsaufgaben, was sich für die Künstlerin wirtschaftlich positiv niederschlägt. Im Jahr 1819 entsteht das Mozartporträt im Auftrag Joseph Sonnleitners nach den Angaben von Mozarts Schwester Nannerl. Sonnleitner ist Librettist, Theaterdirektor, Archivar und Gründer der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Das Porträt des Musikgenies soll Mozart nach den Angaben Nannerls am treffendsten darstellen.
Nach 16 Jahren verlässt Barbara Krafft erneut Salzburg und zieht mit ihrem bereits künstlerisch tätigen Sohn Johann August und ihrer noch minderjährigen Tochter Barbara nach Bamberg. Auch diese Residenzstadt war ursprünglich ein geistliches Hochstift und vom Wittelsbacher Herzog Wilhelm übernommen worden. Obwohl Bamberg nur halb so viele Einwohner wie Salzburg zählt, von denen sich die meisten aus Militärangehörigen, Beamten und Handwerkern zusammensetzen, hat sich ein reges Kulturleben entwickelt. Es entsteht ein Theater, eine Stadtbibliothek und ein Museum. In den vier Jahren ihres Bamberger Aufenthaltes soll Barbara Krafft, wie in einem Nekrolog festgehalten wird, nicht weniger als 145 Porträts geschaffen haben. Tatsächlich haben Kunsthistoriker aus der Bamberger Zeit aber nur 42 ermitteln können.
Barbara Kraffts Bedeutung liegt in der genauen Beobachtungsgabe der von ihr Porträtierten und ihren geglückten Versuchen, deren Charakterzüge durch den Gesichtsausdruck zu vermitteln. In einer Zeit, da Frauen noch kein Zugang zu Kunstakademien gewährt wird, gelingt es ihr, zu einer der bedeutendsten klassizistischen Porträtmalerinnen zu werden. Mit ihrer großen Verkaufs- und Selbstvermarktungsgabe und ihren organisierten Verkaufsausstellungen schafft sie als Frau eine beachtliche künstlerische Karriere und wird von ihrem Mann, von dem sie sich während ihrer zweiten Salzburger Periode trennt, wirtschaftlich unabhängig. Das Salzburg Museum hat ihr um die Jahreswende 2019/2020 eine Ausstellung mit ihren bedeutendsten Porträts gewidmet.
EMILIE KRAUS VON WOLFSBERG
1785–1845
Einst Geliebte Napoleons, dann Hundsgräfin von Gnigl
Die attraktive, erst zwanzigjährige Emilie Victoria von Kraus wird nach dem Einmarsch Napoleons in Wien dessen Geliebte und begleitet ihn, als Adjutant Felix verkleidet, auf all seinen Kriegszügen. Nach Napoleons Heirat mit Erzherzogin Marie-Louise von Österreich erhält sie eine stattliche Apanage und lebt dann im Schlösschen Rauchenbichler Hof in Salzburg-Schallmoos ein fürstliches Leben mit 160 Haustieren. Sie endet allerdings völlig verarmt und stirbt 60-jährig im unbeheizten Fischerhäusl am Alterbach.
Emilie Victoria Kraus wird als Tochter des Bergwerk-Schichtmeisters Jože und seiner Frau Rosalia in Idria im Herzogtum Krain geboren. Als der Vater stirbt, übergibt die Mutter die außergewöhnlich hübsche Tochter zur weiteren Ausbildung in Wien dem k. u. k. Offizier Philipp von Mainoni, der später Hofrat im Kriegsministerium wird. Obwohl in sehr ärmlichen Verhältnissen sozialisiert, gelingt es Emilie durch ihre gute Erziehung und hofgerechtes Auftreten in der Wiener Aristokratie gesellschaftsfähig zu werden. Als Napoleon 1805 in Wien einmarschiert, schafft es Mainoni, Emilie zu einem Empfang ins Schloss Schönbrunn mitzunehmen, wo sich Napoleon leidenschaftlich in sie verliebt. Er lässt sie vom damals berühmtesten Porträtisten Johann Baptist Lampi als nackte Venus malen.
Von nun an begleitet Emilie Napoleon auf all seinen Kriegszügen durch Europa, wobei sie stets als Page Felix verkleidet in seiner Nähe ist. Am Hof in Paris allerdings darf sie nicht vor der ersten Gattin Napoleons, Josephine, auftreten, sondern muss versteckt in den Tuilerien leben. Später erklärt Emilie beharrlich, dass Napoleon sie geheiratet habe, wobei ein Graf von Montholon als Trauzeuge gedient haben soll. Madame de Rémusat, die Palastdame der Kaiserin Josephine, schreibt in ihren Memoiren über Napoleons Moralität gegenüber Frauen:
„Sobald er eine neue Geliebte hatte, theilte er es ohne Verzug seiner Frau mit und äußerte ein beinahe rohes Erstaunen, wenn sie gegen Vergnügungen eiferte […] Er sei kein Mensch wie ein anderer, sagte er, und die Gesetze des Anstandes und der Sittlichkeit seien nicht für ihn gemacht“ (Wittmann, 13).
Nach der neuerlichen Besetzung Wiens im Jahr 1809 residiert Napoleon I. wieder im Schloss Schönbrunn, wohin er aus Warschau eine zweite Geliebte, Maria Gräfin Walewska, mitgebracht hat. Beide Mätressen bringen innerhalb von vier Tagen im Mai 1810 zwei Söhne des Franzosenkaisers zur Welt. Einen Monat zuvor hatte Napoleon die Erzherzogin Marie-Louise von Österreich, die Tochter des Kaisers Franz I., geheiratet.
Als Napoleons Heer im Juni 1812 die Grenzen des russischen Zarenreiches übertritt, erlebt Emilie an der Seite des französischen Kaisers alle Schrecken des Krieges. Doch als das Heer im Winter 1812/13 den Rückzug antreten muss, ist auch das Glück an der Seite Napoleons für Emilie zu Ende. Napoleon trennt sich von Emilie, hinterlegt aber für sie auf der Bank von London die stattliche Apanage von 480 000 Gulden, die vom Ziehvater Mainoni verwaltet wird, der ihr jährlich einen Betrag von 24 000 Gulden zukommen lässt. Zudem erhält Emilie den Titel „Baronin von Wolfsberg“, Mainoni wird Mitglied der französischen Ehrenlegion. Die nunmehr Geadelte überlässt ihr Kind Eugen dem kinderlosen Ehepaar Megerle von Mühlfeld. Eugen wird später ein erfolgreicher Advokat und als Eugen Alexander Megerle auch ein bekannter Politiker. Erstaunlich ist, dass in den Biografien Napoleons die abenteuerliche Gestalt des Pagen Felix keinen Niederschlag findet.
Im Jahr 1817 heiratet Emilie den Wiener Rechtsanwalt Michael Schönauer, doch die Ehe geht drei Jahre später in Brüche. Im Jahr 1824 zieht die Baronin mit ihrer Mutter und Schwester nach Bregenz, wo sie sich in den 14 Jahre jüngeren Vorarlberger Barbiergesellen Vinzenz Brauner verliebt, der ihr Lebensgefährte wird. Nach dem Tod ihrer Mutter zieht sie mit Brauner nach Salzburg, da dieser die Stelle eines Kreiswundarztes zugesprochen erhält.
Von Napoleon durch die Apanage finanziell großzügig ausgestattet, kauft die Baronin in Salzburg zwei Häuser; eines in der Dreifaltigkeitsgasse und das Schlösschen Rauchenbichlerhof in Schallmoos. Dort entwickelt sie ein fürstliches Leben, aber auch eine geradezu pathologische Liebe zu Tieren. Sie hat mehr als 30 Hunde aller Rassen, Affen, seltene Raubvögel. Während sie ihren Bediensteten Hungerlöhne zahlt, werden ihre Hunde maßlos verwöhnt. Im „Biographischen Lexikon des Kaiserthums Österreich“ findet sich dazu folgender Eintrag:
„Die Hunde speisten von silbernen Tellern, ein jeder hatte eine eigene Bedienung, sie wurden gepflegt wie ein Schoßkind, gefüttert wie eine Spansau, und starb einer aus der vierfüßigen Sippe, so ward ihm in dem Hausgarten ein Marmordenkmal gesetzt“ (BLKÖ, 2).
So wird sie bald von der Gnigler und Schallmooser Bevölkerung nur mehr als die „Hundsgräfin“ bezeichnet. Ihr Privatzoo verschlingt enorme Summen. Ihren pompösen Lebensstil kann sie sich leisten, solange die Beträge aus Napoleons Apanage regelmäßig fließen.
Doch 1832 kommt die Nachricht vom Selbstmord ihres Ziehvaters und Vermögensverwalters Mainoni. Dieser war dem Glücksspiel verfallen und hatte durch gefährliche Transaktionen ihr Vermögen auf null reduziert. Auch ihr kostbarer Schmuck von Mainoni und der Vertrag Napoleons, mit dem ihre Zuwendungen bisher abgesichert waren, sind nicht mehr auffindbar. Als dann ihr Lebensgefährte Vinzenz Brauner 1838 im Alter von 39 Jahren stirbt, muss die „Hundsgräfin“ ihre Besitzungen verkaufen. Sie wendet sich nun an Marie-Luise, die Witwe Napoleons, und an die österreichische Kaiserin-Witwe Carolina Augusta, die zeitweilig in Salzburg im Toskana-Trakt wohnt, um finanzielle Unterstützungen. Die Gnadenpension, die sie von der Napoleon-Witwe erhält, reicht aber nicht aus, um ihre Tiere zu versorgen. So landet sie schließlich, verarmt und zur Bettlerin herabgekommen, im Fischerhäusl am Alterbach, wo sie am 15. April 1845 im Alter von 60 Jahren stirbt. Ihre letzte Ruhestätte findet sie am Friedhof in Gnigl an der Kirchenmauer. Im Grab werden später aber auch zwei arme Bauern beigesetzt. Der Historiker Anton von Schallhammer hat das Leben der „Hundsgräfin“ anhand von Urkunden erforscht und sein Manuskript dem Salzburg Museum übergeben.
PETER KARL THURWIESER
1789–1865
Der „Gamspeter“: Theologe, Meteorologe und Salzburgs erster Alpinist
Die Stadt Salzburg ist immer schon reich an Originalen und Sonderlingen gewesen. Eines der prägnantesten Originale ist der Theologe Peter Karl Thurwieser. Wegen seiner umfassenden Bildung, aber auch durch seine alpinistischen Erfolge, seine meteorologischen Erkundungen sowie seine sonderbare Aufmachung ist er in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Landeshauptstadt allseits bekannt. Mit seinem blauen Frack, seinen Schnallenschuhen und seinem schwarzen Filzhut mit dem Edelweißsträußchen stellt er eine besondere Attraktion dar.
Da Peter Karl Thurwieser für die Landwirtschaft oder ein Handwerk zu schwächlich ist, wird der in Kramsach in Tirol Geborene (damals zum Fürsterzbistum Salzburg gehörig) an die Universität Innsbruck zum Studium der Theologie geschickt. Im Jahr 1810 tritt er in das Priesterhaus in Salzburg ein, wo er im September 1812 zum Priester geweiht wird. Vor allem das Studium der Mathematik und der orientalischen Sprachen (Hebräisch, Chaldäisch, Aramäisch und Arabisch) faszinieren ihn. Er übernimmt zunächst die Katechetenstelle in Mülln, später wird er Hilfspriester in Bergheim und Siezenheim.
Im März 1820 wird er als Professor des Bibelstudiums des Alten Testaments und der orientalischen Sprachen an das Lyceum, das an die Stelle der 1810 von den Bayern aufgelösten Universität getreten ist, berufen. In dieser Funktion wirkt er 43 Jahre. In diesen mehr als vier Jahrzehnten widmet er sich intensiv den mathematischen Wissenschaften, der Meteorologie mit einer präzisen Aufzeichnung der Salzburger Wetterverhältnisse und den orientalischen Sprachen. Vom Salzburger Erzbischof Friedrich Fürst zu Schwarzenberg erhält er die Kustodenstelle an der Salzburger Kollegienkirche. Da die Uhr dieser Kirche sehr unpräzise ist, versucht er sie zur Verlässlichkeit zu bringen, was ihm aber misslingt. Da die Uhr dieser Kirche sehr unpräzise läuft, wird zu Thurwiesers Zeit ein unpünktlicher Mensch in der Stadt auch als „Collegi-Uhr“ bezeichnet (Nora Watteck). Thurwieser versucht, das Uhrwerk zu mehr Verlässlichkeit zu bringen, was ihm aber misslingt.
Als Priester und Wissenschafter ist er in der ganzen Stadt hoch geachtet. Als Mensch lebt er in äußerster Bescheidenheit und trägt bis zu seinem 60. Lebensjahr keinen Mantel und verwendet keinen Regenschirm. Zudem ist er bekannt für seine Wohltätigkeit, da er stets mittellose Studenten finanziell unterstützt.
In einer Zeit, da die Gebirge von den Menschen nicht nur als unwirtliche Gegend, sondern auch als Sitz von verwunschenen Seelen und bösen Geistern betrachtet werden, beginnt Thurwieser die Alpen planmäßig zu ersteigen und zu erforschen. So wird er zum Erstbesteiger des Hochkönigs über die Übergossene Alm zum Gipfel (1826), des Ankogels, des Dachsteins (1834) und der Watzmann-Südspitze sowie Drittbesteiger des Ortlers (1838). Eine der Ortlerspitzen trägt seither den Namen Thurwieser-Spitze. Das Gasteinertal, das Zillertal und die Berge des Berchtesgadener Landes sowie der Tiroler Alpen und die Dolomiten sind seine bevorzugten alpinistischen Ziele.
Dabei trägt der kleingewachsene Theologe immer seine barometrischen Geräte mit. Nur wenn er steile Felsen erklettern muss, legt er seinen blauen Frack ab, der ihm auch bei Übernachtungen im Gelände als Wärme- und Wetterschutz dient. Bei seinen Touren trägt er als Nahrungsmittel gebackene Zwetschken und hartgesottene Eier mit, von denen er sogar ein Dutzend auf einmal verzehren kann. Zum Schutz gegen die Sonnenbestrahlung hängt ein grüner Schleier von seinem Filzhut herab. Wegen seiner sonderbaren Erscheinung jagt er den Sennen auf den Almen, die noch keine Touristen zu sehen bekommen haben, Furcht ein. Bei seinen Gipfelbesteigungen lässt er zumeist selbst gefertigte Feuerwerkskörper und Knallfrösche explodieren, was ihm den Ruf eines Hexers oder Zauberers einträgt.
Viele seiner Bergtouren unternimmt er in Gesellschaft hochstehender Persönlichkeiten, so oftmals mit Erzherzog Johann und mit dem Erzbischof Kardinal Schwarzenberg. Seine alpinistischen Erkundungen und Erfahrungen, die als Meisterstücke touristischer Schilderungen gelten, veröffentlicht er sodann in der Zeitschrift des Innsbrucker Ferdinandeums und im „Salzburger Amts- und Intelligenzblatt“. Den Gaisberg besteigt Thurwieser während seines Lebens 480 Mal.
Sein Tod erscheint gerade wegen seiner bergsteigerischen Meisterleistungen als grotesker Unglücksfall. Denn als er vom Dachboden des Imhofstöckls an der Nordseite des Mozartplatzes aus seinen Hühnern nachjagt, stürzt er am 28. Jänner 1865 vom Dach. Er stirbt im Alter von 76 Jahren an den Folgen dieses Sturzes. Sein Aussehen, seine wissenschaftlichen Tätigkeitsbereiche und seine allseitige Bekanntheit tragen ihm zu Lebzeiten schon die Spitznamen „Wetterfrosch“ und „Gamspeter“ ein.
FRANZ STELZHAMER
1802–1874
Der gefeierte Mundartdichter bediente gefährliche Klischees
Für Oberösterreich ist Franz Stelzhamer der bedeutendste Mundartdichter des 19. Jahrhunderts und Schöpfer der Landeshymne. Übersehen wird, dass er viele Jahre seines Lebens – vor allem seine Studienzeit und die letzten 18 Jahre seines Lebens – in Salzburg verbringt, in Henndorf stirbt und dort begraben liegt. Seine zärtliche Schilderung der Innviertler Heimat und seine behutsame Annäherung an die kleinen Dinge des Lebens dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er in seinem familiären Dasein rücksichtslos und in seinen politischen Anschauungen als grausamer Antisemit auftritt.
Stelzhamer wird am 29. November 1802 im Weiler Großpiesenham im Innviertel als Sohn der Kleinhäuslerfamilie Johann und Maria Stelzhamer geboren. Dem Wunsch seiner Eltern gemäß soll er Priester werden und wird deshalb an das Gymnasium zu St. Peter (heute: Akademisches Gymnasium) nach Salzburg geschickt. Bereits seine zwei älteren Brüder studieren dort ohne entsprechenden Erfolg. Franz aber erweist sich rasch als Primus der Klasse und darf als „Informator“ seinen Mitschülern Nachhilfe erteilen, was als Auszeichnung gewertet wird. Als sein Bruder Peter wegen „Teufelsbündelei“ im Peterskeller der Schule verwiesen wird, kommt es jedoch zu einem raschen Leistungsabfall. Dazu dürfte auch seine Liebe zu der Kaufmannstochter Antonie Nicoladoni beigetragen haben, die er in seinem in Hochdeutsch verfassten Gedichtzyklus „Liebesgürtel“ verherrlicht. Er betätigt sich auch als Mitbegründer der „Rhetoriker“, einer Vereinigung dichtender Gymnasiasten, die später von der Polizei verboten wird. Nach der letzten Gymnasialklasse verlässt er Salzburg und beginnt in Graz, wo sein Bruder Peter inzwischen lebt, das Studium der Rechtswissenschaften, das er dann in Wien fortsetzt.
Da ihn die Not plagt und er immer wieder erkrankt, versucht er sich als Hauslehrer und beginnt, Gedichte in Mundart zu schreiben. Als die Gedichte durch seinen Freund Eduard Zöhrer vertont werden, wird er in Oberösterreich sehr rasch populär. Den literarischen Durchbruch schafft er 1837 mit seinem Band „Lieder in obderenns’scher Volksmundart“, die von der literarisch interessierten Öffentlichkeit in Oberösterreich begeistert aufgenommen werden. Am bekanntesten ist das Gedicht „s’Hoamatgsang“, das ihn zum gefeierten Heimatdichter werden lässt und 1952 im oberösterreichischen Landtag zur oberösterreichischen Landeshymne erkoren wird: „Hoamatland, Hoamatland/di han i so gern/wiar a Kinderl sein Muader/a Hünderl sein Herrn […]“
1838 kehrt er nach Oberösterreich zurück und wird in Linz als Journalist tätig. Wegen der Popularität seiner Mundartgedichte kann er ab 1842 Vortragsreisen durch Österreich und Bayern absolvieren und wird in den Münchner Künstler- und Adelskreisen gefeiert. 1845 heiratet er die aus Böhmen stammende Näherin Betty Reis und übersiedelt mit ihr nach Ried im Innkreis. Aus dieser Ehe geht die Tochter Carolina hervor. Als die Revolution 1848 ausbricht, ist er wie die meisten Zeitgenossen ein begeisterter Verfechter, wendet sich jedoch bald davon ab. Von nun an gelingt es ihm nicht mehr, im österreichischen Literaturbetrieb zu reüssieren. Da die Familie von Geldsorgen geplagt wird, verlegt er seinen Wohnsitz nach München, weil er dort bessere Einkommenschancen sieht.
In München schreibt er das „Bunte Buch“ (1852), das neben anderen sehr reaktionären Texten auch den Essay „Jude“ enthält. Einem fiktiven Erzähler unterschiebt er darin seine politische Zielvorstellung von der Vernichtung der Juden:
„In alle Welt zerstreut, schlingt er [Anm. d. Verf.: der Jude] sich, ein Riesenbandwurm, um die Ernährungsorgane eines jeden kultivierten Staatskörpers […] Die Völker ringen um Vorrang und Macht, die Völker wetteifern in Kunst und Wissenschaft, in Entdeckung und Erfahrung, die Völker opfern Gut und Blut für Fürst und Vaterland; der Jude sieht zu, zufrieden, dass er heute oder morgen, da oder dort seinen Bandwurmrüssel, gleichviel, an die offene Wunde, oder an die Errungenschaft anlegen kann und – saugen“ (zit. nach Laher).
Er kritisiert das angebliche jüdische Schmarotzertum und bedient sich einer hetzerischen Propaganda, wie sie später von den Nationalsozialisten betrieben wird. Das Buch widmet er dem bayerischen Ministerpräsidenten Ludwig von der Pfordten. Für den oberösterreichischen Autor Ludwig Laher ist dies das wüsteste antisemitische Pamphlet aus der Feder eines Schriftstellers des 19. Jahrhunderts. Stelzhamer schwelgt nicht etwa in den Vorurteilen seiner Zeit, sondern er ist ein geistiger Vorläufer des Antisemitismus. Dadurch wird das durchaus beachtenswerte Talent, das großartige Gedichte in der Innviertler Mundart geschrieben und seine Heimat mit poetischen Bildern verherrlicht hat, in seiner literarhistorischen Bedeutung empfindlich geschmälert. Stelzhamers Text ist allerdings kein singulärer Ausdruck des im Christentum jahrhundertelang tief verankerten Judenhasses. Denn zwei Jahre zuvor veröffentlicht der Komponist Richard Wagner unter Pseudonym sein Pamphlet „Das Judenthum in der Musik“ (1850).
Stelzhamer hat bewusst verdrängt, dass das von ihm angeprangerte jüdische Schmarotzertum von ihm selbst gelebt wird, denn einer seiner großzügigsten Förderer in seiner Wiener Zeit ist der aus Böhmen stammende Jude Ludwig August Frankl. Für Laher steht Stelzhamer deshalb „für die Unbegreiflichkeit menschlicher Abgründe“.
Nach seiner Rückkehr nach Salzburg stirbt seine Frau Betty im Alter von 38 Jahren. Im selben Jahr beginnt der 54-jährige Dichter Stelzhamer eine Beziehung zu Hermine Tremml, der Tochter seiner Jugendliebe Antonie Nicoladoni. Die letzten 18 Lebensjahre verbringt Stelzhamer überwiegend in Salzburg und Henndorf. 1866 erleidet er einen Schlaganfall, was für ihn jedoch kein Hindernis darstellt, die um 34 Jahre jüngere Salzburger Lehrerin Therese Böhm-Pammer zu heiraten. Sie wohnt mit ihrem unehelichen Sohn Luzian in Henndorf. Die nicht legalisierte Beziehung zu Stelzhamer hat schon bisher zu Ärgernissen in der kleinen Dorfgemeinde geführt. Stelzhamers letztes Gedicht, welches er seiner in Henndorf verbliebenen Familie widmet, – „Uebern Anger bin ih ganga“ – verfasst er zwei Monate vor seinem Tod.
Am 14. Juli 1874 stirbt der Dichter in seinem Wohnhaus Henndorf Nr. 84 und liegt auf dem Henndorfer Friedhof begraben. Es gibt wohl kaum einen anderen österreichischen Dichter, dem so viele Denkmäler erbaut wurden und der in seinem Heimatland Oberösterreich als Säulenheiliger verehrt wird. Im Jahr 1900 huldigt Hermann Bahr in seinem Theaterstück „Der Franzl“, das in fünf Szenen das Leben Stelzhamers schildert, dem Mundartdichter. Heute wird die Bedeutung des Oberösterreichers mit seinen teils kitschigen und trivialen Versen einem neuen kritischen Diskurs unterzogen, etwa durch die Germanistin Silvia Bengesser.
CHRISTIAN DOPPLER
1803–1853
Seine Forschungen haben die Welt verändert
Fast ein Jahrhundert lang sind seine Forschungen unbeachtet geblieben. Doch die Welt von heute ist ohne die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Salzburgers Christian Doppler nicht mehr vorstellbar. In der Luftfahrt, in der Raumfahrt (Satellitennavigation), im Straßenverkehr, in der Astronomie und Meteorologie, im Vermessungswesen, in der Abgasmessung von Motoren, überall stoßen wir auf den Doppler-Effekt. Wer kann sich heute noch ein Mittelklasse-Auto ohne das Navigationssystem GPS vorstellen? In besonderem Maß aber hat Doppler die Medizin revolutioniert. Denn durch die Sonografie hat die Medizin die Möglichkeit, den Blutdruck in den Gefäßen zu messen, die Blutgeschwindigkeit hörbar zu machen und dadurch Gefäßverschlüsse oder Engstellen zu diagnostizieren. Auch die Computertomografie sowie das Monitoring bei Operationen und Schwangerschaften sind ohne Dopplers bahnbrechende Erkenntnisse nicht vorstellbar.
Über Dopplers Kindheit und Jugend in Salzburg gibt es keinerlei Dokumente oder Selbstzeugnisse wie Briefe, Tagebücher, auch keine Zeugnisse von Zeitgenossen. Die spärlichen, nicht überprüfbaren Informationen über seine Salzburger Zeit verdanken wir seinem Enkel Adolf Doppler. Die erste nachweisbare Quelle gibt es erst über sein Studium am Wiener Polytechnischen Institut. Dennoch können einige Daten als gesicherte Fakten angenommen werden. Christian Doppler wird am 29. November 1803 in Salzburg im Haus Makartplatz 1 (gegenüber dem Salzburger Landestheater und neben Mozarts Wohnhaus) als viertes von fünf Kindern des Steinmetzmeisters Johann Doppler und dessen Frau Theresia (geborene Seeleuthner) geboren. Die Familie gehört zum altstädtischen bürgerlichen Gesellschaftsbereich. Es gibt zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Stadt Salzburg lediglich zwei Steinmetzbetriebe.
Christian wird in eine von Katastrophen gebeutelte Zeit geboren. Die 16 000 Einwohner zählende Stadt Salzburg leidet unter den Napoleonischen Kriegszügen und muss für 12 000 Soldaten Unterkünfte und Verpflegung bereitstellen. Im Jahr 1810 fällt das Kurfürstentum für sechs Jahre an die Bayern, bis es 1816 auf Beschluss des Wiener Kongresses endgültig dem Habsburgerreich zugeschlagen und dem Land Oberösterreich angegliedert wird. Die Explosion des indonesischen Vulkans Tambora überzieht Europa im Sommer 1816 mit einer dichten Aschewolke, was wegen des Ernteausfalls zu Hungersnöten führt.
Obwohl Christian bereits als Kind im väterlichen Betrieb mitarbeitet, kommt wegen seines zarten Körperbaus eine handwerkliche Ausbildung nicht infrage. Daher übernimmt sein um neun Jahre älterer Bruder als Erstgeborener den väterlichen Steinmetzbetrieb im Weiler Himmelreich. So kann sich Christian nur aufgrund von höherer Bildung aus seinem Herkunftsmilieu lösen. Christians Lebensweg ist ein klassischer Fall für den Aufstieg aus dem handwerklich dominierten Stadtbürgertum ins gehobene Bildungsbürgertum. Auf Anraten des Mathematikers Simon Stampfer, der am Gymnasium Mathematik und Physik unterrichtet und Christians mathematisches Talent erkennt, wird der Junge in das Lyceum (Gymnasium) geschickt. Doch schon nach drei Jahren nimmt ihn der Vater trotz ausgezeichneter Leistungen aus der Schule und schickt ihn in die „deutsche Normalschule“ nach Linz. Denn der Bub soll eine kaufmännische Berufsausbildung erhalten, um ein materiell gesichertes Leben führen zu können. Doch neuerlich schaltet sich Simon Stampfer ein, daher wird der begabte Bub nach Abschluss der „Normalschule“ von 1822 bis 1825 nach Wien auf das Polytechnische Institut geschickt, das er mit ausgezeichneten Noten abschließt.
Aus diesen drei Jahren in Wien sind erstmals persönliche Dokumente erhalten, nämlich Gedichte, Charaden (pantomimische Verkleidungsspiele zum Erraten eines Wortes), Essays und eine Studie über das Berchtesgadener Land. Die Gedichte sind ganz zeittypisch sentimental und sprachlich überladen. Wegen zweier Gedichte, die dem Andenken der verstorbenen Freunde Ludwig Sauter (Bruder des Volksdichters Ferdinand Sauter und des Mediziners Anton Sauter) und Karl von Schallhammer gewidmet sind, vermutet der Salzburger Historiker Robert Hoffmann, dass Doppler auch dem Freundeskreis von Franz Schubert angehört habe. Denn auch der spätere Direktor der Zentralanstalt für Meteorologie und Erdmagnetismus, Karl Kreil, engster Freund Dopplers in seinen letzten Lebensjahren, gehört zum Schubert-Freundeskreis.
Christian hat aber ein höheres Ziel, er will an der Universität studieren. Daher muss er im Erwachsenenalter die Matura am Salzburger Lyceum nachholen. Er absolviert die ausständigen Semester in der halben Zeit und schließt von den 37 Absolventen seines Jahrgangs als Bester mit den Noten „eminente“ (ausgezeichnet) ab. Damit hat er nun als Sohn aus dem Handwerkerstand höhere Karriereaussichten. Doch Salzburg kann ihm diese nicht bieten, denn es ist in der k.u.k. Monarchie die zweitärmste Region. Als Dopplers Mathematikprofessor am Gymnasium, Adam Burg, den Lehrstuhl für höhere Mathematik am Polytechnikum in Wien erhält, holt er sich Doppler als Assistenten. Doch diese Stelle ist nur auf vier Jahre begrenzt, so muss er im Jahr 1834 als Buchhalter in einer Baumwollspinnerei in Bruck an der Leitha sein karges Brot verdienen.
Da seine akademischen Stellengesuche ohne Erfolg bleiben, plant er in die USA auszuwandern. Doch plötzlich wendet sich sein Schicksal, er bekommt die Stelle als Professor für Arithmetik, Algebra und Geometrie an der „Ständischen Realschule“ in Prag. In dieser Stadt hatte Karl IV. im Jahr 1348 die erste deutsche Universität gegründet, hier hatten die großen Astronomen Tycho Brahe und Johannes Kepler gewirkt. Prag hat, als Doppler hier ankommt, 100 000 Einwohner und einen hohen Rang in der europäischen Wissenschaft. 1836 heiratet er in der Pfarrkirche Mülln die hochbegabte 24-jährige Salzburgerin Mathilde Sturm, Tochter eines angesehenen Goldschmieds. In den nächsten elf Jahren, in denen die Familie in Prag lebt, werden fünf Kinder geboren. In Prag entsteht und veröffentlicht Doppler sein Hauptwerk „Über das farbige Licht der Doppelsterne und einiger anderer Gestirne des Himmels“ und mehr als 50 wissenschaftliche Arbeiten in den Disziplinen Mathematik, Physik und Astronomie.
Seine Hypothese ist, dass die Farbigkeit der Sterne auf der Entfernungsänderung während der Lichtaussendung beruhe. Seine Bemühungen führen schließlich zum baldigen experimentellen Nachweis des akustischen Phänomens, das als Doppler-Effekt in die Wissenschaft eingeht. Beim Doppler-Effekt handelt es sich es um Wellen, die von einem Sender ausgesendet werden und bei einem Empfänger ankommen. Der Doppler-Effekt ist die zeitliche Stauchung beziehungsweise Dehnung einer Welle durch die Veränderungen des Abstands zwischen Sender und Empfänger. Verkleinert sich der Abstand Sender–Empfänger, so steigt die wahrgenommene Frequenz. Vergrößert sich der Abstand, so sinkt diese. Daher wird das Motorengeräusch eines Rennwagens oder das Folgetonhorn eines Rettungsautos beim Annähern als höher, beim Entfernen als tiefer wahrgenommen. – Es ist der Wiener Physiker Ernst Mach, der 1860, also sieben Jahre nach Dopplers Tod, den Nachweis für die Richtigkeit von Dopplers Forschungen erbringt und ihm damit die Anerkennung seiner Entdeckungen zuteilwerden lässt. Der Doppler-Effekt hat sich wissenschaftlich als „Jahrtausendeffekt“ erwiesen, ohne den das Leben heute nicht mehr vorstellbar ist. Damit erweist sich Christian Doppler als der für die Menschheit bedeutendste Wissenschafter Salzburgs. Was Mozart in der Musik der Welt bedeutet, so sind die Errungenschaften in der Technik und Medizin ohne Dopplers Forschungen nicht denkbar.
Doch Dopplers unermüdliche wissenschaftliche Forschungen und Publikationen schlagen sich schließlich in massiven gesundheitlichen Schäden nieder. Zudem fühlt er sich in der Stadt Prag persönlich nicht wohl. Im Jahr 1847 aber tut sich eine neue berufliche Chance für ihn auf, denn er wird als Professor für Mathematik und Physik an die Berg- und Forstakademie in Schemnitz (heute: Banska Stiavnica) im slowakischen Erzgebirge berufen, ein Jahr später wird er für seine Forschungen Mitglied der „Österreichischen Akademie der Wissenschaften“. In Schemnitz besteht seit 1772 die älteste Bergbauakademie der Welt. Als jedoch die Revolution 1848 auch auf Ungarn übergreift, erfasst die Unruhe auch das zu Ungarn gehörige Schemnitz. Wieder ergibt sich für den geachteten Wissenschafter eine neue Chance. Da 1849 der Förderer Christian Dopplers, der in den Adelsstand erhobene Simon Stampfer, in Pension geht, wird sein Zögling als Nachfolger nach Wien berufen und Direktor des neu errichteten Instituts für Experimentalphysik. Jetzt ist der Forscher Christian Doppler am Höhepunkt seiner Karriere.
Der Erfolgreiche hat generell immer Neider, die sich zumeist zu Gegnern entwickeln. Doppler begeht den Fehler, dass er in der Akademie der Wissenschaften den Vorschlag unterbreitet, die Verbesserung der Daguerreotypie (des ersten kommerziell nutzbaren Fotografieverfahrens) wissenschaftlich weiterzuführen. Damit erwächst ihm der bedeutendste Mathematiker der Monarchie, Josef Petzval, zum mächtigen Feind. Denn dieser hatte mit seinem Objektiv die Lichtstärke um das 32-Fache gesteigert und die Belichtungsdauer von einer Viertelstunde auf eine halbe Minute gesenkt. Petzval wirft Doppler vor, er betreibe Populärwissenschaft. Die Akademie schließt sich dieser Meinung an. Doppler, gesundheitlich bereits schwer beeinträchtigt, ist daraufhin ein gebrochener Mann.
Dazu verstärken sich seine gesundheitlichen Probleme immer mehr. Seine Mitarbeit in der Werkstatt seines Vaters bis zum 17. Lebensjahr äußert sich zunehmend negativ, denn Doppler erkrankt – wie übrigens der Vater und ein älterer Bruder – an einer dauerhaften atemwegsverengenden Lungenkrankheit. Er erhofft sich Linderung beziehungsweise Heilung in Venedig. Nach 150 Tagen eines sich ständig verstärkenden Leidens stirbt Doppler am 17. März 1853 im Beisein seiner Frau Mathilde in der Lagunenstadt im Haus Riva degli Schiavoni 4133. Er liegt am Friedhof von San Michele begraben, allerdings ist sein Grab auf diesem Friedhof nicht mehr bekannt.
Selbst in seinen kühnsten Träumen hätte sich der Visionär Christian Doppler kaum vorstellen können, welche Bedeutung seine Entdeckung einmal für die gesamte Menschheit haben würde und welche Wellen seine Schrift „Über das farbige Licht der Doppelsterne“ (1842) einmal schlagen würde. Kein Effekt hat unser Weltbild so entscheidend verändert wie das Doppler-Prinzip. Prof. Dr. Anton Zeilinger, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, erklärte auf einem Symposium in Salzburg anlässlich Dopplers 200. Geburtstag den Doppler-Effekt zum „Jahrtausend-Effekt“. In seiner Monografie über Doppler bezeichnet der langjährige Ressortchef für Außenpolitik bei den „Salzburger Nachrichten“, Clemens M. Hutter, den Gelehrten als den „für die Menschheit bedeutendsten Salzburger“. In Salzburg tragen die Christian-Doppler-Universitätsklinik (ehemals: Landesnervenklinik) und ein Gymnasium in Lehen seinen Namen. Eine Straße und der Platz vor dem Salzburger Flughafen sind ebenso nach ihm benannt. Der Christian-Doppler-Fonds unterstützt Forschungsarbeiten zur Nutzung des Doppler-Effekts.
JOSEF MAYBURGER
1814–1908
Der Botschafter der Schönheit Salzburgs
Josef Mayburger ist Lehrer, Entdecker und Förderer Hans Makarts, Insektenkundler, Gründer des Stadtvereins und als Gemeinderat engagierter Kämpfer für die Bewahrung der Baudenkmäler Salzburgs. Vor allem aber ist er mit seinen Gemälden Botschafter der Schönheit Salzburgs.
Mayburger wird als erstes Kind aus der zweiten Ehe des Lehrers Josef Mayburger am 30. März 1814 in Straßwalchen geboren. Von den sechs Kindern aus der Ehe mit der Bäckerstochter Anna Elisabeth Pfendhuber aus dem oberösterreichischen Ort Uttendorf sterben drei bereits im Kindesalter an Schwindsucht. Josefs Geburt fällt in die Zeit der französischen Eroberungszüge Napoleons. Straßwalchen muss durch wiederholte Durchmärsche der französischen Truppen, die Beschießung des Marktes und die Einquartierung österreichischer Truppen Not und Elend erleiden. Dazu kommt im Geburtsjahr Mayburgers ein schrecklicher Brand, der 21 Häuser zerstört. Als Josef acht Jahre alt ist, stirbt die Mutter bei der Geburt des sechsten Kindes. Auch die dritte Ehe des Vaters ist nicht von Glück gesegnet, denn die neue Mutter stirbt 1828. Als drei Monate später der Vater einem Schlaganfall erliegt, ist der 14-jährige Josef Vollwaise.
Nun wird Josef von seinem Firmpaten, einem Kaufmann, in die Lehre genommen. Doch Josefs Bruder Anton, der Lehrer geworden war, überredet ihn, ebenfalls die pädagogische Laufbahn einzuschlagen. So besucht er das Lehrerseminar in Salzburg, das er mit ausgezeichnetem Erfolg absolviert. Zunächst als Aushilfslehrer in Mülln tätig, gelingt es ihm aufgrund seiner zeichnerischen Begabung, eine Stelle als technischer Lehrer an der Normalschule in Salzburg zu bekommen. Eine Normalschule, begründet durch die Schulreformen Kaiserin Maria Theresias, gibt es in jedem Kronland. Sie vermittelt neben Lesen, Schreiben und Rechnen auch Lehrinhalte für die Berufsausbildung. Mayburger unterrichtet dort auch die Sprachen Latein, Französisch und Italienisch, die er sich durch Privatstudien angeeignet hat. Er beschäftigt sich auch intensiv mit Insektenkunde, worauf er vom Erzbischof Kardinal Fürst Schwarzenberg beauftragt wird, dessen Schmetterlingssammlung wissenschaftlich zu ordnen.
Schon als Schüler zeigt Mayburger außergewöhnliches Talent im Zeichnen. In seiner Familie wird später davon erzählt, dass Josef zum Straßwalchener Pfarrer, der erworbene Zeichnungen voll Stolz seinen Bekannten zeigt, gesagt haben soll: „Dös kann i a.“ Als Josef daraufhin seine eigenen Zeichnungen dem geistlichen Herrn übergibt, erkennt dieser das außerordentliche Talent des Buben. Durch den Pfarrer ermuntert, fertigt Mayburger nun im Salzburger Museum Kopien an. Dabei wird er vom Historien- und Landschaftsmaler Georg Pezolt (1810–1878) unterstützt. Für seine weitere künstlerische Entwicklung wird seine Aufnahme in die „Kleine Akademie“ des Malers Johann Fischbach (1797–1871) wichtig. Denn dort kann er seine Fähigkeiten im Zusammenspiel mit anderen Künstlern festigen.
Als ihn Ludwig Mielichhofer, der Redakteur der „Salzburger Zeitung“, mit dem einflussreichen Wiener Kunstsammler und Mäzen Rudolf von Arthaber zusammenführt, rät ihm dieser, ein Gemälde an den Wiener Kunstverein zu schicken. Dieser kauft das Bild sofort an, was Mayburgers Karriere schlagartig befördert. Nun folgen Ausstellungen in Stuttgart und Mannheim, in Prag und Solothurn. Aber auch in den USA werden einige Gemälde Mayburgers angekauft. Zu den beliebtesten seiner Landschaftsmotive zählen Veduten aus der Stadt Salzburg, vom Untersberg und Mönchsberg, vom Tennengebirge, vom Pinzgauer Ferleiten und vom Fuscher Kar, von Gosau und vom Königssee. Mit seiner Landschaftsmalerei wird Mayburger zum bedeutenden Botschafter der Schönheit des Salzburger Landes. Es ist die große Zeit der sentimentalen Landschaftsmalerei, wie sie vor allem durch Caspar David Friedrich, dem großen Maler der Romantik, eingeleitet wurde. Die Bilder zeigen stets Landschaften, die sentimental aufgeladen sind. Im Mittelpunkt steht die Darstellung der zumeist menschenleeren Natur, diese sollte die Emotionalität der Betrachter*innen stimulieren. Damit ist das Ende der beherrschenden Historienmalerei eingeläutet. Es sind stets Atelierlandschaften, gemalt aufgrund von Skizzen, die vom Künstler in der Natur angefertigt, aber im Atelier zu einer relativ freien Komposition zusammengefügt werden.
Das österreichische Kaiserhaus und der Adel beginnen sich nun für Mayburgers Gemälde zu interessieren. Kaiserin Caroline Auguste, die Witwe Kaiser Franz I., die jedes Jahr mehrere Wochen in Salzburg lebt, kauft dem Maler etliche Gemälde ab und lädt ihn auch auf ihr Schloss Persenbeug an der Donau ein. Dort sollen mehr als 40 Bilder mit der Donaulandschaft als Motiv entstanden sein. Auch Erzherzog Ludwig Viktor, der von Kaiser Franz Joseph in das Schloss Kleßheim verbannt ist, die Herzogin von Modena und Graf Esterházy unterstützen ihn mit Ankäufen. Mayburger kann auch der Erzherzogin Antoinette von Toskana einige Jahre lang Zeichenunterricht erteilen.
Mayburger erweist sich aber auch als Entdecker der Talente Hans Makarts, den er in besonderem Ausmaß fördert. Makart hatte an der Wiener Akademie der bildenden Künste studiert, war dort aber wegen fehlenden Talents entlassen worden. Durch die Fürsprache Mayburgers kann Makart nun an der Münchener Akademie studieren und wird zum bedeutendsten Historienmaler der Ringstraßenepoche (s. Kap.: Hans Makart).
Mit 36 Jahren heiratet Mayburger Zita Ganzera, Tochter des Pechermeisters Balthasar Ganzera (Pecher = Hersteller von Harzprodukten) in Nonntal, wo sie das Haus Erhardgässchen Nr. 2 beziehen. Mayburger engagiert sich nun auch politisch und wird 1862 Gemeinderat in der Stadt Salzburg, wo er sich besonders dafür einsetzt, dass die altehrwürdigen Baudenkmäler erhalten werden. Er gründet den Stadtverschönerungsverein, dessen Präsident er von 1873 bis 1875 ist. Außerdem wird er auch Mitglied des Komitees für den Bau des Künstlerhauses und der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde.
Kompromisslos und mit großer Hartnäckigkeit verhindert er die Verbauung des Griesplatzes sowie den Abriss des Klausentors und der Monikapforte samt den Bastionen auf dem Salzburger Mönchsberg. Auch die schonend vorgenommene Regulierung der Salzach in der Stadt ist Mayburger zu verdanken. Nach seiner politischen Tätigkeit muss er zusehen, wie das Linzertor zerstört, der Rudolfskai verbaut und das neue Justizgebäude errichtet werden, was er als Verbrechen bezeichnet. Bis in seine letzten Lebensjahre ist Mayburger künstlerisch tätig. Sein Lebensmotto lautet: „Nulla dies sine linea“ (Kein Tag ohne Strich). In seinem 94. Lebensjahr stürzt Mayburger über die Stiege und kann sich davon nicht mehr erholen. Er stirbt am 2. November 1908. Im Jahr 1924 benennt die Stadt Salzburg die Verlängerung des Elisabethkais nach Mayburger.
Zur Bedeutung Mayburgers als Maler muss gesagt werden, dass er keine revolutionären Wege beschritten und auch nicht an den Aufbrüchen der Sechziger- und Neunzigerjahre des 19. Jahrhunderts (Realismus und Impressionismus) teilgenommen hat, sondern der Tradition der romantischen Landschaftsmalerei verhaftet blieb. Auch der Pleinair-Malerei (Malen in der freien Natur bei normalen Licht- und Schattenverhältnissen) konnte er nichts abgewinnen. Damit ist er in der Kunstgeschichte von geringerer Bedeutung. Doch seine Veduten aus dem Salzburger Land werden auch heute noch sehr geschätzt und gehütet. Und seine Gründung des Stadtverschönerungsvereins kann als bahnbrechende politische Leistung gesehen werden.
ALBERT POLLAK
1833–1921
Salzburgs erster Jude
Das Porträt Albert Pollaks mit dem grünen Wams und dem Gamsbart auf dem Hut lässt vermuten, dass es sich um einen Jäger aus einem der Salzburger Gebirgsgaue handelt. Wenn da nicht der gelbe Judenstern auf der Joppe zu sehen wäre. Tatsächlich handelt es sich bei dem Abgebildeten um den ersten Juden im Bundesland Salzburg. Denn im Jahr 1498 waren unter dem Fürsterzbischof Leonhard von Keutschach im Erzstift Salzburg alle Juden mit einem Aufenthaltsverbot belegt worden. Als Salzburg nach mehrfachem Besitzwechsel 1816 endgültig zu Österreich kommt, bleiben die bayerischen Judengesetze jedoch weiterhin in Kraft. Juden dürfen Salzburg nur unter Aufsicht eines Polizisten betreten und müssen die Landeshauptstadt spätestens nach einer Stunde verlassen. Erst mit dem Staatsgrundgesetz von 1867 werden alle konfessionell begründeten Aufenthaltsverbote beseitigt.
Pollak entstammt einer jüdischen Familie in Mattersburg, das damals Mattersdorf heißt und zum Königreich Ungarn gehört. Im Zuge seines Militärdienstes beim k.u.k. Infanterieregiment Erzherzog Rainer ist er zehn Jahre in Salzburg stationiert. Es gelingt ihm 1862, die Gewerbeberechtigung für Gold- und Silberwaren sowie Preziosen aller Art zu erlangen, und etabliert sich sehr rasch als gefragter Antiquitätenhändler. Salzburgs Bürgermeister Heinrich Ritter von Mertens soll ihm jedoch erklärt haben, dass er der „erste und letzte Jude sein werde“, der sich in Salzburg niederlasse, und legt ihm nahe, die Stadt zu verlassen (ein dokumentarischer Beleg für diese Aussage fehlt jedoch). Die Aufnahme in den Gemeindeverband der Stadt wird ihm verwehrt.
Im ländlichen Raum des erst seit einem halben Jahrhundert zum Habsburgerreich gehörenden Bundeslandes Salzburg herrscht noch immer eine konservativ-christliche Judenfeindschaft. Die Juden gelten als verdächtige Modernisierer und Sittenverderber. Pollak lässt sich aber nicht beirren, und nach dem Staatsgrundgesetz von 1867, das eine liberale Phase einläutet, holt er Verwandte aus seiner früheren Heimat nach. Diese kommen alle aus dem burgenländisch-westungarischen Grenzsaum der Monarchie. In der Amtszeit des Bürgermeisters Dr. Ignaz Harrer wird er mit 13 zu 8 Stimmen im Gemeinderat als Bürger der Stadt akzeptiert und k.u.k. Hoflieferant, auch für die Königshäuser Belgiens und der Niederlande. So beschafft er für den Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand die Einrichtung für das Schloss Blühnbach. Im Jahr 1873 heiratet Pollak die aus Wiener Neustadt stammende Karoline Breuer. Aus der Ehe gehen acht Kinder hervor.
Die Familie wohnt zunächst am Makartplatz im Überacker-Palais. Die 20 Zimmer umfassende Wohnung dient nicht nur für die Unterbringung der Familie, sondern ist gleichzeitig Museum und Verkaufsraum. Als Graf Überacker die Wohnung aufkündigt, weil er keine Juden mehr im Haus haben will, zieht die Familie in eines der Faberhäuser in die Westbahnstraße (heute: Schwarzstraße). Die „Faberhäuser“ und die „Hellerhäuser“ werden nach ihren Wiener Bauherren und deren wohlhabenden Mietern so benannt und gelten damals als „Judenhäuser“. Im stark antisemitischen Salzburg bevorzugen die jüdischen Familien das Andräviertel in der Neustadt. Das Haus Schwarzstraße verkauft Pollak später an das jüdische Ehepaar Kölbl.
Die Pollaks leben gutbürgerlich, mit Dienstboten und französischen Gouvernanten für die Kinder. Albert Pollak ist begeisterter Jäger und unterscheidet sich in nichts von den nichtjüdischen Großbürgern der Provinzstadt. Die Pollaks sind auch mit der Familie Trakl befreundet, die Kinder spielen mit dem späteren Dichter Georg Trakl. Der Sohn Ignaz heiratet in zweiter Ehe die Salzburgerin Witti Junger. Wie völlig integriert die Familie in der Salzburger Gesellschaft ist, beweist die Tatsache, dass die Taufpatin von deren ältester Tochter Marie Antoinette die Autorin Friderike Maria Zweig ist, die erste Frau Stefan Zweigs.
Albert Pollak legt die Basis für den Zuzug weiterer Familienmitglieder aus dem zu Ungarn gehörenden Mattersdorf und damit zum Anwachsen der jüdischen Gemeinde in Salzburg. Rund 50 jüdische Familien erhalten so das Heimatrecht der Stadt Salzburg. Von der Sozialstruktur gehören diese vorwiegend der Berufsgruppe der Trödler an. Nur Ignaz Glaser übernimmt 1881 die Konkursmasse der Bürmooser Glasfabrik, wodurch der Flachgauer Ort wirtschaftlich aufblüht. So wird Albert Pollak der Begründer der jüdischen Gemeinde in Salzburg. 1893 erhalten die Juden einen eigenen Friedhof und 1901 eine Synagoge in der Lasserstraße. In der k. u. k. Habsburgermonarchie erhält Pollak sogar den Titel „Kaiserlicher Rat“ verliehen.
Der politische Antisemitismus erreicht, von Wien ausgehend, in zwei Wellen das Bundesland Salzburg. Zunächst verfestigt er sich im großbäuerlichen Bereich. Im Jahr 1886 durchdringt er auch die kleinbürgerlichen Schichten der Bevölkerung. Beide Wellen entspringen der antisemitischen Bewegung des niederösterreichischen Reichsratsabgeordneten Georg Ritter von Schönerer. Dieser erhält in Salzburg vor allem Unterstützung durch den Juristen Dr. Julius Sylvester und den Verein der „Salzburger Studenten in Wien“.
Albert Pollak stirbt 87-jährig am 5. Jänner 1921. Im Trauerzug bei der Beisetzung befinden sich Landeshauptmann Oskar Meyer und seine beiden Stellvertreter Dr. Franz Rehrl und Max Ott. Der Salzburger Historiker Gert Kerschbaumer hat festgestellt, dass die jüdische Gemeinde am Beginn des 20. Jahrhunderts in Salzburg zwar eine Minderheit darstellt, aber aus wirtschafts- und kulturpolitischer Hinsicht durch die Gründung von Kaufhäusern am Ludwig-Viktorplatz (heute: Alter Markt), Residenzplatz, Universitätsplatz, in der Getreidegasse und Sigmund-Haffner-Gasse wesentlich zum Aufblühen der Provinzstadt beigetragen hat. Die Zeit ist schon überschattet von einem radikalisierten Antisemitismus, denn in der Zeitung „Der eiserne Besen“ werden Juden bereits als „Ungeziefer“ bezeichnet, das „ausgerottet“ werden müsse.
Als Hitler 1938 Österreich annektiert, können die meisten Kinder und Enkelkinder Pollaks dem Holocaust noch rechtzeitig entkommen, indem sie nach Argentinien, Brasilien oder in die USA emigrieren. Seine Tochter Irma Herz kommt allerdings im KZ Theresienstadt ums Leben, seine Enkeltochter Mimi Herz überlebt Auschwitz und andere Konzentrationslager. Der Arzt Bela Alexander Herz, Sohn der ältesten Tochter Irma, der als Direktor des Versorgungshauses Lainz tätig ist, nimmt sich am 12. März 1938, am Tag von Hitlers Einmarsch in Österreich, das Leben, weil er angesichts des antisemitischen Terrors keinen Ausweg sieht. Albert Pollaks Frau Karoline stirbt 1942 in Wien. Als einziges der Pollak-Kinder kehrt der im belgischen Exil überlebende Theophil nach Österreich zurück, wo er 1977 stirbt.
Die Geschichte der Salzburger Juden ist vor allem vom langjährigen Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Marko Feingold, und von den Salzburger Historiker*innen Hanns Haas, Gert Kerschbaumer, Monika Koller, Daniela Ellmauer, Helga Embacher und Albert Lichtblau aufgearbeitet und dokumentiert worden.
JOSEF WESSICKEN
1837–1918
Schloss-Baumeister des Pinzgaus und Gestalter des Manhattans der Alpen
Der Architekt Josef Wessicken hinterlässt im Bundesland Salzburg deutliche Marksteine seines Schaffens im neugotischen Baustil. Zu seinen wichtigsten Werken zählen der Bau der Andräkirche, die Neugotisierung des Turms der Franziskanerkirche in Salzburg und die beinahe gesamte architektonische Silhouette des weltberühmten Kurortes Bad Gastein. Im Salzachpongau dominiert die zweitürmige Dekanatskirche auf der Terrasse des St. Johanner Obermarkts als „Pongauer Dom“ die Landschaft zwischen Schwarzach und Bischofshofen. Aber auch im Pinzgau hat er prägende architektonische Wahrzeichen hinterlassen. So kann er als der „Schloss-Baumeister“ des Pinzgaus bezeichnet werden, zählen doch das Schloss Fischhorn in Bruck an der Glocknerstraße und das Schloss Grubhof bei Lofer zu seinen planerischen Meisterleistungen.
Josef Wessicken wird als ältestes von acht Kindern des gleichnamigen Salzburger Tischlermeisters in der Salzburger Griesgasse geboren. Die Familie entstammt einer westfälischen Tischlerdynastie. Nach der Ausbildung im Realgymnasium absolviert er noch eine Tischlerlehre im väterlichen Betrieb und besucht anschließend die Modellier- und Zeichenschule München. Schließlich studiert er an der Wiener Akademie der bildenden Künste bei den Professoren August Sicard von Sicardsburg und Eduard van der Nüll, den beiden Erbauern der Wiener Staatsoper. Erstmals kommt er für einen zweiwöchigen Ferienaufenthalt zwischen 27. August und 5. September 1859 nach Bad Gastein, wo sein Onkel Alois als Pfarrer tätig ist. Der Wiener Dombaumeister Friedrich von Schmidt nimmt ihn nach Studienabschluss unter seine Fittiche und beschäftigt ihn bei der Planung des fürsterzbischöflichen Liechtenstein’schen Schlosses Fischhorn in Bruck.
Von der topografischen Position an der Schnittstelle zwischen dem Zeller Becken und dem Salzachtal ist Schloss Fischhorn nicht als eine Burg im Sinne einer Befestigungsanlage konzipiert, sondern seit jeher als Schloss. Erstmals gibt es eine urkundliche Erwähnung eines Ulricus de Vischarn um 1233, im Jahr 1273 sodann eine Beurkundung von „Vischarn“ durch den Bischof Heinrich von Chiemsee. Im Bauernkrieg von 1525/26 wird das Schloss von den aufständischen Bauern angezündet. 1859 gelangt es im Versteigerungswege an den Postmeister Embacher von Taxenbach, bis es schließlich von Sophie Fürstin Löwenstein, einer geborenen Prinzessin Liechtenstein angekauft wird. Sie ist es auch, die den Wiener Dombaumeister von St. Stefan, Friedrich von Schmidt, beauftragt, das Schloss im neugotischen Stil umzubauen. Schmidt holt sich den Architekten Josef Wessicken, der die Detailpläne anfertigt und später auch das Ökonomiegebäude nördlich des Schlosses errichtet. Im September 1862 beginnt Wessicken mit der Bestandsaufnahme des Schlosses und den Vermessungen.
Da aber Preußen im Jahr 1866 Österreich den Krieg erklärt, muss der Bau des Schlosses unterbrochen werden und wird erst in den frühen Siebzigerjahren wieder fortgesetzt. Das Schloss Fischhorn ist in der von Wessicken ausgeführten Form zwar eine neu konzipierte, aber dem neugotischen Stil angepasste mittelalterliche Burg, die zu Wohnzwecken für eine fürstliche Familie errichtet wird. Fürstin Sophie und ihr Gatte, Fürst Carl zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, erweitern ihren Besitz ständig, sodass daraus schließlich der damals größte private landwirtschaftliche Besitz des Landes Salzburg entsteht.
Im Jahr 1920 wird das Schloss durch einen Brand bis fast auf die Grundmauern zerstört. In der Folge verliert die Fürstenfamilie Liechtenstein das Interesse an dem Schloss und verkauft es an die Familie Gildemeister. Heinrich Gildemeister, geboren in Peru, ist zwischen 1931 und 1942 Botschafter der Republik Peru in Deutschland. Er lässt Fischhorn durch den Architekten Karl Wolters wieder aufbauen. Damit geht aber der von Josef Wessicken praktizierte neugotische Baustil weitgehend verloren, weil viele architektonische Formmuster vereinfacht werden. Als im Jahr 1942 die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Peru abgebrochen werden, verlassen die Gildemeisters das Gut Fischhorn und reisen nach Peru. Die Nationalsozialisten beschlagnahmen nun das Schloss und unterstellen es den Parteiorganisationen der NSDAP. Es wird ein SS-Remonte-Amt, um Jungpferde zur Ergänzung des militärischen Pferdebestandes auszubilden. Es wird auch als eines der zwei Pinzgauer Nebenlager des KZ Dachau verwendet, wofür 150 Häftlinge für Bauarbeiten herangezogen werden. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wird das Schloss als Beutelager für die Kunstschätze Hermann Görings, die unter Federführung des Pinzgauers Kajetan Mühlmann in Polen und der Ukraine geraubt wurden, herangezogen. Darunter befindet sich auch ein wertvolles Kreuz aus Limoges, das sechzig Jahre nach dem Krieg durch einen Zufall auf einem Müllsammelplatz des Zeller Stadtteils Thumersbach gefunden wird. Lange Zeit geistert auch das Gerücht durch den Pinzgau, das berühmte Bernsteinzimmer aus dem Schloss Königsberg sei im Bereich des Schlosses Fischhorn versteckt worden. Nicht weniger ereignisreich, aber von geringeren Phantasmen umnebelt, ist die Geschichte des Schlosses Grubhof in St. Martin bei Lofer. Im Jahr 1890 wird Josef Wessicken als der damals herausragendste Architekt des Landes Salzburg beauftragt, Schloss Grubhof architektonisch neu zu gestalten. Das Schloss wird urkundlich erstmals um 1300 als „Hof zu Grub in der Louer“ als erzbischöfliches Lehen erwähnt. Später gelangt es dann in den Besitz des königlich-bayerischen Hauptsalzamtes in Reichenhall, bis es im Jahr 1868 von der Familie des Josef Faistauer erworben wird. In diesem Schloss erblickt der berühmte österreichische Maler Anton Faistauer im Jahr 1887 das Licht der Welt. Die Faistauers verkaufen den großen Ansitz jedoch im Jahr 1890 an den deutschen Kunstdüngerfabrikanten Hermann Schmidtmann. Schmidtmann, als Sohn armer Eltern im thüringischen Schmalkalden geboren, hat in den USA durch die Produktion von Kunstdünger ein Vermögen erwirtschaftet und kann damit nicht nur den alten Adelssitz Schloss Grubhof, sondern auch zahlreiche Bauerngüter in den Hohlwegen bei Saalfelden und in Hinterthal bei Maria Alm ankaufen (s. Kap.: Hermann Schmidtmann).
Schmidtmann beauftragt nun den in Salzburg mittlerweile äußerst gefragten Architekten Wessicken und den Baumeister Jakob Ceconi, den Ansitz im Stil einer überdimensionierten Gründerzeitvilla umzubauen.
Dieses in einem großen Park gelegene Schloss wird allerdings in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts durch touristische Apartementhäuser völlig zugebaut. In den Achtziger- und Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts wird Josef Wessicken zum Gestalter des mondänen Weltkurortes Bad Gastein, das lange Zeit als das „Monte Carlo der Alpen“ oder als „Wolkenkratzerdorf in den Bergen“ gekrönte Häupter und berühmte Künstler sowie das reiche Wiener Bürgertum zu den heilenden Thermalquellen anlockt. Wessicken wird in Zusammenarbeit mit dem Salzburger Bauunternehmer Angelo Comini zum prägenden Gestalter der Hoteltürme und privaten Villen rund um den berühmten Wasserfall. Comini ist ursprünglich ein Schüler Wessickens, der dessen handwerkliche Qualitäten beim Bau des Schlosses Fischhorn kennengelernt hatte. Der aus dem Friaul stammende Comini kann sich mehr als 40 Jahre als bevorzugter Baumeister Bad Gasteins etablieren und beschäftigt in der Glanzzeit des Baugeschehens bis zu 400 friulanische Maurer. Die Kombination von wildromantischer alpiner Naturkulisse mit modernsten Hotelbauten ist der Grund für die touristische Faszination des Kurortes. In den Jahren 1880 bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges prägen die Arbeiten des Zweigespanns Wessicken-Comini das historistische Antlitz Bad Gasteins, eine Form der „Dekorationsarchitektur“ im Stil der Gründerzeit.
Zu den Glanzstücken der Hotelbauten Wessickens zählen das Hotel de l’Europe, der Elisabethhof Alois Windischbauers (heute: Arcotel), der im Jahr 1867 mit nur 60 Gulden in der Tasche nach Bad Gastein kam und sich dort ein Hotelimperium baut, sowie das „Haus am Wasserfall“ der Familie Straubinger. Den Kontakt zur Familie des Bürgermeisters Carl Straubinger hatte der rührige Architekt bereits während seiner Zeit als Dombaumeister von Mainz geknüpft, als er für drei Wochen in Gastein zur Kur weilte. Weitere Hotelbauten Wessickens sind das Kurhotel Austria, das Hotel Weismayr, das Kurhaus Quisisana, das Hotel Mühlberger und das Kurhaus Goldeck.
Aber auch die wohlhabenden Gasteiner Bürger und bevorzugt die gut bemittelten Kurärzte bedienen sich Wessickens als Gestalter ihrer noblen Villen. Die Kurärzte Dr. Anton Wassing, Dr. Eduard Schider und Dr. Josef Weingerl lassen sich ihre Privathäuser im Wessicken-Stil erbauen, der sich durch die charakteristischen Wessicken-Türmchen auszeichnet. Bei den Hotelbauten verzichtet Wessicken auf dieses architektonische Beiwerk. Die von Wessicken konzipierten Villen erzeugen alle den Eindruck einer Mischung von Burg- und Landhausstil.
Vom Grafen Rudolf von Czernin bekommt Wessicken gleich zweimal den Auftrag, ein Jagdschlösschen in Böckstein neben der Wallfahrtskirche zu planen. Da das erste Schlösschen sehr bald durch einen Brand zerstört wird, erhält Wessicken ein zweites Mal den Planungsauftrag.
Die Monumentalbauten der Gründerzeit zwischen 1880 und 1910 finden allerdings nicht die Zustimmung aller Zeitgenossen, da sie die romantische Topografie rund um den Wasserfall und das ländliche Idyll des Gasteinertals zum Großstädtischen hin verändern. So klagt der damalige Volksschullehrer Wilhelm Winkler, dass bis auf den Pfarrhof fast alle Häuser dem Erdboden gleichgemacht und durch den dem alpinen Baustil völlig unangepassten großstädtischen Architekturstil ersetzt worden seien. In seinem Buch „Bad Gastein“ bedauert der Gasteiner Badearzt Karl Gager den Verlust des „eigentümlichen und urwüchsigen Zaubers von Gastein […] Für Maler und Naturfreunde ein schmerzlicher Abbruch“.
Josef Wessicken heiratet 1916 Rosina Buchta, geborene Bühlmayr, deren Vater ein berühmter Vergolder in der Biedermeierzeit war. Seine Frau bringt fünf Kinder (3 Söhne, 2 Töchter) in die Ehe mit. Zwei der Söhne werden von Wessicken adoptiert, um seinen Namen zu erhalten.
Wessicken stirbt am 19. Oktober 1918, also wenige Tage vor dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie. Er wird in der Familiengruft am Salzburger Kommunalfriedhof begraben. Sein Name ist in der Erinnerung der Pongauer Bevölkerung weitgehend vergessen, der Pongauer Dom, die Gasteiner Wolkenkratzer-Silhouette, das Schloss Fischhorn bei Bruck und das Schloss Grubhof in St. Martin bei Lofer bleiben aber als seine besonderen architektonischen Wahrzeichen bestehen.
HANS MAKART
1840–1884
Der Maler der Sinne und der Dekadenz prägte ein Vierteljahrhundert
Es geht ihm wie vielen Künstlern in Österreich. Sein Talent wird nicht erkannt, doch in München avanciert er zum begehrten Porträtisten. Mit seinen von barocker Sinnlichkeit, Erotik und Dekadenz geprägten großformatigen Gemälden der Wiener Ringstraßen-Epoche und seinem Talent als geschickter Selbstvermarkter wird der erst 28-jährige Salzburger Künstler mit dem schwarzen Rauschebart zum umjubelten Skandalmaler und prägt den Lebensstil eines Vierteljahrhunderts. Hans Makart empfängt Kaiserin Elisabeth in seinem Atelier. Für den Adel und das Wiener Großbürgertum ist es ein „Must-have“, ein Porträt von ihm malen zu lassen. Um Makart entsteht ein Star-Kult, wie ihn Österreich bisher noch nicht erlebt hat. Nach seinem Tod allerdings wird er zum verspotteten Erotik- und Historienmaler, doch sein Einfluss auf Gustav Klimt ist nicht zu unterschätzen.
Hans Makart wird am 29. Mai 1840 als Sohn des Schlossverwaltungs-Kontrollors und Zimmeraufsehers Johann und seiner Frau Maria Katharina (geb. Rüssemayer) geboren. Der Vater hatte sich bereits als Maler versucht, stirbt allerdings, als der Bub 9 Jahre alt ist. Der kunstsinnige Onkel Rüssemayer erkennt Makarts Talent und gewinnt den Salzburger Erzbischof Maximilian von Tarnóczy als Mäzen. Als 18-Jähriger geht Makart an die Akademie der bildenden Künste nach Wien. Doch das Kopieren von Gipsbüsten bereitet ihm kein Vergnügen, allerdings kommt er in der Kaiserlichen Gemäldegalerie mit den alten Meistern in Berührung. Ob er wegen „fehlenden Talents“ von der Akademie entlassen wird oder von selbst dem musealen Kunsttempel entflieht, ist umstritten.
Daraufhin studiert er bei seinem Verwandten Josef Schiffmann in München, wechselt aber 1860 an die Königliche Kunstakademie zu Professor Karl Theodor von Piloty, einem der wichtigsten Vertreter der realistischen Historienmalerei. Mitschüler Makarts an der Königlichen Kunstakademie in München sind Franz von Defregger (1835–1921) und Franz von Lenbach (1836–1904), die beide zu ihrer Zeit zu den bekanntesten Malern im deutschen Sprachraum werden sollten. Piloty erkennt Makarts vielversprechendes Talent, vor allem seine eindrucksvolle koloristische Farbgestaltung. Er leiht Makart Geld, um Studienreisen nach Italien, London und Paris unternehmen zu können. Vor allem die Kunst des Venezianers Paolo Veronese, des Meisters der Spätrenaissance, begeistert den jungen Künstler wegen der leuchtenden Farben und deren dekorativer Wirkung.
Während er 1867 auf der Pariser Weltausstellung noch wenig Beachtung findet, gelingt ihm bereits mit 28 Jahren der künstlerische Durchbruch. Vor allem das Bild „Pest in Florenz“ erregt das kunstsinnige Münchner Publikum, das ihn nun mit Aufträgen überhäuft. Mit seiner Maltechnik, die eine unerhörte Leuchtkraft entfaltet, begeistert er die Kunstwelt. Denn Makart eignet sich bereits in seiner Münchner Zeit eine eigene Technik an, indem er mithilfe von Asphalt-Lasuren seine Farben zu grellem Leuchten, geradezu zum Glühen bringt. Das Jahr 1869 wird für ihn zum Schicksalsjahr, denn er heiratet die Münchnerin Amalie Franziska Roithmayr, die aber bereits vier Jahre später stirbt. Im selben Jahr beruft ihn Kaiser Franz Joseph nach Wien, wo er ihm auf Staatskosten ein Atelier in der Gusshausstraße im 4. Bezirk einrichtet. Denn der Wiener Hof erwartet von ihm eine künstlerische Ergänzung der Ringstraßenarchitektur.
Die Presse beschreibt ihn als den „kleinen Mann mit den glühenden Augen, der in seinem Atelier wahre Zauberkunststücke der Malerei“ vollbringe. Einigen Malern stellt Makart zeitweise den kleineren Teil seines Atelierhauses monatelang zur Verfügung, so Franz von Lenbach, Leopold Carl Müller (1834–1892) und Emil Jakob Schindler (1842–1892). Der Künstler gelangt sehr rasch zum Höhepunkt seiner Anerkennung, seine Gemälde erzielen Preise, wie sie kein anderer lebender Künstler erreicht. Er gilt als der „Malerfürst“ schlechthin. Er beeinflusst die Mode, die Wohnungsausstattungen, die Gebäudedekorationen und den ganzen Lebensstil seiner Zeit, die nach ihm als Makart-Epoche benannt wird.
Doch der große Börsenkrach vom 9. Mai 1873 bewirkt den Zusammenbruch vieler Unternehmen und Banken, wodurch das Wirtschaftsgefüge arg in Bedrängnis gerät. Der Untergang von Bauunterfirmen, die an der Gestaltung der Ringstraße beteiligt waren, reißt viele andere Wirtschaftsbereiche mit sich. Dies wirkt sich auch auf die Auftragssituation für den Künstler aus. Doch Makart erhält weiterhin Porträtaufträge vom Adel und von reichen Bürgerfamilien, die ihm sein fürstliches Leben ermöglichen.
Die Wintermonate 1875/76 verbringt Makart, der in Wien zur gefragtesten Malerpersönlichkeit aufgestiegen ist, mit seinen Kollegen Carl Rudolf Huber und Leopold Carl Müller, dem bedeutendsten österreichischen Orient-Maler, in Ägypten, wo er auch mit seinem Studienkollegen Franz von Lenbach zusammentrifft. Nach seiner Rückkehr wird er Professor an der Akademie in Wien, zwei Jahre später Leiter der dortigen Spezialschule für Historienmalerei. Er malt seine berühmtesten Historienbilder „Kleopatra auf dem Nil“ und „Einzug Karls V. in Antwerpen“ sowie eine Fülle von Porträts, überwiegend von Damen aus der Wiener Gesellschaft. Für die Silberne Hochzeit des Kaiserpaares Franz Joseph und Elisabeth organisiert er am 24. Juli 1879 einen Festzug, bei dem Hunderte Personen als Gestaltende mitwirken. Makart entwirft dafür auch die Kostüme: für die Abordnungen der Bürger Renaissancekostüme, für die Künstler Barockkostüme. Makart selbst reitet, in ein Renaissancekostüm gekleidet, auf einem Pferd mit. Der pompöse Huldigungsfestzug findet auf der Ringstraße statt, Zehntausende Wiener aller Schichten wohnen den Reverenzbezeugungen der Berufsgruppen, Industriemagnaten und Adeligen gegenüber dem Kaiserpaar bei.
Makart ist wahrscheinlich der erste große Marktstratege unter den bildenden Künstlern, der die üppige Ausstattung seines Ateliers in der Gusshausstraße und seine Skandale als Werbemittel geschickt einsetzt. Sein Atelier gleicht einem verlockenden Sündenbabel mit kostbaren Orientteppichen, teuersten Antiquitäten, Tierfellen, Samtvorhängen und großzügigen Blumenarrangements. Im Atelier feiern Makarts Gäste in historischen Kostümen pompöse Feste. Seine Lebensart und seine Inszenierungskunst erfassen die ganze Stadt: Makart-Rosen werden gezüchtet, Damen tragen den typischen Makart-Hut. Sein Atelier wird zur Pilgerstätte, die täglich gegen Eintrittsgeld besichtigt werden kann, und zum Vorbild vieler bürgerlicher Salons.
Makart wird aber auch vom Kaiserhaus als eine Art künstlerischer Innenraumgestalter herangezogen. Für das Schlafgemach der Kaiserin in der Hermesvilla im Lainzer Tiergarten liefert er Entwürfe für Wandmalereien aus Shakespeares „Sommernachtstraum“. Die Idee dazu soll von der Kaiserin höchstpersönlich stammen, die sich gerne als „Titania“ bezeichnet. Als Innenausstatter wird er auch für seinen Mäzen, den Industriellen Nikolaus Dumba, tätig, wobei sein Atelier als Modell dient. Das so genannte Dumba-Zimmer, bei dessen Gestaltung sich sowohl das dekorative als auch das malerische Talent Makarts künstlerisch vereinen, wird in der Kunstgeschichte als eine Art Vorstufe zur Secession gesehen.
Makarts Lebensweise und sein Stil machen ihn zur Ikone. An seinem Werk und seiner Selbstinszenierung, seiner außerordentlichen Verflechtung mit dem Kaiserhaus und der großbürgerlichen Gesellschaft sowie seinem Talent zur Selbstinszenierung wird erstmals der Starkult sichtbar. Er versteht es wie kein Zweiter, sich ständig in Szene zu setzen, die Aufmerksamkeit gekonnt auf sich zu ziehen und auf dem Parkett Wiens in der Blüte der Habsburgermonarchie zu glänzen. Makart wird so zum Markenzeichen Wiens in den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts. Doch es gibt auch Kritiker wie Anselm Feuerbach, die ihm vorwerfen, dass er „mit brillanter Farbe die Unkenntnis des menschlichen Körpers bedecke“. Dieser apostrophiert sein Atelier sarkastisch als „asiatische Trödlerbude“. Anfang der Achtzigerjahre schwächt der Ruhm Makarts deutlich ab. Friedrich von Schmidt, der Erbauer des Wiener Rathauses, beantragt, dass die malerische Ausgestaltung des Festsaals Makart übertragen werden solle. Die Befreiung Wiens von den Türken, der Hochquellenleitungsbau, die Donauregulierung, der Bau des Rathauses und weitere für Wien bedeutende Ereignisse sollen vom Malerfürsten in großen Fresken gestaltet werden. Doch Makarts Forderung von 120 000 Gulden schreckt die Verantwortlichen ab.
Makarts gesellschaftliche Stellung erfährt einen gewaltigen Dämpfer durch seine zweite Eheschließung. Am 31. Juli 1882 heiratet der Malerfürst in der Pfarrkirche Maria Hietzing unter Ausschluss der Öffentlichkeit um 6 Uhr früh die ehemalige Primaballerina Bertha Linda. Makarts Freundeskreis und ein großer Teil seiner bisherigen Auftraggeber heißen die Heirat wegen ihrer Schönheitstänze auf Berliner Bühnen und ähnlicher Auftritte in Kairo nicht gut. Sein Atelier ist fortan nicht mehr Treffpunkt der feinen Wiener Gesellschaft und es finden dort auch keine Feste mehr statt. Nur Franz von Lenbach hält ihm bis zu seinem Tod die Treue.
Nachdem er im Sommer 1881 wegen einer Nervenentzündung eine Schaffenspause einlegen muss, erhält er im September nochmals einen großen Auftrag, nämlich ein großes Deckengemälde im neuen Kunsthistorischen Museum zu schaffen und das Stiegenhaus mit Lünetten (Bogenfelder über Fenstern und Türen) und Interkolumnienbildern (Bilder zwischen den Bögen und Säulen) auszugestalten. Ein Teil der Lünetten wird später vom Brüderpaar Ernst und Gustav Klimt gemalt.
Zwei Jahre später stirbt er am 3. Oktober 1884 an einer syphilitischen Gehirnhautentzündung, die er sich vermutlich während seines Ägyptenaufenthalts zugezogen hat. Der Trauerzug über die Ringstraße mit 200 Fackelträgern zieht Tausende an. Die Polizei muss eine Gehordnung einrichten und Randalierer verhaften. Makart, schon immer gut für Emphase und Pomp, erfüllt den Wienern den Wunsch nach einer „schönen Leich“. Doch die Vertreter des Kaiserhauses fehlen, wohl weil sie die zweite Frau Makarts ablehnen. Bertha Makart erweist sich allerdings als sehr großzügig, indem sie den ihr aus dem Erbe gebührenden Pflichtanteil den Kindern Makarts überlässt. Sie heiratet vier Jahre später den Grafen Karl Josef von Strachwitz und nach dessen Tod den Garderittmeister Géza von Udvarlaky, der 1920 Suizid begeht. Sie selbst stirbt 79-jährig im Jahr 1928.
Makarts zeitgenössische Malerkollegen beurteilen seine Werke durchaus zwiespältig. Die einen verachten seine Bilder, weil in seinen Fantasieszenen die Natur überhaupt keine Beachtung findet und die Historienbilder eigentlich als „koloristische Theaterstücke“ zu verstehen seien, denn immer wieder drängen sich Vergleiche mit Massenszenen aus Operetten auf. In den Porträts, die überwiegend Damen aus der großbürgerlichen Gesellschaft darstellen, werden diese in einer Scheinwelt gezeigt. Übereinstimmend wird jedoch seine virtuose Maltechnik bewundert, vor allem die beeindruckende Wirkung seiner Farben. Der Malerfürst aus Salzburg ist der repräsentativste Künstler der Ringstraßenepoche und gleichzeitig ein Vertreter der Decadence der Siebziger- und Achtzigerjahre des 19. Jahrhunderts. Seine Gemälde gelten beim aufstrebenden Bürgertum des Industriezeitalters als Gradmesser der gesellschaftlichen Reputation.
Doch schon bald nach seinem Tod beginnt sich sein Ruhm zu verflüchtigen und sich die pompöse Historienmalerei ihrem Ende zuzubewegen. Während Makart in seiner Zeit als Gesamtkunstwerk gilt, wird sein schwelgerischer Malstil nun zum Gespött in der Kunstwelt. Er wird nicht mehr als grandioser Maler, sondern als Verfechter eines überholten ausschweifenden Lebensstils bewertet. Nur Adolf Hitler, für den das späte 19. Jahrhundert als eine der größten Kulturepochen der Menschheit gilt, rangiert Makart an der Spitze europäischen Künstlertums. Dann wird es wieder ruhig um den Malerfürsten der Ringstraßen-Zeit. Erst in jüngster Zeit haben sich das Wien Museum, das Belvedere und das Salzburg Museum des großen Historienmalers wieder angenommen und repräsentative Werkausstellungen gezeigt.
HERMANN SCHMIDTMANN
1841–1919
Kunstdüngerfabrikant und Pinzgauer Schlossherr
Die größten Grundbesitze im Pinzgau gehören heute den staatseigenen Österreichischen Bundesforsten, den Bayerischen Saalforsten und den Automobil-Tycoons Porsche und Piëch. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kann sich allerdings der deutsche Selfmademan Hermann Schmidtmann, der durch Kunstdüngerproduktion in den USA ein riesiges Vermögen aufgebaut hatte, mit 7 000 Hektar Landwirtschaftsbesitz und 30 000 Hektar Jagdgründen als bedeutendster Eigentümer land- und forstwirtschaftlicher Flächen rühmen. Dazu kommen noch die Schlösser Grubhof und Oberrain. Der Erste Weltkrieg und die nachfolgende galoppierende Inflation setzen dem Milliardär aber hart zu. Dennoch weisen seine Nachkommen auch heute noch im Raum Maria Alm-Hinterthal beträchtlichen Grundbesitz auf. Hermann Schmidtmann wird als Sohn armer Eltern in der thüringischen Stadt Schmalkaden geboren. Er ergreift den Beruf eines Kaufmanns und studiert eifrig Sprachen. Im Jahr 1858 wandert er in die Vereinigten Staaten aus, wo er durch enormen Fleiß und Tüchtigkeit den Grundstein für sein späteres Vermögen legt. Vierzehn Jahre später kehrt er nach Europa zurück und kauft dem Erfinder der Diamantkronenbohrmaschine dessen Patent ab. In England beteiligt er sich an einem neuen System der Gesteinsbohrung, was schließlich zur Gründung der „Continental Boring Company“ führt, dessen Generaldirektor Schmidtmann wird. Schließlich erwirbt er die gesamte Gesellschaft, die im Raum Aschersleben in Sachsen-Anhalt erfolgreich nach Kalisalz gebohrt hat.
Als der erste Förderschacht im Jahr 1878 angeschlagen wird, ziehen sich die Engländer aus dem Vorhaben zurück, Schmidtmann führt das Unternehmen jedoch erfolgreich weiter und lässt noch weitere sechs Schächte bohren. Kalisalz (oder kurz Kali) ist eine fossile Ablagerung verschiedener Salzminerale mit einem hohen Gehalt an Kaliumverbindungen. Der Mineralstoff Kalium ist ein Hauptelement der Pflanzenernährung und verstärkt bei Pflanzen die Stoffwechselprozesse. Dadurch wird das Wachstum der Pflanzen gefördert. Schmidtmann hat auf das richtige Pferd gesetzt und kann nun durch Nichteinhaltung von Konventionen und Beschränkungen ein Kalisyndikat errichten, das ihm in Europa eine absolute Vormachtstellung bringt. In der Wirtschaft gilt er mit seinen unternehmerischen Maßnahmen als Außenseiter, doch sein Reichtum steigt für damalige Verhältnisse ins Unermessliche. Denn die Landwirtschaft kann jetzt durch den Einsatz von Kali und Thomasmehl die Hektarerträge verdoppeln.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts dominiert Schmidtmann den gesamten Düngemittelmarkt der USA, Russlands, Deutschlands und der österreichischen k. u. k. Monarchie. Schmidtmann ist jetzt so vermögend, dass er ständig 40 Millionen Goldkronen flüssig hat. Der Milliardär ist mit der Schweizerin Josefine Bürgi verheiratet und hat mit ihr zwei Kinder: Sohn Waldemar und Tochter Florence.
Die ungeheure Ausweitung seines Unternehmens hält Schmidtmann nicht davon ab, auch privat viel zu reisen. So kommt er 1886 erstmals zur Erholung nach Lofer, ist sofort von der Gegend begeistert und pachtet die Gemeindejagd von Lofer. Im Jahr 1890 kauft er von der Familie Josef und Anna Faistauer, den Eltern des später berühmten Malers Anton Faistauer, das Gut Grubhof mit seinen Nebengebäuden, reißt es bis auf die Grundmauern ab und beauftragt den Architekten Josef Wessicken (s. Kap.: Josef Wessicken) und den Salzburger Baumeister Ceconi, ein dreigeschoßiges Schloss im spätgotischen Stil zu errichten.
Zudem stattet er das Schloss im ersten Stock mit wertvollen Gemälden aus. Er erwirbt auch das Gut Oberrain in Unken, das er ebenfalls zu einem prächtigen Schloss ausbauen lässt und es schließlich seiner Tochter Florence als Hochzeitsgeschenk überträgt.
Schmidtmanns Ziel ist es aber nicht nur, prachtvolle Herrensitze zu errichten, er hat wesentlich hochfliegendere Pläne. Er kauft im Saalachpinzgau zwischen Unken und Hinterthal viele Bauerngüter auf und kann durch den Einsatz seines Kunstdüngers die landwirtschaftliche Produktion wesentlich erhöhen. Denn die Bauern hatten ihre Felder bisher ausschließlich mit Mist und Jauche gedüngt. Insgesamt erwirbt der Unternehmer 41 Bauernhöfe oder Gutsbestände. Darunter befinden sich der Brandlhof bei Saalfelden, das Stoißengut in den Hohlwegen, die Bachwinkelgüter und große Teile von Hinterthal, die sich zum Teil heute noch im Besitz seiner Nachkommen befinden.
Durch die Einfuhr von großen Mengen an Kalium und Thomasmehl erringt der Unternehmer im Pinzgau bald eine landwirtschaftliche Monopolstellung. Seine Bauernhöfe werden zu Mustergütern. Die dynamische Ankaufspolitik des Kunstdünger-Millionärs findet natürlich nicht die Zustimmung vieler kleinerer Landwirtschaftsbetriebe. Schon damals liest man in der heimischen Presse vom „Ausverkauf der Heimat“. Durch Schmidtmanns Ankaufspolitik kommt zwar viel Geld in den Pinzgau, doch gleichzeitig verlieren viele der verschuldeten Bauern ihre wirtschaftliche Selbstständigkeit. Insgesamt umfasst der Schmidtmann’sche Grundbesitz schließlich 7 000 Hektar.
Da Schmidtmann der Jagdleidenschaft frönt, pachtet er 30 000 Hektar Jagdgründe im Pinzgau, wozu das gesamte Gebirgsmassiv des Steinernen Meeres gehört. Dazu beschäftigt er 64 Jäger, um das gesamte Gebiet jagdwirtschaftlich zu betreuen.
Die Reaktion der stets selbstbewussten Pinzgauer, die sich durch den Eindringling aus Deutschland bedroht fühlen, führt zu Forderungen an den Salzburger Landtag, aber auch an den Reichsrat in Wien. Der Erste Weltkrieg und die nachfolgende galoppierende Inflation zwingt allerdings die Familie Schmidtmann, später wieder einen großen Teil der landwirtschaftlichen Betriebe abzustoßen.
Ein persönliches Anliegen ist für Schmidtmann die Aufzucht und Veredelung der Pinzgauer Rinderrasse. Sein Gutsverwalter Heinrich Gierth versucht als erster, durch eine strenge Zuchtauswahl die Produktionskraft des Pinzgauer Rindes zu stärken. Da dies bald zu erheblichen Erfolgen führt, wird Gierth schließlich vom Land Salzburg als Tierschutzinspektor angeworben.
Auch der Pferdezucht gilt Schmidtmanns Liebe, speziell den Norikerpferden. Zur Heimat seiner „braunen Lipizzaner“ wird der Brandlhof in den Pinzgauer Hohlwegen bei Saalfelden, denn die „weißen Lipizzaner“ sind ausschließlich dem Kaiserhaus vorbehalten. Auch im Getreide- und Obstanbau setzt der innovative Unternehmer auf neue Produktionsmethoden und stellt in Lofer große Glashäuser auf, in denen er im Winter Erdbeeren, Weintrauben und Gurken züchtet, die er sodann an den deutschen Kaiser liefern lässt.
Für das Pinzgauer Saalachtal sind sein fortschrittlicher Geist und seine unternehmerische Energie von großem Nutzen, denn er lässt von Lofer nach Hinterthal die erste Telefonleitung bauen und für den Grubhof das erste Elektrizitätswerk im Pinzgau errichten. Mit dem Flatscherbauern Jakob Herbst schließt er für immerwährende Zeiten einen Vertrag zur Errichtung einer Wasserleitung vom Kramerhaus bis Oberrain in Unken.
Hermann Schmidtmann stirbt im Jahr 1919 mit 78 Jahren und wird im Park des Schlosses Grubhof bestattet. Den amerikanischen Besitz erbt Sohn Waldemar, die europäischen Güter die Tochter Florence, die mit General Arno von Poser und Groß Naeditz verheiratet ist. Das Testament Hermann Schmidtmanns enthält nicht weniger als 74 Grundbucheintragungen allein im Saalach-Pinzgau und im angrenzenden Tirol (Waidring).
Nach dem Ersten Weltkrieg bleibt das Schloss Grubhof weitgehend ungenutzt. Im Jahr 1956 geht das prachtvolle Gebäude im neugotischen Stil zu je einem Drittel an die Töchter von Florence Poser, Hildegard Wolff, Maria Spitzy und Florence Schandl-Dachmann. Leider wird der Park des Schlosses später durch die Errichtung moderner Apartmenthäuser verbaut und als Ferienwohnanlage einer Tiroler Time-Sharing-Gesellschaft geführt.
Das Schloss Oberrain wird dem mit der Familie befreundeten Rittmeister Erwin Sochatzky und dessen Frau überlassen, die daraus einen Hotelbetrieb machen, der bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges ein internationales Publikum anzieht. Im Jahr 1957 kauft die Salzburger Landesregierung Schloss Oberrain und übergibt es der Gesellschaft „Rettet das Kind“, die Jugendliche mit Behinderungen auf ein möglichst selbstständiges Privat- und Berufsleben vorbereitet.
ERZHERZOG LUDWIG VIKTOR VON HABSBURG
1842–1919
Der verbannte Habsburger im Schloss Kleßheim
Der jüngste Bruder von Kaiser Franz Joseph, Erzherzog Ludwig Viktor, als Kind liebevoll „Luziwuzi“ genannt, hat es am Habsburgerhof in Wien nicht leicht. Er gilt als exzentrischer Sonderling und äußerst schwieriger Charakter. Er kann sehr charmant sein, ist aber wegen seiner scharfen Zunge gefürchtet. Die Fürstin Nora Fugger lästert über ihn, er sei „weder militärisch noch kunstverständig, schwächlich, unmännlich, geziert und von garstigem Äußeren“. Noch abschätziger beurteilt ihn Kaiserin Elisabeth: „Ekelhaft ist mir der Affe/boshaft wie kein andres Vieh/hässlich, wie es anzuschauen/ist sein Maul auch lästerhaft.“
Kaiser Franz Joseph muss sich in seinem Herrscherhaus noch mit anderen schrulligen Erzherzögen herumschlagen. Einer davon ist Leopold (geb. 1868 als Sohn von Ferdinand IV.), der zunächst die Tochter eines Zuckerbäckers liebt, später mit der Prostituierten Wilhelmine Adamovic ein Verhältnis hat und schließlich Maria Magdalena Ritter, die er von ihrem Zuhälter freigekauft hat, heiratet. Dem „schönen“ Erzherzog Otto Franz Josef wird nachgesagt, dass er betrunken und nackt durch das Hotel Sacher spaziert sei. Als wahrhafter Aussteiger erweist sich Erzherzog Ludwig Salvator, der mit seiner Dampfyacht „Nixe“ über das Mittelmeer segelt und kulturhistorische Bücher schreibt. Er schwimmt nackt und schläft unter freiem Himmel, trägt abgenutzte Kleidung – und das trotz einer jährlichen Apanage von 100 000 Kronen. Die Seitensprünge der Habsburger sind wohl das Ergebnis der Heiratspolitik, denn Liebesheiraten sind nicht vorgesehen. Zudem sind einige der Erzherzöge unterfordert, denn sie bekommen vom starrsinnigen Kaiser keine politischen Aufgaben. Das fördert das Bestreben, das enge Herrschaftskonzept zu sprengen.
Tatsächlich dürften es jedoch Ludwig Viktors homosexuelle Neigung gewesen sein, die seine Position am Wiener Hof untergraben. Kaiser Franz Joseph und Elisabeth versuchen zunächst, ihm Sophie aus dem Hause der Wittelsbacher als Ehegattin zuzuführen. Doch diese lehnt dankend ab, was seine Selbstachtung schwer verletzt. Ludwig Viktors Bruder, Kaiser Maximilian von Mexiko, hat keine rechtmäßigen Erben und will daher „Luziwuzi“ zu einer Heirat mit der Tochter des brasilianischen Kaisers Pedro II. bewegen. Somit wären Mexiko und Brasilien Teil einer großen, transatlantischen Habsburgermonarchie. Doch dann wird Maximilian 1867 erschossen und die Geschichte läuft in ganz andere Bahnen. Luziwuzis Eskapaden weisen aber auch in die ganz andere Richtung. Denn von der Tänzerin Claudia Couqui erhält er ein Billett, in dem sie ihm für eine gemeinsame Nacht dankt.
Als Ludwig Viktors homophile Neigungen aber immer öffentlicher werden und zu Skandalen führen, muss der Kaiser handeln. So soll sich Ludwig Viktor im Wiener Centralbad in der Weihburggasse einem Offizier derart anzüglich genähert haben, dass dieser ihn ohrfeigt. Der Salzburger Historiker Ernst Hanisch hat darauf verwiesen, dass in ganz Europa damals, später verstärkt durch den Prozess um den irischen Dichter Oscar Wilde, eine homophobe Panik ausgebrochen sei. Der exzentrische Sonderling muss daher vom Wiener Hof entfernt werden. Kaiser Franz Joseph entscheidet daraufhin bereits 1861, dass Ludwig ihn in Salzburg vertreten solle, wohin man bereits die Witwe des Kaisers Franz I., Caroline Auguste, abgeschoben hatte. Ludwig residiert nun im Schloss Kleßheim. Da dieses aber im Winter kaum beheizbar ist, lässt er vom Architekten Heinrich von Ferstel, dem Erbauer der Votivkirche und des Hauptgebäudes der Universität Wien, das sogenannte Winterschloss erbauen, besser bekannt als Kavalierhaus. Dieses wird bis ins Detail blau-weiß eingerichtet, von den Teppichen und Tapeten über das Porzellan bis zum Zigarrenlöscher und der Nagelfeile. Ferstel baut für ihn auch im Renaissancestil das Palais am Schwarzenbergplatz in Wien.
Die neue Umgebung und die fehlenden Zwänge des habsburgischen Hofes lassen Ludwig Viktor zu einem neuen Menschen werden. Statt der bislang gezeigten Überheblichkeit und seines menschenverachtenden Witzes zeigt er nun Interesse und Anteilnahme an den Menschen. Aus dem unbeliebten, geradezu Verachteten wird ein Mitfühlender und großer Mäzen für Salzburg. Aufgrund seines Sinneswandels beruft ihn Kaiser Franz Joseph nun zum Vorsitzenden des neu gegründeten Roten Kreuzes. Ludwig Viktor selbst spendet 10 000 Gulden und bereist fast das gesamte Habsburgerreich, um die Einrichtungen des Roten Kreuzes zu inspizieren und zu verbessern.
Als im Jahr 1899 eine Hochwasserkatastrophe große Teile der Stadt Salzburg verwüstet, öffnet er großzügig Schloss und Park von Kleßheim für eine Wohltätigkeitsveranstaltung und spendet selbst eine große Summe zur Linderung der Katastrophe. Ludwig tritt auch für eine unentgeltliche Krankenbehandlung in Spitälern ein, unterstützt Witwen und Waisen, richtet Armenküchen für Obdachlose ein und fördert karitative Vereine.
Sehr regen Anteil nimmt Ludwig am Kulturleben der Stadt Salzburg und wird zu einem der wichtigsten Förderer des Kunstschaffens. Daher ist er auch Protektor des neu gegründeten Salzburger Kunstvereins und des entstehenden Künstlerhauses. Er fühlt sich auch der Gemeinde Siezenheim sehr verbunden. So ist die Gründung der Volksschule Siezenheim eine Schenkung des freigiebigen Erzherzogs. Im Verlauf der vier Jahrzehnte, die er als „Verbannter vom Wiener Hof“ in Salzburg lebt, tut er mehr für die Stadt und deren Bevölkerung als jemals ein Habsburger vor oder nach ihm.
Die Homosexualität eines Mitglieds des Herrscherhauses gibt aber immer noch Anlass zu Spekulationen. Da homosexuelle Handlungen auch zu Erpressung führen können, fürchtet das Militär dahinter auch Spionage und Verrat. Daher wird den in Salzburg stationierten Offizieren verboten, Einladungen des Erzherzogs wegen dessen „unnatürlicher Neigungen“ anzunehmen.
In den letzten Lebensjahren wird beim Erzherzog Ludwig Viktor geistige Umnachtung festgestellt. Er lebt nun völlig zurückgezogen unter Kuratel in seinem Schloss Kleßheim, wo er am 18. Jänner 1919, wenige Wochen nach dem Ende des Ersten Weltkrieges stirbt. Seinem Wunsch gemäß wird er nicht in der Kapuzinergruft, sondern am Ortsfriedhof von Siezenheim bestattet. Der schlichte Grabstein trägt keinen Namen, sondern einen persönlich verfassten Dankesgruß an seinen Kaiser und seine Freunde:
„Meinem Kaiser (Franz Josef I.) Dank!
Die Seele Gott – in Buß’ und Reue,
Der starren Erde meine Hülle –
Dafür, was sie mir einst im Leben,
Den Dankesgruß an meine Freunde,
Und all den Blinden mein Vergeben,
Die, – unverdient, mir etwa Feinde.
18. Jänner 1919.“
IRMA VON TROLL-BOROSTYÁNI
1847–1912
Die Vorkämpferin der Frauenemanzipation in Salzburg
Irma von Troll-Borostyáni ist im stockkonservativen Salzburg der Jahrhundertwende, insbesondere für die patriarchal dominierte Männerwelt, ein Schreckgespenst. Schon ihre äußere Erscheinung ist im klerikal-konservativen Salzburg eine Herausforderung.
„Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben, muss wirken und streben und pflanzen und schaffen, erlisten, erraffen, muss wetten und wagen, das Glück zu erjagen. Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau, die Mutter der Kinder und herrschet weise im häuslichen Kreise.“
So schreibt Friedrich Schiller in seiner Ballade „Das Lied von der Glocke“, das Generationen von Schulkindern auswendig lernen müssen. Während der Philosoph, Ökonom und Politiker John Stuart Mill in seinem 1869 erschienenen Werk „The Subjection of Women“ (Die Hörigkeit der Frau) keine der damals festgestellten Unterscheidungen in Wesen und Verhalten von Frauen und Männern als naturgegeben ansieht, da das meiste ein Produkt von Erziehung und gesellschaftlichen Strukturen sei, herrscht im übrigen Europa noch die vormoderne Gesellschaftsstruktur. „Gut erzogen galt damals bei einem jungen Mädchen für vollkommen identisch mit lebensfremd, und diese Lebensfremdheit ist den Frauen jener Zeit manchmal für das ganze Leben geblieben […] Durch diese lebensfremde Erziehung von vornherein bestimmt, in der Ehe dann willenlos vom Manne geformt und geführt zu werden“, schreibt Stefan Zweig in seinem Erinnerungsbuch „Die Welt von Gestern“.
Irma von Troll-Borostyáni hingegen trägt Männerkleidung und einen Kurzhaarschnitt, Hemden mit Stehkragen und Masche und raucht in der Öffentlichkeit Zigarren. Sie polemisiert gegen die weibliche Erziehung und den damals einzig möglichen Beruf der Frau als Gattin. Sie fordert eine bestmögliche Ausbildung für Mädchen als Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben und kämpft gegen die Prostitution. Einer ihrer Kernsätze ist: „Ich fühle mich unfähig, weiblich zu sein.“ Ihr maskulines Gehabe sorgt bei der spießigen Bürgerschaft der Kleinstadt Salzburg für gehörige Erregung.
Marie von Troll (so ihr Geburtsname) wird als jüngstes von vier Kindern des Zollbeamten Otto Ritter von Troll und seiner Frau Josefine von Appeltauer am 31. März 1847 im Baumeister-Rauscher-Haus in der Griesgasse 4 in Salzburg geboren. Da es für Mädchen keine Ausbildung in Gymnasien oder an der Universität gibt, bleibt nur das Benediktinerinnenkloster am Nonnberg als Ausbildungsstätte. Nach zwei Jahren im klösterlichen Ausbildungsbetrieb erkrankt das Mädchen an einem heftigen Nervenfieber. In ihrer Ablehnung des stockkonservativen weiblichen Rollenbildes lässt sie sich nun die Haare kurz schneiden und trägt fortan Männerkleidung. Sie nennt sich nun Irma, um sich von ihrem bisherigen Dasein radikal zu distanzieren. Als der Vater 1866 plötzlich stirbt, hat Marie die Wahl zwischen einer Heirat oder dem Leben als Gouvernante. Sie will Schauspielerin werden, was jedoch von ihrer Mutter und ihren Brüdern abgelehnt wird. So lässt sie sich in Wien zur Pianistin ausbilden. Neben ihrer musikalischen Ausbildung verfasst sie in der Bundeshauptstadt unter den Pseudonymen Leo Bergen oder Veritas Skizzen und Essays für diverse Tageszeitungen.
Da sie sich besonders für die Situation unterprivilegierter Frauen interessiert, geht sie in Männerkleidern und in Begleitung eines Freundes in die Wiener Prostituiertenviertel, um die Situation der Sexarbeiterinnen aus eigener Anschauung kennenzulernen. Die Prostitution ist für sie Zeichen bürgerlicher Doppelmoral und männlicher Herrschaft. Die Prostituierten rekrutieren sich vor allem aus Arbeiterinnen, die sich vor dem Verhungern retten wollen.
„Die wirtschaftliche Lage der arbeitenden Klassen im Allgemeinen und die noch ungünstigere der arbeitenden Frau führen der gewerbsmäßigen Prostitution ihre Opfer zu. Nicht ihre angeborene Lasterhaftigkeit, nicht ihr freier Wille, sondern die Peitsche des Hungers treibt sie auf die Straße, um dem nächstbesten Vorüberziehenden für ein Abendessen ihren Leib zu verkaufen“ (Die Prostitution vor dem Gesetz, zit. nach Gürtler, 196).
Ihre essayistische Arbeit steht deutlich im Vordergrund, während ihre literarische Tätigkeit vorwiegend der Popularisierung ihrer sozialpolitischen Bestrebungen und dem Gelderwerb dient. Sie ist eine der radikalsten Denkerinnen, die nicht nur für die Gleichstellung der Frau kämpft, sondern sie verlangt grundsätzlich eine Erziehung der Kinder durch den Staat und außerhalb der Familie, weil die familiäre Struktur der Familien sehr unterschiedlich ist und nur wohlhabende Familien sich die Erziehung der Kinder durch Hauslehrer und gebildete Gouvernanten leisten können.
In Budapest lernt Irma den Journalisten Nandor Borostyáni kennen, den sie heiratet. Der Ehe entstammt eine Tochter, die allerdings nach drei Jahren an Diphtherie stirbt. Da ihr Gatte beruflich sehr viel in Paris engagiert ist, entwickelt sie sich zunehmend zu einer streitbaren Vertreterin der Frauenemanzipation. Im Jahr 1878 erscheint ihr erstes Buch „Die Mission unseres Jahrhunderts – eine Studie über Frauenfragen“.
In diesem Hauptwerk stellt sie fünf Forderungen für eine humanere Form der Gesellschaft auf: Sie drängt auf die politische und soziale Gleichstellung der Geschlechter, die vollkommene und unbedingte Lösbarkeit der Ehe, die Abschaffung der Prostitution, die Reform der Jugenderziehung beider Geschlechter und die Erziehung der Kinder in staatlichen Institutionen:
„Selten dringt ein Schmerzensschrei des Weibes an die Öffentlichkeit. Die Frau hat es gelernt zu lächeln, während erstickte Tränen ihr das Herz zusammenpressen. An wen sollte sie sich mit ihren Klagen wenden? An die Frauen? Die haben nicht die Macht, ihr zu helfen. An den ritterlichen Schutz des Mannes? Der Mann erweist der Frau nur dann gern Gefälligkeiten, wenn er als deren Lohn sich durch die Frau Vorteil oder Genuss verschaffen kann. An den Staat? Ach, der Staat ist es ja eben, der die Gesetze schuf, welche die Frau der Gewalt des Mannes überliefern“ (Die Mission unseres Jahrhunderts, 58).
Zusätzlich tritt sie vehement für das Wahlrecht für Frauen ein. Sie fordert auch eine Reform der Frauenkleidung in ihrem Pamphlet „Das Weib und seine Kleidung“. Darin lehnt sie das „Panzermieder und die zu engen Schuhe als Verstümmelung der Füße ab: „In der Geschichte der menschlichen Verstandesschwäche gebührt dem Kapitel der weiblichen Kleidung eine hervorragende Stelle.“
In Ergänzung und zur Untermauerung ihrer Forderungen schreibt sie neben ihren sozialpolitischen Texten Romane und Novellen. Insgesamt erscheinen von ihr zu Lebzeiten 19 Bücher. In ihren erzählerischen Werken tritt ganz deutlich ihre Liebe und Sorge für die Entrechteten und Ausgebeuteten zutage. Bekannt wird sie einer breiteren Leserschaft vor allem durch ihren Roman „Aus der Tiefe“ (1892).
Troll-Borostyáni hat auch mit zahlreichen Schriftstellerinnen und Frauenrechtlerinnen engen Kontakt. Mit der Friedennobelpreisträgerin Bertha von Suttner und den Frauenrechtlerinnen Auguste Fickert, Adelheid Popp und Rosa Mayreder hat sie jahrelang regen Briefkontakt. Bertha von Suttner nennt ihre „Gesinnungsschwester“ eine der „tiefsten Denkerinnen aller Zeiten“.
Nach zwölf Jahren kehrt Irma von Troll-Borostyáni im Jahr 1882 nach Salzburg zurück, da ihre Mutter sterbenskrank ist. Irma zieht gemeinsam mit ihrer ebenfalls feministisch engagierten Schwester Wilhelmine in das Haus Riedenburgstraße 7 ihrer drei künstlerisch begabten Freundinnen Helene, Johanna und Maria Baumgartner ein, wo sie bis zu ihrem Tode wohnt. Alle fünf Frauen sind mit ihrer Wohngemeinschaft und ihren künstlerischen, feministischen und sozialpolitischen Engagements gesellschaftliche Außenseiterinnen in der Stadt. Zu Irmas Freundinnen zählen auch die künstlerisch tätigen Schwestern Esinger, die in ihrem Haus am Mönchsberg in ähnlicher Art ihr alternatives Lebensmodell zu der herkömmlichen bürgerlichen Art verwirklichen. Ihren Mann dürfte sie nie mehr getroffen haben.
Eine Zeitlang ist Irma von Troll-Borostyány auch Mitglied der im Jahr 1897 gegründeten Künstlergruppe PAN, zu der auch der Musiker August Brunetti-Pisano und Georg Trakl gehören. Die Vereinigung setzt sich zum Ziel, die kulturkonservative Struktur der Stadt aufzubrechen.
Die Troll-Schwestern Wilhelmine und Irma sind aber auch begeisterte Bergsteigerinnen, die es wagen, den Großglockner zu bezwingen. Doch im Jahr 1900 erleidet Irma einen schweren gesundheitlichen Rückschlag mit Herzbeschwerden, Atemnot und einem Nervenleiden. Ausschlaggebend dafür dürften existenzielle finanzielle Sorgen gewesen sein. Als ihr Mann Nandor im Herbst 1902 stirbt, bessert sich die Lage. Sie kann nun Kuraufenthalte in Hofgastein und am Gardasee absolvieren. Im Alter von 65 Jahren stirbt die kämpferische Frauenrechtlerin am 10. Februar 1912. Auf ihrem Grabstein steht: „Die tapfere Bahnbrecherin der Frauenbewegung“. Das Grab auf dem Salzburger Kommunalfriedhof ist jedoch aufgelassen und seit vielen Jahren von einer anderen Salzburger Familie belegt. Seit 1995 vergeben Land und Stadt Salzburg für frauenrechtliches Engagement den Troll-Borostyáni-Preis.
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