Kitabı oku: «Blutrot ist die Heide»
Heribert Weishaupt
Blutrot ist die Heide
Ein Troisdorf-Krimi

Heribert Weishaupt
Blutrot ist die Heide
Ein Troisdorf-Krimi
Cover:
Wahner Heide; Foto: Heribert Weishaupt
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Alle Rechte vorbehalten!
2. Auflage
© Winter 2014
Impressum
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Fax: (0 22 46) 94 92 24
www.ratio-books.de
ISBN 978-3-939829-78-2
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Inhalt

Prolog
Vor 7.362 Tagen
Montag, 18:14 Uhr
Montag, 19:35 Uhr
Montag, 20:30 Uhr
Felix
Dienstag, 8:15 Uhr
Dienstag, 21:50 Uhr
Vor 7362 Tagen
Mittwoch, 7:45 Uhr
Mittwoch, 14:30 Uhr
Vor 7.146 Tagen
Was war damals geschehen?
Mittwoch 15:45 Uhr
Donnerstag, 7:00 Uhr
Donnerstag, 17:30 Uhr
Donnerstag, 19:00 Uhr
Freitag, 8:45 Uhr
Felix
Freitag, 17:15 Uhr
Felix
Freitag, 19:15 Uhr
Felix
Sonntag, 11:00 Uhr
Sonntag 12:45 Uhr
Sonntag, 14:40 Uhr
Sonntag, 16:15 Uhr
Sonntag, 20:30 Uhr
Montag, 5:15 Uhr
Montag, 8:00 Uhr
Montag, 10:00 Uhr
Montag, 14:00 Uhr
Montag, 16:00 Uhr
Vier Wochen später
Anmerkung und Dank
Rache trägt keine Frucht! Sich selbst ist sie die fürchterliche Nahrung. Ihr Genuss ist Mord,
und ihre Sättigung das Grausen.
(Johann Christoph Friedrich von Schiller
Quelle: „Wilhelm Tell“, 1804)
Prolog

Es war ein großer, rechteckiger Raum. Der Raum war höher, als Zimmer in einer üblichen Wohnung hoch sind. Vielleicht drei Meter hoch. Die Wände waren glatt verputzt und weiß gestrichen. An vielen Stellen blätterte die Farbe ab. Die Scheiben der beiden Fenster rechts und links des Raumes waren zersplittert und der Betonfußboden vor den Fenstern war übersät mit Glasscherben. Die Sprossen, die jedes Fenster in vier gleiche Teile teilten, hingen zerbrochen im Rahmen. In eines der Fenster schien die heiße Sommersonne hinein und wärmte den Raum ein wenig auf. Eine verrostete Eisentür hing schief in den Scharnieren. Bei jedem Windstoß bewegte sich die Türe ein wenig und gab ein ächzendes, quietschendes Geräusch von sich.
War das sein Ende? Falls ja, hatte er es sich wesentlich anders vorgestellt. Seine Lage war misslich – wenn nicht sogar hoffnungslos. Bestimmt hatte er sich seinen Tod nicht mit sechsunddreißig Jahren vorgestellt. Das war zu früh – viel zu früh, obschon der Tod selten zur rechten Zeit kommt.
Was würden seine Frau und seine beiden Kinder jetzt machen? Sicher, sie würden nach ihm suchen, wenn er in den nächsten Stunden nicht nach Hause kommen würde. Und danach sah es wahrlich aus. Aber wo sollten sie nach ihm suchen? Er selbst kannte seinen Aufenthalt nicht. Er wusste nicht, wo er sich befand. Wenn er es wüsste, es würde ihm nichts nützen.
Er hatte keine Chance, jemanden zu rufen oder sich bemerkbar zu machen. Seine Lippen hielt ein Stück Klebeband fest zusammen. Mit der Zunge konnte er lediglich seine Lippen von innen befeuchten – solange denn noch Speichel in seinem Mund vorhanden war. Ein leises Brummen, das er im Mund- und Rachenraum erzeugte, war das einzige Geräusch, das er von sich geben konnte. Höchstwahrscheinlich drangen diese Laute nicht einmal nach draußen.
Ja, draußen, wo war das? Wenn er aus dem Fenster schaute, sah er einige rosa, fast purpurn blühende Heidekrautbüsche und in einiger Entfernung dahinter Sträucher und Bäume. Über alles wölbte sich der azurblaue Himmel. Die einzigen Laute, die von draußen zu ihm drangen, waren das Zwitschern der Vögel. Hin und wieder meinte er, den Lärm eines tief fliegenden Flugzeuges wahrzunehmen.
Hätten er und seine Familie doch bloß nicht ihren Urlaub verschoben, dann wäre er jetzt mit Frau und Kindern am Strand auf Mallorca und nicht in diesem Verließ. Seine Augen füllten sich mit Tränen, als er an seine Familie dachte, die er wahrscheinlich nie mehr wiedersehen würde. Er war mutlos.
Resigniert schloss er seine Augen und sein Kinn sank auf den Rand der ungefähr einen Meter hohen, viereckigen Regentonne. Sie hatte ihre beste Zeit längst hinter sich. An den Außenwänden klebten viele Mörtelreste und unzählige Farbspritzer rundeten das unansehnliche Bild ab.
Als er die Augen wieder öffnete, sah er gerade noch, wie eine dicke Ratte an der Wand entlang lief und durch die Türöffnung verschwand. Das einzig Beruhigende war, dass Ratten ihm in der Tonne nichts anhaben konnten.
Seine Fußgelenke waren mit Kabelbindern zusammengebunden. Ebenso waren seine Handgelenke auf dem Rücken gefesselt und zusätzlich mit den Fußfesseln verbunden. Er war verschnürt wie ein Paket.
Die Stellen der Haut, wo die Kabelbinder scheuerten, schmerzten. In den Knien quälte ihn ein stechender Schmerz vom Knien in der Tonne. Womöglich hatte er doch einen Meniskusschaden, was er schon seit Monaten vermutete und sich in dieser Stellung schmerzhaft bemerkbar machte.
Die Größe der Tonne ließ es lediglich zu, die Knie nach außen zu bewegen, wenn er dabei sein Gewicht auf die Zehen verlagerte und sich etwas hoch stemmte. Das schaffte ihm für kurze Zeit ein wenig Erleichterung.
In der Anfangszeit, als er sich in der Tonne befand, hatte er mehrmals versucht, sich zu befreien. Indem er seinen Oberkörper soweit es ging nach hinten bog und sich dann mit seiner ganzen Kraft mit Schwung nach vorne warf, wollte er die Tonne kippen. Bei jedem Versuch schnitten die Fesseln in seine Haut. Vergeblich.
Schließlich war da noch das Wasser, das ihm bis zur Brust reichte. Vermutlich fast fünfhundert Liter verliehen der Tonne einen sicheren Stand.
Seine Lage war hoffnungslos.
Vor 7.362 Tagen

Der Troisdorfer Bahnhof lag in den letzten Sonnenstrahlen der untergehenden Sonne. In wenigen Minuten würden auch diese hinter den Häusern verschwunden sein und die Dämmerung würde sich langsam über den Bahnhof legen. Es war heute ein warmer Sommertag und die wartenden Reisenden waren luftig gekleidet. Mehrere Eltern von Schülern der beiden Abschlussklassen der Städtischen Realschule Am Heimbach standen auf dem Bahnsteig zusammen und erwarteten die Rückkehr ihrer Kinder. Aufgeregt diskutierten sie, wie wohl die Abschlussfahrt ihrer Sprösslinge verlaufen sein mochte. Jüngere Geschwisterkinder standen bei ihren Eltern und sehnten gelangweilt die Ankunft des Zuges herbei.
„Da kommen sie!“, rief eine Mutter aufgeregt und zeigte in Richtung Köln.
In der Ferne, am Horizonte, war mit einem Male eine dicke, grau-schwarze Rauchwolke in den ansonsten blauen Himmel aufgestiegen. Wie auf ein heimliches Kommando richteten sich die Blicke der wartenden Eltern gleichzeitig dieser Wolke zu, die sich langsam aber stetig dem Bahnhof näherte. Der Dampfzug würde in Kürze im Bahnsteig einlaufen.

Nach langen Überlegungen und Diskussionen hatten sich die Schulleitung, die Eltern und die Kinder trotz hoher Kosten dazu entschlossen, am letzten Schultag für die Abschlussklassen eine Fahrt mit einem nostalgischen Dampfzug nach Aachen zu organisieren. Letztendlich war für die Entscheidung ausschlaggebend gewesen, dass der Förderverein der Schule seine Unterstützung für Kinder aus finanzschwachen Familien angeboten hatte.
Als ein Programmpunkt für den Tag war ein geführter Stadtrundgang vorgesehen. Ebenfalls war der Besuch des Dreiländerecks eingeplant. Dort treffen auf dem mit 323 m höchstgelegenen Punkt der Niederlande, Belgien, Deutschland und die Niederlande zusammen.
Höhepunkt des Tages sollte allerdings auf der Rückfahrt die feierliche Überreichung der Abschlusszeugnisse sein.

Um zehn Uhr bestiegen zwei Lehrerinnen und zwei Lehrer sowie vier Elternvertreter zusammen mit sechsundfünfzig Schülerinnen und Schülern den nostalgischen Dampflokzug in Richtung Aachen.
Das Zischen und Pfeifen der Kessel und das Ambiente längst vergangener Zeiten, ließ die Schüler staunen und rief bei den Erwachsenen Kindererinnerungen wach und zauberte ein Funkeln in ihre Augen. In den liebevoll renovierten und gepflegten Personenwagen aus den 20er bis 50er Jahren spürte man förmlich die „gute alte Zeit“. Zur Stärkung unterwegs bot sich der Barwagen mit seinen heißen und kalten Getränken und kleinen Snacks an.
„Mensch Dennis, was hast du alles in deinem Rucksack?“, fragte Sonja, nachdem sie kurz seinen Rucksack angehoben hatte.
„Hast du Futteralien für die ganze Woche eingepackt?“
„Du hast doch keine Ahnung. Der Mensch lebt doch nicht nur vom Essen. Man muss auch trinken – der Tag ist noch lang.“
Dabei lachte er Sonja an und zwinkerte mit einem Auge.
„Du hast doch nicht etwa Alkohol dabei? Du weißt, das ist verboten!“, entrüstete sich Sonja ein wenig gespielt.
„Halt den Mund. Kein Wort mehr.“
Damit drehte sich Dennis um und drängte sich schnellen Schrittes durch den Wagen der ersten Klasse mit den aufwendig gepolsterten Sitzen. Diese Plätze waren für die Belegschaft einer Firma aus Leverkusen reserviert, die in Köln zusteigen würde.
Für die Abschlussschüler sowie deren Begleitung waren die Holzsitze der zweiten Klasse reserviert. Nach anfänglicher Skepsis waren schließlich doch alle überrascht, wie bequem man in der „Holzklasse“ sitzen konnte.
Plötzlich ertönten mehrere schrille Pfiffe der Lokomotive. Die Schüler auf den Fensterplätzen sprangen hoch und rissen die Fenster auf, um die Ursache der Pfiffe zu ergründen. Eine dicke Rauchwolke breitete sich von der Lok über den gesamten Bahnsteig aus.
„Herr Ballig, schafft die alte Lok das denn auch mit den Wagen und vielen Menschen bis Aachen?“, fragte Louis lachend seinen Lehrer, der einige Reihen vor ihm saß. Er musste die Frage lauthals wiederholen, um das Getöse der Lokomotive zu übertönen.
„Natürlich. Die Dampflok 41360, auch genannt „Lady of Bismarck“, ist zwar eine der lautesten Vertreter ihrer Art, aber mit ihren 2000 PS wird sie das sicherlich schaffen. Ihr werdet sehen, wie fetzig die alte Lady noch fährt. Ungefähr neunzig Stundenkilometer sind immerhin möglich!“, schrie Herr Ballig durch den Wagen, damit auch alle anderen seine Information mitbekamen.
In Köln legte der Zug seinen ersten Stopp ein und nahm die Belegschaft einer Leverkusener Pharmafirma auf. In Düren folgte ein weiterer, notwendiger Halt. Der Wasservorrat musste aufgefüllt werden, denn die Dampflok brauchte noch einen ordentlichen Schluck Wasser, um den Rest des Weges zu schaffen. Dies dauerte fast 45 Minuten, in denen sich die Fahrgäste die Lok auch einmal aus der Nähe betrachten konnten.
Fast die gesamte Belegschaft des Leverkusener Unternehmens verließ ihre Plätze und vertrat sich draußen die Beine. Dabei besichtigten sie ausgiebig die Lok und die Wagen. Einige Männer, vermutlich Modelleisenbahnbauer, standen zusammen und fachsimpelten. Das Lehrpersonal um Lehrer Ballig gesellte sich zu der Gruppe. Herr Ballig schien sein Wissen über die Dampflok und die nostalgischen Wagen enorm aufgefrischt zu haben, denn er fachsimpelte fleißig mit.
Die Schüler hingegen blieben zum überwiegenden Teil auf ihren Holzbänken in den Wagen sitzen.
„Komm mit“, forderte Dennis seinen Sitznachbarn Sven auf.
Dennis nahm seinen Rucksack und beide machten sich auf den Weg Richtung Toilette, über die jeder Wagen verfügte.
Während Dennis als Erster in der Toilette verschwand, blieb Sven vor der Toilettentür stehen und hielt seine Mitschüler, besonders jedoch die beiden Elternvertreter am Ende des Wagens im Auge. In der Toilette öffnete Dennis schnell seinen Rucksack, zog eine Flasche farblosen Schnaps hervor und nahm einen kräftigen Schluck. Den Rucksack mit der Flasche ließ er in der Toilette stehen, als er wieder in den Vorraum trat. Jetzt war es an Sven, ebenfalls in der Toilette zu verschwinden und einen kräftigen Schluck zu sich zu nehmen, während Dennis Wache schob.
Gut gelaunt und ohne dass jemand etwas bemerkt hatte, setzten sie sich wieder auf ihren Platz.
„Müsst ihr beide nicht auch mal zur Toilette?“, fragte Sven seine beiden Freunde Louis und Benjamin, die ihm gegenüber saßen.
„Nehmt aber Dennis‘ Rucksack mit“, wies er die beiden noch an.
Anscheinend wussten die Beiden, was es mit dem Rucksack auf sich hatte, denn sie stellten keinerlei Fragen. Wortlos nahmen sie den Rucksack und verschwanden in Richtung Toilette.
„Mensch Benny, die Flasche ist ja bereits halb leer“, meinte Louis, als er als Letzter die Toilette verließ.
„Macht doch nichts. Er hat doch noch eine Flasche dabei, wie du sicher gesehen hast“, erwiderte Benny gut gelaunt.
Als Sie wieder ihren Platz einnahmen, warf ihnen Sonja, die in der Sitzgruppe nebenan saß, einen tadelnden Blick zu. Sie ahnte, weshalb die Vier die Toilette aufgesucht hatten.
„Hier ist es viel zu still“, rief Louis und zog einen kleinen Ghettoblaster aus seinem Rucksack.
Unverzüglich legte er eine Kassette ein und sofort dröhnte Dr. Albans „Sing Halleluja“ durch den nostalgischen Eisenbahnwagen.
Alle Schüler sangen lauthals mit. Sie bemerkten nicht einmal, dass alle Reisenden wieder eingestiegen waren und sich der Zug in Bewegung gesetzt hatte. Ihr Gesang und Gegröle übertönte bei Weitem die Lautstärke der dampfenden Lokomotive.

Im Aachener Hauptbahnhof angekommen, sprangen die Schüler aus dem Zug und verteilten sich auf dem engen Bahnsteig. Ihre Lehrer hatten Mühe, die Gruppe zusammenzuhalten.
Nach einem kurzen Fußmarsch erwarteten am Elisenbrunnen zwei Stadtführer die Troisdorfer Schüler. Gemeinsam besichtigten sie das Bauwerk, das aus einer offenen Wandelhalle mit einem Säulenvorbau und jeweils einem Pavillon links und rechts bestand. Aus zwei Trinkbrunnen floss das 52°C warme Wasser der Kaiserquelle.
Dennis lief als erster zum Brunnen, um das köstliche Nass zu probieren. Da er beim Vortrag des Stadtführers nicht aufmerksam zugehört hatte, war er entsetzt über den Geruch nach faulen Eiern, der ihm entgegenschlug.
Um nicht sein Gesicht vor den Mitschülern zu verlieren, probierte er einen Schluck des schwefelhaltigen Wassers. Angewidert spuckte er es in hohem Bogen aus. Die Lacher seiner Mitschüler waren ihm dabei sicher. Sein Blick fiel auf Sonja, die lautstark mit offenem Mund über ihn lachte – ihn auslachte, wie es für ihn aussah. Sein Gesicht wurde puterrot und er verdrückte sich verärgert an das Ende der Gruppe.
Für den nun folgenden Stadtrundgang trennten sich die beiden Klassen.
Die Mädchen waren begeistert von der Altstadt, den vielen originellen Brunnen und den Informationen, die sie während des Rundgangs erhielten. Die Jungs hingegen langweilten sich oder taten zumindest so, als ob sie sich langweilten und fühlten sich dabei cool.
Auch das Dreiländereck konnte die Einstellung der Mädchen und Jungs zu den Sehenswürdigkeiten nicht ändern. Lediglich der Besuch des Dreiländerlabyrinths sorgte kurzfristig auch bei den Jungs für bessere Stimmung.
Nach dem offiziellen Programm hatten die Schüler beider Klassen noch genügend Zeit, auf eigene Faust die Stadt zu erkunden. Dabei blühten die Jungs sichtbar auf. Jetzt war kein Stadtführer oder Lehrkörper mehr dabei, der das Wort führte und alles wusste. Konnten sie doch jetzt ihre Coolness zur Schau stellen und versuchen, ihre weiblichen Klassenkameradinnen zu beeindrucken.
Obschon Sonja den Alkoholkonsum von Dennis, Sven, Louis und Benjamin nicht guthieß, war sie von deren Selbstsicherheit, Mut und Ungehorsam gegenüber den Anweisungen der Erwachsenen beeindruckt. Sonja und die vier Jungen hatten sich von den übrigen Klassenkameraden abgesetzt und zogen allein albernd durch die Stadt. Dennis schien seine Pleite vom stinkenden Brunnen und Sonjas Kränkung, als sie ihn auslachte, überwunden zu haben, denn er lachte und alberte wieder mit ihr, als wäre nichts gewesen.
Da sie die mitgenommene Verpflegung bereits während des Stopps in Düren verzehrt hatten, nahmen sie sich kurz Zeit, ihren Hunger mit herkömmlichem Fast Food zu stillen.
Sie waren ausgelassen, machten sich über eigenwillig aussehende Passanten und über manch skurrile Sehenswürdigkeit in der Aachener Altstadt lustig.
Alle vier jungen Männer zeigten unbekümmert Sympathie für Sonja. Sie war aber auch eine kleine Hübsche. Für den heutigen Tag hatte sie sich modisch gestylt, ganz im Trend des Jahres. Das bedeutete, dass sie, anders als bisher gewohnt, das kürzeste und engste Teil zuoberst trug. Ein blütenweißes Overshirt trug sie lässig über die Leggins-Hose, die ihre tadellose Figur gut hervorhob. Darüber hatte sie ein kurzes Westchen angezogen. Mit den zum Pferdeschwanz zusammengebundenen, blonden Haaren, war sie ein echter Hingucker. Wenn sie dann noch mit ihren lustig blickenden, blauen Augen und den vier Sommersprossen auf ihrem Nasenrücken einen Schüler ansah, hatten sie schon so manchen Schüler verzaubert.
In unbeobachteten Momenten riskierte ein jeder ihrer Begleiter einen intensiven Blick auf sie.
Irgendwie war heute alles anders als im Klassenzimmer und während des Schulstresses. Auch Sonja fand die Vier mehr und mehr sympathisch. Insbesondere Benjamin hatte es ihr angetan. Im Gegensatz zu Dennis, der ein „Macher“ war, war Benjamin ruhig und still. Er war der typische Mitläufer, der das tat, was alle taten. Immer bedacht, nicht aufzufallen und nicht anzuecken. Sonja fand seine Art sympathisch und war auch der Meinung, dass er nicht so wie die anderen dem Alkohol zusprach, was ihm Pluspunkte bei ihr einbrachte. Die längeren Blicke, die er, nach seiner Meinung sicherlich unbemerkt, auf sie richtete, ließ ein Kribbeln in ihrer Magengegend entstehen.
Kurz vor zwanzig Uhr fanden sich alle Schüler in der Bahnhofshalle ein und gingen gemeinsam zum Bahnsteig. Der nostalgische Zug stand bereits abfahrbereit mit rauchender Lok im Gleis.
Vorher hatte Dennis die leere Schnapsflasche heimlich in einem Mülleimer entsorgt. Von Benjamin hatte Sonja erfahren, dass er im Bahnhof noch alkoholischen Nachschub für die Rückfahrt besorgt hatte. Mit dem Öffnen der Flaschen wollten sie bis nach der Zeugnisübergabe warten. Bis zu diesem hoch offiziellen Teil des Programms würden sie zu sehr unter Beobachtung stehen – und ein unkalkulierbares Risiko eingehen, das wollten sie nicht.
Beim Einsteigen in den Wagen der „Holzklasse“ nahm Benjamin wie selbstverständlich Sonjas Hand und zog sie in den Wagen. Drinnen gab er ihre Hand dann nicht mehr frei und schaute sie vielsagend lächelnd an. Sonja ließ es freudig geschehen und ihr Herz jubelte. Würde der Tag vielleicht so enden, wie sie es in den letzten Stunden in ihrem Innersten erhofft hatte?
Sonja und die übrigen Schüler der Klasse 10A betraten als Erste gemeinsam den Barwagen. Nach einer Ansprache ihres Klassenlehrers und einer Elternvertreterin wurde ihnen feierlich das Abschusszeugnis überreicht.
Natürlich ahnte jeder, welche Note er in den Fächern erhalten würde, trotzdem war Dennis enttäuscht. Wenn er bisher gehofft hatte, aus Gnade ein „ausreichend“ in Mathematik zu erhalten, holte ihn die Wirklichkeit auf den Boden der Tatsachen zurück. Ein deprimierendes, klares „mangelhaft“ stand im Zeugnis. Hätte er nicht zufrieden stellende Noten in einigen Ausgleichsfächern, wäre der Abschluss der „mittleren Reife“ nicht möglich gewesen. Obschon er den Abschluss erreicht hatte, hatte er Angst, das Zeugnis seinen Eltern und besonders seinem jähzornigen Vater vorzulegen.
Vor zwei Jahren, als er die Klasse wiederholen musste, begann zu Hause ein Fiasko. Alle Privilegien wurden ihm gestrichen – und das während der gesamten Sommerferienzeit. Der Druck, den sein Vater danach auf ihn ausübte, war so groß, dass er die Schule hinschmeißen wollte. Und jetzt ahnte er wieder Schreckliches, wenn er nach Hause kam und das Zeugnis vorlegte.
Die Zeremonie der Zeugnisübergabe war kurz vor Düren beendet. Einen Stopp zum Auffüllen der Wassertanks der Lok gab es dieses Mal nicht.
Nach der Zeugnisübergabe begaben sich die Schüler zurück auf ihre ursprünglichen Plätze in der „Holzklasse“. Die Lehrer und Eltern blieben im Barwagen. Sie ahnten, dass die Schüler jetzt feiern wollten und es jetzt laut werden würde. Sie wollten dabei kein Spielverderber sein.
Louis schaltete erneut seinen Ghettoblaster an und augenblicklich verbreitete sich eine ausgelassene Stimmung im Wagen. Viele Schüler standen auf den Holzbänken und sangen die Hits des Jahres lautstark mit. Culture Beat mit „Mr. Vain“ wechselte mit Helge Schneiders „Katze Klo“ und „I‘d do Anything for Love“ von Meat Loaf.
Sonja zwänge sich auf der Zwei-Personen-Bank zwischen Michael und Benjamin, wobei sie fast vollständig auf den Beinen von Benjamin saß.
Gegenüber von ihr hatte Dennis die zweite Flasche klaren Schnaps aus seinem Rucksack genommen und reichte sie in die Runde, nachdem er selbst den ersten großen Schluck genommen hatte. Mit Sicherheit wollte er möglichst schnell seine Zeugnisnote in Mathe und das bevorstehende Donnerwetter zu Hause im Alkohol ertränken.
In Köln legte die Dampflok einen kurzen Halt ein, damit die Angestellten des Leverkusener Unternehmens aussteigen konnten. Dann verließ der Zug mit mehreren lauten Pfiffen und fürchterlichem Qualmausstoß den Bahnhof in Richtung Troisdorf. Dennis packte die geleerte Flasche in seinen Rucksack. Die zweite Flasche, die er im Aachener Bahnhof gekauft hatte, wollte er für den Heimweg aufheben.
Auch Sonja hatte dem Drängen von Dennis nachgegeben und widerwillig vom Alkohol probiert. Die Gesichter der vier Jungen hatten inzwischen eine rote Farbe angenommen, die nicht nur in der Hitze im Waggon seine Ursache hatte.
Kurz vor Troisdorf gingen die Lehrer durch die Waggons und machten ihre Schüler darauf aufmerksam, dass sie in Kürze Troisdorf erreichen würden. Außerdem verlangten sie, dass die Musik ausgeschaltet wurde und alle ihre Plätze ordentlich einnahmen.

Die Lokomotive fuhr langsam, quietschend in den Bahnsteig ein. Nachdem die Lok stand, quoll dicker Rauch zwischen den Rädern heraus, der dann genauso wie der Qualm aus dem Schornstein langsam erstarb.
Auf dem Bahnsteig war es bereits dämmerig. Der rote Ball der Sonne würde in Kürze hinter dem Horizont untergegangen sein.
Ausgelassen sprangen die Schüler die Stufen der Waggons hinunter. Die Eltern, die auf dem Bahnsteig warteten, empfingen freudig, aufgeregt ihre Kinder. Sie waren neugierig, wie ihnen der Tag gefallen hatte. Natürlich waren sie auch gespannt, ob das Zeugnis ihren Erwartungen entsprach.
Verhältnismäßig nur wenige Eltern holten ihre Tochter oder ihren Sohn ab. Der überwiegende Teil der fast erwachsenen Schüler fand es uncool, wenn die Eltern sie in ihrem Alter noch abholen würden. Auch Sonja und ihre vier Freunde hatten darauf bestanden, nicht abgeholt zu werden. Alle Fünf wohnten in Troisdorf-Mitte und konnten zu Fuß nach Hause gehen.
Der Klassensprecher und Primus verabschiedete sich per Handschlag bei den Lehrerinnen und Lehrern. Damit war er Vorbild für seine Klassenkameradinnen und Kameraden, die bereitwillig seinem Beispiel folgten.
Dennis, der seinem Mathematiklehrer lieber einen Faustschlag ins Gesicht versetzt hätte, nahm sich zusammen und verabschiedete sich halbwegs höflich aber kühl. Dabei achtete er darauf, dass er dem Lehrer nicht zu nahe kam, denn er sollte nicht seine Alkoholfahne bemerken.
„Was machen wir mit dem angebrochenen Abend?“, rief er seinen Freunden Louis, Benjamin und Sven zu.
Sonja, die dabeistand, antwortete anstelle der drei Freunde: „Nichts mehr. Ich gehe nach Hause. Mir reicht es für heute.“
Gerne hätte Sonja noch etwas mit Benjamin alleine unternommen, aber es war bereits spät und die Jungen waren angetrunken. Es würde nichts dabei herauskommen, sagte sie sich.
„Wir bringen dich natürlich nach Hause“, bestimmte Dennis und die anderen Drei stimmten lautstark zu. Sonja hatte keine andere Wahl, als ebenfalls zuzustimmen. Sie hatte die Hoffnung, dass es sich ergeben würde, mit Benjamin alleine zu sprechen. Vielleicht könnte sie ein Treffen mit ihm allein vereinbaren. Wenn sie nur daran dachte, hatte sie erneut dieses Kribbeln im Bauch.
Montag, 18:14 Uhr

Es war der vorletzte Ferientag der Sommerferien. Den gesamten Tag über war es düster und regnerisch. Vor einer halben Stunde schloss der Himmel seine Schleusen und die Sonne blinzelte jetzt zwischen den Wolken hervor. Es wurde langsam klarer. Es war Spätsommer. Bald würde der Herbst mit seiner Melancholie beginnen.
Unterhalb des Fliegenbergs erstreckte sich ein schmaler Streifen der Wahner Heide, der von zwei Seiten von Waldgebieten begrenzt wurde. Sandflächen wurden von sanften Hügeln unterbrochen, auf denen violett die Blühten der Besenheide leuchteten.
Das Heidekraut war nass und durch die intensiven Sonnenstrahlen wirkte die Farbe jetzt dunkel und kräftig – fast blutrot. Der leichte Duft der Blüten, der an trockenen Tagen die Bienen in Scharen anlockte, war wegen der noch vorhandenen Nässe nicht zu riechen.
In der Ferne erhob sich der 118 m hohe Michaelsberg mit der Silhouette des Klostergebäudes und der Kirche. Seit über 900 Jahren lebten in der Abtei Michaelsberg Mönche des Benediktinerordens. Nach dem Weggang der Benediktiner im Jahre 2011 sollte auf dem Berg ein neues, geistiges Zentrum entstehen.
Von der Altenrather Straße bog der Fahrer eines Astra Kombi rechts ab und fuhr auf den Wanderparkplatz, wo er den Wagen abstellte. Der Parkplatz war nach dem Regen erwartungsgemäß leer. Sofort öffneten sich die Türen der hinteren Sitze und ein Junge und ein Mädchen sprangen aus dem Wagen. Der Junge war vielleicht vierzehn Jahre alt, das Mädchen ein bis zwei Jahre jünger. Nachdem der Junge die Heckklappe geöffnet hatte, sprang ein kräftiger, schwarzer Rottweiler heraus, überquerte den Forstweg und stob ungestüm in die sandige Heidelandschaft.
Bei den ersten Heidekräutern hielt er inne und schaute sich nach den beiden Kindern um, die laufend auf ihn zukamen. Vater und Mutter der Kinder folgten langsam, nachdem sie die Heckklappe geschlossen und den Wagen verriegelt hatten. Sie lächelten. Es war immer wieder schön für sie anzusehen, wie sich der Hund und ihren Kindern verstanden.
„Steffi und Micha, lauft nicht zu weit voraus und wartet oben am Waldrand“, rief die Mutter ihnen hinterher.
Die Kinder liefen den grasbewachsenen Weg entlang, der gemächlich bis zum Waldrand anstieg. Der Hund vorweg. Von Zeit zu Zeit blieb er immer wieder stehen, schaute sich um und wartete, bis die Kinder zu ihm aufgeschlossen hatten, um dann wieder vorzulaufen.
Kurz vor dem Waldrand löste sich der Weg in eine Sandlandschaft auf. Erst am Waldrand konnte man die Fortführung des Weges wieder erkennen.
Der Hund wälzte sich ausgelassen im losen Sand, dessen Oberfläche durch die Sonnenstrahlen bereits getrocknet war. Wahrscheinlich vor Freude, dass er sich endlich nach dem langen Regentag austoben durfte.
„Bracka, nicht so toll. Schau mal wie du bereits aussiehst!“, rief Michael dem Hund zu, der auch schuldbewusst abrupt stehen blieb und Michael mit traurigen Augen ansah, weil sein Spiel unterbrochen wurde.
Michael hob einen Stock vom Boden auf, hielt ihn hoch und warf ihn dann in hohem Bogen weg.
Bracka war glücklich, dass das Spiel weiterging und schoss in voller Geschwindigkeit auf den Landepunkt des Stockes zu.
Unglücklicher Weise landete der Stock inmitten einer Gruppe Heidekräuter. Bracka hielt aus vollem Lauf an, denn in dieses kratzige Gewächs wollte er nicht hineinspringen.
Den Kopf nach unten schlich er schnuppernd um das violett blühende Kraut, bis er plötzlich stehen blieb. Schnell kratze er den lockeren Sandboden auf und grub eine Vertiefung. Dabei winselte er vor sich hin und schließlich bellte er in Richtung seiner beiden Herrchen.
„Was ist los, Bracka? Komm her. Lass alles liegen, was da liegt!“, rief Michael, der ahnte, das Bracka irgendetwas gefunden hatte.
Bracke blieb jedoch an der Fundstelle stehen und bellte weiter.
Michael und Stefanie eilten jetzt dorthin. Womöglich hatte ihr Hund den Eingang zu einem Kaninchenbau gefunden, wie es hin und wieder vorkam. Vielleicht hatte er aber auch ein verendetes Tier gefunden, wovon er sich möglichst fernhalten sollte.
„Komm her, Bracka!“, rief Michael erneut, als sie fast ihren Hund erreicht hatten.
Erkennen konnten die Kinder nicht, weshalb Bracka so bellte und mit den Vorderbeinen im Sand scharrte.
Michael befestigte sofort die Leine am Halsband und zog Bracka zu sich, während Stefanie sich genauer umsah.
„Ihh, Michael komm schnell. Hier liegt eine Hand!“, rief sie angewidert und wich ein Stück zurück.
„Ach, Steffi, ich glaube du spinnst!“, rief er zurück.
Trotzdem näherte sich Michael vorsichtig der Stelle, auf die seine Schwester zeigte. Den Hund hielt er dabei kurz an der Leine.
Tatsächlich ragte aus dem Sand eine menschliche Hand!
„Lass uns von hier verschwinden. Wir müssen sofort Mama und Papa Bescheid sagen!“, schrie Michael, wobei sich seine Augen vor Aufregung weiteten.
Dabei lief er bereits in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Energisch zog er seinen Hund hinter sich her. Auch Stefanie war froh, dass sie dem Fundort den Rücken zukehren konnte und folgte den beiden.
Es dauerte nur wenige Minuten bis die Eltern und Michael an der Fundstelle standen. Stefanie hatten sie mit dem Hund zurück zum Wagen geschickt. Dort mussten sie auf ihre Rückkehr warten. Der Vater hatte entschieden, dass sie noch zu jung dafür war, den Fund mit ihnen zusammen genauer zu begutachten.
Michael und seine Mutter blieben einige Meter entfernt vom Fundort stehen, während der Vater sich hinkniete und den Sand um die Hand herum entfernte. Immer mehr legte er vom Unterarm frei. Dann erhob er sich und stellte mit wichtiger Miene fest:
„Hier liegt ein Toter!“
Mit weit aufgerissenen Augen starrten ihn seine Frau und sein Sohn an. Insgeheim hatten sie es erwartet, aber die unverblümte, nüchterne Mitteilung des Familienvaters schockierte sie trotzdem.
Ein Toter im Sand inmitten der Wahner Heide! Wie ist das möglich? Hier ist doch alles so friedlich, dachte Michaels Mutter.
Worte kamen ihr aber nicht über die Lippen.
Recht hatte sie. Nachdem die belgische Armee Anfang 2004 die beiden genutzten Kasernen in der Heide verlassen hatte, kehrte grundsätzlich Friede in diese strapazierte Landschaft ein. Keine Manöver, keine Panzerbewegungen mehr – es wurde ruhig in der Heide.
Und jetzt das hier!
Michael hatte sich eng an seine Mutter geschmiegt, die wiederum ihren Sohn beschützend mit den Händen an sich drückte. Beide wollten so schnell wie möglich von diesem schrecklichen Ort weg.
Der Vater zog sein Handy aus der Tasche.
„Wie ist noch die Nummer der Polizei. 110 oder 112?“, fragte der Vater, der seine Aufregung nicht verbergen konnte.
„110 natürlich“, informierte ihn sein Sohn kleinlaut.
Der Vater stellte die Verbindung her und berichtete dem Polizeibeamten der Notrufzentrale, was sie gefunden hatten und wo sie sich aufhielten.
„Wir werden am Auto auf Sie warten“, beendete er schließlich das Gespräch und forderte damit gleichzeitig seine Familie auf, den Rückweg anzutreten.
Montag, 19:35 Uhr

Kriminalkommissar Ronni Kern drückte den Klingelknopf zur Wohnung von Kriminalhauptkommissar Frank Eisenstein. Auch nach dem zweiten Versuch öffnete sich nicht die Haustüre.
Seltsam, Frank müsste doch da sein, dachte er.
Er klingelte bei der Vermieterin. Er wusste, dass diese die Parterrewohnung bewohnte. Den Rest des Hauses hatte sie vermietet.
Die Vermieterin öffnete die Tür. Sie war eine ältere Frau, deren Mann vor mehr als zehn Jahren verstorben war. Seitdem lebte sie allein. Sie kannte Ronni und freute sich, ihn zu sehen.
„Herr Eisenstein ist so gegen 18 Uhr in seine Wohnung hoch gegangen. Ich habe nicht gesehen, dass er danach nochmal das Haus verlassen hat“, sagte sie.
Ronni bedankte sich und ging hoch zu Franks Wohnung im zweiten Stock.
Seitdem Frank sich im vergangenen Jahr von seiner Freundin Ilka getrennt hatte und er auch die Möglichkeit einer Beziehung zur Gerichtsmedizinerin Susanne Ohlrogge abgebrochen hatte, wohnte er hier. Ronni hatte ihm diese Wohnung in Bonn empfohlen, in der er selbst übergangsweise in der Zeit vom Beginn seiner Versetzung nach Bonn bis zum Bezug seiner jetzigen Wohnung in Bonn-Beuel gelebt hatte. Die Wohnung bestand aus Wohn- und Schlafzimmer und einer kleinen Küche. Dazu Bad und Toilette. Sie war vollständig möbliert, was Frank zum damaligen Zeitpunkt sehr entgegen kam. Das Haus war eine imposante, weiß gestrichene und vollständig renovierte Jugendstil-Villa aus dem Jahre 1904 mit Unter- und Erdgeschoss, sowie zwei Obergeschossen.
Ronni klopfte an die Wohnungstür. Nichts rührte sich. Er klopfte nochmals – jetzt allerdings lauter und drängender. Nichts. Sein Chef schien doch nicht in seiner Wohnung zu sein.
Ronni hatte gesehen, dass sein Wagen am Straßenrand direkt vor dem Haus stand. Sollte Frank zu Fuß in die Stadt gegangen sein? Vielleicht um in einer der gemütlichen Gaststädten im Bonner Zentrum ein Bier zu trinken, oder etwas zu Abend zu essen? Er hatte keine Ahnung.
Sein Verhältnis zu seinem Chef war seit einigen Wochen, wenn nicht sogar seit Monaten, gestört. Frank hatte sich verändert, war nicht mehr so offen und mitteilsam wie früher. Nach Dienstende ging er fast immer allein zu seiner Wohnung. Ein gemeinsames Bier mit seinem Freund und Kollegen lehnte er ab. Manchmal wirkte er sogar depressiv, schien keine Freude mehr an seiner Arbeit zu haben. Von seinen Freunden und Kollegen entfernte er sich immer mehr.
In der ersten Zeit, nachdem Frank die Wohnung bezogen hatte, verbrachten sie oft die Freizeit zusammen mit Ronnis Freundin Isabelle. Womöglich fühlte er sich als „fünftes Rad am Wagen“, obschon er nie etwas in dieser Richtung äußerte und Ronni auch nie diesen Eindruck hatte.
Als Ronni sich in Richtung Treppe umdrehen wollte, drückte er aus einer Art Reflex den alten Messinggriff der Türe herunter. Die Tür war unverschlossen und sprang sofort auf.
Er drückte die Tür etwas mehr zur Seite, um einen Schritt in den kleinen Flur zu setzen. Es roch muffig und er war sich sicher, den Geruch von Alkohol zu riechen. Die Tür zum Wohnzimmer war nur angelehnt. Er ging vorsichtig darauf zu. Irgendetwas war hier seltsam. Routinemäßig suchte seine rechte Hand nach seiner Dienstwaffe unter seiner Jacke. Mit der linken Hand drückte er sanft gegen die Wohnzimmertür, die sich mit einem leichten Quietschen öffnete.
Was er dann sah, ließ ihm den Atem stocken. Seine rechte Hand löste sich von seiner Dienstwaffe und er stürmte in das Zimmer hinein.
„Frank, was ist los mit dir?“, rief er außer sich und lief mit ein paar großen Schritten auf ihn zu.
Kriminalhauptkommissar Frank Eisenstein lag mit dem Rücken auf dem Sofa, das direkt vor dem großen Fenster stand. Sein rechter Arm baumelte von seiner Schulter herunter, und seine Fingerspitzen berührten den hellen Langflor-Teppich.
Eisenstein schlief tief und fest, eingehüllt in eine Alkoholfahne.
Um ihn herum herrschte eine totale Unordnung, die Ronni noch mehr verwunderte, als der Alkoholdunst, der von seinem Chef ausging. Mehrere leere Bierflaschen standen auf dem Tisch und auf dem Fußboden. Eine halbleere Flasche Wodka stand auf dem Boden neben seinem herunterhängenden Arm. Es war schon ein Wunder, dass er sie nicht mit der Hand umgestoßen hatte. Außerdem verunstalteten eine aufgerissene Papiertragetasche, sowie zwei, mit trockener Currysoße beschmierte, leere Pappschachteln den Glastisch.
Insgesamt bot sich ihm ein Bild, das er von Frank so nicht kannte.
„Aufwachen, aufwachen!“, schrie er Frank an und rüttelte ihn kräftig bei der Schulter.
„Aufwachen, wir haben einen Einsatz!“, ergänzte er in der Hoffnung, dadurch Eisensteins Lebensgeister zu erwecken.
Tatsächlich kam ein dunkles Stöhnen aus seiner Kehle und sein Körper drehte sich dabei auf die Seite, als suche er eine bessere Schlafposition.
„Du musst wach werden! Ein Toter liegt in der Wahner Heide und wir müssen hin.“
Ronni Kern hatte das Rütteln eingestellt und hob jetzt Eisensteins Oberkörper leicht an.
„Ja, ja. Lass mich in Ruhe“, brummte Frank fast unverständlich.
Die Dringlichkeit von Ronnis Bemühungen schien Eisensteins umnebeltes Gehirn erreicht zu haben. Langsam richtete er seinen Körper in eine sitzende Position auf.
„Was ist los? Ein Toter, sagst du?“
„Ja genau, du hast es endlich begriffen. Und wir müssen schnellstens dorthin.“
„Ich kann nicht. Mein Schädel brummt, als ob ich gegen eine Wand gelaufen wäre.“
Auch Ronni hatte inzwischen die Sinnlosigkeit seines Vorhabens erkannt. So konnte er seinen Chef unmöglich mit zu einem Tatort nehmen.
„Ich mache dir jetzt einen starken Kaffee und du begibst dich in der Zeit unter die Dusche. Sieh zu, dass du möglichst schnell wieder ein einigermaßen vernünftiger Mensch wirst. Sobald ich am Tatort fertig bin, treffen wir uns im Büro. Ich rufe dich dann an.“
Eisenstein sagte nicht mehr. Sein Zustand war ihm jetzt peinlich. Langsam erhob er sich und schwankte in Richtung Badezimmer.
Ronni begab sich in die Küche und bereitete einen starken Kaffee für seinen Chef.
Was war bloß mit ihm los? Seit Wochen war er nicht mehr der Frank Eisenstein, den er von früher kannte. Genau genommen, veränderte er sich seit der Geschichte am Sieglarer See, als er sich von seiner Freundin Ilka trennte und auch seiner alten Liebe Susanne nicht näher kommen wollte. Die Trennung von Ilka konnte Ronni verstehen. Stand die Lebensweise von Ilka doch in manchen Sachen im krassen Kontrast zu der von Frank. Nicht nur, weil sie unbedingt in einem Dorf leben wollte und Frank das Leben in der Stadt bevorzugte.
Nur weswegen er eine Verbindung zu Susanne nicht eingegangen war, verstand Ronni nicht. Susanne mochte Eisenstein und wollte eine Beziehung, das hatte er bereits nach kurzer Zeit bemerkt. Auch Frank mochte Susanne. Sie war Gerichtsmedizinerin und kannte seinen Job mit all seinen stressigen Facetten. Sie hätte sicher Verständnis für ihn und seine Arbeit. Aber er lehnte eine Beziehung mit ihr ab. Wahrscheinlich war er damals mit dem Zwang, sich für eine der beiden Frauen entscheiden zu müssen, überfordert und entschied sich dann einfach gegen beide.
Irgendwann nahm Ronni dann eine Alkoholfahne während der Dienstzeit bei Eisenstein wahr. Nicht, dass Eisenstein nie Alkohol trank, nein, das war es nicht. Aber am Tage, während der Arbeit, das hätte es früher nicht gegeben, dazu war er zu korrekt und verantwortungsbewusst.
Es blieb nicht bei dem einen Mal. Immer öfter bemerkte er, dass Frank während der Dienstzeit Alkohol trank und ihm auch seine Arbeit nicht mehr so wichtig war.
An einem Sonntag, als Frank bei Ronni und seiner Freundin zum Nachmittagskaffee eingeladen war, sprach Ronni ihn darauf an. Isabelle war in der Küche und die beiden Freunde standen auf dem Balkon.
„Du spinnst. Lass mich mein Leben so leben, wie ich es will. Ich bevormunde dich doch auch nicht“, war seine Reaktion, er drehte sich um und ging zurück ins Wohnzimmer.
In der nächsten halben Stunde hatte sich Eisenstein verabschiedet.
Danach gingen die beiden Freunde weder nach Dienstschluss zu einem Bier in eine der urigen Bonner Kneipen, so wie sie es früher manchmal gemacht hatten, noch nahm er eine erneute Einladung zu Ronni nach Hause an. Immer hatte er irgendwelche Ausreden parat. Ronni kam nicht mehr an ihn heran.
Eisenstein wurde mehr und mehr zum Einzelgänger. Sein Alkoholkonsum wurde größer und regelmäßiger.
Doch so wie heute hatte ihn Ronni bisher noch nicht gesehen. Seine Arbeit zu vernachlässigen, wäre früher nicht denkbar gewesen. Eisenstein liebte und hasste seinen Beruf gleichzeitig. Wusste er doch, dass er die Welt nicht ändern und von Gewalt befreien konnte. Aber er wollte seinen Teil dazu beitragen, Recht und Ordnung zumindest in seinem Bereich zum Erfolg zu verhelfen.
Frank hatte sich inzwischen vom Sofa erhoben und war mit langsamen Schritten auf den Weg ins Bad.
„Und komm gar nicht erst auf den Gedanken, dich wieder hinzulegen“, rief Ronni ihm noch auf dem Weg ins Badezimmer hinterher.
„Ja, ja. Ist schon gut. Ich habe verstanden“, war Eisensteins schleppende Antwort.
Der Kaffee war inzwischen fertig, aber Eisenstein befand sich noch immer im Bad. Ronni ging bis direkt vor die Badezimmertür. Er hörte das Wasser rauschen.
„Ich kann nicht länger warten. Kommst du alleine klar? Die Kanne Kaffee steht im Wohnzimmer auf dem Tisch“, rief er gegen die Badezimmertüre.
„Ja, ja. Ich bin bald fertig. Du kannst gehen. Ich komme schon klar“, vernahm Ronni Eisensteins Stimme aus dem Badezimmer.
Ronni stellte die Kanne mit starkem, schwarzem Kaffee wie angekündigt auf den Wohnzimmertisch. Bevor er ging, warf er noch den Müll vom Essen in den Abfalleimer und stellte die leeren Bierflaschen auf den Balkon. Die halbvolle Flasche Wodka leerte er im Spülbecken in der Küche aus. Er wollte nicht das Risiko eingehen, dass Frank nochmals zur Flasche griff und dann womöglich seine Verabredung mit ihm vergaß.
Montag, 20:30 Uhr

Ronni kam aus Richtung Troisdorf und parkte seinen Wagen auf dem Parkplatz links von der Altenrather Straße. Der Parkplatz auf der rechten Straßenseite war bis zur Straßeneinmündung mit Wagen der Streifenpolizei und der Spurensicherung vollgestellt. Als er ausstieg, sah er bereits von Weitem, dass das Gelände weiträumig mit rot-weißem Flatterband durch die Streifenpolizei abgesperrt war.
Er überquerte die Straße und zeigte dem Polizisten am Weganfang seinen Dienstausweis.
„Biegen sie direkt hinter der Schranke links vom Weg ab und gehen sie dann bergauf weiter“, wies der Polizist ihm freundlich den Weg.
„Danke, ich sehe es schon.“
Kurz vor Beginn des Waldes sah er eine größere Anzahl Menschen, die beschäftigt hin und her liefen. Die Spurensicherung hatte ihre Arbeit fast erledigt und einige der Männer räumten bereits ihr Material ein.
Egon Rothemüller, Leiter der Spusi, kam auf ihn zu.
„Hallo Ronni. Du kommst spät. Wo ist denn dein Chef?“
„Er ist krank“, antwortete Ronni spontan, was im weitesten Sinne auch stimmte.
„Du musst mit mir alleine vorlieb nehmen. Wie sieht es denn aus?“
„Dort drüben.“
Egon zeigte mit der Hand zu einer kleinen Erhebung, die mit Heidekraut bewachsen war.
„Er war bereits beerdigt. Wie mussten ihn wieder ausgraben“, lächelte Egon.
„Ach komm, lass die Scherze“, antwortete Ronni, der heute keinen Sinn für Egons makaberen Humor hatte.
„Das ist kein Scherz. Der Mörder, oder wer auch immer, hat die Leiche im Sand vergraben“, rechtfertigte sich Egon Rothemüller.
Inzwischen hatten sie den Hügel erreicht. Direkt davor hatte die Spurensicherung die Leiche freigelegt. Ungefähr einen halben Meter tiefer, als das umgebende Sandgebiet, lag sie in einer Art Grube auf dem Rücken. Die Ränder der Grube waren nicht mehr scharfkantig, da sich der Sand inzwischen gelöst hatte und in die Grube gerieselt war.
Ronni beugte sich über die Grube. Er wollte nicht zu nahe an den Rand treten, da er befürchtete, dass der Sand nachgeben und er in die Grube rutschen könnte.
Der Mann, der dort lag, war vielleicht Mitte dreißig. Ronni hatte aber so seine Probleme mit der Schätzung des Alters von Leichen. Das Gesicht war blass und sah entstellt und unnatürlich aus, was eine Schätzung erheblich erschwerte. Bekleidet war der Tote mit schwarzen Shorts und einem weißen T-Shirt von einfacher Qualität, das von getrocknetem Blut durchtränkt war. An den Füßen trug er Laufschuhe ohne Socken. Die Vermutung lag daher nahe, dass es sich um einen Jogger mit entsprechender Erfahrung handelte. Sein sportlicher Körper untermauerte diese These.
„Es handelt sich um eine männliche Leiche. Erstochen mit einem Messer mit einseitig geschliffener Klinge. Vielleicht so ein spitzes, schmales Filetiermesser, wie man es in der Küche benutzt. Ich habe acht Einstiche in den Oberkörper gezählt. Alle so circa sieben bis acht Zentimeter tief. Drei davon waren sofort tödlich. Hallo Ronni.“
Er hatte die Stimme bereits nach den ersten Worten und an dem ununterbrochenen Redeschwall erkannt. Er wartete aber, bis die Frau ihren Bericht beendet hatte. Dann drehte er sich nach der weiblichen Stimme hinter sich um.
„Hallo Susanne. Schön, dich nach so langer Zeit wieder zu sehen. Auch wenn der Anlass mal wieder eine Leiche ist.“
Ronni ging auf Susanne zu und umarmte sie herzlich.
Susanne Ohlrogge war Rechtsmedizinerin und ehemalige Freundin von Frank Eisenstein. Ronni hatte sie anlässlich ihres Falls am Sieglarer See im vergangenen Jahr kennen gelernt.
„Kannst du schon etwas über den Zeitpunkt des Todes sagen?“, wollte er wissen.
„Ich schätze so vor 36 bis 48 Stunden. Allerdings ist der Mann nicht hier umgebracht worden. Es ist kaum Blut im Sand vorhanden. Das bedeutet: der Tatort ist irgendwo anders. Aufgrund der vielen Einstiche schätze ich, dass eine Menge Wut und Adrenalin beim Mörder im Spiel war.“
„Hatte der Tote Papiere dabei?“
„Ich glaube ja. Das kann dir aber Egon sagen.“
„Hatte er nicht“, meldete sich Egon, der nur einige Schritte daneben stand und die Frage mitbekommen hatte.
„Welcher Jogger hat schon seine Ausweispapiere dabei? Wir haben ein Foto von ihm gemacht. Sobald ich hier fertig bin, schicke ich es dir auf deinen PC.“
„Danke Egon“, sagte Ronni.
Für Ronni war im Augenblick dieser Mordfall zweitrangig. Außerdem war alles gesagt, was er gegenwärtig wissen musste.
Seitdem er Susanne gesehen hatte, beschäftigte ihn der Zustand seines Chefs mehr. Er musste mit ihr darüber sprechen. Jetzt gleich. Er nahm Susanne beim Arm und zog sie einige Schritte vom Fundort der Leiche weg, sodass Egon ihre Unterhaltung nicht mitbekommen konnte.
„Hast du in letzter Zeit mit Frank gesprochen oder ihn gesehen?“
„Nein. Seit damals habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich habe einige Male versucht, ihn anzurufen, um mich mit ihm zu treffen, leider ohne Erfolg. Er will anscheinend nichts mehr mit mir zu tun haben. Wo ist er eigentlich? Bist du alleine hier?“
„Ja, ich bin alleine. Frank ist krank. Nein …, nicht direkt. Er hat sich heute Mittag frei genommen. Ich habe ihn angerufen, um mit ihm hierher zu fahren. Da er nicht ans Telefon ging, bin ich zu ihm nach Hause gefahren. Er war stockbetrunken. Aber das bleibt bitte unter uns!“
„Ja natürlich. Aber das ist doch nicht Franks Art. Hast du nicht mit ihm gesprochen?“
„Ich habe es versucht, das kannst du mir glauben. Ich komme nicht mehr an ihn heran. Das geht jetzt schon eine ganze Weile so.“
„Du meinst, mit dem Alkohol. Er trinkt doch hoffentlich nicht auch während der Arbeit?“
Susanne sah Ronni mit ängstlicher Miene an.
„Doch, tut er. Das Schlimmste daran ist, dass es ihm egal ist. Seine Arbeit, die er immer geliebt hatte, ist ihm egal. Kannst du das verstehen?“
„Wir müssen etwas unternehmen. Wir müssen mit ihm reden. Ich übernehme das. Danke für die Info. Frank ist mir immer noch wichtig, auch wenn er mich damals in die Wüste geschickt hat. Du hörst von mir. Auch natürlich, was diesen Fall hier betrifft.“
Damit verließ Susanne den Fundort der Leiche.
Die Leichenträger warteten bereits, um den Toten abzutransportieren.
Auch Ronni verabschiedete sich bei Egon und ging gedankenversunken zu seinem Wagen. Die Gedanken um Frank und Susanne musste er verdrängen. Jetzt ging es um diesen Toten.
Er überlegte, wie er die Identität des Toten in Erfahrung bringen könnte. Der Tote hatte doch sicher Familie, Freunde oder Arbeitskollegen. Vielleicht lag schon eine Vermisstenanzeige vor. Wenn es ein erfahrener Läufer war, war er eventuell in Läuferkreisen bekannt. Das Foto, das Egon gemacht hatte, könnte ihm weiterhelfen.
Als er im Auto saß, kreisten seine Überlegungen wieder um Frank Eisenstein und Susanne. So hundertprozentig konnte er sich nicht auf diesen Fall konzentrieren. Zu sehr beschäftigte ihn sein Chef und Freund. Er war gespannt, ob Susanne etwas bei Frank erreichen würde.
Er musste Frank jetzt wie versprochen anrufen und mit ihm diesen Fall besprechen. Hoffentlich hielt sich auch Frank an ihre Verabredung und kam ins Büro.

Ronni ging im Präsidium den langen Flur entlang, an dessen Ende sich sein Arbeitsplatz befand. Aus dem Büro, das Eisenstein sich mit ihm teilte, drang Licht in den Flur. Die Tür stand offen. Eisenstein saß hinter seinem Schreibtisch. Die Arme verschränkt und das Kinn lag auf seiner Brust. Es schien, als schliefe er.
„Hallo Frank“, begrüßte Ronni ihn freundlich.
Sogleich schnellte Eisensteins Kopf in die Höhe. Er hatte die Gedanken seines Kollegen erraten.
„Ich habe nicht geschlafen, falls du das denkst. Ich habe nachgedacht.“
„Worüber hast du nachgedacht?“, hakte Ronni direkt nach, weil er hoffte, etwas über den Grund von Franks Volltrunkenheit zu erfahren.
„Nichts was dich und den Fall betrifft“, erwiderte Frank recht einsilbig und Ronni war klar, dass ein weiteres Nachfragen sinnlos sein würde.
„Wie geht es dir? Bist du aufnahmefähig?“, fragte Ronni vorsichtig, denn er wollte den neuen Fall mit ihm besprechen.
„Na klar. Ein Bier zu viel wirft mich doch nicht um. Das kann jedem einmal passieren.“
„Und eine halbe Flasche Wodka“, berichtigte Ronni säuerlich und verzog dabei sein Gesicht zu einer Grimasse.
„Erzähle, was gibt es?“, wechselte Eisenstein das Thema.
Offensichtlich wollte Eisenstein nicht weiter über seine Verfassung reden. Schon gar nicht über den Grund seines Absturzes.
Ausführlich berichtete Ronni, was er in der Heide vorgefunden hatte.
Er erwähnte nicht, dass er Susanne als zuständige Rechtsmedizinerin angetroffen hatte. Dass sie über ihn gesprochen hatten und dass Susanne sich womöglich bei ihm melden würde, verschwieg er ebenfalls.
„Okay, dann müssen wir abwarten, bis wir das Foto haben. Damit können wir uns dann in der Läuferszene umsehen. Du kannst ja heute noch checken, ob eine Vermisstenanzeige vorliegt. Wir sehen uns dann morgen in alter Frische“, sagte Eisenstein, stand auf und verschwand aus dem Büro.
Ronni schaute ihm entgeistert hinterher. Ihm fehlten die Worte. So uninteressiert, ja fast desolat, hatte er seinen Chef noch nicht erlebt.
Er schüttelte weitere Überlegungen über Frank von sich und warf seinen Computer an.
Das Foto des Toten lag noch nicht vor. Er suchte nach einer Vermisstenanzeige in Troisdorf und den Nachbarstädten, denn der Tote musste nicht zwangsläufig aus Troisdorf sein. Der Tatort war nicht der Fundort und konnte demnach überall sein. Vielleicht in Köln, Bonn oder Siegburg.
Nichts – keine Anzeige, die auf den Toten zutreffen könnte.
Es war inzwischen bereits spät. Unternehmen konnte er jetzt nichts mehr. Vielleicht war seine Isabelle noch wach. Er freute sich auf seine Freundin und verließ das Büro.
Felix

Es war dunkel im Kinderzimmer. Felix lag in seinem Hochbett und lauschte. Musik aus dem Wohnzimmer drang leise zu ihm herüber.
Wahrscheinlich schauen meine Eltern irgend so eine dieser blöden Musiksendungen, dachte er.
Es war schon eine gefühlte Ewigkeit her, seitdem seine Mutter ihm heute den „Gute-Nacht-Kuss“ gegeben hatte. Sein Vater kam nie zu ihm ans Bett, um „gute Nacht“ zu sagen. Meistens sagte er nur einfach „Nacht, Felix“, wenn Felix an ihm vorbei ins Kinderzimmer ging. Dabei schaute er ihn noch nicht einmal an. Das Programm im Fernsehen schien immer wichtiger zu sein. Felix hatte gelernt, diese Kälte zu erwidern. Er ging nie zu seinem Vater. Weder abends, wenn er ins Bett ging, noch bei sonstigen Gelegenheiten tagsüber. Seine Mutter war die Ansprechperson für ihn – und nur ausschließlich sie.
Zu seinem achten Geburtstag hatte sein Vater ihm einen Zwerghamster geschenkt. Ohne Käfig. Lieblos - nur in einem winzigen Karton. Dann hatte er sich wie immer mit einer Flasche Bier vors Fernsehgerät gehockt. Über seinen Geburtstag oder über den Hamster verlor er kein Wort mehr.
Felix hatte sich nie einen Hamster gewünscht. Sein Vater hatte seiner Mutter erklärte, dass ein Hamster das Einsteigetier für jedes Kind wäre.
„Er braucht wenig Platz und vor allem: er lebt nicht lange“, waren seine überzeugenden Worte.
Wo sollte Felix den Hamster lassen? Seinen Vater interessierte das recht wenig. Lediglich seine Mutter versuchte ihm zu helfen. Sie holte als Notunterkunft für das kleine Tier einen alten Vogelkäfig aus dem Keller. Die Seiten kleidete sie mit engmaschigem Kaninchendraht aus, den sie ebenfalls im Keller fand. In einer Höhe von ungefähr zwanzig Zentimetern befestigte sie eine dünne Holzplatte zwischen den Streben des Käfigs. Zwerghamster klettern gerne an den Gitterstäben empor und lassen sich von dort aus fallen. Daher darf der Käfig nicht zu hoch sein. Das war vor fünf Wochen – und dabei blieb es bis heute.
Für die Versorgung und Ernährung war Felix verantwortlich. Er besorgte Heu, das er alle paar Tage wechselte, wenn er denn daran dachte. Wenn es mal wieder in seinem Zimmer zu sehr stank, war sein Vater der erste, der ihn deshalb anmeckerte und mit Strafe drohte, wenn er den Käfig nicht sofort säuberte.
Seine Mutter schenkte ihm eine kleine Schale für Wasser, das er täglich wechseln sollte. Auch für das Futter musste er selbst sorgen. Löwenzahnblätter von der Wiese im nahen Park. Manchmal nahm er auch ein Stück Salatgurke, eine Möhre oder ein Stück Apfel von seinem Essen für den Hamster. Von seinem geringen Taschengeld sollte er hin und wieder im Zoohandel spezielles Körnerfutter kaufen. Heimlich, ohne dass sein Vater es bemerkte, kaufte meistens seine Mutter das Futter. Dafür erhielt sie dann aus Dankbarkeit einen besonders dicken Kuss.
Der Hamster, die damit verbundene Arbeit und Verantwortung war das Geschenk seines Vaters, über das er sich riesig bis zu seinem nächsten Geburtstag freuen sollte.
Inzwischen hasste er den Hamster, der natürlich nichts dafür konnte.
Am vergangenen Samstag kam sein Vater von einer mehrtägigen Montagereise zurück.
„Ich habe meinem lieben Felix auch etwas für seinen armen Hamster mitgebracht“, überraschte er Felix.
Felix nahm das hämische Grinsen seines Vaters genau wahr, als er ihm als Willkommensgeschenk zu allem Überfluss ein Laufrad schenkte. Felix warf das Geschenk wütend auf den Boden und lief weinend aus dem Zimmer. Am nächsten Tag versuchte seine Mutter nette Worte für seinen Vater zu finden und Felix zu einer gewissen Freude über das Geschenk zu überreden. Schließlich brachte sie selbst das Laufrad im Käfig an.
Jetzt lag Felix in seinem Bett und starrte in die Finsternis des Zimmers, und in seinen Gedanken beschäftigte er sich mit seiner Mutter, die er über alles liebte, mit seinem Vater, den er hasste, insbesondere jedoch mit dem grässlichen Hamster.
Wenn er auch schlafen wollte, das monotone Drehen des Laufrades im Hamsterkäfig machte das unmöglich. Das nachtaktive Tier hatte jetzt ein Gerät, womit es seinen Bewegungsdrang befriedigen konnte.
Felix hatte sich in Wut gedacht und sprang auf, kletterte die Leiter aus dem Hochbett hinab und tastete sich im Dunkeln zum Hamsterkäfig. Er öffnete die Türe und nahm den Hamster in seine Hand.
Ein Hamster hat keinen Höhensinn. Er merkt nicht, ob es aus der Situation zehn Zentimeter oder einen Meter nach unten geht. Man stelle sich die kleinen Knochen vor, wie dünn und zerbrechlich die sind. Ein Sturz aus einem Meter Höhe ist für einen Hamster wie ein Sturz aus dem zweiten Stock für uns Menschen. Wenn er sich bedroht fühlt, beißt er oder will weg, und dann springt er einfach. Unten an, kommt man bestimmt. So primitiv denkt ein Hamster.
Felix Hamster fühlte sich nicht bedroht. Er kauerte sich in der hohlen Hand. Er biss nicht und er sprang nicht.
Felix streichelte ihm mit der anderen Hand zärtlich über den Rücken.
Dann öffnete er seine Hand zu einer geraden Fläche. Der Hamster blieb zusammengekauert sitzen. Unverhofft warf er das kleine Tier mit Schwung in die Höhe.
Ein leises Aufklatschen auf dem Laminatboden entlockte Felix ein breites, lautloses Grinsen.
In der Dunkelheit suchte er den Fußboden nach dem Tier ab. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis er das tote Tier gefunden hatte. Behutsam, als wenn er mit zu groben Bewegungen das Tier wieder zum Leben erwecken würde, legte er es in den Käfig.
Was für ein schrecklicher Unfall, dachte er. Hat sich der Hamster im Käfig doch selbst umgebracht!
Zufrieden legte er sich ins Bett. Ein Lächeln blieb noch lange, nachdem er eingeschlafen war, auf seinem Gesicht.
Dienstag, 8:15 Uhr

Ronni kam heute Morgen später als gewöhnlich ins Präsidium. Auf dem Flur zum Büro begegnete ihm Sybille Baum, die Büroangestellte, die ihren Arbeitsplatz im gleichen Büroraum hatte.
„Guten Morgen, Ronni. Du bis spät dran. Er sitzt bereits seit über einer Stunde am Schreibtisch“, war die erste Information, die er heute von ihr erhielt.
„Morgen, Sybille. Mit ‚er‘ meinst du bestimmt unseren Chef?“
„Na klar, wen denn sonst. Er sitzt da und schaut sich unablässig fürchterliche Bilder vom Toten von gestern an.“
„Danke, Sybille“, sagte Ronni, ohne auf ihre Information über Frank einzugehen.
Er setzte sein freundlichstes Lächeln auf, denn er wusste, dass das Sybille für die nächsten Stunden in äußerst gute Laune versetzen würde. Eilig ging er die letzten Meter zum Büro.
„Guten Morgen, Frank. Ich sehe, du bist bereits fleißig?“, sagte er mehr fragend als feststellend, nachdem er die Türe hinter sich geschlossen hatte.
„Morgen“, war Eisensteins einsilbige Antwort.
„Immer diese Gewalt, die wir uns ansehen müssen“, klagte er.
Er fuhr sich mit beiden Handflächen durch das Gesicht und lehnte sich im Stuhl zurück.
„Wir haben noch keinen Bericht von der Obduktion. Aber sieh‘ dir trotzdem diese Bilder einmal genau an und sag mir, was dir auffällt.“
Ronni setzte sich auf den Besucherstuhl auf der anderen Seite von Eisensteins Schreibtisch und nahm sich den Stapel Bilder. Aufmerksam betrachtete er jedes Bild. Eisenstein sagte nichts dazu. Er beobachtete seinen Kollegen interessiert, wie er die Bilder ein ums andere Mal durchsah.
Alle Bilder zeigten eine männliche Leiche, blasses Gesicht, schwarze Shorts, blutgetränktes weißes T-Shirt. Die acht Einstiche waren wegen des Blutes kaum erkennbar. Der linke Arm lag seitlich vom Körper, wogegen der rechte Arm nach hinten über den Kopf hinaus ragte. Am rechten Handgelenk trug der Tote eine schwarze Digitaluhr mit Stopp- und anderen Funktionen. Einen Ehering trug er nicht – das jedoch nicht unbedingt etwas zu sagen hatte. Verletzungen an Armen, Beinen und am Kopf waren nicht zu sehen. An beiden Armen befanden sich lediglich Blutspritzer, die höchstwahrscheinlich durch die vielen Einstiche am Oberkörper entstanden waren.
„Mir fällt nichts Besonderes auf. Die Menge der Einstiche lässt auf eine große Wut des Täters schließen“, sagte Ronni schließlich.
„Richtig. Das ist ein Jogger. Der läuft durch die Heide und dann soll jemand plötzlich vor ihm auftauchen und ihm acht Mal ein Küchenmesser in den Oberkörper rammen? Und der Jogger bleibt dabei unbeweglich stehen?“
Eisenstein sah Ronni eindringlich an.
„Du hast Recht. Das T-Shirt ist nicht zerrissen. Hätte sich der Mann gewehrt oder hätte er sich gedreht oder irgendwie bewegt, wäre das T-Shirt eingerissen. Außerdem versuchst du doch wegzurennen, wenn jemand mit einem Messer vor dir steht. Wäre der Täter von hinten gekommen, wären vermutlich die Stiche im Rücken. Das können wir demnach ausschließen“, kombinierte Ronni.
„Es sieht doch fast so aus, als hätte das Opfer auf dem Boden gelegen und der Täter hat dann wie wild auf ihn eingestochen. Oder das Opfer hat gestanden und eine weitere Person hat ihn festgehalten, während die andere Person auf ihn eingestochen hat. Dann muss es sich bei der Person, die das Opfer festhielt, um eine sehr kräftige Person gehandelt haben, denn wenn einer mit einem Messer vor dir steht, wirst du dich mit aller Kraft wehren.“
Eisenstein hatte sich im Drehstuhl zurück gelehnt und starrte an die Zimmerdecke.
Ja, denn wenn es um dein Leben geht, wachsen einem ungeahnte Kräfte“, ergänze Ronni.
„Ach, ich weiß nicht? Zwei Täter? Wenn zwei Personen einen Mord ausführen, bedeutet das für beide immer ein erhöhtes Risiko. “
Eisenstein schüttelte den Kopf.
„Hier, nimm einmal dieses Messer und tu so, als ob du zustichst.“
Eisenstein nahm ein langes Küchenmesser aus der Schublade und hielt es Ronni hin. Dabei baute er sich in voller Größe vor ihm auf.
„Wo hast du denn das Messer her?“, fragte Ronni ungläubig und starrte das Fleischmesser an.
„Aus unserer kleinen Küche nebenan natürlich“, antwortete Eisenstein wie selbstverständlich.
Kopfschüttelnd nahm Ronni das Messer in die rechte Hand.
„Und jetzt soll ich so tun, als ob ich zusteche?“
„Ja, sei nicht so ängstlich. Du musst ja nur so tun und nicht tatsächlich zustechen“, lachte Eisenstein.
Ronni simulierte einen Stich in Franks Bauchgegend. Eisenstein packte blitzschnell zu und hielt das Handgelenk mit dem Messer fest.
„Siehst du? Die scharfe Klinge zeigt nach unten und der Einstich würde demnach senkrecht verlaufen. Die Einstiche bei unserem Toten verlaufen aber waagerecht. Das bedeutet, der Täter hat wahrscheinlich von der Seite aus zugestochen. Womöglich hat er neben dem am Boden liegenden Opfer gekniet und dann zugestochen“, folgerte Eisenstein.
Ronni zeigte sich beeindruckt. Eisenstein ließ sein Handgelenk los und Ronni legte das Messer auf den Schreibtisch.
„Um acht Mal so tief in einen Körper einzustechen, dass drei Stiche sofort tödlich sind, braucht man Kraft. Vielleicht hat der Täter das Messer mit beiden Händen gehalten oder es muss ein kräftiger Mann gewesen sein, der auf den am Boden liegenden Körper eingestochen hat“, überlegte Ronni weiter, der inzwischen Eisensteins Theorie folgte.
„Anderseits legt sich ein Jogger nicht freiwillig auf den Boden. Eine Kopfwunde, die auf einen Niederschlag hindeutet, ist nicht vorhanden. Ich denke, wir müssen das Ergebnis der Obduktion abwarten. Vielleicht erhalten wir neue Informationen, die uns weiterhelfen. Weiß du, wann wir das Ergebnis erhalten?“, fragte Eisenstein und beendete damit seine Mutmaßungen.
„Eventuell bereits heute. Susanne wollte sich beeilen und diesen Fall vorziehen.“
„Susanne? Sag bloß, Susanne bearbeitet den Fall? Das hat mir noch gefehlt.“
Frank Eisensteins Miene verdunkelte sich merklich.
„Ja und? Sie hat sich auch nach dir erkundigt. Vielleicht meldet sie sich demnächst bei dir. Privat, meine ich“, setzte Ronni noch eins drauf.
Jetzt schien Franks gute Laune restlos dahin zu sein.
„Du weißt doch: ich will mit Susanne nichts mehr zu tun haben. Du kannst jederzeit mit ihr über den Fall sprechen, ich werde mich dabei zurückhalten. Und privat, wie du das nennst, will ich erst recht nicht mit ihr sprechen.“
Eisenstein stand auf und ging zur Bürotür. Dort drehte er sich nochmals um.
„Hör du dich mal in der Laufszene um. Ich hab etwas zu besorgen. Privat“, sagte er und warf die Tür hinter sich zu.
„Verdammt. Du sturer Hund!“, entfuhr es Ronni und er schlug mit der Hand auf den Schreitisch, so dass die Bilder, die er sich vorher angesehen hatte, kreuz und quer über den Schreibtisch und auf den Boden fielen.

Ronnis Ziel war der Troisdorfer Stadtteil Altenrath. Hier wollte er damit beginnen, die Identität des Ermordeten festzustellen. Er fuhr vom Polizeipräsidium in Bonn über die A59 nach Troisdorf und von dort über die Altenrather Straße bis Altenrath. Dies ist der Stadtteil, der am weitesten vom Troisdorfer Zentrum entfernt ist und am Rande der Wahner Heide liegt. Als er am Leichenfundort an der Altenrather Straße vorbei kam, fuhr er ein wenig langsamer und schaute in diesen Teil der Heide hinein. Die örtliche Polizei hatte die Absperrungen inzwischen entfernt und nichts erinnerte mehr an den gestrigen Leichenfund. Heute schien die Sonne und die violetten Heidekräuter leuchteten bis zur Straße herüber.
Das letzte Stück der Straße bis Altenrath nannte man „Panzerstraße“ und Ronni fand, dass die Straße diesen Namen verdient hatte. Anscheinend war die Straße nur für Panzer gut befahrbar. Für normale Autos schien sie nicht geeignet zu sein. Der Asphaltbelag hatte in großflächige Betonplatten gewechselt, die eine Menge Schadstellen aufwiesen. Der Wagen rumpelte über die Straße und Ronni musste die Geschwindigkeit drosseln. Vor Altenrath fuhr er in einen Kreisverkehr. Er war froh, wieder auf einer normal asphaltierten Straße zu fahren.
Direkt nach dem Verlassen des Kreisverkehrs lenkte er seinen Wagen auf einen großen Parkplatz am Ortseingang.
Er hatte im Internet gelesen, dass es in Troisdorf drei Lauftreffs gab. Einen in Spich, einen anderen in Troisdorf-Zentrum und einen Lauftreff in Altenrath. Es stellte sich die Frage, welchen Verein er zuerst aufsuchen sollte. Die Leiche wurde in der Wahner Heide gefunden und Altenrath lag direkt in der Wahner Heide. Daher war es für ihn logisch, zuerst den Lauftreff in Altenrath aufzusuchen. Laut den Angaben im Internet trafen sich die Mitglieder zwei Mal in der Woche, mittwochs und samstags. Heute war Dienstag. Vielleicht hatte er Glück und er würde trotzdem einen Läufer antreffen. Andernfalls musste er Passanten befragen oder Einwohner in ihren Häusern aufsuchen.
Ronni stieg aus seinem Wagen, lehnte sich gegen die Wagentüre und wartete eine Weile. Kein Läufer kam vorbei. Wie sollten sie auch. Es war Mittagszeit, die Sonne stand am höchsten Punkt und es war heiß. Mit Sicherheit keine gesunde Laufzeit.
Plötzlich wurde er durch einen fürchterlichen Lärm aus seinen Gedanken gerissen. Ein Flugzeug überflog im Landeanflug in geringer Höhe den Ortsrand von Altenrath.
Das ist ja schrecklich, dachte er.
Aber die Bewohner des Ortes würden daran gewöhnt sein. Sie wohnten schließlich in der Einflugschneise des Köln-Bonner Flughafens und dieser Lärm kam vermutlich oft am Tag vor.
Er wollte sich gerade zu Fuß in das Zentrum des Ortes aufmachen, als er vom Kreisverkehr her einen alten Mann mit seinem Hund auf sich zukommen sah.
„Guten Tag, haben Sie einen Augenblick Zeit?“, fragte der Kommissar, als der Mann ihn erreicht hatte.
„Was wollen Sie denn wissen. Sie sind nicht von hier, nicht wahr?“, stellte der Hundebesitzer direkt eine Gegenfrage.
Ronni zeigte ihm seinen Dienstausweis.
„Mein Name ist Ronni Kern und ich bin Kommissar der Mordkommission Bonn. Ich habe da eine Frage. Kennen Sie diesen Mann?“
„Ah, es geht um den Toten, den man gestern dort unten bei Troisdorf gefunden hat. Ich habe es heute Morgen in der Zeitung gelesen. Schlimme Sache. Noch nicht einmal beim Laufen ist man sicher. Und die Zeitung hat auch kein Bild vom Toten veröffentlich. Wer war es denn?“
„Ja, genau. Das wollte ich gerade Sie fragen“, unterbrach Ronni den Mann.
Dabei zeigte er ein Foto des Toten.
„Mann, wie sieht der denn aus?“
Der alte Mann wandte seinen Kopf ab und zog die Stirn in Falten.
„Nun ja, er ist nun mal tot. Und Tote sehen nicht besonders hübsch aus“, antwortete Ronni und startete einen neuen Versuch.
„Schauen Sie bitte trotzdem noch ein Mal genau hin. Kennen Sie diesen Mann?“
Der Alte nahm dem Kommissar das Foto aus der Hand und hielt es mit ausgestreckten Armen vor seine Augen.
„Wissen Sie, ich habe meine Brille nicht dabei. Wenn ich meinen Hund ausführe, habe ich die nie dabei. Er ist schon alt und ich muss morgens ganz früh, mittags und abends mit ihm Gassi gehen.“
„Versuchen Sie es bitte. Kennen Sie ihn?“, unterbrach ihn Ronni erneut.
„Ja, ja. Das kann der Belgier sein. De Graaf heißt der. Wissen Sie, hier im Ort leben noch viele Belgier. Das hängt mit dem Truppenübungsplatz zusammen. Vor zehn Jahren ist das belgische Militär abgezogen und …“
„Ich muss Sie leider nochmals unterbrechen. Wissen Sie auch, wo dieser de Graaf wohnt, ich meine wohnte?“
„Na klar. Drüben im Ort. Ganz in der Nähe von St. Georg, unserer Kirche. Der Kern unserer Kirche ist übrigens aus dem 12. Jahrhundert.“
„Würden Sie mir den Weg zeigen?“
„Natürlich, der Polizei helfe ich gerne. Ich muss sowieso dorthin. Kommen Sie mit. Komm altes Mädchen“, sagte der alte Mann zu seinem Hund und ging bereits vorweg.
Ronni schloss seinen Wagen ab und folgte mit einigen Metern Abstand. Er wollte damit vermeiden, sich womöglich ungefragt die Lebensgeschichte des Alten anhören zu müssen. Seinen Weggefährten schien das nicht zu stören. Lauthals erkläre er, wer in jedem Haus wohnte, an dem sie vorbei gingen und wie sich die verwandtschaftlichen Verhältnisse der Hauseigentümer und deren Nachbarn darstellten.
Vor einem großen Einfamilienhaus hielt der Mann an.
„So, wir sind da. Hier wohnte er. Zur Untermiete. Der hatte keine Familie mehr – geschieden, keine Kinder, verstehen Sie?“
„Vielen Dank für Ihre Hilfe. Ich glaube, jetzt komme ich allein zurecht“, sagte Ronni und gab dem Alten zum Abschied die Hand.
„Ja, ich muss auch nach Hause. Meine Frau wartet bestimmt schon mit dem Essen auf mich. Und finden Sie den Mörder, sonst ist man ja hier nicht mehr sicher.“
Er drehte sich um und ging den Weg zurück, den er mit Ronni gekommen war. Dabei redete er weiter vor sich hin, vielleicht aber auch zu seinem Hund.
Auf dem oberen Klingelschild stand der Name „Bruckmann“. Auf dem unteren „de Graaf“. Ronni betätigte die Klingel neben dem Namen „Bruckmann“. Eine hagere Frau öffnete die Türe. Die zu einem Pferdeschwanz zusammen gebundenen, braunen Haare ließen sie noch hagerer erscheinen. Sie war ungefähr fünfzig Jahre alt, vielleicht auch jünger.
Ronni Kern stellte sich vor und erklärte ihr in kurzen Zügen worum es ging.
„Dürfte ich mir die Wohnung von Herrn de Graaf ansehen. Wir müssen uns ein Bild des Verstorbenen machen. Vielleicht können Sie mir danach einige Fragen beantworten? Zur Unterstützung werde ich einige Kollegen anfordern.“
„Ja, natürlich. Herr de Graf wohnt in der Souterrain-Wohnung. Folgen Sie mir bitte. Ich habe einen Schlüssel und werde Ihnen die Wohnung öffnen. Wie lange werden Sie sich in der Wohnung umsehen? Ich habe in einer Stunde einen Friseurtermin.“
„Meine Kollegen werden in ungefähr fünfundvierzig Minuten hier sein. Es wird schon einige Zeit dauern. Aber wir werden uns beeilen. Vielleicht können Sie den Termin verschieben?“
„Ja, das geht bestimmt. Ich rufe mal eben dort an.“
Sie ging ins Haus, Ronni folgte ihr und wartete im Flur, während Frau Bruckmann im Wohnzimmer mit dem Friseur telefonierte.
„Es ist in Ordnung. Ich habe den Termin verschoben. Kommen Sie.“
In der Hand hielt sie einen Schlüssel, den sie aus dem Wohnzimmer mitgebracht hatte. Ronni folgte ihr die Treppe hinunter. Sie öffnete die Wohnungstür zu de Graafs Wohnung und machte für den Kommissar Platz.
„Schauen Sie sich nur um. Wenn Sie mich suchen, ich bin oben im Wohnzimmer“, sagte sie, drehte sich um und ging schnell die Treppe hoch.
Ronni bemerkte nicht, dass Tränen in ihren Augen standen.
Er betrat die Wohnung und stand sofort im Wohnzimmer. Ein Flur war nicht vorhanden. An einer Seite des Zimmers war eine kleine Küchenzeile angebracht. Davor eine Esstheke mit drei Barhockern. Ronni schaute aus dem Fenster und konnte davor eine kleine Terrasse ausmachen, von der eine Treppe zum höher gelegenen Rasen des Hauses führte. Durch eine Tür gelangte man vom Wohnzimmer in ein kleines Schlafzimmer, in dem lediglich ein Bett und ein kleiner Kleiderschrank standen. Am Schlafzimmer schloss sich ein Badezimmer mit Toilette und Dusche an. Eine normale Wohnung von maximal fünfzig bis fünfundfünfzig Quadratmetern, ausreichend für eine Person. Ronni ging durch alle Räume und schaute sich aufmerksam um. Die Wohnung war sauber und aufgeräumt, lediglich im Schlafzimmer lagen einige Kleidungsstücke auf dem Bett und davor stand ein Paar Straßenschuhe. Vermutlich waren das die Kleidungsstücke, die de Graaf anhatte, bevor er zum Joggen ging.
Ronni fasste nichts an. Er wollte mögliche Spuren nicht verwischen. Irgendwelche Hinweise oder Besonderheiten konnte er in der Wohnung nicht erkennen.
Danach ging er hoch ins Wohnzimmer. Frau Bruckmann saß im Sessel und blätterte in einer Illustrierten.
Die Frau konnte oder wollte nur wenig über den Jogger berichten. Vor fast einem Jahr war ihr Mann plötzlich durch einen Herzinfarkt verstorben. Danach wollte sie das für sie viel zu große Haus schweren Herzens verkaufen. Sie war schließlich froh, als de Graaf sie fragte, ob sie die Souterrainwohnung vermieten würde. De Graaf war seit einigen Monaten geschieden. Kinder hatte er keine. Die alte Wohnung war ihm für sich alleine viel zu groß und zu teuer. Die Einliegerwohnung bei Frau Bruckmann entsprach dagegen genau seinen Vorstellungen. Wenn die Miete angemessen wäre, wollte er auch gerne die Gartenarbeit und kleinere Reparaturarbeiten für sie übernehmen. Dieser Aspekt gefiel Frau Bruckmann, denn besonders die Gartenarbeit war nicht ihr Ding. Nach einigen Tagen Überlegung vermietete sie ihm die Wohnung und vor ungefähr einem halben Jahr war de Graaf eingezogen. Natürlich sorgte das im Ort für Gesprächsstoff. Manche Dorfbewohner dichteten ihr sofort ein Verhältnis an – und das in der Trauerzeit. Ronni wollte genau wissen, was an diesen Gerüchten dran war und fragte sie direkt.
„Nein, da war natürlich nichts“, antwortete Frau Bruckmann nicht unbedingt überzeugend.
Er glaubte ihr das nicht ganz, denn bei seiner Frage wirkte sie reichlich verlegen. Sollte er weiter nachfragen? Er konnte sich nicht vorstellen, dass Frau Bruckmann oder das Verhältnis de Graafs zu ihr etwas mit dem Fall zu tun haben könnte. Daher beließ er es bei dem, was er bisher erfahren hatte.
Es dauerte fast eine Stunde, ehe eine Frau und zwei Männer der Spurensicherung eintrafen. Es war nicht die übliche Spurensicherung, wie an einem Tatort, aber Ronni hatte die Hoffnung, dass doch ein Detail gefunden wurde, das ihm jetzt oder möglicherweise auch später weiterhelfen konnte. Immerhin war noch nicht der Tatort gefunden, an dem de Graaf umgebracht wurde. Er nahm zwar nicht an, dass die Wohnung der Tatort war, aber man konnte nie wissen. Auch wollte er die Fingerabdrücke sicherstellen, die sich in der Wohnung befanden. Womöglich war es zu einem späteren Zeitpunkt wichtig zu beweisen, wen de Graaf kannte und wer in seiner Wohnung war.
Die Kollegin und die beiden Kollegen nahmen sofort nach ihrer Ankunft ihre Arbeit auf und Ronni verabschiedete sich bei Frau Bruckmann.
Er würde morgen in aller Frühe das Ergebnis auf seinem Schreibtisch haben. Dann könnte er mit Eisenstein alles Weitere besprechen, falls dieser überhaupt zum Dienst erschien. Er hatte da seine Zweifel nach dem heutigen Abgang.
Wieder im Büro, beauftragte er seine Mitarbeiterin Sybille Baum, alles über de Graaf in Erfahrung zu bringen. Hatte jemand ein Motiv ihn umzubringen? Er musste sich ein Bild von diesem Mann machen. Familie, Freunde, Arbeitskollegen, was war das für ein Mann? Wer er beliebt? Hatte er Feinde? Wie war sein bisheriges Leben verlaufen? Einfach alles.
Dieser Auftrag war bei Sybille in guten Händen. Sie war gründlich und hatte viele Ideen, wie man alles über einen Menschen in Erfahrung bringen konnte.
Nachdem Frank Eisenstein heute Morgen das Büro angeblich wegen einer privaten Besorgung verlassen hatte, hatte ihn niemand mehr im Präsidium gesehen. Ronni beendete ebenfalls seinen Arbeitstag und fuhr nach Hause.
Sein erster Impuls war, auf dem Nachhauseweg bei Frank vorbeizufahren, um zu hören, wieso er nicht mehr ins Büro gekommen war.
Letztendlich entschied er sich dagegen. Unter Umständen hatte Frank wieder getrunken und ein vernünftiges Gespräch wäre dann sowieso nicht möglich.
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