Kitabı oku: «Kaukasische Sinfonie»
Werner Ryser
Kaukasische Sinfonie
Roman

Für René Karlen
Alle Rechte vorbehalten
© 2021 by Cosmos Verlag AG, Muri bei Bern
Lektorat: René Karlen, Roland Schärer
Umschlag: Stephan Bundi, Boll
Satz und Druck: Merkur Druck AG, Langenthal
Einband: Schumacher AG, Schmitten
ISBN 978-3-305-00490-4
eISBN 978-3-305-00491-1
Das Bundesamt für Kultur unterstützt
den Cosmos Verlag mit einem Förderbeitrag
für die Jahre 2021–2024
www.cosmosverlag.ch
Inhalt
Sankt Petersburger Blutsonntag
Jakob
Alexander von Kutzschenbach
Ratischwili
Sophie
Baltische Suite
Katharinenfeld
Mayranoush
Erntedankfest 1917
Simon
Die Bolschewiki
Hannes
Sakartvelo
Eben-Ezer
Kaukasische Sinfonie
Das verheissene Land
Lipanali
Sankt Petersburger Blutsonntag
Er schlägt die neun Akkorde an, mit denen das Klavierkonzert Nr. 2 von Sergei Rachmaninow beginnt. Nur diese neun Akkorde. Immer wieder. Ein gewaltiges Crescendo. Die Ankündigung für etwas, das weit über ein musikalisches Ereignis hinausgeht. Er sitzt am Flügel auf der Bühne des Pavillons, der den Katharinenfeldern als Konzertsaal und Theater dient. Die Kerze, die er angezündet hat, beleuchtet kein Notenblatt, nur sein Gesicht. Während der ersten sechs Akkorde bleibt sein Oberkörper reglos. Nur der linke Arm bewegt sich, die rechte Hand schwebt bis zum nächsten Anschlag über den Tasten. Er hat die Augen geschlossen. Beim achten und neunten Akkord wirft er den Kopf ruckartig vor und zurück, so dass ihm sein rotes Haar in die Stirn fällt. Dann bricht er ab, legt beide Hände auf die Oberschenkel, konzentriert sich, beginnt von neuem. Er scheint mit seinem Spiel nicht zufrieden zu sein. Ich weiss nicht, weshalb. Mein Gehör ist nicht so geschult wie seines.
Am 8. Januar 1905 hat er Rachmaninows zweites Klavierkonzert im grossen Konzertsaal des Konservatoriums von Sankt Petersburg gespielt. Es gab nichts anderes als seine Musik. Sie war in mir, um mich. Nach dem dritten Satz, dessen Schluss seine ganze Kraft und Virtuosität erforderte, war es totenstill. Er bewegte sich nicht. Endlich brach tosender Applaus den Bann. Er stand auf und verbeugte sich. Und ich war unendlich stolz auf meinen jüngeren Bruder, Jakob Diepoldswiler.
Und jetzt, neun Jahre später, spielt er immer wieder die Eingangstakte dieses inzwischen berühmten Konzertes, als müsse er sich ihm ganz neu annähern. Nach dem zehnten oder zwölften Mal bricht er sein Spiel ab und wendet sich zu mir. «Wir werden es aufführen, Karl», sagt er, «am Erntedankfest im Oktober, hier in diesem Saal.» Er lächelt. «Du warst soeben Zeuge der ersten Probe.»
Ich bin fassungslos. «Das geht über unsere Fähigkeiten», wende ich ein. Ich spiele selbst Klarinette im Orchester und kenne unsere Grenzen. Rachmaninow liegt jenseits von ihnen. Definitiv.
«Wir werden üben!», erklärt er. Er macht sein Ich-will-es-und-so-wird-es-gemacht-Gesicht, und ich weiss: Er wird das Klavierkonzert Nr. 2 spielen, und wir werden ihn begleiten, so gut wir es eben können.
«Aber warum?», frage ich.
«Ich weiss nicht, was sich Sergei Wassiljewitsch gedacht hat, als er es komponierte. Aber für mich ist in diesem Stück mit seiner Melancholie und seinem Heroismus die Weite unserer Landschaft enthalten, das Leid der Bauern und Arbeiter und gleichzeitig die Auflehnung der gedemütigten und getretenen Menschen gegen ihr Schicksal. Es ist kein Zufall, dass ich meinen Entschluss heute gefasst habe.» Er schaut mich an. Und als ich schweige, fragt er vorwurfsvoll: «Welches Datum haben wir?»
«Den 22. Januar 1914, nach dem gregorianischen Kalender», sage ich, «und den 9. nach dem julianischen.»
Er nickt. «Seither sind genau neun Jahre vergangen. Erinnerst du dich nicht mehr?»
Erneut schlägt er seine neun Akkorde an. Diesmal aber spielt er weiter. Ohne Noten. Er kann das Konzert auswendig. Und während er spielt, ist es wieder da: das Gefühl, Teil seiner Musik zu sein. Ich verstehe, was er meinte, als er sagte, das ganze Land sei in diesem Stück enthalten. Ich sehe uns drei: Jakob, Hannes und mich, drei Brüder, die im Sommer auf ihren Kabardinern durch das unendliche Grasland am Fuss des Dschawachetischen Gebirges reiten. Gleichzeitig ist mir, als sehe ich die ausgemergelten Gestalten der Fabrikarbeiter vor mir, ihre bleichen, von Not und Elend gezeichneten Gesichter. Während meiner Zeit als Arzt in Sankt Petersburg behandelte ich in den Armenvierteln einmal in der Woche unentgeltlich Kranke. Die Verhältnisse schrien zum Himmel. Prostitution und Kriminalität gehörten zum Alltag. Es waren vom Land zugewanderte Menschen, die hofften, in der Stadt Brot und Arbeit zu finden. Sie hausten in Baracken oder überfüllten Wohnungen, in denen sich drei Schichtarbeiter ein einziges Bett teilten. Ihre Frauen und Kinder lagen neben dem Ofen auf dem nackten Boden. Alle waren schlecht ernährt und litten unter zahlreichen Krankheiten. Jeder vierte Säugling starb. Jenen, die als Kind nicht von Scharlach oder Diphtherie dahingerafft worden waren, bereiteten Schwindsucht, Pocken, Typhus- oder Choleraepidemien einen frühen Tod. Die Überlebenden, die im Durchschnitt nicht älter als fünfunddreissig wurden, litten unter Geschlechtskrankheiten und vor allem unter den Folgen der Trunksucht. Natürlich erinnere ich mich an jenen 9. Januar 1905, als sie in ihrer Hilflosigkeit gegen ihr Schicksal aufbegehrten.
Wie könnte ich den Petersburger Blutsonntag je vergessen? Mein Bruder hatte mit einem Konzert am Vorabend seine zweite Russlandtournee beendet. Heute würde er den Nachtzug nach Moskau nehmen und von dort zurück nach Tiflis reisen. Ich hatte ihn in diesen Tagen bei mir beherbergt. Schon während meines Medizinstudiums an der Universität von Sankt Petersburg hatte ich mit dem Geld, das ich von meiner Mutter erhielt, eine geräumige Wohnung in einem der oberen Stockwerke eines herrschaftlichen Hauses am südlichen Ufer der Mojka mieten können. Es befand sich zwischen dem Rathaus und dem Stroganow-Palais und gehörte der Witwe eines Generals, der erfolgreich gegen die Türken gekämpft hatte.
An diesem 9. Januar äusserte Jakob nach dem Frühstück den Wunsch, vor seiner Abreise einen ausgedehnten Spaziergang durch die Stadt zu machen. «Wie in alten Zeiten!» Er spielte auf jene drei Jahre an, in denen er am Konservatorium studiert und bei mir gewohnt hatte. Wir waren damals oft zur Strelka auf der Wassiljewskij-Insel spaziert. Dort, zwischen den beiden grossen Säulen, sassen wir dann auf einer Bank, schauten hinüber zur Peter-und-Paul-Festung und unterhielten uns über Gott und die Welt. Heute standen wir auf der Dreifaltigkeitsbrücke. Wir lehnten uns gegen das Geländer und sahen den vermummten Gestalten zu, die ins Eis der Newa Löcher hackten und fischten. Über ihnen flatterten Möwen, eine zänkische Schar, die sich um das Gekröse jener Fische stritt, die aus dem Strom gezogen und ausgenommen worden waren.
Kurz vor Mittag näherte sich uns von der Petersburger Insel her ein langer Menschenzug. Der Gesang frommer Lieder stieg in den kalten, blassblauen Winterhimmel. Kirchenfahnen flatterten im Wind, und manche trugen Ikonen und Porträts des Monarchen.
Jakob schaute mich an. «Eine Prozession?», fragte er. «Welchen ihrer Heiligen verehren sie denn heute?»
«Keinen Heiligen», sagte ich. «Sie sind unterwegs zum Winterpalast, wo sie Zar Nikolaj eine Bittschrift überreichen wollen.»
Im Dezember hatte die Direktion der Putilow-Metallwerke, die im Südwesten der Stadt Schiffe, Maschinen und Waffen produzierte, vier Arbeiter entlassen. Ihre Kollegen forderten vergeblich deren Wiedereinstellung. Darauf brachen in ganz Sankt Petersburg Unruhen aus. In rund vierhundert Betrieben streikten über hunderttausend Arbeiter.
Am 7. Januar, als ich von einem Krankenbesuch im Hafenviertel zurückkehrte, war ich zufällig Zeuge einer Versammlung geworden. Sie fand unter freiem Himmel statt. Pater Giorgij Gapon, der mit dem Segen der Obrigkeit einen Arbeiterverband gegründet hatte, stand in seinem Priesterrock auf einer Kiste. Der etwa dreissigjährige Geistliche mit seinem dunklen, gewellten Haar und dem akkurat gestutzten Bart war erregt. Er hatte eine Petition verfasst, die er jetzt vorlas. Im Namen der Fabrikarbeiter bat er den Zaren untertänigst um die Einführung des Achtstundentags, um die Garantie von Mindestlöhnen, eine Sozialversicherung, freie Gewerkschaften und Bürgerrechte. «Der Zar soll endlich erfahren», schrie Gapon, «wie seinem Volk von geldgierigen Unternehmern, erbarmungslosen Vorgesetzten und bestechlichen Beamten das Leben zur Hölle gemacht wird, während sie ihn über das Leiden seiner Kinder im Dunkeln lassen.» Seine Stimme hatte sich überschlagen.
Ein paar revolutionäre Sozialisten, die sich unter die Menge gemischt hatten, riefen, Nikolaj wisse sehr wohl, wie es den Arbeitern gehe, aber deren Schicksal sei ihm gleichgültig. «Eine Bittschrift!», höhnte einer. «Nikolaj lacht über euch. Er und sein Pack verstehen nur die Sprache der Gewalt.»
Ich gab ihm im Stillen recht. Abgesehen von meiner karitativen Tätigkeit in den Elendsquartieren der Stadt, in denen die Arbeiter mit ihren Familien dahinvegetierten, hatte ich es meistens mit Patienten zu tun, die in der Lage waren, meine Dienste zu bezahlen. Dazu kam, dass meine Vermieterin, die Generalin, mich in ihren Kreisen empfahl. So wurde ich ab und zu in die Paläste und Villen der wirklich Reichen gerufen. Ich habe ihren luxuriösen Überfluss und die Scharen von Bediensteten, die sich um sie kümmern, gesehen. Da mein Grossvater, Vitus von Fenzlau, ein Adeliger gewesen war, hatte man mich auch schon zu einem jener üppigen Festmähler und rauschenden Bälle eingeladen, mit denen sich die Petersburger Oberschicht selbst zelebrierte. Der Gegensatz zwischen reich und arm, der in dieser Stadt und im ganzen Land nebeneinander existierte, empörte mich.
Ich war damals Mitglied in einem der vielen geheimen Lesezirkel, in dem sich Leute aus der Intelligenzija – Juristen, Techniker, Lehrer, Ärzte – zusammenfanden. Wir tauschten untereinander sozialistische Literatur aus und diskutierten darüber, ob eine Veränderung der untragbaren Verhältnisse mit der friedlichen Durchsetzung von Ansprüchen, wie sie Pater Gapon anstrebte, oder nur durch einen revolutionären Umsturz erreicht werden könne. Einig waren wir uns in unseren Forderungen nach Pressefreiheit, nach der Gleichheit vor dem Gesetz und nach einer Volksvertretung. Wir waren in ständiger Angst, es würde der Ochrana, der Geheimpolizei, gelingen, einen ihrer Spitzel bei uns einzuschleusen. Wer denunziert wurde, hatte mit Gefängnis und Folter zu rechnen, mit der Verbannung nach Sibirien und Zwangsarbeit.
Die Aufrührer, die an jener Versammlung vom 7. Januar dabei waren, wurden von der Menge niedergeschrien. Es kam zu Handgreiflichkeiten, und sie wurden weggejagt. Als wieder Ruhe eingekehrt war, erklärte Pater Gapon, dass am nächsten Sonntag die Sankt Petersburger Arbeiterschaft durch die Strassen der Stadt zum Winterpalast ziehen und dem Zaren die Bittschrift überreichen werde. Es gehöre sich nicht, schärfte er den Leuten ein, Waffen oder rote Fahnen mitzunehmen, wenn man zu seinem Monarchen gehe. «Wir wollen den Soldaten keinen Vorwand geben, uns wegzutreiben!», rief er.
Als sie jetzt über die Dreifaltigkeitsbrücke zogen – eine von sechs Marschkolonnen aus allen Teilen der Stadt – war zu sehen, dass sie sich an seine Anweisungen hielten. «Ikonen, Kirchenfahnen und Bilder von Nikolaj», staunte Jakob, «und damit glauben sie, den Zaren zu überzeugen?»
Die Spitze des Zuges bildeten Facharbeiter. Man erkannte sie an ihren Sonntagskleidern. Sie waren die Einzigen, die sich welche leisten konnten. Die Ungelernten, die zu Hungerlöhnen Hilfsarbeiten verrichteten, hatten sich hinter ihren besser bezahlten Kollegen eingereiht. Viele hatten ihre Frauen und Kinder mitgebracht. Es waren arme Menschen, die sich mit dünnen Mänteln und von Motten zerfressenen Schaffellmützen gegen die beissende Kälte schützten. Während sie an uns vorbeizogen, sangen sie Rette, o Herr, dein Volk.
Eine Frau löste sich aus der Menge und kam auf mich zu. In den Händen trug sie eine Ikone des heiligen Nikolaus von Myra, des Namenspatrons des Zaren. Sie hatte einen wollenen Schal um den Kopf geschlungen, unter dem eine Strähne ihres aschblonden Haars hervorguckte. Ich erkannte sie: Jelisaweta Iwanowna. Vor ein paar Wochen hatte ich ihre zwei Jahre alte Tochter, die an Keuchhusten litt, behandelt. Sie und ihr Mann lebten mit ihren vier Kindern in einer Holzhütte unweit des Hafens. Jelisaweta und ihr Ältester, der zehnjährige Alexej, sortierten Lumpen in einer Papierfabrik.
«Begleitet Ihr uns zum Winterpalast, Karl Simonowitsch?», fragte sie. Seit sie von mir erfahren hatte, dass mein Vater, ein Emmentaler, der 1866 nach Grusinien ausgewandert war, Simon hiess, nannte sie mich so.
Ich schüttelte den Kopf. «Nein, und ich befürchte, dass auch Ihr nicht bis dorthin gelangen werdet.»
Vom Marsfeld her war eine Infanterieeinheit Richtung Dreifaltigkeitsbrücke marschiert Sie besetzte den Brückenkopf, um den Demonstranten den Zugang zum Zentrum der Stadt zu verwehren. Jetzt stellten sich die Füsiliere in zwei Reihen hintereinander auf.
Der Zug kam ins Stocken. Rund zwanzig Meter vor den Soldaten blieben die Arbeiter stehen. Jemand stimmte die Hymne Bewahre Gott den Zaren an. Ein Bekenntnis zum Herrscher, aus Tausenden von Kehlen. Als das Lied zu Ende war, trat ein Offizier vor die Reihen der Infanteristen. Ich kannte ihn, denn ich behandelte seine Mutter. Er hiess Anatolij Michajlowitsch Maximow und diente als Major in der Armee. «Geht nach Hause, der Zar will euch nicht empfangen!», schrie er. «Wer dem Befehl nicht Folge leistet, muss damit rechnen, erschossen zu werden.» Der Offizier trat zur Seite. «Legt an!», befahl er.
Die Soldaten aus der ersten Reihe richteten ihre Gewehre auf die Demonstranten. Dann durchschnitt das Kommando: «Feuer!» die Stille. Die Soldaten schossen über die Köpfe der Leute. Man hörte Angstschreie, Mütter zogen ihre weinenden Kinder an sich.
«Das war die letzte Warnung. Das nächste Mal gibt es Tote. Geht nach Hause!», rief Maximow. Er gab den Befehl vorzurücken. Die Infanteristen standen jetzt nur noch fünf Meter vor der ersten Reihe der Arbeiter und richteten die aufgepflanzten Bajonette gegen sie.
Ich drängte mich dem Brückengeländer entlang vorwärts zu Anatolij Michajlowitsch. Er erkannte mich. «Was machen Sie denn hier, Herr Doktor? Sie gehören doch nicht zu den Aufrührern?» Er sprach Deutsch.
«Natürlich nicht. Ich und mein Bruder waren auf dem Heimweg, und es scheint, dass wir hier auf der Brücke zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Hätten Sie die Freundlichkeit, uns durchzulassen?»
«Selbstverständlich, aber beeilen Sie sich.»
Ich winkte Jakob. Er kam. Jelisaweta folgte ihm.
«Wer ist die Frau?», fragte Maximow scharf.
«Sie ist meine Magd», antwortete Jakob geistesgegenwärtig. «Ich reise noch heute nach Moskau, und sie muss meine Sachen packen.»
Durchschaute der Offizier die Lüge? Er liess es sich nicht anmerken. Er gab einen knappen Befehl. Einige Soldaten rückten beiseite. Wir schlüpften durch die Gasse. Dann blieben wir stehen und sahen zu, wie die Menge zurückwich. Nach zehn Minuten war die Brücke bis auf Maximows Infanterieeinheit menschenleer.
Als wir am Südufer Richtung Zentrum gingen, sahen wir, dass Hunderte von Männern, Frauen und Kindern den vereisten Strom überschritten. Offenbar gaben sie ihr Vorhaben, um vierzehn Uhr auf dem Schlossplatz zu sein, nicht auf.
Wir bogen nach links in eine Nebenstrasse ein, die uns zur Mojka führte. Jelisaweta, die bisher geschwiegen hatte, fragte: «Weshalb tun sie das?»
«Was meint Ihr?»
«Weshalb wollen uns die Soldaten nicht zu Väterchen Zar lassen?»
Väterchen Zar! Ich habe nie begriffen, weshalb die Russen für ihre Unterdrücker das Diminutiv verwenden. «Ihr habt gehört, wie der Offizier gesagt hat, dass er euch nicht empfangen will.»
«Das glaube ich nicht. Ich glaube auch nicht, dass er weiss, dass seine Soldaten drohen, auf uns, seine Kinder, zu schiessen.»
Ich wechselte einen Blick mit Jakob. Er zuckte mit den Schultern. «Habt Ihr immer noch vor, zum Winterpalast zu gehen?»
«Gewiss, ich will dabei sein, wenn Pater Gapon Zar Nikolaj unsere Bitten vorträgt.»
«Wir begleiten Euch dorthin», mischte sich Jakob ins Gespräch, und zu mir auf Berndeutsch: «Dieses Schauspiel möchte ich mir nicht entgehen lassen.»
Was zu diesem Zeitpunkt weder Jelisaweta Iwanowna noch wir wissen konnten: Der Priester würde den Schlossplatz nicht erreichen. Die Prozession, die er vom Südwesten der Stadt Richtung Winterpalast führte, war beim Narva-Triumphbogen von Truppen aufgehalten worden. Anders als jene, welche über die Dreifaltigkeitsbrücke ins Zentrum gelangen wollten, hatte Gapons Prozession, als zwei Salven in die Luft abgegeben worden waren, die Warnung ignoriert. «Freiheit oder Tod», hatte der Priester gerufen, und die Leute waren mit ihm weiter vorwärtsmarschiert. Darauf zielten die Soldaten auf Körperhöhe. Dreimal schossen sie. Tote und Verwundete lagen auf dem Narva-Platz. Gefährten brachten Giorgij Gapon in Sicherheit. Er war verzweifelt. «Es gibt keinen Gott mehr», soll er gesagt haben. Und: «Es gibt keinen Zaren.» Immer wieder diese zwei Sätze.
Wir hatten inzwischen den Winterpalast erreicht. Jakob und ich blieben beim Gebäude des Gardekorps stehen. Von hier aus überschauten wir den weiten Platz. Im Hintergrund glänzte die vergoldete Spitze der Admiralität. Mir erschien sie wie ein mahnender Zeigefinger. Aber vielleicht bilde ich mir das auch erst nachträglich ein. Die Leute hatten sich vor der Alexandersäule aufgestellt. Jelisaweta gesellte sich zu den Tausenden von Männern, Frauen und Kindern, die es, den Sperrungen durch die Truppen zum Trotz, geschafft hatten, über die Newa oder durch die vielen engen Gassen bis zum Winterpalast vorzudringen. Wir sahen ihr nach: eine kleine, schmächtige Gestalt, die sich, die Ikone des heiligen Nikolaus an ihre Brust gepresst, den Weg durch die Menge bahnte, um vorne mit dabei zu sein, wenn die Bittschrift dem Zaren überreicht werden sollte.
Die Leute warteten. Als es von der nahen Isaaks-Kathedrale zwei Uhr schlug, wurde es still. Die Menschen starrten auf die Fassade des Winterpalastes, die grün, weiss und golden in spätbarocker Pracht prunkte. Sie warteten vergeblich auf Pater Gapon mit seiner Bittschrift. Und auch der Zar zeigte sich nicht auf dem Balkon über dem Hauptportal, um, wie erhofft, seine Kinder zu begrüssen.
Stattdessen marschierte eine Gardeeinheit auf. Über ihren Uniformen trugen die Männer lange Wintermäntel. Sie nahmen in zwei Reihen Aufstellung. Ein Hornsignal ertönte. «Erste Warnung», sagte ich zu Jakob, der mich am Oberarm gepackt hatte. Die Arbeiter starrten ungläubig auf die Soldaten, die ihre Gewehre anlegten. Das Horn schallte zum zweiten Mal über den Schlossplatz. «Zweite Warnung», flüsterte ich. Viele in der zerlumpten Menge bekreuzigten sich. Manche sanken auf die Knie, falteten die Hände. Ich suchte Jelisaweta Iwanowna. Noch immer hielt sie die Ikone mit Sankt Nikolaus gegen ihre Brust gepresst. Auf ein Zeichen des kommandierenden Offiziers blies der Hornist zum dritten Mal. Eine Salve krachte. Getroffene Demonstranten wälzten sich schreiend im Schnee. Panik brach aus. Die Leute flohen, rannten um ihr Leben, suchten Schutz unter dem Triumphbogen des Generalstabsgebäudes, flohen durch die Grünanlagen zur Newa – und noch immer schoss die Garde, lud ihre Gewehre nach, schoss weiter.
Als die Soldaten das Feuer endlich eingestellt hatten, wagte ich es nach einer Weile quer über den Platz zu gehen, dorthin, wo ich zuletzt Jelisaweta gesehen hatte. Jakob folgte mir. Jetzt war nichts anderes mehr zu hören als die Schreie, die Klagen und das Stöhnen der Verwundeten. Und das Weinen und die Rufe der Überlebenden, die nach ihren Angehörigen und Freunden suchten.
In einem der vielen Tagebücher, die mein Grossvater hinterlassen und die mir meine Mutter zum Lesen gegeben hatte, war auch eine Schilderung der Schlacht von Achalziche im Jahr 1828. Er hatte als junger Leutnant daran teilgenommen. Jetzt, am Fuss der Alexandersäule, von der ein eherner Engel, der ein riesiges Kreuz trug, auf den weiten Schlossplatz hinunterschaute, konnte ich das Entsetzen nachvollziehen, das aus seinen Zeilen sprach. Ich sah Kinder, nicht älter als acht oder neun Jahre, die nach ihren Eltern riefen, während die sich vor Schmerzen auf dem Boden krümmten. Ich sah Männer und Frauen, welche beide Hände gegen ihren Leib pressten, als könnten sie das Blut, das zwischen ihren Fingern hervorquoll, zurückhalten. Ich sah eine junge Mutter. Sie war tot, aber an ihrer Brust weinte ein Säugling, als wüsste er, dass man ihn zur Waise gemacht hatte. Ich sah zahllose Leichen: Männer, Frauen, Kinder. Sie lagen kreuz und quer im Schnee, der sich rot verfärbt hatte. In grotesken Verrenkungen lagen sie da: auf dem Rücken, auf dem Bauch, übereinander.
Und endlich sah ich Jelisaweta. Sie sass am Boden, gegen das Podest der Alexandersäule gelehnt. Ihr Kopf neigte sich zur Seite. Ihre erloschenen Augen starrten hinauf zum Balkon über dem Hauptportal, als könne sie selbst im Tod nicht fassen, was Väterchen Zar seinen Kindern angetan hatte.
Die Ikone des heiligen Nikolaus lag neben ihr am Boden. Ich beugte mich zu ihr, schloss ihr mit dem Zeige- und Mittelfinger meiner Rechten die Augen. Dann hob ich die Ikone auf. Ich habe sie noch immer. Sie hängt jetzt in meiner Wohnung. Die Soldaten des Zaren hatten nicht einmal den Namenspatron ihres Monarchen verschont. Die Brust des Heiligen aus Myra ist von einer Kugel durchbohrt, wohl derselben, die Jelisaweta getötet hat. Jelisaweta Iwanowna, fünfundzwanzig Jahre alt, die mit fünfzehn ihr erstes Kind geboren, die mit ihrer Familie in erbärmlichen Verhältnissen gelebt, gehungert und gefroren hatte, die von ihrem Mann, wenn er betrunken nach Hause kam, verprügelt worden war und die gehofft hatte, Pater Giorgijs Bitten würden Nikolaj II. erweichen … Nikolaj, dieses mässig begabte Subjekt, in dem der Hochmut und die Grausamkeit von dreihundert Jahren jener aus dem Haus Romanow zu Fleisch geworden war. Nikolaj, der wie seine Vorfahren durchdrungen war vom Wahn, Gott habe ihn persönlich dazu berufen, als absoluter Monarch über einen Sechstel des Erdkreises zu herrschen. Dieser Nikolaj hatte seine Bluthunde losgelassen, um Kinder, Frauen und Männer, die nichts anderes wollten, als ihn um die Verbesserung ihrer elenden Lebensbedingungen zu bitten, abschlachten zu lassen. Und während seine Garde wütete, hatte er den Tag, wie man später erfuhr, mit seiner Familie ausserhalb der Stadt, im Katharinenpalast von Zarskoje Selo, verbracht. Jener 9. Januar 1905 forderte Hunderte von Toten und noch mehr Verwundete. Die genaue Zahl wurde nie bekannt. Weshalb auch? Es waren ja nur Arbeiter, Proletenpack, das gegen sein Schicksal aufbegehrt hatte. Nein, ich finde keine Worte, die stark genug wären, Nikolaj Romanow, diesen Massenmörder, zu verfluchen.
Als ich mich aufrichtete, stand Jakob hinter mir. Er war blass. Seine Wangen waren tränenüberströmt. Zwei- oder dreimal öffnete er den Mund, als wolle er etwas sagen, brachte aber nicht mehr als ein krampfhaftes Schluchzen über seine Lippen. Er warf sich mir an den Hals, legte seinen Kopf an meine Schultern. So blieben wir lange stehen. Endlich hatte er sich ausgeweint. Ich nahm ihn am Arm und führte ihn von diesem Platz des Grauens weg. Manchmal blieb er stehen, betrachtete die Leiche eines Kindes, als wolle er sich den Anblick in die Seele einbrennen. Behutsam schob ich ihn weiter. Zuhause half ich ihm, seine Koffer zu packen. Dann begleitete ich ihn zum Nikolaj-Bahnhof, wo der Zug nach Moskau bereits wartete. Wir sprachen nicht viel. Jeder von uns war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Aber als er sich aus dem Abteilfenster herauslehnte, sagte er: «Du solltest nicht in dieser Stadt bleiben. Sie ist verflucht. Komm zurück zu uns nach Grusinien.»
Eine verfluchte Stadt? In den folgenden Wochen dachte ich oft über Jakobs Bemerkung nach. Manchmal spazierte ich vom Haus der Generalin zum Senatsplatz und betrachtete den Ehernen Reiter. Auf einer gigantischen Welle aus Granit zügelt, lorbeerbekränzt, Peter I., den die Geschichtsschreibung den Grossen nennt, sein sich aufbäumendes Pferd.
Ich versuchte, mir vorzustellen, wie der Zar, dieser über zwei Meter lange Mensch, hoch zu Ross, zusammen mit seinen Höflingen das sumpfige Gelände des Mündungsgebiets der Newa durchstreifte, irgendwann anhielt und mit grosser Geste über den Strom und die vielen Inseln zeigte und verkündete: «Hier soll meine neue Hauptstadt entstehen, grösser und schöner als alles, was wir kennen. Ich will es.»
Im Geschichtsunterricht im Adelsgymnasium von Tiflis hatte man uns beigebracht, dass es dem Kaiser darum gegangen sei, für das russische Reich das Tor zur Welt weit aufzustossen, ihm den Zugang zum Meer zu öffnen, genau hier, wo sich die Newa in die Ostsee ergiesst. Und so legte er am 16. Mai 1703 auf der strategisch günstig gelegenen Haseninsel den Grundstein zur Peter-und-Paul-Festung und damit zu Sankt Petersburg. Man verschwieg uns, dass das Fundament der Stadt von achtzigtausend Sträflingen, Bauern und Kriegsgefangenen gelegt worden war. Achtzigtausend Verdammte, die unter den Peitschenhieben ihrer Aufseher ganze Wälder abholzten. Sie mussten Pfähle herstellen und sie in den sumpfigen Boden rammen, damit auf ihnen jene Paläste und Kirchen erbaut werden konnten, die später vom Glanz und der Glorie der Romanows zeugten. Was scherte es den Zaren, dass die Zwangsarbeiter dabei zu Tausenden verreckten: in den Hochwassern der Newa ertranken, in den bitterkalten Wintern in ihrer dürftigen Kleidung erfroren und verhungerten. Zweifellos verfluchen die Schatten der Unglücklichen die Stadt, die auf ihren Leichen erbaut worden ist.
Der Petersburger Blutsonntag hatte wie ein Fanal gewirkt. Das ganze Land befand sich danach in Aufruhr. Nach der Niederlage der russischen Armee im fernen Osten gegen die vom Zaren als Makaken verhöhnten Japaner war das Ansehen von Nikolaj II. auf einen Tiefpunkt gesunken. Truppen meuterten, die Arbeiter in den Fabriken streikten, Bauern verwüsteten Gutshöfe und verjagten deren Besitzer. Die Regierung des Zaren reagierte mit gnadenloser Härte. Täglich wurden Aufständische hingerichtet oder in die Verbannung geschickt.
Im Spätsommer erreichte mich ein Brief Jakobs. Er schrieb mir, Doktor Erchinger, der seit über fünfzig Jahren Arzt in Katharinenfeld gewesen war, sei gestorben. Man suche dringend einen Nachfolger. Komm zu uns in unser friedliches Schwabendorf, forderte er mich auf, wir brauchen dich!
Von wegen friedlich: Auch in Transkaukasien waren Unruhen ausgebrochen. Der Ruf nach nationaler Eigenständigkeit wurde laut. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis der Sturm auch die deutschen Einwanderer erreichen würde, die übers ganze Land verstreut in ihren Dörfern lebten.
Was mich letztlich bewog, nach zwölf Jahren meinen Aufenthalt in Sankt Petersburg abzubrechen, weiss ich selbst nicht genau. Vielleicht wollte ich dabei sein, wenn sich Georgien von Russland lösen würde, vielleicht hatte ich Heimweh nach meinen Eltern, nach unserem Gutshof Eben-Ezer und nach der Steppe, wo ich aufgewachsen bin, vielleicht sehnte ich mich nach einem Leben mit Jakob und Menschen, die wie ich Deutsch sprechen.
Wie auch immer: Mitte Oktober 1905 übergab ich meine Praxis einem Nachfolger und fuhr nach Katharinenfeld. Seither lebe ich an der Kreuzgasse im Haus meines verstorbenen Vorgängers. Rosina Dieterle, eine Witwe aus dem Dorf, besorgt meinen Haushalt.
Jakob holt mich aus meinen Erinnerungen zurück ins Jahr 1914. Er ist unterdessen beim dritten Satz von Rachmaninows Klavierkonzert angelangt und singt den Auftakt, der dem Orchester vorbehalten ist, ohne Worte natürlich, allein mit Tatata und Tataratata, bevor er am Klavier in eine Zwiesprache mit den imaginären Musikern tritt. Schon in den ersten beiden Sätzen hat er einzelne Instrumente singend nachgeahmt.
In den letzten Takten des Stücks intoniert Jakob mit seiner Stimme den Part des Orchesters, welches das Grundthema wieder aufnimmt. Seine Finger hämmern wie rasend auf die Tasten. Sein Gesicht ist schweissüberströmt. Die Musik, scheint mir, überträgt sich auf seinen ganzen Körper, der in ständiger Bewegung ist. Er spielt den furiosen Schluss mit der ihm eigenen Brillanz. Dann legt er, wie er es häufig tut, seine Hände auf die Oberschenkel und rührt sich nicht.
Mein jüngster Bruder galt als Wunderkind. Von seinem sechsten Lebensjahr an lebte er während der Wintermonate in Katharinenfeld im Haus des Advokaten Georg Erchinger und seiner Frau Lotte, der Freundin meiner Mutter. Er wuchs mit deren Töchtern, Martha und Marie, auf. Mit Marie ist er inzwischen verheiratet. Von Ludwig Wieland, dem Organisten und damaligen Dirigenten des Sinfonieorchesters, erhielt er Klavierunterricht und wurde in Musiktheorie ausgebildet. Daneben erlernte er das Orgelspiel. Drei bis vier Stunden am Tag sass er am Piano und übte. Jeweils am letzten Sonntag im Monat nach dem Gottesdienst luden die Erchingers ihre Freunde zu einer Matinee in ihr Haus. Jakob spielte auf dem Klavier Eigenkompositionen und begleitete Solisten des Orchesters, die ihre Kunst vorführten. Daneben besuchte er die Dorfschule und musste in den Sommermonaten auf dem elterlichen Gutshof, neben den Übungen, die ihm Ludwig Wieland aufgegeben hatte, mit Hilfe unseres Hauslehrers, Cornelius Fresendorff, nachholen, was der Schulmeister in Katharinenfeld versäumt hatte, ihm beizubringen. Unser Vater legte Wert darauf, dass wir unser Wissen mehrten. Was einer im Kopf habe, pflegte er zu sagen, könne ihm niemand stehlen.
In der Mitte des zweiten Satzes des Klavierkonzerts hat Jakobs Frau den Pavillon betreten und eine Reihe hinter mir Platz genommen. Unsere Familie ist mit den Erchingers gleich doppelt verschwägert. Maries ältere Schwester, Martha, ist mit Hannes verheiratet. Ich brauchte mich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass sie da war. Maries Duft ist unverkennbar. Keine andere Frau in Katharinenfeld benutzt Moschusparfum. Sie ist ihrer siebenunddreissig Jahre zum Trotz noch immer eine Schönheit. Sie macht auch einiges dafür. Allein für ihre Frisur wendet sie viel Zeit auf. Mit dem Brenneisen kräuselt sie ihr volles, dunkles Haar, steckt es mit Kämmen aus Perlmutt hoch und lässt es dann kaskadenartig über ihren schmalen Rücken fallen. Kein Wunder, dass sie auffällt in einem Dorf, in dem die Frauen ihr Haar zu einem strengen Dutt knüpfen oder es zu Zöpfen flechten und als Kranz auf dem Kopf oder Schnecken über den Ohren tragen. Marie ist stets elegant gekleidet. Ausserdem trägt sie einen goldenen Halsreif und grosse, goldene Ohrringe, die Jakob für sie kurz nach der Hochzeit in Sankt Petersburg gekauft hatte. Im frommen Katharinenfeld gibt es keinen Juwelier. Wenn sie durch die Strassen geht, fast schwebend wie ein Wesen aus einer anderen Welt, wagen ihr die braven Schwaben nur verstohlen nachzuschauen. Sie fürchten ihre scharfzüngigen Ehefrauen, die über die kleine Erchinger, wie sie sie immer noch nennen, herziehen. Dieses herausgeputzte Weibsbild, behaupten sie, habe den Pfad der Tugend verlassen und sei längst in die breite Strasse eingebogen, die direkt in die Hölle führt.
Ihr Vater, Georg Erchinger, ist viel zu früh, ein Jahr vor der Hochzeit seiner jüngeren Tochter verstorben. Jakob und seine Frau leben zusammen mit Maries Mutter im elterlichen Haus am Äusseren alten Wingert. Mein Bruder hat in seiner Wohnung ein geräumiges Arbeitszimmer, in dem sein Flügel steht. Dort komponiert und übt er. Im Übrigen lässt er sich von den beiden Frauenzimmern verwöhnen. Sie lesen ihm jeden Wunsch von den Augen ab.
Marie hatte zahlreiche Verehrer. Aber sie wollte stets nur Jakob, den sie seit ihrer Kindheit liebt. Während der Sommerfrische, die Tante Lotte mit ihr und Martha auf Eben-Ezer verbrachte, stand sie, wenn Jakob Klavier spielte, stundenlang neben ihm und wendete auf sein Nicken hin die Notenblätter. Sie bewunderte ihn, wich nicht von seiner Seite, es sei denn, er wurde ihrer überdrüssig und schickte sie fort. Dann zog sie sich zurück, war unglücklich, weinte. Im Prinzip ist das noch heute so. Als Kind hat er ihr beigebracht, Klavier zu spielen, und sie ist eine ganz passable Pianistin. Ihr eigentliches Instrument ist aber die Geige. Das gab ihr die Möglichkeit, mit ihm zusammen zu sein, zu üben und später gemeinsam mit ihm aufzutreten.
Auch wenn die Katharinenfelder hinter ihrem Rücken die Mäuler über Marie zerreissen, so hindert sie dies nicht, ihr zuzujubeln, wenn sie zusammen mit ihrem Mann Vittorio Montis Czardas spielt. Sie steht in ihrem schulterfreien roten Kleid auf der Bühne, lächelnd, mit halb geschlossenen Augen, und lässt den Bogen über die Saiten ihrer Violine tanzen. Sie scheint nicht zu bemerken, dass sie ihr Publikum verzaubert und es von seinen Vorfahren träumen lässt, die einst, wie unser Vater, die Donau hinunter zum Schwarzen Meer gefahren sind.
Sie ist Primgeigerin im Orchester. Niemand neidet ihr den Posten. Marie ist unbestritten eine begnadete Violinistin, eine Künstlerin. Der Preis, den sie dafür bezahlt, ist allerdings hoch. Manchmal sucht sie mich in meiner Praxis auf. Sie hat Schmerzen im Nacken und in den Schultern, ausserdem im Handgelenk. Dazu kommt ihre ständige Angst, den hohen Ansprüchen Jakobs nicht zu genügen. Ich verschreibe ihr schmerzlindernde Salben, die ich nach den Rezepten von Mariam Stepanyan, der verstorbenen Hebamme und Kräuterfrau von Eben-Ezer, herstelle. Schon mein Vorgänger, Josef Erchinger, Maries Grossvater, hielt grosse Stücke auf die Heilkunst der Steppenhexe, wie er Mariam nannte. Was Marie Not täte: für ein paar Monate ganz mit dem Geigenspiel aufzuhören, um sich richtig auszukurieren. Am besten in Bordshomi, wo es Mineralquellen gibt, die Wunder bewirken sollen. Aber als ich ihr einmal den Vorschlag machte, schaute sie mich entgeistert an. «Das geht nicht», sagte sie. Ich vermute, sie hat Angst, dass Jakob sich eine andere Violinistin suchen würde, wenn sie, auch nur vorübergehend, mit dem Geigenspiel aufhörte.
Endlich richtet sich Jakob auf, schaut vom Podium herunter zu mir und begrüsst seine Frau mit einem Kopfnicken. «Rachmaninow schreibt für die Instrumentierung des Orchesters zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte, vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen und Tuba vor», zählte er auf. «Ausserdem Pauken, grosse Trommel, Becken und natürlich die Streicher. Nur die Hörner bereiten mir Bauchweh. Wir haben lediglich zwei im Orchester. Was meint ihr, soll ich mich damit begnügen oder mir bei den Generälen Ersatz besorgen?»
Generäle nennt er die Mitglieder der Blaskapelle. Die Musikanten tragen schmucke Uniformen und ziehen hinter Jakob mit schmetternden Klängen durchs Dorf. Er erwartet keine Antwort auf seine Frage. «Wenn wir das Klavierkonzert am Erntedankfest spielen wollen, kommt eine harte Zeit auf euch alle zu», sagt er stattdessen. «Ich werde wöchentliche Proben ansetzen, und natürlich Extraproben, getrennt für die Bläser und Streicher. Und üben müsst ihr, üben, üben.» Er streicht sich das rote Haar aus der Stirn.
Wir schweigen, denn wir kennen Jakob gut genug. Er wird jeden Einwand von Seiten der Orchestermitglieder weglächeln, wird keine Ausrede gelten lassen. Wer in einer Probe fehlt, wird sie einzeln nachholen müssen. In seiner sanften, hartnäckigen Art wird er nicht lockerlassen, bis alle ihren Part zu seiner Zufriedenheit beherrschen.
Die braven Katharinenfelder Musiker werden heimlich murren, aber sie werden sich seinem Willen beugen. Auch ich. Marie ohnehin. Wir alle sind stolz auf ihn, auf ihn, seine Begabung, sein Können und seine Erfolge.
Zwischen 1895 und 1898 hat Jakob am Konservatorium von Sankt Petersburg Komposition und Instrumentation studiert. Zusätzlich besuchte er Vorlesungen über musikalische Formenlehre und kontrapunktischen Satz. Ausserdem nahm er Klavierunterricht in einer Meisterklasse, sass täglich vier bis sechs Stunden am Flügel und vervollkommnete sein Spiel. Abends ging er oft in die Oper, ins Konzert oder ins Ballett. Ab und zu begleitete ich ihn. Er pflegte mit geschlossenen Augen dazusitzen. Manchmal zog er eine Kladde aus der Innentasche seines Fracks und machte sich Notizen. Er komponiert schon seit seiner Kindheit. Ein halbes Jahr vor Abschluss seiner Ausbildung wurde ihm die Aufgabe gestellt, das Gedicht Sehnsucht von Joseph von Eichendorff zu vertonen. Er schuf eine Melodie, die mir noch heute die Tränen in die Augen treibt. Jakob schloss sein Studium mit der Kleinen Goldmedaille ab.
Anschliessend begann er eine Laufbahn als Pianist. Er spielte in Kasan, Jekaterinburg, Moskau und Sankt Petersburg, gab Konzerte in Riga, Königsberg, Berlin und Dresden, in Böhmen und Mähren und sogar in Wien. Manchmal trat er gemeinsam mit Marie auf, die bereits damals konzertreif spielte. Aber um 1900, als Ludwig Wieland starb, kehrte er nach Katharinenfeld zurück und übernahm dessen Aufgaben. Seither dirigiert er nicht nur das Sinfonieorchester und die Blasmusik, sondern leitet auch den Kirchenchor und verleiht dem sonntäglichen Gottesdienst mit seinem Orgelspiel Glanz. Ab und zu geht er noch auf Tournee. Aber lediglich für wenige Konzerte in Georgien, nur ausnahmsweise auch Russland.
Ich fragte ihn einmal, ob es ihm nicht leidtue, sein Talent in unserem grusinischen Krähenwinkel versauern zu lassen. Jakob sah mich erstaunt an. «Weshalb sollte es mehr wert sein, mit seiner Kunst einem Publikum aus blasierten Adeligen und reichen Bürgern die Zeit zu vertreiben als den Nachkommen schwäbischer Einwanderer die Freude an der Musik und am Musizieren zu wecken? Und wer sagt dir, dass ich mein Talent versauern lasse?» Er ereiferte sich. «Ich versuche ständig, mein Spiel zu verbessern, komponiere und …» Er stockte, ein schüchternes Lächeln huschte über sein Gesicht. «Ich will ein grosses Orchesterwerk schaffen. Ich weiss schon, wie ich es nennen werde.» Er errötete. «Kaukasische Sinfonie», sagte er schliesslich. «In ihr soll alles enthalten sein, was wichtig ist: die Schönheit unseres Landes und die Menschen, die hier leben, arbeiten, Kinder zeugen, sie grossziehen und sterben. Und ihre Sehnsucht nach Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit.» Er machte eine hilflose Handbewegung. «Alles. Ich stelle mir ein Werk vor, das die wichtigsten Episoden, die das Leben ausmacht, in Tönen zum Ausdruck bringt und sich unmerklich zu einem Ganzen vereint.»
Dass er seinen Traum erzählte, war zweifellos ein Vertrauensbeweis. Ich habe mit niemandem darüber gesprochen. Auch nicht mit unserer Mutter. Obwohl ich weiss, dass sie nicht verwundert wäre, wenn sie davon erführe. Was immer mein Bruder macht, ist für sie richtig. Wenn sie an Feiertagen mit Vater, Hannes und Martha und deren Kindern zum Gottesdienst nach Katharinenfeld kommt, versäumt sie es selten, mir zu erzählen, wie er sich bereits 1879 als Dreijähriger das Klavierspiel selbst beigebracht hat. Sie war vernarrt in Jakob – sie ist es immer noch. Er ist ihr Liebling, so wie für den Vater Hannes, der einzige von uns drei Brüdern, in dessen Blut das bäuerische Erbe unserer Emmentaler Vorfahren fliesst.
Jakob
1
Im Frühjahr 1879 entdeckte Sophie Diepoldswiler, dass Jakob über ein ausserordentliches musikalisches Talent verfügte. Wenn sie am Piano sass, wich der Dreijährige nicht von ihrer Seite. Er kniete neben ihr auf der Klavierbank und schaute gebannt auf ihre Finger. Manchmal sang sie mit ihm Kinderlieder, die sie mit einfachen Akkorden begleitete. Wenn sie im Gemüsegarten arbeitete, spielte er im Kies zwischen den Beeten. Immer wieder stellte er ihr Fragen zur Musik, die ihn beschäftigten. Sophie antwortete, so gut sie konnte. Wurde es ihr zu viel, schickte sie ihn zu Mayranoush. Die Armenierin war ihre Amme gewesen. Heute führte sie die Hauswirtschaft auf Eben-Ezer.
Einmal, als Sophie aus dem Garten zurückkehrte, sass Mayranoush auf der Veranda und rüstete Gemüse. Auch wenn immer mehr graue Strähnen ihr einst rabenschwarzes Haar durchzogen, war sie, fand Sophie, die schönste Frau, die sie kannte. Niemand hatte Augen wie Mayranoush: mandelförmig, unergründlich, dunkel. Sie neigte zur Melancholie. Nur selten spielte ein Lächeln um ihre vollen Lippen. Sie war gross und schlank. Nach dem Tod ihres Verlobten, von dem sie ein Kind empfangen hatte, wollte sie nichts mehr von Männern wissen. Seit ihr Sohn, Hovan, Sophies Milchbruder, einjährig an der Bräune verstorben war, hatte sie ihre ganze Liebe Sophie geschenkt, die an ihr hing, wie man an einer Mutter hängt. Wenn sie unter sich waren, sprachen sie Armenisch miteinander.
«Wo ist Jakob?», fragte Sophie.
Mayranoush unterbrach ihre Arbeit. «Er ist oben und spielt Klavier.»
«Er spielt Klavier?» Sophie schaute sie ungläubig an.
«Gewiss, er macht das schon seit einiger Zeit. Immer wenn er aus dem Gemüsegarten kommt, geht er in eure Wohnung und spielt. Hörst du ihn nicht?»
Sophie lauschte. Tatsächlich waren aus dem Fenster ihrer Wohnung ganz leise Töne zu vernehmen – manchmal sogar Dreiklänge. «Wer hat ihn das gelehrt?»
Mayranoush lächelte. «Wenn nicht du, wer dann?»
Sophie schüttelte den Kopf. Sie ging ins Haus und stieg die Treppe hoch. Die Tür zur Wohnung war offen. Ebenso jene zum Salon. Auf der Schwelle blieb sie stehen.
Jakob kniete auf der Klavierbank, damit er die Tasten des Pianos erreichen konnte. Er sang eine offenbar selbst erfundene Melodie, verwendete dazu Worte in einer eigenen, unverständlichen Sprache und begleitete sie mit Akkorden. Sophie trat hinter ihn und schaute ihm über die Schultern. Er schlug mit dem Zeigefinger der linken Hand den Grundton an und mit Zeige- und Ringfinger der rechten die entsprechenden Tasten der grossen Terz und der Quinte. Scheinbar bereitete es ihm keine Mühe, Dreiklänge zu bilden.
Das Kind spürte, dass es nicht mehr allein war. Es brach sein Spiel ab, drehte sich um und schaute die Mutter schuldbewusst an.
Sophie hob den Kleinen hoch und schloss ihn in die Arme. «Wer hat dich das gelehrt, Jakob?»
«Niemand, es ist ganz einfach.» Der Bub löste sich von ihr. «Ich zeige es dir.» Er kniete sich wieder auf die Klavierbank. «Wenn du hier beginnst», er schlug ein C an, «und dann alle weissen Tasten der Reihe nach hintereinander spielst, dann passen die Töne zueinander, bis du wieder denselben hast wie am Anfang, nur höher. Du kannst damit weiterfahren bis ans Ende des Klaviers. Es sind immer dieselben Töne, von ganz unten bis ganz oben, genau gleich wie eine Treppe.» Sein Zeigefinger hämmerte mit rasender Geschwindigkeit drei Tonleitern hintereinander hinauf und hinunter.
Sophie war bass erstaunt. «Und schaffst du es auch, wenn du die Tonleiter», sie korrigierte sich: «die Reihe mit einer anderen Taste anfängst, beispielsweise mit dieser?» Sie zeigte aufs G. Gespannt beobachtete sie, wie Jakob einen Ton nach dem andern anschlug und nach dem E, ohne zu zögern, ein Fis spielte, bevor er mit dem eine Oktave höheren G zum Abschluss kam.
«Aber diese Reihe kannst du wohl nicht.» Sophie zeigte aufs H. Die H-Dur-Tonleiter mit ihren fünf Kreuzen schien ihr denn doch zu schwierig für den Kleinen. Jakob lachte glücklich. Im Nu spielte er h-cis-dis-e-fis-gis-ais-h und schaute die Mutter stolz an. Sie drückte ihm einen Kuss auf den Scheitel.
«Ich kann noch mehr.» Jakob spielte sein Lieblingslied: C-a-f-f-e-e, trink nicht so viel Caffee! Er sang es und spielte dazu, zeitlich versetzt, die zweite Stimme auf dem Klavier.
«Ich fasse es nicht», flüsterte Sophie. «Sag einmal Jakob», sie trat zu ihm ans Piano, «weisst du auch wie die Töne heissen? Zum Beispiel dieser hier?» Sie deutete aufs C.
Der Kleine sah sie verwundert an. «Haben sie denn Namen?»
«Und wie nennt man das?» Sophie spielte eine Tonleiter.
«Eine Reihe?», fragte Jakob zweifelnd.
«Kannst du drei Töne, die zusammenpassen, gleichzeitig spielen?»
Der Bub schlug verschiedene Dur- und Moll-Akkorde an.
«Und wie sagt man diesen drei Tönen?»
«Ich weiss es nicht.»
Sophie fuhr ihm über den Kopf: «Das musst du auch nicht wissen, mein Liebling, noch nicht. Ich bin stolz auf dich!» Sie nahm sich vor, ihm zu zeigen, wie man richtig spielt, welche Finger auf welche Tasten gehören.
Von diesem Tag an setzte sie sich jeden Morgen eine Stunde mit Jakob ans Klavier. Zuerst brachte sie ihm bei, wie man Tonleitern hinauf und hinunter korrekt mit den fünf Fingern der rechten Hand spielt. Sophie gab ihm auf, das Erlernte fleissig zu üben. «Du musst so weit kommen», erklärte sie ihm, «dass deine Finger, ohne dass du denkst, die richtigen Tasten von allein finden.» Aber das war kein Problem für ihn. So konnte sie ihm schon bald zeigen, wie man die linke Hand einsetzt.
Lange bevor sie Jakob im Klavierspiel unterrichtete, hatte Sophie mit ihm zahlreiche Kanons gesungen. Jeden Abend vor dem Einschlafen: Dona nobis pacem oder O wie wohl ist mir am Abend, tagsüber: Froh zu sein, bedarf es wenig, auch Hejo, spann den Wagen an und natürlich Bruder Jakob, an dem er wegen der Namensvetternschaft besonders Freude hatte.
Zwei Jahre später war Jakob in der Lage, anspruchsvolle Stücke zu spielen. Sophie würde jenen Sonntag Ende März wohl nie vergessen. Als sie und Simon von einem Spaziergang zurückkehrten, überraschten sie ihre beiden grusinischen Mägde, die im Treppenhaus standen und andächtig dem Klavierspiel lauschten, das durch die angelehnte Wohnungstür in der Beletage klang. Sophie hielt ihren Mann am Arm zurück. «Jakob hat ein neues Stück entdeckt», flüsterte sie.
«Kennst du es?», fragte Simon.
Sie nickte. «Es ist der Fandango in d-Moll von Padre Antonio Soler, einem spanischen Komponisten. Ich habe ihn im letzten November geübt. Aber er spielt ihn besser als ich!»
«Der Kleine ist ein Künstler», behauptete Ekaterina, als die Schlussakkorde verklungen waren. Tamara nickte bestätigend.
«Was sagt sie?», fragte Simon, der nicht Georgisch konnte.
«Jakob sei ein Künstler», übersetzte Sophie. Sie registrierte, wie ihr Mann lächelte.
«Ein Künstler», wiederholte er. Jakob, das wurde er nicht müde zu behaupten, sei seinem eigenen, viel zu früh verstorbenen Bruder, dem Maler, dessen Namen er trug, wie aus dem Gesicht geschnitten. Wie sein Onkel war der kleine Jakob feingliedrig, hatte ein von Sommersprossen übersätes Gesicht und rotes, weiches Haar. Sophies Schwager hatte einige Bilder und Skizzen hinterlassen, die in ihrer Wohnung hingen. Sie hätte ihn gerne gekannt.
Auf dem Treppenabsatz im ersten Stock erschien Jakob.
«Das hast du wunderbar gespielt!», rief Sophie.
«Ich habe es mit Herrn Fresendorff heimlich geübt», sagte der Bub. «Es ist ein Geschenk für dich.»
2
Seit einem Jahr gab es auf Eben-Ezer einen neuen Bewohner: Cornelius Fresendorff, den Hauslehrer von Karl und Hannes, die inzwischen acht-, respektive siebenjährig waren. Er wolle nicht, dass seine Buben bei den Schwaben in Katharinenfeld zur Schule gehen, hatte Simon erklärt. Dort würden sie zusammen mit fünf Dutzend anderen Kindern unterrichtet und lernten wenig bis nichts. Er wusste, wovon er sprach. Er selbst war in seiner Kindheit im Emmental während sechs Jahren im Winterhalbjahr mit fünfundsiebzig Leidensgenossen in einer engen Stube eingepfercht gewesen, wo ein überforderter Schulmeister mit zweifelhaftem Erfolg der ungebärdigen Schar die Grundlagen des Schreibens und Rechnens eingeprügelt hatte. Tatsache war, dass Simon noch heute keinen fehlerfreien Brief zustande brachte. Dass er fähig war, die Bücher eines Gutsbetriebes zu führen, verdankte er den Brüdern Hieronymus und Benedict Lüthi, bei denen er das Käserhandwerk erlernt hatte.
«Ich will, dass wir für Karl und Hannes einen Hauslehrer anstellen», hatte Simon gesagt. «Am besten einen aus dem Baltikum.» Dort spreche man Deutsch und Russisch, und richtig Russisch sprechen und schreiben müssten die Buben lernen, wenn sie es in Grusinien zu etwas bringen wollten. Er hatte einem Agenten in Tiflis den Auftrag gegeben, in Riga in der Zeitung für Stadt und Land ein entsprechendes Inserat aufzugeben.
Immer wenn sie an Cornelius Fresendorffs Ankunft auf Eben-Ezer dachte, musste Sophie lächeln. Sie und Simon hatten am Teich im Blumengarten miteinander geplaudert, als ein Fremder durch die Birnbaumallee aufs Herrenhaus zuritt. Sie sahen ihm belustigt entgegen. Der Mann fühlte sich sichtlich unwohl auf seinem Maulesel. Ein zweites Tier, das sein Gepäck trug, führte er am Halfter neben sich her. Er war kleingewachsen und etwas rundlich. Seinem noch unfertigen, bartlosen Gesicht konnte man entnehmen, dass er nur wenig über zwanzig war. Er trug einen schwarzen Anzug, ausserdem einen breitkrempigen Hut. Durch die runden Gläser seiner Brille musterte er das Ehepaar und fragte, ob dies hier das Gut der Diepoldswilers sei.
Sophie wurde warm ums Herz. Er sprach das Deutsch der Balten, dasselbe, das ihr Vater gesprochen hatte. «Ihr seid gewiss unser neuer Hauslehrer. Herzlich willkommen auf Eben-Ezer!», begrüsste sie ihn.
Er stieg umständlich von seinem Tier und zog den Hut, unter dem ein schwarzer Haarschopf zum Vorschein kam. Er deutete eine Verbeugung an und schlug die Hacken zusammen. «Gestatten», sagte er, «Cornelius Fresendorff.» Die lange Fahrt mit der Eisenbahn und in Postkutschen habe ihm die Seele aus dem Leib geschüttelt, klagte er. Dass er am Schluss in Katharinenfeld noch zwei Maulesel habe mieten müssen, ausgerechnet er, der weiss Gott kein Reitersmann sei, habe seiner Reise nach Grusinien die Krone aufgesetzt.
«Ihr seid also aus den Ostseeprovinzen», eröffnete Simon beim Nachtessen, das man wie üblich gemeinsam mit dem Gesinde einnahm, das Gespräch. Er bemühte sich, jenes Hochdeutsch zu sprechen, das er aus den Büchern Gotthelfs kannte. Üblicherweise blieb er beim Berndeutschen. Mit den Dienstboten und den Leuten aus dem Dorf redete er ein fehlerhaftes Russisch, das er sich im Laufe der Jahre mühsam angelernt hatte.
«Aus Kurland», beantwortete Fresendorff Simons Frage, «um genau zu sein, aus Libau, wo mein Herr Vater als Arzt praktiziert.»
«Und studiert habt Ihr in Sankt Petersburg?»
«Ja. Mein Vater, dem ich in meiner Jugend oft assistiert habe, hätte es zwar lieber gesehen, wenn ich nach Dorpat gegangen und Medikus geworden wäre, wie er. Aber ich habe mir in den Kopf gesetzt, klassische Philologie und Geschichte zu studieren.»
«Philosophie, meint Ihr wohl?», fragte Simon.
«Nein, Philologie – Sprachwissenschaften.» Der junge Mann säbelte ein grosses Stück vom Schmorbraten ab, den Sophie nach einem Rezept ihrer Grossmutter zubereitet hatte. Er balancierte es auf seinen Teller, zerkleinerte es, spiesste ein Stück ums andere mit seiner Gabel auf und spülte alles mit einem tüchtigen Schluck Wein hinunter. Klassische Philologie, dozierte er, beschäftige sich mit altgriechischen und lateinischen Texten, mit Dramen, Epen und Lyrik, aber auch mit historiographischen, naturwissenschaftlichen und philosophischen Zeugnissen der alten Römer und Griechen.
«Aha», sagte Simon und machte ein ratloses Gesicht. Ihm wurde bewusst, dass er einen seltsamen Vogel auf den Hof geholt hatte.
Sophie wirkte eher besorgt. «Und das alles müssen meine Buben jetzt bei Euch lernen?»
«Gott bewahre!» Fresendorff hielt Wassilij, dem alten Diener des Barons, der den Mundschenk machte, das leere Weinglas hin. «Ich bringe ihnen zuerst einmal Lesen und Schreiben bei, auf Deutsch und Russisch, dann Rechnen, später Geschichte, Naturkunde und Geografie. Wenn es Euch recht ist, beginne ich mit dem Unterricht gleich morgen: vier Stunden am Vormittag, zwei am Nachmittag. Am Mittwoch- und am Samstagnachmittag sollen sie frei haben.»
Sophie sah ihren Mann fragend an. Der zuckte mit den Schultern. «Das ist in Ordnung», meinte sie. «Ich habe im Anbau ein Schulzimmer eingerichtet: ein Pult und eine Wandtafel für Euch, zwei kleine Tische und Schiefertafeln samt Griffel für Karl und Hannes. Wenn Ihr mehr braucht, so sagt es mir.»
Cornelius Fresendorff lebte sich auf Eben-Ezer ein. Sobald sie die Schulstube betraten, war ihr Lehrer für Karl und Hannes die höchste Autorität. Sie fügten sich willig seinen Anweisungen, bemühten sich, seinen Anforderungen gerecht zu werden, und gierten nach seinem Lob. Mayranoush schloss den jungen Mann, der ihr, so gelehrt er auch sein mochte, etwas weltfremd erschien, in ihr Herz. Sie half ihm, seine beiden Kammern unter dem Dach einzurichten: einen Schlafraum und eine Stube mit einem Kanonenofen, der im Winter für behagliche Wärme sorgte. In dieser kleinen Wohnung hatte Simon vor seiner Heirat gelebt. Die Armenierin bat Hovhannes Stepanyan, den Zimmermann, für den neuen Lehrer ein Regal anzufertigen, in das er seine vielen Bücher einordnen konnte. Sie selbst nähte ihm Kleider, die hier draussen in der Steppe praktischer waren als sein schwarzer Anzug.
Wenn die Buben im Bett waren, trafen sich die Diepoldswilers mit Mayranoush und Cornelius im Salon. Wie schon zu Zeiten des Barons wurde für die Männer Cognac serviert, während die Frauen aus winzigen Tassen stark gesüssten türkischen Kaffee tranken. Man plauderte, erzählte sich Geschichten und Fresendorff las aus Büchern vor, welche die anderen nicht kannten. Ab und zu sang Sophie Lieder aus Des Knaben Wunderhorn und begleitete sich dazu auf dem Klavier.
Eines Abends brachte der Balte eine Klarinette mit. Er habe in Sankt Petersburg in einem Orchester mitgespielt, sagte er, und wenn sie nichts dagegen habe, so könne man gemeinsam musizieren.
«Was möchtet Ihr denn spielen?», fragte Sophie.
Ob sie den Walzer aus der Schönen Helena von Jacques Offenbach kenne?
Sophie erstarrte. Im Sommer vor neun Jahren hatte eine Kosakeneinheit, die zur russisch-osmanischen Grenze unterwegs war, auf dem Gutshof drei Tage gerastet. Baron von Fenzlau hatte den Offizieren in seinem Haus Gastrecht gewährt. Auf seinen Wunsch hatte Sophie, damals ein siebzehnjähriges, törichtes Ding, zur Unterhaltung der Gäste Leutnant Schota Awalischwili, der seine Violine mit sich führte, auf dem Piano zu Offenbachs Walzer begleitet. Sie hatte sich in den gut aussehenden jungen Mann verguckt. Am nächsten Tag war sie auf dem Hügel bei der alten Kapelle, dort, wo jetzt das Grab ihres Vaters war, von ihm verführt worden. Hätte Simon sie nicht geheiratet und ihren Erstgeborenen, Karl, als eigenen Sohn anerkannt, würde sie heute ein vaterloses, unter liederlichen Verhältnissen gezeugtes Kind aufziehen müssen. Ihr Mann wusste nichts Genaues von den Umständen, die zu ihrer Schwangerschaft geführt hatten. Er wollte es auch gar nicht wissen, denn das gehörte zu den Dingen, über die man auf Eben-Ezer nicht sprach.
Und jetzt kam dieser Mensch aus Kurland und wollte mit ihr den Walzer spielen, der sie, nachdem der Leutnant weitergeritten war, über Wochen als Ohrwurm gequält hatte. «Nein!», sagte sie schroff. «Ich kenne das Stück nicht und will es auch nicht kennenlernen.»
Fresendorff schaute sie verwundert an und spielte dann die ersten Takte von Ännchen von Tharau. «Aber das habt Ihr gewiss schon gehört?»
Sophie nickte. Sie kannte das populäre Liebeslied.
Von diesem Abend an spielten die beiden regelmässig deutsche und russische Volkslieder – er mit seiner Klarinette die Grundmelodie, sie die Begleitung. Wenn Sophie sang, dann intonierte der Hauslehrer, zum Vergnügen von Simon und Mayranoush, die zweite Stimme. Karl, Hannes und der fünfjährige Jakob stiegen aus den Betten und schlichen sich in ihren Hemden vor die Tür des Salons, um zuzuhören. Und selbst der alte Wassilij, zu dessen Pflichten es gehörte, die sechs Ulmer Doggen aus ihrem Zwinger zu befreien, damit sie nachts das Anwesen schützten, blieb draussen auf dem Platz vor dem Haus unter dem offenen Fenster stehen und lauschte.
Cornelius Fresendorff war ein musikalischer Mensch, dem Jakobs Talent nicht verborgen blieb. Er war der Meinung, das Kind sei alt genug, die Grundzüge der Musiktheorie kennenzulernen. «Wenn mich nicht alles täuscht, verfügt Euer Jüngster über eine ausserordentliche Begabung, die unterstützt werden muss», sagte er zu Sophie. Er würde sich freuen, Jakob einmal in der Woche unterrichten zu dürfen. Zögernd stimmte sie zu, und so lehrte Fresendorff Jakob seit einem halben Jahr die Notenschrift, sprach mit ihm über Taktarten und Rhythmen, über Tonhöhen, Intervalle und Akkorde, und selbst die systematische Anordnung aller zwölf Dur- und Molltonarten im Quintenzirkel erläuterte er ihm.
Bereits nach kurzer Zeit war Jakob in der Lage, einfache Lieder ab Blatt zu spielen. Sobald er die Melodien im Kopf hatte, begann er sie zu variieren. Tatsächlich schien ihm das Improvisieren und das Erfinden neuer Melodien mehr Freude zu machen als das strenge Spiel nach Vorgabe.
«Du musst zuerst die Grundlagen beherrschen, bevor du zu komponieren beginnst», versuchte Cornelius Fresendorff ihn zu bremsen.
«Aber die Melodien sind hier drin!» Der Bub schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. «Sie wollen hinaus. Ich muss sie spielen.»
Kurz vor Weihnachten gab der Balte Jakob den Klavierauszug des ersten Satzes der Berchtoldsgaden-Musik. «Versuch das einmal!», forderte er ihn auf. «Es stammt von Leopold Mozart, dem Vater des grossen Wolfgang Amadeus, der bereits als Sechsjähriger in Konzertsälen aufgetreten ist.»
Jakob setzte an, spielte die ersten Takte, zögerte, spielte weiter. Manchmal unterliefen ihm Fehler. Sein Lehrer stand daneben, schweigend. Sophie verkrampfte die Hände. «Das ging schon ganz ordentlich», meinte Fresendorff, als der Junge schliesslich aufblickte. «Das werden wir jetzt üben, bis es sitzt, und so werden wir es in Zukunft mit allem halten, was ich dir gebe.»
Alexander von Kutzschenbach
1
Immer nach Ostern, wenn Wildtulpen die Steppe in einen bunten Blumenteppich verwandelten, über den bereits frühe Schmetterlinge gaukelten, liessen Sophie und Simon ihre Buben in der Obhut von Mayranoush und Cornelius Fresendorff zurück und fuhren für ein paar Tage nach Tiflis. Dort kauften sie all jene Dinge ein, die man auf Eben-Ezer benötigte und die in Katharinenfeld nicht zu bekommen waren. Die Diepoldswilers pflegten in jenem Hotel am vornehmen Golowin-Boulevard abzusteigen, in das sie Vitus von Fenzlau kurz vor seinem Tod eingeladen hatte.
Wie jedes Jahr war auch im Frühling 1881 ein Abend für die Oper reserviert. Dieses Mal besuchten sie das Gastspiel einer französischen Truppe, die mit Bizets «Carmen» durch Osteuropa und Russland reiste. Besonders die Habanera hatte es Sophie angetan. Am Vormittag des nächsten Tages erwarb sie in einem Musikgeschäft die Noten der Klavierversion der Arie.
Später spazierten sie durch die engen Gassen der Sololaki-Vorstadt. An den hölzernen Säulen der mit Schnitzereien verzierten Balkone der Wohnhäuser rankten Weinreben in die Höhe. «Tbilissi – die vielbalkonige Schönheit», bemerkte Sophie auf Russisch. Simon schaute sie fragend an.
«So hat Jakow Petrowitsch Polonski die Stadt beschrieben», erklärte sie. «Er war ein Dichter und arbeitete während seines Aufenthalts im Kaukasus für den Gouverneur. Mein Vater kannte ihn. Er hat mir viel von ihm erzählt.»
Hinter den Häusern des Viertels stiessen sie auf einen jener gewundenen Pfade, die durch einen mit Gestrüpp und Wald bewachsenen steilen Hang hinauf zum Mtazminda führte. «Mta» heisse auf Georgisch Berg und «zminda» heilig, übersetzte Sophie und bat Simon, mit ihr auf den Gipfel zu steigen.
Schon als Backfisch war sie auf dem heiligen Berg gestanden. Ihr Vater, den sie damals noch für ihren Paten hielt, hatte sie 1869 als Vierzehnjährige zum ersten Mal nach Tiflis mitgenommen. Seit Tagen hatte sie sich auf den Ausflug gefreut, und als es endlich so weit war, hatte sie sich schön gemacht und herausgeputzt. Sie trug ein weisses Musselinkleid mit gestuften Volants und dazu einen breitrandigen Strohhut mit einem hellblauen Band, das, wie sie fand, in einem reizvollen Kontrast zu ihren blonden Locken stand. Mayranoush hatte ihr sogar etwas Wangenrouge aufgetragen.
Ihre weissen, engen Schnürstiefelchen waren für den steilen Aufstieg zum Mtazminda gewiss nicht das geeignete Schuhwerk, und Sophie war froh, als sie auf halber Höhe, mitten in der Wildnis, eine Kuppelkirche mit Glockenturm erreichten, bei der sie rasten durfte. Der Baron erzählte ihr, das Gotteshaus sei Dawit geweiht, einem jener dreizehn frommen syrischen Väter, die im sechsten Jahrhundert ins Land gekommen waren, um den Ungläubigen mit dem Höllenfeuer zu drohen und ihnen den rechten Weg zu weisen. Im Innern der Kirche blieben sie vor einer Ikone stehen. Auf Goldgrund war ein Heiliger dargestellt. Er trug ein senfgelbes Kleid und einen blauen Überwurf. In der linken Hand hielt er eine Bibel. Er hatte gepflegtes, schwarzes Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel, und einen akkurat getrimmten Bart.
«Als käme er direkt aus dem Friseursalon», spöttelte von Fenzlau und behauptete, so habe Dawit natürlich nicht ausgesehen. «Er hauste hier oben in einer Höhle. Ich stelle mir vor, dass er sich nur mit kaltem Wasser waschen konnte. Vermutlich verbreitete er keinen Rosenduft. Sein Haar, falls er welches hatte, hing ihm bis über die Schultern und war verfilzt und gewiss voller Läuse, ebenso der Bart, der die Brust bedeckte. Sein Kleid war bestimmt von minderer Qualität und vielfach geflickt. Möglicherweise ernährte er sich wie Johannes Baptista von Heuschrecken und wildem Honig.» Dann erzählte er Sophie halblaut die Legende von Dawit.
Einmal in der Woche sei der Eremit hinunter in die Stadt gestiegen, um dort, sehr zum Missfallen der zoroastrischen Priesterschaft, den Heiden das Evangelium zu verkünden. Um sich des Konkurrenten zu entledigen, hätten sie eine Schwangere dazu angestiftet zu behaupten, sie sei von Dawit vergewaltigt worden. «Die aufgebrachte Menge wollte den Heiligen steinigen. Der aber berührte mit seinem Stab den Bauch seiner Anklägerin und fragte den Fötus, wer sein Vater sei. Und dieser, oh Wunder, gab Auskunft, und die Verleumderin gebar auf der Stelle einen Stein. Daraufhin schüttelte Dawit den Staub der Stadt Tiflis von den Füssen und wanderte nach Kachetien, wo er das Höhlenkloster Garedscha gründete und mit seinen Anhängern ein gottgefälliges Leben bis an sein seliges Ende führte.»
Sophie hatte während der Erzählung den Paten aus den Augenwinkeln beobachtet. Unter seinem dichten Schnurrbart zuckte es verdächtig. Sie wusste, dass er sich über den Gottesmann lustig machte. Zu ihrem Kummer gehörte der Baron zur Schar der Ungläubigen. Luise Hegele, die Frau des Pastors von Katharinenenfeld, bei deren Familie sie während der Wintermonate lebte, hatte ihr ans Herz gelegt, für sein Seelenheil zu beten. Er brauche es. Mit der ganzen Inbrunst, zu der ein junges Mädchen fähig ist, flehte sie Abend für Abend den Herrn Jesus an, die unsterbliche Seele ihres geliebten Paten zu retten.
Vom Gipfel des Mtazimda bot sich Simon und Sophie ein überwältigender Ausblick. Unter ihnen lag die Stadt, die sich zwischen den Ausläufern des Saguramibergrückens und dem östlichen Teil des Trialetischen Massivs zu beiden Seiten der Kura ausbreitete. Es war ein ungewöhnlich klarer Tag. Im Nordosten waren die schneebedeckten Berge des Grossen Kaukasus zu erkennen. Der Anblick des fernen Gebirges weckte in Simon Erinnerungen an seine Jugend in der Schweiz.
«Was beschäftigt dich?» Sophie kannte das Gesicht ihres Mannes, wenn seine Gedanken in die Vergangenheit abschweiften.
«Nichts Besonderes.» Ohne zu wissen, weshalb, hatte sich Simon immer geschämt, ihr zu erzählen, dass er, gerade einmal elf Jahre alt, als elendes Knechtlein zu einer Kleinbauernfamilie in eine Kinderhölle verdingt worden war. Er litt auch unter seiner mangelhaften Bildung. Seine Frau wusste lediglich, dass er nach dem Tod seiner Schwester dank Lydia Amsoldinger, der Pflegemutter seines Bruders, bei zwei gütigen Täufern das Käserhandwerk hatte erlernen dürfen. Auch dass sein Bruder Jakob ihn nach Grusinien begleitete hatte und drei Tagesreisen nördlich von Eben-Ezer ums Leben gekommen war, wusste sie. Simon hatte ihn am Ufer der Kura bei Uplisziche begraben. Damals war in ihm die Angst gewachsen, dass alle Menschen, die er liebte, vorzeitig zu Tode kommen müssten. Er glaubte es noch heute.
«Gehen wir weiter», sagte er. Sie wanderten über einen mit duftenden Kiefern bewachsenen Kamm zur Ruine der Festung Nariqala. Sie hatte eineinhalb Jahrtausend jedem feindlichen Ansturm getrotzt und war erst 1827 zerstört worden, als ein Blitz die Pulvervorräte der russischen Besatzer in die Luft sprengte. Sophie und Simon suchten sich auf dem alten Gemäuer ein sonniges Plätzchen und schauten über die Türme, Kuppeln und Dächer zur Metechi-Kirche, die auf dem Felsenband über dem linken Kuraufer stand. Sophie lehnte den Kopf an die Schulter ihres Mannes. «Was für Leute mögen dort drüben leben?», fragte sie und wies auf die ineinander verschachtelten Häuser und Häuschen hinter dem Gotteshaus.
Simon, der oft nach Tiflis fuhr, schwieg. Er kannte das Avlabari-Viertel, in dem Familien in heruntergekommenen Behausungen lebten und von deren Kindern manchmal nicht gewiss war, welcher Mann sie gezeugt hatte. Sophie brauchte nicht zu wissen, dass er dort bis zu seiner Heirat ab und zu Huren aufgesucht hatte, Frauen aus ganz Transkaukasien, die in den engen, schmutzigen Gassen zwischen Handwerkern, Krämern und lärmigen Kneipen ihrem Gewerbe nachgingen und ihren Kunden gegen ein geringes Entgelt für eine Stunde die Illusion gaben, geliebt zu werden.
Als sie am späten Nachmittag dieses Tages im Salon des Hotels beim Tee sassen, trat Herr von Kutzschenbach an ihren Tisch und fragte, ob er ihnen Gesellschaft leisten dürfe. Er küsste Sophies Hand. Über ihr Gesicht huschte ein rätselhaftes Lächeln. Sie dachte an ihren Vater, der aus Livland stammte. Er hatte sich mehr als einmal über Alexander von Kutzschenbach lustig gemacht. Weil er auf einem brandenburgischen Rittergut aufgewachsen war, hatte er ihn als preussischen Junker bezeichnet und sich darüber mokiert, dass der Mann seinen Schnurrbart à la Wilhelm trug: buschig und an den Enden aufwärts gezwirbelt. «Fehlt nur noch, dass er sich auf beiden Wangen ein Gestrüpp wachsen lässt, wie sein Idol», pflegte er zu sagen. Er spielte damit auf den imposanten Backenbart des Monarchen an. Mit seiner ganzen Deutschtümelei verstehe es Kutzschenbach ausserdem bestens, sich im Gouverneurspalast beim Vizekönig, seiner kaiserlichen Hoheit Grossfürst Michail Nikolajewitsch Romanow, Liebkind zu machen. Das habe ihm ein zinsloses Darlehen eingebracht. Man werde sehen: Am Schluss verleihe ihm der Zar noch einen russischen Adelstitel. So seien sie eben, die Reichsdeutschen: geschmeidig und berechnend.
«Was für ein Zufall, dass ich Sie hier treffe», wandte sich von Kutzschenbach an Simon. «Ich beabsichtigte nämlich, Sie in den nächsten Tagen aufzusuchen.» Er besitze unweit von Dmanissi einen rund tausend Dessjatinen grossen Wald, den er verkaufen wolle, fuhr er fort. «Er grenzt direkt an Ihren Forst, und wie ich höre, möchten Sie Ihre Waldungen vergrössern.»
Das traf zu. Seit der Viehbestand von Eben-Ezer auf rund tausend Stück angewachsen war, hingen in der Käserei sechs grosse Kupferkessel mit einem Volumen von je hundert Litern. Unter ihnen standen drei Feuerwagen, mit denen man die Hitze regulieren konnte. Man brauchte sie nur hin- und herzuschieben. Aber es war abzusehen, dass man langfristig mehr Brennholz benötigen würde, als im eigenen Wald, wo man auch Bauholz schlug, nachwuchs. Dawit Achwlediani, der grusinische Obersenn, hatte schon davon gesprochen, zusätzlich Kuhdung als Brennmaterial zu verwenden. Aber Simon war die Vorstellung, seinen Emmentaler mit Mist zu produzieren, unangenehm. Das Angebot Kutzschenbachs kam ihm deshalb wie gerufen.
«Weshalb wollen Sie den Forst abstossen?», fragte Sophie.
Der Deutsche schaute sie erstaunt an. Er war es nicht gewohnt, dass sich eine Frau in Männergeschäfte einmischte. Dann lachte er. «Das will ich Ihnen gern sagen, Madame. Ich brauche flüssige Mittel und verkaufe deshalb Land. Nicht nur diesen Wald. Ich will bei Saparlo östlich von Dmanissi eine Tochtersiedlung mit einer Glashütte und zwei Ziegeleien aufbauen. Ein deutscher Direktor wird das Ganze leiten. Wir werben in Schlesien Glasfacharbeiter an. Für die Herstellung von Backsteinen und Ziegeln werden wir Perser, Griechen und Tataren anlernen. Das Dorf soll Alexandershütte heissen.»
Wie viel der Wald denn kosten solle, wollte Simon wissen.
«Fürst Zviad Ratischwili wäre bereit, fünftausend Rubel zu bezahlen. Ich verkaufe ihn Euch für dieselbe Summe plus einen Rubel, damit ich dem Hurensohn sagen kann, Ihr hättet mir ein besseres Angebot gemacht.»
Ratischwilis Hof befand sich in Kariani, südlich von Eben-Ezer. «Lass dich von seinem Titel nicht beeindrucken», hatte sein Schwiegervater Simon einmal gesagt. «1793 hat der Zar den adeligen Familien in Grusinien dieselben Privilegien gewährt wie dem russischen Adel. Sie alle dürfen sich Knjaz nennen, egal ob sie von königlichem Geblüt sind oder nur Krautjunker wie Ratischwili, der nicht einmal hundert Kühe besitzt. Die grosse Zeit seines Geschlechts ist längst vorbei.»
Der Preis scheine ihm hoch, meinte Simon. Für das Geld könne man eine Käserei samt dem dazugehörigen Inventar kaufen.
«Was nützt die schönste Käserei, wenn das Holz fehlt, den Käse zu produzieren?» Von Kutzschenbach lehnte sich zurück. «Wissen Sie was? Ich lade Sie und Ihre Familie ein, die Pfingsttage bei uns auf Mamutlie zu verbringen. Wir können dann in aller Ruhe die Einzelheiten besprechen.» Offenbar war er sich sicher, dass der Handel zustande kommen würde.
Wieder kam Sophie ihrem Mann zuvor: «Wir nehmen Ihre Einladung gerne an, Herr von Kutzschenbach.»
Als sie am nächsten Tag nach Eben-Ezer zurückfuhren, sang Sophie leise den Text der Habanera: L’amour est un oiseau rebelle.
«Was heisst das?», wollte Simon, der kein Französisch verstand, wissen.
«Die Liebe ist ein wilder Vogel.»
«Ist sie das?»
«Manchmal schon.» Sie schmiegte sich an ihn.
«Aha.» Simon war mit seinen Gedanken woanders. «Weshalb weiss von Kutzschenbach, dass ich unseren Forst vergrössern muss?»
Sophie rückte von ihm ab. «Gottlieb Graf wird es ihm gesagt haben. Du hast ihm ja von deinen Sorgen erzählt.»
Gottlieb Graf betrieb in Karabulakhi, fünf Werst nördlich von Eben-Ezer, Milchwirtschaft. Er stammte aus Reichenbach im Berner Oberland und war vor fünfzehn Jahren nach Grusinien gekommen. Wie die Ammeters, die Siegenthalers und andere Schweizer hatte er ein paar Jahre auf Kutzschenbachs Gutshof Mamutlie als Käser gearbeitet und sich dann selbstständig gemacht. Er hatte Käthi Bieri geheiratet, die Barbara von Kutzschenbach als Hausmädchen zur Hand gegangen war. Die Grafs und die Diepoldswilers waren Nachbarn. Man besuchte sich gegenseitig.
«Natürlich!» Simon schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. «Er wird es von Gottlieb erfahren haben.»
«Kutzschenbach kann den Hals nicht vollkriegen», stellte Sophie fest. «Es genügt ihm nicht, Grossgrundbesitzer zu sein. Nein, er will auch noch Unternehmer werden. Alexandershütte! Wenn du mich fragst, geht es ihm nicht darum, einen unserer drei Zaren dieses Namens zu ehren, sondern allein sich selbst: Alexander von Kutzschenbach.»
«Und weshalb hast du seine Einladung angenommen, wenn du ihn nicht magst? Weisst du überhaupt, ob mir das passt?»
«Ach Simon!» Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. «Vielleicht hättest du Nein gesagt. Aber ich wollte schon lange einmal Mamutlie sehen. Du weisst doch, wie neugierig ich bin. Man hört so viel über Herrn von Kutzschenbach und seine Frau.»
Das liess sich nicht leugnen. Um die abenteuerlichen Umstände der Heirat des Deutschen und den Aufbau seines Gutes rankten sich Legenden.
Alexander von Kutzschenbach galt als Abenteurer. In Katharinenfeld erzählte man sich, sein Vater, ein preussischer Rittergutsbesitzer, habe mit einem ungeschickten Landerwerb einen grossen Teil des Familienvermögens verloren, weshalb sein Ältester in den frühen Sechzigerjahren aufgebrochen sei, um sein Glück in Transkaukasien zu suchen. Anders als Simon, der derselben Auswanderergeneration angehörte, sich aber dank der Heirat mit Sophie in ein gemachtes Nest setzten konnte, hatte der Deutsche ganz von vorn beginnen müssen. Als der Siebenundzwanzigjährige 1862 nach Grusinien gekommen war, liess er sich hundert Werst südwestlich von Tiflis, nahe der Grenze zur Türkei, nieder. Die Gegend, in der fast nur Tataren lebten, galt als unsicher. Aber das focht ihn nicht an. Er pachtete zweitausendsechshundert Hektaren Wildnis und machte sich daran, sie urbar zu machen.
Auch seine Frau war eine bemerkenswerte Person. Von Kutzschenbach, der in den Bernischen Blättern für Landwirtschaft einen Obersenn gesucht hatte, stellte 1863 ihren bereits fünfzig Jahre alten Vater an, den Käser Christian Scheidegger aus Lützelflüh. Die damals dreiundzwanzig-jährige Barbara begleitete ihre Eltern in den fernen Kaukasus. Zunächst hausten die Auswanderer, gemeinsam mit dem Patron, unter primitivsten Bedingungen in einer tatarischen Erdhütte, einer in einen Hang gegrabenen Höhle, die man durch einen Türsturz aus unbehauenen Balken betrat. Sie bestand aus einem einzigen Raum, in dem man knapp stehen konnte. Man schlief auf Strohsäcken. Gekocht wurde auf einem alten Herd, der gleichzeitig als Ofen diente. Ein Bach in der Nähe lieferte das notwendige Wasser. Unter den beengten Verhältnissen kam es, wie es kommen musste: Der Preusse schwängerte die um fünf Jahre jüngere Barbara und heiratete sie.
Während ihr Mann seinen Besitz aufbaute und sich mit dem Schwiegervater um die Milchwirtschaft kümmerte, besorgte die junge Frau, unterstützt von ihrer Mutter, den Haushalt. Zunächst in ihrem Erdloch, dann in einer windschiefen Blockhütte. Nachdem die Männer endlich die Sennerei und die Ställe fürs Vieh errichtet hatten, machten sie sich an den Bau eines Herrenhauses. Das geschah sechs Jahre nach ihrer Ankunft in Transkaukasien. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Barbara bereits drei Kinder zur Welt gebracht.
In den folgenden Jahren wurde Mamutlie, ihr Gutshof, zu einem Musterbetrieb ausgebaut. Von Kutzschenbach und das ehemalige Bauernmädchen gehörten inzwischen zu den reichsten Kolonisten in Grusinien. Sie hatten, umgeben von einer ihnen feindlich gesinnten tatarischen Bevölkerung, welche die Grenzen ihres Besitztums nicht anerkennen wollte, gewissermassen aus dem Nichts ein kleines Königreich aufgebaut. Von Kutzschenbach betrieb Viehwirtschaft. Daneben züchtete er Pferde und Schweine. Inzwischen war Mamutlie dreimal grösser als Eben-Ezer.
Simon zog Sophie an sich. «Ich bin auch neugierig, Mamutlie kennenzulernen. Ausserdem will ich den Wald, koste es, was es wolle!»
Ein paar Tage später ritt er durch den Forst, den ihm der Deutsche zum Kauf angeboten hatte. Er stellte fest, dass es sich um einen prächtigen Nutzwald handelte, in dem vor allem Eichen, Rot- und Weissbuchen, Ahorn und Eschen wuchsen. Gottlieb Graf hatte ihm erzählt, dass auf Mamutlie neben den zahlreichen Käsern und Handwerkern auch deutsche Forstleute arbeiteten. Sie hatten zusätzlich zu den Laubbäumen Fichten, Weisstannen und Kiefern angepflanzt, die in frühestens achtzig Jahren hiebreif sein würden. Simon kam zum Schluss, dass der geforderte Preis nicht zu hoch war.
2
Am 4. Juni 1881, dem Tag vor Pfingsten, brachen die Diepoldswilers schon früh in ihrer leichten, mit einem Halbverdeck versehenen Kutsche auf. Simon, der das Gefährt selbst lenkte, hatte vier kräftige Pferde vorgespannt, denn Mamutlie lag auf fünfzehnhundert Meter über dem Meer. Sie fuhren Richtung Süden. Kühe, die zum Melkplatz getrieben wurden, kreuzten ihren Weg. Hirten auf ihren ungesattelten Pferden grüssten, wenn sie den Patron und seine Familie sahen. An den Hängen der Hügel linker Hand der Strasse weideten Schafe. Sie passierten Kiriani und Kamarlo, zwei kleine Siedlungen mitten in der Einsamkeit des weiten Graslands. Im fahlen Morgenlicht verlor sich die Steppe nach Westen im Ungefähren. Die um diese Jahreszeit noch schneebedeckten Kämme des Dschawachetischen Gebirges blieben unter einer Wolkendecke verborgen.
Sophie sass im Fond des Wagens. Der fünfjährige Jakob, dessen Kopf in ihrem Schoss ruhte, war eingeschlafen. Ihr gegenüber las Karl ein Buch. Seit er das Alphabet begriffen hatte, versuchte er alles Schriftliche, das ihm in die Hände geriet, zu entziffern. Er war ein feinfühliges Kind. Am vergangenen Christfest, das man im Herrenhaus gemeinsam mit dem Gesinde zu feiern pflegte, hatte Karl die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium vorlesen dürfen. Anschliessend stellte er sich vor Wassilij, der still in einer Ecke sass, und rezitierte auswendig auf Russisch Wort für Wort die Überlieferung vom Engel, der den Hirten auf dem Feld erschienen war, so wie es in der orthodoxen Bibel aufgeschrieben war. Der alte Mann hatte ihn ungläubig angestarrt. Als der Bub fertig war, verliess Wassilij den Raum und kehrte kurz darauf zurück. Er drückte Karl ein Heiligenbildchen mit der Muttergottes von Kasan und ihrem Kind in die Hand. Dann umarmte er den Jungen und küsste ihn auf beide Wangen. Als der Russe in seiner Jugend an die Armee verkauft worden war, hatte er von seiner Liebsten zum Abschied einen Bogen mit einhundert Bildchen der Gottesmutter geschenkt bekommen. Vor jeder Schlacht und jedem Gefecht hatte er eines davon gegessen. Er war überzeugt, nur deshalb von Hieb und Stich, von Kugel und Schrapnell verschont geblieben zu sein. Er hatte auch Sophies Mutter, Thilde Schüpbach, als sie drei Tage lang in Wehen lag, das Konterfei der Jungfrau in den Mund gesteckt. Als Schluckzettel. Er war sich sicher, dass Sophie nur ihretwegen gesund auf die Welt gekommen war. Thilde allerdings, die an der Geburt gestorben war, hatte die Muttergottes nicht geschützt.
Hannes sass neben seinem Vater auf dem Kutschbock. Wenn Cornelius Fresendorff auf Sophies Frage antwortete, er sei ein braves Kerlchen, dann wusste sie, dass ihr Zweiter, was dessen schulische Leistungen betraf, nicht danach strebte, mit seinem älteren Bruder Schritt zu halten oder ihn gar zu übertreffen. Seine Interessen waren anderer Art. Er trieb sich in jeder freien Minute in den Ställen und in der Käserei herum. Er vergass die Zeit, wenn er an der Koppel stand und den weidenden Kabardinern zuschaute. Hannes war dabei, wenn man den Stier zur Kuh führte, und sah gespannt zu, wie sie neun Monate darauf kalbte. Er begriff, dass manche Kälblein schon früh geschlachtet werden mussten, da man das Lab aus ihren Mägen für die Herstellung von Käse brauchte. Es machte ihm nichts aus, wenn der Vater die jungen Tiere mit einem raschen Schnitt durch die Kehle tötete, er hielt sogar das grosse Becken unter die klaffende Wunde, um das Blut aufzufangen, aus dem Mayranoush Würste machte.
Hannes war Simons Lieblingssohn. Manchmal setzte er ihn vor sich aufs Pferd und ritt mit ihm hinaus in die Steppe. «Du bist mein kleiner Stier», sagte er, wenn er den kräftigen, kompakten Körper des Knaben spürte. Mein kleiner Stier: So hatte ihn vor Jahren sein eigener Vater genannt. Manchmal zerzauste er dem Jungen mit verschämter Zärtlichkeit das Blondhaar.
Kurz hinter Dmanissi versperrten vier berittene Tataren der Kutsche den Weg. Jeder von ihnen trug eine mehr oder weniger zerschlissene Tscherkesska und auf dem Kopf eine riesige, kegelförmige Papacha aus Lammfell. Sie waren mit einer Berdanka, einem veralteten russischen Armeegewehr, ausgerüstet, das über ihre Rücken hing, sowie einem Patronengurt, den sie schräg über Schulter und Brust trugen. Ausserdem besass jeder der Männer einen Kindschal, einen etwa fünfzig Zentimeter langen Dolch, der als Stich- und Schlagwaffe verwendet werden konnte.
Simon brachte das Gefährt zum Stehen und tastete nach seinem Repetiergewehr, das unter dem Kutschbock lag. Sophie, die an den Überfall dachte, bei dem ihr Vater ums Leben gekommen war, konnte einen leisen Schreckensruf nicht unterdrücken. Karl und Hannes starrten die wilden Gesellen aus weit aufgerissenen Augen an. Nur Jakob schlief weiter.
Der Anführer der Männer, ein Alter mit einem langen, weissen Bart, hob beide Hände mit der Innenfläche nach aussen, zum Zeichen, dass er keinerlei feindliche Absicht hege. Er stieg vom Pferd, deutete auf seine Brust und sagte «Allachwer». Das war offenbar sein Name. Dann reichte er Simon ein zusammengefaltetes Blatt. Gleichzeitig deutete er auf ein Messingschild an seinem Patronengurt. Tschapar des Herrn von Kutzschenbach stand da in perforierter Schrift. Simon überflog das Papier. «Ihr braucht keine Angst zu haben», sagte er zu Sophie und den Buben. «Die Männer gehören zu Kutzschenbachs Leibwache und sollen uns sicher bis nach Mamutlie begleiten.»
Allachwer, ob er nun verstanden hatte, was der Gast seines Herrn sagte oder nicht, nickte eifrig und zeigte Richtung Süden. Von zwei bewaffneten Tataren vor und zwei hinter der Kutsche eskortiert, fuhren sie auf der Landstrasse weiter. Sie passierten nacheinander vier Siedlungen mit einem halben Dutzend erbärmlicher Erdhütten, dazwischen ab und zu ein elendes Holzhaus. Halbwilde Hunde balgten sich mit Scharen von Krähenvögeln um Abfälle. Männer in zerlumpten Kleidern starrten den Reisenden misstrauisch nach. Manchmal fuhren sie an einer verschleierten, von schmutzigen Kindern begleiteten Frau vorbei, die auf dem Kopf einen Wasserkrug oder ein Bündel Holz trug.
Am späteren Nachmittag öffnete sich vor ihnen ein breiter, nach Südwesten sanft ansteigender Talkessel. Er war im Osten von Hügeln begrenzt, an deren Hängen von Bäumen und Sträuchern bewachsene Felsen standen. Im Süden und Westen schloss eine lange, steil abfallende Wand aus Lavagestein, über die ein tosender Wasserfall stürzte, den Talboden ab. Die grünen Wiesen, auf denen Obstgärten angelegt waren, standen in einem seltsamen Gegensatz zu den verwahrlosten Äckerchen und Weiden der Tatarensiedlungen, die sie hinter sich gelassen hatten.
Mamutlie war ein Dorf, wie man es auch in Deutschland hätte finden können: eine kleine Kirche mit Glockenturm, um die sich fünf Dutzend schmucke, mit roten Ziegeldächern bedeckte Häuser scharten, davor Gemüsegärten. Hier lebten offenbar die Angestellten des Gutsbesitzers und ihre Familien. An einem Gebäude hing eine Tafel: Ambulanz und Apotheke. Am Rand der Siedlung standen Ställe, eine grosse Sennerei samt Käsekeller, eine Mühle, eine Stellmacherei, eine Backstube, ein Badehaus und eine Schmiede. Und mittendrin, eingerahmt von Bäumen und Ziersträuchern, eine Parkanlage: kurz getrimmter englischer Rasen und ein Teich, aus dem die Fontäne eines Springbrunnens in die Höhe schoss. Am Ufer des Wassers lag das Herrenhaus, auf dessen Freitreppe Alexander von Kutzschenbach, seine Frau und ihre Kinder standen, um die Gäste zu empfangen – ein Fürst, der sich mit seiner Familie präsentiert.
Wie schon in Tiflis küsste der Deutsche Sophies Hand, und wie damals spielte ein Lächeln um ihre Lippen, das sich vertiefte, als die älteste Tochter des Gastgebers mit spitzen Fingern ihren Rock leicht anhob und knickste. Die drei Söhne, von denen der älteste bald mannbar sein würde, während es sich bei den beiden anderen um Halbwüchsige handelte, führten einen tadellosen Diener vor. Die Diepoldswilerbuben, die diese Art von Begrüssung einschüchterte, schauten fragend zu ihrem Vater, dessen strenger Blick ihnen jede Reaktion verwies. Die Atmosphäre entspannte sich erst, als Barbara von Kutzschenbach, die einen Säugling auf dem Arm trug und ein etwa Dreijähriges an der Hand hielt, die Gäste in breitem Berndeutsch willkommen hiess. Ein stattliches Weibervolk mit kräftigen Armen und breitem Becken, wie eine Emmentaler Bäuerin, dachte Simon.
«Du kannst jetzt das Nachtessen vorbereiten», wies Herr von Kutzschenbach seine Frau an. «Und ihr kümmert euch um die drei Jungen», befahl er seinen Kindern. «Ich zeige Herrn und Frau Diepoldswiler unterdessen Mamutlie. Nach der Mahlzeit können wir», er wandte sich an Simon, «das Geschäftliche erledigen. Morgen nach dem Gottesdienst werden wir einen Ausflug zum Steppensee und zur Almkäserei machen. Ich hoffe, Sie und Ihre Familie geniessen den Aufenthalt bei uns.»
3
Am Sonntag nach dem Besuch auf Mamutlie ritt Simon auf seinem Kabardiner Verdandi südwärts durch die Steppe. Er hatte den Arm um Hannes gelegt, der vor ihm im Sattel sass. Vater und Sohn wurden begleitet von Lewan Gabaschwili, einem Georgier aus dem Dorf, Cornelius Fresendorff und Wassilij. Der Russe sass, seinem Alter zum Trotz, noch immer gut im Sattel. Er hatte darum gebeten, mitkommen zu dürfen. Die Männer hatten ihre Nabadis, Hirtenmäntel, die man beim Schlafen als Decken benutzen konnte, hinter ihren Sätteln aufgeschnallt. Ihr Ziel war Baron von Fenzlaus ehemalige Jagdhütte am Ufer des Pinesauri. Sie würde Gabaschwili als künftige Wohnung dienen. Nachdem durch den Erwerb des Kutzschenbachschen Forsts die Waldungen von Eben-Ezer markant grösser geworden waren, hatte sich Simon entschlossen, dem jungen Mann, der bis dahin in der Zimmerei von Hovhannes Stepanyan gearbeitet hatte, das Amt eines Wald- und Wildhüters anzuvertrauen.
Ab und zu warf Simon einen Blick auf Cornelius. Er hatte nicht vergessen, wie erbärmlich der junge Mann bei seiner Ankunft auf Eben-Ezer auf seinem Maulesel gesessen war. Damals hatte er sich vorgenommen, ihm das Reiten beizubringen. «Hier draussen müsst Ihr mit einem Pferd umgehen können», hatte er ihm erklärt. «Ihr werdet mich von jetzt an einmal in der Woche begleiten, wenn ich bei den Hirten, die mein Vieh hüten, zum Rechten sehe.»
«Ich muss doch Karl und Hannes das Abc beibringen», hatte Cornelius einzuwenden gewagt. Ihm graute davor, mit dem Patron durch die Steppe zu galoppieren.
«Den Unterricht könnt ihr am Mittwochnachmittag nachholen, wenn die Buben freihaben.» Simon war energisch geworden: «Wenn einmal eine Bande von Tataren hinter Euch her ist, werdet Ihr froh sein, reiten zu können. Und wenn wir schon davon sprechen», er hatte den Schulmeister streng angeschaut, «könnt Ihr mit einem Gewehr umgehen?»
«Um Himmels willen!» Der Balte war ehrlich entsetzt gewesen. «Ich habe noch nie eine Flinte in den Händen gehabt. Ich bin ein friedlicher Mensch. Von meinem Vater habe ich gelernt, Wunden zu heilen, nicht welche zuzufügen.»
«Dann ist es höchste Zeit, dass sich das ändert. Ich werde Euch schiessen lehren. Glaubt mir: Früher oder später werdet Ihr es brauchen. Ihr seid nicht mehr in Libau. Dies ist ein wildes Land, und wer sich nicht zu wehren weiss …» Simon hatte den Satz nicht beendet.
Zu seiner Befriedigung sass Fresendorff inzwischen ganz passabel im Sattel. Mit seinen Schiesskünsten war es allerdings nicht weit her. Noch immer erschrak er, wenn er den Abzug betätigte, und verzog regelmässig jeden Schuss.
Es war ein herrlicher Frühsommertag. Das kniehohe Gras, das reif für den ersten Schnitt war, beugte sich unter einer sanften Brise. Simon machte Hannes auf fünf grosse Vögel aufmerksam, die mit weit ausgebreiteten Schwingen scheinbar schwerelos hoch über ihnen am Himmel kreisten. «Das sind Gänsegeier», sagte er. «Du erkennst sie an ihrem hellbraunen Federkleid und den fast schwarzen Schwingen, dem weissen Kopf und dem kurzen Schwanz. Sie wohnen im Gebirge.»
«In den Nassen Bergen?»
Dass sich der Bub noch an den Namen erinnerte!
Am Pfingstsonntag waren die Diepoldswilers mit Alexander von Kutzschenbach auf die Hochebene gestiegen, die zu dessen Besitz gehörte. Es war eine baumlose, mit dichtem Gras bewachsene Steppe. Sophie war von den zahlreichen Blumen, die da oben wuchsen, entzückt gewesen. Sie hatte verschiedene Enziane und Hyazinthen entdeckt, rote, blaue und weisse Bergkornblumen, ferner zahlreiche Arten von Glockenblumen, Rittersporn, Eisenhut und sogar eine ihr unbekannte Orchideenart: ein einzelner, purpurroter Kelch auf einem hohen Stängel.
Man befinde sich auf rund tausendsiebenhundert Meter über dem Meer und auf dem Breitengrad von Nizza, hatte ihr Herr von Kutzschenbach erklärt. Sowohl für Menschen und Tiere als auch für die Vegetation sei das Klima ausserordentlich günstig. Er habe hier oben eine Käserei, denn er nutze das Plateau als Sömmerung für sein Vieh.
Man picknickte am Ufer eines Stausees, den man als Reservoir für die Bewässerung des Talkessels von Mamutlie angelegt hatte. Fern im Norden schienen die mit Schnee und Eis bedeckten Gipfel des Grossen Kaukasus bis in den Himmel zu ragen. Im Süden schimmerte bläulich die Kette der Nassen Berge, die von den Einheimischen Kriego genannt wurden. Sie waren bis zu dreitausend Meter hoch und trennten Georgien von Armenien.
«Ja, vielleicht nisten die Geier in den Nassen Bergen», bestätigte Simon. «Vielleicht auch im Dschawachetischen Gebirge, wer weiss das schon.»
Hannes schwieg. Man war nun bereits seit zwei Stunden unterwegs. Er lehnte den Kopf gegen die Brust seines Vaters, der ihn an sich zog. Nach einer Weile schlief er ein.
Cornelius Fresendorff, der sich bisher mit Gabaschwili unterhalten hatte, lenkte sein Pferd neben jenes von Simon. «Lewan erzählt mir, Mamutlie sei ein kleines Fürstentum. Die Tataren würden Herrn von Kutzschenbach Boeg-Aga nennen – grosser Herr.»
Simon lachte. «Jedenfalls herrscht er über viele Leute: deutsche Handwerker und Schweizer Käser, deren Kinder in der Kirche, die unter der Woche als Schulhaus dient, unterrichtet werden. Die Hofknechte sind fast durchweg Ungläubige. Ihre Frauen werden als Melkerinnen beschäftigt. Zu Mamutlie gehören ausserdem noch fünf weitere Güter. Bogas-Kessan bewirtschaftet von Kutzschenbach selbst, die andern vier hat er an Einheimische verpachtet.»
«Und weshalb macht er das?»
«Wahrscheinlich findet er, es sei klüger, von den Tataren Pachtzins zu bekommen, als sie sein Vieh stehlen zu lassen.»
«Also ist er das – ein Boeg-Aga?»
Simon zuckte mit den Schultern. Genau darüber hatten er und Sophie auf der Rückreise nach Eben-Ezer eine Auseinandersetzung gehabt.
Als sie am Pfingstmontag, erneut begleitet von vier Leibwächtern, in ihrer Kutsche heimwärts gefahren waren, hatte Sophie aus dem Fond des Gefährts spöttisch bemerkt: «Eine Oase deutschen Schaffensgeists.»
«Wie bitte?» Simon, der die Zügel in den Händen hielt, hatte den Kopf halb nach hinten gedreht.
«Mamutlie sei eine Oase deutschen Schaffensgeists, hat er am Samstag gesagt, und gestern, als wir mit den Kutzschenbachs in die Kirche gingen, nannte er sein Gut ‹ein deutsches Dorf nach deutscher Art und in deutschem Geist›. Hast du das nicht gehört?»
«Ist es denn nicht so?», hatte sich Simon gewundert.
«Nun, mir will scheinen, beim Aufbau der Siedlung hätten auch Schweizer geholfen, Grusinier, Armenier, Griechen, Perser und Tataren. Ich weiss das von seiner Frau. Auch Barbara hat ihren Beitrag geleistet: Sie kümmert sich nicht nur um die Hauswirtschaft, sondern auch um die Herrschaften aus Tiflis, Leute von der Regierung mit ihren Frauen, die nach Mamutlie kommen, um zu sehen, wie man sich dort inmitten von Räuberdörfern eingerichtet hat. Die arme Frau!» Sophie seufzte.
«Weshalb soll sie eine arme Frau sein?»
«Ist dir an ihren Kindern nichts aufgefallen?»
«Es sind ganz normale gesunde Buben und Mädchen.»
«Karl, der älteste, ist sechzehn», begann Sophie aufzuzählen. «Margarethe fünfzehn, Alex zwölf, Kurt zehn.» Sie machte eine Pause. «Elisabeth ist drei, und Marie kam letztes Jahr auf die Welt.» Sophie schaute ihren Mann bedeutungsvoll an.
Simon zuckte mit den Schultern. «Ja und?» Er wusste nicht, worauf sie hinauswollte.
«Zwischen Kurt und Elisabeth ist eine Lücke von sieben Jahren! Barbara hat in dieser Zeit vier weitere Kinder geboren. Drei von ihnen wurden innerhalb einer Woche von der Bräune dahingerafft. Sie waren damals zwischen zwei und vier Jahre alt. Das vierte Kind, ein sechsjähriges Mädchen, ging ein Jahr darauf elend an der Brechruhr zugrunde. Sie alle liegen auf dem Friedhof von Mamutlie. Kannst du dir vorstellen, was es heisst, vier Kinder zu verlieren?»
Simon, der auf dem Kutschbock sass, wandte ihr den Rücken zu, so dass sie nicht sehen konnte, wie sich sein Gesicht verfinsterte. Der Tod hatte ihn während seiner ganzen Kindheit und Jugend begleitet. Als er neun Jahre alt war, stand er am Sarg seiner Mutter, die zusammen mit dem Brüderlein begraben wurde, das sie tot zur Welt gebracht hatte. Zwei Jahre später schleiften zwei durchgebrannte Pferde seinen Vater zu Tode. Er war dreizehn gewesen, als seine Schwester Esther, die von ihrem Vetter vergewaltigt worden war, ihre Leibesfrucht von einer Kurpfuscherin abtreiben liess und den Eingriff nicht überlebte. Fünf Jahre darauf krepierte sein Bruder Jakob nach langem Leiden an der Schwindsucht. Sophie brauchte ihn nicht zu fragen, ob er sich vorstellen konnte, wie Barbara von Kutzschenbach gelitten haben musste. Wahrscheinlich hatte sie, so wie er, den Schmerz in sich hineingefressen.
Karl, der dem Gespräch gefolgt war, enthob Simon einer Antwort, die wohl schroff ausgefallen wäre. «Was ist die Bräune?», fragte er.
Sophie erstarrte. Die Halsenge, wie die Bräune auch genannt wurde, war der Schrecken aller Mütter. Die Schwaben in Katharinenfeld bezeichneten die Krankheit als den Würgeengel der Kinder. Sie forderte auf der ganzen Welt Jahr für Jahr Zehntausende von Opfern. «Das ist eine furchtbare Krankheit. Die Ärzte nennen sie Diphterie», erklärte sie. «Im Rachen entwickelt sich ein schlecht riechender, weissgelblicher Belag, man hat starke Schmerzen im Hals, man hat Fieber, man hustet, und das Atmen fällt einem immer schwerer. Mayranoushs kleiner Sohn, mein Milchbruder Hovan, ist daran gestorben – und eben, drei Kinder von Frau Kutzschenbach.»
«Und die Brechruhr?» Karl wollte immer alles ganz genau wissen.
«Das kann ich dir sagen.» Simon drehte den Kopf zum Jungen, der schräg hinter ihm sass. «Sie brach auf dem Schiff aus, mit dem wir mit der Auswandererharmonie der Kinder Gottes von Schwaikheim, einer Gruppe von Frömmlern», er lachte trocken, «die Donau hinuntergefahren sind. Mich hat es auch erwischt. Man kann seinen Stuhl nicht zurückhalten, und man kotzt sich die Seele aus dem Leib. Es ist, als müsse man auslaufen. Ausserdem sinkt die Körpertemperatur, man friert ständig und phantasiert wirres Zeug. Vierzehn von uns sind gestorben. Wir haben sie auf einer Donauinsel bestatten müssen. Ich habe nur überlebt, weil mein Bruder mich gepflegt hat.» Er verstummte und liess seine Schultern fallen.
Sophie legte Karl die Hand auf den Arm und bedeutete ihm, keine weiteren Fragen mehr zu stellen.
Gestern nach dem Gottesdienst in der Kirche von Mamutlie hatten sie und Barbara die vier Kindergräber besucht. Die Mutter war mit gefalteten Händen und unbewegtem Gesicht dagestanden. Betete sie? Aus ihrem hochgesteckten Haar hatte sich eine Strähne gelöst und war ihr ins Gesicht gefallen. Sie schien es nicht zu bemerken. Als Sophie sie nach einer Weile fragte, wie sie diesen vierfachen Schicksalsschlag überlebt habe, zitierte Barbara aus dem Buch Hiob: «Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?» Wie fast alle Kolonistenfrauen war sie bibelfest. Sie lese, gestand sie, jeden Tag ein Kapitel aus der Heiligen Schrift und schöpfe daraus Kraft.
«Die arme Frau», wiederholte Sophie. «Zehn Mal war sie bisher schwanger. Neben der Erziehung der Kinder muss sie für die ganze Familie kochen und plätten. Zusammen mit ihrer hochbetagten Mutter flickt und näht sie bis tief in die Nacht hinein. Es hat Jahre gedauert, bis sie eine tüchtige Hausangestellte aus der Schweiz bekam, Käthi Bieri, die jetzt mit Gottlieb Graf verheiratet ist. Stell dir vor: Barbara war noch nie in Tiflis, obwohl ihr Mann häufig dort ist und sich von den Einheimischen als Boeg-Aga ansprechen lässt – hoher Herr, als sei er ein englischer Sahib in Indien.»
«Was stört dich daran?»
«Wie nennen dich unsere Leute auf Eben-Ezer?»
«Simon, sagen sie zu mir, und manchmal Patron.»
«Eben. Und weshalb beschäftigst du auf unserem Hof keine Schweizer und Deutschen?»
«Die Grusinier und Armenier, die bei uns leben, sind tüchtige Leute, die ihr Handwerk verstehen. Und was das Käsen betrifft, so haben Dawit Achwlediani und seine Söhne rasch begriffen, wie man Emmentaler produziert. Was soll ich also Schweizer anstellen, die erst noch eine höhere Entlöhnung erwarten?»
«Die Schweizer von Herrn von Kutzschenbach haben sich, nachdem sie genügend Geld erspart hatten, selbstständig gemacht, so wie unser Nachbar, Gottlieb Graf», sagte Sophie. «Sie haben von adeligen Grossgrundbesitzern Land gekauft, auf dem seit Generationen Einheimische als Pächter und Kleinbauern lebten. Den armen Leuten blieb nichts anderes übrig, als sich den neuen Herren als Hirten und als Melkerinnen anzudienen.»
«Worauf willst du hinaus?»
«Kurz vor seinem Tod hat mein Vater in sein Lebensbuch geschrieben: Wir Siedler sind nur zu Gast in diesem Land, und es wird sich eines Tages rächen, dass wir uns aufführen, als gehöre es uns. Der Boeg-Aga auf seiner ‹Oase deutschen Schaffensgeists› täte gut daran, sich diesen Satz hinter die Ohren zu schreiben, statt immer mehr Fremde anzustellen, die den Einheimischen ihr Land wegnehmen.»
«Lewan hat mir von Räuberbanden erzählt, welche die Gegend um Mamutlie unsicher machen», unterbrach Cornelius Simons Gedankengänge. «Wie setzt sich Herr von Kutzschenbach gegen sie zur Wehr?»
«Er hat eine bewaffnete Leibwache, zehn berittene Tataren.» Ihm scheine, hatte Simon vor einer Woche zum Deutschen gesagt, seine Garde unterscheide sich nicht gross von den tatarischen Viehdieben, mit denen er sich auf Eben-Ezer herumschlage. Von Kutzschenbach hatte gelacht. «Die meisten von ihnen waren wohl selbst Räuber, bis sie in meine Dienste traten. Wie heisst es so schön? Der Armenier treibt Handel, der Georgier feiert, der Russe trinkt Wodka, und der Tatar stiehlt.» Tatsächlich kenne kaum ein Asiate die deutschen Begriffe Zuverlässigkeit, Pflichttreue und Pünktlichkeit, fuhr er fort. Man müsse sie behandeln wie Kinder: streng, aber gerecht. Nur durch ein gutes Beispiel und Erziehung gelinge es, aus einem Tataren einen brauchbaren Menschen zu machen.
Kurz vor der Abreise hatte Alexander von Kutzschenbach Simon noch eine Warnung mit auf den Weg gegeben: «Mein Haupttschapar Allachwer wird euch mit drei seiner Leute bis Kariani begleiten und dort Zviad Ratischwili einen Brief übergeben, in dem ich ihm mitteile, dass ich mich entschieden habe, meinen Wald bei Dmanissi Ihnen und nicht ihm zu verkaufen. Nehmen Sie sich vor ihm in Acht. Er ist ein cholerischer Mensch und wird meinen Entschluss nicht einfach akzeptieren. Wenn ich Ihnen raten darf: Seien Sie auf der Hut vor ihm. Die Ratischwilis sind eine gewalttätige Brut. Sie sind es schon immer gewesen.»
Er sei nie unbewaffnet unterwegs, hatte Simon erwidert, und er wisse sich zu wehren.
Ratischwili
1
Die vier Reiter erreichten das einfache Blockhaus am Pinesauri, in dem Lewan Gabaschwili in Zukunft hausen würde. Hannes bestaunte das gewaltige Geweih, das über der Türe befestigt war.
«Dein Grossvater hat diesen Hirsch erlegt», sagte Simon. «Er war ein grosser Jäger.»
Die Sonne hatte bereits den Zenit überschritten. Nach einem kleinen Imbiss drängte Simon darauf weiterzureiten. Er wollte Lewan den neuen Wald zeigen. Sie folgten einem schmalen Pfad flussaufwärts. Unterwegs erklärte Simon dem Georgier, wie er sich die Bewirtschaftung des Forsts vorstelle. Seine Lehrmeister, die Brüder Lüthi auf dem Ulmenhof, waren auch Waldbesitzer gewesen. Sie hatten ihm beigebracht, was unter Jungwuchspflege zu verstehen sei und dass eine Waldung durchforstet werden müsse, um die Stabilität des Baumbestandes sicherzustellen und den Zuwachs zu lenken. Er legte dem Georgier ans Herz, dort, wo die Laubbäume ihre im Schatten der eigenen Krone abgestorbenen Äste nicht von allein verlören, im unteren Stammbereich, eine Astung vorzunehmen, um die Qualität des Holzes zu erhöhen. Schliesslich kam er auf Wildschäden zu sprechen, die, wenn es zu viel Reh-, Rot- und Schwarzwild gab, für die Entwicklung eines Mischwaldes eine ernsthafte Gefahr darstellten. «Du wirst die Tiere im Auge behalten und mir berichten, wenn wir zur Jagd blasen müssen. Im Übrigen wirst du dort, wo es notwendig ist, Zäune ziehen. Weisst du auch, wie man einzelne Jungpflanzen vor Verbiss schützen kann?»
Lewan nickte. «Wir pflegen unbehandelte Schafwolle um die Gipfelknospen der jungen Bäume zu wickeln.»
Das Gespräch verlief nicht so einfach, wie es hier aufgezeichnet ist. Simon und Lewan bedienten sich, wie das in Transkaukasien unter den Angehörigen verschiedener Völker üblich war, des Russischen. Allerdings kamen sie mit ihrem Wortschatz, wenn es um Fachausdrücke der Waldpflege ging, an ihre Grenzen. Manchmal konnte ihnen Hannes helfen. Er spielte auf Eben-Ezer oft mit Gleichaltrigen aus dem Dorf und beherrschte deshalb leidlich Georgisch. Wenn die Männer nicht mehr weiterwussten, liess er sich vom Vater respektive von Lewan erklären, was sie meinten, und übersetzte es für den anderen. Als Cornelius Fresendorff, der dem Dialog folgte, seinen Schüler lobte, beugte sich Simon über ihn und flüsterte ihm ins Ohr: «Du bist ein Teufelskerl! Ich bin froh, dass ich dich mitgenommen habe.»
Sie hatten inzwischen jenen Teil des Waldes erreicht, der bis vor einer Woche noch Herrn von Kutzschenbach gehört hatte. Der Pfad führte durch dichtes Unterholz. Auf einmal zügelte Simon sein Pferd und bedeutete seinen Begleitern, ebenfalls anzuhalten. Er lauschte. Ihm war, als habe er gehört, wie jemand den Hahn einer Flinte spannte. In diesem Moment fiel ein Schuss und Hannes schrie gellend auf. Eine Kugel hatte ihn ins linke Bein getroffen. Simon glitt mit dem Kind in den Armen vom Pferd und legte es sorgfältig auf den Boden. Er und Fresendorff beugten sich über den Jungen. Die Wunde sah übel aus. Hannes schrie ununterbrochen. Simon schaute Cornelius verzweifelt an. «Was machen wir nur?», stammelte er.
«Man muss zuerst das Blut stillen», sagte der Balte. Er entledigte sich seines Jacketts, zog sein Hemd über den Kopf und zerriss es. Er legte einen Streifen des Leinenstoffs mehrfach zusammen und drückte ihn mit der flachen Hand auf die Wunde. Hannes schrie laut auf und fiel dann in Ohnmacht.
«Das ist gut», murmelte Cornelius, «so spürt er die Schmerzen nicht.» Er bat Simon, ihm eine weitere Binde vorzubereiten, und legte sie über die blutdurchtränkte erste. Im selben Augenblick pfiff eine zweite Kugel über ihre Köpfe.
«Das Feuer kommt von dort!» Wassilij, der sich neben Lewan auf den Bauch gelegt hatte, wies in die entsprechende Richtung. «Das Schwein will uns töten.»
Simon sprang auf und nahm sein Gewehr aus dem Futteral, das am Sattel seines Pferdes befestigt war. Dann warf er sich zu Boden. Kurz darauf erfolgte ein weiterer Schuss. Jetzt hatte auch er das Mündungsfeuer gesehen und konnte sich ausrechnen, dass der Schütze knapp achtzig Meter von ihnen entfernt war. Aufgrund der Abstände, in denen er auf sie feuerte, war sich Simon sicher, dass der Mann eine Waffe hatte, die nach jedem Schuss nachgeladen werden musste. «Nimm deine Flinte!», befahl er leise Lewan. «Wenn er das nächste Mal nachlädt, stürmen wir nach vorn und nehmen ihn in die Zange. Aber ich will ihn lebend.»
Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis eine vierte Kugel über sie flog.
«Jetzt!», schrie Simon. Die beiden Männer rannten in weitem Abstand voneinander dorthin, wo sie den Schützen vermuteten. Nach wenigen Sekunden sahen sie ihn. Der Mann stand hinter dem hellen Stamm einer Rotbuche und lud fieberhaft seine Büchse. Als die beiden ihre Gewehre auf ihn richteten, warf er seine Waffe weg und blieb stehen. Simon musterte den Kerl. Er war jung, noch keine zwanzig. Sein schwarzes Haar fiel ihm in die Stirn, die dichten Augenbrauen waren über der Nasenwurzel zusammengewachsen. Am Kinn spross ein schütterer Bart. Der Kleidung nach zu schliessen, kam er aus begüterten Verhältnissen. Ein reicher Rotzbengel.
«Wer bist du, du Lumpenhund?», herrschte Simon ihn auf Russisch an.
Der andere starrte seinen Bezwinger hasserfüllt an und schwieg.
Simon, der jetzt nach dem Schock des Überfalls spürte, wie eine unbändige Wut in ihm hochstieg, gab dem Burschen zwei Maulschellen. «Wenn ich dich etwas frage, gibst du Antwort!», brüllte er.
«Grigol Ratischwili», stiess der Bursche zwischen den Zähnen hervor, «der Sohn von Fürst Ratischwili.»
«Fürst!», höhnte Simon. «Und weshalb schiesst du auf uns, du Verbrecher?»
«Georgien gehört dem georgischen Adel. Ihr Fremden habt hier nichts zu suchen. Stattdessen stehlt ihr unser Land und verschachert es untereinander, so wie diesen Wald, der im Besitz unserer Vorfahren war und uns wieder gehören wird, sobald ihr euch dorthin schert, wo ihr hergekommen seid. Wir hassen euch!» Der junge Mann spuckte Simon an.
Das hätte er besser unterlassen. Simon schlug den Kerl nieder und gab ihm einen Fusstritt. «Stehlen!», empörte er sich. «Fürstengesindel wie deine Familie hat riesige Grundstücke für gutes Geld an die Siedler verkauft!», schrie er. «Und jetzt wollt ihr uns ermorden, damit ihr beides behalten könnt, das Geld und das Land. Ihr seid keinen Deut besser als dreckiges Tatarenpack!» Er holte tief Atem. «Du feiger Hund schiesst sogar auf Kinder. Komm, schau dir an, was du angerichtet hast!» Er packte Grigol am Genick, stellte ihn auf die Füsse und stiess ihn vor sich her.
Hannes, der auf dem Boden lag, war totenbleich. Sein blondes Haar klebte an der Stirn.
Cornelius Fresendorff, der mit nacktem Oberkörper neben ihm stand, hatte, nachdem es ihm gelungen war, die Blutung zu stillen, seinen Nabadi über ihn gebreitet. Der Junge friere, erklärte er. Seine Haut sei, obwohl schweissbedeckt, ganz kalt, und sein Puls rase. Zunächst sei Hannes unruhig gewesen und voller Angst. Jetzt sei er teilnahmslos und verliere immer wieder das Bewusstsein. «Wir müssen ihn schleunigst nach Hause schaffen und einen Arzt kommen lassen. Die Wunde ist am Knie und sieht schlimm aus», fuhr er fort. «Ich weiss nur nicht, wie wir ihn transportieren. Sein Bein sollte ruhiggestellt werden, aber ich wage nicht, es zu schienen.»
Wassilij, der bisher schweigend neben Hannes gekniet und dessen Hand gehalten hatte, hob den Kopf. Während seiner Zeit in der Armee, sagte er, habe man Verwundete auf eine Decke gelegt, die man an beiden Enden verknotet habe, so dass daraus eine Art Hängematte wurde. Darin habe man sie ins Lazarett getragen.
«Das würde allerdings bedeuten, dass wir den Weg zu Fuss zurücklegen müssten», gab Fresendorff zu bedenken. «Unter drei bis dreieinhalb Stunden ist das nicht zu schaffen.»
«Ihr und ich werden das Kind tragen», entschied Simon. «Es ist keine schwere Last. Du, Wassilij, wirst vorausreiten und uns mit einer Kutsche entgegenkommen.»
Während Wassilij auf sein Pferd stieg und Fresendorff die mehrfach gefaltete Decke unter dem Sattel seines Pferds hervorzog, kniete sich Simon neben seinen wimmernden Sohn. Er legte seinen Arm unter dessen Nacken, küsste ihn auf die Stirn und versicherte ihm, dass alles gut werde. «Du brauchst keine Angst zu haben», sagte er leise, «ich bleibe jetzt bei dir.» Ob ihn das Kind überhaupt verstand? Immer wieder fuhr er Hannes durchs Haar. Simon biss sich auf die Zähne. Das Leiden des Siebenjährigen war kaum zu ertragen. Er wandte den Kopf ab. «Alles wird gut», wiederholte er. «Wir sind bald daheim bei Mutter und Mayranoush.» Er stand auf und nahm sein Gewehr. Seine Wut war einem kalten Zorn gewichen. Als er jetzt Grigol Ratischwili anschaute, der von Lewan bewacht wurde, murmelte er: «Kommt aber ein Schade daraus, so soll er lassen Seele um Seele, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuss um Fuss, Brand um Brand, Wunde um Wunde, Beule um Beule.» Es war die einzige Bibelstelle, die er auswendig kannte. Sie entsprach seiner Vorstellung von Moral. Er hob die Waffe, zielte kurz und schoss. Schreiend fiel der fürstliche Mordgeselle zu Boden. Sein linkes Knie war zertrümmert.
Cornelius Fresendorff schaute ihn entsetzt an, versagte sich aber jeden Kommentar.
Lewan Gabaschwili nickte befriedigt. Obwohl von den Russen verboten, war Blutrache in Transkaukasien durchaus üblich, und seiner Meinung nach hatte der Patron nichts anderes getan, als die Gerechtigkeit wiederhergestellt.
«Bring sein Pferd hierher!», sagte Simon zum Georgier. «Er mag selbst sehen, wie er nach Hause findet. Sein Gewehr und sein Messer behältst du. Anschliessend reitest du nach Katharinenfeld und richtest Doktor Erchinger aus, er solle so rasch wie möglich nach Eben-Ezer kommen. Wann können wir aufbrechen?», wandte er sich an Cornelius.
«Ich bin so weit.»
«Das ist gut.»
Jeder von ihnen packte ein Ende der Decke, auf der Hannes lag. Dann fassten sie ihre Pferde am Zügel und machten sich auf den Rückweg.
2
Sophie und Karl sassen an diesem späten Sonntagnachmittag auf der Bank unter der Blutbuche. Der Junge las der Mutter aus dem Lederstrumpf vor, den sie ihm zum achten Geburtstag geschenkt hatte. Durch das offene Fenster des Salons war Jakob zu hören, der Klavier spielte und dazu sang. Karl liess das Buch sinken. Mutter und Sohn lauschten. Wie üblich wiederholte der Kleine die Melodie mehrmals und interpretierte sie dabei nach seinem eigenen Gusto. Margarethe, die älteste Tochter der Kutzschenbachs, besass eine Musikdose, auf deren Emaildeckel Papageno in seinem Federkleid abgebildet war. Wenn man sie aufzog, ertönte das Glockenspiel des Vogelfängers aus der Zauberflöte. Jakob hatte sich die Melodie am Pfingstsonntag zwei- oder dreimal angehört. Zwei- oder dreimal: Das genügte ihm, sie ein paar Tage später fehlerfrei und in verschiedenen Variationen nachzuspielen! Wieder einmal fragte sich Sophie, ob ihrem Jüngsten bestimmt sei, Musiker oder gar Komponist zu werden. Als sie realisierte, dass Karl ins Leere starrte, schob sie den Gedanken beiseite. «Was bedrückt dich?», wollte sie wissen und legte ihren Arm um die Schultern des Jungen.
«Weshalb liebt Vater Hannes und Jakob mehr als mich?», fragte er leise, ohne die Mutter anzuschauen.
Sophie erschrak. Karl hatte jene Frage gestellt, vor der sie sich schon lange fürchtete. Sie hatte sich eingeredet, es sei noch nicht an der Zeit, ihm zu sagen, dass er nur den Namen Diepoldswiler trug, dass aber Simon nicht sein leiblicher Vater war. Aber wann war es soweit? Wenn Karl erwachsen sein würde? Wenn er selbst darauf kam? Wenn er spürte, dass er anders behandelt wurde als seine Brüder – seine Halbbrüder? Also jetzt? «Wie kommst du darauf, dass Vater dich weniger lieben soll?», fragte sie hilflos.
«Er nimmt nur Hannes mit, wenn er ausreitet. Er nennt ihn ‹mein kleiner Stier›. Zu mir sagt er höchstens ‹Grosser›», brach es aus ihm heraus. «Jakob streicht er häufig über den Kopf und behauptet, er sei aus demselben Holz geschnitzt wie unser verstorbener Onkel. Er ist stolz darauf, dass der Kleine schon Klavier spielen kann. Wenn Herr Fresendorff mich für meine Leistungen im Unterricht lobt, ist ihm das gleichgültig.» Karls Augen füllten sich mit Tränen. Er presste die Faust gegen den Mund, konnte aber ein Schluchzen nicht unterdrücken.
Sophie zog ihn an sich. «Schau», sagte sie, als er sich etwas beruhigt hatte, «alle Eltern lieben ihre Kinder. Vielleicht nicht jedes gleich, aber jedes auf eine andere Art. Hannes erinnert den Vater an seinen eigenen Vater, der gestorben ist, als er elf war. Jakob mahnt ihn an seinen Bruder, den er vor fünfzehn Jahren begraben musste. Du bist ihm etwas fremd. Du bist kein Bauer wie Vater und kein Künstler wie dein Onkel. Bei dir schlägt das baltische Erbe deines Grossvaters durch.» Und wenn man deinen dunklen Teint, deine dunklen Augen und dein dunkles Haar betrachtet, dachte sie, jenes von Schota Awalischwili, deinem Erzeuger. «Du hast viel von meinem Vater», fuhr sie fort, «seine schlanke Gestalt, seine Intelligenz und ja, auch seine zurückhaltende, vornehme Art.» Sophie fühlte sich unsicher. «Ich habe ihn sehr geliebt, obwohl ich erst kurz vor seinem Tod erfahren habe, dass ich seine Tochter bin. Ich bin froh, dass er in dir weiterlebt. Für mich bist du etwas ganz Besonderes.»
Karls Weinen liess nach.
Sophie küsste ihn auf die Stirne. «Lies mir jetzt das Kapitel von Unkas Tod fertig vor und geh dann zu deinem kleinen Bruder. Sag ihm, dass er nicht den ganzen Tag am Klavier sitzen, sondern auch ab und zu ins Freie gehen soll.»
Beim Abendessen erwähnte Ekaterina, sie habe gegen vier Uhr gesehen, wie Wassilij drüben bei den Ställen zwei Pferde vor eine Kutsche gespannt habe und dann davongefahren sei.
«Weshalb hat ihn Simon wohl zurückgeschickt?», wunderte sich Sophie. Sie mass dem Vorfall aber keine Bedeutung bei. Später sass sie auf der Veranda. Es war noch hell. Ihre Gedanken kreisten um Karl und seinen Kummer.
«Was beschäftigt dich?» Mayranoush hatte eine Kanne Tee und einen Teller mit Gebäck aufgetischt. Jetzt nahm sie ihr gegenüber Platz und schaute die junge Frau forschend an.
«Karl.» Sophie seufzte. «Er hat mich heute gefragt, weshalb sein Vater ihn weniger liebe als seine Brüder.»
«Und, hast du ihm gesagt, dass er nicht Simons Sohn ist?»
«Nein, das ist doch noch zu früh.»
«Ob es für dich nicht immer zu früh sein wird?» Die Armenierin unterdrückte ein Lächeln. «Willst du es halten wie der Baron, der erst, als er im Sterben lag, zugab, dass er dein Vater war?»
Das sei etwas anderes, behauptete Sophie. Sie habe das Geständnis ihres Vaters als Geschenk empfunden. Karl hingegen müsse sie etwas wegnehmen, wenn sie ihm sage, dass er nicht Simons Sohn sei.
«Ja, und ausserdem musst du ihm dann sagen, wer sein richtiger Vater ist und weshalb er dich nicht geheiratet hat.»
Sophie wurde rot. «Das kann ich nicht. Ich würde mich zu Tode schämen. Ich trage die Schuld an allem, ich allein.» Sie wich Mayranoushs Blick aus. «Bin ich verpflichtet, Karl mehr zu lieben als die beiden anderen, als Ersatz gewissermassen?», fragte sie.
«Wie soll das gehen? Liebe kann niemals Pflicht sein. Ausserdem sind Hannes und Jakob ebenso deine Söhne wie Karl. Jeder von den dreien hat Anspruch auf deine Liebe. Und es wird immer wieder Ereignisse geben, in denen sie der eine mehr braucht als die beiden anderen.»
Sie schwiegen und schauten hinüber zum Teich im Blumengarten. Jakob und Karl lagen nebeneinander auf dem Bauch und beobachteten die Goldfische, die im dunklen Wasser unter den Seerosen ihre Bahnen zogen. Die Sonne versank allmählich hinter den Kämmen des Dschawachetischen Gebirges. Ihre letzten Strahlen liessen die Krone der Blutbuche leuchtend rot erscheinen. Wie immer um diese Zeit flogen Dutzende von Krähen lärmend übers Herrenhaus zu ihren Schlafplätzen in den Pappeln auf der Krete über dem Weiher.
Der Hufschlag von Pferden war zu hören. Kurz darauf tauchte die Kutsche auf, mit der Wassilij weggefahren war. Simon und Cornelius Fresendorff sassen im Fond des Wagens. Ihre Pferde hatten sie ans Gefährt angebunden.
Sophie sah, wie die beiden Männer Hannes vorsichtig aus dem Wagen hoben. Das linke Bein des Jungen war mit blutdurchtränkten Stofffetzen umwickelt. Sein Gesicht war weiss wie ein Laken. In wenigen Schritten war sie bei ihnen. «Guter Herr Jesus!», stammelte sie. «Was ist geschehen?»
Als Hannes ihre Stimme hörte, begann er zu weinen: «Mein Bein ist kaputt. Es tut so weh», klagte er.
Simon schwieg. An seiner Stelle antwortete der Lehrer: «Wir sind überfallen worden. Eine Kugel hat den Jungen ins Knie getroffen. Lewan Gabaschwili ist nach Katharinenfeld geritten, um den Doktor zu holen. Aber Hannes leidet. Es wäre gut, wenn wir etwas für ihn hätten, um seine Schmerzen zu lindern.»
Inzwischen waren auch Mayranoush, Karl und Jakob näher getreten. Alle starrten entsetzt auf Hannes, dem die Tränen über die Wangen liefen.
«Unterwegs ist er immer wieder in Ohnmacht gefallen», sagte Simon jetzt. «Ich habe geglaubt, er müsse …» Er verstummte. «Was sollen wir tun?», fragte er hilflos.
«Ich laufe hinüber ins Dorf und hole Mariam Stepanyan», sagte Mayranoush. «Sie hat eine Tinktur, von der man sagt, sie sei stärker als die grössten Schmerzen.» Und zu Sophie: «Du kannst inzwischen ein Bett in meiner Wohnung für ihn herrichten. Es ist wohl besser, wenn wir ihm den Transport in den ersten Stock ersparen.»
Sophie nickte. Sie strich Hannes über die schweissnasse Stirn. «Du kommst in das Zimmer, in dem ich bis zu meiner Hochzeit gelebt habe. Und solange du unten bist, werde ich bei dir schlafen.»
Simon schien etwas sagen zu wollen, liess es aber bleiben.
«Vater und die Brüder müssen mich aber jeden Tag besuchen», schluchzte Hannes. «Und auch Herr Fresendorff.»
«Gewiss, alle werden kommen, bis du wieder gesund bist und selbst die Treppe zu unserer Wohnung hochsteigen kannst.»
Eine halbe Stunde später lag der Junge zwischen sauberen Leintüchern in Sophies früherem Bett. Sie hatte dem Buben die Hosen vom Leib geschnitten. Dann hatte Cornelius Fresendorff ein Brett unter sein Bein gelegt und es mit Verbandstoff am Ober- und Unterschenkel fixiert. Unterdessen war auch Mariam eingetroffen. Sie war nicht nur die Hebamme auf Eben-Ezer, sondern wurde von den Leuten im Dorf und im Herrenhaus auch geholt, wenn jemand krank oder verwundet war. In einer Tasse mit erwärmtem Wein verrührte sie Zimt und Honig und goss aus einem Fläschchen ein paar Tropfen einer Flüssigkeit hinein. «Trink das, Bub!», befahl sie. Kurz darauf schlief er ein.
Sophie bat ihren Mann und Cornelius, ihr ein zweites Bett in die Kammer zu stellen. «Ich werde bei Hannes bleiben, bis er wieder gehen kann.»
Simon war anzusehen, dass es ihn sauer ankam, seine Nächte in nächster Zeit allein verbringen zu müssen. Er verzichtete aber darauf, etwas zu sagen.
3
Gegen acht Uhr am Montagmorgen fuhr Doktor Erchinger mit seinem Einspänner vors Herrenhaus. Er war bereits um vier in Katharinenfeld aufgebrochen. Der Doktor kannte sich aus mit Schusswunden. Er hatte 1848/49 als junger Militärarzt aktiv an den Kämpfen der badischen Revolutionäre gegen die preussischen Truppen teilgenommen und war nach der bitteren Niederlage von Rastatt in die Schweiz geflohen. Drei Jahre später wanderte er nach Grusinien aus. Josef Erchinger hatte sich in Katharinenfeld niedergelassen und lebte seit bald drei Jahrzehnten an der Kreuzgasse, wo sich auch seine Praxis befand.
Sophie empfing den Doktor. Sie kannte den grossen, mageren Mann mit seinem inzwischen grauen, sorgfältig gestutzten Bart seit ihrer Schulzeit. Man hatte ihn ins Pfarrhaus gerufen, wenn dort jemand krank war. Als Backfische hatten sie und ihre Freundin, Lotte Hegele, sich heimlich über seinen alemannischen Dialekt lustig gemacht. Inzwischen war Lotte mit seinem einzigen Sohn Georg verheiratet, der als Advokat und Notar die grösseren und kleineren Rechtsgeschäfte der Kolonisten im Schwabendorf besorgte. Man traf sich manchmal in deren Haus am Äusseren alten Wingert.
«Wie geht es deinem Sohn?», erkundigte sich der Arzt, der Sophie noch immer duzte, und wunderte sich, als er erfuhr, dass Hannes die ganze Nacht durchgeschlafen habe.
«Mariam Stepanyan, unsere Hebamme, hat ihm etwas gegeben, das seine Schmerzen gelindert hat.»
«Und was war das?»
«Eine Tinktur, die aus neun Zehntel Wein und einem Zehntel Saft von Schlafmohn besteht, hat sie gesagt. Ausserdem füge sie noch etwas Bilsenkraut, Alraune und Tollkirsche dazu. Hannes hat einen Becher gesüssten Wein getrunken, in den sie ein paar Tropfen ihrer Medizin geschüttet hat.»
«Da habt ihr ja eine richtige Hexe auf Eben-Ezer! Sie hat ihr Tränklein nach der Rezeptur von Paracelsus gebraut.» Der Doktor war perplex. «Woher mag eine einfache Armenierin die wohl haben?»
«Von ihrer Mutter. Und die wird es von Mariams Grossmutter haben.» Sophie schob ihr Kinn vor. «Möglicherweise wussten Kräuterfrauen aus dem Volk schon lange vor Theophrastus Bombast von Hohenheim um die schmerzstillende Wirkung des Schlafmohns.»
«Du kennst den richtigen Namen von Paracelsus?» Es schien, dass Josef Erchinger an diesem Morgen nicht mehr aus dem Staunen herauskommen sollte. «Den hat man dir gewiss nicht in der Schwabenschule beigebracht.»
«Nach dem Schulabschluss hat mich mein Vater in Französisch, Geografie und Geschichte unterrichtet.»
«So, so, Herr von Fenzlau.» Der Doktor schwieg. Er und der Baron waren sich stets höflich distanziert begegnet. Die radikal-demokratischen Ansichten des Badeners, der gegen Fürstenwillkür gekämpft hatte, und die monarchistisch-konservative Gesinnung des Barons waren einer engeren Beziehung der beiden Herren im Weg gestanden. «Nun», wechselte er abrupt das Thema, «es ist höchste Zeit, dass wir uns um den kleinen Patienten kümmern.»
Eine Stunde später sassen der Doktor und Sophie wieder auf der Veranda. Mayranoush hatte für den Arzt ein spätes Frühstück zubereitet. Aus dem Salon waren Klavierklänge zu hören. Josef Erchinger hob den Kopf und lauschte. Er war ein musikalischer Mensch, spielte Violine und gehörte zu den Stützen des Katharinenfelder Sinfonieorchesters. «Boccherinis Menuett aus dem Streichquintett in E-Dur», sagte er. «Ich habe geglaubt, du seist die Einzige, die auf Eben-Ezer Klavier spielt.» Er schaute Sophie an.
«Das ist Jakob, unser Jüngster.» Sie bemühte sich, ihren Stolz nicht zu sehr zu zeigen.
«Dein Jüngster?» Der Doktor war verblüfft. Er rechnete nach. «Der ist doch erst fünf Jahre alt.»
«Fünfeinhalb.»
«Fünfeinhalb! Wie lange hat er geübt, bis es das Stück so spielen konnte?»
«Ich höre es zum ersten Mal.» Jetzt konnte Sophie ihr Hochgefühl, Mutter eines derart begabten Jungen zu sein, nicht mehr verbergen. «Manchmal kramt er in meinen Noten und spielt dann etwas ab Blatt. Sein Spiel wird noch besser werden, sobald er mit seinen Füssen die Pedale erreichen kann.»
«Unglaublich», murmelte Erchinger. Er schwieg, hörte zu und schüttelte verwundert den Kopf.
«Euer Sohn wurde übel zugerichtet», sagte der Doktor zu Simon, als dieser aus dem Kontor kam, um sich über Hannes’ Zustand unterrichten zu lassen.
«Das war Grigol Ratischwili, dieses Schwein, der Sohn von Fürst Zviad, der aus dem Hinterhalt auf uns geschossen und das Kind getroffen hat.»
«Das hat mir bereits der Mann berichtet, den Ihr zu mir geschickt habt. Aber weshalb hat er euch angegriffen?»
«Aus Wut, aus Neid, was weiss ich? Ich habe von Herrn von Kutzschenbach ein Stück Wald erworben, das die Ratischwilis haben wollten.»
«Der Georgier, ich glaube, er hiess Lewan, hat gesagt, dass Ihr dem Kerl, nachdem er von Euch überwältigt worden war, dasselbe angetan habt wie er Eurem Kind.» Das war sowohl eine Feststellung als auch eine Frage.
«Du hast einen Gefangenen …?» Sophie blieb der Satz im Hals stecken. Sie schaute ihren Mann entsetzt an.
Auch der Arzt betrachtete ihn fragend.
Simon hielt seinem Blick stand. Er zuckte lediglich mit den Schultern. «Blut gegen Blut», knurrte er.
Als Josef Erchinger einsah, dass er keine weitere Auskunft erhalten würde, erklärte er: «Hannes hatte Glück im Unglück. Es war ein Streifschuss, der die linke Seite des Knies und das obere Ende des Unterschenkels verwundet hat. Immerhin musste ich keine Kugel herausholen. Hätte ihn der Kerl ein wenig weiter rechts getroffen, wäre möglicherweise die Arterie verletzt worden, und Hannes hätte verbluten können. Leider ist es unmöglich, in einen Körper hineinzusehen», fuhr er fort. «Aber soweit ich es ertasten konnte, handelt es sich Gott sei Dank nicht um einen Trümmerbruch. Ich habe nicht viel mehr machen können, als das Bein einzugipsen.»
Sophie war dabei gewesen und hatte Hannes’ Hand gehalten. Doktor Erchinger hatte sein Jackett ausgezogen und die Ärmel seines weissen Hemdes hochgekrempelt. Zunächst hatte er mit einer Pinzette vorsichtig einige Knochensplitter aus der Wunde entfernt, einen grossen Teil des Beins seines kleinen Patienten mit einer Gazebinde abgedeckt und darüber eine Watteschicht gelegt. Dann hatte er aus seiner Tasche Verbandstoff genommen und eine Büchse mit Gips, den er in einer Schüssel mit Wasser verrührte. Er hatte den Verband in die Lösung getaucht und das gestreckte Knie des Jungen zwei Handbreit über der Wunde von oben her bis über die Mitte des Unterschenkels bandagiert. Dort, wo die Wunde war, hatte er eine Öffnung im Gips gelassen.
«Haben Sie ihm wehtun müssen?», erkundigte sich Simon.
«Er hat vor der Untersuchung ein paar Tropfen Laudanum erhalten.» Josef Erchinger lächelte. «So nennt man die Tinktur, die eure Kräuterhexe gebraut hat. Wie heisst sie schon wieder?»
Mariam Stepanyan sei keine Hexe, warf Mayranoush ein, die hinter dem Tisch stehen geblieben war.
«Schon gut», brummte der Doktor. «Ich wollte sie nicht beleidigen. Ihr könnt ihr sagen, sie sei eine tüchtige Frau. Das gilt übrigens auch für Herrn Fresendorff, der dafür gesorgt hat, dass das Bein des Jungen über Nacht fixiert war. Dank ihm besteht die Möglichkeit, dass Hannes später wieder einigermassen normal gehen kann.»
«Einigermassen?» Simon runzelte die Stirn.
«Eine gewisse Behinderung wird wohl bleiben.» Josef Erchinger schaute ihn an. «Ihr solltet froh sein, dass der Junge wahrscheinlich nicht zum Krüppel geschossen wurde.»
Simon drehte sich wortlos um und ging zurück in sein Kontor.
«Wahrscheinlich?» Sophie sah den Doktor aus grossen Augen an.
«Wir wissen viel zu wenig. Ich habe mich bemüht, das Bein so einzugipsen, dass die Wunde gut verheilen kann. Bestenfalls.» Der Arzt machte eine hilflose Geste. «Vorderhand bleibt nichts übrig als abzuwarten. Ich komme in ein paar Tagen wieder. Hannes wird darüber klagen, dass es ihn unter dem Gips juckt, aber das muss er aushalten.» Er zögerte. «Wenn du an ihm einen unangenehmen Geruch wahrnimmst oder es zu eitern beginnt, musst du unverzüglich jemanden nach mir schicken.» Er vermied das Wort Wundbrand.
Sophie verstand ihn auch so. Sie begann zu weinen.
«Nun, nun.» Josef Erchinger legte ihr die Hand auf den Arm. «Wir wollen nicht gleich ans Schlimmste denken. Gibt es auf Eben-Ezer jemanden, der für den Jungen Krücken machen kann? Wenn alles gut verheilt, sollte er in vier bis sechs Wochen wieder einigermassen gehen können.»
«Ich werde unserem Zimmermann, Hovhannes Stepanyan, den Auftrag geben», sagte Mayranoush. «Er ist der Mann der Kräuterhexe.» Sie schaute den Arzt herausfordernd an.
«Eine bemerkenswerte Familie, in der Tat.» Der Doktor hüstelte und wechselte das Thema. «Offenbar übte dein Mann Selbstjustiz», wandte er sich an Sophie. «Ich kann ja verstehen, dass er den Kerl nicht dem zuständigen Gericht in Dmanissi übergeben wollte. Eine angemessene Verurteilung hätte ihn rund dreitausend Rubel gekostet.»
«Wie das?», staunte Sophie.
«Ach Kind, Gerechtigkeit und Recht sind sehr entfernte Verwandte. Jenes ist göttlicher Natur und dieses Menschenwerk.» Josef Erchinger seufzte. «Die Russen fürchten Adelsaufstände und verurteilen höchst ungern Angehörige eines georgischen Fürstenhauses. Dein Mann müsste eine hohe Bestechungssumme bezahlen, damit ein Richter den Mistkerl mit Verbannung und Zwangsarbeit bestrafen würde. Ich nehme an, dass er das weiss, und so hat er es vorgezogen, den jungen Ratischwili selbst zu richten. Aber was ist mit dem Unseligen geschehen, nachdem ihm Simon ins Knie geschossen hat? Hat er ihn einfach liegen lassen? Befindet er sich womöglich noch immer schwer verletzt im Wald? Weshalb will dein Mann nicht darüber sprechen?» Er schaute Sophie an, als erwarte er eine Erklärung.
Sie schüttelte den Kopf. «Ich weiss es nicht.» Sie hatte es bisher unterlassen, Simon nach den Einzelheiten des Überfalls zu fragen. Einerseits weil sie sich seit gestern Abend ausschliesslich um Hannes gekümmert hatte, andererseits schien ihr Mann zurzeit nicht mit ihr sprechen zu wollen. Sie hatte geglaubt, er sei missgestimmt, weil sie in den nächsten Wochen das Bett nicht mit ihm teilen würde. Gab es etwas, das er ihr verschwieg?
Nachdem Doktor Erchinger gegen elf Uhr Eben-Ezer verlassen hatte, ging Sophie in die Schulstube, die sie im Annexbau eingerichtet hatte. Der Lehrer liess Karl einen Abschnitt aus der Hauptmannstochter von Puschkin vom Russischen ins Deutsche übersetzen. Sie unterbreche den Unterricht ungern, sagte sie, aber sie müsse unbedingt mit Herrn Fresendorff sprechen. «Lass uns bitte für ein paar Minuten allein», bat sie ihren Ältesten.
«Ich weiss, dass Simon Grigol Ratischwili ins Knie geschossen hat», kam Sophie sofort auf den Punkt, nachdem Karl den Raum verlassen hatte. Obwohl ihre Stimme ein wenig zitterte, war sie bemüht, sie energisch klingen zu lassen. «Ihr werdet mir sagen, was dann mit dem jungen Menschen geschehen ist, der meinen Sohn verletzt hat.»
«Wir haben uns mit Hannes auf den Heimweg gemacht.» Der Balte wich ihrem Blick aus.
«Und ihr habt den Unseligen einfach zurückgelassen?»
Simon habe nichts davon wissen wollen, dass man sich um den Mordbuben kümmere. Es gelte, keine Zeit zu verlieren, habe er gesagt. Sein Sohn brauche Hilfe. In Kariani allerdings hätten sie dann einen kleinen Umweg zum Besitz der Ratischwilis gemacht.
Sophie kannte den Gutshof, der einst ein prächtiger Bau gewesen war. Ein Fürstensitz. Inzwischen war er heruntergekommen. Der Verputz bröckelte von den Mauern und das Dach hätte längst neu gedeckt werden müssen. Offenbar fehlte dem Knjaz das Geld, sein Haus instand zu halten. Als sie daran dachte, fragte sie sich, ob Zviad Ratischwili überhaupt in der Lage gewesen wäre, für den Wald, der einst seinen Vorfahren gehört hatte, fünftausend Rubel zu bezahlen. Ob Simon von Alexander von Kutzschenbach über den Tisch gezogen worden war? Sie schob den Gedanken beiseite.
«Vor dem Eingang legten wir Hannes ab», berichtete Cornelius. «Nachdem Simon einen Knecht angewiesen hatte, Zviad Ratischwili zu holen, befahl er mir, mein Gewehr in der Ellenbeuge zu halten, so als wäre ich bereit, jederzeit zu schiessen. Als der Alte endlich herauskam, ein kleiner, korpulenter Mensch mit einem grauen Schnurrbart, dessen Enden bis zum Kinn hinunterhingen …»
«Ich weiss, wie Fürst Ratischwili aussieht», unterbrach Sophie den Balten ungeduldig. «Was hat mein Mann zu ihm gesagt?»
«Er sagte ganz kalt: Sein Sohn sei ein Verbrecher, der aus dem Hinterhalt auf sein Kind geschossen habe. Der Knjaz wurde bleich und wollte wissen, was mit Grigol geschehen sei.» Simon habe daraufhin eine lange Pause gemacht und den Georgier von Kopf bis Fuss gemustert. Endlich habe er erklärt: «Der Kerl liegt mit der exakt gleichen Wunde, wie sie auch Hannes hat, in meinem Wald.» Das «meinem» habe er ausdrücklich betont. Wenn der Vater den Taugenichts wiederhaben wolle, so könne er ihn dort holen. Er gebe ihm für dieses eine Mal die Erlaubnis, seinen Besitz zu betreten. «Und dann schrie er plötzlich: ‹Wir sind jetzt quitt, Ratischwili! Wenn Ihr die Fehde weiterführen wollt – nur zu. Meine Hirten wissen, mit Waffen umzugehen. So wie sie uns vor den Überfällen tatarischer Viehdiebe schützen, können sie uns auch grusinisches Adelspack vom Leibe halten, das uns zuerst Land verkauft und es dann mit Waffengewalt zurückholen will.› Dann holte er tief Atem und fügte hinzu: ‹Ich warne Euch! Wenn einem der Meinen das Geringste geschehen sollte, wenn einer meiner Leute von einem Ausritt nicht zurückkehrt, wenn nur einer meiner Heustöcke in Brand gesteckt, wenn eine einzige meiner Kühe gestohlen wird, dann werden wir über euch kommen, und Ihr werdet der Erste sein, den ich zur Rechenschaft ziehe. Ich hoffe, Ihr habt mich verstanden.› Und dann …» Fresendorff zögerte. Er war sichtlich verlegen.
«Und dann?», drängte Sophie. «Sprecht schon!»
«Und dann muss ich vor lauter Schreck den Abzug meiner Flinte betätigt haben. Der Schuss fuhr Gott sei Dank vor den Füssen des Alten in den Boden. Er machte einen Satz und floh ins Haus.»
«Und was hat Simon gesagt?»
«Das hätte ich gut gemacht, hat er gesagt. Jetzt wisse der Schweinehund wenigstens, dass er es ernst meine.»
Sophie musste lachen. Sie hatte die Männer verabschiedet, als sie gestern losgezogen waren. Fresendorff hatte seinen europäischen Anzug gegen die Kleider getauscht, die ihm Mayranoush genäht hatte: eine blaue, am Stehkragen mit Ornamenten bestickte Russenbluse und schwarze Pluderhosen, die in Reitstiefeln steckten. Auf seinem Kopf sass schief eine graue Papacha. «Ihr seht aus wie ein Bergtatar, wie Ihr so auf Eurem Kabardiner sitzt, die Flinte griffbereit im Futteral», hatte sie gescherzt. Und nun hatte sich dieser friedfertige Mensch aus dem Baltikum, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte, wider Willen auch so benommen.
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