Kitabı oku: «The Walking Dead: Taifun»

TAIFUN
VON
WESLEY CHU
Ins Deutsche übersetzt von
Claudia Kern


Die deutsche Ausgabe von ROBERT KIRKMAN’S THE WALKING DEAD: TAIFUN wird herausgegeben von Cross Cult, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg. Herausgeber: Andreas Mergenthaler, Übersetzung: Claudia Kern; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Katrin Aust; Korrektorat: Peter Schild; Satz: Rowan Rüster; Cover-Illustration: Greg Ruth.
Printausgabe gedruckt von GGP Media. Printed in Germany.
Titel der Originalausgabe:
ROBERT KIRKMAN’S THE WALKING DEAD: TYPHOON by Wesley Chu.
German Translation copyright © 2020 by Cross Cult
Original English language edition Copyright © 2019 by Simon & Schuster, Inc.
All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form.
This edition published by arrangement with the original publisher,
Skybound Books / Gallery Books an Imprint of Simon & Schuster, Inc., New York.
Print ISBN 978-3-96658-044-1 (November 2020)
E-Book ISBN 978-3-96658-045-8 (November 2020)
WWW.CROSS-CULT.DE
Für Russ, der mir half, mich in der Apokalypse zurechtzufinden
Inhalt
1 DIE NEUE WELT
2 DER TAIFUN DER TOTEN
3 QUOTE
4 FREMDE IN EINEM FREMDEN LAND
5 DIE BEGRÜSSUNG
6 DER LICHTBLICK
7 DIE REVOLUTION DER LEBENDEN
8 HEIMKEHR
9 SUCHE
10 KAMPF GEGEN DEN TAIFUN
11 WIEDERGEWONNENE UNSCHULD
12 WIEDERSEHEN
13 DIE LETZTE GRENZE
14 DIE RÜCKKEHR
15 DIE VERTEIDIGUNG DER REVOLUTION
16 EINSATZ
17 MORALISCHE FRAGEN
18 DIE TRENNUNG
19 VORBEREITUNGEN
20 ZUHAUSE
21 RÜCKKEHR NACH FONGYUAN
22 IM SCHOSS DER REVOLUTION
23 DAS VERLORENE PARADIES
24 DIE BELAGERUNG
25 ERLÖSUNG
26 FÜR DIE REVOLUTION DER LEBENDEN
27 DIE FLUCHT
28 DER STURM ZIEHT VORÜBER
EPILOG
DANKSAGUNGEN
1
DIE NEUE WELT
Wenn man das Dorf Fongyuan aus der Ferne betrachtete, schien die Zeit dort stehen geblieben zu sein.
Dieser uralte, wunderschöne Ort schmiegte sich im Herzen der Provinz Hunan an den Yuanjiang-Fluss. Er klammerte sich an seine reiche Vergangenheit und kämpfte erbittert gegen jegliche Veränderungen. Saftig grüne Berge stiegen aus dem Morgennebel empor wie spitze Schuppen auf dem Rücken eines Drachen. Ein Schwarm weißer Kraniche stand am Flussufer und suchte im Wasser reglos nach kleinen Beutetieren. Der von Algen bedeckte breite und ungezähmte Fluss schlängelte sich durch das Tal wie eine gefleckte Bergviper.
Das Dorf bestand aus eng zusammenstehenden alten Häusern, die noch aus der Zhou-Dynastie stammten und mit dem charakteristischen geschwungenen Dach versehen waren, und einigen Wohnblöcken aus dem zwanzigsten Jahrhundert. An beiden Ufern ragten auf Stelzen stehende Häuser über das Wasser hinaus, was an die durch das flache Wasser watenden Kraniche erinnerte. In einiger Entfernung stürzte ein Wasserfall aus den Bergen in einen schmalen, sich dahinschlängelnden Zufluss des Yuanjiang herab. Abgesehen von der wuchernden Flora, den ausgebrannten Autos und einigen eingestürzten Häusern wirkte das Dorf idyllisch.
Jahrhundertelang hatte sich Fongyuan Hungersnöten, fremden Eroberern und Aufständen widersetzt. Es hatte im Zweiten Weltkrieg erbittert gegen die Japaner gekämpft und den Revolutionären während des chinesischen Bürgerkriegs als Stützpunkt gedient. In seiner mehrere Tausend Jahre langen Geschichte hatte Fongyuan allem widerstanden und war Dutzende Male wiederaufgebaut worden.
Doch den Toten, die aus ihren Gräbern stiegen, hatte sich das Dorf geschlagen geben müssen.
Aus dem Nebel schlurften zwei Gestalten mit abgehackt und steif wirkenden Bewegungen auf die Kopfsteinpflasterstraße am Dorfrand. Sie stießen beim Gehen immer wieder zusammen wie zwei Betrunkene, die in ein Gespräch vertieft waren.
Chen Wenzhu beugte sich über die Dachkante und betrachtete die beiden ungeduldig, als sie unter seinem Posten vorbeigingen. Sie sahen abgerissen aus und die Haut hing ihnen von den Knochen. Wahrscheinlich waren sie schon ganz am Anfang gestorben. Die Glücklichen.
Die vordere Gestalt war hager und ging leicht vorgebeugt den steilen Kopfsteinpflasterweg hinunter. Sie stieß mit der Schulter gegen eine Mauer, worauf sie in die Mitte der Gasse taumelte. Einer ihrer Arme endete am Ellbogen. Unter einer dünnen Schicht loser Haut, die sich sanft im Wind bewegte, konnte man die Hälfte ihres Kiefers sehen. Ihr einst rosa geblümtes, knöchellanges Kleid war nun zerschlissen, verblasst und voller Blutflecken.
Die beiden Gestalten waren ungewöhnlich, denn die kleinere blieb dicht hinter der größeren und hielt ihre Hand. Der kleine Junge trug kein Hemd und keine Schuhe und war höchstens fünf oder sechs Jahre alt. Er hatte ein engelsgleiches, unberührtes Gesicht und schwarze Haare mit einer Topfschnittfrisur. Ohne seinen abwesenden Blick und die hässliche Wunde am Hals hätte man ihn für einen Lebenden halten können.
Die beiden jiāngshī, wie man sie nun nannte, waren dazu verdammt, als Untote durch die Welt zu ziehen, bis jemand ihnen aus Mitleid einen zweiten Tod gewährte. Einen endgültigen Tod.
Jiāngshī.
Zhu schnalzte mit der Zunge, als er an diesen Namen dachte. So nannten alle die Toten, die nicht tot bleiben wollten. Das war ein alter Begriff, der aus Mythen stammte, die bis in die Qing-Dynastie zurückreichten. Historisch betrachtet handelte es sich bei den jiāngshī aus den Legenden um Leichen, die durch Magie oder von Geistern wiederbelebt worden waren. Diese schrecklichen Kreaturen ernährten sich vom Qi, der Lebenskraft eines Menschen.
Die Toten, die sich nun erhoben und das Land heimsuchten, waren etwas völlig anderes und ihre Existenz war weitaus schlimmer als die ihrer Namensvettern.
Ming Haobo, der neben Zhu hockte, fragte: »Was meinst du, Elena? Mutter und Sohn? Lehrerin und Schüler? Zwei Fremde, die zueinander fanden, als die Epidemie das Dorf erreichte?«
Elena Anderson, die dritte Person in ihrem Windteam, stieß einen dumpfen Laut aus, der wie ein Gurren klang. »Ich glaube, das ist eine Großmutter. Sie sieht wie eine Agatha oder Maribelle aus. Der kleine Junge heißt Bobby. Der kleine Bobby hat Oma Maribelle hier draußen auf dem Land besucht.«
»Maribelle hat für Bobby bestimmt Kekse und Mondkuchen gebacken.« Bo stolperte ein wenig über die englischen Namen, aber Elena nahm die Mühe, die er sich dabei gab, grinsend zur Kenntnis. Vielleicht würde er eines Tages besser Englisch sprechen als sie Mandarin.
»Du denkst immer nur ans Essen, Bo.«
Bo zuckte mit den Schultern. »Wenn ich meine năinai besucht habe, habe ich die ganze Zeit lang nur gut gegessen.«
Elena stupste seinen umfangreichen Bauch leicht an. »Das erklärt so einiges.«
Sie sahen zu, wie Maribelle Bobby zu einer Treppe führte, die sich vor einem Haus erstreckte. Sie stieß gegen das Geländer und machte weitere Schritte, obwohl sie nicht mehr vorankam.
»Maribelle ist mit Bobby bestimmt oft im Dorf spazieren gegangen.« Elena klang wehmütig.
Bo spielte mit. »Sie haben Drachen steigen lassen und Libellen auf dem Spielplatz ein paar Straßen hinter uns gefangen.«
»Jeden Morgen sind sie zum Angeln an den Fluss gegangen.«
Bo zeigte auf einen dritten jiāngshī, der ein Stück hinter ihnen gerade in die Straße einbog. »Vielleicht ist er der Großvater. Was glaubst du, wie er heißt?«
Elena presste die Lippen aufeinander. »Er sieht wie ein …«
»Das reicht«, unterbrach sie Zhu. »Es ist nicht mehr lange hell.« Obwohl er alles tolerierte, was sie von der Realität ablenkte, gefiel ihm dieses Spiel nicht. Den Toten Namen zu geben machte ihre Arbeit nur unnötig schwerer. So ein Blödsinn konnte einen von ihnen das Leben kosten.
Zhu zeigte auf den kleinen jiāngshī. »Elena, du erschießt den links. Ich kümmere mich um die rechts.« Er warf einen Blick auf den dritten jiāngshī. »Bo, du holst dir den yéye.«
Elena und Bo machten sich an die Arbeit. Bo kroch über das Dach zu dem jiāngshī, der ihm zugewiesen worden war, während Elena ihren Bogen spannte. Alle drei ließen sich gleichzeitig von den Dächern fallen. Elena fand ihr Gleichgewicht erst nach einem Moment wieder und verlagerte ihr Gewicht auf ein Bein, als sie wieder auf die Füße kam. Die Straße war steil und das Kopfsteinpflaster uneben. Zhu wartete nicht auf sie, sondern stürzte sich auf die beiden jiāngshī.
Er wollte Maribelle gerade die Machete in den Nacken stoßen, als ein Pfeil über seine Schulter raste und sich in ihren Kopf bohrte. Maribelle sackte zusammen, als der Untod aus ihr wich. Zhu wechselte rasch das Ziel, wandte sich der kleineren Gestalt zu und schlug dem armen kleinen Bobby schwungvoll den Kopf ab.
Er sah Elena verärgert an und schlug sich auf den rechten Arm. »Das ist rechts.«
»Tut mir leid«, murmelte sie und senkte den Bogen. »Ich hab das wieder verwechselt.«
Zhu nickte, fragte sich aber, ob das wirklich stimmte. Wahrscheinlicher war, dass sie den kleinen Jungen nicht hatte erschießen wollen. Elena war in dieser Hinsicht sensibel. Das war verständlich, aber Empathie für etwas zu entwickeln, das man töten musste, war auch gefährlich. Diese Lektion hatte er schon als kleines Kind gelernt, als er den Hühnern, die seine Familie hielt, Namen gegeben hatte. Der Tag, an dem sein yéye zwei seiner Lieblingshennen am Hals gepackt und in die Küche mitgenommen hatte, war einer der traumatischsten seines Lebens gewesen.
Zhu ließ es auf sich beruhen. »Wir üben das später noch mal. Was macht dein Bein?«
»Ich bin nur umgeknickt. Alles in Ordnung.«
Als er einen Blick zurückwarf, sah er, wie Bos Vorschlaghammer den Schädel des dritten jiāngshī wie eine Melone zerplatzen ließ. Fleisch und Knochen klatschten gegen die Mauer dahinter. Der kräftige Mann nahm sofort einen Lappen und wischte seinen Hammer sorgfältig ab.
Bo kam nur einen Moment später zu ihnen und betrachtete das Ergebnis ihrer Arbeit. Er wirkte niedergeschlagen. »Ich hoffe, dass es im Himmel Mondkuchen gibt, kleiner Bobby.«
Das Windteam verließ rasch die Hauptstraße und lief die gewundene Nebenstraße entlang. Zhu behielt Elena im Auge, die versuchte, trotz ihres verletzten Beins mitzuhalten. Der Straßenbelag bestand aus unterschiedlich großen Steinen, die man wie ein riesiges Puzzle zusammengefügt hatte und die sich über die Jahrhunderte hinweg abgenutzt hatten, sodass der Untergrund nun rau und uneben war. Die einstöckigen Häuser, die die Straße säumten, waren aus Holz, Stein und Beton zusammengewürfelt und die verschiedenen Schichten hatten den Häusern den Stempel ihrer jeweiligen Zeit aufgedrückt. Die Dächer waren niedrig und ragten weit über die Häuser hinaus, sodass vom Himmel nur ein schmaler Streifen in der Mitte der Straße übrig blieb.
Während sie kleinen jiāngshī-Gruppen auswichen, suchte Zhu nach einer Möglichkeit, auf die Dächer zurückzukehren. In einem Dorf wurde es auf dem Boden schon nach wenigen Sekunden gefährlich. Außerdem waren sie ein Windteam: Sie gehörten nach oben, an einen Ort, an dem sie sich so lautlos und sicher bewegen konnten wie die Brise, die über ihnen wehte. Zum Glück befanden sie sich am Dorfrand, sonst wäre der Sprung vom Dach Selbstmord gewesen. Die untergehende Sonne warf zunehmend längere Schatten. Sie würden bald Schutz suchen müssen.
Die Straße selbst war überraschend sauber und leer, wenn man bedachte, dass sie wahrscheinlich seit vielen Monaten nicht mehr gereinigt worden war. Das lag vermutlich an der Regenzeit, die seit einigen Wochen einen Großteil der Provinz durchnässte. Eine leichte Brise wehte von Norden heran, wirbelte Nebelschwaden auf und kitzelte die Härchen in Zhus Nacken. Der Wind brachte zwar einen schwachen Verwesungsgeruch mit sich, aber auch die Frische des Frühlings und die winzige Hoffnung auf neues Leben.
Zhu wies sein Team mit einer Geste an, dicht zusammenzubleiben. Sie eilten die Straße zur Hälfte hinunter und bogen dann in eine Gasse ein, die so schmal war, dass zwei Menschen kaum aneinander vorbeipassten. Ein jiāngshī, der ihm den Rücken zugewandt hatte, drehte sich um und streckte den Arm aus. Er konnte gerade noch ein Knurren ausstoßen, bevor Zhus Tritt seine Brust traf und ihn in einen Müllhaufen warf. Zhu stieß ihm die Machete in die Augenhöhle und lief, ohne langsamer zu werden, weiter durch die Gasse. Er bog nach links ab, nach rechts und blieb dann an einer Kreuzung stehen, um sich zu orientieren und sich zu vergewissern, dass sein Team noch bei ihm war. Elena war nur einen Schritt hinter ihm und Bo tauchte einige Sekunden später schwer atmend auf.
»Es ist fast dunkel«, sagte Elena, während ihr Blick über die beiden Straßen glitt, zwischen denen sie sich entscheiden mussten. »Bist du sicher, dass du den Weg kennst?«
Eine der Straßen wurde von Kisten und einem umgeworfenen Ochsenkarren blockiert. Davor lag ein Haufen Abfall, um den herum sich eine Gruppe jiāngshī versammelt hatte. Also mussten sie die andere nehmen, doch die führte in die falsche Richtung. Außer …
Bo warf einen nervösen Blick auf die jiāngshī-Gruppe. »Wo lang, xiăodì?« Der Kosename »kleiner Bruder« war streng genommen nicht ganz zutreffend. Der Altersunterschied war so groß, dass Bo fast Zhus Vater hätte sein können.
»Wir sind fast da.« Das war ein wenig geflunkert, denn Zhu wusste es nicht genau. Über die Jahre hatte sich viel verändert und der Zusammenbruch der Welt hatte dafür gesorgt, dass ihm nichts mehr vertraut erschien. Etwas in seiner Brust zog sich zusammen. Er hätte hier sein sollen.
Hastig lief er die freie Straße hinunter und sein Team hatte keine andere Wahl, als ihm zu folgen. Sie hatten die Straße zur Hälfte zurückgelegt, als er das fand, wonach er gesucht hatte. Er warf seine Machete auf das Blechdach eines Hühnerstalls und zog sich hoch. Elena und Bo waren dicht hinter ihm.
»Passt auf.« Er warf einen Blick über den Rand des Stalls, wo Balken das Dach stützten. Niemand wusste, wie viele jiāngshī sich in den Gebäuden unter ihnen aufhielten. Die drei liefen über das Labyrinth aus niedrigen und hohen Dächern und sprangen schließlich in einen von Mauern umgebenen Hinterhof. Dort steckten zwei jiāngshī im Schlamm eines Koiteichs fest. Sie hoben die Arme, als sie die Menschen bemerkten, stellten aber keine Gefahr dar. Das Team kletterte die Mauer auf der anderen Seite des Hofs hoch und balancierte vorsichtig über die Krone, bis es den Balkon im ersten Stock des Nachbarhauses erreichte. Einen kurzen Sprung später betraten die drei ein scheinbar verlassenes Wohnhaus.
Zhu legte seinen Seesack ab und schnüffelte. Zum Glück roch es kein bisschen nach Verwesung, doch er zögerte trotzdem an der Türschwelle, als ihn nostalgische Erinnerungen überkamen. »Hier sollten wir uns ausruhen können.« Es war gut, dass sie diese Nacht ein Dach über dem Kopf hatten. Er war sich nicht sicher gewesen, ob sie es vor Sonnenuntergang schaffen würden. Sie hatten drei Tage gebraucht, um das Dorf zu finden, und die nächste gelbe Fahne, die einen sicheren Ort markierte, war eine halbe Tagesreise entfernt.
In dem spärlich eingerichteten Wohnzimmer gab es ein Sofa an einer Wand, einen Röhrenfernseher in der Ecke und einen kaputten Schaukelstuhl. Obwohl so viele Monate vergangen waren, hatte die Natur das Gebäude noch nicht erobert. Abgesehen von der dicken Staubschicht sah die Wohnung sauber und ordentlich aus. So wie in seiner Erinnerung. Bilder der Vergangenheit strömten auf Zhu ein: der vertraute Geruch des Eintopfs, den seine năinai gekocht hatte, die langen Nächte, in denen er und seine Familie zugesehen hatten, wie Glühwürmchen den Himmel erleuchteten, den Abend, an dem er mit seiner Schwester einen Drachen im Wohnzimmer auseinandergenommen hatte, um aus dem Rahmen Pfeile und Bogen herzustellen. Bo hatte bei seinem Gespräch mit Elena einen Nerv getroffen.
Dies war einmal das Zuhause seiner Großeltern gewesen. Seine Eltern hatten in der unteren Etage gewohnt, doch sich im Erdgeschoss umzusehen war viel zu gefährlich. Als er das letzte Mal in der Wohnung gewesen war, hatten sich vier Generationen der Chen-Familie dort gedrängt. Nun gab es, soweit er wusste, nur noch ihn. Zhu wusste nicht, was den anderen widerfahren war. Seine Urgroßmutter war wahrscheinlich schon ganz zu Anfang gestorben. Sie wäre dieses Jahr neunundneunzig geworden. Zu seinen Eltern, Großeltern und seiner Schwester hatte Zhu kurz nach dem Ausfall des Strom- und Telefonnetzes den Kontakt verloren. Er hatte seitdem nichts mehr von ihnen gehört.
Als er sich umsah, kam ihm die Wohnung friedlich und leer vor. Es gab keine Toten, keine jiāngshī, keine Gewalt. Darüber war er froh. Er hatte sich schon auf das Schlimmste eingestellt. Zhu wandte sich von seinem Team ab, schloss fest die Augen, verabschiedete sich flüsternd von seiner Familie und bat um Vergebung, weil er nicht da gewesen war, als sie ihn gebraucht hatte. Er hätte ein besserer Sohn sein und nach Hause zurückkehren sollen, als er erkannt hatte, dass die Regierung die Epidemie nicht mehr im Griff hatte. Er hätte mit dem ersten Bus ins Dorf fahren sollen, als sie sich ausgebreitet hatte. Er hätte zu Fuß gehen sollen, als die Busse und Züge den Betrieb eingestellt hatten. Doch das hatte er nicht getan. Nun konnte er nur noch mit seiner Vergangenheit abschließen und weitermachen. Er hatte keine andere Wahl.
In den letzten Tagen vor dem Untergang des Landes hatten Chaos und Verwirrung geherrscht. Das Gesundheitsministerium hatte in seinem letzten Bericht die Befürchtung geäußert, es könne bereits siebenhundert Millionen jiāngshī geben. Das bedeutete, dass über die Hälfte der chinesischen Bevölkerung in den ersten Wochen seit Ausbruch der Epidemie gestorben war. Heute, sechs Monate später, waren es wahrscheinlich bedeutend mehr.
Damals hatte die Regierung den Menschen versichert, dass sie alles unter Kontrolle hätte. Dass alles gut würde. Die Menschen würden das überstehen, würden die Toten vernichten und alles wiederaufbauen. China würde, wie schon immer, durch die Kraft und die Entschlossenheit seines Volkes überleben.
Sie hatte diese Botschaft bis zum Schluss verkündet, als es in Peking plötzlich still geworden war. Als der Kopf verstummt war, hatte sich im Rest des Körpers Panik ausgebreitet. Viele Kommunalverwaltungen waren zusammengebrochen. Die Straßen um die Großstädte waren äußerst gefährlich geworden. Die Stadtbewohner hatten versucht, aufs Land zu fliehen, um dem Strom der Toten zu entkommen, während die Dorfbewohner versucht hatten, in die Städte zu fliehen, weil sie glaubten, dass die Regierung sie dort besser beschützen könne. Das hatte dazu geführt, dass der Verkehr in beide Richtungen zum Erliegen gekommen war. Überall, wo sich Menschen versammelt und Zuflucht gesucht hatten, hatte schon bald der Tod zugeschlagen. Die Epidemie hatte jede Menge Überträger gefunden, um sich rasch im gesamten Reich der Mitte ausbreiten zu können.
Elena, die Kommoden und Schränke durchsucht hatte, stemmte die Hände in die Hüften. »Woher kennst du diese Wohnung, Zhu?«
Man hätte sicherlich eine leichter zugängliche und bequemere Unterkunft für diese Nacht finden können, aber darüber wollte Zhu jetzt nicht reden. Er wollte den Rest der Nacht nicht mit Geschichten aus seiner Vergangenheit verbringen. Die Wunden waren noch zu schmerzhaft und die Schuldgefühle zu stark. Außerdem hatten sie einen Job zu erledigen. Aber wenn er schon einmal in Fongyuan war, musste er dem Zuhause seiner Familie zumindest einen letzten Besuch abstatten. Sonst würde er es für immer bereuen. Und vielleicht würde er eine solche Gelegenheit nie wieder bekommen. »Das ist nur eine verlassene Wohnung.« Er zeigte auf den Ofen, der in einer Ecke stand. »Zünde ein Feuer an. Bo, sieh dich in der Küche um. Ich durchsuche die anderen Zimmer.«
Mit der Machete in der Hand ging Zhu durch den Flur. Wären hier jiāngshī gewesen, hätte man sie schon längst gehört. Und definitiv gerochen. Aber man konnte nie vorsichtig genug sein.
Abgesehen von einem großen klassischen Steinbett und einer hölzernen Kommode war das Schlafzimmer seiner Großeltern leer. An der gegenüberliegenden Wand gab es neben einem Fenster viele Fotos seiner năinai und seines yéye, die sie von ihrer Jugend bis zu der Zeit, als sie beide faltig, grau und gebeugt waren, begleiteten. Auf dem größten Foto war seine ganze Familie zu sehen, über fünfzig Personen. Als Zhu es genauer betrachtete, sah er die obere Hälfte seines jugendlichen Gesichts am rechten Bildrand, direkt neben dem übermalten Gesicht des Ex-Mannes seiner Cousine. Năinai kannte keine Gnade, wenn es um die Familie ging.
Auf dem obersten Regalboden über der Kommode stand ein Buddhaschrein. In den Tassen steckten immer noch abgebrannte Räucherstäbchen. Auf einem kleinen Tisch neben dem Bett lag ein xiàngqí-Brett. Die aufgestellten Figuren warteten auf ein Schachspiel, das nicht mehr stattfinden würde.
Zhu hob eine der Figuren auf – den Elefanten – und betrachtete die abgeschabten Kanten und die vielen Kratzer, die er wahrscheinlich verursacht hatte, weil er die Figur so oft frustriert auf den Boden geworfen hatte. Er war als Kind ein schlechter Verlierer gewesen und sein yéye hatte sich selbst gegenüber einem Achtjährigen nicht zurückgehalten. Zhu klopfte mit der Figur auf das Spielbrett, dann stellte er sie wieder an die Stelle, von der er sie genommen hatte. Vielleicht würde jemand ja das Spiel finden und etwas damit anfangen können. Doch nicht er. Spiele waren im Lichtblick zwar heiß begehrt, brachten als Beute jedoch nur wenige Punkte ein. Außerdem konnte er die Vorstellung, dass jemand anderes das xiàngqí-Spiel seines Großvaters benutzte, nicht ertragen.
Im nächsten Zimmer standen zwei schmale Betten, deren Kopfenden sich in einer Ecke trafen. Eines war perfekt gemacht, das andere zerwühlt. Ihnen gegenüber standen zwei Schreibtische nebeneinander. Zhu verharrte einen Moment lang im Türrahmen. Hier hatten er und Ahui gelebt. In der Wohnung ihrer Eltern hatte es nur ein Zimmer gegeben und sie hatten auch fast immer gearbeitet, sodass er und seine Schwester einen Großteil ihrer Kindheit hier oben verbracht hatten. Er ging zu dem zerwühlten Bett, setzte sich hin und ließ alles auf sich wirken.
Das Zimmer wirkte viel kleiner und beengter als in seiner Erinnerung. Er betrachtete die Stelle, an der sich die beiden Betten berührten. Er und Ahui hatten sich nachts oft so lange flüsternd unterhalten, bis ihr yéye ins Zimmer gestürmt war und gedroht hatte, er würde sie zwingen, den Rest der Nacht kniend an der gegenüberliegenden Wand des Raums zu verbringen.
Als sie klein waren, hatte Ahui oft Ramenpackungen aus dem Lebensmittelladen ihrer Mutter gestohlen. Wenn sie sich nachmittags hinlegen sollten, war sie wach geblieben und hatte stattdessen die Gewürzpackungen ausgeleckt. Das hatte sie einen ganzen Sommer lang durchgezogen, bis năinai einen Berg geöffneter Ramenpackungen, in denen noch die Nudeln steckten, unter ihrem Bett gefunden hatte. Da Zhu der ältere Bruder war, hatte er sie natürlich nicht verpetzt, sondern die Strafe an ihrer Stelle eingesteckt. Er hatte den Hintern so heftig wie noch nie in seinem Leben versohlt bekommen.
Dann bemerkte er es.
Zhu stand auf und ging zu dem Schreibtisch, der dem Fenster am nächsten war. Er schob die verstaubten Notizbücher und einen Bleistiftspitzer zur Seite und nahm ein verblichenes Foto in die Hand, das an der Wand geklebt hatte. Darauf war ein dümmlich grinsender Zwölfjähriger zu sehen, neben dem zwei etwas jüngere Mädchen standen. Alle drei trugen Schuluniform. Der Junge und eines der beiden Mädchen hätten Zwillinge sein können. Das andere Mädchen hatte ein ovales Gesicht und große, auffällige Augen. Ohne ihr schiefes Grinsen wäre sie hübsch gewesen. Vielleicht, dachte Zhu, war sie trotz dieses Lächelns hübsch.
Das spielte keine Rolle mehr. Das waren Geister, die nur noch in der Vergangenheit lebten. Nur die Zukunft war noch wichtig. Auf die Rückseite des Fotos hatte jemand mit schwarzem Filzstift geschrieben: Ahui und Meili und mein nerviger Bruder. Abschlussfeier der Grundschule. 10 Jahre alt.
Zhu warf das Foto auf den Schreibtisch und verließ das Zimmer. Ein Teil von ihm hätte es am liebsten mitgenommen. Er besaß kein anderes Foto seiner Schwester. Doch ein anderer, stärkerer Teil konnte mit den Schuldgefühlen, die an ihm nagten, wenn er das Foto betrachtete, nicht umgehen. Also ließ er es dort zurück, wo es hingehörte: in der Vergangenheit. Tränen stiegen ihm in die Augen und er wandte sich rasch dem Bad zu.
Ein heftiger Todesgestank stieg ihm sofort in die Nase, als er die Tür öffnete. Eine beinahe skelettierte Gestalt stolperte aus der Dunkelheit auf ihn zu. Sie umklammerte den Arm, mit dem er die Tür geöffnet hatte, und hätte beinahe ein Stück herausgerissen. Der völlig überraschte Zhu tastete nach seiner Machete, verlor das Gleichgewicht und stolperte zurück. Die Gestalt musste schon vor ihrem Tod alt gewesen sein.
Instinktiv versetzte er ihr einen Faustschlag, der sie zu Boden warf. Zhu schüttelte seine schmerzende Hand aus und hob seine Machete auf. Auf Knochen einzuschlagen war nicht gerade angenehm. Verärgert stapfte er zu dem am Boden liegenden jiāngshī und trat den Arm zur Seite, der nach ihm greifen wollte. Er wollte mit der Machete ausholen … und zögerte.
Der Moment des Erkennens lähmte seine Hand. Vielleicht lag es an den ausgefransten Zöpfen oder dem Funkeln der Goldzähne. An etwas, das sein Verstand nicht richtig verarbeiten konnte. Bevor seine Fantasie mit ihm durchgehen konnte, schwang er die Machete und spaltete den Schädel des jiāngshī. Ein Stöhnen kam ihm über die Lippen, als ihn das kalte Entsetzen darüber traf, was er getan hatte. Schuldgefühle und Wut gesellten sich dazu. Zhu hob die Machete und schlug zu, bis der jiāngshī sich nicht mehr regte.
Der Zorn und das Adrenalin verließen seinen Körper und er blieb erschöpft zurück. Ein Schaudern überkam ihn, als er die vertrocknete, ausgezehrte und selbst für jiāngshī-Verhältnisse jämmerliche Leiche betrachtete. Es gab keinen Zweifel. Das war seine neunundneunzigjährige Urgroßmutter, die man zum Sterben allein zurückgelassen hatte. Ihre letzten Momente mussten furchtbar gewesen sein. Der Gedanke verzehrte Zhu innerlich. Die Entscheidung war seiner Familie bestimmt nicht leichtgefallen. Er hatte nicht das Recht, wütend auf sie zu sein oder über sie zu urteilen. Er war nicht dabei gewesen. Vieles wäre anders verlaufen, wenn er da gewesen wäre. Vielleicht hätte er sie retten können. Vielleicht würden alle noch leben, wenn er nicht weggeblieben wäre. Ein ersticktes Zischen kam ihm über die Lippen. Er stürmte aus dem Bad und zurück ins Wohnzimmer.
Mittlerweile brannte im Ofen ein kleines Feuer und die Wärme vertrieb die klamme Luft. Elena, die im Feuer herumstocherte, sah verwundert auf. »Alles in Ordnung?«
Er versuchte, die Tränen zurückzuhalten, die ihm in die Augen stiegen. »Ich brauche frische Luft.«
»Hey, xiăodì«, sagte Bo aufgeregt und präsentierte einen halb leeren Styroporbehälter, in dem einige ovale schwarze Dinger lagen. Er war stolz, als wäre er auf Gold gestoßen. »Ich habe Hundertjährige Eier gefunden. Das wird heute Abend ein Festmahl.«
Zhu antwortete nicht, sondern trat auf den Balkon, von dem aus man den Yuanjiang sehen konnte.
»Habe ich was Falsches gesagt?«, fragte Bo.
Zhu beugte sich über das Balkongeländer und betrachtete das gegenüberliegende Ufer. Es roch nach Fisch und Algen und feuchter Fäulnis. Eine aufgedunsene Leiche trieb an einigen Gänsen vorbei. Ihr folgte eine weitere und dann ein ganzes Dutzend, das von Trümmern begleitet wurde. Er verschwendete kaum einen Gedanken an den grausigen Anblick. Wahrscheinlich war ein Boot untergegangen. So etwas kam auf Flüssen immer mal vor.
Elena gesellte sich einige Sekunden später zu ihm. Sie legte ihren Arm um seine Hüften und lehnte sich an ihn. »Hey, ist alles in Ordnung? Du bist schon den ganzen Tag so nervös.«
Zhu zog sie zu sich und atmete ein. Sie roch so, wie man nun einmal roch, wenn man seit Wochen durch Schlamm und Müll und Wildnis zog. Nach Schweiß und Dreck und ehrlich gesagt, auch ein wenig nach Kot. Doch unter all dem roch Zhu auch sie. Das war wunderbar. Er drückte sie. »Ich bin nur besorgt, weil wir so weit in einen Ort vorgedrungen sind.«
»Das hast du mir als erste Überlebensregel beigebracht«, rief sie ihm ins Gedächtnis. »Halte dich von Bevölkerungszentren fern. Es überrascht mich, dass du diese Idee hattest.«
»Wir hatten keine Wahl«, erwiderte er. »Wir haben unsere Quote seit Wochen nicht erfüllt. Wir brauchen gute Beute.«
»Aber so weit draußen? Woher wusstest du überhaupt von diesem Goldtopf am Ende des Regenbogens?«
Zhu war sich nicht sicher, was das bedeutete. Elenas amerikanische Redewendungen ließen sich nicht immer in Mandarin übersetzen. Aber das machte einen Teil ihres Charmes aus. Er reckte die Nase in die Luft. »Hier riecht es nach faulen Eiern.«
»Bo hat ein mit Pech gestrichenes Regal zerschlagen, damit wir Feuerholz haben. Wir kochen gerade das Abendessen«, antwortete sie. »Dieser Ofen ist uralt. Der könnte noch aus der Ming-Dynastie stammen.«
Er seufzte. »Gibt es sonst noch was zu essen?«
Elena nahm einen vornehmen, aber schlechten britischen Akzent an, der sie wie eine Mischung aus einem Singapurer und einem amerikanischen Cowboy klingen ließ. »Als Vorspeise servieren wir heute abgestandenes Wasser mit einem Hauch Chlor aus der Flasche. Als Hauptgang haben wir Klebreis mit Erdnüssen in getrockneten Bananenblättern. Und zum Dessert gibt es eine große Durian, die du dir mit Bo teilen kannst.« Sie hielt inne. »Und wir haben auch noch diese ekligen Eier, die Bo gefunden hat.«
Zhu verzog das Gesicht. »Das ist ein schreckliches Menü. Ich möchte mit Ihrem Vorgesetzten sprechen.«
»Selbstverständlich, Sir. Sie können Ihre Beschwerde hier hinterlassen.« Sie zeigte ihm den Mittelfinger und streckte dann den kleinen Finger aus, die chinesische Geste. Anschließend grinste sie. »Aber mal ernsthaft, sobald wir unsere Quote erfüllt haben, werde ich mir von den Punkten, die wir dann bekommen, echtes Obst kaufen.«
»Durian ist echtes Obst.«
»Darüber lässt sich streiten.« Sie zeigte zum Horizont. »Es kommt Nebel auf. Wenn der bis morgen nicht weg ist, sitzen wir in diesem Dorf fest. Jedenfalls sollten wir uns bei dem Wetter nicht draußen umsehen.«
»Der Nebel wird morgen früh weg sein.«
»Woher willst du das wissen?«
»Ich weiß es«, erwiderte Zhu mit Gewissheit. Er drehte den Kopf und warf einen Blick ins Wohnzimmer. »Was macht Bo da drin?«
»Er liest in seinen Büchern.«
Bo war als Einziger im Team vor dem Zusammenbruch so arm gewesen, dass er sich keine elektronischen Geräte hatte leisten können. Zhu hatte eine einfache Kamera und einen MP3-Player mit Musik dabei und Elena besaß praktisch alles: eine Kamera, ein Handy, einen MP3-Player und einen dieser schicken tragbaren DVD-Player. Bo besaß nur Bücher. Auf der einen Seite war das gut, weil er nie Punkte für das Aufladen seiner Geräte ausgeben musste. Auf der anderen Seite war er oft gezwungen, die wenigen Bücher, die er besaß, mehrfach zu lesen. Außerdem hatte Zhu ihm ausdrücklich verboten, mehr als ein Buch auf ihre Beutezüge mitzunehmen.
»Ich wünschte, ich könnte hànzì besser lesen«, sagte Elena wehmütig. »Wie nennt man so eine Geschichte noch mal?«
»Wūxiá, was so viel wie ›Kampfkunstheld‹ bedeutet. Da kommen die ganzen Kung-Fu-Geschichten her. Wenn du möchtest, kann ich dir beibringen, die Zeichen besser zu lesen. Schließlich hast du dir, bevor das alles losging, ja auch große Mühe mit meinem Englischunterricht gegeben«, bot Zhu an und tastete nach ihrer Hand.
»Der Lehrling ist nun selbst zum Meister geworden.« Sie lächelte und ließ sich von ihm zurück ins Wohnzimmer führen.
Das Abendessen entsprach ihrer Beschreibung: Klebreis mit Erdnüssen und Sojasoße, eingewickelt in Bananenblätter. Zhu und Elena gaben Bo von ihren Portionen etwas ab, da der kräftige Mann so viel wog wie sie beide zusammen. Sie gab ihm auch ihren Teil der Durian.
Der Rauch, den das Feuer im Holzofen verursachte, zog nur zum Teil ab, doch das Team ertrug es, weil das immer noch besser als die Kälte war. Die drei vertrieben sich die Zeit mit den spärlichen Unterhaltungsmöglichkeiten, die ihnen zur Verfügung standen. Sie hörten die Musik, die Zhu auf seinem MP3-Player gespeichert hatte, und sahen sich Filme auf Elenas kleinem Bildschirm an. Anschließend las Bo etwas aus seinem wūxiá-Buch vor und Zhu half Elena mit ihrem Mandarin.
Sie rückten näher an den Ofen heran, als die Nacht anbrach und es kälter wurde. In der Dunkelheit konnte man nicht mehr lesen, also unterhielt Elena die anderen mit Geschichten über ihr Leben in Amerika. Anscheinend war ihre Familie fast jedes Wochenende Boot gefahren oder hatte gegrillt, war an Sandstränden entlangspaziert oder hatte auf einem großen Fluss namens Colorado etwas getan, das Elena als »Tubing« bezeichnete. Sie erzählte ihnen, dass sie und ihr Bruder Robbie oft mit ihrem Vater Rehe mit Pfeil und Bogen gejagt hatten, was erklärte, weshalb sie so gut damit umgehen konnte.
Wenn Elena von ihrer Heimat sprach, hellte sich ihre Miene auf. Es war offensichtlich, wie sehr sie ihre Familie vermisste. Dass sie so weit weg gewesen war, als die Welt auseinanderbrach, musste sie innerlich zerrissen haben. Seit sie und Zhu im Frühstadium der Katastrophe aus Changsha geflohen waren, hatte sie nichts mehr aus Amerika gehört.
Bo hob die Hand, als sie wieder einmal versuchte, ihnen Tubing zu erklären. »Ich verstehe das nicht.« Er zählte die Punkte an den Fingern ab. »Deine Familie hat ihr eigenes Boot, mit dem sie zum Spaß herumfährt, ohne Ziel und ohne etwas zu befördern. Aber ihr lasst euch auch gerne auf Autoreifen im See treiben.«
Sie nickte. »Es geht nicht darum, irgendwo anzukommen. Wir wollten nur zusammen sein und diese Erfahrung genießen. Außerdem gab es auf dem Lake Travis oft Partys. Wir sind herumgefahren, haben ein paar Boote miteinander vertäut und hatten Spaß.«
Bo wirkte ein wenig verwirrt. Zhu konnte das gut nachvollziehen. Sie kamen beide vom Land, Zhu aus West-Hunan und Bo von irgendwo weit oben im Norden. Beide hatten einen Bauernhof verlassen, um sich in der Stadt Arbeit zu suchen, und hatten schließlich nebeneinander in einer Fabrik am Fließband gestanden. Kurz darauf hatte sich Zhu auf die Suche nach einem Englischlehrer gemacht und Elena kennengelernt.
Zum Einschlafen hörten sie gŭzhēng-Volksmusik, Klassiker von Andy Lau und chinesischen Death Metal – Letzteres gefiel Zhu erst seit Kurzem. Bo legte sich neben den Ofen, während sich Zhu und Elena einen Schlafsack teilten. Sie hatten auf einen zusätzlichen Schlafsack verzichtet, um mehr Platz für die Beute zu haben, die sie in die Siedlung zurückbringen wollten.
Zhu überprüfte den Ofen und legte noch ein paar Bretter von dem Regal, das Bo mit seinem Vorschlaghammer zerschmettert hatte, hinein. Dann kontrollierte er auch den Schornstein noch einmal, um sicherzustellen, dass ein Großteil des Rauchs aus der Wohnung geleitet wurde. Es wäre eine Schande, wenn sie an Rauchvergiftung sterben würden, nachdem sie die jiāngshī-Apokalypse überlebt hatten.
Als er neben Elena in den Schlafsack kroch, war sie bereits eingeschlafen. Zhu legte schützend die Arme um sie und sie drückte sich instinktiv mit dem Rücken gegen seine Brust. Er blinzelte, als ihn Erschöpfung überkam. Er warf einen Blick zur Seite und sah, dass Bo mithilfe einer Stirnlampe immer noch in seinem Buch las.
»Wir müssen morgen früh raus«, sagte er.
Das Licht ging aus. »Okay, xiăodì. Schlaf gut.« Der kräftige Mann musste ebenfalls erschöpft sein, denn er schlief nach nur wenigen Sekunden ein. Schon bald erfüllte sein lautes, angestrengtes Schnarchen, das ein wenig an das Zischen eines jiāngshī erinnerte, den Raum.
Zu Zhus Leidwesen fiel Elena, die das Gesicht an seiner Schulter vergraben hatte, schon bald in den Chor ein. Ihr leises Atmen wechselte sich mit Bos lautem Zischen ab. Gemeinsam verfielen sie in einen Rhythmus, dem sich schon bald das Zikadenzirpen, das von draußen in die Wohnung drang, anschloss.
Zhu starrte die Decke seines Elternhauses noch an, als diese seltsame Symphonie lange verklungen war. Er fragte sich, ob jiāngshī schliefen, ob sie sich zumindest in Bruchstücken an ihr vergangenes Leben erinnerten und ob ihre Seele noch in ihrem Körper weilte. Doch hauptsächlich dachte er an seine Urgroßmutter und wie sie die ganze Zeit auf der Toilette gesessen und auf nichts gewartet hatte.
Er hoffte inständig, dass die Urgroßmutter, die er geliebt und verehrt hatte, vor all den Monaten zusammen mit ihrem Körper gestorben war und dass ihre Seele mit denen ihrer Verwandten vereint worden war. Dann würde sie sich keine Fragen mehr stellen oder sich Sorgen machen müssen und vor allem würde sie nicht allein sein. Bevor der Schlaf ihn übermannte, fühlte er sich schuldig, weil ihm die Flucht in die süße Bewusstlosigkeit vergönnt war.
2
DER TAIFUN DER TOTEN
Die jiāngshī schlurften in einer langen Reihe beinahe höflich den schmalen Pfad entlang. Ihr Anführer, ein dürrer Teenager, dem eine Gesichtshälfte fehlte, blieb stehen, als es in einem nahe gelegenen Teich blubberte. Der jugendliche jiāngshī knurrte, legte den Kopf schief und starrte in den Teich. Der Körper hinter ihm prallte gegen ihn und dann auch der hinter ihm, was eine Kettenreaktion auslöste, die sich durch die ganze Reihe ausbreitete, bis der Vorwärtsschwung den ersten jiāngshī zwang, weiterzugehen. Die gespenstische, beinahe lautlose Prozession setzte sich wieder in Bewegung.
Ying Hengyen, Anführer der Lichtblick-Windteams, hockte auf einem Ast oberhalb des Pfads. Ihm entging die bittere Ironie dieser Szene nicht. Das, was sich gerade unter ihm abspielte, hätte als Metapher für die gesamte jiāngshī-Epidemie fungieren können. Ein paar lebende Tote spielten keine Rolle, aber wenn man alle zusammennahm, wurden sie zu einer unaufhaltsamen, unkontrollierbaren Naturgewalt, die alles verschlang, was sich ihr in den Weg stellte. Der von zielloser Masseträgheit angetriebene Tod.
Der Windmeister hatte eigentlich in seinem Versteck bleiben und die Reihe der jiāngshī passieren lassen wollen, doch nun erkannte er, dass er das Unvermeidliche nicht aufschieben sollte. Das Team würde sie entweder jetzt oder auf dem Rückweg töten müssen. Und das Gelände, auf dem sie sich momentan befanden, bot ihnen taktische Vorteile.
Er nahm die Fingerspitzen in den Mund und stieß ein leises Pfeifen aus. Er hatte beinahe den ganzen Tag bis zum Hals in kaltem Moorwasser gestanden und nun war fast sein ganzer Körper taub. Das Pfeifen reichte jedoch. Als es seine Lippen verließ, tauchten drei Gestalten, die jeweils einen langen Speer in den Händen hielten, aus dem Wasser auf. Mit den scharfen Spitzen durchbohrten sie sieben jiāngshī, bevor die anderen sie bemerkten.
Als die Toten ihnen den Rücken zuwandten, ließen sich Hengyen und Linnang von den Bäumen auf zwei jiāngshī fallen und griffen den Rest dann von hinten an. Hengyen, der mit zwei langen Dolchen bewaffnet war, erledigte routiniert vier. Linnang, das neueste Mitglied des Windteams, setzte beim Kampf eine große Axt ein. Sie schlugen und stachen um sich, mussten sich aber einen dicht bewaldeten Hügel hinauf zurückziehen, als die zuvor so ordentliche Reihe sich in eine blutgierige Meute verwandelte. Die beiden Männer flüchteten sich hinter einige Brombeersträucher und erledigten die jiāngshī, die in den Dornen hängen blieben.
Der Rest von Hengyens Windteam stürmte vor und durchbohrte die anderen mit ihren Speeren. Als die jiāngshī sich ihnen zuwandten, flüchteten sie ins Wasser, wo die schwerfälligen Toten kaum vorankamen.
Schon bald waren der Pfad und der Teich voller Leichenteile und Blut. Hengyen und Linnang verließen das Gestrüpp, sahen sich die am Boden liegenden jiāngshī an und töteten alle, die sich noch regten. Innerhalb weniger Minuten hatte das fünfköpfige Windteam mehr als fünfmal so viele jiāngshī getötet. Alle, abgesehen von ihrem »Anführer«, der weiter den Pfad entlangschlurfte und nicht ahnte, dass sein Gefolge abgeschlachtet worden war.
Linnang zog ein Wurfmesser und zielte. Hengyen zog gleichzeitig sein Messer. Linnangs Klinge löste sich zuerst von seinen Fingerspitzen und verfehlte den Kopf des jungen jiāngshī um eine Handbreite. Der jiāngshī drehte sich zu ihnen um, doch im selben Moment bohrte sich Hengyens Klinge in sein Auge.
Hengyen klopfte seinem neuesten Teammitglied auf die Schulter. »Nimm dir Zeit. Das rettet Leben.«
»Ja, dàgē.« Der junge Mann errötete vor Scham.
Hengyen wandte sich den anderen drei Mitgliedern seines Teams zu, die gerade aus dem Wasser stiegen, und reichte ihnen nacheinander die Hand, um ihnen herauszuhelfen. Das Team kam rasch zusammen und ging weiter über den Pfad, der an einer Schlucht entlangführte. Vor ihnen gab es in einiger Entfernung eine Brücke, die beide Seiten der Schlucht miteinander verband. Ein unendlicher Strom jiāngshī zog darüber. Selbst über diese Distanz erfüllten ihr Stöhnen und die Geräusche, die ihre Schritte verursachten, die Luft. Ab und zu fiel ein jiāngshī von der Brücke und landete mit einem Krachen auf den Felsen darunter. Es klang wie Hagel, der ein Blechdach traf. Die Geräusche hallten durch die Schlucht und ihr Echo klang noch lange nach.
Sie gingen rasch, aber vorsichtig weiter und traten schließlich in den Schatten der Brücke. Der Boden war voller Leichen: jiāngshī, die von der Straße, die über ihnen verlief, gestolpert waren. Die meisten waren beim Sturz zerquetscht worden und kaum noch zu erkennen, aber einige regten sich noch und streckten ihre verdrehten und gebrochenen Gliedmaßen nach dem Windteam aus. Hengyens Leute erledigten alle, die sie im Vorbeigehen sahen, mit militärischer Präzision.
Noch vor sechs Monaten hätte sich Hengyen bei diesem furchtbaren Anblick der Magen umgedreht. Doch nun war das sein Alltag, wenn er die Gegend östlich des Lichtblicks erkundete. Einer der ersten Ratschläge, die Hengyen neuen Rekruten der Windteams gab, war, sich bei der Beutesuche immer in Richtung der untergehenden Sonne zu halten. Wer nach Osten ging, forderte den Tod heraus. Dort lagen die großen Städte, in denen die Seuche ausgebrochen war und in denen es mehr jiāngshī gab als Sterne am Himmel.
Nur sein Team durfte in diese Richtung gehen, denn ihre Aufgabe war wichtiger als die Erfüllung einer Quote. Hengyen war einer der wenigen verbliebenen Berufssoldaten und er kümmerte sich ausschließlich darum, die Sicherheit des Lichtblicks zu gewährleisten. In den letzten Wochen hatte die Zahl der jiāngshī, die aus dem Osten heranströmten, stark zugenommen. Nur er und sein Expertenteam verfügten über die Erfahrung und das Können, die nötig waren, um sich auf das Territorium der jiāngshī zu begeben und nach der Ursache dafür zu suchen.
Seit dem Ausbruch der Epidemie kämpfte Hengyen an der Front gegen die Toten. Er war Hauptmann bei der bewaffneten Volkspolizei gewesen, genauer gesagt, hatte er eine der Eliteeinheiten des Falkenkommandos in der Volksbefreiungsarmee angeführt. Er und seine Leute hatten zu den ersten Soldaten gehört, die die Stadt Hangzhou betreten hatten, als dort Chaos und Panik ausgebrochen waren. Man hatte sie kaum mit Informationen ausgestattet, es gab nur einige Berichte über Menschen, die von einem schrecklichen Virus infiziert worden seien, durch den sie den Verstand verloren hätten und nun andere Menschen angriffen.
Anfangs hatte die Regierung von einer Krankheit gesprochen, deshalb hatten Hengyen und seine Leute versucht, die »Kranken« zu neutralisieren, ohne sie zu verletzen. Das war ihr erster Fehler gewesen. Erst als Hengyen mit eigenen Augen gesehen hatte, wie ein sechsjähriger Junge seiner Mutter die Kehle herausriss und seine Zähne anschließend einem seiner Soldaten in den Arm schlug, hatte er begriffen, gegen was er kämpfte. Sein Soldat war gestorben, hatte sich ein paar Stunden später wieder erhoben und die Hälfte der Leute auf seiner Krankenstation umgebracht.
Als klar geworden war, dass man die Seuche nicht eindämmen konnte, hatten die chinesischen Behörden versucht, die Stadt zu evakuieren, anstatt Luftangriffe anzuordnen, mit denen man die Toten vernichtet hätte. Das war ihr zweiter Fehler gewesen. Eine Eindämmung war unmöglich. Die Städte waren zu dicht besiedelt. Die Infektion hatte sich zu leicht ausgebreitet. Nach wenigen Tagen hatten die Toten und verzweifelte Überlebende die meisten Quarantäneposten in den Bevölkerungszentren überrannt. Nach wenigen Wochen hatte die Regierung den Kontakt zu sämtlichen Großstädten in Ostchina verloren. Danach hatte sich dieses Kommunikationsloch weiter nach Westen ausgebreitet und eine Stadt und eine Provinz nach der anderen verschlungen, bis das Militär schließlich nicht mehr gewusst hatte, was es eigentlich noch beschützen sollte. Mittlerweile wusste Hengyen nicht einmal mehr, wie viel vom Militär übrig geblieben war.
Das Windteam eilte unter der Brücke hindurch und dann weiter, wobei alle darauf achteten, den herabfallenden Leichen auszuweichen. Sie blieben dicht an der Felswand, bis sie einen leicht ansteigenden Pfad fanden, der sich an der Ostseite der Schlucht nach oben wand. Unmittelbar über ihnen befand sich eine Felsformation, die so hoch wie ein mehrstöckiges Haus war und von der aus man die Umgebung bis hin zur Großstadt Changde überblicken konnte. Hengyen war bei seinen zahlreichen Erkundungen auf den Pfad und den Aussichtspunkt gestoßen. Anfangs hatte er die jiāngshī, die aus der Stadt hierher unterwegs waren, allein überwacht, doch in den letzten Wochen waren es so viele geworden, dass das zu gefährlich geworden war.
Hengyen befahl allen außer seinem Leutnant, Wangfa, am Boden der Schlucht zu bleiben. Der Pfad war so schmal, dass man ihn nur seitwärts und mit dem Rücken zur Wand entlanggehen konnte. Und selbst dann ragten die Zehen noch über den Abgrund hinaus. Er hatte bereits einen Mann durch einen Sturz verloren. Der Tod war auch so schon allgegenwärtig. Er wollte nicht noch mehr Leben verschwenden.
Die beiden Männer gingen den Pfad hinauf. Wangfa stieg zum ersten Mal auf den Aussichtspunkt. Hengyen war es wichtig, dass sein Stellvertreter sich daran gewöhnte, für den Fall, dass ihm etwas zustieß. Wangfa war der einzige andere Überlebende aus dem Falkenkommando. Sie waren oft unterschiedlicher Meinung, aber er war ein guter Soldat und ein kompetenter Offizier. Hengyen vertraute ihm. Ob er ihn mochte, war irrelevant.
In seinem früheren Leben wäre Wangfa für eine Führungsposition nicht infrage gekommen. Man hatte sogar wegen übermäßiger Gewaltanwendung und Brutalität eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet, doch seit der Epidemie krähte kein Hahn mehr danach. China hatte seine besten und klügsten Leute verloren. Die Überlebenden hatten die leeren Ränge irgendwie auffüllen müssen, deshalb hatte Wangfa eine zweite Chance bekommen und seinen Dienst wieder aufnehmen dürfen.
Sie hatten die Schlucht fast verlassen und die Ebene erreicht, als der schmale Pfad endete. Den Rest des Weges mussten sie mit Seilen und Haken bewältigen, die Hengyen bei einem früheren Ausflug dort angebracht hatte. Er hörte das Murmeln der jiāngshī, die auf der anderen Seite der Felsformation vorbeizogen. Vor zwei Monaten hatte es auf dieser Seite der Schlucht so gut wie keine jiāngshī gegeben. Doch das hatte sich geändert. Hengyen kam als Erster oben an und zog Wangfa hoch. Auf dem Bauch krochen sie zum Rand der Felsformation und blickten ins Tal hinab. Wangfa keuchte, doch Hengyen brachte keinen Laut hervor, sondern atmete nur stumm durch zusammengebissene Zähne aus.
Die jiāngshī drängten sich nicht nur auf der Ebene unter ihnen. Sie bedeckten das ganze Land bis zum Horizont. Es waren mehr, als Hengyen sich in seinen kühnsten Träumen hätte vorstellen können. Und was noch schlimmer war, sie schlurften auf die Straße und die Brücke, die über die Schlucht führte, zu.
»Das müssen Hunderttausende sein. Oder eine Million«, flüsterte er und ein Schaudern überkam ihn. Zum ersten Mal seit den Anfängen dieses Krieges gegen die jiāngshī krampfte Hoffnungslosigkeit seinen Magen und sein Herz zusammen.
Gegen eine solch gewaltige Versammlung der Toten würde jede Streitmacht verlieren. Das Ende des Lichtblicks war gekommen.
In den Monaten seit Kriegsausbruch hatte Hengyen so gut wie alles erlebt und getan. Er hatte oft vor schier unüberwindlichen Hürden und unvorstellbaren Entscheidungen gestanden. In den ersten Tagen der Epidemie hatte er es gewagt, einen Soldatentrupp aus Changsha zu retten. Dann hatte er einen Luftangriff befohlen, obwohl er wusste, dass sich noch Zivilisten in der Stadt aufhielten. Er hatte alle verletzten Soldaten in einem Militärkrankenhaus zum Tode verurteilt, weil die jiāngshī die Barrikaden durchbrochen und sie keine Zeit für eine Evakuierung gehabt hatten. Hengyen hatte nie gezweifelt oder gezögert. Nur die Revolution der Lebenden zählte. Er wusste, wofür er kämpfte.
»Diese Straße führt zum Lichtblick«, sagte Wangfa leise. »Das sind so viele jiāngshī, sie werden alles, was ihnen im Weg steht, zerstören.«
»Wir müssen sie irgendwie ablenken.«
»Wie denn, Windmeister?«
»Ich weiß es nicht, aber wir werden einen Weg finden. Der Lichtblick und die Revolution der Lebenden hängen davon ab.«
Ein lauter, aus der Schlucht kommender Ruf erregte die Aufmerksamkeit der beiden Männer. Sie krochen zur anderen Seite der Felsformation und sahen, dass Linnang ihnen hektisch zuwinkte. Ein Blick in die Schlucht verriet ihnen, was los war. Über dreißig jiāngshī stolperten dort unten auf Hengyens Team zu. Wenn sie nicht sofort nach unten kletterten, würden sie hier oben in der Falle sitzen.
Er nahm das Seil in beide Hände und schwang die Beine über die Felskante. »Wir müssen weg.«
Hengyen seilte sich innerhalb von Sekunden zum Pfad ab, aber der Rest des Weges ließ sich nicht beschleunigen. Ruhig sah er zu, wie die Welle der Toten unter ihm durch die Schlucht rollte.
Die ersten jiāngshī wurden problemlos erledigt, aber die ersten machten einem selten Probleme. Hengyen und Wangfa hatten erst die Hälfte des Weges hinter sich gebracht, als das Gros der Toten den Pfad erreichte. Stöhnend und um sich schnappend wie ein sich windender, aus unzähligen Gliedmaßen bestehender Dämon stolperten sie den Pfad hinauf. Stolz überkam Hengyen, als er sah, wie sein Windteam mit seinen primitiven Waffen gegen sie kämpfte. Seine Leute ließen ihn nicht im Stich.
Er wollte unbedingt zu seinem Team zurückkehren, hatte es jedoch zu eilig und rutschte aus. Er fiel zur Seite und kopfüber dem Boden entgegen. Er konnte sich mit drei Fingern an der Felskante festhalten, doch dann verlor er den Halt und stürzte zwei Stockwerke tief hinab. Der Boden raste auf ihn zu und er spürte, wie etwas an einer Seite seines Körpers heftig knirschte. In seinen Ohren rauschte es dumpf und sein Bewusstsein setzte einen Moment wegen der Schmerzen aus. Die Welt stotterte, schien beinahe anzuhalten und beschleunigte dann, um die Realität einzuholen. Wangfa trat neben ihn und zog ihn hoch. Dann platzte das Rauschen wie ein Ballon und er wurde von einer wahren Kakophonie getroffen. Er gewann die Kontrolle über seine Sinne zurück und sah, dass um ihn herum ein Kampf tobte, durch den Wangfa ihn in Sicherheit zerren wollte. Hengyen schüttelte seinen Stellvertreter ab und übernahm das Kommando. »Die jiāngshī sind ungeschickt. Nutzt das Gelände. Lasst sie zu euch kommen.«
Er bellte noch einige Befehle, um sein Team zu einer Einheit verschmelzen zu lassen. Weizhen und Haihong mussten sich zurückziehen und der Rest des Teams rückte zusammen. Das unebene Gelände und die herumliegenden Felsbrocken und Abfälle behinderten die jiāngshī. Und es waren so viele, dass sie sich gegenseitig in die Quere kamen, als sie sich gierig auf die Menschen stürzen wollten und stattdessen zusammenprallten. Solange alle gelassen blieben und sich an ihre Befehle hielten, sollte es ihnen gelingen, die Gruppe nach und nach zu dezimieren. Die Hälfte der jiāngshī hatten sie bereits getötet.
Aus dem Augenwinkel sah Hengyen, wie Linnang zurückfiel und seine Stellung verließ. Das neueste Teammitglied brüllte etwas Unzusammenhängendes, während sich die jiāngshī um ihn versammelten.
»Ihr Leichen seid nichts! Nur Haut und Knochen.« Er schlug seine Axt in einen Schädel. »Das ist für meinen bà.« Er schlug nach einem anderen jiāngshī und riss seinen Kiefer auf. »Das ist für meinen dì. Das ist für meine Freundin und meinen Scooter. Und meine Universität. Zwei Tage vor dem dämlichen Ausbruch bin ich in Fudan angenommen worden. Ich habe sechs Monate für die Aufnahmeprüfung gelernt!« Er setzte seine lange Beschwerdeliste fort.
»Linnang«, bellte Hengyen. »Reiß dich zusammen und zieh dich zurück.«
Linnang war so sehr in seinem Blutrausch gefangen, dass er die ihn langsam umzingelnden jiāngshī gar nicht bemerkte. Er fuhr einfach mit seinen Beschwerden fort, während er weiter um sich schlug. Blut und Gedärme durchnässten sein Hemd und bedeckten seine Arme. Er schwang seine Axt, holte weit aus und grub sie einem jiāngshī so tief in den Bauch, dass der beinahe in zwei Hälften gespalten worden wäre. Als Linnang die Axt zurückziehen wollte, blieb die Klinge im Knochen stecken. Der Stiel rutschte ihm aus der Hand und er stolperte zurück. Er wollte erneut danach greifen.
»Lass sie stecken!«, rief Hengyen, während er seine zwei Dolche in der Brust eines besonders fetten und widerstandsfähigen jiāngshī versenkte.
Linnang erkannte endlich die Gefahr, in der er schwebte. Die jiāngshī wandten sich nun vom Rest des Teams ab und näherten sich dem Nachzügler. Er hätte immer noch fliehen und die zwei, drei jiāngshī, die ihm den Weg versperrten, zur Seite stoßen können. Stattdessen geriet er in Panik und zog seine Pistole.
»Nein!«, schrie Hengyen. Er rannte auf den Jugendlichen zu, aber es war zu spät. Linnang feuerte die Pistole ein halbes Dutzend Mal ab und tötete mit jedem Schuss einen der jiāngshī, die ihn umzingelten. Die beiden Männer erstarrten, als der Lärm der Schüsse durch die Schlucht hallte. Hengyen suchte mit Blicken die Felskante über ihnen ab, während das Echo verklang. Nichts. Kein jiāngshī, noch nicht einmal eine Staubwolke. Anscheinend hatten sie Glück gehabt.
Hengyen stürmte zu Linnang und riss ihm die Pistole aus der Hand. »Was habe ich über das Abfeuern deiner Waffe gesagt, vor allem, wenn eine ganze Armee von denen in der Nähe ist?«
Linnangs Hände zitterten. Er kicherte nervös. »Es tut mir leid, Windmeister. Ich habe gesehen, dass ihr alle weiter vorn wart. Da bin ich in Panik geraten.«
Hengyen atmete erleichtert durch und tippte ihm mit dem Finger auf die Stirn. »Benutz nächstes Mal deinen Kopf. Zum Glück ist dieses Mal alles gut gegangen, aber …« Er ließ den Satz unvollendet. Ein dumpfes Dröhnen hallte durch die Schlucht, in das sich Stöhnen und Zischen mischte. Die Geräusche wurden immer lauter.
Aus dem Augenwinkel sah Hengyen, wie etwas von Himmel fiel. Er fuhr herum und sah gerade noch, wie nur wenige Meter von ihm entfernt ein Körper auf die Felsen aufschlug.
Haihong erbleichte und zeigte auf den Rand der Schlucht. Auf beiden Seiten tauchten massenhaft jiāngshī auf, die vom Lärm der Schüsse angelockt worden waren. Nun traten sie über die Kante und krachten auf die Felsen in der Schlucht. Weitere jiāngshī folgten ihnen, doch viele aus dieser zweiten Welle standen wieder auf, weil die, die vor ihnen heruntergefallen waren, ihren Aufprall dämpften.
Hengyen widerstand dem Impuls, diese Situation als Lehrstück zu nutzen, und befahl einen raschen, aber geordneten Rückzug. Er kämpfte sich in die Richtung durch, aus der sie gekommen waren. Die jiāngshī fielen um sie herum weiter vom Himmel. Viele, die zwischen den Felsen aufschlugen, erhoben sich nicht mehr. Doch ebenso viele standen wieder auf. Die Leichen stapelten sich inzwischen bereits am Fuß der steilen Felswände.
Ein jiāngshī, dessen Aufprall von einem Dutzend anderer, die vor ihm aufgeschlagen waren, gedämpft wurde, rollte von dem Leichenberg herab und landete irgendwie auf den Füßen. Mit ausgestreckten Armen und unnatürlich verdrehtem Hals schlurfe er auf Hengyen zu, der so mit seinen Befehlen beschäftigt war, dass er den jiāngshī erst bemerkte, als der gegen ihn prallte und nach seinem Arm griff.
Der Windmeister schob seine freie Hand unter dessen Ellbogen, blockierte den Arm, warf den jiāngshī zu Boden und trieb ihm mit einer geschmeidigen Bewegung seinen Dolch in den Schädel. Ein anderer kam aus seinem toten Winkel auf ihn zu. Hengyen trat ihm die Beine unter dem Körper weg, kam auf die Füße und gab dem Rest des Teams ein Zeichen, sich zurückzuziehen.
Ein jiāngshī bekam Linnang zu fassen und biss ihm mit seinen verrotteten Zähnen ein Stück Fleisch aus dem Arm. Linnang schrie und schlug auf den Kopf der verwesenden Kreatur ein. Einem zweiten jiāngshī gelang es, mit seinen schwarz verfärbten Händen das Bein des Mannes zu packen. Ein dritter krallte sich in seine Haare.
Dann begann der Fressrausch.
Linnangs Schreie gellten durch die Schlucht, als er unter den Körpern begraben wurde. Hengyen zog die Pistole und suchte in der Hoffnung, ihn durch einen Schuss von seinem Leid erlösen zu können, nach ihm. Doch er sah nur zuckende Gliedmaßen und spritzendes Blut. Er winkte den anderen zu. »Rückzug.«
Der Rest des Windteams gab den Kampf auf und floh. Hengyen führte die anderen an und schlug dabei immer wieder Haken, um den jiāngshī zu entgehen, die noch immer herabfielen. Ein Körper wäre beinahe auf Weizhen gelandet. Haihong stolperte und stürzte schmerzhaft, als ein anderer direkt vor ihr aufschlug.
Das Windteam rannte fast einen Kilometer weit durch die Schlucht. Erst dann befahl ihm Hengyen, anzuhalten. Er warf einen Blick in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Schon bald würden sich die jiāngshī in der Schlucht drängen. Es würde Wochen dauern und sie würden Leute einsetzen müssen, die anderswo gebraucht wurden, wenn er die Steinformation wieder als Aussichtspunkt nutzen wollte.
»Was machen wir jetzt, Windmeister?«, fragte Wangfa.
Hengyen schüttelte den Kopf. Um dieses Problem würde er sich später kümmern. »Wir kehren so schnell wie möglich nach Hause zurück. Lasst alles liegen, was ihr nicht unbedingt braucht. Wir müssen den Lichtblick warnen, dass sich ein Taifun nähert.«
3
QUOTE
Zhus Windteam brach im Morgengrauen auf. Wie er prophezeit hatte, löste sich der starke Nebel im ersten Licht des Tages auf. Das Frühstück hatte aus den verbliebenen Hundertjährigen Eiern bestanden, die Elena noch mehr hasste als Durian. Doch da ihnen der Klebreis ausgegangen war, aß sie jedes Stück, das er ihr anbot.
Zhu führte sie über die Treppe ins oberste Stockwerk, wo sie durch ein Fenster in der Seitenwand auf das nächste Dach sprangen. Sie gingen vorsichtig an dem im Stil einer Pagode errichteten Dach bis zur Ecke und kletterten dann auf allen vieren zum First hinauf. Sie bewegten sich langsam und vorsichtig, denn durch den feuchten Nebel waren die Dachziegel glitschig geworden.
»Wehe hindurch, als wärst du nie hier gewesen«, murmelte er, ohne den Blick von seinen Füßen zu nehmen. Diese Redewendung wurde jedem Windteam während der Ausbildung eingebläut. Als sie tiefer ins Dorf vordrangen, füllten sich die Straßen unter ihnen mit jiāngshī. Fast alle standen völlig reglos da, als würden sie zur Terrakottaarmee gehören. Der Anblick ließ Zhu zu den rastlosen Gedanken zurückkehren, die er sich in der letzten Nacht gemacht hatte: Schliefen jiāngshī? Träumten sie? Es spielte keine Rolle. Hauptsache, sie wurden nicht gestört, denn Unruhe war ansteckend. Ein Meer von unruhigen, aufgeregten jiāngshī hätte das Windteam nur abgelenkt und das durfte es sich nicht erlauben. Ein Schwarm Kraniche flog tief über sie hinweg, als Zhu einen Schrei hinter sich hörte. Er drehte sich um und sah, wie Elena mit den Füßen voran über das steile Dach rutschte, während sie sich verzweifelt festzuhalten versuchte. Er warf sich in ihre Richtung und rutschte über die rauen Dachziegel, erkannte jedoch, dass er es nicht schaffen würde. Doch dann gelang es Elena zu seiner Überraschung doch noch, sich festzuhalten, und er schlitterte an ihr vorbei. Die Dachkante kam rasch auf ihn zu. Er stellte sich vor, wie er mit dem Kopf zuerst in ein Meer aus jiāngshī stürzte, aber dann wurde sein Fall abrupt gestoppt.
Er sah zurück und entdeckte Elena, die flach auf dem Dach lag. Mit einer Hand hielt sie sich an einem Griff fest, die andere hatte sie um eine Handvoll Stoff seines Hosenbeins gekrallt. Er konnte sich nicht erklären, wie es ihr gelungen war, nicht nur sich selbst, sondern auch ihn zu retten. Zhu richtete sich vorsichtig auf und kroch auf allen vieren zu ihr. Zusammen kletterten sie zum Dachfirst hinauf. Bo half ihnen auf.
Zhu ergriff Elenas Arm. »Gut reagiert.«
Sie hob die Finger und wackelte damit. »Das jahrelange Herumklettern im Guadalup-Gebirge hat sich also doch gelohnt.«
Er warf einen Blick auf ihre Turnschuhe, die bis auf die Innensohlen abgelaufen waren. »Wir müssen dir ein neues Paar Schuhe besorgen«, murmelte er.
»Größe 39 und wenn es geht, in Pink.«
Er lachte leise. »Mal sehen, was sich machen …« Er hielt abrupt inne und wandte sich dem Horizont zu. Eine Sekunde lang kam es ihm so vor, als würde sich im obersten Stockwerk des Gebäudes auf der anderen Straßenseite etwas bewegen. Er ließ den Blick über die Dächer gleiten, fand jedoch nichts.
Bo folgte seinem Blick. »Was ist los?«
Elena kniff die Augen zusammen und griff nach ihrem Bogen.
Zhu starrte noch einige Sekunden lang auf das Dach, wandte sich dann jedoch ab. »Nichts. Ich dachte nur, ich hätte etwas gesehen. Bleibt wachsam.«
Die drei drangen noch vorsichtiger als zuvor ins Dorf vor. Am Ende der Straße stießen sie auf ein totes Stromkabel, das über die Straße führte. Zhu ging voran, um sicherzustellen, dass es sein Gewicht aushielt. Er schlang Arme und Beine um das Kabel, hängte sich mit dem Kopf nach unten daran und zog sich zur anderen Straßenseite, ohne einen Blick nach unten auf den Strom der Toten zu werfen. Hier im Dorfzentrum gab es so viele, dass man den Boden nicht mehr sehen konnte. Zhu hatte die andere Seite fast erreicht, als er nach unten blickte, um einen Halt für seine Füße zu finden. Das war ein Fehler, denn der Strom der jiāngshī wogte hin und her und streckte ihm die zu Klauen gekrümmten Finger entgegen.
Die jiāngshī hatten sie also doch noch bemerkt und ihre animalische, irrsinnige Wut lähmte ihn. Seine Gedanken überschlugen sich. Zhu war es nach dem Ausbruch der Epidemie gelungen, seine Gefühle abzuschotten. Nur so konnte man in dieser furchtbaren Realität überleben. Er stellte sich dem Gedanken, dass es sich bei den jiāngshī um von den Toten auferstandene Menschen handelte, nicht. Stattdessen tat er so, als wären sie Kreaturen, die man umbringen oder vermeiden musste. Er musste stark sein, sonst würde er sich nicht um Elena kümmern können. Aber nach dem, was er letzte Nacht in der Wohnung seiner Großeltern entdeckt hatte … Er schloss fest die Augen und nahm einige kurze, flache Atemzüge, während er am ganzen Körper zitterte.
Zhu wusste nicht, wie lange er an dem Kabel gehangen hatte, aber auf einmal stach ihn etwas von hinten, nicht fest genug, um die Haut aufzureißen, aber so fest, dass er erschrocken aufschrie. Er sah am Kabel entlang und entdeckte Elena hinter sich. Sie hatte die Beine über das Kabel geschlagen und hielt sich mit einer Hand daran fest. In der anderen sah er ihren kurzen Speer.
Die Umgebung kehrte in sein Bewusstsein zurück. Auf einmal schmerzten seine Arme und das Blut schoss ihm in den Kopf. »Alles okay«, rief er, als er sich auf den Weg zur anderen Seite machte.
Er ließ sich vorsichtig auf das Dach fallen und fing Elena auf, die ihm in die Arme fiel. Er hielt sie sogar noch fester als zuvor das Kabel. »Danke, dass du mir geholfen hast«, flüsterte er ihr ins Ohr.
»Jag mir nie wieder so eine Angst ein, Arschloch.« Ihre Stimme zitterte. »Du hast eine ganze Minute nur so da gehangen. Was war denn los?«
Sie umarmten sich noch, als Bo auf dem Dach ankam und ihnen auf die Schultern tippte. »Ich habe niemanden zum Umarmen.« Elena stieß wieder diesen gurrenden Laut aus und schien ihn in die Umarmung einbeziehen zu wollen. Aber Bo hob die Hände. »Nein, das meinte ich nicht. Ich will nur weiter.«
Das war wahrscheinlich eine gute Idee. Sie hatten hier ohnehin schon zu viel Zeit verschwendet. »Kommt«, sagte Zhu. »Es ist nicht mehr weit.«
»Was ist nicht mehr weit?«, fragte Elena. »Wo gehen wir hin?«
»An einen Ort, an dem es angeblich gute Beute gibt.« Zhu führte sein Windteam zu einer schmalen Gasse, die zwei einst belebte Straßen miteinander verband. Zum Glück gab es hier nicht so viele jiāngshī. Er zeigte auf eine Tür im Erdgeschoss. »Da drin.«
Sie sprangen gleichzeitig vom Dach und landeten in einer kleinen Gruppe jiāngshī. Zhu stürzte sich auf die beiden links von ihnen, während der Rest seines Teams sich um die drei rechts von ihnen kümmerte. Zhu riss seine Machete hoch und schlitzte einen jiāngshī vom Bauchnabel bis zum Hals auf. Die Kreatur taumelte nach vorn, obwohl sich ihre linke Brusthälfte vom Körper schälte und dabei einige gebrochene Rippen und einen lila-roten Fleischklumpen freilegte, den Zhu für einen Lungenflügel hielt. Er zog die Machete zurück, die jedoch zwischen zwei Rippen stecken blieb. Der jiāngshī schlug mit seinem unverletzten Arm nach ihm. Zhu stieß ihn zur Seite und stellte den Fuß auf seine Brust, genau in die violette Masse. Er stemmte sich mit dem Fuß in den Körper und zog gleichzeitig, bis er die Klinge befreien konnte.
Diese kurze Verzögerung erwies sich als kostspielig, denn nun stürzte sich der andere jiāngshī auf ihn. Zhu versuchte, ihm auszuweichen, doch die Kreatur kollidierte mit ihm und schlang ihre Arme um seine Hüften. Dieser jiāngshī war ein großer, kräftiger und pummeliger Kerl, der Zhu um einiges überragte und fast doppelt so breit war. Zhu wand sich, als der jiāngshī seine Arme um seine schlang und sie ihm gegen den Körper presste. Dann riss er den Mund auf und biss ihm in die Schulter. Zhu schrie.
Elena schrie ebenfalls. »Nein! Ich hab kein freies Schussfeld.«
Zhu schloss die Augen und biss die Zähne zusammen, als er darauf wartete, dass ihm das Fleisch aus dem Körper gerissen wurde und ihm sein eigenes Blut ins Gesicht spritzte. Das war es dann also für Chen Wenzhu. So breitete sich die Epidemie aus. Man überlebte einen jiāngshī-Biss nicht, man starb und kehrte als jiāngshī zurück. Einige Leute hatten einen Biss überlebt, weil die betroffene Stelle schnell genug herausgeschnitten oder amputiert worden war, aber das brachte Zhu nichts. Er war sich ziemlich sicher, dass man eine Schulter nicht abschneiden konnte.
Zum jiāngshī zu werden war schlimmer als der Tod, denn er würde die Lebenden angreifen und diese Seuche weiterverbreiten. Die Vorstellung, dass er die Menschen verletzen würde, die ihm nahestanden, war bestürzend. Elena und Bo würden ihn erledigen müssen …
Doch diese Prophezeiung erfüllte sich nicht, denn Zhu spürte nur einen dumpfen Schmerz in der Schulter, fast so wie bei einer Massage. Er öffnete vorsichtig ein Auge, betrachtete den jiāngshī genauer und sah, dass es sich bei ihm um einen alten Mann handelte. Anstelle der Zähne sah er nur graues, feucht glänzendes Zahnfleisch. Der jiāngshī hatte sein Gebiss verloren. Trotzdem versuchte er, mit dem Zahnfleisch an Zhu zu nagen.
Eine Pfeilspitze schoss aus seiner Brust. Der jiāngshī zuckte, ließ sich aber nicht von seinem Vorhaben abbringen. Zhu gelang es, einen seiner Arme zu befreien. Er legte die Hand an den Hals des jiāngshī und versuchte, ihn zurückzustoßen. Ein zweiter Pfeil bohrte sich in den Nacken des jiāngshī und trat vorne am Hals aus, wobei er die Haut zwischen Zhus Daumen und Zeigefinger aufriss.
Er starrte aus geweiteten Augen auf die Pfeilspitze. Ein paar Zentimeter weiter rechts oder links und er hätte einen Finger verloren. Er wandte sich der Schützin zu. »Pass doch auf!«
Dann war Bo auch schon da und riss den jiāngshī an den Haaren zurück. Der kräftige Mann warf den schweren Toten zu Boden und zermalmte ihm den Kopf mit seinem Vorschlaghammer.
Elena tauchte einen Moment später neben Zhu auf. Ihr Blick wirkte fast schon panisch, als sie sein Hemd nach unten zog und nach Wunden suchte. Seine Schulter war ekelhaft nass, aber die Haut war unverletzt.
Zhu und Elena atmeten erleichtert auf und umarmten einander.
Sie blieben eine Weile so stehen, während das Adrenalin aus ihren Körpern wich. Draußen in der Wildnis war es immer gefährlich, aber so knapp war er dem Tod nur selten entkommen, und das auch nur, weil er Glück gehabt hatte. »Das war knapp.«
»Zu knapp.« Sie wich zurück und stieß ihm den Finger in die Brust. »Du musst vorsichtiger sein, Chen Wenzhu. Ich schwöre dir, wenn du zum jiāngshī wirst, werde ich dich nicht erledigen, sondern als Haustier behalten und dich Zhu Zhu nennen.«
»Das klingt gar nicht mal schlecht«, sagte er halb im Scherz. »Tut mir leid. Ich bin heute unkonzentriert. Mir geht viel durch den Kopf.«
»Willst du darüber reden?«
Er sah sich um. »Später. Jetzt ist kein guter Zeitpunkt.«
»Ich werde dich daran erinnern.« Sie hob mahnend den Zeigefinger. »Du kannst von Glück sagen, dass Bo und ich auf dich aufpassen. Aber verlass dich nicht zu sehr darauf, Mister.«
Er zeigte auf die Tür. »Bo, kannst du uns reinbringen?«
»Schon dabei.« Bo wandte sich der Tür zu. Er schwang seinen Vorschlaghammer wie einen Baseballschläger. Der kollidierte mit dem Türknauf, aber abgesehen von einem dumpfen Knall passierte nichts. Bo runzelte die Stirn. Er schlug noch einige Male auf die Tür ein, wobei er bemerkenswert viel Lärm machte, sie aber trotzdem nicht öffnen konnte.
Elena zupfte an Zhus Ärmel. »Wir locken Zuschauer an.«
jiāngshī tauchten an beiden Seiten der Gasse auf, um sich anzusehen, was dort los war. Einer nach dem anderen schlurfte auf das Windteam zu. Bo schlug härter und wütender auf die Tür ein, aber damit verursachte er nur noch mehr Lärm und lockte weitere neugierige jiāngshī an. Die beiden Gruppen kamen immer näher.
»Spar dir deine Kräfte«, sagte Zhu zu dem keuchenden, schwitzenden Bo, als der den Vorschlaghammer sinken ließ, um zu Atem zu kommen. »Die werden wir gleich noch brauchen.«
»Gegen so viele können wir nicht kämpfen«, widersprach Elena. Das stimmte. Die vielen jiāngshī auf diesem beengten Raum würden sie innerhalb von Sekunden überrennen. Elena sah zu einem schmalen Fenster über der Tür hinauf. »Hilf mir hoch.«
Zhu verschränkte die Finger ineinander und stemmte sie hoch. Elena zog ihr Messer und schlug die Scheibe mit dem Griff ein.
»Sie kommen«, sagte Bo.
»Ich brauche nur noch ein paar …« Elena wischte die Scherben weg und verschwand im Inneren des Hauses.
Bo schlug mit seinem Vorschlaghammer nach dem erstbesten jiāngshī und zertrümmerte dessen Schlüsselbein mit einem deutlich hörbaren Krachen, während Zhu darauf wartete, dass die jiāngshī auf der anderen Seite näher kamen. Er würde höchstens zwei oder drei töten können, bevor die anderen ihn überrannten. Hinter Zhu wurde an der Tür gerüttelt. Er stach einem jiāngshī ins Gesicht und zog sich zurück, bis er mit dem Rücken gegen Bo stieß. Die beiden Gruppen waren nur noch wenige Meter voneinander entfernt.
»Hör zu, xiăodì«, sagte Bo. »Wir müssen nicht beide sterben. Ich kann dich zum Fenster hochheben.«
»Gut.« Zhu zögerte nicht. Die Toten waren zwar langsam, aber sie zögerten nie. Das war eine der ersten Lektionen, die jeder angehende Windläufer lernte. Sie alle mussten sich der unvermeidlichen Tatsache stellen, dass sie früher oder später fallen und sich dem Feind anschließen würden. Die Frage war nur, ob sie auf eine gute Weise sterben würden.
Wie Windmeister Hengyen oft sagte: »Wenn ihr Zeit damit verschwendet, euch über die Rechnung zu streiten, werdet ihr sie am Ende beide bezahlen.«
Bo stemmte sich mit dem Rücken gegen die Tür und verschränkte die Finger ineinander. Er warf einen Blick auf die heranschlurfenden jiāngshī und seufzte. »So passiert das in meinen Albträumen auch immer. Pass gut auf meine xiăomèi auf.«
Zhu stellte sich auf Bos Hände. »Es tut mir leid.«
Bo zuckte mit den Schultern. »Schneide ein Glied ab, um den Körper zu retten. Töte einen Mann, um das Team zu retten. Opfere die Armee, um die Revolution der Lebenden zu retten.« Ein weiterer Slogan.
Als Zhu von Bo hochgestemmt wurde, ging die Tür auf und beide Männer fielen um sich tretend und mit den Armen rudernd ins Innere. Elena schlug die Tür hinter ihnen zu und verriegelte sie wieder.
Sie beugte sich besorgt über die beiden. »Alles in Ordnung? Seid ihr gebissen worden?«
Zhu, der quer über Bo lag, rutschte von ihm. Er musste lachen, als ihn die Erleichterung überkam. Bo setzte sich auf und stimmte in das Gelächter ein.
»Ich hätte eh nicht durch das Fenster gepasst«, sagte Zhu.
Bo kicherte. »Ich weiß. Ich dachte, sie würden sich an mir satt essen und dich vergessen.«
Das Stöhnen der jiāngshī, die mit ihren Fingernägeln über die Tür kratzten, klang lauter, als ihr Gelächter nachließ.
Elena half beiden auf. »Wo sind wir? Zhu, woher kennst du diesen Ort?«
Er antwortete nicht, sondern sah sich im Raum um, damit seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten. Sie waren in einer großen Autowerkstatt. Zhu glaubte, die Umrisse eines Traktors zu erkennen, der ohne Räder auf einer Hebebühne stand. An der gegenüberliegenden Wand entdeckte er einen alten Lieferwagen. Kisten voller Autozubehör stapelten sich an der Rückwand. Die Luft roch muffig, was gut war. Normalerweise bedeutete das, dass ein Raum nicht von außen zugänglich war. Und er roch auch keine Toten. Vielleicht hatten sie dieses Mal wirklich Glück.
Das war der Ort, an den er sich erinnerte. Von früher …
Doch heute hatte sein Windteam einen Volltreffer gelandet. Er lief zu einem Regal und wühlte sich durch den Inhalt: eine Kiste mit Kühlmitteln, Lichterketten und eine Schublade mit Elektrowerkzeug. Er riss einen Karton auf und hob die Faust. »Öldosen.«
Elenas Miene hellte sich auf. »Für die gibt es Extrapunkte!«
Sie teilten sich auf und durchsuchten den nasskalten Raum. Dabei mussten sie den Wert eines Gegenstands und sein Gewicht abwägen. Die Reise nach Hause würde zwei oder drei Tage in Anspruch nehmen, also durften sie nicht zu gierig sein. Zhu bat Bo, sich den Lieferwagen anzusehen. Autoteile wurden dringend benötigt, deshalb würden sie für die viele Punkte bekommen. Er sagte Elena, sie solle Öldosen einpacken und unbeschädigte Scheinwerfer, während er selbst Ersatzteile und Elektrowerkzeug einsteckte. Einer der Mechaniker im Lichtblick hatte um eine Lichtmaschine für Motorräder gebeten. Elenas Blick glitt suchend über die Kisten. Sie hoffte, irgendein Schriftzeichen zu finden, das wenigstens entfernt mit dem für »Motorrad« verwandt war.
Zhu und Bo nahmen alles mit, was wertvoll war und sich tragen ließ. Einige Schätze wie eine Kiste voller Autobatterien und einige volle Benzinkanister mussten sie jedoch wegen der Größe und des Gewichts stehen lassen. Seit das Stromnetz nicht mehr funktionierte, gab es eine große Nachfrage nach allem, mit dem sich Energie gewinnen ließ, doch die Kanister und Batterien konnten sie nicht bis zum Lichtblick tragen. Sie waren viel zu schwer. Andere Dinge, zum Beispiel Öldosen und Schraubenzieher, waren ihr Gewicht in Gold wert. Nicht dass Gold noch etwas wert gewesen wäre.
Der Motor des Lieferwagens auf der anderen Seite der Werkstatt hustete einige Male und sprang an. Bo kletterte vom Fahrersitz und schloss triumphierend die Motorhaube. »Xiăodì, das Ding läuft noch. Ich habe nur eine neue Batterie eingesetzt. Es wäre eine Schande, den Motor auseinanderzunehmen. Können wir den nicht beladen und damit nach Hause fahren?«
Zhu schüttelte den Kopf. »Das ist Wunschdenken. Wir würden damit nicht durch den Strom der jiāngshī kommen. Nimm nur mit, was du tragen kannst.«
Bos Miene verdunkelte sich. »Na gut.« Er schaltete den Motor ab und verschwand hinter dem Lieferwagen.
Zhu wollte gerade nach Elena sehen, als ein Schrei durch die Werkstatt gellte. Eines der Metallregale, die die Werkstatt unterteilten, fiel um und verteilte seinen Inhalt auf dem Boden. Bos Taschenlampe rollte durch die Werkstatt und ihr Lichtkegel zuckte über die Wände.
Zhu richtete seine Taschenlampe auf die Quelle des Lärms. Bo war es irgendwie gelungen, gegen ein Regal zu laufen und es umzuwerfen. Nun saß er auf dem Hintern in einem der Zwischenräume und seine Füße zappelten in der Luft. Zhu blieb das Lachen jedoch im Hals stecken, als sich etwas knapp hinter Bo bewegte.
Gutturales Stöhnen hallte durch die Werkstatt. Die Laderaumtüren des Lieferwagens schwangen auf und ein Strom jiāngshī ergoss sich auf den Boden wie Lemminge, die von einer Klippe sprangen. Ihre schwarzen Helme und die kegelförmigen Hüte verrieten, dass es sich um Polizisten und Bauern handelte.
Ein in Kampfausrüstung gehüllter jiāngshī würde mit ihren primitiven Waffen nur schwer zu besiegen sein.
Ein schon seit Langem toter Polizist und ein jiāngshī, der eine Lederschürze trug, kamen vom Boden hoch und schlurften auf Bo zu. Der Tritt des großen Mannes warf den Polizisten zurück, doch der Schürzenträger fiel auf ihn. Bo gelang es, ihn am Hals zu packen, sodass der jiāngshī ihn nicht beißen konnte, doch dessen Fingernägel gruben sich in sein Gesicht.
Zhu griff rasch nach seinem mit Beute gefüllten Seesack und eilte zu seinem Freund. Elena erreichte ihn zuerst. Sie holte mit ihrem Speer aus und stieß ihn dem jiāngshī in den Hinterkopf. Zhu kam einen Moment später dazu und erledigte mit seiner Machete routiniert zwei Tote, während Elena Bo aufhalf. Er erstach eine jiāngshī, die ein Kleid trug, wäre aber beinahe über einen umgefallenen Stapel Reifen gestolpert.
Elena und Bo zogen sich zur Tür zurück. Immer mehr jiāngshī versammelten sich in der Werkstatt.
»Nein«, schrie Zhu. »Wir können nicht zurück in die Gasse.«
Elena fuhr hektisch herum. »Anders kommen wir hier nicht raus.«
Das stimmte. Abgesehen von der Werkstatttür gab es nur noch einen Ausgang in der gegenüberliegenden Wand, doch um den zu erreichen, hätten sie sich durch den ganzen Raum kämpfen müssen. Erneut knirschte Metall und ein weiteres Regal fiel um, dann schob sich die jiāngshī-Menge auch schon auf sie zu. Eines der Regale landete auf dem Traktor und drückte ihn von der Hebebühne. Er zerquetschte einige jiāngshī.
Zhu sah nach oben. Unter der Decke gab es eine Reihe schmaler Fenster. Er zeigte darauf. »Da hoch. Wir klettern.«
Er erstach einen jiāngshī, der Mechanikerkleidung trug, und rüttelte dann an dem Regal, das an dem Traktor lehnte.
Er kletterte schnell hinauf und benutzte die Metallböden als Leiter. Einige Arme griffen durch die Öffnung nach seinem Bein. Ein kahlköpfiger jiāngshī, der als Großmutter Maribelles Ehemann hätte durchgehen können, biss in seinen Schuh. Zhu versuchte, den Großvater abzuschütteln, doch der ließ nicht locker, sondern knurrte wie ein Chongqing Dog. Dieser hatte Zähne und nagte sich rasch durch den Turnschuh. Zhu gab auf, zog den Fuß zurück und überließ dem Großvater den Schuh. Er kam an der Oberseite des Regals an und winkte den anderen zu. »Beeilt euch!«
Elena gelangte als Erste zu ihm. Sie starrte auf die Lücke zwischen dem umgefallenen Regal und dem, das noch an der Wand unter den Fenstern stand. Sie schüttelte den Kopf. »Das schaffe ich nicht.«
Zhu packte sie an den Schultern. Dann küsste er sie unsanft und sah ihr in die Augen. »Du schaffst das. Ich folge dir, aber du musst als Erste springen.«
Elena nickte. »Wehe, du folgst mir nicht, Chen Wenzhu.«
Sie atmete tief durch und sprang über die Lücke. Mit einem Fuß landete sie auf dem Regal, doch mit dem anderen verfehlte sie es. Eine Hand griff nach ihrem Knöchel und sie wäre beinahe heruntergefallen, doch da tauchte Bo auf. Er schwang seinen langen Vorschlaghammer und zermalmte den Arm des jiāngshī am Ellbogen. Elena zog ihr Bein hoch und schüttelte die abgetrennte Hand von ihrem Knöchel, als wäre sie ein großes, widerliches Insekt.
Zhu wartete, bis Bo zu ihm hinaufgeklettert war. Das Regal schwankte unter den beiden ausgewachsenen Männern, die auf ihm standen. »Los, xiăodì«, sagte Bo.
Zhu schüttelte den Kopf. »Du hast mich in der Gasse vorgelassen. Jetzt bist du dran.«
Bo zögerte ebenfalls nicht. Er sprang über die Lücke und landete neben Elena auf dem Regal. Die Kraft seines Absprungs sorgte jedoch dafür, dass Zhus Regal von der Wand weggestoßen wurde. Zhu schwankte, als es sich unter ihm verschob. Er ging auf alle viere, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, musste sich dabei aber auch gegen die jiāngshī wehren, die unter dem Regal festsaßen und nach ihm griffen. Durch ihre zunehmenden Bewegungen rutschte das Regal langsam vom Traktor.
Zhu musste sofort reagieren, denn das Regal wurde nun nur noch von der wogenden jiāngshī-Menge aufrecht gehalten. Eine Sekunde bevor es zu Boden gerissen wurde, stieß er sich ab. Es gelang ihm, sich mit den Fingern an das Dach des Lieferwagens zu krallen. Mit aller Kraft zog er sich hoch.
»Zhu!«, schrie Elena und griff durch das Fenster nach ihm.
»Xiăodì!«, brüllte Bo gleichzeitig.
Zhu brachte kein Wort über die Lippen. Mit einer Geste befahl er seinem Windteam, ohne ihn zu gehen. Mit wachsender Verzweiflung sah er zu, wie Bo die Scheibe einschlug und versuchte, Elena dazu zu bringen, durch das Fenster zu klettern. Als sie sich weigerte, hob er sie hoch und schob sie hindurch. Zhu sah noch, wie Elena die Hand nach ihm ausstreckte, dann verschwanden sie und Bo.
»Gut gemacht«, murmelte Zhu und ließ den Kopf hängen. »Pass gut auf sie auf.«
Er hatte das Versprechen, das er Elena gegeben hatte, nicht halten können, aber wenigstens hatte sie es geschafft. Er saß fest, aber noch lebte er. Ein Teil von ihm fragte sich, ob es nicht besser wäre, einfach zu sterben. Er schloss die Augen und setzte sich auf. Die jiāngshī drängten sich an einer Seite des Lieferwagens, stemmten sich dagegen und griffen stumpfsinnig nach ihm. Zhu erwog, hinunterzuspringen, sein Schicksal anzunehmen und sich von ihnen zerfleischen zu lassen. Das wäre jedenfalls besser, als umgeben vom Gestank der jiāngshī auf dem Dach eines verstaubten Lieferwagens zu sitzen und zu verhungern. Er zog seine Machete. Vielleicht sollte er sich einfach die Pulsadern aufschneiden.
Als er auf die Motorhaube des Lieferwagens starrte, fiel ihm auf einmal etwas ein. Er warf einen Blick auf die andere Seite des Lieferwagens. Dort war niemand.
»Ich hoffe, du hast den Schlüssel stecken lassen, Bo«, murmelte er.
Zhu atmete tief durch und sprang zu Boden. Zum Glück war die Tür unverschlossen und der Schlüssel steckte noch im Zündschloss. Er murmelte ein Gebet und drehte den Schlüssel. Der Motor wimmerte einige Male. Ein jiāngshī tauchte an der Beifahrerseite auf und schlug mit den Fäusten gegen das Fenster. Ein anderer zog sich auf die Motorhaube. Weitere gesellten sich dazu. Es knackte in der Windschutzscheibe, dann breitete sich ein Riss darin aus.
Zhu biss die Zähne zusammen. »Komm schon, komm schon! Spring an!«
Eine höhere Macht schien sein Gebet erhört zu haben, denn der Motor erwachte endlich zum Leben. Zhu trat das Gaspedal durch und mit quietschenden Reifen fuhr der Lieferwagen los, kam aber nur bis zum Werkstatttor. Zhu überfuhr ein paar jiāngshī und setzte zurück. Vor und zurück. Immer wieder. Schließlich wurde das Tor aus den Angeln gerissen und der Lieferwagen war frei.
Zhu fuhr ihn aus der Werkstatt und streifte die Ecke eines Backsteingebäudes auf der anderen Seite der Gasse. Er bog in einen kleinen Parkplatz ein und überfuhr auf dem Weg dorthin noch einige jiāngshī. Er lenkte den Lieferwagen auf die Straße zu und warf einen Blick auf die jiāngshī-Gruppen, die dort überall standen.
Zhu versuchte, an ihnen vorbeizufahren. Eine solche Gruppe konnte den Lieferwagen ebenso an der Weiterfahrt hindern wie eine Mauer. Er musste diese Gegend so schnell wie möglich verlassen. Und vor allem musste er sich von den Straßen fernhalten. Leider führten nur wenige Wege ins Dorf und wieder hinaus und alle würden voll von jiāngshī und zurückgelassenen Fahrzeugen sein.
Der Lieferwagen streifte ein Holzhaus, dessen Dach einstürzte, und rammte zwei Wagen, als Zhu einer kleinen Gruppe jiāngshī auswich. Dann rumpelte er einen grasbewachsenen Hügel hinunter und brach einen großen, tief hängenden Ast ab, bevor er sich auf einen unbefestigten Weg kämpfen konnte. Er verbeulte ein weiteres Auto und hatte dann endlich freie Fahrt.
Einen Moment lang dachte Zhu darüber nach, umzudrehen und Bo und Elena abzuholen, aber ein Blick über die Schulter verriet ihm, dass die jiāngshī von dem Lärm und dem Qualm angestachelt worden waren und nun hinter ihm her waren. Sie schlurften aus Häusern und Gassen und taumelten stöhnend und knurrend auf ihn zu. Er konnte sich nicht zurück ins Dorf schleichen. Und es brachte seinem Team mehr, wenn er die jiāngshī, die ihn verfolgten, so weit wie möglich vom Dorf wegführte. Also gab er Gas und rumpelte mit dem Lieferwagen über den Weg.
Zhu hatte den Dorfrand fast erreicht, als er eine große Gruppe jiāngshī zwischen der Hauptstraße und einem Feld, hinter dem das Dorf endete, entdeckte. Er bog scharf nach rechts ab und wäre mit dem Lieferwagen beinahe umgekippt, als er sich durch das hohe Gras und die Toten pflügte. Körper prallten vom Lieferwagen ab und erschütterten die Fahrerkabine.
Der Lieferwagen blieb abrupt in einem Reisfeld stehen, als er plötzlich nach vorn in den Schlamm kippte. Zhu wäre beinahe durch die Windschutzscheibe geflogen. Er krachte mit dem Kopf gegen das Glas, wurde heftig zurückgeschleudert und knallte gegen die Kopfstütze. Die Welt schwankte und auf einmal sah er alles dreifach.
Er blinzelte einige Male, um die Benommenheit zu vertreiben. »Anschnallen wär ’ne gute Idee gewesen«, knurrte er. Dann warf er einem Blick aus dem Seitenfenster und sah einen jiāngshī, der einen kegelförmigen Hut und ein einfaches Hemd trug, durch den Schlamm auf den Lieferwagen zuschlurfen.
Zhu wollte sich in seiner Verfassung auf keinen Kampf einlassen. Er zog sich auf die Beifahrerseite und öffnete die Tür. Er stand ein wenig zu schnell auf. Die Welt drehte sich noch, als er den Lieferwagen verließ und mit dem Gesicht nach unten in den Schlamm fiel. Das eiskalte Wasser stach wie Nadeln in seine Haut, als sein Gesicht einen Moment lang untertauchte. Das riss ihn aus seiner Benommenheit und er kam auf Hände und Knie. Er zog seinen Seesack aus dem Wagen und sah sich nach einem Fluchtweg um. Dann richtete er sich langsam auf die Knie auf und überprüfte seinen Gleichgewichtssinn. Ihm war immer noch schwindelig, aber wenigstens schwankte die Welt nicht mehr so stark. Er wischte sich den Schlamm aus dem Gesicht und hielt inne.
In der Nähe standen zwei Gestalten, die schwere Arbeitskleidung trugen. Im ersten Moment hielt Zhu sie für jiāngshī. Er griff nach seiner Machete, erstarrte jedoch, als eine der Gestalten einen Knüppel herauszog.
Zhu hob die Hände. »Halt«, flehte er. Seine Worte klangen durch den Schlamm in seinem Mund dumpf. »Wer seid ihr? Ich brauche Hilf…«
Zhu konnte den Satz nicht mehr beenden, denn eine der beiden Gestalten machte einen Schritt auf ihn zu und ließ den Knüppel gegen seine Schläfe krachen.
4
FREMDE IN EINEM FREMDEN LAND
Elena wehrte sich so lange sie konnte gegen Bo. Sie schlug und kratzte und schubste, aber Bo war unnachgiebig wie ein Felsbrocken und zog sie beständig von dem kaputten Dachfenster weg. Als sie sich beinahe aus seinem Griff gewunden hätte, hob er sie einfach wie einen Sack Reis hoch, warf sie sich über die Schulter und ging weiter.
»Lass mich runter! Wir müssen zu ihm gehen, Arschloch! Lass mich runter, húndàn!« Arschloch und húndàn bedeutete dasselbe, aber so hatte sie anfangs Mandarin gelernt. »Wir können ihn doch nicht im Stich lassen.« Sie stieß eine Reihe Flüche auf Mandarin und Englisch aus.
Bo setzte sie schließlich ab, hielt sie aber weiter am Mantel fest. »Er ist so gut wie tot, Elena. Wenn du zurückgehst, wirst du ebenfalls sterben.«
Tränen traten ihr in die Augen. Sie kämpfte gegen sie an. Elena hatte sich seit dem ersten Monat der Epidemie, in dem sie fast durchgängig geweint hatte, keine Tränen mehr erlaubt. Damals hatte sie sich geschworen, dass sie nicht länger in Selbstmitleid versinken würde, da Tränen niemandem etwas brachten. Sie würde erst wieder weinen, wenn sie ihre Familie wiedersah – dann aber vor Freude.
Sie atmete tief durch und murmelte: »Ich bin wieder okay.«
Bo ließ sie nicht los. »Du versprichst mir, dass du nicht zurückgehst?«
Sie nickte und sagte leise: »Das verspreche ich, Arschloch.«
»Du versprichst mir, dass du mich nicht noch mal schlägst?«
Sie betrachtete die roten Striemen, die sich über seine Wange zogen. »Das mit deinem Gesicht tut mir leid.«
Er zuckte mit den Schultern und ließ sie los. Er wirkte nachdenklich. Was ist ein ›Arschloch‹?«
»Das heißt ›guter Freund‹«, erwiderte Elena, ohne mit der Wimper zu zucken.
Er nickte. »Dann bin ich ein sehr gutes Arschloch.«
Sie setzte sich auf die Dachkante und warf einen Blick in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Sie schlug Bos Hand zur Seite, als sie sich wieder ihrem Mantel näherte.
Bo kniete sich neben sie und nahm ihre Arme in seine großen Hände. Er wurde ernst. An die Stelle des fröhlichen, langsam redenden Trottels trat jemand, der nüchtern und umsichtig war. »Hör zu, xiăomèi. Ich hatte eine große Familie in Liaoning: eine Frau, Kinder, Brüder und Schwestern, Onkel und Tanten und unzählige Neffen und Nichten. Als die Provinz fiel, starb die Hälfte von ihnen in der ersten Woche. Die andere Hälfte starb, weil sie versuchte, die zu retten, die nicht mehr zu retten waren.« Er schüttelte sie sanft. »Zhu ist so gut wie tot. Wenn wir ihn ehren wollen, dann, indem wir überleben.«
»Und wenn ihm die Flucht gelingt?«
»Dann wird er zu uns finden. Zu dir.«
»Aber …«
Ein lautes Kreischen zerriss die Stille, gefolgt von einem Knall. Beides kam aus der Werkstatt. Elena und Bo sahen sich verblüfft an, dann liefen sie ein Stück zurück und beobachteten, wie der Lieferwagen um die Ecke bog und die Straße entlangraste. Elena zuckte zusammen, als er durch die jiāngshī pflügte wie eine Kugel durch die Kegel auf einer Kegelbahn und eine Häuserwand streifte.
Sie zupfte an Bos Ärmel. »Komm schon.«

Es war nicht schwer, Zhu zu folgen. Sie mussten sich nur an die Schneise der Verwüstung und die Reifenspuren halten. Sie liefen über die Dächer, bis sie die Häuser hinter sich gelassen hatten, und dann über eine Mauer, die am Dorfrand endete. Elena entdeckte den nach vorne geneigten Lieferwagen in einem Reisfeld.
Das war der leichte Teil, aber den Lieferwagen zu erreichen erwies sich als schwieriger. In dem Reisfeld, das sie durchqueren mussten, hielten sich Dutzende jiāngshī auf. Sie konnten sich auf dem offenen Gelände nirgendwo verstecken und auch nicht auf etwas klettern oder unter etwas hindurchkriechen. Das bedeutete, dass der einige Hundert Meter lange Weg zum Lieferwagen extrem gefährlich sein würde. Dachten sie zumindest.
Elena und Bo fanden jedoch rasch heraus, dass sich das Reisfeld in einer Senke befand, in der sich das Wasser sammelte. Das Wasser reichte Elena bis zu den Knien und es fiel ihr schwer, durch den Schlamm zu waten. Den Toten fiel das jedoch noch schwerer, sie steckten praktisch fest. Deshalb war es recht einfach, ihnen aus dem Weg zu gehen, auch wenn Elena und Bo auf jiāngshī achten mussten, die sie nicht sahen, weil sie bereits im Wasser versunken waren. Sie brauchten eine Stunde, um bis zum Lieferwagen vorzudringen, weil Elena bei jedem Schritt mit ihrem Speer im Schlamm vor ihnen stochern musste.
Bis sie den Lieferwagen erreichten, war es bereits später Vormittag. Sie hatten viel länger als erhofft gebraucht. Als sie auf dem trockenen Teil des Felds ankamen, lief Elena sofort los. Sie bemerkte einen jiāngshī, der in der Nähe des Lieferwagens im Schlamm feststeckte und sinnlos auf der Stelle lief. Er drehte sich mit wütendem Stöhnen zu Elena um und landete prompt im Schlamm. Sie stieß ihm die Speerspitze in den Nacken, als sie und Bo an ihm vorbeigingen.
Elenas Hoffnungen zerschlugen sich, als Bo die Fahrertür öffnete und niemanden im Wagen vorfand. Sie entdeckten frisches Blut an der Windschutzscheibe und auf den Sitzen. Elena ging um den Lieferwagen herum und fluchte über das knöcheltiefe Wasser. Wäre es etwas niedriger gewesen, hätten sie Zhus Fußspuren folgen können.
»Wenigstens lebt er noch«, sagte Bo und warf einen Blick unter den Lieferwagen. »Das ist doch schon was.«
Elena verdrängte ihre Enttäuschung. Ja, das war schon was. Und definitiv besser, als Zhu tot vorzufinden – oder schlimmer noch untot. Die Vorstellung, ihn umbringen zu müssen, jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Er lebte und das war das Wichtigste. Wahrscheinlich war er nicht einmal schwer verletzt, denn er hatte den Unfallort ja zu Fuß verlassen.
»Sein Seesack ist weg«, sagte sie.
»Gut! Er ist bestimmt schon auf dem Weg zum Lichtblick.«
Elenas Laune besserte sich. Das ergab Sinn. Sie hatten von der Werkstatt bis zu diesem Feld über zwei Stunden gebraucht. Wieso hätte Zhu so lange warten sollen? Sie hatten sich vorsichtig durch das Dorf geschlichen, damit die jiāngshī sie nicht bemerkten. Zhu hatte nicht wissen können, dass sie auf der Suche nach ihm waren. An seiner Stelle wäre sie auch schon auf dem Weg nach Hause.
Elena warf einen Blick zum Horizont im Osten. »Er folgt bestimmt den Fahnen. Wenn wir uns beeilen, können wir ihn einholen.«
Bo sah zur Sonne empor, die sich hinter dichten Quellwolken verbarg. »Sieht so aus, als würde es bald wieder regnen, und der Tag ist auch schon halb vorbei. Vielleicht sollten wir den Regen im Lieferwagen abwarten. Wir können ja direkt morgen früh aufbrechen.«
Elena schüttelte den Kopf. »Nein, wir brechen jetzt auf. Es ist noch früh genug. Wir können heute Abend schon in der Zuflucht sein.«
Sie duldete keinen Widerspruch. Zwar wusste sie, dass sie ein wenig impulsiv reagierte, aber Zhu konnte nicht widersprechen und Bo war nicht gerade ein Streithahn. Obwohl Zhu mit allen Fähigkeiten ausgestattet war, die man zum Überleben in der Wildnis benötigte, gefiel ihr die Vorstellung, dass er da draußen allein unterwegs war, nicht.
Sie brachen sofort in Richtung Lichtblick auf. Elena führte sie aus dem Reisfeld und in eine schmale Schlucht, die sich an der einzigen aus dem Dorf führenden Straße entlangzog. Normalerweise hätten sie je nach Wetter rund drei Tage für die Reise zum Lichtblick gebraucht, aber sie glaubte, dass sie es, wenn sie schnell vorankamen, schon bis zum nächsten Abend schaffen würden. Zum einen, weil sie hoffte, dass sie Zhu einholen würden, zum anderen, weil in ihren Taschen so viel Beute steckte, dass sie nur noch Nahrung und Wasser für einen Tag dabeihatten.
Sie benutzten die Straßen als Wegweiser, achteten aber darauf, ihnen ansonsten nicht zu nah zu kommen. Auf fast allen Autobahnen, Straßen und Wegen, die Bevölkerungszentren miteinander verbunden hatten, drängten sich verlassene Fahrzeuge und erinnerten an das Verkehrschaos, das hier geherrscht hatte. In den Wagen, auf den Straßen und in deren unmittelbarer Nähe wimmelte es von jiāngshī.
Elena und Bo kamen den Straßen nur näher als fünfzig Meter, wenn sie sie überqueren mussten. Normalerweise suchten sie sich eine alte Stromleitung oder benutzten einen der Abwassertunnel, die unter den Straßen hindurchführten. Deshalb hatte ihr Windteam, nachdem es die Fahnenwege verlassen hatte, so lange für die Reise nach Fongyuan gebraucht. Manchmal hatte es einen ganzen Tag gedauert, bis sie eine Stelle fanden, an der sie eine Straße ungefährdet überqueren konnten. Zum Glück hatten sie die harte Arbeit schon auf dem Hinweg hinter sich gebracht und mussten jetzt nur noch den Fahnen folgen, die sie zuvor angebracht hatten.
Sie entfernten sich von der Straße und wateten durch ein überflutetes Feld, während die Sonne sich dem Horizont zuneigte. Das Gras hier reichte Elena bis über den Kopf, deshalb konnte sie nur bis zum Ende ihres kurzen Speers sehen. Bei solchen Gelegenheiten wünschte sie sich, sie hätte eine richtige Waffe besessen und nicht nur einen angespitzten Besenstiel. Zhu hatte ihr angeboten, ihr mit den gemeinsam erarbeiteten Punkten ein langes Messer zu kaufen, aber Elena waren Nahrung und Kleidung wichtiger als eine bessere Methode zum Töten der jiāngshī. Außerdem fühlte sie sich im Nahkampf nicht wohl. Der Fernkampf mit Pfeil und Bogen lag ihr mehr.
Sie hätten sich leicht verlaufen können, da Zhu sie normalerweise führte. Zum Glück fanden sie die erste, an einem Ast baumelnde gelbe Fahne, bevor es dunkel wurde. Wenn sie die nicht vor dem Abend gefunden hätten, wären sie in große Schwierigkeiten geraten.
Im Lichtblick gab es Dutzende Windteams. Sie sorgten für den Erhalt des Lagers und die Ernährung seiner Bewohner. In den wenigen Monaten, seit sie mit der Beutebeschaffung angefangen hatten, hatten sie ein System entwickelt, mit dem sie häufig benutzte Wege kennzeichneten, um eine Karte der Gegend rund um den Lichtblick zu erstellen. Dadurch hatten sie die Todesfälle reduziert und es half ihnen auch bei der Erkundung weiter entfernter Ziele.
Sie folgten den Fahnen durch das Sumpfland, dieses Labyrinth aus Schilfrohr und feuchten Dreckklumpen. Das Wasser kräuselte sich im Wind und das Gras wogte hin und her. Als die Abenddämmerung hereinbrach, regte sich auch das Wild. Elena verlor langsam die Konzentration. Man konnte nicht ununterbrochen wachsam sein. Die Tatsache, dass die markierten Wege schon oft von jiāngshī gesäubert worden waren, beruhigte sie, denn das bedeutete, dass sie sich ihrem Zuhause näherten.
Bo tippte ihr auf die Schulter und zeigte auf einen jiāngshī, der sich hoffnungslos im Gestrüpp verfangen hatte. Der arme Kerl steckte so tief im Wasser, dass sein graues, aufgedunsenes Fleisch ihm praktisch von den Knochen fiel. Elena zielte kurz mit dem Speer und stach zu. Die scharfe Spitze drang durch das Auge in den Schädel ein und das so mühelos wie in eine überreife Melone.
Die gelben Fahnen führten sie aus dem Sumpfland über einen zerfurchten Hügel und an einer Felswand hinab. Dabei umgingen sie einige bekannte jiāngshī-Gruppen. Elena und Bo erreichten das Ende der felsigen Hügel und gelangten über eine lange Hängebrücke in einen dichten Wald. Unter sich hörten sie das Stöhnen der Toten zwischen den Bäumen. Sie erklommen einen riesigen, uralten Baum und setzten ihre Reise mithilfe von Seilen fort, die Äste und Bäume miteinander verbanden. Jiāngshī aus dem Nachbardorf Duogai waren in den Wald eingedrungen. Sie und das dichte Unterholz sorgten dafür, dass man ihn nicht länger auf dem Boden durchqueren konnte. Also hatte sich Hengyen, der Anführer der Windteams, eine andere Strategie ausgedacht. Die Hälfte der Windteams und ein Großteil der noch verbliebenen Militärgarnison hatten zwei Wochen für die Planung und Konstruktion der Himmelsbrücke benötigt. Sie hatten hohe Verluste erlitten, aber nun konnten die Windteams auch im Westen nach Beute suchen. Das war essenziell, denn der Osten, wo die Großstädte lagen, war praktisch unpassierbar.
Nach einigen Meilen gingen Elena und Bo durch einen Abwasserkanal unter einer Schnellstraße hindurch. Auf der anderen Seite hielt Elena inne und warf einen Blick zum Horizont. Das schwächer werdende Sonnenlicht fiel auf den Nebel, der die weit entfernten grünen Berge bedeckte. Es war ein atemberaubender Anblick, der Elena einen Moment lang die Tragödien vergessen ließ, von denen sie umgeben war. China wurde erneut zu diesem magischen Ort, in den sie sich während eines Kurses über chinesische Mythologie verliebt hatte.
Hunan galt mit ihren üppigen Urwäldern, hohen Bergen und den zahlreichen sich dahinschlängelnden Flüssen als eine der schönsten Provinzen des Landes. Sie spielte auch eine wichtige Rolle in der chinesischen Geschichte. Sie war die Bühne, auf der sich viele Legenden über tragische Helden, mystische Kreaturen und himmlische Wesen zugetragen hatten, und hier fand auch das berühmte Drachenbootfest statt. Außerdem waren der Philosoph Wang Fuzhi, der Künstler Qi Baishi und Mao Tse-tung, der Gründer der chinesischen Volksrepublik, hier geboren worden.
Elena hatte zwischen der Schule und dem Jurastudium an der Universität von Texas unbedingt ein Jahr in China verbringen wollen. Sie hatte große Pläne geschmiedet, hatte Mandarin fließend sprechen und für internationale Konzerne in Asien arbeiten wollen, doch diese Träume hatten sich nun zerschlagen oder waren zumindest erst einmal auf Halde gelegt worden. Elena wusste nicht genau, ob dies das Ende der Welt war, aber es kam ihr definitiv so vor. Sie hätte bei ihrer Familie sein sollen, doch stattdessen war sie auf der anderen Seite der Welt, weit weg von ihren Verwandten und allem, was ihr vertraut war.
Sie fragte sich erneut, wie ihre Eltern zu Hause mit all dem zurechtkamen. Elena hatte seit den ersten Tagen der Epidemie nichts mehr aus den USA gehört. Als Berichte über die Epidemie in den Nachrichten aufgekommen waren, hatte sie ihre Mutter angerufen. Doch die hatte sich keine Sorgen gemacht, sondern Elena nur versichert, dass es der ganzen Familie gut ginge und alle frei von Symptomen wären.
»Wir können es kaum erwarten, bis du wieder zu Hause bist«, hatte ihre Mutter als Letztes zu ihr gesagt. »Wir vermissen dich so sehr, Liebling.«
Danach hatte Elena nichts mehr von ihrer Familie gehört. Kurz darauf waren die Telefonleitungen und das Internet ausgefallen und damit war auch der Kontakt zur Außenwelt abgebrochen. Wenn es zu Hause ähnlich aussah wie in China, befürchtete Elena allerdings das Schlimmste.
Sie hasste es, sich so hilflos zu fühlen. Solange ein Ozean zwischen ihr und ihrer Familie lag, konnte sie ihr nicht helfen. Sie konnte noch nicht einmal herausfinden, was ihr widerfahren war. Die Ungewissheit war für Elena das Schlimmste an dieser Tortur.
»Denk positiv, Mädchen«, murmelte sie. Ihre Familie hatte die Stadt bestimmt rechtzeitig verlassen und saß die Epidemie in ihrer Blockhütte in Santa Fe aus. Im schlimmsten Fall hatte sie sich in Marble Falls, auf der Ranch von Elenas Onkel Braff verkrochen. Und vielleicht war es den USA ja gelungen, die Seuche schnell in den Griff zu bekommen. Vielleicht wurde sogar schon an einem Heilmittel gearbeitet. Wie dem auch sei, Elena wollte unbedingt nach Hause. Sie musste nur noch ein wenig länger überleben, entweder bis sie gerettet wurde oder bis sie auf eigene Faust nach Hause reisen konnte.
Elena und Bo erreichten das kleine Dorf Duogai bei Sonnenuntergang und betraten es hastig, während die letzten orangeroten Strahlen am Horizont verschwanden. Duogai war einst ein geschäftiges Fischerdorf gewesen. Es war einzigartig, denn die Hälfte der Häuser stand in einem kleinen See. Nun waren die Straßen, die in das Dorf führten, so wie überall mit verlassenen Fahrzeugen verstopft, zwischen denen sich jiāngshī drängten.
Elena blieb ihrer Windteamausbildung treu. Wären sie und Bo auch nur zwanzig Minuten später eingetroffen, hätten sie wahrscheinlich auf einem Baum übernachtet. Es war auch so schon knapp. Sie folgten den gelben Fahnen, die sie weit von der Straße entfernt zu einem Schuppen hinter einer Häuserreihe führten. Sie stiegen auf einen Müllcontainer, dann auf das Dach des Schuppens und liefen über die Hausdächer bis zum See.
Das letzte Licht der untergegangenen Sonne tauchte die Landschaft in ein wütendes Rostrot. In wenigen Minuten würde es dunkel sein und dann wäre der Weg über die schrägen Dächer mit ihren Rohren und zerbrochenen Ziegeln zu gefährlich. Wenn sie stolperten, würden sie im trüben grünen Wasser landen, was einem Todesurteil gleichkam. Die Windteams hatten von einigen Überlebenden aus Duogai erfahren, dass fast die Hälfte der Bevölkerung in Booten auf den See hinausgefahren war, um die Seuche dort auszusitzen. Natürlich hatte der Tod auch sie ereilt und nun stand das halbe Dorf am Grund des flachen Sees. Sie würden jeden zu sich hinabziehen, der hineinfiel, und in einen der ihren verwandeln.
Elena und Bo erreichten das vorletzte Haus, das mitten im See stand, kurz nach Einbruch der Dunkelheit. Sie ließ sich als Erste vom Dach, sprang auf den Balkon und betrat das Wohnzimmer. Dies war einer der sichereren Rastplätze, die von den Windteams benutzt wurden. Da das Haus auf allen Seiten von Wasser umgeben war, konnte keine jiāngshī- Horde eindringen. Die Fenster und Türen hatte man verbarrikadiert, also mussten Elena und Bo ausnahmsweise nicht ständig über ihre Schulter sehen. Außerhalb des Lichtblicks stellten verzweifelte Überlebende eine ebenso große Gefahr dar wie die lebenden Toten. Vielleicht sogar eine größere, denn die Lebenden waren wankelmütig.
Elena durchsuchte rasch die beiden Zimmer und kehrte dann ein wenig enttäuscht zurück. Mehr als ein kleiner Teil von ihr hatte geglaubt, dass sie und Bo bei ihrer Ankunft einen halb betrunkenen Zhu vorfinden würden, der an einem prasselnden Feuer saß und Pflaumenwein trank, den er irgendwo aufgetrieben hatte. Um sicherzugehen, suchte Elena noch die Wände nach einem gezeichneten Schwein ab. Im Anfangsstadium der Epidemie, bevor sie den Lichtblick erreicht hatten, hatten sie sich eine Methode überlegt, mit der sie unbemerkt miteinander kommunizieren konnten. Zhus Sternzeichen war das Schwein, Elenas das Pferd. Wenn sie sich Nachrichten zukommen lassen wollten, zeichneten sie einfach ihr Sternzeichen an eine Wand. Doch Elena fand im Haus keine Schweine, also kratzte sie mit ihrem kleinen Taschenmesser die groben Umrisse eines Pferds in die Wand.
Bo zündete ein Feuer in der Kochstelle an und dann ließen sie sich nieder. Schweigend aßen sie ihr letztes Essen und teilten sich eine kleine Feldflasche Trinkwasser. Zhus Abwesenheit lastete so schwer auf ihnen, dass sie den ganzen Tag über kaum miteinander gesprochen hatten.
Elena versuchte, sie beide von ihm abzulenken. »Bo, du sagst immer, dass du aus dem Norden stammst. Von wo genau?«
»Aus der Provinz Liaoning«, antwortete er, während er langsam auf seinem mickrigen Abendessen kaute. »Nahe der nordkoreanischen Grenze.«
»Wie bist du in Hunan gelandet?«, fragte sie.
Er zuckte mit den Schultern. »Durch die Arbeit. Ich sollte Schichtleiter werden, aber ich habe mich geweigert, meinen Vorgesetzten zu bestechen, also haben sie mich neben Zhu ans Fließband gestellt.«
»Was habt ihr hergestellt?«
»Was sie uns sagten. Zuletzt billige Kopfhörerimitate. Zhu und ich mussten die Buchstaben laminieren. Dabei kam er auf die Idee, Englisch zu lernen, damit er mehr Geld verdienen konnte. Er dachte sogar darüber nach, eines Tages als Geschäftsmann nach Amerika zu gehen.« Er grinste breit. »Man könnte sagen, dass ich euch zusammengebracht habe, weil ich ihn gedrängt habe, einen Lehrer zu suchen, xiăomèi.«
Elena erwiderte sein Lächeln, allerdings etwas gezwungen. Wenn Bo sich damit brüstete, sie und Zhu verkuppelt zu haben, dann war er auch mitverantwortlich dafür, dass sie in China festsaß. Nein, das war ihnen beiden gegenüber ungerecht. Ihr Schicksal war das Ergebnis von Entscheidungen, die sie getroffen, und Fehlern, die sie begangen hatte. Sie selbst war dafür verantwortlich.
Die Unterhaltung dauerte nicht lange. Elena fielen schon bald die Augen zu, Erschöpfung hüllte ihr Bewusstsein ein. Sie wusste nicht, weshalb sie sich gegen den Schlaf wehrte. Sie rollte den Schlafsack aus, den sie sich normalerweise mit Zhu teilte. Sie kniete sich davor hin und hielt einen Moment inne. Der leere Schlafsack sah einsam aus.
Bevor sie hineinkroch, betete sie. Sie war seit Ende der Schulzeit nicht mehr besonders religiös gewesen, aber in Zeiten wie diesen überkam sie ein gewisses spirituelles Bedürfnis. Elena blieb auf den Knien hocken und faltete die Hände.
»Lieber Gott, hi, ich wollte mich nur mal melden. Wir haben uns in letzter Zeit nicht so oft unterhalten, wie ich es mir gewünscht hätte, aber du weißt ja, wie verrückt es hier zugeht. Ich bin aber immer noch da. Ich kämpfe immer noch und das verdanke ich dir.
Ich brauche jetzt wirklich deine Hilfe. Zhu ist irgendwo da draußen, aber wir wissen nicht, wo. Vielleicht ist er verletzt, vielleicht Schlimmeres. Du hast bestimmt gerade ziemlich viel zu tun, aber ich würde mich wirklich freuen, wenn du ein bisschen auf ihn achten würdest. Er glaubt zwar nicht an dich, aber er ist ein wirklich guter Kerl.« Sie hielt inne und fuhr dann mit tränenerstickter Stimme fort: »Ich habe vielleicht niemanden mehr außer ihm. Ich weiß nicht, was ich ohne ihn machen würde.«
Sie verschränkte die Hände noch fester und grub die Fingernägel in ihre Haut. »Es würde mir auch wahnsinnig viel bedeuten, wenn du dich um Mom, Dad und Robbie kümmern könntest. Ich weiß nicht, wie Mom mit all dem zurechtkommt. Sie ist immer so ordentlich, aber die ganze Welt versinkt im Chaos. Hoffentlich treibt sie Dad nicht in den Wahnsinn.« Ihr leises Lachen verwandelte sich in ein Schluchzen. »Und du weißt ja, dass Dad immer alles richten will. Ich hoffe, dass du ihn in deiner Weisheit vor Gefahren bewahrst und ihn davon abhältst, zu viel zu machen. Überleben reicht. Und bitte pass auf Robbie, den kleinen Dummkopf, auf. Lass ihn keine dämlichen Risiken eingehen. Er ist noch ein Kind. Wir werden das durchstehen und schon bald wieder zusammen sein. Danke. Im Namen Jesu, amen.« Elena sah zur Seite. »Und noch was. Ich weiß, dass ich dich um viele Gefallen bitte, aber achte auch auf Bo. Er hat ein gutes Herz und schon zu viel verloren.«
Ihr letztes Gebet hing eine Weile in der Luft, bevor es sich wie dünne Nebelschwaden verflüchtigte. Elena atmete langsam aus und lauschte der Stille, die wieder vom Zimmer Besitz ergriffen hatte. Es war so dunkel, dass sie nicht einmal die Decke sehen konnte. Elena hatte gehofft, dass das Gebet ihre Stimmung verbessern würde. Sie hatte es ernst gemeint, aber sie fühlte sich trotzdem innerlich leer und diese Leere lastete schwer auf ihr. Sie wollte unbedingt wieder an Gott glauben und versuchte verzweifelt, ihm ihr Herz zu öffnen, aber dass Menschen von den Toten auferstanden und die Lebenden umbrachten, erleichterte ihr das nicht gerade. Aber schaden konnte es auch nicht, denn sie brauchte Hilfe. Nicht nur um zu überleben, sondern auch um zu verhindern, dass ihre Seele in Hoffnungslosigkeit versank.
Der abgenutzte Schlafsack war normalerweise so eng wie ein Kokon, sogar ein bisschen klaustrophobisch. Doch nun hatte Elena zu viel Platz darin und vermisste Zhu umso mehr. Sie warf sich eine Weile hin und her und war immer noch wach, als Bo sein Buch beiseitelegte. Sie waren zu lange aufgeblieben und würden am Morgen dafür bezahlen. Sie starrte die Decke an und lauschte dem Wasser, das unter ihr gegen die Stelzen schwappte. Etwas, vermutlich ein Boot oder eine Planke, schlug rhythmisch gegen die Holzbalken unter dem Haus. Elena drehte sich zum zehnten Mal um und versuchte, die Gedanken an die Realität, in der sie festsaß, zu verdrängen. Sie war in einem fremden Land gefangen. Tausende Meilen von zu Hause entfernt. Umgeben von Tod und Verfall.
Sie versuchte, ihre Stimmung zu heben, indem sie an Dinge dachte, die sie glücklich machten: sich auf dem Boot ihres Vaters zu sonnen, ihrer Mutter beim Tischdecken zu helfen, Schlagzeuger in der Kirchenband zu sein, im Sommer in Camp Longhorn zu arbeiten und freitagabends zum Highschool-Football zu gehen. Sie zeltete wieder mit ihrem Vater und Robbie und watete auf der Jagd nach Tauben durch den Knaus Spring. Sie musste den Tauben immer den Hals umdrehen, wenn Robbie sie nicht richtig traf. Diese Erinnerungen sorgten dafür, dass sie geistig gesund blieb und nicht in Verzweiflung versank.
Bevor ihr Bewusstsein ins Nichts glitt, erinnerte sie sich noch an einen Abend mit Zhu, den sie einen Monat vor der Epidemie in ihrem Lieblingsrestaurant in Changsha verbracht hatten. Sie hatten einander gegenüber an einem Tisch gesessen, Händchen gehalten und sich mit Tränen in den Augen angesehen. Elena hatte spontan und von Liebe motiviert ihr Flugticket aus der Tasche gezogen und es zerrissen.
Und dann hatte sie die schicksalhaften Worte gesagt, die selbst im Schlaf Wut, Schuldgefühle und Bedauern in ihr auslösten. »Ich kann den Flug umbuchen. Ich bleibe noch bis zum Ende des Sommers.«
Doch nun lag Elena in diesem kleinen Holzhaus über einem tödlichen See und wünschte sich mit jeder Faser ihres Körpers, sie hätte sich anders entschieden.
5
DIE BEGRÜSSUNG
Zhus Augenlider flatterten. Er stöhnte zweimal. Das erste Mal, als er wieder zur Besinnung kam und sich auf einmal so fühlte, als hätte man ihm eine Eisenstange ins Gehirn getrieben. Das zweite Mal, als er den Mund öffnete, um diesem unangenehmen Gefühl Ausdruck zu verleihen, und die Bewegung seines Kiefers eine neue Schmerzwelle über ihn hereinbrechen ließ.
Zhu schloss fest die Augen und biss sich auf die Lippe, während er darauf wartete, dass die Schmerzen nachließen, dann analysierte er seine Lage. Sein Kopf pochte und sein Kiefer schmerzte, aber es fühlte sich nichts gebrochen an. Allerdings hatte sich möglicherweise ein Zahn gelockert. Seine ganze linke Seite war taub und nass. Seine Handgelenke waren aufgeschürft und hinter dem Rücken gefesselt. Abgesehen davon war er sehr durstig. Und hungrig. Wie lange war er bewusstlos gewesen?
Zhu öffnete ein Auge und blinzelte. Er lag mit dem Gesicht nach unten auf der Seite. Seine Wange lag in einer Pfütze. Er sah nichts außer Schlamm und dem Stamm eines alten Baums. Er drehte den Kopf in Richtung Himmel. Es war Nacht. Er schien auf einem von niedrigem, größtenteils zertrampeltem Unkraut bedeckten Feld zu liegen. Panik ergriff ihn. Nachts ungeschützt draußen zu sein, während die Toten umherzogen, war praktisch eine Todesstrafe.
Dann fiel ihm ein, was passiert war. Die beiden verhüllten Gestalten. Überlebende. Der Knüppel. Sie hatten ihn geschlagen … aber wieso hatten sie ihn nicht umgebracht? Das Blut gefror ihm in den Adern, als er die Antwort darauf fand.
Geier. So nannte man die Leute, die sich der Revolution der Lebenden nicht anschließen wollten, sondern es stattdessen vorzogen, unabhängig vom Lichtblick zu überleben. Es gab ständig Gerüchte über Kannibalismus bei den Geiern. Sie bewahrten ihn wohl für ihre Vorratskammer auf.
Die Angst krampfte Zhus Magen zusammen. Dass er möglicherweise jiāngshī zum Opfer fallen und selbst zu einem werden würde, hatte er längst akzeptiert. Doch die Vorstellung, von anderen Menschen gegessen zu werden, zu Nahrung zu werden, war um ein Vielfaches schlimmer. Die jiāngshī waren Wesen ohne Verstand, eine Naturkatastrophe wie ein Waldbrand oder ein Erdbeben. Aber Menschen, die wissentlich das Fleisch anderer Menschen aßen … das waren Ungeheuer.
Zhu musste fliehen. Er drehte sich auf den Rücken und setzte sich auf. Er war in einer Art Lager. Ein Feuer brannte knapp außerhalb seiner Sichtweite. Er sah das Leuchten und die dünne Rauchfahne, die in den Himmel stieg. Es war dumm von seinen Entführern, ihr Lager auf offenem Gelände aufzuschlagen. Das machte sie zu einer leichten Beute für die Toten.
Er widmete sich seinen Fesseln und stellte überrascht fest, dass sie nicht aus Seilen, sondern aus Stoff bestanden. Je stärker er daran zog, desto tiefer schnitten die Fesseln in seine Handgelenke. Schon bald erkannte er, dass seine Bemühungen vergebens waren. Er sah sich am Boden nach etwas Scharfem um, einem Stein, einem abgebrochenen Zweig, irgendetwas. Dann beschloss er, einfach zu fliehen. Er zog das Risiko, mit hinter dem Rücken gefesselten Händen den jiāngshī zu begegnen, einem Verbleib unter Kannibalen vor.
Zhu zog seine Knie unter sich und kam auf die Beine. Er lief los und schaffte ungefähr fünf Schritte, bevor er das Klirren einer Kette hörte. Etwas riss so kräftig an seinen Handgelenken, dass er sich beinahe die Schultern ausgekugelt hätte, als er brutal zu Boden geschleudert wurde. Er keuchte wie ein Fisch auf dem Trockenen.
Etwas raschelte hinter ihm. Schritte. Gehörten sie zu Kannibalen oder jiāngshī? Zhu wusste es nicht, aber es spielte auch keine Rolle. Beides sprach gegen sein Überleben. Er schloss die Augen und regte sich nicht.
Er hörte zwei recht jung klingende Stimmen. Sie sprachen darüber, dass sie hungrig waren. Die Stimmen senkten sich zu einem Flüstern, als sie sich ihm näherten.
»Glaubst du, dass er ein Ungeheuer ist?«, fragte eine von ihnen.
»Nee. Er ist zwar genauso dürr, aber er sieht nicht tot aus.«
Die Schritte kamen näher.
»Was machst du da?«, fragte die erste Stimme alarmiert. »Bà hat gesagt, wir sollen nicht mit ihm reden, nur den Teller hinstellen und gehen.«
Eine Erinnerung schoss durch Zhus Kopf. Er war sieben oder acht Jahre alt. Er hatte seine Arme und Beine um das Bein seines yéye geschlungen. Der hielt eine weiße Henne an den Füßen fest und schleppte ihn mit in die Küche. Zhu schluchzte und bettelte, seine Schreie hallten durch das Bauernhaus.
»Ich hatte dir doch gesagt, dass du ihnen keine Namen geben sollst«, knurrte sein Vater, während er Zhu wegzerrte.
»Nimm ein anderes«, schluchzte der kleine Zhu. »Báibái ist mein Lieblingshuhn.«
»Das sind alles deine Lieblingshühner. Stell dich hin und sieh zu.«
Der kleine Zhu war von tiefem Entsetzen ergriffen, als er sah, wie sein yéye das Huhn am Hals packte, es auf ein Küchenbrett legte und das Metzgerbeil hob. Da Schlimmste kam anschließend, nachdem Báibáis Kopf vom Körper getrennt worden war und das Blut dafür sorgte, dass die Hand seines yéye glitschig wurde. Das Huhn glitt aus seinem Griff, lief kopflos durch die Küche und spritzte alles mit Blut voll. Der Anblick hatte sich tief in Zhus Erinnerung eingebrannt.
Auf dem Waldboden pikste etwas Spitzes in seinen Rücken. Zhu regte sich nicht.
»Was machst du?«, fragte die Stimme.
»Ich glaube, er ist tot«, erwiderte die andere. Sie gehörte einem Jungen. Er pikste Zhu erneut.
Dieses Mal warf sich Zhu herum und trat dem Jungen die Beine unter dem Körper weg. Er war ein dürrer Teenager, vielleicht fünfzehn Jahre alt. Bei dem anderen Jungen handelte es sich offensichtlich um seinen rund zwölfjährigen Bruder. Der Ältere ging mit einem überraschten Schrei neben Zhu zu Boden und Zhu setzte sich auf ihn und presste ihm ein Knie auf die Brust und das andere auf die Kehle.
Er wandte sich dem Jüngeren zu. »Schneid mich los. Lass mich frei, sonst breche ich ihm das Genick.« Der kleinere Junge wich zurück und schien davonlaufen zu wollen. »Wenn du gehst, wird dein Bruder bei deiner Rückkehr nicht mehr leben«, warnte Zhu.
Der Jüngere zog ein kleines Messer. Seine Hände zitterten. »Wenn du ihm etwas antust, bringe ich dich um.«
»Vielleicht«, erwiderte Zhu. »Aber nicht, bevor ich deinen Bruder umgebracht habe. Wenn du mich befreist, werden wir alle überleben. Das verspreche ich.«
»Tu es nicht, Huangyi«, sagte der Junge unter Zhus Knie gurgelnd. »Lauf weg, hol Hilfe.«
»Wenn du gehst, stirbt dein Bruder.« Zhu hielt inne und warf einen Blick auf die Brüder. Alte Erinnerungen tauchten in seinem Kopf auf. Bei genauerer Betrachtung kamen ihm die beiden bekannt vor. Er runzelte die Stirn. »Moment mal. Heißt ihr Huangyi und Huangmang? Habt ihr eine Schwester?«
Huangmang, der Ältere, der unter Zhus Knien lag, sah ihn düster an. »Woher kennst du meine jiĕ?«
Zhu seufzte. »Ich bin Chen Wenzhu. Meiner Familie gehörte der Lebensmittelladen. Wir hatten Hühner im Garten.«
Huangyi, der Jüngere, wirkte unsicher. »Gē, was soll ich machen?«
»Ich habe das Dorf vor über fünf Jahren verlassen, um in der Stadt zu arbeiten. Huangyi erinnert sich vielleicht nicht mehr an mich. Ich weiß noch, er reichte mir damals kaum bis zur Hüfte.« Zhu nahm sein Knie vom Hals des Jungen und reduzierte den Druck auf dessen Brust. »Huangmang, du hast oft Nudelpackungen ins Geschäft gebracht, weißt du noch?«
»Ja, der Lebensmittelladen. Ich erinnere mich daran, shūshu«, sagte Huangmang, der ihn nun endlich erkannte. Er wand sich unter Zhu hervor, kam auf die Füße und wich zurück. »Schön, dich zu sehen.«
»Es ist alles in Ordnung.« Zhu versuchte, nicht bedrohlich zu wirken. »Heutzutage ist es hier draußen gefährlich. Kannst du mir die Fesseln abnehmen?«
»Ja, shūshu.«
Zhu stand auf und streckte die Arme aus. »Sind noch andere aus dem Dorf hier?«
Der erste Schlag auf den Hinterkopf ließ ihn taumeln. Beim zweiten knickte er ein. Er krachte mit dem Gesicht nach unten auf den Boden. In seinem Kopf dröhnte es. Er drehte sich auf den Rücken, sah die beiden Jungen an und wollte etwas sagen. Ihm kam jedoch kein Wort über die Lippen.
»Huangyi, hol jiĕ und die Ältesten«, sagte der ältere Junge.
»Was ist denn los? Du hast doch gesagt, dass du ihn kennst. Wie heißt er noch gleich?«
Huangmang zuckte mit den Schultern. »Mir egal. Ich will kein Risiko eingehen.«
»Ich …«, setzte Zhu an.
»Halt den Mund, húndàn!« Huangmang trat ihm in die Rippen. Zhu krümmte sich zusammen. »Du hast meinen kleinen Bruder bedroht. Ich werde dich erschlagen!«
Zhu beschloss, sich weitere Verletzungen zu ersparen, und schwieg. Huangyi kehrte einige Minuten später zurück. Er hatte einige Erwachsene dabei, die unterschiedliche landwirtschaftliche Werkzeuge in den Händen hielten. Einer hatte sogar ein Jagdgewehr dabei. Sie zogen Zhu auf die Füße. Ein Tritt in den Hintern ließ ihn losstolpern.
Die Gruppe führte ihn durch ein spärlich bewachsenes Gebiet mit hohem Gras und einigen Bäumen. Die Nacht war bewölkt, mond- und sternenlos. Das einzige Licht stammte von einer Taschenlampe, die der Mann ganz vorn in der Hand hielt. Jeden Moment konnte ein jiāngshī aus der Dunkelheit treten und sie angreifen, bevor jemand etwas merkte. Doch anscheinend befanden sie sich auf einem gesicherten Gelände. Zhu sah sich um. Die Menschen wirkten entspannt. Sie schienen zu glauben, dass sie in keiner Gefahr schwebten, aber wie konnte das sein? Selbst der Lichtblick, der einer Festung glich, war von Mauern umgeben. Sein forschender Blick wurde mit einem harten Schlag auf den Hinterkopf belohnt.
Sie betraten eine große Lichtung, die von Zelten und primitiven Holzverschlägen gesäumt wurde. In der Mitte brannte ein Lagerfeuer herunter. Es war von etwas umgeben, das wie ein öffentlicher Sitzbereich wirkte. An einer Seite gab es einen Stall mit einigen Dutzend Schweinen, Gänsen und einer einsamen, mageren Kuh. Auf der anderen sah Zhu einen großen, gepflegt aussehenden Gemüsegarten.
Einige Leute, die am Feuer und am Tisch saßen, standen auf und folgten ihm mit ihren Blicken, als man ihn ins Lager hineinführte. Zwei Männer und eine Frau, vermutlich die Dorfältesten, erwarteten ihn schon. Alle drei sahen so aus, als wären sie gerade geweckt worden, worüber sie sich zu ärgern schienen. Man stieß Zhu auf einen der Stühle.
Der Älteste zu seiner Linken, ein kahler Mann mit einem deformierten Kopf, gähnte und sagte genervt: »Ich dachte, wir wollten morgen früh über das Schicksal des Eindringlings entscheiden.«
»Richtig«, bestätigte der Mann in der Mitte. Im Gegensatz zu seinem Kollegen hatte er lange weiße Haare und einen dazu passenden Bart. »Aber er hat zwei unserer Jungen angegriffen, als sie ihm etwas zu essen bringen wollten.«
»Das erleichtert uns die Entscheidung«, erwiderte der Glatzkopf. »Jagt ihm eine Eisenstange in den Kopf und dann ist Ruhe.«
»Wieso hat Jincai ihn überhaupt in den Hain gebracht?«
»Weil er mit seinem Lieferwagen bis zum Eingang gefahren ist. Jincai wusste nicht, was er mit ihm machen soll.«
»Wir sind keine Mörder«, mischte sich die Frau nun ein. Sie war die Älteste und hatte einen krummen Rücken und dünne graue Haare, die sie zu einem Dutt zusammengebunden hatte. »Einer der Jungen sagte, dieser Mann behauptet, er stamme aus dem Dorf.«
Der haarige alte Mann kniff die Augen zusammen. »Ich kenne ihn nicht.«
»Ich bin vor fünf Jahren nach Changsha gezogen«, sagte Zhu rasch. »Ich bin der Sohn vom alten Chen.«
Die drei musterten ihn leidenschaftslos. Der Glatzkopf verschränkte die Arme vor der Brust und sah die anderen an. »Hatte Chen einen Sohn? Ich dachte, er hätte zwei Töchter gehabt.«
»Du meinst Chen, den Metzger. Der hatte drei Töchter«, erklärte die Frau. »Aber es gab auch noch den Chen, dem der Laden gehörte.«
Die drei stritten miteinander, als würden sie Mahjong spielen.
»War Chen nicht der mit dem illegalen Glücksspiel?«
»Nein, das war Jiurang.«
»Wer ist dann Chen?«
Der Glatzkopf zuckte mit den Schultern. »Spielt es eine Rolle, ob er aus dem Dorf stammt oder nicht? Jincai sagt, er würde zum Lichtblick gehören. Wenn wir ihn gehen lassen, wird er Soldaten zu uns führen.«
Darin schienen die drei sich einig zu sein. Sie dachten noch immer über sein Schicksal nach, als jemand auftauchte und ihnen die Entscheidung beinahe abgenommen hätte. Eine junge Frau, die einen der Jungen am Handgelenk hinter sich herzog, stürmte ins Zelt. Ihre Augen funkelten wütend, als sie mit dem Finger auf Zhu zeigte. »Huangyi, ist er das?«
Der Junge, der aussah wie ein erschrockenes Kaninchen, nickte nur stumm.
Bevor Zhu den Mund öffnen konnte, stürzte sich die Frau auf ihn. Er erstarrte, als eine kalte Klinge seine Kehle berührte und die Haut verletzte. »Du wolltest meinem kleinen Bruder etwas antun? Ich bringe dich um!« Sie wollte gerade zustoßen und all seine Probleme beenden, als sich ihre Augen weiteten. »Moment. Ich kenne dich.«
In dem trüben Licht dauerte es einen Moment, bis sich alles in Zhus Kopf zusammenfügte. Die großen Augen, der leicht schräge Mund, das schmale, ovale Gesicht. Ihm fiel die Kinnlade herunter und er brachte kein Wort hervor, obwohl sein Leben davon abhing. Schließlich kam ihm aber doch noch eines über die Lippen: »Meili?«
6
DER LICHTBLICK
Elena winkte und die bunt gekleideten Männer und Frauen winkten zurück. Die Himmelsmönche standen auf einigen Felsen nahe dem Waldrand und führen eine Gruppe zusammengebundener jiāngshī auf eine Lichtung. Sie gehörten einem taoistischen Orden an, der sich aus den Trümmern der alten Welt erhoben hatte. Der Orden operierte rund um den Lichtblick und trieb oft jiāngshī wie Vieh vor sich her. Niemand wusste, was die Mönche mit ihnen machten, aber solange sie dafür sorgten, dass es da draußen weniger jiāngshī gab, war es auch allen egal.
Einer der Mönche, vermutlich ihr Anführer, legte die Hände zusammen und verbeugte sich. Elena erwiderte die Verbeugung. In dieser Gegend gab es drei oder vier Himmelsmönchgruppen. Elena war sich ziemlich sicher, dass sie dieser hier schon einmal begegnet war. Zhu kannte alle vom Sehen und wusste sogar die Namen ihrer Anführer. Er war zu allen freundlich und fand schnell Freunde.
Überlebende, die sich der Kontrolle der Regierung entzogen, waren theoretisch illegal, aber der Lichtblick tolerierte die Himmelsmönche, weil sie dabei halfen, die markierten Wege von jiāngshī freizuhalten. Einmal, als ein besonders schwerer jiāngshī-Sturm von Süden über sie hereingebrochen war, hatte der Lichtblick sogar seine Tore geöffnet und den Mönchen Schutz gewährt.
Elena und Bo gingen weiter über die rund zwei Meter fünfzig hohe Mauer, die einige Kilometer lang die Straße säumte. In dieser Gegend stieß man auf deutlich weniger jiāngshī, ein klares Zeichen dafür, dass sie sich ihrem Zuhause näherten. Ein paar Tote schlurften zur Mauer und griffen nach ihnen, aber die Mauer war so hoch, dass sie niemanden, der auf ihr stand, erreichen konnten. Und es gab hier nicht genügend Tote, um sie einzureißen.
Am Vormittag erreichten Elena und Bo das Ende der Mauer. Sie sprangen von ihr auf eine Reihe von Lastwagen und Lieferwagen und hüpften über die Dächer bis zu einem Strommast. Sie kletterten den Mast mithilfe von ins Holz geschlagenen Einkerbungen, die als Leiter fungierten, hinauf. Nun gingen sie auf Brettern, die man über die Kabel gelegt hatte, von einem Mast zum nächsten. Die Windteams hatten diesem Abschnitt den liebevoll gemeinten Spitznamen Blitzallee gegeben. Sie brauchten eine weitere Stunde, bis sie einen Hügel erklommen hatten, von dem aus sie eine flache Ebene und den Yuanjiang-Fluss sehen konnten.
Am Flussufer gab es eine Reihe hässlicher, mehrstöckiger Metallgebäude. Sie standen auf dem Gelände einer Wasseraufbereitungsanlage, die das Militär in den ersten Monaten der Epidemie übernommen hatte, um die Trinkwasserversorgung zu gewährleisten. Inzwischen war die Anlage zu einem regelrechten Militärlager geworden und zum Regierungssitz der Provinz Hunan. Oder dem, was davon übrig war. Dutzende aufeinandergestapelte Container bildeten die Grenze des Geländes.
Sie waren endlich am Lichtblick angekommen.
»Zu Hause ist es doch am schönsten«, murmelte Elena. Sie waren noch nicht in Sicherheit. »Komm.«
Der letzte Teil des Weges führte sie über das Niemandsland, das den Lichtblick umgab. Sie mussten einen großen Sendemast hinaufklettern und von dort mit einer improvisierten Gondel ins Lager fahren. Elena schwieg während der zehnminütigen Fahrt über das Areal, das man passenderweise Verbrannte Felder nannte.
Unter ihr lag ein verbranntes Stück Land, das man mit tiefen Gräben durchzogen hatte. Es sah aus wie ein Schlachtfeld vor den Toren zur Hölle, der Schauplatz des Krieges zwischen den Lebenden und den Toten, der scheinbar niemals enden wollte.
Jiāngshī, die von den Geräuschen und Lichtern der Siedlung angelockt wurden, strömten Tag und Nacht aus allen Richtungen zum Lichtblick. Sie stießen auf Barrikaden und mit Speeren ausgerüstete Teams, die die Toten in die Gräben lockten, in denen man sie gefahrlos von oben erledigen konnte. Sobald die jiāngshī neutralisiert waren, riegelte man Teile des Grabensystems ab, damit Teams die Toten auf Karren abholen und zu einem der Scheiterhaufen bringen konnten, die man überall auf dem Areal sah. Das musste man von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang machen und man bestrafte damit oft Kleinkriminelle, Leute, die nicht loyal genug zur Revolution der Lebenden standen, und solche, die ihre Quote nicht erreichten. Letzteres war auch für Elena von Bedeutung. Zhus Windteam hatte die Karren bisher vermeiden können, doch in den letzten beiden Monaten hatten sie schon zweimal zum Speer greifen müssen.
Das verrostete Gatter der Gondel schwang auf, als Elena und Bo den Containerwall erreichten. Sie stiegen aus und betraten das Lager. Es war viel los auf dem Schutzwall aus Metall. Soldaten der Revolution der Lebenden bemannten ihn. Es sah aus, als würde eine mittelalterliche Burg gegen eine Belagerung kämpfen, was der Wahrheit recht nahekam.
Alle drei Meter stand ein Mann oder eine Frau auf der Mauer. Bei der Hälfte handelte es sich um Wächter, die mit einem Megafon auf jiāngshī aufmerksam machten, die den Gräben entkommen waren. Die andere Hälfte war mit einem Bogen bewaffnet. Kinder, manche gerade einmal sieben Jahre alt, fungierten als Boten, die Nachrichten, Wasser und Nahrung brachten. Einige Jugendliche und ältere Kinder wurden auf die Felder geschickt, um den Leichen Wertsachen abzunehmen und die verschossenen Pfeile einzusammeln. Jeder hatte in diesem menschlichen Bienenstock eine Aufgabe. Alles diente dem Wohl der Menschen.
Über ihnen stieß ein Lautsprecher Durchhalteparolen und kaum verhohlene Drohungen aus, die Wachsamkeit und Verantwortung forderten. Das moderne China, das Elena kennengelernt hatte, hatte nichts mit dem aus ihren Schulbüchern zu tun. Es war fortschrittlich und aufregend und wurde von Innovationen und Kapitalismus angetrieben. Seit der Epidemie hatte sie jedoch miterlebt, wie die Regierung und das Volk sich hinter eine defensive Rhetorik zurückzogen: Sitten, die zur Geburt dieser Nation geführt hatten, wurden nun als Kontrollmechanismus eingesetzt.
Als die öffentliche Ordnung nicht mehr aufrechterhalten werden konnte, hatte die Regierung in Peking eine zweite Revolution ausgerufen, die Revolution der Lebenden. Es war die Pflicht eines jeden Bürgers, gemeinsam mit allen anderen gegen die jiāngshī und die Seuche, die das Land des Himmels bedrohte, zu kämpfen. Oder so etwas in der Art. Mandarin konnte manchmal schrecklich blumig klingen und Elena verstand die Sprache ungefähr so gut wie ein Zweitklässler. Zhu hatte die Botschaft, die der Lautsprecher verkündete, für Elena übersetzt.
Elena und Bo gingen über ein Baugerüst und stellten sich in die Schlange vor der Treppe, die zum Boden führte. Sie suchte mit Blicken nach Zhu, obwohl es unwahrscheinlich war, dass sie ihn unter all den Menschen dort unten finden würde. Trotzdem hoffte sie, ihn in der Schlange beim Quotenmeister oder in der Kantine zu entdecken.
Das Hauptlager im Inneren des Lichtblicks sah so aus, wie man es sich in dieser neuen, schrecklichen Welt vorstellen würde: ein Teil Militärbasis, ein Teil Flüchtlingslager, ein Teil Gefängnis und komplett trostlos und armselig. Es bestand größtenteils aus Zelten und Bretterverschlägen, die in die schlimmsten Slums der Welt gepasst hätten. Man nahm an, dass rund dreitausend Menschen auf einem Areal lebten, das so groß wie drei Fußballfelder war.
Bei den restlichen Gebäuden handelte es sich um Schiffscontainer. Nur an der Flussseite, dort, wo die Aufbereitungsanlage stand, gab es ein paar Betongebäude, die von der Regierung übernommen worden waren. Das Militär und der Provinzsekretär hatten diese zur Regionalhauptstadt von Hunan erklärt, nachdem die eigentliche Hauptstadt Changsha von jiāngshī überrannt worden war.
Elena verließ das Gerüst und bahnte sich auf verschlammten Pfaden einen Weg durch die dichte Menge. Es roch nach Rauch, Schwefel und Benzol. Menschen drängten sich um brennende Metalltonnen. In einem Block hörte man ein lautes Hämmern, als würde jemand auf ein Rohr schlagen, im nächsten das Zischen von Wasserdampf und das Schreien eines Säuglings.
Über dieser Kakophonie verkündete der Lautsprecher an die Gegenwart angepasste Maoismen, motivierende Botschaften und Redewendungen aus der glorreichen Revolutionszeit, die ununterbrochen und blechern durch das Lager hallten.
Lasst eine Millionen Blumen erblühen, damit unsere rastlosen Toten schlafen können.
Sich freiwillig zur Revolution der Lebenden zu melden ist eine heilige Pflicht.
Gebärt mehr Kinder. Jedes Leben, das ihr in diese Welt bringt, schadet den Toten.
In der Originalsprache klang das viel lyrischer. Elena hätte viele dieser Sprüche für poetisch, sogar schön gehalten, wenn sie nicht nonstop damit beschallt worden wäre. Nach einer Weile wurden sie zu Hintergrundrauschen, aber sie waren trotzdem effektiv. Sobald ein Spruch anfing, zitierte ihr Gehirn ihn automatisch mit. Deshalb hatte sie Zhu gebeten, sie in ein Windteam zu holen, damit sie nicht den ganzen Tag im Lichtblick bleiben und Aufgaben erledigen musste, die man für Ausländer als »angemessen« betrachtete.
Sie und Bo stellten sich vor dem Zelt des Quotenmeisters an. Vor ihnen warteten rund zwanzig Windteams. Wieder keine Spur von Zhu. Sie schloss die Augen und wippte ungeduldig mit dem Fuß, während die Schlange nach vorne kroch. Nach der tage- oder sogar wochenlangen Beutesuche in der Wildnis hatte niemand Lust, sich im Lichtblick beim Quotenmeister anzustellen und auf sein Urteil zu warten. Meistens bekam man weniger als erwartet und das obwohl alle ihr Leben riskierten, um Dinge aufzutreiben, die den Fortbestand der Siedlung sicherten. Elena wollte nur ihre Beute abliefern, etwas Warmes essen und endlich heiß duschen. Verdammt, sie wäre sogar mit einer lauwarmen Dusche zufrieden.
Ein Stück vor ihnen wurden Leute plötzlich aufgeregt. Einige Windteams drängten sich zusammen und zeigten auf jemanden. Die Menge teilte sich und salutierte. Manche riefen »Dàgē!« Damit konnte nur eine Person gemeint sein. Ying Hengyen tauchte einige Sekunden später auf. Er wirkte grimmig und ausgezehrt und sein linker Arm steckte in einer einfachen Schlinge. Er schien gerade von einem schwierigen Ausflug in die Wildnis zurückgekehrt zu sein.
Der Rest seines Eliteteams sah noch schlimmer aus. Ihre Kleidung war zerrissen und blutig. Was auch immer sie durchgemacht hatten, es musste brutal gewesen sein. Da bemerkte Elena, dass alle um sie herum flüsterten. Ein Mitglied aus Hengyens Windteam fehlte.
»Linnang«, sagte Bo leise. »Er ist erst vor zwei Wochen ins Team gekommen.«
»Ich frage mich, wer seinen Platz einnehmen wird«, erwiderte sie.
Trotz seines Zustands blieb Hengyen alle paar Schritte stehen, um Leute, die er kannte, zu begrüßen, anderen auf die Schulter zu klopfen oder ihnen die Hand zu schütteln, wie ein Politiker, der eine Schlange abarbeitete.
Elena erwischte sich dabei, wie sie den Rücken durchdrückte. Hengyen schüchterte sie ein. Er hatte viele Windteamleiter ausgebildet und wurde von allen verehrt. Sie hatte ihn nur einmal getroffen, als Zhu sie zu ihm gebracht hatte, um ihn um die Erlaubnis zu bitten, sie für sein Team auszubilden.
Zu Elenas Überraschung blieb er vor ihr und Bo stehen. »Bo, du siehst gesund aus.«
Bo zog den Bauch ein und streckte sich. »Ein gut genährter Körper ist die Grundlage für einen starken Rücken, dàgē.«
Hengyen grinste und klopfte ihm auf die Schulter. »Wenn du ihn zu gut ernährst, schleppst du am Ende nur dein eigenes Gewicht mit dir herum.« Er wandte sich mit einem ganz passablen Englisch an Elena: »Und wie geht es Ihnen heute, Elena Anderson?«
»Mir geht es gut. Danke der Nachfrage.« Sie wechselte auf Mandarin. »Ich bin für meine Aufgaben bereit.«
Er nickte und warf einen Blick nach rechts und links. »Wo ist Wenzhu?«
Elena zögerte. »Das weiß ich nicht« schien ihr keine gute Antwort zu sein.
»Er kommt bald«, sagte Bo schnell. »Er musste sich draußen in der Wildnis noch um etwas kümmern.«
Hengyen schien mit der Antwort nicht zufrieden zu sein. »Es ist nie klug, sich zu trennen. Sagt ihm bitte, dass ich mit ihm reden möchte.«
»Ja, dàgē«, erwiderten beide.
Hengyen ging weiter an der Reihe entlang. Als er außer Hörweite war, rückte Bo näher an Elena heran. »Was meinst du, worüber er mit Zhu reden will?«
Sie zuckte mit den Schultern.
»Ich wette, Hengyen will, dass er Linnangs Platz in seinem Team einnimmt«, sagte Bo.
»Gut für ihn.« Elena biss sich auf die Lippe. Das meinte sie nicht ernst. Sie hatte geglaubt, sie würde immer zu Zhus Windteam gehören. Deshalb hatte sie sich freiwillig gemeldet. Er würde sie doch nicht im Stich lassen, um sich Hengyen anzuschließen, oder?
Ying Hengyens Leute glichen im Lichtblick am ehesten dem, was man als Rockstars bezeichnen könnte. Sie galten als die Elite der Windteams und jedes Mitglied bekam sein eigenes Zimmer, die besten Waffen und unbegrenzt Nahrung. Am wichtigsten war jedoch, dass die Quoten für sie nicht galten.
Die eine Hälfte der Leute wollte sich unbedingt Hengyens Team anschließen. Die andere wollte nichts damit zu tun haben. Zum besten Windteam des Lichtblicks zu gehören hatte nämlich den Nachteil, dass man die schwierigsten Aufträge bekam, und deshalb war die Fluktuation hoch. Elena gehörte zum zweiten Lager, nicht dass sie auch nur annähernd für dieses Team qualifiziert gewesen wäre. Sich solchen Gefahren auszusetzen, nur um die besten Waffen und ein All-You-Can-Eat-Buffet zu bekommen, war es einfach nicht wert. Wenn sie allerdings unbegrenztes heißes Duschen hinzufügen würden …
Nach etwas über einer halben Stunde widmete sich Quotenmeister Ming endlich ihrer Beute. Elena und Bo sahen geduldig zu, während der ständig schwitzende, untersetzte Mann mit der hohen Stirn und dem großen Buch ihre Seesäcke öffnete und den Inhalt ordentlich auf dem Tisch stapelte. Während er die Öldosen und Batterien zählte, machte er mit den Fingern komplizierte Bewegungen, als würde er einen Zauber wirken wollen. Als Elena das zum ersten Mal gesehen hatte, hatte ihr Zhu erklärt, der Quotenmeister würde so mit einem imaginären Abakus Berechnungen durchführen. Als Ming die Tasche ganz ausgepackt hatte, wies er seinen Assistenten mit einer Geste an, einige Zahlen auf eine kleine Tafel zu schreiben.
Ming wandte sich als Nächstes Bos Tasche zu. Die Bohrmaschine beachtete er kaum, hob jedoch die Augenbrauen, als er das Multifunktionswerkzeug und die Lichtmaschine herausholte. Er kniff die Augen zusammen, hielt die Lichtmaschine einige Sekunden lang hoch und sah die beiden dann aus Knopfaugen, die sich hinter dicken Brillengläsern versteckten, an. Er fragte sich bestimmt, wo sie eine solche Beute gefunden hatten. Schließlich führte er weitere Berechnungen mit den Fingern durch und schrieb eine Zahl auf die Tafel. »Nicht schlecht«, sagte er mürrisch.
Zhu hatte sie ans richtige Ziel geführt. Die Ausbeute war besser als erwartet. Für die Gegenstände, die sie in der Autowerkstatt gefunden hatten, bekamen sie so viele Punkte, dass sie sich eine Weile lang keine Sorgen machen mussten. Vielleicht konnten sie sogar etwas Obst kaufen. Elena brauchte ein neues Paar Schuhe, beziehungsweise eines, das weniger abgetragen war und gegen das sie ihres eintauschen konnte.
Nach einer schnellen Mahlzeit, die Bo und Elena auf einer Bank in der allgemeinen Kantine einnahmen, trennten sie sich. In einer Stunde fing die Ausgangssperre an und sie hatten nicht genügend Punkte, um an einen der Orte zu gehen, die danach noch geöffnet waren. Elena ging ins Waschzelt und gab einige ihrer schwer verdienten Punkte für warmes Wasser aus. Sie genoss den vierminütigen Luxus, den sie ihr gewährten. Sie kostete die Zeit voll aus und wartete, bis der Aufseher ihr das Wasser abdrehte und die letzten kostbaren Tropfen aus dem Duschkopf fielen.
Als Elena sich angezogen hatte, war die Außentemperatur dramatisch gefallen. Während sie im Waschzelt war, musste es etwas genieselt haben, denn die Wege waren noch verschlammter als sonst. Die Regenzeit und die beengten Lebensbedingungen sorgten dafür, dass sie selbst auf dem kurzen Weg zwischen dem Waschzelt und ihrer Koje Dreck und Schlamm nicht entgehen konnte.
Elena eilte weiter, machte jedoch einen Umweg, der sie an den Grenzcontainern vorbeiführte, weil dort etwas weniger Menschen unterwegs waren. Sie ging an Kindern vorbei, die eine ordentliche Reihe bildeten. Jedes hielt einen stumpfen Besenstiel in den Händen. Vor ihnen standen fünf festgebundene jiāngshī, denen man die Unterkiefer abgerissen und die Hände hinter dem Rücken gefesselt hatte.
Ein Ausbilder, der einen Stock in der Hand hielt, ging hinter den Kindern auf und ab und bellte immer wieder: »Lān! Ná! Zhà!« Die zwischen sieben und zwölf Jahre alten Kinder stießen ihre Übungsspeere bei jedem Befehl ihres Ausbilders in die jiāngshī. Einer der jiāngshī, der intakter aussah als die anderen, warf sich auf einmal nach vorn und brachte einen kleinen Jungen dazu, aufzuschreien und vor Schreck seinen Besenstiel fallen zu lassen. Der jiāngshī bewegte sich so abrupt, dass Elena instinktiv nach ihrem Dolch griff. Der arme Junge bekam einige Schläge auf die Schulter, weil er seine Waffe verloren hatte. Elena schüttelte traurig den Kopf und ging weiter. Das war der neue Alltag, wenigstens in diesem Teil der Welt.
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