Kitabı oku: «Wunder und Wunderbares»

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Werner Gitt
Wunder und Wunderbares


Werner Gitt Wunder und Wunderbares

1. Auflage 2005 der Printausgabe erschienen bei:

CLV Christliche Literatur–Verbreitung, Bielefeld

© 2013 Lichtzeichen Verlag, Lage

ISBN: 9783869549262

Bestell Nr.: 548926

E-Book Erstellung: LICHTZEICHEN Medien

www.lichtzeichen-medien.com


Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Erlaubnis des Verlegers in irgendeiner Form reproduziert werden.

Meiner lieben Marion gewidmet

Der Autor: Prof. Dr.-Ing. Werner Gitt wurde 1937 in Raineck/Ostpreußen geboren. Von 1963 bis 1968 absolvierte er ein Ingenieurstudium an der Technischen Hochschule Hannover, das er als Dipl.-Ing. abschloss. Von 1968 bis 1971 war er Assistent am Institut für Regelungstechnik der Technischen Hochschule Aachen. Nach zweijähriger Forschungsarbeit promovierte er zum Dr.-Ing. Von 1971 bis 2002 leitete er den Fachbereich Informationstechnologie bei der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig. 1978 wurde er zum Direktor und Professor bei der PTB ernannt. Er hat sich mit wissenschaftlichen Fragestellungen aus den Bereichen Informatik, numerische Mathematik und Regelungstechnik beschäftigt und die Ergebnisse in zahlreichen wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert. 1990 gründete er die »Fachtagung Informatik«, zu der jährlich etwa 150 Teilnehmer anreisen. Ziel ist es, biblische Leitlinien mit wissenschaftlichen Fragestellungen (besonders im Bereich Informationswissenschaften) zu verbinden. Seit 1984 vertritt er das Gebiet »Bibel und Naturwissenschaft« als Gastdozent an der »Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel (StH Basel)«. Seit 1966 ist er mit seiner Frau Marion verheiratet. Im September 1967 wurde Carsten und im April 1969 Rona geboren.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Teil I: Die Wunder der Bibel – Zumutung oder Tatsache?

Einleitung

1.1 W1: Der lange Tag bei Josua

1.2 Wenn Wunder unerwartet sind, was ist dann das Erwartete?

1.3 Was ist ein Naturgesetz?

1.4 Staunenswerte Vorgänge

1.5 Staunen über Naturgesetze

1.6 Woher kommen die Naturgesetze?

1.7 Wer sorgt für die Einhaltung der Naturgesetze?

1.8 Wo aber ist da noch Platz für Wunder?

1.9 W2: Jona im Bauch des Fisches

1.10 W3: Die Jungfrauengeburt Jesu

1.11 W4: Die Stillung des Sturmes

1.12 W5: Die Heilung des Lahmen an der Tempeltür

1.13 W6: Die Auferstehung Jesu von den Toten

1.14 Kann es sein, dass unser wissenschaftlicher Kenntnisstand (noch) nicht ausreicht, um Wunder zu erklären?

1.15 Werden bei den biblisch bezeugten Wundern immer Naturgesetze verletzt?

1.16 Welche der biblisch bezeugten Wunder werden am häufigsten in Frage gestellt?

1.17 Warum hat Jesus Wunder getan?

1.18 Ist alles, was außerhalb der Naturgesetze geschieht, immer von Gott?

1.19 Zusammenfassende Definition der biblischen Wunder

1.20 Sieht Gott seine Taten als Wunder an?

1.21 Können auch Menschen Wunder tun?

1.22 Geschehen auch heute noch Wunder?

1.23 W7: Das Wunder des Glaubens

1.24 Verschiedenartige biblische Wunder

Teil II: Wunderbares – Selbst erlebte Geschichten

Einleitung

2.1 Meine Kindheit in Ostpreußen

2.2 Der »schwerhörige« Professor aus Moskau

2.3 Nach fünfzig Jahren wieder in Ostpreußen

2.4 Vom Professor für Atheistik zum Radiomissionar

2.5 Die Kirgisin, die in letzter Sekunde den Himmel fand

2.6 Vor kirgisischen Dichtern

2.7 Bekehrt in der Luft oder auf dem Land?

2.8 Gottes nicht nachvollziehbare Mathematik

2.9 Die Suche nach meinem Geburtsort Raineck

2.10 Eine gut genutzte Bahnfahrt

2.11 Hindernisse auf dem Weg nach Tilsit

2.12 Die Drei von der Landstraße

2.13 Eine Saat, die nach 60 Jahren aufging

2.14 Gottes minutiöse Planung in Pinsk

2.15 Überraschendes in einem leeren Hörsaal an der Universität von Königsberg

2.16 Alles einsetzen, um nichts zu gewinnen

2.17 Immer auf der Suche bleiben

2.18 Fromm und doch nicht gerettet

2.19 Wer ist »der liebe Gott«?

2.20 Mein Baby ist im Himmel!

2.21 Der Atheist von Bayern

2.22 Dann kommen ja fast alle in die Hölle

2.23 Warum ließ Gott den Sündenfall zu?

2.24 Jesus, der den Herrn Jesus nicht kannte

2.25 Eine bunt gemischte Gruppe im Nachgespräch

2.26 So eine will ich auch werden

2.27 Die erforderliche Initialzündung

2.28 Das weltweite Netzwerk Gottes

2.29 Die Frau, die zur Hölle wollte

2.30 Warum tut Gott manchmal für uns Unverständliches

2.31 Wer Gott sucht, wird ihn auch finden

2.32 Wenn nacheinander drei Söhne sterben

2.33 Wenn die in den Himmel kommen, dann will ich dort nicht hin

2.34 Mission rund um die Uhr

2.35 Die Theologie der Glaubensabwehr

2.36 Erlebt in Brasilien

2.37 Der Arzt von Swakopmund

2.38 Wie Gott auf Gehorsam reagiert

2.39 Außergewöhnliches in der Namib-Wüste

2.40 Außergewöhnliches in der Höhle von Waitomo

Teil III: Geschichten, die das Leben schrieb – 12 Zeugnisse aus 5 Erdteilen

Einleitung

AUSTRALIEN

Wenn Gott einen weiten Raum schenkt

Z1: Bis zum Mars und zurück Dr. med. Carl Wieland, Brisbane (Australien)

AFRIKA

Namibia

Den kennt doch jeder!

Z2: Erlebnisse unter dem Kreuz des Südens Johannes Trauernicht, Swakopmund (Namibia)

Südafrika

Vom Abenteurer zum Jünger Jesu

Z3: Geklaut – geglaubt – getraut Heinrich Weidmann, Pretoria (Südafrika)

ASIEN

Usbekistan

Auf dem kürzesten Weg zu Jesus

Z4: Vom Islam zur christlichen Missionarin Schirinai Dossowa, Moskau (aus Usbekistan)

AMERIKA

Paraguay

Ein junger Mann setzt konsequent seinen Entschluss um

Z5: Ein Leben für die Indianer Gerhard Hein, Fernheim (Paraguay, Chaco)

EUROPA

Tragödie Ostpreußen

Z6: Wenn Gott seine Engel schickt Walter Stumpf, Neustadt an der Weinstraße

Vom zwielichtigen Gewerbe in den Dienst Jesu

Z7: Und der Herr wandte sich um und sah mich an … Esther (aus Süddeutschland)

Fromm und doch verloren

Z8: Befreit durch den Ruf Jesu Jola (aus Polen)

Der lange Weg bis zur Wahrheit

Z9: Von der Zeugin Jehovas zur Zeugin Jesu Christa Götzen, Jülich

Als Gott mein Herz traf

Z10: Ertappt Ulrike Sch., Bad Säckingen

Wie eine Lebensphilosophie zusammenbricht

Z11: New Age – ich war auf dem Weg der Verblendung Inés Carreras, München

Des Lebens raue Wege

Z12: Unkaputtbar Heidrun Förstner-Henn, Neustadt an der Weinstraße

Wenn nicht anders angegeben, wurden die verwendeten Bibelstellen nach der

Luther-Übersetzung 1984 zitiert.

Vorwort

Wie der Titel schon sagt, geht es in diesem Buch um Wunder und um Wunderbares. Unter Wunder verstehen wir all jene Ereignisse, von denen die Bibel als Taten und Zeichen Gottes berichtet, die wir jedoch normalerweise nicht auf diese Weise erleben. Das Buch gliedert sich in drei Teile.

Teil I: Anhand von 7 ausgewählten Wundern aus dem Alten und Neuen Testament wird das Prinzipielle dieser Geschehnisse herausgearbeitet. Der Leser soll hineingenommen werden in die besonderen Handlungsweisen des Schöpfers und wieder neu über seine Größe staunen können. Die Beiträge wollen sowohl Kritikern der Bibel eine Antwort auf ihre Einwände geben als auch Glaubenden deutlich machen, dass wir Schaden nähmen, wenn wir etwas von der Bibel aufgeben würden.

Teil II: Im Rahmen meines Vortragsdienstes im In- und Ausland habe ich mancherlei Wirkungen Gottes erlebt. Im Unterschied zu den biblisch bezeugten Wundern nenne ich dieses selbst Miterlebte »Wunderbares«. In 40 Beiträgen wird von Ereignissen in unserer Zeit berichtet.

Teil III: Im dritten Teil des Buches kommen 12 Personen (7 Frauen und 5 Männer) aus den fünf verschiedenen Erdteilen in eigenen Lebenszeugnissen ausführlich zu Wort. Alle sind mir persönlich bekannt. Sie schildern anhand ihres eigenen Erlebens, wie Gott durch seinen Sohn Jesus Christus in ihr Leben eingegriffen und ihrem Leben dadurch eine deutliche Wende gegeben hat.

Dank: Meiner Frau danke ich für die Durchsicht des Manuskriptes und alle hilfreichen Gespräche über die jeweilige Thematik. Auch für die Unterstützung des Buchprojekts und für alle Anregungen bin ich sehr dankbar.

Mein Wunsch ist es, dass wir durch die Schilderungen in diesem Buch wieder staunen lernen über die Aktualität der Bibel und über unseren lebendigen Gott.

Werner Gitt

Teil I

Einleitung

Wie schnell doch die Jahre vergehen, sagen wir umso öfter, je älter wir werden. Auch das 20. Jahrhundert haben wir bereits hinter uns gelassen. Im privaten Bereich bleiben jedem von uns persönliche Erinnerungen, aber auch bahnbrechende Erkenntnisse und Erfolge in Wissenschaft und Technik sind nicht vergessen. Nur einige wollen wir hier nennen:

1938 wurde von dem deutschen Erfinder Konrad Zuse (1910-1995) der weltweit erste programmgesteuerte Rechner gebaut. Computer haben inzwischen alle Zweige der Wissenschaft und Wirtschaft erobert, und an das Internet sind heute (2007) mit stark steigender Tendenz weltweit mehr als eine Milliarde Nutzer angeschlossen.

Am 3. Dezember 1967 gelang dem südafrikanischen Arzt Christiaan Barnard zum ersten Mal die erfolgreiche Transplantation eines menschlichen Herzens. Inzwischen sind weltweit über 50 000 Herzen transplantiert worden.

Am 21. Juli 1969 setzte ein Mensch erstmals seinen Fuß auf den Mond. Der Astronaut Neil Armstrong rief uns voller Stolz vom Erdtrabanten den Satz zu: »Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein Riesenschritt für die Menschheit.«

Der schottische Embryologe Ian Wilmut klonte 1996 das Schaf Dolly. Erstmals gelang es, eine normale Körperzelle so zu manipulieren, dass sie sich wie eine befruchtete Eizelle zu teilen begann und sich zu einem normalen Embryo entwickelte.

Diese wenigen Beispiele könnten den Eindruck vermitteln, als seien dem Menschen kaum noch Grenzen gesetzt. Dem Verstand scheint alles möglich. Bei all dieser Wissenschaftsgläubigkeit haben viele unserer Zeitgenossen Probleme mit der Bibel. Sie machen den Einwand geltend, dass in der Bibel so viele wissenschaftlich nicht nachvollziehbare Dinge geschrieben stehen wie z. B.:

 die Jungfrauengeburt

 die Auferstehung Toter

 Blinde werden sehend, Lahme können plötzlich gehen

 der Sonne wird befohlen: »Stehe still!«

Wir werden hier mit einem Phänomen konfrontiert, das über unseren Verstand hinausgeht: das Wunder. Auch in der Alltagssprache und der Dichtung taucht dieser Begriff häufig auf.

Johann Wolfgang von Goethe sagt im Faust, dem bekannten Drama, nicht unkritisch: »Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.«

Friedrich von Schiller sagt in seinem Schauspiel »Die Jungfrau von Orleans«: »Die Wunder ruhn, der Himmel ist verschlossen.«

In dem bekannten Film »Die große Liebe« (1942) sang der gefeierte Ufa-Star des deutschen Musikfilms Zarah Leander (1907-1981) mit ihrer dunklen, rauchigen Stimme das Lied: »Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn.«

Als Drohung hören wir manchmal den Satz: »Du wirst noch dein blaues Wunder erleben.«

Der deutsche Dichter Christian F. Gellert (1715-1769) schreibt in seinem Lied »Dies ist der Tag«: »Wenn ich dies Wunder fassen will, so steht mein Geist vor Ehrfurcht still.«

In einem französischen Spruch heißt es einschränkend: »Wunder erleben nur diejenigen, die daran glauben.«

Wenn wir mit unseren realen Möglichkeiten am Ende sind, verwenden wir die Redensart: »Jetzt kann nur noch ein Wunder helfen!«

Ist es nicht so, dass manchmal Menschen auf ein Wunder warten? Ist es dann eingetreten, versuchen sie es mit dem Verstand zu erklären und nehmen dem Besonderen damit das Wunderbare. Die Skepsis des französischen Philosophen Voltaire (1694-1778) gipfelt in der Feststellung: »Wenn in Paris auf dem Marktplatz tausend Leute und auch ich ein Wunder sehen würden, dann würde ich den zweitausend Augenpaaren einschließlich meinen eigenen misstrauen.« Wie kommt er zu einer so skeptischen Haltung?

Wunder sind Tatsachen – unbestritten. Was aber ist ein Wunder? Anhand von sieben ausgewählten Beispielen W1 bis W7 wollen wir uns nachfolgend ausgiebig mit biblisch bezeugten Wundern beschäftigen.

1.1 W1: Der lange Tag bei Josua

Im Alten Testament wird eine ganz außergewöhnliche Situation geschildert. Ich ordne das, von dem in Josua 10,12-13+14 (Hfa) berichtet wird, als ein astronomisches Wunder ein:

12. An jenem Tag, als der Herr die Amoriter in die Gewalt der Israeliten gab, hatte Josua vor dem ganzen Volk laut zum Herrn gebetet: »Sonne, bleib stehen über Gibeon, und Mond über dem Tal Ajalon!«

13. Da waren die Sonne und der Mond stehen geblieben, bis die Israeliten sich an ihren Feinden gerächt hatten… Die Sonne stand fast einen Tag lang hoch am Himmel und lief nicht nach Westen.

14. Weder vorher noch nachher hat es je einen Tag gegeben, an dem der Herr auf eine so außergewöhnliche Bitte gehört hätte. Damals tat er es, denn er kämpfte auf der Seite Israels.

Auf diesen Text bin ich oft angesprochen worden. Wie ist es astronomisch möglich, dass ein Tag so einfach verlängert wird? Drei wesentliche Punkte sollen uns zu einer Erklärung führen:

1. Gebet: Gott stellt sich immer wieder als derjenige vor, der Gebete erhört. In der Bergpredigt lehrt Jesus: »Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan« (Mt 7,7). Aus dem vorliegenden Text (Jos 10,14) erkennen wir, dass es auch ganz außergewöhnliche Gebete gibt, die Gott nur ein einziges Mal in der ganzen Weltgeschichte erhört. Wenn wir beispielsweise im Urlaub am Strand liegen und Gott darum bitten, er möge die Sonne doch noch ein paar Stunden länger scheinen lassen, dann können wir gewiss sein: Hierauf wird Gott nicht wie im Falle Josuas reagieren. Zum weiten Spektrum der Gebetserhörungen gehört auch, dass es Gebete gibt, auf die Gott sofort und immer und an jedem Ort reagiert. Es ist das Gebet eines Menschen, der Rettung erfleht: »Wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden« (Röm 10,13). Es ist das größte Anliegen Gottes, dass wir nicht wegen unserer Sünde ewig verloren gehen. Darum sandte er seinen Sohn in die Welt: »Denn der Menschensohn ist gekommen, selig zu machen, was verloren ist« (Mt 18,11). Von der sofortigen Wirkung eines solchen Gebets erfuhr der eine Schächer am Kreuz aus dem Munde Jesu: »Heute wirst du mit mir im Paradies sein« (Lk 23,43). Alle anderen Gebete liegen zwischen diesen beiden Grenzmarken; Gott entscheidet in seiner Weisheit, wann und wie er auf die Gebete eingeht. Kein Gebet ist vergeblich!

2. Koordinatensystem: Manche Kritiker der Bibel wenden bei dem oben zitierten Josua-Text ein, dass der Sonne befohlen wird, stehen zu bleiben, obwohl es astronomisch gesehen doch gerade umgekehrt ist – die Sonne steht still, und die Erde bewegt sich um sie herum. Hierbei haben wir zu bedenken: Jeder moderne Astronom spricht vom Sonnenaufgang und -untergang, obwohl damit nur die scheinbaren Bewegungen beschrieben werden. Und so können wir in jedem Kalender die Zeiten für Sonnenaufgang und -untergang nachlesen. Anders ausgedrückt: Man legt das Koordinatensystem in den Standort des Beobachters, weil dann die Verhältnisse so beschrieben werden, wie diese von ihm aus gesehen werden.

Ich erinnere mich noch gern an die Mechanikvorlesungen meines geschätzten Lehrers Professor Eduard Pestel1 (1914-1988) an der Technischen Hochschule Hannover. Er war bei uns Studenten nicht nur wegen seiner gut strukturierten Vorlesungen, sondern auch wegen seiner angenehm freundlichen Art sehr geschätzt. Als er einen Ruf nach München erhielt, aber dennoch in Hannover blieb, haben viele Studenten sich dafür mit einem Fackelzug, der an seinem Haus endete, bei ihm bedankt. Gefürchtet waren allerdings seine Prüfungsklausuren, in denen er nicht wissen wollte, ob wir gut rechnen konnten. Ihm ging es darum, ob wir das Prinzip des mechanischen Systems so gut durchschauten, dass wir in der Lage waren, das Koordinatensystem für die Aufstellung der be-schreibenden Differenzialgleichungen so optimal zu setzen, dass diese leicht lösbar wurden. Hatte man den Nullpunkt des Koordinatensystems an die richtige Stelle gesetzt, war die Lösung der Aufgabe nur noch Anwendung des mathematischen Rüstzeugs. Durchschaute man die Wirkungsweise des Systems jedoch nicht richtig und setzte den Nullpunkt des Koordinatensystems an eine ungünstige Stelle, wurde der Rechenaufwand an den Gleichungen so beträchtlich, dass die Lösung nicht in der angesetzten Zeit zu schaffen war. Damit will ich auf Folgendes hinweisen: Der Nullpunkt des Koordinatensystems kann im Prinzip an beliebiger Stelle gesetzt werden; es gibt aber eine »beste« Stelle, bei der der Rechenaufwand minimal wird.


Prof. Dr.-Ing. Eduard Pestel (1914-1988), Technische Universität Hannover.

Genau dasselbe tut die Bibel auch. Es gilt durchgängig für alle biblischen Beschreibungen, dass der Nullpunkt des Koordinatensystems immer an die Stelle des Beobachters gelegt wird. So auch bei der Beschreibung des langen Tages bei Josua. Was an jenem Tag geschah, wird vom Standpunkt des Beobachters geschildert. Für ihn sah es so aus, als würde sich die Sonne am Himmel nicht weiterbewegen.

An zwei weiteren Beispielen sehen wir ebenfalls, dass es auf den Standpunkt des Beobachters ankommt.

a) In Lukas 12,54-55 beschreibt Jesus eine allgemeine Wetterbeobachtung: »Wenn ihr eine Wolke aufsteigen seht vom Westen her, so sagt ihr gleich: Es gibt Regen. Und es geschieht so. Und wenn der Südwind weht, so sagt ihr: Es wird heiß werden. Und es geschieht so.«

Als ich in Paraguay war, also in der heißen Zone der südlichen Erdhalbkugel, da lernte ich eine andere Regel kennen: Wenn der Nordwind weht, dann wird es sehr heiß. Es ist dann jene Luft, die vom Äquator kommt. Die obige meteorologische Regel, die Jesus nannte, ist keine weltweit gültige, sondern eine für den Standort Israel gegebene.

b) In Jeremia 16,14-15 finden wir eine Prophetie über die Rückkehr der Juden:

»Darum siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: ›So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat‹, sondern: ›So wahr der Herr lebt, der die Israeliten geführt hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Ländern, wohin er sie verstoßen hatte.‹ Denn ich will sie zurückbringen in das Land, das ich ihren Vätern gegeben habe.«

Diese Prophetie wurde in Israel ausgesprochen und nicht in Südamerika oder Australien. Das große Land im Norden von Israel war die frühere Sowjetunion; bemerkenswerterweise liegen Jerusalem und Moskau auf demselben Längengrad. Aus diesem Land sind seit Herbst 1989 über 840 000 Juden nach Israel eingewandert. Auch hier sehen wir, dass sich die gegebene Aussage auf den Standort des Beobachters (in Israel) bezieht.

Halten wir fest: Die Bibel beschreibt die Phänomene und trifft Aussagen oder beschreibt Ereignisse immer vom Standort des Beobachters aus, weil sie dann am einfachsten zu verstehen sind.

3. Das Wunder: Nun kommen wir zu dem Hauptproblem dieses Textes. Die physikalisch relevante Bewegung, die in Josua 10 geschildert wird, ist exakt beschrieben, wenn wir das Koordinatensystem in den Erdmittelpunkt legen: Die Erde wurde bezüglich ihrer Umdrehung um die eigene Achse eine Zeit lang angehalten (oder abgebremst) und später wieder »auf Tour« gebracht. Nach den Gesetzen der Mechanik entstehen dabei Beschleunigungskräfte, die massive Wirkungen auf der Erde auslösen: Die Ozeane schwappen über, das Wasser der Flüsse und Seen tritt über die Ufer, Tassen fallen aus dem Schrank und Menschen kippen um. So geschieht es unter Normalbedingungen.

Aber hier greift derjenige ein, der Himmel und Erde durch sein Allmachtswort geschaffen hat. Es ist eine Kleinigkeit für ihn, in den sonst geltenden Naturgesetzen vorübergehend ein paar Parameter zu ändern. Hierfür verwenden wir die Bezeichnung »Wunder«.

Wie können wir ein Wunder definieren? Zunächst möchte ich eine vorläufige Definition D1 geben, die wir nach weiterer Diskussion als D2 noch präzisieren werden:

Definition D1: Ein Wunder versetzt uns ins Staunen, weil es unerwartet und unberechenbar auftritt und unserer normalen Beobachtung widerspricht.

1.2 Wenn Wunder unerwartet sind, was ist dann das Erwartete?

Diese Frage hilft uns, eine deutliche Trennlinie zwischen Wundern (Unerwartetes) und Nichtwundern (Erwartetes) zu ziehen. Alle Ereignisse in unserer Welt laufen innerhalb eines Rahmens von festgefügten Gesetzmäßigkeiten ab. Diese nicht veränderlichen Fügungen nennen wir Naturgesetze.

1.3 Was ist ein Naturgesetz?

Wir beobachten alle Tage, dass ein Gegenstand nach unten fällt. Das kann eine Tasse, ein Kugelschreiber oder auch ein Apfel am Baum sein – sie fallen alle auf die Erde. Dieselbe Gesetzmäßigkeit gilt auch für einen Turmspringer auf dem Zehnmeterbrett oder für den Absturz eines Meteoriten auf die Erde. Es spielt offenbar überhaupt keine Rolle, was das für ein Gegenstand ist, der da fällt.

Außerdem stellen wir fest, dass das Herunterfallen mit einer Geschwindigkeit geschieht, die ständig zunimmt. Ganz allgemein ausgedrückt handelt es sich hierbei um das so genannte Gravitationsgesetz. Da es von diesem Gesetz in der Natur offenbar keine Ausnahme gibt, nennen wir es ein Naturgesetz.2

Nach allem, was wir wissen, sind Naturgesetze konstant – sie sind unveränderlich seit ihrer Installation durch den Schöpfer. Sie geben einerseits einen weiten Freiraum für Wirksamkeiten und Abläufe in unserer Welt und erlauben die vielfältigsten technischen Erfindungen und Verfahren, aber andererseits schließen sie viele nur in unserer Vorstellung erdachte Vorgänge als nicht realisierbar aus.

Besonders in den Naturwissenschaften Physik und Chemie wird versucht, diese ständig gegenwärtigen, überall wirksamen Gesetze durch Beobachtung und Experimente herauszufinden und sie dann mathematisch oder verbal in allgemeiner Form auszudrücken. Während die Naturgesetze für materielle Größen (z. B. Energie, elektrische Ladung, Viskosität) in den meisten Fällen auch mathematisch formulierbar sind, gelingt dies bei den nicht-materiellen Größen (z. B. Information, Bewusstsein, Wille) (noch) nicht.

Der Schöpfer hat nicht nur diese Welt und das ganze Universum geschaffen; er hat auch die Naturgesetze installiert, die all seinen Werken innewohnen und darum ständig und überall wirksam sind.

Nur dadurch, dass wir die Naturgesetze kennen und sie präzise formulieren können, gelingt es uns, die Tragfähigkeit einer Brücke oder den Energieverbrauch einer Rakete, die zum Mond fliegen soll, im Voraus zu berechnen. Kurz gefasst können wir sagen: Technik ist geniale Anwendung der Naturgesetze.

Am 27. April 2005 hob das bisher größte Passagierflugzeug der Welt, der Airbus A380, in Toulouse (Frankreich) ab. Dieser Gigant ist 73 Meter lang, 24 Meter hoch und über 79 Meter breit. Der Jet bietet bis zu 850 Passagieren Platz und löst damit die amerikanische Boeing 747 als bisher größtes Passagierflugzeug ab. Die Entwicklungskosten betrugen 10,7 Milliarden Euro. Rund 30 Sekunden beschleunigte der Vierstrahler auf der 3500 Meter langen Startbahn. Nach 1800 Metern Startstrecke hob der 421 Tonnen schwere Jet zu seinem Jungfernflug ab. Der Entwicklungsleiter versicherte selbstsicher gegenüber der Presse: »Dass der Jet fliegen kann, ist selbstverständlich.« Warum ist es so sicher, dass ein Gigant mit solch einem Gewicht fliegen kann, obwohl es noch nie ausprobiert worden war? Antwort: Der Schöpfer garantiert allezeit die Einhaltung seiner Naturgesetze. Konstruiert man etwas Neuartiges und berücksichtigt alle infrage kommenden Naturgesetze, dann kann man gewiss sein, dass es nach den Vorausberechnungen auch funktioniert.


Jungfernflug des Airbus 380 am 27. April 2005.

1.4 Staunenswerte Vorgänge

Wir beobachten in der uns umgebenden Wirklichkeit zahlreiche staunenswerte Vorgänge. Besonders im Bereich des Lebens fehlt uns oft das Verständnis für die genaue Funktionsweise der vielen komplexen Details.

Photosynthese: Alle Nahrung, die wir aufnehmen, ist direkt oder indirekt durch einen äußerst genialen Prozess gelaufen, bei dem das Licht der Sonne in chemische Energieträger umgewandelt wird. Niemand kann bisher diesen Prozess der Photosynthese hinreichend erklären oder ihn gar nachbauen, dennoch funktioniert er z. B. in jeder winzigen Zelle eines Grashalms.

Menschliches Gehirn: Das menschliche Gehirn hat in seiner Großhirnrinde 100 Milliarden Schaltelemente (Neuronen), die untereinander mit Tausenden von (synaptischen) Verknüpfungen verbunden sind. Von der Komplexität dieses etwa 1,5 kg schweren Organs können wir uns schnell einen Eindruck verschaffen, aber die Arbeitsweise dieser genialen Konstruktion ist uns dennoch weitgehend unbekannt.

Würde man einmal alle Verbindungen von Nervenzelle zu Nervenzelle in einem Buch notieren, dann brauchte man schon 40 Druckseiten für jedes einzelne Neuron. Eine Rechnung kann uns ins Staunen versetzen: Wie viele Bücher zu je 400 Seiten wären erforderlich, um nur einmal alle »Kabelverbindungen« des Gehirns aufzuschreiben? Da kommt man auf 10 Milliarden Bände. Die Kongressbibliothek in Washington ist eine der größten Bibliotheken der Welt. Sie umfasst 20 Millionen Bände. Nur für die Aufzeichnung der Kabel unseres Gehirns brauchten wir eine Büchersammlung, die noch 500-mal größer ist als diese immense Bibliothek!

Menschliches Herz: Wie kommt es, dass das menschliche Herz 70 oder 80 Jahre lang ununterbrochen schlagen kann, wo doch alle unsere technischen Geräte eine dazu vergleichsweise geringe Funktionsdauer aufweisen? Dabei ist noch zu bedenken, dass unser Herz 100 000-mal an einem Tag schlägt. In 70 Jahren sind das 2,5 Milliarden Schläge. Dabei hätte es einen New Yorker Wolkenkratzer komplett mit Blut füllen können. In einem dicht verzweigten Netz von 2500 Kilometern – das ist immerhin die Strecke von Paris bis Moskau – strömt das Blut durch unseren Körper.

In den Kapiteln 2.39 und 2.40 von Teil II dieses Buches sind noch einige andere Beispiele aus dem Bereich der Schöpfung genannt, die uns zu einem ehrfurchtsvollen Staunen führen.

Alle diese bewundernswerten und für den Menschen unnachahmlichen Konstruktionen sind reale Systeme in unserer Welt. Wir bezeichnen sie oft als Wunderwerke. Es gilt jedoch festzuhalten, dass alle diese Strukturen dennoch unter den strengen Rahmenbedingungen der Naturgesetze ablaufen. Würde man eine detaillierte Energiebilanz in der lebenden Zelle durchführen, in der Tausende von gekoppelten Prozessen ablaufen, so käme dabei heraus, dass nirgendwo der Energiesatz verletzt wird. Bei allen technischen Vorgängen und Geräten wie auch bei allen biologischen Prozessen in den Lebewesen wird nirgendwo und nie irgendeines der Naturgesetze verletzt. Nach allem, was wir wissen, sind diese Naturgesetze auch in den Weiten des Universums gültig. Naturgesetze kennen offenbar keine Ausnahme.

Wenn wir hier ausgiebig die Frage der biblischen Wunder diskutieren, dann müssen wir zunächst eine klare und treffsichere Abgrenzung finden, die es uns erlaubt, biblische Wunder von anderen wunderbaren Dingen in unserer Schöpfung zu unterscheiden. Das gelingt mit Hilfe der Beschreibung von Naturgesetzen. Auch alle staunenswerten Systeme, die wir in so ungeheuer großer Zahl in den Lebewesen entdecken, laufen vollständig im Rahmen der Naturgesetze ab. Bei den biblischen Wundern hingegen handelt es sich um Vorgänge, bei denen ganz offensichtlich Naturgesetze außer Kraft gesetzt wurden. So haben wir nun einen geeigneten Maßstab, um wunderbare Strukturen und Vorgänge von biblischen Wundern zu unterscheiden.

1.5 Staunen über Naturgesetze

Können wir noch genug staunen über die Wirksamkeit der Naturgesetze? Sie leisten Gewaltiges! Als ich kürzlich im Hamburger Hafen war, beobachtete ich, wie ein Schiff langsame Bewegungen im Hafenwasser ausführte. Darüber nachdenkend fiel mir ein Naturgesetz ein, das schon von Archimedes (285-212 v. Chr.) erkannt worden war: »Ein schwimmender Körper verdrängt genau so viel von der Flüssigkeit, in der er schwimmt, wie er selbst wiegt.« Sind wir uns eigentlich bewusst, was für ein großartiges Geschehen das ist? Läuft z. B. eine Ratte an Bord, dann reagiert das Schiff darauf prompt und sinkt genau um so viel tiefer in das Hafenwasser ein, dass die zusätzlich verdrängte Wassermenge genau dem Gewicht der Ratte entspricht. Wollten wir diesen Betrag der neuen Eintauchtiefe berechnen, so wäre uns dies gar nicht möglich. Wir kennen nicht die genaue Form des Schiffes; an manchen Stellen ist die Farbe abgeblättert, und vielleicht ragt ein wenig von der Antriebsschraube aus dem Wasser heraus.

Alle diese Details müssten aber genau erfasst werden, weil sie in die Berechnung eingehen. In der Realität geschieht das augenblicklich, und zwar in exakter Weise. Wer gibt den Wassermolekülen den Befehl, ein wenig zur Seite zu gehen, damit das Schiff, genau dem Rattengewicht entsprechend, tiefer eintauchen kann? Eine Minute später geht vielleicht der Kapitän von Bord, der gerade noch ein kräftiges Abendessen zu sich genommen hat. Nun muss sich das Schiff um einen ganz bestimmten Betrag anheben. Dieser Hub ist genau jener verdrängten Wassermenge äquivalent, die dem Gewicht des Kapitäns einschließlich seines Abendmenüs entspricht. Woher wissen die Wassermoleküle, wer da gerade von Bord geht oder wer dazukommt oder wie auch immer sich die Ladung verändert? Das geschieht am helllichten Tag, aber auch bei dunkelster Nacht. Mehr noch: Das Naturgesetz gilt nicht nur für das eine Schiff im Hamburger Hafen, sondern für alle Schiffe der Welt. Es gilt für einen Ast, der vom Baum ins Wasser fällt, und es gilt ebenso für das Spielzeugentchen in der Badewanne. Es gilt natürlich auch für eine echte Ente auf einem See oder Fluss. Niemand könnte aufgrund der nicht berechenbaren Form und Struktur der Federn die Eintauchtiefe einer Ente genau berechnen. Wer sorgt dafür, dass die Bedingungen für dieses so einfach formulierbare Naturgesetz mit den so komplizierten Folgen ständig berechnet werden, damit es zu jeder Zeit und an jedem Ort exakt erfüllt werden kann? Können wir über die präzise Einhaltung dieser Vorgänge noch staunen? Das alles ist doch nicht selbstverständlich! Es muss doch jemand da sein, der diese Berechnungen anstellt und dann nach diesen Ergebnissen auch alles so ausführt!

1.6 Woher kommen die Naturgesetze?

Genauso wie diese Welt nicht von alleine entstanden ist, so sind es auch die Naturgesetze nicht. Alles hat seinen Ursprung in der Schöpfung, die Gott durch seinen Werkmeister (Spr 8,30), den Herrn Jesus Christus, hat ausführen lassen. In Kolosser 1,16 lesen wir:

»Denn in ihm (= Jesus Christus) ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare … es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen.«

So ist die Schöpfung selbst ein Ereignis, das nicht mit Hilfe der Naturgesetze abgelaufen ist. Hier hat der Schöpfer aufgrund seiner Vollmacht, seines Wortes, seiner Kraft und seiner Weisheit alles gestaltet. Dazu brauchte er keine Naturgesetze. Die Naturgesetze sind somit nicht die Ursache, sondern erst das Ergebnis der Schöpfung. Vertreter der Evolutionsanschauung versuchen dagegen, die Entstehung der Welt und allen Lebens mit Hilfe der Naturgesetze zu erklären, was nach meiner Auffassung niemals möglich sein wird.

1.7 Wer sorgt für die Einhaltung der Naturgesetze?

In der Tat: Es ist wirklich jemand da, der für die Einhaltung der Naturgesetze sorgt. Von ihm lesen wir in Kolosser 1,17: »Denn es besteht alles in ihm.« Dieser Erhalter der Welt ist auch derjenige, durch den alle Dinge geschaffen sind: »Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, … es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen« (Kol 1,16). Dieser Eine, der der Schöpfer aller Dinge ist, ist auch ihr Erhalter; es ist Jesus Christus! Wir können es auch so sagen: Jesus hat die Oberhoheit über alle Dinge vom Mikrokosmos bis zum Makrokosmos. In einem Kirchenlied heißt es treffend von ihm: »Jesus Christus herrscht als König, alles wird ihm untertänig.«

Nach vollendeter Schöpfung sind alle Naturgesetze »in Betrieb«, so dass nun alle Vorgänge danach ablaufen. Jesus ist der Garant dafür, dass sie immer und überall eingehalten werden. Dazu braucht er weder Computer noch sonstige Hilfsmittel. Sein Vollmachtswort genügt, dass alles eingehalten wird. Im Hebräerbrief Kapitel 1,3 heißt es darum von ihm: »Er trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort.« Im wissenschaftlichen Befund drückt sich dieses Erhaltungshandeln Jesu durch die Naturgesetze aus. In ihrer Gesamtheit bilden sie einen festgefügten Rahmen, innerhalb dessen alle Vorgänge in dieser Welt ablaufen.

1.8 Wo aber ist da noch Platz für Wunder?

Aus dem bisher Gesagten ist deutlich geworden, dass die Naturgesetze einen erfahrungsgemäß gleich bleibenden Rahmen bilden, innerhalb dessen alle Vorgänge, Geschehnisse und Prozesse ablaufen. Normalerweise sind immer mehrere Naturgesetze an einem Ablauf beteiligt.

In der Praxis haben die Naturgesetze die Wirkung eines »Obersten Gerichtshofes«, der entscheidet, ob ein Vorgang in unserer Welt erlaubt ist oder nicht. So verbietet es ein Naturgesetz zum Beispiel, dass ein Kupferstab von 50 °C von alleine seine Wärme so aufteilt, dass die Temperatur der einen Hälfte 0 °C und die der anderen 100 °C beträgt. Das würde zwar nicht den Energiesatz verletzen, wohl aber ein anderes Naturgesetz, den Entropiesatz. Gemessen an unserer obigen Definition für Wunder sind viele in der Schöpfung ablaufende Vorgänge staunenswert und für den Menschen unnachahmlich. Sie treten für uns aber nicht unerwartet oder unberechenbar auf. Darum zählen wir auch die komplexesten und noch unverstandenen Dinge in unserer Welt nicht zu den Wundern. Nach diesen Überlegungen können wir nun eine präzisere Definition für Wunder geben:

Definition D2: Wunder sind solche Ereignisse in Raum und Zeit, die außerhalb des Rahmens unserer Naturgesetze ablaufen.

Kein Physiker oder Chemiker ist in der Lage, irgendein Naturgesetz auch nur für eine Tausendstelsekunde außer Kraft zu setzen. Wir Menschen können nichts tun, um Naturgesetze zu umgehen. Wunder sind damit von Menschen nicht machbar. Die Bibel berichtet uns von zahlreichen Situationen, in denen Gott oder Jesus Wunder gewirkt haben, wie z. B.:

 der Durchzug des Volkes Israel durchs Rote Meer (2Mo 14,16-22)

 der lange Tag bei Josua (Jos 10,12-14)

 die Verwandlung von Wasser in Wein auf der Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-12)

 die Stillung des Sturmes (Mk 4,35-41)

 Jesus wandelt auf dem Meer (Joh 6,16-21)

 die Heilung des Blindgeborenen (Joh 9,1-7)

 die Speisung der 5000 (Joh 6,1-15)

 die Auferweckung des Lazarus (Joh 11,32-45).

Hinweis: Wenn Menschen gelegentlich dennoch Dinge tun können, die außerhalb des naturgesetzlichen Rahmens liegen, dann handeln sie im Namen anderer Mächte. Entweder sind es Jünger Jesu, die von ihrem Herrn bevollmächtigt sind (z. B. Petrus geht auf dem Wasser [Mt 14,29], Petrus heilt im Namen Jesu den Lahmen vor der Tempeltür [Apg 3,1-9]), oder aber es sind Zauberer und Gurus, die durch dämonische Mächte gesteuert werden (z. B. die Zauberer des ägyptischen Pharaos [2Mo 7,11-12]).

1.9 W2: Jona im Bauch des Fisches

Der britische Autor Herbert Lockyer3 bezeichnete das Buch Jona als »die wunderbarste Geschichte, die je geschrieben wurde«. In der Tat ist das ganze Buch voller übernatürlicher Elemente. Selten findet man in einem so kurzen Bericht eine solche Fülle von großen Wundern. Nur so ist es wohl zu erklären, dass die Jona-Geschichte des Alten Testaments (Jona 1-4) zu den am meisten kritisierten Büchern der Bibel gehört. Hier seien nur die elf Verse des 2. Kapitels wiedergegeben:

1. Aber der Herr ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte.

2. Und Jona betete zu dem Herrn, seinem Gott, im Leibe des Fisches

3. und sprach: Ich rief zu dem Herrn in meiner Angst, und er antwortete mir. Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme.

4. Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben. Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich,

5. dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen, ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen.

6. Wasser umgaben mich und gingen mir ans Leben, die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte mein Haupt.

7. Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich. Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, Herr, mein Gott!

8. Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den Herrn, und mein Gebet kam zu dir in deinen heiligen Tempel.

9. Die sich halten an das Nichtige, verlassen ihre Gnade.

10. Ich aber will mit Dank dir Opfer bringen. Meine Gelübde will ich erfüllen dem Herrn, der mir geholfen hat.

11. Und der Herr sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land.

Außer diesem Wunder der Errettung durch einen großen Fisch begegnen uns in diesem biblischen Bericht der aufkommende Orkan, die Rizinusstaude, der Wurm und der Ostwind, die durch Gottes Einwirken ebenfalls wunderbar in Erscheinung treten. Das Wunder in diesem Zusammenhang allerdings ist, dass eine so riesige Stadt wie Ninive Buße tat. Fünf Auffälligkeiten wollen wir im Folgenden ansprechen:

1. Die Souveränität Gottes über seine Schöpfung: Die Aussagen »Der Herr ließ einen großen Fisch kommen« (Luther 1984) oder »Der Herr bestellte einen großen Fisch« (Genfer Studienbibel) unterstreichen, wie souverän Gott in seiner Schöpfung handelt und wie ihm, dem Allmächtigen, alles untertan und gehorsam ist. Auch Jona 4,6 unterstreicht diesen Tatbestand durch die Wahl des Verbs: »Da beorderte Gott, der Herr, eine Rizinusstaude« (Genfer).

2. Der Riesenfisch: Es wurde früher behauptet, dass kein Wal einen Menschen verschlingen könne, was aber widerlegt ist. Das hebräische Wort, das Luther mit »großer Fisch« übersetzt hat, ist genau genommen kein Wal, sondern ein Meerungeheuer. In Matthäus 12,40 nimmt Jesus Bezug auf diesen Fisch: »Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches (griech. ketos) war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.« Im Neuen Testament steht das Wort »ichthys« grundsätzlich für »Fische«. Nur an dieser einen Stelle lesen wir »ketos«, was in anderen Übersetzungen präziser als bei Luther mit Riesenfisch (Schlachter), Meeresungetüm (Zürcher), Seeungeheuer (Jerusalemer), huge fish (New International Version) wiedergegeben wird.

3. Im Bauch des Riesenfisches: Jona blieb drei Tage und drei Nächte lebendig im Bauch des Meeresungetüms. Er wurde weder von aggressiven Magensäften angegriffen noch mangelte es ihm an Atemluft. Er war wach und bei vollem Bewusstsein, denn er betete (V. 2).

4. Der Riesenfisch gehorchte dem Befehl Gottes: Er schwamm bis zum Ufer, um Jona unverletzt auszuspeien. Wir kennen auch andere biblische Berichte, bei denen Tiere dem Befehl Gottes folgten, wie z. B. die Raben, die Elia am Bach Krit mit Nahrung versorgten (1Kö 17,4-66) und die Eselin von Bileam, die auf Gottes Geheiß sprechen konnte (1Mo 22,28).

5. Der Hinweis auf Jesu Auferstehung: Jesus verbindet seine Auferstehung mit der Jona-Geschichte. Die Verknüpfung zwischen beiden Texten (Mt 12,40 und Jona 2,1) geschieht über den riesigen Fisch. Dieser taucht noch einmal in der Bibel auf, nämlich im Schöpfungsbericht. Bei der Erschaffung der Tiere am fünften und sechsten Schöpfungstag werden beispielhaft nur einige große Tierklassen genannt, wie »allerlei Getier im Wasser, gefiederte Vögel, Vieh, Gewürm und Tiere auf Erden«. In einer solchen groben Aufzählung ist es auffällig, dass ein ganz bestimmtes Tier sogar namentlich erwähnt wird: »Und Gott schuf große Walfische (hebr. tannin) und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art« (1Mo 1,21). Die genaue Spezies kann nicht mit Sicherheit zugeordnet werden. Luther hat sich für den Begriff Walfisch entschieden und damit angedeutet, dass hier ein spezielles Tier gemeint ist. In anderen Übersetzungen wird treffender auf die Größe des Seetieres hingewiesen: große Meerestiere (Schlachter 2000), große Fische (Genfer Studienbibel), große Seetiere (Zürcher, Jerusalemer). Da es in der Bibel nichts Zufälliges gibt, sondern hinter allem ein tiefer Sinn steht, kommen wir hier zu einer bemerkenswerten Feststellung: Durch die namentliche Nennung nur dieser einen Tierart im Schöpfungsbericht wird hier bereits – wenn auch sehr verborgen – ein erster Hinweis auf die Auferstehung Jesu gegeben. Dieses große Seetier wird wegen der geistlichen Bedeutung besonders erwähnt, weil es jene Art ist, die Jona verschlingen wird, und weil dieses Ereignis wiederum ein Zeichen der Auferstehung Jesu sein wird.

Woran Kritiker sich im Einzelnen stoßen, soll im Folgenden mit einigen Zitaten belegt werden4:

»Auf die literarische Gattung des Märchens weist auch, dass der König von Ninive keinen Namen hat.«

»Märchenhafte Züge trägt auch die Erzählung des 4. Kapitels, in der Gott eine Rizinusstaude über Nacht wachsen lässt, dann einen Wurm bestimmt, um die Rizinusstaude zu stechen und schließlich einen Ostwind bestellt, um Jona einer Ohnmacht nahe zu bringen.«

»Vor allem aber ist es der den Jona verschlingende und wieder ans Land speiende Fisch, der in den Bereich der Seemannsmärchen hineingehört.«

»Hingewiesen sei schließlich noch darauf, dass eine so totale Bekehrung Ninives, wie sie das Buch schildert, wohl keinen Anspruch auf geschichtliche Glaubwürdigkeit erheben kann.«

Ebenso kritisch äußert sich H. Greschner im Internet5, wenn er meint: »Das Buch (Jona) ist keine Schilderung biographisch-historischer Ereignisse. « Er sieht in Fisch und Wind Märchenmotive. Die Größe der Stadt Ninive (drei Tagesreisen), die prompte Buße der Niniviten und die Rizinusstaude hält er für weitere Unwahrscheinlichkeiten. Daraus schließt er, es sei nur eine »Lehrerzählung« mit der für ihn nahe liegenden Deutung, Ninive sei ein »Symbol für die gottferne Welt« und Jona ein »Symbol für Israel, das nach dem babylonischen Exil auf Rache sinnt«.

All diese Argumente reduzieren das Handeln Gottes auf die Begrenztheit unseres eingeschränkten Verstands und entsprechen darum überhaupt nicht der Intention der Bibel, in der uns immer wieder vor Augen geführt wird, dass da ein Gott ist, bei dem »kein Ding unmöglich ist« (Lk 1,37). Die historische Tatsache der Jona-Geschichte wird von Jesus selbst bezeugt. Er vergleicht den dreitägigen Verbleib Jonas im Magen des Fisches mit seinem dreitägigen Aufenthalt im Totenreich (»Schoß der Erde«), und er bezeugt uns auch, dass die Niniviten aufgrund der Predigt des Jona Buße taten (Mt 12,41). Im Jüngsten Gericht werden sie auftreten und die Zeitgenossen Jesu verurteilen, weil sie dessen Ruf zur Umkehr nicht folgten. Für Jesus ist die Jona-Geschichte weder eine Allegorie noch ein Gleichnis noch eine Lehrerzählung, sondern ein Bericht, der fest in der historischen Realität verwurzelt ist. Der Text aus Matthäus 12,39-41 entlarven die Kritiker der Jona-Geschichte als Lügner.

1.10 W3: Die Jungfrauengeburt Jesu

Das erste Wunder, von dem wir im Neuen Testament lesen, ist die Jungfrauengeburt Jesu. Wir zitieren hierzu die beiden Texte aus Matthäus 1,18-25 und Lukas 1,26-38.

Matthäus 1,18-25:

18. Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem heiligen Geist.

19. Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen.

20. Als er das noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem heiligen Geist.

21. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.

22. Das ist alles geschehen, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14):

23. »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns.

24. Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

25. Und er berührte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.

Lukas 1,26-38:

26. Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth,

27. zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria.

28. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!

29. Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das?

30. Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden.

31. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben.

32. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben,

33. und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

34. Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?

35. Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.

36. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei.

37. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.

38. Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

In einer schier endlosen Kette von Verheißungen kündigt Gott im Alten Testament den Retter an. Die erste Verheißung gibt Gott gleich unmittelbar nach dem Sündenfall (1Mo 3,15). Mit dem Sündenfall Adams fiel die gesamte Menschheit unter den Fluch und Bann der Sünde: »Deshalb, wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben« (Röm 5,12). Die Sünde hat somit alle Menschen erfasst; davon gibt es in der ganzen Menschheitsgeschichte nicht eine einzige Ausnahme: »Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!« (Hiob 14,4).

Der Retter musste drei Bedingungen erfüllen, um uns erlösen zu können:

1. Er musste Mensch sein. Die Sünde kam in Adams Fleisch, und darum musste der Erlöser auch Adams Fleisch annehmen: »Er musste unter das Gesetz getan werden, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste« (Gal 4,4-5). Der Erlöser musste darum Mensch werden und auch, genau wie wir, der Macht der Sünde ausgesetzt sein. Er musste stellvertretend Gottes Verurteilung über die Sünde auf sich nehmen: »Gott sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches … und verdammte die Sünde im Fleisch« (Röm 8,3).

2. Er musste Gott sein. Der Erlöser musste gleichzeitig auch ewiger Gott sein, weil Sünde gegen den heiligen Gott ewige Verdammnis nach sich zieht: »Weh ihnen! Denn sie gehen den Weg Kains und fallen in den Irrtum Bileams … sie sind wilde Wellen des Meeres, die ihre eigene Schande ausschäumen, umherirrende Sterne; deren Los ist die dunkelste Finsternis in Ewigkeit« (Judas 11.13).

3. Er musste sündlos sein. Als Sünder können wir uns nicht selbst von der Sünde befreien. Der Erlöser musste darum selbst ohne Sünde sein.

Wie ist es möglich, diesen drei schwierigen Anforderungen gleichzeitig zu entsprechen? Kein Mensch könnte diese Aufgabe lösen, aber Gott als der Allmächtige kann es: »Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich« (Lk 1,37). Wie sieht die göttliche Lösung aus?

1. Der Erlöser als Mensch: Wenn der Erlöser Mensch sein soll, dann muss er konsequenterweise von einer Frau geboren werden. Genau das lesen wir in Galater 4,4: »Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau.« Die von Gott für diese Aufgabe ausgewählte Frau war Maria. Sie war gewiss eine ganz besondere Frau, die in völligem Gehorsam gegenüber Gott lebte. Das bezeugen die wenigen biblischen Texte über Maria: »Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast« (Lk 1,38), »Meine Seele erhebt den Herrn« (Lk 1,46), »Was er euch sagt, das tut« (Joh 2,5). Während die meisten Jünger flohen, als Jesus gekreuzigt wurde, blieb Maria in seiner Nähe. Jesus setzt sie über Johannes mit den Worten: »Siehe, das ist deine Mutter!« (Joh 19,27).

2. Der Erlöser als Gott: Das Neue Testament beschreibt uns das Geheimnis, wie Menschliches und Göttliches zusammenkam: »Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden« (Lk 1,35). Jesus war somit der Einzige, der eine menschliche Mutter, aber keinen menschlichen Vater hatte; er war Mensch und Gott zugleich. Der Philipperbrief bringt diese Menschwerdung Gottes anschaulich zum Ausdruck: »Er, der in göttlicher Gestalt war … entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als ein Mensch erkannt« (Phil 2,6-7). Jesus war während seiner Zeit auf der Erde wahrer Mensch und wahrer Gott. Er war der Menschensohn und damit wahrer Mensch:

 Er wurde müde nach einem anstrengenden Tag.

 Ihn hungerte und dürstete.

 Sein Geist konnte betrübt sein.

 Er musste die Füße vom Staub reinigen.

 Er benutzte einen Esel zum Reiten.

Gleichzeitig war er Gottes Sohn und hatte Vollmacht über alle Naturgewalten, er konnte Tote auferwecken, alle Krankheiten heilen und Dämonen austreiben. Nur er konnte sagen: »Wer mich sieht, der sieht den Vater!« (Joh 14,9) und »Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden« (Mt 28,18).

3. Der Erlöser ohne Sünde: Wie sind diese beiden Forderungen zusammenzubringen, dass der Erlöser von einer Frau geboren wird und dabei dennoch sündlos bleibt? Eine zunächst denkbare Möglichkeit wäre, dass auch Maria sündlos war.

a) War Maria sündlos? Dann wären wir bei der katholischen Lehrauffassung, nach der Maria die absolut Reine und Makellose war. Diese Annahme verschiebt aber das eigentliche Problem zunächst nur um eine Generation. Dann müssten auch die Eltern der Maria sündlos sein. Diese aber könnten nur dann sündlos sein, wenn auch ihre Eltern wiederum sündlos wären. Das bedeutet schließlich, dass alle Glieder des Stammbaumes Jesu sündlos sein müssten. Das kann aber nicht sein: Wie auch sonst alle Menschen Sünder sind, befinden sich auch im Stammbaum Jesu ausschließlich Sünder. Ihre Sünden werden keineswegs verschwiegen: Die Hure Rahab (Mt 1,5) befindet sich ebenso in der Heilslinie wie David mit seinem Ehebruch und Mord (2Sam 11,3-17) und Salomo mit seinem Götzendienst (1Kö 11,1-13). Der Stammbaum Jesu geht nach Lukas 3 sogar bis auf Adam zurück (V. 38), und er ist ja gerade derjenige, durch den alle Menschen mit der Sünde infiziert wurden. Es bleibt bei dem, was wir z. B. im Römerbrief so unmissverständlich lesen und was auf alle Menschen zutrifft: »Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder« (Röm 3,22-23). Die katholische Lehrauffassung von der sündlosen Maria ist darum aus der Sicht der Bibel nicht nachvollziehbar.

b) Wenn Möglichkeit a) aus Gründen zentraler biblischer Aussagen ausscheidet, wie wird dann das Problem gelöst? Nach biblischer Lehre ist das Blut der Sitz des Lebens: »Denn des Leibes Leben ist in seinem Blut« (3Mo 17,14). Als Adam sündigte, geschah damit etwas Gravierendes mit seinem Blut. Der Sünde Lohn ist der Tod. Als nun der Tod auf Adam kam (geistlicher Tod und als Folge dessen auch der leibliche Tod), gelangte sein Blut und damit auch sein Leben unter den Einfluss des Todes. Alle Nachkommen Adams haben ihr Blut von Adam und sind darum durch sein sündiges Wesen alle infiziert. Aus diesem Grund müssen wir auch alle sterben. Der Todeskeim geht auf alle Menschen über. Niemand ist davon ausgenommen: kein Volk, keine Nation, keine Sprachgruppe. Die Volksgruppen dieser Erde haben oft weitreichende Unterschiede. Bezüglich der Hautfarbe unterscheiden wir Schwarze und Weiße, Rote und Gelbe und alle Schattierungen. In Gestalt und Größe, Haarfarbe und Form der Augen, Nasen und Ohren gibt es weiterhin unzählige Unterschiede. Und doch gibt es ein Merkmal, in dem wir alle gleich6 sind, und das ist das Blut:

»Und er hat aus einem Blute7 jede Nation der Menschen gemacht, um auf dem ganzen Erdboden zu wohnen« (Apg 17,26; Unrevidierte Elberfelder).

Wie sonst überall, ist auch hier die Bibel wissenschaftlich korrekt. Das Blut eines Norwegers unterscheidet sich nicht von dem Blut eines afrikanischen Buschmanns, das eines Juden nicht von einem Nichtjuden, das Blut eines Navajo-Indianers nicht von dem eines Russen, und das Blut eines Aborigines aus Australien nicht von dem Blut eines Chinesen. Das Blut des Angehörigen irgendeiner Nation kann zur Transfusion für jemanden aus einer völlig anderen Volksgruppe verwendet werden, vorausgesetzt man beachtet die medizinischen Regeln bezüglich der Blutgruppen.

Während der Embryonalentwicklung findet keine Blutübertragung aus dem Kreislauf der Mutter in den Blutkreislauf des »Kindes« statt und umgekehrt. Das Blut des werdenden Kindes wird im Kind selbst ohne Zutat der Mutter produziert. Alle Menschen haben Adams »sündenkrankes « Blut ererbt. Erlösung ist aber nur durch sündloses Blut möglich, das dem Blut Adams entgegenwirkt. Das sündige Blut Adams durfte nicht in den Adern des Erlösers fließen. Das geschah durch das Wunder der Jungfrauengeburt.8 Kein Tropfen Blut von dem Leib der Jungfrau Maria trat in den Leib des noch ungeborenen Jesuskindes. Maria versorgte das Kind zwar mit allen nötigen Nährstoffen zur leiblichen Entwicklung, aber aufgrund des göttlichen Blutes, das seinen Ursprung in der Empfängnis durch den heiligen Geist hatte, hatte Jesus sündloses Blut.

Am Kreuz wurde das unschuldige Blut Jesu Christi vergossen. Nur dieses Blut ist das »Gegengift« gegen die Sünde: »Das Blut Jesu macht uns rein von aller Sünde« (1Joh 1,7). Dass die Erlösung nur durch das vergossene Blut des Erlösers möglich ist und uns die Gewissheit der Rettung bringt, lesen wir in 1.Petrus 1,18-19: »Denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel …, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.«

Das Wunder der Jungfrauengeburt haben wir so ausführlich behandelt, weil es uns die wunderbare Menschwerdung Gottes in Jesus erklärt und weil es die Grundlage dafür ist, dass wir einmal den Himmel erreichen. Es hätte fatale Folgen, würden wir auch nur das geringste Detail von diesem außergewöhnlichen Handeln Gottes auf der Opferstätte unseres Verstandes preisgeben.

1.11 W4: Die Stillung des Sturmes

In drei Evangelien (Mt 8,23-27; Mk 4,35-41; Lk 8,22-25) wird von einem Ereignis berichtet, über das sich die Augenzeugen nur wundern konnten. Wir wählen hier den Text aus Matthäus 8,23-27 (Hfa):

23. Danach stieg er (Jesus) in ein Boot und fuhr mit seinen Jüngern weg.

24. Mitten auf dem See brach plötzlich ein gewaltiger Sturm los, so dass die Wellen ins Boot schlugen. Aber Jesus schlief.

25. Da weckten ihn die Jünger und riefen voller Angst: »Herr, hilf uns, wir gehen unter!«

26. Jesus antwortete: »Warum habt ihr Angst? Habt doch mehr Vertrauen zu mir!« Dann stand er auf und bedrohte den Wind und die Wellen. Sofort legte sich der Sturm, und der See lag still da.

27. Alle fragten sich voller Staunen: »Was ist das für ein Mensch? Selbst Wind und Wellen gehorchen ihm!«

Die hier geschilderte Situation spielte sich auf dem See Genezareth ab. Er liegt 212 Meter unter dem Meeresspiegel und ist damit der tiefstgelegene Süßwassersee der Welt. Nach dem Toten Meer (ca. 400 m unter NN) ist er der zweittiefste Punkt der Erdoberfläche. Mit seiner Oberfläche von 165 km2 beträgt seine Größe etwa ein Drittel der Größe des Bodensees. Nördlich des Sees erhebt sich der Berg Hermon mit 2800 Metern Höhe. Von Mai bis Oktober fallen häufig starke Winde durch die engen Schluchten in die Senke und können ganz plötzlich gewaltige Stürme verursachen. Der obige Text beschreibt eine solche Situation mit heftigem Sturm. Während Jesus im Boot schlief, rangen die Jünger mit den Naturgewalten und wähnten sich dem Tode nahe. Auf dem Höhepunkt ihrer Todesangst weckten sie den Herrn. Was sich dann abspielte, geschah innerhalb weniger Sekunden:

 Jesus stand auf.

 Er bedrohte Wind und Wellen.

 Augenblicklich war der Sturm beendet, und der See lag friedlich da.

Bemerkenswert ist hier die Aussage »Sofort legte sich der Sturm«. Ein Physiker fragt sich zu Recht: Wo ist denn in den wenigen Sekunden die Energie des Sturmes und der Wasserwellen geblieben? Nach dem Energiesatz kann Energie weder vernichtet noch gewonnen, sondern nur umgewandelt werden. Jedes Luft- und Wassermolekül hat einen Energieinhalt, der rechnerisch mit ½ · m · v2 beschreibbar ist. Wo ist die riesige Energiemenge des Unwetters geblieben?

Antwort: Derjenige, der den Energiesatz erfunden hat und ihn in diese Schöpfung installiert hat, ist auch Herr darüber. Er kann ihn wirksam werden lassen oder auch nicht. Hier nun hat er mittels seiner Vollmacht dieses sonst immer gültige Naturgesetz außer Kraft gesetzt. Die Reaktion der Leute ist verständlich, wenn sie sagen: »Was ist das für ein Mensch? Selbst Wind und Wellen gehorchen ihm!« Die richtige und einzige Schlussfolgerung wäre gewesen: Hier sitzt der Schöpfer selbst im Boot. Jesus kam nicht mit einem Reisepass in diese Welt mit dem Eintrag »Schöpfer und Gottes Sohn«. Er hat sich durch seine mächtigen Taten und Reden als der Herr über alle Dinge ausgewiesen. Manche seiner Zeitgenossen verstanden sein Wirken richtig und beteten ihn an. So tat es der geheilte Blindgeborene (Joh 9,38). Er zieht auch die richtige Schlussfolgerung, wenn er feststellt: »Wäre dieser nicht von Gott, er könnte nichts tun« (Joh 9,33).

1.12 W5: Die Heilung des Lahmen an der Tempeltür

Die Bibel berichtet besonders häufig von medizinischen Wundern an Menschen. Aus der Fülle an Heilungsberichten greifen wir hier jenen heraus, den wir in Apostelgeschichte 3,1-11 (Hfa) aufgeschrieben finden:

1. An einem Nachmittag gegen drei Uhr gingen Petrus und Johannes wie gewohnt zum Tempel. Sie wollten dort am gemeinsamen Gebet teilnehmen.

2. Zur selben Zeit brachte man einen Gelähmten und setzte ihn an eine der Tempeltüren, an das so genannte ›Schöne Tor‹. Der Mann war seit seiner Geburt krank und bettelte dort wie an jedem Tag.

3. Als Petrus und Johannes den Tempel betreten wollten, bat er auch sie um etwas Geld.

4. Sie blieben stehen, und Petrus sagte: »Sieh uns an!«

5. Erwartungsvoll blickte der Mann auf: Würde er etwas von ihnen bekommen?

6. Doch Petrus sagte: »Geld habe ich nicht. Aber was ich habe, will ich dir geben. Im Namen Jesu Christi von Nazareth: Stehe auf und geh!«

7. Dabei fasste er den Gelähmten an der rechten Hand und richtete ihn auf. In demselben Augenblick konnte der Kranke Füße und Gelenke gebrauchen.

8. Er sprang auf, lief einige Schritte hin und her und ging dann mit Petrus und Johannes in den Tempel. Außer sich vor Freude rannte er umher, sprang in die Luft und lobte Gott.

9. So sahen ihn die anderen Tempelbesucher.

10. Sie erkannten, dass es der Bettler war, der immer an der ›Schönen Tür‹ des Tempels gesessen hatte. Fassungslos starrten sie den Geheilten an. Wieso konnte er jetzt laufen?

11. Alle drängten aufgeregt in die Halle Salomos. Dort umringten sie Petrus, Johannes und den Geheilten, der nicht von der Seite der Apostel wich.

Bettler hielten diesen Ort vor der Tempeltür für den einträglichsten, denn hier kamen tagtäglich Menschenmengen vorbei, die Gott mit ihren guten Werken beeindrucken wollten. Vor dem Schönen Tor bot sich für die eintretenden Leute das täglich gewohnte Bild: Ein von Geburt an gelähmter Mann saß dort und bettelte. Man kannte ihn schon seit Jahren. Noch nie im Leben hatte er einen Schritt getan. Von Beinmuskeln konnte also bei diesem Mann keine Rede sein.

Nun geschah das Unerwartete. Petrus gebot im Namen Jesu Christi von Nazareth: »Steh auf und geh!« Augenblicklich war der von Geburt an Kranke geheilt. Er wurde nicht erst in eine Reha-Klinik geschickt, um die Muskeln zu trainieren und ihn durch Massagen auf das Gehen vorzubereiten. Sobald das »Steh auf und geh!« ausgesprochen war, war die Heilung perfekt. Er konnte sofort umherrennen und in die Luft springen (V. 8). Die Leute kannten den Bettler, den sie nie zuvor hatten gehen sehen. Jetzt »starrten sie den Geheilten fassungslos an«. Ihre Frage war berechtigt: »Wieso kann er plötzlich laufen?« Die Antwort lautet: Im Namen des Herrn Jesus geschah hier ein Wunder, bei dem die sonst immer gültigen Naturgesetze umgangen wurden und die Kraft Jesu wirksam wurde.

1.13 W6: Die Auferstehung Jesu von den Toten

Die Auferstehung Jesu Christi von den Toten wird von allen vier Evangelisten berichtet (Mt 28,1-10; Mk 16,1-6; Lk 24,1-12; Joh 20,1-10). Auf keine andere Aussage des Neuen Testaments wird so häufig Bezug genommen wie auf sie (150-mal). Es war das krönende Wunder während seines irdischen Aufenthaltes. Wir zitieren hier den Text aus dem Lukasevangelium:

1. Aber am ersten Tag der Woche sehr früh kamen sie (einige Frauen) zum Grab und trugen bei sich wohlriechende Öle, die sie bereitet hatten.

2. Sie fanden aber den Stein weggewälzt von dem Grab

3. und gingen hinein und fanden den Leib des Herrn Jesus nicht.

4. Und als sie darüber bekümmert waren, siehe, da traten zu ihnen zwei Männer mit glänzenden Kleidern.

5. Sie aber erschraken und neigten ihr Angesicht zur Erde. Da sprachen die zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?

6. Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Gedenkt daran, wie er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war:

7. Der Menschensohn muss überantwortet werden in die Hände der Sünder und gekreuzigt werden und am dritten Tage auferstehen.

8. Und sie gedachten an seine Worte.

9. Und sie gingen wieder weg vom Grab und verkündigten das alles den elf Jüngern und den anderen allen.

10. Es waren aber Maria Magdalena und Johanna und Maria, des Jakobus Mutter, und die anderen mit ihnen; die sagten das den Aposteln.

11. Und es erschienen ihnen diese Worte, als wär’s Geschwätz, und sie glaubten ihnen nicht.

12. Petrus aber stand auf und lief zum Grab und bückte sich hinein und sah nur die Leinentücher und ging davon und wunderte sich über das, was geschehen war.

Wohl kaum eine andere Aussage der Bibel ist so häufig attackiert oder angezweifelt worden wie die leibhaftige Auferstehung des gekreuzigten Christus. Einer Umfrage zufolge glauben nur noch 17 % der evangelischen Pfarrer in Deutschland an die Auferstehung. Und während einer Veranstaltung der katholischen Erwachsenenbildung hörte ich einen Priester lamentieren: »Zu Ostern komme ich in einen Predigtnotstand.« Fällt einem Pfarrer zu diesem Kernpunkt biblischer Lehre wirklich nichts ein? Was bleibt denn auch noch zu predigen übrig, wenn die Auferstehung Jesu, die grundlegende Voraussetzung unseres Heils, nicht mehr bezeugt werden kann? In der Zeit der Aufklärung erhob man den Verstand des Menschen zum Maß aller Dinge. Damit verbunden war ein radikaler Angriff auf die Bibel, denn alles, was dem Verstand nicht begreifbar erschien, wurde kurzerhand verworfen. Dieser »Entrümpelung « fielen nicht nur die Heilungswunder und sonstigen Taten Jesu zum Opfer, sondern erst recht seine Auferstehung von den Toten, seine Himmelfahrt und seine Wiederkunft. Machen wir unser Verstehen zum Maßstab, dann müssten wir in gleicher Konsequenz auch die Photosynthese und das menschliche Gehirn als nicht real verwerfen, denn beide sind nahezu vollständig unverstanden, und nachbauen kann man beides nicht. Was aber Gott tut, wird immer unsere Gedanken sprengen (Jes 55,8-9) – seien es die biblisch bezeugten Taten oder die genialen Gedanken in den Werken der Schöpfung.

Die dramatische Tatsache der Auferstehung veränderte den Lauf der Geschichte. Kritiker, die die Auferstehung leugnen wollen, stehen in einem Zugzwang, sieben historische Fakten9 wegerklären zu müssen:

1. Die gefürchtete Macht Roms wurde durch das Brechen des römischen Siegels missachtet.

2. Sowohl Juden als auch Römer gaben zu, dass das Grab leer war.

3. Ein Zwei-Tonnen-Stein wurde irgendwie vom Grab fortbewegt, während eine römische Wacheinheit auf Posten stand.

4. Eine hoch disziplinierte römische Militärwache floh von ihrem Posten und musste von den Behörden bestochen werden, um eine Lüge als Wahrheit zu verbreiten.

5. Die unveränderten Grabtücher enthielten keinen Leib mehr.

6. Christus erschien anschließend mehr als 500 Zeugen in verschiedenen Situationen.

7. Wegen der niedrigen jüdischen Meinung von der Zuverlässigkeit von Frauen hätten die Erfinder einer Auferstehungslegende sie niemals als erste Zeuginnen des Geschehens gewählt.

Der Existenzphilosoph Martin Heidegger (1889-1976), der nicht vom Glauben her argumentierte, stellte dennoch richtig fest: »Ist Jesus von Nazareth von den Toten auferstanden, dann ist jede naturwissenschaftliche Erkenntnis vorletztlich.« Alle unsere Naturwissenschaft kann darum nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Darum scheitert auch jeder Versuch, die Auferstehung Jesu physikalisch, biologisch, medizinisch oder sonst wie wissenschaftlich erklären zu wollen. Wir leben in einer dreidimensional begrenzten Welt, die außerdem einer linear ablaufenden Zeit unterworfen ist. Bei Gott aber gilt das keineswegs: »Er wohnt in einem Licht, da niemand zukommen kann« (1Tim 6,16), d. h. er lebt in höheren Dimensionen, die zwar unsere Welt durchdringen, aber nicht umgekehrt. Nach dem Tod ist Jesus mit einem Leib auferstanden, der unsere einengenden Grenzen nicht mehr kennt und darum nicht mehr an die drei Dimensionen gebunden ist. Verschlossene Türen waren für ihn kein Hindernis (Joh 20,19), und er konnte nach Belieben in unserer Dimension erscheinen und wieder in die göttliche hinüberwechseln: »Danach ist er (Jesus) gesehen worden von mehr als 500 Brüdern auf einmal« (1Kor 15,6). Im griechischen Grundtext ist das Geschehnis noch genauer ausgedrückt: »Er ist sichtbar (= für unsere Dimension) gemacht worden.« So gilt es, in Klarheit und Gewissheit zu predigen, dass Jesus wahrhaftig auferstanden ist und damit den endgültigen Sieg über Tod und Teufel errungen hat und dass dies das einzige Unterpfand unserer Errettung ist: »Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden; so sind auch die, die in Christus entschlafen sind, verloren« (1Kor 15,17-18). Der folgende Vers geht in seiner Schlussfolgerung noch weiter und betont: Wenn jemand nur deswegen an Christus glaubt, um irdischen Schutz und Beistand zu haben, dann ist er wegen seiner Erdversessenheit nur als bemitleidenswerte und jämmerliche Kreatur zu bezeichnen: »Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen« (1Kor 15,19).

Diese Texte weisen auf die zentrale Bedeutung der Auferstehung Jesu hin. Alles andere, was durch Jesus und die Apostel gesagt wurde, ist im Vergleich zu der Bedeutung der Auferstehung nur zweitrangig. Wenn die Auferstehung kein reales Ereignis war, dann ist das Christentum eine genauso falsche Religion wie alle anderen auch. Wenn sie aber wirklich stattfand, dann ist Jesus Gott und die biblische Botschaft absolute Wahrheit. Alle Religionsgründer (z. B. Buddha, Mohammed, Konfuzius) sind gestorben. Nur ein einziges Grab der Weltgeschichte ist leer, denn nur Jesus ist wahrhaftig auferstanden. So ist das größte aller Wunder seit der Schöpfung die glorreiche Auferstehung Jesu. Damit hat Jesus gezeigt, dass er Gott ist und dass der Vater sein Opfer für die Sühnung der Sünde angenommen hat. Wer die Auferstehung aufgibt, der hat alles verschleudert.

Die Auferstehung ist ein gemeinsames Werk des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes:

 »Gottes Kraft hat ihn (Jesus) auferweckt von den Toten« (Kol 2,12).

 »Ich lasse mein Leben, dass ich’s wieder nehme« (Joh 10,17).

 »Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt« (Röm 8,11).

1.14 Kann es sein, dass unser wissenschaftlicher Kenntnisstand (noch) nicht ausreicht, um Wunder zu erklären?

Dieser Gedanke kann naturwissenschaftlich nicht strikt verneint werden. Er fußt jedoch auf einer Vorstellung über Gottes Wirken, die nicht dem biblischen Zeugnis seines Handelns entspricht. Die Bibel bezeugt Gottes ständige Wirksamkeit in zweifacher Weise:

 Er wirkt in gewöhnlichen, regelhaften Geschehnissen, die durch Naturgesetze beschrieben werden können.

 Er handelt in einmaligen, besonderen, nicht wiederholbaren Ereignissen, die einer naturwissenschaftlichen Untersuchung gar nicht zugänglich und auch nicht naturgesetzlich erfassbar sind.

Würde Gottes Handeln nur in den außergewöhnlichen Ereignissen gesehen werden, so machte man ihn zum Lückenbüßer unverstandener Phänomene. Das hätte zur Folge, dass mit zunehmender Erkenntnis sein Wirkungsbereich immer mehr eingeschränkt werden würde. Weil Gott aber der Schöpfer aller Dinge ist, ist er erhaben über unseren derzeitigen Wissens- und Erkenntnisstand, und sowohl die von uns verstandenen als auch die unverstandenen (durch die Wissenschaft bisher nicht erklärbaren) Phänomene kommen von ihm.

1.15 Werden bei den biblisch bezeugten Wundern immer Naturgesetze verletzt?

Gottes Handeln kann im Rahmen der Naturgesetze geschehen (Fall a), aber auch außerhalb dieser Gesetze ablaufen (Fall b). In Jakobus 5,17-18 wird von Elia berichtet, dass sein Gebet 3½ Jahre lang den Regen verhinderte und nach einem weiteren Gebet der Regen prompt einsetzte. Natürlich hat Gott hier gehandelt. Es geschah sein Wille, dennoch würde ein Meteorologe hier aus seiner Sicht kein Naturgesetz als verletzt ansehen. Als David im Kampf mit Goliat stand, traf er diesen tödlich mit einem Stein aus einer simplen Steinschleuder. Auch dies geschah offenbar ohne Verletzung eines Naturgesetzes, aber eindeutig unter der Mithilfe Gottes. Ich bin sogar gewiss: Hätte David den Stein nach hinten losgehen lassen – was bei einer so einfachen Konstruktion von einem Stück Leder mit zwei anhängenden Schnüren leicht denkbar ist –, so hätte er dennoch die eine kleine ungeschützte Stelle an der Stirn Goliats, die nicht gepanzert war, getroffen. Wenn Karl May schon um die Ecke schießen kann – wie viel mehr David im Namen Gottes! Beide Beispiele gehören somit zu Fall a.

Im Zeitalter der Aufklärung durchforstete man alle biblischen Texte danach, ob die berichteten Ereignisse auf natürliche Weise erklärbar seien, d.h., ob sie zu Fall a gehören. Wunder gemäß Fall b wurden als unmöglich verworfen und die entsprechenden Berichte damit als unwahr abgetan. Die moderne Theologie knüpft an diesen Gedanken an und stuft die meisten Berichte als mythologisch ein. In seinem berühmt gewordenen Aufsatz »Neues Testament und Mythologie« (1941) bezeichnete der Marburger Theologe Rudolf Bultmann (1884-1976) die Wunder als unzumutbar für jenen modernen Menschen, der elektrisches Licht benutzt und Radios verwendet.

Die Ereignisse der Bibel wollen und können in den meisten Fällen gar nicht im Rahmen der Naturgesetze verstanden werden. Gott handelt souverän. Er ist der Geber der Naturgesetze und steht somit selbst über ihnen. In seinem Handeln unterliegt er keiner Einschränkung, denn »bei Gott ist kein Ding unmöglich« (Lk 1,37). Sein Wille geschieht. Die Schöpfung selbst, so wie sie in 1.Mose 1 beschrieben wird, ist das erste in der Bibel berichtete Wunder. Er schafft in einem Sechstagewerk nach seinen Ideen und nach seinem Plan einen wunderbaren Kosmos.

Die Auferstehung Jesu ist ein weiteres markantes Ereignis, das sich jeder naturgesetzlichen Erklärung entzieht. Jeder Ansatz, hier eine biologische oder medizinische Deutung zu versuchen, geht am Eigentlichen vorbei. Die Auferstehung ist und bleibt eine besondere Handlung Gottes und geschah außerhalb der Naturgesetze.

Auch die Herkunft des Wortes Gottes entzieht sich jeder menschlichen Erklärung. Es ist ein göttliches Wunder. Paulus formuliert es in 2.Timotheus 3,16: »Denn alle Schrift ist von Gott eingegeben.«

Wir müssen geradezu damit rechnen, dass Wunder gemäß Fall b ständig der Kritik von Nichtglaubenden ausgesetzt sind. Aus ihrer Sicht wird nicht akzeptiert, dass Gottes Gedanken und Taten höher sind als unser menschlicher Verstand (Jes 55,8). So werden statt der Anerkennung der Größe Gottes Erklärungen gesucht, die sein übernatürliches Handeln überflüssig machen und Wunder auf eine menschlich einsichtige oder rein materialistische Ebene zu reduzieren versuchen. Solche Ideen sind von Anfang an zum Scheitern verurteilt und führen in die Irre.

1.16 Welche der biblisch bezeugten Wunder werden am häufigsten in Frage gestellt?

Ich denke, dass es bei den drei größten Wundern, die uns die Bibel nennt, die heftigste Kritik und demzufolge auch die meisten Irrlehren gibt:

1. Das Wunder der Schöpfung wurde durch die Evolutionslehre ersetzt. Sie ist keineswegs wissenschaftlich nachvollziehbar und versucht bei der Erklärung der Herkunft der Welt und allen Lebens ohne Gott auszukommen. Kerngedanke der Evolution ist, dass die in allen Lebewesen zu findende Information entweder gar nicht berücksichtigt wird oder allein in der Materie entstanden sein muss. Der Begründer der Evolutionslehre, Charles Darwin (1809-1882), hatte weder von der Tatsache der Information in den DNS-Molekülen den blassesten Schimmer noch von der immensen Informationsdichte. Die erst in den letzten Jahren erkannten Naturgesetze über Information stehen einem Evolutionsprozess, der ja nie beobachtet worden ist, strikt entgegen. Ein solches Perpetuum mobile der Information ist ein unmöglicher Vorgang und wird in dem Buch »Am Anfang war die Information«10 ausführlich widerlegt.

2. Die siegreiche Auferstehung Jesu ist die feste und unaufgebbare Glaubensgrundlage christlicher Lehre. Ohne diesen realen Tatbestand in Raum und Zeit wäre niemand errettet: »Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden; so sind auch die, die in Christus entschlafen sind, verloren« (1 Kor 15,17-18). Atheisten und liberale Theologen ersetzen das »leere« durch das »volle« Grab Christi und reden wie Rudolf Bultmann: »Eine Leiche kann nicht auferstehen.« In letzter Zeit hat der Göttinger Theologie-Professor Lüdemann viel Aufsehen durch seine Auffassung erregt, dass Jesus nicht auferstanden sei.

3. Bei der Entstehung der Bibel haben wir es mit einem Geheimnis der Informationsübertragung von

 Gott, dem Vater (z. B. 2 Tim 3,16)

 seinem Sohn Jesus Christus (z. B. Gal 1,12; Offb 1,1)

 und dem Heiligen Geist (z. B. 2 Petr 1,21)

zu den einzelnen Schreibern der Bibel hin zu tun. Wer diese Tatsache durch eine rein menschliche Entstehung und historische Zufälligkeiten zu erklären versucht, reduziert dieses Wunder in unangemessener Weise bis zur Unkenntlichkeit in den Bereich des menschlich Machbaren.

1.17 Warum hat Jesus die Wunder getan?

Die Wunder Jesu sind untrennbar mit seiner Verkündigung verbunden. Seine Autorität wird durch die begleitenden Wunder und Zeichen unterstrichen. In der Pfingstpredigt des Petrus erfahren wir den Grund: »Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat« (Apg 2,22). Die Wunder Jesu sind ein integraler Bestandteil seiner Mission und Lehre. Sie sind ein Zeichen Gottes, das von uns Menschen als Reaktion den Glauben und den Gehorsam fordert. In richtiger Weise reagierten auf das Wunder bei der Hochzeit zu Kana nur die Jünger Jesu. Von ihnen heißt es am Ende des biblischen Berichts: »Und seine Jünger glaubten an ihn« (Joh 2,11). Durch die Wunder wird der Schöpfer verherrlicht (Joh 9,3). Nie geschehen sie zur Befriedigung menschlicher Sensationslust.

1.18 Ist all das, was außerhalb der Naturgesetze geschieht, immer von Gott?

Als Mose und Aaron zum Pharao gingen, gab Gott ihnen eine Legitimation:

»Wenn der Pharao zu euch sagen wird: Weist euch aus durch ein Wunder!, so sollst du zu Aaron sagen: Nimm deinen Stab und wirf ihn hin vor dem Pharao, dass er zur Schlange werde!« (2Mo 7,9).

Das taten die Gottesmänner, und aus dem Stab wurde eine Schlange. Der Pharao holte seine Zauberer, und auch diese konnten ihre Stäbe in Schlangen verwandeln. Dieses Beispiel zeigt uns, dass auch der Teufel Unerklärliches tun kann. Selbst heute noch geschehen Dinge, die außerhalb des Rahmens der Naturgesetze ablaufen und dennoch nicht von Gott sind:

 Okkulte Praktiken

 Spiritismus

 UFO-Phänomene

 Heilungen durch Besprechen.

Wir müssen sehr sorgfältig die Quellen unterscheiden.

1.19 Zusammenfassende Definition der biblischen Wunder

Nach all dem zuvor Gesagten können wir die von Gott gewirkten Wunder präziser fassen. So nenne ich jetzt eine dritte Definition D3:

Definition D3: Wunder sind staunenswerte und außergewöhnliche Taten und Geschehnisse, die Gott oder sein Sohn Jesus Christus tut, wobei die Vorgänge meistens außerhalb der naturgesetzlichen Wirksamkeit ablaufen und einmalig sind.

Im Unterschied zu den dämonischen Wirkungen dienen die Wunder Gottes

 zur Verherrlichung Gottes (z. B. die Schöpfung, Ps 19,2; die Heilung des Blindgeborenen, Joh 9,3),

 als Hilfe für Menschen (z. B. ein Felsen in der Wüste gibt Wasser, 2Mo 17,1-6; Raben versorgen den hungrigen Elia, 1Kö 17,6),

 zur Stärkung des Glaubens (z. B. der Wein auf der Hochzeit zu Kana, Joh 2,11b),

 zur Rettung aus der Not (z. B. die Stillung des Sturmes, Mt 8,23-27),

 zur Rettung aus der Verlorenheit (z. B. der Kerkermeister von Philippi, Apg 16,31).

1.20 Sieht Gott seine Taten als Wunder an?

Die Bibel macht einen deutlichen Unterschied zwischen Wundern und Werken. Alle Taten Gottes sind für ihn »Werke«. So redet die Bibel bezüglich der Schöpfung von den Werken Gottes (1Mo 2,2; Ps 8,7; Ps 19,2; Röm 1,20). In Johannes 9,4 sagt Jesus:

»Ich muss wirken die Werke des, der mich gesandt hat.«

Aus der Sicht der Menschen sind diese Werke jedoch als Wunder zu bezeichnen.

Diesen Unterschied können wir uns einmal anhand der mathematischen Dimensionen verdeutlichen. Stellen wir uns (rein fiktiv) Wesen in der zweiten Dimension vor, so kennen diese konsequenterweise nur Gesetzmäßigkeiten der zweiten Dimension. All ihre Naturgesetze sind gegenüber uns dreidimensionalen Wesen eingeschränkt, weil sie nur in ihrer Fläche gültig sind. Sollten diese Flächenleute zwei deckungsgleiche, aber spiegelbildliche unregelmäßige Dreiecke zur Deckung bringen, so wäre das für sie eine unmögliche Aufgabe. Ihre Naturgesetze erlauben das nicht. Wir hingegen würden das eine Dreieck durch die dritte Dimension klappen und dann mit dem anderen in der Ebene verbliebenen Dreieck zur Deckung bringen. Das wäre für uns ein einfacher Vorgang – also ein Werk –, für die Flächenleute wäre unser Handeln eine Wirkung außerhalb ihrer gültigen Naturgesetze, und sie würden es daher als Wunder bezeichnen. Da Gott aus höheren Dimensionen als der unsrigen handelt, gelten bei ihm nicht unsere einschränkenden, dreidimensional wirksamen Naturgesetze. Was für ihn normale Werke sind, erweist sich für uns als Wunder.

1.21 Können auch Menschen Wunder tun?

Aus eigener Kraft kann kein Mensch ein Wunder vollbringen, es sei denn, Gott bevollmächtigt hier und da einen Menschen dazu:

 Mose schlug den Felsen in der Wüste, und es kam genug Wasser für die durstenden Israeliten heraus (2.Mose 17,1-6).

 Mit seinem Stab teilte er das Rote Meer, so dass das Volk Israel trockenen Fußes durchziehen konnte (2.Mose 14,16.21-22).

 Elia erweckte den toten Knaben (1Kö 17,17-24).

 Zu neutestamentlicher Zeit konnten die Jünger im Namen Jesu Wunder tun: Sie trieben böse Geister aus (Lk 9,1), sie heilten Kranke (Apg 3,1-9), und Paulus weckte einen Toten auf (Apg 20,9-12).

1.22 Geschehen auch heute noch Wunder?

Wenn Gott unsere Gebete erhört, sind das häufig Wirkungen, die außerhalb des für uns naturwissenschaftlich Erklärbaren liegen.

Die Schöpfung ist das größte übernatürliche Ereignis. Es ist bemerkenswert, dass die Bibel die Rettung des Menschen und die Schöpfung zueinander in Beziehung setzt (2Kor 4,6). Wer in Christus ist, ist damit zu einer neuen Schöpfung geworden (2Kor 5,17; Gal 6,15). Als das größte Wunder in unserer Zeit empfinde ich es, wenn Menschen zum lebendigen Glauben an Jesus kommen und dadurch ewiges Leben finden.

1.23 W7: Das Wunder des Glaubens

Ein Wunder ganz anderer Art wollen wir jetzt betrachten. Hierbei müssen nicht Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden, sondern altes Denken muss durch neues ersetzt werden. In Apostelgeschichte 16,23-34 wird dieser Wandel von der Gottesferne zum Glauben beschrieben. Es handelt sich um die Bekehrung des Gefängnisaufsehers von Philippi:

23. Nachdem man sie (Paulus und Silas) hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen.

24. Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie ins innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.

25. Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie.

26. Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so dass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von allen fielen die Fesseln ab.

27. Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.

28. Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!

29. Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen.

30. Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?

31. Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!

32. Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.

33. Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen

34. und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

In fünf Punkten wollen wir das Besondere dieses Berichtes herausstellen:

1. Der Gefängnisaufseher war ein brutaler Mann: Mit der Peitsche verdrosch er die Insassen des Gefängnisses von Philippi, so dass sie mit Striemen übersät waren.

2. Gegen Mitternacht wackeln infolge eines Erdbebens die Mauern des Gefängnisses, und die Türen zur Flucht stehen offen. Der Aufseher gerät in Ängste, denn wenn die Gefangenen geflohen sein sollten, würde er zur Rechenschaft gezogen und unzweifelhaft einen Kopf kürzer gemacht werden.

3. Keiner der Gefangenen ist geflohen.

4. Nun wird ihm von Paulus und Silas erstmals das Evangelium von Jesus Christus verkündigt. Ihm wird gesagt: »Glaube an den Herrn Jesus!« Warum sagt Paulus nicht: »Glaube an Gott!«? Darauf hätte er sicherlich geantwortet: »Götter haben wir hier in Griechenland genug – Zeus, Kronos und Rhea, Poseidon, Hades, Apollo, Artemis, Hermes, Ares und Dionysos. Auf der Akropolis in Athen verehren wir sogar eine Göttin, die Nike.« Aber Paulus nennt Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen. Nur in ihm ist Heil und ewiges Leben zu haben. Im kanadischen Parlament wurde früher zur Eröffnung einer neuen Legislaturperiode ein Gebet zu Jesus gesprochen. Gegner beschwerten sich, und man fand den Kompromiss eines Gebets allein zu Gott. Damit waren alle einverstanden, auch die Vertreter anderer Religionen. Die Tragik aber war, dass man damit den Retter Jesus ausgeschlossen hatte. Auf die Frage des Kerkermeisters, »Was muss ich tun, um gerettet zu werden?«, gab es nur eine einzige Antwort – sie lautet: Jesus! Das verstand dieser Mann, und er nahm Jesus als persönlichen Retter an. Bemerkenswert ist, wie lange dieser Mann dazu brauchte, um eine Entscheidung zu treffen. Um Mitternacht hörte er zum ersten Mal, welches der Weg der Errettung ist. Sicherlich haben Paulus und Silas noch ausführlicher mit ihm gesprochen, doch selbst wenn wir einige Stunden dafür annehmen, geschah alles innerhalb eines Tages. Das kann für manch einen Leser ermutigend sein, der heute das Evangelium zum ersten Mal hört. Man braucht nicht erst 23 oder 168 oder 350 Predigten zu hören, um sich zu bekehren. Von der Kraft des Evangeliums her reicht eine einzige Botschaft aus. Es ist immer die fast unüberwindliche Mauer unseres Willens, die uns abhält.

5. Die Annahme des Herrn Jesus hat das Leben des Aufsehers auf einen Schlag verändert:

a) Benutzte er vor einigen Stunden noch die Peitsche, um die Gefangenen zu traktieren, so wusch er nun ihre Striemen und bemühte sich um erste Hilfe und Linderung der Schmerzen.

b) Auch die Gastfreundschaft ist eine deutliche Veränderung. Der Hass von vor wenigen Stunden schlug in Liebe um.

c) Offensichtlich wurde er gleich missionarisch gesinnt, denn er ließ auch seiner Familie das Evangelium sagen.

d) Nachdem er das Evangelium angenommen hatte, ließ er sich aufgrund des Glaubens taufen. Dieser Text wird fälschlicherweise immer wieder zur Begründung der Säuglingstaufe herangezogen. Hier steht jedoch ausdrücklich: »Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren« (V. 32). Alle, die in seinem Haus waren, hörten also zuerst auf das Wort. Sie konnten es verstehen und annehmen; und erst daraufhin ließen sie sich taufen.

Im folgenden Kapitel 1.24 finden wir eine Liste von Wundern sehr unterschiedlicher Art. In den meisten Fällen können die berichteten Ereignisse dadurch erklärt werden, dass der Schöpfer als der Allmächtige und Erfinder der Naturgesetze diese in einzelnen Fällen außer Kraft gesetzt hat und sich damit als der Herr über alle Dinge ausweist. Bei den »Wundern des Glaubens« müssen nicht Naturgesetze, sondern oft hohe Mauern des eigenen Ichs überwunden werden; es sind dies

 Mauern des eigenen festgefahrenen Denkens

 Mauern des Stolzes und der Selbstgerechtigkeit

 Mauern des Zweifels und der Ängste

 Mauern des verhärteten Herzens.

Die Wirkung bei dem Betreffenden, der zum Glauben kommt, übersteigt alles menschlich Fassbare und Vorstellbare. Er gelangt von seinem Weg der Verlorenheit auf den Weg des Heils und wird von dem Tag an eingeschrieben als Bürger des Himmels: »Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel« (Phil 3,20). Die Wirkung ist ungleich bedeutsamer, als wenn ein Toter auferweckt wird und dann später doch wieder unerlöst stirbt. Was hilft es ihm, wenn er sein Leben um ein paar Jahre verlängert bekommt und dann doch wieder sterben muss, aber nicht errettet ist? Wir sehen daran: Zum persönlichen Glauben an Jesus Christus zu kommen, ist das Größte, was in unserem Leben überhaupt passieren kann.

Wir beobachten, dass es eine Häufung von Wundern zur Zeit Jesu gab. Auch die Apostel konnten im Namen Jesu Wunder vollbringen. Verglichen mit jener Zeit gibt es zwar auch heute noch Wunder, aber ihre Häufigkeit hat signifikant abgenommen. Geblieben aber ist das größte Wunder, das auch heute überall geschehen kann und auch immer wieder geschieht: das Wunder des Glaubens.

1.24 Verschiedenartige biblische Wunder

In Hiob 9,10 heißt es: »Er tut große Dinge, die nicht zu erforschen, und Wunder, die nicht zu zählen sind.« Die Bibel gibt uns keine vollständige Auflistung aller durch Gott geschehenen Wunder. Der Apostel Johannes beendet darum sein Evangelium mit der einschränkenden Formulierung: »Es sind noch viele andere Dinge, die Jesus getan hat. Wenn aber eins nach dem anderen aufgeschrieben werden sollte, so würde, meine ich, die Welt die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären« (Joh 21,25). Dabei sind die Wunder, von denen die Bibel berichtet, nur solche, die hier auf Erden geschehen sind. Auch im Himmel handelt der Herr wunderbar, denn »er tut Zeichen und Wunder im Himmel und auf Erden« (Dan 6,27). Die folgende Liste von Wundern ist keineswegs vollständig hinsichtlich der biblischen Berichte. Es wurde nur eine Auswahl getroffen, um zu zeigen, in welch unterschiedlichen Gebieten und Kategorien Gott wunderbar gehandelt hat.

Astronomische Wunder

 Wolken- und Feuersäule als Wegweiser beim Auszug des Volkes Israel aus Ägypten (2Mo 13,21-22)

 Der lange Tag zur Zeit Josuas (Jos 10,12-14)

 Als Zeichen für Hiskia ging die Sonnenuhr zehn Striche rückwärts (2Kö 20,1-11; Jes 38,1-8)

 Der Stern von Bethlehem als Wegweiser für die Weisen aus dem Morgenland (Mt 2,1-12)

 Die dreistündige Verfinsterung der Sonne bei der Kreuzigung (Mt 27,45; Mk 15,33; Lk 23,44)

 Die Verfinsterung von Sonne und Mond und die Veränderung der Gravitationskräfte bei der Wiederkunft Jesu (Mt 24,29; noch nicht geschehen).

Physikalische Wunder

 Durchzug des Volkes Israel durchs Rote Meer, während das Wasser rechts und links eine Mauer bildete (2Mo 14,29)

 Der Fall der Mauern Jerichos durch den Schall der Posaunen (Jos 6,1-27)

 Das Volk Israel ging trockenen Fußes durch den Jordan, während das Wasser seitlich wie eine Mauer stand (Jos 3,12-17)

 Feuer aus dem Fels verzehrte Fleisch und Brote bei Gideon (Ri 6,20-21)

 Das thermodynamische Wunder des Taus auf dem Boden der Tenne bei Gideon (Ri 6,36-40)

 Elia teilte mit seinem Mantel den Jordan (2 Kön 2,8)

 Elisa teilte ebenfalls mit Elias Mantel den Jordan (2 Kön 2,14)

 Überwindung des Schwimmgesetzes: Eisen schwamm auf dem Wasser zur Zeit Elisas (2 Kön 6,4-7)

 Überwindung des Energiesatzes bei der Stillung des Sturmes auf dem See Genezareth (Mt 8,23-27; Mk 4,35-41; Lk 8,22-25)

 Überwindung der Schwerkraft: Jesus ging auf dem See Genezareth (Mt 14,25-33; Mk 6,48-52; Joh 6,16-21)

 Der Vorhang im Tempel zerriss von oben bis unten ohne menschliche Einwirkung (Mt 27,51; Mk 15,38; Lk 23,45).

Ballistische Wunder

 Auf Anhieb traf David den gepanzerten Goliat an der einen kleinen verletzlichen Stelle mit einem Stein aus einer Steinschleuder (1Sam 17,33-51).

Chemische Wunder

 Schwefel und Feuer regneten vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra (1Mo 19,24-25)

 Lots Frau erstarrte zur Salzsäule (1Mo 19,26)

 Der nicht verbrennende Dornbusch bei Mose (2Mo 3,2-3)

 Beim Auszug aus Ägypten fand das Volk Israel bitteres Wasser in der Wüste. Durch ein Holz wurde es zu Süßwasser (2Mo 15,22-25)

 Das Feuer bei Elia, mit dem sogar Steine und Wasser verbrannten (1Kö 18,38)

 Das Feuer vom Himmel verzehrte zweimal je einen Hauptmann mit seinen 50 Leuten (2Kö 1,9-14)

 Jesus verwandelte Wasser in Wein (Hochzeit zu Kana; Joh 2,1-11).

Wunder der Nahrungsvermehrung

 Versorgung des Volkes Israel während der Wüstenwanderung (2Mo 16,1-35)

 Der ständig gefüllte Mehltopf und Ölkrug (1Kö 17,8-16)

 Elia wurde in der Wüste mit Brot und Wasser versorgt (1Kö 19,4-8)

 Die mit Öl gefüllten Gefäße der Witwe (2Kö 4,1-7)

 Die Speisung der hundert Mann (2Kö 4,42-44)

 Die Speisung der 5000 (Mt 14,13-21; Mk 6,30-44; Lk 9,10-17; Joh 6,1-10)

 Die Speisung der 4000 (Mt 15,32-39; Mk 8,1-9).

Biologische Wunder

 Die Sammlung aller Arten der Landtiere in Noahs Arche (1Mo 6,14-16)

 Der Stab des Mose wurde zur Schlange (2Mo 4,2-4)

 Die zehn Plagen in Ägypten (2Mo 7 – 11)

 Schlangengift wurde durch den Blick zur ehernen Schlange unwirksam (4Mo 21,6-9)

 Simson zerriss mühelos einen jungen Löwen, der also noch im Vollbesitz seiner Kräfte war (Ri 14,5-6)

 Simson brachte durch seine Hände eine Stadthalle, in der sich 3000 Männer und Frauen aufhielten, zum Einsturz (Ri 16,26-30)

 Jona überlebte drei Tage im Bauch eines Fisches (Jona 2,1-11)

 Daniel wurde in der Löwengrube bewahrt (Dan 6,17-25)

 Paulus tat ein Schlangenbiss nichts an (Apg 28,3-5).

Botanische Wunder

 Aarons grünender Stab (4Mo 17,16-28)

 Das schnelle Wachstum der Staude und der Wurm bei Jona (Jona 4,6-7)

 Der plötzlich verdorrte Feigenbaum (Mt 21,18-22; Mk 11,12-24).

Wunder mit Fischen

 Die kaum zu bergende Menge beim Fischzug des Petrus (Lk 5,1-11)

 Der Fischfang (153 große Fische) des Petrus nach der Auferstehung Jesu (Joh 21,1-14)

 Die Münze im Maul des Fisches (Mt 17,27).

Geologische Wunder

 Wasser sprudelte aus einem Felsen am Horeb; Mose soll den Felsen schlagen (2Mo 17,6)

 Wasser kam aus dem Felsen am Haderwasser; Mose sollte diesmal mit dem Felsen reden (4Mo 20,8-13)

 Simson wurde mit Wasser versorgt, das aus einer Höhlung floss (Ri 15,18-19).

Meteorologische Wunder

 Vor der Sintflut regnete es weltweit ununterbrochen 40 Tage und 40 Nächte lang (1Mo 7,12)

 Der plötzliche heiße Ostwind bei Jona (Jona 4,8)

 Das Gebet des Elia verhinderte 3 ½ Jahre den Regen, und dann bewirkte es einen plötzlichen Regen (Jak 5,17-18).

Medizinische Wunder

 Die Hand des Mose wurde aussätzig und wieder geheilt (2Mo 4,4-7)

 Die Heilung des syrischen Hauptmanns Naaman (2Kö 5,1-19)

 Heilung eines Aussätzigen (Mt 8,1-4; Mk 1,40-45; Lk 5,12-16)

 Heilung des Knechtes des Hauptmanns von Kapernaum (Mt 8,5-13; Lk 7,1-10)

 Heilung von zwei Blinden und einem Stummen (Mt 9,27-33)

 Heilung des Mannes mit der verdorrten Hand (Mt 12,9-13; Mk 3,1-5; Lk 5,6-10)

 Heilung des Gichtbrüchigen (Mt 9,1-8; Mk 2,1-12; Lk 5,17-26)

 Heilung der blutflüssigen Frau (Mt 9,20-22; Mk 5,25-34; Lk 8,43-48)

 Heilung des blinden und stummen Besessenen (Mt 12,22-23)

 Heilung eines Blinden in Betsaida (Mk 8,22-26)

 Heilung der beiden Blinden bei Jericho (Mt 20,29-34)

 Heilung des blinden Bartimäus (Mk 10,46-52; Lk 18,35-43)

 Heilung eines Wassersüchtigen am Sabbat (Lk 14,1-6)

 Heilung der zehn Aussätzigen (Lk 17,11-19)

 Heilung eines abgeschlagenen Ohres (Lk 22,50-51)

 Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten (Joh 4,46-53)

 Heilung des Kranken am Teich Betesda (Joh 5,1-18)

 Heilung des Blindgeborenen (Joh 9,1-41)

 Zacharias wurde stumm (Lk 1,20) und bekam die Sprache wieder (Lk 1,64)

 Heilung des Gelähmten an der Tempeltür (Apg 3,1-12)

 Heilung des Gelähmten von Lystra (Apg 14,8-20)

 Paulus heilte den Vater des Publius vom Fieber und von der Ruhr (Apg 28,8-9).

Gynäkologische Wunder

 Sechs unfruchtbare Frauen wurden nach Gebet schwanger:

 Sara bekam Isaak (1Mo 21,1-3)

 Rebekka bekam die Zwillinge Jakob und Esau (1Mo 25,21.26)

 Die Frau von Manoach bekam Simson (Ri 13,3.24)

 Rahel bekam Josef (1Mo 30,1.22-24)

 Hanna bekam Samuel (1Sam 1,5.20)

 Elisabeth bekam Johannes (Lk 1,7.57-66)

 Die Geburt Jesu durch die Jungfrau Maria (Mt 1,18-25; Lk 1,26-38).

Wunder der Erhaltung

 Während der 40-jähigen Wüstenwanderung erlebten die Israeliten, dass die Kleider nicht verschlissen, die Füße nicht anschwollen und die Schuhe sich nicht abnutzten (5Mo 8,4; 29,4)

 Die drei Männer Schadrach, Meschach und Abed-Nego im Feuerofen hatten weder Spuren der Versengung noch Brandgeruch an Kleidern und Haupthaar (Dan 3,12-30).

Linguistische Wunder

 Die plötzliche Entstehung der Sprachenvielfalt in Babel (1Mo 11,1-9)

 Die sprechende Eselin bei Bileam (4Mo 22,23-30)

 Die Schrift an der Wand bei Belsazars Gastmahl (Dan 5,1-30)

 Das Sprachwunder zu Pfingsten (Apg 2,1-13).

Wunder der Dämonenaustreibung

 Zwei Männer aus den Grabhöhlen in der Gegend der Gadarener/Gerasener (Mt 8,28-34; Mk 5,1-20; Lk 8,26-39)

 Ein Stummer und Besessener (Mt 9,32-33)

 Ein blinder und stummer Besessener (Mt 12,22-23; Lk 11,14)

 Die Tochter der kanaanäischen Frau (Mt 15,21-28;Lk 7,24-30)

 Der Mann in der Synagoge von Kapernaum (Mk 1,23-27; Lk 4,33-37)

 Die Magd aus Philippi mit dem Wahrsagegeist (Apg 16,16-18).

Wunder der Totenauferweckung

 Der Sohn der Witwe zu Zarpat (1Kö 17,17-24; durch Elia)

 Der Sohn der Schunemiterin (2Kö 4,32-37; durch Elisa)

 Der Mann im Grab des Elisa (2Kö 13,20-21)

 Lazarus (Joh 11,1-45; durch Jesus)

 Tochter des Jaïrus (Mk 5,35-43; durch Jesus)

 Der Jüngling zu Nain (Lk 7,11-17; durch Jesus)

 Die Heiligen nach der Auferstehung Jesu (Mt 27,52-53)

 Die Jüngerin Tabita (Apg 9,36-43; durch Petrus)

 Eutychus (Apg 20,8-12; durch Paulus).

Das Wunder der Schöpfung

 Erschaffung der Welt und allen Lebens (1Mo 1+2; Joh 1,1-3; Kol 1,16-17; Hebr 1,2; Hebr 11,3).

Das Wunder der Auferstehung Jesu

 Mt 28,1-7; Mk 16,1-8; Lk 24,1-12; Joh 20,1-10.

Das Wunder des Wortes Gottes

 Ps 19,8-15; Ps 119

 Die drei Autoren: Gott (1 Tim 3,16), Jesus Christus (Gal 1,12), Heiliger Geist (2 Petr 1,21)

 Das Wort Gottes ist:

 wahr (Ps 119,160; Joh 17,17)

 lauter (Ps 19,9; Ps 119,140)

 vollkommen (Ps 19,8)

 ewig (Ps 19,10)

 kostbar (Ps 19,11)

 vertrauenswürdig (Apg 24,14).

Wunder der Überwindung von Raum und Zeit

 Die Entrückung des Henoch (1Mo 5,24)

 Das Erscheinen von Engeln (Ri 13,3; Lk 2,9)

 Die Entrückung des Elia in den Himmel mit einem feurigen Wagen mit feurigen Rossen (2Kö 2,11-12)

 Der plötzliche Ortswechsel (Entrückung von einem Ort zum anderen) des Hesekiel (Hes 3,14-15)

 Die Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis (Apg 12,1-17)

 Die Befreiung der Apostel aus dem Gefängnis (Apg 5,19)

 Der plötzliche Ortswechsel (Entrückung von einem Ort zum anderen) des Philippus (Apg 8,39)

 Entrückung des Paulus ins Paradies (2Kor 12,2-4)

 Die zehn berichteten Erscheinungen Jesu nach seiner Auferstehung. Wahrscheinlich geschah es in der folgenden Reihenfolge. Es sahen ihn:

1) Maria Magdalena – Joh 20,11-18; Mk 16,9

2) die anderen Frauen – Mt 28,8-10

3) Petrus – Lk 24,34; 1Kor 15,5

4) die Jünger zu Emmaus – Lk 24,13-35; Mk 16,12

5) die zehn Jünger (ohne Thomas) – Lk 24,36-43; Joh 20,19-29

6) die elf Jünger acht Tage später (mit Thomas) – Joh 20,24-29

7) die sieben Jünger am See Tiberias – Joh 21,1-23

8) die fünfhundert Brüder – 1Kor 15,6

9) Jakobus – 1Kor 15,7

10) die elf Jünger bei der Himmelfahrt – Apg 1,3-12

Wahrscheinlich erschien Jesus noch weitere Male während der 40 Tage zwischen seiner Auferstehung und Himmelfahrt (Apg 1,3). Als der erhöhte Herr wurde er auch gesehen von Stephanus (Apg 7,56), von Paulus (Apg 9,3-8) und von Johannes (Offb 1,12-18)

 Die Himmelfahrt Jesu (Mk 16,19; Lk 24,50-53; Apg 1,1-11)

 Die Entrückung der Gläubigen (1Thes 4,15-17)

 Die Wiederkunft Jesu (Mt 24,25-30; Lk 21,25-27; Offb 1,7).

Das Wunder des Glaubens

 Die Berufung des Matthäus (Mt 9,9)

 Zachäus (Lk 19,1-10)

 Die 3000 nach der Pfingstpredigt des Petrus (Apg 2,38-42)

 Der Finanzminister von Äthiopien (Apg 8,26-39)

 Die Bekehrung des Saulus, genannt Paulus (Apg 9,1-19; Apg 13,9)

 Die Leute von Lydda und Scharon nach der Heilung des Äneas (Apg 9,32-35)

 Viele in Antiochia wurden gläubig (Apg 11,21)

 Der Statthalter Sergius Paulus (Apg 13,7+12)

 Der Kerkermeister von Philippi (Apg 16,23-34)

 Die Bekehrung der Lydia (Apg 16,14-15).

1 Eduard Pestel war seit 1956 ordentlicher Professor für Mechanik an der Technischen Hochschule Hannover. 1968 gründete er mit 16 Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik den »Club of Rome«, der 1972 durch seinen Bericht »Die Grenzen des Wachstums« international bekannt wurde. In den 70-er Jahren war Pestel Vizepräsident der deutschen Forschungsgemeinschaft und Mitglied im Kuratorium der Stiftung Volkswagenwerk. Von 1977-1981 war er Minister für Wissenschaft und Kunst in Niedersachsen.

2 Weitere Details über Naturgesetze sind in folgendem Buch nachzulesen: Werner Gitt: Am Anfang war die Information. Hänssler-Verlag, Holzgerlingen, 3. überarbeitete und erweiterte Auflage 2002, S. 26-67.

3 Herbert Lockyer: All the Miracles of the Bible. Pickering & Inglis Ltd. 3. Auflage 1965.

4 Franz Josef Stendebach: Novelle oder Geschichte? Die literarische Gattung des Büchleins Jona. Bibel und Kirche, Heft 3/3. Quartal 1972, S. 66-67.

5 http://www.zum.de/Faecher/kR/BW/greschn/jona04.htm

6 Das Wort »gleich« bezieht sich hier auf das allen Menschen Gemeinsame des Blutes, nämlich die Abstammung von Adam. Bei Bluttransfusionen ist auf die Verträglichkeit der Blutgruppen (A, B, AB und 0) zu achten, nicht jedoch auf die ethnische Zugehörigkeit. Diese Blutgruppen kommen in allen Völkern vor; ihre statistische Verteilung kann jedoch variieren.

7 Statt aus »einem einzigen Blut« sind auch andere Lesarten möglich wie »aus einem einzigen Ursprung«. In der Lutherübersetzung von 1984 heißt es darum: »Und er hat aus einem Menschen (Adam) das ganze Menschengeschlecht gemacht.« Die englische »King James Version« betont wie die Unrevidierte Elberfelder Übersetzung den Gedanken, dass wir alle »aus einem Blut« sind: »And hath made of one blood all nations of men for to dwell on all the face of the earth.«

8 Jungfrau: Im Hebräischen gibt es zwei Wörter für Jungfrau: betula und alma. Während bei betula die Betonung auf der Unberührtheit liegt (z. B. Rebekka: 1Mo 24,16; die Tochter des Jeftah: Ri 11,38; Tamar, die Tochter Davids: 1Sam 13,2), hebt alma mehr den Aspekt des herangereiften und heiratsfähigen Mädchens hervor (z. B. 1Mo 24,43; Hohelied 1,3). Aber auch bei alma wird die Unberührtheit stillschweigend vorausgesetzt. Bibelkritiker haben eingewandt, dass im alttestamentlichen Bezugstext von Jesaja 7,14 das zweite Wort steht und darum statt Jungfrau auch junge Frau übersetzt werden könne. Diese Auffassung wird jedoch durch die bezeugte Erfüllung der Prophezeiung (Mt 1,23 und Lk 1,27) widerlegt.

9 Josh McDowell: Die Tatsache der Auferstehung. CLV Bielefeld, 4. Auflage 2005, S. 103.

10 Werner Gitt: Am Anfang war die Information. Hänssler-Verlag, 3. überarbeitete und erweiterte Auflage 2002, 360 S.

Teil II

Einleitung

In diesem zweiten Teil des Buches berichte ich von Begegnungen und Bekehrungen, die ich weltweit erlebt habe und die mir wie ein Wunder vorkommen. Wie schon erwähnt, empfinde ich es als das größte Wunder im Leben eines Menschen, wenn er den rettenden Glauben an Jesus Christus annimmt. Die meisten Berichte drehen sich um diese zentrale Frage: »Wie kann ich zum Glauben kommen?« Es ist für mich etwas Besonderes, dass ich in den vergangenen Jahren so oft erleben durfte, wie Gott aus den unterschiedlichsten Lebenssituationen Menschen für die Ewigkeit rettet, wobei sich die meisten Gespräche über den Glauben direkt nach Vorträgen ergaben. Im Unterschied zu den in der Bibel genannten Wundern nenne ich das selbst Erlebte »Wunderbares«.

Mit den zahlreichen Beispielen möchte ich einen Bezug zu vielleicht ähnlichen Situationen in Ihrem Leben herstellen. Das Wirken Gottes ist jederzeit aktuell! Die meisten der nachfolgend geschilderten eigenen Erlebnisse zeigen, durch welche Umstände Menschen zum Glauben an Jesus kommen. Daran will ich Sie gerne teilhaben lassen. Es bleibt jedoch nicht aus, dass die biblische Botschaft hier und da auf Ablehnung stößt. Auch solche Beispiele klammere ich nicht aus.

Bei meinen Vorträgen verwende ich aus dem so entstandenen Fundus immer wieder auch Erlebtes und Erfahrenes, um damit das Wirken Gottes in heutiger Zeit zu demonstrieren. Christian Brandt, Inhaber eines Mediendienstes1, reist oft mit mir zu den verschiedenen Einsatzorten und nimmt die Vorträge live auf, die dann unmittelbar nach der Veranstaltung als Kassette oder CD erhältlich sind. So gelangt die biblische Botschaft, die durch heute Erlebtes aktualisiert und lebendig wird, auch an Orte, an die ich nie hinkomme. Nicht selten sind Kassetten oder CDs der Auslöser dafür, dass auch andernorts Menschen zum lebendigen Glauben kommen.

Oft sind die Tonträger auch der Auslöser für Einladungen zu anderen Vortragsdiensten. An einem Beispiel will ich das schildern: In der Zeit vom 9. August bis 29. September 2001 war ich zu meiner ersten Vortragsreise in Paraguay. Ein Jahr zuvor hatte ich abends einen Anruf erhalten, ob ich mir vorstellen könne, zu einem mehrwöchigen Dienst nach Paraguay zu kommen. Nach einer Bedenkzeit sagte ich zu. Als meine Frau und ich während des Paraguay-Aufenthaltes an einem Samstagmorgen durch den Supermercado (Supermarkt) gingen, kam ein freundlicher Mann auf uns zu und stellte sich als Leiter dieses Einkaufszentrums vor. Er fragt mich: »Wissen Sie eigentlich, warum Sie hier in Paraguay sind?« – »Ja, ich wurde hierher eingeladen, und da habe ich zugesagt.« – »Stimmt, aber ich will es Ihnen genauer erklären: Vor längerer Zeit erhielt ich aus Deutschland eine Kassette mit einem Vortrag von Ihnen. Ihre klaren Ausführungen zu dem behandelten Thema und die evangelistische Zuspitzung haben mich beeindruckt. Ich gab die Kassette den leitenden Brüdern in den Gemeinden mit der Bitte um Prüfung, ob man den Mann einmal hierher einladen sollte. Sie haben geprüft und Sie dann eingeladen – darum sind Sie hier.« – »Von diesen Details habe ich nichts gewusst. Danke für Ihre Erklärung.« Hätte ich diesen Mann nicht »zufällig« im Supermercado getroffen, wüsste ich bis heute nicht die näheren Hintergründe.

Die vielen erfreulichen Erlebnisse, von denen ich im Folgenden berichten werde, könnten den Eindruck vermitteln, es sei doch sehr leicht, Menschen für den Glauben zu gewinnen. Die selektive Auswahl von meist sehr eindrücklichen Erlebnissen unterstützt diese Annahme weiterhin. Aus diesem Grund nenne ich ganz bewusst auch hier und da Gespräche, die nicht mit einer Entscheidung für Christus endeten. Es ist ein Markenzeichen der Bibel, dass die Begegnungen mit Jesus immer authentisch sind. Nicht zuletzt wird dies daran deutlich, dass die Bibel uns immer wieder berichtet, wo, wann und bei welchem Anlass etwas geschah. So werden wir als heutige Bibelleser nicht mit langweiligen theoretischen und theologischen Abhandlungen konfrontiert, sondern sind hineingenommen an jene Orte in Raum und Zeit, wo sich alles ereignete. Daran möchte ich mich anlehnen, und darum nenne ich in den meisten Fällen auch, an welchem Ort, bei welchem Anlass und zu welcher Zeit sich das Erlebte zutrug. Meistens nenne ich die Namen, wenn ich sie kenne, manchmal lasse ich sie jedoch aus Personenschutzgründen weg.

Bei den biblischen Berichten fällt ein weiterer Aspekt bei der Art der Informationsübermittlung auf: Viele zentrale Lehraussagen der Bibel stehen nicht isoliert in irgendeinem Kapitel, sondern sind vielmehr eingebunden in Begegnungen mit Menschen. Erst auf die Frage des Thomas: »Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst, wie können wir den Weg wissen?«, antwortet Jesus mit dem viel zitierten Satz: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich« (Joh 14,6). Ebenso ist das so wichtige Ich-bin-Wort Jesu »Ich bin die Auferstehung und das Leben« (Joh 11,25) eingebettet in die Schilderung des Todes und der Auferweckung des Lazarus. Auch hier möchte ich aus der Bibel lernen und in den folgenden Berichten immer wieder auch biblische Lehre vermitteln.

Bei allen Auslandsreisen führe ich ein Tagebuch, damit mir bei der Flut von Neueindrücken nichts Wichtiges verloren geht oder durcheinander gerät. Auf diese Weise ist es möglich, auch Jahre zurückliegende Ereignisse und Gespräche noch detailliert wiederzugeben.

Die folgenden Berichte beginnen zunächst mit Erlebnissen aus den Ländern der früheren Sowjetunion. Auch meine frühere Heimat Nordostpreußen gehört heute zu Russland. Sie trägt den Namen Oblast Kaliningrad. Damit Sie einen Eindruck von meinem persönlichen Hintergrund bekommen, stelle ich den Bericht über meine Kindheitserlebnisse voran.

In den meisten der folgenden Beiträge werden Personen namentlich genannt. In all diesen Fällen waren die Betreffenden mit dem Abdruck der Texte in der vorliegenden Form einverstanden. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle bei jedem bedanken.

Die Kapitel 2.39 und 2.40 fallen insofern etwas aus dem Rahmen dieses Teils II, da es hier nicht um Personen, sondern um Pflanzen und Tiere geht, die mich wegen des Wunderbaren sehr beeindruckt haben.

Dank: Die Teile II und III dieses Buches wurden auch von der Diplom-Übersetzerin Dörte Götz und der Journalistin Bettina Hahne-Waldscheck durchgesehen. Für alle mir gegebenen Hinweise und Verbesserungsvorschläge danke ich beiden sehr herzlich.

2.1 Meine Kindheit in Ostpreußen
Unbeschwert in Raineck

Ich wurde am 22. Februar 1937 in Raineck2 (Kr. Ebenrode; russ. Nesterow) im nördlichen Ostpreußen geboren. Das Dorf hatte 133 Einwohner (Stand: 7. Mai 1939)3 und war nur 15 Kilometer von der litauischen Grenze entfernt.


Meine Mutter Emma Gitt als Konfirmandin, 1917.

Eine Wiege habe ich nie besessen, dafür lag ich im Sommer in einem Wäschekorb unter den Bäumen des Gartens, der das etwa 100 Jahre alte Fachwerkhaus umgab. Ich verbrachte eine schöne und unbeschwerte Kindheit auf dem elterlichen Bauernhof. Soweit ich mich erinnern kann, waren heiße Sommer und kalte Winter mit sehr viel Schnee damals das Normale. Wenn es einmal so heftig regnete, dass der Hof überflutet war, dann schwammen die meterlangen Futtertröge für die Enten und Gänse auf dem »Hofsee« und wurden von mir sogleich als Boot genutzt.

Oft strolchte ich auf der Wiese umher, die an das Haus grenzte und zu der auch ein Teich gehörte. Der Teich versorgte die Kühe mit dem notwendigen Trinkwasser, und die Enten schnäbelten im Wasser nach allerlei Essbarem. Tauchte ich im Sommer hier auf und ging dann in Richtung Hof, verließen alle Enten schlagartig den Teich und folgten mir im Entenmarsch. Sie hatten sich gemerkt, dass nun bald der Tisch für sie reich gedeckt werden würde, denn auf dem Hof angekommen, eilte ich zum Getreidespeicher, um mit reichlich Körnern zurückzukommen. So wurde ich zum Liebling der Enten.

Ganz anders beurteilten mich die Hühner. Manchmal öffnete ich die Tür des Hühnerstalls, nachdem das Federvieh sich bereits auf den Stangen zum Schlafen eingefunden hatte. Mein lauter Schrei »Husch, husch!« unterbrach die Ruhe, und alle Hühner flatterten wild im Stall umher. Was ich als Gaudi empfand, war für die Hühner weniger zum Lachen. So galt ich bei ihnen wahrscheinlich als der Hühnerschreck.

Im Winter gab es oft so viel Schnee, dass sich meterhohe Schneeberge auf dem Hof türmten, die durch Schneeverwehungen zustande kamen. Zwischen der Scheune und den beiden Ställen konnte der Wind vom verschneiten Feld ständig neuen Schnee herbeischaffen. Statt Lederschuhen trug ich ausschließlich »Klompe«, also Holzschuhe, die mein Vater selbst in der gut ausgestatteten Werkstatt anfertigte. Mit diesem Schuhwerk bekam man keine kalten Füße, und wenn der Schnee schon »pappte«, bildeten sich manchmal zehn Zentimeter hohe oder noch höhere Schneebatzen, die am Holz klebten.


Die liebevolle Art meiner Mutter rührt mich noch heute in meiner Erinnerung. Überall, wo sie etwas auf dem Bauernhof verrichtete, durfte ich dabei sein. Sie hatte ein Herz für alle. Immer wieder kamen Bettler und Landstreicher zu uns. Niemand verließ unseren Hof, ohne reichlich mit Essen versorgt worden zu sein. Meine Mutter ließ die Landstreicher manchmal sogar übernachten.



Bauernhof Gitt in Raineck. Im Vordergrund steht mein Vater auf dem Feld. Rechts: Stall mit davor stehender Baumreihe. Links: Hinter den hohen Birken befindet sich das von hier aus nicht sichtbare Wohnhaus, 1943.

Wenn Vater vom Feld kam und im Wohnzimmer seinen Stammplatz einnahm, eilte ich auf seinen Schoß, und er erzählte mir allerlei Geschichten. Er hatte immer Zeit für mich.

Vater war mit großer Freude Bauer. Er erzählte später oft, wie er jene Felder, die an der Straße lagen, besonders gut düngte, um Vorübergehende in Staunen zu versetzen. Rüben an der Straße hatten oft Übergröße und wären heutzutage weltrekordverdächtig, denn sie standen wie die »Thomasmehlsäcke«. Mein Vater verglich gern seine Rüben mit den 50 kg schweren Säcken für Düngemittel.

Er war sehr fortschrittlich und hatte oft als Erster im Dorf eine neue landwirtschaftliche Maschine, die gerade auf den Markt gekommen war. Im Gegensatz dazu war mein Großvater, was Neukäufe anbetraf, sehr zurückhaltend. Da alle im selben Haus miteinander wohnten, gab es vor jeder größeren Anschaffung heftige Diskussionen.

Während sich die heutigen Bauern aus wirtschaftlichen Gründen entweder auf Viehzucht oder auf Getreideanbau spezialisieren, gab es damals auf einem Bauernhof von allem etwas. Wir hatten Pferde, Kühe, Schweine, Schafe und eine Vielfalt an Federvieh: Puten, Gänse, Enten und Hühner. Angebaut wurden verschiedene Getreidesorten und Hackfrüchte. Auch der Mohn für den berühmten ostpreußischen Mohnkuchen durfte nicht fehlen. Die Kühe wurden selbstverständlich noch von Hand gemolken. Wenn das Vieh versorgt war, ging es von frühmorgens bis abends aufs Feld. Da kam im Sommer keine Langeweile auf. Im Winter sah das schon anders aus. Da galt es nur die Tiere zu versorgen und die Geräte auszubessern, so dass wir viel Zeit hatten, um abends zusammen am Kachelofen zu sitzen.


Lageplan des Dorfes Raineck, vor 1945.

Bei uns auf dem Land wurde ausschließlich Platt gesprochen, und so konnte ich kein einziges Wort Hochdeutsch4, als ich im Sommer 1943 eingeschult wurde. Die Rainecker Dorfschule hatte, wie es damals auf dem Lande so üblich war, nur ein einziges Klassenzimmer, in dem die Schüler aller acht Klassen gleichzeitig unterrichtet wurden. Die erste Klasse saß auf den ersten beiden Bänken des linken Blocks. Die achte Klasse saß in der letzten Reihe des rechten Blocks, dazwischen saßen nach Jahrgängen geordnet die anderen Klassen. Der Lehrer konnte natürlich immer nur zu den Schülern einer Klasse sprechen – es sei denn, er sagte zum Beispiel: »Nun die Klassen drei bis sechs hinhören.« Die anderen lasen, rechneten, schwatzten oder schauten einfach nur in die Luft. Lehrer Brehm unterrichtete zwar auf Hochdeutsch, aber er akzeptierte es, dass ich alles auf Platt sagte. Wie die anderen mit mir eingeschulten Kinder sprachen, daran kann ich mich allerdings nicht mehr erinnern.

Als ich eingeschult wurde, hatte mein acht Jahre älterer Bruder Fritz (* 29. Oktober 1929) bereits die Rainecker »Bildungsstätte« durchlaufen und arbeitete als angehender Bauer auf dem Hof.

Unser Lehrer war offenbar schon damals seiner Zeit weit voraus und verfügte über feinste pädagogische Sensibilität. Da ich bezüglich Musik weder eine »Resonanzstelle« hatte noch eine natürliche Begabung mitbrachte, vermied es unser Dorfpädagoge, mich auch nur zum Lernen der Liedstrophen zu animieren, um meine »musikalische Entwicklung« nicht etwa zu gefährden. So kam es, dass ich bei dem gemeinsamen Gesang in der Klasse meine eigene Melodie erfand und in Unkenntnis des Liedtextes ein neues Libretto kreierte. Die gleiche individuelle Art legte ich an den Tag, wenn es bestimmte Kräuter zu sammeln galt. Ich pflückte irgendetwas, von dem ich meinte, das könnte wohl das verlangte Kraut sein. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass meine Sammlung jemals nicht akzeptiert wurde.

Außer über uns Schüler verfügte unser Lehrer über ein wenig Land und eine Kuh. Sicher wollte er nur das Beste für uns, wenn er uns zur Verrichtung kleinerer Aufgaben auf seinem Grundstück heranzog. Schließlich besteht das Leben nicht nur aus Theorie, sondern auch aus der Praxis. Zur Zeit der Erdbeerreife engagierte er uns zum Pflücken. Während er anderen Dingen nachging, taten sich seine Erntehelfer gütlich an den wohlschmeckenden Früchten. Hatte er seine eigene Jugendzeit vergessen oder unseren ungebremsten Appetit falsch eingeschätzt? Seine Dankesworte jedenfalls fielen recht harsch aus, als er sich die kärgliche Ernte ansah.

Obwohl sich Deutschland zur Zeit meiner Einschulung bereits im vierten Kriegsjahr befand, lebten wir nach meinem Empfinden in Ostpreußen immer noch wie im tiefsten Frieden. Etwas Neues war jedoch hinzugekommen: In der Schule wurde ständig irgendeine Sammlung durchgeführt. Waren es einmal nicht die Kräuter, dann waren es Lumpen oder auch Tierknochen. Ich staunte, was man so alles noch verwerten konnte. Eines Tages, ich ging noch nicht zur Schule, wurden in meines Bruders Klasse und wohl auch in anderen Klassen Knochen gesammelt. Mutter hatte ihm ein Päckchen zusammengestellt, das er aber vergessen hatte mitzunehmen. So beauftragte sie mich, dieses zur Schule zu bringen. Ich machte mich auf den Weg, öffnete die Tür des Klassenzimmers, ging direkt auf den Tisch des Lehrers zu und legte die Knochen dort ab. Dies tat ich – natürlich auf Platt – mit den Worten: »Eck bring dem Fretz sine Knoakes.« (Ich bringe die Knochen von Fritz). Ich verstand nicht, warum die ganze Klasse in fröhliches Gelächter ausbrach.

Im Frühjahr und Frühsommer war die Zeit der Verwandtenbesuche. Mit Pferd und Wagen konnte man zu den meisten Verwandten an einem Tag hin- und zurückfahren – so kurz waren die Entfernungen. Der Höhepunkt des Zusammentreffens bestand jeweils in einer guten und reichhaltigen Mittagsmahlzeit, zu der traditionsgemäß mehrere deftige Bratensorten gehörten. Ja, essen konnte man gut in Ostpreußen! Nach dem Nachtisch gab es ein paar zünftige Schnäpse, die dem Magen wieder auf die Beine halfen. Derart gestärkt besichtigten der Besuch und meine Eltern die Felder und rühmten den Stand des Korns. Nun kam meine Stunde: Ich ging von Platz zu Platz und leerte aus jedem Glas auch noch den letzten Tropfen! Wer weiß, ob ich dadurch ins Torkeln kam oder mich in ostpreußischer Standfestigkeit übte?

Bis zu dieser Zeit erlebte ich eine schöne und unbeschwerte Kindheit in ländlich-bäuerlichem Umfeld. Aber bald sollte sich vieles ändern.

Die jungen Bauern waren bereits zum Krieg eingezogen, so dass auf den meisten Höfen nur noch Frauen und alte Männer wirtschafteten. Da mein Vater handwerklich sehr geschickt war und es allgemein bekannt war, dass er Reparaturen an Landmaschinen, Elektroanlagen, Pumpen usw. ausführen konnte, wurde er zum Ortsbauernführer gewählt und darum uk gestellt. Mit diesem »unabkömmlich« war er vom Wehrdienst befreit mit der Auflage, auch bei den anderen Bauern die Hilfe zu leisten, die den Fortbestand der Landwirtschaft sicherte.

In jener Zeit war es gefährlich, sich kritisch zum Naziregime zu äußern, was mein Vater nicht immer beachtete. Eines Tages wurde er von dem Knecht eines Nachbarn angezeigt mit den Worten: »Der Gitt ist politisch nicht zuverlässig.« Bald darauf erschien ein Beauftragter der Partei zur Überprüfung. Als er auf den Hof kam, begrüßte er meinen Vater mit einem lautstarken »Heil Hitler!« Darauf mein Vater: »Ich bin nicht der Hitler!« – »Da haben wir es ja schon«, stellte der Parteibeauftragte sofort fest. Schon wenige Tage danach wurde die uk-Stellung aufgehoben und der Gestellungsbefehl zur Wehrmacht folgte. Mein Vater kam zu einer kurzen Ausbildung nach Preußisch-Holland in Ostpreußen und wurde danach als Soldat nach Frankreich beordert und an der Atlantikküste bei St. Nazaire zur Küstenbewachung eingesetzt. Nachträglich kann man nur sagen, dass es eine gute Fügung war. In St. Nazaire gab es während des ganzen Krieges keinerlei kriegerische Handlungen, so dass er dort nicht einen einzigen Schuss abgeben musste. Wäre er in Ostpreußen geblieben, hätte er unausweichlich zum Volkssturm gehen müssen, und diese Männer sind fast ausnahmslos gefallen, wie auch mein Onkel Franz, der Mann meiner Tante Lina.

Flucht vor der Roten Armee

Im Oktober 1944 rückte die Rote Armee bis an die ostpreußische Grenze vor.5 So mussten auch wir die Flucht ergreifen. Ich war damals sieben Jahre alt und gerade in die zweite Klasse der Dorfschule gekommen. Im Gegensatz zu den anderen Bauern des Dorfes, die gemeinsam mit Pferd und Wagen flüchteten, entschied meine Mutter, zunächst nach Altlinden (12 km westlich von Gumbinnen) aufzubrechen, wo ihre Halbschwester Lina auch einen Bauernhof besaß. Mein bei uns lebender Großvater mütterlicherseits (Friedrich Girod)6 baute einen Erntewagen zum Fluchtwagen um; die leinenen Transportbänder des Selbstbinders (Vorläufer der heutigen Mähdrescher) gestaltete er zu einem Spitzdach. Ich empfand den Aufbruch mit Pferd und Wagen als etwas Abenteuerliches und erkannte keineswegs den Ernst der Lage. Wir fünf – Mutter, Großvater, Bruder Fritz, die Hausangestellte Meta und ich – wohnten dann einige Wochen in Altlinden, bis wir gemeinsam mit den Altlindener Verwandten7 am 20. Oktober mit drei Fuhrwerken erneut aufbrachen. Nach zwei oder drei8 Tagen erreichten wir Gerdauen und warteten dort etwa zehn Tage, in der Hoffnung, es gehe bald wieder zurück. Weil die Rote Armee weiter vorrückte, mussten wir jedoch die Flucht nach Südostpreußen fortsetzen. Anfang November erreichten wir das etwa 180 Kilometer9 entfernte Peterswalde und wurden alle zusammen im Haus der allein stehenden Lehrerin Troyka einquartiert. Dieses 688-Einwohner-Dorf10 liegt 18 Kilometer südlich von Osterode. Hier blieben wir, und ich ging auch wieder zur Schule (mit Frau Troyka als Klassenlehrerin). Aber eigentlich warteten wir nur darauf, dass es wieder nach Hause zurückging. Ich kann mich noch recht gut an das Weihnachtsfest 1944 erinnern. Wir hatten einen Weihnachtsbaum, und es gab reichlich Gänseschenkel zu essen, die aus dem Vorrat von Tante Lina stammten. Die in Weckgläsern eingemachten Fleischvorräte gehörten unbedingt zum Fluchtgepäck. Als bei dem eiligen Aufbruch von Altlinden versehentlich die Gänseschenkel im Rauchfang vergessen wurden, kehrte Rena vom Nachbardorf aus um, um den wichtigen Proviant noch herbeizuschaffen.

Damals war es üblich, dass ein älterer Mann die amtlichen Bekanntmachungen im Dorf ausrief. Mit dem Fahrrad fuhr er jeweils einige Häuser weiter, blieb dann stehen, klingelte mit seiner nicht zu überhörenden Handglocke – daraufhin öffneten die Bewohner die Fenster – und dann rief er sein monotones lang gestrecktes »Amt – li – che Be – kannt – ma – chung!« Von einem Papier verlas er dann das, was den Dorfbewohnern mitzuteilen war. Es war am 22. Januar 194511, das Thermometer war auf etwa 25 bis 30 Grad unter Null gefallen, und diesmal war alles anders. Ungewohnt war seine Eile. Auch seine Meldung war so knapp wie nie zuvor: »Die Russen kommen, rette sich, wer kann!« Nun war die Aufregung groß. Schnell wurden die wenigen Habseligkeiten auf zwei Wagen geladen, die Pferde angespannt, und los ging es in Richtung Deutsch-Eylau nach Westen. Da ich gerade zu der Zeit hohes Fieber hatte, wurde ich einschließlich Federbett auf dem Fuhrwerk verstaut. Ein Wagen wurde von meiner Mutter gelenkt, der andere von meiner Tante. Onkel Franz war Anfang Dezember 1944 zum Volkssturm eingezogen worden und ist, wie fast alle Männer, gefallen.

Wegen der bald verstopften Straßen kamen wir nur sehr langsam voran. Konnten wir die erste Nacht noch in irgendeinem Saal eines Dorfes übernachten, mussten wir an den Folgetagen bei eisiger Kälte die Nächte auf dem nach beiden Seiten offenen Planwagen verbringen. Tante Marie hatte sich in diesen Tagen einen Finger erfroren, der nach etlicher Zeit schwarz wurde und dann schmerzlos von der Hand abfiel.

Ab und zu fielen Granatsplitter auf die Abdeckung unseres Fluchtwagens, die zweifellos tödlich sein konnten. Aber niemand von uns wurde dadurch verletzt. Vor einem etwas größeren Ort wurde der Treck von der Roten Armee gestoppt. Russen gingen von Wagen zu Wagen. Mein Bruder Fritz, damals 15 Jahre alt, wurde heruntergeholt. Was würde mit ihm geschehen? Tiefe Angst befiel uns. Wir waren über Nacht zu Rechtlosen geworden, mit denen man machen konnte, was man wollte. Meine Mutter ging nach einiger Zeit zur russischen Kommandantur, um ihn abzuholen. Man sagte ihr, er komme morgen wieder. Es stimmte nicht – er kam nie wieder. Vielleicht haben sie ihn erschossen, weil sie ihm unterstellten, er sei in der Hitlerjugend gewesen.

Von einem unserer beiden Fuhrwerke wurden uns die Pferde weggenommen. Daher ging es mit nur einem Wagen nach Peterswalde zurück, wo wir am 24. (oder 25.) Januar 1945 wieder eintrafen.12 Wir bezogen das Nachbarhaus von Frau Troyka, ein inzwischen leer stehendes Bauerngehöft. In diesem Dorf und auch schon bei der Fahrt dorthin erwartete uns ein Bild des Grauens und der Verwüstung: Tote Menschen und Pferde lagen am Straßenrand, Häuser waren abgebrannt. Es begann eine schreckliche Zeit, denn der sowjetische Diktator Stalin hatte den Soldaten erlaubt, sieben Tage lang alles zu tun, was sie nur wollten. So waren Raub, Plünderung und Vergewaltigung13 an der Tagesordnung. Am meisten gesucht wurden Uhren und Stiefel. Alle waren von großer Angst erfüllt, wenn ein Russe das Haus betrat.

Als eines Tages wieder ein Russe auftauchte, verlangte er mit wütender Stimme unsere Uhren. Längst besaßen wir keine mehr, und meine Tante sagte es ihm. Darauf reagierte der Russe mit erhobenem Gewehr: »Urr – oder ich schieße!« Ich staune noch heute, wie meine couragierte Tante darauf antwortete: »Dann schießen«. Nun war er überzeugt, dass hier nichts mehr zu holen war, und schoss nicht.

Erst im Februar trat eine gewisse Entspannung ein. Der Hauptteil der Armee war weiter nach Westen gezogen, und es gab jetzt erheblich weniger Russen als zur Zeit des Einmarsches. Eines Tages ging ein Russe durchs Dorf von Haus zu Haus und forderte alle Einwohner auf, zum Dorfplatz zu kommen. Man ahnte nichts Böses, und die meisten folgten der Aufforderung, weil man annahm, jetzt gäbe es etwas zu essen oder es würde angesagt, wie das Leben unter der Besatzung weitergehen wird. Es bildete sich schnell eine lange Schlange, in der sich auch meine Mutter, ihre Schwester Lina, Meta und ich befanden. Rena war schon einige Tage zuvor von russischen Offizieren abgeholt worden, damit sie in deren Quartier für sie kochte. Die vorbeiziehende Schlange bewegte sich auch an diesem Haus vorbei. Plötzlich entdeckten wir Rena mit einem Russen auf der Treppe des Hauses. Renas Mutter, also meine Tante Lina, wurde aus der Schlange herausgeholt und schnell in das Haus gebracht. Renas Bitte an den Russen, auch meine Mutter aus der von bewaffneten Russen bewachten Menschenmenge herauszuholen, wurde abgelehnt mit den Worten: »Eine ist genug!« Nun war klar: Das ganze Vorhaben hatte nichts Gutes zu bedeuten.

Auf dem Dorfplatz angekommen, wurden noch arbeitsfähige Frauen aussortiert. Wir Kinder wurden gewaltsam von unseren Müttern getrennt, auch wenn wir uns noch so fest an sie klammerten. Wie schrecklich war es, als man uns Kindern die Mutter wegnahm. Wir ahnten nicht, dass dies der Tag sein sollte, an dem wir unsere Mütter zum allerletzten Mal sahen. Wenn etwa zehn Kinder beisammen waren, ordnete man willkürlich eine Frau den Kindern zu mit den Worten: »Du Mutter für alle!« Leider wurde meine Mutter nicht einer der Kindergruppen zugeordnet. Mit anderen Frauen, die als arbeitsfähig angesehen wurden, darunter auch Meta, trieb man sie nun zu Fuß in Richtung des nächsten Dorfes. So etwas Schreckliches hatte ich bisher noch nicht erlebt. Man hatte mir in herzloser Weise die Mutter genommen. Was sollte nun werden? Nachdem die Kolonne sich schon weit entfernt hatte, rannte ich laut weinend die Dorfstraße entlang zu meiner Tante.

Obwohl die ganze Aktion gewaltsam geschehen war, hatten wir uns immer noch einen Schimmer an Hoffnung bewahrt. Wir fragten uns, ob die Frauen nur zu einem kurzfristigen Arbeitseinsatz abgeholt worden waren. Täglich schauten wir aus dem Fenster in Richtung Dorfstraße und erwarteten die Rückkehr meiner Mutter.14 Erst nach Wochen schwand diese Hoffnung mehr und mehr, bis sie schließlich endgültig starb. Niemand kam mehr zurück, und so wurde uns klar: Es handelte sich um eine Verschleppung ins entfernte Russland. Erst nach Jahren erfuhren wir von einer Augenzeugin, dass meine Mutter schon im April 1945 in der Ukraine gestorben ist. Sie starb in den Armen dieser Zeugin mit den Worten: »Was wird nur aus meinem kleinen Werner werden?«

Den Sommer 1945 verbrachten wir – meine Tanten Lina und Marie, mein Großvater und ich – immer noch in dem Nachbarhaus von Frau Troyka. Rena war im März von Russen zu dem etwa sechs Kilometer entfernten Gutshof Schmückwalde gebracht worden, der schon zur Kolchose umfunktioniert worden war. Dort musste sie schwere Arbeit in der Mühle verrichten. Mein Großvater baute im Sommer einen zweirädrigen Handwagen mit einer Ladefläche von etwa 2 × 2 Metern. Er hatte die Idee, zu Fuß nach Raineck zurückzugehen (Luftlinie = 160 km). Dazu ist es nie gekommen. Vielmehr wurde der Wagen für einen sehr traurigen Zweck benutzt: Durch das Dorf fuhren regelmäßig vier russische Lkw, die von uns sehr argwöhnisch beobachtet wurden. Als eines Tages ein Vater mit seiner erwachsenen Tochter Kartoffeln aus der Miete (= Kartoffelvorrat, der mit Stroh und Erde abgedeckt war) holen wollten, kamen gerade diese Autos vorbei. Erschrocken rannten die beiden über das freie Feld. Das war ihr Verderben, denn wer weglief, galt als Partisan. Die Wagen stoppten, und ein russischer Fahrer erschoss die Flüchtenden. Opas Wagen wurde nun zum Abtransport der Leichen benutzt. Auffällig war für uns, dass in der Folgezeit nur noch drei Lkw durchs Dorf fuhren.

Ohne es zu ahnen, befand ich mich etwas später mit einem anderen Jungen in ähnlicher Todesgefahr. Wir spielten auf der Dorfstraße. Plötzlich entdeckten wir, wie hinter der Straßenbiegung ein russischer Reiter herannahte. Voller Angst liefen wir, so schnell wir nur konnten, weg, zuerst in Richtung »unseres« Hofes, bogen dann aber doch zum Nachbargehöft ab, krochen mit Mühe unter einen Bretterzaun hindurch und erreichten dann den Friedhof. Hier versteckten wir uns zwischen Gräbern und Büschen und harrten so lange aus, bis uns die Gefahr vorüber schien. Als ich nach Hause kam, berichtete meine Tante, dass der Reiter wütend in das Haus gekommen sei und intensiv nach uns gesucht habe. Hätte er uns gefunden, wären wir als verdächtigte Partisanen wahrscheinlich auch sofort erschossen worden. Ich ahnte nicht, in welcher Todesgefahr ich geschwebt hatte.

Eines anderen Tages blieb ein Lkw vor dem Haus von Frau Troyka stehen, und der Russe eilte in ihr Haus, um nach dem Weg zu fragen. Sie glaubte, er wollte sie vergewaltigen, und schluckte sofort ihre stets griffbereit liegenden Gifttabletten. Da sie nicht sofort starb, versuchte meine Tante sie durch Verabreichung von Brechmitteln zu retten. Sie lehnte jedoch jede Hilfe ab, denn in dieser wirren und hoffnungslosen Zeit wollte sie nicht weiterleben.

In jener Zeit lebten wir von dem, was noch auf dem Hof vorhanden war: Getreide und Kartoffeln. Zum Glück gab es auch Brennmaterial. Da wir jedoch keine Streichhölzer hatten, musste ständig das Feuer erhalten werden. Zu Beginn der Nacht legte man ein Brikett in den Ofen, bis es glühte, tat Asche darauf und entfachte die Glut am anderen Morgen zu neuem Feuer.

Im Laufe des Sommers bekamen wir zusätzliche Mitbewohner auf »unserem« Hof. Eine polnische Frau mit ihren fünf Kindern zog bei uns ein. Sie sprach gut Deutsch, und ich habe sie als freundliche Person in Erinnerung. Auch sie waren Vertriebene, denn sie kamen aus jenem östlichen Teil Polens, der an die Sowjetunion abgetreten worden war. Der südliche Teil Ostpreußens war durch die damit einhergehende Westverschiebung Polens den Polen zugewiesen worden.15

Vertreibung

Im Oktober 1945 begann die Vertreibung der Deutschen durch die Polen. Am 29. Oktober 1945 wurden wir mit einem Fuhrwerk nach Osterode in die Nähe des Bahnhofs gebracht. Mit uns trafen noch viele andere Deutsche dort ein. Auf dem Hof vor einem Getreidespeicher verbrachten wir die Nacht im Freien auf dem Kopfsteinpflaster. Am anderen Morgen starb dort mein Großvater, den wir, ohne ihn beerdigen zu können, liegen lassen mussten, denn der Zug, der ausschließlich aus Viehwaggons bestand, stand schon zu unserem Abtransport nach Westen bereit. Von Raineck waren wir im Oktober 1944 mit fünf Personen aufgebrochen. Opa war nun schon der Vierte, der nicht überlebte. War ich nun der Nächste?

Was wir mitnehmen durften, war streng reglementiert: nur das, was wir am Leib tragen konnten. So hatte jeder ein Mehrfaches an Unterwäsche und womöglich zwei Hemden an. Unser Handgepäck für vier Personen bestand aus einem Marmeladeneimer, der nur die letzten Habseligkeiten enthielt (z. B. Messer, Gabeln).

In einer zehntägigen strapaziösen Tour erreichten wir nach häufigen und oft langen Stopps das stark zerstörte Berlin. Diese Bahnfahrt ist mir noch in schrecklicher Erinnerung. Manche älteren Menschen starben während dieser Tortur in der Kälte und ohne Versorgung. Dann öffnete man die Waggontür und warf die Leichen ins Freie. Schlimm waren auch die Überfälle, wenn herumstreunende Polen uns noch berauben wollten, obwohl es doch schon lange nichts mehr zu holen gab. Von Berlin aus ging die Fahrt über Rostock in das 16 Kilometer östlich davon gelegene Sanitz, wo wir bei einer Familie einquartiert wurden.

Bei einem längeren Stopp entfernten sich die Frauen oft kilometerweit von dem Zug, um auf den Feldern nach Essbarem (z. B. Steckrüben) zu suchen, denn wir wurden weder mit Essen noch mit Trinken versorgt. Unvergesslich ist mir folgende dramatische Situation: Einige Frauen hatten sich so weit vom Zug entfernt, dass man sie nicht mehr sehen konnte. Plötzlich setzte sich der Zug ohne jegliche Vorwarnung in Bewegung. Die Frauen kamen nicht rechtzeitig zurück. Nun war die Not für die Angehörigen im Viehwaggon groß. Würden sie ihre Zurückgebliebenen jemals wiedersehen? Was könnte man tun? Mir ist in Erinnerung, dass das Vaterunser gebetet wurde. Wir waren bereits etliche Tage in Sanitz, da hörten wir, dass die Vermissten mit einem späteren Zug mitgenommen wurden. Gott sei’s gedankt!

Unfreiwillige Endstation Föhr

In Sanitz erfuhren wir auch, dass mein Cousin Waldemar (* 25. März 1925), der als Soldat verwundet worden war, nach seinem Lazarettaufenthalt in Bark, einem kleinen Dorf in der Nähe von Bad Segeberg (Schleswig-Holstein), bei einem Bauern untergekommen war. Das war wieder einmal eine gute Nachricht. Im Rahmen der Familienzusammenführung bot sich nun die Chance, die russische Zone zu verlassen. Bald schon wurde ein Zug bereitgestellt, der außer uns noch viele Familien westwärts befördern sollte. Es war zwar nicht Bad Segeberg, das wir erreichten, vielmehr befanden wir uns letztendlich an der Nordseeküste. In der Nähe von Lübeck gab es einen Zwischenstopp. Alle mussten den Zug verlassen und sich in den halbrunden Wellblechbaracken, den so genannten Nissenhütten, einer gründlichen Entlausung unterziehen. Dick eingestaubt mit dem weißen Pulver durften wir den Zug wieder besteigen, der nun Richtung Niebüll dampfte. Wo immer auch dieser für uns unbekannte Ort liegen mochte! Dort angekommen hieß es: »Alle in die Kleinbahn umsteigen!« War das eine Aufregung! Ohne zu wissen, wo es nun hinging, befolgten alle den Umsteigebefehl. Nach kurzer Zeit war Dagebüll erreicht. Das war aber immer noch nicht das Ziel, denn nun lautete der Befehl: »Alle aussteigen, gleich geht’s mit dem Schiff weiter!« Und das mit uns Landratten! In aller Eile wurde auch dieser Befehl befolgt, denn keiner wollte irgendwo zurückbleiben. Als das Schiff schon von der Mole abgelegt hatte und sich auf der Nordsee in Richtung Insel Föhr bewegte, stellten wir fest, dass wir den Marmeladeneimer mit den letzten Habseligkeiten in der Kleinbahn vergessen hatten. Am 24. (oder 25.) Januar 1946 erreichten wir Wyk auf Föhr: Wir hatten nur das, was wir am Leib trugen, doch wir hatten immerhin unser Leben gerettet.

In Wyk wurden wir am Südstrand bei einem schon sehr alten Ehepaar einquartiert. Sie waren Eigentümer eines großen Kolonialwaren-Geschäfts in der Osterstraße. Außer uns waren hier schon andere Flüchtlingsfamilien untergebracht worden, so dass für uns nur noch eine kleine Abstellkammer unter dem Dach übrig blieb. Sie hatte kein Fenster, dafür aber eine kleine Luke. Das wenige einfallende Licht zeigte uns aber immerhin an, ob es Tag oder Nacht war. Die markanteste Erinnerung aus dieser Zeit war für mich der nicht enden wollende Hunger. Anfangs wurde für die Flüchtlinge im Kurhaus Suppe gekocht. Diese Bezeichnung war fast übertrieben, denn wir konnten von Glück reden, wenn wir in unserer Kelle ein Kartoffelstückchen erwischten, von Fett ganz zu schweigen. Meine Tante sagte manchmal lachend: »Zwei Augen schauen in die Suppe und eines schaut heraus.« Mit dem einen herausschauenden Auge war das kleine Fettauge in der Suppe gemeint. Nach dem langen Rückweg war die Suppe schon wieder vergessen, und der Magen meldete sich aufs Neue.


Werner Gitt als 9-Jähriger, 1946.

In Wyk begann für mich nach langer Zeit auch wieder der Schulunterricht. Zwecks Einstufung in die richtige Klasse musste ich einen Text lesen. Nach über einem Jahr »Zwangsferien« fiel dieser Test nicht gerade überzeugend aus, und so musste ich als Neunjähriger noch einmal mit den ABC-Schützen durchstarten. Diesen Rückschritt konnte ich später jedoch bequem wettmachen.

Seit Februar 1945 galt ich als Vollwaise. Meine Mutter war verschleppt worden; die letzte Nachricht von Vater lag bereits einige Jahre zurück. So wurde die Vermutung, dass Vater im Krieg umgekommen sei, immer stärker. Doch dann geschah etwas schier Unglaubliches. Meine Tante erhielt von einem entfernten Verwandten aus Bochum einen außergewöhnlichen Brief. Wie es dazu kam, sehe ich als ein Wunder an.

Nach Kriegsende kam mein Vater in französische Gefangenschaft, und er wusste nichts von dem Schicksal seiner Familie. Es wurde den Gefangenen gewährt, pro Monat einen Brief nach Deutschland zu schreiben. Dafür gab es einen formularartigen Papierbogen mit wenigen vorgegebenen Zeilen; der Inhalt wurde stets kontrolliert. Da nahezu alle unsere Verwandten in Ostpreußen wohnten, schrieb mein Vater immer wieder dorthin. Als er aber nie eine Antwort erhielt und auch nicht wusste, wo wir uns inzwischen befanden, stellte er das Schreiben ein. Was muss das für ein Gefühl gewesen sein, von niemandem etwas zu hören! Es gab für ihn zwei Vermutungen über den Verbleib seiner Familie: Entweder war sie in Ostpreußen durch die Rote Armee umgekommen, oder sie konnte noch rechtzeitig flüchten und befand sich irgendwo im Westen. Wo aber mochten seine Lieben sein, wenn das Letztere zutraf?

Eines Nachts hatte Vater im Lager einen Traum: Er traf darin einen weit entfernten Verwandten, der schon etliche Jahre vor dem Krieg im Rheinland wohnte. Sie hatten sich jahrelang nicht gesehen, und als sie sich nach ihrem Wiedersehen verabschiedeten, lud der Verwandte meinen Vater ein mit den Worten: »Hermann, besuch mich doch mal!« Mein Vater sagte im Traum zu und stellte noch die entscheidende Frage: »Aber wo wohnst du denn? Ich kenne doch deine Anschrift nicht.« Der Verwandte erklärte ihm deutlich: »Bochum, Dorstener Str. 134a.« Da wachte mein Vater auf, zündete in der Nacht ein Licht an und schrieb die soeben im Traum erfahrene Adresse auf. Den wach gewordenen Kameraden im Schlafsaal erzählte er die sonderbare Traumgeschichte. Sie verlachten ihn, weil er sie ernst nahm und sogar beteuerte, dass er gleich am folgenden Tag dorthin schreiben wollte. Welch eine Überraschung! Bald traf der Antwortbrief ein, der die geträumte Adresse als exakt richtig bestätigte. Über diesen entfernten Onkel kam der Kontakt zu meiner Tante Lina nach Wyk auf Föhr zustande. Nun erfuhr mein Vater Schreckliches: Fast die ganze Familie war umgekommen; nur der kleine Werner war übrig geblieben. Bei allem schwer zu Verarbeitenden war dennoch auch Freude dabei. Der Jüngste von allen lebte.

Die Nachricht, dass mein Vater am Leben war, machte mich überglücklich. Ich weiß heute noch, wie ich draußen vor Freude gehüpft bin. Ich konnte es zunächst gar nicht fassen, dass ich nicht mehr Waise war, sondern einen Vater hatte. Nach allem Elend eine Freudenbotschaft: Ich bin nicht der einzige Überlebende. Ich habe einen Vater, zu dem ich gehöre. Nun hatte mein Leben eine ungeahnte Wende erfahren. Es gab wieder eine Perspektive.

Als Vater im Frühjahr 1947 aus französischer Gefangenschaft entlassen wurde, lautete seine Zieladresse Gut Wensin (Kreis Bad Segeberg). Seinem älteren Bruder Fritz war es gelungen, mit Pferd und Wagen von Ostpreußen bis zu diesem Ort in Schleswig-Holstein zu flüchten. Kurz darauf kam er nach Föhr, um mich abzuholen. Offensichtlich wussten wir nicht seine Ankunftszeit, sonst wäre ich schon Stunden vorher am Schiffsanleger gewesen. Unvergesslich ist mir unsere erste Begegnung im Treppenhaus. Ich lief gerade »zufällig« nach oben, da sprach mich Vater an, ohne mich jedoch zu erkennen: »Sag mal, wohnt hier die Frau Riek?« Ich hatte ihn sofort wiedererkannt, ging aber gar nicht auf seine Frage ein, sondern fragte ihn auf Platt: »Papa, kennst mi nich?« So lange hatten wir uns nicht gesehen, dass er mich nicht wiedererkannte. Welch unbeschreibliche Freude, nach so langer Trennung von einem liebenden Vater umarmt zu werden.

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Während ich diesen Text sehr lange nach all diesen Ereignissen niederschreibe, wird mir so recht bewusst, dass ich oft in Todesgefahr gewesen bin – und Gott hat mich bewahrt und geschützt. Ich staune und danke meinem Herrn für alles Durchtragen und für das Geleit im Leben. Die dritte Strophe von »Lobe den Herren« bewegt mich immer wieder zutiefst, und ich kann sie von ganzem Herzen mitsingen:

Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet, der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet; in wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet.

Die Rückkehr meines Vaters war das größte Geschenk nach all den schrecklichen Kriegsereignissen. Er hat noch einmal geheiratet, so dass ich wieder ein familiäres Zuhause hatte. Meinem Vater und der mir ebenfalls sehr zugetanen Stiefmutter habe ich es zu verdanken, dass ich eine gute Ausbildung bekam. Den weiteren Verlauf meines Lebens habe ich in dem Buch »Fragen, die immer wieder gestellt werden«16 geschildert, so dass ich meinen Bericht hier an dieser Stelle beende.

Ein Sprung in das Jahr 1990

Eines Tages erhielt ich einen Anruf von einem mir bis dahin unbekannten Mann. Er erklärte mir, dass er in der Sowjetunion geboren sei und auch dort studiert habe. Er ist jedoch trotzdem Deutscher und beherrscht die russische Sprache in Wort und Schrift. Sein Anliegen: »Ich habe einige Bücher von Ihnen gelesen. Könnten Sie sich vorstellen, dass Sie mit mir in die ehemalige Sowjetunion reisen und dort Vorträge halten? Ich würde die Übersetzung ins Russische übernehmen.« Ich erbat mir Bedenkzeit. In den folgenden Tagen kam mir immer wieder der Gedanke: Kann ich in ein Land reisen, mit deren Bewohnern ich so schreckliche Kindheitserlebnisse verbinde? Schließlich siegten die Gedanken Jesu, zu dem ich mich 1972 bekehrt hatte. Im Vaterunser lehrt er uns: »Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern« (Mt 6,12). Jesus hatte auch geboten: »Liebt eure Feinde!« Wir haben in Ostpreußen die Russen als Feinde erlebt. Durch sie habe ich Mutter und Bruder verloren. Und nun kommt zur Vergebungsbereitschaft auch noch das Gebot der Feindesliebe. Welch eine Spannung in meinem Herzen. Im Missionsbefehl in Markus 16,15 schließt Jesus kein Volk der Erde aus, denn er sagt ausdrücklich: »Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur!« Konnte ich zu diesem Ruf noch NEIN sagen?

Bei einem späteren Telefonat sagte ich zu. So ging die erste Reise nach Moskau, wo wir im Mai 1991 zehn Tage lang an verschiedenen Orten (z. B. Pädagogische Hochschule, Berufsschulen, Krankenhäuser, eine Fabrik und auch eine Kaserne) das Evangelium weitersagten. Gott schenkte viele offene Herzen für das Gesagte, und erstaunlich viele waren bereit, sich Jesus Christus in einer persönlichen Entscheidung hinzuwenden. Wer ist dieser Mann, mit dem Gott mich so zusammengebracht hat? Es ist Dr. Harry Tröster, der in seinem Alltag bis 2004 bei DaimlerChrysler in der Entwicklung tätig war. Inzwischen haben wir fast jährlich eine Missionsreise in den Osten unternommen. Unsere Wege führten uns weitere Male nach Moskau, aber auch je zweimal nach Kasachstan und Kirgisien, nach Weißrussland, mehrmals in das (heute russische) nördliche Ostpreußen und auch nach Polen. Wir haben bei allen Reisen viele liebenswerte Menschen kennen gelernt. Über all dieses gerade in der ehemaligen Sowjetunion Erlebte zu schreiben, würde mehrere Bücher füllen. Heute sehe ich all jene Dienste, die wir im Osten tun durften, als eine segensreiche Führung Gottes an. Die folgenden 14 Berichte sollen ein Zeugnis von dem gnädigen Handeln Gottes ablegen.

Sprung in das Jahr 2005

Im Mai 2005 waren wir zu einer Vortragsreise in Polen17, die auf Einladung von Zbyszek Kołak (Osterode) zustande kam. Er hatte eine Tour zusammengestellt, die uns nach Posen, Elbing, Osterode, Danzig und Marienburg führte. Ich hatte den Wunsch geäußert, Peterswalde (poln. Pietrzwałd) noch einmal zu sehen, denn von unserem Hotel in Osterode (poln. Ostroda) aus waren es bis dahin nur etwa 20 Kilometer. Ich nenne dieses Dorf den traurigsten Ort meines Lebens (siehe Seiten 64 bis 69). Es sind die schlimmsten Kindheitserinnerungen, die ich mit diesem Ort im früheren Südostpreußen verbinde: Einmarsch der Roten Armee, Verschleppung meiner Mutter, Vertreibung mit völlig unbekanntem Ziel. Nie zuvor wusste ich, was Krieg bedeutet. 1945 wurde ich an diesem Ort Augenzeuge aus allernächster Nähe, welche Brutalität und Grausamkeit ein Krieg entfesselt.


Bauernhof in Peterswalde, auf dem wir bis zur Vertreibung wohnten; links Wohnhaus, rechts Stall (Mai 2005).

Am Sonntag, den 22. Mai 2005, hielt ich die Predigt in der Baptistengemeinde Osterode. Am Nachmittag machten wir uns mit Henryk Machs Auto auf den Weg nach Peterswalde. Würde ich wohl etwas wieder erkennen? Sechzig Jahre sind wahrlich eine lange Zeit! Wir fuhren zunächst die einzige Dorfstraße entlang, um einen Überblick zu erhalten. Auf dem Rückweg fiel mir sofort ein alter Bauernhof auf. Das aus roten Ziegeln erbaute Wohnhaus an der Straße konnte ich mühelos als jenes Haus identifizieren, in dem wir bis zur Vertreibung wohnten. Als ich damit begann, das Gehöft von allen Seiten zu fotografieren, kam auch sogleich ein älterer Mann18 aus dem Haus, um zu sehen, warum gerade seine Wohnstätte auf solch ein besonderes Interesse stieß. Mit Henryk Mach als Dolmetscher konnten wir alles sehr schnell aufklären. Ich erzählte ihm, dass wir bis Oktober 1945 in diesem Haus gewohnt haben und dass im Sommer 1945 eine Polin mit mehreren Kindern aus Ostpolen hier einzog. Diese Kinder waren damals meine Spielgefährten, von denen ich als Kind auch sehr schnell so viel Polnisch lernte, dass wir miteinander spielen konnten. Nun erzählte er weiter: »Es waren drei Söhne und zwei Töchter, von denen ich eine geheiratet habe. Wir hatten eine gute Ehe, aber leider ist meine Frau vor drei Jahren ›300 Meter weitergezogen‹ (und damit meinte er den nahe gelegenen Friedhof).« Ich fragte nach seiner Schwiegermutter, die ich als eine sehr korpulente Frau in Erinnerung habe. »O ja«, stimmte er zu und deutete mit abgespreizten Armen auf ihren Umfang: »taka maszyna« (gesprochen: tacka maschinna) – und meinte damit, sie war »so eine Maschine«. Nun gab es nicht mehr den geringsten Zweifel: Ich hatte das richtige Haus gefunden. Er wohnt hier ganz alleine auf diesem Bauernhof, den er aus Altersgründen nicht mehr bewirtschaftet. Als wir uns von diesem freundlichen Mann verabschiedeten, gaben wir ihm drei christliche Bücher in Polnisch.


Vor dem Wohnhaus von Henryk Wozniak in Peterswalde. Von links nach rechts: Übersetzer Henryk Mach, Gunda Perteck, Henryk Wozniak, Werner und Marion Gitt (Mai 2005).

Den Dorfplatz, von dem damals die Verschleppung aller arbeitsfähigen Frauen durch die Russen ausging, gibt es nicht mehr, weil inzwischen Häuser darauf errichtet wurden. Hingegen existierte jener Weg, auf dem damals der Abmarsch begann, auch heute noch, denn er führt in das nächste Dorf. Dieser Weg lädt heute manch einen zu einem Maispaziergang ein, denn die frisch belaubten Bäume am Wegesrand spenden Schatten, und die angrenzenden Raps- und Getreidefelder verbreiten einen angenehmen Frühlingsduft. Wie ganz anders wirkte das auf mich – ich empfand das alles als äußerst beklemmend. Von hier aus begann im Februar 1945 in Schnee und Eiseskälte die Leidenszeit meiner Mutter. Es war für sie der Anfang der Straße des Todes. Von den heutigen polnischen Dorfbewohnern, die erst später das Dorf in Besitz nahmen, war niemand Augenzeuge davon, was damals geschah und was aus meiner Erinnerung nie ausgelöscht werden wird.

Am Abend desselben Tages hatten wir eine Veranstaltung im Osteroder Schloss. Am Ende fand ein Mann zu Christus, der in jungen Jahren auch mit viel Leid konfrontiert worden war. Er berichtete von vier verschiedenen von den Nazis errichteten Arbeitslagern, in denen er während des Krieges hart arbeiten musste. Er zeigte mir eine tiefe Narbe am Bein, die aus jener Zeit stammte. Merkwürdig: Gerade einen Deutschen benutzte Gott, um ihn zu Christus zu führen.

Am nächsten Morgen hatten wir ein Rundfunkinterview bei dem Osteroder Regionalsender »Radio Mazurky«. Der Reporter sagte zu meinem Übersetzer, dass er noch nie in so kurzer Zeit über die Herkunft des Lebens und über das Leben nach dem Tod gehört habe. Danach wollte ich noch einmal den Bahnhof Osterode sehen, jenen Bahnhof, von dem aus wir im Oktober 1945 in den Westen abgeschoben wurden. Von hier aus starteten wir unsere Odyssee in eine völlig ungewisse Zukunft. Nun stand ich erstmals nach 60 Jahren wieder an dieser schicksalhaften Stelle, wo damals niemand mehr eine Hoffnung hatte. Jetzt empfand ich die Rückkehr an diesen Ort als einen Kreis, der sich hier zu schließen schien. Die 60 Jahre dazwischen liefen mir wie ein Film im Zeitraffer ab. Was war doch inzwischen alles geschehen: Schulausbildung, Studium, Familiengründung, Beruf und der Glaube an Jesus Christus. Gott hatte einen neuen Weg für mich und mir außerdem ewige Hoffnung geschenkt. Wie merkwürdig das alles gefügt ist. Jetzt war ich eingeladen, gerade nach Osterode zu kommen. Es galt, den Menschen, die jetzt hier leben und die auch von Gott geliebt sind, die gute Botschaft des Evangeliums zu bringen. Wer versteht die Wege Gottes? Wie groß ist doch unser Gott!

2.2 Der »schwerhörige« Professor aus Moskau

Im Mai 199119 unternahmen wir unsere erste missionarische Reise in die frühere Sowjetunion, und zwar in die Metropole Moskau. Wegen der damals noch schwierigen Einreisebedingungen brauchten wir einen offiziellen Reisegrund. Nun war Phantasie gefragt. Es kam uns zugute, dass mein Übersetzer Dr. Harry Tröster sich für eine Gruppe von Querschnittsgelähmten in Moskau engagierte und versuchte, sie auf mancherlei Weise zu unterstützen. So hatte er 23 Rollstühle überlassen bekommen, die kostenlos in der Aeroflot-Maschine mitgenommen werden konnten. Im Gegenzug erhielten wir eine Einladung zur »Internationalen Autorallye für Querschnittsgelähmte«, die zu jener Zeit in Moskau stattfand. Außer meinem Übersetzer und mir bestand unsere Mannschaft aus zehn weiteren Personen, insbesondere jungen Leuten aus unserer Braunschweiger Gemeinde. Dietrich Müller, Karl Schumann und ich waren als Sportreferenten, die jungen Leute als Begleiter und Harry als Leiter der Mannschaft deklariert. Sieht man von jenen »Rallyefahrten « ab, bei denen uns einige Querschnittsgelähmte durch Moskau zu unseren evangelistischen Einsatzorten brachten, dann haben wir von der offiziellen Rallye nichts gesehen.


Von links nach rechts: Prof. Anatoli Rogow, Dr. Harry Tröster, Schirinai Dossowa und Werner Gitt, August 2004.

Wir blieben etwa zehn Tage in Moskau und waren von der unerwarteten Offenheit für das Evangelium völlig überrascht. Meine zu verschiedenen Themen ausgearbeiteten Manuskripte, die ich vorgesehen hatte, waren hier völlig fehl am Platz. Sie hätten weder Kopf noch Herz der Zuhörer erreicht, denn es waren überwiegend Leute, die aufgrund ihrer atheistischen Erziehung noch nie etwas vom Evangelium gehört hatten. Noch nie habe ich das Gleichnis vom großen Abendmahl (Lukas 14,16-24) so sehr geschätzt wie in jenen Tagen. Diesen Text empfand ich als geradezu maßgeschneidert für unsere Situation. Menschen, die hochoffiziell von Gott selbst in den Himmel eingeladen waren, lehnten sein Angebot ab. Wir waren in Krankenhäusern, Berufsschulen, Universitäten, in der Bibliothek eines großen Autoherstellers, und wir sprachen vor Rollstuhlfahrern und in Hausversammlungen. Welch ein kostbar aufbereitetes Evangelium hatten wir doch in Form dieses Gleichnisses. »Wir sind zu euch gekommen, weil Gott noch Plätze im Himmel frei hat«, so sagte ich es den Zuhörern immer wieder. »Kommt, nehmt Jesus an, den Sohn Gottes, und ihr seid einmal beim großen Fest im Himmel dabei.« Das verstanden die Leute, und nach dem Aufruf zur Entscheidung gingen überall viele Hände hoch. Da wir viele Bibeln und evangelistische Bücher zur Verfügung hatten, bekam jeder eine Ration an geistlicher Verpflegung mit auf den Weg. Am Ende eines jeden Tages waren wir von all den Einsätzen müde und erschöpft, aber die Freude war groß über das, was Gott an den Menschen gewirkt hatte.

Wir wurden ständig von Anatoli Rogow, einem Universitätsprofessor, den Harry noch aus seiner Studienzeit kannte, begleitet. In Moskau hörte er in jenen Tagen mehrmals täglich das Evangelium, und bei den vielen Fahrten quer durch Moskau hatten wir sehr angeregte Gespräche mit ihm. Einmal sagte er mir, dass zwei Deutsche ihn beeindruckt haben, nämlich Hegel und Gitt. Immer hofften wir, dass er bei einem der Einsätze auch einmal die Hand heben würde, um Jesus in sein Herz zu lassen, doch leider vergeblich. Vorbilder hatte er ja inzwischen sehr viele. Aber er blieb eisern, ja er verhielt sich gegenüber der Botschaft geradezu immun. Das Evangelium beschäftigte ihn zwar irgendwie, aber es schien ihn letztlich doch nicht zu erreichen. So nahte unser Abreisetag, und bei ihm blieb alles beim Alten.

Blieb wirklich alles beim Alten? Schon wenige Wochen nach unserer Rückkehr hatte er dienstlich in Stuttgart zu tun. So traf er sich auch mit Harry. Kurz entschlossen lud dieser ihn ins Auto, und sie besuchten uns an einem Wochenende in Braunschweig. Abends luden wir einige junge Leute von der Moskau-Reise zu uns nach Hause ein, um das Wiedersehen ein wenig zu feiern. Es war eine nette Begegnung. Am anderen Morgen besuchten wir den Gottesdienst in unserer Gemeinde. Da Prof. Rogow kein Deutsch verstand, reduzierte sich für ihn alles auf das Erleben der Gemeinschaft. Während des Mittagessens sprachen wir über Zachäus. Gespannt hörte er jetzt zu und achtete konzentriert auf das, was Harry übersetzte. Er legte Messer und Gabel beiseite, um kein Wort zu verpassen. In diesem Augenblick spürte ich: Jetzt rührt Gott sein Herz an. So fragte ich ihn direkt, ob er sich bekehren wolle. Es kam die klare Antwort: JA! Nach dem inzwischen fast erkalteten Essen konnten wir ihm den Weg zu Jesus erklären und zusammen beten. Was in Moskau nicht möglich war, begriff er in unserem Wohnzimmer. Erst jetzt fiel die rettende Botschaft in sein Herz. Nun war das Evangelium für ihn reif geworden. Es bleibt für uns ein unergründliches Geheimnis, wann und wo der Herr Jesus ein Herz öffnet.

Bei unserer nächsten Moskau-Reise im Mai 1993, also zwei Jahre später, trafen wir ihn wieder. Er lud uns zu einem Jugendabend in seiner Gemeinde ein und bat uns darum, auf Fragen, die die jungen Leute beschäftigten, einzugehen. Er sagte, dass er nun seine Aufgabe gefunden habe: »Die Jugend Russlands muss für Christus gewonnen werden, denn sie ist die Zukunft des Landes.«

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
26 mayıs 2021
Hacim:
494 s. 58 illüstrasyon
ISBN:
9783869549262
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