Kitabı oku: «Domestik»
CHARLY WEGELIUS
mit TOM SOUTHAM
DOMESTIK
Das wahre Leben
eines ganz normalen Radprofis
Aus dem Englischen von Olaf Bentkämper

Die Originalausgabe dieses Buches erschien unter dem Titel »Domestique.
The True Life Ups and Downs of a Tour Pro« bei Ebury Press, London.
Ebury Press ist ein Teil der Unternehmensgruppe Penguin Random House.
© Charly Wegelius 2013
Gemäß UK Copyright, Designs and Patents Act 1988
ist Charly Wegelius der Urheber dieses Werkes.
Charly Wegelius mit Tom Southam:
DOMESTIK – Das wahre Leben eines ganz normalen Radprofis
Aus dem Englischen von Olaf Bentkämper
© der deutschsprachigen Ausgabe: Covadonga Verlag 2015
Covadonga Verlag, Spindelstr. 58, D-33604 Bielefeld
ISBN (Print): 978-3-95726-005-5
ISBN (E-Book): 978-3-95726-007-9
Es wurden alle Anstrengungen unternommen, um die Inhaber etwaiger Urheberrechte an den in diesem Buch wiedergegebenen Fotografien ausfindig zu machen und zu kontaktieren. Sollten trotz allem entsprechende Angaben fehlen oder fehlerhaft sein, werden Rechteinhaber gebeten, sich mit dem Verlag in Verbindung zu setzen, damit in künftige Auflagen jeweils ein korrekter Verweis aufgenommen werden kann.
Fotografien auf dem Umschlag: Timm Kölln (Cover), Hennes Roth (Coverrückseite)
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nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.
Covadonga ist der Verlag für Radsportliteratur.
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Dulce bellum inexpertis. (Süß scheint der Krieg jenen, die ihn nie erfahren haben.)
DESIDERIUS ERASMUS VON ROTTERDAM
INHALT
Vorbemerkung des Autors
Vorwort
Prolog
1. Etwas, das ich tun musste
2. Von Ehrgeiz getrieben
3. Per Vincere!
4. Die Vuelta – oder wie ich lernte, meine Kräfte einzuteilen
5. Das Postamt
6. Giro d’Italia
7. Fahruntüchtig
8. »Tieni Duro«
9. Liquigas
10. Madrid
11. Alles wird gut
12. Die Tour
13. Erste Liga
14. Eine Tour zu viel
15. Vuelta a Asturias, 5. Etappe
Danksagung
VORBEMERKUNG DES AUTORS
Wie die meisten normalen Menschen habe ich mich nicht mit dem Gedanken im Hinterkopf auf meinen Lebensweg gemacht, eines Tages ein Buch darüber zu schreiben. Manche Leute sind da vielleicht anders, aber ich nicht. Selbst als die Idee an mich herangetragen wurde, unter die Autoren zu gehen, war ich unsicher, ob ich der Richtige dafür wäre. Ich hatte nichts zu beichten, aber einiges zu erzählen. Ich wollte nicht irgendein Buch schreiben.
Im Juli 2011 nahm dieses Buch dann langsam Formen an, und inzwischen hatte ich auch eine klare Vorstellung davon, worüber ich schreiben wollte: über das wahre Leben im Profipeloton. Die Ereignisse der vergangenen beiden Jahre haben es schwer gemacht, an diesem Vorhaben festzuhalten, ohne einem Thema, das in meiner Laufbahn nur eine untergeordnete Rolle gespielt hat, unverhältnismäßig viel Platz einzuräumen.
Als Radprofi, dessen Karriere von 2000 bis 2011 dauerte, durchlebte ich eine für diesen Sport sehr turbulente Zeit – geprägt von zahlreichen Skandalen, Drogenrazzien, Geständnissen, Anschuldigungen, Enthüllungen und all den Problemen, die mit der im Radsport tief verwurzelten Dopingkultur einhergehen.
Insofern hinterlässt es einen bittersüßen Geschmack, dass auch im Jahr 2013 offenbar noch ein hinreichendes Interesse an meinem Sport besteht, so dass ein Typ wie ich ein Buch darüber schreiben kann, ich mich gleichzeitig aber genötigt fühle, gleich darauf hinzuweisen, dass dieses Buch – so wie meine ganze Karriere – keine spannenden Geschichten rund um das Thema Doping erzählt und dies auch gar nicht erst versucht.
Das soll nicht heißen, dass um mich herum nicht gedopt worden wäre. Ganz gewiss sogar ist dies der Fall gewesen. Wer mag, kann die Namen der Leute nachschlagen, mit denen ich zusammen in einem Team gefahren bin, und wird auf etliche Dopingvergehen stoßen. Ich versuche nicht, das zu bestreiten. Ich habe aber beschlossen, mich nicht auf dieses Thema zu konzentrieren.
Ich bin meiner Idee für dieses Buch treu geblieben. In dem Buch, das ich schreiben wollte, sollte es um etwas anderes gehen: um eine ganz normale Karriere im Radsport. Klar, hin und wieder geht es um Doping, wie könnte es auch anders sein, aber ich hoffe, dass die wenigen Auftritte, die das Thema in diesem Buch hat, einen Eindruck davon vermitteln, welch geringe Rolle es in meiner Laufbahn als Radprofi tatsächlich gespielt hat. Ich hatte schlicht und ergreifend andere Sorgen, und es gab zu viele andere Dinge, die mich beschäftigten und um die ich mich kümmern musste.
Die Rolle, die ich ausfüllte, die eines Domestiken, eines Fußsoldaten des Radsports, war eine oft undankbare Aufgabe, die mich elf Jahre lang auf dem schmalen Grat zwischen der Gosse und den Sternen wandeln ließ. Nur diese Geschichte ist es, die zu erzählen ich mich berechtigt fühle, anhand der Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe.
Sie können mir glauben, dass ich dadurch, die Geschichte in dieser Form zu erzählen, eine Reihe von Leute verschont habe. Manche von ihnen habe ich vermutlich eher unbewusst ein klein wenig geschützt. Sollte dem so sein, ist ihr Fehlen vielleicht meine Art, ihnen etwas von dem menschlichen Anstand zurückzuzahlen, mit dem sie mir begegnet sind. Es gibt andere, die mir das Gegenteil entgegengebracht haben und die zu schützen mir von den Anwälten nahegelegt worden ist. Denen sage ich: Glück gehabt, ihr Drecksäcke.
Wie auch immer, ich kann Ihnen versichern, dass ich mich selbst nur wenig geschont habe in dieser Geschichte, und das ist letztlich alles, was ich tun kann.
Charly Wegelius, im Februar 2013
VORWORT
Dieses Buch beginnt ziemlich genau in dem Moment, in dem ich Charly Wegelius zum ersten Mal traf: Es war bei den Straßenweltmeisterschaften 1999 in Verona.
Als ich Charly bei dieser Gelegenheit in Mike Taylors Zimmer im Hotel Antico begegnete, war ich sofort von ihm beeindruckt. Ich wusste, dass er wenige Stunden zuvor seinen ersten Profivertrag unterschrieben hatte. Ich konnte nicht anders, als ihn zu fragen: »Wie hast du das gemacht?«
In diesem Moment, in dem Charly mir in Verona erstmals leibhaftig gegenüberstand, sah ich ihn so, wie ihn im Laufe der Jahre wohl tausende Menschen vom Straßenrand aus wahrgenommen haben: als ein Objekt der Bewunderung, als einen Menschen, der herausragende Athletik und wahre Klasse auf dem Rennrad verkörperte. Damals war ich, so wie er es einst gewesen war, von der Vorstellung besessen, eines Tages Radprofi zu werden. Ich wollte unbedingt selbst Teil des Pelotons werden, und da ich in den 1980er Jahren in Großbritannien aufgewachsen war, war ich von dieser Welt so weit entfernt, dass echte Radprofis mir wie Götter erschienen.
Charly war ein Mann, der den Radsport genauso sah wie ich, der herkam, wo ich herkam, und der es dennoch irgendwie hinbekommen hatte. Er hatte die Kluft überwunden zwischen dem, wo ich stand, und dem, wo ich hinwollte. Vier Jahre älter als ich und mit einem Profivertrag in der Tasche, erschien mir Charly Wegelius wie ein Mann, der das fast Unmögliche geschafft hatte.
Ich folgte Charly schließlich in den Profizirkus, und im Laufe der Jahre wurden wir Freunde. Unsere Wege trennten sich abrupt, als ich der Welt des professionellen Radsports, nach nur drei Jahren im Peloton, wieder den Rücken kehrte, denn sie war überhaupt nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Diese Erkenntnis war ein ziemlicher Schock, den ich erst einmal verdauen musste.
Während Charly seine immer erfolgreichere Karriere fortsetzte und ich mich dem Journalismus zuwandte, blieben wir Freunde. Irgendwann kreuzten sich unsere beruflichen Wege wieder, wenn auch auf ganz andere Art und Weise, als sich die Gelegenheit ergab, seine Geschichte zu schreiben. Es war eine Geschichte, die ich gut kannte, denn ebenso wie Kurt Vonnegut in seinem Meisterwerk Schlachthof 5 quasi direkt neben Billy Pilgrim auf der Latrine saß, war auch ich bei vielen Begebenheiten in diesem Buch hautnah dabei.
Ich war in Verona dabei, als Charly der ganze Stolz des britischen Radsports war, und auch ein Jahr später bei den Peinlichkeiten rund um die Titelkämpfe in Plouay. Ich war oft zugegen und hatte sein Gästezimmer in Beschlag genommen, wenn er in seiner Zeit bei De Nardi nach einem Rennen in seine ungastliche Wohnung und zu seinem leeren Kühlschrank zurückkehrte, und ich war nicht nur dabei, sondern mittendrin, als er den größten Fehler in seiner Karriere als Radprofi beging.
Ich kannte das Gefühl, sich im Peloton mittelmäßig zu fühlen und trotz der unbarmherzigen Realität des Sports zu versuchen, ein anständiges menschliches Wesen zu bleiben.
Und trotzdem war ich nicht ganz sicher, ob dies wirklich das Buch war, das ich schreiben wollte. Tatsache war, dass ich, egal wie offen er in unserer gemeinsamen Zeit über sein Leben sprach, nie ganz die Überzeugung verloren hatte, dass Charly Wegelius schon immer ganz genau gewusst hat, wo es langgeht.
Erst als ich eines Vormittags im Dezember 2011 bei ein paar Negronis mit ihm zusammensaß, um über dieses Buch zu sprechen, erkannte ich, wie schwierig auch für Charly das Leben als Radprofi gewesen war. Da wusste ich, dass dies das Buch war, das ich schreiben wollte, denn mir wurde klar, dass seine Geschichte eine über den Radsport war, die noch nicht erzählt worden war.
Das war die Geschichte, die wir beide der Welt erzählen wollten: die Geschichte vom wahren Leben in der Mitte des großen Fahrerfeldes; die Geschichte der Rennfahrer, die jeden Tag einer Profession nachgingen, für die sie alles geopfert hatten – Freundinnen, Jobs, Ehefrauen, sogar ihre kostbare Jugend –, nur um dabei zu sein und sich für nicht mehr als ein Durchschnittsgehalt und die Chance, es am nächsten Tag wieder tun zu dürfen, die Seele aus dem Leib zu fahren.
Charly lebte das Leben, für das er ausgezogen war – bis zum bitteren Ende und trotz des Preises, den er dafür zahlen musste, und all der Narben, die er unterwegs davontrug. Charly lebte ein Leben, wie es nur wenigen Menschen vergönnt oder gegeben ist. Ihn dazu zu bringen, seine Geschichte zu erzählen, fiel uns beiden nicht immer leicht, aber es musste getan werden.
Ich denke, dass es uns mit diesem Buch zum Teil darum gegangen war, mit dem Mythos aufzuräumen, dass ein Radprofi mehr als ein normaler Mensch sei – abgesehen davon, dass er eine gewisse körperliche Begabung besitzt. Aber ironischerweise konnte ich gar nicht anders, als Charly umso mehr zu bewundern, je mehr ich über seine Lebensumstände und die Widerstände erfuhr, mit denen er fertig werden musste, um eine Karriere wie die seine zu haben. Es war ein Leben, das die Kraft und das Engagement eines aufs Äußerste entschlossenen Charakters erforderte. Aber auch für Charly war es ein Leben, das ganz anders war, als er es sich vorgestellt hatte.
Dank der Einblicke, die ich beim Schreiben dieses Buchs erhalten habe, und weil ich Charly schon seit so vielen Jahren kenne, weiß ich, wie und warum er es als Radsportler so weit geschafft hat. Aber selbst jetzt, da alles vor mir ausgebreitet ist, verstreut in Bergen von Papier, aufgezeichneten Interviews und den vielen hundert Gesprächen, die wir bei der Entstehung dieses Buchs geführt haben, gibt es immer noch einen Teil von mir, der sich fragt: »Wie hast du das gemacht?«
Tom Southam, im Dezember 2012
PROLOG
Ich lebe in ständiger Angst, und wahrscheinlich ist es das, was mich meistens dazu antreibt, mich ganz ordentlich aus der Affäre zu ziehen. Aber eigentlich mache ich mir die ganze Zeit in die Hose.
Als der Moment kam, in dem ich wusste, wirklich wusste, dass ich Radprofi werden würde, saß ich gerade auf der Rolle und machte mich für das WM-Rennen der U23 im Einzelzeitfahren warm, das im Oktober 1999 im Rahmen der Radweltmeisterschaften in Verona stattfand.
Bei solchen Titelkämpfen herrscht immer reger Betrieb, denn in dieser Altersklasse wimmelt es von jungen Fahrern, die unbedingt Profi werden wollen. Die WM bedeutet für viele dieser Burschen den Höhepunkt ihres bisherigen Lebens, und weil sie noch so jung sind, stehen sie emotional ziemlich unter Strom. Die Anspannung rund um das Rennen ist immens.
Um die begehrten Plätze im Profizirkus wird ein erbitterter Konkurrenzkampf geführt, und ein Einzelzeitfahren ist ein ganz anderes Paar Schuhe als ein Straßenrennen, bei dem man sich vor dem Start im Kreise der Kollegen verstecken kann. Vor dem Zeitfahren wärmen sich sämtliche Teilnehmer einzeln auf der Rolle auf, nur wenige Meter entfernt von Kerlen, gegen die man das ganze Jahr angetreten ist; Kerle, gegen die man, ohne sie zu kennen, bewusst oder unbewusst eine starke Abneigung entwickelt hat. Jeder ist eifersüchtig auf den anderen.
Mir persönlich war dieser ganze Rummel immer zuwider: die Presse, die Manager, die anderen Fahrer und der ganze Unfug, der mit hohen Erwartungen einherging. Aber an diesem Tag, als ich mich umringt von Betreuern und Beobachtern warmfuhr, sah ich zwei Männer durch das Gedränge auf mich zukommen, auf deren blauen Trainingsjacken das vielfarbige Logo von Mapei zu erkennen war, einem Unternehmen, das Radsportfans als Sponsor des gleichnamigen Rennstalls bekannt war, dem damals größten und namhaftesten Profiteam im Geschäft.
Alvaro Crespi und Serge Parsani, zwei der sportlichen Leiter der Mannschaft, waren gekommen, um mir hallo zu sagen. Angesichts der neidvollen und neugierigen Blicke der anderen Fahrer war ich stolz wie Oskar, dass sie extra meinetwegen aufgetaucht waren. Der dürre kleine Charly kriegt Besuch von zwei Mackern von Mapei, um zu plaudern. Ich freute mich wie ein Schneekönig.
Es ist gar nicht so einfach, während der Aufwärmroutine vor einem Zeitfahren vernünftig zu denken und zu reden, denn das Blut schießt einem in die Beine und all die Rollentrainer summen, dazu kommt das hektische Treiben der Betreuer und der dröhnende Rennkommentar aus den Lautsprechern, die rund um die Strecke verteilt sind. Aber als die beiden auf mich zukamen, rasten meine Gedanken vor Aufregung. Ich kannte Crespi und Parsani bereits von einem früheren Treffen, und in dem Moment fiel mir wieder das erste Mal ein, als sie an mich herangetreten waren – die Repräsentanten einer Mannschaft, für die zu fahren ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht erhofft hätte.
Diese erste Begegnung mit Mapei hatte sich vor dem Start eines anderen Zeitfahrens zugetragen. Es war beim Etappenrennen Trans Canada, einem winzigen Profirennen, das ein einziges Mal ausgetragen wurde und die Kanadier dazu animieren sollte, eine geeintere Nation zu werden. Als ich damals auf dem Weg zum Start war, sprach mich Parsani an: »Bist du …?«
Er sah sich meine Startnummer an und dann mich, und ich dachte, er wolle vielleicht wissen, ob ich vor seinem Schützling an der Reihe wäre. Er brach sich einen ab bei dem Versuch, Englisch zu sprechen, was er nicht konnte, also machte ich es ihm leichter und verriet ihm, dass ich Französisch sprach, woraufhin wir uns beide entspannten. Er fragte noch einmal, diesmal auf Französisch: »Bist du Charly Wegelius?« Ich bestätigte, dass ich in der Tat Wegelius sei, woraufhin er sich erkundigte: »Gut. Wir haben uns nämlich gefragt, ob du dir vorstellen könntest, für unser Team zu fahren …«
Ich war vollkommen sprachlos. Ich dachte, dass er entweder den Falschen erwischt haben müsste oder vielleicht ein Amateurteam vertrat, mit dem er ebenfalls zu tun hatte. Das war aber nicht der Fall: Er war für Mapei da und er meinte mich.
Er bat um meine Telefonnummer, und dann machte ich mich auf den Weg und absolvierte das Zeitfahren wie in Trance. Ich hätte mich fast verfahren, weil ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Es hatte mich total umgehauen.
Das Problem war, dass mir die Festnetznummer meiner Wohnung nicht mehr eingefallen war, als Parsani mich darum gebeten hatte. Auch an meine Handynummer konnte ich mich nicht erinnern. Die einzige Nummer, die mir in dem Moment einfiel, war diejenige, die ich mir als Kind, mit zehn Pence für die Telefonzelle in der Tasche, für den Fall eingeprägt hatte, dass während einer meiner Radtouren etwas passieren sollte: Ich hatte Parsani die Nummer meiner Mutter in York gegeben.
Während ich so benommen über den Zeitfahrkurs eierte, dass ich fast gestürzt wäre, wurde mir klar, dass ich nach dem Rennen nach Hause fahren und so lange dort ausharren müsste, bis jemand von Mapei anrufen würde.
Das Angebot war so überraschend gekommen, dass ich plötzlich Panik hatte, der Manager könnte anrufen und mich nicht erreichen, weil ich mal eben mit dem Hund raus oder in den Laden gegangen war, um eine Tüte Weingummis zu kaufen. Ich fürchtete, dass ihr Interesse ebenso schnell wieder erlahmen könnte, wie es aufgekommen war.
Nachdem ich ein paar bange Tage lang neben dem Telefon gewartet hatte, kam endlich der Anruf. Alvaro Crespi rief an und lud mich zu einer Reihe von Tests nach Italien ein. Allein schon seinen fetten italienischen Akzent zu hören, versetzte mich in helle Aufregung. Ich war damals schon viel herumgekommen, aber in Italien war ich noch nie gewesen. Der Nordwesten von Frankreich, wo ich als Amateur gelebt hatte, war das eine. Jeder ging damals nach Frankreich. Es war fremd, aber nicht exotisch. Italien war etwas ganz anderes. Es war weiter weg, es war mediterran und verheißungsvoll und außerdem ein Ort, über den ich so gut wie nichts wusste.
Ich nahm Crespis Anruf am Erkerfenster entgegen, das von unseren Hunden vollgesabbert war, die dort den ganzen Tag hockten und Passanten ankläfften. Über unser blaues Plastiktelefon seinen fremdländischen Akzent zu hören, kam mir vor, als würde ich eine Botschaft aus einem fremden Universum empfangen. Es war völlig surreal. Eben noch hatte kein Hahn nach mir gekräht und sich nicht einmal kleine Teams für mich interessiert, jetzt plötzlich warb der größte Profirennstall des Planeten um meine Dienste. Fast hätte ich geschrien: »Sie haben den Falschen erwischt!«
Ich hätte ihn gerne gefragt: »Haben Sie sich das auch gut überlegt?«
Für Belgier und Franzosen war der Weg ins Profigeschäft wesentlich geradliniger: Der eigene Trainer schleppte sie zu irgendwelchen Rennen und machte sie mit den richtigen Leuten bekannt; irgendwann fingen sie an, gemeinsam mit Profis zu trainieren, und sie wussten praktisch von Anfang an genau, was sie zu tun hatten und wohin die Reise ging. In England aber war man als junger Radrennfahrer zu dieser Zeit vollkommen auf sich allein gestellt. Es gab keinen wirklichen Austausch mit den Leuten, die man bei den Rennen traf, und meine Kollegen, mit denen ich damals in der Nationalmannschaft fuhr, waren sogar noch grüner hinter den Ohren als ich.
Nach dem Anruf von Crespi reiste ich im Vorfeld der WM zu Tests nach Italien und wohnte mit meinem Trainer Ken Matheson (dem damaligen Cheftrainer des britischen Verbandes) am Ufer des Comer Sees. Dort eröffnete sich mir eine wahre Welt der Wunder; ich erlebte unzählige »Kneif mich«-Momente. Als ich zum ersten Mal das italienische Fernsehen einschaltete und auf Dutzende herrlich komischer Trash-Sender stieß, war ich außer mir vor Begeisterung. Es war auf die theatralische Weise exotisch, wie sie für Italien typisch ist, angefangen vom warmen Herbstlicht bis hin zum Spinner auf dem Shopping-Kanal, dem angesichts der sagenhaften Schnäppchen, die er ekstatisch anpries, beinahe die Luft wegblieb.
Ich fand mich im Trainingszentrum von Mapei ein und staunte über die reibungslosen, professionellen Abläufe. Ich saß in einem echten italienischen Stau fest (ein Erlebnis für sich, wenn man ein solches Hupkonzert nie zuvor gehört hatte), während der legendäre Trainer Max Testa uns beiläufig Geschichten aus der Zeit erzählte, als das Motorola-Team während der Saison in Europa seinen Sitz am Comer See hatte. Es war, als hätte sich vor mir eine Tür geöffnet, durch die ich nur hindurchgehen musste. Ich konnte nicht fassen, dass sie sich für mich geöffnet hatte.
Nachdem ich eine Reihe von Tests mit dem Team absolviert hatte, war ich guten Mutes, als ich Crespi und Parsani in Verona wiedertraf, aber weil noch nichts in trockenen Tüchern war, hatte ich nicht die Gewissheit, dass sich mein Traum wirklich erfüllen würde. Als ich mich an jenem Tag in Verona warmfuhr, sahen mir Crespi und Parsani eine Weile zu, wie mir immer heißer und mein Gesicht immer röter wurde und mir der Schweiß ausbrach, während die Minuten bis zu meiner Startzeit heruntertickten. Schließlich hielten sie den richtigen Moment für gekommen. Ich bekam die Worte zu hören, die ich hören wollte: »Alles klar für nächstes Jahr. Wir holen dich in die Mannschaft. Morgen kommen wir mit dem Papierkram ins Hotel.«
Endlich hatte ich die Gewissheit. Ich würde tatsächlich bei einem Profiteam unterschreiben, noch dazu beim besten der Welt: Ich würde eine Karriere als Radprofi machen.
Ich wäre beinahe von der Rolle gefallen.
Ich war quasi das ganze Jahr hindurch einer der erfolgreichsten Amateurrennfahrer gewesen, aber weil ich keine Angebote erhielt, kam es mir dennoch fast so vor, als wäre ich gescheitert. Plötzlich jedoch versicherte mir die beste Mannschaft der Welt, mir einen Platz im Team geben zu wollen. Von außen betrachtet ergab es durchaus Sinn, für mich aber kam es wie ein Schock. Weil alles so schnell und auf so surreale Weise vonstattenging, hatte ich das Gefühl, auf einen raffinierten Scherz hereingefallen zu sein.
Das war ein Gefühl, das ich nie ganz abschütteln konnte, obwohl ich unheimlich stolz war, als ich bei einem so renommierten Rennstall meinen ersten Profivertrag unterschrieb. Doch die Freude darüber, es geschafft zu haben, währte nur kurz. Als mir der Ernst der Lage bewusst wurde, fing ich nicht an zu tanzen und zu feiern, sondern machte mir stattdessen in die Hose – schon jetzt wollte ich meine zukünftige Mannschaft auf keinen Fall enttäuschen, indem ich ein schlechtes Zeitfahren hinlegte.
Ich kehrte mit dem Vertrag in der Hand von den Titelkämpfen zurück, und der Ex-Profi und Sportreporter Paul Sherwen rief an, um zu gratulieren. Paul hatte mir zu Beginn meiner Karriere zur Seite gestanden und versicherte mir natürlich, wie toll es sei, einen Vertrag unterschrieben zu haben. Aber er erklärte mir auch, dass es erst der erste Schritt wäre. Bisher sei ich als Radrennfahrer praktisch noch zur »Schule« gegangen, nun hätte ich den Sprung an die »Universität« geschafft – mehr aber auch nicht. Sherwen ermahnte mich, niemals zu vergessen, welch hartes Brot der Radsport sei. Bislang sei alles wie geschmiert gelaufen, aber als richtiger Profi dürfe ich mich erst dann fühlen, wenn ich einen Anschlussvertrag bekäme. »Rein kommen viele«, sagte er, »aber durchsetzen können sich nur wenige.«
Die Angst, niemals einen Vertrag zu bekommen, wich der Angst, keinen zweiten zu erhalten. Pauls Mahnung gab den Ton für meine ganze Karriere vor. Ich fing sofort an, alles dafür zu tun, mich nützlich zu machen, mich unersetzlich zu machen, nicht in Vergessenheit zu geraten, wenn die Zeit für eine Vertragsverlängerung käme.
Den Großteil meiner Karriere schien ich von dem Gedanken getrieben zu sein, irgendwie durchhalten zu müssen – bis zur nächsten Runde, zur nächsten Etappe, zur nächsten Saison. Es war eine kontinuierliche negative Motivation. Außenstehende nehmen Radprofis vielleicht wie in die Haarspitzen motivierte Wesen wahr, die nichts dem Zufall überlassen – dieser ganze Quatsch von wegen »ultimative menschliche Höchstleistungen«. Dabei sind es in Wirklichkeit echt beschissene Dinge, die einen antreiben, zum Beispiel der Gedanke, wie peinlich es wäre, vorzeitig auszusteigen, weil man weiß, wie es sich am Montag anfühlen wird, keinen guten Job gemacht zu haben. Vieles von dem, was mich anspornte, diente vor allem dazu, mir ein ruhiges Gewissen zu verschaffen.
Sherwen wusste, dass ich mir keine Vorstellung davon machte, worauf ich mich einließ, als ich meinen ersten Profivertrag unterschrieb. In den folgenden Jahren sollte ich das wahre Antlitz meines Sports kennenlernen, und zwar auf die ganz direkte und brutale Weise – fast so, als würde man ein Tier, das man überfahren hat, eigenhändig sezieren müssen.
Wie es ist, ein großer Champion zu sein, werde ich nie erfahren. Was ich Ihnen erzählen kann, ist, wie es ist, mit dem Radfahren seine Brötchen zu verdienen. Der Job eines Radprofis ist außergewöhnlich, aber das Peloton besteht aus ganz normalen Typen, wie ich es bin, die hart, sehr hart gearbeitet haben, um irgendwann einen Beruf ausüben zu dürfen, der sie bisweilen bloßstellt und manchmal überfordert. Ich wollte kein Buch darüber schreiben, wie schwer es ist, Radprofi zu werden; ich möchte über das Leben berichten, das man führt, wenn man einer geworden ist.
Radprofi zu werden, war etwas, für das ich mich ganz bewusst entschieden habe, und diese Entscheidung traf ich lange, bevor die beiden Männer von Mapei in Kanada an mich herantraten. Für mich war schon früh klar: Ich würde es schaffen, und bis ich es nicht geschafft hätte, würde ich keinen Frieden finden.
KAPITEL 1
ETWAS, DAS ICH TUN MUSSTE
»Monsieur Chaminaud … Charly Wegelius.«
Ich bemerkte die verständnislose Miene des Herrn in mittleren Jahren, der vor mir gegen den Kofferraum des weißen Teamfahrzeugs gelehnt stand, und beschloss, es noch einmal zu versuchen. Ich streckte die Hand aus und wiederholte, diesmal mit noch ausgeprägterem französischen Akzent, der den ungewöhnlichen Klang meines finnischen Nachnamens bis zur Unkenntlichkeit verzerrte:
»Char-lieh Weg-je-lie-üs.«
Nach einem bangen Moment des Zögerns schien bei ihm der Groschen zu fallen, und eine kalte Hand ergriff die meine und schüttelte sie zur Begrüßung. Trotz meiner Erleichterung darüber, dass Jean-François Chaminaud sich endlich entsann, wer ihm gegenüberstand, war das nicht gerade der Empfang, den ich mir erhofft hatte. Hinter dem Lächeln auf dem Gesicht meiner einzigen Bezugsperson beim französischen Amateurteam Vendée U, an dessen Stützpunkt ich soeben eingetroffen war, meinte ich einen Blick zu erkennen, der mit einem Anflug von Panik zu sagen schien: »Ach du Scheiße – bist du echt gekommen?«
Fairerweise muss ich sagen, dass ich nicht den besten Moment erwischt hatte, um mich bei meinem neuen Team vorzustellen. Als wir nach einer nächtlichen Fährüberfahrt am vereinbarten Treffpunkt ankamen, machte sich der Rest der Mannschaft gerade zum morgendlichen Training auf. Während ich nervös aus dem roten Ford Fiesta meiner Mutter stieg und die Gitane-Räder auf dem Dach des Vendée-U-Teamwagens sah, rollten die Fahrer allein oder zu zweit in den Morgen davon. Manche hatten argwöhnisch herübergeblickt, andere interessierten sich nicht die Bohne für den bebrillten blonden Teenager, der eben aufgetaucht war und darauf wartete, dass sich jemand um ihn kümmerte.
Von meinen Teamkollegen bewusst ignoriert zu werden, war etwas, woran ich mich in meiner Zeit als Amateur in Frankreich gewöhnen sollte, aber damals empfand ich es als eine ziemlich seltsame Art der Begrüßung. Für mein Dafürhalten war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort, als ich an diesem Morgen in Le Domaine Saint-Sauveur, ein paar Kilometer von La Roche-sur-Yon in der Vendée entfernt, eintraf, aber es stellte sich bald heraus, dass ich mit dieser Einschätzung alleine dastand.
1996 war Radfahren noch ein Sport, der weitgehend auf dem europäischen Festland stattfand. Als junger britischer Fahrer mit Ambitionen blieb einem nur eine Wahl: Man musste seine Heimat verlassen und jenseits des Ärmelkanals sein Glück versuchen. Das war ein Weg, den britische Radfahrer seit Generationen gegangen waren. Radrennsport war in Großbritannien eine Randsportart – das war schon immer so, und man hatte das Gefühl, dass sich das auch niemals ändern würde. Um es als Brite, Australier oder Amerikaner in den Profibereich zu schaffen, reichte es nicht, ein guter Fahrer zu sein, man musste auch zeigen, dass man das Zeug hatte, sich »da drüben« durchzusetzen.
Die Kommunikation zwischen Großbritannien und dem Festland ging damals noch quälend langsam vonstatten. Ein paar Monate vor meiner Ankunft in Frankreich hatte der britische Journalist Kenny Pryde mich in losen Kontakt mit Vendée-U-Trainer Jean-François Chaminaud gebracht. Nach einem handschriftlichen Briefwechsel hatte sich Chaminaud aus unerfindlichen Gründen bereiterklärt, mich aufzunehmen. Damals dachte ich mir nichts dabei, aber es war durchaus ungewöhnlich, dass eine Mannschaft wie Vendée U sich auf so etwas einließ. Ich war erst 17 und fiel noch in die Juniorenkategorie, ich war also nicht einmal alt genug, um an den gleichen Rennen teilzunehmen wie die anderen Fahrer im Team. Da ich damals immer einen Schritt weiter sein wollte, als gut für mich war, war es nur logisch, dass ich mich ausgerechnet bei Vendée U beworben hatte, der damals besten Amateurmannschaft in Frankeich. Jetzt war ich also da, nur einen Tag nachdem ich meinen Schulabschluss gemacht hatte, und brannte darauf, mein Leben als Radrennfahrer zu beginnen.
Das Absurde meiner Situation war nicht das Einzige, was über meinen Horizont ging. Abgesehen von meiner Vereinsmannschaft VC York war ich nie Teil eines organisierten Rennstalls gewesen, und so hatte ich keine Vorstellung von den verwickelten Strukturen, die innerhalb eines richtigen Radsportteams herrschen konnten. Ich ahnte nichts von Seilschaften und verfeindeten Lagern. Der VC York hatte mir eine Rennlizenz besorgt und mich in seinem Trikot antreten lassen, aber es war nur ein kleiner Radsportverein, der ein Mal im Jahr ein Rennen und ein Clubdinner organisierte, mehr nicht. Als ich daher voller Freude das scheinbar konkrete Angebot von Vendée U annahm, war ich nicht darauf vorbereitet, dass die eine Hälfte der Mannschaft nicht mit der anderen sprach und Chaminaud, der innerhalb der Teamhierarchie nur eine Randfigur war, niemand davon unterrichtet hatte, dass ich käme. Als ich eintraf und mich vorstellte, waren Fahrer, Betreuer und Teamleiter Jean-René Bernaudeau vollkommen überrascht von meiner Ankunft.
Das Team steckte mitten in den Vorbereitungen für die Landesmeisterschaft im Mannschaftszeitfahren und hatte daher weder Zeit noch Lust, die Trainingseinheit wegen des unangekündigten Auftauchens eines dürren englischen Bengels zu verschieben. Sichtlich verlegen hatte Chaminaud eine kurze Unterredung mit Bernaudeau, die fast ausschließlich aus Grunzlauten zu bestehen schien. Man wies mich an, mich nicht von der Stelle zu rühren, und versprach, sich nach dem Training um mich zu kümmern. Meine Mutter war inzwischen wieder aufgebrochen, um ihre Fähre zu erwischen, so dass ich ganz allein zurückblieb. Ich suchte mir ein Plätzchen im Empfangsbereich der Teamzentrale und beschloss, mich zu setzen und zu warten.
Meine Reaktion war damals typisch für mich. Jemand, der für meine Karriere wichtig sein könnte, hatte mich aufgefordert zu warten, also wartete ich und dachte mir nichts weiter dabei. Ich stellte keine Fragen, und es gab keinen Teil von mir, der daran zweifelte, das Richtige zu tun, oder sich wunderte, worauf ich mich eingelassen hatte. Ich war so wild entschlossen, dass ich keinen Gedanken an Heimweh verschwendete. Ich liebte meine Mutter und wusste, dass es nicht leicht wäre, so weit weg von zu Hause zu sein, aber gleichzeitig war mir klar, dass sie im Hinblick auf meine Ziele nicht mehr für mich tun konnte, als mich hierherzubringen. Von nun an würde es andere Leute geben, denen ich zuhören müsste, und die Vorstellung, mich solchen Gefühlen wie Heimweh hinzugeben, erschien mir wie reine Zeitverschwendung. Es war, als hätte ich diesen Teil meines Verstands einfach mit dem Skalpell herausgeschnitten und zurückgelassen, als ich meine Sachen packte und nach Frankreich aufbrach, weil er mir ja fortan eh nicht mehr von Nutzen sein würde.
Ich weiß eigentlich bis heute nicht genau, warum ich unbedingt Radprofi werden wollte. Ich war ganz gut in der Schule, ich kam nicht aus ärmlichen Verhältnissen und ich war nicht darauf angewiesen, mir auf diese Weise meine Brötchen zu verdienen. Meine Eltern hatten sich getrennt, als ich zwei Jahre alt war, ich kannte es also nicht anders und war so glücklich, wie man als Kind nur sein kann. Ich führte ein für mein Dafürhalten vollkommen normales Leben. Ich wuchs mit meinem Bruder Eddie und meiner Mutter Jane in York auf, verbrachte die Sommer und Schulferien aber bei meinem Vater in Finnland. Als wir jung waren, reisten Eddie und ich ziemlich viel zwischen den beiden Ländern hin und her. Eddie war vier Jahre älter als ich. Er nahm seine Verantwortung für mich sehr ernst und passte gut auf mich auf. Ich war sein kleiner Bruder, und er achtete stets darauf, dass mir auf unseren Reisen nichts passierte, und hielt jeglichen Ärger von mir fern.
Wir liebten es, nach Finnland zu fahren. Das ganze Land kam uns wie ein einziger Spielplatz vor. Die finnische Landschaft war so unberührt, dass sie uns wie eine Welt der unbegrenzten Möglichkeiten erschien. Es war ruhig und sicher, wir konnten in jede Richtung so weit laufen, wie wir wollten, und uns trotzdem darauf verlassen, dass jeder, den wir trafen, unseren Vater kannte und wusste, wer wir waren. Unser Vater wollte, dass wir unabhängig waren und uns selbst beschäftigten, weswegen er uns viele Freiheiten ließ. Eddie und ich waren voller Abenteuerlust, und uns selbst überlassen streunten wir herum wie wilde Hunde, kletterten im Wald auf Bäume, sprangen in Seen, fuhren auf der Farm den Traktor und tollten in den Ställen im Heu herum.
Dann gab es bisweilen Momente, in denen unser Vater es sich in den Kopf setzte, uns zu erziehen. Etwas zu tun, ohne dabei sein absolut Bestes zu geben, kam für unseren Vater nicht Frage, selbst wenn es sich um die banalsten alltäglichen Verrichtungen handelte. Er wollte uns ermuntern, uns ständig weiterzuentwickeln. Dieser Einfluss war es, der vielleicht mehr als alles andere den Nährboden für meinen unbedingten Ehrgeiz bereitete. Beim Baden im Schärenmeer suchten wir nach immer höheren Felsen, von denen wir uns ins eiskalte Wasser stürzten. Die Familienausflüge mit dem Fahrrad wurden länger und länger, bis ich schon als Neunjähriger Radtouren von mehr als hundert Kilometern unternahm.
Aufeiner dieser Touren gerieten wir 20 Kilometer von zu Hause in einen heftigen Sommerregen. Der Regen prasselte auf uns herab, und es wurde so finster, dass wir sicherheitshalber hintereinanderfuhren. Da ich der Jüngste war, fuhr ich vorneweg. Alles, woran ich denken konnte, war, nach Hause zu kommen und heiß zu duschen. Das Rad wog eine Tonne und hatte nur einen Gang und eine Rücktrittbremse, aber ich hämmerte in die Pedale und nahm immer mehr Tempo auf. Ich fuhr über den Lenker gekrümmt und spürte, wie mir das eiskalte Wasser in die Schuhe rann. Ich blinzelte auf die Straße vor mir und dachte an nichts anderes als daran, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Als ich dort ankam, stellte ich erstaunt fest, dass ich ganz alleine war. Ich hatte keinen Sturz mitbekommen und dachte mir daher nichts weiter dabei und ging ins Haus. Als mein Vater und Eddie eintrafen, war ich bereits geduscht und aufgewärmt. Eddie war fassungslos. »Warum zur Hölle bist du einfach abgehauen?«
»Ich bin einfach nur gefahren. Ich wollte euch nicht abhängen. Ich wollte nach Hause.«
»Warst du nicht müde? Wir kamen nicht mehr mit. Du bist einfach abgedampft.«
»Klar war ich müde. Ich war völlig im Eimer und mir war arschkalt. Aber ich wollte nach Hause, also habe ich Gas gegeben. Ich dachte, ihr wärt direkt hinter mir.«
»Na ja, hast du dich nicht umgeguckt?«
Mir dämmerte, dass ich das nicht getan hatte. Ich dachte, er wäre sauer, dass ich ihn stehen gelassen hatte. Aber Eddie war nicht sauer, dass ich schneller war als er; er verstand nur nicht, wie jemand einfach abhauen konnte, ohne sich nach den anderen umzusehen. Eddie fehlte die skrupellose Mentalität eines Leistungssportlers, die ich offenbar mit Löffeln gefressen hatte.
Während Eddie staunte, war mein Vater, nachdem er den Schock, von seinem Jüngsten abgehängt worden zu sein, erst einmal verdaut hatte, ziemlich beeindruckt. Für ihn war alles, auch Zuneigung und Aufmerksamkeit, eine Frage der Leistung. Weil ich nichts anderes kannte, hielt ich das für ganz normal. Nur die fassungslosen Mienen von Freunden der Familie, wenn sie von meinen Heldentaten erfuhren, ließen erahnen, dass es ungewöhnlich war.
So wie viele Kinder versuchte ich mich von klein auf in allen möglichen Sportarten und ich fand, dass ich ziemlich gut darin war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich einen Sport finden würde, dem ich mich ernsthaft widmen könnte. Als ich das Radfahren entdeckte, war mir sofort klar, dass ich den richtigen Sport für mich gefunden hatte. Es war etwas Besonderes daran – ich war zu jung und zu aufgedreht, um mich jemals zu fragen, was genau es war, aber anders als andere Sportarten, an denen ich recht schnell das Interesse verlor, zog es mich von Anfang an in seinen Bann.
Es war 1990, als ich den Radsport wirklich für mich entdeckte. Meine Mutter nahm mich zu ein paar Kriterien in York mit, wo ich unter anderem Malcolm Elliott sah, der im Jahr zuvor das Punktetrikot bei der Vuelta a España gewonnen hatte. Auf mich wirkte er wie ein verdammter Gladiator. Er war braun gebrannt, und seine Beine sahen aus, als wären sie aus Mahagoni geschnitzt worden. Mit seinem Teka-Stirnband und diesem umwerfenden Mädel im Schlepptau sah er dermaßen cool aus. Alles an ihm schien zu strahlen: sein Rad, seine Schuhe, er selbst. Er ließ Radrennfahrer wie etwas Außergewöhnliches erscheinen. In gewisser Weise sahen Radprofis nicht wie normalsterbliche Menschen aus; ihre Körper glichen eher Maschinen, die fürs Radfahren gemacht waren. Ich konnte meine Augen kaum von ihm lösen. Er war so etwas wie die Verkörperung aller Helden, die ich hatte. Es beeindruckte mich auch, wenn ich beispielsweise einen älteren Jungen sah, der ein paar coole Tricks auf seinem BMX-Rad draufhatte, aber das hier war noch mal etwas ganz anderes. Das hier war viel mehr. Es war so aufregend. Es kam mir vor, als wäre ein Filmstar aus der Leinwand gestiegen.
Malcolm Elliotts Auftritt in York hinterließ einen bleibenden Eindruck, war aber leider viel zu kurz. Ich wollte mehr, und so schaute ich mir im Sommer die Kellogg’s Tour an, die nicht weit von zu Hause entfernt über die White Horse Bank führte. Robert Millar war für das Team Z dabei und trug das Bergtrikot. Ich kann mich noch gut an seinen Blick erinnern, als er den Anstieg bezwang. Ich war berauscht davon, in den Mienen der Fahrer zu erkennen, wie sehr sie sich quälten.
Der Radrennsport war damals bei uns in England keine große Nummer, aber die tollen Rennen zu sehen und von den Fahrern mit ihren fremdartig klingenden Namen zu hören, die für exotisch wirkende Teams fuhren, weckte in mir den Wunsch, selbst Teil dieser aufregenden Welt zu werden. Der Straßenradport hatte seine Wurzeln nicht in England, so wie Fußball oder Cricket, er stammte von einem ganz anderen Planeten. Und ich war zunehmend besessen von allem, was diese ferne Welt des professionellen Radfahrens zu verheißen schien. Die einwöchige Kellogg’s Tour of Britain und die einstündigen Kriterien waren mir schon bald nicht mehr genug. Meine Aufmerksamkeit richtete sich auf das größte Rennen von allen: die Tour de France.
Die Tour war das Größte, was ich mir ausmalen konnte. Ich war so erfüllt davon, die Tour zu verfolgen und von der Tour zu träumen, wie man es nur als Kind sein kann, wenn man die entsprechende Freizeit hat. Ich besorgte mir Michelin-Regionalkarten der Alpen und vertiefte mich in sie. Ich war jung und ein Tagträumer, aber in mir reifte bereits die Entschlossenheit, diese Träume eines Tages Realität werden zu lassen. Wenn ich mir den Col de la Croix de Fer auf der Karte ansah, war es fast so, als würde ich den realen Ort ergründen. Bourg d’Oisans war, wie mir klar wurde, keine geheimnisvolle Fantasiestätte wie aus einem Buch von Tolkien, sondern es war ein realer Ort, an dem Menschen lebten, zur Schule gingen und arbeiteten.
Straßenkarten von Südfrankreich sind nicht unbedingt das, wofür Elfjährige normalerweise ihr Taschengeld ausgeben, aber für mich bildeten sie eine Verbindung zwischen meinem eigenen Leben in York und der unvorstellbar exotischen Welt des Profiradsports. Indem ich mir diese Karten kaufte und versuchte, mich an diese Orte zu versetzen, unternahm ich die ersten Schritte, um diese Kluft zu schließen. Meine ersten Gehversuche in Richtung einer Profikarriere musste ich aber vor der eigenen Haustür machen.
»Mum, du musst für mich einen Brief an den Direktor schreiben.«
Es war schon recht spät für ein Abendessen unter der Woche, aber meine Trainingsfahrt war wie üblich viel länger ausgefallen, als ich angekündigt hatte. Es war schon fast neun, und meine Mutter sah mich an, während sie mir die Portion Shepherd’s Pie servierte, mit der sie auf mich gewartet hatte.
»Und warum, Charles?«
»Ich verschwende in der Schule meine Zeit und ich glaube, ich könnte sie besser nutzen.«
»Wie meinst du das?«
Ich war stets dazu ermuntert worden, so zu denken und mich auszudrücken wie ein Erwachsener, und jetzt, mit 15 und zunehmendem Selbstvertrauen, fing ich an, meine Meinung unverblümt zu äußern. Ich trug meine Argumente vor.
»Ich möchte am Mittwochnachmittag meine Zeit nicht mehr mit Schulsport verschwenden, sondern sie zum Radfahren nutzen. In der Schule geht es ja darum, mich auf meine Zukunft vorzubereiten, und da ich weiß, dass ich später nicht Rugby oder Fußball spielen möchte, sondern Radprofi werde, ist das Training wichtiger als alles andere. Ich würde keinen Unterricht versäumen und außerdem mag ich es nicht, im Dunkeln zu trainieren: Es ist gefährlich und außerdem bleibt keine Zeit für Hausaufgaben, wenn ich nach Hause komme …«
Meine Mutter wusste schon, dass ich Radprofi werden wollte. Bis dahin hatte es nie Diskussionen darum gegeben, ob es mir gestattet würde, eine Laufbahn als Leistungssportler einzuschlagen. Mein Vater hatte als Springreiter Karriere gemacht, und wenngleich es grundsätzlich schwer umzusetzen und naturgemäß nicht planbar war, einen Sport zum Beruf zu machen, hatte meine Mutter, mehr als jeder andere, stets ohne Wenn und Aber an mich geglaubt. Als ich als Zehnjähriger erstmals davon gesprochen hatte, die Tour de France fahren zu wollen, hatte sie meinen Wunsch akzeptiert und sich große Mühe gegeben, mir beim Einstieg zu helfen, und mich zu Wettkämpfen im ganzen Land gefahren. An den Wochenenden saß sie, mit der Sunday Times und einer Thermoskanne Tee, auf Parkplätzen vor irgendwelchen Gemeindehäusern im Auto und wartete geduldig darauf, dass ich das Rennen, das ich gerade absolvierte, hinter mich brachte. Das war ihre Art, mich zu unterstützen. Nach jedem Rennen überließ sie es mir, ob ich auf dem Heimweg darüber sprechen wollte, wie es gelaufen war, oder eben nicht. Auch wenn ich auf der ganzen Rückfahrt nur mürrisch dasaß und kein Wort sagte, war sie nie genervt oder zudringlich. Mein Rennen war mein Rennen, und es war eben gelaufen, wie es gelaufen war, und das stellte sie nie in Frage. Ebenso stand nie zur Debatte, dass ich meine Ausbildung abschließen würde – das erschien mir nur fair. Ich ging weiterhin zur Schule und bekam ordentliche Noten, und im Gegenzug durfte ich praktisch meine ganze Freizeit auf dem Rad verbringen. Nun aber stand die Frage im Raum, ob es mir zu einem wichtigen Zeitpunkt meiner Schullaufbahn erlaubt werden sollte, den Schwerpunkt endgültig auf den Radsport zu verlegen. Obwohl die Abschlussprüfungen kurz bevorstanden, war es nur logisch, dem Radfahren mehr Zeit zu widmen – so sah ich es jedenfalls. Es war plausibel und es war machbar und es würde mir meinen Altersgenossen gegenüber einen Vorteil verschaffen.
Meine Mutter blickte auf die Uhr an der Wand, bevor sie wieder mich ansah und ohne eine Spur von Widerwillen sagte: »Tja, wenn du meinst, dass du deine Zeit auf dem Rad sinnvoller nutzen kannst, werde ich den Brief schreiben.«
Das war die Antwort, auf die ich gehofft hatte. Ich wusste nun, dass ich den Segen meiner Mutter hatte, das eigentliche Ziel zu verfolgen, das ich mir gesetzt hatte.
Zwei Wochen später, nachdem ich rasch zu Mittag gegessen und in der Schulumkleide in meine Radklamotten geschlüpft war, holte ich mein Rad aus dem Schuppen. Als ich in die Pedale einklickte und Richtung Schultor rollte, verspürte ich eine fast unbeschreibliche Erregung. Der Schulleiter der Bootham School hatte mir erlaubt, den Sportunterricht am Mittwochnachmittag auszulassen und stattdessen in Eigenverantwortung auf dem Rad zu trainieren. Als ich durch das Tor fuhr und der Lärm des Schulhofs allmählich hinter mir verklang, verspürte ich ein Gefühl von Freiheit und Genugtuung, wie ich es in meinem Leben noch nicht gekannt hatte. Ich ließ den gewöhnlichen Alltag hinter mir und machte mich auf den Weg in die Welt, die ich mir erträumt hatte.
Es war nicht nur der physische Akt des Radfahrens, von dem ich besessen war. Ich wollte unbedingt alles wissen, was über die Welt des Radrennsports zu erfahren war. Ich verschlang jede Geschichte darüber, wie andere junge englische Fahrer sich durchgesetzt hatten, die ich irgendwie auftreiben konnte. Ich las jedes Buch und jedes Magazin zum Thema. In gewisser Weise war das Aufspüren solcher Geschichten nicht weniger aufregend als alles andere. Damals gab es kein Internet und auch sonst keine einfache Möglichkeit, an diese Informationen heranzukommen. Der Profiradsport wurde mir sozusagen tröpfchenweise verabreicht, mittels Begegnungen, Gemunkel und weitergereichten Büchern und Erzählungen.
Natürlich suchte ich den Kontakt zu Leuten, die mir hinsichtlich meiner Ziele behilflich sein könnten. Die Unterstützung meiner Mutter war ungemein wichtig, aber als ich in die Juniorenklasse kam, wusste ich, dass ich von nun an auf Leute angewiesen wäre, die sich im Profizirkus auskannten.
Ich traf Mike Taylor zum ersten Mal bei der Junior Tour of Ireland im Herbst vor meiner Abreise nach Frankreich. Mike war kurz zuvor zum Leiter der britischen Junioren-Nationalmannschaft ernannt worden, für die ich nominiert wurde. Ich fühlte mich bei Mike gleich gut aufgehoben. Er war schon seit einer scheinbaren Ewigkeit im Geschäft, er verstand die Fahrer und er verstand den Sport. Er hatte mehr Ahnung von diesem Metier als jeder andere, den ich bis dahin kennengelernt hatte. Mike war nichts für Zartbesaitete. Er war direkt und ließ sich nichts gefallen. Nach nur einer Woche in Irland schien ich eine der Schlüsselfiguren für meine berufliche Zukunft gefunden zu haben. Ich wollte wissen, wie ich es zum Profi bringen könnte, und ich wusste, dass Mike mir dabei helfen könnte. Nachdem wir aus Irland zurückgekehrt waren, hing ich fast täglich an der Strippe und bombardierte Mike mit Fragen über Fragen. Dank seiner Ratschläge erkannte ich bald, welchen Weg ich einschlagen müsste.
Die bewährte Weise, um es in den Profizirkus zu schaffen, war, auf das europäische Festland zu gehen und es darauf ankommen zu lassen. Es gab keine Schulen oder Akademien; alles hing vom persönlichen Engagement und einer Menge Unwägbarkeiten ab. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Seit den 1960er Jahren hatte sich an diesem Ablauf kaum etwas verändert: Um sich als britischer Fahrer Anerkennung im Peloton zu verschaffen, musste man sich an das Leben in einem anderen Land anpassen. Es gehörte mehr dazu, als von zu Hause auszuziehen und sich einen Job zu suchen. Man musste komplett seine Zelte abbrechen und bereit sein, alles zu tun, was einem von französischen oder belgischen Teamleitern – die keinerlei Aufsichtspflicht für ihre Schützlinge hatten – gesagt wurde, um das entscheidende Quäntchen besser zu sein als die anderen. Für mich, und vielleicht auch für andere, war es ein Teil des Anreizes, sich auf dem Festland als Profi durchzusetzen – es dort zu schaffen, war für einen britischen Radsportler ein echter Ritterschlag, denn das gelang nur ganz wenigen, und es war ein hartes Stück Arbeit. Als ich in Frankreich im Trainingslager von Vendée U eintraf, gab es nicht mehr viel, was mich hätte schrecken können. Innerlich war ich überzeugt: Mich würde nichts aufhalten.
* * *
In Frankreich ließen sich die Dinge anfangs weiterhin kompliziert an. Nachdem ich geduldig auf sie gewartet hatte, kehrte die Mannschaft schließlich von ihrer Trainingsfahrt zurück, und gemeinsam fuhren wir zur Unterkunft in Saint-Maurice-le-Girard. Dort stellte sich erneut heraus, dass mein Timing nicht besonders gut war. Auf der Fahrt erklärte man mir, dass sich ein Typ aus Polen um das Haus kümmerte, der früher selbst gefahren war, mittlerweile aber die Straße runter in Bernaudeaus Sportgeschäft arbeitete. Das Haus bewohnte er mit seiner Frau und den ausländischen Fahrern des Teams: Aidan Duff, Piotr Wadecki aus Polen und Janek Tombak aus Estland. Aidan war Ire und gerade zu einem Rennen unterwegs. Ich hatte von ihm gehört und war froh, wenigstens einen englischsprachigen Mitstreiter zu haben. Ich lernte ihn aber erst ein paar Tage später kennen.
Offenbar erpicht darauf, rechtzeitig zum Abendessen daheim zu sein, machte Bernaudeau mit mir, ohne sich von der Stelle zu rühren, eine Express-Führung durchs Haus. Er wedelte mit den Armen in Richtung verschiedener Türen, die von unserem Standort im Flur aus zu sehen waren. Nachdem er den Kopf zur Küche reingesteckt hatte und unter erstauntem Geschnatter der Osteuropäer erläuterte, dass ich von nun an ihr Mitbewohner wäre, wandte er sich an mich und sagte: »Sieh zu, dass du bis 13 Uhr geduscht hast. Danach gibt’s kein heißes Wasser mehr.« Und weiter: »Hier herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Achte darauf, deine Lebensmittel zu kennzeichnen, falls du nicht willst, dass sie ein anderer isst.« Damit war die Einführung beendet, und Bernaudeau zog ab. Das war’s.
Die Unterkunft selbst war sehr schlicht. Sie wirkte auf mich wie ein Ort, an dem alte Leute wohnten oder sogar vor kurzem jemand gestorben war. Es machte auf jeden Fall den Anschein, als hätten die Bewohner soeben noch genug Kraft, um das Allernötigste sauber zu halten. Alles andere war verstaubt, und überall lagen irgendwelche vergessenen Dinge herum, die dort nicht hingehörten. Vendée U mochte das beste Team in Frankreich sein, aber die Fahrerunterkunft hatte eher etwas vom Versteck einer verfluchten Terrorzelle.
Ich sah mich noch einmal um, verzog aber keine Miene. Mir war klar, dass ich keine Wahl hatte, wollte ich Radprofi werden. Es war eine Art Initiationsritus.
Ein Teil von mir schätzte sich ehrlich gesagt sogar glücklich darüber. Die Geschichten meiner britischen Vorgänger hatten mich darauf vorbereitet, den ganzen Dreck, den ich über mich ergehen lassen musste, zu ertragen. Ich fasste diese Prüfungen als einen Prozess auf, der mir die Legitimation verschaffen würde, Profi zu werden. Selbst als ich mich in der armseligen Unterkunft umsah, die von nun an mein neues Zuhause wäre, war das einzige Gefühl, das ich verspürte, das von Schuld. Tief in mir drinnen wusste ich, dass ich es im Vergleich mit meinen Vorgängern noch leicht hatte, denn immerhin würde ich mir eine Telefonkarte von France Télécom kaufen können, um, wenn es gar nicht anders ging, meine Mutter anzurufen.
* * *
Meine ersten Wochen in Frankreich waren ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hatte. Es war nicht so, dass man sich nicht gut um mich gekümmert hätte; man kümmerte sich einfach überhaupt nicht um mich.
Ich musste erst den Mumm aufbringen, aber irgendwann beschloss ich, etwas zu unternehmen. Ich ging zum Büro, in dem Jean-René Bernaudeau telefonierte und Akten wälzte, klopfte an und trat ein. Jean-René schien nicht überrascht, mich zu sehen: In den paar Wochen, seit ich in Frankreich war, hing ich fast ständig in der Teamzentrale herum. Wenn ich nicht gerade auf dem Rad saß und trainierte, hatte ich sonst nicht viel zu tun. Mein Status als Fahrer, der noch in die Juniorenklasse fiel, stellte ein größeres Problem dar, als nur für verlegene Mienen bei meiner Ankunft zu sorgen. Das Team hatte keine Ahnung, wie sie an eine Lizenz herankommen sollten, noch bei welchen Rennen ich als Ausländer antreten durfte. Kurz gesagt wussten sie eigentlich nicht so recht, was sie mit mir anfangen sollten. Die ersten beiden Wochen verbrachte ich damit, zu trainieren, herumzuhängen und kleinere Arbeiten wie Rasenmähen zu verrichten. Eines wurde mir allmählich klar: Wenn ich nicht selbst etwas unternähme, würde es auch niemand anders für mich tun. Ich beschloss also, die Initiative zu ergreifen.
Ich besorgte mir eine Ausgabe des France Cycliste, des Magazins des französischen Radsportverbands, ging damit zu Bernaudeau, schlug die betreffende Seite vor ihm auf und erklärte in meinem Schulfranzösisch: »Est ce que c’est possible de allez faire cette course?«
Jean-René schaute mich etwas überrascht an und bedachte mich mit einem unverbindlichen gallischen Achselzucken, während er ein gedehntes und spekulatives »Ouais …« von sich gab.
Das war genau die Art zurückhaltender Antwort, die ich erwartet hatte. Obwohl es Chaminaud – der Trainer des Teams – gewesen war, der mich eingeladen hatte, für die Mannschaft zu fahren, hatte ich seit unserer anfänglichen Begegnung wenig bis gar nichts mit ihm zu tun gehabt. Es stellte sich bald heraus, dass Jean-René Bernaudeau es war, der den ganzen Laden schmiss und mich jetzt an der Backe hatte.
»Ich bin los und habe mir den France Cycliste und eine Karte besorgt«, fuhr ich fort, »und ich habe geschaut, welche Rennen in der Nähe für mich in Frage kommen. Ich habe mal recherchiert und herausgefunden, dass ich mit einer internationalen Lizenz fahren darf, ich habe also Anmeldungen zu sämtlichen Rennen abgeschickt, die ich nächsten Monat bestreiten kann.«
Er sah mich fassungslos an, und ich konnte sehen, wie ihm buchstäblich ein Licht aufging: »Ach du Scheiße, der Knabe will echt Rennen fahren!« Das erste Rennen fand nur rund eine Stunde von unserer Unterkunft entfernt statt, und nachdem ich mein Anliegen vorgebracht hatte, lag es jetzt an Jean-René.
»Tja, nimm am besten den Transporter vom Laden und fahr selbst hin. Bon chance.«
Mir den Bulli zu überlassen, fasste ich als deutliches Signal auf, dass ich seinen Segen hatte, also packte ich am Wettkampftag meine Siebensachen zusammen und machte mich auf den Weg. Es war ein Rennen der sogenannten »Nationale«-Kategorie, die für junge Fahrer und berufstätige Freizeitradsportler gedacht waren – ein echtes Amateurrennen also. Als der Startschuss fiel, ging ich das Rennen an, wie ich damals jedes Rennen anging: Ich machte von Anfang an Attacke und riss aus, wenn mir danach war. Ich gewann sämtliche Prämiensprints und auch das Rennen. Nachdem ich meine Prämien eingesackt hatte, packte ich wieder zusammen und machte mich auf den Rückweg. Ich war zufrieden mit mir und machte mir wenig Gedanken darüber, was ich hatte auf mich nehmen müssen, um bei diesem Rennen dabei zu sein. Letztlich war es einfach etwas, das ich tun musste. Aber meine Kollegen und die Betreuer waren baff: »Leck mich, das hast du alles alleine hingekriegt?« Der Sieg war das eine, aber was sie wirklich beeindruckte, das war meine Einstellung. Die meisten Fahrer des Teams hätten nicht im Traum daran gedacht, ohne einen soigneur oder einen Mechaniker oder wenigstens jemanden, der sie hin- und zurückfuhr, zu einem Rennen aufzubrechen. Ich hatte die ganze Sache ganz ohne fremde Hilfe durchgezogen.
Ein gutes Beispiel dafür war die Art, wie wir unsere Räder warteten. Ich reinigte mein Rad nach jeder Trainingsfahrt mit Diesel und zwar so lange, bis es makellos sauber war. Ich achtete darauf, mein Rad jeden Morgen fit fürs Rennen zu machen, jeden verdammten Tag. Die anderen Fahrer und die Betreuer sahen mir dabei zu, und ich war sicher, dass sie sich insgeheim über mich lustig machten. Das Problem war, dass die Fahrer von Vendée U ihr Leben lang von ihren Clubs und Teams mit Rädern ausgestattet worden waren, während ich eigene Rahmen und Komponenten benutzte, auf die ich gespart und die ich von meinem eigenen Geld gekauft hatte. Nach jeder Rennsaison nahm ich mein Rad komplett auseinander und reinigte sämtliche Einzelteile mit Brasso-Metallpolitur und wickelte sie in Zeitungspapier ein, damit sie den Winter warm und trocken überstehen würden. Meiner Ansicht nach musste man seine Sachen hegen und pflegen, weil sie schwer zu bekommen waren. Die Kollegen von Vendée U sahen das anders, und nach ein paar Jahren im Profzirkus hatte auch ich mir diese Einstellung angeeignet. Auch mein Wettkampfrad war später eine Schande, es war ständig schmutzig, und die Reifen meiner Trainingslaufräder waren löchrig wie ein Schweizer Käse. Aber damals, Anfang der Neunziger, stand ich jeden Tag draußen und wienerte wie ein Irrer mein Rad, während meine Kollegen mich auslachten. Es war mir einfach egal.
* * *
Ich gewann in jenem Sommer noch weitere Rennen, aber gegen Ende Juli änderte sich alles.
Während ich mein Rad schob, trug Jean-René meine Tasche und führte mich durch den Vorgarten eines typischen französischen Vorstadthäuschens und klingelte an der Tür. Es war ein warmer Sommerabend, und Sprinkler wässerten träge den gepflegten Rasen vor dem Haus. Während ich auf das Gras blickte, öffnete sich die Tür und ein Mann, der ein paar Jahre älter war als Jean-René und den ich von ein paar Rennen in der Gegend kannte, bat uns herein.
Als wir hineingingen, fiel mir gleich auf, wie dunkel es im Haus war. Wegen der Hitze waren sämtliche Fensterläden tagsüber geschlossen und noch nicht geöffnet worden, um die kühle Abendluft hineinzulassen. Das Haus selbst war ordentlich und sauber, und trotz der seltsamen Stille, die von der Dunkelheit erzeugt wurde, kam es mir irgendwie heimelig vor. Wir gingen in die Küche und nahmen an einem Tisch Platz. Der Mann bot uns höflich etwas zu trinken an. Er öffnete den Kühlschrank und holte ein kaltes Bier für Jean-René und für mich ein Mineralwasser heraus. Dabei drang mir das scharfe Aroma eines vollreifen französischen Käses in die Nase. Es war das erste Mal, dass ich bei richtigen Franzosen daheim zu Gast war. Bis dahin hatte ich in Frankreich mit vier anderen Ausländern zusammengewohnt, und in unserem Kühlschrank roch es nach Schimmel und saurer Milch, und was darin war, hatte weiß Gott nichts Französisches an sich. Hier aber wurde mir gleich bewusst, dass ich mich in einem richtigen französischen Zuhause befand. Der Duft richtigen Essens hätte mich trösten sollen, aber stattdessen wurde mir noch schwerer ums Herz.
Ein paar Tage zuvor hatte ich erfahren, dass ich die Teamunterkunft verlassen sollte, denn Jean-René hatte im wenige Kilometer entfernten Städtchen La Roche-sur-Yon etwas aufgetan, was »passender« für mich wäre. Ohne mich zu fragen, war ausgemacht worden, mich im Haus eines Nachwuchsfahrers unterzubringen, der für den örtlichen Club antrat. La Roche war lose mit Vendée U verbunden und trug ähnliche Trikots, war aber nicht unbedingt das, was man sich unter einem seriösen Radsportteam vorstellte. Dem Club gehörten vor allem ältere Herren und Schüler an. Die Schulferien hatten begonnen, und entweder Jean-René oder die Eltern des Nachwuchsfahrers hatten sich wohl überlegt, dass es sicher nicht schön sein könne, so ganz ohne Altersgenossen in der Teamunterkunft zu wohnen. Vielleicht dachten sie, dass ich ein paar andere Dinge unternehmen würde außer Radfahren und Putzen, wenn ich bei ihnen unterkäme. Das war eine unheimlich freundliche Geste, aber ich war so verbohrt, dass ich am Boden zerstört war, statt mich über die Annehmlichkeiten einer familiären Umgebung zu freuen. Ich kam mir vor wie bei einem Schüleraustausch.
In meinem engstirnigen, verbissen auf mein Ziel ausgerichteten Denken war Vendée U genau der Ort, an dem ich sein musste: Vendée U war der schnellste Weg ins Profigeschäft. Das Leben in der Teamunterkunft war alles andere als einfach. Das ältere polnische Ehepaar war kurz nach meiner Ankunft ausgezogen, und mit den beiden ging auch der letzte Hauch von Sauberkeit und Ordnung verloren. Wir wuschen bestenfalls unsere eigenen Teller und unsere Plätze am Tisch ab, alles andere, wie auch Dusche und Toilette, wurde nicht ein Mal saubergemacht. Die Bude war über alle Maßen abstoßend, trotzdem hatte ich zwei Gründe, dort bleiben zu wollen. Zum einen bedeutete meine bloße Anwesenheit dort, dass ich, selbst wenn ich keine Rennen mit der Mannschaft bestritt, einen Fuß in der Tür hatte. Zum anderen hatte ich das Gefühl, dort einen echten Freund zu haben.
Aidan und ich hatten uns auf Anhieb gut verstanden. Als er nach meinem Einzug von seinem Rennen zurückkehrte, hatte er keine Ahnung, wer ich war und was ich dort zu suchen hatte, aber er schien nicht weiter überrascht, mich in der Unterkunft anzutreffen. Ich stellte mich vor, und es gab keinerlei Probleme, er sagte nur hallo und fing an zu erzählen, als wäre ich schon die ganze Saison da gewesen. So war Aidan: Er nahm die Dinge, wie sie kamen, mit einem Lächeln und einem Achselzucken, und machte weiter seinen Kram.
Als ich nach La Roche abgeschoben wurde, hatte ich das Gefühl, es verbockt zu haben, als hätte ich in den Rennen nicht genug gezeigt, obwohl ich jedes einzelne gewonnen hatte. Von dem Moment an, als Jean-René sich verabschiedete und mich am Küchentisch zurückließ, schlurfte ich durchs Haus wie ein beleidigter Teenager und geißelte mich dafür, in Ungnade gefallen zu sein. Morgens trainierte ich für mich allein und nachmittags lag ich auf dem Bett und las den France Cycliste von vorne bis hinten. Halbwüchsige Burschen sind nicht gerade Meister des Subtilen, und so dämmerte der Familie bald, dass etwas nicht stimmte. Nach etwa zehn Tagen klopfte eines Abends der Vater verlegen an meiner Tür und kam in mein Zimmer.
»Charly, wir haben das Gefühl, dass du nicht ganz glücklich bei uns bist, ich habe daher mit Jean-René gesprochen … falls du also zurück in die Teamunterkunft möchtest …«
Kaum hatte er es ausgesprochen, konnte ich meine Erleichterung kaum verbergen. Ohne darüber nachzudenken, wie unangenehm es für seine Familie war – und mir hätte sein sollen –, lief ich außer mir vor Freude durchs Haus und packte meine Sachen. Als ich etwa eine halbe Stunde später den Wagen von Vendée U vorfahren hörte, stürmte ich durch die Tür und konnte kaum erwarten, wieder in die Unterkunft zu kommen. Sobald ich zurück war in der alten Bruchbude voller polnischer Radfahrer, mit denen ich mich kaum verständigen konnte, und in der es ansonsten zuging wie im Taubenschlag, freute ich mich wie Bolle. In dem Haus einsamer Männer war ich glücklicher als im Schoß einer Familie.
Nach meiner Rückkehr eilte ich den Sommer hindurch beinahe nach Belieben von Sieg zu Sieg. Wie jeder Fahrer weiß, ist alles andere relativ egal, solange es auf dem Rad gut läuft. Das Siegen fiel mir damals leicht, aber ich hatte noch viel zu lernen.
* * *
Bevor ich nach dem Ende meiner ersten Saison heimfuhr, erhielt ich meine erste richtige Lektion im Profigeschäft. Zum ersten Mal wurde ich von jemand anderem als mir selbst unter Druck gesetzt.
Nachdem ich den einheimischen Superstar Sandy Casar bei einem Junioren-Weltcuprennen in der Bretagne locker geschlagen hatte, beschloss Jean-René, mich beim Grand Prix des Nations anzumelden, einem prestigeträchtigen Profizeitfahren, in dessen Vorprogramm auch eine Juniorenkonkurrenz ausgetragen wurde. Das Rennen wurde von den Machern der Tour de France veranstaltet und teilnehmen durfte nur, wer eine Einladung erhielt. Aus irgendeinem Grund wurde meine Anmeldung für das Rennen abgelehnt. Jean-René war außer sich. Wenn er sich etwas in den Kopf setzte, dann war er wie eine Naturgewalt: Nichts konnte ihn aufhalten. Er bestellte mich in sein Büro und sagte: »Setz dich, ich kläre das.«
Er rief sofort bei den Veranstaltern an. Ich wollte unbedingt dabei sein, aber als ich ihm so zuhörte, überlegte ich, ihm vielleicht sagen zu sollen, dass es nicht das Ende der Welt wäre, sollte ich nicht starten dürfen. Ich hörte alles mit: Er versicherte ihnen, dass ich meine Sache gut machen werde, und beteuerte mit der ganzen Empörung eines beleidigten Franzosen: »Ihr müsst diesen Burschen fahren lassen. Ich schwöre euch, dass er sich gut aus der Affäre ziehen wird.«
Vor diesem Telefonat hatte ich lediglich den Druck verspürt, den ich mir selbst auferlegte. Jetzt hatten sich die Vorzeichen geändert: Ich, der dürre kleine Charly Wegelius vom VC York, war soeben von Jean-René Bernaudeau in die Pflicht genommen worden. Der Gedanke, dass dieser Mann, der selbst eine erfolgreiche Profikarriere gehabt und später unter anderem die Castorama-Mannschaft geleitet hatte, ließ mich in meinen blau-gelben, vom Team bereitgestellten claquettes erzittern. Selbst in dem Alter war mir klar, was auf mich zukam. Wie ich im Laufe der Zeit feststellen sollte, waren Druck und die Fähigkeit, mit ihm umzugehen, zwei der maßgeblichen Aspekte im Leben eines Radprofis.
Nachdem er sich so sehr reingehängt hatte, mir einen Startplatz zu besorgen, setzte Jean-René alle Hebel für mich in Bewegung. Nun war es eine Frage der Ehre, also gewährte er mir jegliche Unterstützung, die er irgendwie organisieren konnte. Ich wurde mit dem Teamwagen, drei Zeitfahrmaschinen, vier Scheibenrädern und Teammasseur Jacques Duchain zum Rennen geschickt. Jacques war seit Jahren im Radsport unterwegs und hatte für verschiedene französische Profimannschaften gearbeitet. Er war richtig gut, der beste soigneur, den das Team hatte, und er war nur für mich da.
Das Rennen fand am Lac de Madine in der Nähe von Nancy im Nordwesten von Frankreich statt. Ich reiste am Vortag mit Jacques an und sah staunend zu, wie er einen minutiösen Fahrplan für mich aufstellte. Seine Anwesenheit wirkte beruhigend, aber nicht genug, um meine innere Anspannung zu überwinden. Mein sonst so friedlicher und unbeschwerter Schlaf war zum ersten Mal in meinem Leben unruhig und aufgewühlt.
Am Rennmorgen war ich erst recht ein Nervenbündel. Ich wollte nur endlich auf die Startrampe und losfahren. Bis es so weit war, erschien mir jede Sekunde wie eine Ewigkeit.
Als ich auf die Startrampe rollte und von einem Ordner festgehalten wurde, versuchte ich, alles andere auszublenden. Ich konzentrierte mich ganz auf den Countdown; ich schaute auf den Starter, der auf seine Stoppuhr sah, eine behaarte Hand vor mir ausstreckte und die Sekunden runterzählte: »Cinq … quatre … trois… deux … un … TOP!!«
Vor lauter Ungeduld trat ich so heftig in die Pedale, dass mein Reifen auf der hölzernen Rampe, die noch feucht war vom Morgentau, seitlich wegrutschte. Einen Moment lang rutschte mir das Herz in die Hose, aber nachdem ich es unfallfrei die Rampe hinab auf den Asphalt geschafft hatte, ging ich aus dem Sattel und ließ es richtig krachen. Ich drehte so schnell es ging auf maximale Leistung hoch. Als ich entlang der Absperrung um die erste Kurve in Richtung der offenen Strecke fuhr, fing ich an zu hyperventilieren. Ich hechelte wie ein Hund, der zu blöd ist, die Verfolgung des Hasen aufzugeben. Als ich die Stadt hinter mir ließ und durch die Landschaft bretterte, konnte ich hinter mir die quietschenden Reifen des Begleitwagens hören und Jacques’ Blicke auf mir spüren. Die Strecke war kurvenreich, aber es war windstill. Meine Gedanken kreisten um das Bild, das ich von Jean-Renés Telefonanruf im Kopf hatte: »Er wird Leistung bringen, ich verspreche es.« Meine Lunge brannte, aber weil ich unbedingt gut sein wollte, war ich beinahe sauer auf mich selbst, weil ich so litt. Ich verausgabte mich, trat immer härter – und selbst das war nicht genug. Ich forderte immer noch mehr von mir. Als ich am Limit war, stachelte ich mich dazu an, noch mehr aus mir herauszuholen. Die 35 Kilometer vergingen wie im Rausch. Ich konzentrierte mich auf einen Punkt in der Ferne und zwang jede Faser meines Körpers dazu, diesen Punkt so schnell wie möglich zu erreichen.
Begleitet vom ekstatischen Geschwätz des Sprechers schoss ich ins Ziel, aber sobald ich hinter der Linie keuchend zu Atem kam, wünschte ich mir, noch einmal von vorn beginnen zu können. Ich war sicher, dass es nicht gereicht hatte. Ich steuerte das Rad in Richtung Parkplatz und schaute mich nach Jacques um. Während der Schmerz der Anstrengung langsam meinem Körper entwich, sah ich den Wagen 50 Meter weiter in eine Parklücke brettern. Jacques sprang aus dem Auto und gestikulierte ganz aufgeregt in meine Richtung. Plötzlich begriff ich, dass sich die Mühe gelohnt hatte.
Ich kam neben dem Wagen zum Stehen, und Jacques fasste mich an den Schultern. »Fantastisch, Charly, fantastisch!« Er konnte seine Freude nicht verbergen; ich hatte die Bestzeit abgeliefert. Ich hatte Jean-Renés Versprechen eingelöst und den Zweitplatzierten um eine Minute und 20 Sekunden geschlagen, ein Riesenvorsprung über diese Distanz.
Auch auf der Rückfahrt war Jacques noch außer sich vor Freude. Es war, als hätte er soeben eine ganz besondere Entdeckung gemacht. Ich glaube, er hatte über den Sieg hinaus etwas in meiner Fahrweise gesehen, mit dem ich es weit bringen könnte. Jacques verkörperte einen Teil der Radsporttradition, er gehörte zu der Art von soigneur, die sich aufgrund reiner Begeisterung und Hingabe für das métier einen gewaltigen Wissensschatz erworben hatten. Er kannte den Radsport und wusste, wie man Talente fördert. Er zügelte seine Euphorie und sprach sehr bedächtig zu mir: »Charly, das war ein vielversprechender Anfang. Du hast das Talent, aber du darfst es dir nicht zu Kopfe steigen lassen. Wenn du Profi werden willst, hast du noch einen langen Weg vor dir und du darfst nicht durchdrehen. Es ist ein harter Job. Es heißt, faire le métier, wenn du verstehst, was ich meine … Du musst sehr viel arbeiten, du musst sehr hart arbeiten und du darfst nicht abheben, aber das war ein schöner Anfang. Ein sehr schöner Anfang …«
Der GP des Nations war mein letztes Rennen des Jahres 1996 und bildete den Abschluss meiner ersten Erfahrungen auf dem europäischen Festland. Bevor ich mich auf den Rückweg nach England machte, teilte Jean-René mir mit, dass ich auch für die folgende Saison eingeladen und ein monatliches Gehalt von 4.000 Franc erhalten würde. Dass ich es auf Anhieb in eine der besten Amateurmannschaften in Frankreich geschafft hatte, empfand ich nicht als besonderen Erfolg, sondern als ganz natürlich. Das Geld war wie alles andere nur Mittel zum Zweck. 4.000 Franc waren damals ein ziemlicher Batzen für mich, bedeuteten aber nichts weiter, als dass ich zusammen mit den Preisgeldern, die ich im Laufe der Saison gewonnen hatte, genug hätte, um durch den Winter zu kommen, ohne arbeiten zu müssen. So würde ich mich voll und ganz auf das Training für das kommende Jahr konzentrieren können. Ich war erst 18 und auf einem guten Weg, aber nichts hätte mich auf meine erste richtige Saison bei den Männern vorbereiten können.
* * *
Im April 1997 stand ich an der Startlinie der Trophée des Grimpeurs und sah mich um. Nur wenige Monate zuvor war ich noch bei den Junioren gefahren, wenn auch ziemlich erfolgreich. Jetzt war ich von einigen der besten französischen Profis der damaligen Zeit umgeben, darunter der dreimalige Bergkönig der Tour de France Richard Virenque und seine Teamkollegen von Festina. Ich war wie gelähmt. Im Vorjahr war ich meinen Konkurrenten noch so überlegen gewesen, dass ich sie nach Belieben beherrschte, und hatte es großartig gefunden. In einem Rennen hatte ich mich zum letzten Erwachsenen umgedreht, der noch an meinem Hinterrad klebte, und hätte fast gelacht, als er mich anbettelte, »bitte langsamer zu fahren«, weil er unbedingt Zweiter werden wollte. Ich war sadistisch und grausam gewesen, aber nun war ich nicht mehr auf dem Kinderspielplatz und würde am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlte, wenn einem wehgetan wurde.
Dank seines Status als eines der besten Amateurteams in Frankreich erhielt Vendée U Einladungen zu zahlreichen Profirennen, bei denen zu jener Zeit auch Amateure zugelassen waren. Eins davon war die Trophée des Grimpeurs. Es mag nicht so bekannt sein, aber es war ein hartes Rennen, und ich war erst 18. Als wir am Start losfuhren, rollte ich mit und hoffte, dass die Kollegen es gemächlich angehen würden und ich mich so lange wie möglich im Feld verstecken könnte. Keine Chance. Das Rennen war nur 96 Kilometer lang und führte über einen Rundkurs in der Nähe von Paris, auf dem es buchstäblich einen Hügel rauf- und wieder runterging. Sobald es losging, hatte ich das Gefühl, in Treibsand zu versinken. Ein Fahrer nach dem anderen zog an mir vorbei, und so sehr ich mich auch abstrampelte, ich konnte das Tempo einfach nicht mitgehen. Ich schaffte es nicht mal, meine Position im Hauptfeld zu halten. Verzweifelt musste ich mitansehen, wie mich die Konkurrenz einfach stehen ließ. Noch bevor es zum ersten Mal in den Anstieg ging, wurde ein barbarisches Tempo angeschlagen – so etwas hatte ich nie zuvor erlebt. Ich hielt nicht mal eine Runde durch. Als ich ausstieg, schämte ich mich in Grund und Boden und stellte mich auf einen gewaltigen Anpfiff von Jean-René ein.
Ich fürchtete, dass er wütend und enttäuscht sein würde und dass das Team nun sähe, dass ich doch nicht so gut war, wie alle dachten. Komischerweise schien sich aber niemand an meiner jämmerlichen Vorstellung zu stören – zumindest nach außen hin. Meine Ergebnisse im Vorjahr hatten Bernaudeau von meinem Talent überzeugt. Vielleicht hielt er mehr von meinen Leistungen, als ich es selbst tat, oder vielleicht stellte ich einfach unrealistisch hohe Erwartungen an mich. Womöglich zog ich mich gar nicht so schlecht aus der Affäre. Wie auch immer, Jean-René stellte mich weiterhin in der ersten Mannschaft auf, und ich war weiterhin bei allen größeren Rennen dabei, an denen das Team teilnahm.
Nach der Trophée des Grimpeurs bestritten wir die Tour de Vaucluse in der Provence, wo die Anforderungen und das Leiden sich nochmals steigerten. In einem Etappenrennen ist man gezwungen, irgendwie durchzuhalten und sich die ganze Quälerei bis zum bitteren Ende und bis zum nächsten Tag anzutun – ganz einfach, weil es einen nächsten Tag gibt. Ich kam durchweg als Letzter ins Ziel. Sobald das Feld Ernst machte, wurde ich durchgereicht und fiel hinter das Peloton und die Begleitwagen zurück. Ich war vollkommen platt. Wenn ich morgens zum Frühstück ging, legte ich mich danach in der kurzen Pause bis zum Start noch einmal hin, weil ich dermaßen im Eimer war.
Es waren nicht nur die Anforderungen des Rennens, mit denen ich mich schwertat. Für meine Kollegen, die in der Regel sehr viel älter waren als ich, war ich nur einer dieser Ausländer, die es auf ihren Platz abgesehen hatten, und daher verdiente ich kein Mitleid. Auf einer Etappe der Tour de Vaucluse stand ich plötzlich im Wind, als das Feld in die Länge gezogen wurde. Ich versuchte verzweifelt, mich wieder einzureihen, aber selbst mein eigener Teamkollege Walter Bénéteau ließ mich nicht rein. Ich war fassungslos. Er hätte nur einen Tritt auslassen müssen, damit ich nicht bis ans Ende des Feldes durchgereicht würde, aber er sah mich nur an, schüttelte den Kopf und machte die Lücke wieder zu. Das enttäuschte mich damals und tut es auch heute noch. Ich glaube nicht, dass es an der Sprachbarriere lag oder das Problem kultureller Natur war oder mir der Sinn für den französischen Humor fehlte. Ich wollte Profi werden und sämtliche meiner Kollegen wollten es auch. Die Zahl der Plätze war begrenzt, und letztlich kämpften wir alle, jeder auf seine Weise, mit allen Mitteln darum. Derartige Konkurrenzkämpfe sind es, die über das Wohl und Wehe vieler Fahrer den Ausschlag geben. Sie zwingen einen dazu, entweder aufzugeben oder noch mehr aus sich herauszuholen.
Meine einzige Rettung war Aidan. Aidan lebte bereits seit zwei Jahren in Frankreich, als ich dort ankam. Er hatte ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht, und dieses Verständnis trug dazu bei, dass wir auf Anhieb prächtig miteinander auskamen.
Wir hatten nicht viel Geld und setzten uns in den Kopf, damit so lange wie möglich über die Runden zu kommen. Wir machten eine Art Wettbewerb daraus und verfielen auf immer neue Möglichkeiten, jeden Penny zu sparen. Das Spiel war für uns eine Art Erweiterung der Welt, als dessen Teil wir uns verstanden: Amateurfahrer waren dazu bestimmt, kein Geld zu haben, also setzten wir es uns in den Kopf, dementsprechend zu leben. Wir lachten darüber und machten uns einen Spaß daraus, aber jedes Mal, wenn wir den Wagen im Leerlauf bergab rollen ließen, um Sprit zu sparen, oder morgens zum Supermarkt fuhren, um das muffige Brot vom Vortag zu kaufen, grinste Aidan mich an und sagte: »Wir machen das, damit wir später Champagner trinken können.« Das Ganze wurde zu einer fixen Idee. Selbst die Gratiskekse in einem Campanile-Hotel abzugreifen, werteten wir als sagenhaften Coup. Wir kehrten mir aberwitzigen Mengen an Beute aus Hotels zurück, unsere Koffer bis zum Bersten gefüllt mit Toilettenpapierrollen, Seife, Zuckertütchen – alles, wovon man behaupten konnte, es würde die Haushaltskasse irgendwie entlasten (und die Sparfuchs-Erfolge des anderen übertreffen).
Zwar waren diese Eskapaden mit Aidan eine nette Ablenkung, aber mehr eben auch nicht. Mitte 1998, in meinem zweiten Amateurjahr bei Vendée U, reifte in mir die Gewissheit, dass sich etwas ändern musste. Ich hatte reichlich Prügel eingesteckt, war aber bei keinem einzigen Rennen dabei gewesen, bei dem ich mir ernsthafte Hoffnungen auf einen Sieg machen konnte. Ich war zunehmend frustriert. Zielstrebigkeit und Jugend bilden eine Kombination, die einen den Kummer bisweilen vergessen lässt. Wie man sich wirklich fühlt, wird einem erst klar, wenn man eines Tages die spontane Entscheidung trifft, alles über den Haufen zu werfen.
Ich zitterte beinahe, als ich an Jean-Renés Tür läutete. Ich zwang mich dazu, geradezustehen, bevor ich den Klingelknopf drückte. Als ich es tat, spürte ich den Adrenalinschub, der einen durchfährt, wenn es kein Zurück mehr gibt. Wenn man einen schwierigen Anruf hinter sich bringen muss, gibt es beim ersten Läuten immer diesen Bruchteil einer Sekunde, in dem das Herz rast und man sich sagt: »Noch kann ich auflegen.« Aber sobald ich die Klingel betätigte, wusste ich, dass ich von Jean-Renés Tür nicht einfach davonlaufen könnte. Ich musste die Sache durchziehen, komme, was da wolle.
Als die Tür entriegelt wurde, klopfte mir das Herz in der Brust. Jean-René war ein wenig überrascht, mich um neun Uhr morgens vor seiner Haustür anzutreffen. »Charly?«
»Jean-René, ich komme, um dir zu sagen, dass ich das Team verlasse. Ich gehe zurück nach England, sobald ich einen Flug organisiert habe. Ich danke dir für alles, was du für mich getan hast, aber es ist an der Zeit, dass ich weiterziehe.«
Er sah aufrichtig erstaunt aus.
»Und die Tour de l’Avenir?«
Die Tour de l’Avenir im September war für das Team eines der größten und wichtigsten Rennen der Saison und nur noch drei Wochen entfernt. Meine Entscheidung aber war gefallen, und ich wusste, dass es kein Zurück gab und ich nicht mehr mit der Mannschaft weitermachen könnte. Es hatte mir so viel abverlangt, bis hierher zu kommen, dass ich fest entschlossen war, auf keinen Fall einen Rückzieher zu machen.
»Ich werde nicht für Vendée U dabei sein. Ich gehe. Es tut mir leid, aber das ist das Beste für meine Karriere.«
Es war getan. Jean-René akzeptierte meine Entscheidung, aber ich wusste, dass sein Stolz verletzt war. Fahrer verließen Vendée U nicht einfach aus eigenem Antrieb. Es war das beste Amateurteam in Frankreich, und Jean-René genoss in den Kreisen, in denen er verkehrte, großen Respekt. Er war ein Mann, der einem jungen Fahrer den Traum von der Profikarriere erfüllen konnte, und dementsprechend wurde er auch von den Leuten um ihn herum behandelt. Mein Schritt muss ihm ziemlich anmaßend erschienen sein, aber für mich ergab er Sinn.
Die Entscheidung war mir keineswegs leicht gefallen. Die Kehrseite meiner bornierten Zielstrebigkeit, die mich eine Menge Dreck erdulden ließ, war die fehlende Einsicht, dass man manchmal einen Schritt zurückmachen muss, um voranzukommen. So konnte es nicht weitergehen, und eines Tages, bei meiner Rückkehr aus einem Trainingslager, war das Maß voll. Wie sich abends herausstellte, war in meiner Abwesenheit etwas vorgefallen. Ich weiß bis heute nicht, was genau, aber offenbar war jemand in mein Zimmer eingebrochen, als er es verschlossen vorfand. An sich war das nur eine Lappalie und vielleicht belanglos, aber diese Verletzung meiner Privatsphäre ging mir gegen den Strich und sie war der Auslöser, den ich brauchte. Als ich entdeckte, was passiert war, war ich so sauer, dass ich einen fürchterlichen Wutanfall bekam. Ich werde Aidan ewig dafür dankbar sein, eingeschritten zu sein. Er hatte meine Unzufriedenheit schon gespürt, als ich noch blind dafür war. Er nutzte den Zwischenfall, um mich zu bestärken: »Du kannst jetzt nicht mehr zurück, du musst hier weg.« Das war genau, was ich gebraucht hatte.
Ich war nach Frankreich gegangen, weil es mir als die einzige Möglichkeit erschienen war, es zum Profi zu schaffen. Ich setzte eine lange Tradition britischer Radfahrer fort, indem ich den ganzen Mist in Frankreich auf mich nahm, auf einem Bett auf Ziegelsteinen schlief, in einem Haus voller Kakerlaken, und mich wieder und wieder vom System und den Leuten um mich herum verarschen ließ. Das alles konnte ich ertragen. Das Problem war, dass es mich überhaupt nicht weiterbrachte, in Frankreich zu fahren, und ich keine Gelegenheit erhielt, mich zu profilieren. Ich hatte das Gefühl, seit meinem Wechsel von den Junioren zu den Amateuren nur versagt zu haben. Ich hatte in meinem ersten Jahr in Frankreich elf Rennen gewonnen, aber seither war ich bei allen Wettkämpfen nur noch unter ferner liefen gelandet. Zum ersten Mal in meiner Karriere war mein Selbstvertrauen angekratzt. Ich fing schon bald an, alles um mich herum in Frage zu stellen. Nüchtern betrachtet verbrachte ich meine Zeit damit, gegen 35-jährige Amateure in Mavic-Cup-Rennen zu fahren oder in Rennen der Coupe de France gegen Profis anzutreten. Letztere waren viel zu schwer für mich und die erstgenannten, die typisch französischen Rennen, fanden auf flachen Straßen statt und waren eher etwas für Fahrer, die den ganzen Tag Tempo fahren konnten oder sich mit Kortison zudröhnten und grundsätzlich bis zum Anschlag bolzten. Welche Art Fahrer ich war, lag auf der Hand: Mit 60 Kilogramm, schmaler Figur und zierlichem Körperbau war ich zweifellos zum Klettern bestimmt. Weil ich kräftig war, konnte ich auch in der Ebene mithalten, aber in flachen, windgepeitschten Rennen war meine Physis ein großes Handicap.
Als ich mich mit dem Gedanken an eine mögliche Karriere als Profi auseinandersetzte, begann ich dies als Problem zu sehen. Man muss schlicht und ergreifend Siege vorweisen können, um ins Geschäft zu kommen. Damit sah es bei mir aber mager aus. In taktischer Hinsicht funktionierte Vendée U wie eine Profimannschaft, meine Dienste waren also vor allem in der Anfangsphase eines Rennens gefragt, mit dem Ausgang hatte ich aber nichts zu tun. Ich fing an, mir einzureden, dass ich einfach nicht gut genug sei, aber Jean-René verstand den Radsport und erkannte mein Talent. Was er nicht ahnen konnte, war, dass mir das nicht klar war. Ich war zunehmend ernüchtert über das, was ich tat. Ich fuhr die Rennen zu Ende, mehr aber auch nicht. Ich hatte das Gefühl, dass es eh niemanden interessierte. Tatsächlich wurde ich ein immer besserer Fahrer, aber ich nahm die Fortschritte nicht wahr, und Jean-René hielt es nicht für nötig, mir dies zu erklären.
Nachdem ich meinen Frust herausgelassen und Aidan mich auf die eigentlichen Probleme gestoßen hatte, sah ich sehr klar, was ich zu tun hatte und was falsch lief. Von da an hielt ich es keinen weiteren Tag mehr dort aus. Mein Entschluss war gefasst. Ich verkaufte Aidan noch am gleichen Abend mein Auto und bereitete mich innerlich darauf vor, Jean-René gegenüberzutreten und mich für immer zu verabschieden.
KAPITEL 2
VON EHRGEIZ GETRIEBEN
Als ich Ende 1998 nach Großbritannien zurückkehrte, wusste ich, dass ich mir ein paar Gedanken machen müsste. Ich zog wieder bei meiner Mutter in York ein und führte zahllose Telefonate, um zu erkunden, welche Möglichkeiten mir in der Saison 1999 offenstanden. Ich hatte soeben dem renommiertesten Amateurteam in Frankreich den Rücken gekehrt und war dementsprechend nicht scharf darauf, mit einer anderen französischen Mannschaft dem gleichen System erhalten zu bleiben. Ich hatte einen mutigen Schritt gewagt und ein Umfeld verlassen, das für mich nicht funktionierte. Nun galt es herauszufinden, was funktionieren würde.
Dann erhielt ich einen Anruf, mit dem sich eine ganz neue Richtung auftat.
»Charly, ich bin’s, Ken. Wie stehen die Aktien?«
Ken war mein Trainer und rief normalerweise an, um das Training zu besprechen, also setzte ich ihn kurz über meine körperliche Verfassung ins Bild: »Ehrlich gesagt bin ich immer noch ziemlich müde, Ken. Keine Krankheiten oder so, aber du weißt ja, wie das ist, wenn man auf der Suche nach einem Team ist.«
»Eigentlich rufe ich dich genau deswegen an. Wie wär’s, wenn du zum Velodrom in Manchester kämst, um mit John und mir über das neue World-Class-Programm zu sprechen? Ich glaube, das könnte was für dich sein.«
Ken Matheson war mein Coach, seitdem ich 16 war. Wegen der Entfernung und weil ich mich an das vom Team verordnete Trainingsprogramm halten musste, war unsere berufliche Beziehung während meiner Zeit in Frankreich zum Erliegen gekommen, trotzdem standen wir uns immer noch nah. Neben Mike Taylor, den ich so oft es ging angerufen hatte (ohne zu viel Geld für Telefonkarten auszugeben), gehörte Ken zu den wenigen Leuten, derentwegen ich in Frankreich eine Telefonzelle aufsuchte, wenn ich einen Rat brauchte. Ken war vor kurzem zum Leiter des neuen Förderprogramms der U23 ernannt worden und sah darin die perfekte Gelegenheit, unsere gemeinsame Arbeit wieder aufzunehmen.
Im Vorjahr war ich bei den U23-Straßenweltmeisterschaften im holländischen Valkenburg für Großbritannien an den Start gegangen. Schon damals hatte es Pläne gegeben, ein Förderprogramm für ambitionierte britische Fahrer einzurichten, aber ich hatte keinen Gedanken daran verschwendet, dass es etwas für mich sein könnte. Bis dahin hatte es für britische Fahrer im Ausland keinerlei Unterstützung finanzieller oder sonstiger Natur seitens des Verbandes gegeben. Ich hatte lediglich ein kleines Stipendium vom Dave Rayner Fund bekommen, einer Stiftung, die in Gedenken an den gleichnamigen britischen Fahrer eingerichtet worden war, der unter tragischen Umständen zu Tode gekommen war. Die Stiftung unterstützte jährlich eine Handvoll britischer Fahrer, aber für den nationalen Verband war die Welt des professionellen Radsports ein Mysterium, so wie auch für die meisten britischen Fahrer.
Es war nicht nur eine Frage fehlender Mittel. Es fehlte an der Kompetenz, den richtigen Kontakten und dem Verständnis für das Profigeschäft. Auf nationaler Ebene war der Radsport in Großbritannien damals so miserabel organisiert, dass Generationen von Fahrern praktisch gezwungen waren, ihr Glück in der unberechenbaren Welt des Amateurradsports auf dem europäischen Festland zu versuchen. Doch ohne, dass ich es mitbekommen hatte, hatte sich in letzter Zeit offenbar einiges getan, und dank des World Class Performance Plans, kurz WCPP, würde sich auch für mich vieles verändern.
Ein paar Tage später fand ich mich im fensterlosen, kühlen Büro des WCPP in den Katakomben des Manchester Velodrome ein. Mir gegenüber saßen Ken Matheson und John Herety, der Teamchef der Nationalmannschaft. Ich kannte Ken so gut, dass ich mich angesichts des formellen Rahmens und Tonfalls des Gesprächs ein wenig unbehaglich fühlte.
Es war John, der als Erster das Wort ergriff: »Ich weiß, dass du dir ungefähr denken kannst, worum es hier geht. Im Wesentlichen sieht es so aus, dass wir für die Finanzierung grünes Licht bekommen haben und Peter Keen die Idee eines Förderprogramms für British Cycling entwickelt hat. Unser Ziel ist es, ein System auf die Beine zu stellen, das junge Fahrer finanziell unterstützt und ihnen die Ausrüstung und die notwendigen Trainingsmöglichkeiten bereitstellt, damit sie die Chance haben, bei Welt- und Europameisterschaften konkurrenzfähig zu sein.
Du bist als einer der Fahrer ausgemacht worden, die das Talent mitbringen, bei großen Meisterschaften um die Medaillen mitzufahren, und wir möchten dir für das Jahr 1999 einen Platz im Programm anbieten … und wenn du in diesen Rennen für uns an den Start gehst, bedeutet das für dich natürlich auch die Chance, dich für einen Platz in einem Profiteam zu empfehlen.«
Sie erläuterten mir die Einzelheiten des Deals. Ich würde ein Gehalt von 12.000 Pfund bekommen und in Großbritannien stationiert sein, von wo aus ich mit der Nationalmannschaft zu Rennen in ganz Europa reisen würde. John und Ken wussten natürlich ganz genau, dass mich vor allem eines interessierte: Mehr als Geld und Medaillen wollte ich einen Profivertrag. Alles andere diente nur dazu, mich dorthin zu bringen.
Obwohl es verlockend klang, wollte ich nichts überstürzen. Ken und John gaben sich alle Mühe, mir sämtliche Vorzüge des neuen Programms vor Augen zu führen. Zwar stimmte es, dass dem WCPP ein beachtliches Budget zur Verfügung stand, trotzdem hatte ich nach wie vor das Gefühl, dass sie eigentlich nicht wussten, was sie taten. Es gab ein neues Logo und einen neuen Briefkopf und Leute, die Wettkampfprogramme herumfaxten, aber letztlich war es immer noch der britische Radsportverband und irgendwie konnte ich mir nicht vorstellen, dass es möglich sein sollte, bei einem Profiteam auf dem Festland unterzukommen, solange man in Großbritannien ansässig war. Insgeheim war ich nach wie vor überzeugt, dass Radprofis auf eine ganze bestimmte Weise geschmiedet wurden; auf dem europäischen Festland zu leben und zu fahren, war bis dahin ganz einfach die einzige Möglichkeit gewesen, es zu schaffen. Die Entscheidung fiel mir nicht leicht.
»Kann ich noch ein bisschen Bedenkzeit haben?«
Ken und John wirkten beide ein wenig perplex. Sie hatten mir soeben ein Angebot gemacht, um das sich viele britische Fahrer gerissen hätten, und ich zierte mich.
In den folgenden Tagen grübelte ich über einer Entscheidung. Das Problem war, dass der Weg ins Profigeschäft aus meiner Sicht grundsätzlich über das Ausland führte. Mannschaften wie Vendée U in Frankreich und vergleichbare Amateurteams in Italien und Spanien brachten jedes Jahr zwei oder drei Profis hervor. Soweit ich wusste, hatte es in der Geschichte nur ein einziger britischer Fahrer zu den Profis geschafft, ohne den Umweg über das europäische Amateursystem zu machen, und das war Chris Boardman. Er war aber die Ausnahme von der Regel; als absoluter Zeitfahrspezialist hatte er es außerdem vermieden, jemals ein echter Teil der europäischen Radsportszene zu werden.
Mir war klar, dass der WCPP die Geschichte nicht auf seiner Seite hatte, aber andererseits würde er mir die Gelegenheit geben, wieder mit Ken zusammenzuarbeiten. Ken hatte mich seit meinem ersten Rennen bei den Junioren betreut. Er wusste besser als jeder andere, wie mein Körper reagierte, und seine Trainingskonzepte passten perfekt zu meinen physischen Möglichkeiten. Sich wieder mit ihm zusammenzutun, war ein gutes Argument. Das andere große Plus war, dass sich das Programm ausschließlich an junge Fahrer richtete und mir ermöglichen würde, U23-Weltcuprennen zu bestreiten. Nach zwei Jahren, in denen ich als Amateur gefahren und bei vielen Rennen gegen Profis angetreten war, mochte das auf den ersten Blick wie ein Rückschritt zu den Junioren aussehen. Aber nun, im U23-Weltcup, würde ich mich mit den weltweit besten Fahrern meines Alters messen. Ich würde mich für die Profiteams ins Schaufenster stellen.
Eine gewisse Skrupellosigkeit meinerseits gab letztlich den Ausschlag darüber, sich dem Programm anzuschließen, statt auf das europäische Festland zurückzukehren. Ich kannte so ungefähr das Niveau der anderen Fahrer, die für den WCPP in Frage kamen, und wusste, dass ich auf der Straße der einzig aussichtsreiche Kandidat war. Somit würde das gesamte Programm auf meine Bedürfnisse maßgeschneidert werden müssen. Damit der WCPP erfolgreich wäre, müsste ich erfolgreich sein. Das Programm war darauf angelegt, mir die besten Bedingungen zu ermöglichen. Sie brauchten mich, und ich brauchte sie.
Zwar war die Konkurrenz wesentlich überschaubarer, aber auch das U23-System hatte seine Tücken. Die Altersbegrenzung gaukelte den Fahrern eine Art Verfallsdatum vor, was mir schon in Frankreich im Hinterkopf herumgespukt war. Als ich darüber nachdachte, in der U23 an den Start zu gehen, rückten solche Überlegungen jetzt wieder in den Vordergrund. Unter uns jungen Fahrern herrschte die Vorstellung, dass der Zug quasi abgefahren wäre, hatte man die 23 erst einmal überschritten. Im Nachhinein wurde mir klar, dass das Blödsinn war. Junge Fahrer brauchen unterschiedlich lange, um sich zu entwickeln, und es gibt keine Altersgrenze dafür, wann man Profi werden kann. Wie jeder andere auch hatte ich es einfach sehr eilig gehabt. Schon bevor ich für den WCPP zusagte, war ich ein recht verbissener junger Mann gewesen. Aber nachdem ich die Entscheidung getroffen hatte, bei dem Programm mitzumachen, war es erst recht so, als würde die Uhr ticken. Wir schrieben das Jahr 1999, mir blieben noch zwei Jahre in der U23, aber innerlich dachte ich, dass es in diesem Jahr passieren müsste.
Doch bei diesem Unterfangen hätte ich kaum einen schlechteren Start erwischen können.
* * *
Ich wachte nachts mehrmals unter Schmerzen auf, in diesen gestärkten, weißen Laken, an denen man ein Krankenhausbett sofort erkennt. Ich war kein einziges Mal wach genug, um einen klaren Gedanken zu fassen, aber ich konnte Stimmen hören. Ganz in der Nähe vernahm ich zwei mit unverkennbar irischem Akzent.
»… als junge Kerle so im Wald herumzuturnen …«
»Tja, wenn er nicht durchkommt … ich hoffe nur, er macht mal hin, ich würde echt gerne nach Hause.«
Am nächsten Tag erwachte ich mit großen Schmerzen und mir fiel wieder ein, was geschehen war. Es war November, und ich hatte mich einverstanden erklärt, für den WCPP zu fahren, aber bevor ich ins Training für die Saison 1999 einstieg, reiste ich nach Irland, um Aidan zu besuchen. Gleich am Morgen nach meiner Ankunft hatten wir uns das Quad seines Nachbarn Killian (»Killer« für seine Freunde) geborgt, um im Wald die Sau rauszulassen. Es war ein Riesenspaß, aber weil wir ungestüme, mit Testosteron aufgeladene junge Burschen waren, wurden wir natürlich übermütig, und es kam, wie es kommen musste. Aidan saß am Steuer und ich auf dem Soziussitz, als wir mit Vollgas in eine Kurve gingen, die sich als enger herausstellte, als wir dachten. Das Quad richtete sich auf und warf Aidan einfach ab, aber ich blieb irgendwie drauf und geriet darunter, so dass das ganze Gewicht des Fahrzeugs auf mir lastete, als es sich überschlug. Ich hatte schon eine Menge Stürze auf dem Rennrad hinter mir, aber als ich aufstand, war sofort klar, dass es mich übel erwischt hatte. »Huch, ich lebe noch«, dachte ich erschrocken, bevor ich allmählich wieder klar wurde und die Lage checkte. Entsetzt stellte ich fest, dass mein Fuß vollkommen verdreht war und in die falsche Richtung zeigte.
Mein Verstand setzte aus. Aidan begriff, dass er handeln musste, und versuchte, einen Notarzt zu rufen. Aidan war damals einer der wenigen Menschen, die ich kannte, die ein Mobiltelefon besaßen, aber es war 1998 und wir befanden uns mitten in einem Wald in Irland – was den Handyempfang anging, hätten wir genauso gut mitten auf dem verfluchten Atlantik sein können. Unsere einzige Option war, das Quad wieder aufzurichten und zurückzufahren. Der Weg zurück zum Pritschenwagen, den wir für den Transport benutzt hatten, war die Hölle. Jede Wurzel und jede Bodenwelle jagte mir stechende Schmerzen durch den ganzen Körper. Als wir den Wagen erreichten, hatte Aidan endlich wieder Empfang und rief einen Krankenwagen, aber wir hatten keinen blassen Schimmer, wo genau wir waren. Aidan versuchte so gut es ging die Strecke zu beschreiben, die wir gekommen waren, sah jedoch bald ein, dass es keinen Zweck hatte. Ich hörte ihn sprechen, aber mir dämmerte allmählich, dass etwas ernsthaft nicht stimmte. Ich krümmte mich vor Bauchschmerzen und wagte nicht, meinen Fuß anzusehen, der am Ende meines Beins baumelte. Ich spürte, wie mich die Kräfte verließen.
Aidan befand, dass es nicht in Frage käme, auf den Krankenwagen zu warten, doch in all der Aufregung hatten wir auch noch unterwegs den Autoschlüssel verloren. Er schlug die Scheibe ein und schloss seinen eigenen Wagen kurz, bevor er mich auf den Beifahrersitz hievte und losfuhr. Ich verlor immer wieder das Bewusstsein. Um nicht ohnmächtig zu werden, versuchte ich, mich auf den entsetzlichen und nicht enden wollenden Schmerz zu konzentrieren, der mich durchfuhr. Als wir das Krankenhaus erreichten, konnte ich nicht mehr. Ich kritzelte meine Unterschrift unter die Einverständniserklärung, die man mir unter die Nase hielt, und dann bekam ich endlich eine Narkose.
Das ist alles, woran ich mich erinnern kann, ehe ich nachts wach wurde. Während ich weggetreten war, hatten die Ärzte meine Milz entfernt und meinen Knöchel gerichtet. Ich hatte innere Blutungen gehabt, und weil es so lange gedauert hatte, mich ins Krankenhaus zu bringen, hatte ich in echter Lebensgefahr geschwebt. Am Morgen war ich stabil, aber die Schmerzen waren immer noch grauenvoll. Mein Magen wurde von Klammern zusammengehalten, und aufgrund einer allergischen Reaktion gegen das Anästhetikum musste ich die ganze Zeit kotzen. Der Schmerz, den ich beim Aufwachen und beim ständigen trockenen Würgen verspürte, waren die schlimmsten Qualen, die ich jemals erlebt habe. Um die Schmerzen irgendwie zu ertragen, bettelte ich unablässig um Morphium. Ich verfiel in einen benommenen, semikomatösen Zustand und verlor immer wieder das Bewusstsein, während Celine Dion im Krankenhausradio scheinbar in einer Endlosschleife »That’s The Way It Is« sang. Noch heute jagen mir eiskalte Schauer über den Rücken, wenn ich dieses Lied höre.
Mein erster Besucher war Pat McQuaid. Er hatte von Mike Taylor von dem Unfall gehört und war sofort gekommen, um nach mir zu sehen. Pat war damals Organisator der Junior Tour of Ireland, und sein Besuch gab mir wirklich Auftrieb. Ich wurde in ein größeres Krankenhaus in Dublin verlegt, wo ich erneut operiert wurde, diesmal um meinen Knöchel mit zwei Metallstiften zu stabilisieren. Ich hatte ohnehin schon eine Heidenangst angesichts der Schwere des Unfalls gehabt, aber als nach der zweiten Operation der Chefarzt zur Visite kam, wurde es noch schlimmer.
»Tja, alles gut verlaufen. Sie werden Ihren Fuß wieder normal bewegen können … aber Gelbe Trikots werden Sie nicht mehr gewinnen.«
Diese Bemerkung ging mir durch Mark und Bein. Als er das Zimmer verließ, um seine Runde fortzusetzen, war ich gelähmt vor Entsetzen. Ich wiederholte laut seine Worte: »Gelbe Trikots werden Sie nicht mehr gewinnen.« Was hatte diese Bemerkung zu bedeuten? In meiner Panik wurde ich wütend. Hatte er das Gelbe Trikot nur erwähnt, um sich bei mir einzuschmeicheln? Oder wusste er, wovon er sprach und dass ich nicht mehr derselbe sein würde? Ich hätte nichts davon, mich nur »normal bewegen« zu können, schließlich wollte ich Profi werden, und zwar in einer der härtesten Sportarten der Welt. Was, wenn meine Radsportkarriere vorbei wäre, bevor sie richtig begonnen hatte? Ich war so sauer, dass ich den Arzt auf dem Flur zur Rede stellen und ihn fragen wollte, was zum Teufel er gemeint hatte, aber schon beim Gedanken daran, mich zu bewegen, jagten mir Schmerzen in Schockwellen durch den Körper.
Ich war zwei Wochen lang bewegungslos ans Bett gefesselt, bevor ich nach York zurückkehren konnte. Im Krankenhaus hatte ich über die sehr reale Möglichkeit nachgedacht, meine Träume von der Profikarriere begraben zu müssen. Das war mehr als nur ein bloßer Rückschlag, hier ging es ums Eingemachte: Nie wieder Rennen fahren zu können, würde bedeuten, nicht mehr das tun zu können, was ich liebte und was ich brauchte. Alles in meinem Leben war akribisch auf dieses Ziel ausgerichtet, und jetzt, nach einem Moment der Dummheit, war vielleicht alles vorbei. Meine Stimmung schlug von grimmiger Zuversicht in vollkommene Niedergeschlagenheit um. Die Ungewissheit war die schlimmste Strafe von allen. Als ich in Irland im Krankenhaus lag, entwickelte ich eine Abgebrühtheit, die mich durch die nächsten zwölf Monate brachte: eine Unbarmherzigkeit, die ich mir selbst nicht zugetraut hätte. Aus Frankreich zurückzukehren, hatte ich als eine Art Niederlage empfunden, und nun würde mich dieser Unfall weitere wertvolle Zeit kosten. Wenn ich schon vorher das Gefühl gehabt hatte, dass mir die Zeit davonlief … tja, so blieb mir jetzt noch weniger, und ich war wild entschlossen, sie zu nutzen.
Weniger als einen Monat später humpelte ich auf Krücken zu meinem Rad, um zum ersten Mal wieder in den Sattel zu steigen (sehr zur Verwunderung meiner Nachbarn, die sich fragten, was zum Geier ich da trieb, als ich über die Einfahrt humpelte, um mich auf ein Rennrad zu setzen). Für mich war sonnenklar, dass ich wieder aufs Rad musste, sobald ich die nötige Beweglichkeit hatte. Ich musste Gewissheit haben. Solange ich mich auf mein Rad setzen und trainieren konnte, wäre es mir egal gewesen, das ganze nächste Jahr auf Krücken laufen zu müssen. Meine erste Ausfahrt dauerte etwas weniger als 45 Minuten. Ich war zufrieden, als ich nach Hause kam, denn ich war zum ersten Mal seit drei Wochen wieder gefahren. Gleichzeitig war ich frustriert, dass ich nicht aus dem Sattel gehen konnte. Ich hatte es versucht, in den Wiegetritt zu wechseln, war aber gleich wieder auf den Sattel geplumpst, weil mein Knöchel noch zu schwach war.
Davon abgesehen wusste ich aber, dass ich es schaffen könnte; ich müsste mich nur mehr reinhängen. Meine Entschlossenheit wurde dadurch nur gesteigert. Ich humpelte auf meinen Krücken ins Haus und schleppte mich die Treppe hinauf ins Bad. Ich zog das Radtrikot aus und nahm eine Schermaschine aus dem Regal. Ich wusste, der Moment war gekommen. Von nun an würde es nichts anderes mehr geben. Jede Kleinigkeit – selbst Haare kämmen und stylen – war eine unnötige Verschwendung von Zeit und Energie. Ich schaltete die Maschine ein und spürte die Vibrationen am Kopf, als ich mir den Schädel zu rasieren begann. Mein blondes Haar fiel in Büscheln zu Boden und klebte mir am schweißnassen Rücken und im Nacken. Als ich fertig war, fuhr ich mir mit der Hand über den borstigen weißen Skalp und betrachtete mich im Spiegel. Ich sah mein Gesicht, das ohne die weiche Umrahmung meiner Haare sehr viel härter wirkte. Ich bedachte mein Spiegelbild mit einem brutalen, sadistischen Grinsen. Nun sah ich auch äußerlich so pragmatisch und skrupellos aus, wie ich mich innerlich fühlte.
In den folgenden Monaten tat ich nichts anderes als Rad fahren. Um der kalten Witterung zu entkommen, mietete ich zusammen mit Ken Mathesons Sohn Tim, der ebenfalls Radamateur war, eine Wohnung in Spanien. Wir verkrochen uns in Benidorm in einer saisonbedingt verwaisten Unterkunft und hausten wie die Attentäter: Wir taten nichts als essen, schlafen und trainieren. Die einzigen anderen menschlichen Wesen, die im Januar an der Costa Blanca zu sehen waren, waren Rentner und andere Radfahrer. Es gab keinerlei Ablenkungen, und wir nahmen keine Rücksicht auf Fragen der Normalität. Es gab nur Radfahren. In meinem Kopf herrschte absolute Klarheit. Mir war klar: Wollte ich Profi werden, würde ich alles andere hintanstellen und einige Opfer bringen müssen. Ich blendete alles aus, was mich nicht weiterbrachte oder im Hinblick auf mein Ziel im Weg stehen könnte. Die Nachwirkungen meiner Knöchelverletzung tat ich mit einem Schulterzucken ab. Ich konnte in den Sattel steigen und die Pedale bewegen, alles andere war egal. Ich lebte an meinem Limit.
Mein Ehrgeiz hatte vollkommen Besitz von mir ergriffen. Als Radrennfahrer, und überhaupt als Sportler, hat man die Vorstellung, dass man abends nur dann seinen Seelenfrieden findet, wenn man sich im Training völlig verausgabt hat. Mein zwanghafter Drang, mich zu verbessern, beschränkte sich nicht auf das, was ich auf dem Rad tat. Ich brauchte das Gefühl, tagsüber absolut alles richtig gemacht zu haben, um das Beste aus mir und meinem Rad herauszuholen. Ich musste richtig trainiert, richtig gegessen, mich richtig aufgewärmt und richtig regeneriert haben. Das war eine Frage des Gewissens. Falls ich verlor, aber alles in meiner Macht Stehende getan hatte, konnte ich das akzeptieren. Aber falls ich scheiterte, weil ich eine Kleinigkeit außer Acht gelassen hatte, hätte ich mir das niemals verzeihen können.
Ich beschäftigte mich zwanghaft mit jedem noch so winzigen Aspekt meines Lebens. Es gab nichts, was ich nicht versuchte, um noch etwas mehr aus mir herauszuholen. Das Problem war, dass es damals keine echten Bezugsgrößen in Großbritannien gab und es eher ein osmotischer Prozess war, das Radsportmetier zu erlernen. Ratschläge wurden über eine Art stille Post weitergereicht. Die Leute traten mit den absurdesten Ideen an mich heran, aber sofern sie aus verlässlicher Quelle stammten, probierte ich es aus.
Ich befolgte gewissenhaft die absonderlichsten Ratschläge. Ratschläge, die ich mit ein bisschen gesundem Menschenverstand sofort hätte zurückweisen können. Aber was ich tat, hatte nichts mit Logik zu tun, es war pure Emotion in wissenschaftlichem Gewand. Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, dass einige Fahrer während der Rennen Tee in den Trinkflaschen hatten (was auch stimmte), aber weil meine Mutter ihren Tee stets mit Milch getrunken hatte, füllte ich milchigen Tee in meine Flaschen und bescherte mir damit schlimme Bauchschmerzen. Weil ich Profis bei 30 Grad mit Mützen und Beinlingen hatte fahren sehen, radelte ich in einer Thermojacke durch Yorkshire, ohne auch nur den Hauch einer Idee zu haben, was der Schwachsinn sollte (vermutlich wussten es die Kollegen selbst nicht). Ich trank nie kalte Cola, weil man davon angeblich Durchfall bekam, und ich aß auch nicht die Mitte des Brotes, weil es hieß, davon würde sich der Magen aufblähen. Diese kleinen Aufgaben und Prüfungen, oder wie auch immer man es nennen möchte, wurden zu den Fixpunkten meines Lebens. Ich musste sie unbedingt bewältigen und ich durfte nichts und niemandem gestatten, mir dazwischenzufunken.
Ich tat alles, was in meiner Macht stand, und tatsächlich machte es sich bezahlt: Als die Rennsaison begann, war bald klar, dass ich meiner Konkurrenz weit überlegen war. Der größte Unterschied, der sich gleich bemerkbar machte, als ich für den WCPP an den Start ging, war das Wettkampfniveau. Gemessen an dem, was ich aus den vorigen Jahren gewohnt war, kamen mir die U23-Weltcuprennen ziemlich einfach vor. Jetzt zahlten sich all die Kilometer aus, die ich in Frankreich in aussichtsloser Position hinterhergehechelt war, denn verglichen mit der Trophée des Grimpeurs war der Espoir Triptyque des Monts et Châteaux geradezu ein Spaziergang. Nachdem ich zuvor reichlich Prügel eingesteckt hatte, war ich es jetzt, der austeilte. Von meinen WCPP-Kollegen erhielt ich wenig bis gar keine Unterstützung – sie waren entweder überfordert oder Spezialisten für die Bahn, die ein paar Straßenrennen als Training einstreuten –, aber meine Entschlossenheit, mich durchzusetzen, erhielt einigen Auftrieb durch die anfänglichen Erfolge, so dass sich die entsprechenden Ergebnisse fast zwangsläufig einstellten. Ich gewann zwei Etappen bei der Thüringen-Rundfahrt, einem U23-Weltcuprennen in Deutschland. Bei Lüttich–Bastogne–Lüttich wurde ich Dritter in meiner Altersklasse. Ich wurde britischer U23-Meister im Straßenrennen und Zweiter bei der Europameisterschaft im Einzelzeitfahren.
Mein ganzes Leben war darauf ausgerichtet, solche Rennen zu bestreiten und erfolgreich zu gestalten, und doch gestattete ich mir kaum zu feiern, als ich sie schließlich gewann. Siege waren, wie ich fand, nichts, worüber man sich groß freuen müsste. Sie waren nur die logische Folge meiner harten Arbeit. Siege bedeuteten eine gewisse Befriedigung, mehr aber auch nicht. Für andere Emotionen ließen meine Zielstrebigkeit und Entschlossenheit keinen Raum. Ich bewahrte keine Zeitungsausschnitte und auch keine Startnummern auf. Für Sentimentalität hatte ich keine Zeit. Ein gewonnenes Rennen war nur eins mehr von einer schier unendlichen Anzahl an Häkchen, die ich machen musste, um zufrieden zu sein.
Den ganzen Sommer über hielt meine Erfolgsserie an, aber in meinem nervösen Kopf spukte schon bald die Frage herum, wann der große Moment, auf den ich so hart hinarbeitete, denn nun endlich käme. Mittlerweile hatte ich eine ganze Latte an guten Ergebnissen vorzuweisen, aber bislang waren die Manager der großen Profirennställe noch nicht an mich herangetreten, um sich zu erkundigen, was ich im nächsten Jahr denn so vorhabe, oder auch nur das geringste Interesse an mir zu bekunden. Ich hatte so viel investiert, dass der Gedanke, keinen Vertrag zu bekommen, mich richtiggehend krank machte. Am ehesten schnupperte ich an der Chance auf meinen großen Durchbruch, als ich nach der Tour of Britain (die damals PruTour hieß) in einem Pub in Edinburgh saß und jemand mich Brian Holm vorstellte. Holm war damals sportlicher Leiter der dänischen AcceptCard-Mannschaft aus der zweiten Division. »Du willst also Profi werden?«, fragte mich Brian. »Yeah«, antwortete ich schüchtern. Und das war’s. Nach einer kurzen Pause zog er weiter, um sich mit jemand anderem zu unterhalten. Es war der letzte Abend der Rundfahrt und schon spät, so dass ich mir einredete, dass Brian bestimmt gegangen sei, weil ich mich dadurch, noch in der Kneipe abzuhängen, unprofessionell verhalten habe. Ich biss mir wochenlang in den Hintern dafür, so dumm gewesen zu sein. Ich war so jung und borniert, dass ich nicht begriff, dass Brian einfach nur einen entspannten Abend haben wollte und sich mit einem übermotivierten jungen Amateur über den Profiradsport zu unterhalten so ziemlich das Letzte war, wonach ihm der Sinn stand.
Im September, einen Monat vor dem Ende der Saison, machte ich endlich einen kleinen Schritt in die richtige Richtung. Ich erhielt das Angebot, für das Team Linda McCartney als stagiaire beim Etappenrennen Trans Canada an den Start zu gehen. Das McCartney-Team war eine britische Profimannschaft aus der dritten Division. Sie hatten mir sehr überzeugend ihre Zukunftspläne dargelegt, trotzdem war es nicht die Art von Rennen, die ich eigentlich anstrebte oder die zu bestreiten ich aufgrund meiner Ergebnisse zu verdienen glaubte.
Aber Trans Canada stellte sich als harte Prüfung für mich heraus. Nicht nur, weil das Wetter so mies war – es goss die ganze Woche wie aus Kübeln –, sondern auch, weil sämtliche Etappen auf endlos langen, flachen kanadischen Straßen stattfanden und fast zwangsläufig mit einem Massensprint endeten, was mir überhaupt nicht lag. Was die Sache nicht einfacher machte, war der Umstand, dass mein Körper mit dem Jetlag nicht zurechtkam. Ich achtete sehr genau auf meinen Körper, aber ich war lange Wettkampfreisen nicht gewohnt und den Flug auf die andere Seite des Atlantiks steckte ich nicht einfach so weg. Alles schien durcheinanderzugeraten und ich wachte zu allen möglichen Zeiten im Hotelzimmer auf, lag lange wach und dämmerte endlich weg, wenn es fast schon wieder Zeit zum Aufstehen war. Das war ein Gefühl, an das ich mich in den nächsten Jahren gewöhnen sollte, aber damals war es noch so, als hätte man mich an den Knöcheln gepackt und auf den Kopf gestellt.
Zu allem Überfluss musste ich für die Dauer des Rennens auch noch zum Vegetarier ehrenhalber werden. Unser Teamsponsor verdiente sein Geld mit dem Vertrieb vegetarischer Fertigprodukte und wollte zeigen, dass man als Profi auch fleischfrei Leistung bringen konnte. Auf dem Papier war es bestimmt eine prima Idee, mit einem Radsportteam für vegetarische Ernährung zu werben (außer vielleicht auf dem europäischen Festland, wo man mit dieser Idee vor allem auf fassungslose Köche und mitleidiges Servicepersonal stieß), aber es war vollkommen bescheuert von mir, zu erwarten, meine Ernährung von jetzt auf gleich so drastisch umstellen und dennoch auf gleichem Niveau Leistung bringen zu können. Das war einfach mehr, als mein Körper verkraften konnte. Das Engagement für das Team Linda McCartney war mir anfangs wie ein Licht am Ende des Tunnels erschienen, doch gegen Ende des Rennens war davon nicht mehr als ein schwaches, hoffnungsvolles Flackern geblieben.
Aber dann, als ich vor dem abschließenden Zeitfahren in Richtung Start rollte, änderte sich meine Welt für immer. Die hoch aufgeschossene, wohlmeinende Gestalt von Serge Parsani stellte sich mir in den Weg und bat um meine Telefonnummer. Parsani war als Leiter der Mapei-Mannschaft beim Rennen, er war also genau wie ich seit zehn Tagen da, aber bis dahin hatte er kein einziges Wort mit mir geredet. Ich konnte beim besten Willen nicht verstehen, warum jetzt plötzlich ein wichtiger Vertreter des erfolgreichsten Rennstalls der Welt an mich herantrat. Ich war ganz aus dem Häuschen. Ich war so aufgeregt, dass ich nicht einmal hätte sagen können, ob ich Freude oder Erleichterung oder eine Mischung aus beidem verspürte. Ich wollte lachen und weinen und jemanden küssen und einen Fernseher aus meinem Hotelzimmer werfen! Mein Kopf schwebte irgendwo über den Wolken. Von dem Moment an, als das Gespräch mit Parsani endete, bis zu dem Tag drei Wochen später, als ich den Vertrag bei Mapei unterschrieb, hatte ich das Gefühl, überhaupt nicht mehr den Boden zu berühren.
Nach meiner Rückkehr nach Hause hatte Mapei mich kontaktiert und zu Tests in die Teamzentrale bestellt. Bevor wir uns auf den Weg nach Italien machten, holte Ken einen dicken Ordner mit meinen Blutuntersuchungen hervor: »Nur für den Fall, dass sie es sehen wollen.« Ich war zunächst überrascht. Weil ich bis dahin nie mit EPO in Berührung gekommen war, lebte ich in einer ganz anderen Welt als die meisten italienischen Amateure, mit denen Mapei es sonst zu tun bekam. Mir war bis dahin nicht mal in den Sinn gekommen, dass ein Profiteam sich vielleicht erst mal meine Blutwerte ansehen wollte, bevor es mich unter Vertrag nahm, um nicht die Katze im Sack zu kaufen.
Mit meinen Blutwerten hatte ich mich erstmals beschäftigt, als ich noch bei den Junioren an den Start ging. Ken, der sich intensiv mit Sportwissenschaft beschäftigte, hatte mein Blut regelmäßig untersucht, um sicherzustellen, dass mich das Training, das er mich absolvieren ließ, nicht vollkommen ruinierte. Ich hatte schon damals extrem hohe Hämatokritwerte, lange bevor die UCI, der internationale Radsportverband, die 50-Prozent-Regel und das System der »Gesundheitskontrollen« einführte, mit denen Fahrer vorübergehend aus dem Rennen genommen werden konnten. Als ich meine ersten Tests absolvierte, kam dabei am Ende nicht mehr als ein Haufen Zahlen heraus, die mir absolut nichts sagten. Ich wollte nur wissen, ob mein Blut in Ordnung war oder nicht. Soweit es mich betraf, war ich zufrieden, solange »hohe« Werte bedeuteten, dass ich gesund war.
Nachdem ich die Tests hinter mich gebracht hatte und wir in der Mapei-Zentrale auf die Resultate warteten, wurde mir schlagartig die Tragweite des Ganzen bewusst und ich geriet ein wenig in Panik. Ich redete mir ein, sie würden die hohen Hämatokritwerte sehen und lieber die Finger von mir lassen, weil ich ein Risiko darstellte. Ich machte mir Vorwürfe, einem so wichtigen Aspekt nicht mehr Bedeutung beigemessen zu haben. Aber da ich keinerlei Berührung mit Doping gehabt hatte, hatte es für mich auch keinen Grund gegeben, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Als die Resultate vorlagen, ging mein Hämatokrit wie gewohnt durchs Dach, aber Ken, der offenbar gut vorbereitet war, erläuterte die Messwerte und versicherte Aldo Sassi, dass ich zu 100 Prozent sauber war. Zu unserer beider Überraschung war Sassi keineswegs beunruhigt: Er hatte den hohen Hämatokritwert zur Kenntnis genommen, aber ebenso gründlich die anderen Testergebnisse studiert und sagte: »Nein, das ist schon in Ordnung. Wir können das einschätzen.«
Wie sich herausstellte, war der Hämatokrit-Test die simpelste Form der Blutanalyse, aber bei Mapei war man schlau genug, sich nicht nur auf diese günstigste und einfachste Methode zu verlassen. Sie schauten sich auch andere Werte an, die wesentlich zuverlässigere Hinweise darauf lieferten, ob jemand EPO nahm oder nicht. Die Ärzte untersuchten die Retikulozytwerte, die angaben, wie viele junge rote Blutkörperchen im Körper produziert wurden. Fielen sie extrem hoch aus, war das ein sicheres Anzeichen dafür, dass manipuliert wurde. Solche Verfahren standen auch der UCI zur Verfügung, aber aus irgendeinem Grund gaben sie sich mit der einfachsten Testmethode zufrieden und legten einen beinahe willkürlichen Grenzwert fest, mit dem sie redliche Sportler um ihren Lebensunterhalt bringen konnten.
Ich war unglaublich erleichtert. Damals interessierte mich nur, ob Mapei mich weiterhin verpflichten wollte, aber es war klar, dass ich der Sache in Zukunft mehr Aufmerksamkeit schenken müsste. Im Laufe meiner Karriere war mein Hämatokrit aber ohnehin ein Thema, bei dem ich gar nicht erst in Versuchung kam, es irgendwie vergessen zu können …
Nachdem ich die Tests hinter mich gebracht hatte, konnten wir die Vertragsunterzeichnung im Anschluss an die U23-WM in Verona im Teamhotel der britischen Mannschaft endlich unter Dach und Fach bringen. Als ich mit der Aussicht auf einen Profivertrag zu den Titelkämpfen anreiste, war ich der ganze Stolz des WCPP. Vor dem WM-Rennen auf der Straße, meinem wichtigsten Wettkampf des Jahres, stand ich, wie schon 1996 beim GP des Nations der Junioren, im Mittelpunkt des Interesses. Aber diesmal kümmerte sich nicht nur Jacques Duchain um mich und es stand nicht nur Bernaudeaus Ruf auf dem Spiel; nun schaute eine ganze Rad-Nationalmannschaft auf mich.
Der Druck war größer geworden – ich konnte spüren, wie er sich in mir aufbaute. 1996 hatte sich, wenige Tage vor dem GP des Nations, ein riesiger Fleck auf meiner Nasenspitze gebildet. Vielleicht war es der Stress, vielleicht aber auch nur Zufall, aber als jetzt direkt vor den Weltmeisterschaften ein kolossaler Pickel an genau der gleichen Stelle auftauchte, hielt ich das für ein gutes Omen. In meinem komischen Aberglauben wertete ich es als ein Zeichen meiner guten Form und dass ich etwas Besonderes vollbringen würde, weswegen ich mich auch weigerte, den Pickel auszudrücken, obwohl er auf meiner Nasenspitze nicht zu übersehen war. Ich ließ ihn einfach munter vor sich hineitern. Wie sich herausstellte, war der Pickel nichts weiter als ein Pickel und keineswegs ein Indiz meiner guten Form. Gleichwohl erlebte er – trotz meines schwachen Abschneidens im Rennen – seinen Moment des Ruhms, als er in seiner ganzen Pracht auf dem Cover der Cycling Weekly zu sehen war, nachdem die Neuigkeiten von meinem Profivertrag die Runde machten.
Das U23-Rennen hatte am Freitag stattgefunden. Am Samstag unterschrieb ich den Vertrag, anschließend wurde ich von Mapei eingeladen, mir die Entscheidung der Elite am letzten Tag der WM von ihrem gigantischen Teambus aus anzuschauen. Nach einem Tag im imposanten Bus, wo ich farbige Fliesen mit Mapei-Logo bestaunte und jeden Moment damit rechnete, von der Security rausgeschmissen zu werden, ging es zu den Fahrerunterkünften, die im nächsten Jahr auch mein Zuhause sein würden.
Der Tag im Mapei-Bus war schon ziemlich abgefahren, aber die teameigenen Apartments setzten dem Ganzen die Krone auf.
Als wir am Ufer des Lago di Comabbio entlang in Richtung der Anlage fuhren, hatte Patrick Lefevere, einer der sportlichen Leiter des Teams, der mich und die beiden Amerikaner Chann McRae und Fred Rodriguez mitnahm, in bescheidenem, beinahe verlegenem Tonfall von den Unterkünften gesprochen. Aber als er den Wagen durch das elektrische Eingangstor steuerte, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen.
Die »Zimmer« stellten sich als 110 Quadratmeter große Luxusapartments heraus, die sich direkt am Ufer des Sees befanden. Während Patrick verschwand, um beim Verwalter die Schlüssel für meine Wohnung abzuholen, sah ich mich um und entdeckte zu meiner Begeisterung, dass zur Anlage ein Swimmingpool sowie ein riesiger Garten mit herrlichem Blick auf den Monte Rosa gehörten. Es war beeindruckend, aber das Beste kam noch.
Patrick kam zurück, die Schlüssel in der Hand, und schaute sich nach dem Apartment um, das mir zugewiesen wurde. Sein Blick blieb schließlich an einer Wohnungstür haften, die die gleiche Nummer trug wie der Schlüsselbund.
»Ah, hier lang.«
Er führte mich über den Hof zu einem der Apartments, die dem See am nächsten waren, öffnete die Tür und bat mich herein. Dass die Räume nicht funkelten, war aber auch alles: Die Wohnung sah aus, als wäre sie soeben für eine Putzmittelwerbung verwendet worden. Die komplette Einrichtung war brandneu, es fehlte an nichts. Ich ging in die noch unberührte Küche und öffnete aus reiner Neugier eine der Schubladen. Sie war bis oben hin voll mit jeglichem Besteck, das ich brauchen würde, und dazu mit ein paar Geräten, von denen ich nicht einmal wusste, dass es sie gab. Es war ein bezugsfertiges Luxusapartment und es war für mich. Ich war platt.
Während ich staunend durch die Räume ging, stand Patrick in der Tür und glaubte offenbar immer noch, sich für die Wohnung entschuldigen zu müssen. »Es kann sein, dass du dir das Apartment zu Anfang mit einem anderen Fahrer teilen musst, bis sich alles eingespielt hat. Wäre das in Ordnung?«
Ich hätte beinahe gelacht. Zwei Jahre zuvor hatte ich in einer Hütte gehaust, die scheinbar nur noch vom Dreck zusammengehalten wurde, und auf einem Bett geschlafen, das auf Ziegelsteinen aufgebaut war. Patrick hätte mir mitteilen können, dass ich mir das Apartment mit fünf Fahrern teilen müsste, und ich wäre immer noch überzeugt gewesen, das große Los gezogen zu haben.
Ich übernachtete dort, bevor ich mich am nächsten Tag auf die Heimreise machte. Als ich zu Bett ging, drehte sich mir der Kopf. In den vergangenen drei Wochen waren meine Sinne mit so vielen neuen Eindrücken überladen worden, dass mir beinahe schwindlig wurde. Ich war zum ersten Mal in Italien, und es war alles genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte und sogar noch besser. Ich lag da und dachte bei mir, dass dies nun bald mein Zuhause wäre. Ich war nicht nur zu Besuch da, ich würde dort tatsächlich leben. Es war unglaublich – fast wie ein Traum, der plötzlich Realität geworden war. Es dauerte eine Weile, bis ich endlich einschlief. Als ich mitten in der Nacht aufwachte und pinkeln musste, machte ich im Bad das Licht an und sah mich um, überglücklich, dass noch alles da war.
Am nächsten Morgen wurde es noch besser. Ich suchte für ein paar Blutuntersuchungen das Büro auf, wo mir die Sekretärin mitteilte, dass für meinen Rückflug nach England nur noch ein Platz in der Business Class verfügbar sei. Ich hoffte, dass ich meinen freudigen Jauchzer tatsächlich nur innerlich ausgestoßen hatte, aber ich war inzwischen sowieso nicht mehr in der Lage, zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden. Mit meiner Billighose von Gap und einem T-Shirt der britischen Radnationalmannschaft bekleidet saß ich Champagner schlürfend in der Lounge des Flughafens Malpensa und versuchte, das alles irgendwie zu verarbeiten.
Nach meiner Landung in Manchester wurde ich von Mike Taylor am Flughafen abgeholt. In meiner Zeit in Frankreich und auch während meiner Saison beim WCPP hatte ich regelmäßig mit Mike telefoniert und weiter großen Wert auf seinen Rat gelegt. Wann immer ich in der Heimat war, war mir daran gelegen, ihm und seiner Frau Pat einen Besuch abzustatten. Die beiden waren wie eine Familie für mich geworden. Sie waren meine erste Anlaufstation, wenn ich Probleme hatte, und sie waren auch die Ersten, die von meinen Erfolgen zu hören bekamen. Zur Feier meines Profivertrags hatten sie in ihrem Haus in Chapel-en-le-Frith mir zu Ehren eine Party auf die Beine gestellt. Sie brachten 80 Gäste in ihrem Haus unter und kümmerten sich darum, dass jeder Einzelne von ihnen sich wohl fühlte und sich gut amüsierte. Es kam wahrlich selten genug vor, dass es ein britischer Fahrer zu den Profis schaffte, und es war, als hätten sich sämtliche Leute eingefunden, die ich vom Sport her kannte, wie eine große Familie, die durch den Radsport, und natürlich durch Mike und Pat, verbunden war. Auch Ken war natürlich da. Ebenso David Millar, der Mike bei der gleichen Tour of Ireland kennengelernt hatte wie ich, aber schon seit zwei Jahren als Profi fuhr und aus Frankreich gekommen war. Dazu Graham Jones, ebenfalls einer von Mikes »Jungs«, sowie eine Reihe von Fahrern aus der Gegend, mit denen ich im Laufe der Jahre gefahren war. Es war ein unglaubliches Gefühl, wie der Übergang von einer Welt in eine andere. Mike und Pat waren unheimlich großzügige Menschen, die den Radsport liebten und nie um eine Gegenleistung baten. Als Profi zu ihnen zurückzukehren und die aufrichtige Herzlichkeit bei dieser Feier zu verspüren, war ein ganz besonderes Gefühl.
Mir blieben noch ein paar Monate, um mich auf meine erste Saison als Profi vorzubereiten. Nach einer kurzen Pause war es bald an der Zeit, die Rückkehr aufs Rad ins Auge zu fassen. Im Dezember war ich so weit, das Training für meine Laufbahn als Profi aufzunehmen, aber so ganz fühlte ich mich noch nicht wie einer. Vor meiner Abreise aus Italien hatte ich von Mapei eine Tasche voller Kleidung bekommen, in der ich im Winter trainieren sollte. Nüchtern betrachtet war es schon irgendwie komisch: Mapei war ein Baustoffproduzent, der Kleber für Wand- und Bodenbeläge herstellte, was so ziemlich das Langweiligste war, was man sich vorstellen konnte. Aber um die Radsportkultur war es so bestellt, dass es bei jemandem wie mir, der ein Fan war und jede Woche die Cycling Weekly verschlang, eine fast groteske Begeisterung auslöste, die mit dem Firmenlogo zugepflasterten Klamotten in Händen zu halten. Ich betrachtete mir die Sachen in ihren Verpackungen, packte sie aus und probierte sie an, aber trotzdem dauerte es bis zum ersten Tag des neuen Jahres, dass ich mich der Kleidung als würdig empfand und erstmals im Mapei-Outfit trainierte. Solange ich nicht ganz offiziell ab dem 1. Januar 2000 auf der Gehaltsliste des Profirennstalls Mapei stand, fühlte ich mich noch ganz wie der Amateur, der ich bis dahin gewesen war. Es beschämte mich, diese Profiklamotten zu tragen. Es erschien mir falsch, sie vorher überzustreifen – so als wäre ich ein Hochstapler. Also trainierte ich den Winter über ganz in Schwarz. Anfang Januar aber erhielt ich ein Päckchen. Es waren meine neuen Visitenkarten von Mapei. Darauf stand: Charly Wegelius – Ciclista Professionista.
KAPITEL 3
PER VINCERE!
Das Hotel Zi’ Martino war das, was Reiseführer gern als »Familienhotel« bezeichnen. Jeder Teil der Anlage hätte als Privatwohnung durchgehen können und war es vermutlich auch mal gewesen. Das Hotel befand sich in einem Ort namens Castagneto Carducci an der toskanischen Küste und war in den 1990er Jahren Stützpunkt der amerikanischen Motorola-Mannschaft gewesen, als sie hier ihre Trainingslager im Frühling absolvierten. Als ich mich im gemütlichen Speisesaal des Hotels, einem langen Raum mit niedriger Decke und einem Kamin, der permanent zu brennen schien, zum Abendessen setzte, war ich von gerahmten Fotos umgeben, die an diese Zeiten erinnerten: Phil Anderson und Steve Bauer, die mit dem stattlichen Hotelinhaber und seinem müde wirkenden Schäferhund posierten; die gesamte Mannschaft vor dem Hotel, eingerahmt vom selben Personal, das mich gerade emsig bediente. Als junger, englischsprachiger Radsportfan hatte ich Fahrer wie Phil Anderson und Frankie Andreu bewundert und stundenlang Bilder dieser Jungs betrachtet. Kaum zu glauben, dass sie an den gleichen Orten gewesen waren, an denen ich mich jetzt befand, und genau das Gleiche getan hatten, was ich jetzt tat. Egal, wie hart ich dafür gearbeitet hatte, ich würde mich erst noch daran gewöhnen müssen, nun selbst Radprofi zu sein.
Anfang Januar 2000 hatte ich eine Woche in der Teamunterkunft in Varano Borghi verbracht, bevor ich mich auf den Weg in die Toskana machte, um mich der Gruppe der anderen »jungen Fahrer« anzuschließen. Mapei hatte in diesem Jahr 39 Fahrer unter Vertrag; im Grunde waren es zwei Mannschaften unter einem Dach. Da war zum einen die Riege etablierter Namen, die zu den damals besten Radprofis der Welt zählten: Fahrer wie Johan Museeuw, Michele Bartoli oder Stefano Garzelli. Und zum anderen die jungen Fahrer, zu denen auch ich gehörte. Ein solches Nachwuchsteam war damals noch etwas völlig Neues im Radsport. Wir galten als die neue Generation, die mit durchdachter, konsequenter Arbeit erfolgreich sein sollte statt mit Doping. Das Projekt lag Mapeis Unternehmenschef Giorgio Squinzi, einem leidenschaftlichen Radsportfan und Mann der Wissenschaft und Ratio, sehr am Herzen.
Das Team junger Fahrer war seiner Zeit in mancherlei Hinsicht voraus: Mapei war aufrichtig daran gelegen, den Sport zu säubern. Im ersten Trainingslager hatte die Teamleitung erläutert, worum es bei dem Projekt ging. Der Radsport machte damals eine schwierige Phase durch. Die Festina-Affäre hatte deutlich gemacht, wie weitreichend und schamlos die Dopingkultur war, die diesen Sport seit langem durchzog. Nun gab es Druck seitens der Öffentlichkeit, die Übeltäter aus dem Verkehr zu ziehen; gleichzeitig aber es gab auch eine ganze Generation von Fahrern, die jahrelang einem System unterworfen waren, in dem alle – einschließlich der Verbände und Funktionäre – vor dem Problem immer die Augen verschlossen hatten. Dem Konzept unseres Teams lag der Gedanke zugrunde, den Radsport zu erneuern, indem man in junge Fahrer investierte und ihnen die Möglichkeit gab, sich in aller Ruhe zu entwickeln, ohne sich, wie es bei anderen Rennställen möglicherweise der Fall wäre, Sorgen um ihr Auskommen oder ihren Arbeitsplatz machen zu müssen.
Bei Mapei war man sich darüber im Klaren, dass eine Dopingkultur existierte, aber man wusste auch, dass man das Problem nicht mit Razzien wie beim Giro d’Italia in den Griff kriegen würde oder indem man ein paar Einzeltäter aus dem Verkehr zog. Mapei wollte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Doping in ihrem Team untragbar war, und baute eine Mannschaft auf, die so gut war, dass es den Fahrern genügte, ihr anzugehören. Wir waren überbezahlt, wir wurden besser umsorgt als jede andere Mannschaft des Planeten, und uns wurde versichert, dass man sich um uns kümmern würde, solange wir uns an die Teamphilosophie hielten. Es mag naiv gewesen sein, den Radsport auf diese Weise vom Doping befreien zu wollen, und doch war dieses Projekt seiner Zeit voraus, weil es einen positiven Ansatz verfolgte, statt mit Sanktionen zu arbeiten.
Alles wurde so umgesetzt, wie unser Sponsor Giorgio Squinzi es sich vorstellte. Der Radsport war für Squinzi mehr als nur ein reines Investment. Er war ein echter Fan und der Ansicht, dass dem Doping am ehesten durch positive Bestärkung beizukommen war. Das war ein Ansatz, den ich als sehr fair empfand. Es gab eine Menge junger Fahrer, die es als Amateure mit den Regeln nicht so genau nahmen und bessere Ergebnisse erzielten als unsere Fahrer, aber Mapei schaute sich jeden einzelnen Kandidaten sehr genau an und prüfte ihn auf Herz und Nieren. Wenn auch nur der Hauch eines Verdachts bestand, würde er schlicht und ergreifend keinen Vertrag erhalten. Das war eine deutliche Botschaft an alle jungen Fahrer, und es tat gut, sich im Trainingslager umzuschauen und die Gewissheit zu haben, nicht von Betrügern umgeben zu sein.
Das zehntägige Trainingslager diente außerdem dazu, der Gruppe, die ausschließlich aus Neoprofis bestand, die Gelegenheit zu geben, sich untereinander und die Betreuer kennenzulernen, ohne sich von den großen Stars der Mannschaft ablenken zu lassen. Der Mann, der für unsere Gruppe verantwortlich war, war Teammanager Roberto Damiani. Ich war Roberto schon vor dem Trainingslager ein paar Mal begegnet, aber als wir nun in der Toskana zusammenkamen und die ernsthafte Arbeit begann, bestand von Anfang an kein Zweifel daran, dass Damiani Großes vorhatte. Man konnte sich seiner Ausstrahlung nicht entziehen. Er war autoritär und legte äußersten Wert auf Disziplin. Er wollte, dass wir das Beste aus uns herausholten, und er ließ keine Gelegenheit aus, uns daran zu erinnern, warum wir dort waren.
Am eigenen Leib bekam ich dies erstmals am zweiten Abend des Trainingslagers zu spüren, als ich gerade auf dem Weg zum Speisesaal über den Flur ging.
»Charly … wo willst du hin?«
Ich drehte mich um, als ich Damianis Stimme hörte, und sah ihn raschen Schrittes auf mich zueilen. Ich war nicht sicher, was ich darauf entgegnen sollte, also sagte ich: »Zum Abendessen.«
»Warum gehst du zum Abendessen, Charly?«
Ich war vollkommen perplex angesichts dieser Frage, denn ich hielt es für sonnenklar, warum ich zum Abendessen ging. Ich zögerte, bevor ich antwortete. »Um Nahrung aufzunehmen?«
»Nein. Du gehst zum Abendessen, Charly, per vincere. Um zu gewinnen! Alles was du tust, Charly, tust du, um zu gewinnen. Deswegen bist du hier, deswegen sind wir Radfahrer: um zu gewinnen. Allora, wann immer ich dich frage, warum du hier bist, möchte ich von dir hören: ›Per vincere!‹ Und ich möchte, dass du das bei allem, was du tust, im Hinterkopf hast. Also, warum gehst du zum Abendessen, Charly?«
»Per vincere!«
»Bravo, ottimo!«
Und damit zog Damiani zufrieden von dannen. Das klingt vielleicht ganz lustig, aber er machte keine Späße. Mit jedem Fahrer, dem er auf dem Hotelgelände begegnete, zog er das gleiche Programm durch, und egal, was der Fahrer gerade tat, er wollte stets die gleiche Antwort hören: per vincere!
Wir mussten jedes Mal lachen, wenn wir es hörten, und nach einer Weile auch, wenn wir es aussprachen, aber es herrschte kein Zweifel daran, dass es ihm bitterernst damit war. Er war ein Mann, stellte ich mir vor, dessen erster Gedanke nach dem Aufwachen war, wie er das nächste Radrennen gewinnen könnte. Im Trainingslager bemerkte ich, dass er selbst dann, wenn er sich zum Abendessen setzte, die Fäuste geballt auf den Tisch legte, als könne er sich nicht gestatten, auch nur einen Moment lang zu entspannen und so möglicherweise die Gelegenheit zu verpassen, uns zu verbessern.
Angesichts all der Veränderungen in meinem Leben und aufgrund meines Bestrebens, den Winter über gut zu trainieren, hatte ich vor dem Trainingslager kaum Zeit gehabt, Italienisch zu lernen. Das war ein Fehler, der mir eine ziemlich harte Woche bescherte. Ich teilte mir das Zimmer mit einem Typen namens Nicola Chesini, der kein Wort Englisch beherrschte und außerdem mit einem so seltsamen Brescianer Dialekt sprach, dass ich ihn wohl selbst dann kaum verstanden hätte, wenn ich des Italienischen mächtig gewesen wäre. Chesini war ein recht untypischer Italiener, denn er machte keinerlei Anstalten, freundlich zu sein, und vielleicht war das auch ein Grund, weshalb er nur ein Jahr bei der Mannschaft blieb. Profi zu werden, war für Chesini und die anderen Italiener im Team sicher eine große Sache, aber sie lebten weiterhin in Italien und aßen im Kreise anderer Italiener italienische Speisen in einem italienischen Hotel. Das war etwas komplett anderes als das, was ich erlebte. Ich kam mir vor, als hätte man mich aus einem Raumschiff geworfen. Ich verstand nichts von dem, was im Fernsehen passierte, und ich verstand nichts von dem, was beim Abendessen gesprochen wurde. Ich saß erschöpft am Tisch und wusste nicht, wie ich um mehr Nudeln oder weniger Soße hätte bitten können. Schon um acht Uhr abends war ich hundemüde, völlig erschlagen von den ganzen Strapazen des Tages.
Meine einzige Chance auf echte soziale Interaktion boten mir Damiani, der Französisch sprach, und der belgische Fahrerkollege Kevin Hulsmans, ein wirklich netter Kerl, der sich große Mühe gab, sich auf Englisch mit mir zu unterhalten. Ich nahm mir vor, schleunigst die italienische Sprache zu lernen und mich so schnell wie möglich an die italienische Kultur zu gewöhnen. Denn ohne Sprachkenntnisse wäre ich ständig außen vor und hätte ebenso gut gar nicht da sein können.
In einer Profimannschaft, so lernte ich, ging es zumindest nicht mehr ganz so sehr wie in einer Mördergrube zu, wie dies bei den Amateuren der Fall gewesen war, wo jeder unbedingt den nächsten Schritt machen wollte, aber nur wenige dazu in der Lage waren. In einem Profiteam ist man unter Kollegen, die es alle in gewisser Weise geschafft haben. Trotzdem war es ein ständiger Kampf ums Überleben, sowohl auf dem Rad als auch in zwischenmenschlicher Hinsicht. Lance Armstrong hatte die Tour damals »erst« ein Mal gewonnen, und die Europäer waren immer noch fassungslos, dass er sich standhaft weigerte, auf Pressekonferenzen Französisch zu sprechen. Es sollte noch Jahre dauern, bis sich Englisch allmählich zur Standardsprache im Peloton entwickelte. Für einen Fahrer wie mich war es wichtig, sich anzupassen und sich auf seine Gastgeber einzustellen. Ich musste lernen, wie die Italiener tickten, und zwar schnell. Italiener, stellte ich fest, missverstehen Zurückhaltung schnell als Arroganz oder als Anzeichen eines einzelgängerischen, unverträglichen Charakters. Geselligkeit ist ein so fundamentaler Wesenszug der italienischen Kultur, dass Italiener häufig unwillkürlich dazu neigen, keinerlei Verständnis für Leute aufzubringen, die anders gestrickt waren als sie.
László Bodrogi war einer der Fahrer, die unter dieser Kultur besonders zu leiden hatten. László war Ungar und hatte sich mit ein paar sehr beeindruckenden Ergebnissen für das Team empfohlen, aber er passte einfach nicht hinein und war vielleicht deswegen nie in der Lage, sein volles Potenzial auszuschöpfen. László war zugegebenermaßen ein bisschen eigen. In den ersten paar Monaten war er mein Mitbewohner in der Mapei-Unterkunft und er hatte schon ein paar komische Macken. Beispielsweise hängte er seine Socken immer akkurat nach Farben sortiert auf der Wäscheleine auf und war manisch darauf bedacht, dass sämtliche Gegenstände stets im rechten Winkel ausgerichtet waren, bis hin zu Messer und Gabel auf dem Esstisch (natürlich bereitete es mir eine diebische Freude, alles neu zu arrangieren, sobald er das Zimmer verließ, und dann seine Leichenbittermiene zu beobachten, wenn er zurückkam). Mit Geselligkeit hatte er nichts am Hut und die freie Zeit zwischen den Rennen verbrachte er meistens an der PlayStation.
Er war kein schlechter Kerl, aber er wurde sofort ausgegrenzt, weil er als komischer Kauz abgestempelt wurde. Im Radsport geht es, insbesondere in Italien, wie auf dem Schulhof zu, und wer sich nicht anpasst, wird entweder schikaniert oder links liegengelassen.
Nicht die Sprache zu beherrschen, gestattete mir vielleicht, ihr Verhalten mit größerer Objektivität zu studieren. Wie auch immer, nach einer Woche glaubte ich, die Italiener schon ein wenig besser zu verstehen. Nicht so sehr, dass ich mich vollends auf ihre Sicht der Dinge eingelassen hätte – das würde mir auch nach Jahren noch schwerfallen –, aber einstweilen konnte ich zumindest einigermaßen einschätzen, wie ich mich zu verhalten hatte. Ich bemühte mich, ungezwungen aufzutreten und mich anzupassen. Mir war seit Jahren der Ruf vorausgeeilt, ein zielstrebiger und ehrgeiziger Typ zu sein, ich war also sehr erleichtert, festzustellen, dass ich durchaus auch gesellig sein konnte.
An sich war ich für jeden Spaß zu haben, aber in meiner Zeit als Amateur war diese Seite aufgrund meiner Verbissenheit deutlich zu kurz gekommen. Mit meinen Teamkollegen beim WCPP hatte ich nichts zu tun gehabt, weil ich es für Zeitverschwendung hielt. In Italien aber hing mein sportliches Überleben davon ab, mich in das Mannschaftsgefüge einzugliedern, und so kam eine ganz andere Seite an mir zum Vorschein. In den ersten Monaten in Italien machte ich mich mit großem Eifer daran, die Sprache zu erlernen, und wenn ich naturgemäß ein paar Fehler machte, nahm ich es mit Humor. Übrigens sehr zur Freude der Italiener, die nicht besonders gut darin sind, über sich selbst zu lachen, und so machte ich mich bei vielen Leuten recht schnell beliebt.
Mir war es damals nicht bewusst, weil ich so erpicht darauf war, mich zu integrieren, aber indem ich die Aspekte meiner Persönlichkeit hervorkehrte, mit denen ich mich am ehesten an mein Umfeld anpasste, und mich vom bierernsten Schweiger zum geselligen Spaßvogel wandelte, ging auch in mir selbst eine Veränderung vonstatten. Meine Anpassungsfähigkeit wurde zu einer Qualität, die mich für die Rolle des Domestiken geradezu prädestinierte. Ironischerweise war es eine Seite meiner Persönlichkeit, die ich gegen Ende meiner Karriere am wenigsten an mir leiden konnte. Es war, wie sich zu verlieben und mit der betreffenden Person zusammenzuziehen: Als ich in die Welt des Profiradsports eintrat, war ich so verknallt in diese neue Welt, dass ich die kleinen Ärgernisse einfach ignorierte, aber in der langfristigen Beziehung, auf die ich mich einließ, würden mich die kleinen Lügen, mit denen ich mich beruhigte, früher oder später einholen.
* * *
In diesen ersten paar Monaten, die sich um einen engen Terminplan aus Trainingslagern und anderen Verpflichtungen drehten, war ich vor allem damit beschäftigt, mich an das Leben als Profi zu gewöhnen. Eine weitere wichtige Veränderung stellte das Training dar. Nachdem ich unterschrieben hatte, war mein früherer Coach Ken Matheson von Aldo Sassi abgelöst worden. Ich war Sassi erstmals im vorigen Oktober begegnet und sofort von seiner Intelligenz beeindruckt gewesen. Er hatte etwas von einem durchgeknallten Professor: Die Kleinigkeiten des Alltags waren für ihn nichts weiter als Unannehmlichkeiten, die ihn von dem abhielten, was er am meisten liebte, nämlich über neue Möglichkeiten nachzudenken, uns zu besseren Radfahrern zu machen. Ich mochte ihn gleich, denn ich erkannte, dass er ebenso wie ich stets bereit war, sich auf innovative Ideen einzulassen, um schneller zu werden. Darüber hinaus war er ein freundlicher Mann, der mich wohl auch als Mensch schätzte, und er sollte großen Einfluss auf meine weitere Karriere haben.
Anfangs bedeuteten seine Trainingsmethoden eine große Umstellung für mich, und ich hinkte den meisten meiner Teamkollegen hinterher. Die Italiener waren in der Entwicklung neuer Trainingstechniken ganz vorne und hatten den Straßenradsport seit Jahren dominiert. In meiner ersten Profisaison musste ich Dinge lernen, mit denen andere vertraut waren, seit sie 15 waren – Dinge, von denen ich nicht einmal geahnt hatte, dass sie existierten, wie zum Beispiel motorisierte Schrittmacher oder Krafttraining. Ken hatte hervorragende Arbeit mit mir geleistet und mir das grundlegende Verständnis für das Training und die Funktionsweise meines Körpers vermittelt, aber Sassi war derjenige, der mir zeigte, wie ich den Job zu Ende brachte, die Feinabstimmung leistete und mir den nächsten Schritt ermöglichte.
Als endlich die ersten Rennen anstanden, schien ich mich trotz der vielen Umstellungen recht gut eingelebt zu haben. Der Wechsel zu den Profis war überhaupt kein Vergleich mit dem Kulturschock, den ich in meinem ersten Jahr als Amateur in Frankreich erlebt hatte. Ich war von Anfang an voll einsatzbereit. Ich begriff, was in den Rennen von mir erwartet wurde, und tat alles, was man von mir verlangte. Ich fühlte mich wie jemand, der seine erste Woche im Büro absolviert und unter den geringschätzigen Blicken der älteren Kollegen umtriebig herumwuselt. Ich dachte: »Das ist leicht, ich könnte noch viel mehr machen.« Ich bestritt zunächst kleinere Rennen, vom Niveau her in etwa vergleichbar mit den höherklassigeren Rennen, die ich für Vendée U gefahren war, aber im April, nach nur vier Monaten im Profigeschäft, wartete eine Überraschung auf mich.
»Was hältst du davon, den Flèche zu fahren?«
Damiani lehnte den Kopf zurück und schaute mich durchs offene Autofenster an, während er mir eine weitere Trinkflasche reichte. Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. Ich hörte auf zu treten und schaute ihn einen Moment lang mit großen Augen an. Der Anflug eines Grinsens breitete sich auf seinem normalerweise ernsten und konzentrierten Gesicht aus.
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